Himmlisches und Irdisches Jerusalem im Bild - FreiDok

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Himmlisches und Irdisches Jerusalem im Bild - FreiDok

Wenn ich Dein vergesse,

Jerusalem ... (Ps. 137)

Himmlisches und

Irdisches Jerusalem im Bild

Texte zu Ausstellungen

Vitrinenausstellung Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. - 2005

Universitätsbibliothek Freiburg i.Br.


Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem ...

(Ps. 137)

Himmlisches und Irdisches Jerusalem im Bild

Begleitheft zur Ausstellung

mit Texten von Michael Becht,

Angela Karasch und Martin Mayer

Redaktion Angela Karasch

Freiburg i. Br. : Universitätsbibliothek, 2005

Texte zu Ausstellungen der Universitätsbibliothek Freiburg

1


Impressum:

„Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem ...“ (Ps. 137) :

Himmlisches und Irdisches Jerusalem im Bild.

Ausstellung in der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. 2005. -

Begleitheft zur Ausstellung mit Texten von Michael Becht,

Angela Karasch und Martin Mayer. - Redaktion Angela Karasch.

Freiburg i. Br. : Universitätsbibliothek, 2005.

32 S., zahlr. Ill. (dt.)

(Texte zu Ausstellungen der Universitätsbibliothek Freiburg)

©Michael Becht, Angela Karasch, Martin Mayer

2


INHALTSVERZEICHNIS

Einführung 4

Verzeichnis der Exponate 6

Katalogtexte 8

Das Himmlische Jerusalem 9

Mosaikkarte von Medeba 9

Das Evangelier Ottos III. 10

Die Bamberger Apokalypse 12

Das Irdische Jerusalem

Bernhard von Breydenbach 14

Adam Reissner 16

Heinrich Bünting 18

Franciscus Caccia 19

Adam Reissner 22

Bernhard von Breydenbach 24

Die Wiederentdeckung des Heiligen Landes im 19. Jahrhundert 27

Ermete Pierotti, M. J. Diness und die Anfänge der Photographie 28

Chipiez und Perrot 30

Bildnachweis 32

3


Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem ... (Ps. 137)

Himmlisches und Irdisches Jerusalem im Bild

Pole, zwischen denen sich in der abendländischen Überlieferung mittelalterliche

und neuzeitliche Verbildlichung der Stadt Jerusalem spannt, sind auch Formen

ihrer Memoria. Beide Sichten gründen in der biblischen Überlieferung und verschränken

jüdische und christliche Geschichte, Bedeutung und Deutung Jerusalems.

Die Sprache der Bilder sieht sich dabei einem besonderen Spannungsfeld ausgesetzt:

Ihre Ausdrucksmuster bewegen sich zwischen idealer Stadtdarstellung,

symbolischer Übertragung, abstrahierender Verortung und Überhöhung topographischer

Dokumentation.

Zwischen Abstraktion und

Realität changiert somit auf

bildlicher Ebene die Beziehung

zwischen himmlischem

und irdischem Jerusalem.

Die Sprache der Bilder muss

sich aber auch formulieren

zwischen erzählter Geschichte

und entdeckter Stadt, zwischen

dem testamentlich überlieferten

Jerusalem der

Juden und Christen und der

Stadt in Palästina, die die

Reisenden und Pilger vorfan-

4

Himmlisches Jerusalem und

Irdisches Jerusalem sind die


den und die die Archäologen der Neuzeit weiter aufdeckten und im Bild dokumentierten

oder rekonstruierend überhöhten. Sie muss das irdische Jerusalem

artikulieren zwischen biblischer Sicht und Bedeutung und dokumentarischem

Fund.

Die Sprache der Bilder muss sich schließlich einpassen in unterschiedliche Kontexte

und Intentionen: Kultbild, Leitfaden geistiger Wallfahrt, Reisebericht, biblische

Archäologie, Dokumentation, Rekonstruktion.

Mit einer Auswahl von Jerusalem-Darstellungen - mittelalterliche Miniaturen in

Faksimile-Ausgaben und illustrierte Texte in Originalausgaben von der frühen

Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Freiburg

- möchte diese Ausstellung die verschiedenen Sehweisen und Traditionsstränge

verdeutlichen.

5

Angela Karasch


VERZEICHNIS DER EXPONATE

Das Heilige Land : Organ d. Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, Sitz Köln. – Köln. -

Köln. – 56.1912. – Taf.1: Mosaikkarte von Medeba.

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Standnummer UB Freiburg: L 8575-56.1912.

Die Bamberger Apokalypse : Faksimile-Ausgabe der Handschrift Msc. Bibl. 140 der Staatsbibliothek

Bamberg. - Luzern : Faksimile-Verl., 2000. - Faks.-Bd. enth.: Apocalypsis /

Johannes und Evangelistar.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: RA 2.2001/28-1.

Das Evangeliar Ottos III. [des Dritten] : Faksimile-Ausgabe der Handschrift Clm 4453 der

Bayerische Staatsbibliothek München / [Fridolin Dressler, Hrsg.]. - Faks.. - Stuttgart : Müller

& Schindler, 1978.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: RA 2.77/112-1.

Breydenbach, Bernhard von

Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jherusalem zu dem heiligen grab und

furbaß zu der hochgelobten jungfrowen und merteryn sant katheryn / [Bernhard von

Breydenbach]. - [Speyer], [1505]. - Bl. [A I - S VI] : zahlr. Ill.; (dt.)

---------------------

Standnummer UB Freiburg: Rara L 8494,dp

Reissner, Adam

Jerusalem, die alte Haubtstat der Jüden ; Ierusalem, vetustissima illa et celeberrima

totius mundi civitas, ex sacris literis et approbatis historicis ad unguem descripta : Vnà Cvm

Orthodoxis Figvrae ac ueritatis explicationibus, iuxta Scripturarum Veteris ac Noui Testamenti

accuratam collationem ... / Qvae Adamvs Reisnervs Magno Primúm labore Germanica lingua

delineata edidit: nunc autem Latinè omnia perscripta ... tractata, & in septem libros digesta

sunt. Per Iohannem Heydenvm Eyflandrum Dunensem. – Francofvrti [Frankfurt

]: Per Georgivm Corvinvm, Sigismvndvm Feirabent, & Haeredes Vuigandi Galli,

1563.

--------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8824

Bünting, Heinrich; Chemnitz, Martin

Itinerarium sacrae scripturae : das ist {Ein Reisebuch uber die gantze heilige Schrifft} ; in

zwey Bücher getheilet / durch Henricum Bünting. Mit einer Vorrede Martini Chemnicij . Zuuorn

gemehret mit einem Büchlein {De monetis et mensuris ...}. - Wittenberg. – Bd. 1. 1587.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8497-1/2.

6


Caccia, Franciscus

Jerusalem seu Palaestina nova : {oder das von Christo Jesu selbsten geliebte, gelobte, bewohnte,

benannte Heilige Land ...} / allen guthertzigen Pilgern zu Lust und Nutzen mit schönen

Kupfferen vorgestellet durch Franciscum Caccia. - Wien : Lercher, 1706.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8731

Karten und Pläne zur Topographie des Alten Jerusalem / bearb. und hrsg. von Carl Zimmermann.

– Basel : Spittler, 1876.

--------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8835

Pierotti, Ermete

Jerusalem explored : being a description of the ancient and modern city; with numerous

illustrations consisting of views, ground plans, and sections / by Ermete Pierotti; Transl. by

Thomas George Bonney. - London : Bell and Daldy, 1864.

--------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8820

Chipiez, Charles; Perrot, Georges

Le temple de Jérusalem et la maison du Bois-Liban : restitués d'apres Ezéchiel et le livre des

rois / par Charles Chipiez ; Georges Perrot. - Paris : Hachette, 1889.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8302

7


KATALOGTEXTE

Übersicht Exponate Beschreibung

Signatur UB Freiburg Seite

L 8575-56.1912 9

RA 2.2001/28-1 10

RA 2,77/112-1 12

Rara L 8494,dp 14 ; 24

L 8824 16 ; 22

L 8497-1/2. 18

L 8731 19 ; 22

L 8835 26

L 8820 28

L 8302 30

8


Das Himmlische Jerusalem

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG):

Mosaikkarte von Medeba

Das Heilige Land : Organ d. Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, Sitz Köln. – Köln. –

Jg. 56. 1912. – Taf. 1: Mosaikkarte von Medeba

--------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8575-56.1912.

Die Beschreibung der Himmelstadt in der Offenbarung des Johannes übte gerade

auf die christliche Kunst einen kaum zu überschätzenden Einfluss aus:

Insbesondere für den Kirchenbau wurde dieses Bild des himmlischen Jerusalems

mit seinen Lichtern, Farben und klaren Proportionen zum Vorbild zu allen

Zeiten. Auch wenn in der Zeit nach 70 n. Chr. angesichts der verödeten

Stadt mit dem irdischen Jerusalem zunächst keine theologischen Hoffnungen

mehr verknüpft wurden, blieb das reale Jerusalem auch für die Christen das

Zentrum der Welt, in dem sie die Stätte der „großen Taten Gottes“ (Apg. 2,11)

sahen und in der sie die Wiederkunft Christi erwarteten. Dabei blieb für sie

aber das verklärte Bild der himmlischen Stadt bestimmend, das zum Heils-

und Hoffnungssymbol schlechthin wurde.

Eine der ältesten Darstellungen von Jerusalem findet man in der Mosaikkarte

von Medeba, die 1884 in der dortigen griechisch-orthodoxen St.-Georgs Kirche

im heutigen Jordanien entdeckt wurde und aus der Mitte des 6. Jhdts. n.

Chr. stammt. Im Mittelpunkt dieser Karte, die ursprünglich das Gebiet von

Tyrus und Sidon im Norden bis hin zum Nildelta im Süden zeigte, stehen Jerusalem

und das Land der Verheißung als Erbteil der 12 Stämme. Ihrer Funktion

nach ist die Karte ein Itinerar christlicher Pilgerschaft und Gegenstand

heilsgeschichtlicher Reflexion. Die im Original 54x93 cm große Vignette von

Jerusalem ist so genau, daß man beinahe jedes bedeutende Gebäude identifizieren

kann: Links das heutige Damaskustor, zwei Kolonnadenstraßen führen

von dort nach rechts bzw. nach Süden., eine der beiden Hauptstraßen führt

durch die Stadt hindurch, wo sie zunächst an der Grabeskirche (mit dem goldenen

Dach) und dann an der Nea (neue Kirche) vorbeiführt. Die andere Straße

führt zum damaligen Tempelplatz.

Michael Becht

9


Das Himmlische Jerusalem

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG):

Das Evangeliar Ottos III.

Faksimile-Ausgabe der Handschrift Clm 4453 der Bayerischen Staatsbibliothek München /

[Fridolin Dressler, Hrsg.]. - Faks.. - Stuttgart : Müller & Schindler, 1978.

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Standnummer UB Freiburg: RA 2.77/112-1.

Die Vorstellung von einem neuen, oberen oder himmlischen Jerusalem begegnet

schon im Alten Testament. So erwarten die Zionslieder eine neue Gottesstadt auf

dem Zion, in deren Mitte Jahwe selbst wohnen wird und in die die Völker ihren

Tribut bringen werden (Pss. 46, 48, 76, 122). Nach Jesaja wird Jahwe selbst das

neue Jerusalem bauen (Jes. 28, 16f.) - und zwar aus Edelsteinen (vgl. Tob. 13,

17), als eine sichere Festung (Jes. 54, 11-17). Nach Ezechiel besitzt das endzeitliche

Jerusalem auf dem Zion für jeden der rückkehrenden Stämme Israels ein

Stadttor (Jes. 40,2; 48,30-35).

Das Neue Testament übernimmt diese im Motiv des himmlischen Jerusalem

ausgedrückten Hoffnungen, und wenn die neutestamentlichen Autoren von der

realen Stadt Jerusalem sprechen, so verwenden sie diesen Begriff weniger in einem

geographischen als in einem theologischen Sinn. Jerusalem ist in ihren Augen

die Stätte des Wirkens Jesu, vor allem seiner Kreuzigung. Dabei zeichnen

die Evangelien auch ein etwas ambivalentes Bild von Jerusalem, denn die Stadt

erscheint zum einen als Ort des Verderbens und des Todes Jesu, zum anderen

aber auch als die heilige Stadt für die Auserwählten.

Auch in den Schriften des Apostels Paulus ist Jerusalem der theologische und

emotionale Mittelpunkt des Glaubens (J. K. Elliott), das zum Inbegriff und

Gleichnis des Weges und Zieles des Heilsplans Gottes wird: Paulus stellt in Gal.

4,21-31 dem „freien“ Jerusalem des „Neuen Bundes“, das droben ist und in dem

die Freiheit herrscht, dem gegenwärtigen Jerusalem (des „Alten Bundes“) gegenüber,

in dem die Knechtschaft des Gesetzes regiert. Schließlich beschreibt

10


der Hebräerbrief die Gemeinde Jesu Christi als die „Stadt des himmlischen Gottes“,

als das „neue Jerusalem“.

Die neuerliche Zerstörung der Stadt im Jahre 70 n. Chr., die Gründung der (römischen)

Stadt Aelia Capitolina an seiner Stelle und die anzunehmende Zerstreuung

der dortigen christlichen Gemeinde führten zum Ende der noch in den

synoptischen Evangelien spürbaren negativen Einstellungen gegenüber dem

Namen „Jerusalem“. Der Begriff entwickelte sich so endgültig zum symbolischen

Ausdruck der endzeitlichen Vollendung der Herrschaft Gottes und der gegenwärtigen

christlichen Gemeinde als unvollkommener Vorwegnahme dieses

ewigen Heils (Mt. 7, 13f.; Gal. 25, 25f.; Hebr. 3f).

Besonders eindringlich beschreibt die Offenbarung des Johannes diese endzeitliche

Stadt, die vom Himmel herabschweben und den Wohnsitz Gottes und seines

gereinigten und erneuerten Volkes sein wird. In ihr wird die Not und das

Leiden der Gegenwart durch die Nähe Gottes endgültig überwunden sein. In der

Apokalypse erscheint sie so – in Entsprechung zum Allerheiligsten (1 Kö. 6,20)

- als kubische Festung mit Mauern aus Edelsteinen – Symbole der 12 Stämme,

der 12 Apostel und der 12 Tierkreiszeichen - und 12 Toren aus Perlen:

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem

Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren

Mann. (...) Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen

Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen

aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht

war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall; sie

hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den

Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich die Namen

der zwölf Stämme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden

drei Tore, von Süden drei Tore, von Westen drei Tore. Und die

Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen

der zwölf Apostel des Lammes. (Offb. 21, 2-14)

11

Michael Becht

Weiterführende Literatur:

Das Evangeliar Ottos III. Faksimile-Ausgabe der Handschrift Clm 4453 der Bayerischen

Staatsbibliothek München / [Fridolin Dressler, Hrsg.]. - Kommentarband. - Stuttgart : Müller

& Schindler, 1978.


Das Himmlische Jerusalem

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG):

Die Bamberger Apokalypse

Faksimile-Ausgabe der Handschrift Msc. Bibl. 140 der Staatsbibliothek Bamberg. - Luzern :

Faksimile-Verl., 2000. - Faks.-Bd. enth.: Apocalypsis / Johannes und Evangelistar.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: RA 2.2001/28-1.

Das Motiv des himmlischen Jerusalems gehört aber zum festen Motivbestand

der mittelalterlichen Buchmalerei, die mehrere Darstellungsmöglichkeiten kannte.

In den karolingischen Apokalypse-Handschriften, die römischen Traditionen

folgen, erscheint das himmlische Jerusalem entweder als kreisrunde Stadt mit

hohen Mauern und zwölf Türmen oder als Tempel, wodurch die allegorische

Deutung der endzeitlichen Himmelstadt mit der Kirche Christi zum Ausdruck

kommt.

In dieser Tradition steht auch die berühmte Bamberger Apokalpyse, die auf Blatt

55 r das neue Jerusalem zeigt. Diese Darstellung folgt zwei dramatischen Bildern

über die Fesselung und Lösung des Widersachers (Offb. 20,1-3 und 7-10)

und des Jüngsten Gerichts (Offb. 20,4-6 und 11-15) und zeichnet sich durch eine

„urbildliche Klarheit“ (E. Harnischfeger) aus. Der Maler hat hier bewusst auf

den Schmuck der Stadt mit ihren Edelsteinen verzichtet und nur ihre archaische

Form und die Zahlensymbolik gewählt, um die große Wende der Geschichte

darzustellen. Viermal (=Zahl des irdischen Universums, der Elemente, des

Quadrats, der Jahreszeiten, der Paradiesflüsse) drei Tore mit jeweils sechs (=

Zahl der Tage des Schöpfungswerkes) romanischen Fensterbögen lassen die

12


Zwölf (= zwölf Stämme Israels, zwölf Edelsteine auf dem Brustschild des Hohenpriesters,

zwölf kleine Propheten, zwölf Apostel) und die Vierundzwanzig (=

Zahl der Greise in der Apokalypse [Offb. 4,4] ,Zahl aller Stunden des Tages und

der Nacht) noch einmal anklingen. In der Mitte steht auf der Buchrolle das

Lamm – Christus der Menschen- und Gottessohn. Unten steht auf einem Felsen

der Engel, der Johannes an die Hand nimmt und mit seinem Lilienstab auf die

Stadt weist, damit sie Johannes betrachte. Der Engel, der wie Johannes auf grüner

und grün-grauer Erdoberfläche steht, zieht diesen gleichsam in die Goldregion

hinauf, in der sich symbolisch das himmlische Jerusalem mit der Erde verbindet

und den gebückten Menschen aus der Peripherie in die Mitte führt.

13

Michael Becht

Bamberger Apokalypse, fol.34v. Bamberger Apokalypse, fol. 13v.

(Anbetung des Lammes auf dem Berg Sion) (Das Lamm auf dem Buch mit 7 Siegeln zwischen

den Toren des Himmlischen Jerusalem)

Weiterführende Literatur:

Die Bamberger Apokalypse. Faksimile-Ausgabe der Handschrift Msc. Bibl. 140 der Staatsbibliothek

Bamberg. – Kommentarband - Luzern : Faksimile-Verl., 2000.


Das Irdische Jerusalem

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG):

Breydenbach, Bernhard von

Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jherusalem zu dem heiligen grab und furbaß

zu der hochgelobten jungfrowen und merteryn sant katheryn / [Bernhard von Breydenbach]. -

[Speyer], [1505]. - Bl. [A I - S VI] : zahlr. Ill.; (dt.)

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Standnummer UB Freiburg: Rara L 8494,dp

Erhard Reeuwich, bedeutender niederländischer Maler, Zeichner und Holzschneider

seiner Zeit, besuchte im Jahr 1483 das Heilige Land im Gefolge des

Mainzer Domherren Bernhard von Breydenbach. Sie reisten mit einer größeren

Gruppe von Pilgern und sahen neben den üblichen Stätten auch den Sinai und

Ägypten. Nach der Rückkehr nach Mainz schrieb Breydenbach sein Reisetagebuch

mit Hilfe eines Heidelberger Gelehrten in eine lateinische Fassung um (Peregrinationes

in Terram Sanctam). Reeuwich selbst arbeitete die Skizzen der

verschiedenen Stationen zu Holzschnitten aus.

Besonders beeindruckt Reeuwichs Karte des Heiligen Landes. Sie zeigt Jerusalem

aus der Vogelschau (vom Ölberg aus) in erstaunlich naturalistischer Weise.

Die Bedeutung der Stadt wird dadurch hervorgehoben, dass sie im Verhältnis

zum gesamten Land überdimensioniert ist und folglich fast die Hälfte der Karte

einnimmt. Während die Karte geostet ist, wurde Jerusalem um 180°C gedreht,

so dass man hier von Westen auf die Ostmauern schaut; in der Tat ist dies der

eindrucksvollste Blick auf die Stadt.

14


Jerusalem wird in Reeuwichs Zeichnung wirklichkeitsgetreu vom Felsendom

dominiert. Er wird als Templum Salomonis bezeichnet; zugleich wird die Kuppel

mit dem Halbmond geschmückt. Solche Mehrfachsichten waren den Europäer

geläufig seit den Zeiten der Kreuzfahrer, als die Moscheen auf dem Tempelplatz

- wie die meisten Moscheen im Lande auch – dann schließlich zu Kirchen umgewidmet

wurden. Auch sonst verbindet die Karte korrekt beobachtete Details

mit Lokalisierungen aus Tradition und Legende, und bildet somit einen echten

Grenzfall zwischen „himmlischer“ und „irdischer“ Darstellungsvariante.

Daß Reeuwich der erste Illustrator überhaupt war, dessen topographische Darstellungen

auf eigener Ansicht beruhten, macht sich auch in den stilistisch stark

abweichenden Randpartien bemerkbar, denn den Norden des Landes (linker

Teil) hat er offensichtlich nicht selbst in Augenschein genommen: Hier gewinnt

wieder die schematisierte Wegekarte für den Pilger die Oberhand. Im Süden

(rechter Teil), durch den Reeuwich ja gereist ist, stößt man wieder auf etwas

konkretere Formen, wenngleich die Pyramiden (ganz rechts auf halber Höhe)

nur als längliche Prismen erscheinen. Das Rote Meer hingegen (rechts oben) erstrahlt

in hellem Blau – ein mittelalterlich denkender Künstler hätte es sicher in

Rot dargestellt.

Das halblinks im Vordergrund ankernde Pilgerschiff übrigens wurde so oft von

anderen Künstlern „kopiert“, dass es später sogar in einer Druckausgabe über

die Seefahrten des Kolumbus wieder auftauchte – umgerüstet zum Entdeckerschiff.

15

Martin Mayer

Weiterführende Literatur:

Ruthard Oehme: Die Palästinakarte aus Bernhard von Breitenbachs Reise in das Heilige Land

1486. In: Aus der Welt des Buches. Festgabe zum 70. Geburtstag von Georg Leyh. Leipzig

1950, S. 70-83.


Das Irdische Jerusalem

Vitrine 2. OG:

Reissner, Adam

Jerusalem, die alte Haubtstat der Jüden ; Ierusalem, vetustissima illa et celeberrima

totius mundi civitas, ex sacris literis et approbatis historicis ad unguem descripta : Vnà Cvm

Orthodoxis Figvrae ac ueritatis explicationibus, iuxta Scripturarum Veteris ac Noui Testamenti

accuratam collationem ... / Qvae Adamvs Reisnervs Magno Primúm labore Germanica lingua

delineata edidit: nunc autem Latinè omnia perscripta ... tractata, & in septem libros digesta

sunt. Per Iohannem Heydenvm Eyflandrum Dunensem. – Francofvrti [Frankfurt

]: Per Georgivm Corvinvm, Sigismvndvm Feirabent, & Haeredes Vuigandi Galli,

1563.

--------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8824

Ein wesentlich „theologischeres“ und zugleich mittelalterlicheres Bild von Jerusalem

als das Breydenbachs begegnet dem Betrachter dieser in ihrer Zeit überaus

populären Reisebeschreibung und Geschichte von 1563. Ihr Autor Adam

Reißner aus dem schwäbischen Mindelheim begeisterte sich früh für Luther und

Melanchthon und zog sogar 1526 als Schreiber von Georg von Frundsberg mit

den Landsknechten nach Italien. In Straßburg traf er wenig später Caspar

Schwenckfeld, des ersten protestantischen Mystikers, dessen Werke er verehrte

und später gegen alle Widerstände auch herausgab.

Reißner geht in seinen Geschichtswerken vom Gegensatz Himmlisches Jerusalem

– Satanisches Babylon aus, wobei Babylon für ihn einzig und allein im verderbten

Papsttum seiner Zeit verkörpert ist. Das Himmlische Jerusalem ist für

ihn im Umkehrschluss die Geistesgemeinschaft aller wahrhaft Gläubigen im unablässigen

Kampf mit dem Antichristen, dem Heiligen Stuhl. Unter ständigem

Vergleichen von historischen Ereignissen mit Bibelstellen kam er zu dem

16


Schluss, dass die Menschheit in die Zeit des Jüngsten Gerichts eingetreten sei. In

diesem Sinne beeindruckt das Werk Reißners vor allem durch seine symbolistisch-allegorischen

Züge. Seine Ausführungen sind von einer nüchternen, bloß

geographischen Beschreibung Jerusalems stärker entfernt als die Breydenbachs.

Die Popularität seines Werks zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die (deutsche)

Erstausgabe schon bald ins Lateinische übersetzt wurde, um auch international

vertrieben zu werden. Auch höchste politische Kreise erreichte Reißners Gedankengut:

Auf dem Augsburger Reichstag 1559 überreichte Reißner Kaiser Ferdinand

eine „Form und Contrafactur“ des alten Jerusalem, wobei unklar bleibt, ob

es sich um eine Zeichnung oder gar eine plastische Nachbildung der Stadt handelte.

17

Martin Mayer

Weiterführende Literatur:

Bucher, Otto: Adam Reissner. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, hrsg. v. G.

Pölnitz, IV (München 1955), S. 170-183.


Das Irdische Jerusalem

Vitrine 2.OG:

Bünting, Heinrich

Itinerarium sacrae scripturae : das ist {Ein Reisebuch uber die gantze heilige Schrifft} ; in

zwey Bücher getheilet / durch Henricum Bünting. Mit einer Vorrede Martini Chemnicij . Zuuorn

gemehret mit einem Büchlein {De monetis et mensuris ...}. - Wittenberg. – Bd. 1. 1587.

---------------------

Standnummer UB Freiburg: L 8497-1/2.

1581 veröffentlichte der Theologe Heinrich Bünting unter dem Titel Itinerarium

Sacrae Scripturae einen Bibelkommentar in der populären Form eines Reisebuches.

Das Spielerische dieses Genres hat seine Entsprechung in den beigefügten

Holzschnittkarten.

Bünting bezeichnete Jerusalem als die „heilige viereckete Stadt“ und stellte sie

dementsprechend auf viereckigem Grundriss dar. Dies hat seinen Grund zum

einen in der Beschreibung des Tempelbaus durch König Salomo (1. Kön. 6), die

eine rechteckige Anlage nahe legt, vor allem aber in der Vision des Propheten

Ezechiel (im babylonischen Exil) vom neuen Jerusalem (Ez. 40-48). Der Grundriss

der Stadt wird hier ausdrücklich als quadratisch beschrieben. Das Quadrat

ist Symbol irdischer Vollkommenheit, während der Kreis Sinnbild göttlicher

Vollkommenheit ist. Auf dieser Vorstellung beruht auch die Schau des neuen,

himmlischen Jerusalem in der Offenbarung des Johannes (Apk. 21,16).

18

Martin Mayer


Das Irdische Jerusalem

Vitrine 2. OG:

Caccia, Franciscus

Jerusalem seu Palaestina nova : {oder das von Christo Jesu selbsten geliebte, gelobte, bewohnte,

benannte Heilige Land ...} / allen guthertzigen Pilgern zu Lust und Nutzen mit schönen

Kupfferen vorgestellet durch Franciscum Caccia. - Wien : Lercher, 1706.

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Standnummer UB Freiburg: L 8731

Die hier gezeigte Darstellung der Via dolorosa ist ein besonders gelungenes Beispiel

für die barocke Beschäftigung mit Kreuzweg Christi und Kalvarienberg,

der als Motiv mehr und mehr in den Vordergrund rückte. Teilweise lässt sich

das sicherlich durch die außerordentliche Frömmigkeit Kaiser Leopolds I. und

die habsburgisch bestimmte „Pietas Austriaca“ um 1700 erklären. Auch eine

überstandene Pestepidemie (1679) und die Dankbarkeit über das endgültige Ende

der Türkengefahr hatten ihren Anteil.

Allerdings gab es auch einen benennbaren Verbreiter dieser Kalvarienberg-Idee

nördlich der Alpen: Franciscus Caccia, Generalkommissar des Franziskanerordens

für das Heilige Land am kaiserlichen Hof in Wien. In seinen Schriften, wie

hier in Jerusalem seu Palaestina nova, spielte die genaue Darstellung der Stationen

des Heilands eine sehr wichtige Rolle. Es wurden nach ihrem Vorbild damals

Menschen mit Holzkreuzen auf (Kreuz-)Wege geschickt, die genau nach

den in solchen Werken enthaltenen Streckenangaben abgemessen wurden.

19


Caccia vermochte über seinen Mitbruder Felix Niering die Kalvarienberg-Idee

auf eigenwillige Weise architektonisch umsetzen zu lassen. Es entstanden, oft

auf künstlich errichteten Bergen, Gesamtkunstwerke mit Freitreppe und Kreuzwegstationen

in Kapellen, die hinauf zu einer Bergkirche führten. Für diese

wurde, wie hier in Lanzendorf (geweiht 1701; s. Abb.), ein völlig neuartiger

Baukanon kreiert, der in Eisenstadt -Oberberg eine noch größere Dimensionierung

erfahren hat. - Auf die Monti sacri Italiens sei an dieser Stelle nur verwiesen.

Martin Mayer

Caccia: Tempel auf dem Kalvarienberg

20


Maria Lanzendorf

ergkirche von Eisensta dt

B

21

Bergkirche Eisenstadt

Weiterführende Literatur:

Lehmann, Michael: Die Kalvarienberganlagen im Donauraum. In: Viktor Flieder u. Elisabeth

Kovacs (Hrsg.): Festschrift Franz Loidl zum 65.Geburtstag. Bd. 1, Wien 1970, S. 113-159.

Vsedni, Karl: Die architektonische Umsetzung des Kalvarienberggedankens zu Beginn des

18. Jh. im ostösterreichischen Raum. – Diss. Wien, 2002.

Vsedni, Karl: Der Pilgerweg nach Hernals; mit der Nachbildung des Hl. Grabes in Jerusalem

und dessen Bezüglichkeiten. – Univ. Dipl. Arb. Wien, 2000.


Das Irdische Jerusalem

Ort der Pilger und Gläubigen (1)

-

Vitrine 2.OG:

22

Adam Reissner: Jerusalem

(Porta Vetus / Kreuzweg Christi)

Reissner, Adam

Jerusalem, die alte Haubtstat der Jüden ; Ierusalem, vetustissima illa et celeberrima

totius mundi civitas, ex sacris literis et approbatis historicis ad unguem descripta : Vnà Cvm

Orthodoxis Figvrae ac ueritatis explicationibus, iuxta Scripturarum Veteris ac Noui Testamenti

accuratam collationem ... / Qvae Adamvs Reisnervs Magno Primúm labore Germanica lingua

delineata edidit: nunc autem Latinè omnia perscripta ... tractata, & in septem libros digesta

sunt. Per Iohannem Heydenvm Eyflandrum Dunensem. – Francofvrti [Frankfurt

]: Per Georgivm Corvinvm, Sigismvndvm Feirabent, & Haeredes Vuigandi Galli,

1563.

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Standnummer UB Freiburg: L 8824

Caccia, Franciscus

Jerusalem seu Palaestina nova : {oder das von Christo Jesu selbsten geliebte, gelobte, bewohnte,

benannte Heilige Land ...} / allen guthertzigen Pilgern zu Lust und Nutzen mit schönen

Kupfferen vorgestellet durch Franciscum Caccia. - Wien : Lercher, 1706.

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Standnummer UB Freiburg: L 8731

Nicht selten ist die Verbindung von Bibelbericht und Reisebericht in Drucken

der frühen Neuzeit. Kenntnisse und Vorstellungen von Welt, d.h. hier insbesondere

Kenntnisse vom Heiligen Land und von der Stadt Jerusalem, wie sie durch

Reisende übermittelt und dann auch in Bildern und Karten bekannt wurden,

konnten nun – zumindest gedanklich - ihren Betrachtern als hilfreiche Folie zur

Verortung biblischen Geschehens dienen.


Die Verschränkung von „erfahrener“ bzw. berichteter Topographie mit Schilderungen

des Alten und Neuen Testaments blieb aber nicht nur eine imaginierte,

sie konnte auch die Bildebene selbst erreichen und wurde hier zu einer faktischen.

Die direkte bildliche Einbettung der biblischen Berichte sowohl in nun

real gekannte als auch in nur real gedachte Räume und Orte verliehen dem Text

zusätzliche Authentizität und erlaubten es dem Bibelleser, sich direkt über das

Bild in die „wirklichen“ Orte biblischen Geschehens geradezu hineinzuversetzen.

Angela Karasch

Caccia, Franciscus: Jerusalem seu Palaestina nova. - (Kreuzweg)

Weiterführende Literatur:

Betschart, Andreas: Zwischen zwei Welten : Illustrationen in Berichten westeuropäischer Jerusalemreisender

des 15. u. 16. Jh. – Würzburg, 1996.

Fünf Palästina-Pilgerberichte aus dem 15. Jh. / hrsg. v. Randall Herz ... Mit e. Beitrag über die

Kreuzwegandacht / von Nicky Zwijnenburg-Tönnies. – Wiesbaden, 1998.

Jahn, Bernhard: Raumkonzepte in der frühen Neuzeit : zur Konstruktion von Wirklichkeit in

Pilgerberichten, Amerikareisebeschreibungen und Prosaerzählungen. – Frankfurt/M. 1993.

23


Das Irdische Jerusalem

Ort der Pilger und Gläubigen (2)

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG):

Breydenbach, Bernhard von

Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jherusalem zu dem heiligen grab und furbaß

zu der hochgelobten jungfrowen und merteryn sant katheryn / [Bernhard von Breydenbach]. -

[Speyer], [1505]. - Bl. [A I - S VI] : zahlr. Ill.; (dt.)

---------------------

Standnummer UB Freiburg: Rara L 8494,dp

Die Verschränkung von Welterfahrung - im konkreten Wortsinn - mit den Berichten

der Bibel begrenzt sich jedoch nicht auf Jerusalem und das Heilige Land

und auf die Verortung entsprechender Ereignisse.

Beliebt war im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Einbettung

von Jerusalem-Darstellungen und biblischer Bezüge in einen vollständigen

Reisebericht, der die wichtigsten Stationen schon vor dem Erreichen des Heiligen

Landes in Text und Bild „mitnimmt“ (so z.B. Einschiffung in Venedig, die

24

Breydenbach, Bernhard von: Peregrinatio

in terram sanctam - Unkoloriertes

Ex.. - (Ansicht Hl. Grab)


Inseln der Mittelmeerroute usw.). Dies erlaubte dem Leser und Betrachter, nicht

nur das biblische Geschehen an den heiligen Stätten selbst sich zu verbildlichen,

sondern - von zu Hause aus - bereits alle Etappen einer Reise in Text und Bild

nachzuvollziehen und somit an den Eindrücken einer vollständigen Reise teilzuhaben.

Damit konnten die Daheimgebliebenen in dieser Form gleichsam selbst

auf Reise ins Heilige Land gehen, auf Pilgerschaft im Geist.

Die in der Ausstellung gezeigte deutsche Ausgabe der Peregrinatio in terram

sanctam des Bernhard von Breydenbach kann auch hierfür als ein überaus erfolgreiches

Beispiel aus der Zeit um 1500 angesehen werden.

25

Angela Karasch

Breydenbach, Bernhard von: Peregrinatio in terram sanctam . (Ansicht von Jerusalem; Detail)

Weiterführende Literatur:

Bernhard von Breydenbach and his journey to the Holy Land 1483-4 : a bibliography /

compiled by Hugh W. Davies. – Repr. d. Ausg. London 1911. – Utrecht, 1968.

Betschart, Andreas: Zwischen zwei Welten : Illustrationen in Berichten westeuropäischer Jerusalemreisender

des 15. u. 16. Jh. – Würzburg, 1996.

Fünf Palästina-Pilgerberichte aus dem 15. Jh. / hrsg. v. Randall Herz ... Mit e. Beitrag über die

Kreuzwegandacht / von Nicky Zwijnenburg-Tönnies. – Wiesbaden, 1998.

Jahn, Bernhard: Raumkonzepte in der frühen Neuzeit : zur Konstruktion von Wirklichkeit in

Pilgerberichten, Amerikareisebeschreibungen und Prosaerzählungen. – Frankfurt/M. 1993.


Das Irdische Jerusalem

Vitrine 2. OG:

Zimmermann, Carl:

Karten und Pläne zur Topographie des Alten Jerusalem / bearb. und hrsg. von Carl Zimmermann.

– Basel : Spittler, 1876.

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Standnummer UB Freiburg: L 8835

In der Zeit der Aufklärung wurden theologisch inspirierte Werke über Jerusalem

und das Heilige Land immer mehr zurückgedrängt. Andererseits fehlte es aber

an Reiseliteratur – im modernen Verständnis - zum „Irdischen“ Jerusalem. Was

veröffentlicht wurde, waren meist am heimischen Schreibtisch entstandene gelehrte

Abhandlungen.

In den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts stieg jedoch das Interesse

am Heiligen Land sprunghaft. Nicht nur, dass die Schwäche des Osmanischen

Reiches das Gebiet in den Blickpunkt der internationalen Politik rücken

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ließ; auch religiöse Gründe spielten (wieder) eine bedeutende Rolle – nicht umsonst

entzündete sich schließlich auch der Krimkrieg 1853 genau am Problem

des Protektorats über die orthodoxen Christen in Palästina.

Zahlreiche Forscher aus Europa und Nordamerika kamen in das Gebiet, um die

Frage nach der biblischen Topographie neu zu stellen. Die ausgestellte Tafel

zeigt die verschiedenen Ansätze vom Jahre 1840 an, als der Amerikaner Edward

Robinson erstmals die bisherige Lage von Kalvarienberg und Heiligem Grab in

Frage stellte, bis zur Fertigstellung von genauen topographischen Karten aufgrund

von Landvermessungen durch den britischen „Palestine Exploration

Fund“ 1876.

Schon Robinsons Ausführungen sorgten in der Fachwelt für großes Aufsehen;

umso mehr, als dann der Deutsche Otto Thenius, auf ihn antwortend, 1842 erstmals

einen alternativen Ort für den Kalvarienberg vorschlug. Das wiederum rief

den eher konservativ argumentierenden Briten George Williams auf den Plan,

dessen solides, aber mit Robinson sehr unsanft umgehendes Werk The Holy City

1845 sogar vom preußischen König ausgezeichnet wurde. Für die nächste Aufregung

sorgte schließlich der Schotte Fergusson, der, ohne jemals selbst in Palästina

gewesen zu sein, selbstsicher behauptete, das Heilige Grab sei im 11.Jh.

aus Sicherheitsgründen nach Westen verlegt worden.

Abseits dieser Querelen bereiste der Appenzeller Arzt Titus Tobler seit Ende der

1830er-Jahre mehrfach Palästina. Er hielt seine Ergebnisse in einer Vielzahl von

Aufsätzen und Büchern fest. Einen fähigen Partner fand er vorübergehend in

dem Württemberger Kartographen Konrad Schick.

1872 begann der britische „Palestine Exploration Fund“, das westliche Palästina

zunächst von Ramallah bis Jerusalem zu vermessen und dabei auch immer wieder

biblische Orte zu identifizieren. Die letzten Karten der ausgestellten Doppelseite

geben ungefähr den (schon sehr präzisen) Forschungsstand am Ende dieser

Unternehmung wieder.

All diese Unternehmungen waren auch ein Sieg der Empirie bei der Bestimmung

des „irdischen“ Jerusalem.

Weiterführende Literatur:

Ben-Arieh, Yehoshua: The rediscovery of the Holy Land in the nineteenth century. -

Jerusalem : Magnes Pr., 1979.

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Martin Mayer


Das Irdische Jerusalem

Vitrine 2. OG:

Jerusalem: Goldes Tor. - Photographie von Mendel

Diness; auf dem Bild (Pfeil): Ermete Pierotti

Pierotti, Ermete

Jerusalem explored : being a description of the ancient and modern city; with numerous

illustrations consisting of views, ground plans, and sections / by Ermete Pierotti; Transl. by

Thomas George Bonney. - London : Bell and Daldy, 1864.

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Standnummer UB Freiburg: L 8820

Eine gewisse Außenseiterrolle unter den Palästinaforschern der Mitte des

19. Jahrhunderts nahm der italienische Architekt und Ingenieur Ermete Pierotti

ein, dessen Kartenmaterial bezeichnenderweise in der gezeigten Kompilation

nicht auftaucht. Nicht ganz zu unrecht bezichtigte man ihn einiger Ungenauigkeiten

bei der Vermessung. Um das hier vorliegende englischsprachige Werk

entbrannte in Großbritannien sogar ein regelrechter Forschungsstreit zwischen

Williams, der das Erscheinen des Tafelwerks ermöglicht hatte, und Fergusson.

Interessant sind in Pierottis Buch vor allem die Lithographien, haben sich zu ihrer

Entstehung doch gerade in den letzten Jahren neue Erkenntnisse ergeben. Sie

mussten auf der Basis von (sehr frühen) Photographien entstanden sein, über

deren Verbleib zunächst nichts bekannt war. Im Jahre 1989 tauchte überraschend

auf einem Flohmarkt in St. Paul/Minnesota ein Karton mit einigen Negativen

von alten Jerusalem-Ansichten auf. Nach Einschaltung mehrerer Experten

wurde klar, dass es sich hier um die Vorlagen für Pierottis Lithographien handelte.

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Urheber der Photographien war ein gewisser M. J. Diness, den auch Titus

Tobler in seinen Reiseerinnerungen am Rande erwähnt hatte. Mendel Diness, so

fand man heraus, war ein 1827 in Odessa geborener Jude, der in jungen Jahren

(1848) nach Jerusalem auswanderte, wo er von einem schottischen Missionar

das Photographieren erlernte.

Als Pierotti 1856 von Italien nach Jerusalem kam, fand er als ersten und einzigen

niedergelassenen Photographen am Ort eben jenen Diness vor. Ihre Zusammenarbeit

war damit – unter wohlwollender Anteilnahme des osmanischen Gouverneurs

Sürayya Pascha übrigens – verantwortlich für die ersten Photos von

Gebäuden und Menschen in Jerusalem überhaupt, die zudem nach dem aufwändigen

nassen Kollodiumverfahren entstanden, welches eine riesige Hilfsapparatur

erforderte, dafür aber der Daguerreotypie in puncto Tiefenschärfe weit überlegen

war.

Auf der hier als Textbegleitung abgedruckten photographischen Vorlage zu Pierottis

Lithographie des Goldenen Tors („Bab al-Rahmah“) ist zwischen den beiden

Kuppeln sogar der italienische Forscher selbst zu sehen.

Diness wanderte schließlich 1860 in die USA aus und hielt sich nach gescheiterter

Karriere als Photograph als Wanderprediger über Wasser. Zur Illustration

seiner Reden und Predigten benutzte er dabei stets die in Jerusalem entstandenen

Photographien. Er starb im Jahre 1900 unter dem Namen Mendenhall John Dennis;

seine Werke traten einen fast ein Jahrhundert langen Dornröschenschlaf auf

einem Dachboden an.

Jerusalem : Goldenes Tor. – Moderne Photographie.

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Martin Mayer

Weiterführende Literatur:

Capturing the Holy Land : M. J. Diness and the beginnings of photography in Jerusalem /

with contrib. by Dror Wahrman ... - Cambridge, Mass.,1993.

Kesting, Piney: The Diness Discovery. In: Saudi Aramco World (July/August 2004).

http://www.saudiaramcoworld.com/issue/200404/the.diness.discovery.htm


Das Irdische Jerusalem

Vitrine Sonderlesesaal (4.OG.)

Chipiez, Charles; Perrot, Georges

Le temple de Jérusalem et la maison du Bois-Liban : restitués d'apres Ezéchiel et le livre des

rois / par Charles Chipiez ; Georges Perrot. - Paris : Hachette, 1889.

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Standnummer UB Freiburg: L 8302

Die beiden Franzosen Charles Chipiez (Architekt) und André Perrot (Orientalist)

versuchten, aufbauend auf den Texten des Alten Testaments, insbesondere

auf der Darstellung bei Ezechiel, eine Rekonstruktion des Salomon-Tempels

und publizierten dies anlässlich der Weltausstellung in Paris 1887. Der hier gezeigte

Druck ist ein etwas späterer Sonderdruck, und zwar aus dem anlässlich

der Pariser Weltausstellung 1889 erschienenen Monumentalwerk Histoire de

l’art dans l’antiquité.

Die Prophezeiung des Ezechiel (Ez 43, 10-12) an die Juden in Babylon gipfelt in

der Beschreibung des Salomonischen Tempels, wie er vor der Vertreibung war

und danach wieder sein wird, ist also eher messianisches Versprechen an die

Juden auf Rückkehr als konkrete Anweisung, wie der (Salomonische) Tempel

wiederzuerrichten war. Dies war jedoch kein Hinderungsgrund für Chipiez und

Perrot: Die beiden waren sich vollkommen bewusst, dass sie, wenn sie die zwar

etwas kryptischen, aber doch vorhandenen Maßeinheiten aus dem alttestamentlichen

Text zur Grundlage für eine Rekonstruktion machten, ein Gebäude er-

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schaffen würden, welches es so nie gegeben hatte. Chipiez schreibt sogar ausdrücklich

im Begleittext, er habe weder den (seiner Meinung nach zweitrangigen)

salomonischen, noch den von Nebukadnezar zerstörten (kleineren) Tempel

der letzten Könige rekonstruieren wollen, sondern einzig und allein denjenigen

aus Ezechiels Prophezeiung, dieser „einzigartigen Verbindung von Realität und

Fiktion“.

Vergleichend werden noch andere „baulich relevante“ Stellen aus dem Alten

Testament (z.B. Buch der Könige) sowie dem Ezechiel-Kommentar von Rudolf

Smend (1880) herangezogen; nicht nur die genaue Verteilung der einzelnen Gebäude

oder Innenhöfe, sogar Einrichtung, Wasserbassins und Säulen rekonstruieren

die beiden Architekten aus diesen Quellen.

In ihrem Unternehmen (er-)schaffen so ein geradezu „materialorientiertes“ Bibelstudium,

positivistische Detailverliebtheit und eklektizistisches Stilempfinden

am Ende des 19. Jahrhunderts ein „neues Jerusalem“, gleichsam als ein biblisches

Neuschwanstein!

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Martin Mayer

Weiterführende Literatur:

A. L. Frothingham, Jr.: Rezension zu

Histoire de l'Art dans l'Antiquite: Tome IV. Judee-Sardaigne-Syrie-Cappadoce / von Georges

Perrot und Charles Chipiez. In: The American Journal of Archaeology and of the History of

the Fine Arts Bd. 4 (1888), Heft 2, S. 181-186.


Bildnachweise:

S. 23:

http://www.franziskaner.at/buntgemischt_archiv/bunt30.html

http://www.martinus.at/fuerdieseele/wallfahrt/orte/burgenland/eisenstadt.html

S. 30:

Ausschnitt aus: http://www.saudiaramcoworld.com/issue/200404/the.diness.discovery.htm

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