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James Lee Byars - Weltkunst

James Lee Byars - Weltkunst

ten der Kunst geht, um

ten der Kunst geht, um die formgebundenen Gedanken von einem vollendeten Ziel? Manch einer hielt das für albern, sah Goldanzug, Augenbinde und Zylinder nur als eine Maskerade, als Gag. Sind nicht vielmehr Narr und Philosoph nah verwandte Geister? Byars verheißt nichts, Byars war kein gläubiger Mensch, der nach Erlösung suchte. Die offensichtlich sakrale Aura, die seine Objekte aus Gold, reinem Marmor, klarem Glas, wertvollem Stein umgibt, ist Mittel zum Zweck, steht nicht im Dienst einer religiösen Vorstellung oder Confessio. Die Vereinzelung seiner Stelen, die Perfektion seiner Kreisskulpturen aus Stein und Glas, die Einseitigkeit bzw. kubische Form seiner Bücher, die Perfektion aller seiner Objekte und Briefe sind die Realien einer Vorstellung vom Wesentlichen, sind herausgelöst aus dem Rituellen, befreit von theologischer Interpretation aber Nutznießer von beiden. Jürgen Harten nennt deshalb Byars Leben in den Institutionen des Wissens mit Recht »merkwürdig parasitär«28. Hinter allen Objekten, dem ›GOLDENEN TURM‹ der dokumenta 1, 1982, dem ›GROSSEN GLAS‹ von Münster 1982 (jetzt im Museum Ludwig in Köln), der ›FAHNE DER PHILOSOPHIE‹ vor der Kunsthalle in Düsseldorf verschwindet das Ich des Künstlers James Lee Byars, so auffällig sich seine meist schwarz oder golden, gelegentlich auch rot gekleidete Gestalt auch immer wieder in den Vordergrund zu schieben schien. Jürgen Harten schreibt im Düsseldorfer Katalog, der erst nach der Ausstellung erschienen ist und in seiner Perfektion viel von der Aura vermittelt, »Dingen und Erscheinungen oder Ideen« sei von Byars »der Anspruch verliehen worden, mit dem sie als Kunstwerk bestehen müssen«29. Ist es nicht vielmehr so, dass die Dinge, die Kunstwerke nur Brücken bilden zum Verständnis der Fragen und Lösungen, die sich hinter dem Vorhang des Alltäglichen verbergen? Ist James Lee Byars nicht vielmehr der Animateur, der den richtigen, einen richtigen Weg weist, den jeder nur selber und dann alleine finden kann? THE PERFECT SMILE Reiner Ruthenbeck hat für sich selbst einmal formuliert, eines Tages möchte er in der Lage sein, keine Kunst machen zu müssen und durch die Wand, hinter die Gegenstände zu treten. So verwandt die Werke von James Lee Byars in ihrer formalen Minimalisierung und Konzentration auf das Wesentliche auch sein mögen, blieb Byars doch viel Diesseitiger orientiert, »er lebte wirklich seine Kunst«30. Er blieb der Begleiter der Betrachter, trat aber nicht selber über die Grenze, von der Ruthenbeck träumt. Byars ging einen anderen Weg: Gegen Ende seines Lebens ersetzte er immer häufiger die Objekte durch oft sehr kurze oder auch fast unsichtbare Auftritte »for the happy few«. 1994 schenkten die Freunde des Museum Ludwig diesem ›THE 10 PERFECT SMILE‹, ein sekundenlanges (archaisches?) Lächeln des schon schwer kranken Byars. Dieses immaterielle Werk ist nun als Dauerleihgabe Teil des Museums geworden, vermutlich das erste Lächeln, das zum Bestand einer öffentlichen Sammlung gehört31. James Lee Byars hatte eigentlich verfügt, dass nach seinem Ableben alle seine Kunstwerke verschwinden sollten: »DEATH CANCELS ALL MY WORK«, die Einheit von Leben und Werk ist aufgelöst »Allein seine physische Gegenwart bei seinen Aktionen und Ausstellungen vermittelt gleichermaßen Eindruck einer vergänglichen Skulptur wie einer Performance« schrieb Guy Schraenen 199532. Byars ruhte, wie Segalen sagt, im »Echoraum des Verlangens«, der sich jetzt alleine auf den Betrachter richtet. Zum Glück sind wesentliche Relikte dieses Werkes, seine Spuren erhalten geblieben, mit denen wir – an seiner Stelle – jetzt vorlieb nehmen müssen. Walter Benjamins Bemerkung zur Aura sowohl in seinem wohl berühmtesten Text, ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ als auch in dem Flaneurkapitel des ›Passagen-Werkes‹ findet in Byars Erscheinung und seinen Werken eine bildnerische Spiegelung: »Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern auch das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist die Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft, in der Aura bemächtigt sie sich unser«33. Der Autor ist ehemaliger Direktor des Neuen Musems Weserburg Bremen. Er lebt und arbeitet in Berlin. Anmerkungen 1 Alle in KAPITALIEN geschriebenen Worte und Sätze sind Kunstwerke von James Lee Byars 2 Michael Werner war Freund und Kunsthändler des Künstlers, seit dem er als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war. Er ermöglichte u.a. die großen und aufwendigen Kunstwerke. 3 Andrea Mantegna, Compianto sul Cristo morto, 1500 ca., Pinacoteca di Brera, Milano 4 James Lee Byars. THE DEATH OF JAMES LEE BYARS, 1994, (Schlagmetall, Fünf Glaskristalle, Plexiglas), Sammlung Walter Vanhaerents, Torhout. Siehe Abb. in Kat. Sammel-Leidenschaften, CUSP / SCHEITELPUNKT (&) SO WEITER, Neues Museum Weserburg Bremen, 2005, Text: Thomas Deecke S. 42f /136f, Abb. 44 und 45) 5 Kat. James Lee Byars. PERFECT IS MY DEATH WORD - Bücher - Editionen - Ephemera, Hg. Neues Museum Weserburg Bremen, o.P. Texte: Guy Schraenen, Thomas Deecke, (Katalog, CD und Objekte), 1995 6 James Lee Byars, Letters to / Briefe an / Joseph Beuys, Stiftung Schloss Moyland, Sammlung van der Grinten, Joseph Beuys Archiv des Landes Nordrhein-Westfalen, Bedburg Hau 1999, 7 Kat. For the Happy Few - Bücher, Bilder, Objekte aus der Sammlung Reiner Speck, Museum

Haus Esters, Krefeld 1983. Anlässlich der Eröffnung führten Beuys und Byars gemeinsam liegend ein Zweipersonen-Symposion auf der Byars Skulptur BOTH, 1978 auf. (Foto: Benjamin Katz, Souvenirs, Köln 1996, S. 140/41) 8 u.a. James Lee Byars und Joseph Beuys, Frammenti Veneziani (I -IIIIIIIIII) 1980 in Kat. J. L. B. Bremen a.a.O. Nr. 22 9 Thomas Deecke, ‚The Art of Motorcycling’ in Kunstzeitung Nr. 26, Okt. 1998 10 James Elliott, The Perfect Thought, Works by James Lee Byars, University Art Museum, University of California at Berkeley, 1990, S.7. Joachim Sartorius beschreibt, dass diese Publikation an Byars’ Perfektionanspruch scheiterte. J. Sartorius, Das archaische Lächeln des James Lee Byars in Kat. The Epitaph of Con. Art is which Question have disappeared? Kestner Gesellschaft, Hannover 1999 S. 130 11 Kat. die sammlung toni gerber im kunstmuseum bern, Kunstmuseum Bern, erster Teil, 1986. Zweiter Teil, Bern: Kunstmuseum, 1996, S. 82- 111 12 Katalogobjekt James Lee Byars: TH FI TO IN PH", Text: Johannes Cladders; Kassette, 330 nummerierte Exemplare, Städtisches Museum Mönchengladbach, 1977 13 Heinrich Heil, Auf der Schwelle der Vollkommenheit, in Kat. J. L. B. Kestner Gesellschaft, a.a.O. S. 43 14 Einladung in Form zweier mit den Worten POOR KLEIST beschriebenen kleiner roter Seidenpapierherzen (im Besitz des Autors) anlässlich einer Performance im Grunewald in Berlin 1974 zu Ehren Heinrich von Kleists, der sich am 21.11.1811 gemeinsam mit Henriette Vogel am Wannsee das Leben nahm. Beide sind dort begraben. Byars trug zwei übereinander gelegte runde Glasscheiben (ca. 1 m Durchmesser) in deren Mitte ein winziger kleiner goldener Fleck aufblitzte. 15 siehe Kat. Briefe an Joseph Beuys., Schloss Moyland a.a.O 16 THE BLACK BOOK, 1971, siehe Kat.J. L. B. Bremen 1995 a.a.O. Nr. 4 17 Reiner Speck in Kat. James Lee Byars, Sechs Arbeiten, o.P., Michael Werner Köln 1981: »Ein Folioband mit 100 unbedruckten, unnummerierten Seiten, non rogné, schwarze Bütten, ohne Jahr, ohne Ort, Titelblatt schwarz, schwarzer Samteinband ... ein Unikum« und: THE BOWL FOR CLAIRVOYANCE, DIE SCHALE DER HELL- SICHTIGKEIT, 1981, in Kat. James Lee Byars, THE PHILOSOPHICAL PALACE, PALAST DER PHILOSOPHIE, Hg.; Jürgen Harten, Staatliche Kunsthalle Düsseldorf, 1986, (Abb. XLVI) 18 Besitz des Autors 19 Kat. Zeitgeist - internationale Kunstausstellung, Berlin 1982, o.P. Neuer Berliner Kunstverein, Berlin 1982, statt der Abb. der Doppeltitel: THE HOUSE OF THE ZEITGEIST BY JAMES LEE BYARS - ‚The world itself maybe a flaming word. Yeats’ 20 Michael Stoeber, Ein Text aus Luft, Byars’ Bücher und Ephemera, Kat. J.L.B. Kestner Gesellschaft S.161ff), »TH. IS TH. EX.?« Übersetzungsvarianten z.B.: Dies ist die Ausstellung? / Existenz? Die ist die theoretische Existenz? / Ausstellung? Dies ist die theologische Existenz? / Ausstellung? Theorie ist die Ausstellung? ... 21 Museum Ludwig, Dauerleihgabe der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Luwig, Köln 22 Kat. James Lee Byars, Leben, Liebe und Tod, Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M. 2004 Abb: XX- XIX. James Lee Byars 23 Ausstellung SUN, MOON AND STARS, Sonne Mond und Sterne, im Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 1993 24 Abb in: Wilhelm Moser, Stone, a global study of megalithe structures photographes by W.M., Art Books International, o.J., o.P. In den Wäldern im Südwesten Costa Ricas liegen hunderte perfekt runder Steinkugeln (bis zu 20 Tonnen schwer), deren Bedeutung bis heute unbekannt ist. 25 Siehe Kat. J. L. B. Düsseldorf a.a.O., Abb. XXVII und XXVIIII 26 siehe auch Thomas Deecke, Kat. James Lee Byars, Westfälischer Kunstverein 1982 o.P. Wieder abgedruckt (S. 67ff) in Kat. J. L. B. Kestner Gesellschaft, Hannover a.a.O. Edition des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes des Papiers nach den Körpermaßen von Byars: THE GOLDEN TOWER, DER GOLDENE TURM anlässlich der Ausstellung in der Galerie Springer, Berlin 1974. Byars und seine Lebensgefährtin und Double B.B. Göbel entfernten ohne Wissen des herausgebenden Autors sämtliche Satzzeichen aus der in Kapitalien gesetzten Druckvorlage, mit Texten von James Lee Byars (100 ›goldene Sätze‹ nach William Shakespeare), Harald Szeemann, Helga Retzer, Karl Ruhrberg, Michael Haerther, Thomas Deecke, Wieland Schmied und Linde Burkhardt. Mit beschnittenen Rändern oben und unten abgebildet - in Kat. J. L. B. Frankfurt a.a.O. Abb. XXII 27 Christian Dietrich Grabbe schrieb1822 das heute nur noch wegen seines Titels bekannte Theaterstück ›Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung‹. Ob James Lee Byars das gewusst hat? 28 Kat. J. L. B. Düsseldorf, a.a.O, S. 15f: »Es scheint ein merkwürdig parasitäres Leben zu sein, das Byars in den Instituten des Wissens führt. Zweifel an seiner Kompetenz begegnet er mit dem Akt der Selbstinstitutionalisierung. Er beansprucht als Künstler den Status eines prominenten Gelehrten, der dasein kann, wann er möchte, und der tut, was er für richtig hält«. 29 Kat. J. L. B. Düsseldorf, a.a.O. S.10: »Es ist eine bewährte inszenatorische List, Dingen, Erscheinungen oder Ideen einen Anspruch zu verleihen, mit dem sie als Kunstwerk bestehen müssen.« 30 Klaus Ottman in Kat. J. L. B. Frankfurt a.M. a.a.O. S. 49 31 Dauerleihgabe an das Museum Ludwig in Köln. Siehe auch J. Sartorius, Das Archaische Lächeln des James Lee Byars, in Kat. J. L. B. Kestner Gesellschaft a.a.O. (S. 129ff) 32 Guy Schraenen, James Lee Byars, der Alchimist in Kat. J. L. B., Bremen 1995, a.a.O., o.P. 33 Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Das Passagen-Werk, Band V.1, S. 560 (M16a,4) Surkamp, Fankfurt a.M. 1982 Fotonachweis Abb. Cover Lina Bertucci Abb. 12, 13 Dieter Gerstner Abb. 18 Benjamin Katz 11

H Christine & Irene Hohenbüchler - Weltkunst
Werkliste James Lee Byars (pdf) - Kunstmuseum Bern
et.al #1: James Lee Byars Seite 1 - Galerie M + R Fricke