katalog lagoispreis 2016 innen

cschreck

Zur Entstehung der Ausstellung

„Auf der Flucht – Frauen und Migration“

Als wir 2014 mit der Planung dieser Ausstellung

begonnen haben, befand sich Deutschland

im Ausnahmezustand: Täglich kamen

tausende Flüchtende über die Grenzen. Als

Journalistin stand ich am Münchner Hauptbahnhof

und sprach mit Politikern, Helfern

und Flüchtenden, berichtete über die Hilfsaktionen

der Diakonie oder die Maßnahmen

der Staatsregierung.

Die Flüchtlingskrise ist eines der größten

humanitären und gesellschaftlichen Probleme

unserer Zeit. Mindestens 50 Prozent aller

Flüchtlinge sind Frauen und Mädchen. Frauen

fliehen aus sehr verschiedenen Gründen aus

ihrer Heimat – aus politischen und religiösen

Gründen, wegen Verfolgung, Vergewaltigung,

Gewalt, Folter oder Verstümmelung.

In vielen Bürgerkriegen gehört die systematische

Vergewaltigung von Frauen und Mädchen

zur Kriegsstrategie. Frauen fliehen, weil

ihre Ehemänner geflohen sind oder ermordet,

gefangen genommen oder als Soldaten

eingezogen wurden.

Angst ist der ständige Begleiter von Frauen

auf der Flucht. Sie fürchten sich vor Gewalt

und sexuellen Übergriffen, vor Krankheit,

Hunger, dem Verlust von Angehörigen,

vor einer ungewissen Zukunft. „In Syrien

stirbst du durch eine Bombe. Auf der Flucht

stirbst du jeden Tag ein wenig“, erklärte eine

Frau. Frauen werden gezwungen, sich zu

prostituieren, um ihre Kinder zu schützen

oder die nächste Etappe zu bewältigen.

Dass selbst hochschwangere Frauen sich

auf die gefährliche Reise begeben, zeigt,

wie groß ihre Not ist.

Das Leben in Flüchtlingslagern und Notunterkünften

ist besonders schwierig für Frauen.

Mancherorts bekommen sie keine Lebensmittel,

weil sie ohne männliches Familienoberhaupt

nicht als Haushalt zählen. Sie haben

keine spezifischen Schutzräume. Oft sind die

Wasserstellen oder sanitären Anlagen weit

entfernt. Für Mädchen bedeutet die Flucht

oft das Ende der Jugend: Sie werden zwangsverheiratet

und verkauft, um die restliche

Familie abzusichern. Sie werden ausgebeutet,

unterdrückt und misshandelt, sexuell missbraucht

und verschachert.

Das Thema „Frauen und Migration“ ist lange

Zeit nicht wirklich aktuell gewesen. Als wir

die Ausschreibung für diesen Wettbewerb

gemacht haben, tröpfelten die Einsendungen

zunächst nur herein. Erst im Laufe des Jahres

2016 wurde das Thema an die mediale Oberfläche

gespült.

Unsere Ausstellung umfasst 37 Tafeln und

zieht einen weiten Bogen – von den Frauen,

die in der Heimat geblieben sind, über die

Flucht bis hin zu den Frauen, die angekommen

sind in der Fremde. Die Arbeiten der Fotografinnen

und Fotografen zeigen nur einen

Ausschnitt der eben angesprochenen Problematik

– und spiegeln widersprüchliche oder

sogar gegensätzliche Meinungen wider.

Die Ausstellung will informieren und dazu

anregen, über das Thema zu diskutieren –

denn nur so können Konflikte gelöst werden.

Wir würden uns freuen, wenn die Schau an

möglichst vielen Orten gezeigt wird.

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Inhalt

Zur Entstehung der Ausstellung Von Rieke C. Harmsen ............................................... 3

Laudatio Von Susanne Breit-Keßler ............................................................................ 6

Über den Lagois-Fotowettbewerb ............................................................................. 10

Daten und Fakten .................................................................................................... 11

Sonja Hamad Jin – Jiyan – Azadi, Frauen, Leben, Freiheit ............................................... 12

Erol Gurian Bekaa Blues ........................................................................................... 18

Heiko Roith Gesichter Syriens .................................................................................. 24

Maria Litwa Jesidische Frauen im Irak ........................................................................ 28

Hatice Ogur Kurdische Frauen im Irak ....................................................................... 31

Emine Akbaba Syrische Frauen in der Türkei ............................................................... 34

Sibylle Fendt Eine Reise durch deutsches Flüchtlings(krisen)land .................................. 37

Nathalie Bertrams Vergessene Frauen ....................................................................... 40

Frank Schultze Befreiungsaktion für jesidische Frauen ................................................ 43

Lena Giovanazzi Willkommen in Wies (2016) ............................................................. 46

Wolfgang Noack Fluchtpunkt Budapest ..................................................................... 49

Iona Teichert Safa in Deutschland ............................................................................. 52

Manolo Ty Hinterm Vorhang ..................................................................................... 55

Kathrin Königl gewöhnen ......................................................................................... 58

Snezhana von Büdingen Ein Gesicht geben ................................................................ 61

Sima Dehgani Ein Stück Erinnerung ........................................................................... 65

Medien für die pädagogische Arbeit Evangelische Medienzentrale Bayern ................... 70

Leihen Sie eine Ausstellung! ..................................................................................... 72

Impressum .............................................................................................................. 75

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Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrte Preisträger und Preisträgerinnen,

Susanne Breit-Keßler,

Regionalbischöfin für

München und Oberbayern,

Juryvorsitzende

der Evangelist Lukas schreibt: Dein Auge ist

das Licht des Leibes. Wenn nun dein Auge

lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn

es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.

So schaue darauf, dass das Licht in dir nicht

Finsternis sei. Wenn nun dein Leib ganz licht

ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird

er ganz licht sein, wie wenn dich das Licht

erleuchtet mit hellem Schein. Das, was Aufmerksamkeit

findet, beleuchtet, erfüllt.

Auch das, was wir nicht sehen oder sehen

wollen, entfaltet Aussagekraft über uns. Wer

die Not der Mädchen und Frauen, die fliehen,

nicht sehen will, der sagt damit etwas über

sich selbst. Dein Auge ist das Licht des Leibes.

Leib meint den ganzen Menschen. Kopf und

Herz, Vernunft und Gefühle gleichen einer

Dunkelkammer, in der man deutliche, lebensdienliche

Bilder belichtet und entwickelt, Bilder

der eigenen Existenz, Bilder der Mitwelt.

Wenn Bilder in einem unterbelichtet, dunkel

bleiben, dann tut man sich schwer. Ständig

nehmen wir alle neue Eindrücke auf, die sortiert

oder ausgeblendet, gewichtet und verarbeitet

werden wollen. Je mehr die Masse der

Informationen und ihre Komplexität zunehmen,

desto unverzichtbarer wird es, dass wir

Leitbilder kultivieren, wofür wir leben, wem

wir uns verdanken. Dass wir Bilder in uns aufnehmen,

die zeigen, wo noch viel zu tun ist.

Kafka sagt: „Mit stärkstem Licht kann man die

Welt auflösen. Vor schwachen Augen wird sie

fest, vor noch schwächeren bekommt sie

Fäuste, vor noch schwächeren wird sie scham­

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haft und zerschmettert, der sie anzuschauen

wagt“. Sie, unsere Preisträger, machen unsere

Augen stark. Sie sorgen mit ihren Bildern für

eine mentale Dimension, eine Haltung der

Gesellschaft, die wir dringend brauchen und

deshalb im Auge behalten sollten.

Denn wenn Menschen sich nicht mehr hinaussehen,

wenn sie ihre Lage aussichtslos empfinden,

wenn Mädchen und Frauen auf der

Flucht buchstäblich blind sind vor Sorgen, ist

es nicht verwunderlich, dass ihr Zorn wächst.

Angst macht kleine Augen. Und wenn das

Auge eng ist, wird der Leib finster. Kafka hat

einen Wegweiser für lichtvolle Augenblicke,

vielleicht auch erst für Licht am Ende des

Tunnels, des Tunnelblickes: „Der hat am besten

für die Zukunft gesorgt, der für die Gegenwart

sorgt …“ Es ist die Aufgabe Ihrer Fotografie

und unserer Kirche für die zu sorgen,

die sich nicht mehr heraussehen.

Erol Gurian, ein „Münchner Kindl“, bekommt

den Förderpreis der Jury. Er lenkt unsere Augen

auf das Leben syrischer Flüchtlingsmädchen

im libanesischen Bekaa-Tal. Eine reiche

Kornkammer – in der 400.000 Menschen in

Zeltstädten leben.

Die Kinder der Flüchtlinge müssen arbeiten,

vor allem die Mädchen, die nur die Hälfte von

dem verdienen, was Buben bekommen. In der

Hitze laufen sie stundenlang, um umzugraben,

zu ernten. Bedroht von Vergewaltigungen

werden 12- bis 14-jährige Mädchen von ihren

Eltern oft für 2.000 bis 4.000 Dollar als Ehefrauen

verkauft. In diesen Ehen geht es ihnen

oft nicht anders als dort, wo Männer bei der

Arbeit über sie herfallen.

Erol Gurian erzählt von der Chance, zusammen

mit Jungen lernen zu dürfen – in einer sicheren,

beschützten Zone der libanesischen

NGO Beyond Association.

Eine Möglichkeit auch für werdende Männer,

zu begreifen, welche Kostbarkeit ein Mädchen,

eine Frau ist. Zaghafte Hoffnung auf

Ende der Grausamkeit. Wir danken Erol Gurian

dafür, dass unser Auge lauter, der Leib licht

sein kann, weil er uns nötigt, die Augen von

uns selbst abzuwenden, sie nicht vor der Wirklichkeit

zu verschließen oder einäugig damit

umzugehen. Es braucht einen weiten Blick,

denn Realität hat viele Facetten. Tragfähige Bilder

des Lebens brauchen glaubwürdige Vorbilder

der Praxis. Ihre Fotografie kann wie unsere

Kirche solche Vorbilder bieten.

Die Deutsch-Türkin Emine Akbaba aus Hannover

hat mich ebenfalls tief beeindruckt.

„Beyond dreams and hopes“ ist eine Fotoreportage

über Turkiye und ihre Töchter Ruba, Eye,

Suher und Fatma, denen die Flucht aus Syrien

in die Türkei gelungen ist. Der Vater ist im Krieg

gestorben, Turkiye hat nach einem Schlaganfall

eine gelähmte rechte Gesichtshälfte. Zwei

Töchter musste sie schon verheiraten.

Die Bilder von Emine Akbaba zeigen, wie frühere

Zufriedenheit, wie zuversichtliche Pläne

und Aussichten auf ein Leben voll Glück und

Geist seelischen Wunden gewichen sind.

Mädchen werden zu Frauen gemacht, ohne es

zu sein. Sie sterben in ihrem zarten Alter fünfmal

häufiger an Geburten als Frauen über 20.

Die älteren haben kaum mehr Perspektiven

für sich selbst. Die eigenen Männer tot, ausgeliefert

an die, die mit der Not Geschäfte

machen. Beyond dreams and hopes. Wir sind

darauf angewiesen, dass Menschen wie Emine

Akbaba den Scheinwerfer auf Wege zeigen,

sie beleuchten. Damit wir nicht geblendet

sind vom bloßen blendenden Schein scheinbar

funktionierenden Lebens bei uns. Wer auf

jede Frage eine Antwort weiß, der verblüfft

durch Einfallsreichtum oder durch Mangel an

Nachdenklichkeit. Licht ist nicht gleich Licht.

Es kann auch raffinierte Tarnung sein.

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Ist das Licht, das wir von uns geben, eines,

das uns als Lichtgestalten hervorheben und

andere in den Schatten stellen soll? Ist es

Licht, das Wahrheit sichtbar macht, oder

Licht, das ablenkt? Heiko Roith, der von der

Porzellan-Produktfotografie herkommt, widmet

sich dem Zerbrechlichsten und Wertvollsten,

was es gibt: dem menschlichen

Leben. Mit schusssicherer Weste und Leibwächter

flog er nach Syrien.

Woher kommen die Menschen, die bei uns,

die bei ihm in Selb leben? Faces of Syria sind

in der Ausstellung auch zu sehen. Seine Gesichter

ziehen Betrachtende in ihren Bann:

Eine wunderschöne Frau, deren Gottesebenbildlichkeit

nicht einmal das Leid zerstören

kann. Weite Horizonte, davor, klein, verlassen,

einsam, Kinder und Frauen, stehend, gehend,

beinahe meditativ Wasser ausgießend, um

einen Teppich vor dem Zelt zu reinigen.

Sie sind im Gebet, voller Bitte, in die Ferne

träumend – und zugleich von einer Stärke, die

demütig macht bei all den kleingläubigen Klagen,

die unsereins viel zu oft äußert. Eine Frau

schaut auf Ihr Handy, Verbindung zu den

liebsten Menschen. Eine andere hält ihr Kind

wie die Madonna den göttlichen Sohn. Man

kommt ohne ein großes Wort nicht aus: Liebe.

Die Aussagen der Fotos taugen nichts ohne

Liebe. Ohne Liebe gibt es kein Licht. Und ohne

Licht kann niemand etwas klar wahrnehmen

und neu, anders gestalten.

Das ist keine idealistische Träumerei. Es wandelt

sich Manches zum Guten, wenn man liebevoll

hinschaut – auf das, was man sieht und

das, was man nicht sofort erkennt. In unseren

geflohenen Mädchen und Frauen kann Licht

aufgehen, wenn sie erleben: Ich bin gewollt,

geliebt, bekomme Chancen. Leben: Liebevoll

leidenschaftliches Eintreten für Menschenwürde

ist die nötige Voraussetzung, um zwischen

Licht und Finsternis zu unterscheiden.

Sonja Hamad, in Syrien geborene Kurdin, hat

überzeugend den Fotopreis gewonnen. „Jin –

Jiyan – Azadi“ – Frauen, Leben, Freiheit heißt

ihr Werk, in dem sie kurdische Freiheitskämpferinnen

porträtiert. Ihre Bilder sind Gänsehaut.

Mein Team und ich, lauter Frauen, haben im

Vorfeld der Jury-Entscheidung, unisono, ohne

Absprache und Blickkontakt Sonja Hamads

Kämpferinnen als Nummer Eins ausgewählt.

Warum? Weil Frauen immer noch weltweit unterdrückt

und ausgebeutet sind, weil sie von

Männern wie ein Gegenstand in Gebrauch

genommen, missbraucht, vergewaltigt, gefoltert

und verächtlich weggeworfen werden.

Es hat mich und uns gepackt, dass auf den

Bildern Frauen stark sind – dass sie sich nichts

gefallen lassen wollen. Ein Drittel der Kämpfer

in Westkurdistan sind geschätzt Frauen.

Heldinnen in ihrer Heimat.

Frauen, die mit Männern die Stadt Kobane

vom IS zurückeroberten und Jesiden vor dem

Völkermord retteten. Sie verweigern sich

der patriarchalen Frauenrolle und kämpfen

tapfer gegen die brutalste Form der Frauenerniedrigung

und gegen einen Feminizid, den

die Welt bedauert, dem sie dennoch nach wie

vor hilf- und oft genug tatenlos zusieht. Die

kurdischen Kämpferinnen nehmen das Heft

des Handelns selbst in die Hand.

Sonja Hamads Frauen sind Kriegerinnen. Das

mag erschrecken, wer Mädchen und Frauen

auf traditionelle Verhaltensmuster festlegt.

Aber wahr ist doch auch: Kein Land kann Respekt

für sich einfordern, das seinen Mädchen

und Frauen Freiheit nimmt. Kein Mann besitzt

wahre Würde, der Mädchen und Frauen demütigt,

zerbricht und tötet. Was bleibt, wenn

einem Menschenrechte verwehrt bleiben?

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Wir sprechen vom „Bild für Götter“ in unseren

Redewendungen. Darin steckt die antike Vorstellung,

dass der Mensch mit seinen Handlungen

ein Schauspiel für die Augen der

Himmlischen liefert. Gute Menschen müssen

demnach im Besitz der Tugend sein, die mit

heiterer Gelassenheit und Seelenruhe einhergeht.

Eine Seele, die sich weder von Glück

noch von Leid erschüttern lässt, ist das höchste

Ziel. Nein.

Unser Glaube nötigt, hinzuschauen. Dein Auge

ist das Licht des Leibes. Wir brauchen es, dass

Bilder in uns gut belichtet werden. Dass Menschen

wie die Mädchen und Frauen, die wir

hier wahrnehmen dürfen, aus sich heraus sehen,

ihre Lage möglichst bald wieder als hoffnungsvoll

empfinden oder sich in schwerer Zeit

getröstet fühlen. Freude macht große Augen.

Und wenn das Auge weit ist, wird der Leib licht.

Ich denke an Flüchtlinge, die bei uns ankommen

– mit müden Augen, mattem Blick. An die

unbegleiteten minderjährigen Menschenkinder,

die oft Jahre unterwegs waren. Wie können

sie strahlen, wenn sie Essen und ein sicheres

Dach über dem Kopf haben, man ihnen ein

warmherziges Willkommen entbietet. Wenn sie

sich nachts mit einem Schlaf-Gut-Wunsch einmummeln

können, vielleicht mit dem Stofftier

im Arm. Mädchen und Frauen, wo immer auf

der Welt, sind kein Bild für Götter.

Sie sind, jede für sich, ein Ebenbild Gottes.

Fratzen zeigen die, die sie mit aller Gewalt unter

ihre Knute zwingen wollen. Symptomatisch,

dass solche Menschen ihre Fratze nicht

zeigen wollen. Sie verhüllen, vermummen sich

– weil sie im umfassenden Sinn nicht erkannt

werden wollen. Hässlich, was man zu Gesicht

bekäme, würde man sie anschauen.

Brutalität, unbedingter Wille zur Macht, die

Absicht, anderen das eigene Weltbild aufzuzwingen.

Götzenbilder. Im „Picture of Dorian

Gray“ verkauft der seine Seele an den Teufel

und bleibt wie er ist, bei aller Verderbtheit,

die er an den Tag legt. Dorians Porträt zeigt

statt seiner alle Spuren der Verkommenheit,

der er frönt. So, wie Fotografen uns die Verkommenheit

der Welt zeigen müssen und ihre

Porträts nicht verstecken dürfen!

Das wahre Ebenbild Gottes, wie Erol Gurian,

Emine Akbaba, Heiko Roith und Sonja Hamad

es uns vor Augen führen, ist gezeichnet vom

Leben, von Sorgen und Leid, von mancher

Verzweiflung und Verantwortung, von Lachen

und Freude, von Tränen. Aber es wird immer

auch und immer wieder Liebe, Güte und

warmherzige Freundlichkeit ausstrahlen.

Wir sind kein Bild für Götter. Gott hat uns

zu seinen Ebenbildern gemacht.

Er ist nicht in transzendenter Vermummung

verblieben, sondern hat uns sein Gesicht gezeigt,

damit wir wissen, mit wem wir es zu tun

haben: Gott, der Menschen liebt, der uns auf

den Weg bringt, damit wir anderen ins Angesicht

sehen. Gott, der will, dass wir freie Geschöpfe

sind und andere frei sein lassen. Allesamt

Gottes geliebte Söhne und Töchter. Einmalig,

unverwechselbar. Nicht vollkommen,

aber besonders wie alle, die wir hier sehen.

Zu wissen, dass Gott die Existenz eines jeden

Menschen will und bejaht, stärkt das eigene

Selbstbewusstsein und den Respekt, die Achtsamkeit

für andere. Gott hütet uns wie seinen

Augapfel, sagt das Alte Testament (Ps 17,8;

Sach 2,12). Ihre Fotografie und unser Glaube

müssen unmissverständlich klar machen, dass

wir auf der Seite des verletzlichen und bedrohten

Lebens stehen. Danke, dass Sie das tun.

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LAGOIS FOTOWETTBEWERB

des Evangelischen Presseverbands für Bayern e.V.

Der Martin-Lagois-Fotowettbewerb des

Evangelischen Presseverbands für Bayern e. V.

(EPV) erinnert an den bayerischen Fotografen

und Medienpfarrer Martin Lagois (1912 – 1997)

und fördert die Bildberichterstattung zu Themen

rund um Kirche, Diakonie und Religion.

Martin Lagois war langjähriger Leiter der

Redaktion Franken des EPV und jahrzehntelang

als Fotograf tätig. Mit seiner Leica

fotografierte er alte Kunstwerke in Frankens

evangelischen Kir chen ebenso wie Menschen

in Afrika oder Asien.

Der Wettbewerb wendet sich an Fotografinnen

und Fotografen mit ständigem Sitz in

Deutschland. Die Auszeichnung wird seit

2008 alle zwei Jahre verliehen. Sie ist mit

insgesamt 5.000 Euro dotiert und mit einer

Wander ausstellung verbunden.

www.martin-lagois.de

Mit freundlicher Unterstützung

Der Wettbewerb unterscheidet zwei Kategorien:

Der Fotopreis widmet sich einem zuvor

durch die Jury festgelegten Thema – z. B.

„Bildung“, „Gemeinschaft“ oder „Weltreligionen“.

Ein gereicht werden können Reportagen

oder Serien mit maximal zehn Fotos.

Die Bilder müssen innerhalb der letzten

drei Jahre entstanden sein.

Der Förderpreis unterstützt größere foto ­

gra fische Projekte, die erst noch realisiert,

erweitert oder beendet werden sollen –

vorzugsweise zu sozial- oder gesellschaftspolitischen

Themen.

Preisträgerinnen und Preisträger

2016

Fotopreis: Sonja Hamad

Förderpreis: Erol Gurian

2014

Fotopreis: Alessandra Schellnegger

Förderpreis: Andy Spyra

2012

Fotopreis: Stéphane Lelarge

Förderpreis: Verena Berg

2010

Fotopreis 1. Platz: Toby Binder

Fotopreis 2. Platz: Felix Schmitt

Förderpreis: Jan-Christoph Hartung

2008

Fotopreis 1. Platz: Peter Dammann

Fotopreis 2. Platz: Harald Rumpf

Fotopreis 3. Platz: Torsten Seithe

Sonderpreis: Volker Derlath

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Daten und Fakten

Schirmherrin

Susanne Breit-Keßler,

Regionalbischöfin und Ständige

Vertreterin des Landesbischofs

der Evangelisch-Lutherischen Kirche

in Bayern

Träger

Evangelischer Presseverband

für Bayern e. V. (EPV)

Direktor Dr. Roland Gertz

Birkerstraße 22

80636 München

Kuratorin

Rieke C. Harmsen

Mitarbeit

Tina Klemme, Claudia Schreck

Hauptsponsor

Evangelisches Siedlungswerk (ESW)

Ausstellung

Pigture Werbedruck, Ismaning

Partner

Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern

St. Egidien, Nürnberg

Vorsitzende der Jury

Susanne Breit-Keßler

Jurymitglieder

Hannes B. Erhardt,

Geschäftsführer Evangelisches

Siedlungswerk in Bayern, Bau- und

Siedlungsgesellschaft mbH

Rieke C. Harmsen,

Chefredakteurin Online,

Evangelischer Presseverband für Bayern

Andy Spyra,

Fotograf, München

Martin Brons,

Pfarrer, St. Egidien, Nürnberg

Andrea Peccator,

Geschäftsführerin Pigture Werbedruck,

Ismaning

Ausstellungsgrafik

Christian Topp,

Patricia Stoßberger

Diese Ausstellung kann ausgeliehen werden:

www.epv.de/ausstellungen

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fotopreis

Sonja Hamad

Sonja Hamad hat nach verschiedenen

Praktika bei Fotografen

an der Ostkreuzschule

für Fotografie in Berlin studiert.

Sie lebt und arbeitet als freie

Fotografin in Berlin.

www.sonjahamad.com

Jin – Jiyan – Azadi,

Frauen, Leben, Freiheit

Hunderte kurdische, jesidische Frauen wurden in

Sindscha vom IS verschleppt und auf Märkten wie

Sex-Sklavinnen verkauft, vergewaltigt und geköpft.

Dieser durch die Barbaren des IS umgesetzte Feminizid

hat System und ist ideologisch begründet. In diesem

Zusammenhang steht der IS für die direkteste,

extremste, gröbste Form von Patriarchat, Sexismus

und Feudalismus. Er steht für ein ideologisches Weltbild,

in dem Frauen in keiner Weise als Menschen mit

Rechten und Freiheiten angesehen werden.

In ganz Kurdistan haben sich daher Frauen aller

Altersgruppen in großer Zahl an den verschie dens ten

Bereichen des Kampfes beteiligt: von den Friedensmüttern

oder Samstagsmüttern im türkischen Teil

bis hin zu den Guerillas in den Bergen oder YPJ-

Kämpferinnen in Nordsyrien, Westkurdistan. Sie

verweigern sich der traditionellen patriarchalen

Frauenrolle, in der sie, im Haus eingesperrt, die

Ehre der Familie darstellen.

1: Diljin, 21 Jahre alt. Sinjar, Nordirak. Oktober 2015

2: Tiyda, 30 Jahre alt. Sinjar, Nordirak.

September 2015

3: Dicle, 23 Jahre alt. Hasaka, Syrien. Oktober 2015

4: Zwei stehen still. Kobani, Syrien. Oktober 2015

5: Kurdischer Frühling. Romelan, Syrien. März 2015

6: Gulan, 19 Jahre, Zerya, 18 Jahre, Zilan, 17 Jahre.

Sinjar, Nordirak. September 2015

7: Staubbad. Hasaka, Syrien. September 2015

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förderpreis

Erol Gurian

Bekaa Blues – vom Leben

syrischer Flüchtlingsmädchen

im Libanon

www.gurian.de

Rund 400.000 syrische Flüchtlinge leben seit 2015/16

im Bekaa-Tal, der Kornkammer Libanons. Sie wohnen

in „Informal Settlements“, selbstorganisierten Zeltstädten

und sonstigen improvisierten Unterkünften,

errichtet mit der Unterstützung des UNHCR-Hilfswerks.

Die meisten Kinder müssen arbeiten, um ihre

Familien zu unterstützen. Viele Mädchen schuften

für einen Monatslohn von knapp 100 Euro in den Gemüsefeldern

des Libanons.

Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist

und Dozent. Er unterrichtet

unter anderem an der

renommierten Deutschen Journalistenschule

und ist Dozent

an der Universität Hildesheim.

Bei Temperaturen von über 40 Grad legen sie viele Kilometer

zurück. Dann müssen sie Erde umgraben, Unkraut

jäten oder Gemüse ernten. Nicht selten erleiden

sie sexuelle Gewalt, werden geprügelt und vergewaltigt.

Ein – vermeintlicher – Ausweg aus der Misere ist die

frühe Ehe der Mädchen („early marriage“), also die

Verheiratung von 12- bis 14-jährigen Mädchen mit

syrischen oder libanesischen Männern für ein Entgelt

von 2.000 bis 4.000 US-Dollar.

In der Fotoreportage „Bekaa Blues” erzähle ich

die Geschichte der 14-jährigen Warda. Sie lebt mit

ihren Eltern und ihren 4 Brüdern in einem ehemaligen

Kuhstall. Die Kamera begleitet die Protagonistin bei

der Haushaltsarbeit, dem lästigen Knoblauschschälen

und beim Lernen in einer der Schulen der „Beyond

Association”.

Der Fotoessay gewährt einen sensiblen Einblick in

die prekäre Lebenssituation eines syrischen Mädchens,

das mit seiner Familie in den Libanon flüchten

musste. Er steht repräsentativ für das Schicksal von

hunderttausenden Kindern, die im Bekaa-Tal leben.

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1: Warda will später einmal keine Kinder.

Zu sehr leide sie unter ihren Brüdern, sagt sie.

2: Warda mit ihrem Bruder Abdel Hadi, 12

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3: Warda übergibt ihrer Tante Khitam ihre Nichte Hola.

4: Während ihre Brüder vor der Unterkunft

herumtollen, muss Warda arbeiten.


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5: In der düsteren, engen Küchennische verbringt Warda viel Zeit.

Hygienisch problematisch ist das Plumpsklo in der hinteren Nische.

6: Beim Knoblauchschälen für 25 US-Cent pro Kilo helfen Wardas Brüder mit.

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7: Selten hat Warda Zeit, mit ihrem Bruder Hassan (4) zu schaukeln.

Salloum (9) und Abdel Hadi (12) leisten den beiden Gesellschaft.

8: Der zerbrochene Spiegel gewährt einen Blick in die kleine, dunkle Küche.


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9: Wardas Lehrerin Farah Ourebi sagt, dass Warda schulisch

auf dem Stand einer 10-Jährigen sei.

10: Das Handy der Freundin ersetzt den Handspiegel.

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Heiko Roith

Heiko Roith ist in Langen

geboren und in Sydney (Australien)

aufgewachsen. Nach

seiner Ausbildung als Fotograf

bei der Rosenthal AG in Selb

arbeitete er viele Jahre in

der Produkt- und Bühnenfotografie.

Heute macht er

Fotoreportagen und Dokumentationen

in aller Welt.

www.rockandroyalty.eu

Gesichter Syriens

Durch einen Spendenaufruf für syrische Flüchtlinge

lernte ich eine junge Familie aus Syrien kennen,

die 2015 in Oberfranken unter gekommen ist. Mit

Mitte 20 haben sie ihre Heimat, ihre Familie und ihr

bisheriges Leben verloren.

Diese Begegnung und die Geschichte der zweijährigen

Flucht mit ihrem kleinen Sohn aus dem

Kriegsgebiet hat mich bewegt. Drei Mal reiste

ich 2016 nach Syrien, um die Situation im Kriegsgebiet

zu dokumentieren, Antworten auf meine

Fragen zu bekommen und mir ein eigenes Bild

der Situation vor Ort zu machen.

Auch durch familiäre Kontakte der Flüchtlingsfamilie

konnte ich im Kriegsgebiet betroffene Familien,

IS- und Al-Nusra-Kämpfer treffen und verschiedene

Flüchtlingslager besuchen.

Frauen kommen in der Berichterstattung über Flucht

und Migration kaum zu Wort. Mit meinen Fotografien

will ich den Frauen eine Stimme verleihen.

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1: Ärztin auf der Flucht, ca. 45 Jahre, aus Damaskus

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2: Bettelnde Frau in Beirut, die mit Tochter und Enkel aus Homs geflüchtet ist

3: Zwei syrische Mütter bei ihrer Ankunft in Anjar – nach zwei Tagen Fußmarsch über die Berge

4: Um sich ihre Flucht zu finanzieren, verkauft dieses achtjährige Mädchen Blumen.

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5: Alltag in einem Frauen-Camp außerhalb von Damaskus

6: Syrische Flüchtlinge bei der Ankunft im UN-Headquarter Beirut

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Maria Litwa

Jesidische Frauen im Irak

Maria Litwa wurde 1982 in

Mülheim an der Ruhr geboren.

Die Fotografin hat an der Fachhochschule

Dortmund Fotografie

und Kommunikationsdesign

studiert. 2015 hat sie die

NOOR-Nikon Masterclass für

Dokumentarfotografie und

Fotojournalismus in Amsterdam

(Niederlande) besucht.

Maria Litwa lebt in Köln.

www.marialitwa.com

Im Irak sind hunderttausende Menschen auf der

Flucht vor der Terrororganisation „Islamischer Staat“.

Erste Station für viele Flüchtlinge war das kurdische

Autonomiegebiet im Nordirak.

Von August 2014 bis Mai 2015 wurde der Ort Zakho

nahe der türkischen Grenze zur Zuflucht für jesidische

Flüchtlinge. Rund 7.000 von ihnen, darunter viele

Familien, lebten in „Daben City“, einem Rohbau-Gebäudekomplex

ohne Sanitäranlagen und Strom, meist

nur geschützt durch eine Plastikplane.

Das Leben in dem Gebäude ist gefährlich. Die provisorischen

Toiletten können nicht abgeschlossen

werden. Das Treppenhaus hat kein Geländer; einige

Kinder sind in der Dunkelheit schon in die Tiefe gestürzt

und gestorben.

Meine Dokumentation des Alltags der jesidischen

Frauen stammt vom Mai 2015. Kurze Zeit später wurde

das Gebäude geräumt, die Bauarbeiten fortgesetzt.

Die Familien hatten damals große Angst, in das neu

errichtete Flüchtlingscamp im Distrikt Sheikhan transferiert

zu werden, zumal sich dieses Lager nur knapp

50 Kilometer von der IS-Hochburg Mosul befindet.

1: Jesidische Flüchtlinge aus dem Sinjar haben sich improvisiert eingerichtet.

2: Nach Monaten des Wartens und Ausharrens nach der Flucht erblickt man in einigen

Augenblicken die Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit.

3: Amina, 13, möchte trotz der gefährlichen und unhygienischen Umgebung ungern in ein

Flüchtlingslager umziehen. Sie hat in der Anlage Freunde gefunden. Sie vermisst die Schule

und ihr Zuhause, sieht aber keine Hoffnung, in den Sinjar zurückzukehren.

4: Eine jesidische Frau hängt Wäsche auf. Hunderttausende Flüchtlinge haben Zuflucht in den

zahlreichen leer stehenden Rohbauten in der kurdischen Autonomieregion im Irak gefunden.

5: Flüchtlinge beobachten den Auszug aus dem Rohbaukomplex. Die letzten etwa 100 verbliebenen

Familien müssen die Gebäude räumen, weil der Bau der Wohnanlage weitergeht.

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Hatice Ogur

Kurdische Frauen im Irak

Hatice Ogur wurde 1992 in Nusaybin

(Türkei) geboren. Nach

ihrer Flucht nach Deutschland

besuchte sie die Gesamtschule

und arbeitete als Kassiererin in

einem Supermarkt, um anschließend

die Fachoberschule für Gestaltung

besuchen zu können.

Derzeit studiert sie an der Fachhochschule

Mainz Kommunikationsdesign.

Ogur lebt in

Mainz-Kastel.

www.hatice-ogur.de

Die Fluchtgründe für kurdische Frauen sind sehr verschieden.

Sie leiden unter dem patriar cha lischen Familiensystem,

fühlen sich durch den türkischen Staat

unterdrückt oder werden durch die Terrororganisation

„Islamischer Staat“ gepeinigt und verfolgt.

Ausgehend von meiner eigenen Lebensgeschichte

möchte ich die Schicksale von Frauen dokumentieren,

die fliehen. Für mein Langzeitprojekt „Jin“, was im

Kurdischen „Frau“ und „Leben“ bedeutet, habe ich

vier Wochen in Städten und Flüchtlingscamps im Irak

und in der Türkei recherchiert.

Mit meiner Arbeit möchte ich ein Bewusstsein schaffen

für die Heimatlosigkeit der Kurden in der Türkei

und im Mittleren Osten.

1: Kämpferin vor einem Kontrollposten

nähe Kirkuk (Irak)

2: Porträt: Narben des IS

3: Porträt: Heimatlos

4: Erschöpfung an der Front

5: Weg zur Hochzeit

6: Weltfrauentag in Maxmur (Irak)

7: Porträt: Stolz

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Emine Akbaba

Syrische Frauen in der Türkei

Emine Akbaba wurde 1987 in

Hannover geboren. Ihre Projekte

reflektieren ihr Hauptinteresse

im Bereich der Menschenrechte.

Besonders die Situation der

Frauen und Kinder im Nahen

Osten liegt ihr am Herzen.

Sie hat an der Fachhochschule

Hannover studiert. Anschließend

nahm sie am Programm

der „Danish School of Media

and Journalism“ teil. Akbaba

lebt in Hannover.

http://emineakbaba.com

Turkiye hat mit ihren vier Töchtern in Syrien in Angst

und Schrecken gelebt. Um dem Elend des Kriegs zu

entkommen, ist sie mit ihren Kindern in die Türkei

geflohen. „Wir sind in einer kalten und regnerischen

Nacht entkommen. Tagsüber kann keiner fliehen.

Da wird man erschossen“, erzählte mir die Mutter.

Die Familie hat nur wenige Erinnerungen mitgenommen,

darunter ein Foto des Vaters, der im Krieg gefallen

ist. Nun wartet die Familie in Mardin im Südosten

der Türkei, rund 20 Kilometer nördlich der syrischen

Grenze, vergeblich auf das Ende des Kriegs.

Turkiye und ihre Töchter leben vom Brautgeld für die

älteste Tochter, die an einen zehn Jahre älteren Mann

verheiratet wurde. Die 15-jährige Fatma soll ebenfalls

bald verheiratet werden, denn das Geld ist inzwischen

aufgebraucht.

Auch für die Mädchen Suher (12) und Eye (13) bedeutet

der Krieg ein abruptes Ende ihrer Kindheit. Eye hat

gesehen, wie Menschen in Aleppo auf offener Straße

enthauptet wurden. Oft sitzt sie schweigend da, ganz

in sich gekehrt. Auf ihre Hand hat sie „Frieden“ geschrieben.

Das ist das Einzige, was sich die Familie

wünscht: in die geliebte Heimat zurückkehren.

1: Der Krieg hat Eyes Persönlichkeit verändert. Oft sitzt sie allein,

spricht mit niemandem und wirkt in sich gekehrt.

2: Sorgen zeichnen das Gesicht der Mutter. Die Hilflosigkeit und die ungewisse

Zukunft ihrer Töchter lassen ihr keine Ruhe. Nur mithilfe von Beruhigungsund

Schlaftabletten kann sie einige Stunden schlafen.

3 und 4: Auf das Ende des Kriegs wartet die Familie in Mardin, im Südosten der Türkei,

rund 20 Kilometer nördlich der Grenze zu Syrien, vergeblich. Fatma (rechts oben)

ist 15 Jahre alt, Suher ist 12 und Eye 13 Jahre alt.

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Sibylle Fendt

Sibylle Fendt lebt und arbeitet

in Berlin. Sie studierte Kunstgeschichte,

Soziologie und

Philosophie an der Universität

Karlsruhe sowie Fotografie an

der Fachhochschule Bielefeld.

Seit 2008 unterrichtet sie

Fotografie an der Ostkreuzschule

Berlin.

www.sibyllefendt.de

Eine Reise durch deutsches

Flüchtlings(krisen)land

Wenn ein Flüchtling nach Deutschland kommt,

durchwandert er verschiedene Räume: Orte der

Bürokratie und der Staatsordnung, Provisorien,

von Flüchtlingen geschaffene Räume, Orte der

Hoffnung und der Resignation.

In meiner Serie „Sehr geehrte Frau K.“ dokumen ­

tierte ich 2011/2012 erstmals die Situation von

Flüchtlingen in Berlin. Seit 2014 beschäftige ich

mich mit Strukturen von Asyl und Migration im

gesamten Bundesgebiet.

Mit der Krise 2015 besuchte ich Grenzübergänge und

Notunterkünfte, fuhr zu den „Registrierungs straßen“

in Bayern, entdeckte Parkplätze mit Schlepperfahrzeugen

und begab mich in Massen unterkünfte und

„Rückführungseinrichtungen“.

Mit meinen Porträts und Ortsbeschreibungen

möchte ich den schwierigen Spagat zwischen der

behördlichen Organisation des Flüchtlings stroms

einerseits und dem Schicksal des einzelnen Flüchtlings

andererseits beschreiben.

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Nathalie Bertrams

Nathalie Bertrams studierte

an der Kunstakademie in

Maastricht (Niederlande),

am San Francisco Art Institute

(USA) und an der Kunstakademie

in Düsseldorf. Die Fotojournalistin

und Dokumentarfoto

grafin lebt und arbeitet

in Hamburg und Istanbul.

www.nathaliebertrams.de

Vergessene Frauen

Libanon beherbergt weltweit prozentual die meisten

Flüchtlinge. Neben mehr als einer Million Syrer

leben hier knapp eine halbe Million staatenlose

Palästinenser. Sie sind Nachkommen der Menschen,

die infolge des arabisch-israelischen Kriegs 1948

flohen, oder syrische Palästinenser, die seit 2011 ins

Exil gezwungen worden sind.

Die Palästinenser leben seit fast 70 Jahren in einer

Art Schwebezustand. Ihre Kinder werden in die

Staatenlosigkeit hineingeboren. Die Familien haben

kein offizielles Wohnrecht und bekommen nur eingeschränktes

Arbeitsrecht. Auch bekommen sie

kaum Zugang zu Sozialleistungen, Gesundheitswesen

oder Bildung. Rund 40 Prozent der Palästinenser

leben inzwischen in sogenannten „gatherings“

jenseits des UN-Mandats.

Ich habe palästinensische und syrisch-palästinensische

Familien im Bezirk Daouk im südlichen Beirut

besucht. Die Menschen in den informellen Siedlungen

leiden unter schwierigen wirtschaftlichen und

sozialen Bedingungen. Das Wasser ist so salzig, dass

es nicht getrunken werden kann; der Strom fällt dauernd

aus; die Mietpreise sind mit dem neuen Flüchtlingsstrom

sprunghaft angestiegen. Staatenlose Frauen

sind Gewalt und Willkür besonders ausgesetzt.

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Mehdian (Bild 1) und Um Shahinaz (Bild 2) wurden beide in Palästina

geboren und flohen mit ihren Eltern 1948 vor dem arabisch-israelischen

Krieg in den Libanon. Seitdem leben sie als staatenlose Flüchtlinge in

einer inoffiziellen Siedlung in Süd-Beirut.

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3: Ada ist vor zwei Jahren mit ihrem Mann Ibrahim und ihren zwei

kleinen Kindern aus Damaskus geflohen, als er zum Militär

eingezogen werden sollte. Seither leben sie illegal in Süd-Beirut.

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Frank Schultze

Frank Schultze, 1959 in Daun /

Eifel geboren, studierte Bildjournalismus

in Dortmund.

Er ist Mitglied bei der Reportageagentur

Zeitenspiegel.

www.frankschultze.de

Befreiungsaktion für

jesidische Frauen

Im August 2014 fielen die Milizen des „Islami schen

Staats“ über die Dörfer der Jesiden im Sindschar-

Gebirge im Nordirak her. Sie töteten die Männer,

verschleppten Frauen und Kinder. Tausende sind

immer noch in ihrer Gewalt, müssen als Sklaven

dienen, werden missbraucht und misshandelt.

Der jesidische Anwalt Khaleel Alasaat gehört zu

einem Netzwerk, das Befreiungsaktionen für jesidische

Frauen und Mädchen organisiert. Eine der befreiten

Frauen ist Latifa Hussein (Name geändert).

Sie konnte ihrem Peiniger das Mobiltelefon entwenden

und so mit dem Anwalt heimlich Kontakt

aufnehmen.

Bei den Befreiungsaktionen werden die Frauen und

Mädchen oft unter Lebensgefahr zur Frontlinie

gebracht und zu den Stellungen der Peschmerga geleitet.

Seit das geistliche Oberhaupt der Jesiden,

Baba Shex, verfügt hat, dass vom IS vergewaltigte

Frauen nicht mehr geächtet werden, werden die

jesidischen Frauen auch wieder in die Glaubensgemeinschaft

aufgenommen.

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1: Der jesidische Anwalt Khaleel Alasaat, 38, organisiert die Befreiungs aktion von jesidischen

Frauen und Mädchen. Dazu telefoniert er täglich mehrere Stunden mit Betroffenen und

Helfern im IS-Gebiet.

2: Im Flüchtlingscamp „Sharia“ in der Nähe von Duhok haben rund 25.000 jesidische Flüchtlinge,

darunter auch viele aus IS-Gefangenschaft befreite Frauen, Zuflucht gefunden.

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3: Befreite jesidische Frauen und Kinder aus der IS-Gefangenschaft haben im Flüchtlingslager

„Kadia“ in der Nähe von Duhok Zuflucht gefunden.

4: Hoher Besuch vom Oberhaupt der Jesiden, Baba Shex, im Jesidentempel Cemahia

Sherfadin am Fuße der Sindschar-Berge. Baba hat verfügt, dass von IS-Kämpfern

vergewaltigte Frauen nicht mehr geächtet werden dürfen.

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Lena Giovanazzi

Willkommen in Wies (2016)

Lena Giovanazzi, 1983 in Müllheim

(Baden) geboren, lebt und

arbeitet als freie Fotografin in

Berlin. Sie studierte an der Fachhochschule

Mainz Kommunikationsdesign

mit Schwerpunkt

Fotografie. Von 2013 bis 2016

war sie für Grafikdesign und

Bildredaktion des Architekturmagazins

„uncube“ zuständig

und arbeitete an verschiedenen

dokumentarisch-fotografischen

Projekten. Seit 2016 studiert sie

an der Ostkreuzschule Berlin.

www.lenagiovanazzi.de

In einem Dorfgemeinschaftshaus im Südschwarzwald

wurden im Frühjahr 2016 sechsunddreißig Geflüchtete

aus Syrien, Irak, Gambia und Nigeria untergebracht.

Nach drei Monaten musste die Gruppe in eine Containerunterkunft

nach Lörrach umziehen, mittlerweile

leben einige der Familien in einer eigenen Wohnung.

Die Fotoserie zeigt die ersten Wochen des Zusammenlebens

der Familien, geprägt von Warten und Ungewissheit.

Die Tage sind monoton und scheinen nur

strukturiert durch Kochen, Telefonieren mit Familienangehörigen

im Heimatland, erste Versuche des

Deutschlernens oder Einkaufen in der nächstgelegenen

Stadt. Während die Männer mehr unter dem

Nichtstun zu leiden scheinen und davon träumen,

wieder arbeiten zu können, stürzen die Frauen sich

schon ins Tun. Sie kochen, putzen, führen Handarbeiten

aus und versorgen die Gäste aus dem Dorf mit

Tee und liebevoll zubereiteten Mahlzeiten.

Meine Arbeit schildert die kleinen Augenblicke der

Freude in diesem Alltag, die ihre Fluchtvergangenheit

für einen Moment vergessen lassen: das Erkunden der

neuen Umgebung, Begegnungen mit hilfsbereiten

Dorfbewohnern und das Entstehen von Freundschaften

innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft.

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1: Nour und Lama sind wie Schwestern. Nour ist mit Lamas Familie von Syrien nach

Deutschland geflohen. Sie ist mit Lamas Bruder, der in Dubai lebt, verlobt.

2: Die Mutter bringt ihrer Tochter Malak, die mit der Tochter des Heimleiters spielt, syrische

Pfann kuchen (Atayef) vorbei. Die Containerunterkunft ist ihre dritte Etappe in Deutschland.

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3: Pfarrer Christian Rave zeigt interessierten Geflüchteten während eines

Wiedersehensfestes in Wies die evangelische Dorfkirche.

4: Im Dorfgemeinschaftshaus bereiten die Frauen das Abendessen vor.

Lama telefoniert mit ihrem Verlobten in Bochum.

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Wolfgang Noack

Fluchtpunkt Budapest

www.wolfgangnoack.de

Im Sommer 2015 strandeten tausende Flüchtlinge

am Budapester Bahnhof Keleti. Sie erreichten

Ungarn über die Balkan-Route und warteten im

Untergeschoss des Bahnhofs, bis Ungarn ihnen die

Weiterreise Richtung Österreich und Deutschland

erlaubte. Vor allem Jugendliche und kirchliche

Organisationen versorgten die Flüchtlinge, ohne

Unterstützung der ungarischen Behörden.

Wolfgang Noack, geboren 1953

in Braunschweig, arbeitet nach

Fotografenlehre und Studium

als Redakteur und selbstständiger

Fotograf mit dem Schwerpunkt

Reportage- und Reisefotografie

sowie street-photography.

Die Bilder auf Straßen und Plätzen

entstanden in vielen Ländern

Asiens, in Europa, Nordund

Südamerika sowie Afrika.

Wolfgang Noack ist Mitglied der

Fotografengruppe Landmarker

und lebt in Nürnberg.

Hier entstand die Reportage „Fluchtpunkt Budapest“.

Die Bilder zeigen Frauen – mit ihren Kindern – die

hoffen, weiterreisen zu dürfen. Die weitaus größere

Zahl der Flüchtlinge waren junge Männer, die unabhängiger

sind, sich besser durchsetzen können.

Mich interessierte bei der Reportage, wie es den

Frauen in dieser unklaren Situation erging. In ihren

Gesichtern sieht man Erschöpfung, Angst, Zweifel.

1: Fürsorge

2: Ein Lächeln durch die Polizeisperre

3: Die Polizei versperrt den Weg zum Bahnsteig.

Was bleibt ist die Ungewissheit.

4: Der Weg zum Zug ist versperrt.

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Iona Teichert

Safa in Deutschland

Ab September 2015 arbeitete ich ehrenamtlich mehrmals

in der Woche in der Kinderbetreuung einer

Frankfurter Notunterkunft. Dort lernte ich Safa Bitar

kennen, eine 29-jährige Frau aus Aleppo.

Iona Teichert, 1993 geboren in

Frankfurt am Main, studiert seit

2014 Kommunikationsdesign mit

dem Schwerpunkt Fotografie an

der Hochschule Darmstadt. Von

September 2015 bis April 2016

betreute sie ehrenamtlich geflüchtete

Kinder in Frankfurt.

Sie fiel mir durch ihr gutes Englisch und Ihre freundliche

und offene Art auf. Wir freundeten uns an. Mittlerweile

stehen wir in täglichem Kontakt. Ich erlebe

immer wieder mit wie viel Kraft sie trotz der vielen

Schwierigkeiten dafür kämpft, hier ein neues Leben

aufzubauen, ein Leben, das sie in Aleppo längst hatte.

Nachdem ihr Mann Omar, der in Syrien als Tierarzt

arbeitete, keine andere Chance mehr sah, als zu

fliehen, folgte ihm Safa nach. Sie bewältigte die

gesamte Flucht mit ihren zwei Kindern Bisan (6) und

Abode (4) allein.

Zunächst im Rahmen eines Entwurfskurses meines

Studiums, fing ich an, Safas Leben in Deutschland

und das ihrer Familie mit meiner Kamera dokumentarisch

zu begleiten. Von der Zeit in der Turnhalle bis

zum Übergang in einen Container und schließlich in

eine Wohnung abgeschieden auf einem Dorf. Neben

den Fotos entstand ein 30-minütiger Fotofilm über

die Flucht und das Ankommen in Deutschland.

1: Nächtliches Essen in der Halle

2: Abode hat Fieber

3: Letzter Abend im Camp vor dem Transfer

4: Kontakt nach Aleppo

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Manolo Ty

Hinterm Vorhang

Manolo Ty, 1985 in Hagen/Westfalen

geboren, ist autodidaktischer

Fotograf. Er arbeitete als

Filmemacher und Fotograf in

Asien, Europa und Lateinamerika.

Parallel dazu studierte er

an der Fernuniversität Hagen

Wirtschaft. Ty hat 97 Länder bereist

und lebt derzeit in Berlin.

Foto: Marcin Dzieniszewski

www.manoloty.blogspot.com

Um ein Bild von der Lage der syrischen Flüchtlinge im

Libanon zu bekommen, reiste ich 2015 an die syrische

Grenze. In der libanesischen Bekaa-Ebene nahe der

Stadt Zahlé fand ich ein Labyrinth von tausenden behelfsmäßig

errichteten Flüchtlingscamps. Zwei Millionen

Syrer sind hierher geflohen.

Ich bin vor Ort von Menschen empfangen worden, die

alles verloren haben. Sie sind vor drei Jahren hierher

geflohen mit der Aussicht auf eine schnelle Rückkehr.

Doch nun ist ihre Hoffnung der Verzweiflung gewichen.

Ihre Kinder haben teilweise noch nie eine

Schule besucht, sie spielen im Müll, während die

Eltern einer Arbeit zu Dumpinglöhnen nachgehen,

um das Überleben zu sichern.

Jeder registrierte Flüchtling erhält von der Welthungerhilfe

20 US-Dollar pro Monat. Die Miete für

ein Zelt soll 200 Dollar im Monat betragen. In den

inoffiziellen Zeltlagern gibt es keine Hilfskonvois mit

Kleidung, Nahrung oder Medizin. Wasser ist teuer,

und so verwenden die Flüchtlinge das Wasser aus

den Löchern im Lehmboden.

Meine Serie porträtiert den Alltag von Aida. Das

Mädchen ist mit ihrer Familie aus Syrien geflohen.

In viel zu großen Schuhen stand sie vor mir und

konnte nun nicht mehr zurück in ihre Heimat.

Meine arabische Übersetzerin hielt das, was sie

erzählt bekam, irgendwann nicht mehr aus, und

schloss sich im Auto ein.

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1

1: Wie viele Flüchtlingskinder verbringt Jazmeen ihren Tag beim Spielen zwischen den

behelfsmäßigen Zelten der syrischen Flüchtlinge nahe der Grenze. Eine Schule gibt es

nicht. Ihre Eltern waren vor dem IS geflüchtet und hatten mit einer baldigen Wiederkehr

in ihre Heimat gerechnet, an die sich Jazmeen selbst nicht mehr erinnern kann.

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2: Während die Eltern oft illegaler Arbeit nachgehen müssen, um ihre Familien zu ernähren,

bleiben viele Kinder allein in den inoffiziellen Flüchtlingsstätten zurück.

3: Aida lebt seit 3 Jahren als nicht registrierter Flüchtling im Libanon. Ihre neuen Schuhe sind

viel zu groß. Trotzdem ist Aida stolz auf sie und bezeichnet sie als ihren größten Schatz.

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Kathrin Königl

gewöhnen – Geflüchtete

Frauen in Gemeinschaftsunterkünften

www.kathrinkoenigl.de

Die Fotografien zeigen geflüchtete Frauen in ihrer

derzeitigen Lebenswelt in Deutschland. Einige der

Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften haben –

genau wie Männer – mit Depressionen zu kämpfen.

Die isolierte Lage, die Tristesse des Alltags, Gedanken

an die Vergangenheit und die Ungewissheit über ihre

Zukunft empfinden viele als zermürbend. Frauen haben

es in Gemeinschaftsunterkünften besonders

schwer. Sie können ihre Privatsphäre kaum wahren.

Kathrin Königl wurde 1985 in

Würzburg geboren. Sie studierte

Journalistik in Magdeburg und

Informationsdesign in Würzburg.

Sie hat in Indien und

Spanien gearbeitet und sich

2017 als Informationsdesignerin

in Würzburg selbstständig

gemacht.

Trotzdem zeugen die Geschichten der Frauen, denen

ich begegnete, von weiblicher Stärke. Eine dieser

Frauen bringt sich selbst mehrere Stunden täglich

Deutsch bei. Sie hat ein klares Ziel vor Augen: eine

Ausbildung in Deutschland beginnen.

Eine andere Frau, Mutter mehrerer kleiner Kinder,

sagt, sie wolle unbedingt verhüten. Ihr Mann sei strikt

dagegen, deshalb bat sie eine Betreuerin um Hilfe.

Sie weiß, dass sie ihre ganze Kraft für die Zukunft

ihrer bereits vorhandenen Kinder braucht.

Viele der Frauen entdecken und nutzen – trotz

widriger Umstände – ihre Möglichkeiten, die sie

in Deutschland teilweise erstmals haben. Sie begegnen

den neuen Herausforderungen mit dem Versuch,

sich zu emanzipieren. Das beeindruckt mich.

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1: Eine schwangere Frau mit ihrem Sohn in der Gemeinschaftsunterkunft in Harbke,

Sachsen-Anhalt

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2: Die Gemeinschaftsunterkunft am Stadtrand von Stendal, Sachsen-Anhalt

3: Eine junge Frau in der Gemeinschaftsunterkunft Rothensee in Sachsen-Anhalt

bringt sich selbst jeden Tag die deutsche Sprache bei. Der angebotene Deutschkurs

ist dafür nicht ausreichend.

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Snezhana

von Büdingen

Ein Gesicht geben

Snezhana von Büdingen, geboren

1983 in Perm / Russland,

studierte Kommunikationsmanagement

in Osnabrück.

Inspiriert durch ihren internationalen

Hintergrund, liegen Ihre

Schwerpunkte in der dokumentarischen

Fotografie sowie der

Porträtfotografie. Im Jahre 2016

absolvierte sie die Fotoakademie

Köln. Sie lebt und arbeitet in

Bonn.

www.vonbuedingen.com

Angst ist der ständige Begleiter von Frauen auf der

Flucht – Angst vor Gewalt und sexuellen Übergriffen,

Hunger und Krankheit, dem Verlust von Angehörigen

und einer ungewissen Zukunft.

Anonymität ist der ständige Begleiter von Frauen auf

der Flucht. Sie verlassen ihre Heimat meist allein mit

den Kindern, in der Hoffnung in Europa Sicherheit

oder eine neue Perspektive zu finden. Um diese

Frauen geht es in meiner Fotostrecke.

Die Aufnahmen sind in einem Bonner Flüchtlings ­

heim entstanden. Ich wollte mit diesen Fotografien

den für viele von uns anonym bleibenden Frauen

ein „Gesicht“ geben, ihre Geschichten erzählen.

Die meisten Frauen wollten ihre Namen nicht verraten.

Es ist schwer für sie, sich an eine solch neue

Lage zu gewöhnen. Viele hoffen, dass es nur eine

Übergangslösung ist und sie bald wieder in ihre

Heimat zurückkehren können.

Ich habe sie in ihren Zimmern porträtiert, an dem

einzigen Ort, wo sie sich sicher fühlen. Schon der

Gang über die endlosen Gänge des Heims ist ein

Schritt in das Unbekannte.

1: Frau T.

2: Frau M.

3: Frau H.

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Sima Dehgani

Ein Stück Erinnerung –

Objekte von Geflüchteten

Sima Dehgani, geboren 1985 in

München, studierte Fotografie

an der Akademie der Bildenden

Künste München. Ihr Vater ist

iranischer Herkunft und ihre

Mutter ist Deutsche. Neben ihrer

Tätigkeit als Fotografin für

namhafte Magazine, verfolgt sie

auch eigene fotografische Arbeiten,

die thematisch mit ihrer

bikulturellen Identität verknüpft

sind. Heimat und Flucht, sagt

Sima Dehgani, beschäftigen sie

auch aus einem sehr persönlichen

Grund: Ihr Vater verließ

mit 15 Jahren den Iran und kam

über Dubai nach Deutschland.

Sima Dehgani lebt in München

und arbeitet im In- und Ausland.

www.simadehgani.com

Die Münchner Fotografin Sima Dehgani ist für ein

Jahr lang in Notunterkünfte, Flüchtlingsheime und

umfunktionierte Turnhallen gegangen und baute

dort ein kleines Fotostudio auf. Sehr bewusst wollte

sie nicht die Flüchtlinge an sich fotografieren,

sondern sie stellte nur eine Frage: „Könnt ihr mir

einen Gegenstand zeigen, der euch viel bedeutet?“

In Simas Fotostudio liegen auf dem Tisch: ein

kaputtes Handy, ein abgegriffener Geldschein,

ein Stofffetzen mit Telefonnummern.

In dem Bildband „Ein Stück Erinnerung“ zeigt sie

62 Objekte von Geflüchteten und deren Bedeutung

für die Besitzer.

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Werknesh,

19 Jahre,

Äthiopien:

Das Buch enthält

Auszüge aus der

Bibel. Werknesh

hat es auf der

Flucht sieben

Monate direkt

an ihrer Brust

versteckt.

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Fatimata,

19 Jahre,

Sierra Leone:

Die Eidechse

hat Fatimata

vor langer Zeit mit

ihrer Mutter

gebastelt. Der

Vater starb im

Bürgerkrieg,

die Mutter beim

Fischen. Fatimata

wurde als Zwangsprostituierte

in

die Türkei verkauft,

von dort gelang

ihr die Flucht.


Hannah,

12 Jahre, Irak:

Das Bild hat

Hannah gemalt.

Es zeigt ihre

Mutter, die immer

noch in der Türkei

festsitzt. Hannah

ist mit ihrem Vater

und ihrem Bruder

nach Deutschland

gekommen.

Zoe, 22 Jahre,

Afghanistan:

Das Hemd

gehörte Zoes

dreijähriger

Tochter Magda,

die sie in

Afghanistan

bei Verwandten

zurückgelassen

hat.

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DIGITALDRUCK

&WERBETECHNIK

www.pigture.de

Mayerbacherstraße 56 • 85737 Ismaning

Tel. 089.49 02 67 80 • info@pigture.de


Evangelische Medienzentrale Bayern

Hummelsteiner Weg 100 · 90459 Nürnberg

Telefon 09 11 / 430 42 15

info@emzbayern.de

www.emzbayern.de

Medien für die pädagogische Arbeit im Unterricht,

in der Jugend- und Erwachsenenbildung

Alle Medien dürfen öffentlich in nichtgewerblichen Zusammenhängen vorgeführt werden. Sie

beinhalten in der Regel Hintergrundinformationen und pädagogisch-didaktisches Begleitmaterial.

Der Bezug der Medien ist über das Medienportal der Evangelischen und Katholischen

Medienzentralen möglich. Nach Registrierung können Sie hier Medien herunterladen – bei

guter Internetverbindung auch streamen – sowie Leihmedien buchen und DVDs erwerben.

55 Min., Dokumentarfilm,

Deutschland 2015 |

Deutsch und Syrisch mit

deutschen Untertiteln |

Mit didaktischem Material

Amal – eine syrische

Flüchtlingsfamilie in Deutschland

Der Film entstand im Rahmen eines Dokumentarfilmstudiums.

Ohne Kommentar begleitet er eine

siebenköpfige Familie aus Syrien bei ihren ersten

Schritten in Deutschland. Die Eltern kümmern sich

um die Versorgung ihrer bei einem Bombenangriff

verletzten Söhne, die Kinder versuchen sich in der

Schule zurecht zu finden.

eignung ab 14, Allgemeinbildende Schulen,

Jugend- und Erwachsenenbildung

themen Krieg, Flucht, Asyl, Trauma,

Fremd sein, Kulturen, Integration

https://medienzentralen.de/medium38151

17 Min., Kurzspielfilm,

Deutschland 2015 |

Mit didaktischem Material

Deutscher Menschenrechts-

Filmpreis in der Kategorie Bildung

Flucht ins Ungewisse –

Bahar im Wunderland

Das Mädchen Bahar ist zusammen mit ihrem Vater

von Syrien nach Deutschland geflüchtet. Sie sieht

die Bankenmetropole Frankfurt mit den Augen eines

Mädchens, dem weder Heimat noch Bezugspersonen

geblieben sind, das unter den gegebenen Umständen

kein Kind mehr sein kann – und doch Möglichkeiten

findet, mit ihrer Situation umzugehen.

eignung ab 12, Gymnasium, Berufsschule,

Erwachsenenbildung

themen Flüchtlinge, Angst, Migration,

Menschenrechte

https://medienzentralen.de/medium34054

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80 Min., Dokumentarfilm,

Deutschland 2015 |

Mit didaktischem Material

Töchter des Aufbruchs

15 Frauen kommen zu Wort. Die Hintergründe ihrer

Migration sind unterschiedlich. Ihre Einzel-Schicksale

laufen zusammen zu einer großen Geschichte

über Aufbruch, Ankunft und Leben in einer zunächst

fremden Kultur. Gemeinsame Interviews von

Großmüttern und Enkelinnen machen die Identifikationskonflikte

der 2. und 3. Generation deutlich.

eignung ab 14, Allgemeinbildende Schulen,

Jugend- und Erwachsenenbildung

themen Migration, Flucht, Frauen,

Identität, Integration, Heimat, Kulturen,

Lebensbewältigung, Wünsche

https://medienzentralen.de/medium39074

50 Min., Dokumentarfilm,

Deutschland 2016 |

Mit didaktischem Material

Warum so viele Menschen fliehen –

Checker Tobi Extra

Die Reporter Tobi und Willi beschäftigen sich mit

dem Thema. Tobi lernt Flüchtlinge kennen. Unterschiedliche

Fluchtgründe werden erklärt, die Hauptherkunftsländer

der Flüchtlinge visualisiert. Parallel

dazu reist Willi in den Libanon und besucht dort eine

Flüchtlingssiedlung. Schließlich fährt er an die syrische

Grenze und erlebt wie nah der Krieg ist.

eignung ab 10, Allgemeinbildende Schulen,

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

themen Asyl, Migration, Integration,

Krieg, Sea Watch

https://medienzentralen.de/medium38290

Die Broschüre „Angekommen“ enthält

weitere aktuelle Medien zur pädagogischen

Arbeit rund um die Flüchtlingsthematik.

Sie wird regelmäßig aktualisiert.

Download: www.emzbayern.de/angekommen

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Abteilung Crossmedia im EPV

Telefon 089 / 121 72 - 153 · cme@epv.de · www.epv.de/ausstellungen

Leihen Sie eine Ausstellung!

Sie möchten in Ihrer Einrichtung einen kulturellen Akzent setzen? Sie planen eine Veranstaltung

und sind auf der Suche nach guten Bildern? Dann leihen Sie doch eine unserer Ausstellungen

aus. Unsere Wanderausstellungen werden in soliden Kisten angeliefert. Die Tafeln lassen sich

leicht aufhängen. Auf Wunsch kann Material für die pädagogische Arbeit mitgeliefert werden.

Die Ausstellungen eignen sich für Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Schulen oder Galerien.

© Andy Spyra

Exodus – Christen in der Türkei

FOTOAUSSTELLUNG

15 STOFFBAHNEN

In seiner Fotoreportage dokumentiert

Andy Spyra die schwierige Situation

der trotz der Unruhen in der Türkei

verbliebenen Christen zwischen tiefer

religiöser, geschichtlicher und kultureller

Verbundenheit mit der Region und ihrer

zunehmenden Diskriminierung.

Andy Spyra gewann den Förderpreis des

Martin-Lagois-Fotowettbewerbs 2014.

www.epv.de/ausstellung_exodus

Generation Flucht

FOTOAUSSTELLUNG

30 BILDTAFELN IM FORMAT 50 X 75 CM

Die Ausstellung „Generation Flucht“ mit

Bildern der Hamburger Fotografin Verena

Berg beschäftigt sich mit der Frage, was

passiert, wenn Menschen aus ihrer Heimat

vertrieben werden.

Verena Berg gehört zu den Preisträgern des

Martin-Lagois-Fotowettbewerbs 2012.

www.epv.de/ausstellung_generation

© Verena Berg

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© Erol Gurian

Auf der Flucht:

Frauen und Migration

FOTOAUSSTELLUNG

37 BILDTAFELN IM FORMAT 60 X 80 CM

Die Ausstellung dokumentiert die besondere

Situation von weiblichen Flüchtlingen

und die Herausforderungen, die

sie auf der Flucht und im Asyl meistern

müssen. Sie soll den interkulturellen

Dialog fördern und damit zu Frieden

und Toleranz beitragen.

Die Ausstellung zeigt Werke des

Martin-Lagois-Fotowettbewerbs 2016.

www.epv.de/ausstellung_flucht

© C. Burgholz / M. Hillerzeder

Toleranz in Comics

und Graphic Novels

AUSSTELLUNG

33 TAFELN IM FORMAT 60 X 80 CM

Die Ausstellung stellt das Werk von Comic-Zeichnern

aus aller Welt vor. Jede Tafel

ist einem Künstler gewidmet – und

zeigt eine komplette Geschichte oder den

Auszug aus einer längeren Graphic Novel.

Die Ausstellung ging aus einem internationalen

Comic-Wettbewerb hervor,

an dem sich mehr als 120 Zeichnerinnen

und Zeichner beteiligten.

www.epv.de/ausstellung_toleranz

© LAELKB, BS/G, Martin Luther

Luther in Comics, Cartoons

und Graphic Novels

AUSSTELLUNG

CA. 18 TAFELN IM FORMAT 60 X 80 CM

Plakate, Bilder und Flugblätter sorgten

dafür, dass die Inhalte der Reformation

einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden.

Die Ausstellung thematisiert die

Darstellung des Reformators und ihre

mediale Verbreitung – mit aller sinn lichen

Kraft, die Bilder entfalten können.

Ausstellung zur Lutherdekade „Luther 2017

– 500 Jahre Reformation“

www.epv.de/ausstellung_luther

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Der Junge und das Meer:

Heimat für Fortgeschrittene

Chi Dung Ngo

Heimat für Fortgeschrittene

Vom Mekong in die Mitte

Deutschlands

ISBN 978-3-532-62800-3, 18 €

„Ist es das Glück, wonach wir suchen? Sprechen

wir besser nicht vom Glück! Was bedeutet schon

Glück in bitterer Armut, im Mangel, in dem das Leben

auf das Äußerste beschränkt und der Mensch

auf sich zurückgeworfen ist! Keine Ablenkung,

keine Zerstreuung, selbst utopische Perspektiven

sind unbekannt, nichts bleibt dem Menschen, um

sich gegen die nackte Existenz, gegen das Leben

in seiner fortwährenden Gegenwart zu wappnen!

Was trifft er da an? Ist es die Langeweile, die Leere,

die sich hier breitmacht, oder offenbart sich

erst die Fülle des Daseins, nachdem ihm gelungen

ist, alles Überflüssige von sich abzuwerfen und

sich dem Leben hinzugeben?“

Chi Dung Ngo war 16 Jahre alt, als er allein, ohne

Familie, ein überladenes Boot bestieg und hinaus

fuhr auf das Meer Richtung Ungewissheit. Mit über

1 Mio. anderen sogenannten „Boatpeople“ floh er

vor dem grausamen Vietnamkrieg. Seine Odyssee

endet mit viel Glück in Deutschland, seine Geschichte

wird die einer gelungenen Integration. Er

erfährt, was Freiheit ist, ergreift seine Chance und

erlernt die deutsche Sprache bis hin zum poetischen

Ausdruck.

Eine Lebenserzählung – irrwitzig, bewegend,

ermutigend. Eine Geschichte, so außergewöhnlich,

wie der Mensch, der sie erzählt.

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