Die Federsammler; Band 1: "Liebe Grüße aus Jena!"

federsammler

VÖ: 12.11.12 Schülerinnen der 6. Klasse aus der Leonardo Schule Jena haben die Federsammler-Reihe an den Start gebracht. Sie haben die Haupthelden der Reihe erfunden, charakterisiert und zum Leben erweckt. Ihnen sei gedankt, dass sich die Reihe so vielfältig entwickelt!

Kraaahh, krahhh!


Die Federsammler

Liebe Grüße aus Jena


Die Federsammlung ist ein Projekt zur Förderung der

deutschen Sprache im In- und Ausland Kinder und Jugendliche

sind die Autoren einer gemeinsamen Kinderbuch-Reihe.

Eine offene Geschichte für kleine Leser!

Die Federsammler schlagen eine Brücke zwischen jugendlicher

Erlebniswelt und spielerischem Lesenlernen. Das Erweitern des aktiven

deutschen Wortschatzes soll dabei unterstützt werden. Jugendliche

sind Erzählpaten ihrer kleinen Leser. Die Geschichten der Jung-Autoren

koppeln die Federsammler mit praktischen Lernelementen für frühzeitige

Sprachentwicklung. Die Web-Plattform bietet Lernmaterialien und

Spiele aus verschiedenen Städten und Ländern als kostenfreie Downloads

sowie den Austausch zwischen Lesern, Autoren, Eltern, Lehrern

und Erziehern.

Arti & Fietje beginnen ihre Reise in Jena und erfahren bald, wo und von

wem ihre Erlebnisse auf ihrer Suche nach dem großen Sprachschatz

weitererzählt werden.

Liebe

Grüße aus

Jena!

Die Federsammler

Liebe Grüße aus Jena

1. Auflage 2012

©KlangbildVerlag Antje Hübner, Jena

Konzept & Umsetzung: Kristina Dahlmann, Antje Hübner

Hrsg.: Dahlmann, Hübner ARGE / Die Federsammler

Jung-Autorenteam: Michelle Felchner, Cora Fischer, Luisa Koschelle,

Theresa Losse, Ulrike Niewiodoma, Anna-Luisa Wolfram, Marlene Zippel

Autoren: Kristina Dahlmann, Antje Hübner

Redaktion/Lektorat: Ina Haun, Antje Hübner

Illustration & Satz: Maria Suckert, Weimar

Umschlag: René Buschner, FARBRAUM GmbH

Gedruckt in Deutschland bei Tischendorf :: Die Medienpartner, Greiz

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-9814441-3-1

www.federsammler.de


Wie du dieses Buch „richtig“ liest!

Einführung & Inhalt

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Um das Buch in seinem vollen Reichtum zu nutzen, ist hier ein Wort-Weg-

Weiser für dich. Du beginnst von vorn nach hinten und von oben nach unten.

Das wusstest du schon? Nichts für ungut! Denn die Federsammler haben

sich überlegt, wie man Spaß am Wörter-Sammeln hat.

Also aufgepasst! Es erwartet dich auf manchen Seite eine Feder. Diese hat natürlich

einen Sinn. Nicht nur Fietje und Arti, auch du bist mit dieser Lese-Reise

ab sofort auf der Wortschatz-Suche. Du bist schon mittendrin. Die Federn

umschreiben Wörter, die du im Text findest – so etwas nennt man Synonym.

Gemeint sind andere Wörter für das Wort im Text. Und schon bist du um zwei

Worte reicher! So einfach geht das mit der Schatzsuche!

Feder ...

Wenn du ein Abenteuer zu Ende gelesen hast, kannst du deine Schätze noch

einmal im Ganzen überblicken – nämlich auf Seite... Mitunter findest du aber

auch so ein kleines Skateboard mit einem Fragezeichen.

Skateboard

Dahinter verbirgt sich noch mehr zu einer Sache, die auf dieser Seite vorkommt.

Macht dich das neugierig? Na klar! Du bist ja ab heute ein Federsammler!

Herausfinden kannst du das Geheimnis dahinter unter: www.federsammler.de

Hier suchst du dein Buch, klickst aufs Fragezeichen-Skateboard und wirst

fündig. Wer hätte das gedacht, dadurch wirst du reich. Du weißt mehr als andere

und bist auf bestem Weg ein erfolgreicher Federsammler zu werden.

Mit jeder Feder erweiterst du dein Wortreichtum. Mit jedem Skateboard dein

Wissen über spannende Extras. Vielleicht wirst du wie Arti bald zum König

der Worte gekrönt?

1. Auf dem Schrottplatz

2. Im Ostbad

3. Im „Bunten Haus

4. Auf dem Marktplatz

5. In der „Göga“ (Goethe Galerie)

6. Im „Para“ (Jena Paradies)

7. Im Planetarium

8. In Jena Lobeda

9. Auf dem Holzmarkt

10. Auf dem Theaterplatz

11. In Schillers Gartenhaus

12. Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

13. Im Botanischen Garten

14. An einem unbekannten Ort

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Viel Spaß beim Lesen und entdecken!


Auf dem Schrottplatz

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Auf dem Schrottplatz

Den Rucksack auf dem Rücken, rollte Fietje mit seinem Skateboard

von der Schule nach Hause. Er wollte dort schnell seine Sachen ablegen

und gleich weiter ins Ostbad fahren. Auf der Camsdorfer Brücke

fiel seine Federmappe aus dem Rucksack. Er hatte vergessen, den Reißverschluss

zuzuziehen. Als er sich nach dem klatschenden Geräusch

umsah, rutschte er auf seinem Board ein Stück zu weit nach hinten. Es

schnappte vorn hoch und sein Fuß gab ihm beim Abspringen noch einen

kräftigen Schubs. In hohem Bogen flog sein heiß geliebtes Skateboard

über das Brückengeländer in die Saale. „Das kann doch jetzt nicht wahr

sein! Mann, ich bekomme es nicht einmal wieder, wenn ich hinterher

schwimmen würde!“, fluchte Fietje. Zerknirscht hing er über dem Geländer

und sah seinem Board nach, das viel zu schnell flussabwärts trieb.

Es war kaum noch zu sehen. „Jetzt bist du nur noch ein kleines Boot, auf

dem die Enten schaukeln werden. Leb´ wohl!“, rief er verdrießlich in

die Saale. Nun musste er den ganzen Weg nach Hause laufen. Der Blick

zum Himmel verhieß auch nichts Gutes. Da sah es mächtig nach Gewitter

aus. Schwarze Wolken türmten sich hinter Jenas Bergen. Wenn er

sich nicht beeilte, konnte er das Baden für heute auch vergessen. Da kam

auch noch eine Erinnerungs-SMS von seiner Mutter. Er sollte zu seinem

Onkel Martin gehen, etwas für den Grill abholen. Der Schrottplatz, auf

dem sein Onkel arbeitete, lag zum Glück in der Nähe vom Ostbad. Fietje

musste sowieso daran vorbei laufen. Vielleicht würde er dort auch etwas

schönes Altes für sich finden, was seine Laune ein bisschen aufhellte.

„Na gut, dann ab nach Hause! Badesachen holen!“ Zuhause angekommen,

schmiss er seinen Rucksack in den Flur, schnappte

sich Badehose und Handtuch und machte

sich sofort wieder auf den Weg.

verdrießlich oder

verärgert, schlecht gelaunt


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Auf dem Schrottplatz

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„Toll! Das Brett in der Saale, Fietje nicht im Bad!“, grollte der Junge

laut vor sich hin. Dabei schien nach tagelangem Regen endlich wieder

die Sonne. Da kam auch noch eine SMS von seiner Mutter: „Geh

bitte zu Onkel Martin und hole das Grillgitter ab! Danke! Mama.“ Der

Schrottplatz, auf dem sein Onkel arbeitete, lag in der Nähe vom Ostbad.

Vielleicht würde er dort etwas schönes Altes für sich finden, was seine

Laune etwas aufhellte. „Na gut, schnell ab nach Hause und Badesachen

holen!“, sprach er seine Gedanken vor sich hin. Zu Hause angekommen,

warf er schnell seinen Rucksack in den Flur, schnappte sich Badehose

und Handtuch und machte sich wieder auf den Weg Richtung Schrottplatz

und Ostbad. Die Bremsen von Martins altem Auto quietschten

furchtbar als er zum Tor des Schrotthandels herein fuhr. Er war nicht

zu überhören. „Dieses Quietschen macht einen noch verrückt!“, brummelte

Fietje, als er fast gleichzeitig durch den Eingang schlenderte. Er

wartete lieber hier am Tor. Martin hatte ihn ja gesehen. Er würde sicher

zurück kommen, wenn er den alten Kasten abgestellt hatte. Auf dem

Platz war ein Kran sehr beschäftigt. Mit seinen Greifern hob er

unermüdlich Dinge hin und her und ließ sie in einen

der Container fallen. Und immer wieder

ging die Pressmaschine an, die den

Containerinhalt mit lautem

Knarzen zermalmte.

Sein Onkel kam eine Minute später auf ihn zugelaufen. Bei jedem

Schritt schwabbelte Martins Bauch hin und her. „Wie das Pendel

der alten Wanduhr bei Oma Maria“, flüsterte Fietje

so leise, damit Martin es auf keinen Fall hören konnte.

Inzwischen war auch Onkel Martin pustend und

schnaufend bei ihm angekommen. Fietjes Blick

huschte schnell noch über einen Schrottberg und

blieb an einer grünen Metallkiste hängen. Die

könnte er vielleicht als Aufbewahrung für seine

Postkartensammlung gut gebrauchen.


10

Auf dem Schrottplatz

11

„Na, was brauchst du denn heute wieder, Kleiner?“, riss er Fietje aus seinen

Gedanken. Der Junge blickte in das schwitzende Gesicht des Onkels.

„Hey, Martin, hallo! Ich brauche nichts, nein. Ich soll für Mama etwas

abholen, irgendetwas für den Grill.“ „Ach ja, das Grillgitter! Das hol´

ich dir gleich.“

Martin schlurfte los und kam kurz darauf mit dem Gitter zurück. „So

groß ist das? Ich wollte doch heute noch ins Ostbad gehen. Vorhin ist

auch noch mein Board in die Saale geflogen. Ich muss also zum Bad und

nach Hause mit dem Gitter laufen!“ Fietje bereute sofort, dass er auf

dem Weg ins Bad hier Halt gemacht hatte. „Wie jetzt? Dein Lieblingsspielzeug

ist in die Saale geplumpst? Wolltest du auf der Saale surfen?“

Onkel Martin machte sich oft und gerne lustig über seinen Neffen.

„Aber warte mal! Vielleicht ist heute dein Glückstag!“, grinste er und

strich sich genüsslich über den dicken Bauch. „Naja, bisher ist er das

eher nicht“, stöhnte Fietje.


12 Auf dem Schrottplatz 13

„Ich habe gestern so ein Brett auf einem der Schrotthaufen gesehen.

Lass mich überlegen, wo das war! Klar! Es lag in der Kiste da drüben, ...

äh in der da oben! Hm, tja, das tut mir jetzt leid!“ Fietje schaute in die

Richtung, in die Martin mit dem Kopf gezeigt hatte und sah, wie die

grüne Kiste von einem Kran hoch gehoben wurde. Daneben klaffte ein

grosses, tiefes Container-Loch. Die Pressmaschine des Schrottplatzes

surrte schon fröhlich vor sich hin. Der Kran hatte den Deckel der Kiste in

seinem Maul zerdrückt und gab ein Ächzen von sich, als wäre sie ihm zu

schwer. Im selben Moment klappte die Seitenhalterung der Kiste auf und

ein Skateboard war zu sehen! Langsam ließ der Kran die Metallkiste in

den Container hinunter gleiten. Fietje rannte los und hielt keuchend vor

dem riesigen Behälter an, der gerade Kiste und Skateboard verschlingen

wollte. „Martin! Sag schnell deinem Kollegen, dass sie die Pressmaschine

abstellen sollen! Ich hol mir das Board hier wieder raus“, schrie er über

den gesamten Schrottplatz. Er hangelte sich an dem Container hoch und

sprang hinein.

surren oder

brummen, dröhnen


14 Auf dem Schrottplatz 15

Direkt neben der Kiste, genau dort, wo das Skateboard heraus lugte,

kam er auf dem Containerboden auf. Ohne zu zögern, griff er nach dem

Board und riss es an sich. Jetzt musste er schnell wieder hier raus, um

nicht auch zu Schrottmus zerquetscht zu werden. Dies kaum zu Ende

gedacht, setzte das unheilvolle Geräusch der Presse wieder ein. Wahrscheinlich

hatte ihn Martin vorhin nicht gehört, denn die Maschine

legte wieder los.

Wo war nur die Leiter, die nach oben führte? Panisch suchte Fietje

nach den Stufen an der Wand. „Ah, Mist!“ Genau auf der anderen Seite

des Containers sah er sie. Wie kam er jetzt am schnellsten dorthin?

Der Schrott nahm den ganzen Raum ein. Fietje drückte sich so nah

wie möglich an die Container -wand und schloss die Augen. Er hatte

zwischen Wand und Kiste keine Armlänge mehr Platz, als ein ohrenbetäubendes

Geräusch erklang. „Knooorx!“ Die Kiste war jetzt nur noch

ein dunkler schmaler Metallstreifen. „Uaaah! Hilfe!“ Fietje hörte Martin

rufen: „Mann, Junge! Wo bist du um Himmels Willen?“ „Martin, mach’

endlich die Maschine aus!“, schrie Fietje voller Angst. Es war so laut in

dem Container, dass sein Onkel ihn oben nicht hören konnte.

unheilvoll oder

bedrohlich, gefährlich


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Auf dem Schrottplatz

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„Aaaah!“ Stille! Das gefräßige Monster hatte ein Einsehen. Es

hörte mit einem Mal auf zu knarzen. „Puh, das war knapp! Bist

du denn verrückt geworden?“ Martin zog Fietje an seinem Arm

unsanft nach oben an die Luft. Sie standen beide vollkommen

geschafft neben dem Container. „Und sag mal

bitte, dafür riskierst du dein Leben?“ Der Onkel

zeigte auf das Board, das Fietje krampfhaft

festhielt und schüttelte verständnislos

den Kopf. Der Junge schaute beschämt auf

den Boden, malte mit seinem Fuß einen

Kreis in den Kies und flüsterte:

„Martin, ... zum Glück hat jemand die

Maschine ausgemacht!“

„Ich weiß beim besten Willen nicht, wer das Ding ausgemacht hat.

Dein Schutzengel vielleicht! Wer auch immer das war, du hast wirklich

Schwein gehabt! Ich konnte ja nur von Weitem zusehen, wie du hier

rein gesprungen bist! Dann bin ich los gerannt, um dich wieder raus zu

holen und dann ging die Maschine auf einmal los. Meine Güte!“

Martin schwitze noch mehr als vorhin. „Mach dich auf nach Hause!

Ich muss den Schreck erst einmal verdauen und du auch! Und lass das

Gitter erst einmal da. Das kann ich nächstes Wochenende

mitbringen, wenn ich zu euch komme.“


augenblicklich oder

Im Ostbad

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Im Ostbad

Schreck verdauen sah bei Fietje anders aus. Sicher, er hatte weiche Knie

und sein Herz klopfte hörbar. Über das ergatterte Skateboard war er

dennoch glücklich. Es war ja alles noch einmal gut gegangen! Wieder

auf der Straße, probierte er seine Beute sofort aus. Fehlanzeige! Die

Räder bewegten sich keinen Deut. Mist! Er würde sich das Brett nachher

genauer anschauen müssen. Nicht, dass er umsonst in den Container

gesprungen war! Jetzt sollte er aber besser die Beine in die Hand

nehmen, bevor die dunkle Wolkenwand ihr Gewitter ausspuckte und er

heute nicht einmal baden war.

An der Wiesenstraße schaltete die Fußgängerampel, die zur anderen

Saaleseite führte, auf Rot. Fietje war das heute gleich. Der Frau im

orange farbigen Auto, die ungebremst auf ihn zu fuhr, war das alles

andere als egal! Laut quietschten die Räder, als sie knapp vor Fietje

zum Stehen kam. Sie ließ sofort das Fenster herunter und schrie aufgebracht:

„Sag mal, bist du verrückt geworden?“ „Uh, das zweite Mal

heute, dass ich knapp mit dem Leben davon gekommen bin!“, dachte

der Skater. Die Frau schimpfte immer noch, was das Zeug hielt. Er

rannte und rannte bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Sie sollte ihn

lieber nicht dran kriegen für soviel Unfug!

sofort, prompt


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Im Ostbad

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Endlich war er im Ostbad angekommen. Er suchte sich einen Platz

direkt an der Rutsche, legte sein Handtuch auf die Wiese, zog sich aus

und wollte zum Becken laufen. Doch, da ..., begann es zu regnen!

Ach, was! Regen war gar kein Ausdruck! Es schüttete wie aus Kannen.

Die Wolken waren tatsächlich bis ins Tal gekommen. Manchmal bleiben

die blöden Wolken an den Bergen hängen und entleeren sich dort!

Heute natürlich nicht! Das hatte Fietje jetzt noch zu seinem Glück

gefehlt! Damit seine Sachen nicht durch und durch nass wurden, hielt

er sich das rostige alte Skateboard über den Kopf. Er sammelte schnell

seine Sachen ein und rannte Richtung Ausgang. Er wollte sich beim

Fahrradständer unterstellen.


22

Im Ostbad

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schimmern oder

funkeln, glänzen

„Dann also doch nicht baden! Ein ganz toller Tag!“, fröstelnd knurrte

Fietje vor sich hin, während er seine Sachen ordnete. Er neigte in

Situationen, in denen etwas schief lief, dazu, mit sich selbst zu reden.

Er wusste das von sich. Seine Freunde kannten das auch von ihm.

Die grinsten immer, wenn sie ihn dabei erwischten, wie er Selbstgespräche

machte. Nur wenige Sekunden später war der Platzregen

vorüber. Noch nicht einmal seine Hose hatte sich Fietje richtig angezogen.

„Ich hätte doch einfach warten sollen!“, ärgerte er sich über

seinen überstürzten Aufbruch. Für einen zweiten Eintritt reichte sein

Geld nicht. „Dann gehen wir eben nach Hause!“, sprach er nun mit

seinem Board. Wenigsten grinste das nicht, wenn er laut vor sich hin

sprach, mit einem Skateboard! Er strich gedankenverloren über die

Unterseite seiner hart erkämpften Beute, auf der es jetzt blass rötlich

schimmerte. Er rubbelte mit seinem Handtuch alles trocken und

wollte sich das Zeichen in der Mitte zwischen den Rädern richtig anschauen.

Auf einmal vernahm er ein lang anhaltendes: „Zisch!“ Um

ihn herum undurchdringlicher weißer Dampf. Dichter Nebel, überall!


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Im Ostbad

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Wie versteinert stand Fietje da. Nicht einmal seine Hand konnte er

mehr sehen. Sobald sich der Nebel verzogen hatte, blickte er sich hektisch

um. Die bemalte Wand, der Fahrradständer, die Wiese. Alles war

wie vorher.

Er konnte nichts erkennen, was den Nebel ausgelöst haben könnte.

Aber, ...Moment! Auf seiner Schulter zwickte etwas. Das Etwas war

noch dazu ziemlich schwer! Fietjes Herz fing wild an zu pochen.

„Habe ich Angst? Aber, wovor denn bitte?“ Er atmete tief ein, nahm

allen Mut zusammen und drehte seinen Kopf langsam nach links. Dort

saß ein großer grauer Vogel mit roten, langen Schwanzfedern. Beide

schauten sich drei Minuten lang schweigend an. „Na gut, ... wer bist

du? Machst hier Nebel und schaust dümmlich drein?“, stammelte

Fietje, der sich wieder etwas gefangen hatte.

Der Vogel schaute ihn nur fragend an. „Na, klasse! Mir sitzt ein Tier auf

der Schulter. Das ist ja mal wieder typisch für mich! Willst du etwa hier

sitzen bleiben, du Vogel? Und was soll ich jetzt mit dir machen?“ Schon

etwas mutiger stupste er ihn in die Seite. „Ach, vielleicht gebe ich dir

erstmal einen Namen. Lass dich mal genau anschauen. Irgendwie siehst

du aus wie ein Arti. Keine Ahnung, was ein Arti ist, aber du siehst so

aus. Gefällt dir dein Name, kleiner Arti?“Fietje strich dem Vogel leicht

über seinen Flügel.


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Im Ostbad

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„Eine Frechheit! Mein Name ist schon immer Arti gewesen, den kannst

du mir nicht noch einmal geben! Ich bin Wortartist, bester Sprachkünstler

unter der Sonne. König von Wort-Reich, kraaah“, kam es mit

einem Mal schnippig von Fietjes Schulter. Arrogant hob der Vogel den

Kopf, drehte Fietje den Rücken zu und tat so, als würde ihn die Umgebung

interessieren. Fietje traute seinen Augen und Ohren nicht!

„Hat der Vogel gerade gesprochen? Hat er etwa alles verstanden, was

ich gesagt habe? Woher weiß er, wie ich ihn gerade genannt habe? Oder

bin ich wirklich verrückt geworden und alle haben Recht?“ Der Vogel

flatterte von Fietjes Schulter hinunter auf die Wiese und putzte sich

dort sein Federkleid. Es war nass geworden von den Wassertropfen,

die - flop, flop, flop - vom Dach des

Fahrradständers fielen und seine

schönen roten Federn besudelten.


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Im Ostbad

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„Ganz ruhig, Fietje! Von vorn! Es war neblig. Wie lange war es neblig?

Eine Minute? Kam der Nebel vom Regen? Regen macht nicht gleich

Nebel und schon gar nicht so dichten! Hm..., und er da? Sieht aus wie

ein Papagei, oder? Papageien können sprechen. Ok, eher nachplappern.

Aber doch nicht so viel! Und vor allem können sie keine eigene Meinung

kundtun!“ Während er sprach schüttelte Fietje voller Unverständnis

seinen blonden Schopf.

Er schnappte sich das Board, was er vor Schreck fallen gelassen hatte,

und setzte sich damit im Schneidersitz dem Vogel gegenüber. Er betrachtete

ihn grübelnd. Der stolze Vogel fuhr aber kurz darauf fort:

„Im Wort-Reich gibt es 100 Sprachen. Ich spreche sie natürlich alle,

ich bin ja der König!“ „Oh, Mann!“ Fietje schlug sich mit der Hand vor

den Mund. „Neben Wort-Reich liegt Sprachlos-Land. Sprachlos-Land

versucht seit Generationen unseren Reichtum zu stehlen, unseren

Reichtum an Wörtern.“ Wieder zupfte sich der Vogel seine herrlichen

Schwanzfedern zurecht. „

Gut, du Wort – ARTI - st! Ich weiß zwar nicht, was hier gerade passiert,

aber entweder ich bilde mir das alles ein, oder du bist ein echter Vogel,

der wie auch immer, aus dem Nebel kam und nicht ohne Grund hier

gelandet ist!“ „Natürlich bin ich nicht ohne Grund hier, Fietje! Und ja,

ich bin ein Papagei, wie du dir gedacht hast. Ich bin ein Graupapagei,

um es exakt zu sagen. Ist ja auch zu sehen, nicht wahr? Graue Federn,

rote Federn. Alles klar? Alle Wörter aus den 100 Sprachen, die ich spreche,

trage ich seit meiner Geburt in meinem Federkleid. So will es das

Gesetz. Ich komme aus Südamerika und bin 1439 Jahre alt. Doch das

ist nicht der Grund, warum ich hier bin.“


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Im Ostbad

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„Verflixt! Woher weiß der Papagei meinen Namen? Er scheint mich

komplett verstanden zu haben! Du, sag mal Arti, wo kommst du eigentlich

so plötzlich her?“ Fietje wollte jetzt wissen, was hier los ist.

Und der Papagei deutete auf das Skateboard ... „Was, du warst in diesem

Skateboard?“, zeigte Fietje verblüfft unter sich. „Klar! Jahre lang war

ich darin. Und meinst du, das war bequem? Und das alles, obwohl ich

König bin. Der König von Wort-Reich!“ Jetzt verstand Fietje gar nichts

mehr. „Wie Nebel, wie Skateboard?“ „Ok, ist doch gut, du König! Soll

ich dir eine Krone basteln? König der Worte, bester Sprachkünstler

unter der Sonne?“ „Man braucht als König keine Krone! Zugegeben,

zur Krönung! Damit alle sehen, wer die meisten Wörter sprechen kann.

Wie heißt das hier eigentlich, wo es mich hin genebelt hat?“ Beleidigt

schaute sich Arti um.

„Oh, Entschuldigung! Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt! Ich bin

zwölf Jahre alt und Jenenser. Ich bin hier geboren und ich wohne hier,

in Jena. Das ist die Stadt, in der du gelandet bist. Die heißt Jena. Ach

so, und ich bin kein Wort-Artist.“ „Tzzz, ...und? Weiter!“ Fordernd

schüttelte Arti sein Flügelgelenk. Für ihn schien das alles ganz normal

zu sein. Vogel spricht mit Mensch, na klar! „Du bist so ziemlich in der

Mitte von Deutschland gelandet. In einer modernen Stadt mit grünen

Hügeln ringsherum. Wir befinden uns also in einem Tal, sieht man ja.

Viele Erfindungen, die man weltweit benutzt, kommen aus diesem Tal.

Sonst noch etwas, was du wissen willst?“


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Im Ostbad

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„Schon, ja! Ich muss überall, wo es mich hin nebelt, Wörter sammeln,

damit mein Wort-Reich immer reicher wird. So will es das Gesetz! Also,

Frage: Wie spricht man hier? Jenaisch?“ „Jenaisch? Hihi! Man spricht

deutsch und ein bisschen Jenenser Dialekt.“ Fietje amüsierte sich köstlich

über Artis Gehabe. Das sollte bald anders werden, doch das ahnte

er noch kein bisschen. „In Jene lebt sich’s bene, sagt man zum Beispiel.

Und das heißt: in Jena lebt es sich gut“, erklärte Fietje weise und grinste.

„Unterstehe dich, dich über mich lustig zu machen!“ Arti machte

ein Gesicht wie Sauerteig. Das schien ja ein schöner Ort zu sein, wo es

ihn diesmal hin verschlagen hatte! „Im Übrigen hast du mir vorhin mit

deinem Sprung in den Container das Leben gerettet“, erklärte der König

der Worte leichthin, als müsste er sich dafür bei Fietje nicht bedanken.

Im Gegenteil! Er faselte weiter: „Damit hast du ab sofort die königliche

Aufgabe, meine gesammelten Wörter aufzuschreiben, vorzulesen, zu

wiederholen, zu übersetzen, zu beugen, zusammenzusetzen und andere

Wörter und gegensätzliche Wörter dafür zu finden! So will es das

Gesetz, kraaah!“ Zack, Schnabel in die Luft! „Ja, ja, genug jetzt! Ok“,

langsam begriff Fietje seine Lage. In dem Brett, was er aus dem Container

geholt hatte, war ein Vogel versteckt, der nach seinem nebeligem

Auftritt daher stolzierte. Dieser saß ihm gegenüber und sprach mehr

als es der normale Menschenverstand erlaubte! Es war Freitag, sie hockten

vor dem Ostbad. Das passierte alles wirklich! „Arti, willst du hier

bleiben?“ Der Vogel nickte wissend, hob seinen rechten Flügel und bedeutete

ihm, dass sie gehen sollten. Er nahm auf Fietjes Schulter Platz,

als hätte er dort schon immer gesessen. „Lass uns jetzt ins Zentrum

fahren!“ Er zeigte auf das Board, auf dem Fietje immer noch saß. Dieser

wollte erklären: „Das funktioniert noch nicht, ich muss es ...“ „Steh auf

und fahre“, fiel Arti ihm ins Wort.

So blieb dem Jungen nichts übrig,

als sich auf das Board zu stellen. Es

rollte augenblicklich los, ohne

dass er es mit dem Fuß angestoßen

hatte! „Fahre schneller, du

Skateboard“, kam es gleich

darauf befehlshaberisch von

Fietjes Schulter. Dieser musste

erst einmal seine Balance

finden. Das Brett unter

seinen Füßen schien sich

selbstständig zu machen.

Es rollte, als würden

sie gleich abheben.

Fietje stockte der

Atem, während er

wie wild balancierte.

amüsieren oder erfreuen,

sich vergnügen


Im „Bunten Haus

Im „Bunten Haus

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„Hey, es reicht!“ Fietje wurde alles zunehmend unheimlich. Sie kamen

ins Zentrum. Auf Jenas Straßen war einiges los zum Freitagnachmittag.

„Nicht so schnell!“, rief er nun verärgert. Sie fuhren auf einmal langsamer.

„Das gibt es doch nicht! Hört das Board etwa auf meinen Befehl?“

Um genau 17 Uhr hielten sie vor Fietjes Haus. Woher das Skateboard nur

die Adresse wusste? Die hatte Fietje noch nicht genannt.

In das Bunte Haus am Markt war er mit seiner Mutter und seiner kleinen

Schwester Lilli erst vor kurzem eingezogen. Es lag direkt in der

Innenstadt. Man konnte von seinem Fenster aus den Marktplatz sehen.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Es war nicht abgeschlossen. Seine

Mutter war zu Hause. Als er eintrat, telefonierte sie mit ihrem Chef.

„Mama arbeitet im Jen-Tower, dem riesigen runden Bürohaus da drüben.

Die Jenenser nennen es „Keksrolle“, wisperte Fietje seinem Begleiter

zu. Er versuchte den Flur entlang zu kommen, ohne dass seine

Mutter ihn und den Papagei auf seiner Schulter bemerkte.

wispern oder

flüstern, tuscheln


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Im „Bunten Haus

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„Ich finde, Keksrolle ist ein netteres Wort. Apropos Keks, ich habe Hunger“,

beschwerte sich Arti, als sie, von der Mutter unbemerkt, in Fietjes

Zimmer verschwunden waren. „Ja, das Gebäude sieht ja auch aus wie

eine Rolle Kekse.“ Fietje gab Arti einen Doppelkeks aus der Packung, die

er immer bei sich hatte und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Die Hausaufgaben warteten. „Englisch, pfff !“, stöhnend lehnte er sich

auf seinem Stuhl nach hinten. „Was machst du da?“, fragte Arti. „Ich

muss etwas für die Schule übersetzen.“ „Und warum lässt du mich das

nicht machen?“ Wieso hatte Fietje ihn nicht gebeten, das zu erledigen?

Ihn, der 100 Sprachen sprach. Englisch war dabei eine seiner leichtesten

Übungen, grollte Arti in sich hinein. „Du kannst wirklich 100 Sprachen

sprechen? Pfff. Naja, ein Versuch ist es wohl wert. Ich hole mir schnell

etwas zu essen. Bin gespannt, was du fertig hast, wenn ich wieder da

bin. Hier hast du Stift und Papier.“ Siegessicher, dass der Vogel seine

Aufgaben auf keinen Fall machen könnte, ging Fietje in die Küche. Auf

dem Flur stieg ihm der Geruch frisch gebackener Pizza in die Nase.

apropos oder übrigens,

nebenbei bemerkt


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Im „Bunten Haus

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„Hallo Fietje, wie war es in der Schule?“, fragte seine Mutter als er in

die Küche schlenderte, sehr bedacht darauf, dass er ganz normal wirkte.

„Gut war es“, antwortete Fietje wortkarg, der nie viel sagte, wenn seine

Mutter ihn ausfragen wollte. Er biss schnell von seiner Pizza ab. Mit

vollem Mund soll man ja nicht sprechen. „Und wie war es im Ostbad?“

Sie wusste genau, was er machen würde, wenn nur eine Minute die

Sonne schien. Rampe oder Ostbad. Ostbad oder Rampe. „Nass war

es.“ Kauend drehte sich Fietje dem Pizzablech wieder zu. „Hast du das

Gitter von Onkel Martin noch holen können?“, bohrte sie weiter. „Nein,

Martin kommt am Wochenende und bringt das Gitter. Ich wollte doch

ins Bad und da hat er gesagt, ich brauch es nicht mitnehmen.“ Schnell

schob sich Fietje das nächste Stück Pizza in den Mund. Damit ging

er wieder in sein Zimmer. Besser er verschwand flugs, bevor sie noch

mehr fragen konnte und er sich verquasselte, was Arti anging.

sich verquasseln oder sich

verplappern, sich verquatschen


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Im „Bunten Haus

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Der Papagei hatte es sich in der obersten Schublade seiner Kommode

gemütlich gemacht. Die Sockenpaare, die Fietje darin ordentlich

gestapelt hatte, befanden sich nun wüst verstreut auf dem Fußboden.

„Arti, was sollte das?“ „Mir war langweilig.“ Der Vogel lag sichtlich

bequem zwischen den restlichen Socken. Seinen Flügel hatte er in den

Nacken gelegt, um den Kopf zu stützen. „Langweilig? Ich dachte, du

wolltest meine Übersetzung machen?“„Alles hier oben drin“, tippte

sich Arti an seine Schläfe. „Genau! Ich gebe dich am Montag in der

Schule ab und sage: Alles dort drin. Das funktioniert bestimmt super!“

Fietje war entnervt. „Klar, ich will doch sehen, woher du deine Wörter

bekommst! Du erinnerst dich? Du bist königlich beauftragt, Wörter

für mich zu sammeln!“ „So will es das Gesetz? Arti, halt bitte endlich

deinen Schnabel! Für heute habe ich echt genug!“ „Ich will eine Decke!“

Als Fietje ein T-Shirt über Arti legte, kam von diesem schon ein Schnarchen.

Er brauchte jetzt dringend Ablenkung. Er war heute nur knapp

einer Pressemaschine und einem Auto entkommen, hatte ein neues

Skateboard, das Befehle hörte und ausführte und einen Vogel, der 100

Sprachen sprach und der zu allem Unglück ..., schnarchte! Erst spät

ging er ins Bett. Er spielte noch eine Weile mit seiner Playstation.

Am nächsten Morgen wollte er ausschlafen, doch seine Mutter würde

ihn früh wecken.


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Im „Bunten Haus

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8 Uhr. Rums! Fietje wurde durch ein lautes Klopfen an seiner Tür geweckt.

„Fietje, ich muss los. Steh bitte auf, Lilli wird gleich wach sein!

Danke und bis nachher“, hörte er seine Mutter rufen.

Dann ​fiel die Wohnungstür ins Schloss. Der Vormittag verlief wie fast

jeden Samstag. Er machte seiner 3-jährigen Schwester Essen und spielte

mit ihr, bis seine Mutter vom stundenlangen Wochen-Einkauf zurück

war. Er nahm erst einmal wenig Notiz von seiner Schublade und deren

Inhalt. Arti wollte er nachher mit auf die Rampe nehmen. Mal sehen,

was Sebastian, sein bester Freund, dazu sagen würde. Er musste ihm

unbedingt erzählen, was gestern alles passiert war. Das glaubte er ihm

bestimmt nie!

Nach dem Mittagessen legte Fietje seine Schwester wieder schlafen.

Jetzt war Zeit nach Arti zu sehen. Als er in sein Zimmer kam, saß der

Papagei - wer weiß wie lange schon - auf dem Fensterbrett und beobachtete

das Markttreiben, was man von hier oben sehr gut sehen konnte.

„Fietje, da unten gibt’s Bananen! Deine Kekse sind alle. Eure Keksrolle

hat bestimmt keine Kekse, oder? Ihr Jenenser seid doch eigentümlich!“

Die schlechte Laune von gestern Abend hatte sich noch nicht so recht

verzogen. „Hoffentlich ist der Vogel nicht immer so nervig!“, dachte

Fietje bei sich.


Auf dem Marktplatz

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Auf dem Marktplatz

„Gut, dann zeige ich dir jetzt die Stadt, die seit gestern einen Nebel-Papageien

begrüßen darf. Und ja, du bekommst deine Banane!“, rief Fietje

aus dem Flur in sein Zimmer und zog sich seine Turnschuhe an. Auf dem

Küchentisch lag etwas Geld. Seine Mutter hatte ihm 5 Euro hin gelegt,

bevor sie mit Lilli zum Paradiesspielplatz gedüst war. Zum Glück war sie

hatte sie keine Zeit gehabt, zwischendurch nach Fietje zu sehen. So wusste

sie immer noch nichts von dem gefiederten Mitbewohner. Das würde sie

heute Abend spätestens herausfinden, mutmaßte Fietje. Nun stand er mit

einem Papagei auf der Schulter vor seinem Hauseingang. Er blickte zu den

Marktständen und wollte schon Richtung Bananen-Kartons aufbrechen, als

mit schnellen Schritten ein Mann direkt auf ihn zu kam. Ohne zu grüssen,

fragte er Fietje, wie viel er für den Papagei haben wollte. „Oh nein! Ich

wohne hier. Ich bin kein Händler.“ „Ich habe gefragt, wie viel du haben

willst und nicht, ob du ein Händler bist!“ Der Mann hatte einen versteinerten

Gesichtsausdruck. Seine unfreundlichen Augen musterten Fietje kalt.

Nur eine Sekunde ging sein Blick zu Arti.Fietje hatte gar kein gutes Gefühl.

„Wieso wollen Sie den Vogel denn kaufen?“


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Bange oder

Angst, Furcht

Auf dem Marktplatz

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„Ich bin vom DVSV. Deutscher Vogel Schutz Verein“, antwortete der

Mann knapp. Seine schmalen Lippen bebten, als er das sagte. „Ach,

keine Bange! Ich schütze ihn schon selbst genug. Ich wüsste deshalb

nicht, warum ich Ihnen den Vogel verkaufen sollte.“ Der Mann zischte

daraufhin mit drohender Stimme: „Das würde ich mir an deiner

Stelle genau überlegen!“ Damit war er so schnell wie er gekommen

war, auch wieder verschwunden. Fietje fragte Arti perplex: „Hast du

eine Ahnung, wer das war?“„Ein alter Bekannter, das erzähl‘ ich dir

später“, antwortete der Papagei. Arti war sehr erleichtert, dass Fietje

ihn nicht verkauft hatte. Aber zu dumm, dass er dem Mann gesagt

hatte, dass sie hier wohnten. Er wird wieder kommen, dessen war

sich Arti sicher. Jetzt weiß er, wo er ihn finden kann.

perplex oder überrascht,

verwundert, sprachlos


In der „Göga“ (Goethe Galerie)

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In der „Göga“ (Goethe Galerie)

„Gut jetzt. Lass uns deine Banane kaufen gehen und dann düsen wir

ab. Ich bin schon viel zu spät dran!“ Auf Fietjes Handy war es 5 Minuten

vor 14 Uhr. Er hatte sich um die Zeit mit seinem Freund Sebastian

in der Goethe Galerie verabredet. Sein Blick fiel auf das Skateboard.

„Kannst du dem Board auch sagen, dass wir sofort in der Göga sein

müssen?“ Göga nennen die Jenaer ihre Einkaufspassage in der Kurzform.

Kurzformen von Orten sind eine Angewohnheit der Bewohner

der Stadt, so als hätten sie keine Zeit, die Wörter in ihrer ganzen Länge

auszusprechen. Im Grunde sind es jedoch Spitznamen, die sie Dingen

geben, welche sie mögen. „Das Board kannst du doch selbst lenken und

kommandieren. Das solltest du seit gestern eigentlich wissen“, grinste

Arti. „Ok, du Zauberbrett! Fahre uns sofort in die Goethe Galerie!“ Eine

Sekunde später hatten sie die 500 Meter zurückgelegt, für die man zu

Fuß vielleicht 6 Minuten brauchte. Wie konnte das eigentlich gehen?

Das würde Fietje noch bei Arti erfragen müssen! In der Goethe Galerie

waren so viele Menschen, als würde die Welt in Flammen stehen und

die Einkaufspassage wäre das einzige Haus, das Schutz bietet. Sicher

gab es in den vielen Läden wieder tolle Angebote oder es war langer

Samstag, an dem man bis abends einkaufen kann.


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In der „Göga“ (Goethe Galerie)

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Fietje wühlte sich durch das Gedränge um zum Treffpunkt mit

Sebastian zu kommen. Sie trafen sich immer am Cosmorama,

einem Sternengucker den die Jenenser gebaut haben und der in

der Göga steht. Von dort aus fuhren sie meist zur Rampe. Fietje

sah seinen Freund schon dort stehen und winkte ihm zu. Mit

links. Den rechten Arm zu heben, ging heute schlecht, da saß

Arti. Dort war es aber jetzt leicht! Der Papagei war weg! Fietje

schaute sich suchend um und sah einen Mann aus der Galerie

sprinten, der sich den zappelnden Papagei unter den Arm

geklemmt hatte. „Hey, was soll das? Halt, stehen bleiben!

Geben Sie mir den Vogel zurück!“ Fietje ging auf den Mann

los, schnappte sich Arti und wollte so schnell er konnte in

die Passage zurück laufen. Doch der Blick des Mannes ließ

ihn kurz erstarren. Wie vorhin auf dem Markt, sah auch

dieser Mann ihn mit den kalten Augen eines Toten an.

Doch er sagte nichts. „Weg hier!“ Fietje lief und lief,

direkt in die Arme von Sebastian. „Hey, wen hast du

denn da mitgebracht?“ Sebastian wunderte sich über

Fietjes gehetztes Gesicht. Fietje erzählte ihm aufgeregt,

was gerade passiert war und japste auch die

Kurzform seiner Erlebnisse vom Vortag hinterher,

ohne zwischendurch Luft zu holen.

japsen oder

keuchen, schnaufen


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In der „Göga“ (Goethe Galerie)

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„Hast du eine Idee, wieso mir jemand den Papagei stehlen will?“, fragte

Fietje seinen Freund. Sebastian antwortete ruhig wie immer: „Keine

Ahnung, vielleicht ist er wertvoll?“ Da klingelte Fietjes Telefon. Eine

männliche, raue Stimme sagte: „Gib mir den Vogel oder dein Haus wird

angezündet!“ Klack. Aufgelegt. „Sag mal, Arti, was ist hier los? Warum

wollen dich die Männer? Und sag bloß nicht, erzähl‘ ich dir später! Das

ist nicht mehr lustig!“ Als Fietje von jemandem angestoßen wurde,

begann Arti auf seiner Schulter wie wild mit den Flügeln um sich zu

schlagen. „Also ich, äh ..., autsch!“ Den Rest von Artis Gekreische verstand

Fietje nicht mehr, denn jetzt stand er wieder dem Mann gegenüber,

der Arti gerade entführen wollte. „Uopürk dschangale, dschangale

bratölka!“, gab dieser kauderwelsch und voller Zorn von sich. Arti

antwortete ihm sehr aufgebracht: „Bugaktilö bratanada!“ Als der Mann

wieder im Gedränge verschwand, stöhnte Fietje: „Verflixt Arti! Was hat

er gesagt? Und was in aller Welt hast du gesagt, dass er gleich darauf

wieder gegangen ist?“

kauderwelsch oder

unverständlich, rätselhaft,

geheimnisvoll


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In der „Göga“ (Goethe Galerie)

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„Ich habe Hunger!“, bekam Fietje von dem Graupapagei zur Antwort.

Immer wenn er sich zu den Geschehnissen äußern sollte, wich der Vogel

aus. „Wenn du mir nicht bald sagst, was die Männer von dir wollen,

dann bekommst du nichts mehr zu fressen! Vorhin auf dem Markt und

jetzt noch dieser Typ in der Göga!“ Fietje war sauer. Verärgert schwang

er sich auf das Zauberboard. Er gab dem Board das Kommando: „Zur

Rampe! Diesmal langsam!“ und bedeutete Sebastian mitzukommen.

Sie wollten wie immer zur Skater-Rampe ins Para. In der lärmenden

Menschenmenge hatte Sebastian gar nicht mitbekommen, dass Fietje

seinem Board einen Befehl erteilte. Ein bisschen hatte sich Fietje auf

den Blick seines Freundes gefreut. Wie würde er wohl reagieren, wenn

er merkte, dass das Skateboard machte, was Fietje wollte? Naja, es würde

später noch eine Gelegenheit geben, ihm den Zauber vorzuführen.


Im „Para“ (Jena Paradies)

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Im „Para“ (Jena Paradies)

Jena Paradies erstreckt sich im Süden der Stadt und liegt dicht neben dem

grossen Bahnhof, der auch so heißt. Wie immer nennen die Jenaer den geliebten

Park am Rande des Zentrums nur „Para“. Dorthin waren die Jungen

unterwegs. Vielleicht könnten sie im Grünen in Ruhe erforschen, was es

mit Arti, dem offenbar sehr begehrten Wort-ARTi-sten, auf sich hatte.

Auf dem Weg in den Park kamen sie an den Adern von Jena vorbei. Die

Rohre mit dem schönen Namen bringen die Wärme in Jenas Wohnungen.

Einmal durften Sprayer die Rohre verschönern. Jetzt sehen sie bunt und

frisch aus. Sie kamen auch an der Rasenmühleninsel vorbei. Auf der Insel,

die eigentlich eine Wiese ist, sitzen im Sommer viele Menschen und braten

Thüringer Rostbratwürste auf ihren mitgebrachten Grills. Sobald die Sonne

zu sehen ist, hat man dort kaum mehr Platz zum treten. Heute war es

recht ruhig, denn samstags fahren die Studenten meist zu ihren Familien

nach Hause. Jena ist wieder ganz den Jenensern, Jenaern und Besuchern

überlassen.


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Im „Para“ (Jena Paradies)

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Die Rampe gegenüber war heute komplett leer und Sebastian rollte mit

seinem Board sofort auf die Bahn. Als er in der halfpipe für einen Trick

Schwung holte, verlor er das Gleichgewicht. Er fiel vom Board und

rutschte die Rampe auf dem Bauch wieder hinunter. „Basti, alles in Ordnung?“,

rief Fietje und rannte zu ihm. Von seinem Freund kam nur ein

Stöhnen. „Naja, nicht so wirklich. Ich sehe Sterne.“ „Wieso sieht Sebastian

Sterne, wir sind doch nicht im All?“, fragte Arti etwas höhnisch.

Fietje verleierte darüber nur die Augen und half seinem Freund auf

die Beine. „Oh ja, das All wäre jetzt etwas Schönes!“, ächzte Sebastian

beim Aufstehen und rieb sich sein Kinn, das er sich beim Sturz aufgeschürft

hatte. „Klar doch!“, antwortete Fietje grinsend. „Lass uns ins

All fliegen, dann sind wir all unsere Sorgen auf einmal los.“ Jetzt war

es Sebastian, der seine Augen nach oben verdrehte bei so viel blumiger

Fantasie. Und Arti mischte auch noch mit: „Haben die Herren sonst

noch einen Wunsch?“ Als keine Antwort kam, zuckte er nur kurz mit

seinen Federschultern.


60 Im „Para“ (Jena Paradies)

Im „Para“ (Jena Paradies)

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Einen Atemzug später fanden sich die drei in einer der Adern von Jena

wieder. Sie wussten nicht wie und warum, aber die Skateboards unter

ihren Füssen fuhren ohne ihr Dazutun mit rasender Geschwindigkeit

durch das Rohr. In dem metallischen Hohlraum machten sie einen

Höllenlärm! Hier drinnen war die Luft zu allem Übel auch noch extrem

warm! „Aaaah...! Huaaah! Hilfe!“

Die Jungen schrieen aus Leibeskräften und schwitzten, was das Zeug

hielt. Auf Fietjes Board saß Arti, dessen Kopffedern im Fahrtwind wehten.

Der König von Wort-Reich schaute allerdings recht unbeeindruckt

drein. Sebastian kniete auf seinem Board und hielt sich krampfhaft an

beiden Seiten fest. Scheinbar hatte er sein verletztes Kinn vergessen,

denn er war nur noch konzentriert auf das, was sich vor seinen Augen

erstreckte. Rechts und links, oben und unten zischten Sterne und Planeten

vorbei. Die Jungen rollten kreischend durch den schier endlosen

schwarzen Raum. Das konnte doch unmöglich noch das Rohr im Jenaer

Paradies sein! Waren sie wirklich im All?

„Stooop!“, kam es jetzt von Sebastian, der genug von dem Spuk im

heißen Rohr hatte. Fietjes Skateboard bäumte sich auf und er musste

abspringen, um nicht hinzufallen. Es stank nach dem Gummi der Hinterräder,

der durch das plötzliche Bremsen verdampft war. „Mann! Auf

Sebastians Befehl reagiert das Zauberbrett also auch!“

Fietje war vollkommen am Ende mit seinen

Nerven. Das war sogar für seine Fantasie zu

viel. Alles stand mit einem Mal still und sie

hörten und sahen: ...einfach nur nichts!

Fietje schrie außer sich: „Arti, wo sind

wir?“ Der Papagei antwortete ihm ziemlich

gelassen: „Na, dort, wo ihr hin wolltet,

ihr seid im All.“ „Im Weltall?“, kam es

gleichzeitig und geschockt aus beiden

Mündern. Arti grinste in sich hinein und

blieb stumm.

sich aufbäumen oder sich

widersetzen, rebellieren


Im Planetarium

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Im Planetarium

Das Rohr, durch das sie mehr geflogen als gefahren waren, hatte sich zu

einer großen Kugel aufgetan. Bevor die Jungen begreifen konnten, was

passiert war, sahen sie einen Mann aus dem Dunkeln auf sie zukommen.

„Das wird doch nicht schon wieder so einer sein, der hinter Arti her ist!“,

flüsterte Fietje gequält. Ihm war ziemlich übel von der Höllenfahrt. „Ich

musste kurz eine kleine Pause einlegen. Es geht gleich weiter“, erklärte

der Mann sehr freundlich. „Das klingt nicht nach einem Pagageien-Jäger“,

nuschelte Fietje vor sich hin.

„Was für eine Pause denn?“, fragte Sebastian den Mann und hielt sich wieder

sein Kinn vor Schmerzen. „Na, eine Pause in eurer Show“, antwortete

der Mann wieder freundlich aber verdutzt. Hatten die Jungen vergessen,

wo sie waren? „Hast du uns hierher gebracht?“, kam es zaghaft von Sebastian,

der sich zum ersten Mal traute, den Papagei direkt anzusprechen.

So ganz vorstellen konnte er sich nicht, dass man mit einem Tier sprechen

konnte wie mit einem Menschen. Fietje war da anders. Dieser Träumer

glaubte auch, dass Kühe fliegen konnten! Alle schauten Arti nun fragend

an.


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Im Planetarium

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Der Papagei nickte die drei grinsend an: „Hihi! Ihr seid ja ganz blass!

Habt ihr wirklich geglaubt, im All zu sein? Ich sage nur: Zeiss-Planetarium

Jena!“ Er hielt sich den Bauch vor Lachen.

Fietje und Sebastian schüttelten ihre Köpfe. Was für eine Blamage! Sie

hätten es doch wissen müssen. Sie waren mit der Schulklasse schon

einmal hier gewesen und hatten die Sterne und Planeten bewundert.

Ein Planetarium gibt es auch nur an wenigen Orten auf der Welt! Aber

in Jena steht eines, nach dem Mann benannt, an dessen Denkmal sie

sich in der Göga immer trafen. Wie peinlich! Und wie sie gekreischt

hatten! Wie Mädchen! Fietje stöhnte: „Mensch Arti, du hast uns eine

Riesenangst eingejagt! An deine Begabung muss man sich wirklich

erst gewöhnen.“ „Wieso meine Begabung? Ich kann nur 100 Sprachen

sprechen. Den Rest kann dein Board. Du hast es dir selbst auf der Rampe

von ihm gewünscht!“ Arti deutete auf sein lieb gewonnenes Versteck,

das Skateboard und setzte eine seiner königlichsten Kennermienen

auf.


In Jena-Lobeda

In Jena-Lobeda

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Sebastian fand keine Worte mehr. Er wollte nur noch nach Hause. Das

Kinn tat ihm ordentlich weh. Das war eindeutig zu viel für sein ruhiges

Gemüt. Sie bedankten sich bei dem netten Mann und verließen das

Planetarium. In der Nähe war eine Straßenbahn-Haltestelle. Die Bahn

kam zum Glück gleich und sie hüpften rein. An der Haltestelle hatte

niemand gestanden, darin waren sich die Jungen einig. Doch es stieg

noch jemand mit ihnen ein. Dieser jemand musste aus dem Nirgendwo

gekommen sein. Der Mann, das Wesen oder was auch immer er war,

trug einen schwarzen Bart und einen Zylinder. Sehr eigenartig sah

er aus. Außerdem bewegte er sich wie eine Maschine.

„Ich könnte wetten, das ist Nummer 3, der Arti

hinterher jagt!“ Fietje hatte genug von all dem

Trubel um den Papagei und zog Sebastian in

die Bahn. Der Maschinen-Mann schaute nicht

nach rechts oder links, sondern beobachtete

die drei mit bohrendem Blick. Er setzte sich in

die Mitte der Straßenbahn und bewegte sich

dann gar nicht mehr. Auf Fietjes Schulter saß

ein zitternder Arti. Das war die Quittung für

sein vorlautes Verhalten im Planetarium.

Der nächste Jäger hatte ihn im Visier.

Gemüt oder

Seele, Psyche


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In Jena-Lobeda

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Sebastian musste am Uni-Hauptgebäude aussteigen. „Tschüss ihr

beiden, bis morgen vielleicht!“ Hier stiegen viele junge Leute ein. Sie

kamen aus der Bibliothek. Es war zwar Samstag, doch in der Landes-

Bibliothek saßen die Studenten auch am Wochenende. „Die Friedrich-

Schiller-Universität ist eine der besten Unis Deutschlands“, kam es

von einem Mädchen, das sich auf den letzten freien Platz an der Tür

warf. Jetzt war die Bahn voll und die Sicht auf Fietje und Arti für den

düsteren Mann versperrt. Sie drängelten sich vor zur ersten Tür. Fietje

versuchte, den Mann am Ende der Bahn auszumachen.

Da saß er und ... starrte sie an! „Mist!“ Er hatte gesehen, dass er mit

Arti aus der Bahn fliehen wollte. „Nächste Station: Löbdergraben - Jena

Zentrum“, dröhnte es aus der Sprech-Anlage der Bahn. Als sich die Tür

öffnete, wurde Fietje mit voller Wucht gegen den Türrahmen gedrückt.

Eine Hand griff nach seiner Schulter und er hörte nur: „Kraaah!“ Die

Türen schlossen sich, die Straßenbahn fuhr mit einem kräftigen Ruck

an. Draußen lief der Maschinen-Mann mit einem Sack in der Hand, der

sich ... bewegte!

Wucht oder Schwung,

Kraft, Energie


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In Jena-Lobeda

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„Oh nein! Aaaaaaaaaaaaartiiiiiiiiiiiiii!“ Wie wild drückte Fietje den

Türknopf. Umsonst! Die Straßenbahn nahm immer mehr Fahrt auf.

„Huch! Oh, Entschuldigung!“ Eine Frau hatte durch das Anfahren der

Bahn versehentlich ihre Limonade über Fietjes Zauber-Skateboard

gekippt. „Ja, schon gut, ..., egal!“, fauchte Fietje zurück. Er war wütend,

weil er nicht aus der Bahn kam, um dem Entführer von Arti hinterher

zu laufen. „Nächste Station Lobeda-Ost. Letzte Station, bitte alle aussteigen!“,

sagte die immer freundliche Stimme der Straßenbahn-Ansage.

„Äh, Moment mal!“, rief Fietje laut. „Bis Lobeda kommen noch fast

20 Stationen!“ Er wollte an der nächsten Haltestelle, Paradiesbahnhof,

aussteigen. Von da aus würde er den Entführer vielleicht noch erreichen,

wenn er seinem Board einen Befehl gab.

Doch die Straßenbahn hielt gar nicht mehr an. Sie fuhr an allen Stationen

auf dem Weg nach Lobeda-Ost vorbei. Die Menschen an den Haltestellen

fuchtelten wild mit den Armen und sahen der Bahn Schultern

zuckend nach.


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In Jena-Lobeda

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„Halloooooo!“ Fietjes Klopfen an der Fahrerkabine wurde nicht erhört.

„Junger Mann, mach hier nicht so einen Alarm!“, sagte der alte Herr,

der mit seinem Gehstock gleich neben der Tür saß. „Aber die Bahn

muss doch anhalten!“, wimmerte Fietje. „Klar, halten wird sie auch!“,

antwortete der Alte seelenruhig. Alle Passagiere, die vielen Studenten,

die sich im Gang drängelten, nickten ihm zu. „Was ist hier los? Habe

nur ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt?“ Unruhig lief Fietje in der

Bahn auf und ab. Nach drei Mal vor und zurück fiel er missmutig auf

den hintersten Sitz, auf dem vorhin Artis Kidnapper gesessen hatte und

dem sich niemand bisher bemächtigt hatte. Der Maschinen-Mann war

mit seinem Papagei sicher über alle Berge und die nächsten Minuten

wurden für Fietje zu Stunden. Endlich kam die Bahn in Lobeda an. Die

Neubausiedlung war die Endstation der Linie 3. Durch die Sprech-Anlage

schallte es: „Lobeda-Ost. Letzte Station, bitte alle aussteigen!“ Er

wusste nicht, warum, aber Fietje hörte aus der Stimme diesmal einen

Unterton heraus, der ihn blitzartig frösteln ließ.

missmutig oder

mürrisch, schlecht gelaunt


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In Jena-Lobeda

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Als Fietje aussteigen wollte, öffnete sich die Tür vor ihm wieder nicht.

Es war die letzte Tür am Ende der Bahn, gleich neben dem Sitz, auf

dem er die letzten Minuten litt. Er drückte den Knopf zum Aussteigen

immer und immer wieder. „Zwanzig Mal, dreißig Mal, fünfzig Mal?“,

flüsterte er ängstlich vor sich hin. Es traf Fietje wie ein Blitz. An seiner

Tür stand niemand weiter, nur er. Die anderen Passagiere waren

alle ausgestiegen. Jetzt war er der Letzte in der Bahn, die inzwischen

den Motor abgestellt hatte. „Warum lässt der Fahrer mich denn nicht

raus?“ Er rannte durch die Bahn, die nun auch ihre Beleuchtung ausgemacht

hatte. Er wollte zum Fahrerhaus vor und sagen, dass die letzte

Tür klemmt. „Äh, hallo! Äh, Sie ...“, er klopfte zaghaft. Doch, ...da saß

niemand mehr! Es lief ihm kalt den Rücken hinunter. „Waaas? Wo sind

denn alle hin?“ Wie ein Tiger in Gefangenschaft drehte er sich im Kreis.

Auch draußen war kein Mensch mehr zu sehen! Als ob sich alle in Luft

aufgelöst hätten. Fietjes Schreien hörte niemand mehr.


Auf dem Holzmarkt

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Auf dem Holzmarkt

Arti zappelte in dem Leinen-Sack um sein Leben. Der Maschinen-Mann

musste einer der 3 Jägertypen sein, wer sonst sollte ihn stehlen. Arti

hatte von allen Passanten, die an ihnen vorbei gingen, Jenenser Dialekt

gehört. (Natürlich hatte er fleißig sein Federkleid damit bestückt.) Was

seinen Kidnapper anging, konnte dieser nur aus Sprachlos-Land sein.

Er hatte bis jetzt nicht ein einziges Wort gesagt. Nach nur drei Jahren

hatten sie wieder mit der Jagd nach ihm begonnen, das stand fest. „Mal

überlegen: der Mann auf dem Markt, der mich angeblich kaufen wollte,

der muss aus Wort-Reich gewesen sein. Er sprach zumindest fliessend

deutsch. Der hatte sich bestimmt von den Typen aus Sprachlos-Land

dazu überreden lassen, seinen eigenen König zu entführen. Wer weiß,

was man ihm dafür geboten hat! Und in der „Göga“? Da war ein

Ulaunio-Göntjaner hinter mir her gewesen. Das hat man ja an seiner

Sprache gehört.“ Ulaunio-Gönta heißt das Land, was zwischen Wort-

Reich und Sprachlos-Land liegt. Dort sprechen die Einwohner nur ihre

eigene Sprache, Göntja. Deshalb sind die Göntjaner, genauso wie die

Sprachlos-Landsleute, auf den Schatz von Wort-Reich aus. Den können

sie nur bekommen, wenn sie Arti, den König, stehlen. Seit Jahrhunderten

ist ihnen jeder Versuch, Arti zu fangen und seine Federn zu rupfen,

missglückt. Seit Jahrhunderten ist Arti auf der Flucht vor seinen Jägern.

Seitdem wartet das Volk von Wort-Reich auf seine Rückkehr, denn nur

mit seiner Ankunft kann das Land noch reicher werden. Alle Wörter,

die er in seinem Federkleid mitbringt, werden sehnlichst erwartet.

Kommt er jedoch nicht bald wieder, dauert es nicht mehr lang und die

vielen Sprachen von Wort-Reich werden verkümmern.


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Auf dem Holzmarkt

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Arti hatte es diesmal in Jena gleich mit allen drei Jäger-Typen zu tun.

Das machte die Sache extra brenzlich. An allen Orten, an die er zuvor

genebelt wurde, traf er auf maximal einen von der Sorte. Er hoffte

inständig, schnell ein Versteck zu finden, wo ihn die drei Agenten nicht

aufspüren würden. Andernfalls wäre seine baldige Heimkehr erneut in

grösster Gefahr. Sein Federkleid war durch die lange Reise nun so reich

bestückt, dass er nichts sehnlicher wünschte, als in sein Wort-Reich

zurück zu fliegen und seine Schätze an die Bewohner zu verteilen. Zunächst

musste er aber aus dem Sack raus! Wie sollte er das nur anstellen?

„Hey, was haben Sie da in ihrem Leinen-Sack? Ist das ein lebendes

Tier?“ Einer Jenenserin war der zappelnde Sack aufgefallen, als der

Mann in den Bus Nr. 15, Richtung Westbahnhof, einsteigen wollte. Er

schien wirklich nichts zu verstehen, denn er reagierte mit keinem Wort

auf ihre Frage. Das war der Beweis, dass Arti Recht hatte. Das war ein

Agent aus Sprachlos-Land.

perplex oder

überrascht, verwundert


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Auf dem Holzmarkt

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Die Frau war sehr erbost darüber, dass sie keine Antwort erhielt. So

etwas machte man in Jena nicht. Hier war man freundlich zueinander,

auch wenn man sich nicht kannte. Der Mann sah auch ganz eigenartig

aus. Barfuß und im Anzug und einen Zylinder auf dem Kopf ? Und das

im Sommer?

Da war doch etwas faul! Niemand trägt einfach ein lebendiges Tier in

einem Sack mit sich herum. Das roch geradezu nach Diebstahl! „Geben

Sie das Tier her!“ Beherzt griff sie nach dem zappelnden Sack, den der

Maschinen-Mann nur mit seinen Händen verschlossen hielt. Als sie

mit aller Kraft daran zog, hatte der Agent den Sack vor Überraschung

nicht mehr in der Gewalt. Das war Artis Chance, der das Szenario von

drinnen gespannt mitverfolgte! „Hinaus! Kraaah, kraaah!“, schrie er.

Mit zwei kräftigen Flügelschlägen war er in der Luft. Seinem Kidnapper

sandte er eine lange Nase hinterher, während er gen Himmel

flog. Dieser stand im fahrenden Bus und konnte nichts

anderes tun, als Arti zerknirscht hinterher zu schauen.


Auf dem Theaterplatz

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Auf dem Theaterplatz

Für Arti hieß es jetzt: „Durchatmen, überlegen, ein Versteck finden! Ok,

wo bin ich? Das sieht alles nach Zentrum aus. Viele Menschen, Straßenbahn-schienen,

Kreuzungen, Ampeln, Autos, Kinderwagen, ein Kino,

Cafés ohne Ende, hunderte Läden. Da wäre ein Versteck ein bisschen

außerhalb sicher nicht schlecht für den Moment“, dachte er. Könnte ja

sein, dass die Einwohner von Jena komisch auf ihn reagierten und er

von einem Einheimischen gefangen wurde. Vielleicht auch nur, weil er

ein hübscher Papagei war? War er ja auch! Seinen Schatz kannte zum

Glück niemand außer Fietje.

Er flog los Richtung Kahla, einer Kleinstadt in der Nähe. „Aber halt, was

ist denn das?“ Er sah unter sich ein schönes, rotes Gebäude. „Theaterhaus

Jena“ stand oben dran. Davor war eine große Bühne aufgebaut, auf

der Musiker probten. „Was gibt es denn da Entzückendes zu hören?“

Er musste das in Erfahrung bringen! Seine Neugierde war schon immer

schier unstillbar. Er setzte sich auf eine der Zuschauerbänke, die wie

in einer Arena angeordnet waren, und beobachtete die Menschen, die

an ihm vorbei gingen. Immer wieder schnappte er Fetzen aus ihren Gesprächen

auf.

Fetzen oder

Stückchen, Schnipsel


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Auf dem Theaterplatz

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„...zur Kulturarena, ich war leider schon Jahre nicht mehr dort. Aber

ich habe gestern eine Eintrittskarte geschenkt bekommen...“; „Warst du

am Samstag auch da?“; „...mich erinnern, als damals ... und es regnete

...“; „Du hast Recht, man hat ja eine riesige Auswahl bei 30 Konzerten

und Filmen“; „...das ärgert mich auch immer sehr, ja! Furchtbar diese

Schirme beim kleinsten Regentropfen! Da sieht man gar nichts mehr

von der Bühne!“ „Das scheint ein heißes Thema zu sein. Was stand da

noch mal? „Kulturarena“. Musik und Filme unter freiem Himmel in

einer Arena. Höchst interessant, ich sollte mir das Programm-Heft besorgen!“,

überlegte Arti. „Wie auch immer!“ Er durfte keine Zeit mehr

verlieren. „Das Skateboard ist bei Fietje in der Straßenbahn. Der kommt

bestimmt nicht auf die Idee, es erst nass zu machen und dann wieder

trocken zu reiben. Dabei wäre ich dort super gut versteckt! Wenn ich

ihn wieder sehe, muss ich ihm das Geheimnis meines Verstecks sofort

verraten. Hoffentlich sehe ich ihn überhaupt irgendwann wieder! Er ist

doch seit gestern mein königlich beauftragter Wort-Assistent, auweiauwei!“


In Schillers Gartenhaus

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In Schillers Gartenhaus

Einlass oder Eintritt,

Zutritt, Zugang

Während er voller Sorge darüber nach dachte, wie es weiter gehen

sollte, trippelte er das Schillergässchen entlang. „Ganz schön holprig

dieses alte Kopfsteinpflaster!“ Fliegen wollte er trotzdem erst später.

Er musste seine Kräfte schonen, die Reise nach Wort-Reich würde sehr

lange dauern.

„Oh, wie reizend!“ Vor Artis Augen erstreckte sich auf der rechten

Seite ein herrlicher Garten, liebevoll angelegt. „Darin kann man richtig

wandeln! Mal sehen, wie das hier heißt? Aha. Na klar! Schillers Gartenhaus!

Prima!“, brabbelte Arti vor sich hin. Seine Verstecksuche war

just in diesem Moment vergessen. Bei so einer Entdeckung konnte er

an nichts anderes mehr denken. „Ach ja, das waren noch Zeiten vor 250

Jahren! Da gab es im Menschen-Reich Herren wie Schiller und Goethe,

die einen wirklich großen Schatz hatten. Mit ihren 90.000 Wörtern, die

sie sprachen und schrieben, hätten sie in meinem Wort-Reich Einlass

bekommen. Ohne jede Frage! Zumindest, wenn ich da gewesen

wäre. Aber ich musste mich, wie immer, verstecken!“


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In Schillers Gartenhaus

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Arti wollte natürlich schauen, wie Schiller gelebt hatte. Das Leben

dieses Mannes war interessant genug um zu verweilen. „Ha! Vielleicht

finde ich ein Wort, was ich noch nicht in meinem Federkleid trage. Und

wer von den Agenten, die gerade in Jena herum irren, sollte mich denn

hier finden? Bücher und Gedichte sind doch nichts für die Sprachlos

- Landsleute! Naja, noch nichts! Leider nur solange, bis sie mich, den

König der Worte, gefangen haben..., tzzzzz! Ein bisschen Zeit habe

ich aber sicher noch, bis diese Nichtsnutze die Suche nach mir wieder

aufnehmen!“ Und schwupps-di-wupps! Schon war Arti in das kleine

alte Haus hinein geflattert. Die Dame am Eingang, bei welcher er hätte

Eintritt bezahlen sollen, bückte sich gerade hinter dem Tresen und sah

nicht, wie er zum Obergeschoss hinauf flog.


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In Schillers Gartenhaus

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Eine schmale, knarzende Treppe nach oben, dort ein klitzekleines Bett,

ein Waschtisch, ein Schaukelpferd und ein Spiegel. Alles roch so wunderbar

alt. Arti machte sich begeistert auf die Spuren von Schiller, der

ein kleiner Mann gewesen sein musste, seinen Möbeln nach zu urteilen.

„Obwohl er für seine Zeit ja groß war, sagt man. Die anderen waren

noch kleiner als er gewesen? Auweia! Da hätte ich aber bei keinem auf

den Schultern sitzen können. Ich wäre jedes Mal mal die Arme hinunter

gerutscht!“ Arti stöberte in jeder Ecke, war wie fanatisch auf der Suche

nach Wörtern aus dem Wortschatz von Schiller, nach Wörtern, die er

noch nicht kannte. Logisch! „Aaah, wie schön! Eine alte Feder! Klar,

keine für mein Federkleid, sondern eine zum Schreiben. Und da! Huch,

was steht denn da?“ Gierig las Arti die Zeilen auf Friedrichs altem

Schreibtisch. “...zuweilen ... mannigfaltig..., aha! Hui, juchhu!“ Immer

wieder probierte er diese beiden Wörter, die ihm gänzlich unbekannt

waren, auszusprechen.

zuweilen oder manchmal,

mitunter, gelegentlich

mannigfaltig oder

vielseitig, kunterbunt


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In Schillers Gartenhaus

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Der tollpatschige und doch über 100 Sprachen sprechende Papagei

vergaß die Zeit hier oben in Schillers Gemächern. Er war traurig, dass

er ihn nicht persönlich kennengelernt hatte. „Dieser Mann hätte mir

wahrlich gefallen!‘ Leise und vorsichtig öffnete er nun auch die Schublade

des Schreibtisches. Er hoffte, noch mehr spannende Sachen darin

zu finden. Wörter über Wörter, geschrieben von dem Dichter auf alten

Papieren. Und er fand, ... statt Wörtern: „Äpfel??? Hä?...Äpfel? Wie

eigenartig! Ob die jemand hier vergessen hat? Ein Besucher vielleicht?

Das wäre aber sehr unfein, sein Essen hier heimlich im Schreibtisch zu

entsorgen!“ Was sollte es? Er hatte Hunger! Hastig schaute er hinter

sich, ob ihn auch niemand sah und knabberte an einem der Äpfel. Er

konnte sich einfach nicht beherrschen! „Baaaaah! Faul!“ Der König der

Worte schwankte sofort wie benommen. „Bin ich Schneewittchen?“,

lallte er im nächsten Moment. Torkelnd probierte er erneut die zwei

Wörter auszusprechen, die er gerade vom Schreibtisch stibitzt hatte:

„Zuweilen..., mannigfaltig! Fietje, du musst das aufschreiben, ich werde

mein Federkleid damit füllen müssen!“, gurgelte Arti wie betrunken.

Es war ihm entfallen, dass sein Assistent weit weg in der Straßenbahn

saß, ihn nicht hören, noch sehen konnte. „Nun im Satz, König der Worte!“,

sprach er mit sich selbst, so wie es Fietje oftmals passierte. „Verstecken

ist zuweilen schwierig, doch mannigfaltig meine Verstecke.

Hihi, heutzutage kann sogar ein Skateboard ein gutes

Versteck sein! Huhu....haha!“

Mit diesen Worten fiel er stocksteif nach hinten um. Als er wieder zur

Besinnung kam, konnte er zumindest wieder klar

denken. Der Blick aus dem Fenster in den

wunderbaren Garten verriet ihm leider nichts

zum Wochentag. „Also, jetzt muss ich

mich aber auf den Weg machen.

Wer weiß, wie lange ich schon

hier gelegen habe? Ist schon

Sonntag? Also los geflogen

und sich schlau gemacht!“

Schon

schwirrte Arti

seiner Wege.

stibitzen oder mopsen,

stehlen, entwenden


Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

95

Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

„Am besten wäre es, ich würde einen Abstecher ins Zentrum machen.

Dort werde ich ja sehen, welcher Wochentag heute ist.“ Er flog an der

Goethe Galerie vorbei. In der Nähe hörte er auf einmal viele Stimmen.

Seine feinen Ohren vernahmen darunter auch etwas Spanisches.

„Tengo hambre.“(„Ich habe Hunger.“) „Tu tambien?“(„Du auch?“), hörte

Arti die Spanier sagen, die sich mit vielen anderen auf dem großen

Platz sonnten, der sich nun unter ihm erstreckte. Da schlenderten alle

herum, als hätten sie ganz viel Zeit. „Vielleicht ist doch schon Sonntag?

Aber nein! Das ist bestimmt die Universität. Hatte das Mädchen vorhin

in der Straßenbahn diese nicht erwähnt? Also ist doch noch Samstag!

Und das hier sind die Studenten der Friedrich-Schiller-Universität.

Puh! Das ist gut.“ Ein Schild verriet ihm mehr dazu: Ernst-Abbe-Platz.


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Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

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„Ach, ja doch! War das nicht der Meister der Mikroskope? Mensch,

die Jenaer! Die haben echt schon viel erreicht! Mikroskope, das sind

doch Apparate, mit denen die Menschen kleine Dinge ganz groß sehen

können. Und der Freund von Ernst, der Carl Zeiss, hatte eine Firma, die

auch heute noch weltweit bekannt ist. Wie war das noch mal?

Die baut Planetarien, mit denen man den Sternenhimmel in einem

Haus unter einer schönen Kuppel wie in der freien Natur sehen kann.

Und das am Tag, wenn es hell ist und nicht erst nachts. Im Planetarium

gibt es dafür den Sternenzauberer von Carls Firma. Steht nicht auch

in der Goethe Galerie so ein Projektor? Na, klar! Aber der ist alt. Zum

Sterne gucken sollte man aber doch lieber ins Planetarium gehen! Hihi!

Planetarium! Wie Fietje und Sebastian sich vorhin erschrocken hatten!“,

noch einmal kicherte Arti ausgiebig vor sich hin. Obgleich er immer

noch kein Versteck gefunden hatte, schien er guter Dinge zu sein.

Etwas beschwipst war er sicher noch, das musste er schon zugeben.


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Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

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„War der Apfel schuld? Vielleicht war der noch von Schiller? Was hatte

er denn damit vorgehabt? Ihn liegen lassen, bis sich die Maden in

seinem Schreibtisch breit machten? Brrr! Ein komischer Kauz dieser

Schiller! Aber, ein schlauer komischer Kauz!“

Immer noch ganz verzückt und in seinen Überlegungen über den

Dichter gefangen, flog Arti unkontrolliert durch die Gegend. Auf dem

Campus stand ein Eiswagen, den er dabei einfach nicht wahr nahm.

Bums! Er klatschte geradewegs in einen der Eisbehälter.

„Hmmmmm! Schokoeis! Oh, wie lecker!“ Als er seinen Schnabel

wieder gen Himmel hob, schaute ihn ein Augenpaar entsetzt an. Der

Eisverkäufer staunte nicht schlecht, als der Vogel in sein Eis plumpste

und sich, wie selbstverständlich, bediente. „Entschuldigung, ich

hatte Hunger“, krähte Arti nach oben. „Stovol?“, fragte der Verkäufer

in den Eiswagen hinein.


100

Auf dem Campus (Ernst-Abbe-Platz)

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„Bloß gut, ein Serbe! Mann, ich sollte nicht einfach los krähen, wie mir

der Schnabel gewachsen ist. Ich darf doch niemandem weiter sagen,

dass ich 100 Sprachen spreche. Das ist gefährlich! Ein Mitwisser ist

schon fast zu viel!“ In Fietje hatte er jemanden gefunden, der das durch

seine große Fantasie nicht weiter komisch fand, aber so waren nicht

viele Menschen. „Nur schnell weg hier, wenn der Serbe Deutsch spricht,

bin ich geliefert!“ Arti versuchte, schnurstracks aus dem Eis herauszukommen.

Lauter Schokoladenstücke klebten an seinen Flügeln, mit

denen er sich in Ruder-bewegung nach oben kämpfte. „Autsch! Hilfe!

Meine liebsten Wörter!“ Eine Schwanzfeder steckte noch fest. „Stovol?“,

fragte der Serbe nun wieder. „Was ich gesagt habe? Das sage ich

dir nicht“, krächzte Arti frech, in der Hoffnung, der Serbe sprach wirklich

kein Deutsch. Pah! Glück gehabt!

„Hey, halt! Was hast du vor? Nein! Nimm bloß deine

Finger da weg! Aua!“ Der Eisverkäufer versuchte, Arti

vorsichtig aus dem Eis zu befreien. Er wickelte ihn in

Zeitungspapier ein und ignorierte sein Schimpfen. Er

würde ihn nachher in den Botanischen Garten bringen.

Von dort war er bestimmt entflohen. Etwas anderes

konnte sich Abi Alimi nicht vorstellen.

schnurstracks oder rasch,

schnell, ratzfatz


Im Botanischen Garten

103

Im Botanischen Garten

Abi lebte noch nicht lange in Jena. Doch wo die exotischen Pflanzen

waren, das wusste er bereits. Erst kürzlich hatte er mit seiner Freundin

einen Ausflug in den Botanischen Garten gemacht. Sie waren begeistert!

Dort konnte man Pflanzen bestaunen, die in Deutschland nicht

wuchsen: Kiwis, Bananenbäume, Kaffee- und Heilpflanzen. Abi Alimi

konnte sich auch an quakende Frösche erinnern. Sicher war der Vogel

aus diesem Garten ausgebüchst und landete versehentlich in seinem

Schokoeis.

Am Abend brachte er Arti in Zeitungspapier gewickelt, in einem Stoffbeutel

dorthin. Er bezahlte die 1,50 Euro Eintritt für Studenten und

ging in das große Gewächshaus. Tja? Und jetzt? Was sollte er nun tun?

Er hoffte, dass der Vogel noch lebte, denn er hatte sich lange nicht

mehr bemerkbar gemacht. Arti dachte sich in der Zwischenzeit: „Gar

kein schlechtes Versteck, dieser Stoffbeutel! Der Serbe ist kein Agent.

Er wird mich schon irgendwo hinauslassen.“ Deshalb machte er vorerst

lieber kein Gezeter und wartete ab. Von draußen vernahm er lautes

Brummen und Quaken. Neugierig reckte Arti seinen Hals. „Konnte er

etwas erspähen? Wo war der Student nur mit ihm hingegangen?“


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Im Botanischen Garten

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„Booooaaaaah!“ Arti traute seinen Augen kaum. Grün, orange, rot,

gelb, blau. Es leuchtete und glitzerte in allen erdenklichen Farben.

Direkt vor seinen Augen verschlang ein Monster von fleischfressender

Pflanze gerade ein großes Insekt. Dahinter schimmerte ein grün-blauer

Teich. Er war gesäumt von unzähligen Gewächsen, Bäumen und Sträuchern.

Kleine tropische Sing-frösche quakten und sangen im Wasser

um die Wette. Piranhas tummelten sich auch dort. Das Wasser war so

klar, dass man ihre roten Bäuche sah. Und über allem lag diese warme,

feuchte Luft, in der sich Arti so wohl fühlte. „Bin ich etwa wieder zu

Hause angekommen, in meinem Wort-Reich? Sollte es schon so weit

sein? Wie ist denn das passiert?“, der Graupapagei war ganz aufgeregt

und konnte sich das nicht erklären, denn dazu hätte er das Zauberwort

sagen müssen, wonach er schon seit Jahrhunderten suchte. „Sehen Sie

dahinten die drei riesigen Kakteen? Die nennt man Schwiegermutter-

Sessel“, hörte Arti eine Frau erläutern. „Hohoho, haha, da muss sich

meine Schwiemu mal hinsetzen, damit sie ordentlich gepiekst wird,

hahaaaa!“, lachte ein junger Mann laut auf.

gesäumt oder

umgeben, umrandet


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Im Botanischen Garten

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„Schwiemu? Das kann nur eine der typischen Wort-Abkürzungen der

Einwohner von Jena sein! Also bin ich doch nicht zu Hause!“ Arti war

unglaublich enttäuscht und am Boden zerstört. Es nützte alles nichts.

Er musste trotzdem aus dem schönen Beutelversteck raus. „Uaahhhh!“,

rief sein Träger, als der Beutel so wild ruckelte, dass er seinen Arm hinunter

rutschte. Schwups! Arti war draußen! Das nächste Mal sah Abi

Alimi den hübschen Papagei mit den roten Schwanzfedern auf einer

Riesenseerose sitzen, die im Teich schwamm. Sie war so groß, dass sie

dem Vogel bequem als Boot diente. Eine Weile schaute er dem Papagei

noch hinterher. Er hatte sicher das Richtige getan. Der Vogel schien

sich hier auszukennen. Jetzt war er wieder dort, wo er hin gehörte. Das

dachte Abi Alimi zumindest. Langsam trieb Arti auf dem tellerartigen

Seerosenblatt davon und winkte dem netten Serben zum Abschied. Ab

und zu schaute er ängstlich nach den Piranhas im Teich. Nicht, dass

sie ihn am Ende noch erwischten und fraßen. Damit wäre niemand

gedient. Noch nicht einmal den Jägern aus Sprachlos-Land und

Ulaunio-Gönta.


An einem Unbekannten Ort

109

An einem unbekannten Ort

Fietje saß seit Stunden in der Bahn. Draußen dämmerte es bereits. Er

versuchte, seine Mutter anzurufen. Sie würde ihn bestimmt holen

kommen. „So ein großer Bockmist!“ Er hatte auf seinem Handy kein

Guthaben mehr. Es blieb ihm nur das Warten. „Klar, ich könnte doch

dem Board sagen, dass es mich befreien soll! ...raus hier! Aussteigen!“

Nichts. „Liebes Board, bitte bring‘ mich nach Hause, so wie heute Mittag

in die Goethe Galerie! Das hat doch auch geklappt!“ Keine Reaktion.

Das Skateboard, das gestern noch das Versteck von Arti gewesen war,

lag nun auf Fietjes Schoss und rührte sich nicht. Da kamen ihm die

Tränen. Was sollte er denn jetzt machen? Arti war weg und vielleicht

reagierte das Board nur auf seine Wünsche, wenn der Papagei daneben

saß? Das konnte doch gut möglich sein. Alle Versuche, über einen

Befehl an das Board aus der Bahn zu kommen, gingen bisher daneben.

Fietje war verzweifelt. Inzwischen war es in Jena Nacht geworden. Es

waren kaum noch Autos zu sehen. Fietjes Augen brannten. Seit einer

Ewigkeit starrte er den dunklen Gang der Straßenbahn entlang und

hoffte, dass endlich wieder jemand ins Fahrerhäuschen einstieg. Er

hoffte umsonst.

00.00 Uhr! „Surrrr!“ In der Bahn gingen alle Lichter an! „Nächste Station:

...grrrrrrrrrrrrrrrrchhhhhhh!“, dröhnte es durch die Lautsprecher

und hörte genauso abrupt wieder auf. „Huaaaaaah, nein!“ Die Bahn

ruckte an! Ohne Fahrer! Fietje war ihr einziger Fahrgast. Vor Angst

zitternd umklammerte er sein Skateboard, das noch immer von der

Limonade klebte und wusste nicht, wohin die Bahn mit ihm fuhr.

abrupt oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


Die Autoren

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Die Autoren

„Ich fand schön, dass wir die

Möglichkeit hatten, ein Buch zu

schreiben, dass wir in die

Stadt durften und „Fotomodels“

ansprechen durften.“

Anna-Luisa Wolfram

Caroline Adrian

„Ich fand es schön, dass wir in der Stadt

waren und Bilder machen durften. Ich fand

auch gut, dass wir uns die Geschichten und

die Handlungsorte selbst ausdenken konnten.

Es war sehr schön mit Ihnen. Danke.“

„Ich fand gut, dass wir uns

eine eigene Handlung ausdenken

durften.“

„Ich fand gut, dass ich

noch zusätzlich mitmachen

durfte und dass unsere

Ideen ins Buch gekommen

sind.“

Luisa Koschella

Theresa Losse

Michelle Felchner

„Ich fand gut, dass

wir überhaupt eine

Chance hatten, ein

Buch zu schreiben

und dass wir in der

Stadt waren.“

„Ich fand gut, dass wir in der

Stadt waren und fotografieren durften.

Die beiden „Buchbearbeiterinnen“

waren auch sehr nett.“

Marlene Zippel

„Es hat Spaß gemacht, etwas

anders zu tun. Die Leute,

mit denen wir zusammengearbeitet

haben, waren nett. Es war sehr

witzig, sich Figuren auszudenken.“

Cora Fischer

Wir danken den aufgeweckten Jenenser Mädels

für die wunderbaren kreativen Schreibmomente und

den gelungenen Auftakt dieser Kinderbuchreihe.

Von nun an lassen wir unsere beiden Helden ziehen

und begleiten sie begeistert weiter!

Antje & Kristina

Ulrike Niewiodoma


Danke an:

Danke

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Bildnachweis & Federverzeichnis

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verdrießlich

unheilvolle

schimmerte

wisperte

apropos

Bange

perplex

japste

kauderwelsch

bäumte sich auf

Wucht

missmutig

Fetzen

Einlass

zuweilen

mannigfaltig

stibitzt

schnurstracks

gesäumt

abrupt


Kraaahh, krahhh!

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