BIBER 05_17 ansicht

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; MZ 09Z038106 M; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

DROGE

FLÜCHTLING

KOPFTUCH ADÉ

DIE

MIGRANTIGEN

MIT SCHARF

MAI

2017

POLEN←→ WIEN

ABTREIBEN UND RETOUR


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3

minuten

mit

Mavi

Phoenix

Ihre erste EP hat sie gratis

veröffentlicht. Inzwischen

ist die Linzerin als Vorband

von Bilderbuch auf Tour.

Mavi Phoenix erobert mit

ihrer Musik gerade nicht nur

Österreich.

von Sarah Nadj

Foto: Lukas Gansterer

BIBER: Mavi, du kommst ja aus Linz und wohnst jetzt

in Wien. Bekanntlich ist die Hauptstadt in den Bundesländern

nicht immer beliebt, war das bei dir auch so?

MAVI PHOENIX: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte

schon immer so schnell wie möglich weg. Linz ist

irgendwie die ‚safe version‘ von Wien, zu langweilig.

Es ist schwer deinen Musikstil zusammenzufassen.

Pop, Rap und irgendwie ganz besonders?

Ich sage immer, dass Pop die Klammer für alle meine

Songs ist. Aber natürlich haben die Songs auch eine

„Edgyness“. Durch Künstler wie Tyler the Creator oder

Kanye West bin ich zum Hip Hop gekommen und habe

ihn auch einfließen lassen.

Zuletzt warst du als Vorband von Bilderbuch auf Tour.

Da erwartet man natürlich seltsame Dinge…

(lacht) Seltsam nicht, aber es war sehr cool. Die

Bilderbuch-Crew hatte einen Tischtennistisch dabei

und wir haben täglich Turniere gespielt. Einmal haben

wir uns alle zusammen im Kino ‚Kong‘ angesehen, den

schlechtesten Film aller Zeiten. Zu Fünfundzwanzigst

haben wir dann angefangen den Film zu kommentieren

– die restlichen Zuschauer waren echt genervt.

In Österreich zierst du bereits die Magazincover. Aber

eigentlich möchtest du international berühmt werden

und aus Österreich raus. Ist das noch immer dein Ziel?

Berühmt vielleicht nicht, aber ich möchte international

erfolgreich werden. Und ich glaube auch, dass meine

Lieder nicht nur in Österreich gut ankommen könnten.

Eines meiner Lieder ist grad sogar in Kolumbien sehr

beliebt, das freut mich natürlich richtig. Ich glaube

auch, dass ich mal wo anders wohnen werde. In der

Toskana zum Beispiel!

Hast du Erfolgstipps für junge, österreichische Nachwuchskünstler/innen?

Ich würde jedem raten am Anfang ganz viel live zu

spielen! Viele Connections zu machen und zu den

ganzen Parties zu gehen, auch wenn es manchmal

nervt. Die Leute sollten auf jeden Fall dranbleiben und

sich daran erinnern, dass die Musik immer das Wichtigste

sein muss, nicht Instagram oder andere Sachen.

Du hast deine erste EP gratis zur Verfügung gestellt.

Ist das ein Erfolgsrezept?

Ich denke schon, dass es eine gute Idee gewesen ist.

Mir war klar, dass ich in Zukunft noch andere Alben

machen würde, also musste ich nicht gleich an der

ersten EP etwas verdienen. Die Musik verbreitet sich

auch besser, bei mir haben es dann die richtigen

Leute gehört.

Wärst du auch für Kollaborationen mit anderen österreichischen

Künstlern offen? Yung Hurn zum Beispiel?

Wenn er Lust hat, soll er sich auf jeden Fall bei mir

melden! Ich bin für alles offen.

Name: Marlene Nader aka Mavi Phoenix

Alter: 21

Beruf: Sängerin und Rapperin, die ihre Beats und Lyrics selbst macht.

Besonderes: Ihr Musikstil, der von der Künstlerin noch mit Autotune bearbeitet wird.

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

MAVI PHOENIX

8 PLACE OF THE MONTH

Wir sind dank Merak im Ćevapi-Himmel!

10 IVANAS WELT

Ivana packt den neuen Titten-Hype nicht.

POLITIKA

12 ABTREIBUNGSROUTE

POLEN-WIEN

Polinnen haben in ihrer Heimat keinen Ausweg

und kommen nach Wien, um abzutreiben.

18 INTERVIEW IN ZAHLEN

Wie oft hat man versucht Peter Pilz zu

bestechen?

20 MEIN FLÜCHTLING & ICH

Prioritäten: Frauen opfern alles, um

Flüchtlingen zu helfen.

26 WARUM ERDOGAN?

Warum Austro-Türken Erdogan wählen, ist

nicht so kompliziert. Amar erklärt.

12

ABTREIBUNGS-

TOURISMUS

Manche Polinnen

versuchen mit

Medikamenten

und Petersilie

abzutreiben.

Andere kommen

nach Wien. Ihrer

Familie erzählen

sie, sie machen

einen Städtetrip.

IN

RAMBAZAMBA

30 DIE MIGRANTIGEN

Von wegen überintegriert! Lernt unsere neuen

filmischen Superhelden in einer Fotostrecke

kennen.

36 KURZ = FRITTATENSUPPE

„Die Migrantigen“-Regisseur Arman T. Riahi

und unser Amar waren ausgiebig essen und

haben Politiker mit Gerichten verglichen.

40 OHNE MEIN KOPFTUCH

Gül ist lesbisch und legt nach 17 Jahren ihr

Kopftuch ab. Eine Schande für ihre Familie,

eine Befreiung für sie.

40

OHNE MEIN KOPFTUCH

Gül hat lange mit sich gerungen.

Nach 17 Jahren ist ihr nun klar: Sie

kann ihre Homosexualität nicht mit

ihrem Kopftuch vereinbaren.

4 / MIT SCHARF /


KARRIERE

45 KARRIERE NEWS

Alex über unpassendes Flirten bei der Arbeit.

46 ER MACHT MÄNNER SCHÖN

Gino David Devletli ist Wiens schickester

Herrenausstatter.

HALT MAI

2017

20

30

IM HELFERSOG

Frauen opfern

Familie, Freunde

und Beziehungen,

um Flüchtlingen zu

helfen.

DIE

MIGRANTIGEN

Hollywoodreif: Die

Crew aus dem Film

„Die Migrantigen“

stand vor unserer

Linse. Noch nie

waren Klischees und

Vorurteile so sexy.

Inhalt: Susanne Einzenberger, Alexandra Stanić, Marko Mestrović; Coverfoto: Susanne Einzenberger

TECHNIK

48 ELEKTROPOWER

Adam über Elektroautos, Gaming und die achte

Galaxie.

LIFE & STYLE

50 DIE EINE GROSSE LIEBE

Delnas Ode an die Lederjacke ihres Lebens.

51 LIEBER HERR BAUMGARTNER

Sara war über Baumgartners Milborn-Fauxpas

not amused und schreibt ihm einen Brief.

52 KERN VS. KURZ

Politik mal beiseite, wer hat den freshesten

Style? Das große Anzugduell.

55 FIT, HOT & HEALTHY

Artur hat immer die besten Tipps zum Fitsein.

KULTUR

56 KULTURNEWS

Jelena über explizite Szenen, Hyperrealismus

und die Islam-Ausstellung in der Schallaburg.

58 HOW TO LIVE TOGETHER

Cana Bilir-Meier über Kunst in der Türkei und

die neue Ausstellung in der Kunsthalle Wien.

60 ALLES WAS RECHT IST

Wir waren auf der Niederösterreichischen

Landesausstellung.

62 DIE LEIDEN DES JUNGEN TODOR

Todor über Lotto, Betteln und 90%-iges

Wohlbefinden.

/ MIT SCHARF / 5


Liebe Leserinnen und Leser,

IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

HERAUSGEBER & CHEFREDAKTEUR:

Simon Kravagna

Die Vögel zwitschern, die Temperaturen steigen und wir haben

sogar schon Frühjahrsputz in der Redaktion gemacht – der Mai

zeigt sich von seiner schönsten Seite. Man neigt fast dazu, die

Probleme dieser Welt ein bisschen zu vergessen. Sorry, wir müssen

euch aus diesem Schein-Idyll zurück auf den Boden der Tatsachen

holen: Wir leben noch immer in einer verdammt ungerechten Welt.

Einer Welt, in der es im 21. Jahrhundert tatsächlich noch Länder

gibt, in denen Frauen nicht selbst über ihren Körper entscheiden

dürfen: In Polen ist Abtreibung gesetzlich so streng geregelt,

so dass immer mehr Polinnen dafür nach Wien kommen. Unter

dem Vorwand, eine Städtereise zu unternehmen, lassen sie hier

abtreiben. S. 12

Auch Gül weiß, wie es ist, wenn andere über einen entscheiden. Mit

fast 30 Jahren findet die Austro-Türkin endlich zu sich selbst: Sie

steht zur ihrer Homosexualität und legt das Kopftuch ab. S. 40

Zu sich selbst finden - dafür haben diese Frauen keine Zeit. Sie

kümmern sich stattdessen lieber um Flüchtlinge, richten ihren

Alltag komplett nach Amtswegen und Bewerbungsgesprächen

ihrer Schützlinge aus und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie

ohne Flüchtling auf Urlaub fahren. Helfen bis zur Selbstaufgabe.

S. 20

Ein bissl was Erheiterndes gibt’s schon auch: Wir waren bei der

Preview von „Die Migrantigen“ und haben uns kaputt gelacht –

mindestens genau so lustig war auch das Fotoshooting mit den

Darstellern. S. 30

Noch jemand, der bei dieser Ausgabe für gute Laune gesorgt

hat, ist unser Art Director Dieter Auracher, der dieses Heft im

Alleingang gelayoutet hat – bist der Beste!

Dass unsere LeserInnen sowieso die Besten sind, wissen wir schon

lange – wir wünschen euch wie immer viel Spaß beim Lesen!

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

STV. CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia

CHEFIN VOM DIENST:

Jelena Pantić

CHEFREPORTERIN:

Melisa Erkurt

ONLINECHEFIN:

Alexandra Stanić

KOLUMNIST/INNEN:

Ivana Cucujkić, Todor Ovtcharov

FOTOCHEF:

Marko Mestrović

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Teoman Tiftik, Aleksandra Tulej, Artur

Zolkiewicz, Nour Khelifi, Abdullah Bag,

David Slomo, Michaela Kobsa, Emir

Dizdarević, Christoph Liebentritt, Sara

Mohammadi, Adriana Davidović, Šemsa

Salioski

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

LAYOUT: Dieter Auracher

LEKTORAT: Christina Gaal

MARKETING: Adam Bezeczky, Andrea

Grman

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger, Simon Kravagna

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH

Quartier 21, Museumsplatz 1,

E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528

redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at

abo@dasbiber.at

INTERNET: www.dasbiber.at

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Die Redaktion

6 / MIT SCHARF /


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PLACE

OF THE MONTH

MERAK

Von Sarah Nadj, Foto: Marko Mestrović

„Wir haben keine Konkurrenz“, meint der Ex-Profifußballer

Mirnel Sadovic. Mit seinem neuen Restaurant „Merak“,

was er mit Gusto übersetzt, bringt der Wiener mit bosnischen

Wurzeln ein Stück Sarajewo in den fünfzehnten

Wiener Gemeindebezirk. Und zwar mit Fleisch. Im Merak

werden die Grill-Spezialitäten nicht nur nach Hausrezept

zubereitet, sondern auch auf passendem bosnischen

Ziergeschirr serviert. Für den Inhaber käme es gar nicht

infrage seine Cevape auf großen, weißen Tellern zu den

Tischen der Gäste zu bringen. Hier wird ganz balkanmäßig

von Metalltellern gespeist. Das Auge isst eben mit. Ob

beim hausgemachten Kajmak (Sauerrahm) zum saftigen

Fleisch oder beim Kaffee danach, den Mirnel in einer

Messing-„Dzezva“ (Kanne) serviert. Auch das Ambiente

versprüht bosnischen Flair durch rustikale Ethno-Elemente

und Teppiche in der sonst modernen Einrichtung. Dabei

ist es Mirnel wichtig im Hintergrund keine Turbo-Folk-

Musik abzuspielen, den die meisten Wiener Jugo-Clubs

aus den Boxen dröhnen lassen. Im Merak sorgt eine gute

Playlist aus klassischem Balkan-Rock und Pop für die richtige

Atmosphäre. Heimweh hat selten so gut geschmeckt!

Aber nicht nur Wiener aus Ex-Jugoslawien kommen her,

um sich eine gute Portion Cevapcici zu holen. Im Merak

sitzen Leute unterschiedlichster Herkunft, Schichten und

Altersgruppen zusammen. Bei unserem Besuch speist

ein bosnischer Mann mit seinem Sohn neben einem

jungen Pärchen, gegenüber von ihnen genießen zwei

ältere, österreichische Damen ihr Mittagessen und lächeln

fröhlich, als der Besitzer auf Bosnisch mit uns spricht. Ein

anderer Tisch wird von Anzugträgern eingenommen, alle

mit den unterschiedlichsten Akzenten. Egal ob Cevape-

Anfänger oder Profi - jeder bekommt im Merak

die volle kulturelle Jugo-Experience.

Mariahilferstraße 139,

1150 Wien

8 / MIT SCHARF /


MIT SCHARF / 9


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

NEW TITS ON THE BLOCK

Gibt es seit Neuestem große Brüste auf Krankenschein

oder hab ich in den letzten Jahren nicht

sehr viel von der heimischen Partyszene mitbekommen?

Kaum bin ich nicht mehr regelmäßig

im Wiener Nachtleben unterwegs, zieht die Evolution

der Partybrüste wie ein Snap an mir vorüber.

Zugegeben, ab Ende Zwanzig werden die Wochenenden

seltener von Abstürzen geprägt und dafür

öfter mit Netflix und vietnamesischen Sommerrollen

verbracht.

Aber als alter Jugo kann ich es halt manchmal nicht

lassen und kehre zu gegebenen Anlässen an die

Orte meiner jugendlichen Partyverbrechen zurück.

Die Jugoschuppen von vor zehn Jahren stehen immer

noch. Manche wurden architektonisch aufgehübscht,

neue sind hinzugekommen. Der Sound ist

aber der immer gleiche vertrauenswürdige Mix aus

Sommerferienhits, superseichten Höschen-Lyrics,

Schunkel-Evergreens und dem nostalgischen ExYu-

Rock-Finale gegen Morgengrauen.

DIE EVOLUTION DER PARTYBRÜSTE

Es ist ein bisschen wie nachhause kommen. Bekannte

Gesichter unter den Kellnern, die gleichen

grimmigen Gesichter in den Separées, die obligatorische

Schlägerei, die Bärte kunstvoll getrimmt, die

Röcke immer noch viel zu stramm und viel zu kurz.

Alles beim Alten. Aber, die Brüste, die sind neu. Neu

gemacht. Und groß gemacht.

Partyfotogalerien sind sehr dankbare Zeitdokumente

und zeigen im Fotovergleich 2007-2017 den

rasanten Anstieg überholter Oberweiten. In den

2000ern sorgte vielleicht noch der weibliche Liveact

für optische Irritationen und Tunnelblicke. Sili-

cucujkic@dasbiber.at

konbrüste?! WOOOO?! Heute gehört der gemachte

Busen anscheinend zum perfekten Outfit. Silikontitten?

Asooo.... So wippt die Partycrowd also cool mit

Wodka Redbull zwischen den Gelnägeln. Und der

Vorbau in Doppel-D wippt mit.

SILIKONI, AVIONI

Den Körperkult in meiner Partyzeit prägten Bauchnabelpiercings

und sorgten für erregte Ohas und Ohos.

Heute sind gemachte Brüste state of the art. The art

of boobs? Kunstbrüste als Kunstform? Auf jeden Fall

werden sie als neues Lebensgefühl abgefeiert und

besungen:

„Ein bisschen Silikon, ich hab ja was herzuzeigen.

Der Arzt aus Brasilien, damit ich hübscher bin. Ich

investiere in mich...ich steh auf fake....und du auf

mich“, trällert auch sonst so lovely Severina.

DUCKFACE EVERYWHERE

Und weil Silikon in der Brust gut mit Silikon in den

Lippen harmoniert, findet sich diese optische Symbiose

auf vielen fotografischen Momentaufnahmen

wieder. Gereckte Brust, gespitzte Lippen, Filter drüber,

strike the pose! Eine neue Körper-Ästhetik feiert

ihren Siegeszug durch die Fotogalerien und Instagramprofile.

Schmollende Lippen sind das neue Lächeln.

Künstlich das neue Schön.

PUMP IT LIKE MOM

Ich bin da etwas old school. Old vielleicht auch. Ich

halte mich ganz an meine Mutter und mache einfach

das Beste aus dem, was ich hab: Pushup-Kissen

rein, Dekolleté raus, denn: „Wozu brauchst Du dieze

Silikon-Scheize?!“ Nein, dieze Scheize brauch’ ich

echt nicht. ●

10 / MIT SCHARF /


POLITIKA

„Nimm mir was mit aus Wien.“

Foto von Sebastian Freiler


12 / POLITIKA /


EINMAL ABTREIBEN

UND ZURÜCK

Polinnen kommen nach Wien, um hier legal abzutreiben. Der

Familie erzählen sie, sie würden eine Städtereise machen.

Der Abtreibungstourismus boomt.

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Julie Brass, Susanne Einzenberger

Agnieszkas Hände sind nass, sie wippt

mit ihren Füßen hin und her. Gleich wird

man ihren Namen aufrufen und sie ins

Behandlungszimmer begleiten. Sie wird

eine Vollnarkose bekommen, die OP wird

sie nicht spüren und in wenigen Minuten ist alles vorbei

und alles wieder beim Alten. Keiner zu Hause in Polen

wird je erfahren, wo Agnieszka wirklich war, da sie erzählt

hat, sie macht eine Städtereise nach Wien. Doch statt im

Stephansdom, beim Riesenrad oder im Café Sacher, sitzt

Agnieszka im Warteraum der Gynmed Klinik in Wien - um

abzutreiben.

GESTELLTE TOURISTENFOTOS

VOR DEM STEPHANSDOM

Agnieszka steht für eine der rund 250 Polinnen, die jedes

Jahr in der Klinik am Mariahilfergürtel in Wien eine Abtreibung

vornehmen lassen. Pro Woche machen das laut dem

behandelnden Arzt und Leiter der Klinik ca. zwei bis acht

polnische Patientinnen. Manchmal sind es junge Mädchen,

manchmal erwachsene Frauen, die mit beiden Beinen im

Leben stehen – den einen Typus „Abtreibungstouristin“

gibt es nicht. Doch die Frauen haben alle eines gemeinsam:

Sie wollen das Recht auf ihren Körper und die Selbstbestimmung,

die sie in ihrer Heimat nicht haben.

Wenn die Polinnen zum Abtreiben nach Wien reisen,

kommt Anna* ins Spiel. Anna arbeitet eigentlich als polnischsprachige

Assistentin in der Gynmed Klinik. Sie soll

den Frauen den Abtreibungsvorgang Schritt für Schritt auf

Polnisch erklären und das Arztgespräch übersetzen – das

ist ihr Job – eigentlich. Dabei geht ihre Arbeit weit über die

sprachliche Assistenz hinaus: Es ist schon vorgekommen,

dass sie mit einem Mädchen durch Wien gelaufen ist und

Fotos von ihr vor dem Stephansdom und anderen Touri-

Plätzen gemacht hat, damit die Eltern in Polen glauben, sie

hätte einen Städtetrip nach Wien unternommen. Dabei war

sie hier, um abzutreiben. „Für viele der Frauen aus Polen

bin ich die einzige Vertrauensperson. Ihre Verwandten und

Freunde zuhause wissen oft gar nicht, dass sie schwanger

sind. Sie sagen, sie fahren auf Urlaub,und kommen zu uns,

um abzutreiben“, sagt Anna. Sie betont dabei, dass sie für

die Frauen zwar da ist, ihnen zuhört, und sie betreut, aber

es dennoch ein Job wie jeder andere ist. Es ist ein Business.

Anna arbeitet seit zehn Jahren in der Klinik und trifft

dort auf Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten.

„EIN ZELLHAUFEN IST KEIN

KIND, DIE KIRCHE REDET

BLÖDSINN.“

Es kommen Mädchen aus armen, kleinen Dörfern, genau

wie Frauen in Managerpositionen aus Großstädten. Eine

dieser Frauen ist Julia*. Sie kommt aus Breslau, ist heute

35 und wurde vor zwei Jahren ungewollt schwanger. Sie

wollte und will aber keine Kinder haben, also kam sie zum

Abtreiben nach Wien. Julia ist von Beruf Ärztin, sie hätte in

Polen einen befreundeten Apotheker nach etwas, das die

Schwangerschaft stoppt, fragen können. „Irgendwie hätte

ich es hinbekommen. Aber wozu, wenn ich in Wien eine

humane Betreuung und Behandlung bekommen kann? Ich

als Ärztin sehe einen ein paar Wochen alten Zellhaufen

nicht als Kind an, alles andere ist Blödsinn, der uns von der

Kirche eingetrichtert wird. Natürlich kann man in späteren

Schwangerschaftsmonaten von ethischen Bedenken

sprechen, aber die meisten Frauen treiben innerhalb der

gesetzlichen Frist ab, dazu ist sie ja auch da. Und innerhalb

dieser Frist sehe ich keinerlei Bedenken.“ Julia hat es

satt, dass dieses Thema in Polen so heuchlerisch behandelt

wird. Statistisch gesehen hat nämlich schon jede

vierte Polin einmal abgetrieben.

Wer nicht die Möglichkeit hat, um nach Wien zu rei-

/ POLITIKA / 13


Eine Abtreibung in Westeuropa ist für Polinnen immer noch billiger und vor allem sicherer.

sen, sucht andere „Auswege“: „Sechs Ibuprofen, dreißig

Rutinoscorbin und ganz viel Petersilie essen, danach in die

heiße Badewanne legen. Das eine Woche lang“, schreibt

eine Userin in einem Internetforum für Abtreibungen, die

so ihre Schwangerschaft beendet haben will. „Klappt das?

Kann ich auch normales Vitamin C nehmen? Und geht so

eine Petersilie, die man im Gemüseladen bekommt?“, will

eine andere wissen. Methoden wie im Mittelalter, aber

bei der mangelhaften Aufklärung und dem schwierigen

Zugang zur Sexualerziehung in Polen nicht verwunderlich.

Denn Mädchen wird oft eingebläut, dass sie bis zur Ehe

Jungfrau bleiben müssen.

Über Verhütung spricht aber niemand – und das ist

keinesfalls nur ein Problem der sozial schwächer gestellten

Polen.

„ES KOMMEN LIEBHABERINNEN

VON PRIESTERN ZU UNS, UM

ABZUTREIBEN.“

„Zu uns in die Klinik kommen genauso Töchter von Politikern

der nationalkonservativen Regierungspartei PiS,

wie Frauen, die Affären mit polnischen Priestern hatten“,

sagt Anna. Die Bandbreite sei groß. Die PiS-Partei ist

übrigens jene Partei, die sich für ein umfassendes Abtreibungsverbot

ausspricht. Tausende Frauen sind auf die

Straße gegangen, um gegen das Abtreibungsgesetz zu

demonstrieren. Denn Polen hat ohnehin schon eines der

strengsten Abtreibungsgesetze Europas. Grundsätzlich ist

hier der Schwangerschaftsabbruch ganz verboten. Es gibt

drei Extremfälle, in denen er legal ist: Wenn dem Embryo

eine schwere Behinderung droht, wenn das Leben der

Mutter in Gefahr ist oder wenn die Schwangerschaft durch

eine Vergewaltigung entstanden ist. Doch auch in diesen

Fällen weigern sich Ärzte in dem katholischen Land oft den

Eingriff vorzunehmen. Die „Pille danach“ ist in Polen zwar

auf Rezept erhältlich, wird aber auch von vielen Ärzten

und Apothekern aus „moralischen“ Gründen abgelehnt.

Ausschlaggebend dafür ist hier die sehr hohe Stellung der

katholischen Kirche in Polen, die Abtreibung und Verhütung

strikt ablehnt.

PILLEN PER DROHNE NACH

POLEN

Diese Regelungen sind sichtlich kontraproduktiv: Laut

Frauenrechtsorganisationen werden in Polen jährlich bis zu

200.000 illegale Abtreibungen durchgeführt. Die Adressen

14 / POLITIKA /


der Ärzte findet man unter zweideutigen Anzeigen wie

„Wiederherstellung der Menstruation“, was ganz einfach

„illegale Abtreibung“ bedeutet. Manche

Ärzte nehmen nach Dienstschluss Abtreibungen vor,

und schreiben in die Patientinnenakte dann: Fehlgeburt.

Nachprüfen kann es ja niemand. Auf zwielichtigen

Internetseiten kann man Abtreibungspillen bestellen, die

zu einem Abbruch führen sollen. Diese Pillen kommen oft

nicht an, oder es werden Placebo-Medikamente wie Aspirin

verschickt. Frauenrechtsorganisationen wie „Women

on Waves“ versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie

„echte“ Pillen verschicken. Diese werden aber oft von der

polnischen Post abgefangen, wie man auf ihrer Webseite

nachlesen kann. Im Rahmen einer Protestaktion flog

„Women on Waves“ sogar Abtreibungspillen aus Deutschland

nach Polen per Drohne. Wer das Geld hat, fährt in

ein benachbartes Land, in dem Abtreibung legal ist: In die

Slowakei, nach Tschechien oder eben nach Österreich.

Immer mehr Kliniken spezialisieren sich auf Patientinnen,

die aus Polen kommen. Deshalb ist der Bedarf an polnischsprachigen

Beraterinnen und Dolmetscherinnen wie Anna

groß.

Warum viele Frauen gerade nach Wien kommen?

„Viele Polinnen assoziieren Wien immer noch mit „dem

Westen“, sagt Anna. Sie sind immer wieder überrascht,

wie sauber, schön und human die Klinken hier sind. Das ist

nicht vergleichbar mit dem Gesundheitssystem in Polen.

„Versucht nicht mal, in Polen einen Arzt zu finden, der

es illegal macht. Viel zu viel Geheimnistuerei, Umstände

und Kosten. Fahrt lieber gleich ins Ausland, dort wird man

wenigstens wie ein Mensch behandelt.“ – solche Einträge

liest man auf polnischen Internetforen zum Thema Abtreibung.

„IN WESTEUROPA WIRST DU

WIE EIN MENSCH BEHANDELT.“

Eine billigere Alternative für Polinnen ist ein Schwangerschaftsabbruch

in der Slowakei. Dort ist der Schwangerschaftsabbruch

auch legal, und kostet weniger als

in Österreich. In der Wiener Gynmed Klinik zahlt man

530-570 € für den Eingriff. Zum Vergleich: In einer Klinik in

der Zentralslowakei, die bei Polinnen besonders beliebt ist,

kostet der Abbruch 370 €, der Transport aus Polen ist hier

mit eingerechnet. Abtreibung all inclusive sozusagen.

„Auf der Website findet man eine Telefonnummer mit

dem Vornamen des Fahrers. Der Fahrer holt die Frauen

aus Polen nacheinander mit einem Bus ab, und bringt sie

in die Klinik in der Slowakei. Von Patientinnen, die dort

waren, weiß ich aber, dass sie sich im Bus mit den ganzen

fremden Frauen vorkamen, wie auf dem Weg zur Schlachtbank.

Dort funktionieren die Abtreibungen überhaupt wie

am Fließband“, sagt Anna. In der Wiener Gynmed Klinik

dauert der „Besuch“ zwei Tage. Am ersten Tag gibt es

Die schnelle Hilfe

am Telefon.

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/ POLITIKA / 15


Die Entscheidung, abzutreiben, fällt man nicht einfach so. Jede Frau hat berechtigte Gründe.

eine Untersuchung und ein Beratungsgespräch und am

zweiten Tag den tatsächlichen Eingriff. Dieser verläuft laut

Dr. Fiala meist sehr unkompliziert: „Nach einem chirurgischen

Abbruch bleiben die Frauen noch eine Stunde bei

uns in der Klinik. Danach sind sie vollkommen beschwerdefrei

und können nach Hause gehen.“ Übrigens: Wer an

riesige Zangen, Geräte wie aus Horrorfilmen und blutige

Utensilien denkt, irrt. Heutzutage sieht eine chirurgische

Abtreibung so aus, dass man mit einem ca. 20 cm langen

Plastikröhrchen den Embryo absaugt.

„Wir legen großen Wert darauf, dass die Frauen, die

zu uns in die Klinik kommen, sich den Aufenthalt in Wien

selbst organisieren. Dadurch gehen wir sicher, dass sie die

Entscheidung auch wirklich alleine treffen und selbständig

handeln“, sagt Anna*.

BETEN STATT ABTREIBEN

Denn die Entscheidung abzutreiben, fällt keine Frau mal

eben nur so. Jede von ihnen hat ihre berechtigen Gründe,

die keinen sonst etwas angehen. Doch das wollen

viele nicht einsehen. Vor der Klinik stehen immer wieder

Protestierende, die mit Plastik-Embryos und Marienbildern

die Frauen abschrecken wollen, die hineingehen. „Es ist

schon vorgekommen, dass ein Mann sich als Partner einer

Patientin ausgegeben hat, nur um in die Klinik zu gelangen

und die Frauen als Huren zu beschimpfen.“ Seit zehn

Jahren finden immer wieder Proteste vor der Klinik statt.

„Wobei es seit fünf Jahren eine Art Schutzzone gibt und

wir Demonstranten wegweisen lassen können, wenn sie

Frauen belästigen. Seit letztem Jahr haben wir eine sogenannte

Einstweilige Verfügung gegen einen der Demonstranten

und seither haben wir Ruhe“, fügt Dr. Fiala hinzu.

Tatsächlich: Als wir in die Klinik kommen, um die Fotos für

diese Geschichte zu schießen, steht vor dem Eingang ein

Mann mit Holzkreuz, der Gebete vor sich hin murmelt und

uns beim Hineingehen vorwurfsvolle Blicke zuwirft.

Manchmal kommen nicht nur alleinstehende Frauen,

sondern auch Paare zu Dr. Fiala. „Es kommen Paare, die

schon Kinder haben und keine weiteren möchten, oder es

sich einfach nicht leisten können. Einmal kam ein Ehepaar

zu uns, das ein schwerstbehindertes Kind erwartet

hätte“, erzählt Anna. In Polen nicht Grund genug für eine

Abtreibung. „In Polen wird das mit der Pränataldiagnostik

überhaupt oft absichtlich so gehandhabt, dass die Patientin

die Resultate, die eine Behinderung oder Krankheit des

Embryos feststellen, oft erst nach Ablauf der gesetzlich

erlaubten Abtreibungsfrist bekommt“, sagt Anna. Sprich,

sie ist dann gezwungen, die Schwangerschaft auszutragen.

16 / POLITIKA /


Wenn eine Abtreibung sogar in solchen Fällen in Polen

problematisch ist, ist es kaum verwunderlich, dass die

Frauen nach Österreich kommen. Hier muss man keinen

Grund für den Abbruch angeben. Hier ist man frei.

„FRÜHER WAR ABTREIBUNG

IN POLEN LEGAL UND

KOSTENLOS.“

Frauen wie Julia sind froh, dass sie die Möglichkeit hatten,

nach Wien zu kommen und von dieser Freiheit Gebrauch

zu machen. Denn auch die medizinische Versorgung in

Polen sieht Julia als sehr mangelhaft und problematisch

an: „Die Leute kennen sich einfach zu wenig aus. Ganz

viele Polen sind der Meinung, die „Pille danach“ sei eine

Abtreibungspille. Das ist Schwachsinn. Junge Mädchen

haben Angst davor, nach der Pille zu fragen. Man sieht ja,

was dabei herauskommt.“

Dabei war Polen nicht immer so zurückgeblieben. „Meine

Mutter hat, als sie jünger war, selbst abgetrieben, und

damals hat ihr niemand gesagt, dass es etwas moralisch

Verwerfliches oder Verbotenes war“, fügt Julia hinzu.

Abtreibung war bis 1993 in Polen in jedem Spital

auf Wunsch und kostenlos möglich. Die Änderung des

Gesetzes wurde erst auf Forderung der Katholischen

Kirche und des damaligen Papst Johannes Paul II herbeigeführt.

Diese katholische Haltung wurde von den Menschen

übernommen, die sich als fromme Christen oft lieber

nicht zu dem Thema äußern: „Bei einigen Mädchen weiß

niemand außer uns, dass sie schwanger sind, oftmals nicht

mal die Mutter. Die Schande einer unehelichen Schwangerschaft

und die Tatsache, dass man nicht bis zur Ehe

Jungfrau geblieben ist, wäre zu groß“, berichtet Anna.

Diese Denkweise, der Druck der Kirche und die strengen

Gesetze in Polen führen nicht zu einer gewünschten

steigenden Geburtenrate. Im Gegenteil: Die Frauen in

Polen greifen zu gefährlichen Hausmitteln, suchen illegal

Abtreibungsärzte auf, die oft nicht dafür qualifiziert sind,

und im besten Fall suchen sie eine Klinik in einem Nachbarland

wie Österreich auf. Wer ungewollt schwanger ist,

wird einen Weg finden, kein Kind zu bekommen. Weil, wie

Dr. Fiala sagt, egal in welchem Land, egal unter welchen

Gesetzen: Eine ungewollte Schwangerschaft wird sich

nicht einfach durch ein Verbot in ein gewolltes Kind verwandelt.

*Namen von der Redaktion geändert

Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt

Die Innenaufnahmen sind in der Gynmed Klink in Wien entstanden

AHOJ! *

DARF‘S EIN BISSCHEN

MEHR SEIN?

Würdest du für ein Beratungsgespräch

durch

halb Wien fahren?

Manche ihrer Kunden nehmen

sogar lange Anfahrtszeiten in

Kauf, nur um sich von Martina

Höfelmayer beraten lassen zu

können. Sie betreut ihre Kunden

nämlich nicht nur auf Deutsch,

sondern auch auf Tschechisch

oder Slowakisch. „Oft kommen

Leute zu mir, die schon länger in

Österreich leben und gut Deutsch

sprechen. Trotzdem freuen sie

sich, wenn sie mit mir in ihrer

Muttersprache reden können. So

können sie ohne jegliche sprachliche

Barrieren ihre Bedürfnisse

äußern und ich kann direkt auf

ihre Wünsche eingehen,“ verrät

* Hallo auf Tschechisch

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uns die Kundenbetreuerin.

Besprochen wird dann alles Mögliche:

von Kontoeröffnungen über

Wert papiere und Finanzierungspläne

ist die Bandbreite groß.

Dabei ist Martina Höfelmayer

bei Weitem nicht die einzige

Beraterin, die die Erste Bank

sprachlich bereichert. Alleine im

neuen Beratungszentrum auf

der Mariahilfer Straße 69, das im

Herbst 2017 eröffnet wird, sind

neun Fremdsprachen vertreten.

Allgemein können sich Kunden

der Erste Bank neben den bereits

erwähnten Sprachen auch auf

Rumänisch, Türkisch, Bosnisch,

Serbisch, Kroatisch, Polnisch,

Russisch und Ungarisch beraten

lassen.

Foto: Christoph Liebentritt

AUF DEN

KUNDEN ZUGE-

SCHNITTENE

BERATUNG

Dip.-Ing. Martina Höfelmayer

Mail: martina.hoefelmayer@erstebank.at

Telefon: 05 0100 - 21486

Erste Bank Filiale Mariahilf, Mariahilfer Straße 121B, 1060 Wien

/ MIT SCHARF / 17


Herr Pilz, wie viele

österreichische

PolitikerInnen

sind käuflich?

Wie viele

Morddrohungen

haben

Sie schon

erhalten?

Wie oft

wurden Sie

schon von Eva

Glawischnig

gerügt?

Wie viele

Erdogan-

Spitzel

befinden sich

derzeit in

Österreich?

Interview in Zahlen:

In Politik und Medien wird schon

genug geredet. Biber fragt in

Worten, Grünen Nationalratsabgeordneter

Peter Pilz antwortet

mit Zahlen.

5

132

500

Von Melisa Erkurt, Fotos: Christoph Liebentritt

5 Morddrohungen hat Pilz schon erhalten.

Die meisten aus dem Iran.

30 Mal in seiner Karriere wurde Peter Pilz‘ Rausschmiss

bei den Grünen thematisiert.

Wie oft im

Jahr gehen

Sie mit Eva

Glawischnig

essen?

Welche

Schulnote

geben Sie

Sebastian Kurz

für seine Arbeit

als Außenminister?

Wie viel

Prozent der

Austro-Türken

halten Sie

für schlecht

integriert?

Bis wann wird

Erdogan in

der Türkei

regieren?

Wie oft hat man

versucht Sie zu

bestechen?

4

5-

50

2022

2

18 / POLITIKA /


Ab welchem

Vermögen in

Euro ist man

für Sie reich?

Mit wie vielen

Türken sind Sie

befreundet?

Mit wie vielen

Bobos sind Sie

befreundet?

An wie vielen

Demos haben

Sie in Ihrem

Leben schon

teilgenommen?

Wie oft im

Monat essen

Sie Fleisch?

40

0

300

4

3Millionen

Zwei Mal hat man versucht, den Grünen Politiker zu bestechen.

Kaum zu glauben: Als Grüner hat er keinen

einzigen Bobo zum Freund.

Wie viel

Prozent

der österreichischen

PolitikerInnen

sind käuflich?

In wie vielen

Jahren gehen

Sie in die

Polit-Pension?

Wie hoch ist

die Miete Ihrer

Gemeindebauwohnung?

(60m 2 )

Wie viele Male

war Ihr Rausschmiss

aus der

grünen Partei

ein Thema?

Um wie viel

Grad müssen

die Grünen

ihren Kurs

ändern?

10

1–15

360

30

(1x pro Jahr)

20–30

/ POLITIKA / 19


MEINUNG

GEH BITTE LEUTE, ERNSTHAFT?

Ein Kommentar von Amar Rajković

Die Volksabstimmung ist Geschichte und die österreichische

Öffentlichkeit kennt nur eine Frage. „Wie,

um Gottes Willen, kann man in einer Demokratie

leben und gleichzeitig einem lupenreinen Autokraten

wie Erdogan die Stimme geben?“, prangt es sinngemäß

über jedem zweiten Kommentar, der sich mit

dem Ergebnis der präsidialen Volksabstimmung in

der Türkei beschäftigt. Der Vorwurf richtet sich an

die in Österreich lebenden Türken, die auch mit dem

türkischen Pass ausgestattet sind und hier in überwiegender

Mehrheit (über 70% der Wahlbeteiligten haben

für die Verfassungsänderung gestimmt) dem Kurs

Erdogans die demokratische Legitimation gegeben

haben.

BOBOS UND SCHAFHIRTEN

Wenn man den Kontakt zu türkischstämmigen Menschen

sucht, weiß man: Die Türkei ist ein großes

Land, ihre Menschen divers. Die Palette reicht vom

Istanbuler Bobo bis zum alewitischen Schafhirten, von

Kemalisten über Nationalisten bis hin zu Islamisten

und natürlich der bekanntesten Minderheit, den Kurden.

Das Land zählt knappe 80 Millionen Einwohner

(Stand: Ende 2016), knapp drei Millionen Auslandstürken

waren letzten Sonntag wahlberechtigt. Hierzulande

waren es immerhin rund 100.000 Wahlberechtigte,

was gemessen an der Einwohnerzahl Österreichs

einen der Spitzenplätze im europäischen Vergleich

bedeutet.

Viele der Austro-Türken sind hier geboren, ihre Eltern

und Großeltern kamen vor fünfzig Jahren nach Österreich.

Angekommen sind sie jedoch bis heute nicht.

Und da wären wir wieder beim ernüchternden Ergebnis

des Referendums vom Wochenende. Die Gründe,

in die Türkei anstatt auf die österreichische Politbühne

zu schielen, sind komplexer als die, die uns ein Krone-

Kommentar vermitteln möchte, aber bitte auch keine

Weltraum-Wissenschaft. Also:

1. NIE ANGEKOMMEN

Gastarbeiter kamen aus sehr einfachen Verhältnissen

und in der Hoffnung, in ein paar Jahren genug Geld für

die Daheimgebliebenen anzusparen und zurückzukehren.

Sie hatten Schwierigkeiten bei uns Fuß zu fassen

(die Willkommenskultur steckte zu dieser Zeit, vorsichtig

ausgedrückt, in den Kinderschuhen), verkehrten

unter ihresgleichen. Was aber niemanden störte, da

für die Jobs am Bau und in Fabriken sowieso keine

sprachlichen Kenntnisse vonnöten waren. Deswegen

bauten sie schon sehr früh eine emotionale Bindung

zu ihrer alten Heimat auf. Hier die tägliche Tortur mit

12-Stunden-Schichten, dort das Land ihrer Großeltern,

das Land, in dem sie ihre Kindheit verbrachten. Der

verklärte Blick in die Heimat half den Menschen über

ihre missliche Lage hinwegzusehen, in der sie als mittellose

Arbeitstiere in Österreich steckten.

2. HEIMAT-BLUES

Viele Austro-Türken sind mehrmals im Jahr in ihrer

alten Heimat. Familie besuchen, Haus bauen, Urlaub

machen. Alles Dinge, die auch Gastarbeiter aus Ex-

Jugoslawien kennen. Mit einem Unterschied: Während

die Nachkriegsstaaten am Balkan in den letzten

Jahren kaum wirtschaftlichen Fortschritt verzeichnen

konnten (ja, tatsächlich, fragt mal einen Kroaten, was

er vom EU-Beitritt hält), fruchteten die wirtschaftlichen

Maßnahmen Erdogans zumindest auf der symbolischen

Ebene wunderbar. Dörfer bekamen asphaltierte

Straßen, Brücken wurden gebaut, Turkish Airlines

stieg zur besten Fluggesellschaft auf – Balsam für die

Marko Mestrović, Patrick Domingo / picturedesk.com

20 / POLITIKA /


gescholtene türkische Gastarbeiterseele, die sich endlich

nicht mehr als minderwertig fühlen musste.

3. HAND REICHEN

Der Großteil der Austro-Türken, die Erdogan gewählt

haben, tat dies aus nur einem Grund: Der türkische

Präsident reichte seinen Bürgern die Hand und sagte:

„Ich bin stolz auf euch.“ Zuletzt bei seinem Besuch in

der Albert Schulz Halle vor drei Jahren. Könnt ihr euch

an einen österreichischen Politiker erinnern, der das

Gleiche tat? Deine Familie und du seid verantwortlich

für den Aufbau der Republik, du zahlst einen hohen

Preis dafür (Heimweh, Gesundheit) und am Ende des

Tages liest/hörst/siehst du nur Negatives über dein

Land und dessen Landsmänner. Fakt ist, Politiker

aller Couleurs (mit wenigen Ausnahmen) haben es

verabsäumt zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens

zwischen Österreich und der Türkei den

Austro-Türken die Hand zu reichen. Sie werden noch

immer meist als Bürger zweiter Klasse angesehen.

Dies ist übrigens nicht nur ihrer „Opferrolle“ geschuldet,

wie Außenminister Sebastian Kurz kürzlich im

Zentrum süffisant anmerkte.

4. DISKRIMINIERUNG IM ALLTAG

Tatsächlich sind türkischstämmige Menschen am

Wohn-, Bildungs- und Arbeitsmarkt stark benachteiligt.

Sie sind nachweislich schlechter qualifiziert,

haben große Probleme Arbeit zu finden und leben oft

in Substandard-Wohnungen (versucht mal mit einem

türkischstämmigen Namen eine Wohnung zu mieten

oder eine Bewerbung zu schreiben, viel Spaß dabei).

Dazu kommen Ressentiments, die vom Volksmund

stark getragen werden und die aufkommende globale

Angst vor dem islamistischen Terror. Da leisten die

großen Boulevardmedien dieses Landes genauso

einen starken Beitrag wie politische Akteure links und

rechts.

5. MEDIENKONSUM: VON ERDOGAN-TV

UND OE24

In den meisten türkischen Haushalten läuft türkisches

Fernsehen. Wenn man weiß, wie es um die Pressefreiheit

am Bosporus bestellt ist, kann man davon

ausgehen, dass die regierungsfreundlichen aber auch

oppositionellen Medien nicht unbedingt den kritischen

Rotstift ansetzen. Die einen, weil sie es systematisch

nicht wollen, die anderen aus Angst ins Gefängnis

zu kommen. Da viele türkischstämmige Österreicher

aus bildungsfernen Verhältnissen stammen,

„schlucken“ sie fast alles, was ihnen serviert wird.

Genauso lassen sie sich von türkeifeindlichen Sagern

und Behauptungen aus dem Boulevard provozieren.

Tatsächlich wagen die meisten am ehesten einen Blick

in die „Krone“ oder 0E24.at - und wie es dort um die

journalistische Ausgewogenheit und diskriminierende

Berichterstattung steht, weiß jeder, der eine Zeitung

halten kann. ●

Amar Rajković ist stellvertretender Chefredakteur von „das biber“

rajkovic@dasbiber.at

/ POLITIKA / 21


DROGE

FLÜCHTLING

FRAUEN IM

HELFERRAUSCH

Sie opfern ihre Zeit, manchmal auch Freunde und Beziehung.

Meistens aber sich selbst. Vor allem Frauen geraten seit der

Flüchtlingskrise in einen Sog des Helfens, bei dem nicht selten

Grenzen verwischt werden. Eine Geschichte über selbsternannte

Mütter im Bann ihrer „Jungs“ aus dem fernen Osten.

Von Delna Antia

Fotos: Marko Mestrović

22 / POLITIKA /


POLITIKA / 23


Sie war wie in einem Rausch.

Bis Birgit herausfindet, dass

er noch „andere“ hat. „Da

rackert man sich ab und

dann hat er noch mehr

Frauen in Petto. Bei einer schlief er, bei

einer anderen lernte er Deutsch...“ Sie

kam sich blöd vor. Und zog sich zurück.

Birgit ist 57, lebt mit ihrem Mann in

einem Reihenhaus am Niederrhein in

Deutschland, ihre Tochter wohnt seit

Jahren in Wien, der Hund war gerade

gestorben. Bei einem Kirchenbesuch im

Sommer 2016 lernte sie „ihn“ zufällig

kennen: Nabil*, einen 28-jährigen

Flüchtling aus dem Nordirak, der sich

evangelisch taufen ließ. Sie kamen ins

Gespräch, stellten fest, dass sie beide

einmal in Chicago gelebt hatten, waren

sich sympathisch und das Ganze nahm

seinen Lauf. Nabil wurde zum Essen eingeladen,

zum alten Pferd mitgenommen,

er half beim Umzug der Oma und wurde

beim Europa-Match „Deutschland gegen

die Slowakei“ in die nachbarschaftliche

Fußballkultur eingeführt. Birgit strahlt:

„Ich hatte wieder ein Kind im Haus!“

Und für dieses Kind legte sie sich ins

Zeug. Die Lehrerin für Feldenkrais geriet

in einen „Helfer-Hype“, wie sie es nennt.

Sie begann morgens stundenlang im

Nachthemd zu recherchieren. Sie telefonierte,

fuhr herum, legte einen Ordner

mit Nabils Namen darauf an – obwohl sie

eigentlich nie Ordner anlegt. „Wie kriege

ich den jungen Mann auf die Beine, damit

dieses Talent nicht verloren geht?“ Das

war ihr Antrieb. Ihr Selbstwert steigerte

sich und sie entdeckte eigene Talente:

„Ich bin gut darin, Sachen herauszufinden

und mit Leuten so zu telefonieren,

dass sie gerne weiterhelfen.“

Birgit verschaffte ihm schließlich einen

Deutschkurs bei der IHK (Industrie und

Handelskammer) samt Praktikum. Denn

der junge Iraker ist studierter Ingenieur,

spricht fließend Englisch, die Tochter hat

ihn scherzhaft den „Eliteflüchtling“ ihrer

Eltern genannt. Für Birgit war es ein riesen

Erfolg, als ihr Schützling nach Monaten

den umkämpften Platz erhielt, Nabil

Nicht ohne mein Telefon! Die "Ersatzmutter" fühlt sich für alles verantwortlich:

Aufenthaltstitel, Geld-Transfers, Deutschkurs, Unterkunftswechsel und Notfälle.

Auch in der Nacht.

hingegen schimpfte: Der Unterricht sei

so schlecht, er wolle lieber zu Siemens.

Das habe ihr zwar einen Stich versetzt

und klar, ein bisschen undankbar hätte

sie es auch gefunden. Aber: „Er hat mich

eben behandelt wie eine Mutter, bei der

man seinen ganzen Frust ablässt.“

WIEDER MUTTER SEIN

Dass sie die Mutter-Rolle innehat, war

für Birgit von Anfang an wichtig. Denn

wenn ein junger Mann kurz nach dem

ersten Kennenlernen fragt, was sie am

Wochenende macht, dann müsse sie

sich als Frau natürlich fragen: Wie sieht

der mich? Und: Welche Position nehme

ich ein? Sie habe sich entschieden, die

Tante oder Mutter zu sein. Zu Ausflügen

nahm sie daher auch ihre eigene

Mutter mit. Birgit wollte Nabil familiären

Anschluss bieten. Und er hat das gerne

angenommen.

Die Monate mit Nabil, das Helfen und

Organisieren, all das hat Birgit, wie sie

selbst sagt, „irre viel Spaß“ gemacht. Es

war „berauschend“, es habe „geschmeichelt“:

„Ich bin der Schlüssel für ein Weiterleben,

ja für ein ganzes Dasein.“ Sie

war eine von Merkels „Wir schaffen das“-

Kämpferinnen, wollte es den „Bösen“

zeigen, jenen, die die Flüchtlinge verteufeln.

„Es ist eine unheimlich verantwor-

24 / POLITIKA /


tungsvolle Aufgabe und

man will nicht versagen.“

Dass bei diesem

Engagement Dinge auf

der Strecke bleiben,

verwundert nicht. Ihr

Mann, der Haushalt, die

Vorbereitungen für ihre

eigenen Kurse. Aber

der Mann war stolz –

sie tat ja etwas Gutes

– und machte mit. Bald

besuchte Nabil nicht

nur die Koppel ihres

Pferds, sondern auch den Qi Gong Kurs

ihres Mannes. Ein neues Familiengefühl

lebte auf – bis es zum Vertrauensbruch

kam.

Als Birgit zufällig herausfindet, dass

sie nicht die einzige deutsche Frau ist,

die Nabil hilft, und dass es andere gibt,

die sich kümmern, ist sie tief enttäuscht.

Zum einen, weil sie findet, dass die

Frauen sich miteinander hätten absprechen

können – schließlich ist Helfen ein

Vollzeitjob. Und zum anderen, weil sie

realisiert, dass Nabil einen Teil seines

„Durch die Erfahrung mit

Nabil behalte ich nun meine

Privatsphäre für mich.

Ich bin nicht mehr so weit

offen, und mein Herz auch

nicht. Inzwischen grenze ich

mich viel besser ab. Aber

manchmal denke ich schon,

dass ich jetzt herzlos bin.“

Lebens vor ihr verbirgt.

Dass er vielleicht doch

weniger Sohn und

mehr Fremder ist? „Ich

habe dann Scherze

gemacht, dass er gut

darin ist Frauen um

den Finger zu wickeln.

Aber ich wollte auch

nicht wie eine eifersüchtige

‚Alte’ wirken.“

Immerhin, bei einer der

„anderen“ übernachtete

er auch und sie ahnt

natürlich, dass in der häufigen Beziehung

„deutsche Frau und junger Flüchtlingsmann“

unterschwellig vieles abläuft. Sie

erinnert sich an eine Szene im Baumarkt,

als sie mit Nabil einer Ehrenamtlichen

über den Weg läuft. „Sie war klein, eher

dick und hatte ihren schicken schwarzen

Flüchtling an der Hand und ich Ende

50 mit meinem hübschen Iraker an der

Seite... Es war seltsam. In diesen Topf

wollte ich nicht geschmissen werden.“

Also fährt Birgit ihren Elan zurück. Das

Gefühl, eine Mutter für Nabil sein zu kön-

nen, nimmt ab. Und auch das Bedürfnis

mit anderen Flüchtlingen, denen sie nach

wie vor beim Deutschlernen hilft, eine

familiäre Beziehung haben zu wollen.

„Durch die Erfahrung mit Nabil behalte

ich nun meine Privatsphäre für mich. Ich

bin nicht mehr so weit offen, und mein

Herz auch nicht. Inzwischen grenze ich

mich viel besser ab. Aber manchmal

denke ich schon, dass ich jetzt herzlos

bin.“

IM SOG DER FLÜCHTLINGE

Viele ehrenamtliche Helfer machen

die Erfahrung, aus euphorischer Nähe

wieder eine sichere Distanz schaffen zu

wollen. Weil sie zu stark hineingeraten

sind und nicht nur ihr altes Leben, sondern

sich selbst vernachlässigt haben.

Oder weil sie enttäuscht wurden, das

Gefühl bekamen, mehr zu geben als sie

zurückbekommen. Ursula Habrich, Sozialpädagogin

bei der Frauenberatungsstelle

in Neuss, kennt dieses Phänomen

und geht in ihren Vorträgen darauf

ein. „In der Beziehung zu Flüchtlingen

entsteht schnell ein Sog, dass man das

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/ POLITIKA / 25


Gefühl bekommt, man müsse sie retten –

was natürlich nicht geht. Die Flüchtlinge

kommen mit Bedürftigkeit und Ohnmacht,

die Helfer rutschen da mit hinein.

Es entstehen Gefühle wie Lähmung, Wut,

Frust und man gibt eine Distanz auf, die

man braucht, um zu helfen.“ Habrich will

Ehrenamtlichen bewusst machen, dass

sie die Flüchtlinge nicht retten, sondern

begleiten können. Und dass man nicht

alles von sich geben muss. Problematisch

wird für Habrich die Beziehung

deshalb erst dann, wenn die Helfer ihren

eigenen Wert an ihre Hilfeleistung koppeln:

So entstehen Versagensängste und

es kann zu Enttäuschungen kommen.

Wenn der Eindruck entsteht: Ich tu doch

alles für ihn und er ist undankbar.

Uta*, 56, hat diese Erfahrung

gemacht. Für eine Hochschwangere

aus Syrien organisierte sie nicht nur

eine Wohnung, damit die Alleinstehende

nach der Geburt mit ihrem Säugling

ein eigenes Dach über dem Kopf haben

würde, sondern auch den Umzug samt

Möbeln. Was leicht klingt, ist in Wahrheit

eine nervenzehrende Mammutsaufgabe.

Als sie der Frau im Krankenhaus strahlend

erzählte, dass sie ihr sogar ein rotes

Designer-Sofa auftreiben konnte, kann

sie die Reaktion der Schwangeren nicht

fassen: „Oh, no red! Perhaps brown or

black...“ Uta konnte es nicht glauben.

Inzwischen grenzt sie sich ganz bewusst

ab. Nicht mehr Bezugsperson sein, nicht

mehr Anrufe in der Nacht entgegennehmen,

einfach nur geregelten Deutschunterricht

geben.

Frauen, die wie Uta und Birgit helfen

und mehr geben, als sie je vorhatten,

gibt es viele. Ich habe mit einer Handvoll

von ihnen telefoniert oder sie getroffen

– in Deutschland und in Österreich.

Natürlich engagieren sich auch Männer.

Aber dass vor allem Frauen vom

Helfer-Sog betroffen sind, bestätigen

die Zahlen. Eine Berliner Studie des

Instituts für Integrations- und Migrationsforschung

(BMI) fand kürzlich heraus:

Dreiviertel der Ehrenamtlichen sind nicht

nur weiblich, mit der Flüchtlingskrise sind

es immer mehr Frauen mittleren Alters,

die helfen. Was sie schaffen und was sie

geben, ist unersetzlich. Nur hat kaum

einer überhaupt einen Schimmer davon,

wie groß ihre Leistung ist – nicht einmal

„ihr“ Flüchtling.

„Wie kriege ich den jungen Mann auf die Beine, damit dieses Talent nicht verloren geht?

„FLÜCHTLINGS­

SPRECHVERBOT“

Auf Marina, eine 47-jährige Burgendlandkroatin

aus Wien, trifft dies zu.

Ich sitze an ihrem Küchentisch im 16.

Bezirk und mir schwirrt der Kopf, weil

ich bei all den Namen und Ereignissen,

von denen sie mir ohne Luft zu holen

erzählt, nicht mehr mitkomme. Marina

ist halbtags Volksschullehrerin und

die restliche Zeit kümmert sie sich um

rund 20 Flüchtlinge in einer Gemeinde

im Burgenland und in Wien. Obwohl

„kümmern“ kaum das richtige Wort

ist. Sie hilft mit Leib und Seele – aus

Leidenschaft. Und ihre Familie spannt

sie mit ein. Es werden Toaster, Matratzen

oder Heizungen organisiert, daheim

stapeln sich Baby-Utensilien und manch

ein Flüchtling wurde schon für ein paar

Monate bei der Tochter in der Wohnung

mit untergebracht. Auf Marina können

sich „ihre Somalis“ verlassen – sie sieht

sich als Freundin und „Ersatz-Mutter“.

Natürlich sind die engsten von ihnen

auch bei Familienfeiern, an Sylvester,

Geburtstagen und beim Hochzeitstag

dabei. Marina ist eher klein und zierlich,

aber die Energie und Willenskraft, die

26 / POLITIKA /


sie ausstrahlt, geht auf mich über. Ich

höre, dass sie sich um Geld-Transfers,

Unterkunftswechsel, Deutschkurse und

Aufenthaltsbestätigungen kümmert. Dass

sie zwar vormittags in der Schule ist und

weil kaum eine Behörde nachmittags

offen hat, von dort zwischen Tür und

Angel telefoniert. Und ich frage mich,

wie und wann sie das alles schafft? „Ich

habe selber nicht das Gefühl, dass es zu

viel ist. Denn es ist notwendig.“ Marina

wirkt wie in einem Rausch, man merkt,

sie liebt, was sie tut. Allerdings nimmt es

sie auch mit, bekommt Kopfschmerzen,

fühlt das Leid ihrer Schützlinge. Einmal

musste ihre Familie schon die Reißleine

ziehen. Nachdem sie im Urlaub ihre Zeit

damit verbrachte, einen ihrer afghanischen

Burschen für das Casting von

„Traiskirchen. Das Musical“ anzumelden

und gleichzeitig für die Rückkehr eines

anderen Schützlings (ihm fehlt eine

Hand) versuchte über Facebook Geld

aufzustellen, konfrontierte ihre Familie

sie mit einem „Flüchtlings-Sprechverbot“

für die restliche Urlaubszeit. Aber Marina

hielt heimlich Kontakt.

Enttäuscht von den Flüchtlingen

wurde sie nie. Im Gegenteil. „Mich enttäuschen

nur Freunde, Verwandte und

Dorfbewohner, die kein Verständnis für

meine Bereitschaft zu helfen haben. Die

nicht berührt sind.“ Marina hat viele alte

Kontakte reduziert oder abgebrochen.

Sie kann einfach nicht verstehen, dass

die anderen nicht helfen. „Mittlerweile

bin ich lieber mit den Flüchtlingen

zusammen.“ Mit ihren Somalis, die

immer ein Lächeln auf den Lippen haben.

„Mit diesen Leuten bin ich verbundener,

als mit Leuten, die ich lange kenne.“

FLÜCHTLINGE SIND

WICHTIGER!

Dass alte Beziehungen nicht mehr funktionieren,

weiß auch Anna*. Die Partnerschaft

der 47-Jährigen aus Wien ging in

die Brüche, nachdem sie 2015 begonnen

hatte sich um zwei minderjährige Brüder

aus Syrien zu kümmern. „Die Jungs sind

dir wichtiger als ich!“, hieß es von Annas

damaligem Freund. Und auch durch ihre

Familie geht inzwischen eine Spaltung:

Es gibt die, die sie unterstützen, und

die, die es nicht verstehen und auf der

anderen politischen Seite stehen. Ihre

Mutter zum Beispiel. Das wirkt sich auch

auf Familientreffen

aus. Aber „ihre“ Jungs, „In der Beziehung zu

Beim Punkt „Ramadan“

war sie resolut:

wie Anna Muhamed*

Flüchtlingen entsteht

„Ich unterstütze das

und Bilal* (heute 19

überhaupt nicht. Wir

schnell ein Sog, dass man

und 17) nennt, sind ihr

sind eine Leistungsgesellschaft

und wenn

das Gefühl bekommt,

sehr wichtig. Immerhin

man müsse sie retten –

sind sie schon durch

die Lehrerin anruft,

so viel durchgegangen

was natürlich nicht geht.

weil die Jungs beim

– Polizeieinsatz

inklusive. Anna hat

für sie Deutschkurse

organisiert, einen

sogar selbst bezahlt –

Kostenpunkt 450€. Sie

Die Flüchtlinge kommen

mit Bedürftigkeit und

Ohnmacht, die Helfer

rutschen da mit hinein."

Unterricht überhaupt

nicht mehr fähig sind

mitzumachen, dann

geht das so nicht!“

Anna hat sich mit den

Eltern der Jungs via

hat sich um einen Schulplatz und eine

Stelle als Gemeindearbeiter gekümmert,

sie ist mit ihnen spazieren gegangen, hat

mit ihnen und Freundinnen gekocht und

sehr oft haben die Brüder auch bei Anna

übernachtet. „Meinen Jungs geht es

heute gut, weil sie in einem super Netzwerk

gelandet sind.“ Anna ist vorsichtig

mit dem „Mutter“-Begriff. Sie hat keine

Kinder, sagt aber, dass ihre Beziehung

wahrscheinlich wie die einer ist. Außerdem

könne sie sich vorstellen einmal mit

ihnen zusammen zu ziehen. Zunächst

aber geht es darum, die beiden zu integrieren

– auch auf Kosten von Religion.

Telefon abgesprochen, mit dem Ergebnis:

Ramadan wird nicht mehr gefastet.

Heute steht die Selbstständige an einem

Punkt, wo sie sagt, dass sie sich mehr

abnabeln muss. „Sonst komme ich mit

dem Job nicht klar!“ Und sie weiß, dass

es für Muhamed und Bilal jetzt wichtig

ist Anschluss bei anderen Jugendlichen

zu finden. Manche Frauen würden nicht

loslassen. Anna wirkt reflektiert, pragmatisch.

„Früher hatte ich ein schlechtes

Gewissen auf Urlaub zu fahren, jetzt trau

ich mich schon.“ Und beim berühmten

Nachtanruf, den wohl schon jede Ehrenamtliche

in Schrecken versetzt hat, hat

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sie Grenzen gesetzt: Sie ist nicht selbst

hingefahren, sondern hat die Rettung

gerufen, als einer der Brüder klagte,

dass der andere seine Hand nicht mehr

bewegen könne.

ABGRENZEN!

Solche Grenzen zu setzen ist wichtig,

weiß auch Barbara Preitler vom Verein

Hemayat, die kürzlich erst ein Buch für

Ehrenamtliche veröffentlicht hat („An

ihrer Seite – Psychosoziale Betreuung

von traumatisierten Flüchtlingen“).

„Flüchtlinge erleben unzählige Grenzverletzungen.

In der Willkommenskultur

hat man zu wenig darauf geachtet. Oft

können die Flüchtlinge selbst nicht mehr

ihre eigenen Grenzen schützen, bzw. die

von anderen spüren. Deshalb ist es so

wichtig von beiden Seiden doppelt auf

Grenzen zu achten.“ Und als Helfer dann

eben nicht um Mitternacht mit ihnen zu

telefonieren, weil sie so arm dran sind,

sagt Preitler. Das führe nur zu Überforderung,

zumal viele Ehrenamtliche ohne

irgendeine Schulung ins kalte Wasser

geworfen wurden. Manche erleben

sogar eine „sekundäre Traumatisierung“,

ein Phänomen, das besonders mit der

Flüchtlingskrise bekannt wurde. Bezeichnend

ist hier, dass Helfer selbst einen

Vertrauensverlust in die Welt und die

Menschen erleben, weil sie zu stark in

das traumatische Leben der Flüchtlinge

eintauchen. Dies kann krank machen, zu

Schlaflosigkeit oder zu einem Abschalten

von Gefühlen führen. Organisationen

und Institutionen reagieren hierauf. Die

Caritas Österreich etwa bietet Supervisionsgruppen

und Impulsabende für

Freiwillige an, wo es um die Frage geht:

Wie grenze ich mich ab? Wie komme ich

zu meiner Mitte?

Es sind genau diese Fragen, die sich

Angelika aus Meerbusch in Deutschland

derzeit stellt. Sechs Monate sei sie in

einem Sog drin gewesen. Die 59-Jährige

hatte damals erst kürzlich ihren Job

verloren, ihre Söhne waren aus dem

Haus, ihr fiel die Decke auf den Kopf. So

engagierte sie sich und irgendwann war

Aman * , ein 27-jähriger Flüchtling aus

Syrien, Teil und Mittelpunkt ihres Lebens.

Sie erinnert sich, wie sie mit ihrer Familie

tagelang auf der Terrasse mit Papieren

und Übersetzungen saß, um dem jungen

Röntgenassistenten einen lückenlosen

CV zu verpassen. Irgendwann übernahm

sie auch die Vollmacht für ihn, so dass

sie in seinem Namen Anrufe und Auskünfte

tätigen durfte. „Wenn er selber zu

Terminen ging, dann funktionierte das

nie“, erklärt Angelika. „Außerdem, wie

sollen die Flüchtlinge all das schaffen,

den Bürokratie-Dschungel verstehen

ja nicht mal wir Deutschen?!“ Aman zu

helfen wurde für Angelika ein Vollzeitjob.

Zu Hause bekam sie bald nichts mehr auf

die Reihe. „Alle fragten, warum schaffst

du das nicht?“ Aber Angelika hatte oft

mittags nicht einmal gefrühstückt. Die

Sorge, irgendeine wichtige Information

zu verpassen, die Ohnmacht, wenn man

wieder nicht zurückgerufen wurde und

nicht weiterkam, all das trieb sie immer

weiter in den Strudel. „Für mich ist es

ein Verantwortungsgefühl. Ich muss das

machen und kann nicht einfach sagen,

jetzt habe ich keine Lust mehr.“ Aman

wurde in die Familie aufgenommen. Sie

sehen sich als deutsche Pateneltern.

Aber mit dem Nachzug seiner Ehefrau

veränderte sich die Beziehung. „Plötzlich

kamen Meldungen, wie: Wir schaffen das

auch allein!“ Oder er meldete sich eine

Woche lang nicht mehr und Angelika

fragte sich: „Will er nichts mehr von mir

wissen?“ Sie beginnt zu hinterfragen:

Bevormundet sie ihn? Fühlt er sich wie

ein Kind? Angelika findet auch manche

Entscheidungen von Aman und seiner

Frau falsch und sorgt sich. Gleichzeitig

weiß sie: „Ich muss mich jetzt auf andere

Sachen konzentrieren. Sonst komm ich

da nicht mehr raus!“

Expertinnen wie Habrich und Preitler

betonen, dass gerade hier die Gefahr

lauert: Flüchtlinge wie Kinder zu sehen.

Sie müssen auch ihren Weg gehen

können. „Denn wenn ich alles für sie

mache und ihnen alles abnehme, dann

mache ich sie klein und nehme ihnen

ihre Stärke,“ so Habrich. Es passiert

eine Entmündigung, wo der Befreiungsschlag

vorprogrammiert ist. Und dass es

mal zu Schwierigkeiten in Beziehungen

kommt, findet Preitler auch normal. Sie

hält nichts davon zu schnell zu Pathogolisieren

– warnt allerdings vor falschen

Erwartungen.

Birgit spürt, dass sie eine Grenze von

Nabil überschritten hatte, weil „die anderen

Frauen“ seine Privatsphäre waren.

Und obwohl sie traurig war, empfand sie

den loseren Kontakt auch als gesunden

Ablöseprozess. Nabil hatte selbstständig

eine Flucht geschafft, er würde nun auch

„Deutschland“ schaffen. Kürzlich rief er

an, sie freute sich. „Er brauchte wohl

seinen Freiraum“, sagt Birgit. Und ja, sie

auch.

* Namen von der Redaktion geändert.

Quality-Time: Gemeinsam essen, lachen, sich kennenlernen - aus Fremden wird "Familie".

Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt

28 / POLITIKA /


RAMBAZAMBA

„getscho, mit sharf bruda“

Foto von Alex Dietrich


DIE MIGRANTIGEN

Was, wenn du so integriert bist, dass du erst wieder lernen

musst ein “echter” Ausländer zu sein? Benny und Marko

geben für eine TV-Doku vor echte Čuxl* zu sein,

obwohl sie die ärgsten Bobos sind. Schnell aber

holt sie das gefakte Ausländersein ein. Die

politisch unkorrekte Komödie

“Die Migrantigen” packt alle

Klischees und Vorurteile aus

und holt endlich Struggles

auf die Leinwand,

mit denen wir uns

identifizieren können.

Von Jelena Pantić

Fotos : Marko Mestrović

MADDALENA-NOEMI HIRSCHAL AKA KLARA/OLGA

Struggle: Bobo-Freundin von Benny und Marko. Muss für

besagte Doku als Prostituierte herhalten. Sie geht ein bisschen

zu gut in ihrer Rolle auf und trifft die “Ostblock-Nutte”

mit Akzent perfekt. Letztendlich hilft sie als IT-Spezialistin

Klara den beiden aus der Scheiße. Aber keine Spoiler.

Am Set: Sobald Maddalena ihr Olga-Outfit anhat, kommt die

sexy Verführerin zum Vorschein. Beweis: Bei der Premiere

gab es bei ihrer Szene Applaus aus dem Publikum. There’s

no business like hoe business.

*Čuxl ist die Verniedlichungsform

von Tschusch

30 / RAMBAZAMBA /


FARIS RAHOMA AKA BENNY/OMAR

Struggle: Benny schaut aus wie ein Ägypter, möchte aber

österreichische Rollen. Angeboten bekommt er immer den

Taxifahrer, trotz akzentfreiem Deutsch und Leben. Verhofft

sich den Durchbruch, wenn er in der TV-Doku den arabischen

Hobby-Verbrecher spielt.

Hintergrundinfo: Faris war von seinem „Ausländer-Outfit“

so begeistert, dass er sein ganzes Kostüm für den privaten

Gebrauch aufgekauft hat.

/ RAMBAZAMBA / 31


MEHMET ALI SALMAN ALS JUWEL

Struggle: Experte fürs Straßenleben.

Rettet Benny und Marko bei einer

Schlägerei - die beiden Idioten hatten

vor einem türkischen Club lauthals

kurdische Musik gelassen. Er coacht

sie ab dann richtige Ausländer zu

werden. Ihm gefällt aber gar nicht,

wie diese zwei Kasperl seine Leute

und seine Gegend in der Doku darstellen.

Was macht man so als Ausländer?

„Mooooruk, wie in Hollywood, amana!

Nutten, Kokain, du hast alles, weißt

du? Als Ausländer ist dir nie langweilig,

moruk!“

32 / RAMBAZAMBA /


DANIELA ZACHERL AKA SOPHIE/JESSICA

Struggle: Ihr Freund Marko und sie bekommen ein

Baby. Doch der Vollidiot spielt gerade Gangster-Ausländer

statt verantwortungsvoller Vater. Also muss sie

in die TV-Doku einschreiten: als Prolo-Tussi Jessica.

Anekdote: Daniela hat in ihrem Jessica-Outfit mit

Babybauch und Tschick ganz schön für Aufsehen

gesorgt. Bei den Dreharbeiten am Hannovermarkt

wurde sie ständig angemacht.

/ RAMBAZAMBA / 33


ALEKSANDAR “SAŠA” PETROVIĆ AKA MARKO/TITO

Struggle: Mega-Hipster und Besitzer einer Werbefirma. Er

will bobo-kreativ, seine Kunden wollen Jugo. Die Insolvenz

droht, der Gemeindebau ruft. Da will Marko aber nie wieder

hin. Er ist jung und braucht das Geld, lässt sich also

von Benny überreden den typischen AMS-Jugo zu spielen.

Zum Thema Schutzgeld: „Wie du das sagst, klingt das

irgendwie negativ. Samma sich ehrlich, ich mein, jeder

braucht Schutz!“

34 / RAMBAZAMBA /


MAHIR JAMAL AKA CHRIS/DROGENDEALER

Struggle: Haberer von Benny und Marko - weil er

schwarz ist, bekommt er die Anfrage: “Du machst

uns den Drogendealer.” Worauf er “No fucking way”

antwortet und es dann doch macht.

In echt: studiert Mahir an der Angewandten, ist

Künstler und Berufshipster und hat mit Drogen

verchecken ganz genau gar nix zu tun. Wobei, bei

denen aus Favoriten weiß man nie… Spaß, Mahir wird

wegen seines Aussehens oft nicht abgekauft, dass er

studiert. Nicht cool.

Vielen Dank an f6 the open factory

/ RAMBAZAMBA / 35


Perser essen gerne und ausgiebig. Dieses Klischee

bewahrheitete sich während unseres fast dreistündigen

Mittagessens mit Regisseur Arman T. Riahi. Auf der

Speisekarte standen Lammköpfe, HC Strache als Mohr im

Hemd und die visionäre Kraft von „Zurück In Die Zukunft II“.

ZU TISCH MIT REGISSEUR

ARMAN T. RIAHI

Von Amar Rajković, Fotos : Marko Mestrović

BIBER: „Die Migrantigen“ hat schon vor dem Kinostart im

Juni für viel Furore gesorgt und die Publikumsauszeichnung

beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis gewonnen. Was

hat dich zum Film bewegt?

ARMAN T. RIAHI: Wir haben „Die Migrantigen“ gedreht,

weil wir zeigen wollten, dass Migrationshintergrund nicht

gleich Migrationshintergrund ist. Es gibt eine facettenreiche

Wirklichkeit jenseits des Opfer-Täter-Bildes, durch

das Menschen mit Migrationshintergrund in den Medien

und der Öffentlichkeit dargestellt werden. Außerdem

wollten wir auch endlich unsere Leute auf der Leinwand

sehen! Sie übernehmen Hauptrollen und müssen sich nicht

mit Taxifahrer- oder Kriminellenrollen begnügen wie oft

üblich im etablierten österreichischen Kino.

Nimmst du es persönlich, wenn dein Film floppt?

Ich drehe Filme, damit möglichst viele Leute sie sehen.

Ich mache sie nicht in erster Linie für die Kunstszene und

Filmfestivals. Ich möchte die Leute berühren, erwischen

und sie zum Nachdenken bringen. Wenn mir das nicht

gelingt, sollte ich ernsthaft überlegen, was ich sonst noch

drauf habe.

Glaubst du, als Regisseur die Welt verändern zu können?

Wenn ich einen Film drehen würde, der gar keine gesellschaftliche,

politische oder sozialkritische Komponente

hat, hätte der keinen Sinn für mich. Hat wahrscheinlich mit

meiner Herkunft und Familiengeschichte als Flüchtlingskind

zu tun. Filmemacher, Künstler sind extrem privilegierte

Menschen, die ihr Publikum positiv beeinflussen können.

Ich habe mit den „Migrantigen“ versucht, Unterhaltung mit

einem ernsten Hintergrund auf die Leinwand zu bringen.

Guter Mainstream kann das.

Welche Filme, die du in letzter Zeit gesehen hast, können

das?

Ex-Machina vom britischen Regisseur Alex Garland ist ein

gutes Beispiel. Gutes Drehbuch, sauber gedreht, extrem

gut gemacht – trotz vermutlich begrenzter Produktionsmittel.

Genauso wie „Take Shelter“ mit Michael Shannon oder

„Moonlight“ von Barry Jenkins. Die Fragen, die diese Filme

aufwerfen, sind wichtig und aktuell wie eh und je.

Was wurde am Set von „Die Migrantigen“ gegessen?

Es gab täglich ein Buffet, das die Bedürfnisse des Teams

abdeckte: Fleisch für den Jugo Aleksandar Petrović, Ful

(arabisches Bohnengericht) für den Steiro-Ägypter Faris

Rahoma und natürlich auch vegetarische Speisen für die

Ernährungsbewussten am Set.

Der Kellner serviert unsere Getränke, Brot und

Salat. Das „Dough“, ein joghurthaltiges Getränk

mit frischer Minze, ist das iranische Ayran. Es

wird fast zu jeder Speise während des Essens

getrunken. Der Salatteller beinhaltet rohe

Zwiebelköpfe und diverse Kräuter. „Wenn du

mehrere Kräuter zusammen erwischst, entstehen

ganz neue Geschmacksdimensionen“, so der Tipp

des 35-jährigen Regisseurs.

36 / RAMBAZAMBA /


WER IST ER?

Name: Arman T. Riahi

Alter: 35

Geburtsort: Isfahan, Iran

Beruf: Regisseur, Autor

Besonderes: Gestaltete schon 2005

Folgen von der ORF-Sendung „Sendung

ohne Namen“ und „Sunshine Airlines“

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• Matura

• Berufsreifeprüfung

• Studienberechtigungsprüfung

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Beginn: Frühjahr & Herbst

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/ RAMBAZAMBA / 37

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Wer braucht das Hauptgericht, wenn die Vorspeisen

so verführerisch aussehen?

Der Krönende Abschluss –

Safran-Eis mit gefrorenem Schlagobers

Ist deine Mutter eine integrierte Iranerin und kocht österreichisch?

Sie hat uns früher immer Schnitzel mit gescheiter Panier

zubereitet. Generell kocht sie mehr mit Geflügel, natürlich

auch Lamm, weil das ein wichtiger Teil der iranischen

Küche ist. Generell finde ich die typischen österreichischen

Gerichte ungesund, weil sie sehr fetthaltig sind und oft

nicht ohne Panier auskommen.

Sag jetzt nicht, deine Mutter kocht auch am besten?

Meine Tanten behaupten, meine Mutter wäre keine gute

Köchin gewesen, bevor sie Kinder bekommen hat. Das

hat vor allem die älteste von ihren Schwestern behauptet,

die in Kalifornien lebt und richtige Leibgerichte auf den

Tisch zaubert. Die muss es ja wissen, ihr Schafskopf ist ein

Traum.

Der Kellner serviert eine Variation von persischen

Vorspeisen auf den Tisch. Das Gespräch wird für

ca. 10 Minuten unterbrochen und durch „Boah“-,

„Mmmh“- und „Schmatz“-Laute ersetzt. Auch

Arman langt zu. Essen scheint er sehr ernst zu

nehmen.

Apropos Kalifornien: Viele persische Einwanderer haben in

den USA ein neues Zuhause gefunden. Warum ausgerechnet

dort?

Das hängt damit zusammen, dass sehr viele Monarchisten

(der Iran war bis zur islamischen Revolution 1979 eine

Monarchie) in die USA geflüchtet sind. Entgegen vieler

westlicher Medienberichte betrachten viele Iraner die

USA als einen Sehnsuchtsort, wo man frei leben und Geld

verdienen kann.

Unter Trump steht der Iran auf der Liste der Länder, deren

Bürger nicht in die USA einreisen dürfen.

Ich stehe vielen Dingen, die in Amerika stattfinden, sehr

kritisch gegenüber, kann das Land in vielen Belangen auch

loben. Momentan sieht es nicht so aus, als würde ich bald

in die USA reisen. Schau mich an (zeigt auf sich), glaubst

du, so komme ich in die Staaten? Schon unter Bush haben

die Zollbehörden mich drei Stunden lang befragt. Die Passwörter

für all meine Social-Media-Accounts mag ich auch

nicht hergeben.

Arman bestellt zum Hauptgang Hühner- und

Lammspieße mit Reis und dazu Ghormeh

Sabzi (Grüner Eintopf), das aus roten Bohnen,

verschiedenen Kräutern und getrockneten

Limetten besteht. Er schnalzt abschließend mit

der Zunge, als würde er in Gedanken schon an den

Spießen knabbern.

Gibt es ein Filmgenre, das gar nicht geht?

Ja, romantische Komödien sind für mich No-Go. Seit

„Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ oder „Punch-

Drunk Love“ habe ich keine Ideen mehr, wie ich eine kluge

romantische Komödie drehen soll.

Welche Filme haben dich als jungen Mann beeinflusst?

Menace 2 Society, Reservoir Dogs, Goodfellas oder „White

Men can‘t jump“. Ich habe immer schon die Effizienz der

amerikanischen Unterhaltungsfilme bewundert. Zurück in

die Zukunft fällt mir da ein. Der zweite Teil ist doppelbödig,

hochironisch und prophezeiend. (Anm. d. Redaktion: Der

böse Biff Tannen bekommt von seinem eigenen Ich aus

der Zukunft den „Almanah des Sports“ geschenkt und

wettet sich damit zum selbstgefälligen, psychotischen und

Donald Trump ähnelnden Glücksspiel-König). Diese visionäre

Kraft des Filmemachens fasziniert mich.

Was würdest du dir als Henkersmahlzeit aussuchen?

Warte kurz, es fehlt was Wichtiges.

Arman steht auf und bestellt Torschi, in

Essig-Salz-Lake eingelegtes Gemüse - in Ex-

Jugoslawien auch „Turšija“ oder in der Türkei

„Turshi“ genannt. Das (zeigt auf das eingelegte

38 / RAMBAZAMBA /


Gemüse) verbindet meine zwei Lieblingsküchen.

Die japanische und die persische.

Zurück zu deiner Frage: Meine letzte Mahlzeit wären viele

kleine Speisen aus der japanischen und iranischen Küche,

tapasmäßig aufbereitet, zusammen mit Kaviar aus dem

Kaspischen Meer. Grundsätzlich bin ich ein Fan von Speisen,

die in der Tischmitte stehen und von denen jeder am

Tisch auch kosten kann. Man isst gemeinsam.

Der Hauptgang wird abserviert. Wir stehen auf

und setzen unser Gespräch in der heimeligen

Tee-Ecke fort. Über uns thront ein alter Mann

mit Turban, der gerade am Opiumschlauch zieht.

Das zweieinhalbstündige große Fressen ist allen

beteiligten Wampen anzumerken.

Der Regisseur Arman T. Riahi (links) beim Schlemmer-Talk mit

stv. Chefredakteur Amar Rajković

Bevor wir in das Food-Koma fallen, die letzte Frage: Mit

welchen Gerichten würdest du Kanzler Kern, Außenminister

Kurz und FPÖ-Obmann Strache vergleichen?

Herr Kurz ist eine Vorspeise, so wie eine Frittatensuppe,

leicht und locker und mit wenig Substanz. Kanzler Kern

gibt inhaltlich am meisten her und entspricht einem Backhendl

und HC Strache ist eine Nachspeise, die du schon

nach dem Bestellen bereust, weil du vollgegessen bist und

die Kalorien in deinem Kopf schon zählst. Also ein „Mohr

im Hemd.“ (lacht)

Kannst du deinen Bauch vor lauter Knurren nicht mehr kontrollieren?

Die Gastgeber von „Apadana“ freuen sich über deinen

Besuch!

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Der neueste Film von Arman T. Riahi,

„Die Migrantigen“, kommt am 9. Juni ins Kino.

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Gül* ist lesbisch.

Warum sie sich nach

17 Jahren entscheidet

das Kopftuch abzulegen.

Von Alexandra Stanić (Text und Fotos)

40 / RAMBAZAMBA /


„Ich habe dieses

Unbehagen

einfach satt.“

Gül zupft sich ihr graues

Kopftuch zurecht. Es ist

farblich abgestimmt zu

ihrem smaragdgrünen

Mantel und der zugeknöpften

weißen Bluse. Sie wählt jedes

Wort sorgfältig aus und lässt sich mit

ihren Antworten Zeit. Heute redet Gül

leise, sie wirkt aufgekratzter als sonst.

„Ich werde das Kopftuch endgültig ablegen“,

verkündet die Türkin nach kurzem

Smalltalk.

Vor etwa zwei Jahren treffe ich

die heute 30-Jährige das erste Mal.

Damals wollte sie sich mir anvertrauen,

weil sie eine Bezugsperson suchte,

die nachvollziehen

konnte, wie es war,

„Es ist schon passiert,

dass Muslime meine

Freundin und mich

übelst beleidigt haben.“

wenn man zwischen

zwei Welten steckte.

Durch meine Texte,

in denen ich oft über

meine Identitätsfindung

als Migrantin

schreibe, glaubte sie

diesen Menschen in

mir gefunden zu haben. Wir trafen uns

von da an regelmäßig zum Gespräch.

„Ich habe mich in eine Frau verliebt“,

gestand sie mir bei unserem

ersten Treffen. Ihr Blick war schockiert,

als würde sie diese Worte das erste Mal

laut aussprechen. Als ich sie fragte, ob

sie das Kopftuch je ablegen würde, antwortete

sie mit einer plötzlichen Sicherheit

in ihrer Stimme: „Nein, niemals.“

Seit diesem Treffen verändert sich ihre

Ansicht zu dem Thema zunehmend und

ich verfolge ihre Einstellung zum Kopftuch

und zu ihrer Homosexualität als

stille Zuseherin über die Jahre mit.

KEINE RELIGIÖSE

ÜBERZEUGUNG,

SONDERN TRADITION

Gül wächst in einem streng konservativen

Haushalt in Oberösterreich auf.

Ihre Mutter kümmert sich um Gül und

ihre Geschwister, der Vater spielt eine

Nebenrolle in ihrer Kindheit und Jugend.

Gül ist ein zurückhaltendes Kind. Sie

verbringt ihre Freizeit ausschließlich in

der türkischen Community. Ihr Vater

ist Erdogan-Fanatiker, wie sie sagt. Als

Vorbilder dienen ihre älteren Schwestern

und Cousinen. Mit 13 setzt sie das

erste Mal ein Kopftuch auf, eine wirklich

bewusst getroffene Entscheidung

war das damals aber nicht, meint sie.

Ihre Eltern und sie führen niemals ein

Gespräch darüber, ob und wann sie sich

bedecken sollte. „Mit dem Wechsel in

die Oberstufe war es selbstverständlich,

dass ich ein Kopftuch trage“, erinnert

sie sich. „Befohlen hat es mir niemand,

es wurde einfach von mir erwartet.“

17 Jahre später weiß Gül, dass sie sich

in Wahrheit nie aus religiöser Überzeugung

für das Kopftuch entschieden hat.

Tradition und der Wunsch dazuzugehören,

das waren ihre

Beweggründe. Auch

in ihrer Moschee

bedecken sich alle

Mädchen, eine Art

Gruppenzwang

entsteht. Lange Zeit

hinterfragt Gül diese

Selbstverständlichkeit

nicht.

Sie findet nach Abschluss der Matura

und einem kurzen Studium einen Job

in einem Großraum-Büro in Wien. Dort

lernt sie ihre jetzige Freundin kennen.

Die beiden entwickeln trotz der vielen

Unterschiede eine innige Beziehung.

Im Gegensatz zu Gül geht ihre Freundin,

die Österreicherin ist, sehr früh

/ RAMBAZAMBA / 41



Nur einer kann

sagen, wer ein

guter Muslim ist.


offen mit ihrer Sexualität um. Gül sagt,

ihre Beziehung hätte es ihr ermöglicht, ihr

Leben aus einer völlig neuen Perspektive

zu sehen. Erst durch dieses neue Kapitel in

ihrem Leben befasst sich Gül mit der Frage,

warum sie ihr Haar eigentlich verdeckt.

EINE SCHANDE FÜR

DIE FAMILIE

Spulen wir zwei Jahre zurück. Güls Schwester

schnüffelt in ihren Sachen, als diese

zu Besuch ist und findet Nachrichten auf

ihrem Handy, die zeigen, dass ihre Freundin

und sie keine rein platonische Beziehung

pflegen. Daraufhin sperrt ihre Familie Gül

zu Hause ein. Sie verlangen von ihr, zurück

nach Oberösterreich zu ziehen, ihren Job

aufzugeben und den Kontakt zu ihrer Partnerin

zu beenden. Gül verlässt daraufhin ihr

Zuhause, beim Abschied schreit ihre Mutter

ihr nach, dass sie eine Schande für die

Familie sei.

Mit ihrer Entscheidung zu gehen, verlässt

sie nicht nur ihr Elternhaus, sondern

auch ihr bisheriges Leben. Gül hat nun

kein Zuhause. Vorübergehend schläft

sie in einem Billighotel, über Arbeitskolleginnen

findet sie schlussendlich

eine WG. Seitdem hat sie kaum

42 / RAMBAZAMBA /


Kontakt zu ihrer Familie. Ihre Homosexualität

wird im Bekanntenkreis totgeschwiegen.

Offiziell lebt sie wegen

ihrer Arbeit und einer im Vergleich zur

Wahrheit harmlosen Auseinandersetzung

mit ihrem Vater in einer Frauen-

WG in Wien. Finden Hochzeiten oder

andere Festlichkeiten - sogenannte

„Pflichttermine“ - statt, fährt sie nach

Oberösterreich und tut so, als wäre alles

in Ordnung.

Mittlerweile lebt Gül mit ihrer Freundin

zusammen. Es fällt ihr immer schwerer

ihr Kopftuch zu begründen. „Mein

Leben lang war es mir wichtiger, wie ich

aussehe und ob ich eh nicht zu viel von

mir zeige“, blickt sie zurück. „Dabei gibt

es viel wichtigere Gebote im Koran als

das Kopftuch.“ Warum also dem Ganzen

so einen wichtigen Stellenwert geben?

„Weil es mein gesamtes Umfeld getan

hat.“ Dieses Umfeld

hat sie hinter sich

gelassen, sie fühlt

sich als Kopftuchträgerin

nicht mehr

wohl. In erster Linie

nicht wegen der

Reaktionen ihrer

österreichischen Mitbürger,

ihre eigene

Community ist die,

die ihr Magenschmerzen bereitet.

Seit ihrem Outing begleitet Gül

die ständige Angst, andere Muslime

könnten ihr Verhalten verurteilen.

„Wenn ich mit der Familie meiner

Freundin essen gehe und ihren Vater

bei der Begrüßung umarme, habe ich

Angst, dass mich ein anderer Muslim

dabei sehen könnte.“ Gül ist paranoid.

An jeder Ecke wittert sie Bekannte, die

sie auf offener Straße beschimpfen

könnten, weil sie mit ihrer Freundin

unterwegs ist. Sie muss vorsichtig sein,

denn noch immer weiß der Großteil

ihrer Familie nicht, dass sie lesbisch ist.

Immer wieder erntet sie misstrauische

Blicke von anderen Musliminnen, wenn

sie mit ihrer Freundin unterwegs ist.

Ihre Sorge ist auch nicht ganz

unbegründet: „Es ist schon das ein oder

andere Mal passiert, dass Muslime meine

Freundin und mich übelst beleidigt

haben.“ Wenn sie bei unseren Treffen

„Das Kopftuch soll ja

eigentlich vor Blicken

schützen, ich komme

mir aber beobachtet

vor, wenn ich es trage.“

von solchen verbalen Attacken erzählt,

wirkt sie aufgebrachter als sonst. Von

Mal zu Mal merke ich, wie ihr Wohlbefinden

unter der Situation leidet. Aber

mir fällt auch auf, dass sie ihre Erfahrungen

selbstbewusster erzählt, ihre

Mimik und Gestik hat sich mit der Zeit

verändert. Gül blüht auf, ihr Selbstvertrauen

wächst - nur das Kopftuch

scheint sie zu stören. „Ich habe dieses

Unbehagen einfach satt.“

WANN IST MAN EINE

GUTE MUSLIMA?

Trotz der negativen Erlebnisse weiß

Gül, dass ihre Unsicherheit zum Teil

irrational ist und auf Vorurteilen basiert.

„Wenn ich unsere Hunde spazieren

führe, meide ich Gruppen von türkischen

Männern. Was werden die wohl

denken, wenn sie

eine bedeckte Frau

mit zwei Kampfhunden

sehen?“,

fragt sie sich dann.

Zudem störe sie die

Politisierung des

Kopftuchs. Ohne

Bedeckung könne

niemand auf den

ersten Blick erkennen,

dass sie Muslima sei, das gäbe ihr

enorm viel Freiheit. „Das Kopftuch soll

ja eigentlich vor Blicken schützen, ich

komme mir aber beobachtet vor, wenn

ich es trage“, erzählt sie.

Vor allem dann, wenn sie Dinge tut,

die sich für eine Muslima „nicht gehören“,

zum Beispiel mit Menschen an

einem Tisch zu sitzen, die Bier trinken,

oder mit Männern zu reden, die nicht

mit ihr verwandt sind. Immer wieder

beschäftigt sie sich mit der Frage, ob

das Kopftuch wirklich sein muss und

welche alltäglichen Veränderungen das

Ablegen mit sich bringen würde. So

war sie beispielsweise noch nie beim

Friseur, ihre Haare hat immer ihre große

Schwester geschnitten. „Ich weiß gar

nicht, wie das ist, wenn einem eine

fremde Person die Haare wäscht“, sagt

sie lachend. „Abends eine Bar besucht

habe ich auch noch nie.“

Schließlich spielt sie Anfang dieses

Jahres mit dem Gedanken das Kopftuch

abzulegen, es lasse sich nicht mehr mit

ihrem Lebensstil vereinen. „Ich habe

das Gefühl das Kopftuch schränkt mich

nicht nur in meinem Alltag ein, sondern

auch in meinem Glauben“, sagt Gül bei

einem unserer letzten Treffen. „Wenn

ich es ablege, hoffe ich darauf, zurück

zu meiner Religion zu finden.“

Ihre neue Lebensweise mache sie

aber nicht zu einer weniger gläubigen

Muslima. Weder könne noch irgendjemand

anderer den Glauben eines Menschen

bewerten. „Nur einer kann sagen,

wer ein guter Muslim ist.“

EIN NEUES LEBEN

In den letzten Monaten hat es Gül schon

ein paar Mal gewagt das Haus ohne

Kopftuch zu verlassen. Zuerst mit Mütze

und nur um den Müll rauszubringen,

aber schon das Mal darauf spaziert sie

in den gegenüberliegenden Park. „Das

war so ein befreiendes Gefühl, ich kann

es gar nicht in Worte fassen.“

Demnächst hat sie vor das Kopftuch

endgültig abzulegen. „Seit ich 13 bin,

halte ich mich an diese Regeln“, gibt

sie zu bedenken. „Mit dem Ablegen

des Kopftuchs beginne ich ein neues

Leben.“ Ihre Freundin hat sie nie zu

dieser Entscheidung gedrängt, obwohl

sie nicht religiös ist.

„Wir haben nur einmal darüber

gesprochen, dass sie es falsch findet,

dass sich Frauen verdecken müssen,

aber sonst hat sie sich nie in diese

Angelegenheit gemischt.“ Was sie als

Erstes tun wird, wenn sie das Kopftuch

ablegt? „Zum Friseur gehen“, lacht Gül.

„Und wenn wir uns das nächste Mal

treffen, kannst du meine Haare bestaunen.“


* Name von der Redaktion geändert.

/ RAMBAZAMBA / 43


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FÜR UNSERE ZUKUNFT IST

NUR DAS BESTE GUT GENUG.

BILDUNGSEIN RICHTUNGEN

MIT ZUKUNFT

Wien wächst. Und die Schulen wachsen mit. Die Stadt Wien rüstet auf und

macht sich bereit für eine neue Generation von Bildungseinrichtungen.

Steigende Geburtenraten und

Zuwanderung konfrontieren

die Stadt mit neuen Herausforderungen

im Bereich der

Kindergärten und Schulen. Gut, dass

Wien dafür längst gerüstet ist. Seit

2008 laufen in allen Bezirken Sanierungs-

und Ausbaumaßnahmen von

Bildungseinrichtungen. Bis dato wurden

dadurch bereits 242 allgemein bildende

Pflichtschulen erneuert. Aufgrund des

großen Erfolgs wurde das Projekt bis

2023 verlängert.

ZEIT FÜR QUALITÄT

Alleine in diesem Jahr werden über

68 Millionen in die Schulsanierung

gesteckt. Aktuell wird an 53 Schulsanierungsprojekten

in ganz Wien gearbeitet.

Die Qualität der Schulgebäude,

im Speziellen die Instandsetzung von

Elektroanlagen oder die barrierefreie

Erschließung der Einrichtungen, wird

großgeschrieben. Für unsere Zukunft

ist eben nur das Beste gut genug.

15 NEUE SCHULEN

Neben umfassenden Sanierungsmaßnahmen

für bestehende Gebäude wird

eine Reihe an Schulneubauprojekten

realisiert. Bis zum Jahr 2023 sollen insgesamt

elf neue Volksschulen und vier

NMS errichtet und dadurch zusätzliche

Klassen geschaffen werden.

DER WIENER

BILDUNGSCAMPUS

Angelehnt an internationale Erfolgsmodelle

wurden in Wien Kindergarten-,

Schul- und Freizeitpädagogik vernetzt

und an einem zentralen Standort

untergebracht. Der Tagesablauf folgt

einem Rhythmus aus Lern- und Freizeitphasen,

die sowohl konzentriertes

Arbeiten ermöglichen, als auch Ruhe

und Kreativität zulassen. In Wien sind

bereits fünf dieser Standorte in Betrieb.

Der Bildungscampus Sonnwendviertel

hat das Konzept sogar ausgebaut. Er ist

momentan noch der erste Campus, der

neben Kindergarten und Volksschule

auch eine NMS untergebracht hat.

Foto: PID/Martin Votava


Marko Mestrović, Sergey Zolkin/unsplash.com

MEINUNG

Flirtverbot

„Dich, mit deinen blauen Augen, sehe

ich mir liebend gerne an“, antwortet

mir kürzlich ein Kunde bei einem

Foto-Termin, nachdem ich ihn bitte,

zwischendurch in die Kamera zu sehen.

Ein anderes Mal wird mir mit Augenzwinkern

vorgeworfen, dass ich beim

Fotografieren zu aufreizend pose. Ich

weiß bis heute nicht, wie das hätte

gehen sollen. Ich weiß aber, dass

dieses „witzige Kompliment“ von einer

Gruppe Männern gekommen ist. Bei

anderen Foto-Terminen läuft es ähnlich

ab: Hier ein Flirtversuch, da ein unpassendes

Kompliment. Manch einer wird

jetzt nicht verstehen, was mich daran

so stört. Ist doch nett, wenn einem

gesagt wird, dass man schöne Augen

hat und ach, das bisschen Humor hat

noch niemandem geschadet. Gelacht

habe ich aber nicht, ich war viel eher

peinlich berührt. Das ist nicht nur

sehr unpassend bei einem geschäftlichen

Termin, sondern behindert mich

schlichtweg bei meinem Job. Flirten

kann in seiner Freizeit jeder, so viel er

möchte. Bei der Arbeit haben solche

Aussagen aber nichts zu suchen –

zumindest nicht in meiner Welt.

stanic@dasbiber.at

KARRIERE & KOHLE

Studieren statt Sauniern

Von Alexandra Stanić

WebTipp

ZIEMLICH COOL

Die „Wurzelwerkstatt“ möchte ihre TeilnehmerInnen

zu einer Offline-Zeit animieren.

Das Digital-Detox-Camp bietet u.A.

Yoga, gemeinsames Kochen und einen

analogen Fotoworkshop an.

Statt Instagram, WhatsApp

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Runterkommen.

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Ich entwerfe Digital

Marketing Strategien

und helfe Kunden,

sich einem größeren

potenziellen Kundenkreis

zu präsentieren.

Ich konzipiere Facebook-Kampagnen,

betreibe Suchmaschinen-Optimierung

und

habe einen Fokus auf

e-Commerce. Nebenbei

habe ich auch zwei

kleinere Online Shops.

Wie sieht dein Alltag

aus?

Ich checke meine

Mails und bin dann

meistens auf ein bis

zwei Terminen. Nachmittags

arbeite ich eher

weniger, dafür dann

3

FRAGEN AN:

Adis Pezerović

Digital Marketing Experte

Damit

kann man

Geld verdienen:

Einkaufen gehen und dabei Geld

verdienen? Mit der App ShopScout

ist das möglich. Als Mysteryshopper

begibt man sich in Geschäfte

und erhält für Aufträge, wie dem

Abfotografieren von Produkten,

Taschengeld.

häufig bis spät in

die Nacht hinein. 50

Prozent meiner Zeit

sind Kundenprojekte,

die restlichen

50 Prozent stecke

ich in eigene Projekte.

Welche Tipps hast du

an Jungunternehmer?

Spart euch auf

jeden Fall einen

finanziellen Polster

an. Die ersten acht

Monate sollte man

auch ohne Aufträge

überleben können.

Geht raus aus eurer

Komfortzone und

macht Fehler, das

gehört dazu.

/ KARRIERE / 45


Selbermacher

In der Herrenboutique

„La Moustache“ findet

Mann alles, um schick

angezogen zu sein.

Der Eigentümer Gino

David Devletli setzt bei

seiner Anzugmode auf

Individualität. Ist ein

Kleidungsstück weg,

dann ist es weg.

Von Lukas Wodicka

Foto: Marko Mestrović

Wo

Männer

schön sein

können

Optisch verschmilzt der Eigentümer

des Herrenausstatters

„La Moustache“ mit seinem

Sortiment. Der modische Anzug samt

Krawatte sitzt, die Schuhe sind poliert

und das Einstecktuch darf natürlich nicht

fehlen. Gino David Devletli ist 37 und

lässt sich, was seine Herkunft angeht,

nicht gerne einen Stempel aufdrücken.

Der Unternehmer besitzt armenische

Eltern, wurde in Istanbul geboren, verbrachte

die längste Zeit seines Lebens

in Paris und wohnt nun in Wien. „Such

es dir aus, was ich bin“, schmunzelt er.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Mode.

„Sie ist nicht italienisch und auch nicht

französisch. Es ist einfach neue Anzugmode

für Herren“, erklärt er. Dabei setzt

er stark auf Individualität. Pro Modell und

Größe verkauft er nur wenige Stücke.

Wenn diese weg sind, wird auch kein

Nachschub bestellt. Die Zusammenarbeit

sucht Gino vermehrt mit kleinen Marken.

Diese würden sich noch um seine

Wünsche annehmen und genauso gut

arbeiten wie die großen, meint Gino.

Von der teuren Konkurrenz im 1. Bezirk

hält er nicht viel. „Dort stürmen gleich

drei Angestellte auf einen zu, wenn

man das Geschäft betritt. Bei mir ist es

viel entspannter. Will man nur schauen

oder etwas anprobieren, ist es auch kein

Problem.“ Zugleich will er ihnen modisch

voraus sein: „Den Stil meiner Kollektion

wirst du erst nächstes Jahr auf der

46 / KARRIERE /


Kärntner Straße finden.“

Der Name seines Shops „La Moustache“

verwundert. Zu Deutsch bedeutet er

„Der Schnurrbart“ und erinnert damit

eher an einen Barbershop. Doch der

schneidige Unternehmer weiß auch

darauf eine Antwort: „Auf Deutsch hat

der Bart einen männlichen Artikel. Im

Französischen jedoch einen weiblichen.

Das finde ich viel schöner, weil der Bart

etwas typisch Männliches ist und ein

weiblicher Artikel verdeutlicht, dass auch

Männer schön sein können.“ Das ist

zugleich sein erklärtes Ziel: Die Männer

mit seiner Mode aufbrezeln.

MODE STATT MASCHINENBAU

Das 2014 ins Leben gerufene Geschäft

läuft gut, obwohl Gino aggressive Werbung

ablehnt. Viel mehr achte er darauf,

dass seine Kunden sich wohlfühlen,

denn dann sei auch allein mit Mundpropaganda

so einiges möglich, weiß er aus

Erfahrung. Auf Angestellte kann er sich

nicht verlassen. Im Alleingang schmeißt

Gino den kleinen Laden in der Kirchengasse.

Auch bei der Einrichtung vertraut

er einzig auf seinen Geschmack und

bastelte kurzerhand aus alten Wasserrohren

Kleiderständer für sein Geschäft.

Gemeinsam mit alten aber bequemen

Polstersesseln, beinahe antiken Fernsehern

und dem einen oder anderen

vergilbten Buch soll dem Kunden ein

heimeliges Gefühl vermittelt werden.

Wer allerdings meint, Gino sei schon

immer im Mode-Biz tätig gewesen, wird

sich über seinen Studienbackground

wundern: Maschinenbau. Dass Maschinen

wenig mit Mode zu tun haben, gibt

Gino zu und erklärt, warum er dennoch

in diesem Geschäftszweig erfolgreich

sein kann: „Wenn du in Paris lebst, lebst

du mit der Mode zusammen. Jeder kann

nähen, jeder kann gut aussehen. Es ist

ein eigener Lebensstil. Man muss nicht

extra studieren, um in diesem Bereich

arbeiten zu können.“ Dass genau das bei

Gino zutrifft, zeigt die Tatsache, dass er

demnächst seine Ware online anbieten

wird und erstmals auch Frauen berücksichtigt,

was ihm bisher zu aufwendig

gewesen sei. Eventuell könnten bald

auch Kinder bei ihm ausgestattet werden.

„Dann wandern Vater und Sohn im

Partnerlook herum“, grinst er. ●

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der WKO-Wien

kann man bei einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die

die Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein kann man

sich auch schon eigenständig

online informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen, Amtswege

oder Finanzierungs- und

Förderungsmöglichkeiten: Auf der

Website kommt man mit wenigen

Klicks zu allen wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacher-Serie ist eine

redaktionelle Kooperation von das

biber mit der Wirtschaftskammer

Wien.

DER ERSTE

SCHRITT ZUM

ERFOLG!

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IHR SERVICEKONTAKT

+43 1 514 50 - 1050

Das WK Wien-Servicepaket ist randvoll mit Unterstützung, Beratung und

ExpertInnenkontakten. Besonders bei der Beratung zur Unternehmensgründung.

W wko.at/wien/gruenden

/ RAMBAZAMBA / 47


TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

Konsole der Superlative:

Microsofts Projekt Scorpio

MEINUNG

Wasserstoff als

Powerstoff

Neuerdings gibt’s grüne Nummerntafeln

in Österreich. Mit diesen sollen

Elektrofahrzeuge leichter erkennbar

werden – eine schöne Geste, aber mehr

nicht. Denn wenn Elektroautos wirklich

flächendeckend auf den Straßen unterwegs

sein sollen, müsste das komplette

Stromnetz geupgradet werden.

Das bestehende Netz ist nämlich nicht

für eine massenhafte Nutzung durch

„Stromer“ ausgelegt. Stromausfälle und

eine stotternde Versorgung

wären die Folge. Eine

wirkliche Alternative

sind Wasserstoff

betriebene Fahrzeuge,

deren „Abgase“ aus

Wassertropfen

bestehen. Doch bis

diese Technologie so

sexy wie Elektroautos

sind, haben wir den

Planeten schon längt

über den „Point-of-noreturn“

aufgeheizt...

bezeczky@dasbiber.at

Durchgehende Spitzenbewertungen für das

Samsung Galaxy S8. Das neue Spitzenmodell des

koreanischen Unternehmens verlässt ausgetretene

Pfade und kommt heuer erstmals ohne Zurück-

Taste aus. Dank Gesichtserkennung, Infinity Display

und dem virtuellen Assistenten „Bixby“ stehen den

Nutzern neue Möglichkeiten offen mit der Welt in

Kontakt zu bleiben.

Wasserstoff-Brennstoffzellenfahrzeug

Toyota Mirai

Blast from the past

2014 erschien das letzte Mario Kart.

Nintendo Switch-Nutzer freuen sich auf

die nächste Ausgabe des nervenzerfetzenden

Partyspiels - dieses ist bereits

erhältlich und wird nicht nur in Wohnzimmern

für Action sorgen.

Goodbye Roaming

Es ist offiziell und beschlossen: Ab Juni

2017 sind Roaming-Gebühren im Ausland

Geschichte. Wie viele Freiminuten sind

jetzt aber tatsächlich im Vertrag inkludiert?

Das wird von den Mobilfunkern individuell

festgesetzt – also vor dem Urlaub noch

einmal kurz schlau machen!

DIE 8. GALAXIE

SCORPIO

MIT

MUSKELN

Die Eckdaten von Microsofts Projekt

Scorpio wurden enthüllt und

sind frohe Kunde für Gamer. Die

Konsole ist ein wahres Kraftpaket:

basierend auf dem Jaguar-Chip

soll die Konsole um 31 Prozent

schneller sein als die Xbox und

mit 12 GB RAM auch genug

Arbeitsspeicher enthalten. Großes

Ziel ist es, alle Spiele auf 4K Auflösung

und 60 Bilder pro Sekunde

wiederzugeben. Ultra-photorealistische

Games sind also quasi

in Griffnähe – im Juni kommt die

Scorpio auf den Markt.

Nintendo, Samsung, Microsoft, Toyota, Marko Mestrović

48 / TECHNIK /


BATTLEFIELD 1

Die blühenden Mohnblumen wiegen sich sanft

im Wind. Doch bevor wir uns weiter der sensationellen

Grafik von "Battlefield 1: They shall

not pass“ widmen können, werden wir auch mit

Bomben und Granaten zurück in die grausige

Kriegsrealität des ersten Weltkriegs katapultiert.

Mit der ersten kostenpflichtigen Erweiterung

vom Hauptspiel Battlefield 1 übernehmen wir unter anderem die Rolle der Franzosen, die um

ihr Heimatland kämpfen. Dank neuer Spielmodi „Eroberung“ und „Rush“ gibt’s auch neue

Herausforderungen für Veteranen. Ebenfalls halten ein neuer Elitekämpfer, neue Waffen

und eine Haubitze Einzug ins Spiel. Auch findet mit dem Char 2C-Panzer ein frei steuerbarer

Land-Behemoth den Weg auf die Karte. Dieser Riesenpanzer walzt alles platt, was nicht

schnell genug vor ihm flüchten kann. Zwei neue Operationen sorgen für Langzeit-Spielspaß

und viele XP Punkte. Fans des Hauptspiels sollten sofort zugreifen, und wer sich noch

unsicher ist: mit dem Buddy System können die DLC Inhalte probeweise getestet werden –

benötigt wird dazu nur ein Freund im PSN Netzwerk, der schon das DLC gekauft hat.

Jetzt bewerben:

www.praktikaboerse.com

1.500 bezahlte Praktikumsplätze

in Naturwissenschaft und Technik.

Für Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren.

Design: message.at • Foto: Johannes Zinner Entgeltliche Einschaltung

Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie


LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt.

Von Delna Antia

LIEBESERKLÄRUNG

Die Eine

Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich

erinnere mich noch gut: ein lauer Frühlingstag

in Brooklyn, New York, die erste

weiche Berührung, das Gefühl, wie füreinander

geschaffen zu sein. Und seither,

fünf unzertrennliche Jahre. Sie ist die Eine

– meine Lederjacke. Ob im Winter oder

Sommer, ob in Berlin oder Bombay, ob zur

Arbeit oder Party, sie geht immer – durch

Dick und Dünn. Mit ihr bin ich nicht nur

angezogen, mit ihr bin ich ich. Wir vervollständigen

uns. Inzwischen sind wir beide

älter geworden, die Haut rauer, ein paar

Falten. Aber das macht sie nur schöner.

Meine Liebste ist schwarz, mit Zips und

Schnallen, rockig und geschmeidig. Sie

hat den „Grease“-Style, und wie Olivia

Newton John, als sie auf John Travolta

traf, trage ich seither kaum noch Strickjacken.

Denn abgesehen

davon, dass wir in jeder

Lebenslage ungemein lässig

aussehen – ob normal

zu Jeans und Pulli, ob zum

Spitzenkleid mit Pumps

oder im Schlunz-Pyjama-

Look beim Milchholen – ist

sie praktisch. Sie wärmt

bei Kälte und bleibt cool

bei Hitze. Denn sie ist echt.

Wie unsere Liebe. Und die

kommt nie aus der Mode.

antia@dasbiber.at

TIER-TIPP

Das In-Tier 2017

Lange dünne Beine, ein

schmaler Hals, pinkes

Outfit. Nein, es handelt

sich nicht um ein Moschino-Model

am Laufsteg,

sondern um das

Mode-Tier 2017

am Sandstrand.

Genau, diese

Saison ist der

Flamingo das

Schmuckstück

auf Bikini, Tasche

und Bettwäsche.

Ebru, was finden

wir auf deinem

Blog?

Meinen Instagram-Account

gibt es seit

2014. Am

Anfang habe ich

ihn nur privat

geführt, bis es

zur Leidenschaft

geworden ist.

Ich teile dort

meistens

Outfits, aber

auch Events

oder Reisen –

und meine

persönlichen

Erfahrungen mit

meinen Followern.

BOOT-TIPP

Ahoi

Alljährlich können wir uns

auf blau-weiße Streifen

in der Frühjahrsmode

verlassen, wie auf Bärlauchgerichte

im MQ. Doch die

Matrosen-Kollektion von

Lena Hoschek ist es heuer

wirklich wert, einen Anker

zu setzen. Echt lässig,

Frau Kapitän!

Du hast über 135k Follower. Das

ist viel!

Ja! Sie sind aus den verschiedensten

Ländern der

Welt. Der Großteil

3

stammt aus dem

FRAGEN AN: deutschsprachigen

Raum und der Türkei.

Ebru Erkut

Du postest viele Fotos

Instagram-Bloggerin aus mit deinem Mann.

Wien mit 135k Followern Wie kam es?

Ich glaube, dass es

wichtig ist, sich als

Blogger bzw.

Influencer voneinander

zu unterscheiden.

Ich wollte nie

wirklich einen

Pärchen-Account,

aber die Beiträge mit

meinem Mann haben

sich einfach so

ergeben, vor allem

nach der Hochzeit.

Wie ein privates

Album, in dem die liebsten

Momente festgehalten werden.

Am schönsten ist es doch zu

zweit!

Lena Hoschek, ebru, Grease

50 / LIFESTYLE /


MEINUNG

AN DEN LIEBEN HERRN BAUMGARTNER

Ein öffentlicher Brief von Biber-Stipendiatin Sarah Nadj

Alexandra Stanić

Sehr geehrter Herr Baumgartner,

Sie haben es als eines der Aushängeschilder

Österreichs geschafft mich in ein

anderes unserer Aushängeschilder zu verwandeln:

Wie unserer steirischen Eiche fehlen auch

mir gerade die Worte. Ihr Kommentar über

eine der bekanntesten Journalistinnen unseres

Landes hat mich tatsächlich für zwei ganze

Minuten stumm dasitzen lassen.

Bevor ich aber noch zu Ihrer geschmacklosen

Aussage über Corinna Milborns Figur

komme, würde ich gerne noch etwas wissen:

Ab wann fühlt man sich dazu berechtigt,

so abschätzig über eine Frau zu schreiben?

Aus welcher Höhe muss man springen, um

das angemessene Maß an Höhenflug zu

erreichen? Anscheinend reicht ja schon der

Mini-Sprung von der letzten Treppe, wenn man

den Facebook-Kommentaren glauben kann. In

denen fühlen sich viel zu viele Männer dazu

autorisiert, über die Körper der Mädchen auf

dem Bild oder die Figur von Frau Milborn zu

sprechen. Danke aber, dass Sie uns als gestandener

Weltmann auch mitteilen, dass Sie sich

gerne zu den Mädchen legen würden. Ich

nehme mal stark an, dass Sie sich damit nicht

bereit erklärt haben, auch in einem „Osterhöschen“

Palmers zu promoten. Falls ich falsch

liege: Bitte lassen Sie mich bei dem Fotoshooting

dabei sein. Ich würde zu gerne live meine

persönlichen Kommentare abgeben.

Jetzt zu Ihrem Post: Sie haben nicht gerade

dezent und sehr abwertend über die Figur

einer Frau gesprochen, die sich öffentlich für

andere Frauen stark macht. Corinna Milborn,

egal welche Konfektionsgröße sie trägt, ist

eine der bekanntesten Frauen in der

österreichischen Medienlandschaft.

Ich hoffe wirklich, dass mehr junge

Mädchen sie im Fernsehen sehen und

sich durch ihr Auftreten inspirieren lassen, als

dass sie durch Ihr Facebook-Posting entmutigt

werden. Sicherlich haben Sie nicht groß

über Ihre Worte nachgedacht, aber ich will

Ihnen nur mal sagen, dass sie trotzdem große

Auswirkungen haben können. Mit 1,4 Millionen

Likes auf Facebook sind Sie kein unbekannter,

frauenfeindlicher Facebook-User, sondern eine

Person im Auge der Öffentlichkeit, die auch von

jungen Frauen bemerkt wird. Ich habe alleine in

meinem engeren Freundeskreis drei Mädchen,

die Essstörungen hatten oder noch immer

haben. Damit meine ich aber nicht die Mädchen,

die schon mal eine Diät gemacht haben,

sondern: Wochen ohne einen Bissen, rapider

Gewichtsverlust, graue Haut, Ausbleiben der

Periode, rausstehende Knochen, blaue Flecken,

Therapie. Das volle Programm. Zwei von ihnen

sind noch davon betroffen, die eine konnte

ihren Sieg über die Anorexie leider nicht lange

genug genießen. Jede von ihnen wurde von

Jungs und teilweise auch von Männern wegen

ihrer Figur runtergemacht - Männern wie Ihnen.

Schön zu sehen, dass Sie als Promi Ihre

Plattform nutzen, um etwas in der Gesellschaft

zu verändern. Dem Backlash der Situation nach

zu urteilen, haben Sie schon einige andere

Männer dazu ermutigt, Ihrem Beispiel zu folgen

und ebenfalls so geschmacklose Sachen auf

Facebook zu posten. Danke für Ihr soziales

Engagement.

Sarah Nadj.

/ MIT SCHARF / 51


Kern vs Kurz

Duell der Anzüge!

Accessoire is King:

Die Sonnenbrille

Revers ist spitz

Hauptsache: sitzt bei

den Schultern!

Tipp: Das Stecktuch

ist die neue Krawatte

Slim-fit = tailliert

Ärmel jetzt modisch etwas

kürzer (wie Kern es trägt), man

sieht Hemd und Manschette

langgestellter Anzug:

längere Ärmel!

DER SLIM-FIT-ANZUG

Hosen: sollten slim sein (enger)

und werden zurzeit kürzer: man

stellt Fußknöchel zur Schau

Trend im Anmarsch:

kurzes + weites Bein

Die Neuwahlen wurden vertagt. Das Slim-Fit-Duell zwischen Bundeskanzler Christian

Kern und Außenminister Sebastian Kurz geht aber am politischen Parkett weiter.

Wer die meisten Wähler gewinnt, ist noch ungewiss, aber eins können wir mithilfe von

Anzugexperte Constantin Prochazka beantworten: Wer trägt den Anzug besser?

Von Emir Dizdarević, Illustration: Georg Wagenhuber

Jeff Mangione / KURIER / picturedesk.com, Starpix / picturedesk.com, Christoph Liebentritt

52 / LIFESTYLE /


„Suit

up!“

BARNEY STINSON

BIBER: Was macht denn einen

guten Anzug aus?

CONSTANTIN PROCHAZKA: Es gibt viele

gute Anzüge, die jedoch meist nur einzelne

Körperbereiche wirklich gut „in Szene setzen“.

Er sollte aber auf jeden Fall aus Naturfaser

sein. Das wäre die Faustregel. Einen wirklich

perfekten Anzug kannst du aber nur haben,

wenn du ihn dir maßschneidern lässt. Bei dem

von der Stange heißt es: Hauptsache er liegt

gut bei den Schultern, den „Rest“ kann ein

guter Schneider anpassen.

Okay, angenommen du bist groß und schlank.

Wie sollte dein Anzug sein?

Dann brauchst du einen langgestellten Anzug,

also länger bei den Ärmeln. Die Ärmel sollen

nicht zu kurz wirken, obwohl sich das auch

gerade ändert. Heute ist es zum Beispiel

modern, ein bisschen was von Hemd und

Manschette zu sehen. Und bei groß und

schlank heißt es auf jeden Fall Slim.

Was liegt denn gerade im

Trend?

Wenn man zum Beispiel die

italienische Fashionszene

hernimmt, sieht man klar,

dass der Trend bei kürzeren

Hosen liegt – wer seine

Fußknöchel zur Schau

stellt, macht eindeutig alles

richtig. Der nächste kommende

Trend sind weitgeschnittene

Hosen, wobei die Kürze bleibt und

die Hosen meist Bundfalten haben.

„Mode

vergeht,

Stil bleibt.“

COCO CHANEL

Und was trägt der Österreicher?

Anzugtechnisch ist der Österreicher eher

zurückhaltend. Moderne, schlanke Schnitte,

verkürzte Hosen, Muster und gewagtere Farben

sieht man eher selten.

/ LIFESTYLE / 53


„Das

Gehemnis

der Eleganz

liegt in der

Schlichtheit.“

In den Medien

werden Kurz und

Kern gerne als

Paradebeispiele

für stylische

Anzugträger

in Österreich

hergenommen.

Was ist für dich ein

klassischer Kern?

Er ist tailliert und man sieht

die Manschetten. Die Krawatte ist allerdings

meistens zu lang. Die Hose ist – zu

ihm passend – eher enger, weil er groß

und schlank ist. Das Revers seines Sakkos

ist eher spitz geschnitten und er legt

Wert auf Accessoires, wie Sonnenbrillen

und Uhren. Auf jeden Fall modern.

CHRISTIAN

DIOR

Constantin Prochazka, 32, ist

von Beruf Herrenausstatter

und beschäftigt sich auf seinem

Blog „thedandydudes“

mit Anzügen.

Und ein typischer Kurz?

Kurz trägt den Anzug etwas lockerer,

nicht so schmal geschnitten wie die

Anzüge von Kern, jedoch zu seinem Körper

passend. Von der Hemdmanschette

sieht man weniger. Bei der Hose ist er

auch auf der „slimen“ Seite. Die hat eine

gute Fußweite, passend zu seiner Schuhgröße.

Er hat immer ein eher klassisches

Revers, also nicht spitz. Kurz trägt öfter

auch mal keine Krawatte, was legerer

wirkt.

Müsstest du Kurz und Kern samt Anzügen

Filmen zuordnen, wo würden sie

mitspielen?

Bei Kern wäre das Quentin Tarantinos

„Reservoire Dogs“. Einfach elegant,

modern mit ein bisschen cool dahinter,

mit der Sonnenbrille eben. Bei Kurz habe

ich jetzt als erstes an Tom Cruise in

„Die Firma“ gedacht.

Aber wer trägt ihn den jetzt besser?

Kurz oder Kern?

Sie sehen beide stylisch aus.

Kern ist aber etwas schlanker

und kann den Anzug dadurch

taillierter tragen. Wenn du mich

fragst, ist tailliert immer der richtige

Ansatz. Kerns spitzes Revers gibt

dem Anzug einfach das gewisse Etwas.

Persönlich bevorzuge ich bei Politikern

Krawatten, was ein weiteres Mal für Kern

spricht. Wenn ich noch die Accessoires,

wie Brille und Uhr, berücksichtige, verkörpert

Kern insgesamt den lässigeren

Anzugträger. Damit ist Kern für mich

auch der Gewinner.

Welchen Ratschlag würdest du den beiden

mitgeben?

Beiden passen Anzüge sehr gut. Sie

wissen wie man sie trägt. Sie machen

sich Gedanken und tragen sie nicht

wie einen Gebrauchsgegenstand. Aber,

einen Fehler, den beide machen, ist das

stiefmütterlich behandelte Stecktuch.

Ein Einstecktuch könnten Kern und Kurz

ruhig öfter tragen. Das Einstecktuch ist

die neue Krawatte. ●

„Wenn

ein Anzug

auffällt, ist

man schlecht

angezogen.“

GIORGIO

ARMANI

54 / LIFESTYLE /


MANN & BODY

Marko Mestrović, bereitgestellt

Du bist,

was du isst

Von Artur Zolkiewicz

MEINUNG

Keine Zeit zu trainieren?

Kein Problem!

Jeder von uns kennt die Tage, an denen

man es nicht schafft, Gebrauch von seinen

Sportschuhen zu machen. Entweder Arbeit,

Familie, Freunde oder sonstige Verpflichtungen

nehmen so viel Zeit in Anspruch,

dass keine Stunde mehr für Sport über

bleibt. In Wirklichkeit ist das aber alles eine

Frage der Zeitplanung und der Prioritäten,

die man sich setzt. Es ist mir schon klar,

dass es Menschen gibt, die sehr viel zu

tun haben und dass es manchmal schwer

ist, sich nach einem ganzen Tag Arbeit

oder Uni für Sport zu motivieren. Ein Bier

vor dem Fernseher oder ein Glas Wein mit

einer Freundin erscheint viel attraktiver

als eine Runde zu schwitzen. Solltest du

dich in dieser Situation befinden, habe

ich einen Vorschlag für dich, wie du das

Problem lösen kannst: Trage in deinen

Kalender zwei Termine pro Woche ein,

die du ausschließlich für Sport verwenden

kannst. Auch wenn es anfänglich “nur”

zwei Stunden pro Woche sind, ist es besser

als nichts tun. Betrachte diese Termine als

wären sie anwesenheitspflichtige

Lehrveranstaltungen oder sehr

wichtige Meetings, welche auf

keinen Fall verschoben werden

dürfen. Das hilft dir sicherzustellen,

dass du, auch wenn du sehr viel zu

tun hast, Sport treiben kannst.

zolkiewicz@dasbiber.at

Tipp

Auf diese Weise

vergisst du nicht,

Wasser zu trinken!

Dehydration ist gefährlich und

kann, neben vielen gesundheitlichen

Konsequenzen, auch zum

Überessen führen. Kaufe dir

daher drei Flaschen Wasser und

platziere jeweils eine dort, wo du

die meiste Zeit verbringst, z.B. in

der Arbeit, am Schreibtisch und

am Nachttisch. Diese einfache

Strategie hilft dir immer daran zu

denken, dass du genug Wasser

trinken solltest.

Zahl

des Monats

3%

Muskelentwässerung

kann zu 10% Kraftverlust

führen.

FUN FACT

Dreimal eine Stunde intensive

Bewegung pro Woche gilt

als goldene Regel für alle,

die Kraft und Ausdauer

verbessern möchten.

/ LIFESTYLE / 55


KULTURA NEWS

Verstaubte Museen sind

Schnee von gestern.

Von Jelena Pantić

HYPERREALE

POPSTARS

MEINUNG

Explizit tote

Mädchen

Jene, die Netflix als Kultur ansehen,

kennen sicherlich schon die Serie “Tote

Mädchen lügen nicht”. Die High School

Schülerin Hannah Baker nimmt vor

ihrem Selbstmord 13 Kassetten auf,

damit jeder, der was damit zu tun hatte,

sein Fett abkriegt. 13 Gründe, warum

sich Hannah das Leben nahm. Ihre

Tapes handeln von Einsamkeit, Mobbing

und Vergewaltigung. Manchen ZuseherInnen

ist der Atem gestockt, weil

die Vergewaltigungsszenen sowie die

Selbstmordszene sehr explizit waren.

Aber was sind Vergewaltigung und

Selbstmord, wenn nicht äußerst explizit?

Gezeigt wird die rohe Gewalt einer

Vergewaltigung und Hannahs Eltern, die

den leblosen Körper ihrer Tochter in der

Badewanne finden, nehmen jegliche

Romantisierung aus einem Selbstmord.

Das Gesehene begleitet einen wochenlang.

Das ist eine der beliebtesten

Netflix-Serien ever. Weil sie einen Nerv

trifft. Und gerade weil sie so explizit ist.

ExpertInnen kritisieren aber, dass das

explizite Zeigen von Selbstmordszenen

bereits labile Personen dazu animieren

könnte, es Hannah nachzumachen. Was

meint ihr dazu? pantic@dasbiber.at

Über den Künstler Nemanja

Baštovanović wissen

schon Popgrößen wie Jelena

Karleuša Bescheid. Der 25-jährige

Wiener mit serbischen

Wurzeln zeichnet extrem

detaillierte Porträts und hat

eine treue Instagram-Gefolgschaft.

BIBER: Was hebt deine Kunst

ab?

NEMANJA: Ich tendiere zum

Hyperrealismus, eine Weiterentwicklung

des Realismus.

Bilder werden in einer extremen

Detailgenauigkeit gezeichnet, die

in ihrer Schärfe an Fotografien

erinnern. Für eine Zeichnung

brauche ich mehrere Tage, das

hat mich Geduld gelehrt. Nur

wenige Maler beherrschen diese

anspruchsvolle Technik und ich

denke, dass ich auf dem richtigen

Weg bin, einer von ihnen

zu werden.

Am liebsten zeichnest du ja

Porträts von SängerInnen und

SchauspielerInnen.

Ja, sie inspirieren mich. Einige

von ihnen haben meine Zeichnungen

auf Social Media Seiten

geteilt, wie die serbischen Pop

Sängerinnen Jelena Karleusa

und Nikolina Kovač.

Wo soll es für dich in Zukunft

hingehen?

Mein größter Wunsch ist es

meine Zeichnungen auszustellen,

damit sie viele Leute sehen

können. Bis jetzt sind meine

Werke auf Instagram und Facebook

zu sehen, damit versuche

ich Menschen für meine Arbeit

zu begeistern und ihr Interesse

an Hyperrealismus zu wecken.

Zudem liebe ich Fotografie. Ich

stehe nicht nur hinter der Kamera,

oft setze ich mich auch selbst

in Szene.

Nemanjas Zeichnungen und Fotos findet

ihr auf Facebook unter facebook.com/

Nemanja.NBL/ und unter @nemanjabastovanovic

auf Instagram!

Marko Mestrović, instagram.com/nemanjabastovanovic, Jelena Pantić, Klaus Pichler, tuffix.net

56 / KULTURA /


So finden wir die ISLAM-Ausstellung

auf der Schallaburg

Die Schallaburg hostet bis 5. November 2017 ihre große ISLAM-Ausstellung.

biber war vor Ort und hat sich gründlich umgesehen.

Das schöne, ruhige Schloss

Schallaburg hat sich an ein

stürmisches Thema herangewagt.

Es soll ein Ort der

Begegnung und des Austausches

sein. Wer eine

Ausstellung über den Islam

macht, trifft sicherlich

einen Nerv. Wer österreichische

MuslimInnen selbst

über sich sprechen lässt,

geht einen Schritt weiter.

Die Schallaburg startet mit

ihrer Islam-Ausstellung

den Versuch, aus einer

Ausstellung einen Dialog

zu machen. Für die beiden

Kuratorinnen Lisa Noggler-

Gürtler und Maria Prantl ist

klar: “Den Islam” und “die MuslimInnen” gibt es nicht. Deshalb

treten für sie die Communities in den Hintergrund und der Alltag

des Einzelnen in den Vordergrund. Fremdbeschreibungen

gibt es genug, aber was wollen MuslimInnen selbst betonen?

MOSCHEEN BAUEN UND APPS TESTEN

Die Ausstellung “Islam” ist in acht Kapitel unterteilt: besprochen,

bewohnt, beseelt, begrenzt, bekleidet, bedroht, berufen

und beliebt. So geht man auf der Schallaburg selbst durch verschiedene

Räume und wird durch diese Themen geführt. Man

kann sich Dinge anhören und sie angreifen. Zum Beispiel kann

eine eigene Moschee mit Bausteinen bauen, die App “Muslim

Pro” ausprobieren oder auf einer Karte abstecken, wo der Orient

beginnt und wo er endet. Sogar ein eigener Gebetsraum,

den man betreten kann, wurde gebaut. Achtung: Schuhe

ausziehen ist Pflicht! Darüber hinaus kann man natürlich den

KulturvermittlerInnen Fragen stellen.

Auch die Optik ist durchdacht: Islam wird in den Medien oft

mit schwarz in Verbindung gebracht. Die Raumfarbe in der

Ausstellung ist aber weiß, luftig und leicht, als Gegenbild zu

dunkel und bedrohlich.

ZU VIEL KOPFTUCH? ZU WENIG TERROR?

Da wir Teil einer Führung waren, gab es viele Anmerkungen

aus dem Publikum – Lob, aber auch negative Kritik. Wir hörten

uns um: Es wurde kritisiert, dass MuslimInnen in der Ausstellung

nur als Opfer von

Diskriminierung und nie

als TäterInnen dargestellt

werden. Zudem fanden

einige, dass die Auseinandersetzung

mit dem Kopftuch

unzureichend war.

Tatsache ist: Terror wird

kaum thematisiert und das

Kopftuch wird überwiegend

in Form einer positiven

Selbstbestimmung gezeigt.

Die Begründung: Ein Dialog

auf Augenhöhe war das

Ziel, nicht Provokation.

Es entstand eine aufgebrachte

Diskussion im

Publikum. Das ist ein gutes

Zeichen und der Beweis,

dass die Ausstellung einen Nerv trifft. Würde die Islam-Ausstellung

nicht polarisieren, wäre sie gescheitert. Alles in allem

meinte die Schallaburg, sie befinde sich in einem Lernprozess

und nehme Kritik dankend an. Eine absolute Wahrheit gibt es

sowieso nicht, man kann nur Fragen und Standpunkte diskutieren.

Die Schallaburg

soll mit der Ausstellung

“ISLAM” das Forum

dafür sein. Man sollte

auf jeden Fall mitdiskutieren

und die

Ausstellung sogar öfter

als einmal besuchen.

Genau genommen

müsste die Ausstellung

“Selbstwahrnehmung

von gläubigen Muslimen

in Österreich”

heißen. Aber das ist

kein catchy Titel. Was

aber catchy ist, ist der

Hashtag, den wir uns

für die Schallaburg

VERMITTLUNG

15 VermittlerInnen, auch mit muslimischem

Background, 3 Slots pro Tag

PREIS

Das Tagesticket um 11 Euro oder

Saisonkarte zum Preis eines Tagestickets

(Vollpreis um 11 Euro). Wenn man

einmal dort war, kommt man garantiert

wieder, zahlt sich also voll aus. Es gibt

auch Ermäßigungen und vergünstigte

Familientickets.

ANFAHRT AUS WIEN

Mit dem Auto etwa eine Stunde zur

Schallaburg oder mit dem Zug bis Melk

und weiter mit der Wachaulinie 1 zur

Schallaburg.

ausgedacht haben: #inshallahburg.

Verwendet und taggt uns auf Instagram -

@biber_mitscharf und @schallllllllaburg (mit 8 l).

Dieser Artikel ist Teil einer entgeltlichen Kulturkooperation mit der Schallaburg. Die redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

/ KULTURA / 57


„Migration gab

es schon immer

und wird es auch

immer geben.“

Cana Bilir-Meier ist

eine sehr politische

Künstlerin und

Filmemacherin, die

ihre Familiengeschichte in ihren Werken verarbeitet.

2016 war sie die erste Türkin, die den Birgit-

Jürgenssen-Preis erhalten hat. Heuer sind Arbeiten

der 30-Jährigen Teil der Ausstellung „How To Live

Together“ in der Kunsthalle Wien.

Cana erarbeitet die Geschichte ihrer Tante

Semra Ertan, die sich aus Protest verbrannte.

WAS? „How To Live Together“

WANN? 25. Mai – 15. Oktober 2017

WO? Kunsthalle Wıen, Museumsplatz

1, 1070

WEITERE INFOS UNTER

www.kunsthallewien.at

BIBER: Wie fließen deine Familiengeschichte

und deine türkische Identität in deine

Arbeit ein?

CANA BILIR-MEIER Viele meiner Arbeiten

beschäftigen sich mit Migration und Erinnerung

und der Frage, wie diese Stimmen und

Geschichten erzählt werden können. Meine

Familie mütterlicherseits sind arabische

Aleviten, eine Minderheit in der Türkei. So

wie die Türkei sind auch Österreich und

Deutschland Gesellschaften der Vielen.

Migration gab es schon immer und wird es

auch immer geben.

Kannst du dir aktuell vorstellen in der Türkei

Kunst zu schaffen?

Erst vor ein paar Monaten hatte ich eine

Einzelausstellung in Istanbul. Es schaffen

so viele KünstlerInnen trotz der brutalsten

Umstände ihre Arbeit fortzusetzen. Ich

wünsche mir sehr, dass all die JournalistInnen

und KünstlerInnen, einfach alle

Menschen, wieder frei und unabhängig ihre

Arbeit machen können. Im Moment ist das

leider nicht der Fall.

Was möchtest du mit deiner Arbeit bewirken?

Mir geht es nicht darum, Menschen einen

Spiegel vorzuhalten oder zu sagen, ich

wüsste jetzt wie Zusammenleben funktioniert.

Für mich stehen die Fragen und

die Recherche meist im Vordergrund. Das

heißt, ich mache keinen Unterschied zwischen

einer ‚fertigen’ und einer ‚unfertigen’

Arbeit, sondern binde die ZuseherInnen in

diesen Prozess mit ein.

Du hast 2016 den Birgit-Jürgenssen-Preis *

erhalten. Was bedeutet er für dich?

Für mich war es etwas Besonderes, dass

politische Themen, die alle etwas angehen,

wie Migration, Rassismus, Erinnerung

in Form von Poesie, Film etc. bisher

noch nicht in der Geschichte des Preises

vorkamen und ich die erste Person mit

türkischem Bezug bin. Mit der finanziellen

Unterstützung konnte ich meine Arbeit

fortsetzen. Birgit Jürgenssen ist zudem eine

sehr faszinierende und bedeutende Künstlerin,

deren Arbeit ich sehr schätze.

Wie nimmst du an der Ausstellung „How To

Live Together“ in der Kunsthalle Wien teil?

Für mich bedeutet „Zusammenleben“ vor

allem in einer Gesellschaft der Vielen zu

leben und dies anzuerkennen und sichtbarzumachen

- aber auch dafür zu kämpfen

und es einzuklagen. Diese Kämpfe für ein

gutes Leben haben schon viele Menschen

davor ausgetragen und werden das auch

künftig tun - darum geht es in meiner

Arbeit. Konkret zeige ich einen Film, eine

Audioarbeit und ein Buch. Ich arbeite hier

die Geschichte meiner Tante Semra Ertan

auf, die sich 1982 als Protest gegenüber

dem Rassismus in Deutschland selbst

verbrannte.

* Dieser Preis wird jährlich an Studierende der

Akademie der bildenden Künste Wien für eine

Arbeit im medialen Bereich verliehen.

Dieser Artikel ist Teil einer entgeltlichen Kulturkooperation Das Interview mit in der voller Kunsthalle Länge und Wien. Infos Die zur redaktionelle Ausstellung Verantwortung gibt es auf www.dasbiber.at

liegt allein bei biber.

Julian Paul Stockinger und Cana Bilir-Meier, Semra Ertan (Filmstill), Cana Bilir-Meier

58 / KULTURA /


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So finden wir die

Niederösterreichische

Landesausstellung 2017

Alle zwei Jahre findet die Niederösterreichische

Landesausstellung statt. Diesjähriges Thema von

1. April bis 12. November 2017: Alles was Recht ist.

biber war vor Ort und hat einiges zu berichten.

EINTRITT

11 Euro, Ermäßigungen und

vergünstigte Familientickets erhältlich

ANFAHRT AUS WIEN

Mit dem Auto zum Schloss Pöggstall

oder mit dem Zug nach Melk und

von dort mit dem gratis Shuttlebus

direkt zur Niederösterreichischen

Landesausstellung.

P.S.: Wenn man schon im Waldviertel

ist, gibt es noch vieles in der Gegend

zu sehen. Infos unter: waldviertel.at/

landesausstellung2017

Bei Recht denken viele an ewig

lange, stinkfade Gesetzestexte

und Geschworene mit

weißen Perücken. Staubig und

langweilig. So gar nicht die

Beschreibung für die Niederösterreichische

Landesausstellung.

Denn obwohl die Location,

das Schloss Pöggstall, acht

Jahrhunderte alt ist, findet die

Ausstellung “Alles was Recht

ist” einen modernen Zugang.

Hut ab, das ist beim Thema

Recht nämlich gar nicht so

einfach.

Dazu wurde die Ausstellung

in fünf Kapitel strukturiert:

Der erste Abschnitt beschäftigt

sich mit der historischen

Entwicklung von Rechtsordnung

und Justizeinrichtung. Der

zweite Abschnitt widmet sich

dem Thema Strafe und deren

unterschiedlichsten Formen –

im historischen Kontext werden

diese in Bezug zur gegenwärtigen

Situation gesetzt. Das

dritte Kapitel widmet sich dem

Unrecht im Nationalsozialismus,

der vierte Abschnitt setzt sich

mit der historischen Entwicklung

der Folter auseinander und

der fünfte Abschnitt rollt die

Geschichte der Menschen- und

Grundrechte auf.

Besonders sticht heraus,

dass die Ausstellung viel Wert

auf universelles Design legt.

Was das bedeutet? Abgesehen

von der physischen Barrierefreiheit

gibt es Texte in Profilschrift

und Braille, tastbare Objekte,

Hörstationen und sogenannte

“Leicht Lesen” Ausstellungstexte.

Die Niederösterreichische

Ausstellung ist interaktiv, man

kann Dinge bewegen, angreifen

und ausprobieren. Highlight:

Es wurde eine Gefängniszelle

nachgebaut, in die man sich

hineinlegen kann. Am Anfang

interessant, dann ganz schnell

bedrängend.

WAS WÜRDEST DU TUN?

Besonders spannend ist der

An den Wänden der Ausstellung findet man Zitate zu Recht, Ordnung

und Moral.

Abschnitt “am Unrecht teilhaben”,

der den Nationalsozialismus

thematisiert. Ausgestellt

sind beispielsweise alltägliche

Objekte, die auf den ersten

Blick keine Verbindung zur Nazi-

Zeit zu haben scheinen. Sieht

man aber genauer hin, liest

man, dass es sich hierbei um

die Lieblingsgegenstände von

behinderten Personen handelt,

die dachten, sie kämen in ein

Heim und dann ermordet wurden.

Zum Nationalsozialismus

findet die Niederösterreichische

Landesausstellung noch einen

weiteren interessanten Zugang.

Es werden drei Männer porträtiert,

die Teil der SS waren und

jeweils einen komplett anderen

Weg gewählt haben, um am

Unrecht teilzuhaben oder eben

nicht.

Für einen kleinen Aufpreis

gibt es einen begleiteten

Rundgang, bei dem man viele

Hintergrundinfos bekommt,

durch die Ausstellung geführt

wird und Fragen stellen kann.

Manche gehen aber lieber in

ihrem eigenen Tempo durch

die Ausstellung und schwelgen

in ihren eigenen Gedanken.

Welcher Typ bist du?

“Alles was Recht ist” regt

auf jeden Fall zum Denken an.

Beispielsweise wird die Charta

der Grundrechte, die Mutter

aller rechtlichen Grundlagen,

ausgestellt und gleichzeitig aufgezeigt,

wie wir alle dagegen

verstoßen. Als Beispiel dient

ein von pakistanischen Kindern

für die westliche Welt genähter

Fußball für die EM. Tolstoi hat

einmal gesagt: “Die künftigen

Generationen werden uns

danach beurteilen, wie wir mit

den schwächsten der Gesellschaft

umgegangen sind.” Sehr

bezeichnend für die Ausstellung

“Alles was Recht ist”.

Dieser Artikel ist Teil einer entgeltlichen Kulturkooperation mit der Niederösterreichischen Landesausstellung. Die redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

Klaus Pichler, Jelena Pantić

60 / KULTURA /


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Alles im Kühlschrank

ist meines!

Hobbys: Mein Jura

Studium, Malerei und Leute

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Motto: Jede Frau braucht

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Fler & Ich

vor 20 Tagen

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Meine

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vor 154 Tagen

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Kollegah:

26. April 2017 um 14:05 Uhr

Ich suche für mein nächstes Album noch einen Rassisten!

Felix Baumgartner, Gudenus und 182 anderen gefällt das

KC Rebell: Meinst du nicht Bassisten Alter?

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Kollegah: Hmm.. Wie heisst der, der die Rasseln schüttelt ?

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Kollegah:

19. April 2017 um 17:48 Uhr

Kollegah hat Jim Pandzko ft Jan Böhmermann – Leben

Menschen Welt Tanzen zu seiner Spotify Liste hinzugefügt

Matthias Schweighöfer, Sami Slimani und den Gelsenkirchner

Schimpansen gefällt dast

Max Giesinger: Bei dem Song kann ich so richtig abschalten und

mich wohl fühlen.

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Miami Yacine: Check Kokaina. Beste Beat Bruda.

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Burak Yeter: Beste Beat ist mein Song. Tuesday!!! Spielt sogar

Energy. Kabooooom!

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Recep Tayip Erdogan Kollegah:

15. April 2017 um 20:32 Uhr

Nächste Konzert musst du Imperator Album mir widmen. Hab gewonnen

Brrrrrrra!

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YSL Know Plug: Scurrrr, Fuck em All!

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Didi Mateschitz: Evet, Evet jetzt haben wir den Arsch offen.

Danke Politik. Danke Merkel.

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Norbert Hofer: Ich bin für eine Wahlwiederholung. Die Wahl

war getürkt!

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Kim Jong Un: 80% Wahlbeteiligung? Schwwwwwwoooooooch!

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/ FAKEBOOK / 61


„Die Leiden des jungen Todors“

Von Todor Ovtcharov

90%

Wie geht es dir?”, frage ich Vasile. “90 Prozent!”,

antwortet er und lächelt mich an mit seinem

zahnlosen Lächeln, “Ich brauche nur im Lotto

zu gewinnen und dann werden sie 100! Jede Woche spiele

ich Lotto, ich wohne schon seit 27 Jahren in Österreich

und es ist keine Woche vergangen, ohne dass ich Lotto

gespielt habe! Diese Woche ist der Jackpot 40 Millionen

Euro, wenn ich gewinne bekommst du auch eine!” Vasile

kommt aus der südrumänischen Stadt Tulcea, wo mein

Opa geboren wurde.

Mein Opa spielte auch Lotto. Er wurde in Rumänien geboren,

ist aber im Kindesalter nach Bulgarien ausgewandert.

Er spielte immer mit den gleichen Zahlen und gewann

sein ganzes Leben lang nichts. Als er starb, fanden sie in

seinem Sakko einen Lottozettel. Alle hofften ganz abergläubisch,

dass er dieses Mal gewonnen hatte. Vergeblich.

Auch dieses letzte Mal hatte er kein Glück. Eigentlich

lachte mein Opa immer, als er herausfand, dass er wieder

nichts gewonnen hatte. Da in Bulgarien die Lottoeinnahmen

zur Sportförderung benutzt werden, sagte mein Opa

immer, dass er den Fußball fördert. Er war ein ehemaliger

Fußballer. Er hatte eine schöne Wohnng, doch er blieb

selten Zuhause, da ihm meine Oma auf die Nerven ging. Er

nutzte jeden Moment sich krank schreiben zu lassen und

zum Sanatorium zu gehen. Dort war sein wahres Zuhause.

Vasile ist seit fünf Jahren obdachlos. Er hat alles verloren,

nachdem er angefangen hatte Falschgeld in Österreich

zu verbreiten. Laut ihm hatte er zwei Jahre gelebt wie ein

König, bevor sie ihn erwischten. Danach war er im Gefängnis.

Er hatte eine Wohnung in Graz, eine Frau und ein Kind.

Danach hat er alles verloren. Bei seiner Familie ist er unerwünscht,

seinen Sohn darf er nicht mehr sehen. Vasile ist

ein Bettler, raus aus jedem Sozialsystem. Da er schon so

lange in Österreich ist, sagt er, er kann nicht zurück nach

Rumänien, dort habe er auch nichts.

Mein Opa fuhr oft nach Rumänien, wo er Verwandte hatte.

Seine Mutter sprach ganz schlecht Bulgarisch, obwohl

sie fast ihr ganzes Leben in Bulgarien lebte. Sie war noch

schlimmer als meine Oma, aber mein Opa liebte sie. Immer

wenn wir mit ihm meine Uroma besuchten, holte sie eine

Schachtel Schokopralinen mit einer Praline drinnen. Ich

dachte mir, dass die Schachtel immer die selbe ist, da sich

niemand traute die einzige Praline aufzuessen.

Jedes Mal, wenn ich Vasile frage, wie es ihm geht, sagt

er „90%“. Die andere Antwort ist, „Wenigstens gibt es

noch keinen Atomkrieg.“ Er sagt es gleichzeitig mit Freude

und mit Enttäuschung. Vasile hofft insgeheim, dass der

Atomkrieg kommt. Dann wird es egal sein, ob er im Lotto

gewonnen hat, oder nicht. „Ich habe nichts zu verlieren,

die anderen können nur verlieren!“

Mein Opa erinnerte sich an den zweiten Weltrkrieg. Er

habe ihn dazu gebracht Tulcea zu verlassen und nach

Bulgarien zu gehen. Er fühlte sich wie ein Migrant, der sich

integriert hatte.

Einige Monate sehe ich Vasile im Park nebenan nicht. Er

war an der Cote d‘Azure. Monaco, Nizza, Cannes. Viel Geld

hätten die Franzosen, sagt er mir und sie geben es auch

an Bettler, da die französische Revolution von Bettleren

angefangen wurde.

Mein Opa war nie im „Westen“. Sein Maß für westlichen

Reichtum waren Polen und die DDR. Aber er war gegenüber

Menschen aus anderen Ländern immer höflich. „Man

weiß nie, wohin dich das Shicksal treibt“, sagte er aus

eigener Erfahrung.

Laut Vasile gab es in Frankreich „Schwarze und Araber, die

sich für Franzosen halten“, die ihm Geld gaben. Das konnte

er nicht aushalten. Er kam nach Österreich zurück, wo

„Schwarze Schwarze sind und keine Österreicher“. Aber

der Atomkrieg naht und bringt Vergeltung für alle. Außer er

gewinnt vielleicht im Lotto. Ich versuche ihm von meinem

Opa zu erzählen, der nie was im Lotto gewonnen hatte. Er

hört mir nicht zu. ●

62 / MIT SCHARF /


DER ÖSTERREICHISCHE MUSIKPREIS

MODERIERT VON RIEM HIGAZI UND MANUEL RUBEY

DO 4. MAI 21:50


zusammenhalten

#Gemeinsam unterwegs sein verlangt Respekt, Toleranz

und das Einhalten von Spielregeln. Drum fahr fair –

und halt dich an die Hausordnung.

Fahr

fair!

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