Berufsakademie Sachsen | Wissen im Markt 2017

lvzextra

Seit mehr als 25 Jahren erweist sich die Berufsakademie Sachsen als verlässlicher Partner für privatwirtschaftliche Unternehmen, öffentliche Institutionen und Träger der freien Wohlfahrtspflege bei der akademischen Qualifizierung des Fach- und Führungskräftenachwuchses. Der große Erfolg dualer Studiengänge, der sich im stetig hohen Angebot von Studienplätzen bei den Praxispartnern und in einer
nahezu 100-prozentigen Vermittlungsquote unserer Absolventen zeigt, beruht auf einer nachhaltigen partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Zweifelsohne besteht hier eine Win-win-Situation für alle am dualen Studium Beteiligten. Wissens- und Technologietransfer ist ein immanenter Bestandteil dualer Studiengänge, wird an der Berufsakademie Sachsen originär gelebt und trägt unmittelbar zur Entwicklung
und Optimierung von Unternehmen und Studiengängen bei.

BERUFSAKADEMIE SACHSEN

WISSEN

IM MARKT

2017

studieren-im-markt.de

1. JAHRGANG | APRIL 2017 | 19,90 €


Berufsakademie Sachsen

- Staatliche Studienakademie Bautzen

- Staatliche Studienakademie Breitenbrunn

- Staatliche Studienakademie Dresden

- Staatliche Studienakademie Glauchau

- Staatliche Studienakademie Leipzig

- Staatliche Studienakademie Plauen

- Staatliche Studienakademie Riesa


3

INHALT

Vorwort » 04

Alles besser? Alles fairer? Empirische Konsequenzen

des neuen Länderfinanzausgleichs ab 2020

Tony Mudrack » 07

Die Sozialpsychologie der öffentlichen Meinung

Falk Tennert » 17

Wissenschaftliche Veranstaltungen der

Staatlichen Studienakademien » 26

Statistische Prozessregelung (SPC)

für kleine Losgrößen – Ansätze und Erfahrungen

Andreas Hänsel und Wolfgang Schultz » 35

Untersuchungen zu einer Wasseraufbereitungsanlage

für die Quarantänestation einer Mähnenrobbenanlage

Laura Bryks und Marko Stephan » 41

Call for Papers » 46

Tagespflege (für Senioren) –

ein missverständliches Inklusionsprojekt

Stefanie Sychla und Stefan Müller-Teusler » 49

Beziehungsarbeit und Persönlichkeitsentwicklung

Armin Schachameier » 55

Innovatives Lernen mit dem Lehr-Lern-Konzept

der hundegestützten Pädagogik an der

Berufsakademie Sachsen

Alexandra Kroczewski-Gubsch und Dr. Katja Soyez » 65

Die Standorte der BA im Überblick » 72

Partner, Sponsoren, Impressum » 74


4 VORWORT

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

„Studieren im Markt“ schafft „Wissen im Markt

Seit mehr als 25 Jahren erweist sich die Berufsakademie Sachsen als verlässlicher Partner für privatwirtschaftliche

Unternehmen, öffentliche Institutionen und Träger der freien Wohlfahrtspflege bei der

akademischen Qualifizierung des Fach- und Führungskräftenachwuchses. Der große Erfolg dualer

Studiengänge, der sich im stetig hohen Angebot von Studienplätzen bei den Praxispartnern und in einer

nahezu 100-prozentigen Vermittlungsquote unserer Absolventen zeigt, beruht auf einer nachhaltigen

partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Zweifelsohne besteht hier eine Win-win-Situation für alle am

dualen Studium Beteiligten. Wissens- und Technologietransfer ist ein immanenter Bestandteil dualer

Studiengänge, wird an der Berufsakademie Sachsen originär gelebt und trägt unmittelbar zur Entwicklung

und Optimierung von Unternehmen und Studiengängen bei.

Mit der Zeitschrift „Wissen im Markt“ möchten wir einen weiteren Beitrag zum Wissenstransfer für unsere

und mit unseren Partnern leisten. Ganz bewusst werden in der Zeitschrift aktuelle wissenschaftliche

Themen aus den verschiedenen an der Berufsakademie Sachsen vertretenen Bereichen angesprochen.

Es wird damit der Facettenreichtum unseres Leistungsspektrums aus der Wirtschaft, der Technik

sowie dem Sozial- und Gesundheitswesen aufgezeigt. Gleichzeitig soll zum wissenschaftlichen und

anwendungsbezogenen interdisziplinären Gedankenaustausch angeregt werden. Wir freuen uns auf die

Resonanz und auf Ihre Anregungen. Sehr gern kommen die Autoren mit Ihnen ins Gespräch.

Das Herausgebergremium


VORWORT

5

Prof. Dr. habil.

Kerry-U. Brauer

Direktorin

Staatliche Studienakademie

Leipzig

Prof. Dr.-Ing. habil.

Andreas Hänsel

Direktor

Staatliche Studienakademie

Dresden

Prof. Dr. phil.

Anton Schlittmaier

Direktor

Staatliche Studienakademie

Breitenbrunn


6

On 14 December 2016 the Federal

Government and the German regions

successfully agreed on a reform of the

German Financial Equalization System

for the year 2020. In principle, the

German Financial Equalization System

is simplified by the elimination of

one compensation level. The regions

are no longer differentiated between

donors and recipients, whereby the

donors transfer their own tax revenues

noticeably to recipients. The Equalization

System between the German federal

states is now determined by the specific

distribution of the share of the value

added tax. The Federal Government

additionally supports the federal

states by increasing the share of value

added tax for the federal states and

municipalities and by increasing specific

federal allocations to the regions. By

designing an own model for the current

and new German Financial Equalization

System, this article proves that the level

of compensation is marginally increased

by the reform. However, this will reduce

the incentives to increase their own

tax revenues for the German federal

states. In addition, the new German

Financial Equalization System increases

the revenues in all federal states at the

expense of the Federal Government. This

article also quantifies the compensation

costs of the financially strong German

regions, which are now being burdened

more strongly by the distribution of the

value added tax due to the elimination of

one compensation level.


7

Dr. Tony Mudrack

Dr. Tony Mudrack studierte Betriebswirtschaftslehre an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt

(Oder). Hier promovierte er im volkswirtschaftlichen Themenbereich der öffentlichen Finanzen. Nach

mehrjähriger Tätigkeit als Projektleiter eines Immobilienunternehmens erfolgte der Wechsel an die

Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde als Dozent und akademischer Mitarbeiter. Seit

2015 ist Dr. Mudrack Dozent an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn und hier seit 2016 Leiter

des Studienganges Industrie.

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Breitenbrunn I t.mudrack@ba-breitenbrunn.de

Alles besser? Alles fairer?

Empirische Konsequenzen

des neuen Länderfinanzausgleichs

ab 2020

Tony Mudrack

Bund und Länder einigten sich erfolgreich

am 14.12.2016 auf einen gemeinsamen

Gesetzesentwurf zur Neugestaltung

des Länderfinanzausgleichs ab dem

Jahr 2020. Im Grundsatz wird der

Länderfinanzausgleich durch den

Entfall einer Ausgleichsstufe vereinfacht.

Die Länder werden nicht mehr

zwischen Geber- und Nehmerländern

differenziert, wobei die Geberländer

spürbar eigene Steuereinnahmen

an Nehmerländer transferieren. Der

Finanzausgleich zwischen den Ländern

erfolgt nunmehr über die spezifische

Verteilung des Länderanteils am

Umsatzsteueraufkommen. Der Bund

stützt zudem den Länderfinanzausgleich

zulasten eigener Einnahmen durch die

Erhöhung der Umsatzsteuerbeteiligung

von Ländern und Gemeinden sowie

durch die Erhöhung spezifischer

Bundesergänzungszuweisungen an die

Länder. Durch die Konstruktion eines

eigenen Modells für den bisherigen

sowie den neuen Länderfinanzausgleich

weist dieser Beitrag nach, dass der

Ausgleichsgrad durch die Reform

nochmals marginal zunimmt, worunter

die Anreizfreundlichkeit zur Erzielung

ländereigener Mehreinnahmen

leidet. Ferner führt der neue

Länderfinanzausgleich durch die

Zuschüsse des Bundes in allen Ländern

zu entsprechenden Mehreinnahmen.

Der Beitrag quantifiziert zudem die

Ausgleichskosten der finanzstarken

Länder, die durch den Entfall einer

Ausgleichsstufe nun stärker über die

Verteilung des Umsatzsteueranteils

belastet werden.


8

Die politisch initiierten Kontroversen um den

Länderfinanzausgleich waren in den letzten

Jahren stetig präsent. Fakt ist, dass die öffentlichen

Ausgaben der ostdeutschen Bundesländer

immens von den Transfers aus dem Finanzausgleich

abhängig sind. Mit der Reform ab

2020 besteht die Gefahr, dass insbesondere die

ostdeutschen Länder als Verlierer aus der neuen

Ressourcenverteilung hervorgehen. Ob dem

tatsächlich so ist, prüft dieser Beitrag.

1 Einleitung

Das Bundeskabinett beschloss am 14.12.2016 den Gesetzesentwurf

zur Änderung des Grundgesetzes sowie den Gesetzesentwurf

zur Änderung des Maßstäbegesetzes (MaßstG)

und des hieraus abgeleiteten Finanzausgleichsgesetzes

(FAG). Der neue Länderfinanzausgleich löst die bisherigen

Regelungen ab dem Jahr 2020 ab. Laut Prognosen des Bundesministeriums

der Finanzen verfügen die Länder durch

den neuen Länderfinanzausgleich im Jahr 2020 über Mehreinnahmen

in Höhe von 9,7 Milliarden Euro, die durch den

Bund bereitgestellt werden (vgl. Bundesministerium der

Finanzen, 2016a). Im Gegenzug erhält der Bund mehr Kompetenzen

von den Ländern. Eine exakte Aufschlüsselung, wie

sich diese Mehreinnahmen zusammensetzen und welche

Länder hieran partizipieren, erfolgt jedoch nicht.

Aufgrund der finanziellen Brisanz dieses Themas und der zurückliegenden

Kontroversen um den Länderfinanzausgleich

untersucht dieser Beitrag die finanziellen Auswirkungen des

neuen Länderfinanzausgleichs. Bisher mangelt es an belastbaren

Modellrechnungen, die Kosten und Zugewinne einzelner

Länder im Detail aufzeigen. Dieses Defizit beseitigt dieser

Beitrag, der einen Finanzausgleich auf der Grundlage des

Jahres 2015 sowohl nach bestehenden als auch nach neuen

Regelungen auf Basis eines eigenen komplexen Simulationsmodells

durchführt.

Doch warum ist überhaupt ein Finanzausgleich zwischen

den Ländern notwendig, sollte doch jeder eigenständig für

seine Einnahmen sorgen können? Warum werden ebenfalls

zwischen den Gemeinden eines Bundeslandes die Einnahmen

geglättet? Grundlage hierfür leistet Art. 106 Abs. 2

Nr. 2 GG, der eine Wahrung einheitlicher Lebensverhältnisse

innerhalb der Bundesrepublik Deutschland einfordert.

Dieser Forderung wird mit dem Ausgleich der finanziellen

Ausstattung zwischen den Ländern und deren Gemeinden

nach Art. 107 Abs. 2 GG entsprochen. Daher stellt der Länderfinanzausgleich

für die Nivellierung der Finanzausstattung

zwischen den Ländern einen zentralen Baustein des

Fiskalföderalismus dar. Insbesondere die Länderhaushalte

der ostdeutschen Bundesländer sind aufgrund der geringen

eigenen Finanzkraft enorm von der Verteilungswirkung des

Finanzausgleichs abhängig, da hieraus ein hoher Teil aller

öffentlichen Ausgaben bestritten werden muss. Vor Finanzausgleich

weisen die ostdeutschen Bundesländer lediglich

eine Finanzkraft von circa 70 Prozent des Bundesdurchschnitts

auf, sodass die weiteren notwendigen Einnahmen

durch die Umverteilung zwischen den Ländern aber auch

durch den Bund aufgebracht werden.

Zur Analyse der Umverteilungswirkung des Finanzausgleichs

legt Kapitel 2 die Bestimmungen des bisherigen Länderfinanzausgleichs

im Detail dar, während Kapitel 3 auf die

Änderungen des neuen Länderfinanzausgleichs eingeht. Kapitel

4 als zentraler Inhalt dieses Beitrags führt anhand der

Bestimmungen beider Finanzausgleichssysteme einen Ausgleich

für das Jahr 2015 durch und zeigt, welche Länder durch

die neuen Regelungen profitieren können. Zudem werden

die Ausgleichskosten für die finanzstarken Länder quantifiziert,

die durch die Abgabe von Finanzmitteln bzw. den Verzicht

auf Einnahmen die finanzschwachen Länder stützen.

Ferner unterliegt die spezifische Rolle des Bundes mit seiner

Einwirkung auf die Ausgleichsvorgänge einer gesonderten

Betrachtung, da er über sogenannte Bundesergänzungszuweisungen

den Finanzausgleich zusätzlich beeinflusst.

2 Regelungen des bisherigen Länderfinanzausgleichs

bis 2019

Der Länderfinanzausgleich stellt ein Instrument des Steuerverbundes

dar, der die Aufteilung der Gemeinschaftssteuern

zwischen den Gebietskörperschaften (vertikaler Steuerverbund),

den Finanzausgleich zwischen den Ländern

(horizontaler Finanzausgleich), den Finanzausgleich zwischen

Bund und Ländern (vertikaler Finanzausgleich) sowie

den Finanzausgleich zwischen den Gemeinden (kommunaler

Finanzausgleich) umfasst. Die Grundlagen für den Steuerverbund

bestimmen sich wiederum aus Art. 106 GG sowie

Art. 107 GG.

Der detaillierte Aufbau des Länderfinanzausgleichs wird insbesondere

durch das MaßstG und das darauf aufbauende

FAG reglementiert. Angesichts des Auslaufens der bisherigen

Ausgleichsregelungen mit dem Jahr 2019 wurde eine Überarbeitung

des Finanzausgleichsgesetzes notwendig. Auf diese

im Jahr 2016 beschlossenen Überarbeitungen konzentriert

sich dieser Beitrag. Da sich jedoch die Berechnungsgrundlagen

unmittelbar aus dem vertikalen Steuerverbund ergeben,

erfolgt vor Darlegung des Länderfinanzausgleichs eine kurze

Erläuterung des vertikalen Steuerverbundes.

2.1 Vertikaler Steuerverbund

Der vertikale Steuerverbund regelt die Verteilung der Steuern

zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Hierbei sind

insbesondere die jeweiligen Anteile an den Gemeinschaftssteuern

relevant, die mehreren Ebenen der Gebietskörper-


9

schaften zustehen. Bei diesen Gemeinschaftssteuern handelt

es sich um die Einkommensteuer, die Körperschaftsteuer

sowie die Umsatzsteuer.

Z Einkommensteuer

Die fiskalisch höchste Bedeutung genießt die Einkommensteuer,

die der Fiskus in vier Töpfen verwaltet und an denen

die Gebietskörperschaften in unterschiedlicher Höhe beteiligt

sind:

Lohnsteuer

nicht

veranlagte

Steuer

vom Ertrag

veranlagte

Einkommensteuer

Abgeltungsteuer

Bund 42,5% 42,5% 50% 44%

Länder 42,5% 42,5% 50% 44%

Gemeinden 15% 15% – 12%

Tabelle1: Verteilung der Einkommensteuer auf die drei Gebietskörperschaften

(Quelle: eigene Darstellung)

Z Körperschaftsteuer

An der Körperschaftsteuer sind die Gemeinden nicht beteiligt,

sodass dieses Aufkommen ausschließlich hälftig auf

Bund und Länder verteilt wird.

Z Umsatzsteuer

Die Vorgaben für die Zuteilung des Umsatzsteueraufkommens

sind aufgrund der Vereinbarungen zwischen den drei

Gebietskörperschaften sehr komplex und unterliegen fortwährenden

Anpassungen. Die individuellen Vereinbarungen

können § 1 FAG entnommen werden. Für das Jahr 2015 betrug

der Anteil des Bundes 52,5 Prozent, der Anteil der Länder

45,5 Prozent und der Anteil der Gemeinden 2,0 Prozent.

Z Länder-/Gemeindesteuern

Einen vollkommen eigenen Anspruch besitzen Länder

und Gemeinden auf Steueraufkommen, die keine Gemeinschaftssteuern

darstellen und somit ausschließlich in den jeweiligen

Haushalt der betreffenden Gebietskörperschaft einfließen.

Es sei jedoch auf zwei Besonderheiten verwiesen: So

fließt die Kraftfahrzeugsteuer seit 2009 nunmehr dem Bund

und nicht den Ländern zu. Im Gegenzug erhalten die Länder

einen festen Kompensationsbetrag in Höhe von 9 Milliarden

Euro aus dem Bundeshaushalt (vgl. Gesetz zur Regelung der

finanziellen Kompensation zugunsten der Länder infolge

der Übertragung der Ertragshoheit der Kraftfahrzeugsteuer

auf den Bund. Ferner wird das Aufkommen der Gewerbesteuer

als Gemeindesteuer um die Gewerbesteuerumlage

gekürzt, die wiederum den Haushalten von Bund und Ländern

zugeht.

2.2 Länderfinanzausgleich

Nach der Zuteilung der Gemeinschaftssteuern auf die jeweiligen

Gebietskörperschaften erfolgt ein dreistufiger Länderfinanzausgleich,

der die Finanzkraft zwischen den Ländern

entsprechend nivelliert. Die Grundlage für den Ausgleich

stellt prinzipiell die sogenannte Finanzkraft dar, die auf den

Steuereinnahmen je Einwohner eines Landes basiert und

diese dem Bundesdurchschnitt gegenüberstellt:

Finanzkraft Land :



Bundesdurchschnitt: ∑




Stufe 1 – Umsatzsteuervorwegausgleich

Eine wesentliche Komponente bei der Nivellierung der

Finanzkraft stellt der Umsatzsteuervorwegausgleich dar.

§ 2 FAG sieht eine zweistufige Verteilung des Länderanteils

am Umsatzsteueraufkommen vor. Die erste Komponente

verteilt bis zu 25 Prozent dieses Länderanteils an ausschließlich

bedürftige Länder, deren Finanzkraft sich unter dem

Bundesdurchschnitt befindet. Die für die Berechnung der

ersten Komponente maßgebliche Finanzkraft orientiert sich

dabei ausschließlich an den Steuereinnahmen der Länder –

die Steuereinnahmen der Gemeinden werden für die Bestimmung

der Finanzkraft (noch) nicht integriert. Die Berechnung

des Umsatzsteueranspruchs eines bedürftigen Landes

errechnet sich durch mathematische Gleichungen gemäß

§ 2 Abs. 1 FAG, in der die jeweilige Finanzkraft dem Bundesdurchschnitt

gegenübergestellt wird.

Der danach verbleibende Anteil am Umsatzsteueraufkommen

wird einwohnergerecht gleichermaßen auf alle Länder

verteilt (§ 2 Abs. 2 FAG). Bereits durch die erste Komponente

des Umsatzsteuervorwegausgleichs wird eine hohe Nivellierung

der Finanzkraft zwischen den Ländern erzielt.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Ländern mit überdurchschnittlicher

Finanzkraft schon im Umsatzsteuervorwegausgleich

Ausgleichskosten entstehen. Da ein Teil

der Umsatzsteuereinnahmen ausschließlich bedürftigen

Ländern zugewiesen wird, reduziert sich der Anspruch der

finanzstarken Länder auf die verbleibende Umsatzsteuer.

Somit stellen die zum Ausgleich genutzten Umsatzsteuereinnahmen

Kosten für die finanzstarken Länder dar. Da jedoch

diesen Ländern nicht unmittelbar eigene Einnahmen entzogen

werden, ist diese Nivellierungsmaßnahme weniger spürbar

als der nachfolgende Länderfinanzausgleich im engeren

Sinn.

Stufe 2 – Länderfinanzausgleich im engeren Sinn

Die in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommene Stufe des

Länderfinanzausgleichs umfasst den Länderfinanzausgleich


10

im engeren Sinn, für den eine Unterteilung der Länder in

Geber- und Nehmerländer erfolgt. Hierbei gilt folgendes

Grundprinzip gemäß § 5 FAG:

Finanzkraft Land j < Bundesdurchschnitt = Nehmerland

Finanzkraft Land j > Bundesdurchschnitt = Geberland

In die Berechnung der Finanzkraft fließen nunmehr die Steuereinnahmen

der Länder einschließlich der Umsatzsteuereinnahmen

aus der ersten Stufe des Länderfinanzausgleichs

(§ 7 FAG) sowie die Steuereinnahmen der Gemeinden

(§ 8 FAG) ein. Allerdings werden die kommunalen Steuereinnahmen

nur zu 64 Prozent in der jeweiligen Finanzkraft

berücksichtigt. Eine weitere Korrektur erfährt die Finanzkraft

durch das sogenannte Prämienmodell in § 7 Abs. 3 FAG,

durch das ein Teil der Steuereinnahmen eines Landes bei

überdurchschnittlichem Steuerwachstum bei der Ermittlung

der Finanzkraft freigestellt wird. Dies soll die Anreizfreundlichkeit

des Länderfinanzausgleichs stärken, da überdurchschnittliche

Steuermehreinnahmen eines Landes gegenüber

dem Bundesdurchschnitt nicht wiederum durch die Ausgleichsmechanismen

des Finanzausgleichs verloren gehen

(vgl. Mudrack, T., 2010, S. 43-69).

Nach Ermittlung der Finanzkraft und des Status als Nehmerbzw.

Geberland findet durch mathematische Gleichungen

die Berechnung der Ausgleichszuweisungen zwischen den

einzelnen Ländern statt (§ 10 FAG). Grundlage stellen hierbei

jedoch nicht die tatsächlichen Einwohnerzahlen dar.

Vielmehr werden die Einwohnerzahlen der drei Stadtstaaten

Berlin, Bremen und Hamburg sowie der ostdeutschen Flächenländer

Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und

Sachsen-Anhalt veredelt, also um einen spezifischen Faktor

vervielfacht. Dies führt zu einer fiktiv höheren Einwohnerzahl

des veredelten Landes und somit zu einer künstlich

verringerten Finanzkraft, die für ein Nehmerland zu einem

erhöhten Ausgleichsanspruch bzw. für ein Geberland zu einer

verringerten Transferverpflichtung führt. Durch diese

Einwohnerveredelung werden den betroffenen Ländern

Mehrbedarfe zugesprochen, die sich in einem überdurchschnittlichen

Ausgabenbedarf begründen und durch höhere

Einnahmen im Finanzausgleich kompensiert werden (vgl.

Baretti, C. et al.; Eltges, M. et al.; Mudrack, T., 2012, S. 581-

608; Röper, E., S. 216-219; Seitz, H.; Vesper, D., S. 173-185).

Insbesondere der Länderfinanzausgleich im engeren Sinn

steht im öffentlichen Fokus und wird kontrovers diskutiert,

da Geberländern unmittelbar eigene Einnahmen entzogen

und Nehmerländern zugesprochen werden. Diese Brisanz

weisen die Ausgleichskosten im Umsatzsteuervorwegausgleich

aufgrund der fehlenden Spürbarkeit in den Länderhaushalten

weniger auf.

Stufe 3 – Bundesergänzungszuweisungen BEZ

Der Bund gewährt im Rahmen des Länderfinanzausgleichs

§ 11 Abs. 1 FAG weitere vertikale Zuweisungen an leistungsschwache

Länder. Dies umfasst Fehlbetragsbundesergänzungszuweisungen

(FehlBEZ) gemäß § 11 Abs. 2 FAG, um

die Finanzkraft bedürftiger Länder nachhaltig an den Bundesdurchschnitt

heranzuführen. Ferner werden über die

Bundesergänzungszuweisungen die Finanzmittel aus dem

Solidarpakt II des Korb I an die ostdeutschen Bundesländer

sowie Berlin transferiert (§ 11 Abs. 3 FAG). Der Korb I umfasst

nicht zweckgebundene Mittel in einer Gesamthöhe von

105 Milliarden Euro, die seit 2005 mit einer Rate von

10,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2019 mit einer letzten Rate

von 2,1 Milliarden Euro abschmelzen. Für das Jahr 2015

betrug diese Rate 5,1 Milliarden Euro.

Daneben erhalten die ostdeutschen Flächenländer Bundesergänzungszuweisungen

aufgrund von Sonderlasten durch

strukturelle Arbeitslosigkeit mit circa 800 Millionen Euro

(§ 11 Abs. 3a FAG). Überdurchschnittlich hohe Kosten der

politischen Führung kompensiert der Bund mit entsprechenden

Zuweisungen in Höhe von circa 500 Millionen Euro. (§ 11

Abs. 4 FAG). Empfänger sind die ostdeutschen Bundesländer

einschließlich Berlin sowie Bremen, Rheinland-Pfalz, das

Saarland und Schleswig-Holstein.

3. Regelungen des neuen

Länderfinanzausgleichs ab 2020

Die Veränderungen des Länderfinanzausgleichs betreffen

neben dem direkten Ausgleich ebenfalls Anpassungen im

vertikalen Steuerverbund.

3.1 Vertikaler Steuerverbund

Die Aufteilung der Gemeinschaftssteuern bleibt im Kern

erhalten. Lediglich die Verteilung des Umsatzsteueraufkommens

erfährt eine Neuregelung durch § 1 FAG (Gesetzesentwurf).

So erhält der Bund nunmehr 52,8 Prozent, die

Länder 45,2 Prozent und die Gemeinden 2,0 Prozent. Durch

die prozentuale Beteiligung ist die Höhe der Umsatzsteuereinnahmen

der Gebietskörperschaften direkt an die Entwicklung

des Umsatzsteueraufkommens gekoppelt. Neben diesem

fixierten prozentualen Anteil erhalten Länder und

Gemeinden einen Festbetrag von 4,4 Milliarden Euro (Länder)

bzw. 2,4 Milliarden Euro (Gemeinden), der unabhängig

von der Entwicklung der Umsatzsteuer gewährt wird.

Die Einnahmen des Bundes reduzieren sich um diese Festbeträge.

3.2 Länderfinanzausgleich

Die Kritik am bisherigen Finanzausgleichssystem setzte insbesondere

am Länderfinanzausgleich im engeren Sinn an,

der Finanzmittel spürbar zwischen den Ländern umverteilt.


11

Diese Spürbarkeit ergab sich aus der unmittelbaren Differenzierung

zwischen Geberländern mit Transferpflicht und Nehmerländern

mit Transferanspruch. Aus diesem Grund sieht

der Gesetzesentwurf einen Entfall dieser Ausgleichsstufe

vor und baut im Gegenzug den Nivellierungsgrad durch die

Umsatzsteuerverteilung aus. Durch diese Maßnahme

besteht der Länderfinanzausgleich nun aus zwei Stufen:

Stufe 1 – Verteilung des Länderanteils am

Umsatzsteueraufkommen

Statt eines mehrstufigen Ausgleichs zwischen Ländern erfolgt

nunmehr ein einstufiger Ausgleich im Rahmen der

Umsatzsteuerverteilung. Hierfür wird die Umsatzsteuer gemäß

§ 2 FAG (Gesetzesentwurf) vorerst einwohnergerecht

gleichermaßen auf alle Länder verteilt. Diese Umsatzsteuereinnahmen

werden im Anschluss durch Zu- und Abschläge

so korrigiert, dass ein Finanzkraftausgleich zwischen den

Ländern erfolgt. Maßgeblich für die Erhebung von Zu- bzw.

Abschlägen ist wiederum die individuelle Finanzkraft der

Länder gegenüber dem Bundesdurchschnitt.

Finanzkraft Land j < Bundesdurchschnitt = Zuschlag Umsatzsteuer

Finanzkraft Land j > Bundesdurchschnitt = Abschlag Umsatzsteuer

Die Berechnung der Finanzkraft umfasst ebenfalls einige

Änderungen. So fließt die Förderabgabe der Länder gemäß

§ 7 Abs. 2 FAG (Gesetzesentwurf) nur noch zu 33 Prozent in

die Finanzkraft ein. Ferner werden die kommunalen Steuereinnahmen

nach § 8 Abs. 3 FAG (Gesetzesentwurf) nun zu

75 Prozent und nicht mehr mit 64 Prozent in die Finanzkraft

der Länder integriert. Somit nimmt die ausgleichsrelevante

Bedeutung der Steuereinnahmen der Gemeinden im Länderfinanzausgleich

zu.

Die Ermittlung der Finanzkraft basiert weiterhin auf den veredelten

Einwohnerwerten. Die Faktoren zur Berechnung der

veredelten Einwohner und die hieraus abgeleiteten Mehrbedarfe

bleiben von der Reform unberührt.

Die Höhe des Abschlages bzw. Zuschlages beträgt gemäß

§ 10 FAG (Gesetzesentwurf) 63 Prozent zwischen der länderspezifischen

Finanzkraft und dem Bundesdurchschnitt.

Stufe 2 – Bundesergänzungszuweisungen BEZ

Der Bund gewährt weiterhin vertikale Bundesergänzungszuweisungen

im Rahmen des Länderfinanzausgleichs. Die

bisherigen Fehlbetragsbundesergänzungszuweisungen

(FehlBEZ) zum weiteren Ausgleich der Finanzkraft zwischen

den Ländern bleiben weiterhin Bestandteil und werden

gemäß § 11 Abs. 2 FAG (Gesetzesentwurf) nochmals erhöht.

Mit Auslaufen des Solidarpaktes II 2019 entfallen die zusätzlichen

Bundesmittel für die ostdeutschen Bundesländer

einschließlich Berlin. Die Bundesergänzungszuweisungen

aufgrund überdurchschnittlicher Kosten für strukturelle

Arbeitslosigkeit nach § 11 Abs. 3 FAG (Gesetzesentwurf) bleiben

für ostdeutsche Flächenländer in bisheriger Höhe von

circa 800 Millionen Euro bestehen. Marginale Veränderungen

weisen die Bundesergänzungszuweisungen aufgrund

überdurchschnittlicher Kosten der politischen Führung nach

§ 11 Abs. 4 FAG (Gesetzesentwurf) auf. Hiernach wächst der

Anspruch Brandenburgs um weitere 11 Millionen Euro, während

alle anderen Zuweisungen an die beanspruchenden

Länder in bisheriger Höhe bestehen bleiben.

Die Neuregelungen des Länderfinanzausgleichs sehen

ab 2020 zwei weitere Säulen von Bundesergänzungszuweisungen

vor. So erhalten Bundesländer mit besonders

unterdurchschnittlicher Finanzkraft auf Gemeindeebene gemäß

§ 11 Abs. 5 FAG (Gesetzesentwurf) einen zusätzlichen

Ausgleich, der durch den Bund bereitgestellt wird. Da ausschließlich

die ostdeutschen Flächenländer unter dieses Kriterium

fallen, besteht die Vermutung, dass diese neue Säule

der Bundesergänzungszuweisungen als Teilersatz für den ab

2020 entfallenden Solidarpakt II dient. Die zweite neue Säule

gemäß § 11 Abs. 6 FAG (Gesetzesentwurf) unterstützt spezifische

Länder mit einem unterdurchschnittlichen Zufluss

aus Mitteln der Forschungsförderung, der durch die Gemeinsame

Wissenschaftskonferenz gewährt wird.

4. Simulationsrechnung für das Jahr 2015

Um die empirischen Auswirkungen der Reform und die

Effekte auf die jeweiligen Länderhaushalte zu bemessen, ist

eine geeignete Gegenüberstellung der bisherigen sowie der

reformierten Regelungen notwendig. Hierfür wird ein Länderfinanzausgleich

in einem eigenen komplexen Modell für

das Jahr 2015 sowohl mit den bisherigen Vorgaben als auch

mit den Neubestimmungen simuliert.

4.1. Vorbemerkungen und Modellannahmen

Das eigene Simulationsmodell wird mit aktuellen Steuereinnahmen

aus der vorläufigen Abrechnung des Bundesfinanzministeriums

für das Jahr 2015 befüllt. Im Anschluss erfolgt

die Berechnung der jeweiligen Zuweisungen an die Länder

bzw. zwischen ihnen anhand der gesetzlichen Vorgaben des

bisherigen FAG sowie des neuen FAG (Gesetzesentwurf).

Zur Verbesserung der Transparenz der Ergebnisse bleibt in

den Vergleichssimulationen das Prämienmodell jeweils deaktiviert.

Dies eliminiert temporäre Sondereffekte einzelner

Länder, die zwischen 2014 und 2015 eine besonders positive

Entwicklung ihrer Steuereinnahmen aufwiesen. Da sich diese

temporären Sondereffekte einzelner Länder auf die Transferbeträge

aller Länder auswirken, sollten die Prämien für

einen schlüssigen Vergleich beider Finanzausgleichssysteme

unberücksichtigt bleiben.


12

4.2. Finanzkraft vor und nach Länderfinanzausgleich

Vor einer detaillierten Darlegung einzelner Verschiebungen

innerhalb der Finanzkraft durch die Ausgleichsmechanismen

des Länderfinanzausgleichs werden in einem ersten Schritt

die Gesamtwirkungen abgebildet. Die jeweiligen Finanzministerien

der Länder dürfte in erster Linie die Frage interessieren,

mit welchen Einnahmen jeweils nach bisherigen

bzw. neuem Länderfinanzausgleich im Finanzhaushalt zu

rechnen ist. Zum besseren Verständnis werden die Einnahmen

nach Länderfinanzausgleich jeweils mit der Finanzkraft

vor Ausgleich verglichen.

Die Bestimmung der Finanzkraft vor Finanzausgleich eines

Landes umfasst alle Steuereinnahmen des Landes (LST)

sowie dessen Gemeinden (GST), da auch die Gemeindeeinnahmen

in den Länderfinanzausgleich als Ausgleichskomponente

einfließen. Zusätzlich beinhaltet die Finanzkraft vor

Länderfinanzausgleich den Länderanteil am Umsatzsteueraufkommen

(UST), der den Ländern einwohnergerecht

gleichermaßen zugeteilt wird. Irrtümlich wird die Verteilung

des Länderanteils an der Umsatzsteuer oftmalig als Zuweisung

des Bundes bezeichnet. Jedoch ist die Umsatzsteuer

wie auch Einkommen- und Körperschaftsteuer eine Gemeinschaftssteuer,

sodass die Länder Anspruch auf einen spezifischen

Anteil genießen. Im Unterschied zu Einkommen- und

Körperschaftsteuer erfolgt lediglich die Zuteilung der Umsatzsteuer

über einen spezifischen Verteilungsschlüssel. Diese

Verteilung erfolgt im Rahmen des Länderfinanzausgleichs

bereits mit einer nivellierenden Komponente, während der

verbleibende Rest pro Kopf gleichermaßen den Ländern

zugeht. Für die Abbildung der Finanzkraft vor Länderfinanzausgleich

bleiben jedoch Nivellierungsmaßnahmen ausgeschlossen,

sodass vor Länderfinanzausgleich eine vollständige

Pro-Kopf-Verteilung des Länderanteils unterstellt wird.

Zur besseren Vergleichbarkeit erfolgt die Bestimmung der

Finanzkraft einwohnerbereinigt, um Aussagen zu ermöglichen,

was einem Land j je Einwohner zur Verfügung steht:







Die Finanzkraft nach Länderfinanzausgleich für die bisherigen

Regelungen beinhaltet neben den Ländersteuern (LST)

und Gemeindesteuern (GST) zusätzlich alle Transferleistungen

(TRANS) – bestehend aus dem Umsatzsteuervorwegausgleich,

dem inneren Länderfinanzausgleich sowie den Bundesergänzungszuweisungen

mit Ausnahme der Finanzmittel

aus dem Solidarpakt II. Diese Finanzmittel sind bis 2019 abschmelzend

gestaltet und besitzen daher lediglich einen

temporären Charakter, sodass sie aus Vergleichsgründen –

ungeachtet der Höhe von 5,1 Milliarden Euro für das Jahr

2015 – zwischen bisherigem und neuem Finanzausgleich

unberücksichtigt bleiben.



Die Finanzkraft nach Länderfinanzausgleich für die Neuregelungen

setzt sich analog aus den Ländersteuern (LST),

Gemeindesteuern (GST) und allen Transferleistungen

(TRANS) zusammen. Allerdings bestehen die Transferleistungen

nunmehr aus den mit Zu- bzw. Abschlägen korrigierten

Umsatzsteueranteilen sowie allen Bundesergänzungszuweisungen.



Abbildung 1 stellt die einwohnerbereinigte Finanzkraft der

jeweiligen Länder gegenüber. Hierbei wird zur besseren Darstellung

zwischen westdeutschen Flächenländern, Stadtstaaten

sowie ostdeutschen Flächenländern differenziert.

Aus Abbildung 1 geht hervor, dass alle Länder durch den

neuen Finanzausgleich gegenüber den bisherigen Regelungen

über eine höhere Finanzkraft je Einwohner verfügen.

Diese Mehreinnahmen liegen zwischen 87 Euro je Einwohner

(Rheinland-Pfalz) und 162 Euro je Einwohner (Mecklenburg-

Vorpommern). Im Bundesdurchschnitt steigen die Einnahmen

um 106 Euro je Einwohner. Dieser allgemeine Zugewinn

entstammt nicht einer reinen Umverteilung der Steuereinnahmen

zwischen den Ländern, da hierbei sowohl Gewinner

als auch Verlierer existieren müssten. Vielmehr finanziert der

Bund diese Mehreinnahmen über eine Erhöhung der Bundesergänzungszuweisungen

und des Länder- bzw. Gemeindeanteils

am Umsatzsteueraufkommen.

Ferner wird in Abbildung 1 deutlich, dass die finanzstarken

Länder Baden-Württemberg, Bayern, Hessen sowie

Hamburg vor Länderfinanzausgleich jeweils eine höhere

Finanzkraft je Einwohner aufweisen. Diese Länder verlieren

aufgrund der Nivellierungsmaßnahmen sowohl durch den

bisherigen als auch den neuen Länderfinanzausgleich. Die

höchsten Einbußen je Einwohner verzeichnet Bayern mit

636 Euro (LFA bisher) bzw. 524 Euro (LFA neu). Hingegen gewinnen

die finanzschwachen Bundesländer hinzu. Hierbei

handelt es sich insbesondere um die ostdeutschen Flächenländer

sowie Berlin. Den höchsten Zugewinn je Einwohner

verzeichnet jedoch Bremen mit 1337 Euro (LFA bisher) bzw.

1456 Euro (LFA neu). Insbesondere bei den Stadtstaaten

treten innerhalb der Ausgleichsmechanismen Sondereffekte

durch die Einwohnerveredelung auf, wodurch die Stadt-


13

staaten künstlich finanzärmer

und somit bedürftiger gerechnet

werden. Das Bundesland Sachsen

erzielt durch den Finanzausgleich

sowohl in bisheriger (+950

Euro je Einwohner) als auch in

neuer Form (+1085 Euro je Einwohner)

ebenfalls deutliche

Mehreinnahmen.

Ein reiner Vergleich der Finanzkraft

je Einwohner erschwert

jedoch Aussagen über den Nivellierungsgrad

beider Finanzausgleichsysteme.

Zwar gewinnen

alle Länder Einnahmen hinzu,

jedoch sind Aussagen über die

Entwicklung der Einnahmen im

Verhältnis zum Bundesdurchschnitt

nur unzureichend möglich.

Aus diesem Grund setzt Abbildung 2 die Finanzkraft je

Einwohner ins Verhältnis zum Bundesdurchschnitt je Einwohner.

Eine relative Finanzkraft von unter 100 Prozent

dokumentiert folglich eine unterdurchschnittliche Finanzausstattung,

während eine relative Finanzkraft von über

100 Prozent ein finanzstarkes Land kennzeichnet:

160,0%

140,0%

120,0%

100,0%

80,0%

60,0%

40,0%

20,0%


0,0%

Euro pro Kopf

7.000

6.000

5.000

4.000

3.000

2.000

1.000


⋚ 100%

0

BW BY HE NI NW RP SL SH BE HB HH BB MV SN ST TH

Finanzkraft, vor LFA Finanzkraft, LFA bisher Finanzkraft, LFA neu

Abbildung 1: Finanzkraft der Länder vor LFA, nach LFA (bisher) sowie nach LFA

(neu) (Quelle: eigene Berechnungen, Daten: Statistisches Bundesamt)

BW BY HE NI NW RP SL SH BE HB HH BB MV SN ST TH

Finanzkraft, vor LFA

Finanzkraft, LFA neu

Finanzkraft, LFA bisher

Bundesdurchschnitt

Abbildung 2: Relative Finanzkraft der Länder zum Bundesdurchschnitt vor

LFA, nach LFA (bisher) sowie nach LFA (neu) (Quelle: eigene

Berechnungen, Daten: Statistisches Bundesamt)

Aus der relativen Finanzkraft vor Finanzausgleich lassen sich

finanzschwache sowie finanzstarke Länder ableiten. So weisen

Baden-Württemberg (111,9 Prozent), Bayern (119,7 Prozent),

Hessen (114,8 Prozent) und Hamburg (141,2 Prozent)

eine überdurchschnittliche Finanzkraft auf. Dementsprechend

sind alle weiteren Bundesländer finanzschwach. Für

die westdeutschen Flächenländer befinden sich die Werte

zwischen 83,3 Prozent (Saarland) und 97,3 Prozent (Nordrhein-Westfalen).

Die beiden verbleibenden Stadtstaaten

weisen Werte von 94,6 Prozent (Berlin) sowie 95,1 Prozent

(Bremen) auf.

Eine deutlich unterdurchschnittliche

Finanzkraft zwischen 69,0

Prozent (Thüringen) und 79,1

Prozent (Brandenburg) verzeichnen

alle ostdeutschen Flächenländer,

wobei jedoch Brandenburg

durch die spezifische

Berlinnähe profitiert.

Die Finanzkraft nach Länderfinanzausgleich

dokumentiert den

Ausgleichsgrad des Finanzausgleichssystems.

Hierbei bleibt

grundlegend festzustellen, dass

der Ausgleichsgrad durch den

neuen Finanzausgleich unverändert

bleibt. Eher nimmt der

Ausgleichsgrad sogar noch weiter

zu, was sich bezüglich der Anreizfreundlichkeit

als fragwürdig

erweist. So gehen länder-


14

eigene Mehreinnahmen, die effektiven wirtschaftsund

finanzpolitischen Entscheidungen zu verdanken

sind, durch die Ausgleichsmechanismen des

Länderfinanzausgleichs wieder verloren. Prinzipiell bleibt

festzuhalten: Je höher der Ausgleichsgrad eines Finanzausgleichs

ist, desto anreizunfreundlicher ist dieser (vgl.

Mudrack, T., 2010, S. 43-69).

Für den bisherigen Länderfinanzausgleich erzielen die

finanzstarken Flächenländer eine relative Finanzkraft zwischen

101,5 Prozent (Baden-Württemberg) und 104,3 Prozent

(Bayern). Nach den ab 2020 geltenden Regelungen

nimmt die relative Finanzkraft aufgrund des steigenden

Ausgleichsgrades nochmals ab und liegt zwischen 101,2 Prozent

(Baden-Württemberg) und 104,3 Prozent (Bayern). Die

Stadtstaaten Berlin (122,5 Prozent), Bremen (126,2 Prozent)

und Hamburg (134,2 Prozent) verzeichnen für den bisherigen

Finanzausgleich eine deutlich überdurchschnittliche relative

Finanzkraft. Diese hohen Werte werden durch die Einwohnerveredelung

des Finanzausgleichs erzeugt. Auch im neuen

Finanzausgleich wirkt die Einwohnerveredelung ähnlich auf

die relative Finanzkraft, die zwischen 122,9 Prozent (Berlin)

und 133,3 Prozent (Hamburg) liegt.

Die relative Finanzkraft der ostdeutschen Flächenländer

profitiert enorm von den Ausgleichswirkungen des bisherigen

aber auch des neuen Länderfinanzausgleichs. Für den

bisherigen Finanzausgleich steigt die Finanzkraft auf Werte

zwischen 93,0 Prozent (Sachsen) und 95,1 Prozent (Brandenburg).

Der höhere Ausgleichsgrad des neuen Finanzausgleichs

bewirkt nochmals einen marginalen Anstieg auf

Werte zwischen 93,8 Prozent (Sachsen) und 95,6 Prozent

(Mecklenburg-Vorpommern).

4.3 Verschiebungen im Detail

Nach der Erläuterung der Gesamtergebnisse durch die

Reform des Länderfinanzausgleichs werden im Folgenden

die Einzelwirkungen näher betrachtet. Schließlich bestand

eine umfangreiche Kritik am bisherigen Länderfinanzausgleich

in den Kosten, die durch den Finanzausgleich im engeren

Sinn mit den Zuweisungspflichten zwischen den Ländern

verursacht werden.

Doch resultieren hieraus nun folgende Fragen:

1. Um welche Beträge steigt die Finanzkraft der

jeweiligen Länder durch den neuen Finanzausgleich?

2. Sinken die Ausgleichskosten der Länder wirklich?

3. Was kostet der neue Finanzausgleich den Bund?

Die Fragen können durch eine Gegenüberstellung der einzelnen

Komponenten der Finanzausstattung vor bzw. nach Länderfinanzausgleich

in Tabelle 2 (s. S. 15) beantwortet werden:

Antwort auf Frage 1:

Um welche Beträge steigt die Finanzkraft der jeweiligen

Länder durch den neuen Finanzausgleich?

Bereits in Abbildung 1 ist zu erkennen, dass jedes Bundesland

durch den neuen Länderfinanzausgleich über

Mehreinnahmen je Einwohner verfügt. Spalte 13 (absolut

in Millionen Euro) sowie Spalte 14 (je Einwohner in Euro)

stellen die Mehreinnahmen des neuen Systems gegenüber

den bisherigen Regelungen in Zahlenform dar. So liegen

die absoluten Mehreinnahmen zwischen 0,08 Milliarden

Euro (Bremen) und 1,7 Milliarden Euro (Nordrhein-Westfalen).

Bundesweit betragen die absoluten Mehreinnahmen

8,7 Milliarden Euro, die durch den Bund über eine Erhöhung

des Gemeinde- bzw. Länderanteils am Umsatzsteueraufkommen

sowie über eine Steigerung der Bundesergänzungszuweisungen

aufgebracht werden. Es sei nochmals

explizit darauf verwiesen, dass die Finanzmittel aus dem

Solidarpakt II aufgrund ihres abschmelzenden Charakters

nicht im bisherigen Länderfinanzausgleich berücksichtigt

wurden. Die Mehreinnahmen je Einwohner liegen in einer

Spanne zwischen 87 Euro (Rheinland-Pfalz) und 162 Euro

(Mecklenburg-Vorpommern).

Antwort auf Frage 2:

Sinken die Ausgleichskosten der Länder wirklich?

Die Ausgleichskosten der finanzstarken Länder werden reduziert.

Allerdings bestehen die Kosten des bisherigen Länderfinanzausgleichs

nicht allein in den Zuweisungstransfers

der Geberländer im Rahmen des Finanzausgleichs im engeren

Sinn (zweite Stufe). Es gehen den finanzstarken Ländern

ebenfalls Einnahmen im Umsatzsteuervorwegvergleich verloren

(erste Stufe), da ein Teil nivellierend auf ausschließlich

finanzschwache Länder verteilt wird. Lediglich der verbleibende

Rest wird einwohnergerecht pro Kopf auf alle Länder

verteilt. Daher stellt diese nivellierende Komponente ebenfalls

einen Kostenfaktor für die finanzstarken Bundesländer

dar. Die Ausgleichskosten für den bisherigen Finanzausgleich

setzen sich somit aus Spalte 5 abzüglich Spalte 2 (Umsatzsteuerkosten)

sowie den direkten Zuweisungskosten in Spalte

6 der Tabelle 2 zusammen. Für Baden-Württemberg ergeben

sich hieraus Kosten von 4,1 Milliarden Euro, für Bayern

von 7,5 Milliarden Euro, für Hessen von 2,7 Milliarden Euro,

für Nordrhein-Westfalen von 1,0 Milliarden Euro und für

Hamburg von 0,4 Milliarden Euro. Nordrhein-Westfalen zeigt

indessen die Besonderheit, dass es im Umsatzsteuervorwegausgleich

als finanzstarkes Land gilt, im Länderfinanzausgleich

im engeren Sinn hingegen ein Nehmerland darstellt.

Im neuen Länderfinanzausgleich entfällt zwar der Finanzausgleich

im engeren Sinn, jedoch wird dieser Wegfall zum

Teil durch höhere Umsatzsteuerkosten substituiert. So wird

der Länderanteil im Umsatzsteueraufkommen einwohnergerecht

pro Kopf auf alle Länder verteilt und im Anschluss

durch Zu- bzw. Abschläge korrigiert. Diese Abschläge stellen

für die finanzstarken Bundesländer ebenfalls Kosten

dar und können durch die Differenz zwischen Spalte 10 und


15

Spalte 2 (Tabelle 2) berechnet werden. Für Baden-Württemberg

betragen diese Kosten 3,3 Milliarden Euro, für Bayern

6,4 Milliarden Euro, für Hessen 2,3 Milliarden Euro und für

Hamburg 0,3 Milliarden. Es sei an dieser Stelle angemerkt,

dass diese Kosten zum Teil durch eine höhere Umsatzsteuerbeteiligung

der Gemeinden kompensiert werden. Dies wird

im Vergleich zwischen Spalte 9 und Spalte 4 deutlich. Die Unterschiede

zwischen den Länder- und Gemeindesteuern beider

Finanzausgleichssysteme resultieren ausschließlich aus

der höheren Beteiligung der Gemeinden am Umsatzsteueraufkommen.

Eine weitere Besonderheit weist wiederum das Land Nordrhein-Westfalen

auf, das im bisherigen Finanzausgleich den

Status als Nehmerland aufweist und Transfers von anderen

Ländern bezieht. Im neuen Länderfinanzausgleich erhält

Nordrhein-Westfalen hingegen einen Abschlag seiner pro

Kopf bezogenen Umsatzsteuereinnahmen. Allerdings ist

zu betonen, dass dies ein reiner Statuseffekt ist und auf die

erzielten Mehreinnahmen im neuen Finanzausgleich gegenüber

den bisherigen Regelungen kaum Auswirkungen besitzt

(Spalte 13 bzw. Spalte 14 in Tabelle 2).

Antwort auf Frage 3:

Was kostet der neue Finanzausgleich den Bund?

Die Kosten des Bundes für den neuen Länderfinanzausgleich

bestehen aus drei Komponenten. Die erste Komponente

besteht in einer Erhöhung der kommunalen Beteiligung

am Umsatzsteueraufkommen. So steigen die kommunalen

Umsatzsteuereinnahmen in Summe um 1,9 Milliarden Euro

(Spalte 9 abzüglich Spalte 4) und liegen für die einzelnen

Länder zwischen 20,8 Millionen Euro (Bremen) und 455,3 Millionen

Euro (Nordrhein-Westfalen).

Die zweite Kostenkomponente des Bundes umfasst die Erhöhung

des Länderanteils am Umsatzsteueraufkommen. Diese

Kosten betragen in Summe 3,7 Milliarden Euro (Spalte 10

abzüglich Spalte 5), wovon die Länder aufgrund der Zu- und

Abschläge jeweils unterschiedlich profitieren.

Die dritte Komponente besteht in einer Erhöhung der Bundesergänzungszuweisungen

um 3,1 Milliarden Euro, die sich

insbesondere aus einer Zunahme der Fehlbetragsbundesergänzungszuweisungen

(FehlBEZ) sowie der Einführung der

Bundesergänzungszuweisungen für eine besonders unterdurchschnittliche

kommunale Finanzkraft (KomBEZ) zusammensetzt.

Eine Addition der drei Komponenten ergibt eine Summe

von 8,7 Milliarden Euro, die der Bund im Rahmen des neuen

Länderfinanzausgleichs zusätzlich aufbringt.

5. Zusammenfassung

Der im Dezember 2016 beschlossene Gesetzesentwurf sieht

unter anderem eine Neugestaltung des Länderfinanzausgleichs

ab 2020 vor. So sollen der Länderfinanzausgleich

und dessen Ausgleichsmechanismen zwischen den Ländern

grundlegend vereinfacht werden. Aus diesem Grund sieht

das Finanzausgleichsgesetz nach dem Gesetzesentwurf statt

drei nur noch zwei Ausgleichsstufen vor. Es entfällt der kontrovers

diskutierte Finanzausgleich im engeren Sinn, bei dem

Finanzmittel aus den Geberländern direkt abgezogen und

den Nehmerländern zugewiesen werden. Dieser Vorgang

vor Länderfinanzausgleich

in Mio. Euro

Länder /

Gemeinden

Umsatzsteuer

Länder

Summe

Länder /

Gemeinden

Länderfinanzausgleich bisher

in Mio. Euro

Umsatzsteuer

Länder

innerer

LFA

BEZ

Summe

Länder /

Gemeinden

Länderfinanzausgleich neu

in Mio. Euro

Umsatzsteuer

Länder

BEZ

Summe

Mehreinnahmen

in Mio. Euro

gesamt pro Kopf

(in Euro)

Spalte 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

BW 37.861 12.640 50.501 37.861 10.880 ‐2.298 0 46.443 38.124 9.344 0 47.468 1.025 95

BY 48.985 14.947 63.932 48.985 12.865 ‐5.445 0 56.405 49.292 8.540 0 57.832 1.427 112

HE 22.221 7.173 29.394 22.221 6.174 ‐1.711 0 26.684 22.388 4.895 0 27.284 599 98

NI 21.102 9.219 30.321 21.102 9.940 426 225 31.693 21.260 10.709 473 32.443 750 95

NW 51.214 20.739 71.953 51.214 18.656 1.039 555 71.464 51.669 21.487 0 73.156 1.691 96

RP 10.969 4.716 15.685 10.969 4.613 354 237 16.172 11.046 5.282 196 16.524 352 87

SL 2.277 1.160 3.437 2.277 1.410 153 137 3.976 2.300 1.542 222 4.064 88 89

SH 7.840 3.332 11.172 7.840 3.183 228 177 11.428 7.889 3.698 143 11.730 301 106

BE 9.687 4.087 13.775 9.687 3.654 3.598 1.189 18.129 9.761 7.391 1.486 18.638 509 146

HB 1.860 778 2.638 1.860 805 627 264 3.555 1.880 1.415 339 3.634 79 119

HH 8.409 2.076 10.485 8.409 1.787 ‐109 0 10.086 8.483 1.787 0 10.269 183 103

BB 5.236 2.890 8.126 5.236 3.804 487 420 9.947 5.276 4.144 758 10.178 232 94

MV 2.763 1.877 4.640 2.763 2.812 472 351 6.397 2.789 3.066 801 6.657 259 162

SN 7.219 4.757 11.976 7.219 7.089 1.010 696 16.014 7.304 7.542 1.711 16.557 544 134

ST 3.829 2.617 6.446 3.829 4.012 593 442 8.876 3.870 4.262 1.050 9.182 306 137

TH 3.661 2.527 6.188 3.661 3.854 577 430 8.522 3.700 4.107 1.037 8.845 323 150

gesamt 245.132 95.537 340.669 245.132 95.537 0 5.122 345.791 247.032 99.212 8.216 354.460 8.669 106

Tabelle 2: Detaillierte Daten für die Wirkungen des LFA bisher sowie des LFA neu im Vergleich (Quelle: eigene Berechnungen, Daten: Statistisches Bundesamt)


16

machte die Kosten des Ausgleichs für die einzelnen Länderhaushalte

durchaus spürbar. Allerdings zeigt der Beitrag

auf, dass auch die erste Stufe im bisherigen Finanzausgleich

Ausgleichskosten verursacht. So fließt ein Teil des Länderanteils

am Umsatzsteueraufkommen durch die Nivellierung

an finanzschwache Länder und geht hierdurch der einwohnergerechten

Verteilung im Umsatzsteuervorwegausgleich

verloren. Allerdings ist diese nivellierende Komponente in

den Länderhaushalten weniger spürbar, da den Länderhaushalten

keine Einnahmen direkt entzogen werden.

Der neue Länderfinanzausgleich sieht nunmehr einen

Ausbau der Nivellierung über die Umsatzsteuer vor – im

Gegenzug entfällt der Finanzausgleich im engeren Sinn. Dies

bedeutet jedoch, dass den finanzstarken Ländern weiterhin

Ausgleichskosten durch geringere Umsatzsteuereinnahmen

entstehen. Durch den Entfall des Finanzausgleichs im

engeren Sinn steigen die Ausgleichskosten durch die Umsatzsteuerverteilung

für diese Länder sogar noch weiter an.

Mithilfe eines eigenen Simulationsmodells nach bisherigen

sowie neuen Regelungen sind die Ausgleichskosten sowie

die Finanzausstattung der Länder für das Jahr 2015 im Detail

quantifiziert worden.

Ferner offenbart das Simulationsmodell für das Jahr 2015,

dass durch die Neuregelungen des Finanzausgleichs alle

Länder nach Ausgleich über Mehreinnahmen verfügen. Diese

Mehreinnahmen betragen in Summe 8,7 Milliarden Euro

und werden durch den Bund finanziert. Dies erfolgt zum

einen über eine Erhöhung sowohl der kommunalen Umsatzsteuerbeteiligung

als auch des Länderanteils an der Umsatzsteuer.

Zum anderen erhöht der Bund die im Finanzausgleichsgesetz

verankerten Bundesergänzungszuweisungen

an die beanspruchenden Länder. Die Zustimmung der Länder

zum neuen Länderfinanzausgleich dürfte sich in der Synthese

von Mehreinnahmen für alle Länder bei gleichzeitig

hohem Ausgleichsgrad des Finanzausgleichs begründen. Im

Gegenzug bekommt der Bund zusätzliche Kompetenzen von

den Ländern übertragen. Insofern ist der neue Länderfinanzausgleich

nicht unbedingt besser und nicht unbedingt fairer –

aber zumindest ist er einfacher.

LITERATUR

Baretti, C., Huber, B., Lichtblau, K., Parsche, R. (2001): Die

Einwohnergewichtung auf Länderebene im Länderfinanzausgleich,

Gutachten im Auftrag der Länder Baden-Württemberg,

Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen, ifo Beiträge

zur Wirtschaftsforschung, Band 4, München.

Brecht, A. (1932): Internationaler Vergleich der öffentlichen

Ausgaben, Vorträge des Carnegie Lehrstuhls für Außenpolitik

und Geschichte an der deutschen Hochschule für Politik,

Heft 2, Leipzig.

Bundesministerium der Finanzen (2016a), Beziehungen zwischen

Bund und Ländern werden modernisiert, Pressemitteilung

des Bundesministeriums der Finanzen Nr. 26 vom

14.12.2016, Berlin.

Bundesministerium der Finanzen (2016b), Entwurf eines Gesetzes

zur Neuregelung des bundesstaatlichen Finanzausgleichssystems

ab dem Jahr 2020 und zur Änderung haushaltsrechtlicher

Vorschriften, Berlin.

Eltges, M., Zarth, M., Jakubowski, P., Bergmann, E. (2001): Abstrakte

Mehrbedarfe im Länderfinanzausgleich, Gutachten im

Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen, Bonn.

Mudrack, T. (2010), Anreizwirkungen des Länderfinanzausgleichs:

Ein alternatives Prämienmodell, Schmollers Jahrbuch

130 (1), S. 43-69.

Mudrack, T. (2012): Einwohnerveredelung im Länderfinanzausgleich:

Defizite und ein Alternativvorschlag, Schmollers

Jahrbuch 132 (4), S. 581-608.

Popitz, J. (1932): Der künftige Finanzausgleich zwischen

Reich, Ländern und Gemeinden, Berlin.

Röper, E. (2001): Einwohnerwertung im Finanzausgleich,

Zeitschrift für Rechtspolitik, Vol. 5, S. 216-219.

Seitz, H. (2002): Der Einfluss der Bevölkerungsdichte auf die

Kosten der Leistungserstellung, Schriften zum Öffentlichen

Recht Band 899, Duncker & Humblot, Berlin.

Vesper, D. (2001): Die Einwohnerwertung der Stadtstaaten

im Länderfinanzausgleich – mehr als gerechtfertigt, DIW-

Wochenbericht, Vol. 2001 (11), S. 173-185.


17

Prof. Dr. Falk Tennert

Jahrgang 1974, Hochschullehrer an der Berufsakademie Sachsen, Staatliche Studienakademie

Breitenbrunn und Professor für Markt- und Werbepsychologie an der SRH Fernhochschule.

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Qualitative und quantitative Forschungsmethoden, Attributionsforschung,

Reputation und Reputationsmanagement, Kommunikatorforschung und Nachhaltigkeitskommunikation.

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Breitenbrunn I f.tennert@ba-breitenbrunn.de

Die Sozialpsychologie der

öffentlichen Meinung

Falk Tennert

The debate about public opinion in a

society is growing and shows an increase

of relevance. Examples are current

political events and upheavals, e.g. media

reporting on the refugee crisis, public

discussion on the US election in 2016 or

the Brexit-discussion. The article explains

from the point of view of communication

science what is understood under

public and public opinion. It shows the

difference of these terms and discloses

their coactions. Furthermore, the article

discusses how the emergence of public

opinion can be explained from the point

of view of social psychology. The use of

these findings leads to the presentation

of the theory of the spiral of silence,

which deals with the effect of mass media

on the public opinion. The theory of the

spiral of silence has a special significance

for political communication. In public

communication, moral or controversial

issues are particularly frequent. The

theory of the spiral of silence could serve

as an approach to explain such defeat as

the wrong prediction of the US election in

2016.


18

Im Zuge der Flüchtlingskrise erlebt die Diskussion

um die öffentliche Meinung eine Renaissance. Im

Rahmen des Diskurses sind u.a. folgende Fragestellungen

relevant: Repräsentiert die öffentliche

Meinung die Mehrheit in der Bevölkerung? Was

ist unter öffentlicher Meinung zu verstehen? Wie

gestaltet sich das Wechselverhältnis zwischen

öffentlicher Meinung und Medienberichterstattung?

Der Beitrag thematisiert diese Fragen unter

einer genuin kommunikationswissenschaftlichen

und sozialpsychologischen Perspektive.

Relevanz und Gegenstandsbereich

„Der Demoskop, der die Schweigespirale durchbrach“. Mit

dieser Schlagzeile berichtete die Tageszeitung DIE WELT

vom 13.11.2016 über ein Umfrageinstitut, das entgegen der

Prognosen vieler Meinungsforschungsinstitute den tatsächlichen

Ausgang der US-Wahl deutlich präziser vorhersagte.

Ermöglicht wurde dies durch ein Vertrauensverhältnis zwischen

den Befragten und Interviewern, das die Scheu der

Trump-Wähler verringerte: „Menschen fürchten sich vor der

Isolation, wenn sie zu Parteien oder Kandidaten neigen, die

von Medien und herrschender Meinung abgelehnt werden.

Das führt dann zwar nicht zur Änderung des Wahlverhaltens,

aber zur Unaufrichtigkeit bei Umfragen.“ (Graw 2016: 1). Die

Bereitschaft von Menschen, ihre Meinung öffentlich zu äußern

und damit mit der eigenen Position für andere sichtbar

zu sein, hängt u.a. von der Einschätzung des vorherrschenden

Meinungsklimas ab. Die öffentliche Meinung übt dabei

Druck in Form von sozialer Kontrolle auf den Einzelnen aus.

Den Zusammenhang, die eigene Position in Abhängigkeit

vom eingeschätzten Meinungsklima zu äußern, hat die deutsche

Demoskopin und Kommunikationswissenschaftlerin

Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010) mit der Theorie der

Schweigespirale untersucht.

Die Diskussion um die öffentliche Meinung in einer Gesellschaft

erlebt vor dem Hintergrund aktueller politischer

Ereignisse und Umbrüche eine Renaissance. In vielen alltäglichen

Gesprächen, in Diskussionsforen sozialer Communities

oder Userkommentaren in Tages- und Wochenzeitungen

wird häufig konstatiert, dass sich die Meinung der

Bevölkerung in der Medienberichterstattung nur bedingt

widerspiegelt. Die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise,

die Beurteilung von Protestbewegungen wie Pegida, die

Einschätzung der Medien zum Brexit oder zum Wahlkampf

in den USA mögen als aktuelle Beispiele dienen. Der Beitrag

skizziert vor diesem Hintergrund, was aus Sicht der Kommunikationswissenschaft

unter Öffentlichkeit und dem daraus

abgeleiteten Begriff der öffentlichen Meinung verstanden

wird. Er diskutiert fernerhin, wie sich die Entstehung der

öffentlichen Meinung sozialpsychologisch erklären lässt.

Die Anwendung dieser Erkenntnisse mündet in der Darstellung

der Theorie der Schweigespirale, die sich mit der Wirkung

von Massenmedien auf das öffentliche Meinungsklima

beschäftigt. Anwendungsfelder dieser Theorie sind allgemein

gesellschaftlich oder moralisch kontroverse Themen.

Eine besondere Bedeutung erlangt der Ansatz im Bereich der

politischen Kommunikation, da hier moralisch aufgeladene

oder kontroverse Themen häufig auftreten.

Öffentliche Meinung – ein schillernder Begriff

Wer von Öffentlichkeit spricht, bezieht sich auf Ereignisse,

Plätze oder Vorkommnisse, Aktionen der Politik, des Staates

oder des Gemeinwesens, die gemeinhin für alle zugänglich

und wahrnehmbar sind (Beck 2007: 99). Dies ist jedoch nicht

der Kern der Bedeutung von öffentlich im Sinne der öffentlichen

Meinung. Die öffentliche Meinung bezieht sich auf

ein kollektives Phänomen, das über den Einzelnen hinausgeht

und einen konsensualen Charakter aufweist. Unterschieden

wird dabei zwischen einer manifesten und einer

latenten Funktion der öffentlichen Meinung. Die manifeste

Funktion besteht darin, die Bürger an der politischen Willensbildung

zu beteiligen und die latente Funktion ist in der

sozialen Kontrolle des Einzelnen zu sehen, der um Konsens,

Konformität und gesellschaftliche Integration bemüht ist

(Schulz 2011: 120). Die öffentliche Meinung lässt sich daher

anschaulich mit der lateinischen Formel coram publico – in

aller Öffentlichkeit – umschreiben: Jeder kann die Meinung

des Einzelnen wahrnehmen, jeder kann sie beurteilen. Dies

ist am ehesten in interpersonalen Situationen gewährleistet,

jedoch auch in sozialen Medien (soziale Foren wie Facebook

oder Microblogs wie Twitter).

Eine ausführliche Begriffsgeschichte der öffentlichen Meinung

hat Noelle-Neumann vorgelegt (1989, 1993). So kann

die Verwendung des Begriffs der öffentlichen Meinung sowie

verwandter Konzepte wie dem climate of opinion seit

der Antike nachgewiesen werden. Öffentliche Meinung wird

hierbei im Sinne einer sozialen Kontrolle verwendet, die alle

Mitglieder einer Gesellschaft einschließt. So formulierte der

englische Sozialphilosoph David Hume 1739: „Regierung ist

allein auf Meinung gegründet; und dies trifft zu für die despotischsten

und militaristischsten Regierungen ebenso wie für

die freiesten und populärsten.“ (zit. nach Noelle-Neumann

1989: 82). Es handelt sich um die Zustimmung einer Gesellschaft

zu den Herrschenden und dies jeweils unabhängig

von der jeweiligen Regierungsform. Die öffentliche Meinung

in diesem Sinne ist kein Konstrukt von artikulierenden Eliten

wie beispielsweise von Journalisten, Politikern oder Experten,

sondern ein ganzheitlicher, alle Mitglieder einer Gesellschaft

einschließender Konformitätsdruck und damit ein

Konsensus der Gesellschaft (ebd.). Die öffentliche Meinung

kann dabei nicht nur das Handeln von Regierenden beeinflussen,

sondern auch das Verhalten der einzelnen Bürger.


19

Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert setzte eine Begriffserweiterung

ein. Nun rücken Verstand und Rationalität des

Menschen in den Fokus: Öffentliche Meinung wurde zur Meinung

artikulierender, kritischer und urteilsfähiger Bürger.

Die Aufklärung ist auch die Zeit, in der die Kommunikationswissenschaft

im Zusammenhang mit der Herausbildung

einer bürgerlichen Öffentlichkeit die Entstehung der öffentlichen

Meinung datiert. Diese Auffassung findet sich bei vielen

Soziologen (und Kommunikationswissenschaftlern) wieder,

u.a. bei Ferdinand Tönnies, Pierre Bourdieu oder Jürgen

Habermas. Insbesondere mit dem Aufkommen der Massenmedien

zu Beginn des 20. Jahrhundert gewinnt die Diskussion

um die öffentliche Meinung eine erneute gesellschaftliche

wie auch politische Relevanz. So ist es nicht erstaunlich, dass

Macht und Manipulierbarkeit immer im Zusammenhang mit

öffentlicher Meinung gesehen werden.

Diese Verknüpfung schlägt sich auch in der wissenschaftlichen

Auseinandersetzung nieder (Beck 2007: 112 f.). So

betont Karl Bücher (1847-1930), einer der Gründer der Zeitungswissenschaft,

das massenpsychologische Moment der

öffentlichen Meinung. Sie repräsentiert seiner Auffassung

nach besonders die Gefühls- und Wissensmomente der

Gesellschaft, während die Presse zur zentralen Plattform

der öffentlichen Meinung wird. Gleichzeitig beeinflussen

die Massenmedien – damals Zeitung und Radio – das Urteil

Einzelner oder ganzer Gruppen. Der Soziologe Ferdinand

Tönnies (1855-1936) unterscheidet öffentliche Meinung als

Gesamtheit der öffentlich artikulierten und dabei durchaus

widersprüchlichen Meinungen von der öffentlichen

Meinung als einheitliche wirksame Kraft und Ausdruck der

politischen Willensbestimmung. Er verbindet das Konzept

der öffentlichen Meinung mit der Metapher der klassischen

Aggregatzustände: So umfasst die feste öffentliche Meinung

langfristige und stabile Grundüberzeugungen einer Gesellschaft,

während sich die flüssige öffentliche Meinung auf

Gruppen- und Partikularinteressen bezieht und sich durchaus

im Widerspruch zur festen öffentlichen Meinung befinden

kann.

Aus den Überlegungen von Tönnies können zwei wichtige

Bedingungen extrahiert werden, die auch in der gegenwärtigen

Diskussion eine bedeutende Rolle spielen: Zum einen

ist die öffentliche Meinung niemals statisch, sondern immer

in Bewegung und Ausdruck unterschiedlicher Interessen.

Zum anderen kann die öffentliche Meinung durchaus

Minderheitsansichten einzelner Gruppen umfassen, die sich in

öffentlichen Arenen besonders stark artikulieren. Bereits

Tönnies erkannte die von der öffentlichen Meinung ausgehende

soziale Macht: „Die öffentliche Meinung tritt immer

mit dem Anspruch auf, maßgebend zu sein, sie heischt

Zustimmung und macht wenigstens das Schweigen, das

Unterlassen des Widerspruchs zur Pflicht. Mit mehr oder

weniger Erfolg; je vollkommener der Erfolg, umso mehr

bewährt sie sich als die öffentliche Meinung, trotz des mehr

oder minder zum Schweigen gebrachten Widerspruchs.“

(Tönnies 1922: 138, zit. nach Holtz-Bacha & Kutsch 2002:

427).

Die Ausführungen zum Begriff der öffentlichen Meinung zeigen,

dass unterschiedliche Auffassungen hiervon existieren.

Einerseits gibt es die originäre, seit der Antike existierende

Bedeutung von öffentlicher Meinung in Form des Konsenses

einer Gesellschaft; andererseits die seit der Aufklärung

gern unter öffentlicher Meinung verstandene Auffassung als

Artikulation und Themensetzung von Eliten, Journalisten

und Intellektuellen in den Medien. Mitunter wird daher die

in den Medien präsentierte Meinung als öffentliche Meinung

bezeichnet. Diese Position findet sich bei Karl Bücher, aber

auch häufig in der aktuellen Diskussion. Hierbei handelt es

sich jedoch um die veröffentlichte Meinung einzelner Gruppen.

Aufmerksamkeit in der medialen Arena erhalten prominente

Politiker, Institutionen und Akteure wie Experten

oder Journalisten. Da ihnen Medien eine große Reichweite

verleihen und von vielen in der Gesellschaft zur Kenntnis

genommen werden, sind sie ein einflussreicher Bestandteil

der öffentlichen Meinung (Schulz 2011: 119). Man muss

jedoch deutlich unterscheiden zwischen der veröffentlichten

Meinung, also der Medienberichterstattung, und der öffentlichen

Meinung als Konsens einer Gesellschaft. Beide müssen –

wie noch gezeigt wird – nicht kongruent sein.

Isolationsfurcht – die Macht des sozialen Einflusses

Wie kann die Summe individueller Meinungen zu einer

öffentlichen Meinung und damit zu einer politischen Kraft

werden? Diese Frage greift Noelle-Neumann gut ein halbes

Jahrhundert nach Tönnies mit dem Gedanken der sozialen

Kontrolle auf. Hierbei ist es sinnvoll, die Bildung der öffentlichen

Meinung unter dem Blickwinkel der Sozialpsychologie

zu diskutieren, insbesondere unter der Macht sozialer Einflüsse.

Unter diesem Blickwinkel beschäftigt man sich mit

der individuellen Auffassung von öffentlicher Meinung und

bezieht sich somit auf das statistische Aggregat individueller

Meinungen in der Bevölkerung, wie es beispielsweise durch

repräsentative Befragungen ermittelt wird. Die Meinungsforschung

ist hier ein wichtiges Instrument zur Messung der

öffentlichen Meinung im Sinne der Bevölkerungsmeinung.

Aus dieser Perspektive rückt die soziale Natur des Menschen

in das Zentrum des Erkenntnisinteresses und seine mit der

Gesellschaft empfundene Übereinstimmung hinsichtlich ihrer

Werte, Ziele und Stimmungen.

Zentraler Bestandteil ist das Konstrukt der Isolationsfurcht

des Menschen. Isolationsfurcht bezeichnet die Tendenz, wonach

Menschen ungern eine widersprechende Position zur

Mehrheitsmeinung einnehmen. Um sich nicht als Außensei-


20

ter sozial isoliert zu fühlen, beobachten Menschen ihre Umwelt.

Das können die Meinungen der Mitmenschen sein, aber

auch die Positionen, die in den Medien artikuliert werden.

Individuelle Meinungen müssen sich in der Öffentlichkeit

bewähren, werden sanktioniert oder unterstützt. Vor diesem

Öffentlichkeitsdruck versuchen sich Menschen zu schützen

und entwickeln ein „wachsames Bewusstsein für Öffentlichkeit“

(Noelle-Neumann 1989: 86). Die Öffentlichkeit bildet

somit eine Sphäre, „in dem der Einzelne zu beobachten

versucht, mit welchen Einstellungen und Verhalten er sich

‚richtig’ verhält, akzeptiert, gebilligt wird.“ (ebd.). Daraus

erwächst eine Beobachtungsleistung des Einzelnen in der

Gesellschaft. Diese Leistung wird als quasi-statistische Wahrnehmung

bezeichnet und billigt damit auch dem Menschen

im Alltag wissenschaftsanaloge Leistungen zu. Dazu zählen

das Abschätzen von Mehrheits- und Minderheitspositionen,

Verallgemeinerungen von Beobachtungen oder das Herstellen

von Bedingungs- und Kausalzusammenhängen (Tennert

2017 im Druck). In funktioneller Hinsicht besitzen solche

Leistungen eine Orientierungs- und Handlungsfunktion

(Hierdeis & Hug 1997: 90), indem sie Ereignisse und Handlungen

erklären, voraussagen, begründen und auch legitimieren.

Sie sind somit Antworten auf den Orientierungs- und

Handlungsdruck in Alltagssituationen.

Das Phänomen der Isolationsfurcht lässt sich nun sozialpsychologisch

einordnen. Danach wird das Verhalten von

Menschen maßgeblich durch ihr soziales Umfeld beeinflusst.

Soziale Normen und Erwartungen spielen hierbei eine entscheidende

Rolle. In allen Gruppenkonstellationen (von

der Kleingruppe bis hin zur Gesellschaft) existieren mehr

oder minder explizit verschiedene Verhaltensstandards.

Es gibt in diesen Gruppenkonstellationen eine Uniformität

hinsichtlich bestimmter Verhaltensweisen, die alle oder die

meisten Gruppenmitglieder zeigen. Verletzt jemand diese

Norm – zum Beispiel durch das Äußern kritischer oder unerwünschter

politischer Ansichten – lassen sich negative Konsequenzen

(der sogenannte Gruppendruck) gegenüber dem

Abweichler beobachten. Angesichts der Tatsache, dass soziale

Kontakte zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen

zählen, verhalten sich Menschen mehr oder minder

konform, um akzeptiert oder gemocht zu werden (normativer

Einfluss) und aus dem Bedürfnis heraus, Recht zu haben

(informationaler Einfluss). Normativ nimmt Konformität als

Mehrheitseinfluss vor allem dann zu, wenn man mit Menschen

oder der Mehrheit direkt konfrontiert ist und ist bei

Anonymität oder in Situationen, in denen nur aggregierte

Daten über die Einstellung einer Population vorliegen (z.B.

über Meinungsumfragen), schwächer ausgeprägt (Hewstone

& Martin 2014: 287). Informational nimmt Konformität dann

zu, wenn die Informationsquelle glaubwürdig und fachlich

kompetent ist (z.B. durch die Anwesenheit von Experten).

Konformes Verhalten kann sich in verschiedenen Ausprägungen

zeigen. So übernehmen Menschen beispielsweise

die Meinungen anderer, um nicht aufzufallen, wenn sie sich

für die eigene Position nicht rechtfertigen müssen oder keine

Schwierigkeiten haben möchten. Diese Verhaltenstendenz

hat bereits Asch (1951) in seinem berühmten Strecken-

Experiment zum Einfluss des Gruppendrucks belegt. Jedoch

können auch Minderheiten einen großen Einfluss auf die

Mehrheit ausüben. In vielen politischen Bewegungen waren

es Minderheiten, die sich als gesellschaftliche Innovatoren erweisen.

Minderheitspositionen sind distinkt und können aufgrund

der Unterscheidbarkeit zur Mehrheit Konflikte auslösen

(Stichwort: Protestbewegungen). Da Menschen Konflikte üblicherweise

gern vermeiden, werden sie Minderheitenpositionen

oft diskreditieren und mit Attributen wie verzerrt, provokant

oder postfaktisch versehen. Hewstone & Martin (2014:

289) halten fest, dass politische Strömungen, die sich von einer

Randposition der Politik in Richtung Mainstream bewegt

haben, häufig von der Mehrheit belächelt und abgelehnt wurden,

bevor ihre Auffassungen allgemein akzeptiert waren.

Übertragen auf die politische Kommunikation zeigen sich

Zeichen des Siegerbewusstseins des Meinungslagers, das

sich durchsetzt; andererseits defensive Verhaltensweisen des

Lagers, das in der Auseinandersetzung um die öffentliche Meinung

an Boden verliert und schließlich diejenigen die schweigen,

um sich nicht gesellschaftlich zu isolieren. Von einer

öffentlichen Meinung kann man erst dann sprechen, wenn

sich ein (Meinungs-)Lager so durchgesetzt hat, dass man in

der Öffentlichkeit nicht mehr dagegen sprechen kann, ohne

Gefahr sich zu isolieren und an den Medienpranger gestellt zu

werden (Noelle-Neumann 1989: 92); dies führt auch zu folgender

operationalen Definition von öffentlicher Meinung: Meinungen,

die man bei „flüssigem Aggregatzustand“ (Tönnies)

äußern kann (Hervorhebung F.T.), ohne sich zu isolieren, bei

„festem Aggregatzustand“ äußern muss (Hervorhebung F.T.),

wenn man nicht isoliert werden will (ebd.).

Es ist allerdings nicht so, dass Menschen in jeder Situation

konformes Verhalten zeigen. So haben verschiedene intervenierende

Faktoren Einfluss auf Stärke und Auftreten der

Konformität. Zu nennen sind hier u.a. die Konsonanz in der

Gruppe (mehr Abweichler führen zu einer geringeren Konformität),

die Gruppengröße, die soziale Unterstützung für einen

Abweichler oder auch kulturelle Aspekte. Vor allem der Aspekt

der sozialen Unterstützung ist hier bedeutsam, da sie die

Konformität verringert. Der Wert der sozialen Unterstützung

ist darin zu sehen, dass er eine valide und unabhängige Einschätzung

der Realität liefert („gültige Informationsquelle“

als Meinungsführer in einer Gruppe). In jüngster Zeit wird

zudem auf den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit

und Konformität hingewiesen (Hewstone & Martin 2014: 287;

Kandler & Riemann 2015: 54 ff.).


21

Die Theorie der Schweigespirale

Die Theorie der Schweigespirale erklärt nun, wie sich die

öffentliche Meinung verändert. Der theoretische Ansatz verbindet

Aspekte der Individualpsychologie und der Sozialpsychologie

(Isolationsfurcht und Umweltwahrnehmung)

mit Gedanken der politischen Meinungsbildung. Ein Kernbestandteil

der Theorie ist, dass Menschen ihre interpersonale

wie medienvermittelte Umwelt beobachten und einschätzen,

welche Mehrheitsmeinungen vorherrschen. Sehen

sie sich bei gesellschaftlich oder moralisch relevanten Themen

im Widerspruch zur öffentlichen Mehrheitsmeinung,

schweigen sie mit ihrer Meinung in der Öffentlichkeit, um

sich sozial nicht zu isolieren (Kepplinger 2016: 173). Dadurch

erscheint ihr Meinungslager schwächer als es tatsächlich ist.

So setzt sich die Schweigespirale in Gang und entscheidet,

welche Meinung sich öffentlich durchsetzt. Noelle-Neumann

verweist darauf, dass in allen Kulturen starke Mechanismen

existieren, die Menschen zum Schweigen bringen. Das kann

durch tabuisierte Themen und Positionen oder in Form der

political correctness geschehen: „Im Raum der politischen

Kommunikation gewinnt man mit der Beobachtung von

politischen Tabus, Themen oder Vorschriften der political

correctness einen wichtigen Anhaltspunkt, wo die ungelösten

Probleme einer Gesellschaft liegen“ (Noelle-Neumann

1989: 87).

In welchen Situationen gibt es eine Verhaltensanpassung im

Sinne der Konformität? Die öffentliche Meinung setzt sich

nicht durch sachliche Argumente durch, sondern über die

moralische Aufladung eines Themas. Nur über Werte und

Gefühle lässt sich eine wirksame Isolationsbedrohung gegen

das andere Lager mobilisieren und eine Schweigespirale in

Gang setzen. Die Objekte der Politisierbarkeit oder Thematisierbarkeit

können gänzlich unterschiedlich sein; relevant

ist, dass es sich um moralisch beladene und kontroverse

Themen (moralische Werte oder kulturelle Normen) handelt.

Im Verhältnis der veröffentlichten Meinung, also der Medienberichterstattung,

und der öffentlichen Meinung kann es

ganz unterschiedliche Konstellationen geben. Besonders interessant

wird es, wenn der veröffentlichte Medientenor und

die Bevölkerungsmeinung weit auseinanderfallen, so wie

dies seit Sommer 2015 für das Thema Flüchtlingskrise konstatiert

werden kann. Auf der einen Seite gab es eine (weitgehend)

unkritische Berichterstattung etablierter Medien

zur sogenannte „Willkommenskultur“ (Haller 2016), auf der

anderen Seite den Unmut in vielen Teilen der Bevölkerung

über eben diese einseitig-positive Berichterstattung. Hier

liegt eine klassische Konstellation für die Entstehung der

Schweigespirale vor, eine konsonante Berichterstattung in

den reichweitenstarken Medien und eine dissonante Bevölkerungsmeinung.

Unter diesen Strukturbedingungen äußern

sich viele in der Bevölkerung nicht mehr: „Das Ergebnis ist

dann in der Regel eine schweigende Mehrheit (Hervorhebung

F.T.); denn ohne die Stimmführerschaft der Medien kann

sich die Bevölkerung nicht artikulieren. Aber auf lange Sicht

setzt sich unter solchen Umständen auch der Medientenor

nicht durch.“ (Noelle-Neumann 1989: 83). Die schweigende

Mehrheit verfällt dabei jedoch nicht in völlige Sprachlosigkeit,

sondern die Diskussion über politische Themen vollzieht

sich abseits der etablierten Medien; zu nennen sind hier

soziale Medien, öffentliche Protestforen oder die politische

Diskussion im privaten – und damit geschützten – Raum.

Die Medien leisten einen wichtigen Beitrag zum öffentlichen

Meinungsklima. Nach Noelle-Neumann ist die Wirksamkeit

eines Mediums umso stärker, je weniger es den schützenden

Mechanismus der selektiven Wahrnehmung zulässt.

Das trifft maßgeblich auf das Fernsehen als nach wie vor

reichweitenstarkes Medium zur politischen Information der

Bevölkerung zu.

Person A

Person B

Eigene Meinung

zum Thema x

konsonant

dissonant

keine Isolationsfurcht

Isolationsfurcht

hohe Redebereitschaft

geringe Redebereitschaft

Wahrnehmung der

Umweltmeinung

zum Thema x

Wahrnehmung der

Umweltmeinung zum

Thema x

Mehrheitsmeinung

Gegenwärtige

Zukunftseinschätzung

direkte

Umweltwahrnehmung

Massenmedien

Zeitpunkt t1

Zeitpunkt t2

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Schweigespirale (Quelle: Haferkamp, N., S. 275)


22

Das starke Wirkungspotenzial der Medienberichterstattung

kann durch drei Faktoren erklärt werden:

Z Kumulation als Wiederholung von politischen Botschaften

(bedingt durch die Periodizität und die Agenda-

Setting-Funktion der Medien).

Z Konsonanz bezieht sich auf die bewertungsmäßige

Ähnlichkeit der publizistischen Aussagen, die sich durch

die selektive Auswahl anhand von Nachrichtenfaktoren

und/oder den politischen Präferenzen/Einstellungen der

Journalisten ableiten.

Z Öffentlichkeitseffekt bezieht sich auf den Umstand, dass

jeder weiß, dass alle eine Botschaft durch die Medien

sehen, hören und erfahren können.

Der sich selbst verstärkende Prozess der Schweigespirale

basiert auf der gegenseitigen Abhängigkeit der Stärke der

wahrgenommenen Mehrheitsmeinung und der vom Individuum

geübten Selbstzensur. Je dominanter die vermeintliche

Mehrheitsmeinung eingeschätzt wird, desto eher

wird Selbstzensur geübt, falls man abweichender Meinung

ist. Durch das Schweigen verstärkt sich für andere der Eindruck,

dass es keine abweichende Meinung gibt, und als

Folge wird die Mehrheitsmeinung stärker eingeschätzt.

Zeitgleich nimmt die interpersonale Unterstützung ab, eine

abweichende Meinung zu vertreten. Der Einfluss der Medien

bleibt hingegen konstant und spielt für das Ingangsetzen

des Schweigespiralprozesses eine entscheidende Rolle.

Die Medien können entsprechend der theoretischen Annahme

eine effektive Minderheitenmeinung als Mehrheitsmeinung

darstellen und so zu einem Umschwung der öffentlichen

Meinung führen (Bonfadelli & Friemel 2015: 237).

Die Kernelemente der Theorie der Schweigespirale lassen

sich wie folgt zusammenfassen (Kepplinger 2016: 176 f.):

Z Isolation droht nur bei Meinungen und Verhaltensweisen,

die moralisch und emotional bedeutsame

Werte und Meinungen anderer Menschen infrage stellen

(Meinungsklima).

Z Um Isolation zu vermeiden, beobachten Menschen –

mehr oder minder unbewusst – ihre soziale Umwelt

(quasi-statistische Wahrnehmung der Öffentlichkeit).

Z Bei diesem Beobachtungsprozess stützen sich Menschen

auf zwei Quellen: erstens Beobachtungen von Personen

in der sozialen Umwelt und zweitens Beobachtungen in

den Medien (bspw. Fernsehen, aber auch Tageszeitungen,

Social-Media-Diskurse). Beide können ähnlich oder voneinander

abweichend sein (doppeltes Meinungsklima).

Z Menschen, die im Einklang mit dem öffentlichen

Meinungsklima stehen, artikulieren ihre Sichtweisen

häufiger als Personen, die im Widerspruch dazu stehen.

Z Als Folge des unterschiedlichen öffentlichen Engagements

erscheint das Lager der tatsächlichen (oder vermeintlichen)

Mehrheitsmeinung (Meinungsklima) größer

als es tatsächlich ist. Daher kann auch eine Minderheitenmeinung

als Mehrheitsmeinung erscheinen.

Z Im Falle eines doppelten Meinungsklimas setzt sich der

Medientenor gegen die gegebene Mehrheitsmeinung in

der Bevölkerung durch.

Methodik zur Untersuchung des Meinungsklimas und

der Schweigespirale

Die gesellschaftliche und politische Wirkung erreicht die

öffentliche Meinung dadurch, dass sie als soziale Realität

wahrgenommen wird und als Grundlage des individuellen

Handelns dient. Die öffentliche Meinung geht in Form von

Annahmen über die Meinung anderer oder der Mehrheit in

die individuelle Situationsdefinition ein. Diese Annahmen

resultieren im Alltagsleben aus der sozialen Interaktion mit

anderen Personen (individuelle Wahrnehmung des Umfeldes).

Wie lässt sich nun die soziale Realität des Meinungsklimas

empirisch untersuchen? Die empirische Umsetzung

erfolgt über eine Kombination aus Befragung (Erfassung von

Meinungen der Bevölkerung zu einem politischen Thema)

und Inhaltsanalyse (Untersuchung der Medienberichterstattung

zu ebendiesem Thema).

Die erste Quelle sind Befragungen (Trend- oder Panelbefragungen)

über Meinungsverteilungen in der Bevölkerung.

Damit kann das statistische Aggregat individueller Meinungen

für die Herausbildung einer öffentlichen Meinung abgebildet

werden. Die Bevölkerung wird mit geeigneten Fragen

über das wahrgenommene Meinungsklima zum Sprechen

gebracht. Hierfür kommen verschiedene Instrumente zum

Einsatz, um die individuelle Einschätzung des Meinungsklimas,

die eigene Position zu einem kontroversen Thema und

die Redebereitschaft gegenüber anderen zu ermitteln. Eine

besondere Bedeutung hat die Erfassung der öffentlichen Redebereitschaft

(Isolationsfurcht). Durch einen Test wird ermittelt,

ob Personen sich zu einem gesellschaftlich kontroversen

und/oder moralisch aufgeladenen Thema öffentlich äußern

wollen (sogenannter Eisenbahntest). Die Interview-frage hierfür

lautet: Angenommen, Sie unternehmen eine Eisenbahnfahrt

und jemand im Abteil beginnt damit, zugunsten eines

bestimmten politischen Themas zu sprechen. Möchten Sie

mit dieser Person sprechen?) (Schenk 2007: 537 und 562 ff.).

Kernelemente der Befragung zur Überprüfung der Theorie

sind folgende Fragen:

Z eigene Meinung zu einem kontroversen Thema mit

moralischer Aufladung,

Z wahrgenommene Mehrheitsmeinung,

Z Bereitschaft zur öffentlichen Diskussion über ein Thema

sowie

Z Fragen zur moralischen Aufladung eines Themas.


23

Die Erfassung dieser Kernelemente zeigt, ob die notwendigen

Bedingungen für die Anwendung der Theorie der

Schweigespirale gegeben sind. Die zu prüfende Annahme

lautet hierfür: Wer sich in Opposition zur Mehrheitsmeinung

befindet, ist weniger zur öffentlichen wie interpersonalen

Diskussion bereit als diejenigen, die die Mehrheitsmeinung

auf ihrer Seite sehen. Um diese Annahme zu prüfen, wird

die Redebereitschaft respektive Schweigeneigung (s.o.) der

Befragten ermittelt.

Die veröffentlichte Meinung politischer Akteure wie auch die

von den Medien selbst (Kommentare etc.) geäußerten Positionen

(Themensetzung, Framing politischer Ereignisse) sind

wichtige Quellen zur Einschätzung der jeweils herrschenden

Meinung (Schulz 2011: 121). Da Medien ein wichtiger

Bestandteil der Theorie sind, muss zusätzlich als zweite

Quelle die Medienberichterstattung analysiert werden. Dies

erfolgt in Form einer Inhaltsanalyse, um die Themen und

deren Bewertung in der politischen Berichterstattung zu

untersuchen. Erst durch die Kombination beider empirischer

Methoden lässt sich zeigen, ob und in welcher Intensität

die Wahrnehmung der Mehrheitsmeinung auf dem

Medientenor oder der sozialen Umgebung beruht (Kepplinger

2016: 177).

Vermutete Wahlsieger

März Juli September

n=1.052 n=925 n=1.005

CDU/CSU 47% 40% 36%

SPD/FDP 27% 33% 39%

unentschieden/w.n. 26% 27% 25%

Total 100% 100% 100%

Nutzung politischer Fernsehsendungen

häufig

selten

März Juli März Juli

n=175 n=175 n=118 n=118

CDU/CSU 47% 34% 36% 38%

SPD/FDP 32% 42% 24% 25%

unentschieden/w.n. 21% 24% 40% 37%

Total 100% 100% 100% 100%

Bevölkerungsgruppen

Rezipienten

Journalisten

CDU/CSU 40 10

SPD/FDP 33 76

unentschieden/w.n. 27 14

Total 100% (n=1.256) 100% (n=100)

Abbildung 2: Empirische Ergebnisse der Initialuntersuchung zur Theorie der

Schweigespirale (Quelle: Bonfadelli, H. & Friemel, T. N., S. 236)

Empirische Forschung und kritische Würdigung

Eine wichtige Initialzündung zur empirischen Untersuchung

der Theorie der Schweigespirale war der Bundestagswahlkampf

1976. Noelle-Neumann konnte zeigen, dass das Fernsehen

entscheidend zum Sieg der linksliberalen Koalition

beigetragen hat. Danach haben übereinstimmende politische

Orientierungen der Fernsehjournalisten zu einer wirklichkeitsverzerrenden,

für die Linkskoalition begünstigenden Berichterstattung

geführt. Dieses medienvermittelte Meinungsklima

habe vor allem bei den Intensivnutzern des Fernsehens

dazu geführt, dass diese ihre politische Haltung nicht mehr

öffentlich geäußert hätten. Die so in Gang gesetzte Schweigespirale

habe letztlich zu einem Umschwung der politischen

Einstellungen geführt (Bonfadelli & Friemel 2015: 237).

Neben den Untersuchungen zur Bundestagswahl 1976 ist

ein anschauliches Beispiel die Analyse über die öffentliche

Meinungsbildung zur Atomenergie. Hier lagen für einen Zeitraum

von über zehn Jahren (1977-1988) sowohl Daten aus

Befragungen als auch aus Inhaltsanalysen vor. Die Inhaltsanalysen

belegten im Untersuchungszeitraum eine ansteigende

Publizität des Themas Atomenergie bei gleichzeitig

negativer Bewertung durch die Journalisten. Nach der Interpretation

von Noelle-Neumann bedeutet dies, dass sich ein

Großteil der deutschen Bevölkerung mit seinen Einstellungen

am Meinungsklima der Massenmedien orientierte. Bei

Atomenergie-Gegnern nahm die Redebereitschaft zu, denn

sie hatten das öffentliche Meinungsklima auf ihrer Seite.

Anders verhielt es sich mit den Atomenergie-Befürwortern.

Noelle-Neumann konnte an diesem Beispiel auch zeigen,

dass es einen harten Kern von Personen gibt, die ihre Meinungen

vertreten, obwohl sie im Widerspruch zur Mehrheit

stehen (Haferkamp 2008: 276 f.). Die Adaption der Theorie

auf weitere Politikfelder sowie der interkulturelle Vergleich

zeigten, dass diejenigen, die der Meinungsmehrheit angehörten,

auch redebereiter waren als Vertreter der Minoritätenmeinung.

In interkulturellen Tests der Schweigespirale

zeigte sich jedoch auch, dass nicht nur die Isolationsfurcht

für eine verringerte Redebereitschaft verantwortlich ist, sondern

auch ein Streben nach kollektiver Harmonie (ebd.).

Die Theorie der Schweigespirale hatte von Beginn an eine

kontroverse öffentliche Diskussion ausgelöst. Noelle-

Neumann führte beim Bundestagswahlkampf 1976 die Meinungsänderung

der Fernsehintensivnutzer auf eine entsprechende

Fernsehberichterstattung zurück, die sie durch die

einseitige politische Ausrichtung der Journalisten erklärte.

Dieser Befund zog eine intensive (teilweise polemische)

Diskussion zur politischen Ausrichtung der öffentlich-rechtlichen

Rundfunkanstalten nach sich. Die wissenschaftlich

orientierte Kritik betraf hingegen die theoretische Annahme

der Isolationsfurcht des Menschen, die Operationalisierung

des Meinungsklimas und deren Messung sowie die Rede-


24

bereitschaft in der Öffentlichkeit. Im Verlauf der wissenschaftlichen

Diskussion wurde deutlich, dass einzelne Komponenten

der Theorie erfolgreich geprüft werden konnten. In

ihrer Gesamtheit lässt sich die Theorie aufgrund der hohen

Komplexität allerdings nur schwer empirisch überprüfen

(Schenk 2007: 566 ff.; Haferkamp 2008: 275 ff.; Kepplinger

2016: 180).

Zusammenfassung und Ausblick

Trotz der einzelnen theoretischen wie methodischen Einwände

kommt dem Ansatz bei der Erklärung sozialpsychologischer

Phänomene zur Entstehung der öffentlichen

Meinung eine hohe Bedeutung zu. Eine hohe Aufmerksamkeit

erlangte die Theorie der Schweigespirale auch, weil sie

einen methodischen Weg aufzeigt, das kollektive Phänomen

der öffentlichen Meinung im Rahmen der individualistischen

Umfrageforschung zu operationalisieren. Angesichts

der hohen Übereinstimmung zwischen Medientenor und

Bevölkerungsmeinung bei vielen politischen Themen ist die

Gleichsetzung von veröffentlichter und öffentlicher Meinung

naheliegend. Für die wissenschaftliche Bearbeitung ist es

jedoch essenziell, die sozialpsychologischen Randbedingungen

der öffentlichen Meinung und damit die Macht sozialer

Einflüsse für das Funktionieren einer Demokratie zu erkennen.

Die Theorie der Schweigespirale kann daher als allgemeine

Theorie sozialer Integrationsmechanismen bzw. als

sozialpsychologische Fundierung normativer Demokratietheorien

betrachtet werden (Kepplinger 2016: 178).

Die zentrale Bedeutung der öffentlichen Meinung für eine

funktionierende Demokratie lässt sich anhand der folgenden

Kriterien veranschaulichen: Erstens lässt sich dies verknüpfen

mit der Frage nach der Chancengleichheit und den

Artikulationsmöglichkeiten verschiedener politischer Lager

in der Öffentlichkeit. Relevant ist zweitens der Einfluss der

politischen Orientierung von Journalisten auf die Berichterstattung

und damit auf die Selektion und Aufbereitung

von Themen und deren Einordnung (Framing). Drittens sind

Diskrepanzen zwischen der öffentlichen Meinung und der

Medienberichterstattung für die Prägung des Meinungsklimas,

für das Kommunikationsverhalten im öffentlichen

Raum ein grundlegender Bestandteil politischer Diskurskultur

und Teilhabe. Verlagert sich das Reden über konflikthaltige

Themen von der öffentlichen Sphäre und den

sozialen Netzwerken zunehmend in den privaten Raum,

treten öffentliches Schweigen und Konformität stärker in

den Vordergrund.

Jenseits der individual- und sozialpsychologischen Bedingungen

für Redebereitschaft und Konformität tragen auch

Entwicklungen in den Medien zu veränderten Strukturbedingungen

der öffentlichen Meinung bei. Die Darstellung

politischer Themen auf unterschiedlichen Internetplattformen

jenseits der etablierten Massenmedien

führt zu einer hochgradig selektiven Mediennutzung und

Fragmentierung von Öffentlichkeit. In der Folge wird es

zunehmend schwieriger, zwischen Mehrheits- und Minderheitspositionen

zu unterscheiden. Zudem existieren

durch die Vielzahl an Social-Media-Plattformen mehr Teilnahme-

respektive Partizipationsmöglichkeiten der Nutzer,

um ihre individuellen Positionen mitzuteilen. Das

führt zu einem partiellen Meinungspluralismus. Zudem

kann durch die (teilweise) Anonymität im Netz die Isolationsfurcht

verringert werden, sodass die Schweigespirale

durch multiple Öffentlichkeiten und Partizipationsmöglichkeiten

in sozialen Medien schwerer in Gang kommt.

Die Weiterentwicklung der Medienlandschaft führt so auch

zu einer Weiterentwicklung der Theorie der Schweigespirale.


25

LITERATUR

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UVK.

Bonfadelli, H.; Friemel, T. N. (2015): Medienwirkungsforschung.

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durchbrach. In: Die Welt vom 13.11.2016.

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Mohr Siebeck.

Schulz, W. (2011): Politische Kommunikation. Theoretische

Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. Wiesbaden:

Springer VS.


26

FACHFORUM:

5. Versicherungswirtschaftliche

Tagung

Termin: 28. April 2017

Uhrzeit: 09.30 - 17.00 Uhr

Programm

Die Versicherungswirtschaftliche Tagung findet in diesem Jahr zum 5. Mal statt

und steht unter dem Thema:

Geschäftsmodelle der Versicherung neu denken!

Menschlich-Digital-Transparent-Innovativ!

Der Kunde als Ausgangspunkt allen Denkens und Handelns hat sich aus anderen

Lebensbereichen längst an individuelle und flexible Lösungen gewöhnt. Wie

passt dazu eine konservative Grundhaltung und vorsichtiger, manchmal ängstlich

geprägter Umgang mit Innovationen in der Versicherungswirtschaft? Aus

Kundensicht haben sich Versicherungsprodukte und Vertriebswege in den vergangenen

Jahren nicht entscheidend verändert. Der Zeitgeist unserer – vor allem

jungen – Kunden erfordert ein bereichs- und funktionsübergreifendes Umdenken

in der Versicherungswirtschaft. Es geht darum, unseren Zielgruppen innovative

Produktideen mit einem abgestimmten Absatz- und Marketingkonzept zu präsentieren.

Das gelingt nur, wenn wir Geschäftsmodelle neu denken, praktisch,

zeitnah, spannend und mit vielen Ideen gestalten. Denken und daraus lernen

sind unsere Stärken – Staatliche Studienakademie Dresden und Praxispartner

vereint im Wissenstransfer und das seit nunmehr 25 Jahren.


27

Referenten:

Prof. Dr. Matthias Beenken, Ronald Scholz,

Saskia Rudolph, Mario Gärtner, Prof. Marion Eltzsch

Zielgruppe

Studierende und Dozierende im Studiengang Finanzwirtschaft-Versicherungsmanagement,

Praxispartner im Studiengang Alumni, Versicherungsunternehmen,

Makler, Versicherungsvertreter

Staatliche Studienakademie Dresden

Hans-Grundig-Straße 25

01307 Dresden

http://www.ba-dresden.de/de/studium/studienangebot/versicherungsmanagement/aktuelles.html


28

KOLLOQUIUM:

Die Zukunft der Arbeit

Termin: 12. Mai 2017

Uhrzeit: 10.00 - 15.00 Uhr

Zielgruppe

Praxispartner, Absolventen, Dozierende, Mitarbeiter, Kooperationspartner

aus Forschung und Entwicklung sowie Hochschulpartner der Staatlichen

Studienakademie Leipzig

Programm

Vorträge mit anschließender Diskussion zu den Themen:

Z Digitalisierung – Was ist technisch möglich?

Z Wie bereitet sich die Arbeitswelt auf die Anforderungen vor?

Z Wo bleibt der Mensch?

Z Digital Leadership


29

Referenten:

Aus Wirtschaft und Wissenschaft

Preis für die Teilnahme

50,00 €

(Mitglieder des Fördervereins der Staatlichen Studien-Akademie Leipzig e.V.: 30 €)

Staatliche Studienakademie Leipzig

Schönauer Straße 113a

04207 Leipzig

http://www.ba-leipzig.de


30

SYMPOSIUM:

Nachhaltiges Management

in Theorie und Praxis

Termin: 20. September 2017

Uhrzeit: 16.00 - 21.00 Uhr

Zielgruppe

mittelständische Unternehmen, Studierende, Dozierende und Fachvertreter,

die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen

Programm

Bereits zum 7. Mal veranstaltet der Marketing-Verein e.V. das Symposium

„Marketing und Praxis“. Die diesjährige Veranstaltung findet wieder in

Kooperation mit der Staatlichen Studienakademie Riesa statt und widmet sich

dem Thema „Nachhaltiges Management in Theorie und Praxis“. Die Vorträge aus

Wissenschaft und Praxis spannen einen Bogen zwischen der Perspektive der

Konsumenten und beleuchten u. a. das Thema „Augmented Reality am Point

of Sale“ sowie die Perspektive der Unternehmen. Hierbei wird u. a. das Thema

nachhaltiges Tagen adressiert und ein Standard zur Zertifizierung nachhaltiger

Unternehmensführung vorgestellt. Zu Gast ist ebenfalls PRISMA – das Zentrum

für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik an der TU Dresden.


31

Referenten:

Aus Wirtschaft und Wissenschaft

Preis für die Teilnahme

39,90 €

(für Studierende der BA Sachsen ist die Teilnahme kostenfrei möglich)

Staatliche Studienakademie Riesa

Am Kutzschenstein 6

01591 Riesa

http://www.ba-riesa.de/service/veranstaltungen/veranstaltungen-details/id-20-september-

2017-7-symposium-marketing-und-praxis-nachhaltiges-management-in-theorie-und-praxis.html


32

FACHTAGUNG:

Physician Assistant 2017

Termin: 30. November 2017

Uhrzeit: 11.00 - 21.00 Uhr

Zielgruppe

Öffentliche und private medizinische Einrichtungen (Geschäftsführung,

ärztliche Leitung) als Praxispartner und Arbeitgeber für Physician Assistants,

Interessierte und Involvierte aus Gesundheits- und Regionalpolitik sowie Gremien,

Leistungsträger des Gesundheits- und Sozialwesens, Vertreter der Gesundheits-

fachberufe, Vertreter von Hochschulen mit PA-Studiengängen

Programm

Z Physician Assistant in Deutschland - Stand 2017

Z Gemeinsame Empfehlung der Bundesärztekammer und der

Kassenärztlichen Vereinigung zu PA-Studiengängen in Deutschland

Z Vorstellung des Gutachtens zur Bewertung und Entwicklung des

Berufsbilds Physician Assistant

(gefördert durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst)

Z PAs im medizinischen Alltag

Z PAs in der Gesundheitsökonomie

Z Workshops

Z Präsentation der Workshop-Ergebnisse, Diskussion

Z Get-together


33

Referenten:

Aus Wirtschaft und Wissenschaft

Preis für die Teilnahme

Eintritt frei

M&S Umweltprojekt GmbH

Pfortenstraße 7

08527 Plauen

http://www.ba-plauen.de/physician-assistant


34


35

Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Hänsel

studierte Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik an der TU Dresden. Er promovierte 1987 zu einem Thema

der Holzwerkstoffentwicklung, 1991 folgte die Habilitation. Seit 2003 ist er Honorarprofessor an der

Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Nach langjähriger Tätigkeit in der Wirtschaft

in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktionsleitung sowie als Geschäftsführer ist er seit

2007 an der Studienakademie Dresden (seit 2012 als Direktor) beschäftigt. Zu den Schwerpunkten seiner

wissenschaftlichen Tätigkeit gehört u.a. der Bereich der Qualitätssicherung.

Dr. Wolfgang Schultz

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Dresden I andreas.haensel@ba-dresden.de

studierte Maschinenbau an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, wo er auf dem Fachgebiet

Strömungsmechanik zum Dr.-Ing. promovierte. Er verfügt über die Qualifikationen Qualitätsfachingenieur

und -manager, Instruktor, Auditor und EFQM-Assessor der Deutschen Gesellschaft für Qualität

(DGQ). Dr. Schultz war über lange Jahre als Offizier im Bereich der Technischen Truppe Instandsetzung

eingesetzt. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr nahm er 10 Jahre lang Führungsaufgaben

im Qualitätsmanagement wahr. Seit 2008 ist er Geschäftsführer der TEQ Training & Consulting GmbH.

KONTAKT: TEQ Training & Consulting GmbH I wolfgang.schultz@q-das.de

Statistische Prozessregelung (SPC)

für kleine Losgrößen –

Ansätze und Erfahrungen

Andreas Hänsel und Wolfgang Schultz

Die Voraussetzungen für die

Anwendung der statistischen

Prozessregelung sind für kleine

Losgrößen nicht gegeben. Es

werden neue Herangehensweisen

für dieses Problem vorgestellt.

Die Methoden werden auf die

Fertigung von Möbelbauteilen

angewandt und die Anwendbarkeit

nachgewiesen.

The assumptions made by

statistical process control are

not met in small batch sizes. We

will introduce new approaches to

solve this problem. In a second

step, we will apply the methods

to manufacturing furniture

components and show their

applicability.


36

Das Problem, geeignete Methoden für eine SPC

bei kleinen Stückzahlen zu finden, ist von zunehmender

Bedeutung. Aufgrund der Komplexität erfolgte

die Bearbeitung in einer interdisziplinären

Arbeitsgruppe. Die Anwendbarkeit der Ergebnisse

wurde für verschiedene Aufgaben und Industriezweige

nachgewiesen. Nachstehenden Ausführungen

beziehen sich auf die Möbelindustrie. Die

Datenerhebungen wurden im Rahmen studentischer

Arbeiten mit Praxispartnern durchgeführt.

1 Einleitung

Die Analyse des Streuverhaltens und die Ermittlung zugehöriger

Fähigkeitskenngrößen sind für Prozesse der Serienfertigung

in vielen Branchen unabdingbar. Dabei werden

typischerweise Stichprobengrößen von 50 für die Ermittlung

der Maschinenfähigkeit und 125 für die Ermittlung der Prozessfähigkeit

genutzt. In einigen Firmenrichtlinien sind weiterhin

Ansätze beschrieben, wie und unter welchen Bedingungen

diese Werte unterschritten werden können. In vielen

Fällen der Kleinserien- bis hin zur Einzelfertigung sind jedoch

auch diese Modelle nicht einsetzbar. Benötigt werden daher

geeignete Methoden, um auch Prozesse zur Fertigung kleiner

und kleinster Stückzahlen auf statistischer Grundlage zu

analysieren, zu überwachen und gegebenenfalls zu lenken.

Nachstehend werden Herangehensweisen zur Lösung dieser

Problemstellung vorgestellt und beispielhaft auf den Bereich

der industriellen Möbelproduktion angewandt.

2 Lösungsansätze

a) Toleranzausnutzung

Bei diesem Lösungsansatz wird auf Basis des Prozesswissens

aus ähnlichen Produkten bzw. Prozessen eine

Annahme oder Forderung für Cp (Prozessfähigkeit) vorgegeben

und deren Nicht-Verletzung oder eine Abweichung davon

mit einer speziell angepassten Qualitätsregelkarte (QRK)

dokumentiert. Diese wird aus den Vorgaben berechnet und

damit der Prozess überwacht – allerdings zu Beginn noch als

100-Prozent-Prüfung.

Abb. 1: Der Ansatz der Toleranzausnutzung (Quelle: Hänsel, A.; Schultz, W. (2016))

Dazu ist es sinnvoll, zusätzliche Eingriffskriterien anzuwenden,

die im Normalfall zu häufigen Fehlalarmen führen würden.

Als geeignet erweisen sich die Kriterien nach Wheeler,

die in Tabelle 1 dargestellt sind (Wheeler, D. J.). Mithilfe

dieser werden verschiedene Abweichungen der Wertehäufigkeit

vom jeweiligen Erwartungswert innerhalb verschiedener

Quantile bewertet. In Verbindung mit einer sogenannten

dynamischen Range haben sich diese Kriterien bei den

bisher untersuchten Anwendungen als sehr wirksam erwiesen.

Dieser Ansatz ist von sehr kleinen bis hin zu kleinen

Losgrößen anwendbar. Unter bestimmten Voraussetzungen

(wiederholte Fertigung kleiner Lose) kann von diesem Ausgangspunkt

auf die normale Führung von QRK übergegangen

werden. Der Übergang ist fließend. In jedem Falle sollten

die hier vorgeschlagenen zusätzlichen Eingriffskriterien etwa

ab dem 20. Messwert nicht mehr angewandt werden, da die

Wahrscheinlichkeit eines Fehlalarms dann auf über 30 Prozent

steigt.

Kriterium

Beschreibung

1 1 Wert befindet sich außerhalb der 3σ Grenzen

2

3

4

2 von 3 aufeinanderfolgenden Werten oberhalb von

+2σ oder unterhalb von -2σ

4 von 5 aufeinanderfolgenden Werten oberhalb von

+1σ oder unterhalb von -1σ

8 aufeinanderfolgende Werte auf einer Seite der

Mittellinie

Tabelle 1: Kriterien nach Wheeler (Quelle: Wheeler, D. J., 1991)

b) Gruppierung von Merkmalen bei Einzelfertigung

Ein noch weitergehender Ansatz bezieht sich auf die Einzelfertigung.

In bestimmten Fällen können unterschiedliche

Merkmale (Zielwerte und Toleranzen) gruppiert werden.

Durch die Abkehr vom Messwert und die Hinwendung zur

Abweichung des Messwertes vom Sollwert sowie geeignete

Normierung können die Messwerte der unterschiedlichen

Merkmale in ein und dieselbe Regelkarte eingetragen und

somit der Prozess überwacht werden. Der Fokus verschiebt

sich dabei vom einzelnen Merkmal auf den zugehörigen Prozess.

Hierzu wurde unter Berücksichtigung eines ISO Normentwurfs

ein Konzept erarbeitet, das derzeit in der Praxis

erprobt und weiterentwickelt wird (Hänsel, A., Schultz, W.).

Im Normentwurf wird als Faktor für die Normierung der

Erwartungswert für den sogenannten moving range aus n=2

(oder auch 3) vorgeschlagen. Da der Vertrauensbereich (die

Unsicherheit) für die Standardabweichung in diesem Fall

noch sehr groß ist, wird im vorgestellten Ansatz die Toleranz

selbst als Normierungsfaktor genutzt. Damit liegen die normierten

Toleranzgrenzen grundsätzlich bei ± 0,5, was im Sin-


37

Abb. 2: Messwerte an einer Rotorwelle im Bereich von 1100 bis 1800 mm und

unterschiedlichen Toleranzen; oberes Bild – absolute Werte; unteres Bild –

normierte Abweichung vom Sollwert. (Quelle: Hänsel, A.; Schultz, W. (2016))

ne einer Normierung eine allgemeingültige und eindeutige

Variante darstellt. Für die Berechnung der Eingriffsgrenzen

wird – alternativ zum Entwurf – das vorstehend vorgestellte

Modell der Toleranzausnutzung herangezogen. Für den

gewählten Cpk-Wert ist die zugehörige Standardabweichung

zu verwenden, also für Cpk=1,67 gilt s=T/10.

3 Anwendungsbeispiele

3.1 Kaschieren von Möbelfolien

Die Beschichtung der Breitfläche von Möbelbauteilen auf

Folienkaschieranlagen erfolgt in der Regel beidseitig. Der

Prozess setzt sich dabei aus mehreren Schritten zusammen,

die auf verschiedenen Maschinen in folgender Reihenfolge

durchgeführt werden:

da sich die eigentliche Auftragsmenge über eine Einlaufkurve

einstellt. Die Datenerfassung erfolgte über einen längeren

Zeitraum, wobei auf die in der Qualitätssicherung vorliegenden

Werte zurückgegriffen wurde (Adam, C.).

Die Untersuchungen ergaben zunächst, dass die vorgegebenen

Sollwerte der Leimauftragsmenge zu hoch angesetzt

waren, was einen Einsparungseffekt nach sich zieht. Die

Auswertung der erfassten Daten in einer Qualitätsregelkarte

(QRK) ist in Bild 4 dargestellt. Zur Berechnung wurde die

Differenz von Soll- und Istwert auf die Toleranz normiert

sowie die Spezifikations- und Eingriffsgrenzen berechnet.

Die Normierung wäre im Anwendungsfall nicht erforderlich

gewesen, da alle Teile mit der gleichen Toleranz gefertigt

wurden. Für die Berechnung der Eingriffsgrenzen erfolgte

eine Multiplikation des Abmaßes mit dem Wert der 75-Prozent-Toleranzausnutzung

(s. Abb. 1). Damit wurden die absoluten

Abweichungen so aufbereitet, dass sie für unterschiedliche

Maße und Fertigungszeitpunkte vergleichbar wurden.

Die Streuungsspur der Regelkarte enthält den Range über

die kumulierten Werte des fiktiven Loses, der aus der Differenz

der bis dahin gemessenen normierten maximalen und

minimalen Messwerte berechnet wird.

Schleifen → Reinigung → Vorheizen →

Leimauftrag → Kaschieren → Glätten

Nachfolgend wird der Prozessschritt „Leimauftrag“ näher

untersucht. Abweichungen von der optimalen Leimauftragsmenge

können hier in erheblichen Umfang Ausschuss

und Nacharbeit nach sich ziehen. Die Funktionsweise

einer Leimauftragsmaschine ist in Bild 3 dargestellt. Die auf

das Bauteil transferierte Leimmenge ist von verschiedenen

stofflichen Parametern (z.B. Saugverhalten des Substrats/

Bauteils) und technisch-technologischen Parametern (z.B.

Vorschubgeschwindigkeit, Anpressdrücke der Walzen) abhängig.

Die Messung der Leimauftragsmenge erfolgt über ein

Wiegeverfahren, das zeitlich aufwendig und fehleranfällig ist,

pd

VD

Abb. 3: Wirkungsweise und Einflussgrößen an einer Leimauftragsmaschine

(Quelle: Adam, C., S. 33)

VA

VA

pA

VD

pd

VA

Bild 4: Regelkarte für den Leimauftrag an einer Kaschieranlage (Quelle: Originaldaten)

Zunächst wird daraus ersichtlich, dass keine Unterteilung

der QRK in Bereiche (Blöcken) erforderlich ist. Gut erkennbar

ist jedoch auch, dass die Prozessstreuung zu hoch ist

(Bild 4 unten) und das angewandte Messverfahren über

eine zu geringe Auflösung verfügt. Letzteres wird durch das

Unternehmen durch Einführung eines geeigneten Inline-

Messsystems gelöst werden, das die Leimverteilung auch in

Produktionsrichtung und senkrecht dazu erfasst. Ziel ist eine

100-Prozent-Prüfung. Unabhängig davon ist es notwendig,

die Prozessstreuung durch Aufbau tieferer Prozesskenntnis

(z.B. mittels Prozessanalyse unter Nutzung der Methoden

der statistischen Versuchsplanung DoE) zu reduzieren, um

eine ausreichende Prozessfähigkeit zu erreichen.


38

3.2 Beschichtung von Schmalflächen mittels Laser-Verfahren

→ 3.2.1 Technologische Grundlagen

Die Untersuchungen wurden im Bereich der Frontenfertigung

eines kommissionsweise fertigenden Möbelherstellers

durchgeführt. Diese Fertigungsart verlangt zumindest

in bestimmten Prozessabschnitten die Produktion

sehr kleiner Losgrößen (< 25 Bauteile). Dabei werden im

interessierenden Bereich die einzelnen Bauteile zunächst

auf einer Plattensäge vorkonfektioniert. Im Anschluss erfolgt

im Durchlaufverfahren die Bearbeitung auf ein konstruktiv

vorgegebenes Soll-Maß sowie in einem weiteren

Arbeitsschritt die Beschichtung mit Schmalflächenband.

Die für die Untersuchung herangezogene Durchlaufmaschine

Novimat /I/R75/490/R3 der Fa. IMA Klessmann

kann Ungenauigkeiten der vorgelagerten Plattensäge

ausgleichen, sodass die Maßhaltigkeit und Rechtwinkligkeit

nach diesem Bearbeitungsschritt gemessen wurden.

Weiterhin erlaubt die Maschine sowohl ein Fügen unter

Verwendung von PUR-Schmelzklebstoffen oder der sogenannten

Lasertechnologie. Die Grundlage des letztgenannten

Verfahrens besteht in der Verarbeitung koextrudierter

Schmalflächenbänder, die einen Verbund zwischen einer

chemisch hinsichtlich der Haftung auf Holzwerkstoffen

optimierten polymeren Funktionsschicht und dem

eigentlichen Dekor darstellen. Infolge von Adhäsionskräften

entstehen an der Grenzfläche zum Trägerwerkstoff

feste Verbindungen. Durch die für den Schmalflächenbeschichtungsprozess

typischen Andruckrollen erfolgt weiterhin

das Ausfüllen zwischenpartikulärer Hohlräume des

Trägerwerkstoffs, wodurch eine hohe Beständigkeit gegenüber

der Einwirkung von Wasserdampf (DIN 68930-2009)

erreicht wird. Die auf dem Markt befindlichen Lasersysteme

verwenden zum Reaktivieren der Klebstoffschicht Diodenlaser.

Bei der für die Untersuchungen genutzten Maschine

wird mithilfe einer festen Spiegeloptik ein etwa balkenförmiger

Brennfleck erzeugt, der das Schmalflächenmaterial

an der Wirkstelle über die Breite aufschmilzt.

Die Untersuchungen zur Anwendbarkeit der vorgestellten

Konzepte der SPC für kleine Losgrößen konzentrierten sich

auf die Maßhaltigkeit und Rechtwinkligkeit der Bauteile

(Toleranzausnutzung) sowie die Rollschälfestigkeit (systematische

Gruppierung von Prozessen).

→ 3.2.2 Ergebnisse aus der mechanischen Bearbeitung von

Möbelteilen

Datenerfassung

Die Daten wurden an verschiedenen Tagen erfasst, indem

Bauteile im Abstand von 30 Minuten der Fertigung entnommen

und in der Folge vermessen wurden. Die Sollwerte der

Längen- bzw. Breitenmaße bewegten sich dabei in einem

Bereich von 115 Millimeter bis 896 Millimeter.

Ergebnisse

Die Voraussetzungen für die Anwendung des Verfahrens

„Toleranzausnutzung“ sind erfüllt, da die unterschiedlichen

Merkmale auf einer Bearbeitungsmaschine erzeugt werden

und insofern die dafür postulierte „Ähnlichkeit“ vorliegt.

Eine Auswertung aller gemessenen Werte zeigte, dass eine

Normalverteilung angenommen werden kann. Weiterhin

wurden im Beobachtungszeitraum die vorgegebenen Toleranzen

eingehalten, wobei eine Verschiebung zum unteren

Toleranzbereich auffällig war. Zur Überprüfung der praktischen

Anwendbarkeit des Verfahrens wurde der Metadatensatz

in mehrere Untergruppen aufgeteilt. Ein typisches

Ergebnis für die geometrischen Maße Länge bzw. Breite zeigt

Abbildung 5.

Es ist gut zu erkennen, dass für die real unterschiedlichen

Bauteile die Prozessgüte abbildbar ist. Bei Messwert 14 werden

durch die nichtzentrierte Prozesslage die oben genannten

Kriterien 1 und 2 nach Wheeler wirksam.

Eine Untersuchung der Abweichung von der Rechtwinkligkeit

der gefertigten Bauteile erbrachte analoge Ergebnisse.

Abb. 5: Regelkarte für die Länge bzw. Breite von im Durchlaufverfahren gefertigten

Bauteilen (Quelle: Originaldaten)

3.3 Ergebnisse des Fügeprozesses

Die Bestimmung der Rollschälfestigkeit ist ein zerstörendes

Prüfverfahren. Infolge dessen war es notwendig, die benötigten

Daten über einen längeren Zeitraum zu erfassen. Dieses

Verfahren zur Gewinnung einer ausreichenden Anzahl

an Messwerten beschreiben Wiederhold et al. (S. 30-34) wie

folgt: „Wenn…ähnliche Qualitätsmerkmale … vom selben

Prozess geschaffen werden, lassen sie sich zu Prozessgruppen

zusammenfassen. So erhält man eine große Anzahl an

Messdaten.“ Diese Bedingung wird für den untersuchten Bereich

erfüllt. Die Kenntnis zu den Ursache-Wirkungsmechanismen

des Prozesses beruhte zu Beginn der Untersuchungen

im Wesentlichen auf den Erfahrungen der Maschinenführer

sowie Hinweisen der Lieferanten von Maschine und Schmalflächenbändern.

Mittels eines Ishikawa-Diagrammes und

der Quantifizierung durch eine Intensitäts-Beziehungsmatrix

(Klein, B.) erfolgte darauf aufbauend die Vorauswahl

signifikanter Prozessmerkmale. Die Auswahl konnte durch


39

Vorversuche bestätigt werden (s. Tabelle 2). Die Einführung

einer Qualitätsregelkarte kann nur dann erfolgen, wenn keine

signifikanten Einflüsse auf das Prozessergebnis nachgewiesen

bzw. diese prozessseitig oder anderweitig kompensiert

werden können.

0,600

0,400

0,200

0,000

‐0,200

‐0,400

‐0,600

(x i ‐x M )/T

1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29 31 33 35 37 39 41 43 45 47 49

(xi‐xM)/T

USGnorm

OSGnorm

UEGnorm

OEGnorm

Testanordnung

alle Prüfkörper

MDF vs. Spanplatte

alle Prüfkörper

MDF weiß vs. schwarz

Alle Prüfkörper

Spanplatte weiß vs. schwarz

10,4 -3,34

4,71 -3,50

8,27 -3,79

Folgende Einflüsse wurden untersucht:

Z Art des Trägerwerkstoffs

Z Farbe des Schmalflächenmaterials

Z Laserleistung

Z Vorschubgeschwindigkeit

Z Anpressdruck.

kritischer

Wert σ=0,1%

Testergebnis

Prüfgröße

Erwartungswerte

unterscheiden

sich

Tabelle 2: Ergebnisse des einseitigen t-Tests zum Einfluss von Trägermaterial und

Schmalflächenband (Quelle: Originaldaten)

0,600

0,400

0,200

0,000

‐0,200

‐0,400

‐0,600

0,600

0,400

0,200

0,000

‐0,200

‐0,400

‐0,600

(x i ‐x M )/T

1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29 31 33 35 37 39 41 43 45 47 49

(x i ‐x M )/T

1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29 31 33 35 37 39 41 43 45 47 49

(xi‐xM)/T

USGnorm

OSGnorm

UEGnorm

OEGnorm

(xi‐xM)/T

USGnorm

OSGnorm

UEGnorm

OEGnorm

Abb. 6: oben: Messwerte der Daten der Voruntersuchungen; Mitte: Daten der

Hauptversuche für das Trägermaterial MDF/Schmalflächenband weiß;

unten: Daten der Hauptversuche für das Trägermaterial Spanplatte/

Schmalflächenmaterial weiß (Quelle: Originaldaten)

Da eine maschineninterne Regelung den Einfluss von

Laserleistung und Vorschubgeschwindigkeit kompensiert,

wurde diese von den weiteren Untersuchungen ausgeschlossen.

Abbildung 6 stellt die nach den Kriterien Trägermaterial

und Farbe des Schmalflächenbandes in Cluster unterteilten

Prozessergebnisse dar. Deutlich ist zu erkennen, dass die

Erfassung aller Prozessdaten in einer QRK zu falschen

Schlussfolgerungen führen würde. Die Aufteilung in verschiedene

Träger- und Beschichtungsmaterialien erlaubt

hingegen den Prozess reproduzierbar abzubilden. Die in

Tabelle 1 zusammengefassten Ergebnisse bestätigen sich in

den größeren Datenreihen. Offensichtlich verfügen Bauteile

mit dem Trägermaterial Spanplatte über geringere Schälfestigkeiten.

In künftigen Untersuchungen ist der Einfluss der

Werkstoffstruktur (vereinfacht des Herstellers) auf das Prozessergebnis

ebenfalls zu berücksichtigen. Insgesamt wird

jedoch deutlich, dass es in der beschriebenen Weise möglich

ist, die Datenmengen zu akkumulieren, die für das Führen

von Qualitätsregelkarten erforderlich sind.

4 Schlussfolgerungen

Unterschiedliche Verfahren erlauben grundsätzlich eine SPC

auch für kleine Losgrößen erfolgreich durchzuführen, sofern

die Voraussetzungen dafür erfüllt sind.

Die Homogenisierung der Daten von Prozessen mit engem

technologischen Fenster oder komplex wirkenden Einflussgrößen

durch das Vorschalten einer Prozessanalyse ermöglicht

den Aufbau größerer Datenbestände, die zum Führen

einer QRK erforderlich sind.

LITERATUR

Adam, C. (2016): Evaluierung eines Messsystems zur PVAC-

Leimauftragsmengenbestimmung an einer Kaschieranlage,

unveröffent. Bachelor-Thesis, Staatl. Studienakademie Dresden.

Hänsel, A.; Schultz, W. (2016) SPC für kleine Losgrößen, Vortrag,

2. Interdisziplinäres Kfz-Kolloquium, Dresden

Klein, B. (2014): Versuchsplanung- DOE, 4. Aufl., De Gruyter

Oldenburg, München.

Wheeler, Donald J. (1991): Short Run SPC, SPC Press, Knoxville,

Tennessee.

Wiederhold, M. et al. (2016): Gemeinsam sind sie stark – SPC

bei kleinen Stückzahlen, Qualität und Zuverlässigkeit, München,

S. 30- 34.

Schneider, S. (2016): Einführung einer SPC für kleine Losgrößen

durch Klassifizierung unter Nutzung des %Toleranz-Verfahrens,

STAD, Projektarbeit. (unveröffentlicht)


40

Today zoological gardens are meeting

places for humans and animals.

Very often there are also aquaria for

marine animals. Water treatment

represents one of the most important

connections between keeping animals

and their quality of life. The great number

of possibilities for water treatment raises

demand for a system allowing both an

efficient and economic use as well as

the increasing requirements concerning

water quality. It is the purpose of this

study to get information about an

optimal system for the water treatment

of a South American sea lion complex by

means of a comparator check.

Three system variants are presented

and compared in the study. In terms

of physical structure special attention

was directed to the required space, the

selection of materials and the operation

of the facilities, whereas from an

ecological point of view the interrelation

between the components and the

influence on water balance were in the

foreground of the investigations. By the

use of final economic considerations with

the help of a cost comparison method

and a value benefit analysis the most

advantageous system will be determined.


41

Dipl.-Ing. (BA) Laura Bryks

begann 2013 direkt nach dem Abitur ein Studium im Bereich Energie- und Umwelttechnik an der

Staatlichen Studienakademie Riesa sowie im Ingenieurbüro J. Döhler in Leipzig. Für ihre Diplomarbeit

erhielt sie im Jahr 2017 den 3. Preis des Vereins zur Förderung der Ingenieurausbildung der Gebäude-

und Energietechnik Dresden e.V. Aktuell arbeitet sie im Ingenieurbüro D&O GmbH als Planungsingenieurin

für Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärtechnik an verschiedenen Bauprojekten in ganz

Deutschland.

Prof. Dr.-Ing. Marko Stephan

KONTAKT: Ingenieurbüro D&O GmbH I l.bryks@ing-do.de

studierte Energieanlagentechnik an der Technischen Universität Dresden, wo er auf dem Fachgebiet

der Sicherheitstechnik von Energieanlagen 1988 zum Dr.-Ing. promovierte. Seit 2007 ist er Dozent für

Versorgungs- und Energietechnik an der Studienakademie Riesa und leitet seit 2014 den Studiengang

Energie- und Umwelttechnik. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Zukunftstechnologien

für Energie und Umwelt.

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Riesa I marko.stephan@ba-riesa.de

Untersuchungen zu einer Wasseraufbereitungsanlage

für die Quarantänestation

einer Mähnenrobbenanlage

Laura Bryks und Marko Stephan

Zoologische Gärten stellen heutzutage

eine Begegnungsstätte für Mensch

und Tier dar. Oft lassen sich dort auch

Aquarien für Meerestiere finden. Die

Wasseraufbereitung stellt in diesem

Zusammenhang eine der wichtigsten

Schnittstellen zwischen Tierhaltung

und Lebensqualität dar. Die Vielzahl an

Möglichkeiten für die Wasseraufbereitung

wirft jedoch häufig die Frage nach einem

System auf, dass sowohl eine effektive

und wirtschaftliche Nutzung ermöglicht

als auch die steigenden Anforderungen

an die Wasserqualität erfüllt. Ziel dieser

Arbeit ist es, durch einen Vergleich

Aufschluss über das optimale System

für die Wasseraufbereitung einer

Robbenanlage zu erhalten.

In der Arbeit werden drei

Systemvarianten vorgestellt und

verglichen. Baulich lag das Augenmerk

auf Platzbedarf, Materialauswahl und

Betrieb der Anlagen, während aus

ökologischer Sicht das Zusammenwirken

der Komponenten und die Beeinflussung

des Wasserhaushalts im Vordergrund

standen. Durch die abschließenden

wirtschaftlichen Betrachtungen anhand

einer Kostenvergleichsrechnung und

einer Nutzwertanalyse konnte das

vorteilhafteste System ermittelt werden.


42

Die Motivation für die Arbeit ergab sich

aus aktuellen Projekten des Praxispartners

Ingenieurbüro J. Döhler. Bearbeitet wurde

das Thema in Kooperation mit dem Praxispartner

im Rahmen einer Diplomarbeit.

1. Motivation

Zoologische Gärten und Tierparks stellen heutzutage eine

Begegnungsstätte zwischen Mensch und Tier dar und unterscheiden

sich dabei wesentlich von den Zuständen früherer

Einrichtungen dieser Art. Moderne Anlagen sollen so

naturgetreu, groß und dennoch so ungefährlich wie möglich

gestaltet werden, um den Tieren eine Lebensqualität, angelehnt

an ihre natürliche Umgebung, zu gewährleisten. Oft

lassen sich dort auch Aquarien und Wasserbecken für Meerestiere

finden. Aufgrund des großen Spektrums an Wasserqualitäten

in den Meeren der Welt ist die Technik der Wasseraufbereitung

dabei eine wichtige Schnittstelle zwischen

Tierhaltung und Lebensqualität. Besonders in Verbindung

mit Quarantänebereichen werden hohe Anforderungen an

die technischen Systeme gestellt.

Die Vielzahl an Möglichkeiten für die Wasseraufbereitung

wirft jedoch häufig die Frage nach einem System auf, dass

sowohl eine effektive und wirtschaftliche Nutzung ermöglicht

als auch die steigenden Anforderungen an die Wasserqualität

erfüllt. Dabei ist im Falle eines Quarantänebeckens

auch auf das breite Spektrum von möglichen Krankheitserregern

und Keimen zu achten, die sich durch die Isolation

von erkrankten oder umgesiedelten Tieren im Wasser befinden

können.

Ein weit verbreitetes und seit Jahrzehnten erprobtes Verfahren

zur Beckenwasseraufbereitung stellt das Prinzip der

Flotation mittels eines Abschäumers in Verbindung mit der

Desinfektion des Wassers durch Ozon dar (Sander, M.). Im

Gegensatz dazu wird seit etwas mehr als einem Jahr ein getauchtes

Membransystem für eine drucklose Ultrafiltration

am Markt angeboten (Zoch, R.).

In dieser Arbeit werden für ein Quarantänebecken einer

Mähnenrobbenanlage in einem Tierpark mögliche Anlagenvarianten

für die Wasseraufbereitung untersucht und

verglichen mit dem Ziel, die optimale Variante für die

Wasseraufbereitung zu finden. Dabei sind bautechnische,

ökologische und wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen.

Während baulich ein Augenmerk auf den Platzbedarf, die

Materialauswahl und den Betrieb der Anlagen gelegt wird,

sollen ökologisch das Zusammenwirken der einzelnen Komponenten

und die Beeinflussung des Wasserhaushaltes im

Vordergrund stehen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei

auf den Veränderungen der Wasserinhaltsstoffe und

ihren Auswirkungen auf die Robben. Die abschließenden

Betrachtungen zur Wirtschaftlichkeit in Form einer Kostenvergleichsrechnung,

verbunden mit einer Nutzwertanalyse

sollen Aufschluss über kosten- und betriebsbedingte Vorteile

der Anlagen geben und bilden einen weiteren Aspekt, um

eine Gesamtbewertung kritisch darzulegen. Dadurch kann

sowohl die Einsatzmöglichkeit für das betrachtete Objekt

geprüft als auch ein allgemeiner Vergleich der Systeme dargestellt

werden.

2. Die Robbenanlage im Bestand

Das Quarantänebecken der Robbenanlage ist für ungefähr

zehn Mähnenrobben ausgelegt und wird im Moment als

Quarantäneeinheit und für die normale Tierhaltung genutzt.

Die Fütterung erfolgt sowohl im Becken als auch in den Boxen.

Dabei benötigt eine Mähnenrobbe bis zu 15 Kilogramm

Nahrung pro Tag, die vorrangig aus kleinen Fischen besteht.

Zusammen mit Kot und Urin, die im Becken verbleiben, entsteht

dadurch eine Belastung des Beckenwassers mit Abfällen

und Ausscheidungen.

Aktuell ist jedoch keine Anlage für die Wasseraufbereitung

installiert. Ein Sand-Kies-Filter mit vorgeschalteter Pumpe

funktioniert nicht so wie geplant, sodass zurzeit das verschmutzte

Wasser zweimal alle sechs Wochen abgelassen

werden muss, um das Becken zu reinigen und sauberes

Wasser für die Tiere zur Verfügung zu stellen. Dies hat nicht

nur einen enormen Anfall an Abwasser zur Folge, sondern

bedeutet auch einen großen Personalaufwand. Trotzdem

hält die erzielte Reinheit im Becken meist nur wenige Stunden

an.

Im Rahmen von Umbauarbeiten soll nun die komplette Anlage

saniert und an die moderne und zeitgemäße Tierhaltung

angepasst werden. Ziel dieser Sanierungsmaßnahmen ist

neben der Verbesserung der Wasser- und Lebensqualität für

die Mähnenrobben die deutliche Verringerung des Arbeitsund

Personalaufwandes zur Reinigung der Anlage.

3. Untersuchung und Vergleich der Systeme

Für die neue Wasseraufbereitung werden

drei Varianten untersucht:

Z Abschäumer mit Ozoninjektion

Z Drucklose Ultrafiltration ohne zusätzliche

biologische Reinigung

Z Drucklose Ultrafiltration mit vorgeschaltetem

Festbettreaktor zur biologischen Reinigung


43

Variante 1: Abschäumer mit Ozoninjektion

Abschäumer arbeiten nach dem Prinzip der Flotation. Dabei

wird Luft in Form von Gasblasen in das zu behandelnde

Wasser eingeströmt. Die Schmutzpartikel heften sich an

die Gasblasen und bilden eine Schaumphase, die aus dem

System ausgetragen wird (AquaCare GmbH & Co. KG, 2013).

Die Haftung der Partikel wird dabei von sehr vielen Faktoren

beeinflusst, wie z.B. vom Strömungsbild um die Blase, von

der Blasensteiggeschwindigkeit sowie von hydrophilen und

hydrophoben Partikeln. Mit dem letzteren Prinzip können

vor allem Eiweißverbindungen, aber auch Schmutzpartikel,

Bakterien, Pilze oder Metalle aus dem Wasser entfernt werden

(Sander, M.).

Durch die Injektion von dreiatomigem Ozon, das durch die

hochenergetische Bestrahlung von Luft oder reinem Sauerstoff

erzeugt wird, kann der Flotationsprozess unterstützt

werden. Das instabile Ozonmolekül zerfällt sehr schnell und

lässt reaktionsfreudigen, einatomigen Sauerstoff frei. Durch

diesen werden organische und anorganische Bestandteile

oxidiert. Der Vorgang blockiert somit die Stoffwechselvorgänge

lebender Zellen und macht Viren und Bakterien

unschädlich. Am Ende des Desinfektionskreislaufes dürfen

sich keine Ozonmoleküle mehr im Wasser befinden, um den

Tieren durch die aggressive Wirkungsweise nicht zu schaden.

Die Gefahr durch den Umgang mit Ozon sowie die zusätzlich

notwendigen Vorkehrungen bilden die Nachteile dieses

Systems.

Variante 2: Drucklose Ultrafiltration ohne zusätzliche

biologische Reinigung

Die Ultrafiltration gehört zu den Membranverfahren und

basiert auf physikalischen Trennvorgängen. Somit kommt

es im Gegensatz zu Variante 1 nicht zu einer biologischen,

chemischen oder thermischen Veränderung des Wassers.

Mit einer maximalen Porenweite von 0,1 bis 0,01 μm können

Bakterien, Viren und Kolloide sicher zurückgehalten werden

(Wolf, R.).

Die drucklose Ultrafiltration stellt einen Sonderfall dar, bei

dem die Membranmodule direkt in das Rohwasser getaucht

werden. Durch einen kontrollierten Unterdruck auf der Permeatseite

in der Größenordnung von 5 – 20 kPa wird das

Rohwasser durch die Membran befördert. Aufgrund der

saugseitigen Anordnung der Module bezeichnet man diese

Art der Ultrafiltration als drucklos.

Hauptkomponente der Variante 2 ist das getauchte Membransystem

für drucklose Ultrafiltration der Firma WTA Vogtland

GmbH. Entsprechend DIN 19643-4 kann der umlaufende

Volumenstrom für die Ultrafiltrationsanlage im Vergleich

zu Variante 1 um 50 Prozent reduziert werden. Ziel dieses

Systems ist eine optimale Wasseraufbereitung unter Verzicht

auf Chemikalien. Die einzige Ausnahme bildet dabei die

Zugabe von Flockungsmitteln, um den Siebeffekt des Vorgangs

und die Bindung von Huminstoffen zu verbessern.

Diese chemischen Mittel haben jedoch in Verbindung mit

Wasser keine gefährdenden Auswirkungen.

Variante 3: Ultrafiltration mit Biologie

Die dritte Variante basiert auf einem Membranbelebungsverfahren.

Dem getauchten Membransystem zur drucklosen

Ultrafiltration der Variante 2 wird dabei zusätzlich ein Festbettreaktor

zur biologischen Abwasserreinigung durch aerobe

Mikroorganismen vorgeschaltet.

Die mikrobiellen Vorgänge laufen im Biofilm auf dem Aufwuchsträger

aus Polypropylen ab. Je mehr Schmutzstoffe

sich im Wasser befinden, desto aktiver arbeiten die Mikroorganismen.

Bei einem zu geringen Gehalt von Schmutzpartikeln

im Rohwasser wird der Biofilm jedoch zerstört. Ebenso

hemmen besonders toxische Stoffe, wie z.B. Medikamente

zur Behandlung kranker Tiere, den Stoffwechsel der Mikroorganismen

(Liebmann, H.).

Auch hier kann die Wirkung des Aufbereitungsverfahrens

durch Flockungsmittel unterstützt werden. Neben der eigenständigen

Bildung von Flocken wird ebenfalls die Flockenbildung

im Festbettreaktor unterstützt. Ein Nachteil ist jedoch

der große Platzbedarf des Festbettreaktors im Technikraum.

3.1. Bautechnische Untersuchungen

Der vorgesehene Technikraum besitzt mit einer geplanten

Fläche von 19,30 Quadratmetern und einer Raumhöhe von

lediglich 2 Metern ein sehr begrenztes Platzangebot für die

technischen Komponenten. Die Integration aller Bauteile in

diesen Technikraum stellt allerdings eine Grundvoraussetzung

dar, um die Anlage in praxi bautechnisch realisieren

zu können. Jede der drei untersuchten Varianten besitzt

Systemkomponenten

Variante 1

[m²]

Variante 2

[m²]

Variante 3

[m²]

Pumpen incl. Armaturen 3 x 0,1 2 x 0,1 3 x 0,1

Schwallwasserbehälter 1,8 1,8 1,8

Seewasseransetztank 1,0 1,0 1,0

Abschäumer 0,4 – –

Ozonerzeugung 0,3 – –

Dosierstationen 0,3 0,6 0,6

Verdichter 0,3 0,1 0,1

Permeatbehälter – 1,7 1,7

UV-Anlage 0,2 0,2 0,2

Behälter Biologie – – 2,3

Haar- und Faserfänger 2 x 0,1 0,2 0,2

Gesamtplatzbedarf 4,8 5,8 8,2

Tabelle 1: Platzbedarf der einzelnen Komponenten (Quelle: Bryks, L.)


44

diverse Bauteile und Apparate, die aufgrund der unterschiedlichen

Volumenströme auch in ihren Abmessungen variieren.

Tabelle 1 enthält eine Zusammenstellung des Platzbedarfs

der einzelnen Komponenten aller untersuchten Varianten.

Die Bauteile der Systemvarianten 1 und 2 lassen sich problemlos

in den Technikraum integrieren. Keine Komponente

ist dabei höher als zwei Meter und es bleibt ausreichend

Platz für notwendige Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten

an den technischen Apparaten.

Für die Armaturen in Variante 3 ist das Platzangebot jedoch

nicht ausreichend. Der Kreislauf zwischen Biologiebehälter

und Schwallwassertank kann nicht zustande kommen,

da der Bereich für die Kreislaufpumpe inklusive der notwendigen

Armaturen nicht groß genug ist. Eine Umsetzung

des Festbettreaktors ist jedoch auch nicht möglich, da das

Flockungsmittel für eine ausreichende Reaktionszeit im

Wasser eine Rohrlänge von mindestens 2 Metern zwischen

Schmutzfängern und Biologiebehälter erforderlich macht.

Des Weiteren ist durch die Anordnung des Schwallwasserbehälters

der Platz für die Umgehungsleitung und die

UV-Anlage sehr beengt.

3.2. Wirtschaftliche Betrachtungen

Neben den technischen Betrachtungen der drei Anlagenvarianten

ist es ebenso wichtig und aufschlussreich die

wirtschaftlichen Aspekte zu untersuchen. Hierzu wird die

Kostenvergleichsrechnung als statisches Verfahren der Investitionsrechnung

angewendet. Die Ergebnisse dieser Kostenvergleichsrechnung

sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

Variante 1 Variante 2 Variante 3

Anschaffungskosten 69.998,36 € 66.723,39 € 80.119,25 €

Nutzungsdauer

Zinsfuß

12 Jahre

3,00 % p.a.

Kalkulatorische Abschreibungen 5.833,20 € 5.560,28 € 6.676,60 €

Kalkulatorische Zinsen 1.049,98 € 1.000,85 € 1.201,79 €

Fixe Kosten pro Periode 6.883,17 € 6.561,13 € 7.878,39 €

pH-Wert-Korrekturmittel 1.622,40 € 2.293,20 € 2.293,20 €

Flockungsmittel - € 78,00 € 78,00 €

Instandhaltung (1,5 %) 1.049,98 € 1.000,85 € 1.201,79 €

Personalaufwand 7.020,00 € 2.070,00 € 3.150,00 €

Abwasserkosten 280,80 € 280,80 € 280,80 €

Wasserkosten - € - € - €

Stromkosten 11.018,50 € 4.438,50 € 4.982,30 €

Variable Kosten pro Periode 20.991,68 € 10.161,35 € 11.986,09 €

Gesamtplatzbedarf 27.874,85 € 16.722,48 € 19.864,49 €

Tabelle 2: Zusammenstellung der Gesamtkosten pro Periode (Kalenderjahr)

(Quelle: Bryks, L.)

3.3. Nutzwertanalyse

Mithilfe einer Nutzwertanalyse lassen sich mehrere Alternativinvestitionen

hinsichtlich unterschiedlicher Prioritäten

für eine Entscheidung bewerten. Durch die eigenständige

Festlegung der Kriterien und Prioritäten entsteht zwar ein

subjektives Entscheidungsbild; dies macht aber Sinn, da das

Ergebnis der Analyse auf eine qualitativ hochwertige Wasseraufbereitung

für die Mähnenrobben abzielt und nicht unbedingt

auf die preiswerteste Anlagenvariante.

1

Verbesserung der

Wasserqualität

1.1

Vermeidung von

Algenbildung

1.2

Entfernung der

Wassertrübung

1.3

Abhalten von Bakterien,

Viren und Parasiten

2

Personalaufwand

Effektivste &

wirtschaftlichste

Anlage

3

Betrieb in der

Praxis

Abbildung 1 - Hierarchie der Entscheidungskriterien

3.1

Platzbedarf

(K.o.-Kriterium)

3.2

Strombedarf

3.3

Spülung und Reinigung

3.4

Störungspotential &

Gefährdung

3.5

Bedienung

4

Wirtschaftlichkeit

Jedes Kriterium erhält entsprechend seiner Priorität eine

prozentuale Wichtung und wird mit einer Bewertung von

1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) versehen. Aus dieser Bewertung

lassen sich die Nutzwerte der betrachteten Varianten

berechnen und vergleichen. Die Kriterien für die Nutzwertanalyse

sind in Abbildung 1 hierarchisch aufgelistet. Vorab

sind K.-o.-Kriterien, die bei Nichterfüllung direkt zum Ausschluss

der betroffenen Variante führen, zu prüfen. Für die

Robbenanlage ist das Attribut „Platzbedarf“ ein solches

Kriterium. Wenn die Systemkomponenten nicht komplett in

dem dafür vorgesehenen Technikraum verstaut werden können,

dann kann die Anlage nicht eingesetzt werden. Aus diesem

Grund scheidet das Ultrafiltrationssystem mit Festbettreaktor

(Variante 3) aus der Nutzwertanalyse aus und kommt

dementsprechend auch nicht als Lösung infrage.

Die Ergebnisse der Nutzwertanalyse für die verbleibenden

Varianten 1 und 2 sind in Tabelle 3 zusammengefasst.

Es wird ersichtlich, dass die altbewährte Variante 1, bestehend

aus Abschäumer und Ozoninjektion mit einem

Nutzwert von 2,6 eine solide technische Lösung darstellt.

Variante 2, die neue und noch relativ unbekannte drucklose

Ultrafiltration ohne zusätzliche biologische Reinigung ist mit

einem Nutzwert von 1,4 jedoch die deutlich bessere Alternative.


45

4. Fazit und Ausblick

Nach den ökologischen, bautechnischen und wirtschaftlichen

Betrachtungen der drei Systemvarianten der Wasseraufbereitung

sowie aufgrund des Vergleiches durch die

Nutzwertanalyse ergibt sich die drucklose Ultrafiltration

ohne zusätzliche biologische Reinigung (Variante 2) als beste

Lösung für das untersuchte Robbenbecken. Dies liegt besonders

an der sehr hohen Funktionssicherheit, dem geringen

Platzbedarf, der chemikalienfreien Wasserdesinfektion und

dem damit verbundenen geringen Gefährdungspotenzial.

Vorteilhaft sind weiterhin die geringeren Investitions- und

Betriebskosten im Vergleich zu einer Wasseraufbereitung mit

Abschäumer und Ozoninjektion.

Für große Aufbereitungsmengen und bei ausreichendem

Platzangebot empfiehlt es sich, das System durch die Kombination

mit einem vorgeschalteten Festbettreaktor, wie

in Variante 3 beschrieben, zu erweitern, um dadurch einen

noch effektiveren Betrieb zu ermöglichen.

Kriterium

Wichtung

Variante

Variante 1 Variante 2

2

1.1. Vermeidung Algenbildung 25% 2 0,5 2 0,5

1.2. Entfernung Wassertrübung 35% 1 0,35 1 0,35

1.3.

1.

Abhalten von Bakterien,

Viren, Parasiten

Verbesserung der

Wasserqualität

40% 1 0,4 1 0,4

40% 1,25 0,5 1,25 0,5

2. Personalaufwand 25% 4 1 2 0,5

3.1. Platzbedarf (K.-o.-Kriterium) 10% 4 0,4 1 0,1

3.2. Energiebedarf 20% 3 0,6 1 0,2

3.3. Spülung/Reinigung 30% 2 0,6 1 0,3

3.4.

Wertung

Nutzwert

Wertung

Nutzwert

Störungspotenzial/Gefährdung

20% 4 0,8 2 0,4

3.5. Handhabung/Bedienung 20% 3 0,6 1 0,2

3. Betrieb in der Praxis 20% 3 0,6 1,2 0,24

4. Kosten 15% 3 0,45 1 0,15

Summe Nutzwert 100% 2,6 1,4

Tabelle 3: Ergebnisse der Nutzwertanalyse (Quelle: Bryks, L.)

LITERATUR

AquaCare GmbH & Co. KG: AquaCareFlotor – the new generation.

Hochleistungsabschäumtechnik, http://aquacare.de/

download/prospekt/p-acf_2DE.pdf, (Zugriff: 05.08.2016).

Bryks, L. (2016): Vergleich einer Wasseraufbereitungsanlage

mit Abschäumer und Ozonbeaufschlagung gegenüber einem

getauchten Membransystem für drucklose Ultrafiltration,

Diplomarbeit Staatliche Studienakademie Riesa.

Liebmann, H. (1968): Münchner Beiträge zur Abwasser-,

Fischerei- und Flußbiologie. Band 5, Tropfkörper und Belebungsbecken.

Verlag R. Oldenbourg München und Wien , 2.

Auflage.

Sander, M. (1998): Aquarientechnik im Süß- und Seewasser.

Ulmer-Verlag Stuttgart (Hohenheim), 1. Auflage.

Wolf, R. (2014): Praxis der Aufbereitung von Betriebs- und

Prozesswasser. Deutscher Industrieverlag München, 1. Auflage.

Zoch, R.: Ultrafiltration drucklos. Innovative Membran-Systeme

für Wasseraufbereitung in öffentlichen Bädern. In: AB

Archiv des Badewesens, Jg. 14 (2016), Nr. 3, S. 159 - 164.


46

Call for Papers für die

wissenschaftliche Zeitung

an der Berufsakademie Sachsen

2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit der vorliegenden Ausgabe „Wissen im

Markt“ beginnt die Berufsakademie Sachsen

ein standortübergreifendes Medium

zu schaffen, um Erkenntnisse aus der angewandten

Forschung, dem Technologietransfer

und dem Wissenstransfer zu publizieren.

Damit wird eine Plattform zum wissenschaftlichen

Austausch unter Kollegen,

anderen Hochschulen geschaffen, um

den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung

sowie der Hochschullandschaft zu stärken.

Gemeinsam mit Ihnen wird eine wissenschaftliche

Schriftenreihe erarbeitet, die

jährlich mit ISSN- Nummer erscheint.

Die Veröffentlichungen werden als Druckund

Onlineformat zur Verfügung stehen und

über die Leipziger Medien Service GmbH gedruckt.

Zielgruppe der Publikation sind Praxispartner

und Studierende.

Beiträge dürfen haupt- und nebenberufliche

Dozenten, Kollegen, Alumni sowie

Praxispartner, die mindestens den ersten

akademischen Grad erreicht haben, einreichen.

Der Autor verpflichtet sich mit der Einsendung

des Manuskripts unwiderruflich, dieses

bis zur Entscheidung über die Annahme

nicht zu veröffentlichen oder anderweitig

zur Veröffentlichung in deutschsprachigen

Medien anzubieten. Es ist nicht möglich für

die Veröffentlichung ein Honorar zu zahlen.


47

AUFRUF:

Vom 10.04. - 31.12.2017 können Sie Ihre wissenschaftlichen Beiträge

mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Wirtschaft sowie

Technik und Soziales unter publikation@ba-sachsen.de einreichen.

Hinweise zur

Veröffentlichungsreihe:

Die wissenschaftlichen Beiträge

sollen in deutscher Sprache

eingereicht werden und ein

Summary in Englisch enthalten.

Folgende Kriterien

sind zu erfüllen:

• bieten innovative Perspektiven,

Argumente, Problemanalysen

in Ihrem Studiengang/Ihrer

Kernkompetenz

• fokussiert wesentliche Aspekte

in Ihrer Kernkompetenz

• ist theoretisch fundiert, d. h.

bietet eine deutliche Anbindung

an den derzeitigen

wissenschaftlichen Diskurs

• macht die Methodik des

Erkenntnisgewinns transparent

• folgt konsistent den Regeln

der wissenschaftlichen Arbeit

• Das Manuskript umfasst 3-10

Seiten, wobei die reine Textseite

maximal 3.200 Zeichen

inkl. Leerzeichen umfassen

darf. Im Falle Sie nutzen

Abbildungen verringert sich

die Zeichenanzahl.

• Der Abstract sollte nicht

mehr als 150 Wörter umfassen.

• Vorstellung des Autors mit

Kurzbiografie und schwarzweiß

Lichtbild

• es gilt die deutsche

Rechtschreibung

• Am Schluss des Manuskriptes

ist eine Literaturliste

anzufügen. Alle verwendeten

Titel sind alphabetisch nach

Autorennamen und Erscheinungsjahr

zu ordnen.

Datenübermittlung

und Angaben zum Autor

Der Autor wird anhand seines

Lichtbildes sowie einer Kurzbiografie

unter Angaben der

Kontaktdaten veröffentlicht.

Diese Angaben sind in gesonderten

Dateien mit folgenden

Anforderungen zu senden:

Bildanforderung:

• 2 MB Bildgröße,

52 mm Breite x 55 mm Höhe

Kontaktmöglichkeit

des Autors:

• Vor- und Zuname

• Institution/Firma

• Studiengang/Abteilung

• E-Mail-Adresse

Grafiken/Abbildungen:

• sind in separaten, zusätzlichen

Dateien und druckfähiger

Auflösung zu liefern

Der angenommene, druckreife

Beitrag (Textmanuskript,

Abstract, Tabellen, Abbildungen)

ist elektronisch, bestenfalls

in Original Excel- Dateien

bzw. Word-Dateien zu übersenden.


48

Daycare is often underestimated in its

importance for inclusion. The common

view of daycare is that this institution is

only used by people who are elderly and

who mainly cannot stay at home alone.

This view limits the opportunities which

daycare is able to offer a varied group of

people who need assistance and support

in daily life. This essay has the purpose to

change this limited view on daycare. The

opening of daycare requires further and

interdisciplinary qualifications for care

staff. In the future daycare can become

a place for elderly people, toddlers,

for people with handicaps or mental

disability at the same time. It has the

potential to bring different individuals

together so that they can profit from each

other. This would lead to a successful

inclusion which will be illustrated by

example of an intergenerational daycare.


49

Prof. Stefan Müller-Teusler

geboren 1964, studierte Sozialpädagogik an der Hochschule (heute: Universität) Lüneburg und absolvierte

dort ein Masterstudium (M.B.A.). Beruflich war er in der Leitung einer stationären Einrichtung für

Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum tätig sowie Dozent im Studiengang Soziale

Arbeit an der BA Breitenbrunn und Studiengangleiter. Hinzu kamen Lehraufträge an Hochschulen in

Deutschland, Österreich und der Schweiz. Heute ist er Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband

in Uelzen und Praxispartner der BA Breitenbrunn. Er lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg

sowie an der BA Breitenbrunn und ist Vorsitzender der Studienkommission Sozialwesen.

Stefanie Sychla

KONTAKT: Paritätischer Uelzen/BA Breitenbrunn I uelzen@paritaetischer.de

geboren 1986, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau (IHK) sowie eine Weiterbildung

zur Sparkassenfachwirtin an der Sparkassenakademie Niedersachsen. Im Anschluss studierte sie Sozialwissenschaften

(B.A.) an der Leibniz Universität Hannover. Beruflich war sie u.a. als Privatkundenberaterin,

Arbeitsvermittlerin und im Bereich der Aus- und Weiterbildung in der freien Wirtschaft tätig.

Heute ist sie Projektkoordinatorin im Projekt „VeLa-Versorgung auf dem Land“ beim Paritätischen

Wohlfahrtsverband Niedersachsen e. V., Kreisverband Uelzen und Lehrbeauftragte an der Leuphana

Universität Lüneburg.

KONTAKT: Paritätischer Uelzen/BA Breitenbrunn I uelzen@paritaetischer.de

Tagespflege (für Senioren) – ein

missverständliches Inklusionsprojekt

Stefanie Sychla und Stefan Müller-Teusler

Tagespflege ist in der Lage, im Sinne

von Inklusion mehr zu leisten als ihr

bisher zugetraut wird. Die heutige

Sicht auf Tagespflege als ein alleiniges

Betreuungsangebot für pflegebedürftige

Senioren ist überholt und muss sich

wandeln. Hierzu ist es auch erforderlich,

die Anforderungen an Mitarbeitende in

diesem interdisziplinären Tätigkeitsfeld

anders zu denken. Ein Zukunftsentwurf

für ein „inklusives Zuhause für

tagsüber“ dient als Beispiel für

generationenübergreifende Betreuung.


50

Aus dem Betrieb einer eigenen Tagespflege ergab

sich die Beobachtung, dass landläufige Vorurteile

dringend korrigiert werden müssen und

Tagespflege ein großes Potenzial beinhaltet,

was häufig nicht beachtet wird. Insbesondere

im Kontext von Teilhabe und Inklusion ist Teilhabe

ein wichtiges Praxisfeld. Diese Ausführungen

sind bisher einzigartig und sollen fachliche Diskussionen

anstoßen.

1. Einleitung

Tagespflege für Senioren ist ein teilstationäres Angebot,

das – je nach Pflegegrad des Tagesgastes – aus Mitteln der

Pflegeversicherung finanziert wird. Es besteht die landläufige

Meinung, Tagespflege sei so etwas wie ein „Kindergarten

für Senioren“ und bekomme damit auch den Charakter eines

Betreuungsangebotes für Menschen, die eben nicht (mehr)

für sich selber sorgen können. Tatsächlich, und das soll hier

aufgezeigt werden, ist Tagespflege ein höchst anspruchsvoller

Ort von Begegnung, Förderung, Kommunikation und vor

allen Dingen Inklusion, der in seiner professionellen Ausrichtung

einer interdisziplinären Tätigkeit von verschiedenen

Mitarbeitern bedarf.

2. Tagespflege (für Senioren)

Tagespflege ist folgendermaßen definiert: „Die Tagespflege

wird in der Regel von Pflegebedürftigen in Anspruch genommen,

deren Angehörige tagsüber berufstätig sind. Die

Pflegebedürftigen werden meist morgens abgeholt und

nachmittags nach Hause zurückgebracht. Die Tagespflege

findet in Pflegeheimen oder in einer Tagesstätte statt. Pflegebedürftige

erhalten dort ihre Mahlzeiten, befinden sich in

Gesellschaft und werden körperlich und geistig aktiviert.“

(Die Bundesregierung in einer offiziellen Verlautbarung vom

10.05.2016, http://www.bmg.bund.de/glossarbegriffe/t-u/

tages-und-nachtpflege.html; Abruf am 20.10.2016) Üblicherweise

kommen in einer Tagespflege sehr unterschiedliche

Menschen im überwiegend höheren Lebensalter zusammen.

Der Anlass für die Aufnahme in die Tagespflege erfolgt aus

ganz unterschiedlichen Gründen:

Z Bedürfnis nach Geselligkeit, Verhinderung von Einsamkeit

Z Entlastung der pflegenden Angehörigen (aus beruflichen

und/oder persönlichen Gründen)

Z Ergänzung zur ambulanten Pflege

Z Erhalt von lebenspraktischen Kompetenzen

Z Betreuung und Beaufsichtigung aufgrund von lebensphasentypischen

Erkrankungen (z.B. Demenz) mit

eventuellen Komplementärfolgen

Z Kompensation von (alterstypischen) Beeinträchtigungen

Z Ausfall/Wegfall von Betreuungsmöglichkeiten

Die Aufnahme von Menschen in die Tagespflege ist erst einmal

eine hohe Integrationsleistung. Es geht um das Abholen

der Menschen in ihrer individuellen Lebenssituation und

-phase, es geht um ihre Erlebnisse, es geht um reichhaltige

Biografien mit diversen Erfahrungen (positiv wie negativ)

und es geht um den Respekt vor der jeweiligen Lebensleistung

ohne jegliche moralische Wertung. Tagespflege ist eine

Begegnung auf Zeit und gleichwohl ein intensiver Prozess

von Sozialisation mit Prägung von biografischen Momenten

– bei Tagesgästen gleichermaßen wie bei Mitarbeitern und

Praktikanten. Tagespflege lässt sich mit dem Motto: „Lassen

Sie uns Gast sein in Ihrem Leben“ (vgl. Müller-Teusler, 2010,

2013) gut umschreiben. Damit ist die Institution lebendig

geworden, hat inhaltliche Konturen erfahren. Und Lebendigkeit

sowie Begegnung bestimmen das Bild. Es geht um ein

Stück gelebte Gemeinschaft, die sie außerhalb der Tagespflege

(häufig) nicht mehr haben.

Tatsächlich findet in der Tagespflege relativ wenig Pflege

statt, sondern es ist eher ein Begleiten in hygienischen Kontexten

und Unterstützung in lebenspraktischen Zusammenhängen

(z.B. Essen und Trinken). Der Begriff Tagespflege ist

damit irreführend, suggeriert dieser doch eher das Bild von

vielfach eingeschränkten Menschen, ist anscheinend auf bestimmte

Klienten beschränkt, die einer (komplexen) Versorgung

bedürfen. Tatsächlich können alle Menschen, die einen

Pflegegrad aufweisen, in die Tagespflege gehen, soweit sie

nicht schon anderweitig außerhalb ihrer Häuslichkeit betreut

werden. So gibt es auch untypische Tagesgäste, wie sie

z.B. beim Praxispartner Paritätischer Uelzen im Laufe von

nun drei Jahren betreut wurden bzw. werden, darunter Menschen

mit einer Chorea-Huntington-Erkrankung, mit einer

Zerebralparese, mit frühkindlichem Autismus, mit Bulimie

und anderen Formen von Störungen bzw. Beeinträchtigungen.

Außerdem hat sich ergeben, dass ein Praktikum in der

Tagespflege für manche Menschen eine Chance zur beruflichen

Orientierung ist und häufig parallel mit einer (Neu-)

Ordnung des eigenen Lebens verbunden ist. Tagespflege – so

vielleicht ein erstes Zwischenfazit – ist damit (unmerklich)

zu einem Schon- und Entlastungsraum geworden – sowohl

für Tagesgäste der eher typischen Altersgruppe im höheren

Lebensalter als auch für Menschen mit unterschiedlichen

Barrieren wie auch für diverse Praktikanten. Tagespflege

erweist sich vor diesem Hintergrund als inklusiv.

In diesem Raum von Begegnung ist erst einmal keine Anforderung,

sondern ein Ankommen und Sich-Miteinander-Finden.

Weil es ein Raum ohne Anforderung ist, gibt es für jeden

Einzelnen die Möglichkeit zur individuellen Orientierung und

Ausrichtung nach seinen Neigungen. Da sind die Senioren

neugierig auf den Menschen mit frühkindlichem Autismus.

Da geht nach ein paar Tagen des neugierigen Beobachtens

der Mensch mit Autismus unvermittelt auf eine Seniorin zu


51

und legt ihr seine Hand auf den Kopf. Da achten die Senioren

darauf, dass der Tagesgast mit Zerebralparese nicht stürzt

und ihm in seinen Bewegungen geholfen wird. Da werden

Tagesgäste zu Unterstützern und verstehen sich quasi als

Praktikanten. Tagespflege wird vom Raum der Begegnung

zum Forum der Interaktion von Tagesgästen. Das Miteinander

wird selbstverständlich als Grundsatz und Grundhaltung:

gelebte Inklusion.

3. Fachliche Anforderungen

Tagespflege erfordert eine höchst differenzierte Professionalität.

Sie ist sowohl aufgrund der unterschiedlichen Personen

als auch der diversen Fragestellungen multi- und interdisziplinär

ausgelegt. Es werden Kenntnisse von sozialer

Gerontologie (in einem jüngeren sozialwissenschaftlichen

Verständnis) wie auch Geriatrie verlangt; Pflegewissenschaft

und Gesundheitswissenschaft komplementieren diese. Hinzu

kommen Elemente aus Physiotherapie, Ergotherapie,

ggf. Logopädie etc. Das betrifft überwiegend die physiologische

Konstitution des Menschen. Besonders notwendig

sind zudem die psychischen Aspekte, die in der Dynamik der

jeweiligen Lebensphase und der damit verbundenen Befindlichkeit

eine erhebliche Rolle spielen. Psychologie in ihren

unterschiedlichen Aspekten wie Traumabewältigung, methodische

Zugänge zum Menschen, Umgang mit Stimmungsschwankungen

und ambivalenten Emotionen wie auch spezifische

Kenntnisse der Entwicklung der Lebensphasen ist

hier vordringlich zu nennen.

Da Tagespflege ein Geschehen in Gruppen mit sehr unterschiedlichen

Menschen ist, sind Kenntnisse von Gruppenpädagogik

und -dynamik unerlässlich. Die Gruppe der

Tagesgäste ist über die Woche betrachtet nicht homogen,

sondern abhängig von Pflegegraden und individuellen

Bedürfnissen. Die Zusammensetzung kann täglich variieren,

sodass es nicht um einen konstanten Prozess

von Gruppenbildung geht, sondern dieser variabel ist

und dementsprechend eine hohe Flexibilität der Mitarbeitenden

erfordert.

Tagespflege ist auch eine Form von Bildung: „die wache,

kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur. Es ist

dieser Prozess der Aneignung, in dem sich jemand seine

kulturelle Identität schafft“ (Bieri, 2014, S. 62). Menschen

im höheren Lebensalter benötigen hier eine besondere Unterstützung,

sind doch viele Entwicklungen (Kulturen) um

sie herum nicht (mehr) verständlich, gleichwohl leben sie in

dieser Zeit mit ihren Strömungen und Tendenzen. Teilhabe

heißt nicht nur Zugänge zu schaffen, sondern auch Verständnisse

zu ermöglichen, damit gelingende Interaktionen (z.B.

zwischen Kulturen, Generationen) stattfinden können.

Es ist schon fast banal darauf hinzuweisen, dass Tagespflege

auch ein Teil von Lebensweltorientierung ist und die soziale

Arbeit längst in diesen Lebensphasen tätig ist (vgl. Böhnisch,

2012) wie umgekehrt die Lebensweltorientierung zunehmend

in pflegerischen Kontexten rezipiert wird. „Lebensweltorientierung

steht so für Normalisierung und Pluralisierung, in

interventiver Hinsicht für eine kasuistische Orientierung mit

starkem Bezug auf relevante – individuelle und strukturell –

Umweltfaktoren. In lebensweltlicher Perspektive kann

so auf Unterschiedlichkeiten zwischen den Generationen

angemessen reagiert werden – ohne auf der einen Seite

auf eine Segregation zu zielen noch auf der anderen Seite

Altersgruppenunterschiede einzuebnen“ (Otto/Bauer, 2004).

Tagespflege bietet hierfür den (Schon-)Raum, insbesondere

im Zusammenhang mit untypischen Klienten, diese Brücken

zu bauen und Bildung als Prozess (s.o.) zu verstetigen. Die

Handlungsmaximen der Lebensweltorientierung (Prävention,

Alltagsnähe, Integration, Partizipation, Dezentralisierung/Regionalisierung/Vernetzung

sowie Einmischung (vgl.

Grundwald/ Thiersch, 2004, S. 26.ff.)) gelten für Tagespflege

gleichermaßen.

4. Anforderungen an Mitarbeitende

Tagespflege ist zuvorderst eine Begegnung zwischen Personen

– sowohl Tagesgäste untereinander als auch Mitarbeitenden

mit den Tagesgästen. Diese Begegnung zwischen

Mitarbeitenden und Tagesgästen ist einerseits ein impulsives

Interagieren miteinander und andererseits ein professioneller,

gekonnter Akt, der in gelingendes Handeln mündet. „Das

methodische Handeln in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik

ist kein technischer Vorgang; vielmehr basiert es auf einer

theoriegeleiteten Qualifikation, aber auch auf der persönlichen

Einsatzbereitschaft und Haltung sowie auf dem Charisma

des Erziehenden.“ (Colla, 2011, S. 897). Der Erziehende

hat hier mehr die Rolle des Begleiters, was an dem Grundsatz

des methodischen Handelns nichts ändert. Es bedarf der

Verabredung zu einem gemeinsamen Bildungsprozess (s.o.)

zweier miteinander agierender Akteure, wobei der Mitarbeitende

(Erziehende) die Rolle des leitenden Akteurs im Sinne

des methodischen Handelns innehat, weil es hier die Umkehrung

des Generationenverhältnisses ist, was für die Mitarbeitenden

bedeutet, Balancieren zu lernen (vgl. Meyer, 2013).

Dieses methodische Handeln erfordert also eine professionelle

Haltung, die in einen Habitus mündet. Dieses

Kon-strukt ist die eigene biografische und soziale Vergangenheit

in Kombination mit einem fachspezifischen

Habitus (Friebertshäuser, 2000; vgl. Meyer, 2013, S. 239).

Dazu gehört unabdingbar die Klärung eigener Lebensfragen

als ein Moment moderner, sozialwissenschaftlich

fundierter Allgemeinbildung bzw. als das Erkennen von

Schwierigkeiten sowie als Potenzial des sozialen Lebens

und Lernens (Thiersch, 2000; vgl. dazu Meyer, 2013, S. 241).

Dieses Charismatische, das Wirken als Person und der weit-


52

gehend vorbehaltlose Zugang zu (älteren) Menschen stellt

die unsichtbare Qualifikation dar (Müller-Teusler, 2013),

die eine persönliche Voraussetzung für die fachliche Qualifizierung

und damit letztendlich für gelingendes professionelles

Handeln bildet. Diese unsichtbare Qualifikation ist an

die jeweilige Person gebunden, sie ist ein konstitutiver Bestandteil

der Erzieherpersönlichkeit und bleibt dynamisch

im Kontext der personalen Entwicklung.

Das Handeln der Mitarbeitenden bedarf nicht nur spezifischer

Kenntnisse der oben genannten Disziplinen, sondern muss –

theoriegeleitet – die Kombination von professionellem Handeln

und ethischer Fundierung schaffen (vgl. z.B. Schwerdt,

1998; Conradi, 2001) als Ausdruck des berufsspezifischen

Habitus. Die Tätigkeit in der Tagespflege bedeutet also ein

Balancieren lernen (Meyer, 2013) als professionelles Handeln

zwischen aktivem Tun, aber auch aktivem Aushalten. Liebe

und Verantwortung (Colla, 2011) stellen hier den pädagogischen

Bezug dar, was ohne ethische Fundierung unmöglich

ist.Hinzu kommen die soft skills, wobei hier die sozialen Kompetenzen

eine Schlüsselfunktion einnehmen.

Es geht um Kompetenzen:

Z im Umgang mit sich selber

Z im Umgang mit anderen

Z in Bezug auf Zusammenarbeit

Z in Bezug auf Führung(-squalitäten)

Z im Allgemeinen (vgl. Maus/Nodes/Röh, 2008).

Tagespflege als anspruchsvolles Tätigkeitsfeld bedarf professioneller

Mitarbeiter/innen, die die Kombination zwischen

fachlichen Grundlagen und persönlichen Merkmalen kompetent

schaffen. Die Kunst der Profession besteht darin, „dass

Fachkräfte ihr Können, Wissen und ihre beruflichen Haltungen

im Hinblick auf die verschiedenen Wissensbestände und

auf ihre Erfahrungen sowie die institutionellen Bedingungen

und Vorgaben fall- und kontextbezogen einsetzen. Die

Fachkräfte sollen ihre persönlichkeitsbedingten Fähigkeiten

wahrnehmen, reflektieren und fachlich qualifizieren. Als

Ausweis von Fachlichkeit gilt, dass sie die Art und Weise des

Einsatzes ihrer Person fachlich begründen und berufsethisch

rechtfertigen können.“ (v. Spiegel, 2004, S. 84). Zu diskutieren

wäre noch, ob auf dem Hintergrund der geplanten generalistischen

Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger

(m/w) ein neues Berufsbild für die Tagespflege geschaffen

werden muss.

5. Zukunftsentwurf eines

„inklusiven Zuhauses für tagsüber“

Wie kann es gelingen, dass die Tagespflege von heute ein

„inklusives Zuhause für tagsüber“ für viele betreuungsbedürftige

Menschen aller Altersgruppen wird? Sicherlich

wird dies nicht von heute auf morgen geschehen, aber ein

Wandel in der Wahrnehmung der Menschen von Tagespflege

kann zumindest in kleinen Schritten vollzogen werden. Erste

Ansätze von generationenübergreifender Betreuung gibt es

bereits. Diese gilt es weiterzuentwickeln und in der Praxis

weiterzuerproben.

Aufgrund der demografischen Entwicklung, die sich weiter

fortsetzt und dazu führt, dass insbesondere ländliche

und dörflich geprägte Regionen verwaisen, gibt es immer

mehr Gebäude, die leer stehen und ungenutzt bleiben. Früher

befand sich in dem Gebäude vielleicht eine Dorfschule

oder ein Lebensmittelgeschäft, die nun aufgrund mangelnder

Schülerzahlen oder infolge fehlender Kaufkraft schließen

mussten. Viele junge Menschen ziehen in die Städte, in

der Hoffnung dort gut bezahlte Arbeitsplätze zu finden, die

es auf dem Dorf nun nicht mehr gibt, und ein attraktives

Lebensumfeld im urbanen Kontext. Gleichzeitig gibt es einen

(bescheidenen) Zuzug von jungen Familien, die sich die städtischen

Immobilienpreise nicht leisten können und bewusst

für ein Aufwachsen ihrer Kinder im ländlichen Kontext entscheiden.

Wer kümmert sich nun zum einen um die verbleibenden

Senioren und Pflegebedürftigen und zum anderen

um die kleinen Kinder? Warum ließe sich die Betreuung von

beiden nicht miteinander verbinden?

Ein Projekt, das diesen Ansatz zumindest in Teilen schon

aufgreift, ist z.B. die Einrichtung „Poggen & Pöggskes“ in

Warendorf-Freckenhorst (Münsterland). Dort wird die Tagesbetreuung

für Senioren mit einer Tagesbetreuung für

unter Dreijährige verbunden. Es finden im Rahmen der Betreuung

regelmäßige generationenübergreifende Begegnungen

in dafür vorgesehenen gemeinsamen Freizeit- und

Begegnungsräumen statt. Das Pflegepersonal, welches dort

überwiegend aus weiblichen Personen mit noch nicht abgeschlossener

Kinderplanung besteht, hat somit auch selbst

die Möglichkeit den eigenen Bedarf an Kinderbetreuung mit

einer beruflichen Tätigkeit zu verbinden – für alle ein Mehrfachnutzen

(vgl. Brocker, 2014). Diesem Beispiel sind inzwischen

einige wenige neue Einrichtungen gefolgt.

Dieser Ansatz könnte nun dahingehend weiterentwickelt

werden, dass Kinder mit einem Pflegebedarf aufgrund geistiger

und/oder körperlicher Behinderung mit nicht beeinträchtigten

Kindern zusammen betreut werden und erwachsene

Personen, unabhängig von ihrem Alter, sowie Jugendliche

mit einem Betreuungsbedarf in einer gemeinsamen Begegnungsstätte

betreut werden. Auf diese Weise könnte ein

inklusives Zuhause für tagsüber entstehen.

Das nachfolgende Beispiel soll nur grob eine Idee umreißen.

Bei einer Umsetzung in die Praxis muss noch ein detailliertes

Konzept erarbeitet werden. Hierbei geht es nur um den

Denkansatz, mehrere Dinge zu kombinieren und auf diese

Weise vielfältigen Problemstellungen zumindest in den


53

Ansätzen zu begegnen.

Konkret könnte dies so aussehen, dass entsprechende

Räumlichkeiten im ländlichen Raum gesucht werden, die bereits

leer und nicht im Fokus von Investoren stehen. Durch

eine gezielte Bedarfsanalyse sind die Bedürfnisse der Menschen,

mit Fokus auf die Regionalität, zielgerichtet zu ermitteln.

Die Räumlichkeiten müssen flexibel nutzbar sein. Ist

ein passendes Objekt gefunden, kann es nach den jeweiligen

Bedarfen ausgestaltet und umgebaut werden. Neben

Rückzugsräumen für die älteren Menschen sollten mehrere

zentrale Räume entstehen, die der gegenseitigen Begegnung

dienen. Gleichzeitig müssen die Räumlichkeiten spezifische

Nischen für unterschiedliche Altersgruppen bzw. Interessen

beinhalten.

Junge Familien mit Kindern hätten den Vorteil, dass sie ihre

Kinder gut betreut wüssten und Angehörige von pflegebedürftigen

oder alten Menschen ebenso. Die Generationen kämen

wieder zusammen und könnten somit voneinander profitieren.

Der Generationenvertrag würde in der Regionalität

durch die Praxis und zum gegenseitigen Nutzen neu belebt.

Bei einer entsprechenden Größe wäre es zudem denkbar,

auch weitere Angebote mit in das Gebäude zu integrieren.

Ein in das Gebäude integrierter Dorfladen, mit beispielsweise

einem Dorfcafé, würde zur Verbesserung der Daseinsversorgung

vor Ort beitragen und zu einer Belebung der Umgebung

führen. Eine Mitarbeit von geistig- und/oder körperlich

beeinträchtigten Menschen in einem Dorfladen oder im Dorfcafé

wäre ein zusätzlicher inklusiver Baustein. Die fehlende

Nahversorgung auf dem Land (vgl. Eberhardt, Pollermann, &

Küpper, 2014) könnte dann wieder sichergestellt werden. Ein

weiterer positiver Effekt wäre, dass auch das Erscheinungsbild

des Dorfes optisch aufgewertet wird, da ein ehemals

leerstehendes, verfallendes Gebäude saniert wird und wieder

ein Treffpunkt zum Austausch entsteht. Das Dorf selbst

könnte letztendlich an Attraktivität gewinnen und somit als

Wohnort wieder für weitere Personen interessant werden.

Einer Verödung der ländlichen Region könnte somit entgegengewirkt

werden.

Ein inklusives Zuhause für tagsüber könnte also einen großen

Beitrag zum einen für die Daseinsversorgung und ländliche

Entwicklung leisten und zum anderen Inklusion mehrfach

umsetzen. Jedes kleine oder auch große Projekt, das

umgesetzt wird, kann dazu beitragen, dass Inklusion in der

Gesellschaft immer selbstverständlicher wird. Die heutige

Sicht auf die Tagespflege ist bereits jetzt überholt und muss

sich wandeln.

6. Konklusion

Tagespflege ist ein höchst anspruchsvolles, interdisziplinäres

Feld, das zur gelingenden Umsetzung und einer professionellen

Tätigkeit besonderer fachlicher Qualifikationen

jenseits der derzeit geltenden Personalverordnungen

(Altenpflege) bedarf. Auch ist die Bezeichnung Tagespflege

unglücklich, denn es ist vielmehr ein pädagogisch-psychologisch-soziales

Feld als Pflege für Senioren.

Die Zielgruppe der Senioren als Reaktion auf den demografischen

Wandel ist richtig und sinnvoll, sollte

aber keineswegs darauf beschränkt bleiben.

Tagespflege ist – wie andere soziale Institutionen auch –

der Inklusion verpflichtet und ein natürlicher Raum

dafür. Sie bietet vielfältige Optionen und Chancen.

Die BA Breitenbrunn hat früh auf den sich abzeichnenden

demografischen Wandel reagiert und im Bachelor-Studiengang

Soziale Arbeit die Studienrichtung Soziale Gerontologie

eingerichtet. Diese gilt es im Hinblick auf die gesellschaftlichen

Bedarfe konsequent weiterzuentwickeln, aber auch im

Sinne der Professionalisierung und der Notwendigkeit der

vielfältigen Anforderungen (fach-)öffentlich für einen Wandel

und für eine Öffnung der Tagespflege zu sorgen.

Tagespflege wird damit zu einem wichtigen gesellschaftlichen

Baustein zur Umsetzung von Inklusion. Tagespflege

kann in Kombination mit Kindertagespflege zur (Neu-)Belebung

des Generationenverhältnisses und des gesellschaftlichen

Zusammenhalts beitragen. Tagespflege wird somit

zu einem Koproduzenten und Mitgestalter der individuellen

Lebenskultur: als Gast im Leben des Tagesgastes. Tagespflege

lohnt sich – weil jedes Bemühen für jeden einzelnen

Menschen lohnenswert ist und zu einem gelingenden Dasein

erheblich beitragen kann.


54

LITERATUR

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Böhnisch, L. (2012): Sozialpädagogik der Lebensalter; Weinheim,

6. Auflage.

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2014; http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Warendorf/

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Tagespflege-Ein-richtig-gutes-Projekt, Datum des Zugriffs

11.11.2016.

Colla, H. E. (2011): Liebe und Verantwortung. In: Otto, Hans-

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in der Sozialen Arbeit. Erzieherpersönlichkeit und qualifiziertes

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Müller-Teusler, S. (2010): Die unsichtbare Qualifikation in Sozialer

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theoretischen Horizont der Anerkennungstheorie nach Honneth.

Veröffentlicht am 20.10.2010 in socialnet Materialien

unter http://www.socialnet.de/materialien/attach/77.pdf,

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(Hrsg.): Praxis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit; Weinheim

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Thiersch, H. (2000): Zur Vermittlung von Wissenschaft, Ausbildung

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Homfeldt, H.G./ Schulze-Krüdener, J. (Hrsg.): Wissen und

Nichtwissen. Herausforderungen für Soziale Arbeit in der

Wissensgesellschaft; Weinheim.


55

Dr. phil. Armin Schachameier

Jahrgang 1976, Dipl. Päd. (Univ.), Leiter der Bachelorstudienrichtung Soziale Dienste an der Staatlichen

Studienakademie Breitenbrunn, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins Irgendwie Anders

e.V., Gestalttherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie (HPG)

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Breitenbrunn I a.schachameier@ba-breitenbrunn.de

Beziehungsarbeit und

Persönlichkeitsentwicklung

Armin Schachameier

Die psychotherapeutische

Wirkungsforschung hat die Bedeutung

der therapeutischen Beziehung für

eine erfolgreiche Behandlung durch

zahlreiche Studien belegt. Die wichtigsten

Ergebnisse und Erkenntnisse werden im

ersten Teil des Artikels zusammengefasst.

Es wird die Frage gestellt, inwieweit sich

die Erkenntnisse auf die Praxisfelder

der Sozialen Arbeit übertragen lassen.

In diesem Zusammenhang werden

notwendige persönliche und soziale

Kompetenzen des Beraters, Therapeuten

oder Sozialarbeiters erörtert, welche

den Aufbau einer tragfähigen, guten

Beziehung ermöglichen.

Als theoretischer Bezugsrahmen und

als Instrument für eine entsprechende

persönliche Entwicklung werden die

Grundannahmen der humanistischen

prozess-erfahrungsorientierten Verfahren

beschrieben.

The therapeutic relationship is very

important for any effective therapeutic

intervention. After giving an overview

on the great variety of studies on the

psychotherapeutic relevance of this

relationship, the focus shifts towards the

practical applications of those findings.

What does it mean for the realities of

social work? And what does it mean for

the personal and social competencies of

counselors, therapists, or social workers,

if a stable and good relationship is the

necessary foundation for success? The

theoretical framework and starting

point here is the humanistic processexperiential

approach to personal growth.


56

Im Rahmen eines Workshops der BA Breitenbrunn

auf dem Kongress der Sozialen Arbeit

in Leipzig 2016 wurde herausgearbeitet, dass

der Erfolg einer sozialpädagogischen Beratung

von einer gelungenen Beziehung abhängt. Die

Gestaltung dieser setzt Kompetenzen voraus,

die im Studium der Sozialen Arbeit entwickelt

werden. Der Artikel thematisiert Grundlagen

der Persönlichkeitsentwicklung und geht auf

Wirkfaktoren der therapeutischen Allianz ein.

Einleitung

Die Berufsakademien in Sachsen bieten ein duales Studium,

welches die Verzahnung von Theorie und Praxis in besonderer

Weise ermöglicht.

In der Studienrichtung Soziale Dienste geht es um die Ausbildung

und Entwicklung von Beratungskompetenzen. Die

unterschiedlichen Praxisfelder der Studierenden umfassen

die Bereiche des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Jugendämter

und Justizvollzugsanstalten, Beratungsstellen verschiedener

Art, insbesondere Suchtberatungsstellen, sowie

stationäre und ambulante Einrichtungen für psychisch kranke

Menschen.

Einen besonderen Stellenwert haben die videogestützten

Fallreflexionen. Dialogische Berater-Klient-Sequenzen der

Praxisphasen werden in einem Gedächtnisprotokoll post

hoc niedergeschrieben. In Kleingruppen spielen die Studierenden

die erlebte Situation nach und nehmen diese auf

Video auf. Zusammen mit dem Studienrichtungsleiter werden

die gemachten Erfahrungen reflektiert.

Als prozessstrukturierende Komponenten werden insbesondere

Aufträge und Ziele, die Berater-Klient-Beziehung

und die Interventionen mit den verwendeten Gesprächsführungstechniken

betrachtet.

Es zeigte sich, dass vor allem die Beziehungsgestaltung sowie

die Vereinbarung von gemeinsamen Zielen von großer

Bedeutung sind. Der Einsatz systemischer, verhaltenstherapeutischer

oder humanistischer Techniken spielt in vielen

Fällen nur eine untergeordnete Rolle.

Entscheidender ist vielmehr die Haltung des Beraters, seine

persönlichen und sozialen Kompetenzen; diese können als

ein Schlüssel für eine gelingende Beziehungsgestaltung verstanden

werden. Die Fachkraft „muss sich ihrer eigenen Person

bewusst zuwenden, ihre Stärken und Schwächen kennen

und deren Auswirkungen im Handlungsvollzug beobachten“

(Heiner 2010, 63).

Für die Studierenden ist die Entwicklung hin zu einer bewussten

Persönlichkeit eine wichtige Grundlage, um die unterschiedlichen

Anforderungen, Aufgaben und Herausforderungen

einer angemessen Beziehungsgestaltung bewältigen

zu können.

Ich möchte im ersten Teil dieses Artikels die praktischen

Erfahrungen aus den Fallreflexionen wissenschaftlichen Erkenntnissen

gegenüberstellen und herausarbeiten, inwieweit

sich das oben beschriebene Vorgehen mit den Erkenntnissen

der Wirkungsforschung verbinden lässt.

Im zweiten Teil gehe ich auf die in diesem Zusammenhang

notwendige Entwicklung der Persönlichkeit ein. Es soll gezeigt

werden, dass insbesondere humanistisch-prozesserfahrungsorientierte

Verfahren geeignete Instrumentarien

sind, um persönliche und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Der Stellenwert der „Beziehung“

in der Sozialen Arbeit

In diesem Abschnitt möchte ich den Stellenwert der Beziehung

im Klientenkontakt erläutern. Wie so oft müssen wir

auf die Forschungsergebnisse der Psychotherapie zurückgreifen.

Inwieweit diese Ergebnisse auf die unterschiedlichen

Handlungsfelder der Sozialen Arbeit übertragbar

sind, bleibt letztlich offen. Für Beratungskontexte, die einem

psychotherapeutischen Setting sehr ähneln, ist die Übertragbarkeit

sicherlich valider.

Ausgehend von Grawes (2005) allgemeinen Wirkfaktoren der

Psychotherapie wird neben der Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung,

motivationaler Klärung und Problembewältigung

die therapeutische Beziehung explizit genannt.

Allerdings gibt es keine einheitlichen Definitionen der therapeutischen

Beziehung. In den zahlreichen Forschungsuntersuchungen

werden unterschiedliche Messinstrumente

verwendet, die jedoch wesentliche Gemeinsamkeiten aufzeigen.

Zunächst möchte ich kurz vier standardisierte Fragebögen

vorstellen:

Z Ältere humanistische Erhebungsinstrumente messen die

klassischen Basisvariablen wie Empathie, Wertschätzung

und Echtheit aus Sicht des Klienten, z.B. mit den Scales

for the Therapist (Truax & Carkhuff 1967).

Z In psychodynamischen Settings sind die unterschiedlichen

Ausarbeitungen der Penn Helping Alliance Scales

(HA) (Luborsky 1976 oder Barber & Crits-Christoph 1996)

zur Anwendung gekommen.

Es wird ermittelt, wie warm, unterstützend und akzeptierend

die Klient-Therapeut-Beziehung erlebt wird,

aber auch die Zusammenarbeit, die Teilnahme und

das Teilen der therapeutischen Verantwortlichkeit

durch den Klienten werden festgehalten (vgl. ebd.).

Z Die eher eklektisch orientierten Vanderblit Psychotherapie-Skalen

(Suh, Strupp & O`Malley 1986) verwenden

spezielle Beziehungsskalen (VTAS; Hartly & Strupp, 1983).

Diese fragen nach dem Beitrag des Therapeuten und des

Patienten zu einer tragfähigen Allianz sowie nach den


57

Therapeut-Klient-Interaktionen. Sowohl der Therapeut

als auch der Klient sowie ein unabhängiger Beobachter

geben jeweils eine Bewertung ab.

Z Das Working Alliance Inventory (WAI, Horvath & Greenberg

1986) misst die Zusammenarbeit mit dem Therapeuten

in Hinsicht auf die Zielsetzung,

die Zustimmung zu und Wertschätzung von Therapieaufgaben

sowie das Gefühl der persönlichen Bindung

zum Therapeuten. Auch hier wurde neben einer Selbstbeurteilung

für den Klienten und Therapeuten ein

„Beobachter- WAI“ entwickelt.

Es wird deutlich, dass über die klassischen Basisvariablen

der humanistischen Ansätze hinaus offensichtlich auch die

Vereinbarung und die gemeinsame Arbeit an Zielen für die

Beziehung von Klient und Therapeut von Bedeutung sind.

Deswegen wird diesbezüglich häufig der Terminus „Therapeutische

Allianz“ verwendet (Horvath et. al. 2008, 279).

Ferner konnte faktorenanalytisch, über die verschiedenen

Erhebungsinstrumente hinweg, ermittelt werden, dass die

persönliche Bindung, damit ist eine positive, affektive Bindung

mit gegenseitigem Vertrauen, Zuneigung, Respekt

und Fürsorge gemeint, die tatkräftige Beteiligung an der Behandlung

(Gemeinschaftsarbeit), die Zusammenarbeit bzw.

Übereinstimmung in Hinsicht auf die Richtung (das Ziel) und

das Wesen der Behandlung sowie das Vorhandensein einer

Arbeitsdefinition entscheidend für den Aufbau einer guten

therapeutischen Beziehung sind und mit den Outcome-Variablen,

z.B. einem Symptomrückgang, positiv korrelieren

(vgl. ebd.).

Jedoch haben noch weitere Variablen einen Einfluss auf

die therapeutische Beziehung, diese werden von Norcorss

(Norcorss 2002; Norcross & Lambert 2010) zusammengefasst:

Z Arbeitsbündnis

Z Empathie

Z Zielübereinstimmung und Kooperation

Z Anpassung der therapeutischen Beziehung an den

Widerstand des Patienten

Z Anpassung der therapeutischen Beziehung an

funktionelle Behinderung und Bewältigungsstil

Z Wertschätzung

Z Kongruenz

Z Feedback

Z Wiederherstellung von Beziehungsabbrüchen

Z Selbstöffnung

Z Handhabung der Gegenübertragung

Z Anpassung an das Stadium der Veränderung

Z Anpassung an bevorzugten Entwicklungsstil

(soziotrop vs. introjektiv)

Z Anpassung der therapeutischen Beziehung an

Erwartungen und Präferenzen des Patienten

Z Anpassung an den Bindungsstil

Z Anpassung an Religiosität und Spiritualität

Z Anpassung an die kulturelle und demografische

Spezifität des Patienten

Man könnte insgesamt also auch von Passung oder Kompatibilität

sprechen: Je höher der Grad an Übereinstimmung

zwischen Therapeut und Klient, insbesondere im Hinblick

auf die individuellen Besonderheiten der Person ist, desto

besser gestaltet sich vermutlich die therapeutische Beziehung.

In einer Untersuchung von Lambert u.a. (2008) werden

grundlegende Wirkungskomponenten relational betrachtet.

Zusammenfassend stellte er fest, dass die Messungen der

therapeutischen Beziehungsvariable konsistent höher mit

den Effekten bei Klienten korrelieren als spezifische Therapietechniken

(ebd. 128). Auf das Behandlungsergebnis haben

neben dem unspezifischen Faktor „Placebo, Hoffnung,

Erwartung“ mit 15 Prozent die Methoden und Techniken der

verschiedenen Psychotherapieschulen einen Einfluss von

15 Prozent während die therapeutische Beziehung mit

30 Prozent einwirkt.

40%

Extratherapeutische

Veränderungen

15%

Methoden

30%

Therapeutische

Beziehung

15%

Erwartungs-

(Placebo-)

Effekt

Abb. 1: Hier kommt eine sprechende Bildunterschrift zur Tabelle.


(Quelle: Lambert, M. J.)

Vor allem sind die Einschätzungen der Klienten durch die

verschiedenen Erhebungsinstrumente von größter Bedeutung.

„Die Verbindung zwischen der therapeutischen Beziehung

und den Effekten bei Klienten sind dann am stärksten,

wenn beide Konzepte durch den Klienten eingeschätzt

werden“ (ebd. 128).

Des Weiteren sind manche Therapeuten besser als andere.

„Klienten charakterisieren solche Therapeuten als verständnisvoller

und akzeptierender, empathisch, warm und unterstützend.

Diese Therapeuten zeigen seltener negative Verhaltensweisen

wie Tadeln, Ignorieren, Zurückweisen“ (ebd. 128).


58

Jedoch muss noch ein weiterer Aspekt beachtet werden.

Auf die Outcomevariablen haben mit 40 Prozent auch noch

sogenannte extratherapeutische Faktoren einen hohen Einfluss.

„Damit sind Charakteristika des Patienten gemeint, seine

Lebenssituation, Merkmale seines sozialen Netzes, außertherapeutische

Unterstützung und Widerstände, Geschehnisse

außerhalb des Therapieraumes und Zufälle…“ (Asay/Lambert

2001 zit. n. Hermer/Röhrle 2008, 39).

Dieser Faktor ist vor allem in der Sozialen Arbeit sehr wichtig.

Denn der Kontext der Therapeut-Klient-Beziehung prägt die

Art der Austauschprozesse, „der Wahrnehmung des jeweils

anderen und der Beziehung als solcher. Zu diesen Kontexten

gehören übergeordnete gesellschaftliche Strukturen und Prozesse,

kulturelle Rahmenbedingungen, sozial-politische und

rechtliche Vorgaben, institutionelle Einflussfaktoren, aber

auch soziale Netzwerke.“ (Hermer/Röhrle 2008, 39). Die Autoren

verweisen in diesem Zusammenhang auf das ökologische

Modell von Bronfenbrenner (1979).

Nach Hermer und Röhrle (2008, 88) ist Psychotherapie immer

in ein buntes Leben der Patientinnen eingebettet ist. Sowohl

Therapeut/innen als auch Patient/innen sind des Weiteren

den „Grundlagen und Widersprüchen ihrer Gesellschaft ausgeliefert

und müssen sie aushalten oder sich daran abarbeiten.

Jeder Versuch, das Individuum dabei von seiner Welt zu isolieren,

es konstruktivistisch aus ihr zu entfernen oder vermeintliche

autonome Lösungen zu finden, die seine soziale Natur

und Abhängigkeit ausblenden, muss scheitern oder zu neuen

Pathologien führen.“ (Hermer & Röhrle 2008, 88). Eine Therapie

oder ein Beratungsgespräch findet also immer im

Kontext der Lebenswelt der Beteiligten statt.

Im Hinblick auf die Soziale Arbeit sind sich verschiedene Autoren

einig, dass die Soziale Arbeit an der Schnittstelle von

Individuum und Gesellschaft ansetzt (vgl. Heiner 2007, 10ff.,

Staub-Bernasconi 2007, 180 zit. n. Sommerfeld 2011, 14).

Sommerfeld u.a. haben das Modell der zirkulären Kausalität

nach Schiepeck (2003) erweitert, sodass in den Interaktionen

sowohl die individuellen Kognitions-Emotions-Verhaltensmuster

als auch die Rückkoppelung auf die Gesellschaft mit

der Untergliederung in die Handlungsfelder Familie, Schule/

Ausbildung, Wirtschaft/Arbeit, Kultur/Freizeit, Privates Sozialsystem

und Schattenwelten erfasst werden können.

Zwischenfazit:

Die in den studentischen Fallreflexionen verwendeten

Komponenten, Auftrag und Ziele und Beziehung sowie die

Erfahrung, dass die Intervention oftmals eine vergleichsweise

geringere Rolle spielt, entsprechen den Ergebnissen

der Untersuchung von Lambert u.a. (2008). Die Therapeutische

Beziehung hat offensichtlich eine größere Bedeutung

als die Verwendung spezifischer Interventionstechniken. Des

Weiteren wurde deutlich, dass zum Aufbau einer tragfähigen

therapeutischen Beziehung sowohl die Basisvariablen der

humanistischen Ansätze als auch ein definiertes Arbeitsbündnis

mit Zielvereinbarungen notwendig sind – im Sinne

einer therapeutischen Allianz.

Soziale Ordnungsstruktur in konkreten Handlungssystemen

Familie

Schule /

Ausbildung

Wirtschaft /

Arbeit

Kultur /

Freizeit

Privates

Sozialsystem

Schattenwelten

Hilfesystem (stellvertretende Inklusion)

Integration in

das System

Zirkuläre

Kausalität

Integration des

Systems

Individuelle Kognitions-Emotions-Verhaltensmuster

relative Makroebene

Makroskopische Muster

Ordnungsparameter / kollektive Variable(n)

relative Mikroebene

Kontrollparameter

Stimulation / Input

Konsensualisierung

Synchronisation

systeminterne

Aktivierung

Bottom-up-

Top-down-

Kreiskausalität

materialisierte

Systemgeschichte

Emergenz

wirksame

Constraints

systeminterne

und externe

Randbedingungen

Abb. 2: Das erweiterte Integrationsmodell (Sommerfeld 2011, 278)


59

Ferner gibt es noch weitere Variablen, die einen Einfluss auf

die Beziehungsgestaltung haben (vgl. Norcoss 2002). Diese

machen deutlich, dass die Gestaltung einer tragfähigen

therapeutischen Beziehung unmittelbar mit der Person

des Therapeuten, mit der Art und Weise, auf die er interagiert,

zusammenhängt. Je höher das Bewusstsein für die

eigenen Selbstkonzepte, persönlichen Eigenarten, Stärken

und Schwächen ist, desto zielgerichteter und flexibler kann

er auf den Klienten eingehen und die Beziehung gestalten.

Das erfordert eine Ausbildung, welche in besonderem Maße

die Entwicklung der Persönlichkeit im Blick hat. Als theoretischer

und praktischer Bezugsrahmen eignen sich diesbezüglich

die humanistischen psychotherapeutischen Verfahren,

da sie der Beziehung zwischen Therapeut und Klient einen

hohen Stellenwert einräumen und gleichzeitig ein persönliches

Wachstum anstreben.

Im nun folgenden zweiten Teil des Artikels möchte ich

zeigen, dass vor allem die humanistisch-prozess-erfahrungsorientierten

Ansätze ein hervorragendes Instrument zur

Entwicklung der angesprochenen Kernkompetenzen sind.

Prozess-erfahrungsorientierte Ansätze und

Persönlichkeitsentwicklung

Zu den humanistischen prozess-erfahrungsorientierten

Ansätzen zählt neben der emotionsfokussierten Therapie

nach Greenberg (2002) vor allem die Gestalttherapie. Diese

bezieht sich in ihren theoretischen Grundannahmen gerne

auf den Philosophen Martin Buber, welcher die Bedeutung

der Beziehung in zwischenmenschlichen Begegnungen beschrieben

hat. Er postuliert, dass „die Krankheiten der Seele

(…) Krankheiten der Beziehung“ sind (Buber, 1965, 155). „Damit

bekommt die Beziehung zwischen Klient und Therapeut

einen absolut vorrangigen Stellenwert gegenüber jeder anderen

Dimension der therapeutischen Situation“ (Staemmler

1993, 27), deren Beschaffenheit für die Qualität der Therapie

entscheidend ist (vgl. ebd.).

Im Unterschied zu einer diagnostischen, eher distanzierten

Betrachtung des Klienten durch einen Sachverständigen,

versucht die Gestalttherapie, einen persönlichen Kontakt

zum Klienten aufzubauen. Die Therapie „besteht in dem, was

zwischen den Beteiligten vorgeht und innerhalb ihrer Beziehung“

(ebd. 48).

Der Therapeut oder Berater ist also mit seiner ganzen Person

in den Prozess involviert. Dies macht noch einmal deutlich,

dass für die Gestaltung der Beziehung eine angemessene

persönliche Entwicklung des Beraters unabdingbar ist.

Das Verständnis der humanistischen Ansätze von Wachstum

und Integration ist dabei grundlegend:

Die menschliche Entwicklung kann als ein lebenslanger

Wachstumsprozess verstanden werden, „ein differenziertes

Reifen, ein Prozess der Verwandlung, der das ganze Leben

begleitet und der eine Reihe von Phasen mit mehr oder weniger

prägnanten Erscheinungsweisen der Identität aufweist“

(Hartmann-Kottek 2004, 135).

Durch Integrations- und Anpassungsleistungen an neue

Situationen ist es möglich „in sich stimmiger, d.h. selbstähnlicher

zu werden“(ebd.).

Nach Hartmann-Kottek (2004) steht in einem gestalttherapeutischen

Verständnis ein gesunder Mensch „in gutem

inneren und äußeren Kontakt und hat gleichzeitig die Fähigkeit,

sich situations- und entwicklungsadäquat innerlich und

äußerlich abzugrenzen“ (Hartmann-Kottek 2004, 190). Krankheit

steht dementsprechend in Zusammenhang mit einem

„unfreiwilligen Integrationsmangel im Innen- und/oder Außenfeld“

(ebd.).

Ein von Rogers geprägter Begriff ist in diesem Zusammenhang

die sogenannte Inkongruenz (vgl. Rogers 1959). Damit

ist eine Diskrepanz des Selbsterlebens gemeint, ein Idealselbst

kommt in Konflikt mit dem erlebten Realselbst. Diese

erfahrbare Differenz macht Menschen anfälliger für psychische

Erkrankungen (vgl. Rogers 1959).

Perls formuliert dies so: „Viele Leute opfern ihr Leben, um ein

Bild dessen, wie sie sein sollten, zu verwirklichen, anstatt sich

selbst zu verwirklichen. Dieser Unterschied zwischen Selbstverwirklichung

und Verwirklichung des Selbstbildes ist sehr

wichtig“ (Perls 2002, 28).

Dementsprechend versuchen die humanistischen Ansätze,

„dem Klienten zu helfen, seine Identität, seine Grenzen und seine

Souveränität in seinen sozialen Bindungen zu erspüren und

zu definieren, zu schützen und auszuweiten, um einen erfüllten,

sinnorientierten Lebensweg zu gestalten“ (AHGPT 2012, 26).

Dieser Prozess kann dem Leben der Betroffenen „Zentriertheit,

Klarheit, Richtung und Erdung geben“ (ebd., S. 26).

Die humanistischen Verfahren fördern die Selbstaktualisierung,

dadurch werden Kreativität und Vitalität angeregt und

damit die Fähigkeit zur Gestaltung, Strukturierung und Abgrenzung

aus dysregulativen Zuständen gestärkt (vgl. AGHPT

2012, 26).

Die existenzialistische Begründung der humanistischen

Verfahren spiegelt sich in dem Ziel wider, das Erfassen und

Wahrnehmen zu fördern, um dadurch die Wahlmöglichkeiten

des Patienten und das Bewusstsein der daraus resultierenden

Verantwortlichkeit für sich, für andere Menschen und

die Umwelt zu steigern (vgl. ebd. 26).

„Der gesunde Mensch hat wenig Charakter“, heißt es im

Titel des Diagnostikbuches von Dreitzel (Dreitzel 2004).

Ein Mensch muss sich inneren oder äußeren Gegebenheiten

anpassen können. Nur, wenn er über eine notwendige

Flexibilität verfügt, kann es ihm gelingen, neue Situationen

zu meistern. Ein starrer Charakter kann dabei hinderlich sein

und sogar in eine Krise führen.

So ist das Persönlichkeits- oder Selbstmodell in der


60

stimmig

sowohl

als auch

authentisch

wesensgemäß

situationsgerecht

« daneben »

selbstverleugnende

Überangepasstheit

weder

noch

« verquer »

Abb. 3: Wertequadrat mit Integrationsqualität (oben) und zweifacher Mangelqualität (unten). (Quelle: Schulz v. Thun 2012, 68)

Gestalttherapie ein flexibles, „das Selbst ist die Kontaktgrenze

in Bewegung“ (Dreitzel 2004, 40, 41), denn wir erfahren

uns immer „im Kontakt mit etwas“ (ebd.). Ein Selbst existiert

immer in einem Feld, in einer Umwelt oder Umgebung. Die

Kontaktgrenze befindet sich im Organismus-Umwelt-Feld,

sie begrenzt den Organismus, schützt ihn und berührt aber

auch die Umwelt, im Hinblick auf Funktionen wie Sehen,

Fühlen, Erkennen (vgl. Dreitzel 2004, 40 ff., Hartmann-Kottek

2004). Das Selbst kann auch verstanden werden als der

Figur/Grund-Prozess in Kontaktsituationen (vgl. ebd.).

Perls sieht die grundlegende Lehre der Gestalttherapie in der

Wesensdifferenzierung und Integration (vgl. Perls 1980). „Die

Differenzierung als solche führt zu Polaritäten. Als Dualitäten

werden diese Polaritäten leicht in Streit kommen und sich gegenseitig

paralysieren. Indem wir gegensätzliche Züge integrieren,

machen wir die Menschen wieder ganz und heil. Zum

Beispiel Schwäche und tyrannisches Verhalten integrieren sich

als ruhige Festigkeit“ (Perls 1980, 155).

Nach Zinker (2005) ist sich ein Mensch mit einem gesunden

Selbstkonzept vieler opponierender Kräfte in sich gewahr. Er

ist bereit, sich auf viele widersprüchliche Weisen zu sehen. Er

erlebt Beziehungen zwischen verschiedenen inneren Anteilen

und kann diese wahlweise in den Kontakt bringen (vgl.

Zinker 2005, 194). Damit kann ein ganzes Konglomerat aus

unterschiedlichen Polaritäten gemeint sein, wie z.B. Empfindsamkeit

versus Gefühllosigkeit oder Kontrolle versus

Impulsivität. Beispielsweise hat ein Mensch in sich „das Merkmal

der Härte und dessen Polarität, die Weichheit“ (Zinker

2005, 192).

Bei einem pathologischen Selbstkonzept sieht sich der

Mensch „auf einseitige, stereotype Art. Er ist immer dies und

niemals das. Sein Gewahrsein von vielen inneren Kräften und

Gefühlen ist sehr begrenzt“ (Zinker 2005, 195). Er hat einen

großen blinden Fleck und kann viele Teile seiner selbst nicht

akzeptieren oder wahrnehmen (vgl. ebd. 196).

Um einen inneren Konflikt oder eine äußere Situation bewältigen

zu können, müssen hinderliche, unangemessene, starre

Selbstkonzepte aufgeweicht und neue Verhaltensweisen

integriert werden. Diesen Entwicklungsprozess veranschaulicht

Schulz von Thun mithilfe von Persönlichkeitswertequadraten

oder dem inneren Team (vgl. Schulz v Thun 2006a,

2006b, 2012).

Neben einem eher unterentwickelten Anteil gibt es meistens

einen zu stark gelebten Pol, was entweder zu einem nicht

authentischen oder zu situationsunangemessenem Verhalten

und Erleben führen kann. Ziel ist es, wieder flexibler zu

werden und je nach Situation entsprechende Ressourcen im

Sinne der beiden positiven Alternativen (in der Grafik unten

die Kästchen „authentisch, wesensgemäß“ oder „situationsgerecht“)

zur Verfügung zu haben (vgl. ebd.).

In der folgenden Tabelle sind nach den vier Platzhaltern

des Wertequadrats grundlegende Polaritäten nach Schulz


61

v. Thun zusammengefasst. Entsprechende Verortungen und

Entwicklungsrichtungen können daraus entnommen werden.

Im nächsten Abschnitt werde ich beispielhaft auf die

Polaritäten von Empathie und Abgrenzung eingehen, um die

Bedeutung der Persönlichkeitsentwicklung für die Fachkräfte

der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen.

Die experientiellen Ansätze ermöglichen die Erfahrung eines

ganzheitlichen Integrationsprozesses im Unterschied

zu einem kognitiv-behavioralen Lernvorgang. Der Zugewinn

an neuen Erlebens- und Verhaltensweisen erfolgt durch Bewusstheit,

durch die Konfrontation mit Gefühlen und den begleitenden

Körperimpulsen.

Darüber hinaus wurde die therapeutische Wirkung der humanistischen

Ansätze in den letzten Jahren zunehmend bestätigt.

Elliot u.a. (2013) untersuchten in einer Metaanalyse

200 Studien mit insgesamt 14 206 Klienten. Enthalten

sind Studien aus den Bereichen der personenzentrierten

Gesprächstherapie, der emotionsfokussierten Therapie,

der Gestalttherapie, des Psychodramas und den „focusing

orientierten“ Ansätze. Die Prä-Post-Effektstärken liegen bei

.93 (Konfidenzintervall von 0,86 bis 1.00), die kontrollierten

Effektstärken bei .93 (KI von 0,64 bis 0,88). Im Vergleich mit

kognitiv-behavioralen Ansätzen wurde eine komparative

Effektstärke von .01 (KI von -0,05 bis 0,07) ermittelt. Die

Wirkung der humanistisch-experientiellen Ansätze kann

somit als äquivalent zu anderen Therapieformen betrachtet

werden.

Im Vergleich von humanistischen mit kognitiv-behavioralen

Ansätzen scheinen die emotionsfokussierte Therapie und

die Gestalttherapie wirksamer zu sein, die komparativen

Effektstärken liegen bei .53 (KI von 0,13 bis 0,93) (vgl. Elliot

u. a. 2013).

Fazit

Ausgehend von der Bedeutung der therapeutischen Beziehung

für den Behandlungserfolg wurde gezeigt, dass insbesondere

die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen

des Beraters von besonderer Bedeutung sind.

Inwieweit diese grundlegenden Erkenntnisse auf die Interventionen

und Interaktionen in den unterschiedlichen

Praxisfeldern der Sozialen Arbeit übertragen werden

können, müsste noch genauer untersucht werden.

In einem dualen Studium können humanistische prozesserfahrungsorientierte

Verfahren die Grundlage für Wachstum

und Integration im Sinne einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung

bilden.

„verquer“: „daneben“

oder selbstverleugnende

Überangepasstheit

„sowohl als auch“:

Situationsgerecht oder authentisch,

wesensgemäß

„verquer“: selbstverleugnende

Überangepasstheit

oder „daneben“

Starkes Mitleiden,

Hineingezogen sein

Anteilnahme, Mitleid

Abgrenzung

Abgestumpfte

Gleichgültigkeit

Rücksichtslose

Ellenbogenmentalität

Selbstbehauptung

Rücksicht,

Bescheidenheit

Verschüchterte

Selbstverleugnung

Herabsetzung „rüder Ton“ Direktheit Takt

Diplomatische Schnörkelhaftigkeit

ohne „Klartext“

Verleugnung eigener

Bedürftigkeit

Autonomie und

Verantwortung

Bewusstsein von

Bedürftigkeit und Schwäche

Verleugnung eigener

Selbsthilfekräfte

Über-Behütung

(„Erdrücken“)

Schutz, Fürsorge

(„Festhalten“)

Herausforderung

(„Loslassen)

Überforderung

(„Allein lassen“)

Starre Reglementierung

des Ablaufs

Struktur und Planung

(„machen“)

Flexibilität im Prozess

(„zulassen“)

Konzeptloses

Laufenlassen

Distanzlosigkeit

Unbefangene

Kontaktbereitschaft

Reservierte

Zurückhaltung

Kontaktscheu

Berührungsangst

(vgl. Schulz v. Thun 2006b)


62

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64

To motivate students and to gain their

attention is an important prerequisite

for successful teaching. Animal assisted

pedagogy is a promising instrument to

make a difference in teaching and impart

knowledge. The present paper describes

the pilot project of animal assisted

pedagogy in teaching at a university of

cooperative education. First, the history

of animal assisted therapy and pedagogy

is summarized briefly. Second, the

paper retrieves guidelines for integrating

animals in classes from literature.

And third, the pilot project within the

bachelor program event- and sports

management is presented.


65

Alexandra Kroczewski-Gubsch (Dipl.-Soz.; MBA)

geb. 1978 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), ist seit 2015 freie Dozentin an der Staatlichen Studienakademie

Riesa. Sie studierte im Erststudiengang Soziologie, Betriebswirtschaftslehre sowie Psychologie an der

TU Dresden und schuf damit einen Ausgleich zum sportlichen Hintergrund (Leistungssport Eisschnelllauf).

Darauf folgte ihre Karriere im Fitness- und Gesundheitsbereich und ab dem Jahr 2012 das Zweitstudium

Sportmanagement an der FH Schmalkalden als konsequente Weiterführung vieler Lizenzen

(Fitnesstrainerin, Mentaltrainerin, Ernährungstrainerin etc.). Seit Abschluss des Masterstudiums kombiniert

sie ihre im Jahr 1999 begonnene freiberufliche Tätigkeit mit der tiergestützten Pädagogik.

Dr. Katja Soyez

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Riesa I alexandra-kroczewski.gubsch@ba-riesa.de

Dr. Katja Soyez studierte an der TU Dresden sowie der Mid Sweden University in Sundsvall. Nach der

Promotion an der TU Dresden erhielt sie 2014 einen Ruf an die Berufsakademie Sachsen am Standort

Riesa. Dr. Soyez leitet seit 2015 den Studiengang Dienstleistungserbringerstaat und die Studienrichtung

Event- und Sportmanagement und ist ständige Vertreterin der Direktorin. 2014 durchlief

Dr. Soyez erfolgreich das Zertifikatsprogramm des Hochschuldidaktischen Zentrums Sachsen. Ihre

Forschungsschwerpunkte sind interkulturelles Konsumentenverhalten, Marketing und Innovativität.

Ihre Forschungsarbeiten erschienen im Journal of Business Research, International Marketing Review

und Technological Forecasting and Social Change.

KONTAKT: Staatliche Studienakademie Riesa I katja.soyez@ba-riesa.de

Innovatives Lernen mit dem

Lehr-Lern-Konzept der hundegestützten

Pädagogik an der

Berufsakademie Sachsen

Staatliche Studienakademie Riesa

Alexandra Kroczewski-Gubsch und Katja Soyez

Die Aufmerksamkeit der Studierenden

zu gewinnen und sie für Lehrveranstaltungen

und Themen zu

begeistern ist eine wichtige Voraussetzung

für erfolgreiches Lehren und

Lernen. Die tiergestützte Pädagogik

ist ein vielversprechendes Instrument

um den „Unterschied“ zu machen und

Wissen erfolgreich weiterzugeben. Der

vorliegende Beitrag beschreibt das

Pilotprojekt der tiergestützten Pädagogik

an der Staatlichen Studienakademie

Riesa. Zunächst wird ein kurzer Abriss

über die Geschichte gegeben, um im

zweiten Teil Richtlinien für den Einsatz

von Pädagogikhunden zusammen zu

fassen und im dritten Teil den Einsatz

der Pädagogik-Hündin in der Studienrichtung

Event- und Sportmanagement

zu beschreiben.


66

In der deutschen Hochschuldidaktik ist das

Thema tiergestützte Pädagogik ein noch wenig

erforschtes Feld. In Vorbereitung der Lehrveranstaltungen

im Sportmanagement entstanden

Ideen, wie die Vorlesungen durch den „Co-

Pädagogen Hund“ bereichert und ergänzt werden

können. Der vorliegende Beitrag bildet den

Ausgangspunkt für weitere Arbeiten zur tiergestützten

Pädagogik an der Berufsakademie

Sachsen.

1. Einleitung

Dass nicht alle Reize, die den Menschen dargeboten werden,

auch in das Bewusstsein vordringen, ist Kognitionspsychologen

seit Langem bekannt (vgl. Anderson, J. R., S. 54ff.).

Unsere Aufmerksamkeit hat eine Filterfunktion und nur diejenigen

Reize, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken,

werden auch bewusst verarbeitet (vgl. Hoffmann, S./Akbar,

P., S. 72f.). Überträgt man diese aus der Werbewirkungsforschung

bekannte Information auf Studierende, wird deutlich:

Auch in diesem Kontext ist Aufmerksamkeit entscheidend.

Studierende müssen innerhalb kürzester Zeit viele

Informationen rezipieren und verknüpfen. Dies gelingt nur,

wenn Studierende aufmerksam sind. Dozierende stehen

demnach vor der Herausforderung, die Aufmerksamkeit der

Studierenden zu gewinnen.

2011 zeigte eine Studie von Kerres/Schmidt (2011), dass

48,4 Prozent aller Lehrveranstaltungen durch Vorlesungen

gestaltet werden und dieses Format im Vergleich zu Vorjahreserhebungen

sogar häufiger eingesetzt wird. Kann es

in diesem klassischen Lehr-Lern-Format gelingen, die Aufmerksamkeit

der Studierenden zu gewinnen? In der Vorlesung

konzentriert sich die Aufmerksamkeit des Studierenden

auf den Dozenten. Diese über einen längeren Zeitraum

hinweg aufrechtzuerhalten, erfordert die Verbindung

mit und Einbettung von alternativen Lehrmethoden (bspw.

Unternehmenssimulationen, Fallstudien, Classroom-Experimenten).

Lernerfolg hängt jedoch nicht nur von Aufmerksamkeit

ab, sondern auch vom Kontext des Lernens

(z.B. wer vermittelt, wann und wo und welchen Inhalt; Roth,

G., S. 505).

Eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen und den Kontext

positiv zu gestalten, um damit Studierende für ein Fach

und einen Dozenten zu begeistern, ist Animal-Assisted Pedagogy

(AAP), auch tiergestützte Pädagogik genannt, welche

im vorliegenden Beitrag näher vorgestellt wird. Unter diesen

Begriff fallen Interventionen, bei denen spezifisch ausgebildete

Tiere (Hunde, Katzen, Ratten, Wellensittiche, aber auch

Pferde oder Delfine) eingesetzt werden, „um vorhandene

Ressourcen […] zu stärken, weniger gut ausgebildete Fähigkeiten,

insbesondere im emotionalen und sozialen Bereich zu

fördern [...] sowie die Kompetenzen […] insgesamt zu verbessern“

(Vernooij, M./Schneider, S., S. 49).

2. Tiergestützte Pädagogik

2.1 Historie der tiergestützten Pädagogik

Die tiergestützte Pädagogik ist eine Weiterentwicklung der

tiergestützten Therapie, die eher zufällig durch den Kinderpsychiater

Boris Levinson 1961 entdeckt wurde. Levinson

hatte seinen Hund Jingles noch in den Praxisräumen zum

Schlafen gelegt, als der nächste Patient, ein verhaltensgestörter

Junge, etwas zu früh zum Termin erschien und auf

den Retriever traf. Der Junge, der sonst keine Interaktion zu

seiner Umwelt zeigte, kam direkt in Kontakt mit dem Tier

und sprach mit ihm. Dieser Vorfall zeigte dem Psychiater,

dass der Junge sehr wohl in der Lage war, mit seiner Umwelt

Kontakt aufzunehmen. Levinson erkannte die Möglichkeit,

mit seinem Hund Patienten zu erreichen, zu denen er sonst

keinen Zugang fand. Einige Zeit später setze Levinson Jingles

gezielt zu therapeutischen Zwecken ein und veröffentlichte

1962 sein vielzitiertes Papier „The dog as a co-therapist“

(Levinson 1962).

Der Einsatz von Tieren bei psychischen Erkrankungen hat

eine lange Geschichte. Quäker gründeten 1792 das York Retreat,

eine Einrichtung für Geisteskranke mit einer Außenanlage,

welche Patienten die Möglichkeit bot, in Kontakt mit

verschiedenen Kleintieren zu kommen. Florence Nightingale

entdeckte im 19. Jahrhundert, dass sich Heilungsprozesse

durch die Anwesenheit von Tieren beschleunigen ließen.

Und schließlich bewarb das U.S. Militär den Einsatz von Hunden

im Jahr 1919 im St. Elizabeth’s Hospital in Washington,

DC (vgl. Röger-Lakenbrink, I., S. 13).

In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts etablierten

sich erste Organisationen zur Förderung der neuen Disziplin.

So wurde 1977 in den USA die „Delta-Society” in Portland/Oregon

gegründet und mit dem „Pet Partner Program”

die tiergestützte Therapie flächendeckend in den Vereinigten

Staaten von Amerika ins Leben gerufen. Während sich wenige

Jahre später (1983) in England die Wohlfahrtsorganisation

„Pet as Therapy“ gründete und die ersten „Pet Visiting Programs“

organisierte, entstanden in Deutschland die Vereine

„Tiere helfen Menschen e.V.“ (Würzburg 1987) und „Leben

mit Tieren e.V.“ (Berlin 1988). Die ersten Kurse für Therapiehundeteams

fanden im Jahr 1993 in der Schweiz statt. Im

Jahr 1990 wurde der erste Internationale Dachverband – die

IAHAIO (International Association of Human Animal Interaction

Organisation) – gegründet, welcher das Ziel verfolgt,

die Mensch-Tier-Beziehung zu erforschen (vgl. Röger-Lakenbrink,

I., S. 15). Im Jahr 2005 gründete sich schließlich

der europäische Dachverband ESAAT (European Society

für Animal Assisted Therapy) und ein Jahr später die ISAAT

(International Association for Animal Assisted Therapy).


67

Beide verfolgen das Ziel, Qualitätsstandards zu vereinheitlichen,

gemeinsame Mindestanforderungen an Ausbildung

und Kompetenz zu definieren und die tiergestützte Arbeit in

einen anerkannten Berufsstand zu bringen.

Die erste Forschungsgruppe, die sich mit der wissenschaftlichen

Erforschung zur Integration von Tieren in der Pädagogik

befasste, war die Studentengruppe um Dr. Fitting-

Dahlmann an der heilpädagogischen Universität von Köln.

Aus ihr ging im Jahr 2005 TiPi (Tiere in Pädagogik integrieren)

hervor. Aktuell sind mehr als 500 Einrichtungen registriert,

welche tiergestützte Pädagogik einsetzen. Bei rund

33 500 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland (vgl.

Statistisches Bundesamt 2016) ist das allerdings noch eine

verschwindend geringe Zahl. 160 Lehrkräfte an 147 Einrichtungen

sind aktuell über eine Selbstverpflichtung des Fachverbandes

Schulhunde vernetzt, die die Einhaltung von Hygiene-,

Ausbildungs- und Einsatzstandards für Schulhunde

zum Ziel hat.

Der Co-Pädagoge (Hund) kann jedoch nicht nur systematisch

in der Schule, sondern auch im Hochschulbereich zur

Erreichung von pädagogischen Zielen eingesetzt werden.

Warum sich vor allem Hunde eignen und wie ein solcher

Einsatz aussehen kann, beschreibt das Anwendungsszenario

am Beispiel der Staatlichen Studienakademie Riesa in

Kapitel 3.

2.2 Methodik der hundegestützten Pädagogik

Da hauptsächlich Hunde in der tiergestützten Pädagogik

zum Einsatz kommen, hat sich der Begriff der hundegestützten

Pädagogik entwickelt und umfasst den systematischen

Einsatz „von ausgebildeten Hunden in der Schule zur Verbesserung

der Lernatmosphäre und individuellen Leistungsfähigkeit

sowie des Sozialverhaltens“ (Heyer, M./Kloke, N.,

S. 16).

Die zahlreichen Einsätze von Hunden hängen vor allem mit

ihrer positiven Wirkung auf die Umwelt zusammen. Sie fungieren

als Eisbrecher, Türöffner oder Brückenbauer. Durch

den Körperkontakt (z.B. das Streicheln eines Hundes), wird

das Wohlfühl- und Bindungshormon Oxytocin im Körper

des Menschen ausgeschüttet. Oxytocin sorgt für Nähe und

ist als Gegenspieler von Stresshormonen wie Kortisol bekannt.

Die Oxytocin-Ausschüttung senkt die Herzschlagrate

und den Blutdruck und schützt so das Herz-Kreislaufsystem

(vgl. Richter, C.). Gleichzeitig senkt der Kontakt zu Hunden

den Kortisolspiegel, was wiederum zu einer Stressreduktion

führt (vgl. Barker, S. B. et al.; Viau, R. et al.). Zusätzlich wird

durch das weiche Fell ein Wohlgefühl verursacht (vgl. Müller,

C./Lehari, G., S.28; Heyer, M./Kloke, N., S. 20f.). Schließlich ermöglicht

die direkte und ehrliche Reaktion von Hunden eine

„besondere Form des sozialen Lernens“ (Olbrich, E., S. 6). In

der hundegestützten Pädagogik wird dazu zwischen dem

Schulhund (Präsenzhund) und dem (Schul-)Besuchshund

differenziert.

1. Präsenzhunde (Schulhunde) verbringen regelmäßig eine

gewisse Zeit im Klassenraum und im Unterricht. Sie werden

von einer für den pädagogischen Hundeeinsatz ausgebildeten

Lehrperson eigenverantwortlich geführt. Die Tiere sind

speziell auf ihre Eignung getestet, entsprechend ausgebildet

und werden regelmäßig am Einsatzort Schule überprüft. Zu

den wichtigsten pädagogischen Zielsetzungen des Einsatzes

von Präsenzhunden zählt ihr Beitrag zur Verbesserung des

sozialen Gefüges in der Klasse, der Schüler-Lehrer-Relation,

des Klassenklimas und der individuellen sozialen Kompetenz

der Schüler.

2. (Schul-)Besuchshunde besuchen Schulklassen einmal

oder mehrmals stundenweise. Sie werden von einer für

den pädagogischen Hundeeinsatz ausgebildeten, externen

Begleitperson geführt. Die Tiere sind ebenfalls speziell auf

ihre Eignung getestet, entsprechend ausgebildet und werden

regelmäßig überprüft. Zu den Zielsetzungen gehören

die altersgerechte Wissensvermittlung zum Thema Hund

(adäquate Haltung, Pflege, Kosten und Ausbildung, insbesondere

die Ausdrucksformen wie Körpersprache, Lautäußerungen)

sowie zu Tierschutzanliegen (z.B. tiergerechte

Erziehung). Besuchshunde erweisen sich als erzieherisch

wirkungsvolle Alternative zum Einsatz von Präsenzhunden

(BMBF, S. 9f.).

Müller/Lehari (S. 13) unterscheiden weiterhin zwei Grundformen.

Erstens, der Hund ist lediglich anwesend. Die Präsenz

des Hundes reicht aus, um Wirkungen zu erzielen. Bei der

zweiten Möglichkeit ist der Hund Teil des pädagogischen

Konzepts (Müller/Lehari sprechen von einem therapeutischen

Konzept). Das bedeutet, dass der Hund bestimmte

Aufgaben hat und Funktionen erfüllt. Grundsätzlich müssen

sich Hundeführer und Pädagogen nicht für eine der beiden

Einsatzformen entscheiden, sondern können sie auch kombinieren.

2.3 Voraussetzungen/Richtlinien für den Einsatz:

Um die hundegestützte Pädagogik durchführen zu können,

sind einige Grundvoraussetzungen zu erfüllen. Dazu gehören

unter anderem:

Z Die erwünschten positiven Auswirkungen sollten für alle

erlebbar sein.

Z Durch den Einsatz des Hundes darf der Bildungsauftrag

des Lehrers/der Lehrerin nicht beeinträchtigt werden,

sondern muss unterstützt werden.

Z Eingesetzt werden dürfen nur Hunde, die eine entsprechende

Eignung aufweisen und gemeinsam mit der hundeführenden

Lehrperson eine Ausbildung absolviert haben,

die spezifische Elemente des Schuleinsatzes beinhaltet.

Eine Begleithundeausbildung allein reicht nicht aus.


68

Außerdem sollten die Einverständniserklärungen von der

Schulleitung und den Unterrichtsteilnehmern eingeholt

werden. Eine Information des Kollegiums hat ebenfalls zu

erfolgen. Dies kann durch persönliche Gespräche, pädagogische

Konferenzen, schriftliche Beschreibung und Aushänge

der Projektidee, (Literatur-)Hinweise auf Ergebnisse wissenschaftlicher

Untersuchungen sowie den Verweis auf die Ausbildungen

der Lehrperson und des Hundes geschehen (vgl.

BMBF, S. 10). Müller/Lehari (S. 15) führen zudem an, dass

bei der tiergestützten/hundegestützten Pädagogik ein pädagogischer

Abschluss des Hundeführers vorausgesetzt wird,

damit die effektive Arbeit im Unterricht gewährleistet wird.

Der Leitfaden des BMBF formuliert: „Um pädagogische

Qualität und Sicherheit für Mensch und Tier im schulischen

Bereich zu gewährleisten, dürfen nur speziell ausgebildete

Mensch-Hunde-Teams für den Einsatz im Unterricht zugelassen

werden. Die (hundeführende) Lehrperson übernimmt

die Verantwortung für den pädagogisch nutzbringenden und

sicheren Einsatz des Hundes. Eine adäquate Ausbildung der

hundeführenden Lehrperson sowie des Hundes gewährleisten

spezialisierte (Hunde-)Ausbildungsinstitutionen. […]

Die Projekt- bzw. Unterrichtsplanung, eine kontinuierliche

Dokumentation des Verlaufs, das Ausbildungs- und Prüfungsprotokoll

des ausbildenden Vereins/der ausbildenden

Institution sowie der Nachweis über eine entsprechende

Haftpflichtversicherung mit erhöhter Deckungssumme und

Gültigkeit im Schulbereich sind zur Vorlage bereitzuhalten.“

(BMBF, S. 11).

Doch nicht nur durch die Lehrperson sind bestimmte Ansprüche

zu erfüllen, auch der Hund selbst sollte folgende

Voraussetzungen erfüllen. Da es in Deutschland keine gesetzlichen

Richt- bzw. Leitlinien gibt (vgl. Müller, C./Lehari,

G. , S. 14), bietet die österreichische Initiative „Hunde in der

Schule“ mit ihren Leitlinien eine Orientierung.

Hinsichtlich gesundheitlicher Eigenschaften sind folgende

Punkte zu beachten:

Z jährlicher Gesundheitscheck beim Tierarzt

(+ Impfung, Entwurmung)

Z Vorliegen von weitgehender physischer und psychischer

Beschwerdefreiheit

Z Identifizierung und Registrierung des Hundes

(generelle Chippflicht)

Z kein Einsatz, wenn die Hündin läufig, (schein-)trächtig

oder säugend ist (BMBF, S. 14)

Der Hund selbst muss keiner speziellen Rasse oder Mischlingsform

angehören, sollte jedoch einige Anlagen mitbringen,

um sich gut sozialisieren zu lassen (vgl. Röger-Lakenbrink,

I., S. 22 f.).

Dazu gehören nach BMBF (S. 15) und Müller, C./Lehari, G. (S.

25 ff.):

Z ein freundliches, menschenbezogenes, sicheres, sozial

kompetentes, gelassenes Wesen

Z eine hohe Reizschwelle, hohe Stresstoleranz

Z stabile Bindung und Vertrauensverhältnis zu dem/der

menschlichen Bezugspartner/in aufweisen

Z gute Sozialisierung auf unterschiedliche Personen

(z.B. Größe, Alter, Geschlecht)

Z ungewöhnliche Fortbewegungsarten kennen

(z.B. Skateboard, Fahrrad, Gehhilfen, Rollstuhl)

Z notwendiges Mindestmaß an Grundgehorsam

(u.a. Abrufbarkeit, verlässliches „Sitz“, „Platz“, „Bleib“)

Stufe 3

Stufe 2

Stufe 1

Weiterbildung

Spezialisierung

Grundausbildung

Charaktereigenschaften

Abb. 1: Drei-Stufen-Modell (Quelle: Heyer, M./Kloke, N., S. 26)

Materialentwicklung

Konzeptentwicklung

Erziehung

Vertrauensaufbau

3. Anwendungsszenario an der

Staatlichen Studienakademie Riesa

3.1 Überblick

Vor dem in Kapitel 2 beschriebenen Hintergrund hat die

Staatliche Studienakademie Riesa im September 2015

das Projekt hundegestützte Pädagogik mit der Dozentin

Alexandra Kroczewski-Gubsch und der Golden Retriever-

Hündin Dina begonnen. Das Projekt folgte in abgewandelter

Form dem Drei-Stufen-Modell von Heyer/Kloke (S. 26), welches

die kontinuierliche Entwicklung des Hundes für den

Einsatz im pädagogischen Bereich beschreibt (vgl. Abb. 1).

In Stufe 1 durchläuft der Hund die Grundausbildung, spezialisiert

sich in Stufe 2 und wird in Stufe 3 schließlich weitergebildet.

Dieser Ansatz kann auf das vorliegende Szenario übertragen

werden. In Tabelle 1 dargestellt ist je Stufe der Anwendungsfall

für die betreffende Studienrichtung Event- und Sportmanagement,

die Pädagogik-Hündin sowie die Dozentin. Zu

den vorbereitenden Maßnahmen zählte ein Gespräch mit der

Studiengangsleitung, welche wiederum die Direktion des

Hauses in Kenntnis setzte. Zunächst wurde folgende Vereinbarung

getroffen: Sofern keine Einwände von Studierenden

vorliegen (z.B. aufgrund einer Angststörung, einer Allergie


69

o.ä.), wurde zunächst der punktuelle Einsatz der Pädagogik-

Hündin an jeweils drei Terminen pro Modul gestattet. Die

Studierenden wurden durch die Leiterin des Studiengangs

vorinformiert mit der Möglichkeit, eventuelle Einwände auch

im persönlichen Gespräch zu äußern. Einwände der betroffenen

Studierenden gab es nicht. Nach Stufe 3 wurde der

Einsatz von Dina in den von Alexandra Kroczewski-Gubsch

betreuten Modulen uneingeschränkt gestattet, insofern keine

begründeten Einsprüche der Studierenden vorliegen.

Der Probedurchlauf (Stufe 1) wurde mit den Studierenden

des 5. Semesters im Matrikel 2013 in der Studienrichtung

Event- und Sportmanagement durchgeführt. Damals war

Dina sechs Monate alt und als Präsenzhund zunächst stundenweise

anwesend. Alexandra Kroczewski-Gubsch nahm

im Herbst 2015 mit den Vorlesungen „Planung, Finanzierung

und Controlling von Events und Sportveranstaltungen“

ihre Tätigkeit als freiberufliche Dozentin an der Staatlichen

Studienakademie Riesa auf. Zu diesem Zeitpunkt stand die

Reakkreditierung des Studiengangs für 2016 an und es bot

sich die Gelegenheit, sowohl inhaltlich als auch didaktisch

neue Wege zu gehen. Dina wurde beispielsweise bei der Einteilung

von Gruppen genutzt oder kam zum Einsatz, wenn

die Studierenden nach Pausen wieder auf die inhaltlichen

Themen fokussiert werden sollten. Zusätzlich wurde das

Thema Verantwortung mit ihr praktisch aufgezeigt.

Nach dem erfolgreichen Probelauf kam Dina im 4. Semester

des 2014er-Matrikels im Modul „Sportwissenschaften“ zum

zweiten Mal zum Einsatz (Stufe 2). Inzwischen war Dina in

den Begleithundestunden und in der Therapiehundeausbildung

aktiv. Alexandra Kroczewski-Gubsch begann in dieser

Zeit eine pädagogische Weiterbildung am Hochschuldidaktischen

Zentrum Sachsen. Gemeinsam mit Dina wurden den

Studierenden die Themen motorische Grundfähigkeiten,

Ernährung und Training erklärt.

Mittlerweile hat Dina ihren dritten Einsatz und begleitet zu

den bisher gehaltenen Vorlesungen das 2016er-Matrikel,

welches sich fachspezifisch aus Sportmanagementstudenten

zusammensetzt im Modul „Grundlagen des Sportmanagement“.

Dina hat inzwischen ihre Begleithundeprüfung

und Therapiehundeausbildung erfolgreich abgeschlossen

und ist damit offiziell befähigt, an der Staatlichen Studienakademie

als „Co-Pädagoge“ eingesetzt zu werden. Durch

die regelmäßige Integration von Dina in die Vorlesungen ist

es möglich, kurze und abwechslungsreiche Lernpausen zu

gestalten, um anschließend die Konzentration und den Fokus

auf den Lernstoff zurückzuholen. Ein spannender Aspekt

ist die Vermittlung von Führungsqualitäten. Diese werden im

Umgang mit der Hündin sukzessive aufgebaut. Lernen die

Studierenden den Hund zunächst kennen, werden im weiteren

Verlauf vertrauensbildende Maßnahmen, richtige Kommunikation

und das Handling des Hundes (mit und ohne

Leine) erlernt. Das schafft Selbstvertrauen und Respekt im

Umgang mit anderen.

Der Studiengang wurde im September 2016 erfolgreich

re-akkreditiert, sodass die Grundlagen für eine weitere Zusammenarbeit

insbesondere in der Vertiefung Sportmanagement

gelegt wurden. Wie Tabelle 1 zeigt, haben sich

zeitgleich mit der Weiterqualifizierung der Hündin auch

Stufe

(zeitliche Einordnung

am Standort Riesa)

Studienrichtung

(Event- und

Sportmanagement)

Therapiehündin

(Dina)

Dozentin

(Frau Kroczewski-Gubsch)

1 (Herbst 2015) Modul „Planung, Finanzierung

und Controlling von Events

und Sportveranstaltungen“

(Matrikel 2013)

■ Ist gerade 6 Monate alt und hat

bereits den Welpenkurs und

den ersten Junghundekurs

absolviert

■ Ist als Präsenzhund anwesend

Orientierung in der

Bildungseinrichtung

und Aufnahme der

Vorlesungstätigkeit

2 (Frühjahr 2016) Modul „Sportwissenschaften“

(Matrikel 2014)

Dina ist ein Jahr und wird

aktiv in den Vorlesungen

eingesetzt

Die Dozentin befindet sich

im ersten Drittel des HDS

Zertifikates.

3 (ab Herbst 2016) Modul „Planung, Finanzierung

und Controlling von Events

und Sportveranstaltungen“

(Matrikel 2014)

Modul „Grundlagen des

Sportmanagement“

(Matrikel 2016)

Dina ist 1,5 Jahre. Sie hat

den Begleithundekurs und die

Therapiehundeausbildung

abgeschlossen.

Die Dozentin befindet sich

im zweiten Drittel des HDS

Zertifikates und bereitet für

das dritte Modul ein

pädagogisches Konzept

zum Thema hundegestützte

Pädagogik vor.

Tabelle 1: Drei-Stufen-Modell am Beispiel der Staatlichen Studienakademie Riesa (Quelle: Heyer, M./Kloke, N., S. 26) Legende: HDS = Hochschuldidaktisches Zentrum Sachsen


70

Dozentin und Studiengang in einem iterativen Prozess weiterentwickelt.

Diese Konstellation kann als einmalig an der

Berufsakademie Sachsen bezeichnet werden. Erstmalig

kommt die hundegestützte Pädagogik im Rahmen des dualen

Studiums in Sachsen zum Einsatz.

3.2 Nutzen

Doch welchen Nutzen bringt nun der Einsatz von tiergestützter

Pädagogik in der Hochschuldidaktik am Beispiel

der Staatlichen Studienakademie Riesa? Im Zusammenhang

mit der Lehr-Lern-Situation an der Berufsakademie Sachsen

ist festzustellen, dass es sich um ein komprimiertes und zeitintensives

Lernen während der im Durchschnitt zwölfwöchigen

Theoriephasen handelt. Das bedeutet, dass Wissen

in seiner Komplexität umfassend innerhalb der Lehrgebiete

und Vorlesungstage vermittelt werden muss. Zudem sind

die Seminargruppen mit einer Größe bis zu 40 Studierenden

überschaubar. Das Zusammenspiel von herausfordernder

Lehre in kleinen Gruppen macht den Einsatz von tierischen

Co-Pädagogen möglich, wenn nicht gar erforderlich.

Da sich Hunde ausschließlich an der Authentizität und der

sozialen Kompetenz eines Menschen orientieren, sind Noten,

Herkunft, Aussehen und Behinderung bedeutungslos.

In diesem Zusammenhang steigen die soziale Akzeptanz

und der Zusammenhalt innerhalb der Studiengruppe (vgl.

BMBF, S.8).

Für Lehrende birgt der Einsatz der hundegestützten Pädagogik

den Vorteil, dass der Hund stressreduzierend wirkt und

der Lärmpegel deutlich gesenkt wird. Das soziale Klima in

den Seminargruppen verbessert sich. Zusätzlich beobachteten

Kotrschal/Ortbauer (2003) die Senkung des Aggressionsverhaltens.

Krautwig (2003) stellte fest, dass durch den

Einsatz eines Hundes die Lehrperson in einem anderen

sozialen Zusammenhang wahrgenommen wird. Der Lehrende

wird assoziativ eng an den Hund gekoppelt. Statt beurteilend

und oftmals auch kontrollierend wird die Bezugsperson

zugewandt, fürsorgliche, aber auch konsequent

wahrgenommen.

Für die Staatliche Studienakademie Riesa ergeben sich folgende

Vorteile. Zum einen verbessert sich die Zufriedenheit

bei Studierenden und involvierten Dozierenden. Ablesen

lässt sich dies bspw. an den vorliegenden Modulevaluierungen

für die Dozentin. Studierende bewerteten die Methodik

und Didaktik mit Werten zwischen 1,23 (1. Semester, Matrikel

2015) und 1,88 (5. Semester, Matrikel 2013) auf einer Gesamtskala

von 1 (positiv) bis 6 (negativ). Für Dozierende gestaltet

sich die Staatliche Studienakademie Riesa zudem als ein

interessanter Auftraggeber, welcher offen für neue Konzepte

und Ideen ist.

4. Ausblick

Abschließend ist festzustellen, dass das Projekt der hundegestützten

Pädagogik an der Staatlichen Studienakademie

Riesa erfolgreich eingeführt wurde. Für die kommenden Jahre

ist eine intensivere Zusammenarbeit mit Dina geplant. Die

Dozentin Alexandra Kroczewski-Gubsch wird das Hochschuldidaktische

Zertifikatsprogramm 2017 abschließen und in

enger Zusammenarbeit mit der Studiengangsleitung im Studiengang

BWL-Dienstleistungsmanagement den Einsatz der

hundegestützen Pädagogik an der Staatlichen Studienakademie

Riesa weiterentwickeln. Die Studienakademie unterstreicht

mit dem systematischen Einsatz der Co-Pädagogin

Dina das innovative und zukunftsorientierte Arbeiten der Berufsakademien

Sachsen und kann sich einmal mehr abgrenzen

von anderen Anbietern auf dem Bildungsmarkt.

Fasst man die Vorteile für Lernende, Dozierende sowie die

Bildungseinrichtung zusammen, so zeigt sich ein überzeugendes

Bild. Vorteile für die Lernenden sind:

Z erhöhte Aufmerksamkeit, dies führt wiederum zu einer

verbesserten Aufnahme der Inhalte (BMBF, S. 7)

Z damit verbunden eine Steigerung des Lernerfolgs

Z eine Verbesserung der Lernatmosphäre

(mehr Spaß am Unterricht) und

Z somit höhere Zufriedenheit und Motivation der

Studierenden


71

LITERATUR

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72

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IMPRESSUM

WISSEN IM MARKT

1. Jahrgang, April 2017, ISSN-Nr. 2512-4366

Herausgeber:

Prof. Dr. habil. Kerry-U. Brauer,

Prof. Dr.-Ing. habil Andreas Hänsel,

Prof. Dr. phil. Anton Schlittmaier

Redaktionelle Koordination:

Susanne Schulze, M.Sc. Wissenschaftsmarketing,

Dipl.- Betriebswirtin (BA) Doreen Gruber,

Patricia Liebling (Leipziger Medien Service GmbH)

Schlussredaktion:

Leipziger Medien Service GmbH

Layout, Umsetzung und Satz:

Leipziger Medien Service GmbH

Peterssteinweg 19, 04107 Leipzig

Druck:

Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG

Auflage: 4000 Stück, 04/2017

Bilder:

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