Story Telling - den Wandel gestalten

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Story Telling - den Wandel gestalten

Story Telling

Unter Story Telling versteht man mehrere unterschiedliche Methoden, bei

denen mit Hilfe von Geschichten etwas bewegt werden kann.

Anwendungsgebiete gibt es im Wissensmanagement, Changemanagement, bei der

Visionsentwicklung und bei der Entwicklung von Unternehmens- oder Teamkultur.

Im Wissensmanagement versteht man dabei die Methode, wie man Wissen im

Unternehmen weitergeben kann (narratives Wissensmanagement). Geschichten

sind dabei wie geronnene Erfahrungen.

Zu dieser Methode gibt es auch eine schöne Geschichte:

Tom Ruddy, Manager der Worldwide Customer Services von Xerox, machte

Anfang der neunziger Jahre eine erstaunliche Entdeckung. Er stellte fest, dass

sich einige Service-Techniker in ihren Pausen, beim Mittagessen oder im

Teilelager ungewöhnlich häufig trafen und sich gegenseitig Geschichten

erzählten. Der Grund: die steigende Komplexität im Arbeitsumfeld und der

ständige Fortschritt der Technologie im Bereich der Maschinen, sowie der Druck

der Kunden machte es für die Wartungstechniker notwendig, sich auf

informellen Wege über ihre Erfahrungen im Umgang mit Kopiergeräten

auszutauschen. Sie erzählten sich gegenseitig sogenannte ´war stories´ und

konnten auf diese Art implizites Erfahrungswissen weitergeben. Die gesamte

Gruppe der Service-Techniker profitierte so von den Erfahrungen jedes

einzelnen. Gleichzeitig befriedigten die Geschichten das Bedürfnis des Einzelnen

nach Anerkennung in der Technikergruppe.

Der Vorteil des Story Telling ist, dass in einem lebendigen Umfeld Tatsachen

und Fakten vermittelt werden. Je lebendiger die Geschichte ist, desto höher ist

der Erinnerungswert. Ungenauigkeit und Phantasie kann verziehen werden, da

der Betreffende aus der Geschichte seine eigenen Lehren ziehen kann. Nachdem

die Bedeutung des Story Tellings für die Techniker erkannt war, wurde von

Xerox das Projekt Communities of Practice ins Leben gerufen mit dem Ziel, die

bereits informell praktizierten Arbeitsgruppen-Strategie auszubauen. Das

Ergebnis dieses Projekts war die Feststellung, dass Technologien den

Verbreitungsprozess, den Zugang und die Wiederverwendung von Wissen

unterstützen. Die bloße Bereitstellung der Technologien motiviert die

Mitarbeiter aber nicht dazu, ihr Wissen zu teilen. Eine offene

Unternehmenskultur, in denen die Mitarbeiter ihr Wissen gerne weitergeben, da

es für sie einen Vorteil bedeutet, bildet hier den Ansatzpunkt.


Geschichten werden aber auch gerne im Seminar oder im Change Management

verwendet. Man will dabei mit Geschichten die Menschen berühren und bewegen.

Geschichten fesseln und bewegen, sie machen Schwieriges begreifbar und geben

den Impuls, über sich und sein Verhalten nachzudenken.

Geschichten erzählen ist ein uraltes Ritual der Menschheit. Früher als es noch

keine Bücher gab und noch keine Elektrizität (also auch keinen Fernseher), da

saßen die Leute abends zusammen am Lagerfeuer oder am Herd und erzählten

sich Geschichten über die alten Zeiten. Sie wärmten sich, schauten ins Feuer und

unterhielten sich. Durch diese Geschichten wurden Erfahrungen und Wissen

weitergegeben. Das schöne an Geschichten ist, dass nicht nur Zahlen, Daten,

Fakten übermittelt werden, sondern Gefühle, Einstellungen und Werte offen

gelegt werden. Geschichten werden besser verstanden und behalten als

abstrakte Informationen. Sie stiften zudem Identität und vermitteln Sinn. Von

Geschichten geht häufig eine besondere Energie aus. Mitarbeiter erkennen sich

plötzlich nicht mehr nur als Funktionsträger, sondern als Mensch.

Märchen für das Management sind eine besondere Art des Story Tellings. Oft

werden Visionen über die Zukunft als Märchen verpackt, damit die Mitarbeiter

auf eine Reise mitgenommen werden. Der Vorstandsvorsitzende der AXA Colonia

erzählte z.B. vor mehr als 500 Mitarbeitern das Märchen vom Wandel einer

Versicherung und zwar so:

Es war einmal ein großes Versicherungsunternehmen, das hatte sich vor langer

Zeit auf einer sonnigen Insel eine Stadt gebaut. Die Bewohner der Stadt lebten

glücklich und ohne Sorgen. Die Sonne schien warm von Himmel, die Wiesen waren

grün, die Felder fruchtbar, das Meer, das die Insel umgab, war friedlich und

voller Fische. Es war fast wie im Paradies! Und das sollte –da waren sich alle

einig – auch immer so bleiben…

Doch natürlich blieb es nicht so, wie das Märchen im weiteren Verlauf zeigt.

Unwetter zogen heran, die See wurde stürmisch, es goss in strömen, und der

Wasserspiegel stieg unaufhaltsam. Zuerst waren nur die Stadtteile bedroht, die

sich auf den tiefer liegenden Teilen der Insel befanden. Plötzlich erwies es sich

als hinderlich, dass die Bewohner der Insel zwischen ihren Stadtteilen Zäune

und Mauern gezogen hatten. Doch die Bürgermeister der einzelnen Stadtteile

taten sich angesichts der drohenden Gefahr zusammen, machten am Horizont

neben dem Unwetter Lichtblicke und neuen Möglichkeiten aus und gewannen die

Bevölkerung der Stadt und Insel dafür, aufzubrechen, um an ein günstiger

gelegenes Gestade zu ziehen und eine prachtvolle neue Stadt zu bauen.


Die Geschichte zeigte die Strategie des Managements, wie man in Zukunft

erfolgreich am Markt agieren will.

Die neu erbaute Stadt war eine Metapher für das neuen Unternehmen, in der es

einen großen Marktplatz (Internetportal) eine Bank (denn die Versicherung

wollte eine Bank kaufen) und keine Zäune (zwischen den Produktsparten) mehr

gab. Die neue Märchenstadt bot ein anschauliches Bild davon, wie AXA Colonia

demnächst aussehen soll.

Strategien, die als Märchen oder Geschichte verpackt werden, können viel

schneller mit dem Herzen aufgenommen werden als duzende von Power Point

Charts mit dem Kopf. Sie sind mit einem positiven Gefühl verbunden und die

Mitarbeiter sehen die Zukunft mit freundlichen und anregenden Bildern.

Wenn es nun aber darum geht mit Hilfe von Story Telling die

Unternehmenskultur oder Teamkultur zu verändern oder auch nur sichtbar zu

machen, dann lädt man sich seine Mitarbeiter ein und erzählt sich Geschichten

zu einem bestimmten Thema:

Und das geht so:

Die Vorbereitung:

1. Die Teilnehmer sollten eine Einladung erhalten, aus der hervorgeht, was

sie erwartet. Es geht nur darum, den Eingeladenen die Chance zu geben, zu

entscheiden, ob sie dabei sein wollen oder nicht.

2. Es braucht jemanden, der das Story Telling anleitet. Wir nennen ihn oder

sie „Begleiter“. Ein Begleiter reicht aus, doch zwei sind wahrscheinlich

vorteilhaft, weil sie mit ihren unterschiedlichen eigenen Geschichten den

Prozess leichter in Gang bringen können.

3. Das Thema festlegen und bereits in der Einladung kommunizieren. Wir

haben gute Erfahrungen mit dem Thema „Ein Ereignis, das mir etwas

gegeben hat“ gemacht.

4. Raum vorbereiten: Ein heller freundlicher Raum. Ein Stuhlkreis mit einer

Pflanze, einem Gesteck oder einem Blumenstrauß in der Mitte.

5. Ein Talking Stick oder Talking Stone in der Mitte des Raumes. Durch das

Holen und Zurückbringen dieses Gegenstandes entstehen wohltuende

Pausen zwischen Geschichten, die den Prozess entschleunigen. Schön ist


es auch, wenn in der Einladung die Teilnehmer aufgefordert werden, einen

Gegenstand mitzubringen, der eine Geschichte erzählt. Diese Gegenstände

liegen dann in der Mitte des Kreises und werden in dem Moment geholt

und vorgestellt, wenn man seine Geschichte erzählen will.

6. Wenn möglich mit Kaffee trinken beginnen. Dadurch bekommen die

Begleiter die Gelegenheit, die Teilnehmer zu begrüßen und ihnen näher zu

kommen. Außerdem können sie sie zählen und die Anzahl der Stühle im

Kreis anpassen.

7. Bei zwei Begleitern: Die Begleiter sitzen sich im Kreis gegenüber. Dadurch

sehen die Teilnehmer nicht nur die Begleiter an, sondern schauen

entweder hin und her oder eben auch in der Runde herum. Dadurch haben

die Begleiter auch die Gelegenheit, mit den Augen zu kommunizieren.

Anmoderation

1. Die Begleiter stellen sich kurz und knapp vor und erklären den

Teilnehmern die Herkunft der Methode. Die Stimmung sollte möglichst

locker, halt wie bei einem Lagerfeuer sein. Keiner braucht eine

Geschichte zu erzählen, aber alle werden sich über die Geschichten

freuen, die erzählt werden.

2. Es ist klar, dass die Geschichten nicht mit Namen (Herr/ Frau XYZ hat

erzählt) weitererzählt werden sollen, sondern im Raum unter den

Teilnehmern bleiben sollen.

3. Es wird vielleicht längere Pausen geben. Diese brauchen nicht

unangenehm sein. Es ist wie bei einem Lagerfeuer, da schaut man auch

einmal nur ins Feuer und geht seinen Gedanken nach. Was hat die

gehörte Geschichte eigentlich mit mir zu tun? Wie hätte ich reagiert

an seiner Stelle? usw. Manchmal entstehen in diesen kreativen Pausen

neue Ideen oder Geschichten fallen einem ein.

4. Jedem ist erlaubt, jederzeit aufzustehen, um sich Getränke zu holen

oder einem menschlichen Bedürfnis zu folgen.

5. Die Begleiter beginnen mit eigenen Geschichten oder lesen auch aus

Büchern, wie z.B. Hühnersuppe für die Seele vor.


6. Der Talking Stick sollte dabei nach jeder Geschichte wieder in die

Mitte gelegt werden, damit die Teilnehmer die Möglichkeit haben aktiv

zu werden.

7. Wenn die Begleiter ihre Geschichte erzählen, ist es wichtig, dass der

Begleiter, der nicht erzählt, sich auf die Geschichte des anderen

einlässt und nicht schon mit seinen Gedanken bei seiner eigenen,

nächsten Geschichte ist. So kann er authentisch miterleben, wie die

Geschichte seines Co´s ihn selbst und die Teilnehmer berührt. Nur so

ist er in der Lage, eine angemessene Pause zu lassen, bevor er sich den

Talking Stick holt. Andernfalls wirkt es vorbereitet und unecht.

Außerdem wird so den Teilnehmern auch schon zu Beginn die Chance

gegeben, jederzeit selbst mit den eigenen Geschichten zu beginnen.

8. Vorgesetzte der Teilnehmer sollten sich in der Anfangsphase

zurückhalten. Oft wird das Spiel gespielt, mal schauen wer zuerst

etwas erzählt. Seltsamerweise geht es meist die Hierarchieebene

abwärts. Wenn die Teilnehmer merken, dass die Chefs nicht Retter

spielen, dann machen sie sich auch selbst Gedanken über ihre

Geschichten.

Zum Schluss:

1. Der Schluss wird damit eingeleitet, dass man sagt, man hätte jetzt

vielleicht noch Zeit für 1 –2 Geschichten, da man im Anschluss noch

eine Feedbackrunde machen wollte. Wenn jemand bis dahin ein Kribbeln

im Bauch verspürt hat, und eine Geschichte noch heraus will, dann

werden nun auch unentschlossenen und schüchterne den Mut

aufbringen.

2. Feedbackrunde:

Wie war das Story Telling für Sie? Was nehmen Sie für Eindrücke und

Erkenntnisse mit? Bedeuten sie etwas für unsere Arbeit?

3. Danach folgt der Dank an den Einladenden und die Teilnehmer für die

vielen schönen Geschichten.

(Auszüge von Sabine Bredemeyer –all in one spirit)

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