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KuS 2017-1

Handwerk in der

Handwerk in der Denkmalpflege «EINE EUROPAWEIT EINZIGARTIGE AUSBILDUNG» UNZÄHLIGE HISTORISCH WERTVOLLE BAUTEN UND OBJEKTE WARTEN IN DER SCHWEIZ AUF UNTERHALT DURCH QUALIFIZIERTE HANDWERKERINNEN UND HANDWERKER – EIN WAHRES ELDORADO FÜR ABSOLVENTEN DES LEHRGANGS «HANDWERKER/IN IN DER DENKMALPFLEGE». DOCH WIE FINDEN DIE VERWITTERTE SKULPTUR ODER DER DENKMAL- GESCHÜTZTE BRUNNEN UND DER SPEZIALISIERTE STEINMETZ ODER STEINBILDHAUER ZUEINANDER? Marco Marazzi: Mag sein, dass dies zu Beginn mitgespielt hat. In England beispielsweise muss jeder Handwerker, der auf einer historischen Baustelle arbeitet, eine Bewilligung haben, sonst kommt er nicht hinein. Dies war durchaus eine Vision beim Aufbau unseres Lehrgangs: Wenn die Denkmalpflege kommt und sagt, dieses Haus wird restauriert, sollen nur Handwerker mit einer entsprechenden Ausbildung für die Arbeiten zugelassen werden. Marco Marazzi (links), Bildhauer- und Steinmetzmeister, 2011-2015 Vorstandsmitglied im Verein Handwerk in der Denkmalpflege (HiD), und Niklaus Ledergerber (rechts), Denkmalpfleger der Stadt St. Gallen und Vorstandsmitglied HiD seit 2011, sprechen über die Chancen und Schwierigkeiten, denen sich die Abgänger des Lehrgangs gegenübersehen, sowie über die Idee, die hinter der Weiterbildung steht. (Fotos: Franziska Mitterecker) Interview: Franziska Mitterecker «Kunst und Stein»: Der Lehrgang «Handwerker/in in der Denkmalpflege» wurde, nach einer vorangegangenen Pilotphase, 2012 aus der Taufe gehoben. In zahlreichen europäischen Ländern gibt es schon seit längerem Weiterbildungen für Handwerker im Bereich Kulturgütererhaltung und Denkmalpflege. War dies ein Anstoss, auch in der Schweiz eine eigene Ausbildung zu entwickeln? Niklaus Ledergerber: Das Ausland war aber nicht Anstoss in dem Sinne, dass wir uns gesagt hätten, «die Deutschen und Franzosen und Italiener haben etwas, wir müssen jetzt auch etwas haben». Vielmehr entstand der Lehrgang aus einem konkreten Bedürfnis heraus: Wir haben in der Schweiz nach einer Schätzung mehr als 80 000 Bauwerke von historischer Bedeutung. Diese müssen unterhalten werden. MM: Unser Lehrgang verfolgt auch ein ganz eigenes Konzept, das sich von den Weiterbildungen im Ausland grundlegend unterscheidet: Bei uns ist, über Theorie und handwerkliche Praxis hinaus, vor allem wichtig, dass die verschiedenen Gewerke miteinander kommunizieren und einander verstehen. Diese Verknüpfung, einerseits mit der Denkmalpflege, andererseits unter den Fachrichtungen, das ist das Besondere in der Schweiz, und etwas vom Wichtigsten, das diesen Lehrgang auszeichnet. Ist der Lehrgang international konkurrenzfähig? 6 01/17

Handwerk in der Denkmalpflege MM: Ich behaupte, die Ausbildung ist europaweit einzigartig und mit nichts anderem zu vergleichen. Ob ein ausgebildeter Handwerker in der Denkmalpflege im Ausland bestehen kann, ist dann allerdings vermutlich mehr eine finanzielle Angelegenheit. 80 000 historisch bedeutende Bauwerke, das ist eine ziemliche Menge – wie lässt sich diese Zahl in die Nachfrage nach ausgebildeten Handwerkern in der Denkmalpflege übersetzen? MM: Im Augenblick ist es immer noch so, dass im Endeffekt der Preis entscheidet bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen. Ein Bewerber mag ausgebildete Leute in seinem Betrieb haben, der andere nicht – solange der Preis ausschlaggebend ist, bringt die Ausbildung keinen handfesten Vorteil bei der Vergabe. Ich denke, sobald es einmal mehr ausgebildete Leute gibt, wird sich dies ändern, dann kann die Denkmalpflege diese verlangen. Im Moment greift dies noch zu wenig. «FÜR UNS IST DIE QUALIFIKATION DER HANDWERKER AUSSCHLAGGEBEND.» weis erbringen, dass er das schon mindestens einmal gemacht hat. Wer kein entsprechendes Referenzobjekt angeben kann, kann von der Vergabe ausgeschlossen werden. Von da her ist es nicht reine Preissache. NL: Dies würde ich nicht so sagen. Klar, der Preis ist immer ein wichtiges Argument. Aber man hat auch im öffentlichen Beschaffungswesen die Möglichkeit, gewisse Grundkriterien festzulegen, und diese Möglichkeit nutzen wir auch. Wenn beispielsweise ein Maurer einen Kalkputz ersetzen muss, muss er den Nachlungen, die ihr abgebt, ist Qualität also das Hauptkriterium, und nicht der Preis? NL: Ja, immer. Für uns ist die Qualifikation der Handwerker ausschlaggebend. Es liegt uns auch aus ganz egoistischen Gründen daran, dass ein Auftrag an jemanden geht, der kompetent ist, ihn auszuführen: Dies bedeutet nämlich, dass wir mit der Baustelle nachher Die Denkmalpflege vergibt ja in der Regel Aufträge nicht selbst – aber bei den Empfehweniger zu tun haben. Wir müssen mit den Handwerkern weniger diskutieren, was zu tun ist und wie es zu tun ist, wir müssen weniger Kontrollen machen. Dies war, egoistisch gesehen, der Hauptbeweggrund der Denkmalpflege, sich für diese Ausbildung zu engagieren: gut qualifiziertes Personal auf der Baustelle zu haben, das über das nötige Wissen verfügt, um auch ohne uns arbeiten zu können. Also der ausgebildete Handwerker in der Denkmalpflege als Stellvertreter des Denkmalpflegers auf der Baustelle, der auch Verantwortung übernehmen kann? NL: Ganz entschieden! Auf der einen Seite werden Denkmalpflegestellen gestrichen, auf der anderen gibt es immer mehr und immer komplexere Schutzobjekte – wir haben immer weniger Ressourcen für regelmässige Baustellenbesuche und eingehende Begutachtungen. Wir sind auf gute Leute auf der Baustelle angewiesen. MM: Um noch einmal auf den Preis zurückzukommen: Häufig ist das Problem auch, dass auf unserer Seite getrickst wird. Ein Beispiel: Ein Tessiner Kollege, gelernter Bildhauer und Steinmetz, erzählte mir, dass er bei öffentlichen Ausschreibungen immer zu teuer ist. 01/17 7