Cruiser im Juni 2017

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Cruiser im Juni Früher sah man sie überall - mindestens in der Szene: Männer, die sich einfach mal in den Fummel geschmissen haben und Spass daran hatten, ohne gleich ein politisches Statement damit abgeben zu wollen. Daher fragen wir uns: Sag' mir, wo die Tunten sind! Und wenn wir schon bei "Männlichkeit" bzw. eben nicht bei dieser sind: Cruiser trumpft mit einem haarigen Special auf: Alles rund um den Bart!

cruiser

DAS

Juni 2017 CHF 7.50

GRÖSSTE

SCHWEIZER

GAY-MAGAZIN

Rückeroberung

der Männlichkeit?

Sag mir, wo die

Tunten sind!

Homo Wagner

Der schwule Siegfried

Trend Gesichtspelz

Auf den Bart gekommen

Gay Nursing

Die Engel in Pink


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9. –10. Juni

2017

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3

Editorial

Liebe Leser

Neulich verriet mir ein schwuler Freund etwas verschämt, dass sein Gay-Radar seit einiger Zeit

überhaupt nicht mehr funktioniere. Für ihn sähen heute Schwule genauso aus wie Heteros. Er war

sich nicht sicher, ob er das bedauern oder als Erfolg der schwulen Bewegung werten sollte. Der

Frage: «Wo sind die Tunten hin?» gehen wir daher gerne in der neuesten Cruiser-Ausgabe nach. Ob

hierfür auch der Trend, dass nun absolut jeder Mann eine möglichst üppige Gesichtsbehaarung tragen sollte, verantwortlich

ist, bleibt einmal dahingestellt. Aber auch diesem Thema widmen wir uns in dieser Ausgabe und hoffen damit auf spannende

Lesemomente.

Herzlich, Birgit Kawohl

Stellv. Chefredaktorin

inhalt

4 Thema Die Rückeroberung

der Männlichkeit

9 Kultur National & International

12 Reportage Gay Nursing

15 Kolumne Michi Rüegg

16 news National & International

18 Homo Wagner Der

schwule Siegfried

22 Kolumne Mirko!

23 Trend Auf den Bart gekommen

26 Fingerfertig Nihat kocht

27 Ikonen von Damals Frank Farian

30 Buchtipp Ein wenig Leben

32 Ratgeber Dr. Gay

33 Kolumne Peter Thommen

34 Flashback Cruiser vor 30 Jahren

impressum

CRUISER MAGAZIN PRINT

ISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269 (1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000)

Herausgeber & Verleger Haymo Empl, empl.media

Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch

Chefredaktor Haymo Empl | Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl

Bildredaktion Haymo Empl, Nicole Senn. Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber.

Art Direktion Nicole Senn | www.nicolesenn.ch

Agenturen SDA, DPA, Keystone

Autor_Innen Vinicio Albani, Anne Andresen, Yvonne Beck, Andreas Faessler,

Mirko, Moel Maphy, Michi Rüegg, Alain Sorel, Peter Thommen, Nihat.

Korrektorat | Lektorat Birgit Kawohl

Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch

Christina Kipshoven | Telefon +41 (0) 31 534 18 30

WEMF beglaubigte Auflage 11 539 Exemplare

Druck Druckerei Konstanz GmbH

Wasserloses Druckverfahren

REDAKTION UND VERLAGSADRESSE

Cruiser

Clausiusstrasse 42, 8006 Zürich

redaktion@cruisermagazin.ch

Telefon 044 586 00 44 (vormittags)

Haftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende

Angaben auf www.cruisermagazin.ch

Der nächste Cruiser erscheint am 7. Juli 2017

Wir vom Cruiser setzen auf eine grösstmögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität

sowie die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum Eingriffe

in die Formulierungen unserer Autor_Innen in Bezug auf diese Bereiche. Die von

den Schreibenden gewählten Bezeichnungen können daher zum Teil von herkömmlichen

Schreibweisen abweichen. Geschlechtspronomen werden entsprechend implizit eingesetzt,

der Oberbegriff Trans* beinhaltet die entsprechenden Bezeichnungen gemäss

Medienguide «Transgender Network Schweiz». Um es kurz zu machen: Im Cruiser

schreiben die Menschen als solche.

CRUISER juni 2017


4

Thema

Rückeroberung der Männlichkeit

Sag mir, wo die

Tunten sind

Irgendwie scheint es ganz so, also ob seit ca. 1986 die «Spezies» der Tunte

ausgestorben ist, denn früher sah man mehr Männer in Frauenkleidern.

CRUISER juni 2017


Thema

Rückeroberung der Männlichkeit

5

Von Michi Rüegg

V

or vielen Jahren lag ich an einem Hotelpool

in Thailand. In der Nähe meines

lauschigen Liegestuhls tummelte

sich eine französische Familie mit zwei

Teenagern, so 13, 14 Jahre alt. Der eine war

kräftig, mit breitem Gesicht und bestimmtem

Gang. Er rannte auf den Pool zu, sprang

in die Höhe und durchbrach die spiegelglatte

Wasseroberfläche mit einer mächtigen

Arschbombe. Der andere, feingliedrig mit

einem schmalen, hübschen Gesicht tänzelte

zum Beckenrand, dippte erst prüfend seinen

Zeh ins Wasser und stieg dann grazil über

die Treppenstufen hinein, die Arme in die

Höhe gestreckt. Meine Diagnose liess keinen

Raum für Zweifel: Ich hoffte, die Eltern

würden irgendwann darüber hinwegkommen,

dass sie nur von einem ihrer Söhne Enkelkinder

erwarten dürften.

Natürlich, es gibt auch tuntige Heteros.

Und klar existieren von Natur aus

sehr maskuline Schwule. Heterosexuelle

Balletttänzer sind ebenso wenig eine Seltenheit

wie schwule Fussballer. Es gibt

nichts, was es nicht gibt, fasste meine

Grossmutter das Universum gelegentlich

zusammen. Aber: Das Tuntige war und ist

schon immer Teil des Schwulen. Allerdings

muss man unterscheiden: Die traditionelle

Bedeutung von Tunte ist das Extrembeispiel

Heterosexuelle Balletttänzer

sind ebenso

wenig eine Seltenheit

wie schwule Fussballer.

des Schwulen – idealerweise in Frauenkleidung

–, der sich affektiert und weiblich benimmt.

Tuntig ist alles, was mehr oder weniger

stark in diese Richtung zielt – wobei

auch Frauen tuntig sein können. Nämlich

dann, wenn ihr Benehmen über das natürlich

Weibliche hinausragt, sie also quasi

künstlich über-weiblich werden. Schön,

dass wir das geklärt hätten. Jetzt können

wir uns nämlich der Frage widmen, warum

Tunten heutzutage dermassen unbeliebt

sind – und wieso sie möglicherweise vom

Aussterben bedroht sind. Denn «Tunten

zwecklos», «Keine TT», «straight acting

only» sind auf Datingportalen mittlerweile

zum Standard geworden.

«In der Heterowelt findet mich keiner

tuntig», gab Harald Glööckler mal gegenüber

der Hamburger Morgenpost zu Protokoll.

Genau. Glööckler. Der deutsche Modeschöpfer

mit eigener Tapeten-Linie, der

aussieht wie eine angejahrte, vielfach aufgespritzte

Pornodarstellerin nach einer Geschlechts-OP.

Er sei, wenn schon, exaltiert.

«Der Unterschied: Jemand ist exaltiert, wenn

er zum Beispiel grosse Ringe trägt. Tuntig ist

jemand, der ‹ooh› kreischt. Das mache ich ja

nicht.» Klar, dass heutzutage viele von uns

aussehen wollen wie die Jungs im Abercrombie-Katalog.

Aber was ist das für eine Welt,

in der nicht mal die Tunten wie Glööckler

dazu stehen, Tunten zu sein? ➔

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CRUISER juni 2017


6

Thema

Rückeroberung der Männlichkeit

Legendär: Am Schlossball warf man sich

jeweils gerne in den Fummel.

Weniger legendär, dafür spektakulär: Modedesigner Harald Glööckler sieht sich selbst nicht

als «Tunte», sondern als Gesamtkunstwerk.

Es ist die Natur

«Als ich begann, mich zu äussern, sprechen

zu lernen, geriet meine Stimme spontan in

feminine Lagen, deutlich heller als die der

anderen Jungen. Jedes Mal, wenn ich etwas

sagte, flatterten meine Hände, sie verdrehten

sich und peitschten durch die Luft.» Mit diesen

Worten beschreibt der junge französische

Schriftsteller Edouard Louis sich selbst

als Junge im autobiografischen Buch «Das

Ende von Eddy». Darin nimmt er Abschied

von seinem früheren Ich, Eddy Bellegueule

und dessen Kindheit während der Nullerjahre

im desolaten Nordosten von Frankreich.

«Meine Eltern nannten das Getue, sie

sagten: Lass doch das Getue. Sie wunderten

sich: Warum benimmt sich Eddy wie eine

Tussi. (…) Sie dachten, es sei meine Entscheidung,

dass ich mich so benahm, als wäre das

eine Ästhetik, die ich kultiviere, um sie zu

ärgern.» Doch Edouard Louis lässt keinen

Zweifel daran, dass sein tuntiges Gehabe als

Kind nicht selbstgewählt, sondern fremdbestimmt

war. Gut möglich, dass er auch «ooh»

gekreischt hat.

Von Nordfrankreich über den grossen

Teich in die Great Plains der USA: Bei Indianerstämmen

der nordamerikanischen

Prärie gab es schon immer neben Männern

CRUISER juni 2017

und Frauen ein weiteres Geschlecht, die

von «von zwei Geistern Beseelten». In einer

Gesellschaft, in der Mann gefälligst Krieger

wird, trugen diese Männer Frauenkleidung,

kochten, halfen bei der Kindererziehung

mit und galten auch bei religiösen Ritualen

als Frauen. Ihr Gegenpart waren Frauen,

die Männerkleidung trugen und auf das

Kriegsbeil schwangen. Nicht nur waren

Männer in Frauenrollen bei vielen Stämmen

mit klassischer Rollenverteilung akzeptiert,

man sah sie auch eindeutig in der

vordefinierten Rolle des anderen Geschlechts.

Ob sie allenfalls «ooh» gekreischt

haben, ist nicht überliefert.

Die Fixierung auf männliche

und weibliche Rollenbilder

ist nicht gerade eine

fortschrittliche Sichtweise.

Eine Gesellschaft, die schwule Männer

als eine Art von Frauen akzeptiert, mag

noch nicht der Weisheit letzter Schluss

sein, sie wirkt aber zweifellos sympathischer

als eine frühneuzeitliche europäische,

die «Sodomisten» tötete. Gleichwohl

werden die Vertreterinnen und Vertreter

der moderne Genderwissenschaft ob des

indianischen Modells die Köpfe schütteln.

Die Fixierung auf männliche und weibliche

Rollenbilder ist nicht gerade eine fortschrittliche

Sichtweise – doch solange die

Stellen von Coiffeuren, Flight Attendants,

Krankenpflegern sowie des gesamten Vatikans

zu einem recht üppigen Teil von

Schwulen besetzt sind, kann es nicht

kreuzfalsch sein, in Kategorien zu denken.

Suchen wir also nach der Tunte. Und der

Antwort auf die Frage, wieso sie möglicherweise

vom Aussterben bedroht ist.

Tuntenstolz im letzten Jahrhundert

Samuel C. Zinsli ist Mitte 40, Altertumswissenschaftler

und hat sich auch mit Gender-Studies

befasst. Manchmal schlüpft er

in die Rolle der welkenden deutschen

Schriftstellerin Kamilla von Arx. Der ehemalige

Präsident der Schwulengruppe der

Universität Zürich findet, dass «seine Generation»

in den Neunzigern viel unverkrampfter

mit Tuntigkeit umgegangen sei.

Den einst negativen Begriff Tunte habe man


Thema

Rückeroberung der Männlichkeit

7

als bewusste Selbstbezeichnung adoptiert

und damit seine negative Besetzung negiert:

«Der ist eine Tunte, hiess einfach, der ist

schwul, mehr nicht.» Die Begriffe seien als

Synonyme verwendet worden. «Das Auffällige,

Schrille, Unkonventionelle ist auch benutzt

worden, um Aufmerksamkeit zu erregen

– schockier die Normalos!», so Zinsli.

Um die Jahrtausendwende habe der Trend

eine Kehrtwende gemacht. Man musste

nicht mehr auffallen, sondern hatte im Gegenteil

normal zu sein. Es kamen Partnerschaftsgesetze,

die bürgerliche Zweierkiste.

«Heutzutage fragen junge Schwule manchmal

schüchtern, ob Tunte nicht ein Schimpfwort

sei», wundert sich Zinsli.

Schaut man sich alte Fotos von Schwulenbällen

an, scheint der Mann in Frauenkleidern

durchaus stärker verbreitet gewesen

zu sein als heute. In der Überschreitung

der Konventionsgrenzen schien der Reiz

der Übung zu liegen. Schwer vorstellbar,

dass man an den Schwulenbällen vor Jahrzehnten

die Tunten wie heute mit verachtenden

Blicken strafte – viel eher hat

Kinder merken oft schon

vor der Pubertät, dass

sie anders sind als ihre

Altersgenossen.

man sie verehrt. Dabei gilt es zu bedenken,

dass das, was wir als typisch männliches

Äusseres ansehen, nicht immer der Standard

war. An der Paradeuniform des Mannes,

Anzug und Krawatte, hat auch Beau

Brummel eine gewisse Mitschuld. Die 1778

geborene britische Stilikone, ein Freund des

späteren Königs George IV., verhalf der

Krawatte zum Durchbruch und prägte den

Dandy-Look wie kein zweiter. Ein alter

BBC-Fernsehfilm bringt das Absurde auf

den Punkt: Brummel verlässt das Haus makellos

gekleidet in Hosen, einem Gehrock,

mit mittelkurz geschnittenem Haar. Dabei

wird er angefeindet von traditionell gekleideten

Männern der Oberschicht, die ihre

Gesichter weiss schminken, gepuderte

Perücken tragen, Rüschen, und deren

Strümpfe wie Leggins vom Schuh bis zum

Knie reichen, gefolgt von Pluderhosen.

Beau Brummels Look, dem wir heute eher

das Männliche zuschreiben, muss seinerzeit

als tuntig gegolten haben.

Zurück von Äusserlichkeiten zum Wesen,

also zu Edourd Louis’ fliegenden Händen:

Dass viele Schwule zu einem gewissen

Grad tuntig seien, sieht Samuel C. Zinsli im

Identitätsfindungsprozess begründet. Tatsächlich

merken Kinder oft schon vor der Pubertät,

dass sie anders sind als ihre Altersgenossen.

«Beim Zusammenbasteln des Ichs

merkt man, dass die Standardmodelle von

‹Mann› nicht zu einem passen. Also sucht man

nach anderen Rollenvorbildern», so Zinsli.

Und das können eben auch starke Frauen sein,

die auf viele Schwule eine grössere Faszination

ausüben als auf Heteros – vermutlich auch,

weil sie Frauen nicht in erster Linie als zu

erobernde sexuelle Objekte sehen. ➔

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CRUISER juni 2017


8

Thema

Rückeroberung der Männlichkeit

Die Frage, ob tuntiges Verhalten natürlich

oder gelernt ist, kann an dieser Stelle

wohl genauso wenig schlüssig beantwortet

werden, wie diejenige, ob Homosexualität

angeboren ist oder eine Folge der psychischen

Entwicklung. Vieles spricht jedoch

dafür, dass ein Verhalten zu einem gewichtigen

Teil in der Entwicklung entsteht. Der

Spiess lässt sich mühelos umdrehen: Männliche

Kinder lernen das Männlichsein von

ihren männlichen Vorbildern. Es wird ihnen

als Ideal vorgelebt. Je rauer die Sitten, je

ländlicher die Umgebung, desto archetypischer

ist das Männerbild, dem auch die Heterobuben

nachzueifern suchen. Unter diesem

Gesichtspunkt betrachtet, ist die neue

Männlichkeit, die in schwulen Kreisen um

sich greift, auch eine Aufgabe unserer gewachsenen

Kultur, die den Schwulen ausserhalb

der traditionellen Geschlechterrollen

ansiedelte. Oder wie es ein Ex von mir ausdrückte:

«Ich bin kein Mann. Ich bin so etwas

Ähnliches wie ein Mann.»

Andererseits ist die Rückeroberung des

Männlichen durch den Schwulen auch eine

Erfolgsgeschichte: Ich darf heute ein Mann

sein, selbst wenn ich im Bett zuweilen eine

andere Rolle spiele. Doch bevor wir voreilige

Schlüsse ziehen, müssen wir ein Schlüsselereignis

der modernen Schwulengeschichte in

unsere Überlegungen mit einbeziehen.

Aids killed the Queens

Neulich war der schwule Kulturwissenschaftler

Peter Rehberg im Rahmen des Pink

Apple-Filmfestivals in Zürich und sprach

über das Männerbild im schwulen Porno.

Dabei kam er auf die Bedeutung von Aids zu

sprechen. Als sich das HI-Virus in den Achtzigern

in der Szene verbreitete und etliche

von uns viel zu früh in den Tod schickte, gab

es eine Gegenreaktion: Die Schwulen im

Porno waren plötzlich noch muskulöser,

noch praller, braungebrannt und so gesund

aussehend frisch gepflückte Äpfel. Dieses

Bild stand in starkem Kontrast zum ausgemergelten

aidskranken Haut-und-Knochen-

Schwulen, das sich in den Köpfen der angewiderten

Öffentlichkeit festgesetzt hatte.

In dieses Muster passt auch, dass die

Tunte als Archetyp der schwulen Welt plötzlich

einen schweren Stand hatte. Hat man sich

damals in Zeiten von Aids und der Angst vor

Ansteckungen wirklich im Tram neben den

hageren, feminin wirkenden Mann setzen

wollen, dem mit dem auffälligen Kurzhaarschnitt

und den blonden Spitzen? Der tuntige

Schwule, seit jeher ein Feind der körperlichen

Ertüchtigung, brachte die physischen Voraussetzungen

mit, um dem Stereotypen des verseuchten

Homosexuellen zu genügen. Der

starke Mann hingegen sah doch gesund aus

und fiel nicht weiter auf. Zugegeben, das ist

eine These, der man zahlreiche Argumente

entgegenhalten kann. Unter anderem, dass

tuntige Schwule in der Öffentlichkeit immer

einen schweren Stand hatten, auch vor

der Aids-Epidemie. Aber das unterschwellige

Gefühl «bei dem kann man sich anstecken,

der ist schwul», dürfte der Straight-

Acting-Fraktion in den Achtzigern und

Neunzigern sicher einen gewissen Zulauf

beschert haben. Dass die Pornomänner der

Neunziger zwar Muskeln, aber keine Körperhaare

hatten, dürfte hingegen einem generellen

Männerbild geschuldet gewesen

sein. Körper wurden während knapp zwei

Jahrzehnten glattrasiert. Haare dürfen erst

seit kurzem wieder spriessen. Und auch

nicht überall.

Der Schwule darf wieder

Mann sein und wird selbst

von vielen Heteromännern

als Vertreter des eigenen

Geschlechts akzeptiert.

Was also hat die Tunte an den Rand der

schwulen Gesellschaft gedrängt? Im Wesentlichen

sind es zwei Faktoren: Der Schwule

darf wieder Mann sein und wird selbst von

vielen Heteromännern als Vertreter des eigenen

Geschlechts akzeptiert. Das ist die eine

Seite der Medaille. Die andere ist die, dass

Homosexualität homogener wird. Die im

Symbol des Regenbogens ausgedrückte Vielfalt

hat an Bedeutung verloren. Das vormals

vorhandene Denken, dass der Schwule zwar

Mann ist, aber die Brücke zum Weiblichen

bildet, verschwindet zunehmend.

Doch keine Aktion ohne Reaktion.

Auf das Verschwinden der Tunten scheint

es eine Antwort zu geben: Da und dort tauchen

junge Männer und junge Frauen auf,

die sich in ihrem Look nur geringfügig unterscheiden.

Merkmale sind: mittellanges

Haar, häufig gefärbt, lackierte Nägel, ausladende,

lange T-Shirts, Leggins, Piercings

und dergleichen, mit einer Prise Emo. Ein

androgyner Typ, der sich nicht an bestehenden

Geschlechterrollen orientiert, sondern

irgendwo im Limbo zwischen Frau

und Mann das Licht der Welt erblickt hat.

Sollte also tatsächlich der Tunte letztes

Stündchen geschlagen haben, besteht immerhin

die Hoffnung, dass sich so etwas

wie eine halbwegs würdige Nachfolge finden

lässt. Auch wenn diese Jungs vielleicht

etwas weniger schrill «ooh» kreischen.

CRUISER juni 2017


Kultur

National & International

9

KULTUR

40 Jahre Dallas! Linda Gray kommt mit einem neuen Buch

Die weltbekannte Schauspielern Linda Gray

feierte ihren 75. Geburtstag mit ihrer Bestseller-Biographie

– eine Lebensreise voller Spannung

und mit vielen berührenden Momenten.

Bis heute ist die erfolgreiche Schauspielerin

und Mutter von zwei Kindern in Hollywood

in der Film- und Theaterbranche tätig und arbeitet

noch als Model.

Mit ihrer Rolle als Sue Ellen in der

Kultserie «Dallas», die weltweit ein jahrzehntelanger

Strassenfeger war, erlangte sie

Weltberühmtheit; aber ihr Leben nach «Dallas»

war mindestens genauso spannend wie

die Kultserie, die 2009 ein Revival mit den

Original-Schauspielern erlebte und erst mit

dem Tod von Larry Hagman, alias J. R.

Ewing, im Jahr 2014 ein Ende fand.

Im Vorwort schreibt Linda Gray:

«Mein Leben war erfüllt. Ich habe viel gelernt.

Ich habe geliebt und bin geliebt worden.

Ich weiss sowohl das Geben wie das

Empfangen zu schätzen. Mein Ziel mit diesem

Buch ist es, Geschichten aus meinem

Leben zu erzählen, über Geben und Nehmen

und über das, was ich daraus gelernt habe.

Einige der Lektionen in meinem Leben waren

hart, aber aus jeder bin ich mit weniger

Angst herausgegangen. Ich gehe davon aus,

dass die Lektionen weitergehen. Die Straße

zum Glück und zur Weisheit ist ständig ‹under

construction›. Es war meine Lebensaufgabe,

furchtlos und authentisch zu sein. Es

gibt drei Worte, auf die ich mich konzentrieren

möchte: Zeit, Liebe und Geben. Sie sind

mein Kompass. Sie definieren, wer ich bin

und wohin ich gehe.» (Red. / MM)

Linda Gray

Sue Ellen und ICH

Giger Verlag

CHF 28.90

ISBN 978-3-906872-09-4

Musical-Erfolg EVITA nun auch in Basel

Der beispiellose Werdegang der argentinischen

Präsidenten-Gattin Eva Perón inspirierte

Andrew Lloyd Webber und Tim Rice

in den siebziger Jahren zu ihrem Musical-Erfolg

«Evita». Das Werk, das heute zu den bekanntesten

der Musical-Geschichte zählt,

begeistert neben seiner mitreissenden Handlung

durch Webbers unnachahmliche Kompositionen,

allen voran die Ballade «Don’t

Cry for Me Argentina», einer der wohl grössten

Musical-Hits aller Zeiten, wird doch eine

reale Aschenputtel-Geschichte erzählt.

Als dann schliesslich seinerzeit Madonna

für die Filmadaption als Evita zusagte,

eroberte der Soundtrack die Herzen der

Gays und stürmte die Hitparaden. Evita

kommt nun nach einem sehr erfolgreichen

Zwischenstopp in Zürich nach Basel. Vom

11. Juli bis 16. Juli im Musical Theater Basel.

www.musical.ch/evita (Red. / MM)

CRUISER juni 2017


10

Kultur

National & International

«Ich wäre gerne wieder ein Desperate Housewive»

Schauspielerin Eva Longoria («The Sentinel»)

würde gern wieder in die Rolle der

Gaby Solis aus der TV-Serie «Desperate

Housewives» schlüpfen. «Ich vermisse sie!

Ich vermisse ihre Haut und ich vermisse es,

in ihrer Haut zu stecken», sagte die 42-Jährige

dem Magazin «Entertainment Tonight».

Wenn Autor und Produzent Marc Cherry

die Serie fortsetzen würde, würde sie sofort

unterschreiben, sagte die Schauspielerin.

«Ich liebe die Show und ich liebe die Magie,

die wir hatten.» Und – das ist kein Geheimnis:

Die Gays liebten die Serie ebenfalls und

Eva Longoria erspielte sich einen besonderen

Platz in den Schwulenherzen!

Longoria spielte als Gärtner verführende,

verzweifelte Hausfrau Gabrielle Solis von

2004 bis 2012 in der Erfolgsserie mit. Die

Rolle brachte der Texanerin den weltweiten

Durchbruch. Aktuell ist sie in der TV-Serie

«Decline and Fall», einer Adaption des Romans

«Verfall und Untergang» des britischen

Schriftstellers Evelyn Waugh, als Margot

Beste-Chetwynde zu sehen. (DPA / Red.)

Uuuuund der LGTB Forschungspreis 2017 geht an …

CRUISER juni 2017

Das IQS (Institute of Queer Studies) ist ein

Projekt zur Förderung und Bekanntmachung

von wissenschaftlichen Arbeiten und

Erkenntnissen zu LGBTI-Themen sowie

zum wissenschaftlichen Austausch und der

interdisziplinären Vernetzung von Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern in diesen

Bereichen. Das IQS startete 2014 mit

wissenschaftlichen Veranstaltungen, die einem

breiteren Publikum einen Einblick in

die Lehre und Forschung von LGBTI-

Themen geben sollen. Soweit, so gut. Cruiser

war dieses Mal dabei und empfiehlt die «Forschungsnacht»

weiter: Acht Referentinnen

und Referenten präsentierten an der Uni

Zürich jeweils in 10 Minuten ihre aktuellen

wissenschaftlichen LGBTI- Projekt- und

Forschungsarbeiten. Die Fragen und Diskussionen

im Anschluss an die Referate

ermöglichten einen interessanten und

unterhaltsamen Austausch zwischen der

Wissenschaft und dem Publikum. Nach

diesen Präsentationen der Nominierten

entscheidet jeweils das Publikum und eine

Jury aufgrund dieser Präsentationen; zu

gewinnen gibt es den «Network LGBTI-

Forschungspreis» im Wert von CHF 500.–.

Dieses Jahr wurde das Referat «Ich bin

trans* und muss aufs WC!» – Wie positionieren

sich der Kanton Solothurn und die

Kantonsschule Olten in der Genderdebatte

zum Thema «Unisextoiletten» von Sascha

Rijkeboer ausgezeichnet. Die Präsentation

war klug, spannend, informativ und sehr

mutig. Damit hat sich die / der junge Trans*-

mensch – er / sie schliesst gerade die Matura

ab – gegen etablierte und wesentlich ältere

Fachleute (auch Professoren) durchgesetzt.

Kommende Veranstaltungen finden nach der

Sommerpause statt, das Programm stand bei

Redaktionsschluss noch nicht fest. Infos dann

auf www.queerstudies.ch (HE / Red.)


XXX

XXX

11

SO WIE ANDERE ÜBER IHR LEBEN SPRECHEN, ERZÄHLE ICH VON MEINEM - OHNE FAKTEN

VORTÄUSCHEN ODER ZWEIMAL ÜBERLEGEN ZU MÜSSEN

Jean-Jacques Ries, Kaderarzt Gynäkologie und Geburtshilfe, Universitätsspital Basel

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CRUISER juni 2017


12

Reportage

Gay Nursing

Keine

Berührungsängste

Schwulsein im Alter? Und dann noch HIV-positiv? Christoph Bucher

und François Fauchs kennen sich damit aus. Die beiden Pfleger

betreuen seit über zehn Jahren als Spitex LGBTI-Patienten.

CRUISER juni 2017

Von Tobias Urech*

W

er jung und schwul ist, scheint ein

breites, perfekt zugeschnittenes

Angebot vorzufinden: Partys,

Clubs, die Pride … Doch vom Alter spricht

kaum jemand. Nicht nur, dass Alter generell

ein gesellschaftliches Tabuthema ist –

besonders ältere homosexuelle Menschen

sind praktisch unsichtbar. Haben sie zuvor

ein relativ offen schwules oder lesbisches

Leben gelebt, sind sie in Altersheimen

oder im Austausch mit Pflegern und Pflegerinnen

plötzlich wieder mit Homophobie

oder Unverständnis konfrontiert.

Dieses Problem erkannten Christoph

Bucher und François Fauchs bereits 2005. Die

zwei Pflegefachmänner machten sich damals

selbstständig mit einem eigenen Spitex-Dienst,

der sich auf «Gay Nursing» spezialisierte –

also Pflege für Lesben und Schwule.

Ich treffe die beiden an ihrem freien

Tag im Ambulatorium nahe des Goldbrunnenplatzes

in Zürich Wiedikon zu einem

Gespräch. «Eigentlich wären wir jetzt noch

im Tessin», meint Fauchs. «Wir haben dort

eine Wohnung. Diesen Ausgleich nehmen

wir uns eben jedes Wochenende. Wegen der

Psychohygiene.» Die beiden sind nämlich

auf psychiatrische Pflege spezialisiert – so

etwas zehrt an den Nerven.

Angesprochen auf die aktuelle Lage

von alten Schwulen meint Fauchs: «Alte

Menschen gibt es nicht bei den Schwulen.

Die werden von der Szene abserviert.» Besonders

in den gängigen Schwulenmagazinen

sehe man ja nur junge, muskulöse Männer.

Und an Partys gehe man mit einem

bestimmten Alter halt auch nicht mehr, ergänzt

Christoph.


Reportage

Gay Nursing

13

HIV im Alter

Doch wie sieht es mit der Situation HIVpositiver

Menschen aus? «Vor zehn Jahren

betreuten wir einige sterbende Aids-Patienten.

Die waren aber nicht alle schwul. Viele

waren auch Drogenabhängige, die sich in

diesem Kontext mit HIV angesteckt hatten.»

Heute sehe es allerdings anders aus:

«HIV-positive Menschen sterben nicht mehr

oder nur noch ganz selten an Aids, weil die

neuen Medikamente gut wirken und die

Krankheit unter Kontrolle gehalten wird»,

erklärt Fauchs. Dafür kommen andere

Herausforderungen auf die beiden zu. Ein

unterschätztes Problem sei zum Beispiel der

Alkoholkonsum, erzählen sie. Viele ältere

Schwule hätten die meiste Zeit ihres Lebens

rauchend in einer Szenebar verbracht. Dass

das nicht spurlos an einem vorbeigeht, merke

man dann spätestens im Alter. Allerdings

sei Altersalkoholismus ein Problem, das

durchaus auch Heterosexuelle betreffe.

«Manchmal werden die HIV-positiven

Schwulen im Alter auch ausgenützt», sagt

Fauchs. So erzählen sie vom Patienten Rolf

(alle Name von der Cruiserredaktion geändert),

der von Zeit zu Zeit Stricher aus Osteuropa

zu sich einlädt, die er im Internet kennengelernt

hat. Diese nutzen ihn dann aus, indem sie

«Manchmal werden die

HIV-positiven Schwulen im

Alter auch ausgenützt.»

extra Geld verlangen, weil er HIV-positiv ist.

«Ohne zusätzlich zu zahlen, würden die Stricher

ihn niemals anfassen – auch weil sie nicht

wissen, wie sich HIV überträgt. Rolf hat deswegen

auch massive Geldprobleme.» Es gebe

halt viele Brandherde bei den Patienten und

Patientinnen, sind sich die beiden einig. Das

sei typisch für ihre Arbeit. «Trotzdem bin ich

heute noch begeistert von meiner Arbeit. Sie

bietet einen breiten Einblick in das Leben unserer

Patienten», betont Bucher.

Hoi, du Zwätschge!»

Bucher und Fauchs pflegen sowohl schwule

Patienten als auch heterosexuelle Patienten

und Patientinnen. Es fragt sich, was nun das

«Gay Nursing» von normaler Spitex-Pflege

unterscheidet. «Das ‹Gay Nursing› hat mit

einer gewissen schwulen Kultur zu tun», erklärt

Fauchs. Als Beispiel erwähnt er den

über achtzigjährigen Peter. Er liess sich zunächst

von einer normalen Spitex-Pflegerin

pflegen und fühlte sich unwohl. «Weil er sich

verstecken musste.» So bemühte er sich,

mit der Pflegerin über betont männliche

Themen – über Fussball und Ähnliches – zu

reden. Nun, wo er Fauchs als Pfleger hat,

kann Peter seine schwule Identität, die ihn

durch das Leben begleitete, wieder zeigen.

Zur Begrüssung steht er jeweils schon an der

Tür und empfängt François mit einem

neckischen «Hoi, du Zwätschge!». Sowieso

seien sie mit allen schwulen Patienten gleich

per Du. Es gibt so etwas wie eine automatische

Verbundenheit.

Ein anderer Patient habe einen Partner

mit einem Latexfetisch. Da sei eine junge ➔

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CRUISER juni 2017


14

Reportage

Gay Nursing

Die Pfleger Christoph Bucher und François Fauchs haben sich auf «Gay-Nursing» spezialisiert und betreuen viele ältere Schwule.

©Bilder: Marilyn-Manser

Pflegerin schnell mal überfordert, wenn sie

in der Wohnung auf die aufgehängten Latexkleider

trifft, sind sich die beiden einig. Für

sie als Gay Nurses hingegen stelle das kein

ungewohntes Bild dar, sie sind offener und

sich dieses Themas bewusst. Wieder ein anderer

Patient sei süchtig nach Pornos. «In

der ganzen Wohnung hängen Bilder von

nackten Männern und am Fernseher laufen

die ganze Zeit Pornos. Unser Patient zeichnet

auch ununterbrochen Penisse. Das hat

schon fast etwas Manisches. Eine andere

Pflegeperson hätte wahrscheinlich eher

Mühe damit.»

Mehr Ausbildung, mehr Institutionen

Die beiden «Gay Nurses» sind sich einig,

dass in der Ausbildung von jungen Pflegern

und Pflegerinnen zu wenig auf das Thema

Homosexualität im Alter fokussiert werde.

«Zwar wird es mittlerweile nicht mehr totgeschwiegen

wie zu meiner Zeit in der Ausbildung»,

sagt François, «aber nach wie vor ist

Homosexualität ein Tabu.» Als Fauchs noch

in Ausbildung war, habe einer seiner Ausbilder

gar noch darauf bestanden, Homosexualität

als Krankheit zu bezeichnen. «Ich

war damals schon offen schwul und habe

mich geweigert, zur Prüfung über diesen

CRUISER juni 2017

Stoff anzutreten.» Zum Glück hat sich seither

einiges verändert; Fauchs ist heute selbst

Ausbildner. Er wurde auch schon von einem

Altersheim für einen Input angefragt nach

einem Zwischenfall mit einer Pflegerin, die

von der offenen Homosexualität eines Bewohners

überfordert war. Fauchs stört sich

daran, dass die Altersheime und Spitäler erst

auf ihn zukommen, wenn es Probleme gibt.

«Das muss vorher passieren!»

Doch natürlich gibt es auch vorbildliche Altersheime

und Spitäler, die sich des Themas

schon von vornherein bewusst sind. So weisen

die Stadtspitäler explizit aufs «Gay Nursing»

hin. Trotzdem mangelt es an Institutionen.

«Es bräuchte so etwas wie ein

Tagesheim für alte Homosexuelle», findet

Bucher.

Wie lange es das «Gay Nursing» am

Goldbrunnenplatz allerdings noch gibt, ist

unklar. Fauchs wird nämlich bald pensioniert.

Wie es dann weitergeht, ist noch ungewiss.

Und von einem queeren Altersheim,

wie es sie beispielsweise in den Niederlanden

gibt, kann man in der Schweiz momentan

nur träumen. Immerhin gibt es mit dem

Verein «queerAltern» Bestrebungen, ein solches

Heim zu verwirklichen.

Ob die beiden vielleicht dereinst nach

ihrer Pensionierung in diesem Heim einen

Platz finden …? – Noch ist es aber nicht so

weit und man trifft Christoph Bucher und

François Fauchs auf ihren Pflegebesuchen in

der Stadt Zürich und der Umgebung an –

Ersteren auf seinem Velo, Letzteren im pinken

«Gay Nursing»-Mobil.

*Dieser Artikel ist zuerst in den «Swiss Aids News» erschienen.

Service

Die Spitex Goldbrunnen ist auf «Gay Nursing»

spezialisiert. Die beiden Pfleger Christoph

Bucher und François Fauchs, beides diplomierte

Pflegefachleute, betreuen über vierzig

Patienten in und um Zürich.

Telefonisch Auskunft geben die beiden Montag

bis Freitag von 8.00 bis 12.00 Uhr und

von13.30 bis 17.00 Uhr.

Spitex Goldbrunnen Gay Nursing

Rotachstrasse 31

8003 Zürich Wiedikon

044 462 03 64

info@gaynursing.com

www.gaynursing.com


KOLUMNE

MICHI RÜEGG

15

Wie die Landwirtschaft von uns

gelernt hat

Heutzutage bringt vor allem die digitale Welt Innovationen

hervor. Aber auch der Ur-Wirtschaftssektor

kann was, vor allem, wenn er bei uns Schwulen

abschaut, wie Michi Rüegg herausgefunden hat.

VON Michi Rüegg

D

er Spargel ist eines der vielen phallischen

Erzeugnisse, mit denen die

Natur nicht nur unseren Gaumen

bezirzt, sondern auch unsere Fantasie anregt.

Er besitzt zudem ein paar Eigenschaften,

die ihn noch phallischer machen als

anderes Gemüse. So wächst er ausgerechnet

im Frühling, von den ersten Sonnenstrahlen

gekitzelt, wie eine Eins aus dem Boden

und wer ihn will, muss ein Stecher sein.

Schon die Comedian Harmonists sangen in

ihrem Lied Veronika, der Lenz ist da folgende

Zeile: «Die ganze Welt ist wie verhext,

Veronika, der Spargel wächst.» Es ist anzunehmen,

dass die implizierte Begeisterung

über das Wachstum des Halbstrauchs nicht

bloss kulinarischen Ursprungs war. Veronikas

potentielle Kochkünste wären wohl eher

nach einer allfälligen Heirat gefragt, bestimmt

nicht während der Flirtphase.

Neulich waren meine Veronika und

ich auf einem Spargelhof zu Gast. Während

ich mich der lokalen Ausgabe eines leichtfüssigen

Riesling-Silvaners hingab, liess

sich Veronika, die eigentlich anders heisst

und ein Er ist, vom Hofbesitzer in die Geheimnisse

des Spargelanbaus einführen.

Mit Abstand das Mühsamste an der Übung

ist die Ernte, weswegen dafür hochbezahlte

Fachkräfte aus Osteuropa zum Einsatz gelangen.

Sind die weissen Dinger allerdings

erst mal aus dem Erdreich gezerrt, geht vieles

automatisch.

Besonders Eindruck gemacht hat meinem

Veronikus die computergesteuerte Sortiermaschine.

Sie ist in der Lage, jeden Spargel

nach Grösse, Gewicht und Qualität zu

messen und entsprechend zu sortieren. Die

dicken, teuren, gehen in die Globus-Kiste.

Die mittlerer Qualität zu anderen Supermärkten

und die krummen, dürren wandern

sonstwohin, im schlimmsten Fall endet

ein Spargel als Tierfutter. 1,9 Tonnen laufen

an Spitzentagen durch die Sortiermaschine.

Gay-Dating-Apps sollten

neben der Grösse und

Schnittvariante der Penisse

auch die Parameter Dicke

und Krümmung aufnehmen.

Ich brauche an dieser Stelle wohl nicht

nochmal auf die Parallelen zum echten

Phallus hinzuweisen. Erstaunlich finde ich,

dass mit dieser Sortieranlage ein virtuelles

Konzept von schwulen Datingsites in die

Landwirtschaft übernommen worden ist.

So lässt sich etwa auf Gayromeo einstellen,

wie gross denn der gesuchte menschliche

Spargel zu sein hat und wie er denn geschnitten

sein soll.

Das Beispiel zeigt, dass digitale Innovationen

durchaus im Stande sind, auch mal

ihren Weg zurück in die analoge Welt zu finden.

Es ist anzunehmen, dass der Erfinder

dieser Sortieranlage beim Versuch, sie zu erfinden,

irgendwann frustriert auf eine Dating-

App geswitcht ist. Dort fand er vielleicht

nicht den ersehnten Romeo, wohl aber die

nötige Erleuchtung.

Interessanterweise verbessern sich Innovationen

mitunter, wenn sie hin- und

herwechseln. Es ist nun an den Gay-

Dating-Apps, neben der Grösse und

Schnittvariante der Penisse auch die Dicke

und Krümmung als Parameter aufzunehmen.

Dadurch kann der Verbraucher unter

der dargebotenen Ware noch besser nach

seinen Bedürfnissen auswählen. Und die

kümmerlichen werden natürlich auch hier

automatisch aussortiert. Das erspart lästige

Nachrichten von Chancenlosen.

Hat diese Innovation ihren Weg dereinst

zurück in die digitale Welt gefunden,

ist es wieder an der Landwirtschaft, den

nächsten Schritt zu tun. Etwa, indem sie die

lästige Beschränkung auf eine so genannte

«Saison» endlich über Bord wirft und Spargeln

wie Penisse während 24 Stunden und an

365 Tagen im Jahr spriessen lässt.

Und im Namen aller Freunde des Natursekts

lade ich die Spargelanbauinnovatoren

herzlich ein, sich im selben Arbeitsgang

doch der Frage des penetranten

Geruchs anzunehmen, den die spitzen Spitzen

bei Klogängen nach dem Verzehr verströmen.

In diese Kategorie fällt wohl auch

ein Newsletter von Globus, der heute in

meinem Postfach lag: Am schmackhaftesten,

so das Warenhaus, seien Spargeln,

wenn sie im eigenen Saft gegart worden seien.

Bon appetit.

CRUISER juni 2017


16

News

National & International

NEWS

Schwules Pärchen von Luzerner Polizisten zu hart rangenommen

CRUISER juni 2017

Ja, dieser Titel jetzt. Ist uns auch erst in der

Korrekturrunde aufgefallen. Item: Hier

kommt nun die eigentlich «News»:

Ein schwules Pärchen ist bei einer Kontrolle

in Luzern von Polizisten unfair behandelt

worden. Das Bundesgericht hat eine Beschwerde

der beiden teils gutgeheissen. Einer

der Männer habe sich unnötigerweise auf dem

Polizeiposten nackt ausziehen müssen. Zudem

sei er unfreundlich geduzt worden. Das Urteil

des Bundesgerichts kommt zum Schluss, dass

die Leibesvisitation sowie das Duzen durch einen

Polizeiangestellten widerrechtlich waren.

Die beiden Männer hatten sich nach der Kontrolle

über das Verhalten der Polizisten beschwert.

Vor dem Luzerner Kantonsgericht

waren sie damit abgeblitzt. Dieses muss nun

über eine Entschädigung entscheiden.

Der Schweizer und sein thailändischer

Partner wurden im März 2014 in der Luzerner

Altstadt von zivilen Polizisten angehalten.

Den Angestellten zufolge hatten sich die

Passanten zuvor vor zwei Kaufhäusern im

emsigen Menschentreiben auffällig verhalten.

Die Polizisten wollten darum prüfen, ob

es sich um Taschendiebe handelte.

Das Pärchen gab sich widerspenstig. Es

glaubte, es handle sich bei den zivilen Polizisten

nicht um richtige Beamte. Die Kontrolle

lief aus dem Ruder. Die Männer wurden

zunächst zu Boden und dann in

Handschellen auf den Polizeiposten gebracht.

Dort musste sich der Thailänder in

einer Zelle nackt ausziehen. Zudem wurde er

von einem Beamten mehrmals geduzt.

Das Paar, das beim Vorfall Schürfungen

und Prellungen erlitt, beschwerte sich

danach beim Gericht über das grobe Verhalten

der Polizisten. Es argumentierte, es

habe sich nichts zu Schulden kommen lassen

und sei Schwerverbrechern ähnlich behandelt

worden.

Die Bundesrichter halten das nackte

Ausziehen in dem Fall ebenfalls für übertrieben.

Bloss ein vager Verdacht genüge

nicht für eine derartige Leibesvisitation, bei

der sich der Betroffene nackt ausziehen müsse.

Es hätte genügt, den Mann über die Kleider

abzutasten, so die Lausanner Richter.

Zudem mangelte es dem einen Polizisten

dem Urteil zufolge an Respekt. Für ein

Duzen, wie es gegenüber Kindern gemacht

wird, habe es in dem Fall weder Anlass noch

Rechtfertigung gegeben.

Die beiden Männer waren bereits vom Luzerner

Bezirksgericht vom Vorwurf der Gewalt

und Drohung gegen Beamte sowie der Hinderung

einer Amtshandlung freigesprochen worden.

Die Luzerner Polizei hatte nach dem Vorfall

ebenfalls eine Anzeige eingereicht gehabt.


News

National & International

17

Ellen DeGeneres hat genug von Caitlyn Jenner

Ellen DeGeneres hat genug! Nachdem sie

Caitlyn* zunächst während ihrer öffentlich

gemachten Geschlechtsumwandlung in ihrer

Show unterstützte, will sie Jenner* jetzt

noch nicht mal mehr zu Gast haben. Wir

vom Cruiser gucken ja regelmässig auf E!

«Keeping Up With The Kardasians» und

wissen daher auch, wie Bruce* zu Caitlyn

wurde (und … nein, das TV-Gucken gilt

auch bei uns auf der Redaktion nicht als Arbeitszeit).

Ergo ist uns auch schon lange bekannt,

dass Bruce schwierig war und Caitlyn

nicht gerade einfacher wurde. Bruce/ Caitlyn

hatte auch immer dann und wann wieder

verbale Ausraster, die die restlichen Kardashians

– allen voran Familienoberhaupt

Kris* – aus der Fassung gebracht haben und

irgendeine der leiblichen Töchter* von Bruce

deshalb immer in Tränen war / ist.

Die letzte Attacke findet man in Jenners*

neuem Buch «The Secrets of My Life», in der

die 67-Jährige DeGeneres vorwirft, sie von der

LGBTQ-Gemeinschaft «entfremdet zu haben».

Angeblich soll die Moderatorin die Worte

des Trans-Reality-Stars immer wieder verdreht

haben, um möglichst «schockierende

TV-Momente zu schaffen». Auf Lesereise erklärte

Jenner ausserdem, Ellen habe sie ganz

offensichtlich aus ihrer Show «verbrannt».

(Wir von der Redaktion finden zwar, dass

Bruce seit er nun komplett operiert ist, einfach

nicht mehr so viel zu sagen hat. Auf jeden Fall

nicht genug, um Gast bei Ellen zu sein …)

Tatsächlich fragte Ellen Caitlyn in einem

Interview aus dem Jahr 2015 nach ihrer

Position zur gleichgeschlechtlichen Ehe.

Caitlyn erklärte damals, sie wäre ein konservativer

Mensch und räumte ein, die Idee

bis vor einigen Jahren befremdlich gefunden

zu haben. Wirklich warm scheint Caitlyn

aber noch immer nicht mit dem Thema

geworden zu sein, worauf Ellen in einer der

letzten Shows aufmerksam machte und

nachhakte. Ellen findet es verständlicherweise

seltsam, dass Caitlyn auf der einen

Seite für Toleranz für die Transgendergemeinde

wirbt, gleichgeschlechtliche Paare

in ihrem Wunsch heiraten zu dürfen aber

nur zögerlich unterstützt. Und wir vom

Cruiser finden es seltsam, dass die glühende

Trump-Anhängerin Caitlyn sich überhaupt

noch an die Öffentlichkeit wagt.

*Wir haben versucht die vielen Kardashians

möglichst sparsam im Text zu verwenden. Wer

dennoch nicht mitgekommen ist, dem sei der

Stammbaum der Kardashians auf Wikipedia

empfohlen. Dort sieht man, wer mit wem und

wer mit wem gerade wieder nicht.

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CRUISER juni 2017


18

Homo Wagner

Der schwule Siegfried

Der schwule Siegfried

Homo Wagner

Die Geschichte der Familie Wagner ist voller Machtkämpfe,

Intrigen, Nazi-Verstrickungen, verstossener Kuckuckskinder

und heimlicher Homosexualität.

CRUISER juni 2017

von Yvonne Beck

D

er Wagner-Clan, eine Familien-

Geschichte im Schatten des Musikgenies

Richard Wagner und eine

Geschichte von Verstössen gegen konventionelle

Moralvorstellungen. Seit mehr als

150 Jahren beschäftigt die Familie Wagner

die Öffentlichkeit und seit jeher ist Richard

Wagner eine der umstrittensten Persönlichkeiten

der Musikgeschichte. Sein Sohn

Siegfried stand ein Leben lang in seinem

Schatten. Zu Unrecht, denn Bayreuths Erbe

war weitaus mehr als blosser Bewahrer des

Werkes seines Vaters.

Der schwule Thronfolger

Siegfried Wagner wurde am 6. Juni 1869 als

drittes Kind von Richard Wagner und Cosima

Freifrau von Bülow, einer Tochter von

Franz Liszt, geboren. Seit seiner Geburt wurde

Siegfried als einziger Sohn des «Bayreuther

Meisters» wie eine Kunstfigur behandelt.

Von Anfang an war er auserkoren,

das Erbe des Vaters weiterzuführen: Als Musiker,

Dirigent, Regisseur und künstlerischer

Leiter der Festspiele, die er 1906 von seiner

Mutter übernahm und bis zu seinem Tode

1930 in eine moderne, neue Ära führte. Daneben

komponierte er 18 musikdramatische

Bühnenwerke, die zu seinen Lebzeiten sehr

erfolgreich in ganz Europa aufgeführt wurden,

und machte sich einen Namen als Dirigent.

Trotzdem stand man ihm zu Lebzeiten

sowie nach seinem Tod zwiespältig gegenüber:

Für die einen war er eine Art Messias,

den man für völkische Ideale instrumentalisierte,

für andere eine schwule Witzfigur.

Fest steht, dass Siegfried Wagner Anfang

des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten

Homosexuellen war. Die allgemeine

Öffentlichkeit wusste zwar nichts von

seiner sexuellen Neigung, doch dem engeren


Homo Wagner

Der schwule Siegfried

19

Kreis der Musikschaffenden, Freunde und

Familie war es durchaus bekannt. Im Privaten

gab er sich im Kreise seiner jungmännlichen

Getreuen gern als Dandy, so dass

Goebbels ihn gar als «Schlapp. Pfui (…)

Feminin. Gutmutig. Etwas dekandent.», beschrieb.

In Siegfrieds zwanziger Jahren war

Clement Harris sein engster Freund. In seiner

Autobiographie erinnert sich Siegfried

gerne an sein «Clementchen» und gibt sogar

einige Aufschlüsse über die Tiefe ihrer Beziehung.

Zum Beispiel teilten sie sich ein

Bett wie Orestes und Pylades, ein gleichgeschlechtliches

Liebespaar aus der griechischen

Mythologie. Trotzdem versuchte Siegfried

seine Homosexualität zu kaschieren,

indem er sie hinter einer streng bürgerlichen

Fassade versteckte, heiratete und Kinder

zeugte. Dies war damals der typische Modus

für schwule Männer. Siegfrieds Vita zeigt

exemplarisch welchem Druck schwule Männer

ehemals ausgesetzt waren: Sie wurden

erpresst, teils von der eigenen Familie, sie

wurden gezwungen zu heiraten, um den

Schein einer bürgerlichen Existenz zu wahren,

sie mussten ein Doppelleben führen und

ständig fürchten, dass ein Outing sie zum

sozialen und künstlerischen Ruin führen

könnte, wie das Beispiel Oscar Wilde eindrücklich

zeigt.

Wagners Bühnen-Outing

Auch in ihrem künstlerischen Werk konnten

homosexuelle Künstler meist nicht offen auf

ihre sexuellen Neigungen eingehen, sondern

mussten alles verschlüsselt ausdrücken.

Trotzdem kann man aus Siegfried Wagners

Opern viel Autobiographisches und Homoerotisches

herauslesen. Sie sind somit die

wenigen wirklich intimen Äusserungen eines

Mannes, der sich ansonsten mit öffentlichen

Stellungnahmen zu seinen privaten

Empfindungen absolut verschlossen hielt. In

«Sonnenflammen», angesiedelt im antiken

Byzanz, wird die autobiographische Motivik

besonders deutlich: Charaktereigenschaften

und Vorlieben Richard Wagners (zum Beispiel

für Rosenöl) spiegeln sich in der Figur

des Hofnarren Gomella wider. Dessen

«Siegfried versuchte

seine Homosexualität zu

kaschieren, indem er sich

hinter einer bürgerlichen

Fassade versteckte.

Tochter Iris, die von Sigfrieds Alter Ego

Fridolin begehrt wird, schwärmt von einem

neuen Typus Mann, für den Clement Harris

als heroischer Freiheitskämpfer das Vorbild

abgab. Mit den Worten «’s ist schon mancher

bis zum letzten Sumpf / Steckengeblieben

hier im lüstern Sumpf! Pfui du! Das gefällt

mir nicht.» warnt der Ritter Gottfried

Fridolin vor den Versuchungen der Stadt.

Auch anderswo findet man Hinweise auf homoerotische

Sehnsüchte Siegfrieds, etwa in

«Der Friedensengel». Dort singt Reinhold im

Genie im Schatten: Siegfried und

Richard Wagner

2. Akt: «Einmal mindestens der Genuss /

Eines Burschen Lieb’ und Kuss! / Schau!

Das wär das Paradies!» Darauf antwortet

Mita entsetzt: «Aber Reinhold! Was sprichst

du da aus!» Rein musikalisch ist Siegfried

Wagner jedoch – anders als beispielsweise

Tschaikowsky – kein «typischer» schwuler

Komponist, der besonders «gefühlsbetonte»

Musik schrieb oder extrem zerrissene Seelengemälde

schuf. Er versuchte in seiner

Musik, wie im echten Leben, seine sexuellen

Neigungen vielmehr zu verstecken. ➔

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CRUISER juni 2017


20

Homo Wagner

Der schwule Siegfried

Der Komponist Clement Harris, Liebhaber

von Siegfried Wagner.

Strandbild am Lido von Siegfried Wagner und seinem Liebhaber Henry Thode, der gleichzeitig

sein Schwager war.

©Bilder: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft Schwules Museum

CRUISER juni 2017

Erpressungsversuche und Flucht in

die Heirat

Trotz aller Vorsicht gab es zahlreiche Versuche,

Siegfried Wagner wegen seiner Homosexualität

zu erpressen. Wolf Siegfried Wagner (Enkel

Siegfried Wagners) berichtet von einigen Ordnern,

die er auf dem Dachboden des Festspielhauses

entdeckt hat, gefüllt mit Erpresserbriefen

aus dem In- und Ausland. Den Absendern

hat Siegfried Wagner nie persönlich geantwortet,

sondern Mitarbeiter zum Verhandeln vorgeschickt.

Dabei flossen höhere Summen, teils

aus der Festspielkasse. Besonders verletzend

müssen für Siegfried die Erpressungsversuche

aus der Reihe der eigenen Familie gewesen

sein. Schwager Franz Beidler versuchte seiner

Forderung, als Dirigent in Bayreuth zu arbeiten,

durch Androhung von Veröffentlichungen

über Siegfrieds sexuelle Gepflogenheiten

Nachdruck zu verleihen und Houston Stewart

Chamberlain nutzte die Kenntnisse über das

Privatleben seines Schwagers, um Druck

auf dessen politische Haltung auszuüben.

Der Journalist Maximilian Harden

startete 1914 eine grössere Kampagne gegen

Siegfried. Nachdem Harden Siegfried öffentlich

als «Heiland aus andersfarbiger Kiste»

bezeichnet hatte, trat dieser die Flucht nach

vorn an und heiratete die 18-jährige Winifred

Marjorie Williams-Klindworth. Sie gebar

ihm vier Kinder und begrub somit die «Gerüchte»

über die Homosexualität ihres Ehemanns.

Sie sorgte nach Siegfrieds Tod dafür,

dass dessen kompositorisches Werk nicht

«Einmal mindest der Genuss /

Eines Burschen Lieb’ und

Kuss! / Schau! Das wäre

das Paradies!» (aus der Oper

«Der Friedensengel», 2.Akt / Reinhold)

mehr aufgeführt wurde, weil es angeblich

«unbedeutend» war im Vergleich zu den Musikdramen

Richard Wagners. Zudem übergab

sie seine Privatkorrespondenz nicht der

Richard-Wagner-Stiftung, sondern an ihre

älteste Enkelin unter der Auflage striktester

Geheimhaltung. Im Gegensatz zu Peter

Tschaikowsky liegen von Siegfried Wagner

daher keine überlieferten Dokumente vor, in

denen er von seinen sexuellen Eskapaden berichtet

oder über seine sexuelle Orientierung

sinniert. Wie solche Abenteuer aussahen

inklusive Erpressungsversuchen, beschreibt

Tschaikowsky 1877 in einem Brief an seinen

Bruder Modest: «Um 9 Uhr bekam ich Lust,

spazieren zu gehen und machte mich aus. Die

Dir bekannten Ruffiani (Kuppler) errieten

was ich brauchte, und arrangierten für mich

eine ganze Hetzjagd. Als Köder für das wilde

Tier (d.h. mich) diente ein sehr hübsches Geschöpf,

mit dem sie mich in ihre Netze zu

ziehen hofften. Ich kämpfte schrecklich, weil

der Köder wirkte – hielt aber Stand. Ob sie

mich nun erpressen oder einfach schröpfen

wollen – ich werde mich nicht übertölpeln

lassen. (…) Aber was für ein wunderbarer,

faszinierender Köder!»

Queer-Bayreuth mit völkischem

Publikum

Besonders auffällig war der hohe Anteil

schwuler Sänger und lesbischer Sängerinnen


Homo Wagner

Der schwule Siegfried

21

in Bayreuth in den Jahren der Leitung Siegfried

Wagners. Bei vielen erfuhr man nur

etwas von ihrer sexuellen Orientierung,

weil es zu Verfahren wegen Paragraf 175

kam, etwa im Fall von Bariton Herbert

Janssen und Heldentenor Max Lorenz. Einer

der grossen lesbischen Stars von Bayreuth

war Frida Leider, die Siegfried 1927

nach Bayreuth holte. Eine weitere lesbische

Künstlerin war Luise Reuss-Belce, die 1886

einen Knappen und eine Soloblume in

«Parsifal» verkörpert hatte. Sie arbeitete

von 1908 bis 1930 als Siegfrieds Regieassistentin.

Ihre Lebenspartnerin Evelyn Faltis

war ab 1914 Siegfrieds musikalische Assistentin.

Trotz vehementer Proteste von völkischer

Seite engagierte Siegfried Wagner

auch «jüdische» Künstler wie Friedrich

Schorr. Ausserdem holte er den überzeugten

Demokraten Fritz Busch nach Bayreuth,

anstelle des «nationalistischer» eingestellten

Hans Knapperbusch. Trotzdem wurde

das Bayreuther Publikum vom Dirigent

Kurt Singer folgendermassen beschrieben:

«Das Parkett: feierlich, geschniegelt, Frack,

grosse Toilette, national und konservativ

bis ins (Haken-)Kreuz hinein, kritiklos jubelnd.

Keine zehn Nicht-Arier im Haus.»

Viele Wagnerianer wandten sich von Bayreuth

ab. So auch Thomas Mann, der 1924

schrieb:«Bayreuth, wie es sich heute darstellt,

interessiert mich gar nicht, und ich

glaube, auch die Welt wird es nicht interessieren.»

Mann warf Bayreuth vor, Wagner

als «Schutzherren einer höhlenbärenmässigen

Deutschtümelei» zu missbrauchen.

Siegfried Wagners Biograf Peter P. Pachl

sieht Siegfrieds Verhältnis zum Nationalsozialismus

vollkommen anders. Er verweist

auf die jüdischen Künstler, die unter

Siegfrieds Leitung bei den Festspielen auftraten

– «weder vorher noch nachher waren

so viele jüdische Mitarbeiter in Bayreuth

engagiert». Zudem verweist er auf

Siegfrieds letztes unvollendetes Bühnenwerk,

die Oper «Das Flüchlein, das Jeder

mitbekam» aus dem Jahre 1929, kreist um

einen Räuberhauptmann namens Wolf.

Wolf war der Spitzname Hitlers im Hause

Wagners. Das Stück kann als verschlüsselte

Abrechnung mit Adolf Hitler verstanden

werden und doch war Siegfried Wagners

politische Haltung keineswegs eindeutig.

Siegfried Wagner war homosexuell, Judenfreund

und auch Hitleranhänger. Ein Antifaschist,

zu dem ihn manche reinwaschen

wollen, war er keineswegs.

Siegfried Wagner war ein Mensch, der

Zeit seines Lebens versuchte, sich den Moralvorstellungen

seiner Zeit anzupassen

und das Erbe seines Vaters zu wahren. Aber

vielleicht wahrte er es auch gerade durch

seine Homosexualität. Richard Wagners

Freundschaften mit zwei berühmten Homosexuellen,

Friedrich Nietzsche und König

Ludwig II von Bayern, sind bekannt

und auch die Faszination, die die Musikdramen

Richard Wagners auf Homosexuelle

ausüben. Warum man so lange die sexuelle

Orientierung seines Sohnes Siegfrieds

unter Verschluss hielt und teilweise noch

immer hält, ist äusserst fragwürdig.

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22

KOLUMNE

Mirko

Sex als

Suizidprävention

Mirko wundert sich, was denn nun das Problem

der Schwulen sein könnte.

VON Mirko

«

Ich bi guet bim Sex, aber Sextherapeut

isch nöd min Bruef.» «In andern

Städten gehen weniger Leute in Therapie

und es fällt mir nicht auf, dass es da mehr

schwierigi Fäll auf der Strasse hat.»

Völkerverständigung wieder einisch.

Da sitz ich mit Schweizern zusammen und

man trinkt was und redet und um was

geht’s? Sie reden über Selbstmord. Wie’s bei

dem einen dazu gekommen ist und warum

und wieso. Are we having fun? Na ja, redet

halt alli über öppis. D’Kroate meistens über

blondi Fraue und die Schweizer über Selbstmord.

Schweizer bringen sich mehr um als

andere, wird gesagt. Statistiken stimmen ja

auch meistens nicht. Aber i han hört, dass

schwuli Jungs meh versueched sich umzbringe.

Massiv meh, glaubs. Und denn han i

gläse, dass nöd alli, wo sich als schwul outed,

nochher glücklicher sind. Das haben sie

in den USA untersucht. Das Glück nach

dem Coming-out hängt scheint’s von der

Hautfarbe ab. Weisse sind glücklicher, wenn

die ganze Welt weiss, dass sie schwul sind.

Schwarze sind glücklicher, wenn’s die Welt

nicht weiss. Irgendso. Warum weiss ich

auch nicht. Ich bi jo sälber nur halbe offe

schwul. Dank Online Dating muess i jo i

de reale Wält nöd zeige, dass i de Jungs hindedri

renne. Was mer aber ou Online nöd

cha verstecke: Es hend ohuere viele Leute

einen an der Waffel. Bis dänn einen findest

CRUISER juni 2017

Online kam der noch ganz ok

übere, aber live …

zum pudern – luschtige Begriff, han i gleert,

won i letscht Monet z’Östrich gsi bi – musst

du einige wegdrücken. Mängmol wenn ich

wieder irgends nach Männern suche, mängmol,

denn kann ich nur den Kopf schütteln.

Chrank, was da abläuft. Poaah. Und denn

no nöd gnue: Dann triffst du dich mit dem

Superstallion und dann wird’s noch krasser.

Online kam der noch ganz ok übere, aber

live … Was bin i denn froh, dass ich irgendwo

neutrals abgemacht habe, dann kann ich

gleich wieder weg, ohne den Drink, den

mach’ich mir lieber zu Hause. Bin ich oberflächlich?

In dem Moment schon, er hat ja

nicht de Psycho-Spitex aaglütet, sondern ein

Date abgemacht. Was chönnt i denn mache?

Dä Typ aus der Depression ficken? Ja, hey,

ich weiss es doch nicht. Sex macht mich

schon immer wieder fröhlich, vielleicht hätte

es bei dem ja auch geholfen? Aber ich

weiss nöd. Ich bi guet bim Sex, aber Sextherapeut

isch nöd min Bruef.

Hat’s eigentlich unter den Jungs, die

Jungs suchen, mehr Psychos? Haben Schwule

überhaupt mehr Probleme im Chopf? Wie

gseit, es hend sowieso ohuere viel Lüüt en

Schuss. Sorry, ich sägs wie’s isch. Und denn

göhnd z Züri ja ou alli in Therapie. Hilft’s was?

In andern Städten gehen weniger Leute in Therapie

und es fällt mir nicht auf, dass es da mehr

schwierigi Fäll auf der Strasse hat. Aber wenn’s

Gäld hesch, dann leischtisch dir eben einen

Shrink. Wenn’s Gäld nöd hesch, musst du dir

selber helfen. Obwohl meistens geht’s auf

Krankenkasse und eventuell wär’s besser, mal

mit dem Döktu zu reden, als über Grindr

immer und immer wieder abzublitzen, weil du

einfach zu heavy drauf bist. Süsch: Drugs do

work. Wenn ich mal mies drauf bin, dann hilft

mir die Wodkaflasche schon. Aber ob das auf

die Dauer wirklich gut geht? Ich bin selten depri,

also bi mir git’s kei Grund für Panik.

Aber warum sötted in der Schweiz

Schwule bsunders oft Psycho si? Anderswo

begreif ich’s. «No Fear to be you», s Züri Pride

Motto, wär in andern Ländern kaum brauchbar,

wenn ich so an die Bilder von den erhängten

Schwulen denke. Aber bi öis? D’Strasse

hanged voll mit Bärtige, wo uf Love Life

Plakat umeschmused. Verstahn mi nöd falsch,

aber ich weiss einfach nicht, warum so viel

mehr Schwule als Heteros keinen Sinn im Leben

sehen. Für mich macht alles immer irgendwie

Sinn, und dass ich mich hässlich und

fehl am Platz fühle, das ist mir noch nie passiert.

Ich han e grossi Schnurre, das hilft.


Trend

Auf den Bart gekommen

23

Bärte beflügeln das

Beautygeschäft

Ob volle Bartpracht, die Dreitage-Variante oder Schnauzer: Der moderne

Gay-Mann trägt schon länger wieder Bart. Und zwar nicht die frei wuchernde

Hippie-Version, sondern schön gepflegt. Cruiser guckte mal, wer in Sachen

Bart so richtig Bescheid weiss.

Von Manuela Schnyder (SDA) und Haymo Empl

D

er Bart ist nach einer langen Ära der

Glattrasur wieder in. Angefangen

hat der wiederbelebte Bart-Kult mit

dem Holzfäller-Bart der Hipster. Diese

Städter – meist in Röhrenjeans, Karo-Hemd

und mit Jutebeutel unterwegs - haben den

Bart salonfähig gemacht. Jetzt kommen zunehmend

auch kürzere Bart-Varianten in

Mode, wie Bartexperte* Eddine Belaid aus

Zürich dem Cruiser erklärt. Zum Beispiel

der Musketierbart, Moustache oder Sechstagebart.

Die Vielfalt ist gewachsen.

Zu den Bartträgern zählen aber

längst nicht nur die Szeneleute, sprich die

Hipster, wie der Master-Barbier betont.

Ganz im Gegenteil. Der Bart-Trend sei viel

breiter abgestützt. Belaid bedient in seinem

Salon Männer von jung bis alt und aus

allen Berufsgattungen.

Der gebürtige Deutsche hat das

Handwerk der alten Barbier-Tradition in

England gelernt. Im Jahr 2008 eröffnete er

als Erster in der Schweiz einen Barber-Shop

im englischen Stil – lange bevor

der Bart-Trend bei uns Fuss fasste. Nun erfreut

er sich reger Kundschaft. Erst letzten

Herbst eröffnete er seine dritte Filiale im

neuen Herren-Globus in Zürich. Männer

wollen einen gepflegten und schön getrimmten

Bart. Daher suchen sie sich professionelle

Hilfe in den Barber-Shops, sagt

Belaid. Dabei gehe es nicht nur um das

Stutzen der Bartkontur, sondern auch um

das Verwöhnerlebnis. Für einen Besuch

zahlen Kunden zwischen 50 und 190 Franken.

Die Nachfrage sei gross. ➔

CRUISER juni 2017


24

Trend

Auf den Bart gekommen

Früher waren Bärte in der Gay-Szene fest in der Hand der «Bären». Seit sich die Szene aber immer mehr durchmischt, ist es

einfach für alle Männer hip, Bart zu tragen. Entsprechend gibt es diverse auf Bartpflege spezialisierte Geschäfte.

Es fehle aber an qualifiziertem Nachwuchspersonal,

erklärt der Bartexperte. Der

Beruf des Barbiers sei anspruchsvoll. Man

könne nicht einfach «schnell, schnell Rumschaben»,

sagt er. Es brauche eine ganzheitliche

Betrachtung vom Haupthaar bis zum

Gesichtshaar. Auch über Infektionen und

Krankheiten müssten die Barbiere Bescheid

wissen. Deshalb gründete Belaid 2014 die erste

Barberschule in der Schweiz. Die Kurse

werden gut besucht. In etwa drei Jahren werden

20 – 30 ausgebildete Barbiere auf dem

Markt sein. «Der Bart-Trend wird uns noch

lange begleiten», ist Belaid überzeugt.

Das Pflegebewusstsein

der Männer ist

definitiv gestiegen.

Das Pflegebewusstsein der Männer ist

definitiv gestiegen. Das beobachtet auch Daniel

Peyer, Mitbegründer des auf Bartpflegeprodukte

spezialisierten Webshops Mootes.ch.

Der Mann habe entdeckt, wie schön ein gepflegter

Bart sei und wie gut dieser bei den

Frauen ankomme. Am beliebtesten seien bei

Mootes.ch ganze Pflegesets: Der Mann habe

es nämlich gern pragmatisch. Besonderen

Wert legten die Bartträger zudem auf natürliche

Inhaltsstoffe. Auch immer mehr Barbershops

fragten an, wie Peyer feststellt.

Die Zahl der Läden, die Bartpflege-

Produkte anbieten, steige laufend, bestätigt

Jeremias Wehrli vom Webshop pomade.ch.

Die Bartträger gäben viel auf Pflege und gingen

regelmässig zum Barbier, wie er feststellt.

Bartgeschichte

Ein Streifzug durch die Bartgeschichte zeigt,

dass der Gesichtsschmuck des Mannes in

den 1860ern durch den amerikanischen

Präsidenten Abraham Lincoln populär wurde.

Revoluzzer wie Che Guevara trugen Vollbart,

der ebenso Symbol der Flower-Power-

Generation war. Abgelöst wurde die voluminöse

Gesichtsbehaarung vom Dreitagebart,

gekonnt getragen vom britischen Fussballstar

David Beckham. Er verkörperte den neuen

metrosexuellen Stil. Ein Trend, der dem

Mann die Körperbehaarung absprach und

den lässig-ungepflegten Stoppelbart ins Zentrum

setzte.

Und heute? Nun; es wird vor allem gekauft:

Öle, Balsam, Shampoo oder Bürsten

vorzugsweise aus Wildschweinborsten. Auch

Rasiermesser und -hobel feiern ein Comeback

und wrden immer beliebter. Für Wehrli

zeigt das, dass sich immer mehr Männer gerne

den altherkömmlichen Styling-Mittel und

Pflegeprodukten bedienen und sich beim

Schärfen des Rasiermesser am Lederriemen

so richtig männlich vorkommen.

Migros & Co. ziehen nach

Längst bieten nicht nur Fachläden Pflegelinien

für Bärte an. Auch die grossen Detailhändler

sind auf den Zug aufgestiegen. Die

Migros hat letzten Herbst mit «The Great

British Grooming Co.» eine Bartpflegelinie

ins Sortiment aufgenommen. So wird der

Mann reichlich bedient, von der Waschlotion

mit Argan-Öl und Pro-Vitamin B5 über Balsam

aus Kokusnuss-Öl und Shea-Butter bis

hin zu Thickening Serum, welches den Bart

fülliger aussehen lässt.

Nach Produkten führt das Bart-Öl die

Ranking-Liste an, wie Migros-Mediensprecherin

Luzi Weber sagte. Aber auch 3-Tage-

Bart-Gesichtspflegeprodukte seien beliebt

bei den Kunden. Die Absatzzahlen nähmen

stetig zu.

Bei Coop steigt die Nachfrage nach Pflegeprodukten

ebenfalls seit Längerem. Deshalb

wurde das Bartpflegesortiment auch in

diesem Jahr weiter ausgebaut, wie Mediensprecherin

Angela Wimmer erklärt. Besonders

gefragt seien Barttrimmer oder der

Multitrimmer mit verschiedenen Aufsätzen.

Die Marken im Beautybereich gehen

mit dem Trend und erweitern ihre Produktlinien

laufend, wie Globus-Mediensprecherin

Marcela Palek sagt. Auch in den Globus-

Warenhäuser werden immer mehr solche

Produkte nachgefragt. Umsätze nennen

die Detailhändler nicht. Insgesamt haben die

Kosmetikhersteller in der Schweiz etwa 2,5

Milliarden Franken Umsatz erzielt.

*Wir vom Cruiser finden ja, es ist super, was es mittlerweile für

Experten gibt. Amy Sedaris ist Wäscheexpertin, Clementine war

für Ariel zuständig und auch Wäscheexpertin, gut gibt es also nun

auch einen Bartexperten. Sehr löblich.

CRUISER juni 2017


XXX

XXX

25

CRUISER juni 2017


26

Fingerfertig

Nihat kocht

Der Saft,

der scharf macht

Die leche te tigre verleiht dem Latino seit jeher unbändige Kraft.

Eine Art natürliches Viagra. Anbei das Rezept für den Mitteleuropäer,

um auch davon zu schlürfen.

VON Nihat

M

eine kulinarische Lieblingskombination:

scharf und sauer. Auch die

Peruaner teilen diese Vorliebe. So

bin ich schon bei meinem ersten Mal der Ceviche-Versuchung

erlegen. Ein leichtes Essen,

das unterschiedlichste Geschmacksknospen

anregt. Und wenn wir schon beim Anregen

sind: Mit dem Limettensaft sollte nicht gespart

werden. Der Saft, der die verschiedenen

Essenzen der Zutaten in sich vereint, weckt

den Tiger im Mann. Ja dann: Wohl bekomm’s.

Und vor allem: Viel Spass.

Zutaten

400 g Dorsch, geschnitten 1×1 cm

½ rote Zwiebel, fein geschnitten

125 ml Limettensaft

CRUISER juni 2017

½ Stange Sellerie, sehr fein geschnitten

5 g Ingwer, gepresst

1 Knoblauchzehe, gepresst

3 Stängelchen Koriander, zerzupft

½ scharfe Chilischote (aji limo oder

havanero), fein gehackt

Zubereitung

Frischen Limettensaft pressen.

Fischstücke und Zwiebeln in Limettensaft

geben und immer wieder wenden. Knoblauch,

Ingwer, Chilischote, Stangensellerie

und Koriander dazugeben und Masse gut

mischen.

Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Mindestens 15 Minuten ziehen lassen und

innerhalb von 30 Minuten geniessen.

Info

Nihat organisiert seit gut vier Jahren Kochkurse

für einen guten Zweck, u.a. für Schulkinder

in der Türkei. Und er ist als Störkoch oder

als Caterer an privaten und geschäftlichen

Anlässen unterwegs. «Daneben» drückt er

als angehender Gymnasiallehrer wieder die

Schulbank.

Die nächsten Kochkurse

Die nächsten Kochkurse werden bald auf

www.fingerfertig.ch ausgeschrieben.

www.fingerfertig.ch


Serie

Was macht eigentlicH …

27

Ikonen von

damals

In unserer losen Serie stellen wir Ikonen aus vergangenen Dekaden vor,

berichten über gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen aus

längst vergangenen (Gay-)Tagen. Frank Farian fand nie jemand wirklich

super, seine «Produkte» Boney M. und Milli Vanilli aber schon.

VON Haymo Empl

A

ls Musikproduzent ist Frank Farian

der einzige im deutschsprachigen

Raum, welcher auch international

in der ersten Reihe mitspielt. Mittlerweile

ist er 75; er selbst war und ist alles andere

als eine «Gay-Icon», seine Kompositionen

sind es aber geworden und im Falle von seinen

für Boney. M. sogar sehr. In den späten

1970er Jahren wäre es nämlich undenkbar

gewesen, wenn nicht mindestens einmal in

einem Schwulenclub irgendwas von Boney

M. gespielt worden wäre. Oder in den

1980er Jahren was von Milli Vanilli – im

T & M waren die beiden ein sicherer Garant

für eine volle Tanzfläche.

Alles begann in einem Kuhstall

(karrieretechnisch, nicht geburtstechnisch).

Mit einem Tonbandgerät und einem

einzigen Mikrofon nahmen Frankie

Boy (er selbst bezeichnet sich in Interviews

auch heute noch gerne so) und seine

Band «Die Schatten» 1963 ihre erste

Schallplatte auf. «Es hat schrecklich geklungen,

aber es war unsere erste Schallplatte,

und da waren wir doch stolz

drauf», erinnerte sich Frank Farian unlängst

in einem Interview.

Mittlerweile hat er gut 800 Millionen

Tonträger verkauft: Farian ist der mit Abstand

erfolgreichste deutsche Musikproduzent,

und nicht nur der Mann hinter

Boney M., Milli Vanilli.

Als Franz Reuther wurde er in Kirn an der

Nahe geboren. In Saarbrücken wuchs er auf, der

Vater fiel im Jahr seiner Geburt in Russland. Die

Mutter brachte mit einer Rente von 180 Mark

drei Kinder über die Runden und sparte sich

dennoch eine Gitarre für ihn vom Munde ab. Er

lernte Koch, weil ihm die Mutter sagte, dann

könne er sich jeden Tag sattessen.

Seit er Teenies Mitte der 1970er Jahre

mit seinem traurigen Hit «Rocky» zum Weinen

brachte, trat er selbst kaum noch auf.

Erst als Mann im Hintergrund, als Produzent,

begann sein Mega-Erfolg. ➔

CRUISER juni 2017


28

Serie

Was macht eigentlicH …

Milli Vanilli, eine Frank Farian Produktion. Keiner der beiden konnte auch nur

ansatzweise singen.

Frank Farian in sehr jungen Jahren, als

fast erfolgreicher Solokünstler.

Boney M.: Zwei singen, zwei dekorieren

«Baby Do You Wanna Bump», den ersten Titel

von Boney M., sang Farian im Studio

praktisch alleine, sehr hoch und auch sehr

tief. Und weil er sein vielstimmiges Projekt

alleine weder aufführen konnte noch wollte,

suchte er Gesichter, die den Song präsentieren

sollten.

1976 stand eine Art jamaikanischer

Kernmannschaft von Boney M.: Liz Mitchell

und Marcia Barrett durften singen, Bobby

Farrell und Maizie Williams bewegten die

Lippen und sahen gut aus. Höchst erfolgreich:

Hits wie «Daddy Cool», «Rivers of Babylon»,

«Rasputin» oder «Ma Baker» sind

Popgeschichte. Mindestens 100 Millionen

Tonträger verkaufte Farian unter dem Namen

Boney M. Könnte man also sagen, dass

Boney. M ein Vorreiter der heutigen in

Shows gecasteten Interpreten ist? Farian

dazu im deutschen Magazin «Spiegel»: «Mit

Casting in diesem Sinne hatte Boney M.

nichts zu tun. Das war ein Projekt und ich

war der Chef. Ich habe auch Meat Loaf produziert,

der eine Bombenstimme hat. Oder

Far Corporation, für die ich den Sänger von

Toto, Bobby Kimball, engagierte, einen der

besten Rock-Sänger der Welt. Das waren alles

herausragende Stimmen, die man in keiner

Castingshow findet.»

Der schöne Schein

Doch Farians Name steht auch für einen

handfesten Skandal. Und zwar mit dem, was

Farian den «Milli-Vanilli-Fehler» nennt.

1988 hatte er im Studio schöne Songs mit guten

Sängern aufgenommen. Aber nicht jene

Sänger traten als Milli Vanilli auf, sondern

Fab Morvan und Rob Pilatus – denn die sahen

besser aus.

CRUISER juni 2017

Wochenlang waren sie auf Platz 1 der

US-Hitparade, bekamen sogar den Grammy.

Als der Schwindel herauskam, mussten sie

den Grammy wieder abgeben. «Ich hatte es

ja gar nicht nötig, so etwas zu machen», ärgert

sich Farian. Sein Trost: «Die Leute lieben

die Musik noch heute.» Für Milli Vanilli

ging die Sache weniger gut aus. Rob Pilatus

starb an einer Überdosis. Farian dazu im

«Spiegel»: «Robert war nicht mehr zu helfen.

Diese ganze Aufmerksamkeit hat ihn kaputtgemacht.

Schon 1991 hatte er sich die

Pulsadern aufgeschnitten, sein ganzes Geld

«Ich hatte es ja gar nicht

nötig, so etwas zu machen»

ging für Drogen drauf. Irgendwann hat er

dann Autos aufgebrochen und musste ins

Gefängnis. Da habe ich die Kaution gezahlt

und ihn rausgeholt. 10 000 Mark habe ich

ihm gegeben, damit er in Sri Lanka einen

Entzug macht. Wir wollten nämlich ein Comeback

starten. Aber Rob ist mit dem Geld zum

Bahnhof gefahren und hat sich vollgekokst.

Einen Tag später kam er abends ins Studio,

am ganzen Körper zitternd. Er war völlig

blank, nicht einmal den Taxifahrer konnte

er mehr bezahlen. Ich sagte: ‹Geh ins Hotel

und schlaf dich aus. Morgen reden wir über

die Sache.› Aber dann war er tot. Mittags um

drei».

Frank Farian vs. Dieter Bohlen

Farian hat definitiv dann an Glanz verloren,

als er sich vor gut zehn Jahren einen

verbalen Schlagabtausch mit Dieter Bohlen

lieferte. Für die Medien ein gefundenes

Fressen: Zwei der bekanntesten Produzenten

beschimpften sich öffentlich.

Farian verbal auf tiefstem Niveau. Der

Grund: Dieter Bohlen zog über Farian in

seinem Buch «Die Wahrheit, nichts als

die Wahrheit» her. Farian konterte erst

mit einem offenen Brief, dann mit einem

eigenen Buch. Cruiser hat diesen offenen

Brief ausgegraben:

«Deine Bücher habe ich nicht gelesen.

Die Passagen, die mich persönlich betreffen,

habe ich als Faxkopie erhalten. Dieter, ich

muss Dir sagen: Du bist von allen guten

Geistern verlassen. Du scheinst grössenwahnsinnig

geworden zu sein, seit Du bei

RTL den Haus- und Hof-Depp spielst.» Und

dann wird es stellenweise primitiv, Farian

stellt nämlich sich und Dieter einem Vergleich.

Schwanzlängen zu messen wäre einfacher

gewesen:

Bohlen leistet sich die billigen Frauen

in Rio. Farian die besseren und teureren.

Farian und Cretu arbeiten Wochen und Monate

hart im Studio, um in England und

USA die Hits zu machen. Bohlen treibt sich

im Teppichladen rum und bügelt Teppichluder.

Farian arbeitet zur Zeit an neuen Hits

für Amerika und England. Bohlen schafft’s

auch in 10 Jahren nicht mehr. Zu faul und zu

alt. Und so geht es dann in diesem «Brief»

weiter, über viele Seiten.

Weihnachtsplatte in Arbeit

Derzeit arbeitet er an Weltmusik zu Weihnachten

– auch der Anden-Triller «El

Condor Pasa» könnte zum Weihnachtslied

werden: «Das ist schon eine Herausforderung.»

Farian will das Musical «Daddy


Serie

Was macht eigentlicH …

29

Boney M.: Farian war mit dieser Combo viele

Jahre erfolgreich.

Die Disco-Truppe begeisterte Gays mit ihren

extravaganten Outfits.

Cool» wieder auf Tournee sehen, ein Buch

über ihn ist in Vorbereitung.

Auch eine eigene Platte will er

machen. Mit jener schwarzen Musik der

1950er, die er immer noch liebt. «Ich zeige

den Leuten, was ich ausser den drei oder

vier Platten, die ich aufgenommen habe,

noch an Musik auf die Bühne gebracht

habe.» Als Titel schwebt ihm etwas wie

«Frank Farian Early Years, 1962 bis 2017»

vor. Cruiser fragt sich, wer das dann kaufen

soll. (Mit Matrial der DPA)

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CRUISER juni 2017


30

Kultur

Buchtipp

Ein monumentales Werk über

das Leben

Wer zuerst nur den Titel sieht, «Ein wenig Leben», verfällt in ein leichtes

Staunen beim Anblick des Buches, kommt es doch eher als Buchklotz mit

nahezu 960 Seiten in der deutschen Übersetzung daher. Davon sollte man

sich als Leser aber nicht abschrecken lassen, denn hinter diesen fast

1000 Seiten verbirgt sich eine grandiose Erzählung über das Leben und

die Liebe.

Von Birgit Kawohl

L

aut Klappentext angekündigt als Geschichte

über die lebenslange Freundschaft

von vier Männern – JB, Jude,

Malcolm und Willem, die sich auf dem College

kennenlernen – steht eigentlich Jude im

Mittelpunkt des Romans. Sein Leben gibt die

Struktur vor, die anderen Figuren sind eher

das Beiwerk, das allerdings auch seinen eigenen

Raum einnimmt.

Jude also: Ein brillanter Kopf, der nach

dem Studium Partner in einer überaus angesehenen

Anwaltskanzlei wird, und was das in

den USA bedeutet, ist jedem klar – wir erinnern

uns an Serien wie «Suits» oder «The

Good Wife». Neben dem beruflichen Erfolg

scheint es aber auch eine dunkle Seite in seinem

Leben zu geben. Er, der zwar immer ein

guter Freund ist, scheint beziehungsunfähig,

vielleicht sogar asexuell zu sein. Dabei stünden

ihm in seinem – künstlerisch geprägten –

Umfeld eigentlich alle Möglichkeiten offen,

da ihm diverse Richtungen der Sexualität gezeigt

und angeboten werden. So treten ganz

selbstverständlich homo- und heterosexuelle

Paare nebeneinander auf, der Wechsel von

der einen in die andere Kategorie ist ebenfalls

kein Problem, auch wenn Malcolm irgendwann

einmal feststellt, dass das Schwulsein

eher eine temporäre, zum College gehörige

Attitüde sei. Eine durchaus diskutierbare

Einstellung, die aber die prinzipielle Offenheit

allem gegenüber verdeutlicht.

Nach einem Selbstmordversuch Judes

kommt nach und nach die Wahrheit über

seine Kindheit ans Licht, wobei der Leser

CRUISER juni 2017

häufig etwas mehr weiss als Judes Umfeld,

was ein geschickter Schachzug ist, da man so

Judes zum Teil abstossendes Verhalten besser

nachvollziehen und zumindest teilweise

akzeptieren kann. Seine Freunde jedoch, vor

allem Willem, der ihm am wichtigsten von

allen ist, halten zu ihm, auch wenn sie – zunächst

– nichts wissen. Sicher ahnen sie

mehr und mehr, nachdem sie von seinen Ritzereien

erfahren oder andere Aussetzer seinerseits

mitbekommen. Die Ritzereien werden

hierbei so detailliert und plastisch

geschildert, dass sie auch für den Leser kaum

erträglich sind. Da wird einem klar, wie fassungslos

man als Freund oder als Partner

einer solchen Tat gegenüberstehen muss.

Judes Leben scheint sich jedoch allmählich

in eine gute Richtung zu entwickeln,

auch wenn ihn die körperlichen und

seelischen Handicaps, die er aus seiner

Kindheit und Jugend zurückbehalten hat,

ewig begleiten: Er wird von einem liebevollen

Professorenpaar adoptiert, er findet doch

noch die Liebe. Und doch, immer wenn man

denkt, dass es nun endgültig aufwärtsgeht,

nimmt Judes Leben eine Wende und gerät in

einen erneuten Abwärtsstrudel.

Ein depressives Buch also? Nein, im

Gegenteil, es zeigt vielmehr auf, dass sich

das Leben lohnt, für einen selbst und für seine

Freunde. Es zeigt, dass ein wenig Leben

ganz ganz viel Leben bedeutet, je nachdem,

aus welcher Perspektive man es betrachtet

und je nachdem, was man selbst daraus zu

machen bereit ist. Eigentlich brüllt es letztendlich

dem Leser lautstark sein Credo

«Lasst euch, verdammt noch mal, auf euer

Leben ein und geniesst es!» entgegen.

Buchtipp

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Preis CHF 39.90

ISBN 9783446254718


31

gaycity.ch

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7

8

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Anti-Aging und Bodyforming

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079 533 41 01

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Konradstrasse 1

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DANIEL H.

Bar-Restaurant

Müllerstrasse 51

8004 Zürich

044 241 41 78

www.danielh.ch

PARACELSUS

Apotheke & Drogerie

Langstrasse 122

paracelsus@bluewin.ch

044 240 24 05

10

11

12

13

LEONHARDS-

APOTHEKE

Stampfenbachstr. 7

www.leonhards.apotheke.ch

044 252 44 20

MACHO

City Shop

Häringstrasse 16

www.macho.ch

PARAGONYA

Wellness Club

Mühlegasse 11

www.paragonya.ch

PREDIGERHOF

bistro – bar

Mühlegasse 15

www.predigerhof.ch

15

16

17

CRANBERRY

Bar

Metzgergasse 3

www.cranberry.ch

INFINITY

Bar + Lounge auf zwei Etagen

Zähringerstrasse 11

8001 Zürich

www.infinity-bar.ch

Täglich geöffnet ab 17 Uhr

ANORY

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Skincare und Beratungen.

Winterthurerstrasse 70

8006 Zürich

www.anory.ch 043 810 09 22

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Mit Tram ab 4/13/17 bis Escher-Wyss-Platz

www.swissdentalcenter.ch

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Interesse in diesem

Inserat aufgeführt zu sein?

Anfragen an:

info@zbiro.ch

14

TIP TOP BAR

Die Schlager Bar

Seilergraben 13

www.tip-top-bar.ch

Dienstag – Samstag ab

18.30 Uhr

CRUISER juni 2017


32

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Dr. Gay ist eine Dienstleistung der Aids-Hilfe

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CRUISER juni 2017

VON Vinicio Albani

Ein Freund von mir hat Aids.

Habe ich mich angesteckt?

Ein Freund von mir hat die Diagnose

Aids bekommen. Vor vier

Wochen hatten wir ungeschützten

Sex. Dabei war ich beim Analverkehr

der Aktive. Wie wahrscheinlich

ist eine Ansteckung?

Noah (19)

Hallo Noah

Es gilt zwischen der Diagnose HIV-positiv

und dem Ausbruch der Krankheit Aids zu

unterscheiden. HIV heisst das Virus, welches

bei ungeschütztem Sex übertragen werden

kann. Aids ist die Spätfolge einer nicht

behandelten HIV-Infektion. Dank der antiretroviralen

Therapie gibt es heute in der

Schweiz nur noch selten Aids-Fälle. Ungeschützter

Analverkehr birgt grundsätzlich

ein hohes HIV-Risiko. Wenn dein Freund

zum Zeitpunkt des Kontakts in der Primoinfektionsphase

war, war der Anteil der

HI-Viren in seinem Blut sehr hoch. Dadurch

ist das Risiko einer HIV-Infektion höher.

Detaillierte Informationen zur Primoinfektion

findest du unter DEINE GESUNDHEIT

auf drgay.ch. Neben der Viruslast sind weitere

Faktoren für die Risikoeinschätzung die

Dauer oder die Art der Exposition, der Zustand

der Schleimhäute oder die Rolle beim

Analverkehr. Das Risiko ist für den Aktiven

etwas geringer als das für den Passiven. Ich

empfehle dir, einen HIV-Test machen zu lassen.

Nur so lässt sich sicher feststellen, ob

eine HIV-Infektion stattgefunden hat.

Alles Gute, Dr. Gay

Warum kriege ich

keinen Ständer?

Ich bin mit meinen besten Freund

seit fast vier Jahren befreundet.

Seit sechs Wochen sind wir nun

ein Paar. Vor einigen Tagen war

ich wieder bei ihm und wir sind

intim geworden. Mein Penis

wurde aber nicht steif. Das ist

mir bei ihm schon mal passiert.

Woran kann es liegen?

Fabian (27)

Hallo Fabian

Es kommen viele Ursachen für Erektionsprobleme

in Frage. Oft ist psychischer

Stress dafür verantwortlich. In deinem Fall

könnte es daran liegen, dass du vielleicht

nervös bist. Schliesslich handelt es sich bei

deinem Partner um jemanden, mit dem du

bereits seit vier Jahren befreundet bist. Das

könnte dich unbewusst unter Druck setzen.

Versuche, dich zu entspannen und die Sache

als Spiel zu sehen. Etwas Gelassenheit

kann helfen. Sex ist kein Leistungssport

und funktioniert nicht auf Knopfdruck.

Entweder es geht, und wenn nicht, dann

eben das nächste Mal. Weiter kann ein sogenannter

Cockring die Erektion unterstützen.

Cockringe bestehen aus Kunststoff,

Leder oder Metall. Sie werden meist um

Schwanz und Hoden zugleich getragen und

verhindern, dass das Blut aus dem Schwanz

zurückfliesst. Am besten du verwendest

einen Cockring mit Verschluss. Dieser

kann im «Notfall» trotz Erektion entfernt

werden. Bedenke aber, dass ein zu langer

Blutstau die Gefässe schädigen kann.

Cockringe findest du in Sexshops oder im

Internethandel.

Alles Gute, Dr. Gay


KOLUMNE

Thommen meint

33

Der Gay-

Geist

Der Gay-Geist ist ebenso wenig mehr zu erfassen wie der Zeitgeist.

Ende Juni 1969 erhob er sich in New York und setzte sich alsbald

international als CSD in vielen Ländern fest

VON PETER THOMMEN

Z

ehn Jahre später fand die erste

schweizerische Demo in Bern statt

und 1980 mit der GAY80 in Basel,

dann 1981 in Lausanne und zuletzt 1982 in

Zürich. Wobei Zürich im Sommer 1978 im

Park hinter dem Landesmuseum die erste

Schwulendemo erlebte.

Die vorgängig in die Schweiz gekommenen

Gastarbeiter aus Italien hatten unsere

Gesellschaft und auch die privaten Homophilen-Ringe

in den grossen Städten erschüttert.

Zum einen durch Tötungsdelikte

an Schwulen und zum andern als exotische

Partner für die Szene. Diese Südländer waren

(homo-)sexuell aktiv wie zuhause, aber

einfach anders. Das galt auch in der prüden

Heterakultur. Im Nachgang zu diesen Ereignissen

liessen sich die Aktivitäten der Homophilen

nicht mehr verheimlichen, auch

wenn diese seit 1942 schweizweit ab 20 Jahren

legal waren. Weibliche Homosexuelle

gab es damals offiziell gar keine. Und jüngere

Homosexuelle «durfte» es gar nicht geben.

Wir haben auch hier bei uns eine Geschichte

von Morden, Erpressungen und

Totschlägern. Von Familiendramen und

Selbstmorden, die in der Presse aufleuchteten.

Gängige Begründung für die Gewalttäter

waren: «Es hat mich geekelt», oder es war

dann Notwehr. Solche Gedanken bewegten

mich auch an der Tschetschenien-Demo in

Bern. Und nicht die global-politischen Phra-

sen der ParlamentarierInnen, die von unserer

Geschichte keine Ahnung haben.

Für Viele ist der Gay-Geist aber erst an

den modernen Buchstabenmenschen zu fassen

und an den neuzeitlichen Gender-Definitionen.

Welche davon es damals, oder schon

immer gegeben hat, entzieht sich unseren

Kenntnissen im Detail. Ich war schon immer

an anderen Kulturen und ihrem Umgang mit

Männerliebe interessiert (siehe: arcados.com

> um 1900 und > Sexualkultur). Jedenfalls

haben immer viele Menschen am Gay-Geist

Ich war schon immer an

anderen Kulturen und ihrem

Umgang mit Männerliebe

interessiert.

und an seinen Lüsten partizipiert, auch wenn

sie ihre Anteile «nur auf den Sex reduziert»

haben, was sie uns aber oft vorwerfen.

KeineR käme auf die Idee eine Hochzeitsgesellschaft,

eine Taufe, eine Verlobungsfeier

auf den Sex zu reduzieren. Genau

dies wird mit solchen Feiern ausgedrückt –

aber nicht ausgesprochen. Dazu waren – früher

zumindest - diese Veranstaltungen ja da!

Die Frage liegt auf der Hand: Sollen wir jetzt

auch solche Feiern nachahmen, von der Liebe

reden und über den Sex schweigen?

Anfang der 70er-Jahre ist Bewegung in

unsere Kreise gekommen. Die «Ringe» ha-

ben sich sichtbar geöffnet und damit ist auch

für die heimlichen Partizipanten selber ihre

heimliche Teilnahme sichtbar daran geworden.

Unangenehm wie die Gerichtsberichte

in den 60ern.

Die Schwulenbewegung hat ihre Sexualkultur

auch nicht ausschliesslich in schwulen

Ehen, Zweier-Partnerschaften und Familien

begriffen. Wohl wissend, dass die

Normalen einfach heimlich daran mitgeniessen.

Und das wird schwierig, wenn es ausschliesslich

Singles und exklusive Paare gibt,

egal welcher Zusammensetzung.

Ich bin überzeugt, dass die Schwulenbewegung

eines Tages auf die Ehe kommen

wird – nämlich dann, wenn sie bei den Hetero/as

selber nicht mehr populär sein wird.

Nichtsdestotrotz wird es immer Menschen

geben, die von Romantik und Ehe träumen!

Das sollen sie auch dürfen. Aber ob dieses

Modell auch für 70 Ehejahre hält, zeigt die

Realität. Für alle anderen braucht es andere,

nicht-mönchische und pragmatische Modelle,

die auch ihren Platz haben sollen. So bunt,

wie die Menschen unter dem Regenbogen

eben sind. Und was werden die Kinder aus

Regenbogenfamilien für Vorstellungen mitbringen?

Wir wissen es noch nicht.

P.S. Mit «den Italiener» sind hier natürlich

nicht alle gemeint, sondern nur derjenige

Teil, der hier mit Schwulen in Kontakt

gekommen ist.

Empfehlung: Neben dem Film «Der

Kreis» muss unbedingt auch die Dokumentation

«Katzenball» von Veronika Minder (2005)

über die Geschichten von lesbischer Liebe in der

Schweiz zur Kenntnis genommen werden.

CRUISER juni 2017


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Blick zurück

Cruiser vor 30 Jahren

Flashback

Cruiser feiert sein 30-jähriges Bestehen. Daher blicken wir während des

ganzen Jahres an dieser Stelle auf die alten Ausgaben zurück.

Dieses Mal müssen wir gar nicht gross kommentieren – der Text an sich

ist ein schönes Zeitdokument

CRUISER juni 2017


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Proud to be

@Pride

Besuche uns an der Pride in Zürich am 9. / 10. Juni

auf dem Kasernenareal oder in Bern am 25. / 26. August

beim Progr. Wir freuen uns auf dich!

CRUISER juni 2017


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Happy

pride 2017!

www.cruisermagazin.cH

CRUISER juni 2017