natur und mensch - Rheinaubund

rheinaubund.ch

natur und mensch - Rheinaubund

natur und

mensch

49. Jahrgang • Heftnummer 4 / 2007

La nature et l’homme

La natura e l’uomo

La natira e l’uman

Landschaftsinitiative

Chancen für den Oberrhein

Kein Platz für Rebhühner?

Rheinaubund


natur und

mensch

49. Jahrgang • Heftnummer 4 / 2007

Schweizerische Blätter

für Natur- und Heimatschutz

Impressum

Herausgeber:

Rheinaubund, Schweizerische

Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimat

Redaktion:

Günther Frauenlob (gf) Dipl. Geogr.

Geschäftsstelle des Rheinaubundes

und Redaktion:

Weinsteig 192

Postfach 1157

CH-8200 Schaffhausen

Telefon: 052 625 26 58

Telefon Redaktionsbüro:

052 625 26 67

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E-mail: redaktion@rheinaubund.ch

www.rheinaubund.ch

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Konto 300 550 758

Satz:

Diener + Bachmann GmbH

Martin Diener

Nordstrasse 108

8037 Zürich

Layout:

Günther Frauenlob, Christoph Frauenlob

Druck und Spedition:

Ropress Genossenschaft

Baslerstr. 106

8048 Zürich

Abonnementspreise 2007:

Inland Fr. 45.–, Ausland € 31.–,

Einzelheft Fr. 8.–

ISSN 0466-5899

Erscheinungsweise 6 x jährlich

Nachdruck von Beiträgen aus

«Natur und Mensch» werden gestattet unter

Quellenangabe und Zusand von 2 Belegen.

Die veröffentlichten Beiträge geben die

Meinung der Autorinnen und Autoren wieder

und müssen nicht immer der Auffassung des

Rheinaubundes entsprechen.

Titelfotos: photocase.de

Assoziierte Organisationen:

Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Aare

AQUA VIVA

IG Bielersee

ARGE Pro Thur

PROTÖSS

Bodensee-Stiftung

Verband zum Schutze des Greifensees

Schweizerische Greina-Stiftung

Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee

natur und mensch 4 / 2007

Inhalt

Gewässer

2 Chancen für den Oberrhein Jörg Lange

7 Für die Durchwanderbarkeit des Oberrheins: Jetzt! Nik Geiler

Mensch und Umwelt

10 Dauerbrenner Zweitwohnungsbau Giovanni Danielli

12 Parkplätze gehören nicht in den Wald – ein wahres Schauspiel

Andri Bryner

14 Friedhöfe im Wandel der Zeit Yvonne Aellen

Natur und Landschaft

17 Landschaftsinitiative – Raum für Mensch und Natur

Raimund Rodewald

20 Gubel – Uferlandschaft geschützt dank Beschwerderecht

Monika Kriemler

Artenschutz

21 Das Rebhuhn braucht mehr Lebensraum Markus Jenny

Aus dem Rheinaubund

22 Unser Geschäftsführer berichtet

26 „Adieu und Salü, Ruedi Schneider“ Jürg Bloesch

Mitteilungen

27 Kurzinformationen aus dem Umweltbereich

Leserbriefe

30 Auch die kleinen Fliessgewässer benötigen Aufmerksamkeit

Urs Fröhlich

Buchbesprechungen

31 Wildes Graubünden Martin Merker

31 Die Intelligenz in der Natur Jeremy Narby

32 Biber, Wolf und Wachtelkönig Hansjakob Baumgartner

32 Fische, Krebse, Muscheln in heimischen Seen und Flüssen

Wolfgang Hauer

Letzte Seite

33 Termine / Aktuelles


Editorial

Was ist wirklich wichtig?

Liebe Leserinnen und Leser,

… “Ja, ich komme sofort!” … nur noch schnell diese Mails absenden … trr-trr-trr: ein Mitglied

informiert mich über ein Neubauprojekt an der Aare, das müssen natürlich sofort bestimmte

Personen wissen, die Aktenlage muss geklärt und Termine festgelegt werden … !Ping! … aber

eigentlich sollte ich – neben weiteren 99 ganz wichtigen Dingen – an einem Artikel für eine

grosse Tageszeitung schreiben …

Alltag auf der Geschäftsstelle einer Umweltorganisation. Und ständig muss entschieden werden,

was ist wichtig und was weniger.

Wer mit offenen Sinnen durch unsere mitteleuropäischen

Landschaften wandert, den beschleicht

bald einmal ein seltsames Gefühl:

in den zersiedelten Gebieten des Schweizer

Mittellandes fehlt immer mehr die räumliche

Identifikation der Bewohner. „Heimat“

wird deshalb auch zunehmend nicht mehr

über den Landschaftsbezug vermittelt – ein

Fortschritt? Unser Energiehunger hat aus

den ehemals wilden Flüssen entweder langweilige

Staubecken oder armselige Rinnsale

gemacht, in denen Fische oft vergeblich

nach einem durchschwimmbaren Weg zu ihren

Laichbiotopen suchen – ein Fortschritt?

Die Feldhasen müssen sich auf immer kleiner

werdende Lebensrauminseln beschränken,

weil wir immer schneller und häufiger von A

nach B wollen – ein Fortschritt?

Der ursprünglich wichtige Drang zur Bewegungsfreiheit,

die ungebundene Mobilität

im Raum, führt uns mittlerweile zu kostspieligen

Sachzwängen (z.B. enormer Aufwand für

den Unterhalt der Verkehrsinfrastruktur) und

unangenehmen Einengungen (z.B. Panorama-

Unterbruch durch Ferienhäuser). Und eben

nicht nur uns, auch Natur und Landschaft

verändern sich dabei massiv. Somit müs-

Foto: photocase.de

sen wir den Leitspruch der Französischen

Revolution anpassen und ausrufen: „Liberté, fraternité, égalité – certainement, mais pour tous!

Und ein bisschen innehalten, um uns in Ruhe zu orientieren. Die wichtigen Werte des letzten

Jahrhunderts müssen ja nicht, extrem gesteigert, auch die Werte des jetzigen darstellen – oder

was meinen Sie?

„So vill Züügs, wo in euisem Bach läbt!“ ruft eine Fünftklässlerin an einer Exkursion

von VivaRiva aus. In einem Teil ihrer Umwelt, den sie bis jetzt wenig beachtete, tut

sich plötzlich eine neue, grosse und spannende Welt auf. Vielleicht gilt das ja auch für

unsere arg geschundenen mitteleuropäischen Landschaften?

Liebe Leserinnen und Leser, als neuer Geschäftsführer des Rheinaubunds freue

ich mich auf die gemeinsame Suche mit Ihnen nach dem, was für uns heute und

morgen wirklich wichtig ist!

Uwe Scheibler, Geschäftsführer Rheinaubund

natur und mensch 4 / 2007

Seite 1


Gewässer

Chancen für den Oberrhein

Der Oberrhein steht durch die anstehende Neukonzessionierung des französischen

Kraftwerks Kembs aktuell im Blickpunkt auch der Schweizer Öffentlichkeit.

Gelingt es, die Durchwanderbarkeit des Flusses wieder herzustellen und die

lange Restrheinstrecke unterhalb von Basel zu renaturieren, hätte dies auch für den

Hochrhein zentrale Bedeutung. von Jörg Lange

Der Oberrhein ist heute vor allem Schifffahrtsstrasse,

Trinkwasserspender, Erzeuger

erneuerbarer Energie, Kühlwasser lie fe rant

und Transporteur der kommunalen und indus

triellen Abwässer. Milliardeninvesti tionen

in die öffentliche und private Abwasser

reinigung und Regenwasserbehandlung

ha ben seit den 1970er Jahren zu einer starken

Verbesserung der Wasserqualität fast aller

Bäche und Flüsse im Rheineinzugsgebiet

geführt.

Die europäische Wasserrahmenrichtlinie

(WRRL) liess hoffen, dass sich auch die Be-

Seite 2 natur und mensch 4 / 2007

dingungen für den Naturschutz am Oberrhein

wieder deutlich verbessern würden,

for dert sie doch die Wiederherstellung eines

gu ten ökologischen Zustandes. Doch die

Bestandsaufnahme fiel ernüchternd aus,

denn nach Auffassung der Verwaltung wird

der Rhein und viele seiner Seitengewässer

den natürlichen, vom Menschen nur wenig

beeinflussten, „guten ökologischen Zustand“

voraussichtlich nicht erreichen. Ein

wichtiger Grund dafür ist der grosse Einfluss

der Anlagen zur Gewinnung von Wasserkraft

mit zahlreichen künstlichen Querbauwerken

und anderen Wanderungshindernissen sowie

die Schiffbarmachung. Die Wiederherstellung

der Durchgängigkeit des Oberrheins

und seiner Nebenflüsse gehört damit

zu den anspruchsvollsten Aufgaben der

Rhein anliegerstaaten.

Die Restrheinstrecke

zwischen Weil und Breisach

hat ein hohes ökologisches

Potenzial und ist für die

Wiedereinbürgerung

des Lachses von zentraler

Bedeutung.

Foto: J. Lange


Vor dem Ausbau durch Tulla

unterlag die Oberrheinaue

einer ständigen Dynamik

und Sukzession und bei

entsprechenden Abflüssen

erstreckten sich die Rhein-

arme noch um 1820 auf

einer Breite von bis zu 3 km.

Die Oberrheinebene –

eine durch den Menschen

geprägte Kulturlandschaft

Auch vor der Tullaschen Korrektion im 19.

Jahrhundert und dem Rheinausbau im 20.

Jahrhundert war die Oberrheinebene eine

durch den Menschen geprägte Kulturlandschaft.

Dennoch – die Aue unterlag einer

ständigen Dynamik und Sukzession und

bei entsprechenden Abflüssen erstreckten

sich die Rheinarme noch um 1820 auf einer

Breite von bis zu 3 km. Ausgedehnte Kies-

und Sandbänke sowie Weidenbestände

präg ten das Landschaftsbild. Auf den rund

2000 Kiesinseln fanden sich Vogelarten wie

Fluss regenpfeifer und Flussseeschwalbe

und für viele heute selten gewordene oder

ver schollene Insektenarten geeignete Lebens

räume.

Über viele Jahrhunderte wurde lokal immer

wieder versucht, den Rhein in ein vorgegebenes

Bett zu zwingen, zum Teil mit

erheblichem Aufwand. Doch erst mit der

„Rektifikation“ des Rheins nach Plänen des

badischen Ingenieurs Johann Gottfried

Tulla (1770–1828) und den Bauarbeiten

in den Jahren 1842–1876 gelang dies. Die

Idee Tullas war es, durch gezielte kleine

Stichkanäle und Verengung des Flussbettes

sowie Längsdämme, den Rhein sich selbst

ein tieferes, kürzeres Bett graben zu lassen.

Tullas hauptsächliche Ziele waren der Schutz

der am Rhein gelegenen Ortschaften vor

Hochwasser und die Trockenlegung weiter

Auenbereiche zu Gunsten einer land- und

forstwirtschaftlichen Nutzung (Tulla 1825).

Tullas Plan, den Rhein sich selber tiefer legen

zu lassen, war aber erfolgreicher als gedacht

und erwünscht. So lag der Rhein bei Istein

bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu

sieben Meter tiefer als vor der Rektifikation.

Die Tiefenerosion des Rheins hatte erhebliche

Grundwasserabsenkungen zur Folge. In

den ehemaligen Überschwemmungsflächen

entstand eine so genannte „Trockenaue“.

Dort, wo sich früher der Wildstrom in der

„Furkationsaue“ kilometerbreit verzweigte,

fliesst er heute fast geradlinig durch trockene

Kiefernwaldareale.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die

politische Ausgangssituation am Oberrhein

vollständig verändert. Mit dem Versailler

Vertrag von 1919 bekam Frankreich das alleinige

Recht zur Nutzung der Wasserkraft des

südlichen Oberrheins zugesprochen. Frankreich

begann die bereits 1902 auf Initiative

des elsässischen Industriellen René Koechlin

erarbeiteten Pläne für einen vollständig betonierten

Kanal parallel zum „Tullaschen

Rhein“ – den Grand Canal d’Alsace (auch

Rheinseitenkanal genannt) – in die Realität

umzusetzen.

Mit der Fertigstellung des Kanals und seiner

vier Wehranlagen mit Laufwasser-Kraftwerken

in den 1950er Jahren wurde der

ehemalige Tullarhein auf einer Fliessstrecke

natur und mensch 4 / 2007

von etwa 45 Kilometern zwischen Märkt

(kurz unterhalb von Basel) und Breisach

zur Restwasserstrecke. Während im Grand

Canal d’Alsace mehr als 1400 m 3 /s zur Stromgewinnung

und zur Sicherung der Schifffahrt

abgeleitet werden, wird der „Rest“abfluss im

Rhein im Mittel an 300 Tagen im Jahr auf

20 bis 30 m 3 /s reguliert. Von der einstigen

verzweigten Auenlandschaft am südlichen

Oberrhein ist nichts mehr geblieben.

Ursprünglich sollte der Rheinseitenkanal

bis nach Strassburg durchgebaut werden.

Dies stiess jedoch aus mehreren Grün den

auf deutscher Seite auf Kritik. Zum einen

wollte Deutschland sich den direkten Zugang

zum schiffbaren Kanal sichern, zum

anderen wollte man die starken Grundwasserabsenkungen,

wie sie süd lich Breisach

eingetreten waren, nördlich Breisach verhindern.

Die Einsprache Deutsch lands führte

zu der im Staatsvertrag 1956 festgelegten

Schlingenlösung zwischen Breisach und

Strassburg, nach der in jeder Stauhaltung

Kraftwerk und Schleuse in einem kurzen

Seitenkanal (Schlinge) und jeweils ein mobiles

Stauwehr (zur Regulierung des Abflusses)

im vorhandenen Rheinbett erstellt wurden.

Hinzu kamen noch 7 Schwellenwehre

sowie das Kulturwehr Kehl, um den Grundwasserstand

zu stützen und Wasser in die

Altrheinarme gelangen zu lassen. Weiter

stromabwärts wurde der Rhein selbst kanalisiert

und die Kraftwerke Gambsheim

(1974) und Iffezheim (1977) gebaut, die das

gesamte Flussbett versperren.

Seite 3


Gewässer

Bis heute sind erst die

Kraftwerke Iffezheim und

Gambsheim mit funktio-

nierenden Fischtreppen

ausgestattet.

Grafik: J. Lange

Die Folgen

des Oberrheinausbaus

Der Ausbau des Rheins hat die natürliche

Dynamik des Stromes von Basel bis Iffezheim

weitgehend beseitigt (IKSR 2003).

Der Lauf zwischen Basel und Maxau ist

heute um rund 80 km kürzer, die Hochwasser

aus Alpen, Schwarzwald und Vogesen

sind erheblich früher in Karlsruhe

und Mannheim. Lichtliebende Arten, Stör -

zeiger und Pionierarten haben sich aus

der Landschaft zurückgezogen. Feh lende

Substratverlagerungen haben die Ver jüngung

der Weichlaubhölzer auf kleine Flächen

reduziert. Einst typische Arten wie Deutsche

Tamariske, Ufer-Reitgras, Wilde Weinrebe,

Seite 4 natur und mensch 4 / 2007

Fischadler, Lachs und Fisch otter sind verschwunden.

Land- und Forstwirtschaft

wurden intensiviert, Sied lungen, Strassen

und Gewerbegebiete entstanden in den

ausgedeichten Altauen. Auf trockenen

Kiesflächen der Trockenaue im Süden konnte

sich örtlich eine wärmeliebende Flora

und Fauna mit seltenen Arten entfalten. Nur

im Bereich der freien Fliessstrecke unterhalb

von Iffezheim sind noch wenige naturnahe

Auenwaldflächen zu finden.

Zwischen Basel und Mainz gingen durch die

Korrektion und den Staustufenausbau ca.

660 km 2 Überschwemmungsfläche verloren.

Allein zwischen Breisach und Iffezheim rund

160 km 2 . Vor diesem Hintergrund ha ben sich

die Rheinanliegerstaaten im Rahmen von in-

ternationalen Vereinbarungen und Ab kom-

men verpflichtet, den Hoch was serschutz

durch Bereitstellung von Rück halteräumen

zu verbessern mit dem Ziel, eine 200-jähr-

liche Hochwassersicherheit wie vor dem

Staustufenbau wieder zu er reichen. Wesent-

liche Elemente dieser umfassen den Hochwasserschutzkonzep

tion sind Deich rückverlegungen,

Wie der anschluss ehemaliger Alt-

arme und Auen sowie der Bau von Hochwasserrück

hal te räumen (sog. Poldern). Bei

extremen Hochwasserereignissen werden

die ein gedeichten Flächen geflutet, um die

Hochwasserspitze des Rhein ab flus ses zu

kappen.

1982 legten Frank reich und Deutschland

vertraglich fest, welche Massnahmen für den

Hoch wasserschutz für erforderlich gehalten

wurden. 1988 folgte der Beschluss

der Landesregierung Baden-Württemberg

Durch die Verbreiterung des

Altrheins um durchschnittlich

90 Meter entsteht ein

Rückhaltevermögen von

rechnerisch 25 Mio cbm, ca.

9 Mio. cbm durch das

zusätzliche Volumen und

ca. 16 Mio. durch die Verzö-

gerung des Hochwasserabflusses

durch Vegetation

auf den Tieferlegungsflächen.

Foto: J. Lange

zur Entwicklung eines Rahmenkonzep-

tes, dem sogenannten Integrierten Rheinprogramm

(IRP), zur Umsetzung der vereinbarten

Rück halte massnahmen im Land

Baden-Württemberg. Das Integrierte Rheinprogramm

hat zwei grundsätzlich gleichrangige

Ziele:

1) „Wiederherstellung des Hochwasserschutzes“

wie vor dem Oberrheinausbau

und

2. „Erhaltung und Renaturierung der Auenlandschaft

am Oberrhein“

Trotz dieses Beschlusses und obwohl heute

in der Wasserwirtschaftsverwaltung vermehrt

ökologisch orientierte Mitarbeiter tätig

sind, liegt die Priorität bei der derzeitigen

Umsetzung des IRP bisher weitgehend auf

dem Hochwasserschutz. Insgesamt umfasst

das IRP 13 Rückhalteräume zwischen Weil

und Mannheim. In dem vorliegenden Artikel

wird nur auf den südlichsten der geplanten

Rückhalteräume, den Rück halteraum Weil-

Breisach, eingegangen, da sich mit diesem

letzten frei fliessenden Rhein abschnitt

am südlichen Oberrhein die grössten

Entwicklungspotenziale verbinden.

Rückhalteraum Weil-Breisach

Die 1993 bekannt gewordene ursprüngliche

Planung für den Rückhalteraum sah eine

Tieferlegung auf 10 km 2 Fläche vor. Südlich

von Breisach waren durch die Grund -

wasserabsenkung im Gefolge der Soh lenerosion

des Rheins europaweit bedeutende

Trockengebiete entstanden, so dass diese

Planung letztlich durch die massiven Ein -


wän de der betroffenen Rhein an lie gergemeinden

sowie der Um welt ver bände verworfen

wurde. 1997 stellte Umweltminister

Schaufler die Pläne zum heute etwas mo-

difizierten „90 Meter-Streifen“ vor. Wesent-

liche Gründe bei der Abwägung für die

Tieferlegungsvariante gemäss Raum ordnungs

beschluss waren:

• wertvolle Trockenstandorte und Waldflächen

werden geschützt

• die Wiederbegründung einer Aue wird

möglich

• die Grundwasserstände beiderseits des

Rheins bleiben nahezu gleich

• ökonomische Vorteile der Variante

• der überwiegende Teil der benötigten

Grundstücke ist Landes- und Bundes-

eigentum

Der geplante Rückhalteraum

Weil-Breisach in Zahlen:

Geländeabtrag auf einer Fläche von

ca. 442 ha (Wald 382 ha, Landwirtschaft

17 ha, Wege etc. 43 ha) mit Abtragshöhen

von 3–10 m auf einer Breite von stellenweise

bis zu 600 m. Abbau von ca. 50

Mio. Tonnen Kies, Rechnerisches Rückhaltevermögen

25 Mio cbm, ca. 9 Mio.

cbm durch das zusätzliche Volumen und

ca. 16 Mio. durch die Verzögerung des

Hochwasserabflusses durch Vegetation

auf den Tieferlegungsflächen.

Die Weiterentwicklung des Konzeptes hin

zu einer Furkationsaue oder der Schaffung

ähnlicher Strukturen wird im Raum ordnungs

beschluss zwar ausdrücklich offen

gehalten (RP 2003), doch eine Diskussion

darüber wird seitens des Landes Baden-

Würt temberg strikt abgelehnt.

Die notwendigen Erdbewegungsarbeiten

des Rückhalteraums am „Altrhein“ zeigen

die ausserordentliche Dimension des

Der Neukonzessionierung

des KW Kembs kommt zentrale

Bedeutung für die

weitere ökologische Entwicklung

des Altrheins zu.

Foto: J. Lange

Projektes. Über mehr als 15 Jahre werden

sich die Baumassnahmen hinziehen und die

Planer gehen davon aus, dass das Rück haltevolumen

erst nach einer anschliessenden

Vegetationsentwicklung von weiteren zehn

Jahren vollständig bereitstehen wird.

Ausgelegt wird der „Rückhalteraum südlich

Breisach“ auf ein zweihundertjährliches

Hochwasserereignis. Der neu geschaffene

Auewald soll dann einen Hochwasserabfluss

von bis zu 4.500 m 3 /s „abbremsen“.

Neukonzessionierung Kembs

Ob am „Altrhein“ zwischen Weil und Breisach

tatsächlich eine für Mitteleuropa einzigartige

Synthese von Hochwasserrückhalt,

Naturschutz und Naherholung realisiert werden

kann, hängt auch vom derzeit anhängigen

Neukonzessionierungsverfahren für

das erste Rheinlaufwasserkraftwerk Kembs

an der südlichsten Staustufe im Grand Canal

d’Alsace ab, dessen Konzession Ende 2007

ausläuft. Nur mit einer deutlich höheren

Mindestwasserführung im „Altrhein“ als

bisher kann auf den Tieferlegungsflächen

in Ansätzen wieder eine „Wildstromaue“

entstehen. Im rheinparallelen Grand Canal

d’Alsace werden bis 1.400 m 3 /s Rheinwasser

zur Stromgewinnung und zur Sicherung der

Schifffahrt abgeleitet.

natur und mensch 4 / 2007

Im aktuellen Konzessionsentwurf für das

Kraftwerk soll die Mindestwassermenge

auf 52 m 3 /s im Winter und je nach Wasserdargebot

des Rheins auf bis zu 150 m 3 /s

in den Sommermonaten festgelegt werden.

Wichtigste der seitens der EDF vorgeschlagenen

Ausgleichsmassnahmen für die

Wasserkraftnutzung im Rheinseitenkanal ist

aus Sicht der Umweltverbände die Initiierung

von Seitenerosion auf 14 Kilometern

Strom länge durch die Entfernung der harten

Uferverbauung auf der französischen

„Rheininsel“ zwischen Altrhein und Rhein seitenkanal.

Neben der erhöhten Wassermenge

kommt insbesondere für die Verbesserung

der Fischhabitate der Akti vie rung von Geschiebe

auf der stabilen Sohle des Altrheins

eine zentrale Bedeutung zu.

Wiederherstellung der

ökologischen Durchgängigkeit

des Oberrheins

Der Rhein und seine Nebengewässer waren

aufgrund ihrer geographischen Lage

nicht nur irgendwelche, sondern gemeinhin

die Lachsgewässer Europas. Wasserregime,

gemässigte Wassertemperaturen und ausreichend

Sauerstoff im Lückensystem der

Stromsohle waren Garant für die grösste

Mit Erfolg steigen die Lachse

und andere Langdistanzwanderfische

bereits wieder

bis Strasbourg auf – und sie

kämen auch noch weiter,

wären die dann folgenden

Kraftwerke und Wehre mit

entsprechenden Fischwegen

ausgestattet.

Foto: J. Lange

Seite 5


Lachspopulation Europas. Selbst nach der

Tullaschen Rheinregulierung wurden im

Durchschnitt allein im Oberrhein noch etwa

70.000 Lachse pro Jahr gefangen. Wie

es dem Lachs und vielen anderen ehemaligen

Bewohnern durch Ausbau des Rheins

zur Schifffahrtsstrasse und Umwidmung in

einen Abwasserkanal erging, ist allgemein

bekannt. Die letzten Lachsfänge stammen

aus den frühen 1960iger Jahren und geraten

langsam in Vergessenheit.

Zwar ist der Lachs heute wieder in den

Rhein zurückgekehrt, allerdings ist man im

Rheineinzugsgebiet noch weit von dem Ziel

sich selbst erhaltender Wander fisch po pu latio

nen entfernt.

Um das Ziel der IKSR von mindestens 7000

rückkehrenden Lachsen zu erreichen sind

alle! der bisher festgestellten potenziellen

Lachshabitate von rund 700 ha in den Zuflüssen

des Rheins zu erschliessen. Die Wie-

derherstellung der Durchwanderbarkeit bis

Breisach erschliesst allein mit Elz, Dreisam,

Wiese, Birs, Ergolz und dem Altrhein zwischen

Weil und Breisach etwa 150 ha potenzieller

Lachshabitate.

Bevor Lachs & Co, dass heisst Wanderfische,

wie z.B. der Maifisch, wieder die Möglichkeit

haben, über den Altrhein in grosser Zahl auch

bis nach Basel aufzusteigen, müssen noch

viele Wanderungshindernisse im Oberrhein

überbrückt werden. Zwar sind die Kraft-

werksanlagen in Iffezheim und Gambsheim

inzwischen mit technischen Fischpässen aus-

gestattet, aber bis die Wanderfische den Alt-

rhein bei Breis ach erreichen können, müssen

noch mindestens 4 weitere Kraft-

werksanlagen mit entspre chenden Anlagen

ausgerüstet werden. Und auch in den

Seite 6 natur und mensch 4 / 2007

Altrheinarmen (Schlin gen) verhindern vier

mobile und sieben Schwellenwehre den

Aufstieg der Fische. Geschätzte Kosten der

genannten Mass nah men ca. 60 Mio. EUR.

Um diese Kosten zu sparen hat die EDF

bereits 2003 den Vorschlag gemacht, wie

an der Garonne die Lachse mit dem LKW

von Gambsheim bis in den Altrhein nach

Breisach zu transportieren (EDF 2003). Ein

aus Sicht der Um welt verbände absurder

Vorschlag, zum einen, weil es nicht nur um

den Lachs geht, und zum anderen weil man

den wandernden Fischen nicht ansieht, ob

sie in den Altrhein oder z.B. die Ill, die Kinzig

oder die Dreisam wollen.

Zu den technischen Möglichkeiten und

Kosten von Fischaufstiegs- und Abstiegsanlage

liegt eine Machbarkeitsstudie im

Auftrag der IKSR im Entwurf vor (IKSR 2005).

(siehe hierzu auch folgenden Artikel)

Ausblick

Die Umweltverbände aus der Schweiz,

Deutsch land und Frankreich schlagen für

den freifliessenden Abschnitt des Rheins

zwischen Weil und Breisach seit Jahren

vor, die „Gestaltbildung“ von grossen Hochwässern

kontrolliert zuzulassen (ALSACE

NATURE 2003). Das Ergebnis wäre ein abwechslungsreiches

Mosaik aus Kiesbänken,

Auewaldbereichen und Gerin nen, das eine

hohe ökologische Wertigkeit aufweist. Im

Vorschlag der Umweltverbände würde der

revitalisierte „Altrhein“ nicht nur für viele

Wanderfische zu einem den Rhein seitenkanal

umgehenden Gewässer, sondern

auch zu einem attraktiven, in Mittel europa

so selten gewordenen naturnahen Flusslebens

raum.

Mensch und mehr Natur am

Althrein: kein Gegensatz.

Foto: J. Lange

Allein es fehlt an den politischen Sig nalen

und der Freigabe der entsprechen den Mit-

tel, um die lange formulierten Ziele auch

endlich zeitnah umzu setzen. Die Rhein-Mi-

nisterkonferenz am 18. Okto ber 2007 in

Bonn könnte ein solches Zeichen setzen.

Angesichts des finan ziellen Mehrwer tes, die

der Mensch aus Schifffahrt und Stromgewinnung

(ca. 9 Mrd. Kilowatt stunden) zieht,

kann die Durchgängigkeit des Oberrheins

nicht an finanziellen Mitteln scheitern. Sie

ist eine ökologische Ver pflichtung gegenüber

nachfolgenden Generationen.

Weiterführende und zitierte Literatur

AN – ALSACE NATURE, BASNU, BUND, BBU,

REGIOWASSER (2003): « La seconde jeunesse du

viecus-rhin – Die zweite Jugend des Restrheins »

A4, 15 Seiten. http://www.restrhein.de/pdfs/

broschuere.pdf

EDF – ELECTRICITÉ DE FRANCE (2003): « Die

nachhaltige Entwicklung am deutsch-französischen

Rhein – Die Position der EDF ».

HONSELL, MAX (1885): Die Korrektion des

Oberrheins von der Schweizer Grenze unterhalb

Basel bis zur Grossh. Hessischen Grenze

unterhalb Mannheim insbesondere der Badische

Antheil an dem Unternehmen mit einem Atlas

enthaltend eine Karte des Rheinlaufes von

Basel bis zur Grossh. Hess. Grenze und 9 Tafeln,

Karlsruhe 1885.

IKSR (2001): Rhein 2020 – Programm zur nach-

haltigen Entwicklung des Rheins. (www.iksr.org)

IKSR (2003): Begleitbericht zur Rheinstrukturkarte

des Rheins (www.iksr.org)

IKSR (2005) Machbarkeitsstudie für die Wiederherstellung

der ökologischen Durchgängigkeit

des Oberrheins für die Fischfauna – Abschlussbericht

[Bearb. Büro Stucky] – unveröffentlicht.

NICHTAWITZ, A. & P. GRAFENBERGER, VA TECH

HYDRO (2006): Fish-friendly turbine technology:

107–115; in: DWA-Themenheft: Durchgängigkeit

von Gewässern für die aquatische Fauna.

RP – REGIERUNGSPRÄSIDIUM FREIBURG (2003):

„Raumordnerische Beurteilung Rückhalteraum

Weil-Breisach – Tieferlegung von Vorlandflächen“,

Freiburg, Oktober 2002, 144 S. plus Anhänge.

Tulla, Johann Gottfried (1825): Über die

Rectification des Rheins von seinem Austritt

aus der Schweiz bis zu seinem Eintritt in das

Grossherzogthum Hessen, Karlsruhe 1825.

Dr. Jörg Lange (Limnologe)

regioWASSER e.V.

Walter-Gropius-Strasse 22

79100 Freiburg i./Br.

E-Mail: lange@vauban.de


Gewässer

Für die Durchwanderbarkeit des Oberrheins: Jetzt!

Die Internationale Rheinschutzkommission IKSR hat sich mit dem Entwurf des

Papiers „Auf dem Weg zum Masterplan“ Gedanken zur weiteren ökologischen

Entwicklung am Oberrhein gemacht. Fünf Umwelt- und Naturschutzverbände aus

der Schweiz und Baden-Württemberg nehmen dazu wie folgt Stellung. von Nik Geiler

Seit der Inbetriebnahme des Fischpasses

an der untersten Staustufe im Oberrhein

(Iffezheim) im Jahr 2000 liegen sieben Jahre

Erfahrungen mit dem Fischaufstieg vor:

Jedes Jahr wird der Iffezheimer Fischpass

von Zehntausenden von Fischen genutzt.

Dieser Erfolg hat sich seit dem letzten Jahr

auch an dem neuen Fischpass in Gambsheim

eindrucksvoll fortgesetzt.

An den Erfolg von Iffezheim

und Gambsheim anknüpfen!

Die Erfolgsbilanz der Fischpässe in Iffezheim

und Gambsheim wird nicht nur durch die

Gesamtzahl der aufsteigenden Fische belegt.

Der Aufstieg von 110 Meerneunaugen

im ersten Halbjahr 2007 am Fischpass in

Gambsheim demonstriert, dass ohne jegliche

Besatzmassnahmen über Jahrzehnte im

Oberrhein verschollene Wanderfischarten

– wie das Neunauge – dank des Fischpasses

ihren ursprünglichen Lebensraum zurückerobern.

Angesichts der beeindruckenden Fischaufstiegszahlen

können die Umwelt verbände

einen postulierten weiteren Monitoring-

und Forschungsbedarf von vielen Jahren

nicht erkennen. Die Erfahrungen und Erfolge

der beiden Fischaufstiegshilfen in Iffezheim

und Gambsheim reichen aus, um auch

die Kraftwerksstufen von Strasbourg bis

Marckolsheim ab sofort mit Fischpässen bis

spätestens im Jahr 2015 auszurüsten. Dabei

kann durchaus ein begleitendes Monitoring

erfolgen: Mit den Erfahrungen der untenliegenden

Staustufen können die weiter oberhalb

zu errichtenden Fischpässe jeweils verbessert

werden.

Nur weitere Fischpässe öffnen

den Weg zu den angestammten

Laich- und Jungfischhabitaten!

Nur wenn die Staustufen von Strasbourg

bis Marckolsheim passierbar gemacht werden,

kann das Potenzial der Laich- und

Jungfischhabitate im südlichen Oberrhein

(„Alter Rhein“) und seinen Nebenflüssen genutzt

werden. Für den Lachs bedeutet dies:

Während in der Vorkriegszeit am südlichen

Oberrhein noch jährlich 70.000 Lachse ge-

natur und mensch 4 / 2007

fangen wurden, besteht jetzt die Aussicht,

wieder einen Bestand von 7.000 Lachsen

anzusiedeln. Hierfür stehen Laich- und

Jungfischhabitate in der Grössenordnung

von 700 Hektar zur Verfügung. Knapp ein

Fünftel dieser Habitate ist nur erschliessbar,

wenn die Passierbarkeit des Rheins bis

einschliesslich Marckolsheim gewährleistet

werden kann. Bei der Vielzahl von einschränkenden

Parametern für sich selbst reproduzierende

Lachsbestände kommt es darauf

an, dass tatsächlich jeder zur Verfügung

stehende Hektar an Jungfischhabitaten erreichbar

und genutzt werden kann! Auf die

Habitate im Elz-Dreisam-System, im „Alten

Rhein“ zwischen Märkt und Breisach, (und

später in der Wiese sowie in der Birs) kann

und darf nicht verzichtet werden!

Die Durchwanderbarkeit ist die

Basis einer erfolgreichen Umsetzung

der Wasserrahmenrichtlinie

Die Schaffung der Durchwanderbarkeit im

südlichen Oberrhein entspricht nicht nur

dem Gebot des IKSR-Programms „Lachs

2020“. Sie stellt auch die Basis dar, um die

Anforderungen der EG-Wasser rah menrichtlinie

(WRRL) erfolgreich umsetzen zu

kön nen, in der gefordert wird, dass das „gute

ökologische Potenzial“ in den „Wasserkör

pern“ des südlichen Oberrheins so weit

wie möglich an den „guten ökologische Zustand“

angenähert werden kann. Der Nachweis

über den Grad der Zielerreichung

kann nur gelingen, wenn auch hinsichtlich

Es geht nicht nur um

den Lachs. Auch andere

Langdistanzwanderfische,

wie zum Beispiel das Meerneunauge,

gehörten früher

zum natürlichen Fisch-

bestand des Oberrheins.

Foto: fugle og natur / DK

Seite 7


der Fischfauna eine nur „… geringfügige

Abweichung der Arten in Zusammensetzung

und Abundanz …“ belegt werden kann.

Hierfür ist aber die Durchwanderbarkeit des

stauregulierten Oberrheinabschnitts die

Grundbedingung. Mit der Realisierung der

Durchwanderbarkeit haben Frankreich und

Deutschland somit den entscheidenden

Schlüssel zur Umsetzung der WRRL in der

Hand!

Fischpässe entsprechen dem

Gebot der Verhältnismässigkeit!

Die von der IKSR in Auftrag gegebene Mach -

barkeitsstudie (Szenario II) für die Durchwanderbarkeit

des staugeregelten Oberrheins

veranschlagt die Kosten für die Durch-

gängigmachung des Oberrheins von Strasbourg

bis einschliesslich Marckolsheim auf

etwa 76 Mio. Euro. Werden diese Kosten

über sechs Jahre bis 2015 gestreckt, ergeben

sich Investitionsbeträge von etwa 13

Mio. Euro im Jahr. Diese Kosten sind den

Einnahmen der Konzessionsinhaberin für

die – längst abgeschriebene – Kraftwerkskaskade

am südlichen Oberrhein gegenüberzustellen:

Der Gewinn aus der Verstromung

des Rheinwassers beläuft sich schätzungsweise

auf 400 Mio. Euro im Jahr. Die Investitions-

und Betriebskosten für den Bau

der Fischpässe und der naturnahen Umgestaltung

der „Festen Schwellen“ verletzen

somit nicht im Entferntesten das Gebot der

Verhältnismässigkeit in Art. 4 (5) der WRRL.

Um diese Kosten zu sparen hat die EDF

bereits 2003 den Vorschlag gemacht, wie

an der Garonne die Lachse mit dem LKW

von Gambsheim bis in den Altrhein nach

Seite 8 natur und mensch 4 / 2007

Breisach zu transportieren. Ein aus Sicht

der Umweltverbände absurder Vorschlag,

zum einen, weil es nicht nur um den Lachs

geht, und zum anderen weil man den wandernden

Fischen nicht ansieht, ob sie in den

Altrhein oder z.B. die Ill, die Kinzig, die Elz

oder die Dreisam wollen.

Die Realisierung der Durchwanderbarkeit

stösst auf keine unüberwindbaren finanziel-

len Probleme und ist der Konzessions inha be-

rin im Hinblick auf die oben er wähnten positi-

ven Effekte durchaus zuzumuten – zumal

die EdF selbst schon im Jahr 2002 auf dem

NGO-Kongress in Colmar zum „Alten Rhein“

postuliert hat, dass die Wiederan sied lung

des Lachses im Oberrhein und die Durch-

wanderbarkeit auch auf ihrer Agenda stehe.

Keine neuen Kraftwerke

am südlichen Oberrhein!

Neue Kraftwerke an den „Kulturschwellen“

lehnen die unten aufgeführten Umwelt-

NGOs ebenso ab wie einen immer wieder

ins Gespräch gebrachten Bau einer

Grossstaustufe bei Neuburgweier. Jedes

weitere Kraftwerk würde auf Grund der

Fischschädigungen beim Turbinen betrieb

die Rate einer erfolgreichen Fischabwanderung

weiter schmälern. Entsprechend

der „Machbarkeitsstudie“ der IKSR sind

die „Festen Schwellen“ zumindest mit

Fischpässen auszustatten. Die Passierbarkeit

der „Festen Schwellen“ ist Voraussetzung

dafür, dass Wanderfische das Elz-Dreisam-

System erreichen können. Ferner kann damit

der Austausch mit dem rheinparallel

geführten Altrheinverbund signifikant verbessert

werden.

Die Wiedereinbürgerung

des Lachses ist schwierig,

weshalb jeder zur Verfügung

stehende Hektar an

Jungfischhabitaten auch in

den Rheinzuflüssen erreichbar

sein sollte. Im Bild die

Elz bei Waldkirch.

Foto: Günther Frauenlob

Die Zeit für weitere

Verbesserungen nutzen!

Ferner sollte die IKSR Untersuchungen initiieren,

um abzuklären, ob es ökologisch

sinnvoll ist, auch alle Kraftwerksstufen im

Rheinseiten kanal mit Fischauf stiegs hilfen

auszurüsten. Ferner sollten alle An streng un-

gen unternommen werden, um durch die

Entwicklung von weniger fischschädlichen

Turbinen und begleitender Massnahmen

die Abwanderung (insbesondere der Aale)

in deutlich höherem Masse als bislang ge-

währleisten zu können. Der Schutz der

Lachse im Nordostatlantik und die Verbesserung

der Einwanderungsmöglichkeiten

im niederländischen Rheinästuar sind wei-

tere Bausteine, um eine naturnähere Fischfauna

auch im Oberrhein zu erreichen.

Perspektivisch ist der Masterplan so zu gestalten,

dass auch die künftige Durch wanderbarkeit

der staugeregelten Hoch rheinabschnitte

mit berücksichtigt werden kann.

• Ak Wasser im BBU

• Arbeitsgemeinschaft Renaturierung

des Hochrheins

• BUND LV Rheinland-Pfalz

• Landesnaturschutzverband Baden-

Württemberg (LNV)

• Naturschutzbund (Nabu) LV Baden-

Württemberg

• regioWASSER e.V.

Nik Geiler

Arbeitskreis Wasser

im Bundesverband Bürgerinitiativen

Umweltschutz e. V.

Rennerstr. 10

D – 79106 Freiburg

Tel. 0049 (0)761 27 56 93


Foto: photocase.de

Aufmerksam sein.

Entwicklungen verfolgen.

Dahin plätschern lassen?

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natur und mensch 4 / 2007

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Seite 9


Mensch und Umwelt

Dauerbrenner Zweitwohnungsbau

Der noch immer boomende Zweitwohnungsbau ist ein Dauerbrenner

in der Schweiz. Heute wie vor 20 Jahren stellt man sich die gleichen

Fragen, die jetzt durch die Aufhebung der Lex Koller neue Aktualität

erhalten.

von Giovanni Danielli

Der Bundesrat hat am 4. Juli 2007 beschlossen,

die Lex Koller (Bundesgesetz über den

Erwerb von Grundstücken durch Personen

im Ausland) aufzuheben. Damit wird Aus ländern

künftig ermöglicht, ohne kompli ziertes

Bewilligungsverfahren Grund stücke in der

Schweiz zu erwerben. Mit der noch folgenden

Diskussion im Parlament wird das Problem

des überbordenden Zweit wohnungsbaus in

der Öffentlichkeit noch mehr an Bedeutung

gewinnen. Die Proble matik ist jedoch nicht

neu. Der Berner Tou rismusprofessor Jost

Krippendorf hat vor mehr als 20 Jahren in der

4. Auflage des Bestsellers „Die Land schaftsfresser“

folgendes geschrieben: „..wie oft

werde ich wohl noch aufgefordert, über die

touristischen Landschaftsfresser zu schreiben

und zu reden. Ist es nicht unheimlich,

dass dieses Thema ein Dauerbrenner bleibt,

ja in verschiedenen Feriengebieten aktueller

denn je ist. Obwohl man darüber seit über

einem Jahrzehnt spricht, Bücher veröffentlicht,

Kongresse und Roundtable-Gespräche

durchführt und politische Bekenntnisse abgibt.

Obwohl die Zusammenhänge längst

jedermann klar geworden sein müssten.

Obwohl es kaum noch Forschungslücken gibt

und man eigentlich genau weiss, wie dem

Ganzen beizukommen wäre, damit es endlich

aufhört.“

Zwei Jahrzehnte nach dieser Feststellung

konnten weder die Raumplanung noch

andere Instrumente den Zweitwohnungsboom

bremsen. Vor allem die attraktiv en

Feriengebiete sind bevorzugte Standorte

für Zweitwohnungen. Die starke Nachfrage

hat dazu geführt, dass gesamtschweizerisch

heute mehr Betten in dieser Unterkunftsform

zu finden sind als in der Hotellerie.

Aktuell werden gesamtschweizerisch

rund 12 Prozent aller Wohnungen als Zweitwohnungen

genutzt. Dieser Anteil beträgt in

den Tourismuskantonen Wallis, Graubünden

Seite 10 natur und mensch 4 / 2007

und Tessin örtlich über 60 Prozent des Gesamtwohnungsbestandes.

Der Zweitwohnungsbau bietet neben den

Gefahren auch Chancen. Hier sind insbesondere

zu nennen die daraus resultierende

Wertschöpfung, die Schaffung von

Arbeitsplätzen, die Stärkung der Gemeindehaushalte

durch Steuern, die verbesserten

Ge meindeinfrastrukturen, die Attraktivität

der Destination und die Auslastung der

Bergbahnen. Gefahren sind hingegen insbesondere

die Zersiedelung der Landschaft,

die Bodenpreissteigerung, die saisonal tiefen

Auslastungen, die „Kannibalisierung der

Hotellerie“ sowie die hohen Infrastrukturkosten.

Vielfältige Steuerungs-

instrumente

In unserem Nachbarland Österreich bestehen

regional sehr einschränkende Regelun

gen. Gemäss § 12 ff. Tiroler Raumordnungsgesetz

besteht ein grundsätzliches

Zweitwohnungsverbot für Personen mit

Wohnsitz ausserhalb der Gemeinde, wenn

der Ferienwohnungsanteil über 8 Prozent

beträgt. Ortsansässige dürfen in ihrem

Wohnhaus oder in angrenzenden Gebäuden

bis zu drei Ferienwohnungen zur Vermietung

erstellen. Der Hauptzweck dieser Regelung

ist die Vermeidung von „kalten Betten“ und

der Schutz der Hotellerie. In der Schweiz

würde eine solche Regelung mit dem Verf

assungsrecht der Wirtschaftsfreiheit und

mit dem Binnenmarktgesetz kollidieren

(keine Diskriminierung ortsfremder Marktteilnehmer).

Grundsätzlich bestehen in der Schweiz drei

Hauptsteuerungsinstrumente zur Lenkung

des Zweitwohnungsbaus, nämlich raumpla-

Der Anteil der Zweit wohnun

gen beträgt in den

Tourismuskantonen Wallis,

Graubünden und Tessin

örtlich über 60 Prozent des

Gesamtwohnungsbestandes.

Im Bild Ascona (links) und

St. Moritz.

nerische Instrumente, abgabenrechtliche

Massnahmen und Eingriffe ins Privatrecht.

Raumplanerische Massnahmen

Das Bauland sollte für die Bevölke rungsentwicklung

der nächsten 15 Jahre genügend

Raum bieten. Hat die Gemeinde zu

viel Land als Bauland eingezont, besteht die

Möglichkeit, einzelne noch nicht erschlossene

Gebiete wieder der Landwirtschafts-

zone oder einer Reservebauzone zuzuführen.

Durch eine differenzierte Zonierung

kann der Zweitwohnungsbau eingeschränkt

oder an bestimmten Standorten

wie der Kernzone beschränkt werden. Für

den Bau oder den Erhalt von Hotels können

Hotelzonen geschaffen werden. In der entsprechenden

Zone wären Umwandlungen

von Hotels in Zweitwohnungen untersagt.

Weiter können auch „Zonen für Einhei mische“

geschaffen werden. Die Gemein de

Falera GR hat eine so genannte Einheimischenbauzone

ausgeschieden. Gemäss Art.

40 bis des Baugesetzes ist diese Zone für

die Erstellung von Wohnbauten für die ortsansässige

Bevölkerung bestimmt.

In den Wohnzonen können auch Anteile

für Erstwohnungen oder Zweitwohnungen


festgelegt werden. Die Gemeinde Zermatt

als eine der bekanntesten Schweizer Tourismusdestinationen

erlebte in den vergangenen

Jahrzehnten einen eigentlichen Zweitwohnungs-Bauboom.

Im Jahre 2005 hat der

Kanton Wallis den Entwurf des Reglements

über den Erst- und Zweitwohnungsbau

der Gemeinde Zermatt gutgeheissen. Gemäss

Art. 4 des Reglements „Erst- und Zweitwohnungsbau“

der Gemeinde Zermatt sind

bei der Erstellung und Erweiterung von

Wohnungen mindestens 30 Prozent der neu

geschaffenen Bruttogeschossfläche ausschliesslich

als Erstwohnung zu nutzen.

Die wohl effektivste Massnahme im Zweitwohnungsbau

ist die Kontingentierung der

Baubewilligungen. Beispielsweise strebt das

Oberengadin eine Kontingentierung der

Bruttogeschossfläche der neu zu schaffen-

den Zweitwohnungen über einen regionalen

Richtplan an. In St. Moritz und Celerina

ist die Kontingentierung bereits mittels einer

Verordnung geregelt. Sinnvoll ist insbe-

sondere eine Verbindung zwischen einer

Kontingentsregelung und einem Erstwohnanteilplan.

Als eher problematisch zu beurteilen ist die

Festlegung minimaler Bruttoge schossflä-

chen von Wohnungen, weil die Inter essenten

dann einfach auf andere Destina tionen

ausweichen. Erhöhte Grund stücksausnützung

bei der Erstellung von Erst wohnraum

bzw. tiefere Ausnützung bei der Erstellung

von Zweitwohnungen können hinsicht-

lich des Siedlungsbildes und der haushäl-

terischen Bodennutzung problematisch sein.

Abgabenrechtliche Massnahmen

Fiskalische Massnahmen wie Abgaben und

Steuern sind weitere Mittel, um den

Zweitwohnungsbau einzudämmen. Eine

besondere Stellung bei den fiskali schen

Massnahmen nehmen die Sonder steuern,

wie beispielsweise die Erhöhung der Kurtaxen,

ein. Es könnte beispielsweise ein deutlicher

Unterschied zwischen der Hotellerie,

den vermieteten Zweitwohnungen und

den unvermieteten Zweitwohnungen festgelegt

werden. Der wohl fairste Ansatz

wäre eine abgestufte Kurtaxe bei den

Zweitwohnungen oder eine Taxe für „kalte

Betten“. Der Spielraum für höhere Gebühren

für Eigentümer von Zweitwohnungen ist jedoch

eher klein.

Eingriffe ins Privatrecht

Wie schon beim „Tiroler Modell“ angesprochen,

ist die Nutzungs- und Vermietungspflicht

ein weiterer Ansatz zur Lö -

sung der Zweitwohnungsbauproblematik.

Diese kann beispielsweise im Bau- und

Zonenreglement der Gemeinde entsprechend

festgelegt werden. Die Nutzungs-

und Vermietungspflicht kann mit mehreren

anderen Ansätzen kombiniert werden

und ist meist ein effektives Mittel, eine höhere

Quote an warmen Betten zu erreichen.

Jedoch stehen viele Eigentümer von

Ferienwohnungen einer Vermietung ihrer

natur und mensch 4 / 2007

Wohnung eher skeptisch gegenüber. Da

die Vermietungsbereitschaft eher gering ist,

könnte als Anreiz die Vermietungspflicht mit

einer finanziellen Abgabe verknüpft werden.

Wie geht es weiter?

Die Aufhebung der Lex Koller kann nur

dann als sinnvoll betrachtet werden, wenn

gleichzeitig griffige flankierende Massnahmen

der Raumplanung auf Stufe Kantone

und Gemeinden eingeführt werden. Ansonsten

könnte sich die Entwicklung auf

den Tourismus negativ auswirken. Auf

Gemeindeebene sind neben raumplanerischen

Massnahmen auch abgabenrechtliche

Massnahmen oder Eingriffe ins Privatrecht

zu treffen. Zudem gilt es, die Hotellerie

in den Destinationen mit der Einschränkung

bzw. Lenkung des Zweitwohnungsbaus zu

stärken und damit die Wettbewerbsfähigkeit

des Schweizer Tourismus weiter zu verbessern.

Zurzeit befinden sich in verschiedenen

Tourismusgemeinden Instrumente in

Planung oder bereits in der Umsetzung. Die

schon vor 30 Jahren von Krippendorf aufgezeigte

Problematik sollte endlich nachhaltigen

Lösungen zugeführt werden.

Dr. Giovanni Danielli

ITW Institut für Tourismus-

wirtschaft

Hochschule für Wirtschaft

Rösslimatte 48

6002 Luzern

Tel. 041 / 228 4145

Seite 11


Mensch und Umwelt

Parkplätze gehören nicht in den Wald –

ein wahres Schauspiel

(Red.) Dass der aktive Umweltschutz vor Ort nicht immer leicht ist, zeigt die Geschichte

eines Betroffenen, der sich schlicht dafür einsetzt, dass das Erho lungs gebiet

Eschenbergwald vor den Toren Winterthurs auch tatsächlich ein Erho lungsgebiet

für alle bleibt und nicht zu einem Waldparkplatz verkommt. von Andri Bryner

Ich möchte ihnen, liebe „natur und mensch“-

Leserinnen und -Leser im folgenden eine

kleine Geschichte erzählen, wie sich ein lokales

Natur- und Umweltschutzengagement

1:1 abspielen kann. Das Thema: Parkplätze

im Wald und in kantonalen Freihaltezonen.

Die Akteure: ein Rudel Wölfe, ein Polizist,

mehrere Gemeinderäte (Parlament) mehrere

Stadträte (Exekutive), ein juristischer

Berater eines Stadtrates sowie drei Vertreter

von Naturschutzverbänden, darunter der

Autor. Der Ort: das Erholungsgebiet Eschenbergwald

vor den Toren Winterthurs.

1. Akt: Die Lage spitzt sich zu

Der Eschenbergwald ist mit 760 ha der grösste

Stadtwald Winterthurs, und Winterthur

ist mit insgesamt 39 Prozent Waldanteil die

Seite 12 natur und mensch 4 / 2007

waldreichste Stadt der Schweiz. Doch die

grüne Idylle täuscht: die Wälder werden intensiv

durchforstet und nur wenige Flächen

sind von einer Bewirtschaftung ausgeklammert.

Dazu kommt dank der Nähe zur

Stadt eine immer stärkere Freizeitnutzung.

Weil eine Gemeindestrasse zum Wildpark

Bruderhaus und zum Ausflugsrestaurant

Eschenberg führt, hat auch der motorisierte

Individualverkehr mitten durchs Erho-

lungsgebiet zugenommen. Jedes Wochenende

wälzt sich eine Wagenkolonne durch

den Wald und für den 2004 eingeführten

öffentlichen Bus ist vor lauter am Strassenrand

geparkter Autos bisweilen fast kein

Durchkommen mehr. Weil der Wildpark,

für den kein Eintritt verlangt wird, in Bälde

mit dem Einzug eines Wolfsrudels noch attraktiver

wird, wird sich die Lage weiter

zuspitzen. Der Stadtrat beschloss darum im

November 2006 ein Parkverbot entlang der

Waldstrasse.

2. Akt: Polizist Wäckerlis

Sichtmäppli

Als „Verkehrsanordnung“ wird der Stadtratsbeschluss

amtlich publiziert in der Zeitung.

Nicht das im Interesse des Busbetriebs

verfügte Parkverbot, sondern ein Zusatz

macht mich neugierig: „Ausgenommen

vom Parkverbot sind die signalisierten

Parkplätze“. „Ja, welche denn?“ frage ich

mich und will mir den beschlossenen Signalisationsplan

bei der Stadtpolizei anschauen.

Doch Polizist Wäckerli (Name geändert)

ist gar nicht erbaut, dass tatsächlich

jemand aus dem Volk auf die Ausschreibung

reagiert und sein Sichtmäppli anschauen

will. Wer ich sei und welche Interessen ich

denn vertrete, will er unter anderem wissen,

bevor er zögerlich den Plan rausrückt. Und

nach dem Stadtratsbeschluss, der formellen

Begründung zum Plan, muss ich dreimal

fragen, bis er ihn hervorklaubt; das Mäppli

gibt er nicht aus der Hand. Und es ist wirklich

so, wie ich es befürchtet habe: Die rund

80 Parkplätze, die sich in den letzten Jahren

mitten im Wald an Weggabelungen und auf

ehemaligen Holzlagerplätzen „eingeschlichen“

haben, sollen sanktioniert werden.

Als ich Wäckerli gegenüber bemerke, dass

dies eine fragwürdige Praxis sei, beklagt er

sich bei mir, dass die Behinderten doch auch

Konkurrenz mitten im Erholungsgebiet

und in einer

kantonalen Freihaltezone:

Nie bewilligte Parkplätze

direkt neben der Bushaltestelle.

Foto: A. Bryner


in den Wald fahren müssen und die Polizei

für Kontrollen zuwenig Personal habe. Von

einem Rekurs rät Wäckerli ab, ich solle doch

froh sein, dass nicht noch mehr Plätze eingeführt

würden.

3. Akt: Nachhilfe in Raumplanung

Anfangs Dezember reiche ich gegen die

Verkehrsanordnung beim Stadthalteramt

Rekurs ein. Ausdrücklich nicht gegen das

Parkverbot, sondern gegen die Festlegung

von Parkplätzen im Waldareal und in der

kantonalen Freihaltezone. Die zwei zentralen

Argumente: Das Befahren des Waldareals

(und damit das Parkieren) ist per

eidgenössischem Waldgesetz (Artikel 15)

verboten. Ausnahmen müssten – wenn

überhaupt – beim Kanton beantragt und

bewilligt werden. Ausser eines Eintrages

beim Wildpark (kantonale Freihaltezone)

sind keine Parkplätze im regionalen Verkehrs

richtplan eingetragen. Das müssten

sie aber, denn just diese behördenverbindliche

Planung regelt und koordiniert das

Parkplatzangebot für Erholungszonen. Im

regionalen Richtplan heisst es sogar explizit,

die Zahl der Parkplätze sei gering zu

halten, um Erholungsgebiete vom Verkehr

zu entlasten. Da ich unsicher bin, ob mir

als Privatperson nicht die Legitimation

zum Rekurs abgesprochen wird, informiere

ich noch den Zürcher Vogelschutz und

Pro Natura Zürich. Der lokale Natur- und

Vogelschutzverein sowie Pro Natura Zürich

legen darauf ähnlich lautende Rekurse ein.

4. Akt: Druck der Politik

Auf den Rekurs folgt Stille. Drei Mal(!) bewilligt

der Statthalter dem juristischen Berater

des Polizeivorstandes eine Verlängerung

der Frist zur Stellungnahme auf meine

Argumente, zuletzt bis Ende Mai 2007. Im

April kommt Druck von anderer Seite: Im

Gemeindeparlament wird eine schriftliche

Anfrage zu den Parkplätzen im Wald eingereicht.

Bei der Debatte um die Folgekosten

für das Wolfsgehege muss der Stadtrat ein

Verkehrskonzept versprechen, da selbst

von bürgerlicher Seite eingeräumt wird, die

Attraktivierung werde wohl Mehrverkehr

generieren. Kurz vor Ablauf der dritten

Fristverlängerung widerruft der Stadtrat

dann seinen eigenen Beschluss vollständig

und bittet den Statthalter, das Verfahren einzustellen.

Das erstaunte Gemeindeparlament

überweist eine dringliche Interpellation zum

Thema. Die Medien berichten. Der in die

Enge getriebene Stadtrat verspricht erneut,

bis im Frühling 2008(!) ein Gesamtkonzept

anzupacken. In diesem Rahmen soll unter

anderem geprüft werden, welche und wie

viele Parkplätze im Erholungsgebiet legal

sind und ob Parkgebühren eingeführt werden.

Beigetragen zur Kehrtwende auf kommunaler

Ebene hat sicher auch der Zürcher

Regierungsrat: Dieser hat nämlich in der

Zwischenzeit einen anderen Rekurs von

Pro Natura gutgeheissen und der Stadt eine

Ausnahmebewilligung für neue Parkplätze

im Lindbergwald beim Museum Oskar

Reinhart „Am Römerholz“ verweigert.

5. Akt: Lokale Komödie

oder grössere Tragweite?

Ob ein einzelnes, am Rand einer Waldstrasse

abgestelltes Fahrzeug wirklich eine Tragödie

ist – darüber kann man getrost getrennter

Ansicht sein. Wenn aber über Jahre systematisch

verbreiterte Wegeinmündungen sowie

ehemalige Holzlagerplätze im Dutzend zu

Parkplätzen umfunktioniert und geduldet

werden, spitzt sich das Problem zu. Wenn

dies von der Exekutive als „pragmatische

Lösung“ verkauft wird und, wie im vorliegenden

Fall, sogar während eines laufenden

Verfahrens munter neue Plätze im Waldareal

An jedem schönen

Wochenende das gleiche

Bild: zahllose Autos

parken auf den Wegen

des Erholungsgebietes.

Foto: A. Bryner

natur und mensch 4 / 2007

geschaffen werden – ohne Publikation und

ohne Bewilligung des Kantons – dann muss

irgendwann ein Strich gezogen werden.

Zu Fuss oder mit dem Velo ins Gebiet gelangte

Erholungssuchende werden ansonsten

vergrämt, Natur und Landschaft leiden

und im vorliegenden Fall wird erst noch völlig

unnötig ein öffentliches Verkehrsmittel

konkurrenziert und behindert. Insofern

hat der Winterthurer Fall vielleicht sogar

Pilotcharakter für andere Gemeinden, die

dem überbordenden Motorfahrzeugverkehr

im Wald und in Erholungsgebieten auch

zu lange bloss zugeschaut haben. Die Erfah

rung mit restriktiven Konzepten – beschränktes

Parkplatzangebot am Rand des

Erholungsgebietes und in der Regel Fahrverbot

im Gebiet selbst – sind nämlich nach

anfänglichen Widerständen überall positiv.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, kann ich

nur raten, künftige „Verkehrsanordnungen“

ihrer Gemeinde mit gesunder Hartnäckigkeit

unter die Lupe zu nehmen und bei Richtplanänderungen

darauf zu achten, dass im Wald

und in Erholungszonen keine Parkplätze

eingetragen werden.

Andri Bryner

Möttelistrasse 47

8400 Winterthur

abryner@swissonline.ch

Seite 13


Mensch und Umwelt

Friedhöfe im Wandel der Zeit

Veränderungen in der Gesellschaft zeigen Auswirkungen auf die

Bestattungskultur und die Friedhöfe. In der Stadt Zürich sind einige

Trends erkennbar, die Fragen zur zukünftigen Entwicklung aufwerfen.

Damit die Friedhöfe auch zukünftig attraktiv bleiben, gilt es

eine gute Balance zu finden zwischen einem sorgsamen Umgang mit

Traditionen und dem kulturellen Wert der Friedhöfe einerseits und

mit dem Aufnehmen und sich Ausrichten auf neue Vorstellungen und

Bedürfnisse andererseits. Eine umsichtige Planung ist gefragt, damit

die Friedhöfe auch zukünftig ihre Bedeutung als letzten Ruheplatz

für die Verstorbenen und als Trauer- und Erinnerungsort für die

Angehörigen beibehalten können.

von Yvonne Aellen

Auf den Friedhöfen nehmen die Gräber stetig

ab, das Gemeinschaftsgrab wird immer

beliebter und ein breites Angebot an alternativen

Bestattungsformen verleitet dazu,

die Toten ausserhalb der Friedhofmauern

beizusetzen. Angehörige leben oft weit weg

und die Familienbande lockern sich, so dass

auch der Grabbesuch auf einem Friedhof

seltener wird. Stattdessen werden virtuelle

Friedhöfe auf dem Internet aufgebaut, wo

Stimmungsbild aus dem

Friedhof Hönggerberg.

Foto: Grün Stadt Zürich

Seite 14 natur und mensch 4 / 2007

die Angehörigen für ihre Verstorbenen ihre

Seiten gestalten und als Abschieds- und

Trauerort nutzen.

All diese Entwicklungen werfen Fragen zu

den Friedhöfen der Zukunft auf: Was wird

aus unseren Friedhöfen, wenn ihre Bedeutung

als Bestattungs- und Trauerort immer

kleiner wird? Und welche Bedeutung hat es

für die Gesellschaft, wenn immer mehr Tote

ausserhalb der Friedhöfe, irgendwo in der

Landschaft ihre letzte Ruhe finden? Löst es

eines Tages Unbehagen aus, wenn wir uns

auf der Bergwanderung oder beim Bad im

See ständig auch ein bisschen im Reich der

Toten fühlen?

Dass Friedhöfe sich wandeln ist nichts Neues.

Neu ist lediglich, dass diese Veränderungen

wie so Vieles in unserer schnelllebigen Zeit,

viel rascher voranschreiten. Ein Blick in die

Geschichte zeigt, dass die Friedhöfe auch

schon früher im Laufe der Jahrhunderte ihr

Gesicht veränderten. Im Mittelalter waren

sie noch einfache Gottesacker rund um die

Kirchen und unter dem Einfluss des Zürcher

Reformators Huldrich Zwingli harrten sie als

einfache Grasflächen und lange Zeit auch

ohne Grabzeichen eines unscheinbaren

Daseins.

Einen völlig neuen Aufschwung erlebten

die Friedhöfe mit der Säkularisierung in

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Mit der Änderung der Bundesverfassung

wurde das Bestattungswesen 1874 den

Gemeinden übertragen. Bereits drei Jahre

später baute die Stadt Zürich ihren ersten

zivilen Friedhof im Sihlfeld. Damals noch

als Zentralfriedhof konzipiert, lag er ausserhalb

der Siedlung, weit entfernt von jeder

Kirche und war erstmals als attraktiver Park

gestaltet. Dieser Friedhof wurde im Laufe

der Zeit in mehreren Etappen erweitert und

verschiedene weitere Friedhöfe kamen neu


Gemeinschaftsgräber

werden immer beliebter.

Foto: Grün Stadt Zürich

dazu. Die Stadt Zürich gab die Strategie

eines Zentralfriedhofs nach wenigen Jahren

wieder auf und verfolgt seither konsequent

das Ziel, die zahlreichen Friedhöfe

mit ihrem grossen Quartierbezug zu erhalten.

Heute bewirtschaftet die Stadt Zürich

neunzehn ganz unterschiedlich grosse

Friedhöfe. Sie stammen aus verschiedenen

Zeiten, zeigen eine interessante Vielfalt von

Gestaltungsstilen und sind von grossem historischem,

kulturellem und ökologischem

Wert.

Die Kremation

schafft neue Möglichkeiten

Das erste Krematorium der Schweiz wurde

1889 im Friedhof Sihlfeld eröffnet.

Es wurde durch den privaten Verein für

Feuerbestattungen erbaut. Zehn Jahre später

übernahm die Stadt das Krematorium,

bot die Kremation unentgeltlich an und

baute bald darauf ein zweites, wesentlich

grösseres Krematorium. Nach einer etwas

zögerlichen Anfangszeit fand die Kremation

im Laufe des 20. Jahrhunderts eine immer

grössere Verbreitung und öffnete damit

Tor und Tür für neue Beisetzungsformen.

Während der Aufwand für die Bestattung

eines Sarges sehr gross ist und sich dafür

wenig Alternativen zum herkömmlichen

Grab bieten, ist die Beisetzung einer Urne

oder von loser Asche sehr viel einfacher.

Dies löste auf den Friedhöfen eine tiefgreifende

Entwicklung aus, in der wir heute

noch mitten drin stecken.

In Zürich werden heute 85% der Verstorbenen

kremiert. Neben den herkömmlichen

Miet- und Reihengräbern, die auch für

Urnen ins Angebot aufgenommen wurden,

entstanden einige neue auf Urnen ausgerichtete

Grabformen, wie zum Beispiel die

Nischenwände, die Gemeinschaftsgräber

oder die Aschenbeisetzung im Wald, die in

Zürich seit 2003 angeboten wird. Seit ein

paar Jahren lässt sich beobachten, dass

immer mehr private Bestattungsinstitute

die Angebote der öffentlichen Friedhöfe

mit vielfältigen und neuartigen Formen

ergänzen. Damit scheinen sie einem gesellschaftlichen

Trend nach natürlicheren,

individuelleren aber auch ausgefalleneren

Bei setzungsformen zu folgen. Neben

Aschenverstreuung in der Natur und Baum-

bestattungen wird sogar Asche zu Diamanten

gepresst, aus Luftballons gestreut, in

Kapseln in den Weltraum geschickt oder in

Feuerwerksraketen eingebaut. Dazu kommt,

dass es in der Schweiz, im Gegensatz zu vielen

Nachbarländern, allen frei steht, die

Asche eines Verstorbenen nach Hause zu

nehmen und an einem frei gewählten Ort

selber beizusetzen oder auszustreuen. Die

Möglichkeiten sind so vielfältig geworden,

dass der Entscheid in der Situation eines ak-

natur und mensch 4 / 2007

tuellen Todesfalls leicht zu Überforderung

führen kann. Die Loslösung von Traditionen

bedeutet eine grosse Freiheit aber auch einen

Verlust an Orientierung und Halt. Die

Anforderung, in diesem Freiraum den für

sich stimmigen Weg zu finden, ist anspruchsvoll.

Entsprechend nimmt der Aufwand für

die Beratung der Angehörigen, wenn sie

einen Todesfall anmelden, stetig zu.

Bedeutung von Tod und Trauer

in unserer Gesellschaft

Heute bietet jeder Zürcher Friedhof ein

Gemeinschaftsgrab. Die meisten sind

hochwertig gestaltete Grabanlagen und

bieten die Möglichkeit zur Inschrift der

Namen der Verstorbenen. In den letzten

Jahrzehnten erlebte das Gemeinschaftsgrab

einen starken Aufwärtstrend. 1980 wur-

Seite 15


Natürlich gestaltete

Friedhöfe können

Naturoasen inmit-

ten der Städte sein.

Im Bild ein Segelfalter.

de das Gemeinschaftsgrab noch zu 5%

gewählt, heute sind es bereits über 30%

und die Zunahme hält weiter an. Ob diese

Entwicklung wohl eine Parallele zeigt

zum gesellschaftlichen Wandel, der bezüglich

der Auseinandersetzung mit dem Tod,

dem Abschied und der Trauer in den letzten

Jahrzehnten stattgefunden hat? Mit den

Fortschritten der Medizin, der Lockerung

der familiären Banden sowie dem isolierten

Leben der alten Menschen in Altersheimen

ist das Bewusstsein um die Endlichkeit unseres

Lebens kleiner geworden und in

der Hektik und Schnelllebigkeit bleibt für

die Trauer kaum noch Raum und Zeit. Die

Beziehung zum Tod scheint sich in der Wahl

des Gemeinschaftsgrabes sinnbildlich auszudrücken.

Wie in unseren Köpfen erhält der

Tod auch auf dem Friedhof immer weniger

Platz. Im Gemeinschaftsgrab wird die Asche

des Verstorbenen unter einem Flecken

Rasen, nicht grösser als ein paar Füsse bei-

gesetzt. Mit dem Wegfall einer Grabbepflanzung

und eines persönlichen Grabmals

bleibt kaum Raum für eine individuelle

Trauer. Dies wird von den Angehörigen jedoch

oft erst nach der Beisetzung wahrgenommen.

Die vielen mitgebrachten Blumen,

die nicht auf dem vorgesehenen gemeinschaftlichen

Blumenplatz, sondern sorgfältig

an der mutmasslichen Beisetzungsstelle

platziert werden, weisen auf das Bedürfnis

der Angehörigen hin, dem anonymen Flecken

Rasen trotz allem eine Identität zu geben

und darin einen Trauerort zu finden, der

eine Verbindung zum Verstorbenen schafft.

Der Trend zum Gemeinschaftsgrab

verändert die Friedhöfe

Eine Beisetzung im Gemeinschaftsgrab

braucht rund zehnmal weniger Platz als die-

Seite 16 natur und mensch 4 / 2007

Im Friedhof Witikon

säumen Wildstauden

die Grabfelder und bilden

einen Lebensraum für

Tiere und Pflanzen.

jenige in einem Urnen-Reihengrab. Mit dem

Trend zum Gemeinschaftsgrab nehmen somit

die Grabfelder, die früher das Bild des

Friedhofs prägten, stetig ab. Auf den still gelegten

Grabfeldern entstehen Rasen, Wiesen

und Buntbrachen. Die Friedhöfe wandeln

sich dadurch mehr und mehr zu grosszügigen

Parkanlagen, die zum Flanieren und

Ruhe geniessen einladen. Gerade in einer

Stadt sind die Grünflächen zur ruhigen

Erholung sehr gefragt. Die Friedhöfe bilden

einen wohltuenden Kontrast zu den immer

intensiver belebten Grünanlagen, wie zum

Beispiel am See. So werden sie auch immer

mehr zur Freizeitnutzung entdeckt, was in

einzelnen Fällen auch zu Nutzungskonflikten

führen kann. Ein an die Situation angepasstes

Verhalten muss von der Bevölkerung

erwartet werden. Schwitzende Jogger, die

um die Grabfelder keuchen oder Velofahrer

die quer durch den Friedhof flitzen, stören

die Pietät genauso, wie wenig bekleidete

Sonnenhungrige, die sich auf den Wiesen räkeln.

Hier die richtigen Kompromisse zu finden

wird in den nächsten Jahren ein wichtiges

Thema sein.

Friedhöfe als Ökoflächen

Mit der naturnahen Bewirtschaftung, die

die Stadt Zürich 1995 mit einer Verwaltungsverordnung

verbindlich einführte, werden

auf allen städtischen Grünflächen die Ziele

verfolgt, die natürlichen Kreisläufe zu schlies-

sen, Hilfsstoffe sparsam einzusetzen und

Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu fördern.

Gerade die Friedhöfe weisen durch ihr

oft beachtliches Alter und ihre Ausdehnung

eine hohe Artenvielfalt auf. Die geringe

Nutzung sowie die vermehrt frei werdenden

Grabfelder bieten geeigneten Raum um

ökologisch wertvolle Flächen zu schaffen. So

Im Friedhof Nordheim

blühen auf still-

gelegten Grabfeldern

Buntbrachen.

Fotos: Grün Stadt Zürich

gedeihen auf den Friedhöfen immer mehr

Blumenwiesen und sogar Buntbrachen. Sie

bereichern das Bild und locken mit ihrer

reichen Blütenvielfalt Insekten, Vögel und

Schmetterlinge an. Die Akzeptanz für diese

ökologischen Akzente ist bisher sehr gut.

Zukunftsplanung

für die Zürcher Friedhöfe

Um die Friedhöfe auch in Zukunft attraktiv

halten und auf die sich wandelnden

Bedürfnisse ausrichten zu können, erarbeitet

die Stadt Zürich in den nächsten zwei

Jahren ein Friedhofskonzept. Mit statistischen

Auswertungen und demografischen

Berechnungen, aber auch durch Abwägen

der heutigen Trends und Hinterfragen der

aktuellen Angebote sollen die Friedhöfe auf

die zukünftigen Anforderungen ausgerichtet

werden. Die Rahmenbedingungen sind

in den strategischen Zielen des „Grünbuchs

der Stadt Zürich“ festgelegt: die Vielfalt

der quartierbezogenen Friedhöfe soll beibehalten

und deren Wert als historisches

Kulturgut gepflegt und weiter entwickelt

werden. Die Friedhöfe sollen bedarfs-

gerechte Bestattungsformen, pietätvolle und

besinnliche Umgebung für Trauernde bieten,

aber auch als öffentliche Grünräume für rücksichtsvolle

Nutzung zur Verfügung stehen.

Yvonne Aellen

Grün Stadt Zürich

Produkteverantwortliche für

Parkanlagen und Friedhöfe

Beatenplatz 2

8023 Zürich

Tel. 044 412 27 68


Natur und Landschaft

Landschaftsinitiative – Raum für Mensch und Natur

Am 10. Juli 2007 fiel der Startschuss für die Landschaftsinitiative der Umweltverbände.

Damit soll während 20 Jahren die Gesamtfläche der Bauzonen nicht

mehr erweitert werden. Seit 1970 wird vor einer ungebremsten Fortführung der

Zersiedelung gewarnt. Geschehen ist jedoch nicht viel. Der „Fall Galmiz“ zeigte, dass

nur eine Verfassungsänderung dem heute ungebremsten Verbrauch der Ressource

Boden und Landschaft entgegenwirken kann.

von Raimund Rodewald

Der 24. Januar 2006 setzte mit dem endgültigen

Verzicht der amerikanischen Biopharma-Unternehmung

Amgen auf den

Stand ort Galmiz FR einen Meilenstein in

der Geschichte des Landschaftsschutzes in

der Schweiz. Mit dem Nein zum Standort

einer Industriestadt im „Gemüsegarten“

des Grossen Mooses konnte vorerst ein gefährliches

Präjudiz in der Schweizer Raumplanung

vermieden werden. Der „Fall Galmiz“

offenbarte eklatante Schwächen im

Vollzug der Raumplanung und legte ein erhebliches

Politikversagen offen. Er hat weiten

Teile der Bevölkerung die Augen für die

Wich tig keit einer wirksamen Raumplanung

geöffnet.

Verschiedene Fachtagungen und Fachleute

befassten sich in der Folge mit der Frage,

wie die Raumplanung in unserem Lande

verbessert werden könnte. Denn der

„Fall Galmiz“ war und ist kein Einzelfall.

Der Ruf nach neuen Instrumenten zur

Vermeidung der Zersiedelung wurde laut.

Demgegenüber hat das eidgenössische

Parlament seit der letzten Abstimmung zur

Teilrevision des Raumplanungsgesetzes

(RPG) 1999 laufend Vorstösse für grössere

Baufreiheiten in der Landwirtschaftszone

überwiesen. Zwar hielt der Bundesrat

2004 fest (Antwort zur Motion 04.3593

natur und mensch 4 / 2007

von Nationalrätin Barbara Marty Kälin):

„Die flächenhafte Siedlungsentwicklung,

wie sie heute leider immer noch Realität

ist, steht in klarem Widerspruch zu wichtigen

Grundanliegen der Raumplanung.“

Auch im Raumentwicklungsbericht 2005

des Bundesamtes für Raumentwicklung

(ARE) heisst es: „Die Raumentwicklung

Dörfer wachsen immer mehr

in die freie Landschaft.

Pro Jahr verschwindet in

der Schweiz die Fläche von

3000(!) Fussballfeldern

unter Parkplätzen, Strassen,

Häusern oder Ähnlichem.

Foto: Stiftung

Landschaftsschutz

Seite 17


Natur und Landschaft

der letzten Jahrzehnte ist im Sinne der

Bundesverfassung nicht als nachhaltig einzustufen.“

Eine Besserung ist jedoch nicht

in Sicht, im Gegenteil: Neueinzonungen

für Bauland sind heute in praktisch jeder

Gemeinde ein Thema. Dies, obwohl die bestehenden

Baulandreserven noch für rund

2,5 Millionen zusätzliche Einwohner in der

Schweiz reichen!

Raumplanung erreicht

ihre Ziele nicht

Die Raumplanung erreicht ihre Ziele der

Trennung des Baugebiets vom Nicht baugebiet

nicht. Seit 1970 erscheinen in regelmässigen

Abständen amtliche Publikationen

und Fachschriften, die vor einer ungebremsten

Fortführung der Zersiedelung warnen.

Geschehen ist nicht viel. Dies liegt einerseits

am Vollzugsdefizit, andererseits

an fehlenden klaren rechtlichen Vorgaben.

Die in der Bundesverfassung verankerte

Forderung nach einem haushälterischen

Umgang mit dem Boden hat aufgrund der

Delegation des Vollzugs an die Kantone

Ziel und Mittel der

Landschaftsinitiative

Die Landschaftsinitiative hat zum Ziel,

die Raumentwicklung in der Schweiz

auf den Pfad der Nachhaltigkeit zu bringen.

Sie wendet dazu drei Mittel an:

1. Die Verantwortung für einen nachhaltigen

Umgang mit dem Boden ist

neu eine Verbundaufgabe des Bundes

und der Kantone.

2. Die zentralen Elemente des bestehenden

Verfassungsartikels werden

übernommen. Sie werden ergänzt

durch wichtige Begriffe, die bis anhin

zu wenig Gewicht hatten: Schutz

des Kulturlandes, Trennung des Bauge

biets vom Nichtbaugebiet, Sied -

lungs entwicklung nach innen.

3. Die Gesamtfläche der Bauzonen (im

kantonalen und gesamtschweizerischen

Massstab) darf während 20

Jahren nicht vergrössert werden.

Ausnahmen kann der Bundesrat nur

in begründeten Fällen gewähren.

Seite 18 natur und mensch 4 / 2007

bzw. letztlich die Gemeinden nur wenig

Wirkung entfaltet. Auf diese Mängel wies

auch der Raumentwicklungsbericht 2005

hin. Der Bodenverbrauch schreitet nach wie

vor ungebremst (rund 1 Quadratmeter pro

Sekunde) fort und die Trivialisierung unserer

metropolisierten Räume nimmt weiter

zu. So bemerkte der Berliner Architekt

und ETH Professor für Architektur Hans

Kollhoff in einem Zeitungsinterview (Der

Bund vom 21.10.2006): „Ich denke, dass

die Landschaftszerstörung im Schweizer

Mittelland heute mit einer Rigorosität, einer

geradezu militanten Haltung vorangetrieben

wird, dass einem die Gänsehaut über

den Rücken fährt.“

Aus diesem Grund lancierte die Stiftung

Landschaftsschutz Schweiz (SL) bereits im

Januar 2006 die Idee einer Volksinitiative

zur Begrenzung des Bodenverbrauchs. In

zahlreichen Expertengesprächen wurde

nun ein Text erarbeitet, der die Eckpfeiler

des bisherigen Verfassungsartikels übernimmt,

die bisherigen Schwächen (unklare

Verantwortung, schwache materielle Ziele)

aber korrigiert.

An der am 10. Juli gestarteten „Landschaftsinitiative“

beteiligen sich 16 Verbände, darunter

auch Agrarverbände wie die Kleinbauern-Vereinigung

VKMB und Biosuisse,

unter der Federführung von Pro Natura.

Die Initiative will in ihrer Kernforderung

die Bauzonen der Schweiz für 20 Jahre begrenzen

und Erweiterungen nur bei flächenmässiger

Kompensation zulassen. Es soll

daher nur dann weiter eingezont werden,

wenn auch andernorts wieder ausgezont

wird. Dieses Prinzip hat sich schon beim

Waldgesetz bewährt. Da dies nicht überall

ohne grosse Entschädigungsforderungen

möglich ist, sind neue Instrumente, beispielsweise

gegen die Baulandhortung, und

Anreize für sinnvolle Landumlegungen zu

entwickeln. In begründeten Fällen soll der

Bundesrat im Rahmen der Genehmigung

der Richtpläne auch Ausnahmen für Kantone

gewähren können, die bisher nachweislich

haushälterisch mit dem Boden umgegangen

sind, über genügend gutes Kulturland

verfügen und in ihren Entwicklungsgebieten

eine hohe Erschliessungsgüte aufweisen.

Dies ist eine Konzession an die Zentren, die

heute wie zum Beispiel Genf und Bern eher

zu knappe Bauzonen aufweisen. Dennoch

verfügen die Kantone heute in der Regel

über grosszügige Baulandreserven. Dazu

besteht noch ein grosses Siedlungsverdichtungspotenzial.

Die Bauzonenreserven liegen

heute allerdings oft am falschen Ort,

das heisst, in den touristischen und agrarischen

Gemeinden, wo eben gerade keine

gute Erschliessung vorhanden ist und

die Siedlungsentwicklung auf Kosten der

Landschaftsqualität geht.

Kooperation zwischen Bund

und Kantonen mangelhaft

Die Kooperation zwischen dem Bund und

den Kantonen ist heute mangelhaft, was zur

Folge hat, dass letztlich niemand für die

Entwicklung des Bodenverbrauchs in der

Schweiz zuständig ist. Die Verantwortung für

einen nachhaltigen Umgang mit dem Boden

ist daher (analog zum Bildungsartikel 61a

BV) neu als Verbundaufgabe des Bun des

und der Kantone zu definieren. Die Initiative

verpflichtet also neu die Kantone und den

Bund gemeinsam, statt wie bisher einzig

die Kantone, auf den haushälte rischen Um-

gang mit dem Boden zu achten. Neu wird

die Trennung des Baugebiets vom Nicht-

baugebiet und der Schutz des Kultur-

landes explizit als Ziel erwähnt. Bei des sind

zentrale und notwendige Kon kre tisierungen

eines haushälterischen Umgangs mit dem

Boden und einer geordneten Besiedlung

des Landes. Damit wird die für das übergeordnete

Ziel des schonenden Umgangs mit

dem Boden bisher problematische kom-

munale Planungshoheit relativiert, was sich

gerade beim Zweitwoh nungsbau deutlich

zeigt. Dort sind die kommunalen Behörden

entweder nicht willens, regionale Lö-

sungen zu ergreifen (Oberengadin), oder

die Massnahmen sind zu schwach (Crans-

Montana). Nebst Kontingenten braucht es

vielmehr Rückzonungen von übegrossen

Bauzonen und kurz oder lang einen gänzlichen

Stopp neuer Zweit woh nungen.

Siedlungsentwicklung

nach innen

Die geforderte Begrenzung der Bauzonen

während 20 Jahren und damit der erhöhte


Schutz der noch freien Landschaft werden

den interkommunalen Wettkampf um mehr

Bauland und steuerkräftige Zuzüger brechen.

Im Gegenzug zur Begrenzung der Bauzonen

„nach aussen“ soll der Bund sich aber für eine

hochwertige Siedlungsentwicklung nach

innen einsetzen und Bestimmungen zur

Begrenzung des Bauens im Nichtbaugebiet

erlassen. Mit dieser pragmatischen, aber

wirkungsvollen Initiative wird ein gewichtiges

Zeichen in Richtung mehr Rücksicht

auf unseren Boden, unser Kulturland und

Die Initiative im Wortlaut: Eidg. Volksinitiative

«Raum für Mensch und Natur (Landschaftsinitiative)»

I

Die Bundesverfassung vom 18. April 1999

wird wie folgt geändert:

Art. 75 Raumplanung

1 Bund und Kantone sorgen für die zweckmässige

und haushälterische Nutzung

des Bodens, die geordnete Besiedlung

des Landes, die Trennung des Baugebiets

vom Nichtbaugebiet und den Schutz

des Kulturlandes. Sie berücksichtigen

bei der Erfüllung ihrer Aufgaben die

Erfordernisse der Raumplanung.

2 Der Bund legt Grundsätze der Raumplanung

fest. Er erlässt Bes timmungen,

insbesondere für eine hochwertige

Siedlungsentwicklung nach innen

Wilen bei Wollerau (SZ)

2005 und 2006

(Fotos 2005: Elfi Landolt, 2006

Sabine Wunderlin)

und zur Begrenzung des Bauens im

Nichtbaugebiet. Er fördert und koordiniert

die Raumplanung der Kantone.

3 Aufgehoben

II

Die Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung

werden wie folgt ergänzt:

Art. 197 Ziff. 8 (neu)

8. Übergangsbestimmung zu Art. 75

(Raumplanung)

Nach Annahme von Artikel 75 darf die

Gesamtfläche der Bauzonen während

20 Jahren nicht vergrössert werden. Der

Bundesrat kann in begründeten Fällen

Ausnahmen gewähren.

natur und mensch 4 / 2007

unsere Landschaft gesetzt. Bald 40 Jahre

nach der ersten Volksabstimmung ist angesichts

der ungebrochenen Verbauung unserer

Landschaft eine breite Diskussion über

unser Haushalten (die Ökonomie im wahrsten

Sinne) mit dem Boden vonnöten.

Ich wage zu behaupten, dass mit dem heutigen

hohen Problembewusstsein auch ein

wachsender Wille für eine Trendumkehr vorhanden

ist.

Raimund Rodewald, Dr. phil.,

Geschäftsleiter

Stiftung Landschaftsschutz

Schweiz (SL)

Schwarzenburgstr. 11

3007 Bern

Tel.: 031 / 377 00 77

E-Mail: info@sl-fp.ch

Seite 19


Natur und Landschaft

Gubel –

Uferlandschaft geschützt dank Beschwerderecht

Die naturnahe Uferlandschaft zwischen Gubel (Rapperswil-Jona) und Feldbach ZH

ist heute der letzte unüberbaute Abschnitt im sonst durchgehenden Siedlungsband

zwischen Rapperswil und Zürich. Nur dank des kantonalen Verbandsbeschwerderechts

konnte der Gubelwinkel seinerzeit vor einer massiven Überbauung

gerettet werden. Der jahrelange, hartnäckige Einsatz von Pro Natura St. Gallen-

Appenzell und Zürichsee Landschaftsschutz hat sich gelohnt. von Monika Kriemler

Die Ebene im Gubel an der Feldbacher Bucht

(Rapperswil-Jona) war über viele Jahre Gegenstand

von Auseinandersetzungen zwischen

Bauwilligen, Behörden und Natur-

und Landschaftsschutzverbänden. Nach dem

Zonenplan von 1968 hätte – typisch für die

damalige Zeit – fast die ganze Ebene zwischen

Fuchsenberg und Höcklistein mit Ein-

und Zweifamilienhäusern überbaut werden

können.

Grossprojekt gefährdete

Naturufer

Anfangs der 1980er Jahre wurde hier das

so genannte „Gubeldörfli“ mit 130 Wohneinheiten

und 250 Parkplätzen an einer künstlichen

Lagune mit 180 Bootsplätzen geplant.

Pro Natura St. Gallen-Appenzell und

Zürichsee Landschaftsschutz, unterstützt

von zielverwandten Verbänden, wehrten

sich vehement dagegen. 1983 hiess das

Blick vom Höcklistein auf

das Landschaftsschutzgebiet

Gubelwinkel an der Feldbacherbucht:

Rettung dank

Verbandsbeschwerderecht.

Foto: Pro Natura

Seite 20 natur und mensch 4 / 2007

Baudepartement des Kantons St. Gallen die

Einsprachen von Pro Natura und Zürichsee

Landschaftsschutz gut und verweigerte

die Bewilligung einer Hafenanlage, womit

die gesamte Überbauung hinfällig wurde.

Die für die Hafenanlage notwendigen Ausbag

gerungen hätten bundesrechtlich geschützte

Ufervegetation zerstört. Auch widersprach

das Grossprojekt dem Grundsatz

des Raumplanungsgesetzes, wonach Seeufer

freizuhalten sind.

Das Baudepartement forderte deshalb – in

Anlehnung an den Richtplan des Kantons

Zürich – für diesen Seeuferabschnitt die

Ausscheidung als Natur- und Land schaftsschutzgebiet.

Damit war das Projekt „Gubeldörfli“ zwar

vom Tisch. Eine vollständige Freihaltung war

indessen noch nicht erreicht. Das Teilstück

Gubelwinkel, südlich der Zürcherstrasse,

verblieb nämlich in der Bauzone. Dafür wurde

1984 mit einem Überbauungsplan eine

grössere Überbauung mit grossflächigen

Landhäusern geplant. Erneut erhoben Pro

Natura St. Gallen-Appenzell und Zürichsee

Landschaftsschutz Einsprache an den Gemeinderat

und verlangten die vollständige

Freihaltung des Gubelwinkels. Gegen den

ablehnenden Gemeinderats-Entscheid rekurrierten

sie an den Regierungsrat.

Auf Verlangen des Bundesrates hiess der

Regierungsrat 1994 den Rekurs im We sent -

lichen gut und erklärte den Gubel win kel

zum Landschaftsschutzgebiet von kan to -

naler Bedeutung. Nur dank dem Verbandsbeschwerderecht

war es möglich, dass sich

auch heutige und künftige Generationen am

Anblick dieser naturnahen Uferlandschaft

erfreuen können.

Neue Gefahr für die Natur

Seit Jahren unternehmen vor allem FDP-

Kreise alles, um das Beschwerderecht der

Natur- und Heimatschutzverbände abzuschaffen.

Im Kanton St. Gallen ist ihnen dies

gelungen, denn im Juni entschieden sich

die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen für

die Abschaffung des kantonalen Verbandsbeschwerderechts.

Damit wird lokalen und

regionalen Verbänden das Beschwerderecht

gestrichen. Nationale Verbände sind zum

Glück noch nicht betroffen, weshalb es

von entscheidender Bedeutung sein wird,

dieses Recht in dem kommenden Abstimmungskampf

zugunsten der Natur zu bewahren.

Wie wichtig dies ist, zeigt die

Geschichte des Landschaftsschutzgebietes

Gubelwinkel eindrücklich.

Monika Kriemler

Pro Natura St. Gallen-Appenzell

Medienbeauftragte

Postfach 103

9014 St. Gallen

Tel. 055 210 26 92


Artenschutz

Das Rebhuhn

braucht mehr Lebensraum

Der Klettgau im Kanton Schaffhausen hat sich in den letzten zwanzig

Jahren zu einer ökologischen Vorzeigeregion entwickelt. Insbesondere

das Kerngebiet Widen ist heute ein Musterbeispiel für eine geglückte

ökologische Aufwertung des Kulturlandes. Zahlreiche seltene Tier-

und Pflanzenarten profitieren in hohem Masse davon, noch zu wenig

aber das anspruchsvolle Rebhuhn. Der Kanton Schaffhausen und die

Vogelwarte Sempach sind deshalb übereingekommen, in den kommenden

drei Jahren keine Rebhühner mehr auszusetzen. Der Marschhalt soll

für weitere Lebensraumaufwertungen genutzt werden, um zu einem

späteren Zeitpunkt den Wiederansiedlungsversuch neu aufnehmen zu

können. von Markus Jenny

Der Klettgau ist in den letzten zwanzig Jahren

aufgeblüht. Dank ökologischen Aufwertungen

des Kulturlandes, insbesondere im

Kerngebiet Widen, ist die Landschaft attraktiv

geworden. Die Blumenpracht in den

Feldern und der unüberhörbare Gesang

der Feldlerchen sind der sicht- und hörbare

Beweis dafür. Auch zahlreiche weitere

bedrohte Tier- und Pflanzenarten haben

von den ökologischen Anstrengungen der

Landwirte profitiert. Wachtel, Schwarzkehlchen,

Dorngrasmücke und Grauammer, die

andernorts verschwunden sind, sind hier

gut vertreten.

Diese Erfolge gaben den Ausschlag, ab dem

Jahr 2002 zu versuchen, das vom Aussterben

bedrohte Rebhuhn hier wieder anzusiedeln.

Ziel des Projekts ist es, einen Bestand von

50–60 Paaren aufzubauen, der langfristig

überleben kann. Der Kanton Schaffhausen

und die Vogelwarte Sempach nahmen sich

Das Klettgau im Kanton

Schaffhausen hat sich in

den letzten zwanzig

Jahren zur ökologischen

Vorzeigeregion entwickelt.

Foto: M. Jenny

gemeinsam dieser schwierigen Aufgabe an.

In den ersten drei Jahren wuchs der Bestand

auf gut 20 Paare an. Der Wintereinbruch

im Februar und März 2006 mit sehr hohen

Schneemengen verursachte aber einen

Rückgang auf 5 Paare.

Zu kleiner Lebensraum

Die wissenschaftlichen Begleituntersuchungen

der Schweizerischen Vogelwarte Sempach

zeigen, dass der harte Winter nur

ein Grund für den Rückschlag war. Der

Bruterfolg war insgesamt zu gering, um

den Bestand stabil zu halten und eine

Ausbreitung in benachbarte Gebiete zu gewährleisten.

Auch verursachten Störungen

durch Freizeitnutzung und andere Tiere

spürbare Verluste. Insbesondere hat sich

aber die Grösse des ökologisch aufgewerteten

Lebensraums als zu gering erwiesen.

Ein ausreichend grosses revitalisiertes

Gebiet ist der Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche

Wiederansiedlung des Rebhuhns.

Nach Rücksprache mit der Eidgenössischen

Jagdverwaltung, den am „Runden Tisch“ versammelten

Vertretern des Naturschutzes, der

Landwirtschaft und der Jagd sowie mit den

Gemeinden sind die Projektträger deshalb

übereingekommen, in den kommenden drei

Jahren keine weiteren Rebhühner mehr auszusetzen.

Diese Zeit soll dafür für die zusätzliche

Aufwertung von Lebensräumen ge-

nutzt werden. Kanton und Vogelwarte sind

bereit, die Klettgauer Bauern bei der Berei-

natur und mensch 4 / 2007

Ein Rebhuhn mit Küken.

Wird es gelingen, das

Landwirtschaftsgebiet so

stark ökologisch aufzuwerten,

dass sich eine neue

Rebhuhnpopulation im

Klettgau etablieren kann?

Foto: M. Jenny

cherung geeigneter Gebiete mit Hecken,

Buntbrachen, Wiesen und artenreichen Säu-

men zu unterstützen. Es braucht zusätzlich

mindestens zwei Gebiete, die je 300–500

Hektar gross sind und mindestens 10 Pro-

zent naturnahe Flächen aufweisen. Der ver-

bleibende Rebhuhnbestand wird von der

Vogelwarte weiter betreut. Zur Reduktion

von Störungen sollen die Standortgemeinden

und Hundehalter enger in die Projektorganisation

einbezogen werden. Das Projekt

wird von lokalen Organisationen des

Natur- und Umweltschutzes sowie der Jagd

weiterhin unterstützt.

Das Rebhuhn ist eine typische Brutvogelart

der ackerbaulich geprägten Feldflur. In der

zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts brach

der schweizerische Bestand von über 10‘000

Tieren auf wenige Individuen zusammen.

Die letzten paar Rebhühner überleben im

Kanton Genf. Das Schaffhauser Projekt versucht,

auch in der Deutschschweiz eine

Population zu etablieren. Die Chance dafür

hängt letztlich davon ab, wie stark das Landwirt

schaftsgebiet ökologisch aufgewertet

werden kann.

Markus Jenny

Agrarökologe

Schweizerische Vogelwarte

6204 Sempach

Tel. 044 954 05 35

markus.jenny@vogelwarte.ch

Seite 21


Aus dem Rheinaubund

Unser Geschäftsführer berichtet:

Rheinaubund

Mitgliederversammlung 2007

An der Mitgliederversammlung in Blansingen

vom 30. Juni 2007 nahmen 30 Mitglieder

teil. Für Rheinaubund-Verhält nisse ist

dies eine sehr gute Präsenz. An der Rahmenveranstaltung

waren zusätzlich noch Gäste

anwesend, so dass insgesamt 40 Personen

beteiligt waren. Zu denken gibt allerdings die

geringe Zahl von lediglich 8 anwesenden

Vorstandsmitgliedern. Der formelle Teil gab

zu keinen Diskussionen Anlass und wurde

durch Jürg Bloesch problemlos abgewickelt.

Obwohl der Zeitplan infolge eines Fehlers

der Disponentin beim Busunternehmen

völlig aus den Fugen geriet, klappte die

Organisation dank dem Improvisationstalent

aller Beteiligten, jedoch zeitverschoben.

Es konnten alle beabsichtigten Ziele

angefahren werden. Ich schrieb den kürzesten

Weg zum Tagungsort vor, was lediglich

25 km Anfahrtsweg bedeutet hätte.

Die Disponentin jedoch wollte offenbar einen

schönen Ausflug mit uns machen und

schrieb dem Chauffeur eine Reiseroute

über die Autobahn nach Neuenburg/Müllheim

und durch die Reblagen des Mark gräflerlandes

vor. Dies bedeutete einen Umweg

von nahezu 50 km! Ich ärgerte mich grün

und blau, konnte aber nichts machen, da ich

das Maleur erst auf der Autobahn bemerkte

und es keine Ausfahrt gab.

Seite 22 natur und mensch 4 / 2007

Jörg Lange hielt einen sehr interessanten

Vortrag über die historische Entwicklung

der Rheinlandschaft und die vorgesehenen

Hochwasserschutzmassnahmen und Renaturierungen.

Hans Dieter Geugelin, in der

Region aufgewachsen und verwurzelt, führte

die Gruppe dann nach dem ausgezeichneten

Mittagessen im Gasthof „Römischer

Hof“ durch die interessante Landschaft

oberhalb des Isteiner Klotzes mit Ausblick

auf die Rheinebene bis nach Basel. Weiter

führte der Weg durch die Reblagen und

den historischen Ortskern von Istein, kommentiert

mit interessanten Geschichten aus

Die Isteiner Schwellen

am Oberrhein

Foto: J. Lange

der Vergangenheit. Nach einem Aufenthalt

am Fusse des Isteiner Klotzes gings dann

zu den Isteiner Schwellen, einer eindrücklichen

Barriere aus hartem Kalkstein im

Altrhein, die erst durch die Absenkung des

Rheins infolge der Begradigung so deutlich

zutage getreten ist. Für unser ehemaliges

Vorstandsmitglied Arnold Ackermann mit

seinen 89 Jahren ein bewegender Augenblick,

denn diese Schwelle hatte er in jungen

Jahren noch mit dem Kanu überwunden.

Nachdem ich endlich einige der jünge ren

Teilnehmer aus dem prickelndem Nass gescheucht

hatte, ging’s dann zum Vereinshaus

des Fischereivereins Weil am Rhein,

wo wir uns am kühlen Bier, Radler, etc. und

an süssen und salzigen Leckereien, organisiert

durch den Fischereiverein, gütlich

taten. Hier erwies sich unser Chauffeur als

sehr flexibel: Er chauffierte die Teilnehmer

und Teilnehmerinnen mit abendlichen Verpflichtungen

per Extrafahrt nach Basel, bevor

er wieder zum Vereinshaus zurückkehrte

um uns zum letzten Etappenziel zu bringen.

Dies war das Wehr Märkt, welches das

Wasser in den Rhein-Seitenkanal (Grand

Jürg Bloesch und Ruedi

Schneider bei der

Mitgliederversammlung des

Rheinaubundes 2007

Foto: G. Frauenlob


Canal d’Alsace) umleitet. Hier informierte

Jürg Bloesch über den Inhalt unserer Einsprache

gegen die Neukonzession des KW

Kembs der EDF. Insbesondere vertieften

sich die anwesenden Fachleute in die Problematik

des Fischaufstiegs. Aus den vorgesehenen

10 Minuten wurde dann fast eine

Stunde! Schlussendlich landete die Gruppe

erst um ca. 20.00 im SBB-Bahnhof Basel zur

Heimreise. Nachträgliche Kommentare zeigen

aber, dass die Veranstaltung sehr gut

ankam, was mich als Organisator natürlich

sehr freut.

Garwidenbach (Mettmenstetten)

In einem Schreiben nahmen wir Bezug auf

eine Verfügung der Baudirektion des Kt.

Zürich, die uns als Einspracheberechtigte zu -

gestellt worden ist. Darin haben die Behör

den die Wiedereindolung eines ersten

Teilstücks des Garwidenbaches aus Gründen

des Hochwasserschutzes bereits vor

Ab lauf der ordentlichen Rekursfrist von

30 Tagen bewilligt, ein zweites Teilstück

soll später folgen. Wir wollten mit diesem

Schreiben nachträglich unser Bedauern zu

diesem Entscheid ausdrücken, denn wir

vermissen eine sorgfältige Prüfung allfälliger

Ausdolungsmöglichkeiten des Gar widenbaches

vor der nun verfügten Wiedereindolung.

Es wird lediglich summarisch

darauf hingewiesen, dass eine Ausdolung

die landwirtschaftliche Bewirtschaftung

erheblich erschweren würde (was jeder

Landwirt gerne bestätigen wird) und deshalb

unverhältnismässig sei. Wir erlaubten

uns, die Verfügung nachträglich zu kommentieren,

da sie einen Präzedenzfall für

mögliche ähnliche Situationen darstellt.

Das AWEL reagierte mit einem Schreiben, in

welchem es nochmals die Gründe darlegte,

warum die Wiedereindohlung bewilligt

wurde:

• Beibehaltung der Vorflut für die Drainagen

ist zwingend

• Zerschneidung und Halbierung der

Landwirtschaftsfläche quer zur Bewirtschaf

tungsrichtung

• Eine Verlegung würde eine Neuverlegung

der Drainagen zwingend machen, was

ausserhalb jeder Verhältnismässigkeit

stünde.

Die Organe des Rheinaubundes

Präsident:

1. Bloesch Jürg 2), Dr.sc.nat ETH, Limnologe, Stauffacherstrasse 159, 8004 Zürich

Vorstandsmitglieder:

2. Attenhofer Emil, Architekt, Gehrstrasse 22, 8908 Hedingen

3. Belser Anna 1) , Dipl. Ing. Landschaftsplanerin, Mattenweg 7a, 5034 Suhr

4. Boller Lukas Dipl. Umwelt-Natw. ETH, Bachstrasse 24, 8200 Schaffhausen

5. Bryner Andri, Dipl. Natw. ETH, Möttelistrasse 47, 8400 Winterthur

6. Cadonau Gallus, lic. jur., Geschäftsführer SGS, Sonneggstrasse 29, 8006 Zürich

7. Diener Verena, Im Schilf 10, 8044 Zürich

8. Flühmann Paul, Dipl. Ing. ETH, Höhenweg 5, 4562 Biberist

9. Frauenlob G. 2) , (Redaktor), Dipl. Geogr./Hydrologe,

Schwarzenbergstrasse 35, D-79183 Waldkirch

10. Göttelmann Uli 1) , Dipl. Georgraf./Hydrologe, Am Tannenhof 40, D-78464 Konstanz

11. Jaccard J.-P. 1) , Dipl. Ing. Agr. ETH, Umweltfachm. mit eidg. FA,

Schufenholzweg 12, 4302 Augst

12. Kley Anna, Dr. iur. Rechtsanwältin, Friedheimstrasse 31, 8057 Zürich

13. Knupp Konrad, Elektroingenieur HTL, Steinrain 55, 4112 Flüh (Kassier)

14. Manuela Krähenbühl, Dipl. Geografin, Haldenstrasse 17a, 8942 Oberrieden

15. Nufer Markus, Elektroing., Willishalden, 3086 Zimmerwald

16. Rippmann Ueli 2) , Dr. sc. nat. ETH Biologe, Bergstrasse 4b, 5644 Auw (Vizepräsident)

17. Rohe Edda 1) , Dipl. Geografin, Schlierenstrasse 61, 5408 Ennetbaden

18. Scheibler Uwe 2), Dipl. Ing. Landschaftsarchitekt FH, Usterstrasse 10, 8620 Wetzikon

(Geschäftsführer)

19. Schneider Rudolf, Elektrotechniker, Steigstrasse 2, 8447 Dachsen

20. Scholl Iris, lic. phil. I, Ethologin, Neufuhr, 8610 Uster

21. Siegrist Dominik, Dr. phil. II, Geograf, Hochsch. für Technik,

Oberseenstr. 10, 8640 Rapperswil

22. Stopper Paul 1) , dipl. Bauing. ETH, Falmenstrasse 25, 8610 Uster

23. Sutter Sibilla, Dipl. Ing. Forstingenieurin ETH/eMBA,

Goldbrunnenstrasse 67, 8055 Zürich

24. Taxböck Philip, Dipl. Biologe, Steig 4a, D-78476 Allensbach

25. Ulrich Werner 1) , Dipl. Ing. HTL, Morgenstrasse 10, 8512 Thundorf

1) leitender Ausschuss; 2) von Amtes wegen im leitenden Ausschuss

Rechnungsrevisoren:

Minder Hans, Fabrikant, Höhenweg 9, 8212 Neuhausen

Schmid Walter, Realschullehrer, Rotenbrunnenstr. 7, 8405 Winterthur

Das konkrete Vorhaben ist bereits ausgeführt

und wir betrachten die Sache als erledigt.

Interessant im Kontext dazu ist aber

der Entscheid des Gesamtregierungsrates

im Falle des Arbaches der im folgenden geschildert

wird.

natur und mensch 4 / 2007

Rekurs gegen Wiederein-

dolung des Arbachs in Herrliberg

erfolgreich!

Dieser Rekurs ergab sich im Rahmen der

Prüfung der uns zugestellten Verfügungen

der Baudirektion und wurde bereits am 27.

März 2006 eingereicht. Nachdem wir innerhalb

von 30 Tagen reagieren mussten, beanspruchte

die behördliche Behandlung des

Geschäftes sage und schreibe 16 Monate!

Aufgrund des schlechten baulichen Zustands

der bestehenden Leitung besteht

Seite 23


Aus dem Rheinaubund

Werbung in eigener Sache

Unsere letzte Heftausgabe enthielt die

Einladung an Sie, sich zu überlegen, wer

aus Ihrem Bekannten-, Verwandten-

und Freundeskreis Interesse an unserem

Heft oder an einer Mitgliedschaft haben

könnte. Wir hoffen, mit dieser Aktion

eine grosse Zahl neuer Abonnenten

und Mitglieder gewinnen zu können.

Daher möchten wir Sie nochmals bitten,

bei dieser Aktion mitzumachen und uns

die Adressen potenzieller Interessenten

mit dem in Heft 3/2007 enthaltenen

Antworttalon mitzuteilen.

ein Sanierungsbedarf des eingedolten Abschnitts

des Arbachs. Gemäss Gewäs serschutzgesetz

dürfen Fliess gewässer «…nicht

überdeckt oder eingedolt werden». Damit

wird klar, dass ein bereits eingedoltes

Gewässer im Sanierungsfall (wie beim vorliegenden

Objekt) grundsätzlich ausgedolt

werden muss.

Die Verfügung der Baudirektion beruft

sich auf Ausnahmeregelungen des Gewässerschutzgesetzes,

die besagen, dass die

Behörde Ausnahmen bewilligen kann. Nachdem

die Projektstudie Schälchli, Abegg +

Hunzinger den Beweis einer offenen Wasserführung

einwandfrei erbracht hat, kommt

nur noch das zweite Ausnah mekriterium (erhebliche

Nachteile für die Landwirtschaft) in

Frage. In unserem Rekurs belegen wir, dass

der Landwirtschaft durch die Bachöffnung

keine erheblichen Nachteile erwachsen,

jedenfalls nicht über das bei Ausdolungen

übliche Mass, weshalb die Ausnahmeregelung

in diesem Fall ausser Betracht fällt. Also

muss das Gewässerschutzgesetz (Art.38) um-

gesetzt und der Arbach im Sinne einer ökologischen

Verbesserung geöffnet werden.

Allerdings stellt die vorgeschlagene Öffnungsvariante

nur eine Möglichkeit der Revita

li sierung des Arbachs dar. Da wir an einer

konstruktiven Lösung interessiert sind, führen

wir im Rekurs mögliche Alternativen und

Kompromisslösungen an. Wir schlagen vor,

diese mit allen Betroffenen zu diskutieren, um

wenn möglich zu einer einvernehmli chen,

aussergerichtlichen Lösung zu kommen.

Gemäss Art. 329 Abs. 2 lit. c PBG ist für diesen

Fall der Regierungsrat zuständig, da

Seite 24

natur und mensch 4 / 2007

insbesondere das Umweltschutz- und das

Gewässerschutzgesetz zur Anwendung

kom men. An seiner Sitzung vom 18. Juli

2007 hat er über unseren Rekurs entschieden

und uns den Entscheid in Form eines

Proto kollauszuges mitgeteilt, welcher am 24.

7.2007 bei uns eingegangen ist. Hier die wesentlichen

Inhalte:

Der RR erklärt, der Auffassung der Werkkom

mission der Gemeinde Herrliberg, es

gehe beim rund einen halben Kilo me ter

langen Arbach um einen „kleinen Entwässerungsgraben

mit zeitweiser Wasser führung“

könne nicht beigepflichtet werden. Es

sei unbestritten, dass es sich beim Ar bach um

ein öffentliches Fliessgewässer handelt, auf

das Art. 38 GSchG anwendbar ist.

Die Gemeinde Herrliberg sei in ihrer Rekursantwort

auf die vom Rheinaubund vorgeschlagenen

Varianten für den Bachverlauf

nicht eingegangen, weil sie der Ansicht ist,

diese stünden nicht zur Diskussion und es

sei einzig über die Wiedereindolung „gemäss

den Plänen vom 10. Juni 2003 des Planungs-

und Ingenieurbüros Hasler“ zu befinden.

Dieser Auffassung kann der Regierungsrat

nicht folgen, im vorliegenden Verfahren gehe

es grundsätzlich darum, ob die Baudirektion

eine Wiedereindolung des Arbachs überhaupt

festsetzen durfte, oder ob der Arbach

neu im fraglichen Abschnitt nicht entsprechend

dem grundsätzlichen gesetzlichen

Auftrag nach Art. 38 GSchG auszudolen sei.

Der RR stellt im Weiteren fest, dass alle vorliegenden

Varianten, insbesondere auch die

Vorschläge des Rheinaubundes hätten geprüft

werden sollen. Zudem sei nicht wirklich

untersucht worden, welche Aus wirkungen eine

Offenlegung für den betroffenen Landwirt

unter Berücksichtigung der Grösse seines

landwirtschaftlichen Betriebes hätte.

Der RR kommt zum Schluss, die vom Rheinaubund

angefochtene Verfügung weise erhebliche

formelle und materielle Mängel

auf. Zusammenfassend ergebe sich, dass die

Rekurse in diesem Sinne gutzuheissen sind,

die angefochtene Verfügung aufzuheben

ist und die Sache im Sinne der Erwägungen

den Rekursgegnerinnen (Bau direktion und

Gemeinde Herrliberg) zur umfassenden

Abklärung des Sachverhaltes (Prüfung der

verschiedenen möglichen Varianten für eine

offene Wasserführung des Arbachs und

umfassende Ermittlung sämtlicher im Spiele

stehender Interessen), zur Durchführung

eines ordentlichen Ein spracheverfahrens

nach § 18a WWG und zum anschliessenden

Neuentscheid zurückzuweisen ist.

Dieser Entscheid des RR bestätigt einmal

mehr unsere seriöse und fundierte Arbeitsweise.

Schade, dass weder die Baudirektion

noch die Gemeinde Herrliberg unsere seinerzeitigen

Gesprächsangebote in diesem Falle

angenommen haben!

Probebetrieb Seerestaurant

Wie bereits berichtet haben wir uns vor

dem Verwaltungsgericht erfolgreich gegen

das Projekt des „Vereins Pavillon Nouvel“

gewehrt, in Niederuster, im Greifensee-

Schutzgebiet, ein Seerestaurant zu erstellen.

Die Sache wurde im Sinne der Erwägungen

an die mitbeteiligten Direktionen zurückgewiesen.

(Verwaltungsgerichtsentscheid vom

7. Februar 2006.)

Aus dem Regionalteil Zürcher Oberland

des Tagesanzeigers vom 14.6.2007 mussten

wir dann aber entnehmen, dass der „Verein

Pavil lon Nouvel“ an dem vom Verein vorgesehenen

umstrittenen Standort einen

zweiwöchigen „Probebetrieb“ durchführen

will. Geplant war die Aufstellung eines

Zirkus wagens für die Küche, die Erstellung

einer Terrasse vor diesem Wagen und deren

Möblierung mit Loungesesseln. Zudem

waren weitere, nicht näher beschriebene

„Elemente aus Rost“ vorgesehen.

Auf Präsidiums- und GF-Ebene und unter

Einbezug von Paul Stopper (Uster) und

unserem Rechtsanwalt Martin Pestalozzi,

welcher uns in der strittigen Sache vertritt,

wurde beschlossen, sofort zu handeln.

Insbesondere, da der Probebetrieb innert

weniger Tage aufgenommen werden sollte.

Bereits tags darauf wurde an die Baudirektion

eine Eingabe versandt, parallel

dazu wurden die Medien informiert. Den

Gesamtvorstand in das Verfahren einzubinden,

war nicht möglich, da sozusagen von

einem Tag auf den anderen gehandelt wer-


den musste. Deshalb hier eine relativ ausführliche

Information zum „Probebetrieb“.

Unsere Stellungnahmen wurden von der lokalen

Presse intensiv ausgeschlachtet, was

zu vielen Leserbriefen führte. Insgesamt

scheinen die negativen Reaktionen auf den

Probetrieb zu überwiegen.

In unserer Eingabe rügen wir, dass für ein

derartiges Vorhaben gemäss Verordnung

zum Schutz des Greifensees vom 3. März

1994 eine rekursfähige Bewilligung der Baudirektion

zwingend vorgeschrieben ist. Sie

muss zudem rechtskräftig sein, bevor mit

dem Probebetrieb begonnen werden darf.

Wir ersuchten die kantonale Baudirektion,

sofort die nötigen Anordnungen zur Herstellung

des rechtmässigen Zustands zu

treffen und insbesondere den geplanten

Probebetrieb des Seerestaurants bis zum

Vorliegen einer rechtskräftigen Bewilligung

gemäss Greifensee-Schutzverordnung sofort

zu verbieten.

Das Amt für Landschaft und Natur (ALN) teilte

uns daraufhin in seinem Antwortschreiben

mit, für einen mobilen Barwagen und die

Erstellung eines bodenschonenden Holzrostes

für die Aussenbar bedürfe es keiner

Bewilligung gemäss Greifensee-Schutzverordnung.

Bereits am gleichen Tag schuf

der Verein „Pavillon Nouvel“ vollendete

Tatsachen: Es wurde nicht nur ein solcher

Wie stellen Sie sich das

Greifensee Schutzgebiet vor?

So (Bild links) oder so?

Fotos: Verein Pro Schifflände

Uster

Wagen aufgestellt, sondern um diesen

herum eine Holzbaute mit grossflächiger

Holzbodenterrasse errichtet.

Wir sahen uns genötigt erneut zu reagieren,

um zu erreichen, dass wenigstens künftig

ein ordentliches Bewilligungsverfahren

durchgeführt wird, falls irgendwann erneut

Ähnliches innerhalb des Schutzgebiets realisiert

werden sollte. Wir wandten uns

zudem vorsorglich gegen eine allfällige

Verlängerung des auf zwei Wochen befristeten

Betriebs. Was nun realisiert worden

sei, sprenge den Rahmen allenfalls bewilligungsfreien

Handelns bei weitem: Der

Holzbau mit Holzterrasse sei als „Baute

und Anlage“ bzw. „Gebäude“ im Sinne der

Allgemeinen Bauverordnung zu qualifizieren.

Gemäss Schutzverordnung seien

im ganzen Schutzgebiet alle Tätigkeiten,

Vorkehrungen und Einrichtungen bewilligungspflichtig,

wenn sie den Wert des

Schutzgebiets beeinträchtigen könnten.

Insbesondere erkläre die Schutzverordnung

natur und mensch 4 / 2007

das Errichten von Bauten und Anlagen aller

Art, auch in der hier gegebenen Zone

VI B ausdrücklich als bewilligungspflichtig.

Das ALN selber schreibe, dass das Errichten

von Bauten und Anlagen geeignet sei, den

Wert des Schutzgebiets zu beeinträchtigen.

Deshalb ändere nach unserer Auffassung

die Befristung des Betriebs auf zwei Wochen

nichts an den mit dem Bau verbundenen

potenziellen und realen Beeinträchtigungen

des Schutzgebiets. Das Verwaltungsgericht

habe ein mobiles Gartenhaus auf Rädern

als bewilligungspflichtig erklärt und so-

gar für eine Weihnachtsbeleuchtung an

einem Einfamilienhaus eine anfechtbare

Entscheidung gefordert. Wenn nach geltendem

Recht bereits für derartige vergleichsweise

banale Vorhaben im normalen

Baugebiet eine Bewilligungspflicht bestehe,

müsse eine solche in einem Schutzgebiet

umso eher bejaht werden.

In seinem Antwortschreiben erklärt das

ALN, dass es bei seiner Zustimmung für den

Probebetrieb von einer etwas geringer dimensionierten

und „mobileren“ Anlage ausgegangen

sei. Das ALN geht nun mit uns

einig, dass damit der Rahmen des bewilligungsfreien

Handelns überschritten ist.

Der Verein „Pavillon Nouvel“ hat also etwas

anderes realisiert, als er den Behörden

vorgaukelte. Der vom Rheinaubund von

Anfang an erhobene Vorwurf des rechtswidrigen

Vorgehens ist damit bestätigt.

Wir sind froh darüber, dass nun aufgrund

unserer Intervention wenigstens in Zu-

kunft ein ordentliches Bewilligungsverfah-

ren stattfinden muss und der rechtswidrige

Probebetrieb nicht verlängert wird.

Seite 25


Aus dem Rheinaubund

Der Kontrapunkt – Wechsel in der Geschäftsführung

„Adieu und Salü, Ruedi Schneider“

Im letzten Heft hast Du Dich in eigener Sache

offiziell als Geschäftsführer des Rheinaubundes

abgemeldet, und Dein Nachfolger

Uwe Scheibler hat sich eingeführt. Auch in

einigen Tageszeitungen wurde darüber ausführlich

berichtet. Dies ist für mich Anlass

genug, mich als Kopräsident dazu zu äussern,

haben wir doch seit 12 Jahren eng und

gut zusammengearbeitet. Wenn Du jetzt altershalber

in Pension gehst, heisst das in Tat

und Wahrheit, dass Du von der beruflichen

Tätigkeit in den so genannten Unruhezustand

übertrittst, indem Du dem Rheinaubund als

Vorstandsmitglied weiterhin aktiv erhalten

bleibst. Darüber freut sich nicht nur Uwe

Scheibler, sondern auch der Rheinaubund,

der davon nur profitieren kann.

Du hast Deinen Werdegang im Rheinaubund

selbst geschildert. Seit 1990, als Du Dich beim

damaligen Vorstand als neuer Geschäftsführer

beworben hattest, hast Du die Geschicke

des Rheinaubundes weitgehend und erfolg-

Ruedi Schneider, der ungekrönte

Weltmeister im Tü -

chel bohren in voller Aktion

– scharf beobachtet von

seiner Frau Esther und Vor -

standsmitglied Werner

Ulrich. Der Rheinaubund

präsentierte sich am Fintan-

Fest auf der Klosterinsel

Rheinau (1. Juli 2001).

Foto: J. Bloesch

Seite 26

reich bestimmt und das gute Image unseres

Vereins geprägt. In diesen 17 Jahren hat sich

einiges ganz markant geändert. Deine Schilderungen

aus früheren Zeiten lassen erkennen,

dass auch Du wacker mitgeholfen hast,

den Rheinaubund in Schwung zu bringen

und zu halten, und Neuerungen mit Elan

ein zu führen und umzusetzen. Insbesondere

wurde die Arbeitslast in letzter Zeit immer

grösser, die fachlichen Anforderungen stiegen,

professionelles Fundraising und Public

Rela tion mussten neu betrieben werden.

Als unser scheidender Geschäftsführer bist Du

ein „Urgestein“ im Rheinaubund. Zwar warst

Du bei der Gründung im Jahre 1960 nicht

dabei, Du hast Dich aber als Quereinsteiger

derart intensiv mit unserer Vereinsgeschichte

auseinandergesetzt, dass Du schreiben und

berichten konntest, als hättest Du damals

mit den Koryphäen Bärchtold, Uehlinger

und Krebs per Du verkehrt. Als gelernter Elektroniker

hast Du Dir soviel Wissen angeeignet

und soviel Erfahrung gesammelt, dass Du

nicht nur die administrativen Geschäfte souverän,

sondern auch die wissenschaftlichen

Belange kompetent behandeln konntest.

Aus meiner persönlichen Sicht darf ich sagen,

dass ich mit Dir seit meinem aktiven

Mitmachen im Rheinaubund anno 1992

stets ein herzliches Verhältnis hatte, das

sich in einer äusserst angenehmen und ko-

operativen Zusammenarbeit niederschlug.

Wir waren ein echtes Team, das aber auch

vom ganzen Vorstand unterstützt wurde,

so dass das Zusammenarbeiten sehr lustvoll

und erspriesslich war. Die wenigen

Kontroversen können das äusserst positive

Bild nicht trüben. Mit Deiner offenen,

menschlichen Art hast Du Dir auch ausserhalb

des Rheinaubundes viele Freunde geschaffen,

und dieses Netzwerk war und ist

für den Rheinaubund von unschätzbarem

Wert. Wie selbstverständlich hast Du Deine

ganze Familie eingebunden, sei es als

Unterstützung in der Administration, bei

öffentlichen Rheinaubundauftritten oder

computertechnischen Problemen. Deshalb

möchte ich Dir und Deiner Familie im Namen

aller Rheinaubündler für Dein bisheriges

grosses und uneigennütziges Engagement

für den Verein und damit den Landschafts-

und Gewässerschutz ganz herzlich danken.

Da mit ist auch die Hoffnung verbunden,

dass uns Deine Tatkraft noch lange erhalten

bleiben wird.

An der Mitgliederversammlung am 30. Juni

2007 konntest Du die wohlverdiente Ehrenmitgliedschaft

entgegennehmen. Damit

Du jetzt mit Deiner Familie ein wenig abheben

kannst, schenkte Dir der Vorstand einen

Gutschein für eine Ballonfahrt, die Du Dir so

sehnlichst gewünscht hast, nachdem die Probefahrt

2005 im Nebel und mit einer halben

Bruchlandung geendet hatte. Wir alle wünschen

Dir eine frohe Fahrt ins Rentenalter und

in luftige Höhen, auf dass Du wieder wohlbehalten

im Weinsteig 192 in Schaffhausen landen

werdest.

Jürg Bloesch

Kopräsident

Stauffacherstrasse 159

8004 Zürich

Tel. 044 241 11 19


Mitteilungen

60 Prozent der Wasserentnahmen

ohne Restwasser

Weiterhin werden Hunderte von Bächen

durch ihre wirtschaftliche Nutzung trocken

gelegt. Unterhalb von Stauwehren verkommen

sie zu Rinnsalen. Die vorgeschriebene

Sanierung dieser Restwasserstrecken stockt.

Neue Zahlen des BAFU und eine Studie

der EAWAG untermauern diesen Befund.

Bundesrat und Parlament schauen dabei

untätig zu.

Am 25. Juli 2007 publizierte das Bundes amt

für Umwelt BAFU die Schweizer Restwasserkarte.

Diese weist auf Basis der kantonalen

Inventare Wasserentnahmestellen

entlang der Fliessgewässer aus. Doch obwohl

die kantonalen Inventare gemäss Gewäs

serschutzgesetz bereits seit 15 Jahren

fällig sind, fehlen bei rund der Hälfte der

Fassungen Angaben zu den Rest was ser mengen.

Schlimm genug. Es kommt aber noch

schlimmer: 60 Prozent der mit Angaben versehenen

Fassungen werden mit sage und

schreibe Null Restwasser betrieben, das

heisst die Bäche sind komplett trocken gelegt.

Es kann angenommen werden, dass

die Situation bei den Wasserfassungen ohne

Angaben ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer

ist.

Ausserdem: nicht weniger als 1118 Entnah

menstellen sind älteren Datums. Sie

wurden vor dem Inkrafttreten des Gewässerschutzgesetzes

(1991) bewilligt. Solche

alten Wasserentnahmestellen müssen gemäss

Gesetz beurteilt und, falls nötig, bis

2012 von den Kantonen ökologisch saniert

werden.

Doch die kürzlich erschienene Studie «Wasserkraftnutzung

und Restwasser» des Wasser

forschungs-Instituts EAWAG weist auf,

dass der Vollzug der Sanierungen nur sehr

schleppend vorankommt. Erst 120 Sanierungen

wurden verfügt. Fehlende politische

Unterstützung und finanzielle Mittel sind

die Gründe. Geht der Vollzug wie bisher weiter,

werden die Ziele des Gewässerschutzes

weit verfehlt.

Das bestehende Vollzugsdefizit widerspricht

dem Verfassungs- und Gesetzesauftrag und

dem Willen der Stimmbevölkerung. Der

Bun desrat und eine Mehrheit der Bundes-

Die ökologische Sanierung

vieler Restwasserstrecken

lässt noch immer auf sich

warten.

Foto: : Eawag / A. Peter

parla mentarier haben bis jetzt davor die

Augen verschlossen. Dies ist im Anbetracht

der neuen Grundlagen nicht mehr möglich.

Wenn Kantone und Bundesbehörden

nicht handeln, muss das Parlament die Voraussetzungen

für den Vollzug des Gewässerschutzgesetzes

sicherstellen. Dazu hat

es mit der Behandlung der Volksinitiative

«Lebendiges Wasser» des Fischereiverban-

des und Umwelt- und Naturschutzorgani -

sa tionen schon bald Gelegenheit.

Quelle: Pro Natura / EAWAG / BAFU

Biodiversität für Ökosystem-

Dienstleistungen wichtiger als

bisher angenommen

Um den Wert der Artenvielfalt abschätzen

zu können, untersuchen Wissenschaftler,

wie sich der Verlust von Arten auf verschiedene

Ökosystem-Dienstleistungen wie die

Lebensmittelproduktion, die Bereitstellung

von sauberem Trinkwasser oder die Bindung

des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid aus

der Atmosphäre auswirkt. Wird dabei nur

eine einzige Ökosystem-Dienstleistung betrachtet,

könnte die Anzahl nötiger Arten

aber unterschätzt werden, die es für ein

voll funktionsfähiges Ökosystem braucht.

Wissenschaftler der Universität Zürich und

der Universität Oxford haben deshalb eine

neue Methode entwickelt, die es er-

natur und mensch 4 / 2007

laubt, mehrere Ökosystem-Prozesse auf ein-

mal zu berücksichtigen. Sie haben diese

Methode auf Daten aus europäischen Graslandökosystemen

angewandt und entdeckt,

dass eine grössere Artenvielfalt benötigt

wird, wenn alle sieben erhobenen

Ökosystem-Dienstleistungen einberechnet

werden, als wenn nur eine einzelne

Dienstleistung betrachtet wird. Bereits

der Verlust von wenigen Arten kann dazu

führen, dass die Gesamtfunktion eines

Ökosystems beeinträchtigt wird. Bisherige

Untersuchungen sind immer davon ausgegangen,

dass Arten, die für eine Ökosystem-

Dienstleistung wichtig sind, alle anderen

Dienstleistungen auch gewährleisten können

– aber das scheint nicht der Fall zu sein.

Das Kernresultat der Studie besagt, dass verschiedene

Dienstleistungen des Ökosystems

durch verschiedene Gruppen von Arten

beeinflusst werden. Weil jeweils andere

Arten für unterschiedliche Ökosystem-

Dienstleistungen zuständig sind, braucht es

deshalb insgesamt mehr Arten, um ein voll

funktionierendes System zu erhalten, als

wenn man sich nur auf eine Art konzentriert.

In den kommenden Jahren überprüfen die

Wissenschaftler ihre Erkenntnisse im Rahmen

des Sabah Biodiversitätsexperiments

im Malaysischen Borneo, das verschiedene

Aufforstungsmethoden untersucht. Die Forscher

wollen dabei herausfinden, welche

Methode erfolgreicher ist, um ein voll funktionierendes

Waldökosystem wieder herzustellen:

Anpflanzungen mit vielen verschiedenen

Arten oder Aufforstungen mit

wenigen Arten.

Quelle: IBS / Nature

Seite 27


Mitteilungen

Fessenheim, Beznau, Mühleberg:

Mangelhafte Sicherheit

nach 30 Jahren Betrieb bestätigt

Nachdem ein Brand im AKW Krümmel und

ein Störfall im AKW Brunsbüttel wieder einmal

die „Sicherheit“ deutscher Atomanlagen

aufgezeigt hat, machen auch die altersschwachen

Französischen und Schweizer

Atomkraftwerke Fessenheim, Mühleberg

und Beznau wieder von sich reden.

Bei aktuellen Untersuchungen wurden im

zentralen Sicherheitsbereich des AKW Fessenheim

gravierende Mängel festgestellt.

Die Aufhängung des für die AKW Sicherheit

absolut wichtigen Kühlkreislaufes muss

dringend repariert und abgeändert werden,

denn sie garantiert nicht in allen Fällen die

Kühlung und Sicherheit des Reaktors.

Gemäss einem Bericht der Neuen Zürcher

Zeitung gibt die Schweizer Aufsichtsbehörde

zu, dass die Atomkraftwerke Mühleberg

(bei Bern) und Beznau (nahe der deutschen

Grenze) die Erfordernisse betreffend

Erdbebensicherheit nicht erfüllen.

Diese Mängel, die seit der Inbetriebnahme

dieser Atomkraftwerke bestehen, also seit

über 30 Jahren, wurden jetzt erst offengelegt.

Damit erweisen sich die grossspurigen

Erklärungen der Betreiber, der Auf -

sichtsbehörden und der verantwortlichen

Regierungen, man habe die Sicher heit ab und

zu „gründlich“ kontrolliert, als Täu schung.

Wie gründlich die vergangenen Untersuchungen

waren, zeigen die aktuellen Befunde.

Bei einem Erdbeben (Fessenheim

liegt im seismisch aktiven Oberrheingraben)

könnten die jetzt bekannt gewordenen Mängel

zu einem verheerenden Unfall führen.

Das gleiche gilt für die Schweizer Atomkraftwerke.

Die Untersuchungen, die in den Jahren

2000 bis 2004 stattgefunden haben, wurden

erst jetzt der Öffentlichkeit „geschickt“ kommuniziert,

und dies in einer Art und Weise,

die keine Gelegenheit für Rückfragen bietet

und wichtige Fragen offen lässt.

Die „Definitionsmacht“ über technische Probleme

und Unfälle haben also immer die

Betreiber.

Wir müssen davon ausgehen, dass alle Störfallmeldungen

durch die Werbeab tei lung

Seite 28

der Französischen EDF gehen oder von der

Schweizer HSK „glattgebügelt“ werden. Es

gibt ein massives ökonomisches und politisches

Interesse der Atomkonzerne und

Behörden, solche Probleme herunterzuspielen.

Was wir erfahren und dann bewerten

müssen ist vermutlich immer nur die „Spitze

des Eisberges“.

Quelle: Trinationaler Atomschutzverband,

TRAS

Transatlantische

Energieforschung

natur und mensch 4 / 2007

Zwei der grössten Forschungszentren der

Welt haben im Juli ihre Zusammenarbeit

bekannt gegeben. Das deutsche Forschungs

zentrum Jülich und das amerikanische

Oak Ridge National Laboratory wollen

gemein sam Materialien und Methoden

entwickeln, um günstige, leistungsfähige

Brenn stoffzellensysteme für Transport und

Strom versorgung zu ermöglichen.

Konkret wollen sich die Vertragspartner

bei der Analyse und Charakterisierung

von Werkstoffen unterstützen. Dabei wird

das Oak Ridge National Laboratory seine

Kompetenzen bei Bild gebenden Verfahren

der Materialforschung und bei chemischen

Analysen von Festkörpern und Oberflächen

einbringen. Das Forschungszentrum Jülich

ist Technologieführer im Bereich Direkt me-

tha nol-Brennstoffzelle, also bei der Entwicklung

von Materialien, der Pro duktion von

Zellen und Zellenstapeln sowie beim Bau

und der Charakterisierung von Gesamtsystemen.

In Jülich arbeitet die weltweit grösste Wissenschaftlergruppe

in der öffentlichen Brennstoffzellenforschung.

Dabei spielt die lückenlose

Prozessanalyse eine entscheidende

Rolle, um den Bogen von der grundlagenorientierten

Materialforschung zu Markt

orientierten Brennstoffzellensystemen er-

folgreich zu spannen. „Wir wollen alle Aspekte

im Auge halten und aufeinander abstimmen.

Nur so lässt sich das komplexe

System Brennstoffzelle wirtschaftlich machen“,

erklärt Prof. Detlef Stolten, Direktor

am Jülicher Institut für Energieforschung.

Brennstoffzellen wandeln chemische Energie

lautlos und umweltfreundlich direkt

in elektrischen Strom um. Wasserstoffgas

oder Methanol strömen dazu über eine

spezielle Protonen leitende Membran. Zwischen

den beiden Seiten der Membran

baut sich eine elektrische Spannung auf,

die wie bei einer Batterie abgenommen

werden kann. Aufgrund ihres sehr hohen

Wirkungsgrades sind Brennstoffzellen eine

wichtige Option für den Klimaschutz.

Direktmethanol-Brennstoffzellen sollen als

Ersatz für Akkumulatoren kurzfristig in Nischen

Anwendung finden und langfristig

den breiten Markt erreichen.

Skiröhre in Todtmoos

mit Vernunft besiegt

Mit grosser Erleichterung und Freude hat

der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg

(LNV) die Nachricht vom Aus der geplanten

Skihalle in Todtmoos aufgenommen.

Erleichtert ist der LNV, weil es Behörden und

Kommune gelungen ist, letztendlich doch

der Vernunft und nachhaltigem Denken

den Vorrang zu geben. Erfreut sind die Naturschützer,

dass nahezu alle Argumente, die

sie gegen das Projekt ins Feld geführt haben,

sich in der offiziellen Begründung für die

Ablehnung wiederfinden.

Der LNV hatte schon kurz nach bekannt werden

des Vorhabens mit deutlichen Worten

protestiert und war dafür von den Betreibern

heftig kritisiert worden. Um so mehr gilt

nun sein Dank dem Regierungspräsidium,

dass es hier die Grenzen der kommunalen

Handlungsfreiheit klar aufgezeigt hat. Es

sei – so der Dachverband der baden-württembergischen

Umweltverbände – auch ein

klares Signal an alle anderen Kommunen

und Investoren, in derartige Grossprojekte

am falschen Standort zukünftig keine Energie

mehr zu investieren.

Gleichzeitig verkennt der LNV auch nicht

die Sorgen der Wintersportgemeinden, welche

diese infolge des Klimawandels plagen.

Er fordert sie auf, sich rechtzeitig von alten

Strukturen zu lösen und alternative und umweltverträgliche

Tourismusangebote zu entwickeln.

Auf diesem Weg hätten sie – so der

LNV abschliessend – die Umweltverbände

als konstruktive Partner auf ihrer Seite!

Quelle: LNV


Mitteilungen

Ökowiesen nicht früher

schneiden und besser vernetzen!

Basierend auf den Lebenszyklen von Vögeln

und Tagfaltern haben Wissenschaftler abgeschätzt,

welche Wirkung eine Vorverlegung

des Schnittzeitpunkts von Ökowiesen

auf die Biodiversität haben kann. Für beide

Tiergruppen muss mit negativen

Entwicklungen gerechnet werden.

Gemäss der heutigen Direktzah lungsverordnung

dürfen Öko wiesen je nach Landwirtschaftszone

frühestens am 15. Juni, 1.

Juli oder 15. Juli geschnitten werden. Vorverlegungen

des Schnittzeitpunktes sind

mit der Einwilligung der kantonalen Natur

schutzämter möglich. Im Rahmen der

Revision der Verordnung wird eine liberalere

Handhabung diskutiert. Basierend

auf den Lebenszyklen der Vögel und der

Ökowiesen dürfen nicht zu

früh geschnitten werden.

Foto: Oekolandbau.de

Tag falter wird abgeschätzt, welche Wirkung

eine Vorverlegung auf diese Tiergruppen

haben kann. Für beide Tiergruppen zeigt

sich, dass bei einer Vorverlegung des

Schnitt zeitpunktes mehrheitlich mit negativen

Wirkungen zu rechnen ist, weil vermehrt

gefährdete Arten in empfindlichen

Entwicklungsstadien betroffen werden. Eine

Vorverlegung des Schnittzeitpunktes sollte

daher weiterhin die Ausnahme bleiben.

Die Vernetzung von ökologischen Ausgleichsflächen

wird überdies als eine der

wichtigsten Massnahmen für die Förderung

der Artenvielfalt in der Landwirtschaft betrachtet.

Noch existieren dazu jedoch nur

wenige empirische Untersuchungen. Um

den Effekt der Habitatsvernetzung zu studieren,

wurde im Rahmen einer Untersuchung

die Artenvielfalt von Landschnecken und

Heuschrecken auf vernetzten und isolierten

Ökowiesen verglichen. Die untersuchten

vernetzten Ökowiesen waren vor vier bis

sechs Jahren direkt neben artenreichen, extensiv

genutzten Wiesen angesät worden.

natur und mensch 4 / 2007

Die isolierten Ökowiesen wurden im gleichen

Zeitraum angesät, waren jedoch im

Umkreis von mindestens 100 Metern mit

Isolationshabitaten wie intensiv genutztem

Grasland, Wald oder Siedlung umgeben. Die

Resultate zeigen, dass vernetzte Ökowiesen

im Vergleich zu isolierten eine höhere

Artenvielfalt von Landschnecken haben,

nicht jedoch von Heuschrecken. Analysen auf

dem Niveau einzelner Arten zeigen, dass sowohl

einzelne Landschneckenarten als auch

Heuschreckenarten von der Vernetzung profitieren.

Das Vernetzen von Ökowiesen mit

bestehenden, artenreichen Wiesen ist daher

für beide Tiergruppen wichtig, obwohl sie

sich betreffend Ausbreitungsvermögen und

-technik stark unterscheiden. Beim Anlegen

neuer Ökowiesen sollte die räumliche

Anordnung folglich berücksichtigt werden.

Quelle: IBS / Agrarforschung

Seite 29


Leserbriefe

Auch die kleinen Fliessgewässer

benötigen Aufmerksamkeit

Ergänzung zum Artikel in „natur und mensch“ 2 / 07

Seite 30 natur und mensch 4 / 2007

von Urs Fröhlich

Der Artikel von Lukas Boller spricht mir aus

dem Herzen. Als Wasserbauingenieur weise

ich wo immer möglich auf die Bedeutung

auch der kleinsten Fliessgewässer hin. Ich

unterstütze die Argumente im Bericht von

Lukas Boller vollumfänglich. Es liegt mir jedoch

daran, das Anliegen noch weiter zu fassen.

Es geht nicht nur um die Bäche ab 2 m

Breite. Viele oft despektierlich „Gräben“ genannte

kleine Bäche von vielleicht weniger

als 1 m Breite sind wertvolle Lebens- und

Vernetzungsräume in der intensiv genutzten

Landschaft. Auch wenn diese Objekte oft als

Entwässerungsanlagen von Menschen gebaut

worden sind, sind sie Naturelemente, in

denen sich eine bedeutende Vielfalt entwickelt

hat. Auch eine vielleicht nur temporäre

Wasserführung kann sogar für den Standort

attraktiv sein. Es ist deshalb eine Aufgabe,

das Verständnis der Grundeigentümer auch

für solche bescheidenen Objekte zu finden.

Immerhin sind solche Lebensräume auch

durch das Natur- und Heimatschutzgesetz,

durch das Fischereigesetz und durch das

Wasserbaugesetz geschützt. Sie dürfen nicht

ohne nachgewiesene Notwendigkeit, sorgfältigen

Erwägungen und mit ökologischem

Ausgleich aufgehoben werden.

Ein Aspekt, der oft schlicht vergessen wird,

ist der Hochwasserschutz. Manche Strasse,

neben der zum Beispiel ein Strassengraben

verläuft, bekommt erst dann ein Hochwasserproblem,

wenn der Graben eingedolt

wird. – Bei der Identifikation von kleinen

Bächen sind alte Landkarten oft hilfreich.

Auch die kleinsten Fliessgewässer

sind interessante

Lebensräume und wichtige

Mosaiksteine im aktuellen

Hochwasserschutz.

Foto: Günther Frauenlob

Urs Fröhlich

Fröhlich Wasserbau

Allmendweg 31

8500 Frauenfeld

Tel. 052 721 52 10

Info@froehlichwasserbau.ch


Buchbesprechungen

Wildes Graubünden

Martin Merker

Wildes Graubünden

Eine Pirsch durch die Jahreszeiten

Orell Füssli Verlag, Zürich 2007

180 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-280-05245-7

Fr. 89.00/ € 59,50

Graubünden beherbergt eine reichhaltige

Fauna. Dies war nicht immer so. Ungezügeltes

Jagen, Gier, Kriege und Hungersnöte setzten

den frei lebenden Tieren Rätiens arg zu.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte

von den grösseren Arten nur die Gämse in

geringen Beständen überlebt. Dank strenger

Gesetze und geeigneter Massnahmen

erholte sich die ausgeplünderte Wildbahn.

Hirsch und Reh wanderten wieder ein, und

in zwei beispiellosen Aktionen gelang es,

das Bündner Wappentier, den Steinbock,

und auch den Bartgeier wieder heimisch zu

machen.

Martin Merker nimmt den Leser mit auf eine

Pirsch durch die Jahreszeiten in den Bündner

Bergen und stellt einige charakteristische

Vertreter der Fauna näher vor. Erhellende

Texte stimmen in die reichhaltigen und faszinierenden

Bildteile ein, die die Akteure in

ihrer Heimat hautnah zeigen. Bislang fristeten

die Wildtiere in den Buchpublikationen

über Graubünden ein eher stiefmütterliches

Dasein. Hier sind sie für einmal die

Hauptdarsteller.

Martin Merker ist Tierarzt und war fast

20 Jahre in verschiedenen Projekten in

Schwarzafrika tätig. Seit 1989 wohnt er im

Engadin und widmet sich als freischaffender

Fotograf und Publizist naturkundlichen

Themen. Er richtet sich mit diesem Werk

nicht nur an die Freunde Graubündens,

sondern insbesondere auch an alle Tier-

und Naturliebhaber. Ein beeindruckendes

Buch, das einen gleich wieder antreibt, nach

draussen in die Natur zu gehen.

Günther Frauenlob, Waldkirch

Die Intelligenz in der Natur

Jeremy Narby

Intelligenz in der Natur

Eine Spurensuche an den Grenzen

des Wissens

272 Seiten

AT Verlag Baden/München 2006

ISBN 3-03800-257-7

Fr. 34.00 / € 19,90

Jeremy Narby ist kein Naturwissenschaftler.

Als promovierter Anthropologe ist er fasziniert

von lateinamerikanischen Scha ma -

nen, welche sich in die Seele von Tie ren

und Pflanzen versetzen können. Ihre Erfahrung,

dass alle Lebewesen eine eigene

Sprache sprechen, eine eigene Intelli genz

haben, welche vom Menschen in scha ma -

nischer Trance unmittelbar intuitiv ver -

standen werden kann, ist dem Autor Anstoss,

unter westlichen und japanischen

Na tur wissenschaftlern nach Forschungen

über pflanzliche und tierische Intelligenz

zu suchen. Der Anthropologe kennt sich in

der aktuellen Fachdiskussion aus und sucht

persönlichen Kontakt mit Botanikern und

Zoologen. Seine Gespräche und Reflexionen

lesen sich spannend und öffnen weite

Horizonte. Wir erfahren unter anderem, dass

Kommunikation und kreative Anpassung

an veränderte Umweltbedingungen alltäglich

ist bei Lebewesen, welche weder ein

zentrales Nervensystem noch ein Gehirn

(riesige Amöben, Plasmodien, Pflanzen)

oder beides nur in winzigem Massstab besitzen

(Bienen, Schmetterlinge). Aufgrund

molekularen Austausches in der Grosszelle

und von Jonenübertragungen an den

natur und mensch 4 / 2007

Zellmembranen steuern Riesenamöben genau

so wie Pflanzen ihre Nahrungsaufnahme,

ihr Wachstum und ihr Überleben im

Konkurrenzkampf mit Nachbarorganismen.

Dieser Vorgang entspricht dem Austausch

von Jonen und Molekülen in den Synapsen

unserer Nervenzellen. Schlüsselbegriff wird

für Jeremy Narby das japanische Chi-sei.

Dieser Begriff ist nicht deckungsgleich mit

der westlichen „Intelligenz“. Der westliche

Intelligenzbegriff zieht eine scharfe Grenze

zwischen dem Menschen und der übrigen

Natur. Für Japaner und Japanerinnen ist

diese Grenze durchlässig. Der westlichen

Mentalität fällt es schwer, Intelligenz bei

Tieren vorauszusetzen, während es der japanischen

schwer fällt, dies nicht zu tun.

Chi-sei bedeutet „Wissensfähigkeit“ oder

„Erkenntnisfähigkeit“ und ist im ganzen

Reich des Lebens anzutreffen. Chi-sei ist eine

Erkenntnisfähigkeit jenseits der Bildung

von Nervensystemen und Gehirnen.

Fazit: Das Wissen um diese komplexen Vorgänge

im Pflanzen- und Tierreich korrespondiert

mit den „Befunden“ der Schamanen.

Jeremy Narby erfährt nicht-menschliche

Lebewesen „menschlicher“ und Menschen

„natürlicher“. Er schliesst: „ Statt blindlings

über den Planeten hinwegzutrampeln,

sehen wir, dass die herrlichen Wunder des

Lebens nicht nur bei uns, sondern bei allen

Bewohnern der Erde zu finden sind. Chi-sei

bildet ein Kontinuum durch alle Reiche des

Seite 31


Buchbesprechungen

Lebens.“ Ein ausführlicher Anmerkungsteil

erklärt dem Laien Fachausdrücke, wissenschaftliche

Arbeitsweisen und Erkenntnisse

aus Anthropologie und Biologie.

Ruedi Waldvogel, Osterfingen

Biber, Wolf und Wachtelkönig

Hansjakob Baumgartner

Biber, Wolf und Wachtelkönig

23 Wildtiere des Smaragd-Programms

Haupt Verlag Bern, 2007

ISBN 978-3-258-07007-0

Fr. 39.90 / € 24,90

Wildtiere teilen ihren Lebensraum mit uns.

Einige Arten finden sich in den von den

Menschen geprägten Lebensräumen gut zurecht,

andere nicht, einige kehren – begleitet

von grossem Medienrummel – zurück.

Jede dritte bis zweite Tierart der Schweiz ist

bedroht.

«Biber, Wolf und Wachtelkönig» berichtet

von Wildtieren aus dem Smaragd-Programm,

dem europäischen Netzwerk für

be droh te Arten und ihre Lebensräume. Es

er zählt, wie sie sich behaupten oder eben

nicht, wie wir sie erforschen und schützen

können und versuchen, Konflikte mit ihnen

zu vermeiden.

Seite 32 natur und mensch 4 / 2007

Der Autor hat Wildtierbiologen in der

Schweiz auf ihren Streifzügen begleitet, Forschungsprojekte

mitverfolgt und beobachtet,

wie Ideen für den Artenschutz entwickelt

und umgesetzt werden. 23 Wildtierarten und

ihre Geschichten regen zum Nachden ken

an über das Zusammenleben von Tier und

Mensch und über den Wert der Artenvielfalt

für unsere Zukunft.

Günther Frauenlob, Waldkirch

Fische, Krebse, Muscheln in

heimischen Seen und Flüssen

Wolfgang Hauer

Fische, Krebse, Muscheln

in heimischen Seen und Flüssen

Leopold Stocker Verlag, Graz, 2007

231 Seiten

ISBN: 978-3-7020-1143-7

Fr. 52.20 / 29.90

Süsswasserfische, Krebse und Muscheln

sind Tiergruppen, die selbst dem Naturinteressierten

oft nur unzureichend bekannt

sind, deren grundsätzliche Bedeutung für

unsere Gewässer aber ausser Frage steht.

Was die Formenvielfalt und die Bestimmung

der vorkommenden Arten angeht sind vielfach

auch Fischer, Gewässerbewirtschafter

und Naturschützer sehr bald am Ende

ihres gesicherten Wissens angelangt.

Aber auch in der wissenschaftlichen Forschung,

die sich taxonomisch mit den

Arten und ihrer Abgrenzung befasst, die

Bestandsentwicklung erforscht oder die

Verbreitung und die ökologischen Ansprüche

studiert, stellen gerade Fische die vielleicht

am schlechtesten bekannte Wirbeltier

gruppe dar. Diese Wissensdefizite und

mangelndes Interesse in der Öffentlichkeit

wirken sich auch entsprechend in der

Naturschutzgesetzgebung aus.

Das vorliegende Werk wendet sich an alle,

denen intakte Lebensgemeinschaften

in unseren österreichischen Seen und

Flüssen ein Anliegen sind. Es ist das besondere

Verdienst des bekannten Fachmanns,

Fischereimeister Wolfgang Hauer, dass er

sich der mühsamen Arbeit unterzogen hat,

schwer zugängliche Daten zur Bestimmung

zu sammeln und vor allem in brillanten

Lebendaufnahmen das Aussehen und wichtige

Bestimmungsmerkmale zu präsentieren.

Wer die Schwierigkeiten kennt, die

mit der photographischen Dokumentation

unserer heimischen Fische verbunden

sind, wird dieses Werk mit Staunen und

Bewunderung durchblättern und aufnehmen.

Die Qualität der Darstellung wird aber

ebenso den Naturfreund begeistern, der

sich einfach an der besonderen Schönheit

und Vielfalt der heimischen Tierwelt unter

Wasser erfreuen will.

Dem naturverbundenen Angelfischer, den

zahlreichen Gewässerbesitzern und Pächtern,

dem Berufsfischer sowie dem Naturschutz

wird mit diesem Buch jedenfalls ein

unschätzbares Instrument in die Hand gegeben,

das die Bewahrung und naturnahe

Bewirtschaftung unserer Gewässer und ihrer

Lebensgemeinschaften entscheidend

beeinflussen und erleichtern wird.

Aus dem Vorwort

Hofrat Dr. Ernst Bauernfeind

Naturhistorisches Museum, Wien


Termine / Aktuelles

Acqua alta alpina – Kongress

und Messe zum Klimawandel

Anlässlich der internationalen Fachmesse

acqua alta alpina in Salzburg/A laden die

Veranstalter vom 29.–30.11.2007 Politi kerInnen,

Fachleute und interessierte Laien zu

einem Kongress ein, in dessen Mittelpunkt

der Klimawandel und dessen Auswirkungen

auf den Alpenraum stehen werden. Vorrangiges

Ziel der Veranstaltung ist es, den Dialog

verschiedener Experten mit Vertreterinnen

aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft

zu intensivieren. Dazu stehen zahlreiche

Vorträge und Diskussionen internationaler

Fachleute auf dem Programm. Acht inhaltliche

Themenschwerpunkte zum alpinen

Raum setzen sich mit „Klimafolgen

und Gefahrenerkennung“, „Prävention und

Vorsorge“, „Naturgefahren, Kommunikation

und Tourismus“, „Schutzmassnahmen in

der kommunalen Praxis“, „Risiko- und Katastrophenmanagement“

sowie „Interna tio -

nale Projekte“ auseinander.

Quelle und Anmeldung:

http://www.acqua-alta-alpina.at/ (de/en)

Eidgenössische Volksinitiative

„für ein gesundes Klima“

Gemäss den Szenarien internationaler Fach-

leute wird die Schweiz selbst von den minimalen

Varianten der prognosti zier ten

Kli maerwärmung stark betroffen sein:

Schwere Einbussen für den Tourismus, Abschmelzen

der Gletscher und Auftauen der

Permafrostböden, Erosion und Murgänge,

höhere Versicherungsprämien und neue

Krankheiten sind unter anderem die Folgen.

Der Klimawandel ist eine der weltweit

wichtigsten Herausforderungen.

Doch die Schweizer Politik, Bund und Kantone

waren in den letzten Jahren nicht

in der Lage, ausreichende Ziele zur Reduk

tion von Treibhausgasen und griffige

Massnahmen einzuleiten. Gemäss dem

Kyo to-Protokoll muss die Schweiz ihre Kohlendioxidemissionen

bis 2010 um 8 Prozent

gegenüber dem Stand von 1990 verringert

haben. Für die Zeit danach verfügt unser

Land – immerhin pro Kopf der sechstgrösste

CO2-Emittent der OECD-Länder, wenn

man die graue Energie von Importgütern

einrechnet – noch über kein Treibhausgas-

Reduktionsziel.

Die neue Eidgenössische Volksinitiative „für

ein gesundes Klima“ fordert nun Bund und

Kantone auf, für 2020 das Reduktionsziel

von mindestens 30 Prozent der Treibhausgasemissionen

gegenüber 1990 in der Bundesverfassung

zu verankern und die dafür

erforderlichen Massnahmen einzuleiten,

mit Schwerpunkt auf Energieeffizienz und

erneuerbare Energien wie Sonne, Wind,

Erdwärme und Holz. Damit würde sich die

Schweiz etwa in der Grössenordnung der EU

bewegen, die bis 2020 ebenfalls 30 Prozent

ihrer Emissionen einsparen will; Deutschland

peilt auf diesen Zeitpunkt 40 Prozent und

London gar 60 Prozent bis 2025 an. Dass

es mit 30 Prozent weniger CO2-Ausstoss

in der Schweiz genauso gut ginge, hat die

Klimaallianz im Klima-Masterplan aufgezeigt:

Mit den Instrumenten des Masterplans

wäre bis 2025 sogar eine Reduktion um 60

Prozent möglich.

Die Volksinitiative will für Politik, Wirtschaft

und Behörden eine klare Leitlinie zu einem

wirksamen Klimaschutz abgeben. Getragen

wird sie von einem breitabgestützten Initiativ-Komitee

aus Nichtregierungsorganisationen

und Persönlichkeiten aus fast allen

Parteien.

Alpenkonferenz stärkt Bevölkerung

der Alpen den Rücken

Eine Internationale Fachtagung soll helfen,

die Inhalte der Deklaration Bevölkerung und

Kultur der Alpenkonvention in die Tat umzusetzen.

Die Zielbestimmungen und beispielhaften

Massnahmen betreffen Bereiche

wie Gemeinschaftsbewusstsein und Kooperation,

kulturelle Vielfalt oder die Rolle der

Städte und der ländlichen Räume. Das Ständige

Sekretariat der Alpenkonvention organisiert

die Veranstaltung unter dem Titel

„Die Deklaration Bevölkerung und Kultur der

Alpenkonvention“ gemeinsam mit dem österreichischen

Lebensministerium und dem

italienischen Umweltministerium am 3. und

4. Oktober 2007 in Saint Vincent, Aosta Tal/I.

Quelle und weitere Informationen: http://

www.alpenkonvention.org (de/fr/it/sl)

Tiefsee

natur und mensch 4 / 2007

Sonderausstellung im

Naturhistorischen Museum Basel,

19. Oktober 2007 bis 13. April 2008.

Trotz Dunkelheit, eisiger Kälte und

enormen Drucks ist die Tiefsee voll bizarrer

Lebewesen, die sich an diese extremen

Bedingungen angepasst haben.

Die Sonderausstellung ‚Tiefsee‘ gewährt

seinem Publikum einmalige Einblicke

in diese geheimnisvolle Welt, die zu-

gleich der grösste wie auch der am

schlechtesten erforschte Lebensraum

auf unserem Planeten ist: Leuchtende

Fische mit enormen Zähnen und

Augen, durchsichtige Tintenfische

und riesige, Fleisch fressende Quallen

be gegnen den Besuchern ebenso,

wie die Tiefseegiganten Pottwal und

Riesenkalmar. Ein Highlight der Ausstellung

ist die virtuelle Tauchfahrt in

einem elf Meter langen U-Boot. Die

Ausstellung zeigt Spannendes von den

Mythen der Seeungeheuer aus vergangenen

Zeiten bis zur modernen

Tiefseeforschung.

Die Sondersausstellung ‚Tiefsee‘ ist eine

Kooperation zwischen dem Naturhistorischen

Museum Basel und dem

Senckenbergmuseum in Frankfurt am

Main.

Seite 33


www.rheinaubund.ch

natur und

mensch

49. Jahrgang • Heftnummer 4 / 2007

Jährlich 6 Nummern • Erscheinungsdatum 1.9.2007

Herausgeber: Rheinaubund, Schweizerische

Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimat

Autoren dieser Ausgabe:

Jörg Lange

Nik Geiler

Giovanni Danielli

Andri Bryner

Yvonne Aellen

Raimund Rodewald

Monika Kriemler

Markus Jenny

Jürg Bloesch

Mit rund 1 Quadratmeter pro Sekunde schrei -

ten der Bodenverbrauch und die Landschaftszerstörung

in der Schweiz nach wie vor

ungebremst fort. Dagegen richtet sich nun

die Landschaftsinitiative mit dem Ziel, die

Raumentwicklung in der Schweiz auf den

Pfad der Nachhaltigkeit zu bringen. Unterschriftenbögen

fi nden Sie in diesem Heft.

Beitrag Seite 17

Foto: Stiftung Landschaftsschutz

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