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Leseprobe

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Juli/August

Landleben

genießen

10 Jahre

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Aus dem Inhalt

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Beruf, Familie & Kinder

14 Sandra Gräfin Bernadotte mit viel Herz und Engagement

78 Ein Traum von einem Dorfcafé

126 Barbara Lochbihler auf der politischen Bühne

148 Gottfried Härle im Porträt

Bewegung & Freizeit

38 Aus Liebe zum Alten – der Antik-Hof in Günz a.d. Günz

140 Die Holz-Alpe in Sigishofen

156 Zu Besuch auf der Alpe Schneidberg in Oberstaufen

178 Biken im Sommer

180 Tabaluga für einen guten Zweck

Gesundheit & Wellness

20 Naturkosmetik mit Leib und Seele von Martina Gebhart

58 Kräuterpower im Sommer mit Petra Le Meledo-Heinzelmann

118 Wasser – Quell des Lebens

160 Öldispersionsbäder – eine Quelle für die Gesundheit

166 Die Selbstständigkeit im Alter erhalten

Mode, Wohnen & Dekoration

44 Modetrends

66 Die bunte Welt der Trachtenstoffe

70 Auf dem Weg zum eigenen Dirndl, »Miederrock«, 5. Teil

74 Handwerksbetrieb mit Charme

102 Der Tutti Frutti Party-Deko-Tipp

130 Betoneffekte – edel und puristisch

134 Leidenschaft für Mode

136 Kreativ mit Kreidefarben

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Natur, Garten & Tiere

8 Sommerfeuer – die Lindauer Dahlienschau

46 Der Wisent – ein König mit Zukunft?

52 Naturnahe Gartenanlagen für den Erhalt der Vielfalt

62 Paradies für Paradeiserfreunde

92 Gesunde Kräuter am richtigen Standort

98 Garten-Praxis-Tipp

170 Mit sanftem Daumendruck

174 Die minimalinvasive Chirurgie beim Tier

Kochen, Küche & Gäste

32 Bohnen und Erbsen – Köstlichkeiten frisch aus dem Garten

84 Rezepte mit Heidelbeeren – das Gesundheitswunder

97 Der Voatsiperifery-Pfeffer

108 Grillen auf der »Plancha«

112 Quiches in allen Variationen

154 Rezepte Terrassen Hotel Isny »Schätze der Heimat«

Kultur, Brauchtum & Termine

26 Schrebergärten – Garten-Idyll in der Stadt

144 Die Rückkehr der Heumilch

122 »Drei von Sinnen« Drei Freunde – drei Wochen – drei Handicaps

Rubriken

6 Briefkasten

82 Jubi-Verlosung

184 Für Sie gefunden – Schönes, Nützliches und Neues

193 Bezugsquellen

182 Menschen, Märkte und Termine

186 Rätselspaß

188 Schaufenster

192 Regio-Presse

194 Impressum, Ausblick

Verlosung!

Verlosung!

10 Jahre

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Sommerfeuer

Lindauer Dahlienschau

Jeden Sommer entfaltet sich im Lindauer Norden ein prachtvolles

Farbenfeuerwerk, wenn Tausende Dahlien in voller Blüte stehen. Die Lindauer

Dahlienschau zieht Besucher von nah und fern an. Zu den Protagonisten der

Schau gehört die Balldahlie »Sunnyboy«, eine deutsche Züchtung aus dem Jahr 1987.

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oben rechts: Auf etwa 13.000 Quadratmetern werden am nördlichen

Ortsrand von Lindau am Bodensee jedes Jahr etwa 800 verschiedene

Schausorten aus aller Welt sowie aus eigener Zucht präsentiert.

oben links: Die Lindauer Dahlienschau wird jedes Jahr mit einem Team

von Jugendlichen angelegt, aufgezogen, gepflegt und wieder abgeräumt.

Hier Selim, Ridvan, Fabi und Denis mit Stefan Seufert, dem Betreiber

der Dahlienanlage. Ohne Spenden könnte das arbeitsintensive Projekt

jedoch nicht durchgeführt werden.

S

tellen Sie sich einen warmen Sommertag vor, am

Himmel ein paar weiße Wölkchen, und eine leichte

Brise vom See nimmt der Sonne die Hitze. Sie spazieren

durch einen riesigen Garten inmitten Tausender blühender

Dahlien, die in allen Regenbogenfarben leuchten.

Willkommen in der Lindauer Dahlienschau!

Von kleinen Anfängen

Stefan Seufert betreibt seit 2002 den großen Dahliengarten in Lindau.

»Vassio Meggos« ist eine amerikanische Züchtung aus dem Jahr 2003.

Die Dahlie aus der Klasse der Dekorativen hat bis zu 25 cm große Blüten.

Initiator, Herz und Kopf der Lindauer Dahlienschau ist

Stefan Seufert, von Beruf Grafiker und leidenschaftlicher

Hobbygärtner. In seinem kleinen Privatgarten am

Stadtrand von Lindau pflanzte er Blumen – darunter

etwa 60 Dahliensorten – und Gemüse an. Immer wieder

blieben Passanten stehen, um den Garten zu bewundern,

wurden freundlich hereingebeten und herumgeführt. So

kam Stefan Seufert auf die Idee, seine Lieblingsblume in

Szene zu setzen: Die erste kleine Dahlienschau entstand

im Jahr 2002.

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Der Erfolg blieb nicht aus. Die Zahl

der Besucher wuchs, die der Pflanzen

auch. 2006 pachtete Stefan Seufert

ein 13.000 m² großes Grundstück am

Büchelewiesweg in Lindau, um Platz für

seine Dahlien zu schaffen. Heute sind

über 800 Sorten zu bewundern, darunter

auch viele Eigenzüchtungen. Daneben

werden auf einem Teil Schnittblumen

für den gewerblichen Verkauf angebaut.

Auch wer sich die farbenfrohen Dahlien

in den eigenen Garten holen möchte,

wird fündig. Er kann sich entweder seine

Lieblingssorte aussuchen; dann werden

Ende Oktober die Knollen der reservierten

Pflanze ausgegraben, um im Garten

des Käufers eine neue Heimat zu finden.

Oder er kauft einen Steckling, den er

dann selber so lange pflegen muss, bis die

Knolle entsteht. Am einfachsten wäre

es sicherlich, Samen zu verkaufen, aber

das ist bei Dahlien ein »Überraschungspaket«.

»Aus dem Samen einer Dahlie

kommen immer neue, andere Dahlien,

nie dieselbe, wie die Mutterdahlie«,

erklärt Stefan Seufert. »Also können

wir leider auch nicht die Samen von

bestimmten Sorten verkaufen, lediglich

»Überraschungs-Samen«. Das ist ungefähr

so, wie wenn man Petersilie aussäen

würde und es kämen Schnittlauch, Dill

und Gänseblümchen raus.« Wenn man

also sein Herz an eine bestimmte Sorte

oder Farbe gehängt hat, greift man zur

Knolle.

oben links: »Maxime«, eine holländische Dekorative Dahlienzüchtung von 2002,

hat schon viele Preise gewonnen.

oben rechts: »Luan« ist eine faszinierende neue Eigenzüchtung, eine ballförmige Dekorative mit

leicht geschlitzten Blütenblättern und perfekt geeignet für Blumensträuße. Sie hat ihren Namen

von einem der Jugendlichen, die helfen, das Blumenparadies anzulegen und zu pflegen.

unten: Die Balldahlie »Pink Sylvia«, eine holländische Züchtung von 1991,

wird gerne von Floristen verwendet.

Mehr als ein Garten

Wer selbst einen Garten hat, weiß, wie viel

Arbeit selbst eine kleinere Fläche machen

kann. Damit die Besucher von August an

bis zum ersten Frost die prachtvollen Dahlien

bewundern können, braucht es viele

helfende Hände. Die fand Stefan Seufert

bei Jugendlichen aus Lindau und der Umgebung,

die nach der Schule, im Praktikum

oder am Wochenende in ihrer freien Zeit

anpacken. Aus den ersten Kontakten

entwickelten sich weitere und plötzlich

hatte sich ein Team eingefunden, das so

international ist wie die Besucherschar.

Jahre bevor die Integration von jungen

Menschen aus dem Ausland die öffentliche

Diskussion eroberte, begann Stefan Seufert

schon mit seinem ganz eigenen Integrationsprojekt.

In der Arbeit für die Dahlienschau

lernen Jugendliche, für ein gemeinsames

Ziel zu arbeiten, Verantwortung zu

übernehmen, etwas aufzubauen, auf das sie

stolz sind. Stefan Seufert begleitet sie auf

ihrem Weg, hilft und unterstützt, wenn es

um Schule, Arbeitsplatz oder auch nur die

Führerscheinprüfung geht, und hält das

Team zusammen.

Ein ganzes Jahr Arbeit

Was die Besucher in den Sommermonaten

so fasziniert, verlangt den Einsatz über das

ganze Jahr. Im Herbst werden die Knollen

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Lindauer Dahlienschau

Die Lindauer Dahlienschau ist ein

privates Gartenprojekt zwischen

Lindau-Reutin und Streitelsfingen

am Büchelewiesweg. Im Jahr 2017 ab

12. August bis Ende Oktober täglich

von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang

geöffnet. Eintritt 5 Euro pro Person.

Anfahrt mit dem PKW über die

Kemptener Straße (Kreisel bei Esso-

Tankstelle) ausgeschildert. Stadtbus

Linie 1, Haltestelle »Lugeck«, ca. 500

Meter Fußweg. Reisegruppen melden

sich an unter dahlienschau@freenet.de

(Anfahrt und Parken für Reisebusse

vorab besprechen! Führung möglich).

Keine befestigten Wege auf dem

Gelände, daher festes Schuhwerk

erforderlich.

www.dahlienschau-lindau.de

ausgegraben und gelagert, die Stangen

sortiert und untergestellt, die Wiese noch

einmal gemäht. Ab März beginnt das Anlegen

der Beete und ab Mai das Pflanzen der

Dahlienknollen, Stecklinge und Sämlinge.

Und all das kostet. Die Pacht fürs Gelände

ist zu bezahlen, die Wasserrechnung,

Gartengeräte und Zubehör müssen ersetzt

oder repariert werden. Bis ins letzte Jahr

hat Stefan Seufert das über die Spenden

finanziert, die von den Besuchern kamen,

eine Förderung durch die Stadt gibt es

nicht. Aber die steigenden Kosten sind

damit nicht aufzufangen, geschweige denn

große Sprünge zu machen; der ersehnte

Aufsitzrasenmäher, der die kraft- und zeitaufwendigen

kleinen Rasenmäher ersetzen

könnte, bleibt ein Wunschtraum. Darum

wird die Dahlienschau ab diesem Jahr 5

Euro Eintritt kosten. Eine Investition, die

sich für jeden lohnt, der Blumen liebt, und

der das soziale Engagement eines Einzelnen

unterstützen möchte. Spenden sind

darum nicht etwa ausgeschlossen.

Text: Barbara Toillié; Fotos: Stefan Seufert;

Produktion: Toillié & Hartmann/kostbaremomente.com B

oben rechts: Sobald im Spätherbst der Frost übers Land gegangen ist, werden alle

Dahlienknollen wieder ausgegraben, beschriftet und ins Lager gebracht zum

Überwintern. Dann müssen auch tausende von Pfählen, an denen über den

Sommer die Pflanzen angebunden werden, wieder abgeräumt werden.

oben links: Lohn der Dahlienzüchterei: Aus einem Samenkorn kann innerhalb von

nur sechs Monaten eine vollkommen neue Sorte mit ausgereiften Knollen entstehen.

unten links: Vor allem aus Blüten, die von Insekten bestäubt worden sind, erhält

man nach dem Ausreifen neue Sorten. Die perfekte Arbeit für lange Winterabende.

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Dahliensorten

1) Die Seerosendahlie »Rundale« ist

eine Züchtung aus Lettland von 2008.

Die Blütenform ähnelt der einer schwimmenden

Seerose, daher die Bezeichnung

Seerosendahlie. 2) Gefüllte Ball- und

Pompondahlien eignen sich bestens

zur Straußbinderei; allerdings haben sie

als Bienennahrung keinen Wert. Hier die

lachsorangene Balldahlie »Sheila«, eine

Züchtung aus Holland von 2007. 3) Bienen,

Hummeln, Schmetterlinge und viele

andere Insekten finden bis zum Frost ihre

Nahrung auf offen blühenden Dahlien.

4) In der Lindauer Dahlienschau werden

jedes Jahr etwa 1.500 bis 2.000 Dahlien

neu aus Samen gezogen. Dabei entstehen

auch die seltenen dunkellaubigen

Sorten. 5.) Eine Eigenzüchtung aus der

Lindauer Dahlienschau ist die 2015

auf den Namen »Lindau« getaufte

dekorative Dahlie in Ziegelrot. 6.) Von

Peter Haslhofer, einem österreichischen

Dahlienzüchter, stammt die perfekt

geformte Balldahlie »Daydream«.

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Mit viel Herz

Engagement

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Ein Besuch bei

auf der

Sandra Gräfin Bernadotte

Blumeninsel Mainau

Umgeben von malerischen Blütenmeeren: Die Blumeninsel

Mainau im Bodensee ist seit ihrer Heirat mit dem ältesten

Sohn der Mainau-Grafenfamilie 2009 die Heimat von

Sandra Gräfin Bernadotte.

E

s ist ein sonniger Vormittag. Auf

der Insel blühen die Tulpen und

Osterglocken in leuchtenden Farben um

die Wette. Die Sonne scheint durch die

großen Glasfenster, als Gräfin Sandra in

einem weißen eleganten Kleid, begleitet

von Assistentin und Pressesprecher, das

von ihr gegründete »Café Vergissmeinnicht«

betritt. Die Tische, über denen

kristallene Lüster hängen, sind liebevoll

mit kleinen Frühlingsblumen dekoriert.

Im Park der Blumeninsel

Das »Café Vergissmeinnicht« ist das

Herzensprojekt der 1977 in St. Gallen

geborenen Gräfin. 2010 wurde es von ihr

eröffnet. »Ich dachte, es könnte schön sein,

den Besuchern hier einen Kuchen anzubieten«,

erzählt Sandra Gräfin Bernadotte,

während sie an einem der längeren Tische

am Fenster Platz nimmt. Für die zahlreichen

Inselbesucher der Mainau ist der gelb

gestrichene Holzbau im Park der Blumeninsel

wie eine kleine Oase. Ein ovales

Schild am Haus mit blauen Blumen lädt in

geschwungenen Lettern zum Verweilen ein

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und macht Lust auf eine kleine Café-Pause. Eine Eisfahne

mit dem Versprechen auf »Bauernhofeis« flattert im

Wind an der Holzfassade, auf den Holzstühlen kann man

gemütlich ein Stück Kuchen genießen, vom Inselspaziergang

ausruhen und sich im Sommer in der Fußlounge ein

Fußbad gönnen.

Hübsches Ambiente und soziales Engagement

Das moderne, lieblich-verspielte Café im schwedischen Stil trägt die Handschrift

der Gräfin. »Im Innendesign konnte ich mich austoben«, erzählt Sandra Gräfin

Bernadotte.

Doch das Café hat außer Ambiente, Charme und Gastlichkeit

noch mehr zu bieten. Es eröffnet jungen Menschen

eine Perspektive. »Bis zu zehn förderbedürftige

junge Menschen werden bei uns hier im Café während

einer elfmonatigen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme

der Agentur für Arbeit auf ihrem Weg ins

Berufsleben begleitet«, erklärt Sandra Gräfin Bernadotte.

Während praktischer Tätigkeiten in den Bereichen »Garten«

und »Gastronomie« können sie in einem geschützten

Rahmen das Berufsleben kennenlernen und sich im

Cafébetrieb ausprobieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

des Projekts erhalten eine sozialpädagogische und

therapeutische Förderung, steigern ihr Selbstvertrauen

im Umgang mit den Gästen und werden von Fachpersonal

unterstützt. Auf der Karte finden sich die im eigenen Garten

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Im Garten neben dem Café Vergissmeinnicht

werden förderbedürftige Jugendliche im geschützten

Rahmen an das Berufsleben herangeführt

und können praktische Tätigkeiten erlernen.

angepflanzten Tees und Kräuter sowie

selbstangesetzter Holunderblütensirup.

»Die Jugendlichen sind in alle Stufen

von der Produktion bis zum Verkauf

eingebunden«, erklärt die Gräfin.

Hilfe für Jugendliche

Während der Bildungsmaßnahme Pro

Integration stehen neben der Praxis für die

Teilnehmer auch Schulfächer wie Mathematik,

Deutsch, Landes- und Gemeinschaftskunde

auf dem Programm. »Ziel

ist es, am Ende für und mit den Jugendlichen

einen Ausbildungsplatz zu finden«,

erläutert Sandra Gräfin Bernadotte, die

die Jugendlichen persönlich sozialpädagogisch

betreut und auch bei Problemen wie

Liebeskummer und alltäglichen Sorgen

für die Teilnehmer da ist. Das Konzept des

Cafés begeistert mittlerweile auch über die

Inselgrenzen hinaus. Nach dem Vorbild des

Insel-Cafés gibt es seit November 2015 bei

der AUDI AG in Ingolstadt ein zusätzliches

»Café Vergissmeinnicht«, bei dem

Sandra Gräfin Bernadotte als Schirmherrin

aktiv mitwirkt. »Mein Traum ist es,

noch ein drittes Café zu gründen«, verrät

die Sozialpädagogin.

In einen Grafen verliebt

Seit 2009 ist die heute 40-jährige Sozialpädagogin

mit dem Grafensohn verheiratet,

der gemeinsam mit seiner Schwester Bettina

Gräfin Bernadotte Geschäftsführer der

Mainau GmbH ist. Verliebt hat sich das

Paar beim Studium der Sozialpädagogik

im schweizerischen Rorschach. Bei ihrer

ersten Begegnung hielt die ehemals bürgerliche

Sandra Angerer den großgewachsenen

Björn Graf Bernadotte zunächst

für einen Gärtner der Insel Mainau. Zu

entfernt war der Gedanke, dass der sympathische,

langhaarige Student, mit dem

sie damals in einer Arbeitsgruppe saß und

sich auf Schweizerdeutsch unterhielt, aus

einer Adelsfamilie stammen könnte. »Mit

adeligen Kreisen hatte ich zuvor gar nichts

zu tun«, erinnert sich die heutige Gräfin

lächelnd. Dass sie später in einem Barockschloss

auf einer Blumeninsel leben würde,

Stilbewusst: Die Gräfin und ihr Mann Björn

Graf Bernadotte leben gemeinsam mit Hund

Thalia im Barockschloss der Blumeninsel.

Das erste Mal auf der Insel Mainau

Das Leben auf der 1,2 Kilometer langen

und 600 m breiten Blumeninsel ist für das

Mitglied der Grafenfamilie ein Geschenk.

»Ich bin hier sehr glücklich«, sagt Sandra

Gräfin Bernadotte, die zum ersten Mal

als Vierjährige auf der Insel Mainau mit

ihren Eltern zu Gast war. »Von dem Mainau-Ausflug

gibt es noch ein Bild von mir

im Dirndl, da stehe ich mit weiß gelöcherten

Kniestrümpfen vor den berühmten

Blumen-Enten«, erzählt sie schmunzelnd.

»Gärtnern für alle«

Ihre Rolle als Gräfin sieht die warmherzige Sozialpädagogin als großes Privileg.

»Ich habe die Möglichkeit, Dinge zu verändern und das will ich auch wahrnehmen«,

sagt Sandra Gräfin Bernadotte. Im gemeinnützigen Verein »Gärtnern

für alle« ist die Gräfin seit 2009 Vorsitzende. Der Verein hat es sich zur Aufgabe

gemacht, Jugendliche mit Förderbedarf auf das Berufsleben vorzubereiten und

bietet Schulklassen sowie Gruppen Projekte zu umweltrelevanten Themen an.

Die Sozialpädagogin ist zudem auch vielfältig ehrenamtlich tätig. Sie ist u.a.

Mitglied im Stiftungsrat der schweizerischen Kinder- und Jugendorganisation

»Pro Juventute«, Schirmherrin des Hospizvereins Konstanz und Beiratsmitglied

im Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e.V.

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Im Studium der Sozialpädagogik lernte die

Sandra Angerer ihren Mann Björn Graf Bernadotte

kennen. Seit der Hochzeit lebt das Paar

gemeinsam auf der Insel.

tirol stammen, von ihrer Schwiegermutter

Sonja. »Aber auch Zeitschriften helfen«,

verrät die hübsche Österreicherin. »Ich

bin aber immer noch die Sandra, die auch

noch ganz normal ab und an in der Konstanzer

Innenstadt bummeln geht.«

durch ihre Heirat mit dem schwedischen

Königshaus verwandt sein und zu ihrer

Hochzeit Kronprinzessin Victoria aus

Schweden persönlich anreisen würde, hätte

die Sozialpädagogin damals wirklich nicht

gedacht.

An das erste Kennenlernen mit der Grafenfamilie

auf der Insel kurz vor Weihnachten

erinnert sich Sandra Gräfin Bernadotte

noch gut. »Wir fuhren den Hügel hinauf,

Graf Lennart, Gräfin Sonja, alle waren da!«

Warmherzig sei der Empfang gewesen.

»Am Anfang war ich natürlich aufgeregt

und unsicher, in welcher Reihenfolge beim

Abendessen das Besteck verwendet wird«,

erzählt die Gräfin ganz offen. »Ich machte

sogar einen Knicks, obwohl das gar nicht

nötig war. Doch alle waren so freundlich,

ich habe mich schnell wohlgefühlt, und

meine Nervosität verflog im Nu.«

hinzugekommen. »Mein Kleiderschrank

hat sich natürlich verändert«, erzählt

sie auf Nachfrage. Wenn morgens eine

Schulklasse kommt, ein Interview auf

dem Plan steht und dann eine abendliche

Gesellschaft zu eröffnen ist, heißt das dreibis

viermal am Tag das passende Outfit

finden. Inspirationen, wie eine Gräfin

standesgemäß gekleidet ist, erhielt Sandra

Gräfin Bernadotte, deren Eltern aus Süd-

Ausgedehnte Spaziergänge

Privat ist das rund 45 Hektar große Eiland

für die in St. Gallen geborene Sozialpädagogin

ein echter Kraftort. »Man bekommt

hier soviel Energie und Stärke«, schwärmt

sie. Die Blumenpracht und Schönheit der

Insel ist für die Adelige, die in ihrer Freizeit

gerne Yoga macht, meditiert, liest und

Golf spielt, immer wieder inspirierend.

Am liebsten geht die Gräfin, die mit ihrem

Mann in dem mehr als 100 Zimmer umfassenden

Barockschloss eine Fünf-Zimmer-Wohnung

im zweiten Stock bewohnt,

frühmorgens auf der Insel spazieren.

»Wenn der Tag noch ganz unberührt ist

oder abends, wenn die letzten Touristen

die Insel verlassen haben«, sagt die Gräfin.

»Ich bin immer noch die Sandra«

Neben der Verantwortung für den Verein

»Gärtnern für alle«, das »Café Vergissmeinnicht«

und den Aufgaben des Repräsentierens

sind für die Gräfin als Frau auch

ganz lebenspraktische Herausforderungen

Blick auf Schloss Mainau. Das Barockschloss der Insel

wurde 1746 nach 7-jähriger Bauzeit vollendet.

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Immer mit dabei: ihr Hund Thalia, ein

deutscher Wachtel. Der Lieblingsort auf

der Blumeninsel sind für die Gräfin die

Mediterran-Terrassen. »Von dort kann

ich meine Heimaten Österreich und die

Schweiz sehen«, schildert die Adelige.

Besonders der Winter besitzt für die

Gräfin eine ganz eigene Stimmung. »Eine

der schönsten Jahreszeiten auf der Insel

Mainau!«

Als Person ist die Gräfin, die Deutsch,

Englisch und Italienisch spricht und gerade

Schwedisch lernt, bewundernswert natürlich

geblieben. Berührend empfindet sie,

wie respektvoll Menschen ihr als Gräfin gegenüber

treten, einige Insel-Besucher bereiteten

sich sogar eigens auf den Inselbesuch

vor und informierten sich über die Mitglieder

der gräflichen Familie, weiß Sandra

Gräfin Bernadotte. Als wir später nach dem

Besuch im Café einen Spaziergang über

die Bilderbuchinsel unternehmen, wird die

Schlossherrin von einem älteren Herren

angesprochen. Ob dieser die Grafenfamilie

und deren Mitglieder mit Namen kennt,

bleibt zwischen den blühenden Tulpen,

Glockenblumen und Hyazinthen sein

persönliches Geheimnis. Was die Gräfin

aber verrät, ist ihr neues, ganz persönliches

Herzensprojekt: »Gärtnern möchte ich

künftig auch für mich persönlich beginnen.

In einem kleinen Gärtchen auf der Insel.«

Text und Fotos: Hanna Eder;

Freisteller: © natashasha – Fotolia.comB

Hunderttausende Tulpen, hunderte

Rhododendren, duftende

Rosen, Stauden und farbenfrohe

Dahlien machen die

Insel Mainau zum beliebtesten

Tourismusziel am Bodensee.

Ravensburg

Café

Vergissmeinnicht

Friedrichshafen

Bodensee

Lindau

Das »Café Vergissmeinnicht«

www.gaertnern-fuer-alle.de

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Schrebergärten:

Garten-Idyll in der Stadt

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Für viele Menschen, die im Häuschen auf dem Land oder im

großzügigen Stadthaus mit Garten leben, ist eine Selbstverständlichkeit,

wovon andere nur träumen können: im Frühjahr eigene

Salatpflänzchen ziehen, im Sommer leckere Tomaten ernten, sich

das ganze Jahr über an Blumen und Blüten freuen. Doch auch

»gartenlosen« Gartenliebhabern kann geholfen werden – mit

einem Schrebergarten!

D

abei ist das Prinzip des Kleingartens

schon recht alt: Angefangen bei

mittelalterlichen Gemüse- und Obstgärten

in den Randbereichen bzw. vor den Toren

der Städte über die Armen- oder Arbeitergärten

zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die

die städtische Bevölkerung zu Zeiten der

Industrialisierung günstig mit frischem

Obst und Gemüse versorgten. Um 1850

entstanden dann die nach dem Leipziger

Arzt Moritz Schreber benannten Gärten,

die eigentlich zur Beschäftigung von

Schulkindern im Freien gedacht waren

und bald von deren Familien übernommen

wurden. In der Nachkriegszeit waren

es dann die sog. »Krautgärten«, die die

Versorgung der Menschen mit frischem

Gemüse gewährleisten sollten. Heute

findet dieser Trend seine Fortsetzung im

Gärtnern verbindet: Leicht lassen sich im Schrebergarten

Kontakte über den Zaun hinweg knüpfen.

»urban gardening« – doch zurück zu den

typischen Schrebergärten!

Spießig oder »voll im Trend«?

So mancher stellt sich beim Wort

»Schrebergarten« immer noch eine

verstaubte Gartenzwerg-Idylle vor, mit

peniblen Rasenkanten und ordentlichen

Beeten, auf denen jeglicher Wildwuchs

verpönt ist. Doch das entspricht schon

längst nicht mehr der Realität! Mit dem

Pächterklientel, welches lange hauptsächlich

aus gärtnernden Rentnern bestand,

hat sich auch das Image der Kleingärten

gewandelt: Heute sind es neben den

rüstigen Senioren auch immer mehr junge

Familien mit Kindern, die es in die eigenen

Kleingartenparzelle zieht; sie stellen

mittlerweile gut die Hälfte der Pächter.

Die steigende Nachfrage lässt sich an den

langen Wartelisten der Kleingartenvereine

ablesen; Interessenten müssen sich oft

monate- bzw. jahrelang gedulden, bis sich

eine Parzelle für sie findet.

Schrebergarten als Familiengarten

Viele Familien können sich ein Haus

mit Garten nicht leisten oder wollen

sich auch noch nicht mit einem großen

Gartengrundstück festlegen. Für sie ist der

Schrebergarten ideal: ein kostengünstiges

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Es wächst und blüht – Gärtnerglück auf kleiner Fläche.

Naschen und Ernten im Kleingarten

macht gerade den Kleinsten viel Spaß.

Ausflugsziel am Wochenende und im

Sommer, wo Kinder gefahrlos im Freien

spielen, Natur erleben, gärtnern und

ernten können. Man spart Zeit und weite

Anfahrten zu außerstädtischen Naherholungszielen

im Grünen. Die Gartenarbeit

wird als Entspannung und körperlich-seelischer

Ausgleich zum beruflichen Alltag

angesehen und betrieben. Frisches Gemüse

und eigener Salat, nach Wunsch sogar in

Bio-Qualität, bereichern den Speiseplan.

Der zunehmende Trend zur Selbstversorgung

aus dem eigenen Garten kann

mithilfe von Schrebergärten nicht nur

von Haus-mit-Garten-Besitzern gelebt

und verfolgt werden.

»Kontaktzentrale« Schrebergarten

Für viele neue (und alte) Schrebergärtner

sind auch die sozialen Kontakte unter den

Mitgliedern und »Mitgärtnern« wichtig,

die sich in gemeinsamen Grillabenden und

Gartenfesten niederschlagen. So zählen

manche Gartenkolonien mittlerweile auch

immer mehr Mitglieder mit Migrationshintergrund

– nach anfänglicher Skepsis

zeigt sich oft, dass gemeinsames Gärtnern,

der Austausch von Erfahrungen, Fragen,

Wissen und nicht zuletzt von Gartenerzeugnissen

über den Gartenzaun hinweg

viele Barrieren zu überwinden vermag und

zu neuen Freundschaften führen kann.

Regelwerk

Wer einen Kleingarten pachtet, stimmt

mit dem Pachtvertrag natürlich auch den

ortsüblichen Regeln zu, auf deren Einhaltung

auch noch heute, mal mehr, mal

weniger strikt, geachtet wird. Viele Gartenliebhaber

schreckt dies leider schon im

Vorfeld ab. Doch letztendlich wird mittels

des Vorschriftenkatalogs u.a. sichergestellt,

dass nach wie vor Gemüse und Obst auf einem

Drittel der Fläche angebaut wird und

keiner die Laube als Zweitwohnsitz oder

das Gärtchen nur als öde Rasenfläche mit

Grillplatz benutzt. Eine gewisse Pflanzenvielfalt

ist damit durchaus gewährleistet.

Außerdem verpflichtet sich der Pächter

meist auch zu einigen gemeinnützigen

Stunden pro Jahr, in denen die von allen

Vereinsmitgliedern genutzten Anlagen

gepflegt werden. Und ein Blick über viele

Kleingartenzäune zeigt: Trotz Regeln und

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Vorschriften kann aus einer Parzelle ein

kleines Paradies werden!

Was kostet das gepachtete

Gartenglück?

Schon 1869 schlossen sich Schrebergarten-Fans

als Verein mit Satzung und

diversen Regeln zusammen. Wer einen

Schrebergarten sucht, wendet sich daher

am besten an den entsprechenden Verein

vor Ort. Der Pachtzins ist meist eher günstig;

je nach Stadt sind 0,10 – 0,90 € pro m 2 zu

veranschlagen, bei einer Durchschnittsgröße

von etwa 400 m 2 . Die einmalige Ablösesumme

bei Übernahme für einen gepflegten

Kleingarten mit Häuschen bzw. Laube

kann zwischen 1.000,00 und 7.000,00 €

betragen. Pro Jahr fallen laufende Kosten

(Wasser, Strom, etc.) von etwa 100,00 –

300,00 € an – das macht letztendlich nur

1,00 €/Tag! So haben auch Geringverdiener

eine Chance auf eigenes Gartenglück

und der Aspekt der Selbstversorgung ist

in diesem Fall häufig nicht nur angesagter

Trend, sondern bekommt auch eine wirtschaftliche

Bedeutung.

Anbautipps für Kleingärten

Natürlich kann im Schrebergarten alles an

Salaten und Gemüse angebaut werden, was

einem schmeckt. Ideal sind jedoch pflegeleichte

und robuste Arten und Sorten, wie

z.B. die Buschtomate ‚Darinka F1‘, die weder

Ausgeizen, noch Aufbinden, noch ein

Tomatenhaus benötigt. Oder die schwachwüchsige

Zucchini ‚Black Forest F1‘, die

ohne immensen Platzbedarf ständig neue

Früchte liefert. Insbesondere wenn sich

der Arbeitsaufwand jedoch in Grenzen

halten soll, sind schnell wachsende und

Am besten gedeiht, was nicht

allzu pflegeaufwendig ist.

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Lauschige Sommerabende in der Laube.

Auch das ist Schrebergarten:

ein gemütliches Plätzchen.

permanent zu erntende Gemüse wie z.B.

Pflücksalate, Feldsalat und Radieschen gut

geeignet. Vor allem zu Saisonbeginn im

Frühjahr lohnt sich bei diesen Kulturen eine

Verfrühungsmaßnahme: Ohne Gewächshaus

leisten auch Frühbeetaufsätze, Folientunnel

und Gärtnervlies gute Dienste.

Auch platz- und arbeitssparende Hochbeete

erleichtern das Schrebergärtnern, sind

sie doch rückenfreundlich beim Bepflanzen,

Pflegen und Ernten, für Schnecken

schwerer zugänglich als Bodenbeete

und liefern meist üppige Ernte. Apropos

Schnecken: Wer nicht täglich in seinem

Schrebergarten nach dem Rechten sehen

kann, schützt sein Gemüse am besten mit

Schneckenkrägen und -zäunen.

Ohne Arbeit geht es nicht!

Frisch gebackene Schrebergärtner,

die zuvor noch

keinen Garten

besaßen oder

bewirtschafteten,

erleben allerdings

manchmal auch

ihr »grünes«

Wunder! Denn

nicht nur Ernten

und Wohlfühlen im

Garten sind angesagt, sondern damit alles

wächst und grünt muss man schon auch

einiges an Arbeitszeit investieren. Die

Obstbäume wollen fachgerecht geschnitten

sein, der Rasen gemäht, der Kompost

umgesetzt und im Herbst das Falllaub

zusammengerecht. Nicht zu vergessen

das Gießen im Sommer und überhaupt:

die Versorgung des Gartens während der

Urlaubszeit! Häufig lassen sich dafür

gartenlose Freunde einspannen, die als

»Entlohnung« das reife Gemüse ernten

dürfen oder ein Kleingartennachbar. Aber

nicht immer findet sich jemand für diese

Mein schöner Schrebergarten

idyllisch – natürlich – hipp

Aufgabe und so manchem ist die Arbeit im

Schrebergarten auch schon im wahrsten

Sinne des Wortes »über den Kopf gewachsen«.

Wer feststellt, dass Kleingärtnern für

ihn doch nicht das Richtige ist, sollte mit

einer Kündigung nicht lange zögern, denn

sicherlich warten schon andere auf eine

grüne Parzelle...

Text: Dipl. Ing. Gartenbau (FH) Renate Hudak;

Fotos: Wolfen Schulz (3),Phovoir/Shutterstock.com (1),

gorillaimages/Shutterstock.com (1), Peter Turner Photography/Shutterstock.com

(1), TTphoto/Shutterstock.com (1);

Freisteller: © Anja Kaiser – Fotolia.com B

Mein

Buchtipp

Ob als Oase der Entschleunigung, Quell der Selbstversorgung oder Sommerdomizil.

Fernab von Klischees zeigt dieses Buch in stimmungsvollen Bildern, was

heutige Kleingärtner motiviert und welcher Zeitgeist durch die deutschen

Schrebergärten weht. So laden gemütliche Hütten inmitten blühender

Pflanzen, schattige Waldgärten oder überquellende Obst- und Gemüsegärten

zum Entspannen und Selbstverwirklichen ein. Ergänzt wird das

Ganze durch nützliche Tipps und Rezepte für Selbstgemachtes. Auf in

ein Wochenende in der Laube!

Gebunden, 160 Seiten mit 200 farbigen Abbildungen,

ISBN 978-3-86873-710-3, Preis 19,95 €

30

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Aus Liebe

zum Alten

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Die Familie Harzenetter in

Günz a. d. Günz hat sich in

den letzten Jahren mit ihrem

Antik-Hof einen sehr guten

Ruf erarbeitet. Ihr Rezept: alte

Möbel, leckerer Kaffee und

frischer hausgemachter Kuchen.

»D

ass die Geschichte solch ein Erfolg

wird, damit hat zu Beginn niemand

gerechnet«, sagt Ludwig Harzenetter junior

stolz. Aber an einem einzelnen kleinen

Detail wird das Gelingen wohl nicht festzumachen

sein. Es ist wahrscheinlich die

einzigartige Mischung aller Komponenten,

die den Antik-Hof so erfolgreich macht.

Der großzügige Garten hinter dem Haus,

4/2017

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Immer die perfekte Deko im Kopf: ein Beispiel für die

kreativen Ideen der Dekorateurin Barbara Selz.

Äußerst beliebt bei gutem Wetter: die zahlreichen Plätze im Außenbereich.

Die Skulpturen des Unterallgäuer Künstlers

Horst Wendland passen perfekt in den Biergarten

des Antik-Hofs.

mit genügend Platz um alle Kinder toben

und springen lassen zu können. Die leckeren

Kuchen und regionalen Brotzeiten,

die absolut frisch zubereitet werden und

zum großen Teil von lokalen Zulieferern

stammen. Die nächste Komponente ist die

Lage des Hofes selbst. Wer durch den kleinen

Ort Günz an der Günz im Unterallgäu

fährt, dessen Blick bleibt mit Sicherheit

am wunderbar renovierten Bauernhof

hängen. Ein gepflegter Birnbaum wächst

am Spalier, die Fensterläden leuchten in

frischem Blau. Und der Hof und Garten

quillt meist nicht nur vor Gästen über,

auch die einzigartigen Kunstwerke, antiken

Gebrauchsgegenstände und buntgemischten

Deko-Artikel laden ein, sich das Ganze

unbedingt näher anzusehen.

»Eine erste Erwähnung hat der Hof

schon im Jahr 1650« erzählt Ludwig

Harzenetter junior, erworben habe ihn die

Familie jedoch erst vor rund 28 Jahren. Zu

Beginn diente er auch hauptsächlich als

Lager und Werkstatt, wie seine Schwester

Sarah Harzenetter berichtet. Die Anfänge

der Werkstatt von Restaurator Ludwig

Harzenetter senior liegen zwar in Memmingen,

jedoch waren dort die Räume

beengt und hauptsächlich zur Arbeit für

den dreifachen Familienvater gedacht. Der

Platz wurde deshalb in den 90er-Jahren

knapp. Ein weiteres Lager samt größerer

Werkstatt und Ausstellungsräumen mussten

her. Die passenden Räumlichkeiten

fand die Familie im alten Bauernhof, der

liebevoll renoviert und hergerichtet wurde.

Fortan diente der alte Stall als Platz für

die Maschinen und Gerätschaften für das

Restaurieren der antiken Möbel. Während

bis heute Dachboden und Scheune immer

noch eine Vielzahl antiker Schränke, Kommoden,

Tische und Stühle beherbergen.

Flohmärkte waren der Anfang

Für viele Jahre war der Hof im Günzer

Ortskern nur den Flohmarkt-Liebhabern ein

Begriff, denn die Familie Harzenetter öffnete

dort regelmäßig die Tore zum Verkauf von

Möbeln und anderer alter, teils auch skurriler

Gegenstände. Mittlerweile ist der Hof jedoch

vor allem im Sommer beliebter Anlaufpunkt

40

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Im großzügigen Garten steht auch ein früheres Backhaus.

für Radler, Oldtimerliebhaber, Touristen und Stammgäste. Dass

sich das geändert hat, daran ist eigentlich Mama Luise schuld: »Im

Urlaub waren wir regelmäßig unterwegs um uns in anderen Ländern

alte und antike Stücke anzusehen. Dabei war es in Belgien und

Holland Tradition, dass die Händler dort nicht nur einen Kaffee

anboten, sondern auch Kekse und kleines Gebäck für ihre Kunden

bereithielten«, erzählt Sarah Harzenetter. Ihrer Mutter gefiel das

so gut, dass sie diese leckere Tradition auch in Günz einführte und

so die Weichen für das jetzige Café stellte. »Meine Mutter ist eine

leidenschaftliche Bäckerin und hat schnell den Part für den Kuchennachschub

übernommen«, scherzt ihr Sohn Ludwig. Und dieser

Kuchen schmeckte wohl allen so gut, dass vor fast 15 Jahren die

ehemalige Wohnstube des Bauernhauses zu einer waschechten und

stilgetreuen Wirtsstube umfunktioniert wurde. Doch die gerade

mal fünf Tische reichten für den regen Zulauf mit der Zeit nicht

aus. Auch die Tenne wurde mit viel Liebe zum Detail, außergewöhnlichen

Möbeln und ausgesuchten Deko-Stücken zum urigen

Gastraum umgebaut und nun sind auch die beiden Räume im ersten

Stock für die Kunden des Cafés liebevoll hergerichtet. Man hat fast

das Gefühl in einer Zeitkapsel oder einem Filmset gelandet zu sein.

Die Werkstatt als Mittelpunkt

Sarah Harzenetter erinnert sich gerne an ihre Kindheit zurück und

wie alle drei Harzenetter-Kinder die Werkstatt des Vaters als Tummelplatz

geliebt haben. Es war daher kaum verwunderlich, dass sie

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den Holzwürmern befreien, Schäden ausbessern

und zu neuem Glanz verhelfen.« Kaum

zu glauben, aber im Café hilft die 38-Jährige

natürlich auch noch mit.

Viele außergewöhnliche Stücke

Auch in den oberen Gastzimmern stehen antike Möbel und einzigartige Flohmarktfunde

und bilden ein außergewöhnliches Gesamtbild.

»Sozusagen abgerundet wird das Familienquintett

von der Mittleren: Barbara Selz. Als

gelernte Dekorateurin trägt sie nicht nur viel

zum unverwechselbaren Ambiente des Cafés

bei, sondern sie sucht viele der außergewöhnlichen

Stücke in Garten und Hof zusammen

und arrangiert und begrünt sie mit ihrem

kreativen Händchen. Die freischaffende

Dekorateurin hat seit rund vier Jahren auch

in unserer Zeitschrift schon viele Hingucker

präsentiert und so manchem Fundstück

zu neuem Glanz verholfen. Außerdem ist

sie für den Ankauf der außergewöhnlichen

Deko-Artikel im Familienbetrieb zuständig,

die das abwechslungsreiche Angebot der

Harzenetters abrundet.

»Wir lieben alles Alte und ganz besonders

unseren Hof ! Uns macht die Mischung aus

Antiquitäten und Wirtschaft trotz der vielen

Arbeit immer noch absolut Spaß«, betont

Barbara Selz. Und das nimmt man ihr und

der ganzen Familie auch ab.

Text: Manuela Frieß;

Fotos: Anita Herta Kößler (2), Peter Roth (6) B

Die passende Deko für eine Familienfeier in der Tenne kann man bei der

Familie Harzenetter gleich mitbestellen.

Egg a. d. Günz

und ihr Bruder sich für den Beruf des Schreiners

entschieden haben. Doch nachdem sich

Ludwig junior mittlerweile hauptsächlich um

das Café kümmert, sind Sarah und ihr Vater

noch in der Werkstatt zugange. Die gelernte

Schreinerin hat zusätzlich in München Restauratorin

gelernt und unterstützt den Vater

bei den Arbeiten rund um die historischen

Stücke. Ob Malereien, das Ausbessern von beschädigten

Teilen oder das Beizen, Schleifen

und Wachsen: Sarah kümmert sich mit ihrem

fundierten Fachwissen gekonnt um alles, was

es rund um die Restaurierung eines antiken

Schmuckstückes zu tun gibt. »Den typischen

Schrank mit Allgäuer Bauernmalerei kaufen

heute die wenigsten. Aber die Nachfrage

nach Möbeln, die eben nicht von der Stange

sind, ist ungebrochen. Der Trend, mit hochwertigen

und einzigartigen Stücken seine

Wohnung absolut individuell einzurichten, ist

immer noch da. Und wir helfen dabei, indem

wir zum Beispiel die Erbstücke der Oma von

Holzgünz

St2020

Lauben

Antik-Hof

Günz a.d. Günz

Erkheim

Antik-Hof

www.antikhof-harzenetter.de

42

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Der Wisent –

ein König mit Zukunft?

46

4/2017


Der Mensch rottete sie in der

Wildnis aus – der Mensch

brachte sie wieder zurück!

Doch der König der Wälder

ist noch nicht über‘n Berg.

Deshalb hat die Zucht der

Wisente heute Priorität.

Im Donaumoos leben derzeit

31 Tiere in zwei Herden

und sind Hauptdarsteller im

»Wisentprojekt Donaumoos«.

4/2017

47


Auch mit spitzen Hörnern lässt´s sich schmusen. Wisente sind soziale Tiere mit einer

richtigen Familienstruktur.

»Dieser Ochs ist ein grimmiges

Thier / auch gleich seinem

ersten äußerlichen Anschauen

nach zu förchten«,

beschreibt Konrad Gessner 1606 in seinem

»Thierbuch« den Wisent. Die Kolosse sind

wirklich urig, zottig und respekteinflößend,

doch tragen sie Namen wie: Bonny, Dornröschen,

Donabella, Donauschnecke usw.!

Wir stehen vor der größten Wisentherde

Bayerns. Es ist Frühstückszeit! Den Arm

voller Zweige und mit einem Kübel mineralisiertem

Zusatzfutter gehen die Wisentbetreuer

Alfred Widmann und Gerd Beil zum

Gehege. Die Wisente warten schon. Das

sonst gesenkte Haupt ist hoch erhoben und

mit ihren schönen, dunklen Augen sehen sie

ihrer Mahlzeit erwartungsvoll entgegen. Ihr

Blick ist sanft. Tief ziehen sie die Luft ein

und blasen etwas aufgeregt. Steht man vor

ihnen, muss man den Blick schon nach oben

richten! Die Bullen können eine Höhe von

2 Metern, sowie eine Länge von 3,5 Metern

erreichen und bringen eine Tonne auf die

Waage – wirkliche Kraftpakete! Die Weibchen

sind ca. 1/3 kleiner. Doch von der

Freiheit trennt sie ein knapp 2 m hoher,

massiver Zaun. »Aus dem Stand können

Wisente locker zwei Meter hoch und drei

Meter weit springen!« berichtet Dr. Riedl,

der Tierarzt, »deshalb ist weideseitig noch

ein Elektrozaun angebracht. Und wenn sie

einmal rennen, erreichen sie Geschwindigkeiten

bis zu 60 km/h und hängen jeden

Olympiasprinter ab!« Ihr Anblick ist schon

beeindruckend und eine Attraktion der Region.

»Aber, obwohl sie sich an Menschen

gewöhnt haben, zahm sind und werden sie

nicht!«, merkt Riedl an.

Wie alles begann

Den Anfang machten Nox und Nola, zwei

Wisente aus dem Tiergarten Nürnberg.

2002 kamen sie im Donaumoos an und mit

noch drei weiteren Wisenten vom Damerower

Werder in Mecklenburg-Vorpommern

gründeten sie die erste kleine Wisentherde

am HAUS im MOOS. Idyllisch gelegen,

schmiegt sich diese Umweltbildungsstätte

mit Museum und gleichzeitigem Tagungszentrum

mit Übernachtungsmöglichkeiten

in die Niedermoorlandschaft bei Kleinhohenried-Karlshuld.

Im weiteren Umkreis

48

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Mit einem Jahr werden Wisente selbstständig und sind in »Teenagercliquen« unterwegs.

Das ist auch für ein Wisentbaby interessant!

liegen die Städte Ingolstadt, Schrobenhausen

und Neuburg an der Donau, die das

180 km 2 große Donaumoos, eines der

größten Niedermoorgebiete Süddeutschlands,

umschließen. Hier leben auf ca. 20 ha

großen Niedermoorwiesen zwei Wisentherden,

die im Laufe der Jahre mit Wisenten

aus deutschen, schwedischen und schweizerischen

Schutzprojekten weiter vergrößert

wurden. Es ist ein erfolgversprechendes

Projekt. Grünlandmehrung – Weidelandschaft

– Tourismusförderung – das sind

die Leitlinien des Entwicklungskonzept

Donaumoos 2000–2030. Und natürlich die

Zucht der braunen Giganten. Dr. Johannes

Riedl betreut als Veterinär von Anfang an

die Tiere und weiß bestens Bescheid: »Man

muss jedes Tier genau kennen und es gezielt

verpaaren. Nur so kann man eine möglichst

großflächige, genetische Vielfalt sicherstellen

und Inzucht vermeiden«, erklärt er.

Ziel und Zweck des »Wisentprojektes« ist

außerdem, der Verbuschung ausgewählter

Grünflächen mit den Pflanzenfressern

entgegenzuwirken.

Lang, lang ist´s her, da war das Donaumoos

noch ein intaktes Niedermoor. »Erst

kürzlich« – vor 200 Jahren – wurde das

Moor für die landwirtschaftliche Nutzung

umgestaltet. 470 km Entwässerungsgräben

und eine gezielte Düngung des nährstoffarmen

Moorbodens machten eine Besiedelung

und somit Landwirtschaft möglich.

70% der landwirtschaftlichen Flächen werden

zurzeit ackerbaulich genutzt. Für den

Rest suchte man eine kostengünstige und

nachhaltige Lösung, um die Grünflächen

offen zu halten und fand dafür Wisente!

Einst war er der König der Wälder

Vor ewig langer Zeit streiften Wisente

noch in großer Zahl durch Europas Wälder.

Doch schon ab dem 11. Jahrhundert begann

ihre Dezimierung durch Lebensaumverlust

und Jäger und auch aus der Landschaft

des heutigen Deutschland verschwand

der Wisent langsam zwischen dem 14. und

16. Jahrhundert. Die verbliebenen Populationen

dieser majestätischen Kolosse

schrumpften weiter und fielen dem Lebensraumverlust,

danach den Kriegswirren und

dem Hunger vieler Soldaten, sowie letztendlich

Wilderern zum Opfer. 1919 wurde der

letzte Flachlandwisent in Polen und 1927

der letzte Kaukasuswisent getötet und somit

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Neuburg

an der Donau

Manching

Schrobenhausen

HAUS im

MOOS

A93

A9

Augsburg

A8

Freising

A92

HAUS im MOOS,

Freilichtmuseum und

Umweltbildungsstätte

Kleinhohenried 108, 86668 Karlshuld

Tel.: 08454/95205, www.haus-im-moos.de

www.wisentprojekt.de

Öffnungszeiten:

• Sommersaison (1.4.– 31.10.):

Dienstag-Freitag 8.00–17.00 Uhr

Samstag

13.00–17.00 Uhr

Sonntag/Feiertag 11.00–17.00 Uhr

Karfreitag geschlossen

• Wintersaison (1.1.–31.3. + 1.11.–31.12.):

Dienstag-Donnertag 8.00 –17.00 Uhr

Freitag

8.00–13.00 Uhr

Samstag, Sonntag, Feiertag geschlossen

1. November–31. Dezember sind

das Freilichtmuseum und das Außengelände

geschlossen

Gebühren (Eintritte, Führungen):

Erwachsene 2,50 €

ermäßigt 1,00 €

Kinder bis 8 Jahre

frei

Familien 5,00 €

Führung (Schwerpunkt auf Wunsch),

Standard 1,5 Std., 30 Euro/Std.;

Weitere Regelungen im

Gebührenrahmen auf Anfrage.

Klein-Wisent schaut genau zu, was Mama so alles frisst. Denn nach drei Monaten Muttermilch

nascht es schon die ersten Gräser.

war das größte und schwerste Landsäugetier

in freier Wildbahn ausgerottet. Gut, dass in

einigen Tierparks und Zoos noch 54 Tiere

überlebten.

Fortbestand sichern

Schnell erkannte und ergriff man die Chance,

gründete die Internationale Gesellschaft

zur Erhaltung des Wisents und begann mit

der Zucht der Tiere. Doch nicht alle Tiere

waren geeignet. 30 Jahre dauerte es und

1952 war es dann soweit: Die ersten Tiere

wurden im polnischen Urwald von Bialowieza

ausgewildert. Zwar wandern heute

wieder wilde Herden dieser letzten europäischen

Vertreter der Wildrinder durch

ihre ursprünglichen Heimatgebiete (der

weltweite Bestand liegt bei etwas über 6000

Tieren; davon 4000 in freier Wildbahn,

verteilt auf 8 Länder), doch, da sie nur von

12 Tieren abstammen, ging ihre genetische

Vielfalt verloren. »Das kann drastische Folgen

haben«, warnt Riedl, »verändert sich

unsere Umwelt immer stärker, könnten die

Tiere damit schlechter zurechtkommen. Sie

sind sich zu ähnlich und alle an das gleiche

angepasst.« Doch Auswilderung steht im

Donaumoos nicht zur Debatte. Man will einen

wertvollen Beitrag zur Erhaltungszucht

des größten, frei lebenden, europäischen

Landsäugetieres leisten.

Sommer – jetzt ist im Donaumoos allerhand

los. Von Mai bis Mitte August wird

das Wisentgehege zur Kinderstube und

lockt zahlreiche Besucher an. 20–25 kg

wiegen die Kälbchen bei der Geburt und

schon nach einer halben Stunde stehen

sie, auch wenn noch auf etwas wackeligen

Beinen. Elf Kälber erblickten 2015 das

Licht der Welt und vier Kälber 2016. Alle

zwei Jahre ist eine Kuh trächtig. Leiter

des Bereichs Umweltbildung und Dipl.

Biologe Pankraz Wechselberger ist immer

wieder begeistert. »Sieht man die Kleinen

dann munter mit der Herde mitlaufen –

ist das schon toll!« Doch trotz Zaun ist

Vorsicht angebracht. Wisente sind gute

Mütter! Niemand darf ihren Jungen zu

nahe kommen und oft verstecken sie ihren

Nachwuchs sicherheitshalber hinter sich.

Wisente leben in Familienverbänden bis

zu 20 Tieren. Das Sagen hat eine erfahrene

Kuh – die Leitkuh. Es herrscht eine stabile,

soziale Rangordnung mit einem respektvollen

Umgang untereinander. Werden die

50

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Wisentbullen sind um 1/3 größer als Wisentkühe,

doch das gemeinsame Merkmal ist der

hohe Buckel – der Widerrist und dass auch

die Damen einen Kehlbart tragen. Aber wie

es so ist bei den Herren, kann bei ihnen der

Bart bis zu 34 cm lang werden!

Bullen älter, spalten sie sich von der Herde

ab und leben in Zweier- oder Dreiergruppen

oder als Einzelgänger. Der Tagesrhythmus

der Tiere lässt sich vor allem von der

Aussichtshütte am besten beobachten.

Fressphasen wechseln sich mit Ruhephasen

und dem Wiederkäuen ab. Morgens und

abends sind sie besonders aktiv. »Vor allem

im warmen Morgenlicht ist der Anblick

der Herden auf den mit glitzernden Tauperlen

überzogenen Weiden ein Genuss!«,

schwärmt Wechselberger. »Außerdem

kommt dann im Gegenlicht das einzigartige

Wiesenmosaik, welches durch das

Freßverhalten der Tiere entsteht, besonders

schön zur Geltung.

Gräser werden selektiert

Kurzrasige und langrasige Stellen bilden

helle und dunkle Muster – einfach

faszinierend.« Denn, von den Vegetariern

werden einmal da besondere Kräuter

genascht, dort Gräser geknabbert und was

nicht schmeckt, wird stehengelassen!

Das gewollte Nebenprodukt dieser kleinstrukturierten

Flächen wird zum idealen

Lebensraum für viele Insekten, wie z.B.

Heuschrecken. Diese wiederum sind Nahrung

für etliche Vögel. So tummeln sich

oft Starenschwärme auf den Wiesen, die

mit den Sperlingen auch die angebotenen

Nistkästen beziehen. Hinter dem Wisentgehege

zieht schon seit Jahren erfolgreich

ein Weißstorchenpaar seine Jungen groß

und ist ein weiteres Highlight. Diese Floraund

Faunavielfalt ist beeindruckend und

wird mitgefördert.

Mit der Zucht der Wisente sieht es also

gar nicht so schlecht aus. Aber Wisente,

die wieder wie in Urzeiten dauerhaft durch

Deutschlands Wälder stapfen? Der erste

Auswilderungsversuch im Rothaargebirge

polarisiert schon die Gemüter!

Text: Patricia Hofmann;

Fotos: Naturfoto Hofmann;

Freisteller: elmm/shutterstock.com B


Kräuterpower

im Sommer -

erfrischende Kraftquelle für

Körper, Geist und Seele

Petra Le Meledo-Heinzelmann aus

Durach ist Kräuterfrau und Allgäuer

Wildkräuterführerin.

Als Buchautorin macht sie Führungen,

gibt Seminare und Kurse.

Wer liebt den Sommer mit heißen

Badetagen und angenehm lauen Nächten nicht?

Für mich der richtige Zeitpunkt, inne zu halten

und unsere heimischen Wild- und Gartenkräuter

in den verschiedensten Sommergetränken und

4/2017

58 Speisen zu genießen.


W

ildkräuter schenken uns seltene

Vitalstoffe und wertvolle Heilsubstanzen.

Wildkräuter sorgen beim Kochen

für guten Geschmack, passen hervorragend

in Salate, Suppen, Pestos, Gewürzmischungen,

Smoothies und Erfrischungsgetränke.

Wenn man sich erst einmal auf das Thema

eingelassen hat, kommt man nicht mehr

davon los.

Wild- und Gartenkräuter strotzen nicht

nur vor leistungssteigernden und immunstärkenden

Heilkräften, sondern bieten

sich auch für erfrischende und lecker

schmeckende Getränke und Speisen im

Sommer an.

»Der Grüne Smoothie« etwa, mein Lieblingsgetränk,

ein feiner, leckerer, cremiger

Drink voll mit Vitaminen, Chlorophyll

und Mineralstoffen ist gerade im Sommer

ein erfrischender Kraftspender. Kräuter

enthalten Elemente wie Chlorophyll und

Carotine, dazu kommen Vitamin C und

Ballaststoffe. Diese Stoffe wirken positiv

auf den Verdauungsapparat, regulieren

den Kreislauf, unterstützen den Stoffwechsel

und schmecken lecker.

Bestens hierfür geeignet sind meine

Favoriten Brennnesseln, Löwenzahn, Klee

oder Giersch, sie werden meist nur als

unerwünschtes Unkraut lieblos aus dem

Garten entfernt. – Bis man

sie einmal gegessen oder

getrunken hat.

Der Kräuterkundige

findet sie, wer keinen

Garten hat, ganz

umsonst auf

jeder Allgäuer

Wiese. Gerade

im Sommer bereitet es

mir besonders Freude,

den Menschen hier

die Kräuter näher zu

bringen.

Leckerer Sommersmoothie

( 6–8 Personen) :

1 Apfel, 1 Banane, Saft 1/2 Zitrone, 1 Glas Wasser (besonders fein schmeckt Blütenwasser),

2–3 getrocknete Datteln, 1 Essl. Cashewkerne, 1–2 Handvoll Kräuter

z.B. Brennnessel, Löwenzahnblätter, Zitronenmelisse, Giersch, Rosenblätter

Alle Zutaten in einen Mixer geben, auf fein pürieren, evtl. mit Crash-Eiswürfel

servieren.

(Falls kleiner Mixer zur Hand, dann bitte die Menge halbieren.)

Giersch

Giersch, gerade im Sommer unerlässlich,

wächst überall und ist das

wohl unbeliebteste Unkraut des

Gärtners. Dabei hat der Giersch

so viel zu bieten. Als ausgesprochenes

Vitamin-C-Kraut bekannt

enthält er viermal so viel Vitamin

C wie eine Zitrone, 13mal so viele

Mineralstoffe wie der Grünkohl

und noch viele andere, gesundheitsdienliche

Pflanzenstoffe. Er ist

ein altbekanntes Mittel gegen die

Gicht, treibt den Harn, ist krampflösend

und entsäuert den Körper.

Die jungen Triebe sind

lecker in frischen

Salaten, ältere Blätter

eignen

sich zum

Kochen

als Spinat und

als Zugabe zu

vielen Speisen.

Auch einfaches Kräuterblütenwasser,

wie Rosenblüten-, Zitronenmelissen-,

Pfefferminz-Wasser wirken Wunder

und sind Balsam für Körper und Seele.

Einfaches Blütenwasser:

In einen 1-l-Glaskrug eine

Handvoll der gewünschten

Kräuter oder Blüten geben.

Man kann sie auch nach Geschmack

mischen. Die meisten

Kräuter geben schon nach

wenigen Minuten ihren Geschmack

an das Wasser ab. Wer

möchte, kann noch Zitronenscheiben

und/oder Eiswürfel

dazugeben.

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Nachfolgendes Rezept wäre manch

einem Gartenliebhaber wohl im Traum

nicht eingefallen:

Blütentraum mit Avocado

(2 Personen)

1 weiche Avocado aushöhlen und

mit 2 EL Zitronensaft pürieren.

60 g Ricotta oder Frischkäse mit

3 EL Milch, Salz und Pfeffer

schaumig rühren und zum

Avocadopüree geben. Nun 2–3

EL klein gezupfte Giersch- und

Gänseblümchenblüten (je nach

Geschmack können auch andere

Kräuter wie z.B. Gundelrebe,

Rauke, Petersilie dazugegeben

werden) unterheben und mit

den frischen Dolden des Giersch

und Blüten des Gänseblümchens

dekorieren. Genießen kann man

diesen Traum als Snack zwischendurch

oder zu einem bunten Salat

mit Dinkelbaguette serviert als

Sommerhauptspeise.

Lavendel, diese hübsche, duftende mediterrane Pflanze hat schon seit Jahrhunderten

in unseren Gärten seinen festen Platz gefunden.

Bekanntermaßen entspannt und beruhigt Lavendel, daher ist mein nachfolgendes

Rezept nach einem stressigen Arbeitstag im Hochsommer Labsal für die Seele.

Lavendelcreme

(4 Personen)

1 EL frische Lavendelblüten, 3 EL

trockener, fruchtiger Weißwein,

250 g Mascarpone, 250 g Joghurt,

50 ml Lavendelsirup, 1 Ei.

Die Lavendelblüten im Weißwein

30 Min. ziehen lassen. Die Mascarpone,

den Joghurt und das Eigelb

zu einer cremigen Masse schlagen.

Den Wein filtern, mit 50 ml

Lavendelsirup mischen, anschließend

unter die Mascarponecreme

ziehen. Das steifgeschlagene

Eiweiß unter die Masse mischen.

Zum Kühlen in den Kühlschrank

stellen. Vor dem Servieren mit

Blüten dekorieren.

Lavendelcreme

Lavendelsirup

100 g Zucker, 180 ml Wasser,

10 Lavendelblütenstängel.

Den Zucker ins Wasser geben,

langsam, unter ständigem Rühren

zum Kochen bringen. Nach 5

Minuten das Zuckerwasser von

der Herdplatte nehmen, kurz

abkühlen lassen, die Lavendelblütenstängel

dazugeben und

24 Stunden ziehen lassen, je nach

Geschmack 1–2 Zitronenscheiben

dazugeben. Anschließend die

Stängel entfernen, den Sirup

(2 Wochen) im Kühlschrank aufbewahren.

Bei größeren Mengen

kann man den Sirup auf 70 Grad

erhitzen und dann in Flaschen

füllen, so bleibt der Sirup 1–2

Jahre haltbar.

Blütentraum mit Avocado

Lavendelsirup

60

4/2017


Erhitzen

Öl hinzugeben

Brennnesselaufguss hinzufügen

ätherisches Öl unterrühren

Meine Empfehlung für die sommerstrapazierte

Haut:

Ein wertvolles Rezept mit der Brennnessel,

einer Königin der Heilpflanzen.

Denn sie ist reich an Vitaminen,

Eisen, Kieselsäure, Gerbstoffen und

anderen Mineralien, was Sie zu einem

Allrounder unter den Heilkräutern

macht:

Brennnessel-Gesichts-

Feuchtigkeitscreme

für die sonnenstrapazierte

Haut

2 TL Bienenwachs, 1 TL

Lanolin, 2 TL Kakaobutter,

1 EL Mandelöl und 1EL

Weizenkeimöl unter ständigem

Rühren erhitzen und

schmelzen. Der Fett-Wachs-

Mischung (ca. 70 Grad) 4 EL

starken Brennnesselaufguss

langsam beigeben. Von der

Platte nehmen und im Topf

während des Abkühlens

solange schlagen, bis eine

cremige Konsistenz entsteht.

Anschließend in kleine Töpfchen

füllen. (Evtl. Teigschaber

verwenden). Für den Duft

können noch einige Tropfen

Rosenöl oder ein andere

Duft zugefügt werden. Bald

verbrauchen.

Wichtig ist mir auch, auf die seelische

Wirkung der Sommerkräuter hinzuweisen.

So hilft z.B. die Brennnessel unserem

Willen, das Alte, Verbrauchte, Kraftlose,

Überfällige zu entfernen und somit Raum

für Neues, zu schaffen und die Führung im

eigenen Leben zu übernehmen.

Mein persönlicher Tipp:

Sollten Sie wenig Zeit haben die Rezepte

in die Tat umzusetzen, dann setzen oder

legen Sie sich in eine Sommerwiese und

lassen dort einfach die Seele baumeln.

Wir nehmen auch auf diese Weise die

wohltuende Energie der Pflanzen auf.

Weitere Infos: www.allgaeuer-kraeuter-erleben.

de. Hier finden sie die Termine in

Durach und für die monatlich stattfindenden

Kräutertage mit Petra Le Meledo-

Heinzelmann für Kinder und Erwachsene

im Allgäu Museum Kempten.

Text: Petra Le Meledo-Heinzelmann; Fotos: Anita Herta

Kößler (8), Oksana Mizina/Shutterstock.com (1),

Manfred Ruckszio/Shutterstock.com (1), Africa Studio/

Shutterstock.com (1);Illustration: Christine Pfob (1) B

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Heidelbeeren –

die Gesundheitswunder

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Blau, rund und gesund,

die kleinen Superfood-Beeren

verfeinern Süßes und Herzhaftes.

Ob Smoothie, Vinaigrette oder

Tarte – farblich ziehen unsere

Heidelbeerrezepte alle Blicke

auf sich.

Heidelbeer-Vinaigrette

für beerigen Sommersalat

Text, Rezepte & Fotos: Mareen Kurray B

Zutaten für ca. 250 ml Vinaigrette

125 g Heidelbeeren (TK, aufgetaut), 3 EL Balsamico Bianco Essig, 2 EL Honig,

1 EL Limettensaft, 6–8 EL Olivenöl, 1 TL Dijonsenf, Salz und Pfeffer nach Belieben

Für den Salat

200 g Baby-Blattsalat Mix (z.B. Spinat, Mangold und Ruccola),

125 g frische Beeren, 100 g Feta, 2 EL geröstete gehackte Mandeln

Zubereitung

1. Für die Vinaigrette alle Zutaten im Multi-Zerkleinerer miteinander

mixen und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

2. Für den Salat, die Blattsalate waschen und putzen und auf 4 Salattellern anrichten,

die Beeren darauf verteilen, den Feta darüber krümeln, mit den gerösteten Mandeln

bestreuen und der Vinaigrette beträufeln.

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Flammkuchen mit Feta und Heidelbeeren

Zutaten für 4 Personen

Für den Hefeteig

350–400 g Mehl Type 550, 1 TL Salz,

2 EL Olivenöl, 200 ml warmes Wasser,

½ Würfel Hefe, 1 Prise Zucker

Für den Belag

2 rote Zwiebeln, 1 EL Olivenöl,

2 EL Honig, 300 g Crème Fraîche,

Salz und Pfeffer nach Belieben, 150 g Feta,

125 g frische Heidelbeeren,

2 EL fein geschnittene Schnittlauchröllchen

Zubereitung

1. Für den Hefeteig 350 g Mehl und das Salz in einer Rührschüssel vermengen, in der

Mitte eine Mulde formen, das Öl auf dem Mehlrand verteilen. Die Hefe mit dem

Zucker im warmen Wasser auflösen, in die Mulde geben und mit den Knethaken

vermengen. So viel des übrigen Mehls einarbeiten, bis ein geschmeidiger nicht mehr

klebender Teig entsteht und einige Min. lang gut von Hand durchkneten. Zugedeckt

an einem warmen Ort etwa 45 Min. lang gehen lassen.

2. In der Zwischenzeit die Zwiebeln karamellisieren, dazu die Zwiebel schälen,

halbieren und in dünne Streifen schneiden. In einer Pfanne das Öl erhitzen, die

Zwiebelstreifen darin 5 Min. andünsten, den Honig dazu geben und unter Rühren

karamellisieren lassen, vom Herd nehmen und abkühlen lassen.

3. Den Backofen vorheizen und 2 Bleche mit Backpapier auslegen.

4. Den Teig in 4 gleichgroße Stücke teilen und jeweils zu einem

länglichen Flammkuchen dünn ausrollen und je zwei auf ein

Blech legen. Die Crème Fraîche mit Salz und Pfeffer würzen

und auf die vier Teigstücke streichen, den Feta darüber krümeln,

die Zwiebeln und die Heidelbeeren darauf verteilen.

Im vorgeheizten Ofen auf der untersten Schiene backen.

Backzeit 10–13 Min. bei 240 °C Ober-/Unterhitze

5. Die Flammkuchen mit den Schnittlauchröllchen

bestreuen und servieren.

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Heidelbeer-Streusel-Schnitten

Zutaten für eine 24x24 cm

oder Ø 26 cm Springform

Für den Boden und die Streusel

375 g Weizenmehl Type 550, 200 g Zucker, 1 TL Backpulver,

1 Prise Salz, 225 g + etwas kalte Butter, 1 Ei (M)

Für die Heidelbeerfüllung

400 g frische Heidelbeeren, 100 g Zucker, 4 EL Stärke,

Saft von einer Limette

Zubereitung

1. Die Springform mit Backpapier auslegen und den Rand

mit etwas Butter fetten. Den Backofen vorheizen.

2. Für den Boden und die Streusel, das Mehl, den Zucker,

das Backpulver und das Salz in einer Rührschüssel

vermengen, die Butter in Würfeln dazu geben und rasch

einarbeiten, das Ei hinzufügen und kurz unterkneten.

Die Hälfte des Teiges auf dem Boden der Springform

verteilen und andrücken.

3. Die Heidelbeeren mit dem Zucker der Stärke und dem

Limettensaft vermengen und auf dem Kuchenboden verteilen.

Den restlichen Teig als Streusel darüber verteilen. Die Streuselschnitten

im vorgeheizten Ofen goldbraun backen.

Backzeit 40–45 Min. bei 200 °C Ober-/Unterhitze

(180 °C Umluft)

4. Die Heidelbeer-Streusel-Schnitten auskühlen lassen,

dann aus der Form lösen und aufschneiden.

Text, Rezepte & Fotos: Mareen Kurray B

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Heidelbeer -Frischkäse-Tarte

ohne Backen

Zutaten für eine Tarteform mit 26 cm

Für den Krümelboden

150 g Haferkekse oder Vollkornbutterkekse,

2 EL Puderzucker, 75 g geschmolzene Butter

Für die Frischkäsecreme

300 g Heidelbeeren (TK, aufgetaut), 12 Blatt Gelatine,

600 g Doppelrahmfrischkäse, 160 g Zucker,

1 Vanilleschote, 1 Bio-Limette, 400 g Schlagsahne

Zum Belegen

ca. 500 g frische Heidelbeeren, optional

Zubereitung

1. Den Boden einer 26 cm Springform mit Backpapier auslegen.

2. Für den Keksboden die Kekse im Multizerkleinerer fein hacken

oder in einen Gefrierbeutel geben und mit dem Nudelholz fein

hacken. Mit dem Puderzucker und der geschmolzenen Butter

vermengen. Gleichmäßig auf dem Boden der Springform verteilen

und mit einem Löffel gut andrücken und glatt streichen,

bis zur weiteren Verarbeitung kalt stellen.

3. Für die Frischkäsecreme die Gelatine in kaltem Wasser einweichen.

Die aufgetauten Heidelbeeren mit dem Pürierstab fein

pürieren. Den Frischkäse mit dem Zucker, dem Mark der Vanilleschote,

dem Abrieb der Bio-Limette verrühren. Nach Belieben

mit etwas Limettensaft verfeinern. Das Heidelbeerpüree unter

die Frischkäsecreme rühren. Die Sahne steif schlagen.

4. Die Gelatine gut ausdrücken und in einem kleinen Topf

bei schwacher Hitze vorsichtig auflösen und vom Herd

nehmen. 4 EL der Frischkäse-Heidelbeercreme unter

Rühren zur Gelatine hinzugeben, weitere 3–4 EL

einrühren, dann diese Masse unter die restliche

Frischkäse-Heidelbeercreme rühren. Die Sahne

unter die Frischkäse-Heidelbeercreme

heben und alles auf dem gut gekühlten

Keksboden verteilen uns glatt streichen.

Mit Frischhaltefolie abdecken und

mindestens 4 Stunden, am besten

über Nacht im Kühlschrank kalt

stellen.

5. Aus der Form lösen und nach

Belieben mit frischen Heidelbeeren

belegen.

TIPP

Auch als geeiste Tarte sehr lecker,

dazu über Nacht einfrieren und

30 Min. vor dem Servieren aus

dem Tiefkühler nehmen.

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Heidelbeer-

Frühstücks-Smoothie

Zutaten für 2 Smoothies

125 g Heidelbeeren (frisch oder TK), 250 ml Milch oder Mandeldrink,

200 g Naturjoghurt, 1 Banane (frisch oder am Tag vorher in Stücken eingefroren),

3 EL fein gemahlene Mandeln, 3 EL fein gemahlene Dinkelflocken,

Agavendicksaft nach Belieben

Zubereitung

Text, Rezepte & Fotos: Mareen Kurray B

1. Alles zusammen bis auf den Agavendicksaft

in einen starken Mixer geben

und fein mixen, nach Belieben mit

Agavendicksaft süßen. Auf zwei

Gläser verteilen und gleich

servieren.

TIPP

Auch als Smoothiebowl sehr lecker,

dazu zum Schluss noch 2 EL Chiasamen

kräftig unterrühren, 15 Min. ziehen

lassen, nochmals durchrühren, auf zwei

Müslischalen verteilen, mit frischen

Beeren und gehackten Nüssen verzieren.

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In Missen-Wilhams gibt es seit Dezember

eine Molkerei, die nur Heumilch verarbeitet.

Die Milch kommt u.a. vom Bauernhof der

Familie Fischer aus Waltenhofen.

Die Rückkehr

der Heumilch

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Um die harte Arbeit der Bauern zu honorieren, zahlt die Molkerei mindestens

40 Cent pro Liter inkl. Qualitätszuschlag. Der Preis ist für fünf Jahre garantiert.

Dafür verpflichten sich die Bauern, ihre Milchkühe nach den Richtlinien der

ARGE Heumilch Deutschland e.V. zu füttern und zu pflegen.

F

amilie Fischer hat einen Stall, Kühe,

Heu und sogar einen Nachfolger.

Das einzige, was ihnen fehlt, ist ein fairer

Milchpreis. Zeitweise gab es gerade noch

24 Cent pro Liter. »Das deckte nicht mal

die Kosten«, erinnert sich Karl Fischer.

Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken,

sah sich die Familie nach Alternativen um.

Sie kamen mit Johannes Nussbaumer und

Matthias Haug ins Gespräch. Die beiden

Männer hatten vor, eine Molkerei im Allgäu

zu gründen. Eine Molkerei gründen?

Wo doch in den letzten Jahren Molkereien

eher schließen. Dann noch eine, die

Joghurt und Trinkmilch herstellt und die

»Weiße Linie« wieder fährt? Ein bisschen

verrückt hat sich das schon angehört.

Andererseits: Die beiden Männer glauben

so fest an die Idee, dass sie über 3 Millionen

investieren. Außerdem haben sie über 20

Jahre Erfahrung in der Milchwirtschaft.

Nussbaumer ist Geschäftsführer der Bergkäserei

Diepolz, Haug war sieben Jahre

lang Produktionsleiter bei der Andechser

Molkerei.

Nische finden

Eine Chance hat, wer eine Nische findet,

wer sich spezialisiert und etwas besonderes

anbietet. So wird in der Molkerei nur Allgäuer

Heumilch verarbeitet. »Das ist eine

Vorstufe zu Bio«, erklärt Karl Fischer. Die

Kühe bekommen frisches Gras und Heu.

Silage und genveränderte Futtermittel

werden nicht verfüttert. Zudem wünscht

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Für den Molkerei-Gründer Johannes Nussbaumer ist es unbegreiflich, dass es im

Milchland Oberallgäu keine eigenständige Molkerei mehr gibt.

Ob auf dem Bauernhof oder in der Molkerei: Die Familie spielt eine große

Rolle. Auch bei den Gründern Johannes Nussbaumer und Matthias Haug.

sich die Molkerei, dass die Kühe ausgetrieben

werden und, soweit das möglich ist, noch

Hörner haben. Daneben versuchen die

Landwirte auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten.

Dafür bekommen sie mindestens

40 Cent pro Liter. Das ist einen Versuch

wert, findet Familie Fischer.

Um mitzumachen, müssen die Fischers

tief in die Tasche greifen. Wer Heumilch

produziert, braucht Heu. Und Platz dafür.

Die Heuhalle kostet eine dreiviertel Million.

Eine riesige Investition. Hinzu kommt:

Die Familie führte viele Jahre gemeinsam

mit einem benachbarten Landwirt den

Betrieb. Der entschloss sich, die Landwirtschaft

aufzugeben.

Nicht ohne meine Kühe

Innerhalb weniger Tage muss sich die

Familie entscheiden: Bauen wir die Halle?

All die Investitionen für eine Molkerei,

die es zu diesem Zeitpunkt noch gar

nicht gibt? Geben wir einige der 90 Kühe

ab? Schaffen wir das als Familie alleine?

Oder verkleinern wir den Betrieb und

Karl, David und Sabine Fischer sind

überzeugt von der Heumilch.

überbrücken die paar Jahre bis zur Rente?

Die Augen richteten sich auf David, den

27-jährigen Sohn der Familie. Er ist wie

sein Vater Landwirtschaftsmeister. Solch

eine Investition hat nur Sinn, wenn er auch

die nächsten Jahrzehnte Landwirt bleibt.

Seine Antwort war eindeutig. Eine Leben

ohne Kühe, sagt er, kann er sich nicht

vorstellen.

Seine Mutter Sabine erinnert sich: Wenn

ihr Sohn früher von der Schule kam, ging

er erst in den Stall zu den Kühen. Ohne

die Tiere kann er nicht. Und natürlich hat

er im Stall seine Lieblinge. Als der Viehhändler

kam und Olina, die mit 15 Jahren

älteste Kuh im Stall, auf den Hänger laden

und zum Schlachter fahren wollte, schritt

David ein und führte die Kuh zurück in

den Stall.

Auf Augenhöhe

Der Familie gefällt, dass die sich die neue

Molkerei und die Landwirte auf

Augenhöhe begegnen. Alle

sitzen im gleichen Boot.

Geht die Sache schief,

haften alle mit ihrem

Privatvermögen.

Deshalb sind

alle mit ganzem

Einsatz dabei. Sabine

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Seit Dezember läuft die Produktion. Fast täglich kommen neue Produkte hinzu.

Wie Zitronenthymian-Käse oder Schwarze Johannisbeere-Joghurt mit Brennnesseln.

Fischer etwa tourt durch die REWE-Märkte

und stellt die Milch vor. Als Landwirtin

kann sie die Fragen der Verbraucher

authentisch beantworten. Sie merkt

dabei immer wieder, dass die Verbraucher

von den vielen Siegeln überfordert sind

und nicht mehr wissen, was sie glauben

können.

Hirnbeins Erben

Alle zwei Tage fährt das Milchauto bei

den Fischers und weiteren fünf Landwirten

vorbei. Die 14.000 Liter Milch fährt es

nach Missen-Wilhams in die Molkerei. Zusätzlich

liefert ein Biobauer die Heumilch.

Nun hat es mit der Lage der Molkerei in

Missen-Wilhams etwas ganz besonders auf

sich. Hier wohnte Carl Hirnbein. Wer sich

mit dem Allgäu und der Milch beschäftigt,

der stößt eher früher als später auf dessen

Namen. Carl Hirnbein war Agrar-Reformer

und verschaffte der Milchwirtschaft einen

Aufschwung. Wer weiß, vielleicht findet

jetzt, 200 Jahre, später, eine ähnliche Revolution

statt. Zurück zum Ursprung, zurück

zur Heumilch.

Der Plan scheint aufzugehen. Die Molkerei

produziert seit Dezember. Sie will in den

nächsten Monaten mindestens nochmal

doppelt so viele Landwirte aufnehmen,

weiter anbauen und weitere sechs Mio.

Euro investieren. Auch weitere Produkte

wie Sauerrahm und Quark sind in nächster

Zeit geplant. Es ist allen Beteiligten zu

wünschen, dass sich dieser Mut – denn

nichts anders ist Verrücktheit – auszahlt.

Die Chancen stehen gut.

Text: Monika Läufle; Fotos: Allgäuer Hof-Milch/

Rohde-Fotografie; Freisteller: © jan stopka – Fotolia.com B

Verkauf und Hof-Fest

Am 15. Juli findet bei der Hofmilch-Molkerei

in Missen-

Wilhams ein großes Hof-Fest statt.

Mit regionalem Markt, Führungen

und Kinderprogramm.

Weitere Informationen auf

www.hof-milch.de.

Die Hofmilchprodukte

sind

bayernweit in allen

REWE-Märkten

erhältlich.

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