Globale Risiken managen - UmweltDialog Nr 7 (Mai 2017)

macondogroup

Ob Trump oder Brexit, Terroranschläge oder Klimawandel: Die Welt ist seit geraumer Zeit im permanenten Krisenmodus. Wirtschaftliches Handeln wirkt wie Segeln im Sturm. Das rückt den Aspekt des Risikomanagemnets in deb Blickpunkt. Die aktuelle Ausgabe des UmweltDialog-Magazins „Globale Risiken managen“ widmet sich daher diesem Thema. Themen dieser Ausgabe:
Was haben globale Risiken mit CSR zu tun? / Standortrisiko Trump? / Albtraum Rückruf / Transparente Lieferketten / Kein Platz für Kinderarbeit u.v.m.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | umweltdialog.de | 9,00 EUR

Das CSR-

Magazin

Globale

TITEL

managen

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

DE / A 9,00 EUR

Foto: alexemanuel / iStockphoto.com


UND WIE VIEL CO 2 SPAREN SIE BEIM

DRUCK IHRER DOKUMENTE?

Preisträger in der Kategorie

„Vorbildliche Kooperation

eines Unternehmens

mit NGOs/NPOs“

TONER

CO 2

-NEUTRAL *

Umweltbewusstsein in Firmen sollte über das Fuhrpark-Management hinausgehen. PRINT GREEN von KYOCERA Document Solutions

bietet Ihnen ein ganzes Maßnahmenbündel für ressourcenschonendes und klimabewusstes Drucken. Intelligente Hard- und Software-

Lösungen helfen Ihnen, Papier- und Verbrauchsmaterial zu sparen. Mit dem CO2-neutralen Toner* von KYOCERA handeln Sie sogar

schon bei der Beschaffung klimabewusst. So endet Um welt be wusst sein nicht auf dem Parkdeck, sondern wird zum festen Bestandteil

der täglichen Arbeit.

KYOCERA Document Solutions Deutschland GmbH

www.kyoceradocumentsolutions.de

* Nur bei Vertrieb durch KYOCERA Document Solutions Deutschland, Österreich oder Schweiz.


Globale Risiken

Liebe Leserinnen

und Leser,

Immanuel Kant, einer unserer großen Denker

und moralischen Vorbilder, hat einmal gesagt:

„Wir denken selten beim Licht an Finsternis,

beim Glück an Elend; bei der Zufriedenheit an

Schmerz; aber umgekehrt jederzeit.“ Wenn wir

diesen Satz auf Manager-Sprache übertragen,

so kann man sagen: Wenn der Laden läuft, denken

die wenigsten Manager an Risiken und Gefahren.

Dabei ist Risikomanagement technisch

betrachtet einfach: Es geht um das vorzeitige

und frühzeitige Erkennen von Einflüssen, z.B.

auf das Unternehmen. Und es geht auch um

Auswirkungen, die das Unternehmen selbst auf

sein Umfeld hat. Diese Faktoren können die

Sünden der Vergangenheit oder die Fehler von

Morgen sein. Früher oder später fallen sie dem

Unternehmen krachend vor die Füße. Wer dann

erst anfängt nachzudenken, der betreibt reines

Krisenmanagement.

Die Frage lautet daher: Wie geht man Risikomanagement

an, bevor das Kind in den Brunnen

fällt? Im Alltag tun sich viele Unternehmenslenker

mit der Antwort schwer, denn sie

verlangt doppelte Abstraktion: Sowohl das Ereignis

als auch der Zeitpunkt sind in einer solchen

Gleichung immer unscharf. Dann lieber

abwarten, argumentieren viele und berechnen

den voraussichtlichen Schaden. Ist der nämlich

eingetreten, hat man zumindest einen ganz

konkreten Ansatzpunkt.

Heutzutage ist die Welt voller Risiken: Ob nun

politischer Art – Stichwörter sind Brexit, Trump,

Putin, Erdogan, und die ganze Bagage der Populisten

– oder die wachsenden Auswirkungen des

Klimawandels (Dürre, Flut, Migration) und natürlich

die Klassiker wie Betriebsunterbrechung,

Rückruf, Rechtsstreit und Reputationsrisiken.

Unsere aktuelle Ausgabe gibt Ihnen einen strukturierten

Überblick über einige der wichtigsten

Facetten beim Thema Risikomanagement und

zeigt, welche Rolle CSR dabei spielt.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

3


Globale Risiken

Inhalt

Das CSR-

Magazin

Globale Risiken

6

10

12

14

18

20

Was haben globale Risiken mit CSR

zu tun?

Ob Trump oder Brexit, Terroranschläge

oder Klimawandel: Welchen Beitrag

leistet CSR in Risikofragen?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist

besser

Risikomanagement als Unterrichtsfach

– Interview mit Prof. Dr. Albers

Risikomanagement

Die wichtigsten Handlungsfelder,

Aktionen und Maßnahmen

Standortrisiken

Standortrisiko Trump

Was ist der optimale Standort für

Unternehmen? Der, der Vorteile verschafft.

Und wie steht es dann heute

um Mexiko?

Auf einen Blick: Wichtigste

Unternehmensrisiken in aller Welt

Ein Steuerungsinstrument in

unruhigen Zeiten?

Die einen igeln sich auf ihrer Insel

ein, der andere will Mauern bauen –

die Welt ist unsicherer geworden.

Was nun? Wir haben einen Experten

gefragt.

Rechtliche Risiken

22

26

Rohstoffrisiken

28

34

38

Perspektivwechsel: Klassisches

Compliance-Verständnis als Risiko

Fehler vermeiden klingt gut, aber wie

organisiert man das im Unternehmen?

Milliardenschäden durch Produktund

Markenpiraterie

Alles fake – nein, es geht nicht um

News, sondern um Waren. Der

Schaden ist immens.

Globale Rohstoffumbrüche

erfordern Umdenken

Der globale Rohstoffhunger ist

gigantisch. Lange Zeit fragte keiner,

wo die Rohstoffe herkommen. Das

ändert sich jetzt endlich.

Glimmer-Lieferkette:

Kein Platz für Kinderarbeit

Alle Welt braucht Glimmer. In Indien

schuften dafür Tag für Tag kleine

Kinder. Merck will das ändern.

Klimarisiken

44

Ein „Weiter so“ funktioniert nicht

Der Klimawandel und all seine Folgen

sind hausgemacht. Also kann man

auch selbst etwas dagegen tun, erläutert

NRW-Umweltminister Johannes

Remmel.

Wissenschaftlichen Zielen

verpflichtet

Tetra Pak will seine CO 2-Emissionen

reduzieren und setzt auf wissenschaftliche

Methoden.

4 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Globale Risiken

Produktrisiken

46

50

52

53

56

Albtraum Rückruf

Ein Produkt hat Mängel und muss zurückgerufen

werden – der Super-GAU

für jeden Betrieb!

Lebensmittel – Die Branche mit dem

höchsten Reputationsrisiko

Gegessen wird immer – und gepanscht

auch, möchte man am liebsten sagen,

wenn man sich die ganzen Lebensmittelskandale

betrachtet.

Risiken gehören zum Geschäft

Die Foodbranche ist so zugeknöpft wie

kaum eine andere, weiß der Kommunikationsberater

Manfred Godek.

Klagewelle in Amerika gegen

Lebensmittelindustrie

Sammelklagen – ein lukratives Geschäft

für amerikanische Anwälte

Transparente Lieferketten

Lebensmittelbetrug ist fast so lukrativ

wie Drogenhandel. Wie lässt sich das

kontrollieren?

38

6

Reputationsrisiken

58

Wenn Innovationen Marken

schwächen

Viele Produkte sind nicht innovativ

und führen zu Reputationsrisiken.

46

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

5


Globale Risiken

Foto: bambi / bambi street artist, all rights reserved

6 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Globale Risiken

Was haben globale

mit CSR zu tun?

Die Furcht macht selbst aus Engeln Teufel, hat William Shakespeare einmal gesagt.

Das gibt einem zu denken in Zeiten, in denen Populisten und Autokraten boomen und

Globalisierung zum Synonym für alles wird, was schief läuft. Das größte Problem daran

ist, dass auf die Art die echten Probleme unserer Zeit aufgeschoben werden.

Von Dr. Elmer Lenzen

Was ist eigentlich ein Risiko? Ein Umstand, dass

etwas gefährliche oder schädliche Folgen haben

kann, informiert uns das Lexikon. Dabei

interessiert uns in dem Kontext nicht so sehr

der Grund dafür, sondern vielmehr die Fragen:

Wie wahrscheinlich ist das Eintreten? Welche

Folgen und Konsequenzen hätte es (Stichwort

Schadensschwere)?

Dieser fast schon versicherungstechnische Ansatz

beschäftigte auch zu Anfang des Jahres die

wichtigsten Wirtschaftslenker beim Weltwirtschaftsforum

in Davos. Alljährlich wirft man

dort in den verschneiten Schweizer Bergen einen

Blick in die nahe und ferne Zukunft.

Und selten waren Prognosen und Stimmung

so düster wie 2017. „Wir wissen nicht, was der

Plan ist – wenn es so etwas wie einen Plan überhaupt

gibt“, sagte Christine Lagarde, die Chefin

des Internationalen Währungsfonds (IMF), und

sprach vielen dort aus der Seele.

Dabei war es selten so wichtig wie heute, einen

Plan zu haben. Die Zahl der Konflikte auf der

Erde hat sich verdoppelt, die politischen und

wirtschaftlichen Risiken wachsen täglich. Hinzu

kommen langfristige Herausforderungen wie

Klimawandel, Wassermangel und Überbevölkerung.

Der französische Kreditversicherer Coface

hat kürzlich einen globalen Gefahrenindex erstellt,

er zeigt eine Welt am Rande des Kollapses:

c Ob nun Trump, der Brexit oder die Autokraten

am östlichen Rand Europas (Putin, Erdogan,

Lukaschenko) – der politische Kompass zeigt

vielerorts längst nicht mehr Richtung Demokratie.

c London, St. Petersburg, Berlin, Paris, Nizza,

Istanbul, Boston, Stockholm – Terroranschläge

machen vor keinem Ort halt. Der Funke

einer kleinen Gruppe von Fanatikern im September

2001 ist zu einem Weltbrand und zu

einem globalen Glaubenskrieg angewachsen.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

7


Globale Risiken

c Der Klimawandel, lange als „Expertenthema“

belächelt, zeigt immer deutlicher Wirkung:

Extremwetterlagen führen zu verheerenden

Überschwemmungen wie derzeit in Peru oder

zu biblischer Dürre wie in Afrika. Millionenfache

Flucht und Migration sind unausweichlich.

c Ein Dauergast beim Thema globale Risiken

ist die Überbevölkerung. Auch wenn das in

Deutschland angesichts einer vergreisenden

Gesellschaft gern vergessen wird – Millionen

junger Menschen in anderen Ländern drängen

auf den Arbeitsmarkt und wollen auch ihre

Chance im Leben haben. Es kann durchaus

als Erfolg der Entwicklungspolitik angesehen

werden, dass diese jungen Leute heute auch

gut ausgebildet sind, wobei das für den Frust

des einzelnen sicher noch mal ein Extra-Boost

ist.

c Arbeitslosigkeit bzw. die tradierte Kopplung

von Einkommen und Arbeit ist sowieso ein

Megathema der Zukunft. Immer mehr Branchen

durchlaufen einen Transformationsprozess

von industrieller zu digitaler Ökonomie.

Das verläuft sehr disruptiv und ungemütlich,

und am Ende stehen immer super attraktive

Geschäftsmodelle mit extrem wenig Mitarbeitern.

Die Energiewirtschaft hat das bereits

erfahren, der Bankensektor ist mittendrin

und der Automobilsektor hat es noch vor sich.

Wenn dann noch die Industrie 4.0 kommt und

Kollege Roboter übernimmt, dann wird Arbeit

zum Luxus.

Und welche Möglichkeiten haben viele Staaten

angesichts dieses giftigen Cocktails an Krisen?

Wenn man den Blick in die Staatskassen wirft,

so lautet die Antwort: So gut wie keine. EUweit

liegt die Staatsverschuldung bei mehr als

83 Prozent. Das ist derzeit kaum ein Problem,

weil die Zinsen praktisch bei Null stehen. Wehe,

wenn sich das ändert.

Wir könnten diese Liste beliebig fortführen,

aber jeder weiß im Grunde um die ungemütlichen

Zeiten. „Politische Risiken sind von großer

Bedeutung für Volkswirtschaften und Unternehmen.

Sicherheitsrisiken wirken sich direkt

auf die Unternehmensaktivität aus“, erklärt der

Ökonom Mario Jung gegenüber der Welt. Er hat

mit Kollegen für den Kreditversicherer Coface

Daten aus 159 Ländern der Welt in einem Index

zusammengetragen. Gerade für eine Exportnation

wie Deutschland, schreibt die Welt weiter,

seien solche Risikobewertungen essenziell. Wer

Geld investiert, vor allem im Ausland, ist auf Sicherheit

angewiesen.

Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise

2008 / 2009 steht das Risikomanagement

noch weiter oben auf der Agenda der Unternehmen.

Die Beratungsgesellschaft PwC befragte

vor nicht allzu langer Zeit 500 dieser Unternehmen,

welche Konsequenzen sie daraus für ihre

Risikostrategie ziehen, ob und wo es Verbesserungsbedarf

gibt und an welchen Stellschrauben

sie deshalb gedreht haben. Die Antworten darauf

fallen eindeutig aus: Vier von fünf Befragten sind

der Meinung, dass das Risikomanagement ihres

Unternehmens während der Krise zufriedenstellend

war, berichtet PwC. Ist das gut oder selbstzufrieden?

Auch die PwC-Experten sehen im

Risikomanagement noch viel Luft nach oben –

vor allem durch eine stärkere Verzahnung mit

der Unternehmensstrategie und eine ganzheitliche

und systematische Risiko-Betrachtung

und -Steuerung.

Beim Thema ganzheitliche Sichtweise und Blick

über den Tellerrand sekundiert man aus dem

Bundesumweltministerium. Dort heißt es: „Ein

formales Risikomanagement allein, beispielsweise

nach ISO 31.000, versetzt die Unternehmen

nicht in die Lage, die neuen und veränderten

Risiken zu managen. So konnten die

bestehenden Risikomanagementsysteme die

globale Finanzkrise weder vorhersehen noch

verhindern.“

8 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Globale Risiken

Foto: behindlens / Fotolia.com

Stimmt. Das liegt in der Logik von gängigen

Risikomanagement-Modellen begründet. Dabei

liegt landläufig der Schwerpunkt darauf, Fehler

aus der Vergangenheit in der Zukunft zu vermeiden.

Aus Schaden wird man klug, lautet ein

bekanntes Sprichwort. Aber das ist noch keine

Lösung für die Herausforderungen, dass sich

das Wettbewerbsumfeld oder Rohstoffpreise

schnell ändern können. Dennoch behalten kluge

Unternehmer natürlich auch diese Aspekte

im Blick. Die gängige Antwort auf wachsende

Komplexität und Wettbewerbsdruck ist es,

Produkte in immer schnelleren Zyklen bis zur

Marktreife voranzutreiben. Brandgefahr bei Akkus

wie jüngst bei Samsung oder gar kriminelle

Energie bei der Abgasmessung wie bei Volkswagen

sind dabei sicher nicht geplant, aber gar

nicht so unerwartet. Die Risiken werden bei vielen

Produkten aus der Produktionsphase in die

Produktnutzungsphase verlagert. Man mindert

also das Risiko der Produktionsunterbrechung

und der Ausfallzeiten und riskiert dafür Qualitätsmängel,

Reputationsrisiken und Rückrufaktionen.

Nun gut. Man kann halt nicht alles haben. Aber

man kann versuchen, das große Ganze im Blick

zu behalten. Am Fraunhofer Institut raten die

Wissenschaftler etwa zum „Aufbau eines systematischen

Risikomanagements, das eine aktive

Gestaltung und Steuerung der Produktqualität

und eine ständige Verbesserung der Unternehmensleistung

durch das Erkennen von Risiken

und Chancen ermöglicht.“ Ein solches Risikomanagement

ist dann kein starres Korsett, sondern

dynamisch und im Alltag anpassungsfähig.

„Damit das Risikomanagement funktioniert,

muss es sich nicht nur an den Zielen des Unternehmens,

sondern auch an dessen Vision,

Strategie und Kultur orientieren. Die Ziele, die

ein Unternehmen mit seiner Risikostrategie

verfolgt, müssen mit den übergeordneten Unternehmenszielen

im Einklang stehen. Andererseits

können wichtige Erkenntnisse aus dem

Risikomanagement auch zu einer Anpassung

der Unternehmensziele und -strategie führen“,

erläutert Christof Menzies, Ansprechpartner bei

Ereignisse, deren Eintreten (sehr)

wahrscheinlich ist

1 Extreme Wetterereignisse (Umweltrisiko)

2 Massenhafte ungewollte Migrationsströme

(gesellschaftliches Risiko)

Ereignisse, deren Eintreten enorme

Auswirkungen hätten

1 Massenvernichtungswaffen

(geopolitisches Risiko)

2 Extreme Wetterereignisse (Umweltrisiko)

3 Große Naturkatastrophen (Umweltrisiko) 3 Wasserkrisen (gesellschaftliches Risiko)

4 Groß angelegte Terroranschläge

(Geopolitisches Risiko)

5 Massiver Vorfall von Datenbetrug/-diebstahl

(Technologierisiko)

4 Große Naturkatastrophen (Umweltrisiko)

5 Versagen bei der Anpassung an

Klimaveränderungen (Umweltrisiko)

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

9


Globale Risiken

PwC für das Thema. Er beklagt dabei, dass sich

Unternehmen bislang zu stark auf Einzelrisiken

fokussieren und dabei das Risikoumfeld insgesamt

aus dem Blick verlieren: „Unternehmen

müssen Abhängigkeiten erkennen und im Risikomanagement

berücksichtigen. Nehmen wir

als Beispiel ein Unternehmen, das Technologie

für Raumfahrt und Verteidigung herstellt: Es

muss besondere strategische Risiken beispielsweise

bei der Entwicklung von Innovationen,

operative Risiken, wie Produkthaftungsrisiken,

finanzielle Risiken, wenn die Rohstoffpreise

steigen und Compliance-Risiken, Stichwort

Korruption, steuern. Neben diesen klassischen

Risikokategorien gehören auch die sogenannten

Emerging Risks zum Risikoumfeld. Das sind

zukünftige globale Risiken, die sich nur schwer

voraussagen lassen: Klimawandel, politische

Instabilität oder auch Naturkatastrophen.“

Und genau an dieser Schnittstelle kommen

Nachhaltigkeit und CSR ins Spiel. Sie liefern

die Themen und Megatrends, auf die Unternehmensziele

und -strategien einzahlen müssen.

Salopp gesagt: Wer keine Antworten auf die

drängenden Fragen von morgen hat, der hat in

dieser Zukunft eigentlich auch nichts verloren.

Dazu schreiben Thomas Loew, Jens Clausen und

Sabine Braun in einer Studie für das BMU: „Auch

mit seiner Funktion als ‚Umfeldradar‘ leistet

CSR einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung

von Risiken.

So sind zum Beispiel die von den CSR-Verantwortlichen

initiierten Stakeholderdialoge nicht

allein für das Erkennen und den Umgang mit

Stakeholderanforderungen und -bedürfnissen

wichtig, sondern können auch als Frühwarnsystem

für die Unternehmensstrategie und

einzelne Geschäftsprozesse dienen. Für eine risikobewusste

Unternehmensführung, die (neue)

Prioritäten setzt, ist ein modernes CSR-Management

unverzichtbarer Baustein. Denn

dieses hat grundsätzlich und unabhängig vom

formalen Risikomanagement die Aufgabe, Risiken

im Kontext von ökologischen und sozialen

Aspekten frühzeitig zu identifizieren, zu analysieren,

zu bewerten, zu beobachten, im Unternehmen

auf sie an geeigneter Stelle aufmerksam

zu machen und Gegenmaßnahmen

vorzuschlagen. Letztendlich geht es dabei um

einen bewussten Umgang und eine Steuerung

dieser Risiken.“ f

Vertrauen ist gut,

Kontrolle ist besser

Bald jedem zweiten Unternehmen fehlt

eine Risikomanagement-Strategie. Das

ergab jüngst eine internationale Studie

von DNV GL. Das bedeutet jede Menge

Aufklärungsbedarf. An der Hochschule

Magdeburg-Stendal unterrichtet der

Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Erwin

Jan Gerd Albers deshalb Risikomanagement

als Unterrichtsfach. Wir fragten ihn,

was ein gutes Risikomanagement ausmacht.

Hallo Herr Professor Albers, Sie unterrichten Risikomanagement

an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Das hat ja viel mit Sorgen und Vorsorgen zu tun.

Kann man sagen, Sie bringen Ihren BWL-Studenten

das Fürchten bei?

Prof. Albers: Ganz im Gegenteil. Angst ist eine

natürliche Reaktion des Menschen auf das Umweltgeschehen,

aber viele Menschen schätzen

die Risiken falsch ein und reagieren irrational.

Einerseits entsteht Panik, wenn eine relativ

kleine Gefahr z.B. durch Haifische oder ganz aktuell

durch Terroranschläge droht, andererseits

werden die erheblichen Verletzungsgefahren,

z.B. im Straßenverkehr oder auf einer Baustelle,

vielfach ignoriert. Wir wollen den Studierenden

im Masterstudiengang „Risikomanagement –

10 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Globale Risiken

Management von unternehmerischen Risiken

am Standort Stendal der Hochschule Magdeburg-Stendal

vermitteln, die Risiken realistisch

einzuschätzen, damit man diese effektiv steuern

kann. Im Übrigen sind Risiken nicht nur

Gefahren, sondern genauso Chancen unternehmerisch

erfolgreich zu sein.

Was gehört zum Rüstzeug eines guten Risikomanagers?

Albers: Ein Fundament aus umfassenden betriebswirtschaftlichen

Grundkenntnissen, vom

Rechnungswesen über Kernfächer wie Finanzierung,

Produktion, Personal etc. bis zu interdisziplinären

Fächern wie Wirtschaftsrecht oder

Wirtschaftsinformatik, ist unerlässlich. Letzteres

ist übrigens mein Fachgebiet. Nicht ganz

unwichtig sind Kenntnisse in der Anwendung

mathematisch-statistischer Methoden und die

Fähigkeit, durch Simulation die Auswirkungen

von Entscheidungen zu ergründen.

Gefühlt kommt es einem so vor, als nehmen Risikomanagement

und Compliance-Fragen immer mehr

Raum bei der Unternehmenssteuerung ein. Wird

Globalisierung immer problematischer, oder haben

wir einfach zu komplexe Lieferketten aufgebaut?

Albers: Die Globalisierung und die damit verbundene

zunehmende Arbeitsteilung in komplexen

Lieferketten führen zu einer stärkeren

Anonymisierung der Geschäftsbeziehungen. Je

weniger sich die Geschäftspartner persönlich

kennen und intuitiv vertrauen können, umso

mehr müssen Instrumente eingesetzt werden,

die dieses Vertrauen wieder herstellen. Diese

Instrumente können vertrauensvolle Beziehungen

nicht ersetzen, aber es gilt weiterhin

der Leitspruch: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist

besser.“

Albers: Schäden wird man im Leben und auch im

Unternehmen nie völlig vermeiden können, und

kleine Schäden sollte man oft eher tolerieren,

als einen riesigen Aufwand zu ihrer Vermeidung

zu betreiben. Risikosteuerung bedeutet daher,

Schadenshöhen und Eintrittswahrscheinlichkeiten

richtig einzuschätzen und angemessene

Maßnahmen zu ergreifen. Das kann ein

Risikomanager nie ganz alleine machen, sondern

sie /er ist immer auf eine vertrauensvolle

Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern in den

Fachgebieten angewiesen. Wenn dagegen der

Überbringer einer schlechten Nachricht, d.h.

eines Risikos, für dieses verantwortlich gemacht

wird, dann verwundert nicht, dass die Informationsflüsse

stocken.

Risiken muss man unterscheiden zwischen solchen,

deren Auftreten wahrscheinlich ist und solchen, die

selten, dann aber heftig nachwirken. So sind politische

Risiken wie die Brexit-Folgen bei vielen klar

auf der Agenda, so langfristige Themen wie der Klimawandel

dagegen eher selten. Wie holt man auch

solche Themen auf der täglichen Agenda weiter nach

oben?

Albers: Bezug nehmend auf meine Antwort auf

die erste Frage lautet meine Antwort: Leider

sind vielen Leuten die immensen Risiken des

Klimawandels nicht bewusst und werden darin

noch durch einen Präsidenten bestärkt, der

diesen völlig negiert. Während ein Straftäter

erst dann verurteilt werden darf, wenn letzte

Zweifel an seiner Schuld beseitigt sind (was

viele Kleinbürger nicht verstehen), dürfen wir

bei persönlichen, unternehmerischen oder gesellschaftlichen

Risiken nicht warten, bis diese

Realität geworden sind. Aufwendungen für

die Abwehr einer drohenden Gefährdung sind

keine Verschwendung gewesen, auch wenn das

Ereignis nicht eingetreten wäre. Gutes Risikomanagement

ist dadurch gekennzeichnet, dass

nicht nur sichere Auswirkungen, sondern eben

auch mögliche Folgen angemessen berücksichtigt

werden.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Beim Umgang mit Risiken im Unternehmen gilt

meist das Prinzip: Aus Schaden wird man klug. Haben

Sie Tipps, wie man Risiken smarter managt, damit

das Kind nicht erst in den Brunnen fallen muss?

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

11


Globale Risiken

Risikomanagement

Risikofelder

Aktion

c Strategische Risiken

z.B. Beteiligungen (Beteiligungspolitik, Ziele), Produkte

(Auswahl der Produkte, Alter der Produkte), Investitionen

(Kapital-, Sach- und Personalinvestitionen, Fehlentscheidungen),

Standorte (falsche Bewertung, Länderrisiken,

Konflikte)

c Operative Risiken

z.B. Produkte (Qualität, Substitutionsmöglichkeit), Fertigung

(techn. Entwicklung, Wirtschaftlichkeit, Ausfälle),

Produktivität (Mensch - Maschine, Grad der Automation),

Kapazität (Engpässe, Überkapazitäten), Kunden (Abhängigkeiten

von Großkunden, Kundenstrukturen, Zufriedenheit)

c Finanzielle Risiken

z.B. Liquidität (Insolvenz), Wechselkurs (Auslandsgeschäfte),

Zinsänderung (Erhöhung der Leitzinsen)

c Risikovermeidung

(keine Geschäftstätigkeit mehr!)

c Risikostreuung

(Kunden- und Produktstruktur)

c Risikobegrenzung

(z. B. Bonitätsprüfung)

c Risikoabwälzung

(verschiedene Versicherungen, Lieferanten

stärker in die Pflicht nehmen)

c Risikoakzeptanz

(mit Risiko leben)

c Regulatorische Risiken

z.B. Umweltschutz (Nichtbeachtung von Umweltschutzauflagen,

Betriebsstilllegungen, Kosten), Naturschutz (Auflagen,

Verbote, geschützte Flächen), Arbeitsrecht (Änderung

im Tarifrecht, Kündigungsschutz)

c Personalrisiken

z.B. Nachfolgeregelung in Familienunternehmen, Qualifikation

(Kosten für Personalsuche und Einarbeitung,

Fehlentscheidungen bei mangelnden Fachkenntnissen),

Integrität (Diebstahl, Korruption), Fluktuation

c Datenverarbeitung

z.B. Systemstabilität (Zerstörung, Ersatz, Aufrechterhaltung

der wichtigsten Funktionen), Datenschutz, Verfügbarkeit

(Hardware, Software, Daten), Missbrauch (Autorisierung,

Zugriffsberechtigung)

c Politische Risiken

z.B. Wechsel der Regierung (neue Gesetze, Änderung

von Gesetzen), politischer Stillstand, Verstaatlichung von

Wirtschaftszweigen, mehr Einfluss des Staates auf die

Wirtschaft

Foto: Gajus / Fotolia.com

12 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Globale Risiken

Maßnahmen

Steuerung

c Organisatorische Maßnahmen

Funktionstrennung in sensiblen Bereichen (z. B.

Beschaffen – Bezahlen, keine Einzelbankvollmachten,

Vier-Augen-Prinzip), Sicherheitsmaßnahmen

in der Informationstechnik (z. B. Berechtigungen,

Datensicherung, Datenschutz), klare Arbeitsanweisungen

(Stellenbeschreibungen, Organisationspläne)

c Systematische Kontrollen

Aufbau von Kostenstellen / Kostenträgerrechnung,

Controlling (Plankostenrechnung, Kalkulationen,

laufende Soll-Ist-Vergleiche für Absatz, Umsatz,

Kosten, Ergebnis), Kontenfunktion laut GOBS,

systematische Bestandsvergleiche (unterjährige

Bestandsprüfungen)

c Errichten eines internen Kontrollsystems – IKS

„Vier-Augen-Prinzip“ bei allen wichtigen Prozessen,

Berechtigungen und Entscheidungsbefugnisse

eng und selektiv vergeben, wichtige Abläufe in

Richtlinien festlegen (Beschaffung, Zahlungsverkehr,

Rabatte, Debitorenpflege)

c Aufbau von Frühwarnindikatoren

Festlegung der Beobachtungsbereiche (Ermitteln

von Bereichen zur Erkennung von latenten Risiken),

Bestimmung der Frühwarnindikatoren je Bereich,

Festlegung von Sollwerten und Toleranzgrenzen

für einzelne Indikatoren (Wann muss eine Reaktion

erfolgen?)

c Markt als Indikator

(Festlegen von Sollwerten und Toleranzen), z.B. die Marktleistung

des Unternehmens wird durch den Marktanteil

gezeigt (Gradmesser)

c Produkte als Indikator

(Festlegen von Sollwerten und Toleranzen), z.B. kann das

Verharren bei „altbewährten Produkten“ den Verlust von

Marktanteilen an innovative Konkurrenten bedeuten.

c Produktion als Indikator

(Sollwerte und Toleranz festlegen): Mögliche Risiken sind

Produktionsfaktoren (Engpässe, Überkapazitäten, Qualität),

Produktionsprozesse (Wirtschaftlichkeit, Reparaturen,

Stand der Technik), Umweltgefährdung (Luft, Wasser,

Lärm, Ressourcen)

c Beschaffung als Indikator

(Festlegen von Sollwerten und Toleranzen), z.B. Lieferkapazität

(Angebots- und Nachfragemarkt), Lieferengpässe,

Preisentwicklung, wirtschaftliche Lage des Lieferanten

(Bonität), Transportrisiken, Lieferung „Just-in-time“ („Was,

wenn es hier Probleme gibt?“)

c Finanzierung als Indikator

(Festlegen von Sollwerten und Toleranzen), z.B. Sicherung

der Zahlungsfähigkeit (Vermeidung von Insolvenz), Minimierung

der Finanzierungskosten, Liquidität

Quelle: IHK Ulm

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

13


Standortrisiken

Foto: bdStudios / iStockphoto.com

Armes Mexiko.

So fern von Gott, so

nah an den USA.

“Porfirio Díaz, ehem. mexikanischer Präsident

14 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Standortrisiken

Trump

Standortrisiko

Was ist der optimale Standort für Unternehmen? Der, der Vorteile verschafft. Über Jahrzehnte

war so ein Standort Mexiko: Günstige Produktionskosten vor Ort und der große

Absatzmarkt USA vor der Tür. Doch dann kam Trump. Seitdem ist in Mexiko nichts mehr

wie früher. Und jetzt? Wir sprachen darüber mit Johannes Hauser, Geschäftsführer der

deutsch-mexikanischen Industrie- und Handelskammer.

„Armes Mexiko. So fern von Gott, so nah an den

USA.“ Der Satz des mexikanischen Präsidenten Porfirio

Díaz ist über 100 Jahre alt. Aber er ist aktueller

denn je. Das Verhältnis zu den USA ist seit dem

Amtsantritt von Trump politisch gestört, aber ist es

auch schon ökonomisch gestört?

Johannes Hauser: Bisher nicht, denn an den

wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat sich

ja nichts geändert. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen

NAFTA funktioniert uneingeschränkt.

Aber natürlich herrscht Unsicherheit, nachdem

Donald Trump NAFTA wiederholt als ein

schlechtes Abkommen bezeichnet hat, das er

neu verhandeln oder gar aufkündigen will. Eine

Neuverhandlung böte den drei beteiligten Ländern

Mexiko, USA und Kanada die Möglichkeit,

aktuelle Entwicklungen etwa im Bereich der

Dienstleistungen in den Vertragstext einzubinden.

Das Abkommen besteht seit 1994, natürlich

hat sich seitdem manches verändert, was

bei Neuverhandlungen thematisiert würde. Das

wäre kein ungewöhnlicher Vorgang. So tagen

derzeit regelmäßig Expertengruppen in Mexiko-Stadt

und Brüssel, um das Abkommen zwischen

Mexiko und der EU zu aktualisieren.

Sollte es keine Einigung geben und die USA

kündigen das Abkommen auf, würden zunächst

einmal die Zollsätze der Welthandelsorganisation

WTO greifen. Die beliefen sich dann von

Mexiko in die USA auf etwa zwei Prozent, wären

also keine grundlegende Einschränkung für den

Handel. Sollte Trump indes die WTO verlassen

und die von ihm angekündigten Strafzölle von

30 Prozent etwa auf die Einfuhr von Autos verhängen,

hätte das verheerende Folgen. Nicht

nur für den Handel zwischen den beiden Ländern,

sondern für die Weltwirtschaft.

Mexiko hat jahrelang von der Idee des „Nearshoring“

profitiert. Dabei siedelten Unternehmen ihre Produktionsstätten

in Grenznähe zu den USA an, um

ihre Güter dann über die Grenze zu schaffen. Wenn

Mexiko diesen Business Case nicht mehr hat, was

bleibt dann?

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

15


Standortrisiken

Hauser: Diese Art der Produktion, die in Mexiko

als Maquila bezeichnet wird, besteht tatsächlich

noch. Fernsehgeräte, Drucker, Monitore,

Smartphones oder Waschmaschinen sind typische

Produkte, die in Mexiko nach dem Prinzip

der verlängerten Werkbank gefertigt werden.

Das Modell schafft zwar Arbeitsplätze, geht aber

nicht in die Tiefe. Mexikos Regierungsvertreter

beklagen immer wieder, dass die Wertschöpfung

bei der Maquila nur zu einem sehr geringen

Teil in Mexiko stattfindet.

Deswegen setzt man strategisch auf Branchen,

in denen die Produktionsprozesse komplexer

sind und in die Tiefe gehen, was etwa in der

Luft- und Raumfahrtindustrie oder dem Automobilbau

der Fall ist. Gerade bei den Automobilzulieferern

hat sich ein hochkomplexer

grenzüberschreitender Produktionsverbund

entwickelt, der weltweit wohl einmalig ist. Hier

liegen jedem von Mexiko exportierten Dollar

US-Vorleistungen in Höhe von 40 Cent zugrunde.

Studien zufolge hängen sechs Millionen Arbeitsplätze

in den USA vom Handel mit Mexiko

ab. Es ist zu hoffen, dass diese Tatsachen in der

US-Regierung rasch für einen Lernprozess und

ein Umdenken sorgen.

In Mexiko hat sich in den vergangenen Monaten

die Einsicht durchgesetzt, dass die Abhängigkeit

von den USA zu groß ist. Immerhin gehen

derzeit mehr als 80 Prozent der mexikanischen

Exporte zum Nachbarn im Norden. Asien, Südamerika

und Europa sind jetzt stärker im Fokus

der Mexikaner. Immerhin unterhält das Land

zwölf Freihandelsabkommen mit 46 Ländern,

die mit mehr Leben gefüllt werden können.

Die deutsch-mexikanischen Handelsbeziehungen

entwickeln sich übrigens dynamisch, Mexiko

ist das wichtigste Zielland deutscher Exporte

nach Lateinamerika. Die mexikanischen Ausfuhren

nach Deutschland legten 2015 um gut 20

Prozent und im vergangenen Jahr um 15 Prozent

zu.

Sollte ein Unternehmen trotz Trump in Mexiko investieren?

Hauser: Das wird jedes Unternehmen für sich

entscheiden. Es ist völlig normal, dass die Firmen,

die in Mexiko produzieren und von hier

aus exportieren wollen, ihre Investitionspläne

jetzt erst einmal kleiner fahren oder zurückstellen,

bis die Politik für eine klare Perspektive

sorgt. Unternehmen hingegen, die den mexikanischen

Binnenmarkt mit über 120 Millionen

Konsumenten im Fokus haben, halten nach unserer

Beobachtung ohne Abstriche an ihren Plänen

fest.

Ein vermeintlich sicherer Standort wie Mexiko kann

durch eine überraschende Wahl urplötzlich zum Risiko

werden. Wie kann man sich aus Ihrer Sicht dagegen

rüsten?

Hauser: Je breiter man aufgestellt ist, desto unabhängiger

ist man natürlich von überraschenden

Entwicklungen auf einem Markt. Deutsche

Unternehmen sind dafür bekannt, nicht alle

Eier in einen Korb zu legen, sondern auf eine

gute Balance zu achten.

Für mexikanische Unternehmen gilt das nicht.

Sie haben sich auf den US-Markt konzentriert,

was nicht verwunderlich ist, wenn man den

größten Einzelmarkt der Welt direkt vor der Tür

hat. Sie müssen jetzt schnell lernen, ihre Aktivitäten

zu diversifizieren. Die deutsch-mexikanische

Industrie- und Handelskammer steht

ihnen dabei beratend zur Seite. Denn viele Mexikaner

wissen gar nicht, dass deutsche Konsumenten

den Produkten aus anderen Ländern

gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Zudem

genießt Mexiko ein gutes Image in Deutschland,

das Produzenten etwa von Lebensmitteln

oder Wellnessprodukten nutzen können. Und

schließlich bieten die zahlreichen internationalen

Leitmessen in Deutschland den mexikanischen

Unternehmen eine hervorragende Möglichkeit,

ihre Produkte einem Fachpublikum aus

der ganzen Welt vorzustellen.

Welche Rolle spielt Mexiko als Teil der Lieferkette für

die deutsche Wirtschaft?

Hauser: Motoren, Elektronik und Chemieprodukte

gehören zu den Komponenten, die in nennenswerter

Zahl von Mexiko nach Deutschland

exportiert werden. Aber generell ist Mexikos

Bedeutung für die Lieferketten in Deutschland

eher gering. Hier in Mexiko dagegen werden die

Logistik- und Zulieferketten immer komplexer,

damit ein möglichst großer Teil der Komponenten

lokal gefertigt wird und die Herkunftsregeln

16 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Standortrisiken

Foto: AHK Mexiko

für die verschiedenen Freihandelsabkommen

erfüllt werden. Allein seit 2000 stieg die Zahl

der deutschen Unternehmen in Mexiko um 800

auf heute 1900. Das unterstreicht die große Bedeutung

des Standorts.

Man denkt bei Wirtschaft und Mexiko immer sofort

an Volkswagen und die Automobilindustrie. Über

welche anderen Branchen reden wir?

Hauser: Die Automobilindustrie ist in der Tat der

Motor der deutschen Präsenz. Volkswagen, Audi

und demnächst Mercedes und BMW fertigen im

Land. Zulieferbetriebe wie Bosch, Continental

und ThyssenKrupp gehören zu den größten

Arbeitgebern in Mexiko. Aber auch die Chemieund

Pharmabranche ist vertreten, etwa durch

BASF, Bayer, Boehringer Ingelheim und Altana

Pharma, um nur einige Beispiele zu nennen.

Siemens ist seit weit über 100 Jahren im Land,

viele große deutsche Logistikanbieter sind in

Mexiko aktiv.

Standortrisiken sind nicht nur politischer Natur,

sondern auch Sicherheitsfragen. Hier macht Mexiko

mit den Gewalteskapaden, Morden und Entführungen

durch die Drogenkartelle Schlagzeilen. Wie sehr

schreckt das Investoren ab?

Hauser: Wie überall in Lateinamerika ist die Kriminalität

auch in Mexiko ein Thema. Mir ist aber

kein deutsches Unternehmen bekannt, das wegen

der Kriminalität Mexiko verlassen hat. Wir

befragen in einer jährlichen Konjunkturumfrage

unsere Mitgliedsunternehmen zu dem Thema.

Es gibt von Jahr zu Jahr gewisse Schwankungen,

aber ein sehr relevantes Thema ist es nur für einen

geringen Teil der Mitglieder, bei der jüngsten

Umfrage im Dezember 2016 waren es sechs

Prozent.

Wie wichtig sind CSR-Themen für mexikanische Firmen

selbst? Machen die das aus eigenem Antrieb

oder nur auf Druck der Lieferketten?

Hauser: Die „Hire-and-Fire“-Mentalität entspricht

auch in Mexiko nicht der deutschen Unternehmenskultur.

Das macht die Firmen bei

Arbeitnehmern traditionell beliebt. Soziale Programme

etwa zur Prävention von Krankheiten,

Fortbildungsangebote und die Einbeziehung

der Familienangehörigen von Mitarbeitern sind

weitere Pluspunkte. Dafür braucht es keinen

Druck, solche Initiativen ergreifen die Unternehmen

aus eigenem Antrieb. Natürlich mit

der Absicht, die Mitarbeiter an sich zu binden –

denn was ist besser für eine Firma als erfahrene

Arbeitskräfte?

Vielen Dank für das Gespräch! f

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

17


Standortrisiken

Auf einen Blick:

Wichtigste Unternehmensrisiken

Großbritannien

1 Betriebsunterbrechung

J Reputationsrisiken

J Cyberrisiken

Frankreich

USA

1 Betriebsunterbrechung

J Cyberrisiken

J Fachkräftemangel

1 Betriebsunterbrechung

J Qualitätsmängel, Serienfehler

J Feuer, Explosion

Brasilien

1 Betriebsunterbrechung

J Politische/soziale Unruhen, Krieg

J Cyberrisiken

Amerika

1 Betriebs- und Lieferkettenunterbrechung

J Cyberrisiken

J Fachkräftemangel

Europa, Mittlerer Osten und Afrika

1 Betriebs- und Lieferkettenunterbrechung

J Cyberrisiken

J Politische/soziale Unruhen, Krieg

18 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Standortrisiken

in aller Welt

Russland

1 Feuer, Explosion

J Marktstagnation oder -rückgang

J Politische/soziale Unruhen, Krieg

Deutschland

1 Betriebsunterbrechung

J Cyberrisiken

J Politische/soziale Unruhen, Krieg

China

1 Feuer, Explosion

J Naturkatastrophen

J Marktstagnation oder -rückgang

Australien

1 Betriebsunterbrechung

J Reputationsverlust

J Verschärfter Wettbewerb

Asien-Pazifik

1 Betriebs- und Lieferkettenunterbrechung

J Reputationsrisiken

J Verschärfter Wettbewerb

Quelle: Allianz Global Corporate & Specialty

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

19


Standortrisiken

Ein Steuerungsinstrument in

unruhigen

Foto: MAZARS

Zeiten?

Die einen igeln sich auf ihrer Insel ein, der andere will Mauern bauen, der Dritte droht

mit Grenzöffnung – die Welt ist unsicherer geworden. Das bekommen auch Unternehmen

zu spüren. Kann hier Nachhaltigkeit ein Mittel sein, besser mit Risiken umzugehen

zu lernen? Wir sprachen darüber mit Kai Michael Beckmann, der bei Roever

Broenner Susat Mazars den CSR-Bereich leitet.

Eines der wichtigsten Themen für Unternehmen

heutzutage lautet Risikomanagement. Das zeigt sich

an aktuellen Beispielen wie dem Brexit, der Wahl von

Trump und den Ereignissen um Erdogan. Wie kann

man sich als Firma auf solche Entwicklungen einstellen?

Kai Michael Beckmann: Unternehmen können

sich heute nicht mehr – und in Zukunft noch viel

weniger – auf vieles verlassen, wie zum Beispiel

den Bestand bestehender globaler Lieferketten.

Nehmen wir ein Land wie die Türkei: Lange Zeit

ein sicherer Hafen bietet es heute eine ungewisse

Perspektive. Als Unternehmen hat man sich

also ein globales Beschaffungs- und Vertriebssystem

aufgebaut, das immer gut lief, plötzlich

aber durch soziale, politische, klimatische

Aspekte oder ähnliche Einflüsse – alle aus dem

Umfeld Nachhaltigkeit – torpediert wird oder

zum Teil kurzfristig auszufallen droht. Viele Unternehmen

müssen feststellen, dass sie diesen

Entwicklungen relativ ohnmächtig gegenüberstehen,

bestand klassische Risikobewertung

in der Vergangenheit häufig darin, allgemeine

Reputations- oder Klimarisiken oder sonstige

Risiken aufzulisten und pauschal zu bewerten.

Eine dezidierte Risikobewertung, was diese Themen

für die Lieferketten oder Vertriebssysteme

bedeuten, hat in der Vergangenheit relativ wenig

stattgefunden. Das war in vielen Risikomanagementansätzen

einfach nicht vorgesehen.

Nun wird das aber akut: Lieferkettentransparenz,

Kooperationsfähigkeit.

Wo hilft hier Nachhaltigkeit?

Beckmann: Planbarkeit und Steuerung sind die

Stichworte, das sind die erforderlichen Kernkompetenzen.

In der Folge heißt das, dass das

Steuerungsinstrumentarium erweitert werden

muss. Nehmen wir als Beispiel die zunehmende

Bedeutung des „Soft-Law“. Regulation wird

global immer stärker durch Selbstverpflichtungen

und Standards erweitert. Nur wenige Unternehmen

erfassen und bewerten diese systematisch,

etwa aus dem Compliance-Management

heraus. Dabei werden dadurch wichtige Rahmenbedingungen

definiert.

Steuerungsfähigkeit ist ein gutes Stichwort: Da denkt

man gleich an Stellschrauben, die gedreht werden.

Viele ingenieurgeprägte mittelständische deutsche

Unternehmen können wahrscheinlich mit so einem

Bild sehr gut etwas anfangen. Aber: Gehen wir die

Themen nicht zu mechanisch an? Gerade Nachhaltigkeit

funktioniert meist nicht auf Knopfdruck ...

Beckmann: Tatsächlich sind viele Unternehmen

die Probleme recht formal angegangen und haben

den eigenen Verantwortungsbereich sehr

eng abgesteckt. Das CSR-Richtlinien-Umsetzungsgesetz,

das die Auswirkung der unterneh-

20 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Standortrisiken

merischen Tätigkeit auf die Lieferkette in den

Blickpunkt stellt, setzt hier neue Akzente. Doch

die Grenzen der eigenen Einflussmöglichkeiten

werden den Unternehmern schnell bewusst.

Wenn ich etwa die Verantwortung für Lieferkettenvorstufen

habe, die ich nicht einmal direkt

beeinflussen kann, bedeutet das, dass ich vielleicht

eine andere Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit

sowie neue Partnerschaften

brauche. Dazu ist allerdings – gerade international

– neben Kompetenz insbesondere der Aufbau

von Vertrauen und Glaubwürdigkeit erforderlich.

Kai Michael

Beckmann

ist Director

Governance,

Risk und

Compliance

(GRC) bei

Roever

Broenner

Susat

Mazars

Foto: Marion Lenzen

Wie sieht so ein Kooperationsmodell praktisch aus?

Beckmann: Das Thema Lieferkette wird die große

Herausforderung der nächsten Jahre, wenn

nicht Jahrzehnte, sein. Viele Unternehmen haben

nicht die Möglichkeit, hier Transparenz

herzustellen. Rechtlich gibt es sowieso zumeist

nur den Durchgriff beim direkten Vertragspartner.

Letztendlich werden wir zu Kooperationsmodellen

kommen, wie wir sie in bestimmten

Branchen bereits haben. Nehmen wir Industrieinitiativen,

wie die „Together for Sustainability

Initiative“ in der Chemiebranche, die bestimmte

Standards für eine große Lieferantengruppe

entwickelt und kontrolliert. Hier gibt es noch

viel Arbeit für die Unternehmen, für die Politik,

Verbände und auch für die internationalen

Netzwerke, denn der Anspruch und die bestehenden

Möglichkeiten der Unternehmen liegen

noch weit auseinander. Das ist hoch komplex,

dabei stehen wir erst am Anfang.

Wenn einmal in Gang gekommen – was wird sich

Ihrer Einschätzung nach durchsetzen können?

Beckmann: Für viele Unternehmen wird das

Stakeholdermanagement zum Schlüssel für

erfolgreiche Kooperationsmodelle werden. Gefragt

ist ein zielgerichtetes, internationales

Stakeholdermanagement, um etwa an Informationen

über Zustände in unübersichtlichen

Regionen zu gelangen oder frühzeitig mit einem

Partner typischen Risiken – etwa in der Produktion

– entgegenzuwirken. So ist es leichter,

eine realistischere Einschätzung darüber zu gewinnen,

ob in einer entfernten Region akuter

Handlungsbedarf besteht oder auch, ob in ausgewählten

Lieferkettenabschnitten perspektivisch

neue relevante Anforderungen entstehen.

Diese international ausgerichtete Risikobewertung

wird immer wichtiger, denn Lieferketten

sind heute fast immer international.

Nachhaltigkeit wird von der Politik heute im Zusammenhang

mit den UN-Entwicklungszielen (SDGs)

diskutiert. Diese fordern eine viel stärkere gesellschaftliche

Ausrichtung ein. Wie drückt sich das im

Unternehmen aus?

Beckmann: Die SDGs entwickeln sich zunehmend

zum übergeordneten Orientierungsrahmen

mit vergleichbaren Ausprägungen für

Branchen und Regionen. Wenn ein Unternehmen

global aktiv ist – ob über globale Lieferketten

oder die Internationalität des Unternehmens

– reicht eine SDG-Analyse für die deutsche

Zentrale nicht mehr aus. Bisher war die Frage

in Unternehmen, welche Auswirkungen haben

Klima oder soziale und ökologische Aspekte

auf mein Unternehmen? Jetzt lautet die Frage:

Welche Auswirkungen hat mein unternehmerisches

Tun auf diese Themen? Diese Verantwortungsumkehr

fragt direkt nach Lieferkettentransparenz.

Die SDG-Analyse verbindet dann

z.B. die aus Afrika stammenden Rohstoffe mit

konkreten Herausforderungen. Mit diesen wird

sich das Unternehmen auseinandersetzen müssen,

zunächst unabhängig seiner Einflussmöglichkeiten.

Auf jeden Fall ist diese Transparenz

zunächst einmal Grundlage für unternehmerische

Entscheidungen. Denn erst jetzt kann eine

angemessene Risiko-und Chancenanalyse erfolgen

und das Unternehmen sukzessive seine

Steuerungsfähigkeit erweitern.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

21


Rechtliche Risiken

Perspektivwechsel:

Klassisches Compliance-

Verständnis als Risiko

Eine Fokussierung auf ‚Brand awareness‘, also die Bekanntheit einer Marke und das

Bewusstsein über ihren Wert, bedeutet heutzutage mehr als nur ein Interesse daran

zu haben, wie eine Marke wahrgenommen wird. Für Konsumenten, Mitarbeiter,

Stakeholder und Unternehmen umfasst dieses Bewusstsein immer mehr auch die

ethisch-ökologische Gesinnung, die eine Marke verkörpert.

Von Harald Nikutta und Matthew Kinch

Neue Herausforderungen für Unternehmen

Unternehmen haben dieses neue Bewusstsein

und die damit steigende Messlatte zu den Anforderungen

an ihr Tun wahrgenommen. Sie

verstehen, dass das ‚Wie‘ ihrer Tätigkeiten genauso

wichtig geworden ist wie das ‚Was‘. Es

sind Antworten zu anderen Fragen gefordert:

c „Wie transparent und regelkonform agieren

unsere Geschäftspartner?“

c „Wie fair behandeln wir unsere Mitarbeiter?

c „Wie nachhaltig sind die Quellen unserer

Rohstoffe, und zwar sowohl in Bezug auf die

Verlässlichkeit als auch mit Blick auf ökologische

Anforderungen?“

Dieses Nachhaltigkeitsbewusstsein wächst global

je nach aktueller Situation mit unterschiedlicher

Geschwindigkeit und unterschiedlichem

Fokus.

Auf weltweit agierende Unternehmen hat dies

einen signifikanten Einfluss – insbesondere

auf die Bedeutung und die Aktivitäten rund um

Compliance. Ausgehend vom reinen Schutz des

Unternehmens gegen den (un)absichtlichen

Verstoß gegen Gesetze und Vorschriften erweitert

sich ihr Mandat hin zur aktiven Unterstützung

des Erreichens von Geschäftszielen.

Die meisten Unternehmen haben inzwischen

verstanden, dass Transparenz bei den Themen

Verantwortung und Compliance Wettbewerbsvorteile

schafft und im Extremfall sogar ihre

Existenz sichern kann. Entsprechend rücken

einige Themen nach und nach in den Fokus –

selbst bei den nur bedingt regulierten, international

agierenden Mittelständlern.

Eines dieser Themen lautet Business Partner

Screening – ein weit über die Lieferkette hinausgehendes

Thema. Spätestens bei dem Versuch,

einen systematischen Ansatz für den

Umgang mit Geschäftspartnern zu entwickeln,

werden den meisten Unternehmen Ausmaß und

strukturelle Komplexität ihrer wirtschaftlichen

Verflechtung bewusst. Dies hat zwei erkennbare

Konsequenzen:

Zum ersten die Beurteilung der potenziellen

Risiken, die von Geschäftspartnern ausgehen

können, sowie den entsprechenden Umgang mit

ihnen: Je nach Einschätzung des Risikos können

Geschäftspartner in unterschiedlicher Tiefe

überprüft werden, und zwar über das „Onboarding“

hinaus. Dies erlaubt es, Zeit und finanzielle

Ressourcen auf diejenigen Geschäftspartner

zu konzentrieren, die das höchste Compliance-

Risiko darstellen. Abgesehen von Konstellationen,

in denen Unabhängigkeit gefordert ist,

sind es genau diese Fälle, die den Einbezug spezialisierter

Berater notwendig machen können.

22 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rechtliche Risiken

Foto: iStockphoto.com

Zum zweiten ein Überdenken der historisch

gewachsenen Struktur eigener wirtschaftlicher

Verflechtungen: So kann eine klare Fokussierung

auf Verfügbarkeit und Qualität,

oder auch auf Verlässlichkeit und Wirksamkeit

zu einer deutlichen Reduzierung der Anzahl an

Geschäftspartnern führen. Dies wirkt sich auf

die Intensität aus, mit der mögliche Risiken

analysiert und schließlich mitigiert werden

können.

Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit können

Hand in Hand gehen

Ein Beispiel: Ein Unternehmen reduziert in

wenigen Jahren die Anzahl seiner Zulieferer

und anderer Geschäftspartner von ursprünglich

3.000 auf einen Bruchteil. Durch die vereinfachte

Struktur und die geringere Anzahl

von Geschäftspartnern gestaltet sich die

Durchführung von Third Party Due Diligences

als wesentlich einfacher und ressourcenschonender.

Third Party Due Diligences helfen Unternehmen

dabei, herauszufinden, wie seriös

ihre (potenziellen) Geschäftspartner sind.

Aufgrund der besseren Transparenz beginnt

das Unternehmen aktiv, seinen Anforderungskatalog

an die Geschäftspartner zu gestalten

und so sein Tun und seine Marke aktiv zu entwickeln.

Aus einem rein risikoorientierten Ansatz

hat sich ein markenbildender und schließlich

wertschöpfender Vorgang entwickelt.

Speziell unter Zulieferern entwickelt sich nach

und nach ein Bewusstsein für die Notwendigkeit,

bestimmte Compliance-Strukturen

einzuführen. Insbesondere gehört hierzu das

Wissen, welche Compliance-Verpflichtungen

bereits wirksam und verbindlich eingegangen

worden sind, zum Beispiel in Rahmenverträgen

mit Kunden.

Dieser Trend ist vor allen Dingen durch Schadensfälle

motiviert. Unternehmen lernen aus

eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen

Dritter. Sie haben generell ein hohes Interesse

daran, erkannte Schadenspotenziale durch

Prävention abzuwenden. Denn je näher der

Einschlag kommt, desto intensiver ist die eigene

Betroffenheit und die dadurch ausgelöste

Bereitschaft zu agieren. Ein besonders

wirksames Beispiel ist der Verlust von Kunden

durch einen Mangel an Compliance-Strukturen,

oder noch unmittelbarer der Verlust von

Geld, beispielsweise durch sogenannte ‚Fake

CEO‘-Angriffe, die gerade in den letzten Jahren

vermehrt auftraten. Beim „Fake CEO“-Trick

geben sich Betrüger als Mitglied der Chefetage

aus und weisen Mitarbeiter zum Beispiel an,

große Summen auf bestimmte Konten zu überweisen.

Aufgrund unserer forensischen Praxis

konnten wir Unternehmen auch in diesen Fällen

erfolgreich unterstützen und Maßnahmen

einleiten, um Angriffe dieser Art zukünftig zu

vermeiden.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

23


Rechtliche Risiken

Dieser Mangel an Strukturen stellt mittelgroße

Unternehmen natürlich vor eine enorme Herausforderung,

denn es fällt ihnen schwer, mit

ihren beschränkten Mitteln eine angemessene

und wirksame Compliance-Struktur aufzubauen

und langfristig zu betreiben – vor allen

Dingen bei internationalisierten Aktivitäten.

Diese Unternehmen übersehen allerdings häufig,

dass das ‚klassische‘ Modell, basierend auf

Richtlinien und Regeln, in vielen Fällen deutlich

überzogen ist. Nach unserer Erfahrung besteht

der Schlüssel zu einem effektiven Compliance-

System weniger im Umfang detaillierter Richtlinien

und Prozesse, sondern vielmehr darin,

wie verständliche Regelungen wirksam und

nachhaltig umgesetzt werden. Statt der „klassischen“,

rechtlichen Sicht vertreten wir daher

eine funktionale Herangehensweise, da wir bei

der Analyse von Compliance-Vorfällen immer

wieder feststellen, dass Unternehmen gewaltige

Mengen an Geld, Zeit und Ressourcen in

den Aufbau von Prozessen, Richtlinien und umfassenden

Risiko-Registern investieren, dabei

aber den Blick auf ihre interne Arbeitskultur

vernachlässigen. Doch es ist gerade der unzureichend

berücksichtigte ‚Faktor Mensch‘, der

dann zur Aushebelung dieser Compliance-Systeme

führt.

Diese etwas ernüchternde Erkenntnis lässt sich

aber auch positiv betrachten: Eine wachsende

Zahl von Unternehmen hat verstanden, dass

das sichtbare ethische Verhalten ihrer Mitarbeiter

– insbesondere ihrer Führungskräfte und

Mittel-Manager – zu einer stark verankerten

‚Compliance-Kultur‘ führen kann, die das Unternehmen

organisch durchdringt und prägt.

Das hat zur Folge, dass Betrug, Bestechung oder

korruptes Verhalten in einem geringeren Maß

in Erscheinung treten oder schneller aufgedeckt

werden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass

Firmen, die ihre Mitarbeiter und Führungskräfte

kontinuierlich schulen und ausbilden, weniger

Vorschriften und geregelte Prozesse benötigen,

um den gewünschten Compliance-Schutz

zu erlangen.

Der Compliance-Ansatz muss zum Unternehmen

und zur gelebten Kultur passen

Ein Beispiel: Betrachten wir ein in Deutschland

tätiges internationales Unternehmen aus dem

Bereich der Gewerbeimmobilien. Sein Compliance-System

ist durch eine geringe Anzahl von

verständlich geschriebenen Richtlinien und

ausführliche Schulungen für Mitarbeiter geprägt.

Der Schwerpunkt wird auf das Erkennen

und Melden von potenziellen oder tatsächlichen

Compliance-Verstößen gelegt. In regelmäßig

stattfindenden Schulungen werden realitätsnahe

Fallbeispiele besprochen, um die wesentlichen

Compliance-Bereiche vorzustellen und zu

diskutieren. Oft sind die Diskussionen in diesen

von uns durchgeführten Workshops lebhaft und

sogar hitzig, aber gerade dies ist ihr Wert: Mitarbeitern

bleiben konkrete Beispiele länger im

Gedächtnis als Richtlinien. Zudem wissen sie

genau, wo und von wem sie sich Rat und Unterstützung

einholen können.

Ähnliche Beispiele findet man in Deutschland

etliche. Dennoch ist dieser Ansatz für Unternehmen

deutscher Prägung und Herkunft noch

immer vergleichsweise neu – um nicht zu sagen

‚fremd‘. Woran liegt das? Möglicherweise kann

man die Ursache darin sehen, dass Unternehmen

deutscher Prägung besonders auf klar definierte

Prozesse und Regeln achten – und weniger

auf menschliche Dynamik.

Ein Mitdenken in Verbindung mit der Möglichkeit,

Bedenken ohne Konsequenzen äußern

zu können – zum Beispiel gegenüber internen

Ansprechpartnern oder über anonyme Hinweisgebersysteme

– beispielsweise Whistleblowing-Hotlines

– ist ein wirksamer Weg, unethische,

betrügerische und korrupte Handlungen

in Unternehmen oder bei ihren Geschäftspartnern

zu identifizieren – im Idealfall natürlich,

bevor sie zu einer Krise führen. Unternehmen,

die diesen Weg einschlagen, bauen erfahrungsgemäß

nachhaltige Compliance-Systeme auf

und können Geschäftspartnern, Konsumenten

und der Gesellschaft allgemein so zeigen, dass

sie ein vertrauenswürdiges Unternehmen sind.

Welche Entwicklungen die Compliance in international

agierenden Unternehmen prägen und

welche Trends sich daraus ergeben, finden sich

in unserem aktuellen Compliance Survey 2017.

Die zentralen Ergebnisse des Surveys sind:

c Die Compliance-Funktionen großer Unternehmen

sind chronisch unterbesetzt: Ein

Viertel der großen Unternehmen investiert

24 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rechtliche Risiken

weniger als $25 pro Mitarbeiter jährlich für

Compliance; die Compliance-Teams von 28 %

der großen Unternehmen bestehen aus fünf

oder weniger Personen.

c Compliance ist erst sehr bedingt im Bewusstsein

der oberen Führungsetage angekommen:

Nur 27 % der für Compliance zuständigen

Führungskräfte nehmen an allen Vorstandssitzungen

teil.

Whistleblowing, anstatt aktiv die Initiative zu

ergreifen und gezielt Prüfungen zur Aufdeckung

von Korruptions- und Fraud-Fällen zu

initiieren.

c Compliance-Maßgaben weltweit tätiger Unternehmen

sind ausgesprochen heterogen. f

c Compliance-Beauftragte nutzen sehr eingeschränkt

technologische Möglichkeiten, um

effektiver arbeiten zu können.

c Compliance-Beauftragte sind noch immer

eher reaktiv: Zwei Drittel verlassen sich auf

Über die Autoren:

Harald Nikutta ist Senior Partner und Matthew

Kinch Associate Director und Compliance Experte bei

Control Risks.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

25


Rechtliche Risiken

Milliardenschäden durch

Produkt- und Markenpiraterie

Deutsche Unternehmen erleiden jährlich einen wirtschaftlichen Schaden in Höhe von

56 Milliarden Euro durch Marken- und Produktpiraterie. Dabei sind sich die Käufer von

Fälschungen über die negativen Folgen durchaus bewusst. Zu diesen Ergebnissen

kommt die Studie „Intellectual Property Protection“ aus 2015 von EY.

Von Sonja Scheferling

400 gefälschte Smartphones, über 24.000 Liter

nachgeahmter Tequila und über 22.000 Lego-Nachbildungen:

Das sind nur drei Beispiele

von Produktfälschungen, die der deutsche Zoll

im vierten Quartal 2015 sichergestellt hat. „Die

Marken- und Produktpiraterie ist ein Hemmschuh

für fairen Wettbewerb und neue Arbeitsplätze.

Dies gilt insbesondere für ein Land wie

Deutschland, in dem hochwertige Produkte hergestellt

werden“, heißt es dazu vom Zoll.

Wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch

Produkt- oder Markenpiraterie ist, wird exemplarisch

an Zahlen deutlich, die der Verband

Deutscher Maschinen- und Anlagenbau 2014

veröffentlicht hat: Demnach gehe der Branche,

die neben der Automobilindustrie am meisten

von Verletzungen geistiger Eigentumsrechte

betroffen ist, ein Umsatz von knapp acht Milliarden

Euro jährlich verloren; und damit 38.000

Arbeitsplätze.

Fälscher handeln schnell

„Plagiate minderer Qualität können dem Wirtschaftsstandort

Deutschland nachhaltig schaden.

Weil sich Unternehmensgewinne aufgrund

von Fälschungen reduzieren, werden

Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen

verringert oder aufgeschoben“, informiert EY

in der Studie „Intellectual Property Protection“.

Viele Unternehmen investierten nicht, weil sie

kurzfristig Nachahmungen ihrer neuen Produkte

erwarten. Von insgesamt 550 befragten

Unternehmen gaben knapp 60 Prozent an, innerhalb

des ersten Jahres nach Einführung eines

neuen Produktes mit Plagiaten konfrontiert

zu werden. Fast jedes zehnte Unternehmen ist

bereits innerhalb des ersten Monats davon betroffen.

Marken- und Produktpiraterie hat darüber hinaus

negative Auswirkungen auf die Unternehmensreputation

und das Image einzelner

Produkte. Insbesondere bei häufig gefälschten

Marken könne EY zufolge die Kundennachfrage

abnehmen, wenn ein Produkt dauerhaft mit

Plagiaten assoziiert wird: „Da der Erfolg vieler

deutscher Unternehmen auf der Qualität ihrer

Produkte basiert, fürchten sie einen Markenwertverlust

durch ähnliche, aber weniger

hochwertige Plagiate“, heißt es in der Studie.

Insgesamt messen die befragten Unternehmen

so dem Imageschaden eine größere Bedeutung

bei als dem direkten finanziellen Schaden durch

Umsatzeinbuße.

Wo kommen die Plagiate her?

Produkte werden dann gefälscht, wenn ein Absatzmarkt

vorhanden ist und die Plagiate günstiger

als das Original hergestellt und angeboten

werden können. Dabei übersteigen die Gewinnmargen

der Fälscher teilweise die der Originalhersteller,

obwohl die Preise der Plagiate

deutlich unter denen der Originale liegen. Der

größere Gewinn entsteht, weil die Fälscher keine

Kosten durch die Produktentwicklung oder Werbung

haben. Darüber hinaus haben sie niedrigere

Lohnnebenkosten, sparen an Material oder

verwenden minderwertige Komponenten.

Als Hauptproduktionsstandorte von Fälschungen

sehen die Unternehmen in erster Linie Chi-

26 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rechtliche Risiken

Foto: Marion Lenzen

na (72 Prozent), Südostasien (39 Prozent) und

Osteuropa (36 Prozent) an: „In diesen Ländern

gelten in der Regel weniger strikte arbeits- und

umweltrechtliche Auflagen. Auch die behördliche

Verfolgung von Fälschern ist in solchen

Ländern und Regionen oft unzureichend.“ Dadurch

könnten die Fälschungen unter anderen

Bedingungen produziert werden als beispielsweise

in Westeuropa oder den USA.

Verbraucher wissen, was sie tun

32 Prozent der 1.000 Verbraucher, die in der Studie

befragt wurden, haben in der Vergangenheit

ein Plagiat gekauft – mehrheitlich in vollem Bewusstsein.

Dabei haben sie die Käufe vor allem

auf sogenannten fliegenden Märkten getätigt.

Über den Einzelhandel wurden 35 Prozent der

Fälschungen bezogen. Das Internet spielt beim

Kauf von Plagiaten nur eine untergeordnete

Rolle: Lediglich elf Prozent der Käufer, die in

den letzten zwei Jahren bewusst eine Fälschung

erworben haben, taten dies online.

Verbraucher sind in der Regel über die negativen

Auswirkungen von Produkt- und Markenpiraterie

für die betroffenen Unternehmen aufgeklärt,

unabhängig davon, ob sie selbst Plagiate gekauft

haben oder nicht. So schätzen 86 Prozent der

Befragten eine potenzielle Gefährdung von Arbeitsplätzen

sowie Umsatzeinbußen durch Fälschungen

als mittelgroß bis groß ein. Auswirkungen

auf die eigene Sicherheit und Gesundheit

schrecken aber die meisten Verbraucher vom

Kauf der Fälschungen ab. Dementsprechend ist

die gezielte Aufklärung der Konsumenten über

Unfall- und Gesundheitsrisiken ein wirksames

Mittel, um sie von möglichen Plagiats-Käufen

abzuhalten.

Schutzmaßnahmen

„Unternehmen steht heute eine breite Palette

an Instrumenten und Möglichkeiten zur Verfügung,

um gegen Fälscher ihrer Marken und Produkte

vorzugehen“, erklärt Götz. Dazu gehören

etwa rechtliche Maßnahmen wie Eintragung von

Schutzrechten, die Rechtsdurchsetzung bei Verstößen

sowie interne Maßnahmen wie IP-Richtlinien

für Mitarbeiter. Allerdings würden Unternehmen

insgesamt zu wenig finanzielle

Mittel aufwenden, um ihr geistiges Eigentum zu

schützen. Darüber hinaus zeigt die Studie von

EY, dass die Unternehmen ihre Mitarbeiter nur

unzureichend für den IP-Schutz sensibilisieren.

„Ein wirksamer Schutz geistigen Eigentums kann

nur durch ein Zusammenspiel von Maßnahmen

und eine abgestimmte Zusammenarbeit mit externen

Interessensgruppen wie Verbänden, Verbraucherschutz,

Behörden und Politik funktionieren“,

erklärt Götz. „Erst wenn ein stärkeres

Bewusstsein in Unternehmen und Gesellschaft

für die zunehmenden Risiken und Schäden von

Produkt- und Markenpiraterie geschaffen ist,

kann effektiver IP-Schutz funktionieren.“ f

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

27


Rohstoffrisiken

Globale

Rohstoffumbrüche

erfordern

Umdenken

Rohstoffverarbeitende Unternehmen finden in internationalen Märkten nicht nur Chancen,

sondern sehen sich auch mit einer Vielzahl von Herausforderungen und teilweise

sehr kurzfristigen Handlungszwängen konfrontiert. Dazu gehören etwa Veränderungen

auf den Kapitalmärkten, der verschärften Konkurrenz aus dem In- und Ausland oder

sich ändernde politische und rechtliche Rahmenbedingungen wie etwa im Bereich des

Umweltrechtes oder gesetzlich geforderter Produktdeklarationen. Neben all diesen Dynamiken

im Unternehmensumfeld kommt in den vergangenen Jahren ein mittlerweile

hochaktuelles Thema hinzu: Die Beschaffung von Metallen und Mineralien.

Foto: Tomas Sereda / iStockphoto.com

28 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rohstoffrisiken

Von Dr. Simon Meißner

Um den wachsenden Anforderungen angesichts

eines zunehmenden Komplexitätsgrades und

der hohen Dynamik innerhalb des Unternehmensumfeldes

gerecht zu werden, kommt der

Transparenz und der Kommunikation entlang

der Lieferkette eine immer größere Bedeutung

zu – nicht zuletzt, um trotz kurzer Reaktionszeiten

sichere unternehmerische Entscheidungen

treffen zu können.

Insbesondere auf den Rohstoffmärkten hat

sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren eine

Trendwende ergeben, die eine erhöhte Aufmerksamkeit

seitens der Wirtschaft und der Politik

mit Blick auf drohende Versorgungsrisiken

erfordert. Maßgeblich verantwortlich hierfür ist

die langanhaltende Wirtschaftsdynamik Asiens

sowie vieler Schwellenländer, die gravierende

Auswirkungen auf das Angebot und die Nachfrage

nach Rohstoffen und Energie zur Folge

haben. Hiervon betroffen sind vor allem strategisch-metallische

Rohstoffe wie Stahl, Kupfer,

Zink und Edelmetalle oder Spezialrohstoffe wie

Indium, Gallium oder Seltene Erden, also meist

hightech-relevante Rohstoffe mit einem breiten

Anwendungsportfolio und einem weltweit

überdurchschnittlich hohen Wachstumspotenzial.

Die Folgen sind teilweise unvorhersehbare

Preisentwicklungen, die zusätzlich durch intensive

Spekulationstätigkeiten auf den Finanzmärkten

angetrieben werden.

Begleitet wurde dieser Umstand von einem

Trend zur Monopolisierung der Rohstoffmärkte

mit wenigen Akteuren auf Angebotsseite und

damit steigenden Abhängigkeiten und Konkurrenzdruck

auf Nachfrageseite. Zu diesen marktund

betriebswirtschaftlichen Unsicherheiten

häuften sich in den letzten Jahren Schlagzeilen

in Bezug auf massive ökologische und soziale

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

29


Rohstoffrisiken

Missstände bei der Bereitstellung und der Veredelung

dieser Rohstoffe, die hierzulande in vielen

Produkten zum Einsatz kommen und teilweise

in „grüne“ Umwelttechnologien „Made in

Germany“ münden – mit erheblichem Reputationsrisiko

für die betroffenen Unternehmen

bzw. Branchen. In der Summe ergeben sich somit

zahlreiche Entwicklungen mit erheblicher

Brisanz für viele hiesige Unternehmen.

Empfehlungen bei Rohstoffrisiken

Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien und

auch Handlungsempfehlungen über strategisch

wichtige Rohstoffe, und welche Konsequenzen

sich im Falle einer Versorgungsknappheit für die

deutsche Wirtschaft oder einzelner Branchen

ergeben könnten. Hierbei spielen aus der Perspektive

der Unternehmen eine bessere Kenntnis

über die für das Endprodukt relevanten Hilfs-,

Betriebs- und Rohstoffe sowie die Strukturen

der vorgelagerten Lieferketten eine wichtige

Rolle, um drohende „Bottle necks“ entlang

der Transport- und Prozessketten rechtzeitig

identifizieren und bei Bedarf gegensteuern zu

können.

Eine Umsetzung dieser Handlungsempfehlungen

auf unternehmerischer Ebene erfolgte bisher

jedoch nur zögerlich – trotz des gestiegenen

Bewusstseins, dass mögliche Risiken durch eine

zunehmende Rohstoffabhängigkeit ein aktives

Handeln erfordern. Häufig genannte Gründe

hierfür sind die erheblichen Investitions-,

Zeit- und Personalkosten zur Bereitstellung,

Sammlung und regelmäßigen Aktualisierung

der produktspezifischen Daten, dessen Aufwand-Nutzen-Verhältnis

für die Unternehmen

angesichts der oftmals überaus hohen Komplexität

und Dynamik der betroffenen Lieferketten

schwer einzuschätzen sind. Aber auch die

Sorge vor möglichen Datenschutzrisiken oder

patentrechtlichen Hürden sowie die fehlende

Kenntnis über die genaue stoffliche Zusammensetzung

der eigenen Produkte als Resultat

des zunehmend hohen Anteils an verwendeten

Zukaufhalbwaren, oder schlicht die immer noch

vorhandene Unwissenheit über die Brisanz des

Themas spielen hierbei eine große Rolle. Insbesondere

die stetige Auslagerung von Fertigungsprozessen,

die Reduktion der Lagervorhaltung

und vermehrte Just-in-Time-Lieferungen erhöhten

die Abhängigkeiten rohstoffverarbeitender

Betriebe und somit deren Anfälligkeiten

für Rohstoffrisiken.

Abteilungsübergreifend agieren

Bei einer ausschließlich betriebswirtschaftlichen

Sichtweise werden rohstoffspezifische

Fragestellungen zumeist über den zentralen

Einkauf berücksichtigt oder im Rahmen des

klassischen Risikomanagements auf unternehmensstrategischer

Ebene angesiedelt. Im Gegensatz

dazu werden im Falle einer ganzheitlichen

Unternehmensphilosophie mit bereits

etabliertem Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanagement

derartige Fragen abteilungsübergreifend

behandelt, sofern die entsprechenden

Personalkapazitäten zur Verfügung gestellt

werden können. Dies hat u.a. den Vorteil, diejenigen

Prozessbereiche des Betriebsstandortes,

die in unterschiedlichem Maße Einfluss auf

die Rohstoffnutzung und die damit relevanten

Lieferketten besitzen, wie z.B. die Produktentwicklung

und das Design, die Produktion und

Fertigung, das Marketing, der Einkauf und der

Vertrieb, zusammenhängend betrachtet und

im Falle drohender Versorgungsrisiken optimal

aufeinander abgestimmt gesteuert werden

können.

Klassische Maßnahmen des Ressourcenmanagements

sind vor allem unternehmensintern

im Bereich der Effizienzsteigerung in der

Produktion angesiedelt, aber auch die Entwicklung

von Substitutionsalternativen bis hin

zur Anpassung von Lieferverträgen im Bereich

der langfristigen Zusicherung von Rohstofflieferungen

spielen eine wichtige Rolle. Ebenso

gewinnt das Thema der Einhaltung von Umwelt-

und Sozialstandards (z.B. durch eine Implementierung

im Code of Conduct) mit einer

schrittweisen Offenlegung der Lieferstrukturen

eine zunehmende Bedeutung.

Gerade im letzteren Falle bedarf es des Aufbaus

eines geeigneten Informationsmanagementsystems

zur Erfassung und Bewertung rohstoffspezifischer

Daten, die sowohl innerbetriebliche als

auch lieferkettenbezogene Strukturen betreffen.

Dies betrifft im weiterführenden Sinne den

Aufbau von unternehmensspezifischen Ressourcenkompetenzen,

wie sie bislang aufgrund

weitgehend stabiler Rohstoffmärkte in diesem

Umfang und in dieser Intensität nicht relevant

30 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rohstoffrisiken

waren. Standen hierbei anfänglich eher Fragen

der Versorgungssicherheit im Vordergrund, so

wurde diese vorwiegend betriebswirtschaftlich

orientierte Sichtweise sukzessive um das Thema

Konfliktmineralien und soziale Missstände

bei der Rohstoffbeschaffung sowie des Umweltschutzes

bei der Ressourcengewinnung erweitert,

so dass heute vermehrt eine nachhaltige

Rohstoffbeschaffung angestrebt wird.

Hierbei ist jedoch anzumerken, dass im Rahmen

dessen die umweltverantwortliche Dimension

unternehmerischen Handelns bislang weit ausgeprägter

und häufiger anzutreffen ist, als Themen

der Sozialverträglichkeit. Davon zeugen

vor allem die bereits im Einsatz befindlichen

betrieblichen Umweltmanagementsysteme und

zahlreichen Instrumente des produktbezogenen

Life-Cycle-Assessments, deren Ergebnisse

Einzug in eine entsprechende Berichterstattung

finden. Die sozial-verantwortliche Dimension,

insb. in der Ausgestaltung von Lieferketten, die

zudem weit über die üblichen CSR-Aktivitäten

eines Unternehmens hinausgeht, gewinnt jedoch

in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung.

Prinzips des „Name and Shame“, d.h. es bestehen

für Unternehmen im Falle des Bekanntwerdens

der Verwendung von Konfliktrohstoffen

erhebliche Reputationsrisiken. Von der Regelung

sind nicht nur US-amerikanische, börsennotierte

Unternehmen betroffen, sondern auch

diejenigen, die sich entlang der Lieferkette befinden

– sei es als direkter Zulieferer oder als

Zwischenlieferant.

Da US-Präsident Donald Trump angekündigt

hat, den Dodd-Frank Act seines Amtsvorgängers

zu überarbeiten, steht der Konfliktmineralien-Artikel

1502 erneut auf dem Prüfstand. Ein

Entwurf eines aktuellen Präsidialdekrets sieht

bereits eine Aussetzung des Artikels für zunächst

zwei Jahre vor. In diesem Zeitraum sollen

die Außen- und Finanzministerien der USA

Zunehmende Bedeutung sozialer Standards

Spätestens seit 2010 stellt das Thema Transparenz

in Lieferketten, welches von Unternehmen

bis dato meist im Rahmen des Qualitätsmanagements

eigenverantwortlich angegangen wurde,

viele Unternehmen vor große Herausforderungen.

Denn im Rahmen der Neuregulierung der

Finanzmärkte wurde im Juli 2010 in den USA der

so genannte Dodd-Frank Act (Dodd-Frank Wall

Street Reform and Consumer Protection Act)

rechtsverbindlich eingeführt. Dieser schreibt

die jährliche Auskunftspflicht für US-börsennotierte

Unternehmen bezüglich der Verwendung

der Rohstoffe Zinn, Tantal, Gold und Wolfram

innerhalb ihrer Produkte vor. Stammen die Ressourcen

dabei aus der Demokratischen Republik

Kongo oder deren Nachbarländern, müssen

die Unternehmen der US-Börsenaufsicht einen

auditierten Bericht mit umfassenden Informationen

zu Herkunft und Verwendung der Konfliktmineralien

vorlegen.

Der Artikel 1502 des Dodd-Frank Act untersagt

zwar die Verwendung von Konfliktmineralien

nicht ausdrücklich, bedient sich jedoch des

Foto: Africanway / iStockphoto.com

„dem Präsidenten einen Plan zum Umgang mit

Menschenrechtsverletzungen und der Finanzierung

bewaffneter Gruppen im Kongo oder in

deren Nachbarländern vorschlagen“, so hieß es

darin. Überlegt wird zudem, die Verantwortung

stärker auf einzelne Unternehmen auszurichten,

die in illegale Rohstoffaktivitäten verwi-

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

31


Rohstoffrisiken

ckelt seien. Sollte der Artikel 1502 tatsächlich

ausgesetzt oder gar rückgängig gemacht werden,

so existiert zumindest auf Ebene der OECD

ein ähnliches Instrumentarium, wenngleich mit

geringer verbindlicher Natur und eher auf freiwilliger

Basis für teilnehmende Unternehmen.

Die ebenfalls in 2010 eingeführten OECD-Richtlinien

zur Erfüllung der Sorgfaltspflicht in der

Lieferkette von Konfliktmineralien (OECD Due

Diligence Guidelines for Responsible Supply

Chains of Minerals from Conflict-Affected and

High-Risk Areas), verfolgen gleichermaßen das

Ziel, der Verletzung von Menschrechten entgegenzutreten

und die Einhaltung sozialer und

ethischer Grundsätze entlang der gesamten Liefer-

und Verarbeitungskette von Rohstoffen zu

gewährleisten.

Berichtspflicht steigt

Der Aufbau und die Verwaltung eines entsprechenden

Informationsmanagementsystems erfordert

bislang einen hohen personellen und

zeitlichen Aufwand, könnte jedoch im Laufe

einer voranschreitenden Industrie 4.0 und der

damit zunehmend digitalen Vernetzung sowohl

innerhalb eines Unternehmens (= vertikale Vernetzung)

als auch zwischen den Unternehmen

entlang der Lieferkette (= horizontale Vernetzung)

langfristig eine – zumindest technische –

Umsetzbarkeit erfahren, um produktionstechnische

und rohstoffspezifische Informationen

in kurzen Zeitabständen aktualisieren, auswerten

und bereit stellen zu können.

Die Forderung nach mehr Transparenz und

Kommunikation im Rohstoffsektor ist angesichts

aktueller europäischer Bestrebungen,

ebenfalls nach dem Vorbild des Dodd-Frank Act

als auch der OECD, eine entsprechende Regulierung

einzuführen, von großer Bedeutung für

die deutsche Wirtschaft. So befindet sich auf

EU-Ebene derzeit die „EU Conflict Mineral Regulation“

in der letzten Phase der Abstimmung

und soll noch in diesem Jahr ratifiziert werden.

Mit Inkrafttreten dieser Richtlinie für den Europäischen

Wirtschaftsraum sollen nach Vorschlag

der Kommission und des Europäischen

Rates zunächst nur freiwillige Kontrollen eingeführt

werden.

Kleine Unternehmen und insbesondere das Geschäftsfeld

von Sekundärrohstoffen sowie bestehende

Rohstoffbestände innerhalb der EU

bleiben zudem vorerst von dieser Verordnung

grundsätzlich ausgeschlossen. Langfristig sollte

jedoch nach Ansicht der EU-Kommission

darauf hingewirkt werden, dass insbesondere

für EU-Importeure von Rohstoffen wie Zinn,

Wolfram, Tantal und Gold sowie ihrer Erze aus

Konflikt- bzw. politisch gefährdeten Regionen

zumindest die OECD-Richtlinien verbindlich

werden. Die zuständigen Behörden der EU-Mitgliedstaaten

würden in diesem Falle für die Einhaltung

dieser Richtlinien sowie im Bedarfsfall

für die Einleitung von Sanktionsverfahren bei

deren Nichteinhaltung zuständig sein.

Droht eine Überregulierung?

Nun stellt sich angesichts des für die Wirtschaft

damit verbundenen Aufwandes einer zunehmend

verpflichtenden Offenlegung teils hochkomplexer

und dynamischer Lieferketten die

Frage nach dem Aufwand-Nutzen-Verhältnis.

Gleichsam mehren sich die Stimmen, ob es sich

hierbei letztlich nicht um eine Überregulierung

eines zweifellos wichtigen ethischen Themas

zur Förderung eines „Responsible Business“

handelt. Und, welche Alternativen bestehen für

betroffene Unternehmen? Gegenüber dem auf

politisch höchster Ebene eingeführten Ansatz,

Lieferketten vom Endproduzenten aus rückwirkend

transparent zu gestalten („Top-Down-

Ansatz“) stehen zunehmend Bemühungen der

rohstoffextrahierenden Wirtschaft, um bereits

am Ursprung der Lieferketten, d.h. im Bergbau

und der Verhüttung, nachhaltige und transparente

Standards einzuführen („Bottom-Up-Ansatz“).

Exemplarisch hierfür steht die „Initiative for

Responsible Mining Assurance (IRMA)“ zur Gewährleistung

eines sozial- und umweltverträglichen

Bergbaus. Diese Aktivitäten bieten angesichts

der bisher noch sehr aufwendigen und

international noch mangelnden Abstimmung

der politischen top-down-Regulation den Vorteil,

dass die nachfolgenden Produktions- und

Lieferketten – unabhängig von der Einsteuerung

und Verwendung der Rohstoffe in produktspezifische

Anwendungspfade – per se frei

von Konfliktmineralien wären.

Dieses Vorgehen würde jedoch lediglich sicherstellen,

dass ethische und ökologische Standards

32 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rohstoffrisiken

bei der Rohstoffextraktion eingehalten würden.

Um jedoch eine zunehmend versorgungssichere

sowie umwelt- und sozialverträgliche Lieferkette

im nachhaltigen Sinne zu erhalten, wäre

eine Kombination beider Stoßrichtungen nach

dem Motto „Best of two Worlds“ interessant.

Nur so kann gewährleistet werden, dass politische

und wirtschaftliche Akteure von beiden

Richtungen der Rohstoffkette innerhalb eines

Innovations- und Informationssystems zusammenarbeiten

und die gesamte Lieferkette nachhaltig

ausrichten.

In diesem Sinne formieren sich mittlerweile

eine Reihe von Akteuren in der Elektronikbranche,

um diese Interessen zu bündeln, wie etwa

die Electronic Industry Citizenship Coalition

(EICC) und die Global e-Sustainability Initiative

(GeSI), die gemeinsam die „Conflict-Free Sourcing

Initiative (CFSI)“ ins Leben gerufen haben.

An dieser Initiative nehmen z.B. Metallschmelzen

und rohstoffverarbeitende Betriebe teil,

die den hohen Anforderungen dieser Initiative

genügen und „konfliktfreie“ Grundrohstoffe

für produzierende Unternehmen und Händler

weltweit bereitstellen können. Daneben bestehen

zahlreiche „Soft Laws“, die ebenfalls eine

Transparenz der Lieferketten auf freiwilliger

Basis fördern, wenngleich mit anderen Zielsetzungen

und Schwerpunkten.

Exemplarisch hierfür stehen die „UN Guiding

Principles for Business and Human Rights“,

die „OECD Guidelines for Multinationals“ oder

die „ILO Tripartite Declaration of Principles on

Multinational Enterprises and Social Policy“,

in der es insbesondere um die Prüfung der Arbeitsbedingungen

in Lieferketten geht. Diese

Initiativen gewinnen als anerkannte und etablierte

Standards immer mehr an Bedeutung und

zwingen viele Unternehmen bereits jetzt, sich

intensiv mit ihren Lieferketten auseinanderzusetzen.

Transparenz in der Lieferkette

Die zunehmende Forderung von Kunden sowie

der Politik nach umwelt- und sozialverträglich

produzierten Gütern und Dienstleistungen bei

gleichzeitigem Interesse nach Versorgungssicherheit

mit hochqualitativen, kostengünstigen

Rohstoffen zwingt zu einem Umdenken der bisherigen

Wirtschaftsweise. Umwelt-, Nachhaltigkeits-

und Ressourcenmanagement gehen

Hand in Hand mit betriebswirtschaftlichen Entscheidungen.

Die Transparenz entlang der Lieferketten

und das Wissen um die material- und

rohstoffspezifische Zusammensetzung der Produkte

sowie deren Funktionsweisen sind mehr

denn je von entscheidender Bedeutung für die

Bereitstellung nachhaltiger Produkte.

Insbesondere neuere Entwicklungen auf dem

Gebiet der Digitalisierung eröffnen vielversprechende

technische Möglichkeiten zur Vernetzung

und Informationsverarbeitung, um die

rohstoffspezifischen Informationen von einer

Vielzahl von Zulieferern zeitnah und aktuell zu

erhalten und in unternehmerische Entscheidungen

einzubinden. Strategisch eingesetzte

Informationsmanagementsysteme, „Produktpässe“

oder „Smart Products“, die wichtigen

Informationen zum jeweiligen Produkt sowie

dessen Fertigungsprozess bereitstellen können,

bieten neben Wettbewerbsvorteilen auch

Grundlagen für umwelt- und sozialverträgliches

Handeln, bei dem es nicht nur um die Reaktion

im Schadensfall geht, sondern um proaktives

und präventives strategisches Agieren.

Dies gelingt jedoch langfristig nur, wenn die

Rohstoffthematik und nachhaltige Prinzipien

im gesamtunternehmerischen Denken und

Handeln fest verankert sind – von der Produktentwicklung

über die Produktion, den Einkauf,

das Marketing bis hin zum Umwelt- und

Nachhaltigkeitsmanagement. Neben dieser innerbetrieblichen

Sichtweise ist aber auch ein

ganzheitliches Verständnis einer transparenten

Rohstoff- und Wertschöpfungskette unabdingbar.

Hier gilt es in den Betrieben verstärkt Ressourcenkompetenzen

aufzubauen, zu erweitern

und an die Bedürfnisse des Unternehmensumfelds

auszurichten, und zwar ungeachtet regulatorischer

Vorgaben und Zwänge. Nur so entsteht

ein Gespür dafür, welche Möglichkeiten

zur aktiven Gestaltung und Umsetzung eines

„Responsible Business“ bestehen. f

Dr. Simon Meißner ist akademischer Rat am Lehrstuhl

für Ressourcenstrategie der Universität Augsburg

und habilitiert dort im Fachbereich Geographie

an der Fakultät für Angewandte Informatik.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

33


Rohstoffrisiken

Glimmer-Lieferkette:

Foto: Vivek Sharma / Xtreme Pictures

Kein Platz für

Kinderarbeit

Ob Lippenstift, Lidschatten oder Autolack:

Für den schönen Schimmer sorgt oft das

Mineral Glimmer. Der begehrte Rohstoff

wird unter anderem im Norden Indiens, in

den Bundesstaaten Jharkhand und Bihar

abgebaut. Die Region ist geprägt von

politischer Instabilität und Armut; Kinderarbeit

ist weit verbreitet. Auch Merck

nutzt Glimmer als Hauptrohstoff für seine

Effektpigmente. Das Wissenschafts- und

Technologieunternehmen lehnt Kinderarbeit

in seiner Lieferkette strikt ab und

setzt sich für sichere Arbeitsbedingungen

der Minenarbeiter ein. Außerdem unterstützt

Merck Bildungs- und Gesundheitsprojekte,

die das Leben der Familien

in den Abbaugebieten verbessern.

Glimmer ist nach seiner Fähigkeit benannt,

Licht zu brechen und zu reflektieren. Der Rohstoff

kommt an vielen Orten vor. Merck bezieht

ihn vor allem aus Indien, aber auch aus den Vereinigten

Staaten und Brasilien. Das Unternehmen

benötigt den natürlichen Glimmer – neben

synthetischen Substraten - für die Herstellung

seiner hochwertigen Effektpigmente. Sie kommen

unter anderem in Lacken im Automobilund

Industriesektor und in der Kosmetik- und

Lebensmittelindustrie zum Einsatz.

Merck bekämpft seit 2008 Kinderarbeit im indischen

Glimmerabbau. Anlass war eine unternehmensinterne

Untersuchung. Sie hatte ergeben,

dass die Bewohner der Region Jharkhand

Glimmer in stillgelegten Minen oder vom Boden

sammeln - vereinzelt auch gemeinsam mit ihren

Kindern. Ein klarer Verstoß gegen die Unternehmenswerte

und die Prinzipien der Menschenrechtscharta

von Merck: „Die Einhaltung

grundlegender Arbeitsstandards bei unseren

Lieferanten hat für uns höchste Priorität. Wir

haben daher sofort, nachdem wir von den Vorfällen

erfahren haben, Maßnahmen ergriffen,

um Kinderarbeit vollständig zu unterbinden“,

erklärt Michael Heckmeier, Leiter der Geschäftseinheit

Pigments & Functional Materials

bei Merck. Das Unternehmen hat seine Lieferkette

komplett umgestellt und setzt sich dafür

ein, die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter

in Indien zu verbessern. „Wir unterhalten inzwischen

direkte Geschäftsbeziehungen mit

Glimmer-Minen und den Glimmer-verarbeitenden

Betrieben und haben in diesem im Gegensatz

zur Sammlung formalen Arbeitsumfeld

mehr Einfluss“, sagt Heckmeier. Darüber hinaus

hat Merck Kontrollmechanismen eingeführt

und so einen umfassenden Überblick über die

gesamte Lieferkette.

Sozioökonomischer Hintergrund

Null Toleranz gegenüber Kinderarbeit

Merck hat sich bewusst dazu entschieden, seine

Geschäftsbeziehungen im nördlichen Indien

aufrechtzuerhalten. Das Unternehmen übernimmt

Verantwortung für die Region: Arbeitsplätze

sollen erhalten bleiben.

Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigen die sozialen

Umstände in Jharkhand und Bihar. Sie bil-

34 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Rohstoffrisiken

den einen idealen Nährboden für Kinderarbeit:

Beide Bundesstaaten zählen zu den ärmsten Regionen

Indiens. Die Alphabetisierungsquote und

die Anzahl der Kinder, die eine Schule besuchen,

liegen laut einer Studie von Terre des Hommes

und SOMO (Stichting Onderzoek Multinationale

Ondernemingen / Centre for Research on Multinational

Corporations) aus dem Jahr 2016 weit

unter dem Landesdurchschnitt.

Investitionen in Bildung und

Gesundheitsversorgung

Um die Lebenssituation der Familien zu verbessern,

hat Merck nicht nur seine Glimmer-Lieferkette

umgestellt, sondern gemeinsam mit

seinem Partner IGEP soziale Projekte für die Bevölkerung

der Region initiiert. Das gemeinsame

Ziel: Den Zugang zur Gesundheitsversorgung

verbessern und den Kindern eine schulische und

berufliche Perspektive bieten:

c Merck betreibt in den Dörfern Tisri, Barkitand

und Saphi Schulen mit angeschlossenen Kindergärten,

die von über 500 Schülern besucht

werden. Auf dem Stundenplan stehen auch

Aufklärung über Hygiene und Gesundheit. In

Tisri können sich die Jugendlichen außerdem

zu Tischlern oder Schneidern ausbilden lassen.

Merck unterstützt darüber hinaus eine

vierte Schule in Koderma mit Stipendien für

150 Schüler.

c In Saphi hat Merck ein Gesundheitszentrum

eingerichtet. Dort arbeiten zwei Ärzte und

eine Krankenschwester, die auch die medizinische

Versorgung der Schulen übernehmen.

Sie besuchen außerdem die Schulen und Dörfer

in der Umgebung.

Für sein Engagement erhält Merck von Seiten

der Zivilgesellschaft viel Lob und Anerkennung.

So attestierte SOMO dem Unternehmen in der

genannten Studie, dass das Unternehmen im

Vergleich zu anderen Glimmer-Importeuren bei

weitem die besten Maßnahmen durchführen,

um Kinderarbeit in der Lieferkette auszuschließen

und die Lebensbedingungen der Menschen

zu verbessern. Merck engagiert sich aber auch

darüber hinaus an Multistakeholder-Dialogen

und –Initiativen für eine Verbesserung der Lebens-

und Arbeitsbedingungen in der Glimmer-Region.

f

Hohe Standards in der Lieferkette

Merck gewährleistet die Umsetzung sozialer

Standards mit Hilfe von verschiedenen Maßnahmen.

Ein Überblick:

c Merck bezieht Glimmer ausschließlich aus

kontrollierten Minen: Nur die formelle Arbeitsumgebung

stellt die Einhaltung sozialer

Standards sicher. Bei Glimmer, der in öffentlich

zugänglichen Bereichen ohne formelle

Arbeitsbedingungen gesammelt wurde, ist es

nicht möglich, Kinderarbeit auszuschließen.

c Mit Hilfe eines Nachverfolgungssystems stellt

Merck sicher, dass der gelieferte Glimmer ausschließlich

aus Minen stammt und nicht aus

unkontrollierten Quellen: Die Minenbesitzer

halten die tägliche Fördermenge einer Mine

in einem Logbuch fest. Diese dokumentierten

Glimmermengen sind die Basis für die

Lizenzgebühren, die die Minenbesitzer an die

Regierung zahlen müssen. Wenn Glimmer aus

unkontrollierten Quellen mit verwendet würde,

müssten die Minenbesitzer auch für diese

Glimmermengen Lizenzgebühren zahlen.

Dies ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, denn der

Glimmer wäre für den Minenbesitzer teurer, als

der in seiner Mine geförderte Glimmer. Merck

überprüft monatlich die im Logbuch gemeldeten

und die an die weiterverarbeitenden Betriebe

gelieferten Glimmermengen.

c Mit Audits überprüft das Unternehmen das

regelkonforme Verhalten der Partner. Dabei

werden beispielsweise das Alter der Arbeiter,

die Arbeitszeiten und die gezahlten Löhne geprüft,

aber auch, ob Gesundheitschecks und

Sicherheitsübungen durchgeführt wurden. Die

Merck-Mitarbeiter vor Ort kontrollieren die Zulieferer

in regelmäßigen Abständen. Zusätzlich

führen das Environmental Resource Management

(ERM) und die Stiftung Indo German Export

Promotion (IGEP) als unabhängige Drittparteien

eigene Audits durch. Während IGEP

einmal im Monat die Einhaltung der Arbeitsstandards

kontrolliert, überprüft ERM jährlich

die Arbeitsbedingungen und die Einhaltung

von Umwelt-, Sicherheits- und Gesundheitsstandards.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

35


Rohstoffrisiken

Ist Deutschland gut genug

gegen Rohstoffrisiken gerüstet?

Welche globalen Entwicklungen finden Sie im Hinblick auf die Rohstoff- und

Energieversorgung Deutschlands besorgniserregend? *

Finanzspekulation an den Rohstoffmärkten 89

Steigende Nachfrage und globales Wachstum 84

Soziale Unruhen in Ursprungsländern

für Rohstoffe

81

Protektionismus im Welthandel 80

Bildung von Anbieter-Monopolen 80

Währungskrisen 73

Knappheit seltener Schlüssel-Rohstoffe 73

Knappheit fossiler Brennstoffe 68

Unzureichende Alternativen zu den

fossilen Brennstoffen

Kurzfristige Veränderungen

der Energiepolitik

65

64

Unkalkulierbare Risiken der Atomenergie 61

Foto: Miloslav78 / iStockphoto.com


Rohstoffrisiken

Welche Auswirkungen werden die Entwicklungen auf den Energie- und

Rohstoffmärkten in Ihrer Branche haben? *

Die Ressourcenknappheit zwingt uns,

innovativ zu sein

Die Geschäfte werden unsicherer und

schwerer kalkulierbar

52

51

Die Profitabilität wird dauerhaft belastet 50

Zulieferer gewinnen an Bedeutung und

Marktmacht

Es entstehen neue Märkte und

Absatzmöglichkeiten

Internationale Wettbewerber profitieren

von einem besseren Zugang zu Rohstoffen

Unternehmen werden verstärkt eigene

Energie erzeugen

Es kommt zu Versorgungsengpässen 35

Unternehmen werden sich an

Rohstoffzulieferern beteiligen

Der technologische Fortschritt wird

aufgrund knapper Ressourcen gebremst

Mit welchen Maßnahmen reagieren die Unternehmen auf die Entwicklungen an

den Rohstoff- und Energiemärkten? *

Beschaffungswesen wird durchgeführt wird erwogen

Suche nach neuen Lieferanten 47 17

Langfristige Lieferverträge mit

bestehenden Lieferanten

Speziell auf den Einkauf dieser Waren

geschultes Personal

47 10

33 9

Bildung von Einkaufsgemeinschaften 24 10

Vergrößerung der Lagerkapazität 14 9

Absicherung von Preisrisiken durch

spezielle Finanzprodukte

Unternehmerische Beteiligung an

Zulieferern oder Rohstoffproduzenten

*Alle Angaben in Prozent

45

45

44

36

27

18

10 6

4 4

Quelle: Ergebnisse einer Erhebung der Commerzbank: „Rohstoffe und Energie: Risiken umkämpfter Ressourcen“, methodische Durchführung durch TNS Infratest

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

37


Foto: Florian Sander / MKULNV

Klimarisiken


Vielen

Menschen ist

heute bewusst,

dass ein

Weiter

so nicht

funktioniert

Das allermeiste Leid ist Menschen-gemacht. Aber keines davon hat so weitreichende

Folgen wie der Klimawandel. Er betrifft uns alle und geht an die Substanz des Zusammenlebens.

Gegen die schlimmsten Folgen des Klimawandels lässt sich noch etwas

tun – wenn denn alle mitmachen. Wie realistisch ist das? Wir sprachen darüber mit

Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und

Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ob Dürre, Flut oder Extremwetterereignisse: Das

Klima wird immer mehr auch hierzulande zum

Risiko. Als Klima- und Umweltminister von NRW

wissen Sie um die Gefahren. Worauf müssen wir uns

in Zukunft einstellen?

Johannes Remmel: Der Klimawandel ist real.

Er trifft uns auch in NRW und wird die Art und

Weise, wie wir leben, wohnen und arbeiten in

Zukunft stark beeinflussen. Stürme und Starkregenereignisse

wie in den letzten Jahren beispielsweise

in Münster oder Hamminkeln werden

immer häufiger vorkommen. Schon jetzt

zeichnet sich ab, dass der Klimawandel, der

Klimaschutz und die Anpassung an die unvermeidbaren

Folgen der Erderwärmung eine der

38 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Klimarisiken

größten Herausforderungen darstellen, vor der

wir stehen und die wir meistern müssen. Es wird

uns teuer zu stehen kommen, wenn wir jetzt

nicht handeln. Die beste Politik gegen den fortschreitenden

Klimawandel ist eine ambitionierte

Politik gegen die globale Erwärmung. Deshalb

hat die Landesregierung die Klimapolitik in den

letzten Jahren neu ausgerichtet.

Wenn ich Sie als Bürger fragen würde: Welche Kosten

verursacht der Klimawandel in NRW, und was würde

uns vernünftiger Klimaschutz kosten? Könnten Sie

mir das ausrechnen oder ist das zu simpel gedacht?

Remmel: Selbstverständlich können wir die Kosten

der Naturkatastrophen berechnen. Zum Beispiel

verursachte der Orkan Kyrill im Januar 2007

allein im Wald einen finanziellen Schaden von

mehr als 1,5 Milliarden Euro. Durch das Sturmtief

„Ela“ Anfang 2014 fielen Kosten von ca. 600 Millionen

Euro an. Insgesamt könnten sich laut einer

Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW) die Auswirkungen des Klimawandels

in Deutschland bis zum Jahr 2050 auf

bis zu 800 Milliarden Euro belaufen. Der Klimawandel

verursacht also erhebliche gesellschaftliche

Kosten, die letztlich die Steuerzahlerinnen

und Steuerzahler tragen müssen. Jede Investition

in den Klimaschutz oder zur Klimafolgenanpassung,

die dazu beiträgt, diese Kosten erst gar

nicht entstehen zu lassen, ist daher ökonomisch

höchst sinnvoll. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen,

die wir der Umweltwirtschaft zurechnen,

aus diesen Maßnahmen erfolgreiche Geschäftsmodelle

entwickelt haben. Innovationen

beim Hochwasserschutz, bei den erneuerbaren

Energien, oder zur Minderung von Energie- und

Ressourcenverbrauch, dienen gleichzeitig der

Wirtschaft und schützen das Klima.

Die COP21 in Paris hat ein ambitioniertes Klimaziel

beschlossen. Das war 2015. Dann kamen der Brexit,

Trump und ein halbes Dutzend weiterer Widrigkeiten.

US-Finanzminister Steven Mnuchin nannte jüngst

das Thema Klimawandel gar einen Gesprächskiller.

Wer hört Ihnen also noch zu?

Remmel: Das Thema ist nicht verschwunden, nur

weil in der Öffentlichkeit zur Zeit andere Themen

dominieren. Weltweit entwickeln Unternehmen

Innovationen und Strategien für mehr Ressourcen-

und Energieeinsparung – übrigens auch viele

US-amerikanische. Internationale Konzerne

steigen aus der Finanzierung kohlenstoffbasierter

Geschäftsmodelle aus, Regierungen erstellen

Klimaschutzpläne. Fossile Rohstoffe gehen

irgendwann zu Ende, und der Klimawandel wird

spätestens mit der nächsten großen Naturkatastrophe

wieder zum Thema werden. Oder auch,

wenn im November diesen Jahres die Weltklimakonferenz

in Bonn tagen wird, um die Ziele von

Paris weiter in die Praxis umzusetzen. Politisch

verantwortliche Führungskräfte legen nicht ein

menschheitsbedrohendes Problem beiseite, nur

weil es einen Moment lang keine öffentliche

Konjunktur hat.

Bevor wir nur über andere schimpfen: Auch Deutschland

kommt beim Klimaschutz nicht voran. Das zeigt

ein neues Gutachten des Umweltbundesamtes. Laut

dessen Zahlen stiegen die Emissionen im vergangenen

Jahr um etwa vier Millionen Tonnen im Vergleich

zum Vorjahr auf rund 906 Millionen Tonnen.

Die Grünen sprechen von einem "Offenbarungseid

für die Klimapolitik der Bundesregierung“. Auch das

Industrieland NRW hat zu dem schlechten Ergebnis

seinen Teil beigetragen. Was von der Kritik nehmen

Sie sich an?

Remmel: Das Gutachten zeigt, dass die Bundesregierung

beim Klimaschutz ihre Hausaufgaben

nicht macht. Anstatt ein wirksames

Klimaschutzgesetz vorzulegen, gibt es einen löchrigen

Plan mit zahllosen Ausnahmen. Nordrhein-Westfalen

ist mit rund einem Drittel der

deutschen Energieproduktion das größte Energieland

der Bundesrepublik. Trotz aller erfolgreichen

Anstrengungen beim Ausbau der Erneuerbaren

Energien sind die vorherrschenden

Energieträger immer noch Braun- und Steinkohle.

Mehr als ein Drittel der in Deutschland ausgestoßenen

klimaschädlichen Gase geht auf das

Konto NRWs. Das Land trägt daher bei der Erreichung

der Klimaschutzziele eine besondere Verantwortung

– und der werden wir gerecht, denn

bei uns sinken die CO 2-Emissionen. Nach vorläufigen

Zahlen des Landesumweltamtes (LANUV)

zwischen 2014 und 2015 sogar um 2,7 Prozent.

NRW wird mit einem Ausstoß von etwa 284 Millionen

Tonnen CO 2-Äquivalenten den niedrigsten

Stand der letzten Jahre erreichen. Im Mittelpunkt

der Neuausrichtung der Energiepolitik

steht das erste deutsche Klimaschutzgesetz, in

dem CO 2-Minderungsziele für NRW verbindlich

festgelegt worden sind – und ein Klimaschutzplan

mit konkreten Maßnahmen.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

39


Klimarisiken

Foto: rcfotostock / Fotolia.com

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Verkehr. Den

UBA-Zahlen zufolge stieg alleine hier der CO 2-Ausstoß

um mehr als 5 Millionen Tonnen. Alternative

Mobilitäts-Konzepte gibt es zu Hauf. An Ideen kann

es also nicht liegen, dass wir hier nicht gegensteuern.

Was muss getan werden?

Remmel: Um Klimaneutralität im Verkehrssektor

zu erreichen, müssen wir elektrifizieren

und den Umweltverbund aus Bus, Bahn, Fahrrad

und den eigenen Füßen fördern. Wollen

wir unsere internationalen Verpflichtungen im

Klimaschutz einhalten, müssen im Verkehrssektor

die CO 2-Emissionen um 98 Prozent sinken.

Die rot-grüne Landesregierung hat in den

letzten Jahren beispielsweise mit dem Aktionsplan

Nahmobilität, dem Klimaschutzplan, der

Novellierung des ÖPNV-Gesetzes, dem Bau von

Radschnellwegen oder mit dem 100 Mio.-Förderprogramm

"Kommunaler Klimaschutz" viel

getan und erreicht. Leider sehen wir, dass die

Bundesregierung in der Verkehrspolitik die Prioritäten

bei Investitionsentscheidungen anders

setzt. Statt die Menschen vor giftigen und klimaschädlichen

Abgasen zu bewahren, legt der Verkehrsminister

alle Kraft auf die Einführung der

unsinnigen Maut. KFZ- und Kraftstoffbesteuerung

haben fast keine Lenkungswirkung. So ist

es also kein Wunder, dass kaum Elektrofahrzeuge

auf unseren Straßen fahren oder dass Bus,

Bahn und Radverkehr viel zu oft eine Nebenrolle

spielen. Dies muss sich dringend ändern.

Ein zweiter zentraler Treiber ist der Energieverbrauch.

Jeder von uns hat heute mindestens ein halbes

Dutzend Elektrogeräte, die regelmäßig aufgeladen

werden wollen, mehr als vor zehn Jahren. Nach

Berechnungen der Internationalen Energieagentur

wird der globale Primärenergieverbrauch bis 2035

voraussichtlich um 35 Prozent steigen. Frisst das

nicht den Effekt jeder Klimamaßnahme sofort auf?

Remmel: Die privaten Haushalte sind eine

wichtige Gruppe, wenn es darum geht, unsere

Klimaschutzziele zu erreichen. Sie können ihren

CO 2-Fußabdruck etwa durch energetische

Sanierungen, aber auch schlicht durch energiesparendes

Verhalten reduzieren. Deshalb

wendet sich die Landesregierung auch direkt

an private Haushalte und bietet Unterstützung

für eine klimaschonende Lebensweise an. Wir

sensibilisieren die privaten Haushalte vor allem

durch die Energieberatung und die Informationsangebote

der Verbraucherzentrale NRW und

der EnergieAgentur.NRW. Wichtig ist aber vor

allem, woher der Strom kommt, mit dem Handy,

Tablet und Co. aufgeladen werden. Es gilt deshalb,

den Anteil der erneuerbaren Energien für

die Stromerzeugung in NRW weiter auszubauen

– und hier sind wir mittlerweile auf einem guten

Weg. Von 2010 bis 2015 stieg in NRW die erzeugte

Strommenge aus allen Erneuerbaren Energieträgern

von rund 12 auf etwa 18 Terawattstunden,

das sind fast 13 Prozent des NRW-eigenen

Stromverbrauchs. Damit steht NRW aktuell

40 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Klimarisiken

im bundesweiten Vergleich auf Platz drei der

Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien.

Dadurch konnte NRW allein in 2015 CO 2-Emissionen

in Höhe von mehr als neun Millionen

Tonnen vermeiden.

Klimaschutz und Energiewende sind zwei Seiten einer

Medaille. Einige Marktbeobachter fürchten beim

Ausbau der Erneuerbaren um Versorgungssicherheit

und bezahlbare Strompreise. Das gilt für das

Eigenheim wie für energie-intensive Branchen wie

Aluminium. Ist das machbar: Strom gut, grün und

günstig – oder müssen wir uns da an einigen Stellen

ehrlich machen?

Remmel: Die Diskussionen um die Kosten der

Energiewende flammen immer wieder auf,

wenn die Höhe der EEG-Umlage für das nächste

Jahr bekannt gegeben wird. Dabei ist die Summe

aus Umlage und Börsenstrompreis seit 2013

sogar um rd. 1 Cent je Kilowattstunde gefallen.

Leider wird diese Preissenkung oft nicht an

die normalen Verbraucher weitergegeben. Als

wichtiger Industrie- und Dienstleistungsstandort

mit rund 18 Millionen Menschen ist Nordrhein-Westfalen

auf bezahlbare Energie angewiesen.

Klar ist: Der Umbau des Energiesystems

ist mit Investitionen verbunden, denen viele

positive volkswirtschaftliche, gesundheitliche

und Klimaschutz-Effekte gegenüber stehen.

Die Erneuerbaren Energien schaffen Arbeitsplätze,

vermeiden schon heute fast 6 Milliarden

Euro Importkosten an konventioneller Energie,

und Umweltschäden im Wert von 8,4 Milliarden

Euro. Häufig wird auch übersehen, dass

wir wegen der Endlichkeit fossiler Energieträger

und dem zunehmenden Energiehunger in

den Schwellenländern längerfristig mit deutlich

steigenden Preisen bei den fossilen Energieträgern

rechnen müssen. Aber gerade deshalb behält

die Landesregierung bei allen Klimaschutzmaßnahmen

die sozialen Auswirkungen und

Verteilungsfragen im Blick und steuert gegen,

wenn es erforderlich ist.

Ganz radikal gedacht wäre die Lösung ja einfach:

Weniger produzieren. Weniger verbrauchen. Da sind

wir dann mitten in der Degrowth- und Suffizienzdiskussion.

Unser System basiert aber auf dem genauen

Gegenteil: immer mehr Produktion, mehr

Arbeitsplätze, mehr Wohlstand. Ist echt nachhaltige

Klimapolitik in diesem „Wachstums-Hamsterrad“

überhaupt möglich?

Remmel: Vielen Menschen ist heute bewusst,

dass ein „Weiter so“ nicht funktioniert. Wir

können nicht endlos Boden verbrauchen, Wasser

verschwenden, die Luft verschmutzen oder

immer mehr Abfälle produzieren. Es gibt bereits

zahlreiche gute Beispiele, wie wir Veränderungen

herbei führen können, die uns als Orientierung

und Motivation auf dem Weg zu einem

anderen, zukunftsfähigen Lebensstil dienen

können. Dazu sollten die Rahmenbedingungen

so gestaltet werden, dass nachhaltige Lösungsbeiträge

auch ökonomisch belohnt werden. Zum

Beispiel brauchen wir klare Rahmenbedingungen

für den Übergang zu nachhaltigen Mobilitätsformen,

für den Vorrang des Fahrrad- und

Fußgängerverkehrs und des ÖPNV sowie für

mehr Car-Sharing. Energiewende und Klimaschutz

brauchen auch eine Veränderung im Gebäude-

und Mobilitätssektor. Gerade für unseren

Ballungsraum an Rhein und Ruhr mit den

Problemen im Bereich der Luftschadstoffe ist es

entscheidend, hier eine Richtungsentscheidung

zu haben. Wir brauchen Rahmensetzungen, die

die technologischen Entwicklungen befördern

und voranbringen und sie in den Massenmarkt

hinein bringen.

Es hapert in Europa an einer effizienten gemeinsamen

Klimapolitik. Umweltschützer fordern deshalb,

die EU müsse wirtschaftliche Kreisläufe anders gestalten.

Wären mehr lokale Produktion und regionale

Kreislaufwirtschaft eine Option?

Remmel: Die EU-Kommission hat mit ihrem

sogenannten Kreislaufwirtschaftspaket durchaus

interessante Vorschläge gemacht, die auch

in Deutschland neue Anstrengungen auslösen

werden. Wir brauchen in der Tat mehr Kreisläufe,

verbunden mit einer Ökonomie des Teilens

und der Langlebigkeit. Eine Ökonomie des

Prosumierens, wo Produzenten auch konsumieren

und umgekehrt Konsumenten gleichzeitig

produzieren. Wir müssen auf erneuerbare und

dezentrale Energien setzen. Damit ergibt sich

auch die Möglichkeit, Wertschöpfung breiter zu

generieren und Wertschöpfungsketten wieder

regional zu verankern. Wir brauchen dazu mehr

Subsidiarität, also die Schließung von regionalen

Kreisläufen, die Stabilität von Regionalität,

und eine Ökonomie der Gemeinschaftsgüter.

Wir erleben zurzeit eine Renaissance der Genossenschaften,

da ist viel Dynamik erkennbar.

Denn Umweltschutz ist nicht nur ökologisch,

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

41


Klimarisiken

www.greentec-awards.com

10 YEAH‘S for 10 years

GreenTec Awards. 10 years

full of innovations and

green lifestyle. 10 years of

visions and inspiration.

Medienpartner:

Partnerland:

42 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Klimarisiken

sondern auch ökonomisch interessant: Mit Umweltwirtschaft,

mit Umweltprodukten lässt sich

Geld verdienen. Umweltwirtschaft schafft Arbeitsplätze.

Umweltwirtschaft erschließt neue

Märkte – national und international.

NRW hat im Juni 2016 eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie

verabschiedet. Inwieweit nutzen Sie diese

Hebel als Steuerungsinstrument?

Remmel: Die NRW-Nachhaltigkeitsstrategie ist

ein Zukunftskonzept für das Land, mit dem die

"Enkelfähigkeit" der Landespolitik gesichert

werden soll. Mit der Verabschiedung im Juni

2016 wurde eine Grundlage geschaffen, um das

Leitprinzip der nachhaltigen Entwicklung in

NRW systematisch zu verankern. Die Strategie

benennt 7 Themenfelder, darunter Klimaschutzplan

und Umweltwirtschaftsstrategie,

aber auch nachhaltige Stadt- und Quartierentwicklung

und nachhaltige Finanzen, auf die die

Landesregierung in den nächsten Jahren einen

Schwerpunkt setzen will. Kernstück der Strategie

ist ein Ziel- und Indikatorensystem, mit dem

die Landesregierung ambitionierte Ziele festlegt

und sie auch kontrolliert. Dazu ist ein Berichtssystem

mit knapp 70 Indikatoren aufgebaut, die

vom Anteil erneuerbarer Energien bis zur Einkommensverteilung

und von der Recyclingquote

bis zum Flächenverbrauch reichen. Dadurch

wird die Entwicklung jederzeit mess- und interpretierbar

sein. Wir haben gleichzeitig eine

Nachhaltigkeitsprüfung von allen neuen Gesetzen

und Verordnungen eingeführt. Mit dieser

Folgenabschätzung wird die Nachhaltigkeitsstrategie

besser in die praktische Regierungspolitik

einfließen können.

Die Nachhaltigkeitsstrategie ist konsequent an

den UN-Entwicklungszielen (SDGs) ausgerichtet. Da

machen Sie viel mehr als andere Bundesländer. Was

erhoffen Sie sich davon?

Remmel: Als Industrie- und Energieregion Nr. 1

in Europa steht NRW, was Ressourcenverbrauch

und CO 2-Emissionen angeht, in einer besonderen

Verantwortung, auch international. Dieser

Verantwortung stellen wir uns. Rohstoffreserven

schützen, Klimaerwärmung eingrenzen,

Armut bekämpfen – das ist das Spektrum der

globalen Nachhaltigkeitsziele und eine repräsentative

Umfrage im letzten Jahr hat gezeigt,

dass fast alle Bürgerinnen und Bürger in NRW

wollen, dass sie auch auf Landesebene beachtet

werden. Da wir die Nachhaltigkeitsstrategie fast

genau parallel zur 2030-Agenda der Vereinten

Nationen erarbeitet haben, hatten wir die Chance,

die Impulse der 2030-Agenda für nachhaltige

Entwicklung systematisch aufzugreifen. Wir

leisten mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie

einen Beitrag zu allen 17 SDGs. Und wir wollen

die Zielerreichung regelmäßig messen, um ggf.

nachsteuern zu können. Nur wer sein Handeln

regelmäßig überprüft, kann auch sicherstellen,

dass er wirklich auf dem richtigen Weg ist.

Als Bundesland befindet sich NRW in einer Sandwichposition

zwischen dem Bund und der EU über

sich und den Kommunen unter sich. Ziehen die beiden

anderen Ebenen ausreichend mit?

Remmel: NRW alleine kann natürlich im Hinblick

auf die internationalen Herausforderungen

nichts Entscheidendes bewegen. Anders

herum werden aber auch der Bund und die EU

viele ihrer Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen,

wenn NRW keinen ausreichenden Beitrag leistet,

z.B. bei der Senkung der CO 2-Emissionen,

beim Ausbau der Erneuerbaren Energien oder

beim Ressourcenschutz.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Foto: Guido von Wiecken

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

43


Klimarisiken

Wissenschaftlichen

Zielen verpflichtet

Der Verpackungskonzern Tetra Pak lässt sich beim Klimaschutz künftig von Vorgaben

leiten, die im Einklang mit den Anforderungen des Weltklimarates IPCC stehen

und arbeitet dazu eng mit der internationalen Science Based Targets-Initiative (SBT)

zusammen. Bis zum Jahr 2030 sollen die direkt verursachten CO 2 -Emissionen so um

40 Prozent gegenüber 2015 sinken. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien setzt der

Verpackungsgigant ebenfalls auf sachkundige Hilfestellung von außen.

Von Thomas Wischniewski

Mario Abreu, Vize-Präsident Umwelt bei Tetra

Pak, sagt, durch die Zusammenarbeit mit der

SBT-Initiative sei es dem Konzern bereits gelungen,

„unsere Ziele bezüglich der Treibhausgasemissionen

genau zu definieren und

wissenschaftlich fundierte Weichen für die

Zukunft unseres Unternehmens zu stellen“.

Damit gewährleiste man, dass Kunden und andere

Anspruchsgruppen offen und transparent

erfahren, wie Tetra Pak zur kohlenstoffarmen

Wirtschaft beitrage.

Ins Leben gerufen wurde die SBT-Initiative 2015

vom Global Compact der Vereinten Nationen,

dem World Resources Institute, der Umweltstiftung

WWF sowie dem CDP, einer Non-Profit-Organisation,

die Klimadaten von Unternehmen

erhebt. Um die Wirtschaft beim Erreichen

des vom Weltklimarat empfohlenen Zwei-

Grad-Ziels zu unterstützen, hat die Initiative

einen „Sektorbasierten Dekarbonisierungs-Ansatz“

entwickelt. Mit ihm können Unternehmen

Klimaziele für die Zeit bis 2050 festlegen, unter

Berücksichtigung der Erkenntnisse des IPCC.

Klimaziele bis 2050 festgelegt

Tetra Pak ist das erste Unternehmen der Lebensmittelverpackungsindustrie,

dessen Klimaschutzziele

durch die SBT anerkannt werden.

Der Konzern hat sich gegenüber der Initiative

unter anderem verpflichtet, die durch die eigene

Geschäftstätigkeit verursachten Emissionen

bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent zu senken. Bis

2040 soll ein Minus von 58 Prozent gegenüber

dem Basisjahr 2015 stehen. Außerdem will Tetra

Pak die CO 2-Emissionen entlang der gesamten

Wertschöpfungskette senken: bis 2020 um 16

Prozent gegenüber dem Niveau des Jahres 2010.

Schon 2011 hatte der Vorstand beschlossen,

die Emissionen entlang der Wertschöpfungskette

bis 2020 auf dem Level des Jahres 2010

zu halten. Eigenen Angaben zufolge konnte

man dieses Ziel sogar übertreffen: 2015 lag der

CO 2-Ausstoß demnach 15 Prozent unter dem

Ausgangswert von 2010, trotz gleichzeitigen

Produktionsanstiegs um 16 Prozent. Den Anteil

der Emissionen, für die Tetra Pak nicht direkt

verantwortlich zeichnet, gibt das Unternehmen

mit 80 Prozent an. Sie entständen bei Lieferanten

während der Produktion von Rohstoffen

oder bei Kunden während der Nutzung der Unternehmensprodukte.

Investitionen in Erneuerbare und

Energieeffizienz

Um den Vorgaben der SBT-Initiative

zu genügen, will Tetra Pak

unter anderem in mehr Energieeffizienz

investieren.

Ziel sei es, den Energiebedarf

bis 2018 um weitere

zwölf Prozent zu

senken. Dem aktu-

44 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Klimarisiken

ellen Tetra Pak-Nachhaltigkeitsbericht zufolge

lag der Energieverbrauch der eigenen Fabriken

2015 auf dem Niveau des Jahres 2005, während

der Konzern im selben Zeitraum ein Wachstum

von über 30 Prozent hinlegte. Außerdem sollen

künftig zusätzliche Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer

Energien in den eigenen Fabriken

installiert und dort mehr Strom aus regenerativen

Quellen genutzt werden. Das Unternehmen

hatte sich bereits 2015 verpflichtet, die eigenen

Werke komplett auf Erneuerbare umzustellen.

Dazu hat sich Tetra Pak vor zwei Jahren der Initiative

RE100 angeschlossen, einer von weltweit

tätigen Unternehmen getragenen Allianz

zur Förderung der Nachfrage und Bereitstellung

erneuerbarer Energien. Ihr haben sich bisher 88

internationale Konzerne angeschlossen, darunter

IKEA, Google und BMW. „Mit dem Anschluss

an die RE100-Initiative profitieren wir von einer

fachkundigen Anleitung und Peer-to-Peer-

Learning“, sagte Vize-Präsident Charles Brand

damals. Zum Zeitpunkt des Beitritts zur Initiative

lag die Quote der Erneuerbaren in den Werken

von Tetra Pak bei rund 20 Prozent.

Bisher kein deutsches Unternehmen

von SBT anerkannt

An der SBT-Initiative (Motto: Driving Ambitious

Corporate Climate Action) beteiligen sich

derzeit 215 Unternehmen. 178 von ihnen haben

sich verpflichtet, innerhalb von zwei Jahren

ein wissenschaftsbasiertes Klimaziel festzulegen.

Von derzeit

37 Konzernen

hat die Initiative entsprechende Ziele bereits

anerkannt. Neben Tetra Pak gehören dazu

unter anderem der Nahrungsmittelkonzern

Nestlé, der US-amerikanische Einzelhandelskonzern

Wal Mart sowie der Getränkeriese Coca

Cola. Deutsche Konzerne finden sich bislang

nicht auf der Liste der Unternehmen, deren Klimaschutzziele

die SBT anerkennt.

Cynthia Cummis vom World Resources Institute

sagt, die SBT-Initiative biete Unternehmen, die

dazu beitragen wollen, die schlimmsten Auswirkungen

des Klimawandels zu vermeiden,

eine wissenschaftlich gestützte Methodik. Nach

Angaben der Initiative gelten unternehmerische

Klimaziele dann als „wissenschaftsbasiert“,

wenn sie im Einklang mit dem fünften Sachstandsbericht

des Weltklimarats IPCC stehen

und beitragen, den globalen Temperaturanstieg

gegenüber der vorindustriellen Zeit auf maximal

zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Laut Cummis gibt es eine „wachsende Zahl

von Unternehmen, die die Vorteile einer kohlenstoffarmen

Wirtschaft erkannt hat”. Ein

deutschsprachiges Themenpapier, das im Projekt

Klimareporting.de von WWF und CDP erarbeitet

wurde und auf Publikationen der SBT-Initiative

beruht, nennt als einen Vorteil einer

wissenschaftsbasierten Strategie ein besseres

Risikomanagement. Denn ein solcher Klimaschutzansatz

setze „die sorgfältige Analyse von

Emissionsquellen im Unternehmen voraus und

bietet somit Potenziale zur Senkung von Energie-

sowie Ressourcenkosten“. Zudem bereite

er Unternehmen auf „weitere Regulierungsanforderungen

infolge der langfristigen politischen

Klimaziele“ vor. f

Foto: Tetra Pak

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

45


Produktrisiken

Albtraum

Foto: Dmitry Kalinovsky / Fotolia.com

Rückruf

Unternehmensrisiken können vielfältiger Natur sein. Eines der größten Risiken ist ein

mangelhaftes Produkt. Wir sprachen mit Dr. Sönke Voss, Referent für Industrie, Technologie

und Innovation von der IHK Bodensee-Oberschwaben über Rückrufaktionen

und Haftungsfragen.

Jedes Unternehmen will sichere Produkte herstellen.

Dennoch lässt sich nie ganz ausschließen, dass ein

fehlerhaftes Produkt in den Verkehr gebracht wird.

Was sind denn typische Fehler, über die wir hier

reden?

Dr. Sönke Voss: Typische Fehler kann man nicht

verallgemeinern, sondern bedürfen einer unternehmens-

sowie produktspezifischen Betrachtung.

Fehler können bereits in der Konstruktionsphase,

im Rahmen der Produktion, im

Zusammenhang mit Bedienungsanleitungen

oder Warnhinweisen sowie bei der Produktbeobachtung

auftreten. In komplexen Lieferketten

ist es oft aufwändig, die Verantwortlichkeit

für einen Fehler festzustellen.

Wird jemand durch ein fehlerhaftes Produkt geschädigt,

wird entgegen der weit verbreiteten Erwartung

häufig gar nicht das Produkthaftungsgesetz herangezogen,

sondern allgemeine Schadensregelungen.

Was umfasst denn alles die Produzentenhaftung?

Dr. Voss: Die Produzentenhaftung ist ein Unterfall

der Schadenersatzpflicht (§ 823 BGB) und

stellt eine verschuldensabhängige Haftung dar.

Jemand muss also gegen eine Sorgfaltspflicht

verstoßen haben und hierdurch muss ein Schaden

bei einem Dritten entstanden sein, damit

Haftungsansprüche entstehen. Dies kann beispielsweise

einen Hersteller betreffen, wenn

er bei der Entwicklung bestimmte Sicherheitsvorschriften

nicht berücksichtigt hat oder einen

46 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Produktrisiken

Importeur, der eine Betriebsanleitung fehlerhaft

übersetzt.

Was ist der Unterschied zur Produkthaftung?

Dr. Voss: Im Gegensatz zur Produzentenhaftung

setzt die Produkthaftung nach dem Produkthaftungsgesetz

kein Verschulden des Herstellers

voraus, wenn eine Person oder privat genutzte

Sache durch ein fehlerhaftes Produkt geschädigt

wird. Somit kann es passieren, dass ein

Hersteller sämtliche Sicherheitsanforderungen

bis ins Detail berücksichtigt, viel Aufwand bei

der Qualitätssicherung betreibt und trotzdem –

beispielsweise für einen Ausreißer bei der Herstellung

– haftet. Ein Importeur im Sinne dieses

Gesetzes wird wie ein Hersteller behandelt.

Wann greift die Mängelgewährleistung oder ein

Garantieanspruch?

Dr. Voss: Im Unterschied zur Produkthaftung

muss sowohl bei der Mängelgewährleistung als

auch bei einer Garantie ein Vertrag zwischen

den Parteien vorliegen. Die Mängelgewährleistung

ist gesetzlich geregelt und gewährt dem

Käufer einen Gewährleistungsanspruch für 2

Jahre ab Kauf der Sache. Weist beispielsweise

ein Produkt einen Mangel oder nicht die vereinbarte

Beschaffenheit auf, ergeben sich für

den Käufer je nach Konstellation Ansprüche auf

Nachbesserung durch seinen Lieferanten. In bestimmten

Fällen können darüber hinaus Schadensersatzansprüche

bestehen, beispielsweise

bei einem durch den Lieferanten verschuldeten

Lieferverzug, infolgedessen eine Produktionsanlage

stillsteht. Der Hersteller kann dem Käufer

zusätzlich freiwillig eine Garantie einräumen,

wie z.B. die bekannte „Durchrostgarantie“

bei Autoherstellern. In der vertraglichen Ausgestaltung

eines solchen Garantieversprechens

kann der Hersteller Art, Umfang und Dauer der

Garantie frei bestimmen.

Was ist bei einem fehlerhaften Produkt zu beachten?

Dr. Voss: Der Rückruf ist das äußerste Mittel in

einem breiten Portfolio an Korrekturmaßnahmen.

Je nach vorliegendem Risiko können diese

teilweise auch in Hinweisen zur sicheren Verwendung

eines Produkts oder in einer Anpassung

des Produktdesigns bestehen. Für einen

Großteil der Verbraucherprodukte sind das Produktsicherheitsgesetz

sowie damit zusammenhängende

Verordnungen die rechtliche Basis

für die Pflicht zur Durchführung von Korrekturmaßnahmen.

Für reine B2B-Produkte lässt sich

eine Pflicht für entsprechende Korrekturen aus

der Produzentenhaftung ableiten. Insbesondere

Hersteller und Importeure sollten sich daher

proaktiv auf ein solches Szenario vorbereiten.

Was ist bei einer Rückrufaktion zu beachten?

Dr. Voss: Der Ablauf ist je nach Produktkategorie

leicht unterschiedlich. Für Verbraucherprodukte

im Sinne des Produktsicherheitsgesetzes

beginnt der Prozess mit dem Eingang erster

Hinweise auf mögliche von einem Produkt

ausgehende Risiken. Diese werden im nächsten

Schritt bewertet und festgestellt, ob Korrekturmaßnahmen

erforderlich sind. Wichtig

ist hierbei eine – gesetzliche vorgeschriebene

– frühzeitige Einbeziehung der zuständigen

Marktüberwachungsbehörde. Stellt sich heraus,

dass ein Rückruf erforderlich ist, werden die

konkreten Maßnahmen bestimmt. Diese reichen

von der Kommunikation mit den Behörden

über Hinweise an Händler und Verbraucher bis

zu etwaigen Anpassungen bei künftig ausgelieferten

Produkten. Die Durchführung der Maßnahmen

wird eng überwacht und anhand von

Zielparametern bewertet. Abschließend werden

aus den Erfahrungswerten Verbesserungen zur

Vermeidung künftiger Fehler oder in Hinblick

auf künftige Korrekturmaßnahmen abgeleitet.

Der Rückruf eines Produkts ist die ultimative Maßnahme.

Wie kann man sich auf das Szenario einer

Rückrufaktion vorbereiten?

Dr. Voss: Die wirksamste Maßnahme zur Vermeidung

von Rückrufen ist naturgemäß das

Inverkehrbringen sicherer Produkte. Bereits

im Zuge der Entwicklung sollte jedoch überlegt

werden, aus welchen Informationsquellen Hinweise

auf möglichen Risiken eingehen könnten

und wie man diese zusammenführt. Auf diese

Weise lässt sich häufig ein positiver Aspekt –

nämlich die systematische Erfassung kundenseitiger

Verbesserungsvorschläge – mit abdecken.

Wenn das Produkt dann eingeführt wurde,

sollte eine systematische Produktbeobachtung

erfolgen. Je nach Produktart und potenziellen

Risiken kann dies die Erfassung und Analyse

von Beschwerden umfassen, aber auch bis zur

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

47


Produktrisiken

Spektakuläre Rückrufe

Automobilindustrie:

Foto: gmg9130 / Fotolia.com

regelmäßigen Prüfung von Stichproben reichen.

Unabhängig von gesetzlichen Vorgaben ist zudem

zu empfehlen, sich proaktiv Gedanken

über die Kommunikation im Falle eines Rückrufs

zu machen. Auch eine Zusammenfassung

relevanter Anlaufstellen, Ansprechpartner und

Dienstleister kann sehr nützlich sein. Dadurch

hat man im Ernstfall deutlich mehr Ressourcen

für die eigentliche Abwicklung des Rückrufs: Je

nach Kommunikation mit den Kunden kann eine

Rückrufaktion als Fiasko wahrgenommen werden

oder als kundenfreundlicher Vorgang eines

verantwortungsbewussten Unternehmens.

Welche Unterstützung bietet die IHK?

Dr. Voss: Die IHK Bodensee-Oberschwaben

bietet im Bereich der Produkthaftung und Produktsicherheit

umfangreiche Erstinformationen

an. Zudem stellt sie einführende Online-Leitfäden

zur Verfügung sowie Informationsveranstaltungen,

anhand derer erster

Handlungsbedarf erkannt werden kann. Zudem

weisen die IHKs bei Bedarf auf geeignete

Anlaufstellen hin, die weitergehende Unterstützung

bieten können.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Die unangefochtenen Spitzenreiter beim Thema

Rückruf sind die Autobauer. Jede Marke

hat hier ihre Geschichten zu erzählen. Beispiel

Toyota: Bremsen, Gaspedal, Fußmatten – mehr

als zehn Millionen Autos müssen 2010 weltweit

wegen technischer Probleme zurückgerufen

werden. Der monetäre Schaden beträgt

mehr als eine Milliarde

Dollar, schlimmer wiegt

der Reputationsschaden.

Toyota ist ab dann sein

Image als stets zuverlässige

Marke los. Ein

Trost bleibt den Japanern:

Die anderen

machen es bis heute

auch nicht besser.

Ausnahme ist die Marke

Hummer: Der umstrittene

Spritfresser verschwand

2009 im Zuge der

Insolvenz von GM gleich

selbst vom Markt.

Blei-Alarm in Barbies:

Immer wieder ist Kinderspielzeug

von Rückrufaktionen

betroffen. In diesem

Fall aus dem Jahr 2009 geht es

um überhöhte Bleikonzentrationen

in Spielwaren aus China. Das weisen Verbraucherschützer

der Spielzeugfirma nach. Vor

allem die beliebten Barbie-Puppen und ihre Accessoires

sind davon betroffen. Als der Skandal

publik wird, versucht Mattel die Verantwortung

komplett auf den chinesischen Lieferanten abzuwälzen.

Als das Vertrauen der Eltern schwindet,

schwenkt die Firma um: Nach langem Hin

und Her übernimmt Mattel am Ende doch die

volle Verantwortung für den Rückruf der Produkte

aus China. Insgesamt geht es um rund 21

Millionen Teile, darunter auch viel Zubehör von

Barbie-Puppen. Und kommt der Fall Mattel teuer

zu stehen? Nö. Mattel und das Tochterunternehmen

Fisher Price zahlen am Ende 2,3 Millionen

Dollar Strafe. f

Foto: industrieblick / Fotolia.com, Klaus Rupp / pixelio.de

48 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Produktrisiken

Beispiele und typische Fallstricke

Im Schadensfall werden häufig sehr umfangreiche

Forderungen an Qualitätssicherung, Dokumentation

und weitere Bereiche gestellt. Die

folgenden Beispiele bzw. „häufigen Fehler“ erfolgen

daher ohne Gewähr oder Anspruch auf

Vollständigkeit und können lediglich erste Impulse

für eine individuelle Anpassung oder Ergänzung

von Maßnahmen liefern:

Vertragswesen

Einkauf /

Beschaffung

Marketing/Vertrieb

Wareneingang

Anleitungen

Keine oder unvollständige Behandlung von Haftungsszenarien. Kein Ausschluss

oder keine Beschränkung hinsichtlich mittelbarer Schäden, Produktionsausfall,

entgangenem Gewinn usw.

Keine Vereinbarung einer Beschaffenheit, keine explizite Berücksichtigung von

Sicherheits-Aspekten z.B. in Verträgen mit außereuropäischen Lieferanten

Darstellung / Beschreibung von Produkten in nicht vorgesehenen Verwendungsarten.

Wecken überhöhter Sicherheitserwartungen

Keine systematische Dokumentation der Wareneingangskontrolle oder

Beschränkung lediglich auf Maße, Optik, etc.

Keine Eingrenzung der vorgesehenen Verwendung. Fehlende oder zu eng

gefasste Sicherheitshinweise. Keine Übersetzung von Bedienungsanleitungen in

Fremdsprachen

Produktbeobachtung

Keine systematische Erfassung sicherheitsrelevanter Mängel. Keine Dokumentation

von Beobachtungs-Maßnahmen bzw. -Prozessen. Keine Dokumentation erkannter

Verwendungsarten (vorgesehene + Fehlanwendungen)

Lieferanten

Keine Sicherstellung der Erkennung von Änderungen bei Werkstoffen, Bauarten

etc., welche eine neue Sicherheitsbewertung erfordert (z.B. durch Verträge, Audits,

Stichproben-Analysen)

Fertigung

Konstruktion /

Entwicklung

Chargenverwaltung

Hersteller-Rolle

Verteilung der

Pflichten

Fortbildung

Schnittstellen

Keine Mechanismen zur Erkennung sicherheitsrelevanter Änderungen

(Produktionsprozess, Qualitätssicherung, verwendete Komponenten). Keine

durchgängige Dokumentation sicherheitsrelevanter Prüfungen / Qualitätskontrollen

Verwendung veralteter Dokumente (z.B. Risikobeurteilung), Normen, etc.; keine

systematische Beobachtung von Normen-Änderungen

Keine Möglichkeit der Zuordnung von Komponenten / Produkten zu bestimmten

Chargen oder Produktionszeiträumen

Fehlende Festlegung der Hersteller-Verantwortlichkeiten z.B. bei aus verschiedenen

Komponenten zusammengefügten Produkten

Keine vertragliche Festlegung in der Lieferkette, wer etwaige Pflichten aus ProdSG,

CE-Richtlinien, etc. erfüllt (insbesondere bei Bezug von außereuropäischen

Lieferanten oder bei komplexen Produkten)

Keine / mangelnde Fortbildung von Mitarbeitern in haftungsrelevanten Bereichen;

keine Sensibilisierung der übrigen Mitarbeiter für die Thematik

Keine oder widersprüchliche Festlegung von Prozessen / Schnittstellen für

sicherheitsbzw. haftungsrelevante Vorgänge. Kein zentraler Akteur / Freigabeprozess

Quelle: IHK Bodensee-Oberschwaben

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

49


Produktrisiken

LEBENSMITTEL

Die Branche mit dem höchsten Reputationsrisiko

Eine kleine Ursache mit großer Wirkung: Defekt an einer Reinraumschleuse. Wie lange

er schon besteht, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Einige Chargen weisen Keime

auf. Ausgelieferte Ware wird zurückgerufen; sicherheitshalber die Produktion einer

ganzen Woche. Nur wenige Firmen der Lebensmittelindustrie betreiben für solche

Notfälle aktive Vorsorge. Dabei ist im Risikomanagement „Schutz mit System“ durchaus

machbar. Experten sagen, worauf es dabei ankommt.

Von Manfred Godek

Foto: LVDESIGN / Fotolia.com

„Schnell kommen selbst auf kleinere Firmen

Kosten von einer halben Million Euro zu“, weiß

Claas Hußmann, Firmenkundenbetreuer der

auf die Lebensmitteindustrie spezialisierten

BDJ Versicherungsmakler. Ein Rechenbeispiel

verdeutlicht die wirtschaftliche Dimension. Bei

einem Umsatz von 40 Mio. € wäre das Jahresergebnis

von angenommen zwei Prozent mehr

als halbiert; den Aufwand für PR, um das Vertrauen

bei Kunden und Verbrauchern zurück

zu gewinnen, nicht eingerechnet. Ein solcher

Ertragseinbruch kann bei dünner Kapitaldecke

existenzbedrohend sein; in jedem Fall belastet

er das Rating durch Investoren und Kreditgeber

und verteuert die Finanzierung.

Immer mehr Rückrufe

Trotz eines intensiven Qualitätsmanagements

gibt es immer mehr Produktrückrufe. Die Zahl

der behördlichen Lebensmittelwarnungen hat

sich zwischen Januar 2011 (25) und August 2014

(107) vervierfacht. Dies ist aber nur die Spitze

des Eisbergs. Die Zahl der Marktentnahmen

ohne Verbraucherinformation hat nach Einschätzung

der Beratungsgesellschaft AFC Risk &

Crisis Consult ebenfalls deutlich zugenommen,

da viele Unternehmen aufgrund der Komplexität

der Krisenfälle geneigt seien, die betroffenen

Produkte frühzeitig vom Markt zu nehmen.

Gefährdungen der Lebensmittelsicherheit haben

natürlich eine besondere Sprengkraft.

Hinzu kommen Risiken, denen Unternehmen

ohnedies ausgesetzt sind: Feuer, IT-Ausfälle

oder Störungen in der Lieferkette. Potenziert

werden sie durch die branchenspezifische Komplexität.

Wer mehrere Filialisten beliefert, hat

es neben einem gigantischen Logistikaufwand

mit tausenden verärgerten Kunden zu tun. Und

mit Millionen von verunsicherten Verbrauchern.

Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie

hat laut Allianz Risk Barometer 2015 von

allen Branchen das höchste Reputationsrisiko.

Risikoanalyse und -bewertung

Umso erstaunlicher ist die mangelhafte Vorbereitung

auf Ernstfälle. „Die Unternehmen verfügen

zwar über ein mehr oder minder gut ausgearbeitetes

Krisenmanagementsystem. Dieses

bietet allerdings keine Garantie für ein ange-

50 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Produktrisiken

messenes Vorgehen im Falle eines Falles“, so

AFC-Geschäftsführer Dr. Michael Lendle. Man

sei sich zwar der Gefahren bewusst, es fehle aber

das Know-how, diese betriebsbezogen zu analysieren

und zu bewerten, was Voraussetzung für

eine detaillierte Notfallplanung sei. Ist nicht

exakt festgelegt, was im Fall eines Falles zu tun

ist, bricht erst einmal Hektik aus. Eine solche

ist kaum geeignet, den Schaden gering zu halten.

Dazu sind die Unternehmen aber verpflichtet,

wenn am Ende die Versicherung einspringen

soll. „Die Versicherer verstehen sich nicht

als Zahlstelle, sondern als Teil eines integrierten

Risikomanagements“, betont BDJ-Experte

Hußmann die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen.

Beispielsweise dürfe ein Rückrufplan

nicht in den Schubladen verstauben, sondern

müsse regelmäßig geübt werden, damit er von

der ersten Sekunde an funktioniere.

Keine Frage der Größe

Krisenberater Matthias Hämmerle von Haemmerle-Consulting

vergleicht den zu erstellenden

Notfallplan mit einer verständlich formulierten

Gebrauchsanweisung. „Man ist mit

einer neuen Situation konfrontiert und benötigt

eine Anleitung, um Sicherheit zu erhalten.“ Es

handele sich um kein alltägliches Arbeitsinstrument.

Manche Beteiligte bekämen das Dokument

im Notfall zum ersten Mal in die Hand.

Sie müssten schnell erkennen, „wie der Hase

läuft” und einzelne Schritte auch überspringen

oder intuitiv ausführen können. „Ein Risikomanagement

lässt sich hinsichtlich Eventualplanung,

Personaleinsatz und Equipment auf

die Größe und wirtschaftlichen Möglichkeiten

eines Unternehmens zuschneiden“, betont

Michael Lendle (AFC). Egal, ob diese Anleitungen

in einem konzernweit vernetzten Enterprise-

Risk-Management-System zur Verfügung stünden

oder in stets griffbereiten Leitz-Ordnern.

Der Experte beschreibt die systematische Vorgehensweise:

Zunächst müsse ermittelt werden,

welche Risiken relevant sind. Im nächsten

Schritt gelte es, diese Risiken anhand ihrer

möglichen Schadenswirkung zu bewerten. Kriterien

sind die bis zur Wiederaufnahme des Betriebes

erforderlichen Wiederherstellungskosten

sowie der Aufwand für die Wiederaufnahme

des Geschäftsbetriebes. Der TÜV Süd empfiehlt

kleinen und mittleren Unternehmen die neue

Version der Norm ISO 9001, die explizit die Bereiche

benennt, in denen ein systematisches Risikomanagement

erforderlich ist.

Versicherungsschutz anpassen

Eine Risikoanalyse ist in der Regel mit einer

Neubewertung des Versicherungsschutzes

verbunden. Viele Unternehmen haben es über

Jahre versäumt, ihn an die gestiegenen Risikograde

anzupassen. Diese resultieren unter

anderem aus den inzwischen hochentwickelten

Messtechniken, immer niedrigeren Grenzwerten

und der Bereitschaft der Behörden zu

drastischen Sanktionen. Klassische Rückrufkosten-Haftpflichtversicherungen

zum Beispiel

decken im Gegensatz zu Produktschutzversicherungen

lediglich die Beseitigung und Vernichtung

der Produkte und bestimmte Rückrufkosten

von Weiterverarbeitern oder des Handels

ab, nicht aber den eigenen, womöglich noch viel

höheren Schaden. Genauso könnte man Firmenfahrzeuge

lediglich haftpflichtversichern

in der Hoffnung, sie würden Crashs ohne eigene

Schrammen überstehen. Wichtig ist eine objektive,

anbieterneutrale Beratung, die sich nicht

an Vertriebsinteressen orientiert, sondern vielmehr

auf ein Gesamtkonzept aus Risikoschutz

und Prävention ausgerichtet ist. Sie schützt

– pointiert ausgedrückt – auch vor dem Kleingedruckten

in den Policen. Mit Hilfe eines unabhängigen

Versicherungsmaklers lassen sich

Verträge individuell gestalten; unter anderem

können gefährliche Klauseln, zum Beispiel ein

Rückrufplan sei im Schadensfall „zu 100 Prozent“

einzuhalten, umgangen werden.

„Notfallmanagement und Versicherung sind

zwei Seiten der gleichen Medaille“, betont

Claas Hußmann von BDJ Versicherungsmakler.

Bei fehlendem Risikomanagement gebe

es in der Regel keinen Versicherungsschutz;

hohe Standards würden dagegen mit Prämiennachlässen

honoriert. Zudem unterstütze die

Assekuranz die Planung einschließlich der Beratung

durch Spezialisten in der Regel mit 10

Prozent einer Jahresnettoprämie für die Erstberatung

und mit 5 Prozent der Folgeprämien. f

Der Beitrag erschien im Original in der Zeitschrift

„LVT LEBENSMITTEL“.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

51


Produktrisiken

Interview mit Manfred Godek,

Kommunikationsberater und Autor, Monheim am Rhein

risiken

gehören zum Geschäft

In Ihrem Beitrag [Anm. d. Red. siehe S. 50] kommen

vor allem Berater zu Wort. Konnten Sie keine Stimmen

aus Unternehmen einfangen?

Die Lebensmittelbranche gibt sich sehr zugeknöpft.

Unternehmen verweisen auf ein existierendes

Risikomanagement, sagen aber nicht,

was konkret getan wird. Zu Produkten kann

man auf den Webseiten endlos scrollen. Aber

nicht dazu, was passiert, wenn Ware kontaminiert

oder verdorben ist.

Worin sehen Sie den Grund für die Zurückhaltung?

Es herrscht eine beinahe panische Angst davor,

sozusagen mit den eigenen Schwachstellen ertappt

zu werden. Dabei kann man unter www.

lebensmittelwarunung.de nachlesen, was fast

täglich passiert. Risiken gehören zum Geschäft.

Sie resultieren aus immer komplexer werdenden

Lieferketten und Prozessen. Sie sind systemimmanent

und gehören entsprechend thematisiert.

Tatsächlich werden sie tabuisiert.

Was kann eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit bewirken?

Definitiv mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Verarbeiteten Lebensmitteln haftet ohnehin ein

schlechter Ruf an. Wenn Bakterien oder Glassplitter

hinzukommen, wird der Verbraucher in

seiner negativen Haltung bestätigt. Die Unternehmen

sollten auf ihren Internetseiten kommunizieren,

dass sie Produktrisiken ernst nehmen

und wie sie mit ihnen umgehen.

Sie schreiben, dass im Ernstfall unprofessionell reagiert

wird. Welches sind die Ursachen und Folgen?

Betroffene Unternehmen reagieren wenig souverän.

Es wird abgeblockt, herum laviert und

beschönigt. Der Verbraucher fühlt sich verschaukelt.

Er hat eine perfide Art entwickelt,

sich zu rächen, indem er bestimmte Produkte

meidet oder von einzelnen Herstellern nicht

mehr kauft.

Wie kann Kommunikation auf eine solche Situation

professionell eingestellt werden?

Im Gegensatz zu administrativen Prozessen

lässt sich Kommunikationsfähigkeit nicht

durch Handbücher vermitteln. Bewährt haben

sich Trainings, bei denen Notfallszenarien

definiert und durchgespielt werden. Dazu gehörten

Sprachregelungen gegenüber der Presse

und Kommunikation wie Telefonate oder

E-Mail-Verkehr mit Vertriebspartnern, Lebensmitteluntersuchungsämtern

und Journalisten.

Aktion und Redaktion werden professionell ausgewertet

und nachjustiert.

Also eine Art Training zu Stressbewältigung?

Das Ziel ist Wahrheit und Klarheit. Lügen und

Vernebelung wären zunächst sogar einfacher.

Die Folgen daraus wie jahrelange Reputationsschäden

aber um mein Vielfaches dramatischer.

Vielen Dank für das Gespräch! f

52 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Produktrisiken

Verbraucherschutz bizarr:

Klagewelle in Amerika

gegen Lebensmittelindustrie

In jüngster Zeit ist es in den USA zu ungewöhnlichen Sammelklagen gegen Firmen

der Lebensmittelindustrie gekommen. Egal ob Starbucks, Subway oder McDonald’s

– in allen Fällen wurden Nahrungsmittel von Verbrauchern bezichtigt, nicht den vom

Hersteller gegebenen Standards zu entsprechen. Die Folge: meist immens hohe

Schadenersatzzahlungen der Unternehmen. Doch dabei steht der Verbraucherschutz

oftmals gar nicht im Vordergrund – Sammelklagen stellen mittlerweile ein lukratives

Geschäftsfeld amerikanischer Anwälte dar.

Foto: zolnierek / Fotolia.com

Von Julia Arendt

Der Eiskaffee enthält viel Eis, die Schokocreme

zum Frühstück ist gar nicht so gesund und nahrhaft

wie in der Werbung beschrieben, und Heißgetränke

stellen ein Verletzungsrisiko dar – was

für den herkömmlichen Konsumenten als nicht

sehr überraschend erscheint, sorgte in den USA

innerhalb der letzten Jahre für Sammelklagen

gegen die Lebensmittelindustrie.

Im Jahr 2008 wurden in amerikanischen Bundesgerichten

gerade einmal 19 Sammelklagen

gegen Nahrungsmittelunternehmen verhandelt.

In 2016 waren es mit 171 gleich neunmal so

viele. Dies geht aus einem Bericht des „Institute

for Legal Reform“ hervor, einer gemeinnützigen

Organisation der amerikanischen Handelskammer.

Meist genügt sogar eine schriftliche Klagedrohung

der Anwälte aus, um die Unternehmen zu

einer außergerichtlichen Einigung zu bewegen.

Für die ist das meist die akzeptabelste Lösung:

eine Klage und der damit verbundene Aufwand

wird vermieden, genauso wie eine Rufschädigung

des Unternehmens. Die Folge solcher privaten

außergerichtlichen Beilegungen ist demnach

nicht die Behebung der „Produktfehler“,

um die es eigentlich bei der Klage ging, sondern

die finanzielle Zufriedenstellung der Kläger und

Anwälte. Deshalb haben die Konsumenten auch

nichts davon, die Lebensmittel bleiben nämlich

meist in ihrem ursprünglichen Zustand.

Laut der Studie des Instituts ist der Verbraucherschutz

daher nicht entscheidend und ausschlaggebend

für den Boom an Sammelklagen

in der Lebensmittelindustrie, sondern fast immer

geht es um die Schadenersatz-Zahlungen

der Unternehmen. Während die Anwälte als

Honorar etwa ein Drittel der Vergleichssumme

erhalten, bekommen die Konsumenten nur

Gutscheine für einzelne Artikel, die Gegenstand

der Klage waren. Somit endet eine außergerichtliche

Einigung nach einer Klage oder Klagedrohung

am profitabelsten für die Anwälte

der Kläger.

In 2013 wurde zum Beispiel die bekannte Sandwich-Kette

Subway verklagt. Der Grund: die

Baguettes, die von dem Unternehmen als „one

foot“ lang (30,48 Zentimeter) beworben wurden,

waren doch nicht alle exakt 30,48 Zentimeter

lang. Durch den Backvorgang gerieten

einige Brote etwas länger oder kürzer. Es folgten

zehn Sammelklagen gegen das Fast-Food-Unternehmen.

Die Einigung bestand in diesem Fall

darin, dass Subway das Verfahren für 525.000

Dollar beilegte. Ganze 520.000 Dollar erhielten

die Anwälte, wobei die Kläger jeweils 500 Dollar

erhielten. f

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

53


Produktrisiken

Lebensmittelskandale

Mozzarella

„Mama Mia, was für ein Scheiß“, möchte

man sagen. Mit Mäusekot verunreinigter

Käse landet 2008 auf deutschen Frischtheken:

11.000 Tonnen vergammelter

Mozzarella aus Italien sorgt europaweit

für Ekel an den Käsetheken der Supermärkte.

Sprossen

Immer mehr Lebensmittelskandale

– da gibt’s nur eine

Lösung: Bio-Lebensmittel. Von

wegen. 2011 erschüttert einer der

schlimmsten Fälle die Verbraucherszene.

Bundesweit sterben

rund 50 Menschen an den Folgen

des gefährlichen Ehec-Darmkeims.

Die Behörden suchen

fieberhaft und werden am Ende

fündig: Auslöser sind Bio-zertifizierte

Sprossen aus Ägypten.

Abgepacktes Fleisch

2005: In zwei Supermarkt-Filialen

von real in Hannover werden Mitarbeiter

dabei ertappt, wie sie Fleisch

mit abgelaufenem Verbrauchsdatum

neu verpacken und damit das

Verfallsdatum manipulieren. Real ist

kein Einzelfall – auch in anderen Supermärkten

wird diese üble Masche

enttarnt.

Döner

Der Deutschen liebstes Fast

Food Gericht ist der Döner. Naja,

vielleicht nicht gerade in der Zeit

nach August 2007. Damals fliegt

ein Händler aus dem bayerischen

Wertingen auf, der 200 Tonnen

Gammelfleisch um-etikettierte

und als Dönerfleisch nach Berlin

verkaufte.

54


Produktrisiken

Wein

Deutscher Wein, das ist fein. Von wegen. 1985 tauchen

mit Glykol gepanschte Weine im Handel auf.

Dabei sollte Diethylen-Glykol eigentlich nur als

Frostschutzmittel verwendet werden.

Eier

2012 werden Eier zu Sondermüll.

Es ist kurz vor Ostern,

als immer öfter verseuchte

Eier auftauchen, ausgerechnet

bei einem Bio-Bauernhof in

Nordrhein-Westfalen. Die Eier

enthalten Dioxin in einer Konzentration,

die sechsmal so hoch

ist wie erlaubt.

Lasagne, Ravioli & Co

2013 wird in ganz Europa Pferdefleisch

in Millionen Fertiggerichten entdeckt.

Vor allem Lasagne, Ravioli und Tortellini

sind betroffen. Verkauft wird

die Schmuddelware in praktisch allen

Supermärkten: u.a. Edeka, Aldi, Kaiser's

Tengelmann, REWE, Lidl und beim

Tiefkühl-Heimlieferservice Eismann.

Shrimps

„Meeresfrüchte“ und Antibiotika –

das ist schon seit Jahrzehnten eine

feste Kombination. 2001 gelangten

Shrimps in die Kühltheken, die mit

dem EU-weit verbotenen Antibiotikum

Chloramphenicol belastet

waren. Herkunftsland war Asien.

Die auch heute noch oft Antibiotika-belasteten

Schalentiere von

dort laufen übrigens unter dem

Etikett „Freshwater“.

Foto: Marion Lenzen

55


Produktrisiken

Transparente

Lieferketten

Foto: 06photo / Fotolia.com

Lebensmittelbetrug ist fast so lukrativ wie Drogenhandel. Das Milliardengeschäft mit

falschen Zutaten oder Etikettenschwindel kann gesundheitliche Folgen für Verbraucher

haben und den Ruf der Hersteller dauerhaft schädigen. Die internationale Zertifizierungsgesellschaft

DNV GL hilft Unternehmen dabei, die Risiken für Betrugsfälle in ihrer Lieferkette

zu bewerten, ihnen vorzubeugen und in Krisen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Von Jennifer Nicolay

Analogkäse, gepanschtes Olivenöl, Pferdefleisch

in Lasagneprodukten – die Liste von

Betrugsfällen in der Lebensmittelindustrie ist

lang. Was als Skandal an die Öffentlichkeit gelangt,

wirft lediglich ein Schlaglicht auf das

gesamte Ausmaß. Die Weltgesundheitsorganisation

geht davon aus, dass jährlich zwei

Millionen Menschen an verunreinigten Lebensmitteln

sterben. Das Geschäft ist für die

Verbrecherbanden so lukrativ wie Drogen- oder

Menschenhandel, so das Bundesamt für Verbraucherschutz

und Lebensmittelsicherheit.

Konkret bringen Betrüger dabei absichtlich

Produkte in den Umlauf, um die Abnehmer zu

täuschen und daraus einen wirtschaftlichen

Vorteil zu erlangen.

Dies gelingt ihnen, indem sie falsche Inhaltsangaben

machen, minderwertige Bestandteile

beimengen oder falsche Etikettierungen anbringen.

Grün gefärbtes Salatöl, das als teures

Olivenöl verkauft wird, ist der Klassiker unter

den aufgedeckten Betrugsfällen. Zum Teil werden

sogar billige, nicht essbare Teile mit den

Lebensmitteln vermischt, um deren Volumen

zu vergrößern und höhere Gewinne zu erzielen.

Besonders gefährlich kann es für Allergiker

werden, wenn statt gemahlener Haselnüsse

billigere Erdnüsse in den Packungen stecken.

Zu solchen Fällen kann es überhaupt erst kommen,

weil die komplexen globalen Lieferketten

oft nicht umfassend genug kontrolliert werden.

Ist die Ware einmal unentdeckt in den Handel

gelangt, steht nicht nur die Sicherheit der Produkte

auf dem Spiel. Schon ein Einzelfall, der an

die Öffentlichkeit gelangt, kann den Ruf der betroffenen

Unternehmen nachhaltig schädigen.

Eine transparente Wertschöpfung sei das beste

Mittel, um für sichere Lebensmittel und verlässliche

Lieferungen zu sorgen, empfiehlt die

internationale Zertifizierungsgesellschaft DNV

GL. Sie unterstützt Unternehmen dabei, ihre

gesamte Lieferkette im Blick zu behalten und

Betrugsfällen so entgegen zu wirken.

Transparenz in der Lebensmittelbranche

besonders gefragt

Die Verbraucher sind ein wichtiger Treiber für

transparente Lieferketten. Die Kunden wollen

genau wissen, woher die Produkte kommen und

was in ihnen steckt. Häufiger als in anderen

Branchen ergreifen Lebensmittelhersteller daher

Maßnahmen, die das Lieferkettenmanagement

unter die Lupe nehmen und es verbessern

56 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Produktrisiken

sollen, sagen Experten. Besonders gefragt sind

laut einer internationalen Umfrage Assessments,

die dabei helfen, die Risiken entlang der

Wertschöpfungskette zu verstehen. DNV GL hat

dies im Rahmen ihrer Viewpoint Studie im Jahr

2014 herausgefunden.

Bei der Umfrage wurden 2.062 Unternehmen

verschiedener Branchen weltweit befragt, wie

zukunftsfähig ihre Lieferkette ist und welche

Instrumente sie dazu einsetzen. Es zeigte sich in

vielen Bereichen, dass die Lebensmittelhersteller

besonders aktiv im Vergleich zu den anderen

Unternehmen sind.

Risikobereiche in der Lebensmittelbranche

Die kritischen Bereiche, die im Fokus der Kunden

stehen, sind gleichzeitig auch die Haupt-Risikobereiche

in der Lebensmittellieferkette:

Produktsicherheit und Qualität. Läuft es in der

Lieferkette nicht rund, sind diese Kernbereiche

des Geschäfts unmittelbar bedroht. Eine gesonderte

Studie von DNV GL mit 500 Lebensmittelherstellern

ergab, dass Unternehmen sie besonders

in zwei Fällen als risikoreich identifizieren:

Wenn sie sogenannte komplexe Produkte mit

vielen Zutaten weiterverarbeiten oder wenn

die Lieferketten durch bestimmte Regionen in

Asien verlaufen.

Die Lieferketten können in beiden Fällen eine

hohe Komplexität und Undurchsichtigkeit aufweisen.

Das macht sie auch anfälliger für Betrugsfälle.

Vorsichtig sollten Unternehmen auch

sein, wenn die Preise der Waren stark schwanken.

Preisschwankungen gelten als spezifischer

Risikoindikator für Lebensmittelbetrug, warnt

das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln

Lebensmittelqualität und -sicherheit können

nur dann garantiert werden, wenn die Lieferkette

von Anfang bis Ende transparent ist und

systematisch gesteuert wird, so DNV GL. Hilfreiche

Instrumente stellen dabei Trackingund

Tracingberichte dar. Sie ermöglichen eine

Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel, indem sie

unter anderem dokumentieren, welche Ausgangsprodukte

verarbeitet wurden und wer für

welchen Prozess verantwortlich ist. Kommt es

zu Qualitäts- oder Sicherheitsmängeln, ist es

wichtig, die betroffene Charge zügig zu identifizieren

und zurückrufen zu können – egal an

welcher Stelle der Lieferkette man sich befindet.

Damit die Rückverfolgbarkeit lückenlos

vom Anfang der Wertschöpfungskette bis zu

ihrem Ende gelingt, bietet DNV GL verschiedene

Trainings und international anerkannte Zertifizierungen

an.

Unter anderem empfiehlt sie den Einsatz des

Rückverfolgbarkeitsstandards ISO 22005:2007.

Hier helfen klar definierte Prozesse, die Überprüfungen

zu koordinieren und sie zu dokumentieren.

Laut der Viewpoint Studie gehören

Zertifizierungen und Audits zu den wichtigsten

Maßnahmen für Unternehmen aller Branchen,

um ihre Lieferketten nachhaltig zuverlässig zu

gestalten. Die „eine“ richtige Methode gebe es

aber nicht, betonen die Experten von DNV GL.

Entsprechend breit ist das Portfolio der angebotenen

Management-Instrumente.

Audits und Zertifizierungen als Business-Case

Allein für die Lebensmittelbranche bietet DNV

GL über 20 Zertifizierungen an. Darunter ist etwa

der Marine Stewardship Council (MSC)-Standard

für nachhaltige Fischerei oder auch der

„Roundtable on Sustainable Palm Oil“ (RSPO).

Palmöl gilt als eines der begehrtesten Produkte

der Lebensmittelindustrie und steht häufig in

der Kritik, manipuliert zu werden. Gültige Zertifikate

bestätigen, dass ein definierter Standard

eingehalten wurde und dass eine Rückverfolgbarkeit

gegeben ist.

Im Zentrum all dieser betrieblichen Prozesse

steht ein sicheres Lebensmittel. Für Unternehmen

lohnt sich eine Zertifizierung gleich

in mehrfacher Hinsicht. Sie können glaubwürdig

über ihre Produktqualität, die Herkunftsländer

oder beispielsweise die Einhaltung von

Öko-Standards berichten. Das hilft am Ende

auch den Verbrauchern, eine informierte Entscheidung

über ihre Einkäufe zu treffen. Unternehmen

können darüber hinaus mit einer

transparenten Lieferkette ihre Kommunikation

mit den Handelspartnern verbessern und

ihre Warenströme effizienter gestalten. So

lässt sich etwa verhindern, dass es zu Leerfahrten

kommt oder die Lager nicht optimal

genutzt werden. f

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

57


Reputationsrisiken

Foto: Sergey Ryzhov / Fotolia.com

Wenn Innovationen

Marken schwächen

Zunehmende Digitalisierung, branchenfremde Konkurrenten oder agile Start-ups: Die

Innovationsfähigkeit von traditionellen Unternehmen ist unverzichtbar, um im globalen

Wettbewerb weiter bestehen zu können. Dabei ist das betriebliche Innovationsmanagement

darauf ausgerichtet, Ideen in wirtschaftlich erfolgreiche Produkte oder

Dienstleitungen umzusetzen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn viele Unternehmen

entwickeln ihre Neuheiten zum Selbstzweck und achten nicht auf Kundenwünsche.

Damit riskieren sie, ihren Markenwert zu zerstören.

Von Wolfang Schiller

Kein anderes Wort wird heute mehr in der Wirtschaftspolitik,

der Wirtschaftspresse und im

Marketing verwendet als „Innovation“. Innovationen

als Ausdruck von Unternehmergeist zur

Verbesserung der Marktposition müssen kraftvoll

und durchsetzungsstark sein und sollen einen

neuen Trend, also eine besonders tiefgreifende

und nachhaltige Entwicklung, auslösen.

Hat Innovation demnach etwas mit Veränderung

und Neuheit zu tun – ist etwas Neues, das

verändert, schon eine Innovation? Schauen wir

uns das doch etwas genauer an. Gerade bei Fast

Moving Consumer Goods (FMCG) jagt eine angebliche

Innovation die andere. Immer Neues

überschwemmt den Markt. Doch 70 Prozent

davon sind leider Flops, denn bereits 70 Prozent

aller neu eingeführten Artikel sind nach

zwölf Monaten nicht mehr in den Ordersätzen

des Handels. Das ergab eine Studie aus dem

Jahr 2006 von GfK und Serviceplan. Und diese

erforschte auch gleich die Faktoren für Erfolg

und Misserfolg bei Produktinnovationen mit

folgendem Ergebnis: Fehler in Kommunikation

und Vertrieb sind zu einem viel geringeren Teil

verantwortlich als allgemein vermutet. Allein

60 Prozent der Flops scheitern bereits in punkto

58 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Reputationsrisiken

Innovationsgrad, Preis-Leistungs-Verhältnis,

Zielgruppenstruktur und Markenpolitik.

Risiko Vertrauensverlust

Was lernen wir daraus? Innovationen als Selbstzweck,

weil die Entwicklungsabteilung einer

neuen Technologie huldigt, der Produktmanager

unter Druck ist und immer neue Produkte

auf den Markt bringen muss oder der Preis wegen

Profitgier zu hoch war, sind zum Scheitern

verurteilt, wenn sie vom Kunden nicht angenommen

werden. Denn der einzige der zählt ist

der Kunde. Wenn Unternehmen jedoch unter

dem Motto agieren „Der einzige, der stört, ist

der Kunde“, dann werden eben weiterhin jedes

Jahr die meisten der sogenannten Innovationen

floppen und die damit verbundenen Entwicklungsgelder

unter „Ignoranz“ ausgebucht werden

müssen.

Produktflops kosten jedoch nicht nur viel Geld,

sondern beschädigen auch das Vertrauen der

Stakeholder in die jeweilige Marke. Vertrauen

als emotionales, soziales und wirtschaftliches

Gut ist nicht nur ein Wert an sich, sondern hat

auch einen konkreten Geldwert. Kaufen doch

77 Prozent der Menschen Angebote, denen sie

vertrauen. Fehlt das Vertrauen, verzichten 51

Prozent gleich ganz auf den Kauf. Und wenn 57

Prozent der Menschen in Deutschland glauben,

dass Produkte unfertig auf den Markt kommen,

dann muss man schon hellhörig werden.

Das ergab zumindest das Trust Barometer der

PR-Firma Edelman.

Neues und damit eine Veränderung ist also nicht

immer gleich eine Innovation und stärkt oftmals

gar nicht die Marke, denn Neues ist nicht

unbedingt auch Nützliches. Was ist dann aber

eine Innovation, und wie können Innovationen

für Marken genutzt werden?

Die Marke als eine nutzenstiftende Erfindung

Innovation ist vom lateinischen Verb innovare

(erneuern) abgeleitet. In der Umgangssprache

wird der Begriff im Sinne von neuen Ideen

und Erfindungen und für deren wirtschaftliche

Umsetzung verwendet. Im engeren Sinne resultieren

Innovationen erst dann aus Ideen, wenn

diese in neue Produkte, Dienstleistungen oder

Verfahren umgesetzt werden, die tatsächlich

erfolgreiche Anwendung finden und den Markt

durchdringen (Diffusion).

Innovation hat also vor allem etwas mit Erfindung

zu tun. Eine Erfindung ist wiederum eine

schöpferische Leistung, durch die eine neue

Problemlösung ermöglicht wird. Von Erfindungen

wird besonders oft im Zusammenhang

mit technischen Problemlösungen gesprochen,

etwa von der Erfindung des Motors oder des

Dynamits.

Was hat nun eine Innovation mit einer Marke zu

tun? Marken entstehen vor allem aus der Wahrnehmung

eines neuen Produktes, das sich einen

"Logenplatz" im Kopf von Menschen erobert

hat. Denn Marken sind das Ergebnis einer kommunizierten

Erfindung, indem Unternehmen

ein relevantes Kundenproblem innovativ, also

mit neuen Verfahren, Produkten oder Dienstleistungen,

lösen. Aber nicht jede Erfindung

erzeugt eine neue Kundschaft und damit eine

neue Marke. Voraussetzung ist, dass die Innovation

sich nicht nur in der Qualität der Produkte

darstellt, sondern vor allem den Nutzen für den

Kunden erhöht, also die Fähigkeit besitzt, Bedürfnisse

zu erzeugen oder Bedürfnisse besser

zu befriedigen.

Das drückt sich im sogenannten Innovationsgrad

aus. Ist dieser zu niedrig, floppt die Innovation.

Das ergab auch die oben angeführte Studie

von GfK und Serviceplan: 53 Prozent der neuen

Produkte hatten aus Verbrauchersicht nur einen

geringen Innovationsgrad. Neuprodukte mit

hohem und mittlerem Innovationsgrad hätten

dagegen eine nahezu doppelt so hohe Erfolgschance.

Neueinführungen müssen deshalb

stets den Neuigkeitswert hervorheben sowie die

Qualität und den Nutzen, den der Käufer davon

hat. Denn 75 Prozent der Käufer schätzten neue

Produkte nur, sofern die Qualität und Leistung

verbessert sind. Sind sie nach dem ersten Kauf

enttäuscht, sind sie als Kunde verloren. Weitere

Werbebemühungen sind vergebens.

Innovationen können deshalb nur für Marken

genutzt werden, wenn sie ein signifikantes Problem

mit innovativen Produkten, Technologien

oder Dienstleistungen lösen und damit den

Kunden einen relevanten Nutzen stiften. Den

Kunden damit im übertragenen Sinne innovieren,

sein Verhalten zu ändern.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

59


Reputationsrisiken

Das Unternehmen als Innovator

Nun könnte man der Meinung sein, dass die

Entwicklung von Innovationen von den Kunden

ausgeht. Man braucht diese nur geschickt befragen

und schon hat man die richtigen Hinweise

und baut daraus schnell ein tolles Konzept, das

reibungslos funktioniert. Kundenorientierung

ist hier das neue Zauberwort. Diesen Weg gehen

heute einige Unternehmen – man spricht hier

von „Open Innovations“, die aktive strategische

Nutzung der Außenwelt zur Vergrößerung des

Innovationspotenzials. Das kann man durchaus

machen, sollte dabei aber die folgende Erkenntnis

nicht vergessen:

Der Ausgangspunkt von Innovationen ist per se

nicht die Kundschaft, sondern das Unternehmen,

idealerweise mit einem starken Unternehmer,

der die Innovation bei den anvisierten

Kunden durchsetzt, denn diese stehen dem

Neuen im Wesentlichen mit Misstrauen gegenüber

(siehe GfK, Innovationsneigung 2004-

2015). Das hatte auch Steve Jobs, der Gründer

von Apple, erkannt, als er 1982 sagte „Die Kunden

wissen gar nicht, was sie wollen, bis wir es

ihnen zeigen“. Innovationen müssen also neue

Kunden und damit einen neuen Markt erschaffen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist das Entstehen

einer Marke immer das Ergebnis einer

Innovation.

Letztendlich geht es also darum den Kunden

zu innovieren, also neue Bedürfnisse den Konsumenten

anzuerziehen. Denn Innovationen

müssen nicht einem bestehenden Markt dienen,

sondern einen neuen Markt schaffen. Das

betrifft zum einen die Erfindung einer neuen

Marke mit einem innovativen Produkt und zum

anderen der Innovierung einer Marke mit einem

neuen oder verbesserten Produkt.

Eine Innovation ist also nur sinnvoll, wenn sie

ein signifikantes Problem neu löst, dadurch

Menschen begeistert und einen neuen Markt

mit einer neuen Marke schafft oder bestehende

Kunden noch fester an eine schon bestehende

Marke bindet. Eine Innovation, die aus einer

neuen technischen Möglichkeit entspringt und

deshalb nur den Entwicklungsingenieur begeistert

und nicht den Kunden, wäre eine sinnlose

Neuerung, denn sie würde ja die Marke nicht

stärken.

Innovation durch Markentransfer

Die erfolgreichste Strategie zur Einführung eines

innovativen Produktes zur Stärkung einer

Unternehmens- oder Produktmarke ist der Einsatz

einer Markentransfer-Strategie. Der Vorteil:

Man nutzt die bestehende Marke und die

von ihr aufgebaute Brand Equity und stellt das

neue Produkt unter das bestehende Markendach.

Dabei bestehen zwei Möglichkeiten diese

Innovationsstrategie umzusetzen: durch Markenerweiterung

(Brand Extension) oder durch

Produkterweiterung (Line Extension).

Mit einer Brand Extension übertragen Sie Ihre

bestehende Marke auf die von Ihnen eingeführte

neue Produktart. Ihr Unternehmen geht mit

seiner bestehenden Marke demzufolge auf ein

neues Produktsegment über.

Auf Dauer kann jedoch ein nicht zu unterschätzendes

Risiko auftreten: eine Markenverwässerung

durch Überdehnung der Markenkompetenz

durch zu viele neue Produktkategorien und

dem Ergebnis der Zunahme von Komplexität in

der Markenwahrnehmung. Denn je mehr Produktarten

Sie mit Ihrem Markentransfer anbieten,

desto schwieriger wird es für Ihre Kunden,

sich bei dieser breiten Auswahl für ein Produkt

zu entscheiden.

Entscheiden Sie sich für die Strategie der Line

Extension, gehen Sie nicht so umfassend vor wie

mit einer Markenerweiterung, da Sie Ihre bestehende

Marke zwar in einem neuen Kundensegment,

jedoch in der gleichen Produktgattung

vermarkten.

Die Overstretching-Falle

Markenüberdehnungen aus Gier oder Missmanagement

sind heute jedoch nicht die Ausnahme,

sondern leider die Regel. Ehemals trendige

Marken wie Esprit, die Surfermarke Chiemsee

oder die Young Fashion-Marke Miss Sixty sind

völlig out, da sie ihre Einzigartigkeit verloren

haben. Esprit landete auf den Wühltischen von

Penny und Lidl. Und selbst eher biedere Marken

wie S.Oliver oder Tom Tailor laufen Gefahr, in

die „Overstretching-Falle“ zu treten. Sie haben

ihre Einzigartigkeit bereits gegen Größe eingetauscht:

In nahezu jeder deutschen Einkaufsstraße

bieten die beiden Wettbewerber heute

60 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Reputationsrisiken

ihre weitgehend austauschbaren Kollektionen

an – und versuchen verzweifelt den Kunden mit

einer Billigstrategie in die Läden zu locken.

Innovationen müssen sich jedoch nicht ausschließlich

in neuen Produkten darstellen,

die sich dann zu Marken entwickeln, sondern

können auch bestehende Produkte verbessern,

sich also in neuen Qualitäten darstellen und so

den Kundennutzen erhöhen. Das vermindert

nicht nur die Komplexität im Sortiment, sondern

erhöht auch die Kaufbereitschaft und Markentreue.

Voraussetzung ist jedoch, dass der

nutzenorientierte Leistungssinn der Markenprodukte

nicht verloren geht. Steht jedoch der

Profit und nicht der Nutzen im Fokus wird das

Vertrauen in die Markenleistung mit dem Ergebnis

beschädigt, dass die Markentreue weiter

abnimmt: So wäre es laut einer Studie von Havas

Media (Meaningful Brands 2015) der Mehrheit

der Menschen weltweit egal, wenn 74 Prozent

der Marken verschwinden würden. 2011 waren

es noch 71 Prozent, 2013 schon 73 Prozent.

Innovation durch neue Positionierung

Marken wachsen nicht durch Produkte, sondern

durch Kunden. Eine Erkenntnis, die heute

oftmals vergessen wird. Und eine der zentralen

Ursachen für eine überbordende Flut an neuen

Produkten, die zudem oftmals keinen neuen

Nutzen stiften, sondern vom Kunden oft als ein

„Mehr vom Gleichen“, also als austauschbar,

wahrgenommen werden.

Starke Marken verzichten deshalb auf nutzlose

Innovationen, die nicht aus der einzigartigen

Kultur der Marke entwickelt werden und ihre

authentische Identität verwässern. Sie kultivieren

vielmehr ihren selbstähnlichen eigenen

Stil, dem sie treu bleiben und nutzen das bereits

im Kopf der Menschen verankerte Bild von der

Identität der Marke.

Foto: Kwangmoo / Fotolia.com

Das Fazit

Unternehmen, die nicht wissen, für was ihre

Marke steht und warum Menschen ihre Markenprodukte

kaufen sollen, laufen schnell in

das existenzbedrohende Risiko der überbordenden

Komplexität: Der Entwicklung immer neuer,

aber sinnloser Produkte, die mit Sicherheit

als teure Flops enden. Steht dann noch als zentrales

Motiv nicht der Kundennutzen, sondern

der Profit im Fokus, weshalb die Produktzyklen

immer kürzer und die Qualität immer schlechter

wird, ist dem Unternehmen leider keine lange

Lebensdauer beschert.

Wenn also Innovationen nicht den Nutzensinn

der Marke kultivieren oder neue Produkte die

Wahrnehmungskomplexität beim Kunden erhöhen,

schwächen sie die Marke mit folgendem

Ergebnis: Die Kaufbereitschaft der Kunden sinkt

und die emotionale Bindung der Kunden an die

Marke geht verloren. Das Unternehmen verliert

damit seine einzige Wertschöpfungsquelle und

schlittert in den Bankrott.

Markenstärkende Innovationen sind dagegen

immer aus dem Nutzensinn der Marke hergeleitet

und auf die Erhöhung des Kundennutzens

ausgerichtet. Das betrifft vor allem die Innovierung

der Produkte, aber auch die Innovierung

der Werbung, der Distribution oder der Preise.

Innovationen aus einem fehlgeleiteten Markenverständnis,

zur Befriedigung der Bedürfnisse

der Mitarbeiter oder Partner, aus Technikgläubigkeit

oder aus Profitgier führen dagegen immer

zur Schwächung der Marke.

Eine zentrale Erkenntnis sollte aber nicht vergessen

werden: Der Mensch will nicht das Neue,

sondern das Vertraute besser oder sogar unverändert.

Absolut Neues muss demnach erst einmal

den Kunden innovieren, sein Verhalten zu

verändern, was oftmals gar nicht möglich ist.

Und da Innovationen nicht nur auf der Produktebene

möglich sind, haben Unternehmen viel

mehr Möglichkeiten ihren Kunden zu begeistern.

f

Der Text ist im Original auf risknet.de erschienen.

Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

61


Globale Risiken

Zu guter Letzt

Second Hand-

Kleidung schützt

Wasserressourcen

Rund 4.020 Liter Wasser am Tag verbrauchen

die Deutschen pro Kopf. Nur 120 Liter davon

sind direkter Wasserverbrauch, der Rest entsteht

unter anderem durch Bewässerung in

der Landwirtschaft und die Kühlung von Industrieanlagen.

Dieses sogenannte virtuelle

Wasser lässt sich durch einen nachhaltigen

Lebensstil zum Teil einsparen, so der Rat für

Nachhaltige Entwicklung.

Sehr hoch ist der Wasserverbrauch mitunter

in der Bekleidungsindustrie, da der Anbau

von Baumwolle einen enormen Wassereinsatz

verlangt. Bei der Herstellung einer

Jeans werden beispielsweise rund 11.000 Liter

Wasser verbraucht. Dadurch besteht die

Gefahr, dass Gewässer in den Anbaugebieten

versiegen. Dabei ist es unerheblich, ob

die Baumwolle aus kontrolliert biologischem

oder konventionellem Anbau stammt. Diesen

Umweltauswirkungen können Verbraucherinnen

und Verbraucher entgegenwirken, indem

sie in Second-Hand-Geschäften oder auf

Flohmärkten einkaufen und Kleidungsstücke

möglichst lange tragen. Schadhafte Kleidung

lässt sich ausbessern oder durch kreatives

Umarbeiten, das sogenannte Upcycling, als

neues Kleidungsstück weiternutzen. f

Impressum

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit

und Corporate Social Responsibility.

Die Redaktion von UmweltDialog berichtet

unabhängig, auch von den Interessen der

eigenen Gesellschafter, über alle relevanten

Themen und Ereignisse aus Politik, Wirtschaft

und Gesellschaft.

Herausgeber

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: 0251 / 200782-0

Fax: 0251 / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe

Dr. Elmer Lenzen, Sonja Scheferling,

Jennifer Nicolay

Bildredaktion

Marion Lenzen

Gestaltung

Gesa Weber

Lektorat

Marion Lenzen, Milena Knoop

Verbreitete Auflage

ca. 300.000 gedruckt und digital

Klimaneutraler Druck, FSC-zertifiziertes

Papier, CO 2 -neutrale Server

© 2017 macondo publishing GmbH

62 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de


Bisherige Ausgaben


Eine goldene Zukunft stelle

Globale Risiken

ich mir vor allem grün vor.

Nachhaltigkeit

Als ein wichtiger Finanzierer der Energiewende halten wir

seit 15 Jahren den begehrten oekom-Prime-Status.

hvb.de/nachhaltigkeit

64 Ausgabe 7 | Mai 2017 | Umweltdialog.de

Weitere Magazine dieses Users