Die Federsammler; Band 2: "Fietje und Arti in Zwickau"

federsammler

Fietje und Arti in

Zwickau!

Das geheimnis um Robert und Clara

Die Jüngsten

Autoren

Deutschlands!


Kraaah, kraaah!


Fietje und Arti in Zwickau


Die Federsammler

Arti und Fietje in Zwickau

1. Auflage 2013

©KlangbildVerlag, Jena

Konzept & Umsetzung: Antje Hübner

Hrsg.: Jugend will… gemeinützige GmbH / Die Federsammler

Jung-Autorenteam:

Charlotte Albert, Zahraa Kariem Awad, Sebastian Bauer, Anneka Bäßler, Nils Borm, Marvin Damm,

Philipp Dinter, Phuong Thao Do, Paulina-Floriane Ebmeier, Neele Alexa Ehrig, Elisa Ender, Aimée

Fischer, Emily Lynn Fischer, Johann Fritsch, Fabienne Glawe, Katharina Graupner, Max Gründer,

Maika Gutsche, Timon Herzig, Fleur Sophie Jaschinski, Michael Jung, Vincent König, Emily Joe

Lößnitz, Anna Maryska, Theresa Möckel, Vladislav Nefedov, Miriam Nitzsche, Johanna Maria

Passin, Siwita Rashidi, Viviane Renner, Hanna Schade, Niclas Schwalbe, Emily Schicke, Amelie

Schilling, Anna Schley, Leonhard Schmieder, Fiona Smith, Helene Luise Stiller, Marie Schupke,

Michelle Thiel, Emilia Sophie Tobleck, Anne Trebeck, Julia Treubrodt, Anna Katharina Trommer,

Leonie Uhlmann, Thien Thanh Vo, Jula Lotta Wende, Anna Werner, Ferdinand Zehner

Online-Autoren (Fietjes Tagebuch):

Elisa Ender, Emily Joe Lößnitz, Anne Trebeck, Jula Lotta Wende

Co-Autor: Antje Hübner

Redaktion/Lektorat: Ina Haun, Antje Hübner

Illustration & Satz: Maria Suckert, Weimar

Umschlag: Maria Suckert, Weimar

Gedruckt in Deutschland bei

Der Abdruck der Geschichten erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Urheber

und ihrer Erziehungsberechtigten. Vielen Dank!

Alle Rechte vorbehalten

Fietje und Arti in

Zwickau!

Das geheimnis um Robert und Clara

ISBN 978-3-9814441-4-8

www.federsammler.de


4

Die Autoren

Die Autoren aus dem

Clara-Wieck-Gymnasium

Die Autoren aus dem

Käthe-Kollwitz-Gymnasium

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre 12

Jahre

12

Jahre

Anna Maryska

12

Jahre

Anne Trebeck

12

Jahre

Elisa Ender

12

Jahre

Michael Jung

12

Jahre

Aimèe Fischer Anna Werner Anneka Bäßler

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

Charlotte Albert

Emily Joe Lößnitz

12

Jahre

Emily lynn Fischer

12

Jahre

12

Jahre

Emily Schicke

12

Jahre

Michelle Thiel

Emilia Sophie

Tobleck

Ferdinand Zehner

Fiona Smith

12

Jahre

12

Jahre 12

Jahre

12

Jahre

Johanna Passin

Fabienne Glawe Fleur Sophie

Jaschinski

12

Jahre

12

Jahre

Helene Luise Stiller

12

Jahre

12

Jahre

Miriam Nitzsche

Julia Treubrodt Katharina

Trommler

12

Jahre

12

Jahre 12

Jahre

Leonard Schmieder

12

Jahre

Maria Schupke

12

Jahre

Jula Lotte Wende

12

Jahre

Maika Gutsche

Max Gründer

12

Jahre

12

Jahre

Neele Alexa Ehring

Marvin Damm

Nils Born

Phuong Thao Do

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

Sebastian Bauer

Niclas Schwalbe

Theresa Möckel

Thien Thanh Vo Viviane Renner

Siwita Rashidi

Vincent König

Vladislav Neredor Zahraa Awad


6

Die Autoren

Die Autoren aus dem

Peter-Breuer-Gymnasium

Die Jüngsten Autoren Deutschlands

In Unseren schreibwerkstätten

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

12

Jahre

Amelie Schilling

12

Jahre

anna Katharina

Grauper

12

Jahre

12

Jahre

Anna Schley

Hanna Schade

12

Jahre

Paulina Floriane

Ebmeier

Johann Fritsch

Leonie Uhlmann

12

Jahre

Philipp Dinter

Mit dem Figurenkatalog Kann Jeder Jung-Autor

ganz einfach seine Geschichte gestalten

Timon Herzig

Strukturiertes Arbeiten mit unseren Arbeitsmaterialien


9

wer ist wer?

Wort-Reich

Sprachlos-

Land

Fietje ist Artis Freund und ein ganz

normaler Junge von 12 Jahren. Er stammt

aus Jena. Zusammen mit Arti gerät er in

verrückte Situationen, bei denen es meist

darum geht, Arti und seine Federn vor den

Agenten aus Sprachlos-Land zu beschützen.

Arti ist ein Graupapagei,1439 Jahre

alt und König von Wort-Reich. Er spricht

100 Sprachen und ist auf der Suche nach

dem großen deutschen Sprachschatz. In jeder

seiner Federn steckt ein Wort. In seinen

roten Schwanzfedern versteckt Arti seine

liebsten Wörter. Überall wo er hinkommt,

sammelt er neue deutsche Wörter für sein

Federkleid und für sein Land.

Fietjes Skateboard

hört auf Befehle von ihm und Arti.. Es ist

das Versteck von Arti. Der Papagei kann

hinein verschwinden, wenn es nass wird.

Erst, wenn es Fietje wieder trocken reibt,

kann der Papagei mit viel Dampf und Rauch

und Zisch wieder heraus.

Herr Keinwort &

Mister Mundzu

kommen aus Sprachlos-Land. Dort kennt

man keine Sprache. Sie sind deshalb hinter

Artis Sprachschatz her und versuchen, ihn

und seine Federn für ihr Land zu stehlen.


Feder-Schätze

Dein Buch ist nicht „nur“ ein Buch!

Auf manchen Seiten fliegen Federn. Diese schenken dir Wörter oder

Bedeutungen zu den Wörtern, die im Text markiert sind. Wenn du das

Abenteuer von Fietje und Arti zu Ende gelesen hast, kannst du deine

Feder-Schätze alle noch einmal überblicken. Du findest sie auf Seite ...

Skateboard-Wissen

Was bedeuten die kleinen Skateboards mit den Fragezeichen? Dahinter

versteckt sich noch mehr zu einer Sache, die auf dieser Seite vorkommt.

Und zu welcher? Herausfinden kannst du alles auf: www.federsammler.de

Suche dort dein Buch, klicke auf „Extras“

und du findest dein „Skateboard-Wissen“.

Wort aus dem Text

oder Synonym

Fietjes Tagebuch

Fietje erzählt seinem Tagebuch, wie er und Arti von

einer Stadt in die nächste gelangten. Dies ist jeweils die

Eingangsgeschichte eines jeden Federsammler-Buches.

Wie cool!

Wenn du möchtest, kannst du auch Autor der Federsammler-Reihe

werden. In welcher Stadt die beiden

Helden bald sein werden und wie du mitschreiben

kannst, erfährst du unter www.federsammler-community.de

Melde dich an, schreibe mit anderen am neuen Tagebuch-Eintrag und

werde damit Autor des nächsten Federsammler-Bandes!

Als Dankeschön erhältst du dein eigenes druckfrisches Buch.


Liebes Tagebuch,

es wurde dunkel. Ich war allein, ohne Arti. Das Skateboard,

verit, warum funktionierte es nicht? Alles um mich herum war

verschwommen. Rotes Metall, Scherben, Hebel, npfe.

Dadamm ...Dadamm ...Dadadamm ...Dadamm. h mein Gott, ich

fuhr! Aber wohin und womit? Ich schrie um Hilfe. einer kam.

einer hrte mich.

Auf einmal hielt das Fahrzeug abrupt an. Ich wurde nach vorn

gegen eine Stange geschleudert. Mir wurde schwarz vor Augen

und dann sah ich pltzlich viele Männer mit lindern. Sie hatten

alle noch dazu ein schwarzes Sakko an und schwarze ärte.

Sie sahen aus wie der p heute Nachmittag in der inie . Sie

hatten totenbleiche Gesichter, genau wie dieser Maschinen

Mann. Der hatte vorhin Arti entführt.

Sie kamen langsam und schreitend auf mich zu.

Ich schrie „Was wollt ihr von mir? Ich habe Arti nicht mehr.

Der wurde von einem von euch davongetragen! In einem einen

sack. Vorhin, in der Straßenbahn. Da hat ihn einer von euch

eingesackt und weggebracht! Der sah genauso aus wie ihr!“ Sie

„Wo war denn nur mein Papagei?“, fragte ich mich. „Am Ende

haben sie ihn wirklich nicht mehr. Oder der eine hatte ihn

heimlich entführt? Aber, was wollten sie von mir? Ich dachte,

es ging ihnen um Arti und seine Federn!“

Die schwarzen Maschinen-Männer wurden richtig unheimlich

und grausig. Lange dünne Finger mit krummen Nägeln streckten

sich nach mir aus. Fast konnten sie mich schon berühren.

Die Hände griffen nach mir, von jeder Seite. Was sollte ich

nur machen? Der kalte Schweiß lief mir den Rücken hinunter.

Nun hatten sie mich erreicht und fassten mich an. „Aaah,

Hilfe!“ Diese schrumplige Haut und ihre ekligen Fingernägel

spürte ich jetzt auf meinen Armen. „Nein, nein!“ Ich schrie wie

am Spieß.

Dann wachte ich auf. Mein Skateboard lag ganz ruhig auf

meinem Schoß, keine bleichen Gesichter, keine dürren Finger.

Es war nur ein Traum. Kühle Luft strich mir über den verschwitzten

Körper.

Ich saß aber nicht unter blauem Himmel, zwischen Wald

und Wiesen, auf kühler Erde. Ich war auch nicht mehr in der

Straßenbahn, die vorhin mit mir ohne Fahrer ins Nirgendwo

gefahren war. Nein, das hier war ein Zug!

kamen immer näher und sie antworteten mir nicht.


Ich rannte zur Tür, die sich gerade wieder schließen wollte. Im

letzten Moment sprang ich hinaus und sah mich um. Ich stand auf

einem Bahnsteig, war umgeben von vielen hektisch umher rennenden

Leuten. Manche hatten einen Schirm. Erst da merkte

ich, dass es in Strömen regnete. Der Boden war nass und von

oben kam immer mehr Regen und tropfte mir über die Stirn. Ich

spürte, wie die Kälte hoch kroch und sich langsam in mir breit

machte. Verzweifelt suchte ich nach einem Unterstand. Der

Bahnhof schien schon ziemlich alt zu sein, denn hier auf dem

Bahnsteig gab es kein Dach zum Unterstellen.

war ja alles noch am Nachmittag passiert. s el mir wieder

ein. der war es gestern? der vorgestern? Wie viel eit war

inzwischen vergangen? nd das hier? Der ahnhof? Das war

doch nicht ena! Wo war ich denn nur? In ena in der Straßenbahn

hatte ich scheinbar einen Filmriss. Ich wischte kurz mein

oard trocken und schwang mich drauf. Ich versuchte loszurollen,

doch ich rutschte auf der nassen Straße aus. Ich el hin und

blieb erst einmal wie betäubt liegen. Das Skateboard schlitterte

weiter und verschwand unter einem parkenden Auto. Als

ich mich wieder aufrappelte, hrte ich mein geliebtes „raaah!“

Ich folgte den Leuten, die in die Eingangshalle strömten.

Als ich als Letzter die Halle betrat, blieb ich entsetzt stehen

und musste laut ausrufen: „Was ist das denn hier? Eine

Eingangshalle oder ein Ameisenhaufen?“ Dort wuselte alles

schrecklich aufgeregt durcheinander. Als ich mich durch die

Menge drückte, wurde ich unsanft von einer Ecke in die andere

geschupst. Ich steuerte schnell auf den Ausgang zu.

Als ich endlich aus dem Bahnhofsgebäude heraus war, hatte der

Regen zwar etwas nachgelassen, war aber noch stark genug,

um die klebrige Limo von meinem Skateboard zu waschen. Das

Arti war wieder da. „Natürlich! Skateboard nass machen,

trocken wischen, Arti kommt raus!“ Ich holte das Skateboard

unter dem Auto vor und blickte zurück Richtung Hauptausgang

der ahnhofshalle. on da kam das Gekrächze her.

Da sah ich Arti wirklich sitzen und rannte auf ihn zu.

Arti!!! Man bin ich froh, dass du wieder frei gekommen bist! Wo

sind wir denn hier?“ Arti schloss die Augen, anstatt mir zu

antworten. Da erst el mir auf, dass er nicht allein war. nd er

war auch nicht frei. Mein apagei saß auf einer Stange in einem

goldenen äg. in ogelhändler hatte einen kleinen Stand vor


dem Bahnhof aufgebaut. Was musste der gedacht haben,

als ich auf Arti zurannte und ihm zurief? Er dachte hoffentlich,

dass ich einen der Reisenden meinte, die aus dem

Bahnhof herauskamen. Ich tat so, als hätte ich Interesse

an seinem erkaufsstand und fragte wie beiläug, was

denn der Papagei kosten solle. Natürlich fand der Händler,

dass Arti ein Prachtexemplar sei und wollte, dass ich

100 Euro für ihn bezahle! Ich hatte aber nur 5 Euro und

55 Cent in meiner Hosentasche! Wie sollte ich so schnell

so viel Geld auftreiben, um Arti aus dem äg zu befreien?!

Wie war er überhaupt dort hinein gekommen? Na, das

mussten wir noch klären. Traurig sah ich mich um. Ich wusste

immer noch nicht, in welcher Stadt der Zug mit mir angehalten

hatte.

Dann kam mir ein Gedanke. Wenn der Händler wüsste,

dass Arti 100 Sprachen sprechen kann, dann hätte er

mehr als 100 € verlangt! Das machte mir Mut. Er wusste

es sicher nicht. Alle, die einen Papagei kaufen, wollen doch

sowieso lieber einen bunten Pagagei und keinen Graupapagei.

Es gibt wirklich hübschere Papageien als Arti. Ich

dachte mir: Ok, ich kann Arti sicher runterhandeln.

Also ging ich noch einmal zu dem Händler und fragte ihn, ob ich

mir den Papagei genauer ansehen dürfte. Der Händler ließ mich

bereitwillig näher an den äg heran. s ging ja um sein Geld. Ich

üsterte Arti zu Wenn dich jemand kaufen will, dann schreie

pausenlos irgendetwas in einer auderwelschSprache, auf keinen

Fall etwas Deutsches!“

Der Händler fragte gleich misstrauisch Was üsterst du da

mit dem Vogel?“

„Ich habe ihm nur gesagt, dass er schne Schwanzfedern hat.!“

Ich tat weiter so, als wollte ich den apagei eingehend betrachten.

Arti streckte mir schon seinen Hals entgegen und schaute mich

Hilfe suchend an. „Ich komme wieder. Denk daran, was ich dir

gesagt habe, kein Deutsch sprechen, am besten gar nichts!“,

uetschte ich durch meine ähne und ng an zu kauen, so als

hätte ich einen Kaugummi im Mund. Der Händler sah mich nun

schon ärgerlich an. s war doch besser abzudampfen, als noch

den reis zu verhandeln. on kam ich sowieso nicht auf

5,55 € runter!

Ich sagte zu dem Händler, dass ich den apagei kaufen wollte,

aber noch schnell das Geld dafür holen müsste. nd damit


verschwand ich. etzt galt es, Arti aus dem äg zu retten!

Was ist, wenn ich das Geld nicht so schnell zusammenbekam

und Arti vor meiner Rückkehr an jemanden anderen verkauft

wurde? Das durfte einfach nicht passieren! Ich brauchte also so

schnell wie möglich 100€. Doch wo sollte ich die nur hernehmen?

Schräg vor mir war eine Straßenbahnhaltestelle. Sollte ich

einfach die Leute um Geld bitten? Aber, was sollte ich denen

sagen? Dass ich von dem Geld einen Papagei kaufen wollte? Die

würden mir etwas husten! Sollte ich es mit etteln für ssen

probieren? h! Das wäre gar nicht gut! Aber vielleicht knnte

ich den älteren Menschen ihre offer und aschen in die ahn

heben? Für ein kleines rinkgeld? Mit dieser Methode würde

es sicher zehn Jahre dauern. Dazu hatte ich jetzt garantiert

keine eit. Da kam mir die Idee des ahrhunderts! Ich ging

schüchtern auf eine adrett

lächelnde Frau in einer blauen luse zu. An der luse steckte

ein Namensschild ohanna rler. Information“. Sehr gut, Information

war doch gut! Denn zuerst wollte ich auch wissen, wo ich

eigentlich war. Zu welcher Stadt gehörte denn nun dieser alte

Jetzt zweifelte ich an meiner Jahrhundert-Idee. War es

wirklich klug, so etwas zu tun? Und schon war es zu spät, mich

anders zu entscheiden. Die Frau Erler hatte mich bereits

angesprochen.

„Na, was macht denn ein kleiner Junge wie du hier ganz

allein am Bahnhof?“

Ihre Stimme war beruhigend. Ich fühlte mich gleich nicht mehr so

verloren in der Stadt, die wahrscheinlich nicht so nah bei Jena

war, wie ich gehofft hatte.

Die Frau Erler hörte sich ganz anders an als eine Jenenserin.

„Ich suche den Skatepark. Können Sie mir vielleicht helfen?“,

fragte ich bewusst etwas ängstlich, aber ohne Zittern in der

Stimme.

„Kleiner, du kannst mich ruhig duzen, nenn mich einfach Jo!

Eigentlich habe ich gerade Mittagspause, aber einem kleinen

Kind in Not muss ich doch helfen.“ Sie lächelte zuckersüß.

Ich hatte auf einen Schlag so ziemlich jede Sympathie verloren,

die ich anfangs für Frau Erler gehegt hatte.

ahnhof?


20

Kapitel eins

21

„Ich bin nicht Ihr Kleiner! Ich bin auch nicht in Not und wenn ich

Sie bei Ihrer Mittagspause störe, dann frage ich lieber jemand

anderen. Auf Nimmerwiedersehen!“ Mit diesen Worten stürmte

ich beleidigt davon.

Allerdings sollte es schwierig werden, eine andere Person zu

nden, die mir weiterhelfen konnte. Dann sprach ich einen

dicken Mann an. r trug eine schwarze ederjacke und war mir

vorhin schon aufgefallen. r hatte mich die ganze eit beobachtet,

als ich beim ogelhändler stand. r hatte mir zugesehen

und pausenlos gelächelt. War an mir denn etwas komisch?

Gruselig! Ach, was sollte es. in ersuch war es wert!

„Guten ag, knnten Sie mir vielleicht helfen? Ich suche den

ich in einen Buchladen gehen und in eine Straßenkarte von

Deutschland schauen. Noch einmal wollte ich mich nicht blamieren

oder als Kleiner angesprochen werden. Vielleicht fand ich auch einen

Plan von Zwigge und darauf dann den Skatepark. Der Beschreibung

von Lederjacken-Paule konnte ich leider nichts entnehmen.

„nd knnen Sie mir bitte sagen, wo ich einen uchladen nde?“,

fragte ich den Herrn mit der Lederjacke noch einmal. „Dord drüüm,

Hmbaahnof.“ ächeln. Ach so „...dort drüben im ahnhof.“.

Das hatte ich verstanden.

Skatepark.“

Der Mann lächelte weiter. Ich wollte ihn gerade in nglisch befragen,

da sagte der Mann doch etwas. Das war wahrscheinlich

die eschreibung, wie ich zum Skatepark kam. Allerdings verstand

ich nicht sonderlich gut, was er sagte. Der Mann sprach

einen sehr eigenen Akzent. in paar rocken verstand ich. s

war so etwas wie deutsch. Sein letzter Satz endete mit:

„... in wigge!“

k, wigge hieß die Stadt, in der ich war. Als nächstes würde

Werde ein Federsammler!

Schreib mit!


22

Kapitel eins

23

ARTI WIRD VERKAUFT

Als Fietje zurück zum Bahnhof lief, saß der Vogelhändler zum

Glück noch da und starrte in seine Zeitung. Neben Arti saß

jetzt ein zweiter Vogel, der ihm sehr ähnlich sah. Hatte der

Händler etwa noch mehr Vögel geholt, um sie hier zu verkaufen?

Oder wo kam auf einmal der andere Papagei her?

Der Vogel zwinkerte Fietje zu. Er hob die Flügel, so, als wollte

er ihn begrüßen. Oder bildete sich das Fietje nur ein?

Plötzlich ging ein heller Schimmer von dem zweiten Papagei

aus. Gleißendes Licht ließ ihn vor Fietjes Augen verschwinden.

Eine Licht-Lawine floss sanft bis in das Bahnhofsgebäude

hinein. Die Straße und die Menschen ringsherum waren

blitzartig erleuchtet. Alle Menschen blieben wie angewurzelt

stehen. Sie hielten sich die Augen zu, um nicht verblendet

zu werden.

Fünf Sekunden später war das Spektakel vorbei, so schnell

wie es gekommen war. Die Menschen blickten fassungslos

und fragend zum Himmel, fanden dort aber keine Antwort.

Fietje ahnte allerdings, dass es etwas mit dem Vogel

neben Arti zu tun hatte. Als er Arti das erste

Mal sah, ging auch eine große Helligkeit von

ihm aus. Es dampfte und zischte zwar

noch dazu, aber das hier erinnerte ihn

stark daran.


24

Kapitel eins

25

Fietjes Blick ging automatisch in Richtung Vogelstand. Da

sah er auch schon die Bescherung. Jetzt stand neben Arti ein

junges Mädchen. Der zweite Vogel aber war verschwunden.

Das Mädchen stand da, als hätte es schon immer dort

gestanden. Seinen linken Arm hatte es um den goldenen

Käfig geschlungen. Darin saß immer noch Arti. Der grinste

breit.

Das Mädchen hatte langes, kastanienbraunes Haar, das zu

Zöpfen geflochten war. Mit den lässigen Turnschuhen, den

geringelten Kniestrümpfen, dem blauen Minirock und dem

grünen Trägertop sah sie echt bezaubernd aus, fand Fietje.

Doch am schönsten fand er ihr Gesicht. Strahlend grüne Augen

blickten ihn an und das Stirnband im Haar war mit roten

Federn geschmückt. Das mussten die roten Schwanzfedern

sein, die dem Vogel vorher gehörten. Fietje war sich sicher.

Der Vogel hatte sich gerade in dieses wunderschöne Mädchen

verwandelt.

Das Mädchen hob nun seinen Arm wie zum Gruß. Aber anstatt

zu winken, schob sie lässig die Hand hinter den Rücken

und zückte Pfeil und Bogen. Sie zielte damit direkt auf Fietje!

Dieser wich erschrocken zurück.


26

Kapitel eins

27

Arti schimpfte: „Das ist doch Fietje, der Junge, von dem ich

dir erzählt habe! Du wirst ihn schön in Ruhe lassen und nicht

so erschrecken!“ Das Mädchen schien darüber nicht gerade

begeistert zu sein und rief fassungslos: “Was?! Der da?“

Fietje sah sich schnell nach dem Vogelhändler um. Er durfte

doch nicht hören, was hier vor sich ging! Er war nirgends

mehr zu sehen. War er auch nur eine Erscheinung gewesen?

So wie bisher fast alles, was mit Arti in Verbindung stand?

Etwas vorsichtiger trat Fietje wieder auf den Verkaufsstand

zu und sagte zu seinem gefiederten Freund: „Du hast mir gar

nicht erzählt, dass es noch mehr von deiner Sorte gibt“. Damit

deutete er auf das Mädchen. Er fand sich unglaublich gut,

denn er hatte das Schauspiel durchschaut. Arti tat verwundert:

„Habe ich etwa noch nicht erwähnt, dass ich 10 Kinder

habe?“ Wie selbstverständlich öffnete er die Käfigtür und

hopste heraus auf die Straße.

„10 Kinder!“, rief Fietje fassungslos. Dass Arti jetzt einfach

aus dem Käfig steigen konnte, ignorierte er.


28

Kapitel eins

29

Er wandte sich an das schöne Mädchen: „Und du bist seine

Tochter?“ „Jep!“, erwiderte sie. „Ich bin die Jüngste, die Clara

und ...“ „... ich bin sehr cool.“, beendete Fietje ihren Satz.

„Was hast du denn für ein Problem?“, fragte Clara abschätzend

und drehte sich weg. Arti sah sie erbost an und wandte

sich Fietje zu: „Clara versteht das mit der Sprache noch nicht.

Sie benutzt am liebsten ..., naja ... Jugendsprache.

Das scheint an ihrem Alter zu liegen. Sie ist ja noch so jung.“

Da wurde die Tür des Bahnhofgebäudes aufgerissen und ein

Mann in schwarzem Anzug lief heraus, direkt auf sie zu.

Clara griff nach Pfeil und Bogen und zischte kurz:

„Herr Keinwort!“

Fietje brauchte keine Millisekunde, um zu wissen, dass das

der Maschinen-Mann war, der Arti in Jena geschnappt hatte.

Jetzt war er wieder hinter ihm her. Hatte er Arti aus dem

Leinen-Sack fliegen lassen?

„Herr Keinwort, heißt der Mann? Das passt ja! Er spricht ja

auch kein Wort!“ Fietje ging zumindest ein

Licht auf. Er wollte Clara gleich weiter

befragen, was es mit Herrn Keinwort auf

sich hatte. Jetzt war es jedoch höchste

Zeit, die Beine in die Hand zu nehmen

und vor ihm zu fliehen.


30

Kapitel eins

31

Herr Keinwort war in seiner Eile über den leeren Vogelkäfig

gestürzt, sodass noch ein Moment blieb, sich zu sammeln.

Arti saß schon auf Fietjes Skateboard, das vor Fietjes Füßen in

der Luft schwebte. Clara saß auch darauf und baumelte

gelangweilt mit ihren Beinen. Die beiden schienen auf Fietje

zu warten, und darauf, dass es endlich losgehen konnte.

Mit einem Bein stand nun auch Fietje auf dem Brett. Da hob

es langsam mit ihnen in die Luft ab, immer höher und höher.

Die Wolken kamen näher und die Luft wurde feuchter.

Sie flogen zuerst gemächlich, dann etwas schneller. Es ging

über Häuser hinweg. Sie wichen Türmen und Dächern aus.

Unter ihnen sahen sie eine Straße. Mit Claras Befehlen an das

Skateboard folgten sie ihr. „Rechts, geradeaus, rechts, links,

geradeaus. Das ist die Crimmitschauer Straße.“, kam es von

dem hübschen Mädchen.


32

Kapitel eins

33

Clara feuerte das Skateboard zu schärferem Tempo an. Auf

einmal erkannte sie ein Gesicht in der Wolke, die ihnen am

nächsten war. Sie rief: „Och nööö! Da drüben. Mist! Auch

noch Mister Mundzu! Hätte ich mir doch denken können.

Wo der eine ist, kann der andere nicht weit sein!“

„Ok!“, dachte Fietje. „Mister Mundzu! Wer schon so heißt, der

scheint auch nicht sprechen zu können!“

Mister Mundzu flog einen Düsenjet und feuerte kleine

Raketen nach ihnen ab. Nun wurde eine wilde Verfolgungsjagd

aufgenommen. Zwischen Häusern und Gärten, über

Autos und durch einen Tunnel, bis sie schließlich Niederhohndorf

überflogen. Zumindest sagte Clara, dass das

Zwigge oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Niederhohndorf sei. Sie schien sich in Zwigge auszukennen.

„Wie groß ist Zwigge?“, schrie Fietje durch die Luft und hoffte,

Clara würde ihn hören. „Zwigge? Hahahaha!“ Sie hatte ihn

gehört. Leider! „Zwickau heißt das hier! Du hast wohl nur

den Dialekt hier gelernt und kannst nicht ordentlich deutsch

sprechen?!“

Zwigge oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


34

Kapitel eins

35

Hämisch lachte Clara Fietje aus, der ordentlich zu tun hatte,

dass er auf dem Skateboard stehen blieb. Arti fiel es nämlich

urplötzlich ein, dem Board zu befehlen, dass es nach unten

düsen sollte.

So stürzte das Skateboard mit seinen drei Fluggästen geradewegs

in die Tiefe. Am Horizont sah Fietje in letzter Sekunde

etwas Grünes, was immer größer wurde. Von Mister Mundzu

war nichts mehr zu sehen.

Fietjes Fersen streiften bereits die Baumwipfel des Waldes, in

den sie nun hineinstürzten. Er strauchelte schon ordentlich.

Das Board hatte eine Flughöhe erreicht, bei der er es wagen

konnte, sich fallen zu lassen. Er rollte sich auf dem

Boden ab und landete auf weichem Moos.


36

Kapitel zwei

37

DAS BUCH «LINGUA»

Man hörte das Summen von Bienen und das Plätschern eines

Baches. Leise verhallte in der Ferne das Dröhnen des Jets von

Mister Mundzu. Am Himmel erinnerte grauer Rauch an ihn.

Fietje stand auf. Nach dem Sturz schmerzte ihm komischerweise

gar nichts. Aber er sah, dass sein Skateboard einen

Hang hinunterrollte. Auf dem Moos gab es keinen Laut von

sich. Dann rollte es über Stock und Stein mit viel “Blongblong“.

Plötzlich kam ein Ast geflogen, der das Skateboard auf

der vorderen Kante traf. Es überschlug sich und rutschte noch

weiter hinunter. „Nein, nicht schon wieder!“

Fietje dachte an sein altes Board, was in Jena in die Saale

gefallen war. Nur deshalb hatte er doch Arti und dieses

Zauberboard jetzt am Hals. Nun klatschte genau dieses in

den Bach, wo es zum Glück liegen blieb.

Fietje schlitterte den kleinen Hang hinunter, um das

Skateboard aus dem Bach zu ziehen. „Nützt ja nichts!

Die Zeit geht nicht zurückzudrehen und so schlecht

ist es mit Arti auch wieder nicht.“


38

Kapitel zwei

39

„Wo war der Papagei eigentlich abgeblieben? Und Clara? Wo

war sie? Arti konnte ja fliegen. Doch Clara? Jetzt, wo sie kein

Vogel mehr war?“

Fietje wischte das Zauberboard trocken. Da hörte er wieder

Artis Krächzen. Das schien wirklich immer zu funktionieren.

Skateboard trocken reiben, schon taucht Arti auf.

Fietje drehte sich um und sah rechter Hand eine Höhle. Sie

bestand aus vielen Ästen und Blättern. In dieser Höhle saß

natürlich niemand anderes als sein grauer, verrückter Papagei.

Clara war aber nicht mehr da.

Doch Moment! Worauf saß Arti denn da? Auf einem Buch?

„Ja, tatsächlich!“, stellte Fietje verwundert fest. Er robbte auf

die Höhle zu und schaute in ihr Inneres. Er merkte, wie sich

sein Blick darin verlor.

Unter seinem Fuß brach ein Zweig. Fast wäre er in dem

Schlamm unter ihm versunken. Erschrocken wandte er sich

an Arti: „Wo ist Clara?“ „Ach, der geht’s gut. Sorge dich

nicht um Clara!“, antwortete ihm der Papagei in seiner altbekannten

Weisheit. „Pass lieber auf, dass du nicht zu lange in

die Höhle starrst, sonst wirst du blind!“

„Ich kann meinen Blick aber nicht abwenden, Arti! Woran

liegt das?!“

Fietje überkam eine Heidenangst.


40

Kapitel zwei

41

„Doch, doch!“, ermahnte ihn Arti.

„Versuche deine Augen schnell auf das Buch unter meinen

Krallen zu heften! Dann bist du wieder frei.“

Fietje schaffte es mit größter Anstrengung, seinen Blick der

tiefen Höhlen-Schlucht zu entreißen.

„Was ist das für ein Buch?“, fragte er und betrachtete es nun

genauer. Es war sehr schön. Der Einband aus Leder wurde von

einem goldenen Schlösschen gehalten. Auf dem Buch stand

mit kunstvoll verzierter Schrift das Wort “LINGUA“. Als der

Papagei seinen ängstlichen Blick sah, erzählte er Fietje bereitwillig

die Geschichte des Buches.

„Wort-Reich und Sprachlos-Land waren früher gute Freunde.

Sprachlos-Land hieß damals noch lingua regiones. Aber es

wollte eines Tages die Tochter meines Ur-Ur-Ur-Großvaters

väterlicherseits verschleppen. Er war damals König von Wort-

Reich und sie war außergewöhnlich schön. Meine Ur-Ur-Oma

war das. Sie sollte dem Herrscher von lingua regiones zur

Frau gegeben werden. Doch das wollte der Ur-Ur-Ur-Großvater

nicht. Zur Strafe ließ er dieses Buch drucken und schloss darin

alle Wörter aus lingua regiones ein. Somit wurde das Land

zum Sprachlos-Land, in dem seither niemand

mehr ein Wort sprechen kann.

Seitdem sind die Herrscher

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

des Reiches darauf aus, mir das Buch zu entreißen. Logisch,

denn ohne Sprache wurden sie zu einem Volk, das sehr

traurig und kaltherzig ist. Wenn sie es finden, müssen sie

das Buch aber erst noch entschlüsseln. Sie wissen, dass der

Schlüssel zu dem Buch eine meiner Schwanzfeder ist. Die einzige

Goldene, inmitten der Roten. Diese trägt nur der König.

Das ist der Grund, warum sie hinter mir her sind. Das Buch

verstecke ich immer an den Orten meiner Zukunft. Wenn sie

es finden, dann wird Wort-Reich zu Sprachlos-Land. Und nun

weißt du alles!“

Fietje war baff . Mit Arti kamen die verrückten Geschichten

und damit die verrückten Geschehnisse und damit wurde es

sowieso immer verrückter.

„Und wieso sind wir jetzt in Zwickau? Ist das ein Ort deiner

Zukunft?“ Fragend blickte er Arti an.

„Ja und nein, Fietje! Du wolltest deine Ferien nicht in Jena

verbringen. Und da dachte sich deine Mutter, warum solltest

du nicht deine Tante in Werdau besuchen?! Das liegt neben

Zwickau. Sie hat dir dort eine Jugendherberge herausgesucht,

wo du mit anderen Kindern übernachten und Spaß haben

kannst. Ich habe das Buch aus Jena hierher gesandt, damit es

in meiner Zukunft liegt.“


42

Kapitel zwei

43

Während Fietje und Arti nun vor der Höhle standen und über

Zukunft und Vergangenheit sprachen, fluchte oben in den

Wolken Mister Mundzu vor sich hin. Er hatte das Skateboard

und die drei aus den Augen verloren. Mit einem “Flupp“ waren

sie in die Tiefe abgetaucht. Nach seiner missglückten Mission

flog er griesgrämig zum vereinbarten Treffpunkt, an dem

Herr Keinwort schon auf ihn wartete.

Auf dem Weg zum Skatepark Mercyland

wollten die beiden Agenten aus

Sprachlos-Land ihre Falle aufbauen,

um Arti, den König von Wort-Reich,

zu fangen. Der hölzerne Röhrensteg,

der über die Mulde führte, eignete sich perfekt dazu. Er war

dunkel, hatte zwei verschiedene Eingänge und in der Nacht...

na, da würde es doch klappen!

Der Skatepark war auch die beste Anlockmethode, um diesen

Jungen zu kriegen. Er hatte auf dem Bahnhof ja schon danach

gefragt. Und wo der Junge war, war auch der Papagei nicht

weit. Den beiden Herren aus Sprachlos-Land war nicht entgangen,

dass der König von Wort-Reich an dem verträumten

Fietje einen Narren gefressen hatte. Er ließ ihn nicht mehr aus

den Augen.

„Das ist eine perfekte Falle“, deutete Herr Keinwort mit erhobenem

Daumen seinem Kumpanen. Mister Mundzu lief

ihm verschwitzt entgegen. „Alles klar, roger! Er wird sicher

hierher zum Skaten kommen und wenn die beiden den Fluss

überqueren, können wir sie abfangen.


44

Kapitel zwei

45

Nun müssen wir nur noch unter dem Röhrensteg einen Raum

mit Klappe bauen, wo sie nicht mehr herauskommen.“

So dachten die Agenten aus Sprachlos-Land gegenseitig in ihrer

Gedankensprache hin und her. Sie wollten warten, bis Fietje

und Arti über die Brücke liefen, ihnen von rechts und links her

begegnen und jedem ein Bein stellen. Dann würden sie an den

Seiten der Brücke hinunterfallen. So konnten sie beide unter der

Brücke gefangen nehmen. Der Plan war, sie danach zu Schimpfwort

II zu schleppen, der dann entscheiden würde, wie es mit

ihnen weitergehen sollte.

Sie warteten umsonst.

Im Wald eröffnete Arti Fietje nun, dass sie zurück zum Bahnhof

müssten, um von dort aus zur Jugendherberge fahren zu können.

„Ok, Arti, noch einmal zum Mitschreiben für mich: Wir sind

in Zwickau, meine Tante wohnt in Werdau. Das ist in der Nähe

von Zwickau? Und ich soll dorthin in eine Jugendherberge, weil

Mama das für meine Ferien so gebucht hat. Und wie zum Geier

kommen wir jetzt dahin?“, fragte Fietje seinen allwissenden

Freund völlig entnervt.

„Wir werden uns in einen Bus setzen, der am Bahnhof losfährt.

Es wäre auch gut, wenn wir schleunigst abdüsen würden.

Vielleicht schwirrt Mister Mundzu immer noch da oben herum

und sucht uns mit seiner Wärmebildkamera!“

Arti zeigte warnend zum Himmel.


46

Kapitel Drei

47

WARUM FRAU ERLER UMFäLLT

Sie waren mit dem Skateboard in wenigen Sekunden an den

Bushaltestellen am Bahnhofsvorplatz angelangt.

„Wahrscheinlich jagt mich Arti noch um die ganze Welt!“,

dachte Fietje bei sich und überlegte krampfhaft, wie er aus

der Jugendherbergs-Nummer heraus kam. Er hatte gar keine

Lust auf Tante und Jugendherberge mit fremden Kindern.

Da erreichte eine sonnenklare Stimme Fietjes Ohren.

„Entschuldigung, könnt ihr mir vielleicht sagen, wie ich

zum Dom Sankt Marien komme?“

Fietje drehte sich um und sah ein Mädchen mit roten Haaren

und schräg gestellten grünen Katzen-Augen.

Ihr Körper war schlank, die Ohren spitz und das Gesicht

auffällig und so wunderschön wie das von Clara.

Fietje durchfuhr der Blitz und er dachte:

“Meine Herren, sieht die gut aus!“


48

Kapitel Drei

49

Er hatte leider seine Angewohnheit vergessen. Die Angewohnheit,

ständig alles laut zu sagen, was er dachte. Es fiel ihm gleich

auf, als er in das Gesicht des Mädchens blickte.

Es war mit einem Mal puterrot angelaufen.

Das Mädchen fragte verlegen: „Wolltest du das wirklich laut

sagen?“

„Ahh, ich, nein… ich meine ja…ich meine, nein!“

Daraufhin lachte Arti schallend: „Aber nein, er hat sich nur in

dich verliebt!“ Weiter kam er aber nicht. Ein greller Schrei hallte

über den Platz: „Hilfe, der Vogel kann sprechen wie ein Mensch!“

Frau Erler von der Information. Sie hatte die Ohren aufgesperrt.

Zu ihrem Leidwesen zu sehr. Denn nun wurde sie hysterisch und

verfiel in Panik! Arti flatterte auf ihre Schulter und führte nur

noch mehr Unsinn im Schilde.

„Natürlich kann ich sprechen!“, quäkte er ihr frech ins Ohr. Frau

Erler sank zu Boden. Die war dann schon mal raus. Keine

Information mehr. Wohin es jetzt ging oder nicht ging, wo der

Dom war oder wann der Bus fuhr. Frau Erler konnte es nicht

mehr sagen.

Da kam ein Bus und Fietje und Arti drängten das Mädchen mit

hinein. Sie waren die einzigen Fahrgäste.

Fietje, der sprechende Papagei, das Mädchen und der Busfahrer

machten sich auf den Weg.

Der Bus fuhr in die Jugendherberge nach Werdau. Das dachten

sie. Fietje setzte sich nach vorn zum Busfahrer. Arti blieb bei

dem Mädchen. Er flüsterte ihr zu:

„Pass auf. Ich bin der König von Wort-Reich und werde gejagt.

Also sage Niemandem etwas von uns. Ich gebe dir zwei Möglichkeiten.

Entweder du kommst mit uns oder du verdrückst dich

an der nächsten Haltestelle und hast uns nie gesehen. Also, wie

entscheidest du dich?“

Sie zögerte und Arti piekte ihr in die Schulter.

„Aua! Sei nicht albern, Papa. Du musst Fietje nicht verunsichern.

Sag ihm, dass ich Clara bin. Und ich komme natürlich mit!“

„Nächste Haltestelle Strandbad Planitz“, ertönte die Durchsage.

„Was ist das denn?“, fragte Arti.

„Das klingt sehr unnatürlich und stammt nicht von dieser Welt.“

Fietje erklärte altklug: „Das ist eine aufgenommene Stimme

einer Person, die in Nullen und Einsen gespeichert wird.“ Er

setzte sich nun zu den beiden.

„Und außerdem sitzen wir im falschen Bus“,

bemerkte das Mädchen trocken.

„Wenn es nach Planitz geht, geht es

schon mal nicht nach Werdau.“


50

Kapitel Drei

51

Fietje war es nur recht. Damit hatte sich das mit der Jugendherberge

von alleine erledigt. Das Mädchen hatte scheinbar auch

gemerkt, dass es Fietje gar nicht passte, was seine Mutter für ihn

geplant hatte.

„Das zickt mich voll an! Sie hätte das vorher mit mir besprechen

sollen!“, sagte Fietje und wollte das Mädchen damit beeindrucken.

„Nullen und Einsen. Aha! Eine neue Sprache, was? Kannst du sie

mir beibringen, Fietje?“ Arti musste sich auch wieder in Erinnerung

rufen. „Nein, kann ich nicht, denn das ist eine sehr schwere

Sprache.“

Irgendetwas stimmte hier nicht! Das Mädchen reagierte nicht

darauf, dass Arti perfekt und wie ein Mensch sprach. Es schien ihr

nicht ungewöhnlich vorzukommen. Sie würdigte Arti auch keines

Blickes. Sie stiegen an der nächsten Haltestelle aus und gingen

in Richtung Planitzer Bad.

„Ich bin übrigens Clara“, sagte das Mädchen.

„Na klar, logisch!“, stöhnte Fietje und glaubte ihr kein Wort.

Das Trio lief weiter. Arti konnte es nicht lassen, Fietje weiter über

die Programmiersprache auszufragen.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


52

Kapitel Drei

53

Nun sagte ihm Fietje zum fünften Mal, dass er diese Sprache nicht

beherrschte und nur den Befehl zum Ausgeben eines Textes kannte.

„System.Text. Mehr kann ich nicht.“

„Es hat also gar keinen Zweck, dich weiter darüber auszufragen?“,

fragte Arti noch einmal.

Da mischte sich das Mädchen ein: „Sag mal Papa, könnten wir über

etwas anderes reden und nicht über dieses langweilige, trockene

Zeug? Fietje will das auch nicht mehr hören!“

„Papaaa? Ach, Du bist also auch ein Töchterchen vom König? Und,

ach ja, du heißt ja Clara, wie scheinbar jede seiner Töchter!“, rief

Fietje grillig.

Clara ging vorerst nicht weiter darauf ein.

„Pass auf Arti, ich habe noch 5 Euro 55 in meiner Tasche. Wenn du

mich heute nicht mehr nervst, kaufe ich dir morgen ein Buch über

Programmiersprache. Dann kannst du dir dein Federkleid damit

vollstopfen! Kann ja nicht schaden! Vielleicht musst du irgendwann

einmal mit einem Roboter sprechen!“

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


54

Kapitel Drei

55

„Das ist eine blendende Idee. Behalte dein Geld aber vorerst,

das können wir für den Eintritt ins Bad verwenden.

Ich werde nun still sein und bis morgen nichts mehr sagen.“

Wie aus einem Mund riefen Clara und Fietje:

„Herzlichen Dank!“ Clara gab Arti einen Kuss auf die

Wange. Diesen Kuss allerdings hätte Fietje lieber kassiert.

Als sie das Schwimmbad erreichten, sprangen plötzlich

zwei Männer aus einem Busch. Ihre Haut war blass, fast

schneeweiß.

„Ach nö! Nicht ihr schon wieder! Ganz toll, Herr Keinwort in

Person und auch noch doppelt.“, rief Clara.


56

Kapitel Drei

57

Die beiden Herren Keinwort gingen auf Arti los. Sie bedrohten

ihn und sahen sehr gefährlich aus.

Doch jetzt deckte Clara eine ganz andere Seite auf. Mit

einem Ruck drehte sie sich wie eine Windrose und streckte

mit ihrem Fuß Herrn Keinwort Nummer 1 zu Boden. Mit

einem gezielten Tritt in die Milz, machte sie den zweiten

Herrn Keinwort auch kampfunfähig.

„Solche Kämpfer hat nur das Wort-Reich! Du solltest dir eine

Scheibe abschneiden, Fietje! Ja, sie ist nicht nur schön. Sie

kann auch kämpfen, die Clara!“.

„Ach, wieso eigentlich Clara? Hast du zwei Töchter mit diesem

Namen? Und wie viele Claras kommen noch aus deinem

Wort-Reich?“. Fietje verstand nun gar nichts mehr. „Wenn du

nur eine Frage stellen würdest, könnte Papa auch mal

antworten!“, sagte das starke Mädchen.

„Ich darf mich noch einmal vorstellen: Clara. Die, die vorhin

mit dir durch die Wolken geflogen ist.“

Für diese kleine Ansprache hatte sie die Arme frech in die

Taille gestemmt. „Ich weiß, ich sehe komplett anders aus als

vorhin, aber ich bin es. Ich kann aussehen, wie ich will. Papa

wollte dich nur noch eine Weile lang hops nehmen.“

„Und wo warst du vorhin, als wir an der Höhle standen?“, fragte

Fietje.

„Ach, ich hab geschaut, wohin Mister Mundzu fliegen wollte.

Er ist übrigens mit seinem Jet zum Röhrensteg abgedreht,

nachdem wir für ihn außer Sicht waren. Dort hat er sich mit

Herrn Keinwort getroffen. Sie hatten gehofft, dass du da hin

willst. Der Skatepark Mercyland ist nämlich ganz in der Nähe.

Sie haben dort eine Weile gewartet, aber Mundzu war zu ungeduldig.

Deshalb sind sie wieder los.“

Fietje staunte nicht schlecht. Das war sie wirklich, die

Clara. Sie kannte sich in Zwickau aus und sie war genauso

frech, wie vorhin. Er mochte das sehr. Aber das durfte sie

natürlich nicht merken!

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


58

Kapitel Vier

59

IMMER DIESE CLARA

„Los, kommt, beeilt euch Kinder!“, rief Frau Podolzlaf. Circa

zwanzig Kinder waren an der Haltestelle angekommen. Sie kamen

aus dem Planitzer Bad. Einige von ihnen hatten noch nasse

Haare. Wieder hörte man Frau Podolzlaf schrill rufen:

„In drei Minuten kommt der nächste Bus!“

Zwei Jungen stritten sich um den letzten Sitzplatz an der

Haltestelle.

Fietje stand einfach da und beobachtete die Kinder. Arti und

Clara hatten sich schnell hinter der Haltestelle versteckt. Als

Fietje der aufgedrehten Gruppe zuhörte, merkte er, dass auch

Kinder aus anderen Ländern dabei waren. Ein Junge sprach

englisch, ein anderer französisch.

Da kam der Bus und man hörte den Motor schnaufen. Die

Kinder rannten wie eine Herde wilder Büffel hinter ihm her.

Fietje überkam ein großes

Heimweh. Er dachte an

Sebastian, seinen besten

Freund, und an seine

Klasse in Jena. Und er

dachte auch daran, wie

einsam er seit Tagen war.


60

Kapitel Vier

61

Eigentlich seitdem er Arti kannte. Wie lange war das jetzt

schon? Er konnte es nicht sagen. „Zwei Tage? Eine Woche?

Zwei?“

Gedankenverloren stieg Fietje in den Bus. Er wollte mit

diesen Kindern fahren. Egal wohin. Hauptsache nicht mehr

mit Arti und Clara umherirren. Die ganze Zeit waren diese

Fabelwesen auf der Flucht. Das war echt anstrengend.

Schon schloss der Bus seine Türen mit einem “Pfff“. Fietje

klemmte sein Skateboard fest unter den rechten Arm. Mit der

linken Hand hielt er sich an der Stange fest. Sie fuhren los. Er

versuchte, etwas durch das Fenster zu sehen. Clara und Arti

sah er nicht mehr.

„Zwickau!“, dachte er. „Hier war ich noch nie gewesen. Es

sieht alles etwas größer aus als in Jena. Was ist, wenn mich

hier keiner mehr findet? Es wird bestimmt die schlimmste

Zeit meines Lebens werden. Ob mich Mama wieder abholen

kommt, wenn ich ihr schreibe?“

Hinter ihm kicherte es laut. So in seinen Gedanken verloren

vergaß er, dass er nicht allein war. Er hatte wieder laut vor

sich hingesprochen.

„Oh Mann! Du Dussel!“, brummte Fietje leise und hätte sich

am liebsten in Luft aufgelöst. Wie peinlich! Die Mädchen

hinter ihm hatten alles gehört! Und es war ja nicht gerade

männlich, was er laut gedacht hatte.

Der Bus machte eine Vollbremsung und Fietjes Skateboard

flog durch den Gang. Ein Junge mit schwarzen gelockten

Haaren schnauzte ihn an:

„Kannst du nicht aufpassen? Dein doofes Brett wäre mir fast

gegen den Kopf geknallt!“

„Tschuldigung,…tut mir leid!“, stotterte Fietje.

„Wo fahren wir eigentlich hin?“

„Alter, die Frage fällt dir ja zeitig ein! Nach Werdau, in die

Jugendherberge. Du Knalltüte!“

Fietje erschrak. Das konnte doch nicht wahr sein! Nein!

„Hey, du musst ja nicht gleich blass werden! Ich bin übrigens

Arthur und ich skate auch, Alter! Warste schon mal im Mercyland?“


62

Kapitel Vier

63

Ein Mädchen schrie laut durch den Bus: „Wir sind da!“

Alle huckelten ihre Rucksäcke wieder auf und stürzten aus dem

Bus. „So, alle mir nach!“, rief Frau Podolzlaf und schmiss beide

Arme in die Luft. Die Gruppe lief ihr gesammelt hinterher. Einige

Minuten später standen die Kinder auf einem großen Platz. Dahinter

erstreckte sich ein Wald. Es roch nach nasser Erde, so wie Wald

eben riecht. Ein dicker Mann kam auf sie zu und sagte in komischem

Dialekt: „Gauf , ihr Lieben, willkommen in meim Heim.

Follscht mior, isch werd eusch alles zeischen.“

Die Kinder trampelten hinter dem dicken Mann her. Sie hatten

ihn also verstanden. Fietje nicht. Jetzt aber kam das Schlimmste.

Das, wovor es Fietje die ganze Zeit im Bus schon gegraut hatte. Die

Zimmeraufteilung. Er kam mit vier anderen Jungs in ein Zimmer.

Diesem schwarzhaarigen Lockenkopf Arthur, einem kleinen blonden

Jungen namens Leon, Rico und dem Engländer Steve.

Die Jungen kamen ganz gut miteinander aus. Sie schienen sich

gut zu kennen. Fietje verbrachte deshalb den Rest des Tages lieber

allein vor der Jugendherberge.

Ein starker Wind zerrte dort durch die Luft. Er holte seinen uralten

MP3 Player aus der Hosentasche und hörte sein Lieblingslied.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


64

Kapitel Vier

65

Dann sah er, wie ein Mädchen auf ihn zukam. Sie setzte sich

schüchtern neben ihn. Fietje legte seine Kopfhörer artig

beiseite.

„Was sitzt du hier so allein rum?“, fragte das Mädchen.

„Ich bin übrigens Clara.“

Fietje platzte fast. Vor Wut, vor Scham, vor Ärger und überhaupt!

Er war ein schüchterner Junge und er hasste es, wenn

Mädchen mit ihm reden wollten …, besonders hübsche, …und

ganz besonders, wenn sie neuerdings alle Clara hießen!

„Nur so“, stotterte er.

„Und Fietje ist mein Name.“

Das Mädchen erwiderte:

„Oh, ein schöner und seltener Name!“

Ein Windzug kam auf und Claras Haare wehten. Sie hatte

blonde Haare. Ihre Stimme war zart wie eine leichte Brise und

sie roch nach Pfirsich.

„Komm, rück‘ schon raus mit der Sprache!“, lächelte sie.

Fietje wusste nicht, was sie damit meinte. Was wollte sie denn

von ihm hören?

Sie fragte weiter:

„Warum hast du dein Skateboard dabei, ich glaube nicht, dass

du dazu kommst hier zu skaten. Sogar Arthur hat seines zuhause

gelassen! Und das kommt nie vor.“

Fietje schluckte, denn das war etwas, worüber er nicht reden

mochte. Er konnte ihr unmöglich sagen, dass sein Skateboard

Befehle ausführte. Und dass das nur funktionierte, wenn ein

gewisser Arti dabei war, ein Papagei der 100 Sprachen fließend

sprach. Das alles konnte er ihr doch unmöglich erzählen!

Dieses Skateboard hier war anders. Das durfte niemand erfahren.

Sie würden es ihm klauen. Mit Sicherheit! Er musste ihr

eine andere Geschichte auftischen. Eine, die trotzdem aufregend

war, damit er gut da stand.

Fietje holte tief Luft:

„Eine lange Geschichte...!“

Ein bisschen hoffte er, mit dieser Aussage das Thema schon

erledigt zu haben. Aber, da hatte er sich getäuscht. Clara setzte

ihr süßestes Lächeln auf, sodass Fietje keine Wahl blieb.

„Willst du es mir denn nicht erzählen?“


66

Kapitel Vier

67

Fietje begab sich in den Schneidersitz vor Clara.

So fühlte er sich cooler und sicherer.

Er schniefte:

„Also…“, fing er an.

„Ja?“, meinte Clara Nummer 3.

Sie lehnte sich an den Baum, der hinter ihr stand. Fietje wäre am

liebsten weggerannt. So, wie er es immer tat, wenn es komisch

wurde. Doch das wäre feige gewesen.

Noch einmal holte er tief Luft und nahm all seinen Mut zusammen.

Dieses Skateboard…, es hat meinem besten Freund ge...“

Er konnte gar nicht ausreden, da meinte Clara schon:

„Und warum hast du es jetzt?“

Fietje erzählte ihr die Geschichte von seinem aller ersten

Skateboard.

„Naja,…also, mein bester Freund Sebastian. Er hatte ein

Lieblings-Skateboard. Er ist ein begabter Skater. Jeden

Nachmittag verbringen wir auf der Rampe.


68

Kapitel Vier

69

Eines Tages ging ich mit ihm wieder dorthin. Es war Winter

und das erste Eis war schon auf der Straße. Ein Autofahrer raste

über eine rote Ampel und konnte nicht mehr bremsen.

Sebastian hatte sein Skateboard unterm Arm. Er erschrak und

verlor das Board. Es flog auf die Straße. Ich sprang hinterher

und bin dabei in das Auto gerannt. Ich kam ins Krankenhaus

und lag dort viele Wochen. Sebastian war außer sich vor Sorge.

Das Skateboard hat er mir dann geschenkt. Es stand schlecht

um mich und sie wussten nicht, ob ich es schaffe.“

Fietje starrte gedankenverloren auf sein Board. Fast hätte er

losgeheult, vor lauter Trauer um sich selbst. Aber er wollte vor

Clara kein Weichei sein. Clara schaute ihn mit großen

Augen an. Sie war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie dazu

sagen sollte.

„Kommt alle rein, es gibt Abendbrot!“, hörten sie Frau Podolzlaf

von weitem rufen. Fietje schnappte sich sein Skateboard und

sie gingen zusammen rein.

Er war froh, dass er die Geschichte von Sebastians Board erzählt

hatte und nahm sich vor, diese immer zu erzählen, wenn

ihn jemand auf sein Zauber-Board ansprechen würde. Es hatte

Clara die Sprache verschlagen. Warum sollte es anderen nicht

auch so gehen?


70

Kapitel Vier

71

Es gab Kartoffeln mit Fleischbällchen. Fietje saß allein am

Tisch. Clara hatte sich zu ihren Freundinnen gesellt. Plötzlich

hörte er es knistern. Er drehte sich um, doch er sah nichts. Als

er wieder auf seinen Teller schaute, lagen plötzlich noch eine

Kartoffel und ein Fleischbällchen darauf.

„Häh?“, murmelte er.

Da saß Arti vor ihm auf dem Tisch. Fietje rieb sich die Augen.

Das tat er immer, wenn er etwas nicht glauben wollte. Es war

tatsächlich der Papagei.

„Hallo, hallo...“, krächzte der Vogel.

„Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es, Arti.“

Fietje schüttelte den Kopf.

„Was, zum Teufel, machst du schon wieder hier?“

Arti lachte laut auf: „Was habe ich dir gesagt? Du bist mein

persönlicher Wort-Assistent. Immer, wenn ich neue Wörter

erahne, musst du mir helfen, sie zu sammeln. Ich bleibe solange,

bis du mir neue Wörter gibst. Das hier ist eine super Gelegenheit.

In einer

Jugendherberge! Da sprechen doch alle eine interessante

Umgangssprache und...“

„Geh! Hau ab jetzt! Sonst halten mich hier alle für verrückt!“,

zischte Fietje. Frau Podolzlaf kam angelaufen.


72

Kapitel Vier

73

Hektisch schaute sich Fietje um. Puh! Arti war wieder verschwunden.

„Wie lange brauchst du denn noch? Wir haben alle

schon fertig geabendbrotet und planen gleich unsere Nachtwanderung.“

Ihr war noch immer nicht aufgefallen, dass Fietje gar nicht zu

der Gruppe gehörte.

Er stellte den Teller auf dem Tresen ab und fuhr mit dem Fahrstuhl

hoch in sein Zimmer. „Wo warst du so lange?“, fragte

Arthur. Leon grinste: „Er war mit Clara draußen.“ Alle Jungs

riefen gleichzeitig: „Wuuu!“ Das sagten sie immer, wenn ein

Junge länger mit einem Mädchen sprach. Fietje winkte ab und

legte sich auf sein Bett. Er döste weg.

Heute Abend sollte die Nachtwanderung stattfinden?

Von alldem hatte Fietje nichts mitbekommen. Er wachte erst

wieder auf, als die Gruppe auf dem Weg bereits Richtung Wald

unterwegs war. „Toll!“, fluchte er.

Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer und fragte

sich, was er vorhin wieder Sinnloses geträumt hatte. Es klopfte

ans Fenster. Das Zimmer war im zweiten Stock! Dort konnte

nie-

mand so leicht von außen ans Fenster klopfen.

Ein Stein? Wollten die Jungs ihn doch

noch mitnehmen? Er ging zum Fenster,

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


74

Kapitel Vier

75

Und…: Der blöde Vogel war schon wieder da. Mann! Er hatte

gedacht, er wäre Arti jetzt für ein paar Tage los. Einfach mal normal

sein. Das wäre doch gut gewesen!

„Gib mir endlich Wörter!“, rief Arti von draußen ins Zimmer rein.

„Warum soll ich dir ständig Wörter geben, wenn du schon so

viele hast?“

Arti plusterte sich auf.

„Wenn du mir nicht hilfst, wird Wort-Reich untergehen. Das

hatte ich dir doch erklärt! Du bist unsere einzige Rettung!“

Fietje runzelte die Stirn:

„Ach du und dein Wort-Reich! Ich möchte mal wissen, wo das

überhaupt sein soll! Und außerdem: Was geht mich das an? Wir

sind hier in Zwickau, ähh... Werdau und nicht in irgendeinem

Wort-Reich!“

„Oh doch! Und wie ihr im Wort-Reich seid!“, kam es spöttisch

von Arti, der nun auf dem Fensterrahmen Platz genommen

hatte.

Fietje ließ sich schnell erweichen.

„Na gut. Als ich noch klein war, habe ich mir immer Fantasiewörter

ausgedacht. 'Bub' hieß komm, und 'tu' hieß ja.“

Ein Lächeln flog über Artis Gesicht.

„Weiter!“

Fietje gab ihm nun alle Wörter, an die er sich noch erinnern

konnte. Arti steckte sie hastig zu seinen Federn. Er plusterte

sich und rückte alles zurecht. Es waren ganz schön viele Wörter,

die verstaut werden mussten.

„Vielen Dank, mein treuer Wort-Assistent! Aber vergiss nicht,

die Wörter der Kinder um dich herum zu sammeln!“

Damit verschwand er wieder.

Fietje legte sich wieder auf sein Bett und dachte nach. Drei Claras

hatte er die letzten Tage kennengelernt. Eine war hübscher

als die andere. Zwei davon waren eigentlich nur eine, nämlich

Artis Tochter. Anfangs waren sie ein weiblicher Graupapagei.

Dann war aus dem Papagei zuerst das Mädchen mit den geringelten

Kniestrümpfen und geflochtenen Zöpfen geworden.

Diejenige, die Pfeil und Bogen zückte und Herrn Keinwort und

Mister Mundzu mühelos niederstreckte.

Dann kam das Mädchen im Bus mit den kastanienbraunen

Haaren. Sie war sehr lieb. Hatte anfangs so gar nichts Kämpferisches

an sich. Doch am Ende hat sie die beiden Herren aus

Sprachlos-Land auch ausgeschaltet.

Und dann heute diese Clara draußen auf der Wiese. Aus der

Klasse, der er sich einfach angeschlossen hatte...


76

Kapitel Vier

77

„Hilfe, Hilfe! Nein, nein, all die schönen Wörter, alle

verloren!“

Arti heulte los und stand splitterfasernackt vor Fietje.

Herr Keinwort und Mister Mundzu hatten ihn gerupft.

Wie schrecklich, dass das passiert war!

Fiete schreckte auf. Er war wieder eingenickt. Aber dieser

Traum hatte etwas zu bedeuten. Das war ihm sofort klar.

Er wusste, dass er Arti ab jetzt helfen musste, damit so

etwas nicht passierte. Er musste Wörter für ihn sammeln.

Die nächsten Tage schrieb er ein Buch mit seinen selbst

erfundenen Wörtern. Er tat nichts anderes mehr und nahm

an keinem Ausflug der Klasse teil. Er verschanzte sich im

Zimmer der Jugendherberge. Manchmal ging er auch zu

dem Baum, wo er Clara kennengelernt hatte.

Das Buch über Fietjes Fantasiesprache war bald darauf fertig.

Nun wartete er auf Artis Rückkehr. Dann konnten sie wieder

gemeinsam auf die Suche nach Wörtern für das Wort-Reich

gehen. Hier war ja doch nichts zu holen. Die Kinder waren

immer unterwegs und Fietje wollte weiterziehen, damit Arti

viele neue Federn einstecken konnte.


78

Kapitel Vier

79

Als der Papagei kam, war Fietje nur noch ein laufender Strich. Er

hatte alle Kraft aufgewandt, die er besaß, um das Buch fertigzustellen.

Apropos Buch. Wo war das andere Buch? Artis großes

Geheimnis? Das Buch “LINGUA“ mit allen Wörtern aus Sprachlos-Land?

Hatte es Arti in der Höhle gelassen?

Arti kam, sah Fietjes Buch und tanzte durch die Luft.

Er machte Freudensprünge:

„Wort-Reich ist gerettet, du bist unser Held. Wir alle danken dir!“

Er schnappte sich das Buch mit Fietjes Fantasiewörtern und

verschwand.

Fietje wollte Arti hinterher und mit ihm abdüsen. Er rannte die

Treppe hinunter. Hier konnte er nicht mehr bleiben. Arti kam

ja immer wieder. Irgendwann würde er den anderen Jungs

auffallen. Das einzig Traurige war nur, er würde Clara

Nummer 3 nicht wiedersehen.

Als er unten war und zur Tür herausstürzte, sah er Arti auf

dem Platz unter dem Baum sitzen. Mit verklärtem Blick stopfte

und stopfte und stopfte der Papagei seine neuen Wörter aus

Fietjes Fantasie-Wörterbuch in sein Federkleid. Bei dem

Anblick wurde dem Jungen warm ums Herz. Er mochte Arti

sehr. Das musste er sich eingestehen, als er ihn so sitzen sah.

Mit seinem Skateboard ging er leise auf ihn zu und setzte sich

dem Vogel gegenüber, wie vor Kurzem in Jena, als er ihn zum

ersten Mal sah.

„Du schaust traurig aus.“, stellte Arti fest, als er mit stopfen

fertig war. Das Buch unter den Flügel geklemmt, streichelte er

Fietjes Wange. Es tat ihm leid, den Jungen so zu sehen.

Fietje, nun sind wir hier und müssen noch eine Weile bleiben.

Ich brauche noch mehr Wörter, verstehst du? Aber, ich

möchte dir auch die schönen Dinge hier zeigen. Clara hat schon

gesagt, dass es Zeit wäre, dir ein Geschenk zu machen. Lass

uns also Zwickau beschnuppern. Da ist genügend, was dir

Freude bereitet!“

Fietje pustete laut aus. Er brauchte wirklich etwas Spaß und er

wollte endlich wieder skaten.

„Du willst auf die Rampe, was?“, fragte Arti, der Fietjes Gedanken

gelesen hatte.

„Komm, ich bringe dich dahin, wo du skaten kannst und auch

andere tolle Sachen siehst!“

Er setzte sich auf das Board, Fietje hinten drauf und sie flogen

zurück nach Zwickau.


80

Kapitel Fünf

81

DAS IST HERR HoRCH?

Sie landeten in einem Hinterhof. Ein uraltes Gebäude, an

dem oben Horch-Werke stand, und ein paar alte Stapelboxen

erzählten von einer fleißigen Vergangenheit. Hier war

genügend Platz, dem Board einmal so richtig

Feuer zu geben.

Fietje nahm sofort Anlauf. Schon unzählige Male hatte

er den Kickflip probiert. Ob er es diesmal

schaffen würde? Die Anspannung stand ihm ins

Gesicht geschrieben. Nun sprang er ab und wie in Zeitlupe

begann sich sein Board unter ihm zu

drehen. Doch schon in der ersten Sekunde wusste Fietje,

dass der Versuch wieder scheitern würde.

Mit einem dumpfen Schlag und lautem Schmerzensschrei

landete er auf seinem Allerwertesten.

Arti, der das Schauspiel eine ganze Weile beobachtet

hatte, verdrehte die Augen und krächzte in lehrerhafter

Manier:

„Musst du dir erst etwas brechen?!“

Mit einem lauten „Kraaah“ flog er davon.


82

Kapitel Fünf

83

Fietje ignorierte den schnippischen Kommentar. Die letzten

Minuten hatten ihm sehr gutgetan. Er war nur auf sein Skateboard

konzentriert gewesen. Hatte den schweren Trick probiert.

Wieder und wieder. Schließlich versuchte er Arti zu folgen. Dabei

achtete er aber nicht darauf, wohin er flog. Als Arti sich auf

einem älteren, putzigen Auto niederließ, blickte sich Fietje um.

Sie befanden sich nach dem kurzen Flug erneut auf einem

Betriebsgelände. Beim Anblick von Fietjes verschwitzten

blonden Locken musste Arti herzlich lachen und Fietje lachte

ausgelassen mit. Jetzt war seine Welt wieder in Ordnung.

„Hey, weg da von meinem Liebling! Ihr wollt wohl etwas kaputt

machen?“ Die beiden erschraken und sahen sich einem mürrisch

dreinblickenden Mann mit blauem Kittel gegenüber. Der

Miesepeter war um die sechzig Jahre alt. Er fuhr sich aufgeregt

durch die wild vom Kopf stehenden grauen Haare. Auf seinem

Gesicht zeichneten sich rote Flecken ab.

Fietje lächelte sein unschuldigstes Lächeln und fragte, wo sie

sich hier befänden. Der wütende Mann brummte ungeduldig:

„Auf dem Sachsenring-Gelände. Ihr habt hier nichts zu suchen!“


84

Kapitel Fünf

85

Arti wollte zu einem vorlauten Kommentar ansetzen, doch Fietje

fiel ihm ins Wort. Er fragte, was das für ein ungewöhnliches

Auto sei, auf dem Arti da saß. Da erhellte sich die Miene des

Griesgrams und schon sah er nicht mehr so böse aus.

Nach einem Augenblick des Schweigens stellte er sich als „Herr

Horch“ und Hausmeister vor. Das war also der Mann, dem das

alte Fabrikgebäude gehörte, vor dem Fietje eben noch Tricks

probiert hatte?

Dann erfuhren sie, dass das Auto, vor dem sie standen, hier

früher gebaut wurde. In seiner Euphorie lud der Brummbär die

beiden zu einer Probefahrt mit seinem „Trabant“ ein. Arti freute

sich riesig über das neue Wort „Trabant“, steckte es in sein Federkleid

und nahm sofort auf der Armlehne des

Beifahrersitzes Platz.

Fietje folgte ihm in den Trabant. Der Griesgram Herr Horch

hatte sich nun auch dazu gesellt und wollte mit den beiden eine

Runde fahren. Er war mächtig stolz auf das kleine Auto. Die

Fahrt konnte beginnen.

Nach ein paar Runden auf dem Gelände, flüsterte Arti Fietje etwas

ins Ohr. Das Gesicht des blonden Jungen erstarrte daraufhin.

Hektisch drehte er sich um und erblickte die beiden Agenten

aus „Sprachlos-Land“. Mit gemeiner Miene und steifen Körpern

fuhren sie auf schwarzen Segways hinter dem Trabant her. Sie

hatten Arti bei seinem Flug vorhin entdeckt. Das Herz rutschte

Fietje in die Hose. Was sollten sie nun tun?

Herr Horch bemerkte die angespannte Atmosphäre zwischen

Junge und Papagei. „Was ist denn los ihr beiden?“, erkundigte

er sich nach dem Grund. „Habt ihr etwa Angst, mit einem Trabi

zu fahren?“ „Nein, nein! Da ist jemand hinter meinem Papagei

her. Er hat einen unschätzbaren Wert.“, presste Fietje aufgeregt

heraus.

Anstatt neugierige Fragen zu stellen, handelte der Hausmeister

sofort. Auf dem kürzesten Weg fuhr er zur Produktionshalle

und zeigte den beiden einen Hintereingang. Da seien

genügend gute Verstecke.

Fietje sprang aus dem Trabant. Arti flog mit seinem schnellsten

Flügelschlag hinter ihm her.


86

Kapitel Fünf

87

In der Halle angekommen, mussten die beiden sich kurz

orientieren. Diese riesigen Maschinen! Arbeiter liefen geschäftig

hin und her.

Da öffnete sich die Tür hinter ihnen mit lautem Quietschen. Die

Agenten erblickten sie mit listigen Blicken. Fietje sprang auf sein

Board und rollte los, so schnell er konnte. Er hatte vorhin genug

geübt und sich an sein neues Brett gewöhnt. Aber auch die Spione

waren schnellen Schrittes und liefen hinter ihm her.

Mittlerweile waren auch einige der Arbeiter auf

die Jagd aufmerksam geworden und wunderten sich über den

Skater, den Vogel und die zwei schwarzen Männer.

Nun durchquerte ein Mann mit einem Handwagen Fietjes Bahn.

Für ein geschicktes Ausweichmanöver war er aber zu schnell.

Fietje nahm all seinen Mut zusammen und setzte zum Kickflip

an. Seine Füße lösten sich vom Board. Er sprang gerade hoch

genug, um über den Handwagen zu kommen. Das rote

Wunderding von Skateboard drehte sich und

landete sicher wieder unter Fietjes Füßen.


88

Kapitel Fünf

89

Zum ersten Mal hatte er den zuvor geübten Trick geschafft! Aus

Freude darüber vergaß Fietje die Verfolger und hielt siegessicher

an. Er riss einem Arbeiter die Trinkflasche aus der Hand und

begoss sich jubelnd mit dem kühlen Nass. Von Arti kam es laut:

Fietje, ich bin weg!“ Und schon war der Papagei im Skateboard

verschwunden. „Pufff“. Auch das Board entfernte sich mit rasender

Geschwindigkeit und die beiden Herren aus Sprachlos-Land

düsten unverrichteter Dinge davon.

Herr Horch kam aufgeregt auf Fietje zugelaufen. „Ey, du Gernegroß!

Ich hatte dir nicht gesagt, dass du hier in der Halle RambaZamba

machen kannst. Ich dachte, du wolltest deinen Papageien

retten? Stattdessen fährst du dir eine neue Rampe ein!“ Er

zog Fietje an den Ohren zum Hintereingang hinaus. Der Junge

schrie und stampfte mit dem Fuß auf. Es reichte jetzt wirklich.

Sollte der Papagei doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!

Auf einmal platzte es aus ihm heraus. Er wusste nicht warum,

aber Herr Horch war für Fietje jemand, zu dem er sofort Vertrauen

hatte. Er erzählte dem brummigen alten Mann einfach alles.

Es war ihm gleich, ob er ihm die Sache mit Arti glaubte.

Die Tatsache, dass Fietje aus Jena war und nicht wusste, wie er

nach Zwickau gelangt war, erzeugte bei Herrn Horch einiges an

Mitleid. Nur manchmal gingen seine Augenbrauen nach oben.

Immer wenn es um Arti ging. Wer sollte das auch glauben?

Er wiegte seine grauen Haarflusen hin und her. Der Junge tat

ihm schrecklich leid. Er hatte gleich Feierabend. Vielleicht konnte

er ihm heute Nachmittag helfen, wieder nach Hause zu kommen.

Oder doch zumindest zu dieser Tante nach Werdau. Das

sollte doch kein Problem sein!

Nachdem Fietje mit seiner Erzählung fertig war, trat tiefes

Schweigen ein. Einige Minuten saßen die beiden auf dem Boden

am Hintereingang. Die Beine angewinkelt, starrten sie vor sich

hin in die Leere.


90

Kapitel Fünf

91

Doch plötzlich sprang Herr Horch wie ein Teenager auf und

rief: „Komm Junge, ich zeige dir mal den richtigen Herrn

Horch. Ich habe dich vorhin auf die Schippe genommen . Ich

heiße natürlich nicht Horch. Das ist der Mann, der für die Autos

in Zwickau bekannt ist. Es gibt hier ein Museum mit lauter

Oldtimern von ihm. Na, interessiert?“

Er hielt Fietje die Hand hin, dass dieser sich daran hochziehen

konnte. „Ok, gerne! Ich heiße übrigens Fietje und Sie? Wie heißen

Sie denn nun wirklich?“

„Ich bin Manfred. Na, dann komm mal mit, Fietje! Das kriegen

wir schon alles wieder in die Bahn!“

Sie liefen an einem Fluss entlang. Die Sonne schien den beiden

ins Gesicht. Dann wurde es plötzlich dunkel über ihnen.

Fietje hob den Kopf und sah einen großen schwarz-weißen

Heißluftballon. Im nächsten Moment fiel ein Seil in Richtung

Erde. Manfred stolperte darüber und konnte sich gerade noch

so daran festhalten, um nicht der Länge nach hinzufallen. Mit

der Hand am Seil hatte er den Ballon nun in seiner Gewalt.

Fietje blieb stehen und blickte wie gebannt nach oben. Der

Ballon näherte sich dem Erdboden, denn Manfred zog mit aller

Kraft daran. Da fiel Arti heraus. Er war ganz steif, konnte seine

Flügel nicht bewegen und schaute auch ganz benommen drein.

Da sah Fietje, dass Arti einen Klebestreifen um den Schnabel

hatte. „Hier siehst Du, Manfred. Sie haben ihn

erwischt und den Schnabel zugeklebt, damit er

nicht mehr sprechen kann. Und dann haben sie

ihn in diesen Ballon gesteckt. Der sollte bestimmt

Richtung „Sprachlos-Land“ fahren. Hörst Du,

Manfred?“

„Jaja!“, brummte der Mann aus dem Sachsenring.

„Du hast eine blühende Fantasie, das muss man

dir schon lassen.“

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


92

Kapitel Fünf

93

Fietje begann, das Klebeband von Artis Schnabel zu entfernen:

“Geschafft!“ Er schaute Richtung Ballon, an dem Arti

festgeschnürt war und löste den Strick von Artis Krallen.

„So, jetzt bist du wieder frei, mein Kleiner“, tröstete er den

Vogel liebevoll und war froh, dass Arti wieder bei ihm war.

Der Papagei schüttelte den Kopf und sagte traurig:

„Meine Flügel, Fietje! Sie haben mir meine Flügel an meinem

Rumpf festgeklebt. Ich werde nie wieder Wörter in mein

Federkleid stopfen können. Ich kann mich nicht mehr bewegen.

Und ich kann auch nicht mehr fliehen. Sie haben

gesagt: „Der Ballon fährt dich jetzt zu Schimpfwort II! Ich bin

so fertig, Fietje! Nein, nein, nein! Das darf alles nicht passieren!“

Fietje schaute in den Ballon. Dort lag auch sein Skateboard.

Was wollten sie den damit im „Sprachlos-Land“? Er zog es

schnell heraus. Da verschwand der Heißluftballon mit einem

leisen „Plop“.

Manfred hatte ihr Gespräch gehört und vor Schreck das Seil

des Ballons losgelassen. Es stimmte also, was der Junge ihm

vorhin erzählt hatte. Der Papagei sprach wie ein Mensch und

war auf der Flucht vor irgendwelchen Agenten. Meine Güte!

Dass er das auf seine alten Tage noch erleben sollte! Oder ging

es jetzt mit ihm durch?

„LOL, was war das denn?“, lachte Fietje und sah, dass Manfred

dem Ballon total verschreckt nachschaute. Doch gleich hatte

er sich wieder gefangen.

„Tja, ihr beiden Verrückten! Ballon weg, Verfolger weg! Wir

gehen jetzt erst einmal ins Horch Museum! Da findet sich

bestimmt jemand, der dir die Flügel wieder befreien kann. So

ein Kleber muss doch mit Verdünnung zu lösen sein!“

„Verdünnung! Hihi, noch nie gehört. Manfred könntest du mir

bitte das Wort hier reinstecken?“ Arti sperrte seinen Schnabel

auf, um das Wort zu bekommen.

Jetzt war es Manfred, der sich vor Lachen kaum noch halten

konnte. Das war ja die Höhe! Ein Papagei wollte ein Wort von

ihm in den Schnabel gesteckt bekommen! Fietje fiel nun auch

mit ein. Manfreds Lachen war ansteckend. Nachdem sie sich

eine ganze Weile auf dem Boden kugelten und sich vor Lachen

den Bauch hielten, brachen sie endlich auf.


94

Kapitel Fünf

95

Schon bald waren sie am August-Horch-Museum angekommen

und hielten kurz inne, um es sich von außen anzuschauen.

Da öffnete sich die Tür und ein seltsam gekleideter Mann trat

heraus. „Der passt doch eher in ein Geschichtsbuch!“, dachte

sich Fietje. Er überlegte scharf. „Hey, ja! Das ist der Herr Horch,

der August Horch! Na klar! Das ist der eigentliche Herr Horch.

Wie konnte ich auf Manfred reinfallen! Sebastian steht doch

total auf die alten Horch-Autos.“

Er ging auf den Mann zu.

„Einen schönen guten Tag, Herr Horch!“

“Wer wagt es, mich so unerhört und ungefragt anzusprechen?“,

fragte der elegante Herr empört.

„Ich bin Fietje und es tut mir sehr leid. Ich bin etwas durcheinander.

Sie sind doch schon lange tot?“, erwiderte Fietje nun

vorsichtiger. Herr Horch brummte:

“Mein Bursche, mit meinem Dieselmotor ist alles möglich. Aber

wo ist denn dein Freund, dieser Papagei?“

Wieso wusste Herr Horch von Arti? Und wieso stand Herr

Horch überhaupt vor ihm? Jetzt machte es bei Fietje „Klick!“.

Ein Arti-Sprung durch die Zeit?

„Sie meinen Arti? Den hat Manfred in der Hand. Schauen Sie,

Herr Horch! Er kann nicht mehr fliegen, weil seine Flügel

verklebt sind. Mit ganz starkem Kleber.“

„Nun, da weiß ich etwas, das ihm helfen kann.“, meinte der

alte Herr. „Dazu müssen wir allerdings in meine Werkstatt

fahren. Ich wollte eigentlich im Rathaus-Cafe Kuchen essen

und außerdem muss ich noch Schumann treffen“, fügte er

nun sehr viel freundlicher hinzu.

„Kommt doch kurz mit!“


96

Kapitel Fünf

97

Als sie an einem Denkmal ankamen, worauf der Name Robert

Schumann stand, stutzte Fietje kurz. Meinte Herr Horch diesen

Schumann? Sie inspizierten es genau.

Bald fanden sie eine kleine Schublade am Sockel des Denkmals.

Sie ließ sich öffnen. Es befand sich ein Zettel darin. Darauf

stand eine Rechenaufgabe und Fietje las sie laut vor:

„356 durch 4“.

Herr Horch nahm seinen mit Diesel betriebenen Taschenrechner

zur Hand. Der Quotient ergab 89. Auf der Statue stand

geschrieben: gebaut 1789.

Sie drückten auf die 89 und der gesamte Sockel der Statue teilte

sich. Der obere Teil hob sich an. Dort kroch nun ein Mann mit

altertümlichen Klamotten heraus.

„Endlich bin ich hier raus. Es ist fürchterlich staubig darin“,

sagte der Mann hustend. Dann wendete er sich an Herrn Horch:

„August, ich müsste mal zu dir in die Werkstatt, meine Kutsche

braucht einen Mechaniker. Irgendetwas ist mit der Achse nicht

in Ordnung.“

„Na gut, ich bestelle euch meinen Alpensieger und den Buttler.

Der fährt euch gleich alle in die Werkstatt. Dieser junge Herr

hier und sein Papagei wollen auch dahin.“

Damit deutete er auf Fietje und Arti.


98

Kapitel Fünf

99

Arti, wo ist Manfred?“, zischelte Fietje seinem Papagei zu. Sie

hatten den beiden älteren Herren aufmerksam zugehört und

dabei nicht bemerkt, dass Manfred verschwunden war. Das war

doch alles sehr ungeheuerlich. Diese beiden waren auf keinen

Fall aus dieser Zeit!

Noch bevor Arti ihm antworten konnte, sah sich Fietje auf

der Rückbank eines Autos sitzen. Er hatte keine

Ahnung, wie er dorthin gekommen war.

Er saß auf schwarzem Leder,

das Auto

selbst war gelb und sehr alt, doch elegant. Es sah teuer aus.

Da öffnete der Herr aus dem Denkmal die Autotür und setzte

sich auf den Beifahrersitz: „Guten Tag Herr Buttler, guten Tag

Fietje, sollen wir aufbrechen?“ Fietje hielt Arti den Schnabel

zu. Dieser wehrte sich, hopste auf die Sitzlehne des Oldtimers

und krähte frech und quietschvergnügt: „Fietje, darf ich vorstellen:

Robert Schumann!“

Er hatte es wieder geschafft, seinen Freund aus der Bahn zu

werfen. Und das jetzt nicht nur sprichwörtlich. Immerhin saß

jetzt ein Mann auf dem Beifahrersitz, der gerade aus seinem

eigenen Denkmal gekrochen kam. Wie konnte er da drin denn

atmen?


100

Kapitel Fünf

101

Gemeinsam mit dem Buttler des Herrn Horch fuhren sie zur

Werkstatt. Es war das alte Haus von vorhin, wo Fietje mit dem

Skateboard rumprobierte und ihm der Kickflip einfach nicht

gelingen wollte.

Robert Schumann stieg aus und drängte zur Eile:

„Schnell, meine Clara wird sich daheim bestimmt schon

Sorgen um mich machen. Lasst uns eilen!“.

„Clara???“, rief Fietje laut. Er glaubte, nicht richtig gehört zu

haben. Wieso denn schon wieder dieser Name! Sie schien ihn

zu verfolgen, diese Clara! Er schaute fragend zu Arti. Doch der

schüttelte nur den Kopf.

„Nein, nein, er meint nicht meine Tochter!“

Robert lief zielstrebig Richtung Werkstatt. Er wollte dem

Mechaniker einen Auftrag erteilen. Jemand sollte sich die

Lenkung seiner Kutsche einmal anschauen. Arti wollte

nicht mit. Er hatte Angst, weil seine Flügel immer noch

angeklebt waren und er sich nicht bewegen konnte.

Fietje holte die Verdünnung, um damit Artis Flügel befreien

zu können. Robert holte sich einen Ratschlag, wie er seine

Kutsche selbst reparieren konnte. Dann kehrten sie zurück

und gingen zum Rathaus-Café.

Herr Horch wartete schon ungeduldig. Über die Lautsprecher

des Cafés erklang nun eine Melodie. Ein Klavierstück,

das Fietjes Mutter immer spielt.

'Träumerei' heißt es, sagt sie immer schwärmerisch dazu.

August Horch und Robert Schumann waren plötzlich nicht

mehr da, wie Fietje jetzt bemerkte. Er saß bedrückt auf einer

Lederbank und war umgeben von der Melodie. Und wieder

überkam ihn das Heimweh. Jetzt fing er richtig an zu

weinen. Wie ein Wasserfall rannen die Tränen über seine

Wangen. Mit der rechten Hand strich er wütend und traurig

über die Rückseite seines Skateboards. Er wollte das entstandene

Tränenmeer breit wischen.

Doch da: „...Zisch...!“, dichter Nebel im ganzen Café ... und

wieder etwas Schweres auf seiner linken Schulter, wie vor

Kurzem in Jena. Arti saß ihm gegenüber.

Es musste also ein anderer Vogel sein. Clara?


102

Kapitel Fünf

103

„Clara!“, schrie Fietje in die Stille, denn mit dem Zisch des

Nebels war auch die Musik verhallt. Auch alle Menschen

waren verschwunden. Die Serviererin, die Gäste. Das Licht

war aus. Alle Stühle waren hochgestellt.

„Da bist du ja wieder! Wo warst du?“, fragte Fietje die Graupapageien-Dame

Clara auf seiner Schulter.

„Und wie bist du hier reingekommen? Die Tür war doch schon

zu!?“

„Tzzzz, kraaah! Ruh‘ dich lieber aus, morgen wartet

wieder ein aufregender Tag auf dich! Papa und ich wachen

über deinen Schlaf.“ Fietje streckte sich auch gleich auf der

Bank aus. Er war wirklich sehr müde! Diese ersten Tage in

Zwickau hatten ihn geschafft. Sofort fiel er in den Tiefschlaf.

Er träumte vom August-Horch-Museum. Er träumte, dass er

und Arti durch das Museum liefen. Die anderen Menschen

dort ähnelten Maschinen. Von diesem Auto, mit dem sie zur

Fabrik gefahren waren, standen hier unzählige. Auf jedem

stand „Alpensieger“. Auch viele andere Oldtimer standen hier.

Wenn Sebastian, sein bester Freund, das nur sehen könnte!

Der würde ausgeflippen. Der stand doch auf Oldtimer!

Fietje machte mit seinem Handy Fotos. Das musste er Sebastian

zeigen! Vielleicht konnten sie später noch einmal gemeinsam

zu seiner Tante fahren. Dann würden sie sich auf jeden

Fall das hier ansehen! Mit Sebastian machte alles viel mehr

Spaß! Da hätte es ihn auch nicht gestört, dass ihn seine

Mutter hierher geschickt hatte.


104

Kapitel Fünf

105

Hinter einer Menschentraube, die gerade eines der alten

Autos betrachtete, entdeckte er Robert Schumann. Dieser

winkte ihn nach draußen.

„Los Arti, wir gehen!“, stieß Fietje hervor.

Draußen wartete Robert schon in seiner Kutsche. Er hatte

sie wieder in Gang gebracht. Die Pferde waren hellblau und

sahen aus wie Einhörner. Fietje und Arti stiegen ein. Robert

war der Kutscher. Schon setzten sie sich in Bewegung. Doch

Fietje hatte jedoch niemals geglaubt, dass eine so eine alte

Kutsche 100 Stundenkilometer fahren konnte. Auch Arti

schaute verwundert drein, als sie nur so dahinflogen.

„Puh...das war knapp! Fast hätte ich das Schiffchen gerammt!“,

kam es von Robert nach einer Minute.

Nach dieser rasanter Fahrt kamen sie zum Stehen. Robert

sprang vom Kutschbock. „Fietje, Arti, kommt ihr bitte?“,

beugte er sich zum Fenster hinein und lächelte. „Wir

sind angekommen – das ist mein Wohnhaus.“

Fietje jetzt stieg aus und stand

wirklich vor Schumanns Haus.

Sie gingen hinein. Hier drin

wirkte alles wie aus einer

anderen Zeit. „War es ja

auch!“, dachte Fietje, ohne

sich weiter darüber zu wundern.

„Hach, herrlich, herrlich!“,

plapperte Arti vergnügt

vor sich hin.


106

Kapitel Fünf

107

„Du siehst fertig aus“, fuhr Robert fort und strich Fietje dabei

über den Arm. „Ja, das war heute ein sehr seltsamer Tag“,

antwortete ihm Fietje artig.

„Ruht euch erstmal aus! Was haltet ihr davon? Ich bringe

noch

eine Decke, damit du nicht frierst, Fietje“, fuhr Robert fort.

Fietje schien im selben Moment schon wegzudämmern.

Und da war sie wieder, die Musik, wie schön! Das Lieblingsstück

seiner Mutter: 'Träumerei'.

Und Moment, Robert? Jetzt wusste Fietje endlich, woher er

den Mann kannte. Klar! Robert Schumann! 'Träumerei'!

Und Clara, seine Frau! Aber das konnte doch nicht sein...,

wenn er es sich recht überlegte! Schumann lebte lange Jahre

vor Fietje. 100 Jahre? 200? Und ein Auto wie den Alpensieger

konnte er sicher auch noch nicht gekannt haben. Es gab

doch nur Kutschen zu seiner Zeit.

Eigenartig! Alles sehr eigenartig!


108

Kapitel sechs

109

DER GEHEIME GANG

Als er wach wurde war es taghell im Café. Fietje wunderte sich,

warum ihn niemand geweckt hatte. An allen Tischen wurde

ausgiebig gefrühstückt. Nichts wie weg hier! Nicht, dass noch

die Serviererin kam und ihn nach seinen Wünschen fragte! Er

hatte doch kaum Geld dabei.

Fietje stahl sich aus dem Restaurant und rannte vor die Tür.

Plötzlich sah er etwas auf sich zu fliegen. Es war Arti, der sich

ihm krächzend näherte.

Fietje, Fietje!“, schrie Arti aufgeregt.

„Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist.“

Keuchend fing er an zu erzählen, während er vor Fietje auf und

ab flatterte.

„Als du eingeschlafen warst, wurde ich in das Zauberboard

gesaugt. Doch anstatt wie üblich in der weißen Kammer zu landen,

fand ich mich in einer Kunstsammlung wieder. Aber kein

Besucher war zu sehen. Nur ich allein in einer Galerie.

Da waren viele schöne Gemälde. Ich flog in einen der Räume.

Dort starrte mich eine Figur mit leeren Augen an, als würde sie

mich hypnotisieren wollen. Als ich nach oben sah, merkte ich,

dass ein Fenster offen stand. Ich erkannte meine Gelegenheit,

dieser komischen Figur aus dem Sichtfeld zu entkommen.

Die sah echt gruselig aus. So gar nicht wie du und die anderen

Menschen. Als ich mich dann draußen genauer umsah, stand

'Max Pechstein auf Reisen' über der Eingangstür.“

„Wie sah sie denn genau aus, die Figur, die dich so angesehen

hat?“, fragte Fietje grinsend. Er ahnte schon, dass an Artis Erzählung

etwas nicht stimmte. Arti beschrieb die Figur in allen

Einzelheiten.

„Sie war schwarz und weiß, hatte keine Farbe im Gesicht und an

den Händen. Sie hatte einen Oberlippenschnauzbart und eine

Schleife um den Hals, als wäre sie ein Geschenk!“

„Mensch, Arti! Das war doch nur ein Aufsteller, die Pappfigur

Max Pechsteins!“

Fietje lachte schallend und tippte dem Vogel auf die Stirn.

„Pappfigur?“, wunderte sich Arti und steckte das Wort sofort in

sein Federkleid.

„Nicht der echte Max Pechstein! Der lebt doch längst nicht

mehr! Sondern Max Pechstein aus Pappe für die Ausstellung in

der Galerie.“, erklärte Fietje.


110

Kapitel sechs

111

Sie setzen sich auf die Treppenstufen vor dem Rathaus-Café.

Es war Freitagnachmittag und Fietje freute sich auf das

Wochenende bei seiner Tante. Nach den Abenteuern mit

Manfred, August, Robert, Clara und seinem besserwisserischen

Freund Arti war er froh, in Ruhe Sonne tanken

zu können.

Plötzlich riss ihn ein lautes “Rumms!“ aus den Gedanken.

Ein blecherner Papierkorb war vom Wind umgestoßen

worden und lag nun mit der Öffnung nach unten da.

Aus dem Papierkorb kam eine fluchende, hohl klingende

Stimme.

Fietje staunte nicht schlecht, als er den Papierkorb aufhob,

um zu schauen, was sich darunter verbarg. Inmitten des

Papierhaufens hockte ein Graupapagei. Es war Clara. Er

erkannte sie auf den ersten Blick. Wie vor ein paar Tagen auf

dem Bahnhof, sah sie viel weiblicher als Arti aus. Das schien

an ihren langen Wimpern zu liegen.

Sie war auf der Suche nach ihnen gewesen. Und hier vor dem

Café hatte sie Fietje erkannt. Die Wiedersehensfreude war

groß. Sie schlenderten die Leipziger Straße Richtung Pölbitz

entlang.Clara wollte Fietje jetzt unbedingt noch mehr von

ihrem Zwickau zeigen.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


112

Kapitel sechs

113

„Da! Da! Dort!“ Aufgeregt hüpfte Arti auf Fietjes Schultern

herum und drehte den Kopf des Jungen nach links.

In der Ferne hatte er ein Haus entdeckt, das aus verwittertem

Sandstein bestand und eine grüne Kuppel besaß.

„Dort war ich vorhin, Fietje! Dort war auch die Pappfigur!

Das ist das Städtische Museum mit den Kunstsammlungen.“

„Im Keller ist noch die Ratsschulbibliothek. Dort werden

Schriften aus Zwickau von mehreren Jahrhunderten

gestapelt. Die habe ich vorhin alle gelesen

und Wörter ohne Ende gesammelt! “, erklärte Arti verzückt.

„Dort fand ich Hunderte, ach was, Tausende neue Wörter für

mein Volk“, fügte er noch hinzu. Und schon waren sie in dem

großen Gebäude drin.

„Was ist das denn? Lassen hier immer alle die Türen auf?“

Fietje wusste zuerst nicht, was Arti meinte, bis sein Blick auf die

Tür der Ratsschulbibliothek fiel. Sie stand einen Spalt weit offen.

Arti rief vergtnügt: „Lasst uns gemeinsam noch einmal hineinschauen,

wenn die Tür schon offen steht. Das ist ja quasi eine

Einladung in die Wort-Schatzkiste von Zwickau!“

Fietje zögerte einen Moment, doch schließlich siegte seine

Neugier. Mit den Papageien auf den Schultern, Arti links und

Clara rechts, schlich er die kurze Treppe hinunter und öffnete

die schwere Holztür so weit, dass sie hindurchschlüpfen

konnten.

Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Doch dann sah er alles klar und deutlich

vor sich. Zwischen den langen Reihen aus Bücherregalen

liefen zwei dunkel gekleidete Herren

umher, welche offensichtlich etwas suchten.


114

Kapitel sechs

115

Plötzlich fiel es Arti wie Schuppen von den Augen. Er schrie:

„Das Lexikon, das Lexikon! Das Buch, in das seit jeher alle Stadträte

ihre liebsten Wörter eingetragen haben!“

Er schrie leider etwas zu laut, denn die beiden Herren drehten sich

mit einem Ruck zu ihnen um und kamen in ihre Richtung gelaufen.

Arti hielt sich oben an der Decke fest, um nicht gesehen zu

werden. Fietje hatte gerade noch Zeit, sich mit Clara hinter einem

mannshohen Bücherstapel zu verstecken. Die Männer schritten an

ihm vorbei, ohne nach rechts zu sehen. „Puh!“ Fietje konnte hören,

wie sie vor der Tür stehen blieben.

An seinen Füßen strömte warme Luft nach oben. Vorsichtig ging

er in die Hocke und strich mit der Hand über den staubigen Boden.

Von dort kam die Luft her. Auf einmal spürte er etwas Kaltes. Als

er es näher betrachtete, konnte er einen Ring erkennen. Sachte

umschloss er ihn mit der Hand und zog vorsichtig daran. Ächzend

bewegte sich hinter ihm eine Wand zur Seite. Durch dieses

Geräusch alarmiert, kamen die dunklen Anzug-Männer wieder

herein. „Schnell, dort rein!“, flüsterte Clara.

So schnell es ging, krabbelte Fietje auf dem Boden zur Wandöffnung.

Als er jedoch sah, dass die Männer ihm dicht auf den

Fersen waren, stand er auf, sprintete los und verschwand durch

den schmalen Spalt. Vor Schreck ließ er sein Board vor der Wand

liegen. Doch es gab kein Zurück mehr. Mister Mundzu und Herr

Keinwort versuchten hinterherzukommen. Doch sie blieben in

dem Spalt stecken.

Ein dunkler Gang tat sich auf. Er war eben und gerade. Fietje lief

und lief und lief. Der Gang nahm kein Ende. Nach einer Weile

wurde der Untergrund matschig. Es schien, als ob sie sich einem

Fluss näherten.

„Halt!“, rief Arti. Er konnte sich kaum auf Fietjes Schultern halten.

Der Junge rannte, als ginge es um sein Leben. Artis Alarm kam zu

spät. Mit voller Wucht knallte Fietje gegen eine Felswand.

Hier ging es nicht weiter. Er fluchte vor Schmerzen. In der

Felswand war eine steile Leiter. Als er sie hinauf geklettert war,

blickte Fietje kurz zurück. Da hörte er, wie noch jemand fluchend

gegen den Fels knallte. Vielleicht hatten es die Verfolger doch noch

durch den Spalt geschafft.

„Schnell weiter zum Ausgang! Schnell!“, flüsterte Clara. Doch sie

waren erneut in einer Sackgasse gelandet. Hektisch tastete Fietje

hier oben die Wand ab. Wieder schlossen sich seine Hände um

etwas kaltes Metallisches.

„Noch eine Leiter!“ Hastig stieg er sie hinauf. Oben befand sich

eine Platte, die den Weg nach draußen versperrte. Fietje versuchte

sie aufzustemmen. Arti und Clara wuchteten mit ihren Flügeln

mit und so waren sie schnell an der Luft.


116

Kapitel sechs

117

Der Anblick, der sich ihnen nun bot, war atemberaubend und

überraschend. Sie befanden sich inmitten einer Kirche.

„Voilá! Die St. Katharinenkirche!“, kam es altklug von Clara. „Okay!

Meinetwegen!“ Vorerst brauchten sie ein Versteck.

Fietje rannte sofort hinter den Altar. Arti flog hoch zur Kanzel und

Clara verschwand wie immer im Nirgendwo.

Einer ihrer Verfolger kletterte währenddessen auch aus dem Loch.

Es war Herr Keinwort, der aber scheinbar gar nicht nach ihnen

suchte. Stattdessen holte er aus seinem Jackett ein Pulver. Dieses

warf er in die Luft, Richtung Altar. Es legte sich bläulich schimmernd

über eine Ecke der herrlich bunt bemalten Opferstätte. Dahinter

hockte Fietje und hielt bibbernd den Atem an. Herr Keinwort

kam näher und öffnete dort, wo das Pulver haften geblieben

war, eine Klappe. Daraus entnahm er ein Buch.

Es war das Lexikon der Wörter aus Zwickau. Er hatte gewusst,

dass es nur noch hier liegen konnte. Lächelnd hielt er es in den

Händen.

In diesem Moment hob Arti die vorderste Sitzbank, hinter der er

sich versteckt hatte, aus der Verankerung. Mit lautem Ächzen und

Rumpeln fiel sie auf Herrn Keinwort. Es blitzte, donnerte und Herr

Keinwort schimpfte. Er verschwand in Sekundenschnelle.

Das Buch blieb zurück. Arti brauchte es sich nur noch zu schnappen.

Er winkte Fietje zum Abschied. Grinsend und das Buch unter

den Flügel geklemmt, machte er sich vom Acker.

„Na ganz prima!“ Fietje war sauer. Sein Skateboard lag jetzt irgendwo

unter Zwickau, in einem Gang, der zu dieser Kirche geführt

hatte. Clara war abgedampft und Arti widmete sich irgendwo

seiner Wortklauberei und Federkleidpflege. Immer wieder hinterließ

er den Jungen einfach nur sprachlos. Das war doch echte

Freundschaft!


118

Kapitel sieben

119

FIETJE, DER DoPPEL-ASSISTENT

Fietje sah sich traurig in der Kirche um. Da rannte eine Horde

Zwickauer Schüler rein. Allen voran ein Stadtführer. Er führte

die Meute durch die Kirche und blieb an einem Gemälde

stehen. „Psssssst! Könnt ihr nicht mal den Schnabel halten?!“

Der Lehrerin der Klasse war es sichtlich peinlich, dass sie

einen Haufen Flöhe dabei hatte.

Fietje mischte sich unter die Schüler, genau wie vor ein

paar Tagen am Planitzer Bad. Eigentlich hatte er keine Lust

auf eine Stadtführung, aber so fiel er wenigstens keinem

auf. Plötzlich nahm er aus dem Augenwinkel etwas Kupfernes

wahr. Es huschte über den Mittelgang der Kirche und

verschwand rechts in einer Kammer mit einem großen

Schloss. Fietje fragte einen Jungen neben sich, ob er

das auch gesehen hätte. Doch dieser bedeutete Fietje

nur, dass er den Mund halten sollte.

Nach der Führung gingen alle ins Café Alex.

Fietje war immer noch mit den Gedanken bei

der Gestalt, die er in der Kirche gesehen hatte.

Sie hatte einen riesengroßen Notenschlüssel

in der Hand gehabt. Nein, unter einen Umhang geklemmt.

Die Lehrerin spendierte den Kindern ein Eis. Fietje hatte großen

Hunger. Eis war zwar jetzt nicht ganz das Richtige, doch

er fiel darüber her, als wäre es seit Wochen das erste Essen.


120

Kapitel sieben

121

Als er genüsslich das letzte bisschen Schokosauce auslöffelte, sah

er kurz hoch. Wie aus dem Nichts stand sein Skateboard neben

ihm auf dem Boden. Es war bemalt mit einem großen, kupfernen

Notenschlüssel. Er wollte aufschreien, doch da hielt ihm schon

jemand den Mund zu. Es war Clara, die hinter ihm stand. Sie

zeigte auf das Board und verschwand wieder in der Menschenmenge.

Fietje schwang sich auf das Board, das er schon verloren geglaubt

hatte, und fuhr los. Als er am Dom St. Marien um die Ecke kam,

stieß er mit einer Frau zusammen. Ihr fiel dadurch ein Buch aus

der Hand.

Die Frau hatte einen langen braunen Rock an. Die Haare waren

zu einem Dutt aufgesteckt. Über ihre Hände ragten weiße Spitzen,

die unter den langen dunkelgrauen Ärmeln ihrer Bluse

hervorlugten.

Als Fietje das Buch aufhob, um es ihr wiederzugeben, bemerkte

er ein Lesezeichen. Es ging ihn ja nichts an. Doch es kam ihm

vor, als führte jemand seine Hand. Er schlug wie gebannt die Seite

auf, wo das Zeichen steckte. Die Frau ließ ihn gewähren. Dort

stand: „Die Legende des tonlosen Geistes“

Er las, dass vor circa einem Jahr Leute einen Geist in den Gängen

der St. Katharinenkirche gesehen hatten. Ein kalter Schauer lief

Fietje den Rücken

hinunter.

War das der Geist,

den er in der Kirche

gesehen hatte?

Er las weiter und

fand heraus, dass

der Geist alle

Klavierstücke

dieser Welt

spielen konnte.

Doch die Töne

wurden ihm

genommen.

Seitdem sucht

er sie überall.


122 Kapitel sieben

123

„Das ist ja wie bei Arti! Der ist ein Wort-Artist, und dieser Geist

hier ist ein Ton-Artist! Ich muss seine Töne finden!“, dachte

Fietje laut. Er wollte dem Geheimnis des Geistes sofort

auf die Spur kommen.

Doch da gab es noch ein Problem, seine Tante. Er hatte

sich immer noch nicht bei ihr gemeldet. Sie hatte

bestimmt schon die Polizei angerufen. Niedergeschlagen

ging er los Richtung Busbahnhof,

um endlich zu seiner Tante nach Werdau

zu fahren.

Diese war cooler, als er dachte. Als sie

ihm die Tür öffnete, zuckte sie nur

die Schultern und meinte kurz:

„Hoffentlich hattest du Spaß!“

Er überlegte, ob er ihr von

seinem Plan erzählen sollte, ließ es dann aber doch sein.

Als seine Tante ihm sagte, dass sie am nächsten Tag mit dem

Auto zum shoppen nach Zwickau fahren wollte, freute sich

Fietje. Das war seine Chance, die Töne für den Geist zu suchen.

Was ihm bei Arti gelang, konnte er genauso gut auch für den

Ton-Artisten erledigen.

Fietje der Wort- und Ton-Assistent!“,

stand er vor dem Spiegel

und feierte sich ein bisschen

selbst. Am nächsten Tag ließ

ihn seine Tante am Hauptmarkt

in Zwickau raus. Von

hier aus begann seine Suche.


124 Kapitel sieben

125

Doch an der Katharinenkirche angekommen, wurde sein Plan

vereitelt. Diesmal war die Tür verschlossen. Er hatte gestern gesehen,

dass innen neben dem Eingang, ein Schlüssel hing. Wenn

Arti nicht verschwunden wäre, hätte er ihn jetzt bitten können,

den Schlüssel zu holen.

Moment! Fietje hatte eine blendende Idee. Von seiner Tante hatte

er Verpflegung für den Tag bekommen. Er nahm den Rucksack

ab und fischte nach der Flasche Wasser. Dann goss er es über sein

Board, schnappte sich das Päckchen Taschentücher, was die Tante

dazu gesteckt hatte, und rieb das Board kräftig trocken. Der Notenschlüssel

ließ sich nicht entfernen, dafür zischte es ordentlich

und Arti stand frech zwinkernd vor ihm.

„Immer zu Diensten.“ Mit dem rechten Flügel an der Schläfe

wusste der Vogel, dass er gebraucht wurde. Schnell erzählte Fietje,

was ihm gestern am Dom mit der Frau und dem Buch widerfahren

war. Der Pagagei klopfte seinem Wort-Assistenten auf die

Schulter und meinte: „Nur zu, nur zu! Das hört sich schon einmal

spannend an. Eine wirklich gute Entscheidung! Bei der

Gelegenheit fallen bestimmt auch ein paar Wörter für mich ab.

Dann hast du gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“

Arti, ... “, bat Fietje „ flieg durch das offene Fenster und bring mir

doch den Schlüssel, der an der Tür hängt!“ Der Papagei kam zwei

Sekunden später mit dem Schlüssel zurück. „Du bist einfach

genial!“, lobte Fietje seinen Freund.


126 Kapitel sieben

127

Nun konnten sie die Kirche ungestört betreten. Die Flure waren

in helles Licht getaucht, die Bänke knarrten leise vor sich hin.

Das Holz war schon alt und atmete. Es kam Fietje ein wenig gruselig

vor, doch er ging tapfer weiter. Da erklang ein schauriges

Heulen, dicht gefolgt von einem Geräusch, als würden Ketten

rasseln. Fietje blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihnen stand …

der Geist. Arti und Fietje schrien entsetzt auf.

„Was wollt ihr hier?“, fragte der Geist mit dunkler, tonloser

Stimme.

„Wir wollten deine verlorenen Töne suchen“, sagte Arti, der sich

hinter Fietje versteckt gehalten hatte.

Arti, bist du das?“, fragte der Geist erstaunt.

„Ja, ich bin es. Was hat man dir nur angetan?“

„Wie jetzt? Ihr kennt euch?“, fragte Fietje wie vom Donner gerührt.

„Jaaa!“, antworteten beide wie aus einem Mund.

„Und woher?“, stammelte Fietje. Der Geist begann zu erzählen.

„Vor 1439 Jahren fand ich ein Ei, aus dem eine Woche später Arti

schlüpfte. Ich brachte ihm alle meine Kenntnisse und Sprachen

bei. Er lernte sehr schnell. Damals waren Wort-Reich und

Sprachlos-Land noch befreundet. Etwa hier war der große Platz,

wo Frieden zwischen den beiden Ländern geschlossen wurde.

Das war ihr Verdienst.“


128

Kapitel sieben

129

„Ihr? Wessen Verdienst? Wer war sie?“, kam es erstaunt von Fietje.

Der Geist lächelte: „Die heilige Katharina. Sie war von Anfang

an bereit, unseren Reichtum zu beschützen. Doch sie war nicht

übermächtig. Bei einer kriegerischen Versammlung, die durch

Sprachlos-Land erzwungen wurde, mussten meine Töne geopfert

werden und mit ihnen all meine Musik. Dafür sollte Arti

vorerst seine Wörter behalten. Das war nicht ganz fair, denn

Robert Schumann selbst, der bekannteste Sohn dieser Stadt, hat

gesagt: 'Töne sind höhere Wörter'.“

Fietje überlegte scharf und hatte eine Idee.

Arti ist durch das Zauber-Board bei mir angekommen. Vielleicht

stecken deine Töne auch darin. Ein Notenschlüssel steht

darauf. Das muss doch etwas zu bedeuten haben!“

Arti hatte verstanden und verschwand im Board. Fietje goss den

letzten Tropfen Wasser aus seiner

Flasche darüber, rieb das

Brett mit seinem Unterarm

trocken und es brachte

statt Arti einen Ton

heraus: “Fiep!“

„Hurra! Ich bin erlöst!“, rief der Geist überglücklich.

„Nun wird Sprachlos-Land meine Rache spüren und irgendwann

herrscht auch wieder Frieden!“

Dann war er wie vom Erdboden verschluckt. Fietje wusste noch

nicht einmal, wie er hieß. Doch als er Arti fragen wollte, der

inzwischen auch wieder aus dem Board erschienen war,

verschloss dieser seinen Schnabel wie einen Reißverschluss. Er

sollte also seinen Mund halten.

Fietje versteckte Arti in seinem Rucksack und machte sich

wieder auf zu seiner Tante. Seinen Auftrag hatte er erledigt.

Am Abend sprachen die beiden Freunde noch lange über die

Geschichte des tonlosen Geistes. Der musste nun losziehen und

aus dem einen Ton viele Töne machen, damit er seine Musik

wieder spielen konnte. Wie ihm das gelingen konnte, darüber

machten sich die beiden bis spät in die Nacht Gedanken.

Schließlich löschten sie das Licht. Sie hatten die letzten Minuten

nur noch halbe Sätze von sich gegeben. Mit einem „Gääähn!“

schliefen sie ein.


130

Kapitel Acht

131

SCHALL UND RAUCH

Am nächsten Tag fragte Fietje seine Tante, ob er an einer Stadtführung

teilnehmen dürfte. Sie war hellauf begeistert über so

viel Interesse bei einem Teenager. Es war natürlich nur ein

Alibi, doch Fietje wollte noch mehr von diesem geheimnisvollen

Zwickau sehen. Auf die Idee mit der angeblichen

Stadtführung hatte ihn gestern die Schülergruppe

in der Katharinenkirche gebracht.

„Mit dem Bus zum Hauptbahnhof, dann in die Straßenbahn

zum Hauptmarkt“, hatte ihm seine Tante erklärt.

Dass Fietje dies alles schon wusste, behielt er besser für

sich. Jetzt saß er in der Straßenbahn. Er sah durch die regennassen

Fenster, draußen rauschte die Innenstadt vorbei.

Dann ertönte die blecherne Stimme: „Nächste Haltestelle Hauptmarkt“.

Fietje klemmte sich sein Skateboard unter den Arm und

stand auf. Die Bahn bremste ruckartig. Er wäre fast gegen einen

Mann geschleudert worden, doch er konnte sich

noch an der Stange festhalten. Er drehte sich einmal

um die Stange herum und kam elegant wieder zum

Stehen. „Na, Kleiner, du willst wohl ins Gewandhaus

zum Ballett?“, fragte der Mann mit schallendem

Lachen. Fietje dachte sich nur: „Mann, in

Zwickau fahren sie aber wie die gesengten Säue!“

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


132

Kapitel Acht

133

Als er ausstieg empfing ihn kalter Regen und er ärgerte sich,

dass er keine Regenjacke mitgenommen hatte. Er überquerte

die rutschigen Schienen. Durch den dichten Regenschleier sah

er ein Haus in die Höhe ragen. Es hatte ein wunderschönes

Dach mit einem kleinen Turm und war insgesamt eine

imposante Erscheinung. Fietje blieb stehen und schaute

lange zum Giebel hinauf. Dann lief er auf den Eingang

zu, über dem in goldener Schrift „Theater“ stand.

Das hatte der Mann in der Bahn also mit

dem Gewandhaus und Ballett gemeint. Fietje schlüpfte hinein.

Die Frau an der Theaterkasse sah ihn abschätzend an.

„Wohin willst du denn?“

Nachdem Fietje ihr erklärt hatte, dass er einfach in die nächste

Aufführung wollte, meinte sie nur: „Die hat schon vor einer

Stunde angefangen. Also geh´ rein, musst auch nichts mehr

bezahlen.“ Damit wandte sie sich wieder ihrem Computer

zu. „Oh danke!“, sagte Fietje leise und machte

sich auf den Weg zum Saal.


134

Kapitel Acht

135

Er lief gerade durch das dunkle Foyer, als es in seinem Rucksack

rappelte. Er hörte, wie sich der Reißverschluss öffnete und schon

saß Arti frech auf seiner Schulter. „Wo sind wir eigentlich?“, fragte

er.

„Im Theater, psst!“ Dann hielt Fietje inne, denn er hatte noch ein

anderes Geräusch gehört. So eine Art “Bums“. Arti

flog zum Lichtschalter und knipste das Licht

an. Zuerst waren beide von der Größe des

Vorsaales beeindruckt. Dann sahen sie

den umgestürzten Kleiderständer

und atmeten erleichtert auf. Sein Sturz war sicher die Ursache für

das Geräusch gewesen. Arti flog wieder auf Fietjes Schulter und

sie gingen weiter.

Als sie den Theatersaal betraten, wurde er gerade hell erleuchtet.

Die Vorstellung war aus. Die Menschen erhoben sich zur Ovation,

um der einzigen Künstlerin auf der Bühne kräftigen Applaus zu

zollen. Ihre Begeisterung ebbte lange nicht ab. Fietje sah deshalb

jetzt genauer hin. Er wollte wissen, wer die Künstlerin am Klavier

war. Vielleicht kannte er sie aus dem Fernsehen? Ja, er kannte sie.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


136

Kapitel Acht

137

„Wo hatte er diese Augen schon einmal gesehen?“, überlegte

Fietje. Sofort traf ihn der Blitz der Erkenntnis. Dort vorn am

Flügel saß keine andere als Clara. Clara, die Liebliche, Tochter

Artis, Prinzessin von Wort-Reich. Clara Nummer 2. „Clara, was

machst du hier?“, schrie Fietje in das immer noch dröhnende

Klatschen der Menge hinein. Sie sah ihm direkt in die Augen,

doch ihr Blick war leer. Ob sie ihn nicht erkannte? Das war ja

allerhand, dass Clara nun auch noch hier am Theater Klavier

spielte!

Da erhob sie sich von ihrem Klavierhocker, elegant, majestätisch.

Und Fietje staunte nicht schlecht, als er sie dort stehen sah.

Sie sah mit einem Mal ganz anders aus. Ein bisschen erinnerte

sie ihn an die Frau beim Dom, mit der er zusammen gestoßen

war. Genau. Sie erinnerte ihn an die Frau, der das Buch aus der

Hand gefallen war. Sie trug einen bodenlangen, weiten, dunklen

Wollrock. Und an ihren Handgelenken lukte weiße Spitze unter

der Bluse hervor. Sie hatte mit einem Mal dunkle Haare, zum

Dutt aufgesteckt. Im Grunde sah sie aus wie eine Frau aus früherer

Zeit. Gehörte das zu ihrem Auftritt? Fietje wusste ja, dass

sie aussehen konnte wie sie wollte. Aber, um ehrlich zu sein, so

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

richtig hübsch hatte sie sich für ihren

Bühnenauftritt nicht gemacht.

Die Leute im Saal hatten ihre kleine Verwandlung

auch bemerkt und begannen aufgeregt zu raunen

und zu büschbern. Als sich Clara verbeugte, sprangen die

Zuschauer wie von der Tarantel gestochen auf. Sie stürzten

panisch schreiend aus dem Saal. Fietje vernahm nur Fetzen aus

ihrem hysterischen Gequietsche:

„...DOCH SEIT ÜBER 100 JAHREN TOT!“ - „OH GOTT!“ -

„...EIN BÖSER SCHERZ!“- „...UND SO BLEICH!“

Rechts und links an ihm vorbei drängelten sich rote, gequälte

Gesichter, deren Augen vor Erschrecken weit aufgerissen waren.

Was war denn plötzlich hier los? Was war denn passiert? Fietje

schaute ringsherum, überall im Saal bot sich ihm das gleiche

Bild.

„Komm mir einfach hinterher!“, flüsterte Clara, die im nächsten

Moment neben ihm stand. Sie hatte ihn also doch erkannt und

zog ihn jetzt Richtung Ausgang. Arti flog voran und machte

ihnen mit aufgeregtem Flattern den Weg durch die Menge frei.

Wieder schrien die Leute auf. Ein Papagei im Theater! Das war

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


138

Kapitel Acht

139

Kurz vor dem Ausgang sahen sie linker Hand eine alte Holztreppe.

Sie hasteten nach oben. Ein riesiger Dachboden tat sich dort vor

ihnen auf. Durch ein Loch im Gebälk fiel ein Sonnenstrahl.

Clara trat in den Lichtstrahl hinein und mit einem Blitz war

sie verschwunden. Nur noch Staubkörnchen waberten

durch die Luft. Arti flog wie ein Wahnsinniger auf dem

Dachboden des Theaters umher. „Jetzt ist sie weg,

Clara ist zuhause!“

Fietje schwieg betreten. „Wo ist sie? Zuhause?“

„Ja, zurück in unserem Wort-Reich“, krähte

Arti und flog aus einem der Dachfenster auch

davon. Ungläubig und unschlüssig, was er

mit dieser Aussage anfangen sollte, blieb

Fietje zurück. Warum waren alle Zuschauer

schreiend rausgerannt, als sich

Clara erhoben hatte? Fietje fand daran

nichts ungewöhnlich. So erschreckend

hässlich war sie nun auch wieder nicht in

ihren alten Klamotten! Doch nur er

wusste ja, dass sie nicht von dieser Welt war und aussehen konnte,

wie sie wollte. Er stieg die Treppe wieder hinunter und machte

sich auf den Weg zum Ausgang, der Menge hinterher. Unter diesen

Umständen wurde es ihm hier drin irgendwie zu schaurig.


140

Kapitel Neun

141

DAS SCHÜCHTERNE MäDCHEN

Wieder draußen, blinzelte Fietje der Sonne entgegen. Der Regen

war vorüber und er hatte nun Zeit auszuruhen und die Leute auf

dem Hauptmarkt zu beobachten. Es war inzwischen Mittag und

weniger los. Die Sache mit Clara und den Zuschauern nagte sehr

an ihm, aber was sollte es? Er musste doch nicht alles

Ungereimte herausfinden!

Fietje saß im Schneidersitz auf seinem Skateboard. Arti, der sich

wieder auf seiner Schulter eingefunden hatte, begann sinnlos

vor sich hinzubrabbeln, so als hätte er den Verstand verloren.

Fietje hörte nicht hin, ihm stand der Sinn überhaupt nicht mehr

danach. Er begann darüber nachzusinnen, ob es richtig war, so

lange in Zwickau zu bleiben.

Während er in Gedanken versunken an seiner Entscheidung

zweifelte, überkamen ihn Vorahnungen. Vorahnungen darüber,

dass er bald noch in anderen Städten sein würde. Er konnte

nicht zu Ende denken, denn Arti zwackte ihn ins Ohr. „Sag mal,

hörst du mir überhaupt zu?“ Fahrig antwortete Fietje:

„Ja, ja natürlich!“

„Dann wiederhole mal bitte, was ich gerade gesagt habe!“,

krächzte der König von Wort-Reich. Fietje verdrehte die Augen.

„Höre zu, was ich dir sage. Sonst schreie ich so laut, dass sogar

die Oberbürgermeisterin von Zwickau, Frau Dr. Pia Findeiß,

mitbekommt, dass du ungezogen bist.“

Fietje schubste den vorlauten Vogel sanft von seiner Schulter.

Arti zog sich beleidigt zurück und tat so, als fände er Körner auf

den äußerst sauberen Treppenstufen, die ins Rathaus führten.


142

Kapitel Neun

143

Fietje nahm indes seine Umgebung genauer unter die Lupe. Das

Rathaus von Zwickau war ja auch sehr edel! Er saß direkt davor

und war schon ein paar Mal daran vorbeigegangen. Doch erst

jetzt fiel ihm auf, dass es ein recht schmuckes und auch riesiges

Bauwerk war. Das große Stadtwappen fiel ihm besonders ins

Auge. Schwäne und Türme waren darauf zu sehen.

Auf der anderen Straßenseite hielt ein Bus an. „Arti, schau,

wollen wir vielleicht den Bus dort nehmen und nicht nur hier

herumsitzen?“ Der Vogel hatte ihm den Rücken zugedreht und

zählte halb gelangweilt die Leute, die ihn flüchtig ansahen und

dann eilig weiterliefen. „Komm Arti, sei nicht sauer! Es tut mir

leid!“

Da sah Fietje ein Mädchen aus einem Bus aussteigen. Sie blieb an

der Haltestelle stehen. Leider konnte er ihr Gesicht nicht erkennen,

da sich das Mädchen einen Stadtplan vor die Nase hielt.

Aber in dieser Stadt waren bisher alle Mädchen schön.

Fietje stand langsam auf, machte ein paar Schritte nach vorn.

Arti flog ungebeten wieder auf seine Schulter. Er versuchte sich

bemerkbar zu machen, indem er Fietje unbeholfen mit dem

Schnabel an den Haaren knabberte. „Ich bin nicht mehr böse auf

dich“, sollte das heißen. Fietje jedoch machte ein kurzes „Pssst,

Arti!“, denn er wollte das Mädchen ansprechen.

Er ging über die Straße und ließ sie nicht aus den Augen. Mit feuerroten

Wangen zwang er sich zu einem leisen “Hallo!“, als er sie

fast erreicht hatte. Sie aber war so in den Stadtplan vertieft, dass

sie ihn nicht hörte. Fietje nahm einen neuen Anlauf und brachte

ein lauteres „Halloho!“ heraus. Daraufhin ließ

sie die Karte sinken. Nun konnte Fietje ihr

Gesicht sehen. Sie hatte blaue Augen, die

sie mit Mascara betont hatte. Schüchtern

sagte auch sie leise: „Ja, hallo? Wer bist

du?“ Mit dieser Frage hatte Fietje nicht

gerechnet. „Tja, hmmm, wer bin ich?“

Puhhh! Nur gut! Er hatte es leise gedacht!

Bloß nicht wieder so einen peinlichen

Vorfall produzieren, wie er im Bus

nach Werdau passiert war!


144

Kapitel Neun

145

„Ich bin Fietje und das ist Arti. Ich habe ihn ...äähm, gefunden

und aufgepäppelt.“

„Das ist ja lieb von dir gewesen. Er kann froh sein, dass du da

warst. Ach so … und ich bin Nicola.“, fügte sie hinzu. Beide sahen

sich einen Augenblick lang schweigend an, bis Fietje zögernd

fragte: „Warum hast du dich denn hinter dem Stadtplan versteckt?

Möchtest du irgendwo hin?“

„Ja! Ich bin auf der Suche nach dem Schiffchen, dem Wohnhaus.

Dort haben meine Eltern eine Gästewohnung gemietet“, sagte

Aria. „Ich kann dich dort hinbringen. Ich weiß, wo das ist. Natürlich

nur, wenn du magst“, sprudelte es aus Fietje heraus. “Ja, gerne!

Denn ich glaube, allein finde ich den Weg nicht. Ich schaue hier

schon ewig wie die Kuh ins Uhrwerk “, sagte Aria mit schiefem

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Lächeln. Sie schien sich über Fietjes Angebot wirklich zu freuen.

„Weißt du eigentlich, wie dämlich das ist? Du bist kein

Zwickauer und kennst den Weg überhaupt nicht!“, flüsterte Arti

in Fietjes Ohr.

„Deswegen hoffe ich, du hilfst mir. Ich möchte sie kennenlernen“,

wisperte Fietje durch einen Grinsemund und geschlossene Zähne

zu seiner Schulter.

„Ok, ich helfe dir. Aber denke daran, dass Mister Mundzu und

Herr Keinwort womöglich noch hinter uns her sind!“, fügte Arti

hinzu. „Ja, mach dir deswegen mal keine Sorgen!“ So richtig ernst

meinte es Fietje allerdings gerade nicht.

„Sag mal, ist das Schiffchen nicht rechts neben Roberts Haus?“

Arti fuchtelte wie wild mit den Flügeln. Er wollte ihn damit zum

Schweigen bringen. Am Ende würde der Junge noch weiter

daher palavern und sich komplett unmöglich machen. Wenn er

auch nur einem Zwickauer erzählte, er hätte von Robert

Schumann eine Decke zum Schlafen bekommen! Oder er wäre mit

ihm zusammen in Horchs Fabrik gefahren! Man würde ihn

sofort ins Krankenhaus einliefern. Und ihn, Arti, würde man auf

jeden Fall verkaufen!

Zum Glück verstand Fietje Artis Flatterzeichen. Er schluckte sein

Abenteuer mit Robert unerzählt herunter. Jetzt verließ er sich

ganz auf seinen Wegweiser Arti, der ihm alles ins Ohr flüsterte.


146

Kapitel Neun

147

Sie brachten das Mädchen auf dem kürzesten Weg zum Schiffchen.

„Hey, super! Ich bringe meine Tasche noch schnell rein!

Magst du dann noch ein bisschen bummeln gehen?“, fragte

Aria ganz keck. Fietje hatte nicht gedacht, dass sie so viel Selbstbewusstsein

hatte. Er dachte auch nicht, dass sie mit ihm noch

etwas Zeit verbringen wollte. Er freute sich sehr, denn es war

eine willkommene Ablenkung von all seinem Kopfkasper-Chaos.

Nach fünf Minuten stand sie wieder parat vor der Haustür. Es

konnte losgehen für die beiden Nicht-Zwickauer.

Sie gingen in Richtung Dom, welcher gleich an der nächsten

Ecke lag. Dieser war sehr groß, ragte weit in den Himmel hinein

und sah mit seinen gotischen Türmen sehr eindrucksvoll aus.

Fietje hatte noch nie einen Dom gesehen. Er kannte nur den Kölner

Dom vom Hörensagen. Was machte eigentlich eine Kirche zu

einem Dom?

„Ich würde mir gern die Galerie am Domhof ansehen“, unterbrach

Nicola Fietjes Gedanken. „Klar!“ Er hatte in Wahrheit aber

wenig Lust dazu. Doch einem solchen Mädchen konnte man

keinen Wunsch abschlagen.

Sie stiegen die Treppen zur Galerie hinauf und traten ein.

Nicola war ganz aufgeregt. „Fietje, guck doch mal, dieses schöne

Gemälde hier. Das ist doch dieser… na, wie heißt der gleich

nochmal? Dieser bekannte Musiker aus Zwickau? Und schau dir

diese bewundernswerten Zeichnungen an…“

Fietje nickte zu allem höflich. Ihn lockte eine Galerie wirklich

nicht vor dem Ofen vor. „Na los, komm Nicola, lass uns

weitergehen“, versuchte er sein Glück. Er wollte die Galerie

verlassen, bevor Nicola noch ans Übernachten dachte.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


148

Kapitel Neun

149

Inzwischen quasselte Arti vor den Priesterhäusern einige

Zwickauer in ihrem Dialekt an. Er hoffte, von ihnen neue Wörter

für sein Federkleid zu bekommen. Bewusst sprach er immer nur

ein paar Brocken. Niemandem sollte auffallen, dass er es weitaus

besser konnte. „Gauf!“, begrüßte er sie und flog dabei Kreise um

Kreise. Die Leute in der Gasse fanden das allein schon erstaunlich.

Ein Graupapagei, der sächsisch sprach! Sie hatten ihre

Freude mit ihm und kicherten albern. Sie breiteten ihren Dialekt

vor dem Vogel aus, damit dieser die Wörter immer schön wiederholte.

Die Lacher waren auf Artis Seite.

„Radewell“, rief eine Frau in die Luft. „Rrrr ...raaaaa, Rrrr

...raaaaadewell!“, antwortete Arti ihr. „Hietrabrädd ..., hoho“,

kam es aus anderer Ecke von einem Mann. „Brädd, Brädd,

Brääädd“, äffte ihn Arti nach. Bald hatte sich eine richtige Traube

um den Papageien gebildet, der hoch und runter, hin und her

flog. Er setzte sich bei manchem auf die Schulter. Anderen

Leuten schwirrte um den Kopf.

Fietje staunte nicht schlecht, als er mit Nicola die Dom-Galerie

verließ. Er ließ den Freund noch kurz mit den Leuten spielen.

Der hatte einen Mordsspaß, wie Fietje beim Skaten...

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


150

Kapitel Neun

151

„Ach du Schande! Nein! Mist! Verdammt!“ Fietje fluchte. „Äh...,

was ist denn?“ Aria schaute verdutzt. „Ich habe meine Verabredung

vergessen! Mit Arthur, einem Freund! Wie spät ist es? Wir

wollten uns um vier am Kornmarkt treffen. So ein Bockmist!“

Fietje schimpfte und schimpfte und biss in seine Faust. Nicola

tat es unheimlich leid. Sie war sicher schuld, weil er ihr den Weg

gezeigt hatte. Und dann hatte sie ihn auch noch gebeten, mit

ihr den Nachmittag zu verbringen. „Auweia! Das tut mir so leid.

Kannst du es noch schaffen? Vielleicht wartet er? Es ist gerade

fünf Minuten nach vier.“

„Nicola, mir tut es leid, aber ich muss jetzt los.“ Fietje trat von

einem Bein auf das andere. Wie unangenehm! Wie bescheuert!

Dass er das vergessen hatte! Nicola schrieb lächelnd ihre Handynummer

auf Fietjes Handrücken, warf ihm einen Handkuss zu

und schon war sie weg.

„Ok, auf zu Arthur. Arti wird mich schon finden“, sagte sich

Fietje etwas geknickt. Doch als er Arthur eine Minute später

begrüßt hatte und sie sich sofort über ihre Skateboards austauschten,

war Nicola schon längst Vergangenheit.

Arti kam hinterhergeflogen. Er kam mit sehr ernster Miene.

„Was ist los, Kleiner?“, nahm Fietje seinen gefiederten Freund in

Empfang und setzte ihn auf seine linke Schulter. „Sie sind gerade

rausgerannt.“ Arti fuchtelte wild mit den Federn. „Wer ist wo

rausgerannt?“, fragte Arthur. Ihm war es nicht entgangen, dass

Fietje mit seinem Papagei sprach. Er dachte sich schon in der

Herberge, dass etwas an Fietje komisch war. Doch er mochte ihn.

Er sprach halt mit einem Vogel. Na und? So etwas konnte ihm

egal sein.

„Ich habe Hunger, besorge dem König von Wort-Reich etwas

Futter!“, lenkte der Vogel ab, als er Arthur sah. Ein Neuer! Der

musste ja nicht alles hören!

Arti, das ist mein Freund Arthur. Wir wollten jetzt skaten

gehen“, erklärte Fietje. „Skaten hin oder her, ich brauche etwas

zu essen“, meinte Arti verärgert. „Ok, na dann. Wo ist denn das

nächste Tiergeschäft? Arti, schau doch mal von oben! Immerhin

willst du etwas essen. Oder frag doch am besten deine Clara! Sie

ist übrigens schon lange nicht mehr aufgetaucht.

Wo ist sie denn, Arti?“

„Sie hat zu tun“, kam es

barsch zurück.

„Sie hat zu tun? Aha!

Was hat sie denn

zu tun? Muss sie sich

neu erfinden, oder etwas

anderes anziehen?

Pfeil und Bogen putzen?“


152

Kapitel Neun

153

Fietje war etwas erzürnt über Arti, seine Tochter Clara, ihre

Doppelgängerinnen und alles, was damit zusammenhing.

Aber es machte auch Spaß, Arthur seine Fähigkeit, mit einem

Papagei zu sprechen, ausgiebig zu präsentieren.

Arthur sagte zu alledem jedoch nichts. Ärgerlich!

„Ja, Clara hat zu tun und damit basta!“ Mit diesen Worten

erhob sich Arti in die Luft. Als er nach einer Minute wieder

auf Fietjes Schulter landete, keuchte er: „Also, wir müssen

dort vorn rechts abbiegen und dann geradeaus gehen.“

Als Fietje vor dem Laden stand, las er laut das Schild vor:

„Papageien Fachgeschäft, das Beste für ihren gefiederten

Freund.“ Er trat ein und fragte den Verkäufer freundlich, ob

sie auch wirklich super gutes Futter hätten. Arti war im Laden

bereits auf der Suche nach etwas Essbarem. Er flog nah

an der Decke entlang, um von oben alles sehen zu können.

Dabei entdeckte er eine gefüllte Futterschale. Weil er aber

nur darauf starrte und nicht geradeaus sah, flog er genau

in einen Käfig hinein und fiel sofort zu Boden. Fietje hatte

inzwischen mit dem Futter den Laden verlassen.

Draußen wartete Arthur. „Wo ist dein Papagei? Haste den

gleich dagelassen?“, fragte er. „Bist du verrückt! Nein!

Der schwirrt bestimmt noch im Laden rum.

Der kommt immer wieder. Manchmal auch ungebeten.

Komm, lass uns losziehen, auf zum Mercyland!“ Damit

rollten sie los. Sie dachten an die abgefahrensten Tricks, die

sie gemeinsam probieren wollten.

Direkt vor ihnen lag die Plauensche Straße, welche auf

beiden Seiten mit Läden gesäumt war. Nach etwa ein paar

Metern rollten sie an einem riesigen Kaufhaus vorbei, auf

dem mit großen Buchstaben “JOH“ stand. Sie fuhren weiter

und entdeckten eine kleine Gasse.

Sie war sehr lang, schmal und dunkel, aber sie konnten an

ihrem Ende einen Lichtfleck erkennen. Überall lag ein

muffiger Geruch in der Luft. Es stank wirklich fürchterlich

und an den Wänden lehnten grimmig dreinblickende

Gestalten.

Sie waren schon etwa die Hälfte der Strecke gefahren, da

bemerkten sie etwas über ihnen. Fietje blickte nach oben.

Arti. Natürlich! Jetzt schon? Na dann los, spring auf!“

Der Papagei hopste auf das Board. Arthur fuhr jetzt hinter

ihnen und zeigte mit dem Finger auf Artis wehende

Kopffedern. Er hielt sich den Bauch vor Lachen und fiel

dabei fast vom Brett.


154

Kapitel Zehn

155

DIE PIZZA - FALLE

Als die drei an einer Werbetafel vorbeifuhren, auf der Pizza

angeboten wurde, bekam Arthur sofort Heißhunger. Er hielt

an und pfiff auch Fietje zurück. Doch dem verging sofort der

Appetit, als er sich das Plakat richtig ansah.

Leckere

ofenfrische

Pizza

Er erkannte darauf Herrn Keinwort und Mister Mundzu, gut

getarnt als kleine Happen-Spicker mit Zylinderhut. Jeder

hielt einen Wimpel in der Hand. Darauf stand etwas in einer

Art Zeichenschrift, so wie chinesisch, aber das war es eben

nicht.

„Das ist nobisitanisch, die Sprachlos-Land Leute verständigen

sich in dieser Gedankenschrift“, stellte Arti klar, der

neugierig das Plakat beäugte. Sofort übersetzte er die Schrift

für die beiden Jungen. „Du verlässt Zwickau ohne den Vogel,

ansonsten wirst du sprachlos, Fietje!“

Athur schrieb mit seinem Zeigefinger ein großes Fragezeichen

in die Luft. „Ey, Alter, ohne Worte! Was geht denn mit

dir?“ Kopfschüttelnd wandte sich Fietje zu ihm. „Sorry, Arthur,

wenn ich dir erzähle, was es damit auf sich hat, dann

kann ich bei dir einziehen. Solange würde das dauern.“

Das mit der Pizza hatte sich also erledigt. Arthur fragte auch

nicht weiter. Er merkte, dass das nicht auf der Straße geklärt

werden konnte.

Dazu waren ja Rampen-Pausen da. Sie fuhren die Gasse zurück

und versuchten einen anderen Weg raus aus der Innenstadt.

Schon kurz darauf war wieder ein großes Einkaufszentrum

zu sehen. 'ARCADEN' stand über der Eingangstür.


156

Kapitel Zehn

157

Arti hatte seit der Pizza-Plakat-Sache nichts mehr gesagt und

hockte still auf Fietjes Schulter. Sein Blick schweifte unruhig

hin und her. Nicht dass die Agenten schon in der Nähe herumlungerten.

Das war eine richtig böse Ankündigung auf dem

Plakat! Er hatte Fietje nicht vorgelesen, was da wirklich stand:

„...ansonsten stirbst du, Fietje!“ Jetzt meinten sie es wirklich

ernst.

Fietje musste schnell noch mal. Hier in den ARACDEN war

bestimmt ein WC. „Arthur, wartest du hier? Ich muss mal

schnell wohin.“ Schon verschwand er in der Einkaufsmeile.

„Was sollte das mit dem Plakat denn gerade?“, sprach Fietje auf

dem Klodeckel sitzend leise vor sich hin. Er hatte seine Ellenbogen

aufgestützt und das Gesicht in seine Hände gelegt. Zugegeben,

mit angezogenen Beinen auf einem WC-Deckel zu hocken,

mit einem kiloschweren Papagei auf der Schulter, war nicht

gerade die beste Position zum Nachdenken.

Seine Schulter tat inzwischen richtig weh. Kein Wunder, dort

saß doch der dicke Klops ständig drauf. „Wenn wir lebend aus

Zwickau rauskommen, erstelle ich einen Diätplan für dich!“,

schwor er und stapfte wieder raus zu Arthur.

„Ist das dein Vogel?“, fragte eine Frauenstimme kurz vor dem

Ausgang. Fietje erschrak. „Ja…nein, doch“, stammelte er.

„Weißt du denn nicht, dass Vögel hier verboten sind?“, fragte

die Frau weiter. „Nein, ich…“, antwortet er. „Du kannst hier

bleiben, der Vogel nicht“, unterbrach ihn die Frau resolut. „Ok

Arti, du musst hier raus, du musst draußen auf mich warten.“

Arti flog brav nach draußen. Da tippte jemand Fietje an. „Hey,

Fietje, na du auch hier?“ Schlimmes ahnend drehte er sich um.

Da war sie wieder, Clara Nummer 2.

„Ha..., hallo! Clara! Was machst du hier in diesem Einkaufstempel?“

Clara lachte: „Ich wohne doch in Zwickau, bei Robert.

Hatte ich dir das noch nicht gesagt?“ Fietje war verdutzt. „Bei

Robert Schumann?“ Clara nickte.

Heute hatte sie das Haar wieder zu einem Dutt gebunden. Auch

ihre Sachen sahen wieder aus, als käme sie aus einer anderen

Zeit. Was sollten diese ständigen Verwandlungen bedeuten?

„Komm, raus hier, Arti wartet auf dich!“, holte ihn Clara aus

seinen Gedanken zurück.

„Ja, und Arthur auch“, kam es ärgerlich von Fietje. Sie gingen

vor die Tür, aber Arti war weg. Und Arthur leider auch.

Clara zog an Fietje und drängelte ihn schnellen Schrittes zum

Robert-Schumann–Denkmal. Er ließ es nur mürrisch geschehen.

Sie musste ja etwas im Schilde führen. Das war doch kein

Zufall, dass sie ihn in den ARCADEN aufgegriffen hatte.


158

Kapitel Zehn

159

Sie waren kurz darauf angekommen. Er dachte wieder daran, wie

Robert dort herausgeklettert kam und sie gemeinsam mit Horchs

Chauffeur zu dessen Werkstatt gefahren waren. Wie verrückt ihm

das jetzt alles vorkam.

„Was macht denn die da?“, fragte Clara. Auf dem Sockel lag eine rote

Feder. „Aaarti!“, rief Fietje nur.

Clara schrie: „Oh mein Gott, das Portal ist offen! Komm Fietje, wir

müssen Arti hinterher, bevor sich das Portal wieder schließt!“

Schnell sprangen sie genau dort hinein, wo Robert Schumann vor

kurzem herausgekommen war. Doch im letzten Moment riss Fietje

Clara zurück.

„Was für ein Geheimgang ist das? Wo führt er hin, Clara? Wohin

wolltest du mich gerade entführen?“, fragte er sie zitternd. Clara

schwieg beharrlich. „Mann, was ist denn nur los? Glaubst du, Arti

ist darin verschwunden? Abgeschwirrt in ein Denkmal?“ Clara

drehte den Kopf zur Seite, um nicht antworten zu müssen.

Auf einmal hörte sie einen Schrei, drehte sich wieder zu Fietje um

und sah, wie er entführt wurde. Sie rannte hinterher. Fiete schrie in

Todesangst: „Jetzt haben sie mich. Jetzt haben sie euch. Das Wort-

Reich! Hilfe das Wort-Reich!“

Clara sah die Agenten hinter dem Trabant-Denkmal am Georgenplatz

davonschweben. Fietje hing zwischen ihnen. Sie hatten ihn

rechts und links unter den Armen gepackt und ließen ihn zappeln,

während sie hämisch lachend im Kreise flogen. Als sie Clara lange

Nasen aus der Luft schickten, war es mit ihrer Geduld vorbei. Sie

nahm Anlauf, drehte sich blitzschnell dreitausendmal um die eigene

Achse.

Damit sandte sie helles Leuchten und Blitze der Verwandlung aus.

Sie wurde innerhalb einer Sekunde zur Kämpfer-Clara. Clara

Nummer 1.

Sie riss Pfeil und Bogen hervor und schoss

mit nur einem Pfeil beide Agenten ab.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


160

Kapitel Zehn

161

Der Pfeil schoss durch Herrn Keinworts Schulter und durch

den Zylinder von Mister Mundzu. Das hatte zwar zur Folge,

dass Fietje sehr unsanft auf einem Dach aufschlug. Jedoch

waren die beiden Sprachlos-Herren fürs Erste außer Gefecht.

Jetzt musste nur noch Arti gefunden werden.

War er durch das Portal geflogen? Dann wäre ja alles in bester

Ordnung. Noch wusste Fietje nicht, was sich dahinter verbarg.

Clara wollte das Geheimnis auch noch so lange wie möglich

bewahren.

Sie flog zu Fietje aufs Dach der Kunstsammlungen. Hier hatten

ihn die Agenten fallen gelassen. Sie klemmte sich den Jungen

unter den Arm und flog durch ein

offenes Fenster direkt in das Gebäude hinein.

„Puh, was war das denn? Dass du so stark bist, hätte ich nicht

gedacht! Los, lass uns zurückgehen und Arti suchen! Meinst

du, er ist wirklich im Denkmal?“ Fietje musste herauszufinden,

was hinter dem Portal war. Vorhin hatte er es leider mit

der Angst zu tun bekommen. Aber, wenn er wüsste, wohin das

Portal führte, hätte er es

gewagt einzutauchen.

„Lass uns hier erst einmal nach Arti suchen“, beschwichtigte

ihn Clara und zeigte auf die Eingangstür der Ratsschulbibliothek.

Dahinter entdeckten sie zunächst nur Möbel und alte Bücher.

Am Ende eines langen Flures sahen sie eine große Eichentür.

Sie ließ sich schwer öffnen. Als sie hereingingen, sahen

sie einen Mann an einem U-förmigen Tisch sitzen. Er hatte ein

Tuch im Mund. Es war Robert.

Clara stürzte auf ihn zu und riss ihm das Tuch aus dem Mund.

Seine Hände waren mit einem Strick aus Metall gefesselt. Sie

sank auf ihre Knie nieder. „Ich komme zurecht, meine Liebe“,

meinte Robert und strich ihr sanft übers Haar. „Hol Hilfe!

Aber, ich muss dir vorher noch etwas sagen. Es ist zwar nicht

der richtige Moment, aber ich fasse mich kurz: Clara, ich kann

nicht mehr spielen .“


162

Kapitel Zehn

163

„Meinst du das ernst?“, meinte Clara kurz angebunden. „Und wer

soll deine Konzertreisen übernehmen, ich?“

Als sich Clara zu Fietje umdrehte, bemerkte er die erneute Verwandlung.

Sie trug wieder den langen, altmodisch aussehenden

Wollrock und hatte die Haare hochgesteckt. Fietje hatte jedoch

keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Clara kam auf ihn zugelaufen

und schob ihn zur Tür hinaus.

Fietje, Du musst Hilfe holen“, erklärte sie. „Ich bleibe hier bei

Robert!“

So schnell es ging, lief Fietje zur Polizeiwache. Er erklärte knapp,

was passiert war. „Ok, ich rufe meine Kollegen zusammen.“ Fietje

gab dem Polizisten erleichtert die Hand: „Danke, Herr Ringelmann!“

Mit einem lauten Gedröhne stand ein Haufen Polizisten

im Raum. „Los Männer!“, brüllte Herr Ringelmann im

Befehlston in die Runde. „Ja, Sir, ja!“, schrien alle Polizisten im

Chor zurück. Sie rannten gemeinsam zu ihren Autos und brausten

mit Blaulicht und lauter Sirene zur Ratsschulbibliothek.

Als sie dort ankamen, rannten sie ohne Halt in den Raum, wo

Robert gefangen gehalten wurde. Sie stürmten die Tür und Herr

Ringelmann schrie: „Hände hoch, sie sind festgenommen!“ Die

Polizisten standen schwer bewaffnet in der Tür.Clara verdrehte

die Augen. „Hier ist niemand! Befreien Sie das

Opfer, aber zackig!“, befahl sie den Männern. Ein Polizist zückte

endlich den Bolzenschneider und befreite den Musiker. Robert war

erleichtert und rieb sich seine Handgelenke. Das einschneidende

Drahtseil hatte Striemen hinterlassen. „Clara, ich danke dir, dass

du mich befreit hast. Es war grauenvoll.“

„Wir beide machen jetzt einen Spaziergang am Schwanenteich

und besprechen alles Weitere!“, antwortete ihm Clara etwas kaltherzig.

„Aber natürlich“, meinte Robert. „Ich würde doch alles für

dich tun!“

Fietje stand tatenlos und völlig von den Socken neben den beiden.

Clara und Robert kannten sich also auch, und noch dazu recht

gut, wie es den Anschein machte. Und wer hatte denn Robert hier

gefangen gehalten und warum? Clara und Robert gingen unter

Polizeischutz vor die Tür der Kunstsammlungen.

Sie bedankten sich bei Herrn Ringelmann und seinen Kollegen.

Dann gingen sie davon. Arm in Arm! Von hinten hieb jemand auf

Fietje ein. Ihm wurde schwindlig und dann dunkel vor den Augen.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


164

Kapitel Elf

165

FIETJE IST SPRACHLoS

Ein paar Stunden später wachte Fietje mit einem Brummschädel

auf. Um ihn herum war alles grau, kalt und nass.

In diesem gruseligen Raum, in dem er sich befand, konnte

er nur zwei Dinge wahrnehmen. Einmal war es sein eigener

schneller Atem und etwa zehn Schritte von ihm entfernt

hörte er jemanden schluchzen. Es hörte sich an, als wäre

es ein Mädchen. Im Dunkeln konnte er nicht viel erkennen,

doch sie kam ihm bekannt vor.

Langsam robbte er auf dem kalten, feuchten Boden zu ihr.

Er zwang sich langsam und leise zu atmen. Doch da schaute

das Mädchen auf und er erkannte die feinen Gesichtszüge

von Clara Nummer 3, dem Mädchen aus der Jugendherberge.

Fietje hatte sie seither nicht mehr gesehen. Die Angst hatte

ihr Gesicht gezeichnet. „Wo sind wir hier?“

Fietje erschrak. Ihre Stimme war kratzig und hallte durch

den Raum. „Ich, weiß es auch nicht, Clara“, antwortete er.

Ein heller Lichtstrahl floss durch eine quietschende Tür, als

diese einen Spalt geöffnet wurde.

Es fühlte sich so an, als würde Fietjes Haut durch das Licht

verbrennen. Da stand Mister Mundzu in der Tür und sagte:

„Kommt beide raus, wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Fietje erschrak furchtbar. Nicht etwa, weil sich die Wörter

anhörten wie Kanonenschüsse, sondern weil Mister Mundzu

überhaupt sprechen konnte.

„Na, Rotzlöffel, wunderst du dich, dass ich sprechen kann?

Tja Arti, dein kleines Haustier hat uns ein paar Wörter gegeben.

Als Gegenleistung für ein bisschen Lasagne. Du hättest

ihn besser ernähren sollen. Der hatte Hunger, sag ich dir!“

Fietje schrie: „NEIN!“ Dann wachte er in einer von Bäumen

gesäumten Straße auf und dachte gleich: „Puh, nur ein

Traum! Aber was hatte Clara Nummer 3 in diesem Traum zu

suchen?“ Selbst nach Tagen ging sie ihm nicht aus dem Kopf.

Das schöne Mädchen mit den glasklaren blauen Augen.

Dann schoss es ihm durch den Kopf: „Wo war denn nun Arti?

Im Denkmal? War er überhaupt je dort gewesen?“

Er rannte los.

Er wusste zwar nicht wohin, doch er versuchte sich zu erinnern,

wo er Arti zuletzt gesehen hatte. Seine Gedanken waren

zerwühlt.


166

Kapitel Elf

167

Plötzlich bohrten sich spitze Krallen in seine Schulter.

Arti? Na bloß gut! Wo warst du, ich habe dich gesucht.“

„Das erzähle ich dir später. Fakt ist, ich hab dich gefunden.“

“Ja, aber...!“, Fietje stockte.

Vor ihm, im Park am Schwanenteich, sah er Clara und Robert

gehen. Er rannte los und Arti flog hinterher. Atemlos kamen

sie im Park an, aber die beiden waren weg. Einfach so, weg. War

es nur eine Fata Morgana?

„Was ist los Fietje? Du hast dich total verändert!“, krähte Arti

und landete diesmal auf seinem Arm.

„Es ist nichts. Mach dir keine Sorgen! Komm, lass uns gehen.“,

sagte Fietje mit zitternder Stimme. Und zu sich selbst sagte er:

„Du musst sie vergessen! Clara und Robert - vergiss sie einfach!

Das sind doch alles nur Erscheinungen!“

Nach einer Stunde schweigsamen Spaziergangs am Schwanenteich

ging es den beiden Freunden viel besser. Nun hatten sie

sich endlich wieder. Niemand sonst war um sie herum.

Niemand, der ihnen Angst einjagte und sie auseinander trieb.


168

Kapitel Elf

169

Jetzt war endlich Zeit für gemeinsames Vergnügen! Arti hatte

schon viele Male aus der Luft einen Rummelplatz gesehen.

Dorthin gingen sie nun schnurstracks.

Die bunten Lichter der Karussells und der

Schießbuden leuchteten ihnen

entgegen. Auf dem

Platz der

Völkerfreundschaft war eine Menge los. „Ab in die Geisterbahn!“,

rief Arti. Geisterbahnen waren für ihn genau das

Richtige. „Warum denn gerade die Geisterbahn? Ich kann das

Wort Geist schon gar nicht mehr hören!“, dachte Fietje laut

und zögerte.

Ehe er sich versah, hatte Arti ihn am Arm gepackt und zog

ihn in die Bahn. Es gab fünf Waggons und Fietje rief: „Arti,

komm setz dich auf meinen Schoß!“ Arti verzog angewidert

das Gesicht und rief empört: „Ich fahre allein. Im Gegensatz

zu dir brauche ich keinen Babysitter!“

Es gab kein Zurück mehr, die Bahn fuhr los. Mit einem Mal

wurde es dunkel und kühl. Nebel umgab sie.

Ständig flimmerte etwas auf. Fratzen

schossen aus der Wand und

streckten ihre Zungen raus. Jedes

Mal zuckte Fietje zusammen.

Mit der Zeit war er richtig

schreckhaft geworden. Er war

froh, dass die Fahrt bald ein

Ende hatte und er aussteigen

konnte.


170

Kapitel Elf

171

Er blickte kurz nach hinten. Das hätte er besser nicht getan.

Der Waggon hinter ihm war leer! Die anderen Fahrgäste waren

weg! Fietje war sich sicher, da waren vorhin noch drei Mädchen

und zwei Jungs! Die Mädchen hatten geschrien wie am Spieß.

Als er wieder nach vorn sah, konnte auch er nur noch schreien:

„Da! Dort hinten! Oh nein!“

Er sah, wie sein Skateboard mit hellem Schweif die Wand entlang

fuhr. Es zog Kreise und Linien mit lautem Krawall. Das

Board schrieb etwas in die Luft. Fietjes Stimme überschlug

sich. „Waaas? Wir müssen nach Sprachlos-Land?“

Arti war blass geworden und rief: „Wir müssen aus dem Waggon

springen, um nach Sprachlos-Land zu kommen!“

Von Fietje kam es fassungslos: „Was wollen wir denn da?“ Es

war ein Wahnsinns-Lärm in der Bahn. Arti schrie Fietje ins

Ohr: „Wir müssen Clara und Robert retten!“

„Wieso denn retten? Die sind doch spazieren?“ Arti zeigte auf

das Board, das immer noch schrieb. „Ein Streit. So schlimm,

dass sie für immer sprachlos sind.“ Fietje atmete tief durch und

sagte: „Ok. Wir springen…“ Vor ihnen öffnete sich ein maulartiger

Schlund. Dort hinein sollte es mit den beiden gehen.


172

Kapitel Elf

173

Fietje hatte sich noch nie so trostlos gefühlt wie in Sprachlos-

Land. Sie waren umgeben von grauen Häusern, die auf der vertrockneten

Wiese wie Steine aussahen. Er erinnerte sich an den

Sprung….Weil er Clara retten wollte, war er gesprungen.

Und da stand Clara jetzt vor ihm und sagte kein Wort. Robert

und Clara hatten sich hier im Sprachlos-Land wieder vertragen.

Zu dumm war der Streit zwischen ihnen gewesen. Und hätten sie

gewusst, dass sie dabei sprachlos werden, dann wären sie liebevoller

miteinander umgegangen. Jetzt waren Fietje und Arti zum

Glück da und sie konnten mit dem Skateboard wieder zurück in

die wirkliche Welt.

Fietje hielt das Schweigen nicht mehr aus. „Was macht ihr denn

hier?“ Es kam keine Antwort von Clara. Hatte er selbst überhaupt

etwas gesagt? Er hatte seine eigene

Stimme nicht gehört. Traurig

dachte er an sein Skateboard.

Und es fiel ihm

plötzlich ein, dass es immer noch in der Geisterbahn herumfuhr.

„Mist!“, rief er. Ohne das Board konnten sie das Sprachlos-Land

nicht mehr verlassen. Er ließ sich auf die Knie fallen. Jetzt konnten

sie nur noch auf ein Wunder hoffen…

Und das Wunder kam. Es kam in Person von Arthur. Dieser war

mit seinen Freunden heute auch auf dem Rummel.

Als sie mit der Geisterbahn fuhren und nach der Fahrt dem

Ausgang zusteuerten, fiel ihm Fietjes Skateboard ins Auge. Was

machte das denn hier? Hatte er es vergessen? Das konnte doch

nicht sein! Wo war Fietje? Er schnappte es sich und schaute sich

um, ob Fietje in der Nähe war. Nichts. Zwischen den vielen Menschen

konnte er ihn nirgendwo sehen.

Er lief schnell seinen Freunden hinterher. Das Board nahm er mit.

Sie wollten jetzt noch ins Johannisbad. Irgendwo würde er sicher

Fietje treffen, dann konnte er es ihm geben. Er konnte ja nicht

weit sein.


174

Kapitel Elf

175

LUCAS, DER HELD

„Komm Arthur, wo bleibst du denn?“, rief Micha, einer der

Jungen. „Keep cool!“, antwortete ihm Arthur gelassen. Micha

baute sich vor Arthur auf. Dieser sprang auf Fietjes Skateboard

und rollte los. Dann drehte er sich zu Micha und den

anderen um, die auf ihn gewartet hatten. „Wer ohne Räder ist,

folge mir unauffällig!“

Sie blickten ihm verdutzt nach, aber Arthur kümmerte das

nicht. Er nahm Kurs auf das Johannisbad, wo sie sich noch

mit Tim, einem anderen Freund verabredet hatten. Arthur

sah ihn schon von Weitem finster in die Welt blicken.

„Was ist denn los?“, fragte er besorgt, als er fünf Zentimeter

vor ihm zum Stehen kam, lässig absprang und das Board unter

den Arm klemmte. Tim war sein bester Freund und teilte

mit ihm die Leidenschaft, Skateboard zu fahren. Kennengelernt

hatten sie sich auf einer Halfpipe hinter dem “Mac“, das

auch als Mädchencafe bekannt war.

„Du bist zu spät! Aber egal jetzt, lass uns endlich reingehen,

das Schwimmbad macht bald zu!“

Sie betraten zum ehrfürchtig das Johannisbad. Es war aus

rotbraunen Ziegeln gebaut, die golden in der Sonne schimmerten.


176

Kapitel Elf

177

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig

Drinnen war es angenehm

kühl. Die Freunde sahen sich staunend in der großen

Halle um. Arthur hatte den Freunden das Bad vorgeschlagen.

Er selbst war auch noch nie hier gewesen.

„Skateboards müssen draußen bleiben!“, sagte die junge Frau

an der Kasse. Sie bezahlten den Eintritt. Arthur und Tim

schlossen ihre Boards in einem der Schließfächer ein. In der

Zwischenzeit waren auch die anderen Jungs angekommen und

riefen aufgeregt durcheinander. Sie zogen sich schnell aus. Sie

waren total geflashed.

„Wohin zuerst?“, fragte Arthur, der stolz war, dass er so ein tolles

Erlebnis vorgeschlagen hatte. „Sauna oder Schwimmbad?“

„Schwimmbad!“, riefen alle.

Da brauchten sie nicht lange zu überlegen.

Arthur lief zur Schwimmhalle. Die anderen folgten ihm.

Er sprang ins Becken, während seine Freunde noch am Rand

stehenblieben. Das Wasser war nur 1,80 Meter tief und sie hatten

keine Lust, mit ihren Arschbomben auf dem Boden aufzuschlagen.

Aber schließlich sprangen sie auch ins kühle Nass.

Als Arthur wieder auftauchte, sah er am Beckenrand einen

Mann, der ihn musterte. Der Bademeister war das nicht! Dafür

hatte er zuviel an. Aber er kam ihm bekannt vor. Ihm fiel der

Name nicht ein. Woher kannte er diesen Mann bloß?


178

Kapitel Elf

179

Da tauchte noch ein zweiter Mann auf. Er war klein und dick.

Tim schwamm jetzt neben Arthur. Er war Arthurs Blicken

gefolgt und kicherte: „Dick und Doof!“ Die beiden Männer liefen

direkt auf Arthur zu.

„Was wollen die von dir?“, fragte Tim und merkte, dass sein

Freund Angst bekam. Immer mehr, bis er schließlich das Wasser

verließ und vor den beiden Männern davonlief.

„Ich muss hier weg“, keuchte er Tim zu. Arthur holte seine Sachen,

holte Fietjes Skateboard aus dem Schließfach und rannte

nach draußen. Dort blieb er japsend stehen. Seine Haare waren

noch klitschnass und tropften auf das Skateboard. Arthur

rubbelte es trocken, wie man manchmal automatisch etwas

sauber macht. Da vernahm er ein langanhaltendes “Zisssch“. Um

ihn herum undurchdringlicher weißer Dampf. Dichter Nebel…

überall. Nachdem sich der Nebel verzogen hatte, hörte er ein

Krächzen. Arti, der Papagei von Fietje! „Hey, du Vogel?! Schau

mal, Fietjes Board ist auch da!“ Er streichelte den Papageien. Der

krächzte und schlug ein paar Mal ängstlich mit den Flügeln.

„Kraah, kraah, kraah!“ In seiner Stimme schwang große Angst.

Arthur war für einen kurzen Moment etwas hilflos, hatte sich

aber schnell wieder gefasst. „Schon gut, Kleiner! Wir finden

deinen Fietje schon. Der kann nicht weit sein. So groß ist

Zwickau auch wieder nicht!“


180

Kapitel Elf

181

Arthur setzte den Papagei sanft auf das Board. Dieser schimpfte

nun laut auf das Board ein. „Fietje, Clara, Robert, her! Fietje her!

Clara her! Robert her!“

„Aha, soviel Freunde hast du?!“, sagte Arthur und dachte sich

nichts weiter dabei. Er blickte immer wieder zum Ausgang des

Bades, denn die Männer mussten doch bald herauskommen und

ihm folgen. Arti gab dem Board Befehle, diesmal in normalem

Papagei-Gekrächze. Arthur sollte es nicht bemerken.

Doch das Skateboard rührte sich nicht. Er musste immer ganze

Sätze sprechen. Das ging aber doch nicht. Irgendwie musste er

diesen Arthur loswerden. Er konnte ja schlecht mit dem Board

sprechen. Arthur würde stutzig werden und vielleicht begreifen,

dass er kein normaler Vogel war. Er entschied sich, zu warten.

Langsam wurde es dämmrig. Arti putzte sich die ganze Zeit, als

wäre ihm langweilig. Dieser Arthur schien auf schönes Wetter

zu warten. Oder auf Fietje. Aber woher sollte Fietje wissen, wo

sein Skateboard war! Dieser Knallfrosch von Arthurging einfach

nicht weg!

Ein Mann pfiff auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie hätten

lieber nicht hinsehen sollen, denn dann hätten sie bemerkt,

dass zwei Gestalten von links und rechts auf sie zukamen. Arthur

schrie laut auf, als eine kalte Hand in sein Genick griff.

Jetzt drückte der Mann, der sich wie ein Roboter bewegte, fester

und immer fester zu. Arthur hauchte: „Was wollt ihr denn? Ich

habe nur noch 3 Euro!“

Als keine Antwort kam,

schlug er mit beiden

Händen um sich. Er

kreischte und wollte damit

die Leute auf sich aufmerksam

machen.

Von Weitem hörte man jetzt die

Schritte einer Frau, doch diese

wechselte die Straßenseite. Arti kreischte

zwei Mal laut: „Kraaah… kraaah“, doch die

Frau stöckelte weiter.

Klappe

Durch seinen Schrei wurde eine Katze angelockt. Die stürzte

sich auf Arti, der noch schnell hochfliegen wollte. Doch die

Katze schnappte ihn sich aus der Luft. Sie bekam aber nur die

Schwanzfedern zu fassen und riss eine große Feder aus. Durch

Artis aufgeregtes Flattern verlor er noch zwei kleinere, graue

Federn. Blitzschnell schnappte die Katze nach den drei Federn,

ließ sie aber wieder fallen. Sie wollte ja den Vogel.

Daraufhin stürzte sich einer der beiden Agenten auf die Federn.

Er lachte höhnisch. Der andere hatte Arthur noch in der Mangel,

der sich nun losriss und Richtung Straßenbahn davonrannte.

Einer der Männer schaffte es, in die Bahn hineinzuspringen.

Der Dicke rannte nur noch gegen die Tür.

Du

ZICKE!


182

Kapitel Elf

183

Zum Glück war in der Bahn viel los. Anscheinend wollten viele

Jugendliche zu einer Party im Gasometer.

Arthur setzte sich auf einen Zweierplatz. Sein Verfolger setzte sich

vier Reihen hinter ihm auf einen Viererplatz. Neben ihm saß eine

stark geschminkte Frau. „Was ist die nächste Haltestelle?“, fragte

sie den Mann mit hoher Stimme. „Klappe, du Zicke!“, antwortete

ihr der Nachbar. Die Frau sah den Mann erschrocken an. Sie wandte

sich angewidert von ihm ab.

Sie wusste natürlich nichts vom Sprachlos-Land. Sprachlos-Land

war vorhin durch Artis ausgerissene Federn um genau diese drei

Wörter reicher geworden: KLAPPE, DU und ZICKE.

An der nächsten Haltestelle stieg Arthur schnell aus. Der Mann

versuchte ihn festzuhalten, bekam aber nur sein Basecap zu fassen.

Arthur rannte davon.

Arti war der Bahn die ganze Zeit hinterhergeflogen. Er konnte

noch sehen, wie Arthur vor seinem Verfolger davonlief und in

eine Gasse einbog.

Der Papagei flog schnell weiter zum Gasometer und hoffte, der

Junge würde auch auf die Idee kommen, dass viele Menschen auf

einer Party ein gutes Versteck waren.

Vor dem Gasometer lagen zerbrochene Bierflaschen und Hundeknochen.

Auf der rechten Seite war die Tür nur angelehnt.

Schnell flog Arti auf einen Ast. Er spähte in die Ferne, ob Arthur

angelaufen kam. Und tatsächlich, der Junge hatte Grips. Rennend

und vor Angst zitternd kam er bei dem runden Party-Tempel an

und stellte sich gleich beim Einlass an. Arti beobachtete das von

Weitem. Denn wenn er sich jetzt auf Arthurs Schulter setzte,

würde ihn der Türsteher nicht reinlassen. Es würde sowieso

schwierig werden, denn Arthur war erst 12! Na, mal sehen, was

sich der Skater ausdachte.

„Ah, super!“, bemerkte Arti. Der Junge hob das Board soweit hoch,

dass man sein Gesicht nur halb sehen konnte. Und schon war

er drin. Dafür kam Herr Keinwort nicht weit. Er war Arthur bis

hierher gefolgt und hatte sich auch in der Reihe angestellt. Er sah

mit seinem Zylinder so komisch aus, dass der Türsteher ihn nach

seinen Ausweis fragte. Da war der Agent machtlos. So etwas hatte

er nicht und antworten konnte er nur mit: „Klappe, du Zicke!“


184

Kapitel Elf

185

„Mit Wörtern kann er eben nicht umgehen“, lachte Arti. Er hatte

die Szene höchst amüsiert von seinem Ast aus beobachtet.

Wenigstens waren die verlorenen Federn zu etwas gut.

Herr Keinwort hatte jetzt nichts mehr zu lachen. Denn so sprach

niemand mit Thomas, dem Türsteher. Er schnappte sich Keinwort

und zerrte ihn bis an den Baum, auf dem Arti saß. Der Papagei

nutzte den Moment der unbewachten Tür und flog in den

Gasometer.

Es dauerte nicht lange, da hatte er Arthur entdeckt.

Auf der Tanzfläche war er. Er

hielt das Board in die Höhe und

sah mit angstvollem Blick zum

Eingang, ob ihm der Mann

gefolgt war.

Es war ein Höllen-Lärm hier

drin. Arti fragte sich, ob sich

die Menschen bei so einer

Lautstärke noch verstanden?

Scheinbar nicht, denn niemand

sprach. Alle tanzten nur und lächelten.

„Nicht dumm!“, dachte sich Arti.

„Wenn ich dem Board Befehle gebe, dann hört mich dabei auch

keiner!“

Er flog über die Köpfe der tanzenden Leute hinweg und flatterte

über Arthur herum. Keiner nahm Notiz von ihm. Als er auf dem

Board zu sitzen kam, zögerte er keine Sekunde mehr. Jetzt musste

es doch funktionieren mit dem Brett! „Hole Fietje, Clara und

Robert aus dem Sprachlos-Land!“

Ein kleines kurzes Leuchten durchfuhr das Board. Das war die

Antwort für Arti. Es hatte geklappt! Also schnell raus hier! Doch

draußen angekommen, stockte ihm der Atem.

„Mist! So ein furchtbarer Fehler! Dummer Arti! Dummer Vogel!“

Er hatte vergessen, dem Board zu sagen, wohin es die drei

zaubern sollten. Aus Sprachlos-Land waren sie vielleicht raus,

aber wo befanden sie sich jetzt? „Dummer Vogel!“ Es nützte

nichts, er musste hier draußen noch auf Arthur und das Zauber-

Skateboard warten. Er musste dem Board noch einen Befehl

geben.


186

Kapitel Zwölf

187

EIN SACK FEDERN

Fietje flog in freiem Fall von sehr weit oben runter auf die

Straße. War er mit einem Flugzeug abgestürzt? er konnte sich

nicht entsinnen, jemals in eines eingesteiegen zu sein. Komsich,

ihm tat auch nichts weh. Er konnte einfach aufstehen, als wäre

nichts gewesen.

Er schaute sich schnell um. Er tippte den “Würstelmann“ an und

fragte ganz freundlich: „Guten Tag, der Herr, gauf! Wo befinde

ich mich hier?“ Der Mann lachte laut auf. Was hatte er denn so

Lustiges gesagt? Dann antwortete ihm der Mann: „Natürlich in

Zwigge, und ich bin Egbert Rosin, der Zwickauer Würstelmann.

Magst Du mal probieren? “ Fietje hatte tatsächlich großen Hunger.

Er bedankte sich bei dem freundlichen Mann und biss genüsslich

in das Würstchen und. Er hatte noch nicht einmal Geld von ihm

verlangt.

Fietje stapfte weiter, irgendwohin. Er wusste ja sowieso nicht

mehr, wie er hierher gekommen war. Dass er aus Sprachlos-Land

raus war hatte schon einmal viel Gutes.

Ein Rascheln kam von hinten. Fietje wollte sich erst gar nicht

umsehen. Überall lagen Federn.

„Na prima!“, murmelte er und machte sich sofort auf den Weg.

Während er lief sammelte er die Federn ein und folgte der Spur.

Mit jeder Feder, die er aufhob,

sprach er das Wort der Feder laut

aus. „Willkommen zurück aus

Sprachlos-Land, mein lieber

Freund! Geh zuerst zum Pulverturm!“

Arti hatte ihm eine Nachricht hinterlassen!

„Wie bei Hänsel und Gretel“

dachte Fietje grinsend. Statt der

Brotkrumen Federn. Gar

nicht doof! Sein Freund war also

ganz in der Nähe.


M

188

Kapitel Zwölf

189

Wie kam er denn jetzt zum Pulverturm? Doch schon sah er ihn

vor sich. Er war nicht mehr weit entfernt. Am Pulverturm angekommen,

sah er sich verwirrt um. Weder von Arti noch vom

Skateboard war etwas zu sehen. Doch an der Tür hing etwas.

Ein schwarzer Stofffetzen mit einem weißen Pfeil, daneben

steckte eine graue Feder. Auf dieser stand ein großes “M“.

Er nahm die Feder mit und ging in die Richtung, in die der

Pfeil zeigte. Und zwar einmal um den Turm herum. Von der

Rückseite des Turmes aus sah er einen Baum, an dem einen

weiterer Stofffetzen und eine Feder hingen. Auf dieser stand

ein großes “U“.

Er nahm auch diese Feder mit. Der Pfeil schickte ihn nach links.

Von hier aus sah er den Eingang des August-Horch-Museums.

Über dem Eingangsschild hingen wieder ein Stofffetzen und

eine Feder mit dem großen Buchstaben “L“.

Fietje folgte der Anweisung des Pfeils und ging mit der Feder

ins Museum. In der Mitte angekommen, hob er ein weiteres

Stück Stoff vom Boden auf. Dazu eine Feder mit dem großen

Buchstaben “D“. Er fragte sich, was das wieder zu bedeuten

hatte.

Er folgte dem Rundgang-Schild und fand im Gang einen

schwarzen Zylinder. Darauf lag nur eine Feder mit dem Buchstaben

“E“. Kein Stoff mehr, kein Pfeil mehr. Hier war wohl

Schluss? Nun versuchte er, die Buchstaben zusammenzufügen.

Das war bestimmt seine Aufgabe. Alles andere machte für ihn

keinen Sinn.

U

E


190

Kapitel Zwölf

191

„Uldem – Medul - Ledum“, sprach er vor sich hin, während er

die Federn auf dem Fliesenboden des Museums hin und her

schob.

„Das heißt MULDE, du Knalltüte!“, kam es von der Seite.

„Arthur! Was machst du denn hier? Mann, wenn du wüsstest!“

Fietje umarmte seinen Zwickauer Freund stürmisch. Dieser

wich peinlich berührt zurück.

„Ja, hey ich warte schon Tage auf dich! Warst du untergetaucht?

Gestern Abend hatte ich noch ein richtiges Fietje-

Erlebnis, das kann ich dir sagen!“ Arthur puffte Fietje in die

Seite und gab ihm stolz das Skateboard.

„Habe ich für dich bewacht, wie mein Eigenes!“

„Ey, danke, Mann! Wenn du wüsstest! Das ist meine Rettung!“

„An dir ist echt so einiges ballaballa , aber was soll‘s?“ Arthur

winkte nur ab.

Das Skateboard war also wieder da. Aber noch immer keine

Spur von Arti. Bedeuteten die Federn, dass er zu Mulde gehen

sollte? Versuchen konnte er es. Wie gesagt, so getan.

„Zu Mulde!“, gab Fietje den Befehl an sein Board und zog

Arthur schnell mit auf das Brett. „Zur Mulde, heißt das! Das

ist unser Fluss! Flüsse haben weibliche oder männliche Na…

haaaah ...!“ Arthur konnte jetzt nur noch schreien, denn er

wusste nicht, was hier geschah. Sie hoben mit dem Brett in

die Luft ab!

Nach fünf Sekunden standen sie am Ufer der Mulde. Von Arti

war keine Spur. Als sie sich nun gemeinsam die Federn noch

einmal ansahen, bemerkten sie, dass sie nicht nur Mulde

ergaben, sondern auch Dulme. Das war der Nachname von

Fietjes Tante. Marianne Dulme.

„Arthur, ich muss nach Werdau!“, sagte Fietje.

„Hm, wie du willst! Ich kann aber nicht mitkommen. Ich

müsste auch mal nach Hause. Ich bekomme deinetwegen

sicher noch einen Riesenärger! Aber weißte, ich hab´s gern

gemacht. Hau rein!“

Die beiden verabschiedeten sich in Skater-Manier. Herzlich

grob und mit coolen Gesten. Vielleicht konnten sie morgen

endlich zusammen zur Rampe. Arthur hatte Fietje ja auch

noch nicht erzählt, was ihm alles geschehen war. Das wollte

er dann machen. Wie hieß er eigentlich mit Nachnamen?

Auch das wollte Arthur noch herausfinden.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


192 Kapitel Zwölf

193

Die Tür bei Dulmes stand offen, aber es war niemand zu Hause.

Fietje überlegte erschrocken, was das bedeuten konnte. Da

hörte er aus dem Wohnzimmer ein Krähen. Er riss die Tür auf.

Auf dem Tisch saß Arti. Fietje freute sich, dass er ihn wiedergefunden

hatte. Aber wo war seine Tante? Hatte sie Arti

schon gesehen? Etwas hämmerte ans Fenster. Da saß noch ein

Vogel, kahl, ohne Federn und nicht größer als ein Spatz.

Merkwürdig war nur, dass der Vogel einen zu großen Schnabel

hatte.

„Lass mich rein, ich erfriere“, krächzte das Etwas. Fietje bekam

seinen Mund nicht zu. Die Hand noch am Fensterriegel,

drehte er sich zu Arti um.

Arti, wer ist das? Kennst du diesen Vogel?“

„Oh, mein Gott, Clara! Was ist mit dir geschehen? Ich habe

euch doch aus Sprachlos-Land rausbefohlen. Wo sind denn

deine Federn hin? Was ist passiert?“

„Ich wurde in Sprachlos-Land gerupft und dann hat man mich

in einen Sack gesteckt. In diesem Sack bin ich auch wieder

hier gelandet. Zum Glück blieb mir ein bisschen deutsche

Sprache. Alles andere ist weg. Robert hat mich aus dem

Sack befreit. Er sagte, ich soll euch erst einmal suchen und

schauen, ob bei euch alles in Ordnung ist. Er wartet auf mich

zuhause.“

Clara und Arti fielen sich in die Arme. Das war ein wirklich

krasses Bild auf dem runden Holztisch bei Fietjes Tante. Der

König von Wort-Reich weinte!

„Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Leute aus Sprachlos-Land

werden bald sprechen können und wir im Wort-Reich nicht

mehr, wenn das so weiter geht. Du musst alle Federn, die in

deinem Kleid steckten, wiederbekommen, damit dieses Unglück

nicht passiert!“, schluchzte Arti zutiefst besorgt.

„Ok, ich laufe los!“, bot sich Fietje sofort an. „Ich hole dir deine

Federn wieder! Die sollen mich mal kennenlernen in Sprachlos-Land!“

Nachdem Fietje die Papageien in seinem Zimmer

untergebracht hatte, stellte er eine Wärmelampe über Clara.


194

Kapitel Zwölf

195

Er flitzte los. Wieder Richtung Zwickau. Zuerst klingelte er

bei Robert Sturm. Nur er konnte mehr über das Geschehen

wissen, er war ja im Sprachlos-Land dabei.

„Wer ist das gewesen? Wo steckt der Schuft?“, fragte Fietje

erschöpft. „Das mit Clara, die vielen Federn?“

„Ich weiß nicht, wo der Mann steckt, der sie gerupft hat. Aber

er ist in Richtung Schachtturm verschwunden“, antwortete

Robert etwas geknickt.

„Ok!“, meinte Fietje. „Dann weiß ich, wo ich nach ihm suchen

muss.“

„Ich helfe dir!“

„Lieber nicht! Aber du könntest zu meiner Tante fahren und

dich um Clara kümmern!“, überlegte Fietje. „Meinst du?

Wäre es nicht besser, sie hier in unserem Haus zu pflegen und

zu beschützen?“, fragte Robert Schumann besorgt. „Sie ist

doch meine Frau.“

Da klappte Fietje der Kiefer runter. “Waaas, deine Frau? Clara

ist deine Frau?“

„Ja, Clara, geborene Wieck, jetzt Schumann, meine Frau!“, fügte

Robert ungläubig hinzu. „Aber! Sie ist doch Artis Tochter

und ein Papagei!“, stotterte Fietje.

Fietje, im Wort-Reich sind wir alle Artis Kinder. Er ist unser

König, unser Vater! Manche, so wie Clara, haben die Gabe, als

Papagei zu erscheinen. Die können sich dann und wann ver-

wandeln und übermenschliche Kräfte zu entwickeln.“

Für Fietje war jetzt alles klar. Das Denkmal mit dem Portal,

all die Claras, die er in Zwickau traf, Artis Getue die ganze

Zeit. Er hatte es mit dem Schumann-Ehepaar zun tun gehabt

und es nicht bemerkt.

Allerdings, warum die beiden im Wort-Reich waren, dort

lebten oder was auch immer, das war für ihn ein einziges

Fragezeichen. Hier war für ihn Sense, Schluss mit lustig, aus

die Maus! Er wollte noch die Federn zurück holen und dann

nichts mehr von Arti, Clara oder

Robert wissen.

Sense, Schluss mit lustig, aus

die Maus oder plötzlich, auf einmal,

schlagartig


196

Kapitel Zwölf

197

Kurz darauf war Fietje am Schachtturm angekommen und hörte

zwei Männer reden.

„Klasse, jetzt heiße ich Herr Vielwort.“

„Ja, und ich nenne mich jetzt Mister Mundauf!“

„Hahahaha…“, lachten beide lauthals los.

„Hmm, wie wär es, wenn wir die Federn im Schacht verstecken?“

„Eine gute Idee!“ Als Fietje vor dem Schacht graue Federn liegen

sah, wusste er, das konnten nur Claras Federn sein. Eine offene

eiserne Tür wartete auf Fietjes Eintreten. „Ok, kurz durchatmen!“

Dann traute er sich, den ersten Schritt in den Schacht zu machen.

Es war sehr dunkel. Die Wände waren schwarz. Im Schacht

hatte es einmal gebrannt. Fietje ging weiter hinein. Da vernahm

er wieder Stimmen, diesmal über sich. „So, dann wollen wir mal“,

hörte er einen der Agenten sagen. Sie hatten sich schon viele Wörter

angeeignet. Fietje drückte sich gegen die schwarze Schachtwand,

um nicht von ihnen gesehen zu werden.

Da flog ein prall gefüllter Leinensack in die Tiefe. Er kam auf dem

Boden des Schachtes auf. Die Agenten hatten Claras Federn hinunter

geschmissen.

Etwas hatten sie dabei jedoch nicht bedacht. Ein Gebot aus

Sprachlos-Land besagte: „Jeder der es wagt, mühsam gestohlene

Wörter zu verstecken, sie nicht mit anderen Sprachlosen zu teilen

oder sie gar zu vernichten wird mit einer langen, tiefen Ohnmacht

bestraft.“

So wie eben der Sack mit den Federn, flogen nun auch Herr Keinwort

und Mister Mundzu den Schacht hinunter und kamen mit

zwei dumpfen Schlägen auf dem Boden auf. “Dong, Boong!“ Da

lagen sie, bewusstlos.

Fietje versuchte, langsam den Schacht hinunterzuklettern, um

den Sack mit den Federn zu holen. Als er unten aufkam und

nach oben blickte, war ihm nicht mehr ganz klar, wie er den Sack

wieder aus dem Schacht herauskommen sollte. „Na ja!“, dachte er.

„Es wird sich schon etwas ergeben.“ Hauptsache, er hatte endlich

Claras Federkleid wieder. Er hatte damit einen kleinen Schatz

aus dem Wort-Reich gerettet. Und wie viele Federn das waren! An

einem Vogel selbst sah es gar nicht so viel aus. Aber das hier? Wie

viele Wörter könnten das sein? Fast alle Wörter, die Clara sprach.

„1000? 10.000? 50.000? Nein. 100.000!“, krähte es von oben in den

Schacht hinein. „Na also! Wusste ich es doch! Arti wird sich was

einfallen lassen.“

Fietjes gefiederter Freund hatte auch das Board dabei und dieses

schickte er in den Schacht, um ihn und die

Federn nach oben zu tragen. Als der Feder-Sack

und Fietje heil angekommen waren, fing Arti

auch schon an zu plappern. „Willkommen

zurück, mein Held und Wort-Assistent!“ Er

wiederholte den Satz vor lauter Übermut in 54

Sprachen, die Fietje nicht verstand.


198

Kapitel eins

199

Schließlich sagte Arti vergnügt:

„Was guckst du denn so belämmert ? Das musst du nicht

verstehen! Ich würde es für eine gute Idee halten, gleich zum

Hauptmarkt zu den Schumanns zu gehen. Clara habe ich

dort abgeliefert. Sie wartet jetzt wie auf Kohlen auf ihren

Wortschatz.“

Diesen Vorschlag hielt auch Fietje für eine gute Idee. Sie

machten sich gleich auf den Weg zum Haus des Ehepaares.

Erschöpft ließ Fietje den Sack mit Claras Federn von den

Schultern gleiten. Als er ihn aber vor dem Schumann-Haus

abstellte, verließ ihn die Lust, noch weiter mit Clara und

Robert seine Zeit zu verbringen. Sie waren ja doch nicht von

dieser Welt.

Ihm fehlten junge Leute, seine Freunde, seine Schwester

Lilly und ja, auch seine Mama. Langsam begann Fietjes

Verstand wieder normal zu arbeiten.

„Ich bin doch schon sehr lange in Zwigge“, stöhnte er.

Bei diesen Worten sah ihn Arti mit Wehmut an und fragte:

„Hast du etwa vor, von hier zu verschwinden?“ Fietje seufzte.

Arti flog weg, auf den Ast eines Baumes. Er war ein bisschen

traurig darüber, dass sie Zwickau nun verlassen würden.

Fietje lief ihm nach und bat ihn liebevoll:

„Du solltest in meinen Rucksack kommen, dann fallen wir

nicht mehr so auf.“

Arti sah ihn etwas säuerlich an, dann jedoch folgte er

artig seinem Rat. Dabei murmelte er:

„Alles für die Sprache, immer nur für die Sprache.“

Fietje verdrehte die Augen und verschloss den Rucksack.

Auch er verspürte Wehmut. Zwigge war ein einziges Abenteuer

gewesen.

Er lief los und suchte eine Bushaltestelle oder so etwas

in der Art. Arti beschwerte sich, weil der Rucksack dabei

schau-kelte. Irgendwann gab er nur noch unzufriedene

Knurr-Laute von sich.

Als sie eine Straße erreichten, sah Fietje wie gerade ein Bus

wegfuhr. Der Bus war weg und sie mussten laufen.

Baff oder plötzlich,

auf einmal, schlagartig


200 Kapitel Zwölf

201

Bald kamen sie an eine Brücke. Es war die Paradiesbrücke. Eine

kunstvoll geschmiedete Brücke, an der Liebespaare Schlösser zum

Beweis ihrer Liebe befestigten. Fietje setzte sich auf eine Bank und

konnte auf die Zwickauer Mulde schauen. Arti war im Rucksack

eingeschlafen.

Fietje erinnerte sich an die schönen Claras von Zwickau. In jede

hatte er sich etwas verschossen . Am Ende war es doch nur die eine

Clara gewesen. Clara Wieck aus dem Wort-Reich. Noch dazu die

Frau von Robert Schumann. Zum Glück hatte er ihm nichts von

seinen Gefühlen für Clara erzählt.

Er malte gedankenverloren mit dem Fuß ein Herz in den Sand. Als

er sich dabei ertappte, dachte er nur: „Ohje, ich muss hier weg,

sonst bekomme ich am Ende noch Liebeskummer!“

Er wollte zu Fuß raus aus der Stadt. Er hörte die Glocken des Doms

St. Marien und dachte ans Theater. Das Gebäude aus Sandstein,

das früher eine Tuchmacherei war und immer noch sehr kunstvoll

aussah. Er dachte auch an das Rathaus von Zwickau, dessen

Fassade einer Festung nachempfunden ist und dessen Zinnen

von der Sonne hell erleuchtet wurden. Er hatte in Zwickau das

Wort-Reich gerettet, das Reich von Clara Wiek, Robert Schumann,

August Horch und Max Pechstein.

Zwickau, die Stadt in der Arthur, sein neuer Freund aus der wirklichen

Welt, wohnt, würde noch eine Weile auf ihn warten müssen.

Doch er würde wiederkommen. Da war er sich sicher!!!


202 Kapitel Zwölf

203

Fietje schlenderte einen Feldweg entlang. Vor seinen Augen

erstreckte sich ein großes Maisfeld. Er riss sich einen der

goldenen Maiskolben ab. Voller Vorfreude auf den Knabber-

Spaß setzte er sich im Schneidersitz auf sein Board. Endlich

wurde er den schweren Rucksack mit dem schlafenden Arti los.

Verträumt blickte er in den blauen Himmel. Ein alter Mann

mit einem Strohhut kam langsam den Feldweg entlanggefahren.

Sein klappriges schwarzes Fahrrad hörte Fietje schon von

Weitem quietschen.

Vor sich hin pfeifend ließ der Mann auf einmal den Lenker los

und breitete die Arme aus.

„Was macht der denn?“, dachte sich Fietje. Der Weg war zu

holprig für solche Kunststücke. Doch statt auf die Nase zu

fallen, hob sich der Alte nun aus dem Sattel. Das Fahrrad

schlug laut krachend auf dem Boden auf und der Mann schwebte

über dem Maisfeld.

Geschockt sah Fietje, dass die Arme des Alten sich zu gewaltigen

Flügeln verwandelt hatten. Bevor Fietje verstehen konnte,

was hier vor sich ging, kam die vogelähnliche Mensch-Gestalt

im Sturzflug auf ihn zu. Sie schnappte sich den Rucksack samt

Arti und flog mit lautem „Kraaah“ davon.


Inhaltsverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Art wird Verkauft

Das Buch »Lingua«

Warum frau Erler umfällt

immer diese clara

Das ist Herr Horch?

Der geheime gang

Fietje, der doppel-Assistent

Schall und Rauch

Das schüchterne mädchen

Die Pizza-falle

Fietje ist sprachlos

Lucas, der held

Ein Sack Federn

6

18

34

44

48

56

62

66

76

82

86

94

94


206

Danke

Unser Herzlichster Dank!

207

Dieser Kinderroman ist etwas ganz besonderes.

Er hat 50 Autoren!

Er kommt mit über 200 Seiten Lesespaß einfach mal so daher.

Er birgt einen Mix aus authentischen und fiktiven Geschichten in sich, die viele

weiterführende Möglichkeiten

für die Autoren und ihre Leser bieten.

Er regt die Vernetzung von Menschen, Einrichtungen und Kulturen an.

Und er ist für Leseratten ab 8 Jahren ein außergewöhnlicher Augenschmaus.

Keine Frage: hier sind viele schlaue Köpfe und sehr geschickte Hände zugange gewesen.

Allen voran gilt deshalb unser Dank den Zwickauer Jung-AutorInnen, die mit ihrer Fantasie der

Geschichte ihre ganz eigene Handschrift verliehen haben und ihre wertvolle Arbeit an das kommende

Autoren-Team aus Erlangen weitergaben. Wir sind gespannt auf alle Erlebnisse von Fietje und Arti, die

aus euren Geschichten noch erwachsen werden!

Dicht darauf folgen die Zwickauer Personen und Institutionen, die mit Vertrauen und Tatendrang die

Entstehung des Romans unterstützt haben:

Amt für Schule, Soziales und Sport (Amtsleiter Uwe Findeiß),

Kulturamt (Dr. Michael Löffler, Theresa Neupert),

Ernst-August Wiegratz

Käthe-Kollwitz-Gymnasium (Schulleiter Ralf Ballmann, Deutsch-Lehrerin Bärbel Borris)

Clara-Wieck-Gymnasium (Schulleiterin Gudrun Wawerka, Deutsch-Lehrerin Kathrin Jungheinrich)

Peter-Breuer-Gymnasium (Schulleiter Michael Olbrich, Deutsch-Lehrerin Petra Sämann)

Danke für die Bereitstellung der Fotos:

HQM Sachsenring GmbH (Anett Schnabel, Manfred Schürer)

August Horch Museum Zwickau gGmbH (Annett Kannhäuser)

Robert-Schumann-Haus (Thomas Synofzik, Franziska Markowitz/ Stadtverwaltung Zwickau)

Katharinen-Kirchgemeinde Zwickau (Heinrich Gebhardt /Pfarramt, Toni Feuchert)

Theater Plauen-Zwickau gGmbH (Carolin Eschenbrenner)

Ratsschulbibliothek (Dr. Lutz Mahnke)

Johannisbad Betriebs GmbH (Frank Seidel)

Alter Gasometer e.V. (Anke Nick)

Thomas Fankhänel (www.pixel-liebe.de)

Ganz persönlich:

Den Eltern der Jung-AutorInnen, allen Familien und Freunden, die so zahlreich hier nicht namentlich

aufgeführt werden konnten, möchten wir unseren allerherzlichsten Dank ausdrücken! Begleitet uns

auch weiterhin und lasst euch auf die Schatzsuche unserer Helden mitnehmen!

Euer Federsammlerteam


208

Federverzeichnis

209

Das FEderverzeichnis

6 verdrießlich verdrießlich oder verärgert, zornig

15 unheilvolle unheilvoll oder bedrohlich, gefährlich

6 verdrießlich verdrießlich oder verärgert, zornig

15 unheilvolle unheilvoll oder bedrohlich, gefährlich

23 schimmerte schimmern oder funkeln, glänzen

35 wisperte wispern oder flüstern, tuscheln

37 apropos apropos oder übrigens, nebenbei bemerkt

46 Bange Bange oder Angst, Furcht

50 japste japsen oder keuchen, schnaufen

53 kauderwelsch kauderwelsch oder, rätselhaft, geheimnisvoll

60 bäumte sich auf sich aufbäumen oder rebellieren

69 Wucht Wucht oder Schwung, Kraft, Energie

72 missmutig missmutig oder mürrisch, schlecht gelaunt

80 perplex perplex oder überrascht, verwundert, sprachlos

83 Fetzen Fetzen oder Stückchen, Schnipsel

87 Einlass Einlass oder Eintritt, Zutritt, Zugang

91 zuweilen zuweilen oder manchmal, mitunter, gelegentlich

91 mannigfaltig mannigfaltig oder vielseitig, kunterbunt

92 stibitzt stibitzen oder mopsen, stehlen, entwenden

101 schnurstracks schnurstracks oder rasch, schnell, ratzfatz

23 schimmerte schimmern oder funkeln, glänzen

35 wisperte wispern oder flüstern, tuscheln

37 apropos apropos oder übrigens, nebenbei bemerkt

46 Bange Bange oder Angst, Furcht

50 japste japsen oder keuchen, schnaufen

53 kauderwelsch kauderwelsch oder, rätselhaft, geheimnisvoll

60 bäumte sich auf sich aufbäumen oder rebellieren

69 Wucht Wucht oder Schwung, Kraft, Energie

72 missmutig missmutig oder mürrisch, schlecht gelaunt

80 perplex perplex oder überrascht, verwundert, sprachlos

83 Fetzen Fetzen oder Stückchen, Schnipsel

87 Einlass Einlass oder Eintritt, Zutritt, Zugang

91 zuweilen zuweilen oder manchmal, mitunter, gelegentlich

91 mannigfaltig mannigfaltig oder vielseitig, kunterbunt

92 stibitzt stibitzen oder mopsen, stehlen, entwenden

101 schnurstracks schnurstracks oder rasch, schnell, ratzfatz

104 gesäumt gesäumt oder umgeben, umrandet

109 abrupt abrupt oder plötzlich, auf einmal, schlagartig


210

Federverzeichnis & Bildnachweis

211

6 verdrießlich verdrießlich oder verärgert, zornig

15 unheilvolle unheilvoll oder bedrohlich, gefährlich

23 schimmerte schimmern oder funkeln, glänzen

35 wisperte wispern oder flüstern, tuscheln

37 apropos apropos oder übrigens, nebenbei bemerkt

46 Bange Bange oder Angst, Furcht

50 japste japsen oder keuchen, schnaufen

53 kauderwelsch kauderwelsch oder, rätselhaft, geheimnisvoll

60 bäumte sich auf sich aufbäumen oder rebellieren

69 Wucht Wucht oder Schwung, Kraft, Energie

72 missmutig missmutig oder mürrisch, schlecht gelaunt

80 perplex perplex oder überrascht, verwundert, sprachlos

83 Fetzen Fetzen oder Stückchen, Schnipsel

87 Einlass Einlass oder Eintritt, Zutritt, Zugang

91 zuweilen zuweilen oder manchmal, mitunter, gelegentlich

91 mannigfaltig mannigfaltig oder vielseitig, kunterbunt

92 stibitzt stibitzen oder mopsen, stehlen, entwenden

101 schnurstracks schnurstracks oder rasch, schnell, ratzfatz

104 gesäumt gesäumt oder umgeben, umrandet

109 abrupt abrupt oder plötzlich, auf einmal, schlagartig

6-7 Saale Jena, © Die Federsammler

8-9 Camsdofer Brücke, © Die Federsammler

10-11 Schrottplatz Jena, Scholz Recycling AG & Co. KG, © Die Federsammler

12-13 Schrottplatz Jena, Scholz Recycling AG & Co. KG, © Die Federsammler

14-15 Schrottplatz Jena, Scholz Recycling AG & Co. KG, © Die Federsammler

16-17 Schrottplatz Jena, Scholz Recycling AG & Co. KG, © Die Federsammler

18-19 Frau im Auto, © Die Federsammler

20-21 Ostbad Jena, © Die Federsammler - Blitz, © Nico Stengert/Novarc Images

22-23 Ostbad Jena, © Die Federsammler

24-25 Graffiti vor Ostbad Jena, © Die Federsammler

26-27 Graffiti vor Ostbad Jena, © Die Federsammler

28-29 Ostbad Jena, © Die Federsammler

30-31 Jena, © Hans P. Szyszka/Novarc Images

32-33 Jena Zentrum, © Die Federsammler

34-35 „Buntes Haus“ am Markt, © Die Federsammler

36-37 Fietjes Zimmer, © Die Federsammler

38-39 Fietjes Küche, © Die Federsammler

40-41 Fietjes Kommode, © Die Federsammler

42-43 Marktplatz Jena, © René Buschner/ FARBRAUM GmbH

44-45 Marktplatz Jena, © Die Federsammler

46-47 „Hanfried“, Denkmal für Johann Friedrich I., auf dem Markt, © Die Federsammler

48-49 Goethe Galerie, © Nico Stengert/Novarc Images

50-51 Goethe Galerie, © Nico Stengert/Novarc Images

52-53 Sternenprojektor „Cosmorama“, Goethe Galerie, © Nico Stengert/Novarc Images

54-55 Paradies Jena, © Die Federsammler

56-57 „Adern von Jena“, Projekt der Stadtwerke Energie Jena, © Stadtwerke Jena GmbH

58-59 Skaterrampe im Stadtpark, © Die Federsammler

60-61 Röhre, © Martin Apelt/ Novarc Images

60-61 Zeiss Planetarium Sternenhimmel, © Stefan Harnisch/ Ernst-Abbe-Stiftung

62-63 Sternenprojektor im Zeiss Planetarium, © Stefan Harnisch/ Ernst-Abbe-Stiftung

64-65 Zeiss Planetarium, © Die Federsammler

66-67 Mann in Straßenbahn, © Die Federsammler, Stadtwerke Jena GmbH

68-69 Straßenbahn, © Die Federsammler

70-71 Straßenbahn in Lobeda - Linienfahrplan der Linie 3, © Stadtwerke Jena GmbH

72-73 Hochhaus in Lobeda, © Nico Stengert/Novarc Images

74-75 Hochhaus in Lobeda, © Nico Stengert/Novarc Images - Straßenbahn in Lobeda, © Stadtwerke Jena GmbH

76-77 Mann auf dem Holzmarkt, © Die Federsammler

78-79 Mann steigt in Bus Linie 15, © Die Federsammler

80-81 Bus Linie 15 auf dem Holzmarkt, © Die Federsammler

82-83 Theaterhaus Jena, © Nico Stengert/Novarc Images

84-85 Theaterhaus Jena, © Die Federsammler

86-87 Schillers Gartenhaus, © Die Federsammler

88-89 Schillers Gartenhaus, © Die Federsammler

90-91 Schillers Gartenhaus, © Die Federsammler

92-93 Schillers Gartenhaus, © Die Federsammler

94-95 Ernst-Abbe-Platz, © Die Federsammler

96-97 Werkskuppel zum Montieren und Justieren der Planetariumsprojektoren von Carl Zeiss, © Nico Stengert/Novarc Images

98-99 „Jenaer Original“ Eisverkäufer Abi Alimi, © Die Federsammler

100-101 Eisverkäufer Abi Alimi in seinem Verkaufswagen, © Die Federsammler

102-103 Botanischer Garten, © Die Federsammler

104-105 Botanischer Garten, © Die Federsammler

106-107 Seerosenteich im Botanischen Garten, © Die Federsammler

108-109 Straßenbahn Linie 3 bei Nacht, © Die Federsammler, Stadtwerke Jena GmbH


kraaah!

kraaah!

Weitere Magazine dieses Users