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DZM-Ausgabe Mai 2017

Das Monatsmagazin für die Region Uzwil und Flawil.

Hamburg-Tagebuch

Hamburg-Tagebuch Text/Fotos Jana Cucchia Wenn ein «Grüezi» zum «Moin» wird – 866 km von Uzwil entfernt Die Zeit vergeht schnell. So schnell, dass ich beinahe vergessen hätte, mein Hamburg-Tagebuch zu schreiben. Die ersten paar Wochen in meiner neuen (vorübergehenden) Heimat haben sich eher so wie Ferien angefühlt. Als ob man einfach ein paar Tage weg wäre und dann wieder nach Hause geht. Alles war neu und ich fühlte mich dieser Stadt irgendwie nicht nahe. Aber mit jedem Tag der verging kam es mir vor, als ob mein Unterbewusstsein langsam zu merken begann, dass es sich hier nicht um Ferien handelt und dass die Rückreise nicht schon nach ein paar Tagen ansteht. Mein Leben in Hamburg fühlt sich mittlerweile schon so normal an, dass ich durch die Strassen gehe und mich pudelwohl fühle. Ich gehe sogar ins Fitnessstudio. Mein Journalistenleben in Hamburg wurde zu einem normalen Alltag. Ich durfte während diesen drei Monaten so viel erleben und lernen. Ich durfte bei grossen Cover- und Modestreckenshootings assistieren und sah dort Kleider, Schuhe und Taschen wie man sie nur bei einer 24h Shoppingtour durch New York sehen würde. Es war unglaublich. In den Pausen bin ich in sündhaft teuren Louis Vuitton-Schuhen, einer Chanel-Tasche und einer 550-Euro-Sonnenbrille von Fendi durch den Raum stolziert. Ich fühlte mich wie die Stars auf dem roten Teppich, nur, dass ich nach zehn Minuten alles wieder abgeben musste. Aus der Traum. So wie bei Cinderella, die ihre Kutsche und ihr Glitzerkleid auch nur bis Mitternacht geniessen darf. Abgesehen von Shootings durfte ich wahnsinnig viel Schreib- und Rechercheerfahrungen machen, von denen ich auch für zukünftige Jobs sehr profitieren durfte. Es nervt mich ja immer, wenn Frauenmagazine auf ein bisschen Haare und ein bisschen Schminke reduziert werden. Wer das behauptet, fordere ich freundlich dazu auf, einmal durch ein solches Magazin zu blättern. Da steckt wahnsinnig viel Arbeit dahinter. Da wird recherchiert, sich ausgetauscht, Expertengespräche geführt und stundenlang geschrieben. Da kann man fantastische Reportagen, hinter denen mehrwöchige Arbeit steckt, über Themen aus der ganzen Welt lesen und spannende Selbstversuche miterleben. Magazine sind viel mehr als nur Klatsch und Tratsch. Und darum bin ich froh, auch einmal in diesen Bereich des Journalismus geblickt zu haben. In Hamburg hat sich nicht viel verändert. Das Wetter wurde besser. Die Menschen zog es an die Alster, wo man sich bei einem kühlen Getränk und einem Eis wunderbar verweilen kann. In der Zwischenzeit habe ich von der Mode- in die Beautyredaktion gewechselt und kann dort fleissig mitarbeiten. Das Gefühl, nach viel Arbeit den eigenen Artikel mit Namen im Heft zu sehen, ist ein echt schönes Gefühl. Vor einiger Zeit, als ich wegen einer Baustelle nicht mehr mit der S-Bahn nach Hause fahren konnte, habe ich einen Schnellbus entdeckt, der die gleiche Strecke fährt. Nur, die S-Bahn fährt unterirdisch und der Bus, wie gewohnt, auf der Strasse. Während zwei Wochen habe ich dann also jeden Abend diesen Bus genommen und bin so nach Hause gefahren. Ich war überwältigt, verzaubert, erstaunt – über diese wunderwunderschöne Route. Normalerweise in mein Smartphone vertieft, konnte ich auf dieser Heimfahrt nicht anders als aus dem Fenster zu starren. Eingestiegen bin ich in der Innenstadt, direkt vor der Redaktion. Einmal aus dem Stadtzentrum gefahren, fährt man direkt über die Reeperbahn. Viele denken an Alkohol, Drogen und Obdachlose, wenn sie Reeperbahn hören. In Wirklichkeit ist die Reeperbahn ein wunderschöner Ort. Ein Ort, an dem Menschen sich treffen und friedlich beisammen sind. Ein Ort, wo alle Menschen gleich sind, wo Musik ertönt und wo junge Menschen in Musicals spielen und vom Broadway träumen. Es gibt Essensstände, die mit funkelnden Lichterketten geschmückt sind und an ein Hippiedorf erinnern. Während in der Schweiz die meisten Leute nach der Arbeit direkt nach Hause fahren, treffen sich die Menschen in Hamburg auf der Reeperbahn und lassen die Abende gemütlich in einer Gartenwirtschaft ausklingen. Die Reeperbahn ist ein Ort wo gelacht, getanzt und geträumt wird. Mit den unzähligen leuchtenden und blinkenden Reklametafeln am Strassenrand wird die Reeperbahn zu etwas Einzigartigem. Klar, am Wochenende gibt es Ecken, von denen man sich lieber fern hält. Aber an allen anderen Tagen ist die Reeperbahn 930m pures Leben. Zurück zu meiner Busfahrt. Nach der Reeperbahn fährt man durch Altona. Altona ist der westlichste Bezirk der Hansestadt und zeichnet sich durch den grossen Bahnhof und vielen schmucken Geschäften und Bars aus. Altona gehörte übrigens bis ins Jahre 1866 zu Dänemark. Den reichen Hamburger Stadtoberen, wegen ihrer profitorientierten Art Pfeffersäcke genannt, war das liberale und weltoffene Altona vor den Toren Hamburgs ein Dorn im Auge. So kam Altona nämlich auch zum Namen. Die Hamburger nannten die Stadt kritisch „all to nah“, was auf Plattdeutsch „allzu nah“ bedeutet. Sie fanden also, Altona sei zu nah an der Grenze zu Hamburg. Lustige Geschichte, oder? Wie die Leute doch früher tickten. Weiter auf der Route passiert man die Elbchaussee, die teuerste Strasse Hamburgs. Auf der linken Strassenseite stehen bedeutsame Villen und Herrenhäuser mit Blick auf den Hafen, eingegliedert in grosszügige Parkanlagen. Auf der rechten Seite stehen normale Häuser und Wohnblöcke. Eine alte Hamburger Tradition besagt, dass die Menschen, die auf der linken Seite wohnen, wohl Glück im Leben hatten und diejenigen auf der rechten Seite leider in keine reiche Familie hineingeboren worden sind. Nach der Elbchaussee fährt man alles am Hafen entlang, bis nach Blankenese, wo ich wohne. Von Hafen habe ich ja im letzten Tagebucheintrag schon geschwärmt, das lass‘ ich jetzt dieses Mal ☺ Für mich waren diese Busfahrten nach einem strengen Arbeitstag eine super Erholung. Mit Musik in den Ohren konnte ich einfach nur die Kulisse geniessen. Einen so schönen Weg werde ich in der Schweiz leider nicht haben. Es sei denn, ich interessiere mich auf einmal für Autobahnen, Klär- oder Trocknungsanlagen (Naja, vielleicht übertreibe ich jetzt ein bisschen. Uzwil ist ja eigentlich ganz schön!). Ich werde es aber trotzdem sehr vermissen. Keinen Arbeitsweg der Welt kommt an die Schnellbuslinie 36 in Hamburg an. Seite 22 > DZM 2017 2

Wenn wir gerade schon beim Weg sind. Bald geht meine Zeit in Hamburg zu Ende und ich muss meine Koffer packen. Ich werde Norddeutschland mit den berühmten weinenden und lachenden Augen verlassen. Mit diesen drei Monaten habe ich mir einen Mädchentraum erfüllt: Einmal bei einem weltbekannten Hochglanzmagazin zu arbeiten. Ich hätte nicht gedacht, dass drei Monate Hamburg so viel verändern würden. Es ist ja nicht so, dass man kochen, waschen oder bügeln lernt, wenn man alleine in einem anderen Land ist. Das konnte ich alles vorher schon. Man erlernt die Fähigkeit, alleine schwierige Situationen durchzustehen, die einem ansetzen. Alleine wichtige Entscheidungen zu treffen, ohne Ratschläge von anderen Personen zu bekommen. Auch wenn ich natürlich auch zu Hause meine eigenen Entscheidungen treffe, hat man immer ganz schnell noch die Mama, den Papa, die Oma oder wer weiss ich noch um deren Meinung gefragt. Das passiert irgendwie ohne dass man es merkt. Man möchte sich kurz austauschen, auch wenn man am Schluss doch nichts von all dem macht, was einem vielleicht geraten wurde. Es geht beim Alleinsein um Momente, wo einem alles zu viel wird, man aber trotzdem funktionieren muss, um Momente, in denen alles auf einmal kommt und man alle organisatorischen Fähigkeiten auspacken muss die man besitzt. Darum geht es wirklich. Ich muss aber auch zugeben, dass ich an den Wochenenden oft Besuch aus der Schweiz hatte und so immer ein Stückchen Uzwil bei mir war. Nach drei intensiven aber schönen Monaten, nach lustigen und weniger lustigen Momenten und nachdem ich fünf Mal in der Travestie-Bar von Drag Queen Olivia Jones (Dschungelcamp 2013) war, (weil jeder Besuch unbedingt diese Kult-Transen-Bar besuchen wollte), packe ich jetzt meinen Koffer und komme zurück in die Schweiz. Da erwarten mich ein weiteres, spannendes Praktikum und die letzten zwei Semester vor meinem Bachelorabschluss. Ich verabschiede mich jetzt erst einmal kurz nach New York, dann noch einmal nach Hamburg und ab Mai bin ich wieder in Uzwil! Ich hoffe, ich konnte mit meinem Tagebuch ein wenig unterhalten und danke für viele positive Rückmeldungen.