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KuS 2017-2_GzD_klein

Arbeiten mit Stein

Arbeiten mit Stein Arbeit für das DJ-Projekt «Stein & Strom» (2010). Poschiavo-Serpentin. in Sandstein gehauen: Licht und Schatten werden hier besonders schön gezeichnet und lassen das Motiv markant hervortreten. Die Spirale findet sich sowohl auf Flusssteinen, die sie gerne verschenkt, wie auch auf grösseren Objekten, beispielsweise auf dem Cheminée aus römisch Travertin, das die Wand in ihrem kleinen Ladenlokal in Schaffhausen ziert, welches sie seit 2012 nebenbei betreibt. Kleinere ihrer bekringelten Steine würde sie gerne als «Wandersteine» in die Welt hinaus senden: Freunden und Bekannten würde ein solcher Stein mit auf die nächste Reise gegeben, mit dem Auftrag, ihn an einem schönen Ort zu platzieren und der Erde als Geschenk zurückzugeben. Eigentliche «Phasen» in ihrem künstlerischen Schaffen habe sie nicht gehabt. Ihre Werke sind stets Resultat eines spontanen Einfalls, einer Eingebung. Um über einen längeren Zeitraum hinweg dieselbe Idee immer wieder neu auszuarbeiten, zu perfektionieren, Studien zu machen, fehlt ihr die Geduld. «Wenn ich etwas gemacht habe, möchte ich danach etwas Neues ausprobieren», sagt sie. Seit der Geburt von Tochter Juna Smilla im Jahr 2014 ist die freie künstlerische Arbeit ein bisschen in den Hintergrund getreten – was sich durchaus auch wieder ändern könnte. Doch auch als Grabsteinbildhauerin kann Nicole Nydegger künstlerische Ideen verwirklichen. «Man muss sich immer fragen: Was will man der Welt schenken? Begnügt man sich mit Fliessbandarbeit – ‚Hauptsache, es ist ein Grabstein drauf‘ –, oder möchte man eine Aussage machen, etwas Schönes erschaffen, das Bestand hat?» Nicole Nydegger ist bestrebt, jeden ihrer Steine zu einem Kunstwerk zu machen – und sei es ein schlichter Felsen, nur mit einer Schrift versehen: Dann spielt sie eben mit der Schrift, bis sich auch dieser Stein als klar erkennbares Individuum, elegant und luftig, abhebt von seiner Umgebung. Die Leidenschaft für den Stein, übrigens, war Nicole Nydegger nicht in die Wiege gelegt. Der Berufsberater, den sie damals, mit zwanzig Jahren, aufsuchte, etwas ratlos, wohin es mit ihr gehen sollte, riet ihr zu einem kreativen Beruf. Dass sie nicht Modedesignerin, Grafikerin oder Bäckerin- Konditorin geworden ist, hat sie Bildhauer Stefan Nigg zu verdanken. Allerdings nicht etwa, weil dieser sie mit seinen steinernen Werken beeindruckt hätte. Sondern weil es ihr das alte, überwachsene Bahnwärterhäuschen an der Schaffhauserstrasse in Winterthur, in dem Stefan Nigg mit seiner Werkstatt zu Hause war, schon seit jeher angetan hatte. Sie fragte, ob sie schnuppern dürfe. Nein, bekam sie zur Antwort, keine Zeit. Beim zweiten Versuch dasselbe. Nicole Nydegger blieb hartnäckig. «Irgendwann fand er, jetzt nervst du, dann kommst du halt mal.» Sie konnte eine Woche lang modellieren, abgiessen, Stein hauen – jeden Tag etwas Neues, die grosse Vielseitigkeit des Handwerks gefiel ihr. Sie blieb. Würde sie den Beruf heute wieder wählen? «Wer weiss», sagt sie. «Ich wäre mit Sicherheit nicht in einem Büro. Aber vielleicht wäre es etwas mit Natur.» Umweltschutz, Tierschutz, oder auch Entwicklungshilfe könnte sie sich vorstellen. Kreativität wäre auf jeden Fall auch heute ein zentrales Argument für ihre Berufswahl. STILLSTAND, WANDEL, NEUANFANG Das Haus in Marthalen, in dem Nicole Nydegger ihre Werkstatt führt, wird in diesem Jahr verkauft. Was aus der Werkstatt werden wird, ist noch unklar. Die Bildhauerin verschwendet nicht viel Zeit mit Traurigkeit, auch wenn sie jetzt schon weiss, dass sie nie wieder ein vergleichbares Atelier finden wird. «Ein Türchen geht zu, ein anderes auf» – Nicole Nydegger blickt mit Gottvertrauen und unerschütterlichem Optimismus voraus. Sie freut sich auf neue Herausforderungen, auf den Wandel, den der Umzug unweigerlich bringen wird. «In den letzten Jahren bin ich ein bisschen stehengeblieben», sagt sie. «Es ist Zeit für einen Neuanfang.» 10 02/17

Rubriktitel ARBEITEN MIT STEIN IM BILDHAUERATELIER NYDEGGER TRADITION UND MODERNE In Nicole Nydeggers Atelier vermischen sich Tradition und Moderne. Gefragt nach dem für sie wichtigsten Werkzeug, zögert sie keine Sekunde. Sie verschwindet im Nebenraum, kommt mit einer kleinen Handfräse wieder zurück. Man nenne sie den «Lucky Luke mit der Flex», sagt sie lachend. Nicole Nydegger benutzt die Flex nicht nur zum Schneiden. Sie formt mit ihr, setzt sie auch für feine Arbeiten ein. «Wo ich mit der Flex herankomme, wird geflext», sagt sie und deutet auf die grazilen Strukturen des Engelsflügels aus weissem Marmor. «Hauptsächlich mit der Flex gemacht.» Sie bewundert ihre Bildhauer-Kollegen, die bei der Arbeit mit dem Stein verfliessen, alles von Hand herausarbeiten. Dafür ist sie zu ungeduldig: «Ich kann nicht endlos lange an einem Stein herumhauen.» Viel benutztes Werkzeug in ihrem Atelier ist neben der Flex denn auch der Kompressor. Bearbeitung von Hand, um einem Stück den letzten Schliff zu geben, ist für sie dennoch ein Muss. An rein maschinellen Arbeiten in ihrer glatten Perfektheit fehlt ihr das Leben. Handarbeit lässt nicht nur die Handschrift des Bildhauers sichtbar werden, sie verleiht den Werken auch erst ihren Charakter. Abgesehen von ihrer schlafwandlerischen Sicherheit mit der Fräse habe sie keine speziellen Techniken. Sie sei aber sicher der mutige Typ: Sie haue eine Fläche ohne Zaudern und Zögern herunter, wo sich andere vorsichtig und behutsam durch den Stein arbeiten. Und in einer Hinsicht jedenfalls sei sie altmodisch, meint Nicole Nydegger: Ihre Skizzen entstehen nicht am Computer, sondern von Hand am grossen Zeichentisch. Für ihre Sujets geht sie zwar hin und wieder auch im Internet auf die Suche, statt wie früher in die Bibliothek, aber entworfen und fein säuberlich ausgearbeitet werden sowohl Motive wie Schriften mit Bleistift. Die Eigenschaften des ausgewählten Steins wie auch die Persönlichkeit des Verstorbenen fliessen in die Zeichnungen stets mit ein. SCHWEIZER STEIN Nicole Nydegger arbeitet hauptsächlich mit Schweizer Steinen. Nicht nur, weil sie deren Eigenschaften am besten kennt und zudem sicher sein kann, Material in guter Qualität zu erhalten. Sie schätzt auch die Schönheit der einheimischen Gesteine und ihre Vielseitigkeit, welche die unterschiedlichsten Bearbeitungsmethoden erlaubt. Aus jedem Stein kann etwas Anmutiges, Warmes geschaffen werden – die Bildhauerin hat keinerlei Bedürfnis nach Experimenten mit ausländischen Steinen. Einheimische Steine gefallen auch ihren Kunden am besten. Besonders die älteren Generationen haben Freude an einem Stein schweizerischer Herkunft, nicht nur in ihrer Eigenschaft als aufrechte Patrioten, sondern auch, weil sie den Stein mit Erinnerungen verknüpfen können – «Ah, der kommt vom Splügen, da waren wir früher öfters, mein Mann und ich». Die Gedenkstätte als Erinnerungsstätte. «DER BERUF DES STEINBILDHAUERS WIRD WEITERLEBEN» Das Grabmal in seiner Funktion als Gedenkstätte ist für viele Hinterbliebene von grosser Bedeutung. Für viele ist auch bereits der Prozess, der mit der Herstellung eines Grabsteins verbunden ist, ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Loslösung von einem geliebten Menschen. Trotz dem gegenwärtigen Trend zum Gemeinschaftsgrab oder zur Grablosigkeit hat Nicole Nydegger deshalb keine Angst um den Fortbestand ihres Kunsthandwerks: «Der Beruf des Steinbildhauers wird weiterleben». Links «Der Lucky Luke mit der Flex»: Nicole Nydegger arbeitet auch feine Strukturen wie Ähren mit der Fräse heraus. Kalkstein Cenya. Rechts: Am grossen Zeichentisch werden Schriften und Motive von Hand entworfen und ausgearbeitet. 02/17 11

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