SO LEBT ES SICH IN DEUTSCHLAND - Kommt 'rein

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SO LEBT ES SICH IN DEUTSCHLAND - Kommt 'rein

Gerhard Westrich/laif

D 3/2012 € 4,70

Forum für Politik, Kultur und Wirtschaft

www.deutschland.de

Interview: Wolfgang Schäuble

Das Mosaik der

Euro-Rettung

Arbeitsmarkt

Die Blaue Karte

für internationale

Fachkräfte

Portfolio

Die Inseln der

Möglichkeiten

SO LEBT ES SICH

IN DEUTSCHLAND

34 SEITEN ÜBER LEBENSquaLITäT


Entdecken Sie die Welt neu

Erleben Sie die neue DW: Mit einem neuen Design, neuen Programmen und

einer neuen Online-Plattform informieren wir Sie jetzt noch umfassender.

Nur eines bleibt beim Alten: unsere Verlässlichkeit.

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PROLOG

5Gründe,

diese Ausgabe

zu lesen . . .

LIEBE LESERINNEN UND LESER, ich lebe in Frankfurt am Main und

zeitweise in Berlin und alle sagen: toll, lebendige Städte, super Kulturangebote

– hohe Lebensqualität. Ja, stimmt schon, antworte ich.

Und es stimmt ja auch. Aber Lebensqualität ist mehr als ein Stadtgefühl

oder ein individuell erfahrbares Lebensgefühl. Nein, nicht

jede Zweizimmerwohnung mit einer Platane davor, einem Fetzen

Himmel als Aussicht und einer angeblich coolen Lounge in fußläufiger

Entfernung steigert die Lebensqualität. Hinter der marketingsprachlich

sinnentkernten Vokabel verbirgt sich bei tieferer

Bohrung sogar ein ziemlich dickes Brett: weil die Frage nach dem

Eigentlichen dessen, was Lebensqualität ausmacht, gesellschaftliche

und wirtschaftliche Paradigmen infrage stellt: Wie wollen wir

leben? Wie wollen wir arbeiten? Gibt es Wirtschaft ohne Wachstum?

Wir stellen Ihnen Menschen vor, die für ein Mehr an persönlicher

Lebensqualität „auf die Straße“ gehen, andere, die sich für

eine neue Work-Life-Balance entschieden haben, jüngere, die nicht

nur karrierefixiert durchs Leben rasen, sondern neue Orientierungen

leben. Schließlich porträtieren wir Menschen, die – auch aus

Gründen der Lebensqualität und dank der neuen Blue Card – der

Arbeit wegen nach Deutschland kommen.

Was noch? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble stellt sich

im DE-Interview den Fragen zur Euro-Rettung. Die Sorbonne-

Professorin Hélène Miard-Delacroix reflektiert über die deutschfranzösische

Freundschaft am Vorabend des nahenden 50. Geburtstages

des Élysée-Vertrags. Constanze Kleis hat ein lyrisches

Stück über einige der schönsten der 70 deutschen Inseln verfasst

und im „Finale“ verrät US-Großschriftsteller T. C. Boyle, warum

die alljährliche Buchmesse für ihn ist wie guter Rock ’n’ Roll. Einfach

Wahnsinn.

Herzlichst, Ihr

Peter Hintereder, Chefredakteur

HERBST 2012

Im Titelthema

der Ausgabe beschäftigen

wir

uns intensiv mit

DE Magazin Deutschland 3/2012 3

D D 3/2012 3/2012 € € 4,70 4,70

Forum Forum für für Politik, Politik, Kultur Kultur und und Wirtschaft

Wirtschaft

www.magazin-deutschland.de

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Interview: Wolfgang Schäuble

Das Mosaik der

Euro-Rettung

Arbeitsmarkt

Die Blaue Karte

für internationale

Fachkräfte

Die Inseln der

Möglichkeiten

Gerhard Westrich/laif

Portfolio

SO LEBT ES SICH

IN DEUTSCHLAND

34 SEITEN ÜBER LEBENSQUALITÄT

„Lebensqualität“. Ein Thema mit

großer Spannweite und vielen

sehr unterschiedlichen Aspekten.

SIE SCHREIBEN FÜR SIE

Kitty Kleist-Heinrich

CLAUDIA KELLER

Die Redakteurin des

„Tagesspiegel“ schreibt zum

Thema Religionsfreiheit.

Der Tagesspiegel

ANNABEL WAHBA

Die Autorin arbeitet für die

„Zeit“ und hat für uns das

„Borchardt“ in Berlin besucht.

Frank Beer

MEINHARD MIEGEL

Der Wissenschaftler und Vordenker

befasst sich mit den

Grenzen des Wachstums.


4

Butzmann/laif

Linkel/laif

„ Essen ist eine politische

Angelegenheit“

TITEL LEBENSQUALITÄT – Sarah Wiener ist die kontinentaleuropäische Antwort

auf Jamie Oliver und leidenschaftliche Botschafterin des ökologisch besseren Kochens.

Menschen wie sie zeigen uns, was es heißt, bewusst und zufrieden zu leben Seite 32

picture-alliance/dpa

INHALT

GLOBAL

TITEL

REGIO

PORTFOLIO

THEMEN

FINANZMINISTER SCHÄUBLE

Über die Euro-Rettung

LEBENSQUALITÄT

Wie es sich in Deutschland lebt

Wer sich für Lebensqualität engagiert

Was ein besseres Leben ausmacht

Wer für Ideen streitet

Wie gelingt Wohlstand ohne Wachstum?

Was ausländische Fachkräfte antreibt

AKTUELL – Das Regional-Thema

TITEL – Rund um Lebensqualität

IM FOKUS – News und Meldungen

INSELN DER MÖGLICHKEITEN

Die deutschen Inseln sind einzigartig –

und eine Welt für sich

TANZ – SASHA WALTZ

Meisterin der Sprache des Körpers

LEBENSART – DAS BORCHARDT

Die Kantine der Republik

WWW.DEUTSCHLAND.DE Mit dem QR-Code direkt

ins Web und Deutschland online und live erleben.

Code einfach scannen – und los geht‘s

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DE Magazin Deutschland 3/2012


Körpersprache

THEMEN – Sasha Waltz ist die international bekannteste

deutsche Choreografin. Sie verleiht dem Körper eine

Sprache und lässt ihn Geschichten erzählen Seite 70

Inseln der

Möglichkeiten

PORTFOLIO – Jede der deutschen Inseln in Nord- und Ostsee ist einzigartig – und

eine kleine Welt für sich. Ein Ausflug mit Blicken aufs Meer Seite 58

Baltzer/laif

Gerber/laif

FUSSBALL-ARENA

EINBLICKE – Die Allianz Arena ist Deutschlands eindrucksvollstes

Fußballstadion und Heimat von Rekordmeister FC Bayern

München. Doch: Wie viele Menschen bewegt ein Spiel? Seite 14

DE Magazin Deutschland 3/2012 5

Bruch/laif

RUBRIKEN

PROLOG

5 Gründe, diese Ausgabe zu lesen

AGENDA

Ideen, Innovationen, Initiativen

DEBATTE

Wie frei ist Religion?

EINBLICKE

Allianz Arena

BEST OF GERMANY

Überraschendes, Wissenswertes

ONLINE

deutschland.de

TRANSFER

Verbindungen, Netzwerke

MEIN DEUTSCHER ALLTAG

Nadia Qani, Unternehmerin

FINALE

Subversive Stimulanz

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IMPRESSUM 80


6

SEBASTIAN THRUN als das Gehirn des

Internetkonzerns Google zu bezeich-

nen, ist vermutlich nicht ganz falsch.

Im Silicon Valley, wo der deutsche Informatiker

seit fast zehn Jahren lebt,

forscht er an Innovationen, von denen

manche sagen, sie könnten die Welt

verändern. Die Schnittstelle von künstlicher

Intelligenz und Robotik bildet

den Schwerpunkt seiner Arbeit. An

der Universität Stanford leitete er das

Institut für Künstliche Intelligenz, eines

der größten und bedeutendsten Institute

auf diesem Gebiet weltweit. An

der US-Eliteuniversität begann Thrun

mit der Programmierung selbstfahrender

Autos. Mit seinen Ideen begeisterte

er Google-Mitbegründer Larry

Page. Für das Unternehmen entwarf

Thrun den Dienst „Street View“ und

baute das streng geheime Forschungslabor

„Google X“ auf. Nach den Autos

ohne Fahrer bereitet Thrun dort seinen

neuesten Technologieclou vor:

eine digitale Brille, mit der sich telefonieren

lässt, die E-Mails abfragt oder

Videos aufnimmt. Viele sehen die Entwicklung

schon als die nächste große

Innovation der Computerbranche. Auch

Thrun selbst glaubt an den Erfolg der

Brille. Für ihn könnte sie später einmal

das Smartphone ablösen.

robots.stanford.edu

AGENDA IDEEN

Weltveränderer

aus dem

Silicon Valley

DE Magazin Deutschland 3/2012

Noah Berger/The New York Times/laif


ZURÜCK ZUR NATUR

DIE SCHÖNSTEN SEITEN des Land-

lebens bringt die Zeitschrift „Land-

lust“ alle zwei Monate ihren Lesern

näher. Mit einem bunten Wohlfühl-

Themenmix aus Natur-, Garten-, Wohn-, Koch- und

Reisemagazin hat sich „Landlust“ auf dem deutschen

Zeitschriftenmarkt zu einer der erfolgreichsten Magazin-Neugründungen

der vergangenen Jahre entwickelt.

Rund eine Million Leser hat mittlerweile die

Lust am Landleben gepackt – Tendenz steigend.

www.landlust.de

Engagierte Städte

für fairen Handel

IN FAIRTRADE-STÄDTEN UND KOMMUNEN zeigen die Bewohner auf vorbildliche Weise, wie

sich globales Denken lokal umsetzen lässt und wie ein fairer Umgang miteinander entstehen kann,

wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an einem Strang ziehen. In Deutschland

unterstützen zahlreiche Städte und Gemeinden die Kampagne Fairtrade Towns. Weltweit

gibt es über 1100 Fairtrade Towns in 23 Ländern. Mit ihrem Engagement für fair gehandelte Produkte

tragen sie dazu bei, dass sich für Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika die Arbeitsund

Lebensbedingungen verbessern. Eines der Vorzeigeprojekte auf deutscher Seite ist das EUfinanzierte

Projekt „Aware & fair“, das die Stadt Hannover mit ihrer Partnerstadt Blantyre in

Malawi sowie Litoměřice in Tschechien, Posznań in Polen und Miskolc in Ungarn initiiert hat. Jetzt

erreichte die Kampagne der Organisation FairFair einen neuen Meilenstein: die Auszeichnung der

100. Fairtrade Town Deutschlands. Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens zeichnete der gemeinnützige

Verein TransFair deutschlandweit 20 weitere Kommunen mit dem Titel „100. Fairtrade

Town Deutschlands“ aus.

www.fairtrade-towns.de

IDEEN FÜR DAS ZUSAMMENLEBEN IN

DER STADT VON MORGEN

REDUCE, REUSE, RECYCLE: Unter diesem Motto präsentiert

sich der Deutsche Pavillon auf der 13. Biennale di Venezia,

der internationalen Architekturausstellung, die alle zwei

Jahre in der Lagunenstadt außergewöhnliche Baukultur

zeigt. Der deutsche Beitrag veranschaulicht, wie Energiefragen,

Klimaschutz und Demografie die Architektur und das

Zusammenleben in Städten und Gemeinden beeinflussen.

reduce-reuse-recycle.de

DE Magazin Deutschland 3/2012 7

Ingmar Wesemann/Photographer´s Choice, Landwirtschaftsverlag GmbH

KOSTENLOSE

ENERGIEBERATUNG

PETER ALTMAIER, Bundesumweltminister,

setzt sich im Zuge der Energiewende

und des Ökostromausbaus in Deutschland

dafür ein, dass die Verbraucher in

Zukunft durch steigende Strompreise

nicht zu stark belastet werden. Zusammen

mit der Energiebranche, Verbraucherschützern

und Vertretern von Sozialund

Wohlfahrtsverbänden hat der Minister

eine Stromsparinitiative für private

Haushalte ins Leben gerufen. Die Idee:

Bis 2020 sollen alle Deutschen die Möglichkeit

einer kostenlosen Energieberatung

erhalten. Experten beziffern das

Einsparpotenzial beim privaten Stromverbrauch

auf rund 30 Prozent. Wer nur

über ein geringes Einkommen verfügt,

könnte nach Altmaiers Vorstellung zudem

künftig auch finanzielle Unterstützung

bei der Anschaffung energieeffizienter

Haushaltsgeräte erhalten.

www.bmu.de

Onidji - Fotolia.com

Thomas Spier/apollovision


8

AGENDA INNOVATIONEN

Zug der

Zukunft

MIT DEM SCHNELLZUG ICx will die

Deutsche Bahn (DB) ihren Fernverkehr

fit machen für die Zukunft. Vom Jahr

2016 an sollen die neuen Züge in markantem

Weiß mit rotem Streifen unterwegs

sein. Auf der Technikmesse Innotrans

2012 in Berlin erstmals öffentlich

vorgestellt, soll der ICx nach dem

Wunsch der DB einen Generationenwechsel

auf Schienen starten. Für Reisende

verspricht der Zug bis zu 724

Sitzplätze und mehr Komfort als bisher:

Zum Angebot gehören Speisewagen

und Bistro, ein Familienabteil und

Fahrradplätze. Außerdem wird es in

jeder Sitzreihe Steckdosen für Laptopnutzer

geben. Der ICx, der vom Technologiekonzern

Siemens gefertigt wird,

soll zudem neue Maßstäbe in Sachen

Umweltfreundlichkeit setzen. Dank einer

verbesserten Aerodynamik reduziert

sich der Fahrwiderstand deutlich.

Durch eine leichtere Bauweise wurden

einige Tonnen an Gewicht gespart. Das

Ergebnis: Der Energieverbrauch pro

Fahrgast sinkt um bis zu 30 Prozent.

Bis zu 300 ICx will die DB bis 2030 bestellen

und so ihre bisherige Intercityund

Eurocityflotte modernisieren. Für

Siemens ist das Milliardengeschäft der

bisher größte Auftrag in der Unternehmensgeschichte.

www.deutschebahn.com

DE Magazin Deutschland 3/2012

Siemens AG


IDEEN MIT POTENZIAL

SATELLITEN, die einen 3D-Blick auf die Erde erlauben,

Hörgeräte, die räumliches Hören ermöglichen, Chips,

die die Sicherheit von Computern erhöhen, und Technik

für eine bessere Komprimierung von Videos: Diese

vier Projekte gehen ins Rennen um den Zukunftspreis

2012, der am 28. November vom Bundespräsidenten

verliehen wird. Der mit 250000 Euro dotierte Preis ist

die bedeutendste Auszeichnung für neue Technologien

in Deutschland, die aus der Forschung kommen und

als marktfähige Produkte überzeugen.

www.deutscher-zukunftspreis.de

Erfolge für

Solarexperten

BEIM DEUTSCHEN UMWELTPREIS 2012, der mit 500000 Euro höchstdotierten Umweltauszeichnung

in Europa, wurden von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) „wegweisende

technische Entwicklungen in der Photovoltaik“ ausgezeichnet. Zu den Preisträgern zählt der Unternehmer

Günther Cramer, Mitbegründer der Firma SMA Solar Technology. Das Unternehmen

aus Kassel steht mit der Entwicklung vom kleinen Ingenieurbüro zum modernen Technologieunternehmen

für eine Erfolgsgeschichte: SMA ist heute Weltmarktführer für Photovoltaik-Wechselrichter

und macht die Vision einer hundertprozentigen dezentralen Energieversorgung ein Stück

realer. Forschergeist und Mut zum Risiko zeichnen die beiden weiteren Preisträger aus: Dr. Andreas

Bett vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg und Hansjörg Lerchenmüller

vom Freiburger Unternehmen Soitec gelang eine besondere Leistung bei der Entwicklung und

Markteinführung innovativer Solartechnik: Ihre Konzentratortechnologie auf der Basis hocheffizienter

Mehrfachsolarzellen verdoppelt die Energieausbeute gegenüber herkömmlichen Siliziumzellenmodulen

und sorgt somit für eine nachhaltige Energieversorgung.

www.dbu.de

FACHHOCHSCHULEN – ATTRAKTIV

UND FORSCHUNGSSTARK

SIE BILDEN PRAXISNAH AUS, forschen anwendungsorientiert

und kooperieren mit Unternehmen: Fachhochschulen

werden immer beliebter. In den vergangenen zehn Jahren

ist die Zahl der Studierenden um 66 Prozent auf 684000 gestiegen.

In den Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften

wird die Forschung an Fachhochschulen derzeit

mit mehreren Programmen noch gezielt gestärkt.

www.fachhochschule.de

DE Magazin Deutschland 3/2012 9

Ansgar Pudenz

NEUES ZENTRUM FÜR

3D-TECHNOLOGIE

FACHWISSEN rund um 3D-Technologien

und ihre Anwendungen bringt das neue

3D-Innovation Center in Berlin in einem

Kompetenzzentrum zusammen. Die Einrichtung

ist als eine Plattform gedacht,

die derzeit rund 50 Partnern aus Wissenschaft

und Wirtschaft die Möglichkeit

gibt, 3D-Produkte und -Systeme zu entwickeln

und zu testen. Im Center stehen den

Partnern ein 3D-Kino, ein 3D-Live-Studio,

ein Technologie- und Test-Labor sowie

Präsentationsräume zur Verfügung.

Regelmäßige Veranstaltungen sollen außerdem

in Zukunft das Thema 3D der

Öffentlichkeit näherbringen. Für den

Aufbau und die Organisation des 3D-

Innovation Centers ist das Fraunhofer

Heinrich-Hertz-Institut verantwortlich.

Das Bundesministerium für Wirtschaft

und Technologie unterstützt die Startphase

des neuen Instituts.

www.3dinnovationcenter.de

picture-alliance/dpa

Werner Huthmacher/poolima/laif


10

AGENDA INITIATIVEN

Spitzentrio

für Oslo

GROSSE EHRE für die europäische

Staatengemeinschaft: Der Friedensno-

belpreis 2012 geht an die Europäische

Union (EU). Zur Verleihung der Auszeichnung

am 10. Dezember in Oslo

wird ein europäisches Spitzentrio erwartet.

Die Präsidenten von Europäischem

Rat, EU-Kommission und EU-

Parlament – Herman Van Rompuy,

José Manuel Barroso und Martin

Schulz (rechts, von oben) – werden den

Friedensnobelpreis für die EU gemeinsam

entgegennehmen. Das norwegische

Nobelkomitee würdigte mit dem

Preis den maßgeblichen Beitrag der

EU zur „friedlichen Entwicklung in

Europa“. Die Staatengemeinschaft war

schon mehrfach als Kandidatin für die

Auszeichnung gehandelt worden. Dass

die EU den weltweit bedeutendsten

Preis gerade jetzt erhält, wo sie mit den

Herausforderungen der Wirtschaftsund

Finanzkrise zu kämpfen hat, kann

als symbolträchtiges Zeichen angesehen

werden. Bundesaußenminister

Guido Westerwelle sprach von einer

großartigen Entscheidung, die ihn

stolz und glücklich mache: „Der Nobelpreis

ist uns großer Ansporn, jetzt erst

recht unsere eigenen Probleme zu lösen,

mit unserem europäischen Modell

der Kooperation Beispiel zu geben und

unsere europäischen Anstrengungen

für eine friedliche Entwicklung der

Welt noch zu verstärken.“

www.europa.eu

DE Magazin Deutschland 3/2012

Jonathan Kitchen/The Images Bank, Michael Trippel/laif, contrasto/laif, Jock Fistick/laif


GRENZENLOSES STUDIUM

EIN GRENZÜBERSCHREITENDES Medizinstudium haben

40 Studierende aus Deutschland und den Niederlanden

zum Wintersemester 2012/2013 an den Universitäten

Oldenburg und Groningen begonnen. In

Deutschland ist diese Kooperation bisher einmalig.

Mit der Gründung der European Medical School Oldenburg-Groningen

vertiefen die beiden Partnerstädte

ihre Beziehungen auf dem Gebiet der Hochschulzusammenarbeit.

Die Studierenden sollen neben der medizinischen

Theorie auch frühzeitig praktische Kenntnisse

erwerben und etwa in Arztpraxen mitarbeiten.

www.uni-oldenburg.de/medizin

Festival der Ideen

in Brasilien

NEUE IMPULSE FÜR DIE BILATERALE ZUSAMMENARBEIT bringt das Deutschlandjahr in Brasilien.

Von Mai 2013 bis Mai 2014 ist unter dem Motto „Deutschland und Brasilien – Wo Ideen sich

verbinden“ ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm in den Bereichen Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft

sowie Bildung und Wissenschaft geplant. Der thematische Schwerpunkt „In der Zukunft

leben: Innovation, Nachhaltigkeit, Urbanität“ wird viele Projekte und Initiativen prägen.

„Wir wollen unsere Partnerschaft noch lebendiger gestalten und noch mehr Deutschen und Brasilianern

die Gelegenheit geben, sich gegenseitig kennenzulernen und sich mit Vertrauen und

Sympathie zu begegnen“, beschreibt Bundesaußenminister Guido Westerwelle ein wichtiges Ziel

des Deutschlandjahres. Die Auftaktveranstaltung gehört gleichzeitig zu einem der kulturellen

Höhepunkte: Die Ausstellung „500 Jahre Kunst aus Deutschland“ präsentiert Meisterwerke aus

mehreren Jahrhunderten. Auch beim Karneval von Rio wird Deutschland prominent vertreten

sein. Der deutsche Beitrag entsteht in Zusammenarbeit mit einer brasilianischen Sambaschule.

www.alemanha-e-brasil.org

IM FOKUS: MOSKAU

DAS DEUTSCHLAND-ZENTRUM der Deutschen Botschaft

in Moskau hat die deutsch-russischen Beziehungen

im Blick: Es informiert auf seiner Webseite

über Neuigkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

und Kultur in Deutschland und die bilaterale

Zusammenarbeit zwischen Deutschland und

Russland. Zu den aktuell zentralen Themen gehören

die vielfältigen Veranstaltungen des Deutschlandjahrs

2012/2013 in Russland.

www.germania-online.ru

Washington

Mexiko-Stadt

Brasilia

DE Magazin Deutschland 3/2012 11

Philipp Herrnberger

Paris

ENGE PARTNERSCHAFT

SEIT 50 JAHREN

WEGWEISENDE WORTE: Frankreichs

Staatspräsident Charles de Gaulle begeisterte

am 9. September 1962 in Ludwigsburg

mit seiner Rede an die deutsche Jugend

20000 Zuhörer. Ein Meilenstein auf

dem Weg zur Unterzeichnung des Élysée-

Vertrags, mit dem Deutschland und

Frankreich am 22. Januar 1963 ihre enge

Zusammenarbeit besiegelten. Dieses neue

Miteinander der sich einst unversöhnlich

gegenüberstehenden Länder war auch

Ausgangspunkt für die Europäische Union

von heute und wurde im Oktober 2012 in

der Begründung des Friedensnobelpreises

an die EU zentral gewürdigt. Zum 50. Jahrestag

des Élysée-Vertrags erinnern beide

Länder mit einem deutsch-französischen

Jahr an den Beginn ihrer Partnerschaft;

sie richten den Blick dabei bewusst nach

vorne auf die künftige Zusammenarbeit in

Europa. Am 22. Januar 2013 treffen sich

die Regierungen und Parlamente beider

Länder in Berlin zu einem Festakt.

www.elysee50.de

Moskau

Kairo

Pretoria

Neu-Delhi

Peking

Verteilt über den Globus: die neun GIC-Standorte

Werner Huthmacher/poolima/laif


WIE FREI IST RELIGION?

Argumente und Ergebnisse in der Diskussion um die Beschneidung

Von Claudia Keller

Was haben Prinz Charles,

Jesus, der ägyptische

Großmufti und Bob Dylan

gemeinsam? Ihnen fehlt

ein Stück Vorhaut. Ein Viertel der Männer

weltweit sind beschnitten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation,

viele aus medizinischen

und hygienischen Gründen. Für Juden

und Muslime ist die Entfernung der

Vorhaut am männlichen Penis fester Bestandteil

ihrer religiösen Praxis. Ob die Beschneidung

legitim ist, darüber hatten sich

in Deutschland bis zum 25. Juni 2012 nur

wenige Strafrechtler und Mediziner Gedanken

gemacht. An diesem Tag aber wurde bekannt,

dass das Kölner Landgericht in einem

Urteil die Beschneidung aus religiösen

Gründen als strafbare Körperverletzung

gewertet hatte, da das Grundrecht des Kindes

auf körperliche Unversehrtheit verletzt

werde. Das Urteil erregte Aufsehen – und

löste Empörung aus. Würde sich die Sichtweise

der Kölner Richter durchsetzen, sei

„jüdisches Leben in Deutschland nicht

mehr möglich“, fürchtet Dieter Graumann,

Präsident des Zentralrats der Juden in

Deutschland. 60 Jahre lang habe sie als

Überlebende des Holocaust Deutschland

verteidigt, schrieb seine Vorgängerin Charlotte

Knobloch in einem Zeitungsbeitrag.

Jetzt frage sie sich, „ob uns dieses Land

noch haben will“.

Die Beschneidung ist für jüdische Eltern eine

religiöse Pflicht und muss am achten Lebenstag

eines Jungen vorgenommen werden.

Sie erinnert an den Bund, den Gott mit

Abraham geschlossen hat. In der Thora, Genesis

17, heißt es: „Das aber ist mein Bund,

den ihr halten sollt zwischen mir und euch

und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was

12

DEBATTE

männlich ist unter euch, soll beschnitten

werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden.“

Wer seinen Sohn nicht beschneiden

lässt, stellt sich außerhalb des Bundes zwischen

Gott und dem Volk Israel.

Auch im Islam, der sich wie das Judentum

auf Abraham als Stammvater beruft, ist die

Beschneidung eines Jungen konstitutiv für

die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft.

Die islamischen Rechtsschulen sind

aber flexibler, was den Zeitpunkt angeht, in

der Türkei ist der Eingriff zwischen dem

siebten und zehnten Lebensjahr üblich. In

Deutschland werden die meisten muslimischen

Jungen von Ärzten im Krankenhaus

beschnitten. Viele jüdische Eltern wenden

WAS SAGEN SIE ZUR BESCHNEIDUNG?

DIETER GRAUMANN

Präsident des Zentralrats der

Juden in Deutschland

„Das Kölner Beschneidungsurteil

hat eine große Verunsicherung der jüdischen

Gemeinschaft bewirkt. Die Beschneidung

ist für Juden absolut elementar.“ Dieter

Graumann zeigte sich jedoch zufrieden über

den Gesetzentwurf zur religiösen

Beschneidung an Jungen. „Es ist ein klares

politisches Signal, dass Juden und

Muslime weiterhin in Deutschland willkommen

sind.“ Besonders begrüße

er, dass die Beschneidung nicht im Strafrecht,

sondern im Familienrecht

geregelt werden soll. Graumann lobte das

Bundesjustizministerium

für seine

„ausgewogene Vorarbeit,

die den

mitunter holprigen

Weg zu diesem

vernünftigen Entwurf

geebnet

hat“.

picture-alliance/dpa

sich an dafür religiös und medizinisch speziell

ausgebildete Beschneider (Mohelim).

Der Eingriff erfolgt in der Regel im Beisein

eines Rabbiners in der Synagoge. Der Säugling

wird mit einem Tropfen Wein oder lokalanästhesierenden

Salben betäubt.

Für die Kölner Richter widerspricht diese

Praxis dem Kindeswohl und dem Recht auf

körperliche Unversehrtheit, die im Grundgesetz,

Artikel 2 garantiert wird. Dieses

Grundrecht überwiege das Recht der Eltern

auf Religionsfreiheit und ihr Recht, über die

Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden. Die

Richter folgten dem Passauer Strafrechtsprofessor

Holm Putzke, der 2008 in

einem Aufsatz begründet hatte, warum die

Zirkumzision wie jede andere Operation eine

Körperverletzung darstellt, die nur zu

rechtfertigen sei, wenn sie medizinisch erforderlich

ist. Religiöse und kulturelle

Gründe lässt Putzke nicht gelten. „Religionsgemeinschaften

stehen nicht über dem

Recht“, sagt er. „Die Religionsfreiheit kann

niemals die Körperverletzung eines anderen

Menschen rechtfertigen.“

Die Befürworter der Beschneidung betonen,

dass der Eingriff sehr wohl im Sinne

des Kindes ist, da der Junge so in die Religionsgemeinschaft

eingeführt werde. Ohne

Beschneidung wäre ein jüdischer oder muslimischer

Junge womöglich Stigmatisierungen

ausgesetzt. Auch stufen sie das Erziehungsrecht

der Eltern und die Religionsfreiheit

höher ein als das Recht auf körperliche

Unversehrtheit. Das Kölner Urteil stelle

einen „beispiellosen und dramatischen

Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

der Religionsgemeinschaften“ dar, erklärte

Dieter Graumann.

DE Magazin Deutschland 3/2012


„Die Freiheit des Glaubens, des

vorgelegt hat: Er setzt nicht bei

Gewissens und die Freiheit des

der Religionsfreiheit, sondern

religiösen und weltanschauli-

beim elterlichen Sorgerecht an

chen Bekenntnisses sind unver-

und stellt klar, dass die Beletzlich.

Die ungestörte Religischneidung

zwar den Tatbeonsausübung

wird gewährleisstand

einer Körperverletzung

tet“, steht im Grundgesetz, Arti- DAS GRUNDGESETZ GARANTIERT RELIGIONSFREIHEIT. In Berlin planen erfüllt wie alle Operationen,

kel 4. Der Paragraf geht auf die Christen, Juden und Moslems ein gemeinsames Drei-Religionen-Haus aber nicht rechtswidrig ist,

Verfassung der Weimarer Repu-

wenn die Eltern zustimmen

blik von 1919 zurück, die erstmals für ker Peter Dabrock beklagte indes während und der Eingriff „nach den Regeln der ärzt-

Deutschland die Trennung von Staat und einer Debatte im Deutschen Ethikrat über lichen Kunst“ erfolgt. Dies soll nicht gelten,

Kirche festlegte. Der Staat wurde zu welt- das Thema: „Es gibt keine Datenlage zur Be- wenn das Kindeswohl gefährdet ist, etwa

anschaulicher Neutralität verpflichtet und schneidung, die nicht interessegeleitet ist.“ wenn sich ältere Kinder gegen den Eingriff

die ungestörte Religionsausübung garan-

wehren.

tiert. Die Nationalsozialisten setzten die Der Ethikrat, bestehend aus zwei Dutzend

Verfassung außer Kraft und verfolgten und Juristen, Medizinern und Theologen, gibt Der Entwurf berücksichtigt die jüdische

ermordeten Juden. Nach dieser Erfahrung Empfehlungen bei schwierigen ethischen Tradition, die Vorhaut durch einen speziell

genießt die Religionsfreiheit in Deutsch- Fragen und wies die Richtung, wie ein Kom- ausgebildeten Mohel entfernen zu lassen:

land besonderen Schutz, sie wird auch promiss aussehen könnte: Die religiöse Be- „In den ersten sechs Monaten nach der Ge-

durch europäisches und internationales schneidung sei zu erlauben unter der Bedinburt des Kindes dürfen auch von einer Reli-

Recht flankiert. „Jeder Mensch hat das gung, dass der Eingriff medizinisch fachgegionsgesellschaft dazu vorgesehene Perso-

Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Relirecht und mit Betäubung durchgeführt sonen Beschneidungen durchführen, wenn

gionsfreiheit“, heißt es in der Allgemeinen wie ein Vetorecht des Kindes anerkannt sie dafür besonders ausgebildet und, ohne

Erklärung der Menschenrechte. „Dieses wird. Diesem Vorschlag folgt der Gesetzent- Arzt zu sein, für die Durchführung der Be-

Recht umfasst die Freiheit, seine Religion wurf, den Bundesjustizministerin Sabine schneidung vergleichbar befähigt sind.“ Al-

oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Leutheusser-Schnarrenberger mittlerweile lerdings verlangt der Entwurf „eine ange-

Freiheit, seine Religion oder seine Überzeumessene

und wirkungsvolle Betäubung“.

gung allein oder in Gemeinschaft mit ande-

Ein Tropfen Wein dürfte nicht ausreichen.

ren, in der Öffentlichkeit oder privat, durch

WAS SAGEN SIE ZUR BESCHNEIDUNG?

Lehre, Ausübung, Gottesdienst oder die HOLM PUTZKE

Der mit Bundesfamilienministerin Kristi-

Vollziehung von Riten zu bekunden.“

Professor für Strafrecht an der

na Schröder abgestimmte Gesetzentwurf

Um die Glaubenspraxis von Juden und

Muslimen zu schützen, hat die Bundesre-

Universität Passau

„Die religiös motivierte Beschneidung von

Jungen ist wie jede Operation eine Körperverletzung“,

sagt Holm Putzke. Er hat sich als ei-

hat am 10. Oktober das Kabinett passiert. Er

dürfte die Debatte versachlichen. Die Frage,

wie weit die Religionsfreiheit gehen darf,

gierung ein Gesetz angekündigt, das die Bener der ersten deutschen Strafrechtler 2008 wird virulent bleiben. Denn die religiöse

schneidung aus religiösen Gründen weiter- in einem Aufsatz juristisch mit der Zirkum- Landschaft in Deutschland wird bunter

hin erlauben soll. Bis auf „Die Linke“ haben

alle im Bundestag vertretenen Parteien zugestimmt.

Einige Juristen, der Deutsche

zision auseinandergesetzt. Sie sei überdies

eine strafbare Körperverletzung, da sie nicht

dem Kindeswohl diene, aber Schmerzen und

einen irreversiblen Verlust von Körpersubs-

und die Kluft zwischen religiösen und säkularen

Lebensformen tiefer. Das Verständnis

für religiöse Traditionen nimmt in

Kinderschutzbund und Kinderärzte intertanz verursache: „Die Religionsfreiheit kann der deutschen Bevölkerung ab. Vieles, was

venieren jedoch gegen das geplante Gesetz niemals die Körperverletzung eines anderen selbstverständlich war im Verhältnis von

und weisen auf medizinische und psychologische

Folgen der Zirkumzision hin. Es könne

zu Nachblutungen und Entzündungen

Menschen rechtfertigen.“ Putzke plädiert für

die Verschiebung des Eingriffs auf einen Zeitpunkt,

an dem die Kinder

die Tragweite ab-

Staat und Religionsgemeinschaften, muss

neu justiert werden. Letztlich geht es dabei

immer um das Zusammenleben in der sä-

kommen, die schlimmstenfalls zur Penisschätzen können. Das

kularen Gesellschaft und die Frage, was guamputation

führen; die erlittenen Schmer- sei nicht zwingend

tes Leben ausmacht. ▪

zen während des Eingriffs könnten Trau-

mit der Religionsmata

auslösen. Sie berufen sich – wie auch

die Befürworter der Beschneidung – auf

mündigkeit mit 14

Jahren der Fall, doch

spätestens mit der

Claudia Keller ist seit 2005 Redakteurin beim

„Tagesspiegel“ in Berlin und schreibt hauptsäch-

wissenschaftliche Studien. Der Sozialethi- Volljährigkeit.

lich über kirchliche und religiöse Themen.

DE Magazin Deutschland 3/2012 13

picture-alliance/ZB

Kuehn Malvezzi Architekten


14 DE

EINBLICKE

Ein großes Team

22 SPIELER auf dem Rasen, 69901 Zuschauer auf den Tribünen. Dazu 470 Medienarbeiter, 600 Sicherheitsleute, 150

mobile Verkäufer, drei Greenkeeper nebst sechs Assistenten … Wenn das Team von Bundesliga-Rekordmeister FC Bayern

München bei seinen Heimspielen in der Allianz Arena um Tore und Punkte kämpft, arbeiten zeitgleich mehr als

2000 Menschen im Stadion. Es ist das Team hinter dem Team. Die Abbildung ist eine von vielen originellen Infografiken des

kürzlich erschienenen „Anschaubuchs“ von Ralf Grauel und Jan Schwochow „Deutschland verstehen“ (Gestalten Verlag)

Magazin Deutschland 3/2012

Abbildung:

von Golden Section Graphics,

Copyright Gestalten 2012


ALLIANZ ARENA

DE Magazin Deutschland 3/2012 15


16

DR. WOLFGANG SCHÄUBLE

DER BUNDESFINANZMINISTER ist einer der national

und international profiliertesten deutschen Politiker. Der

70-Jährige ist seit 1972 Mitglied des Deutschen Bundestages.

1990 war der CDU-Politiker Verhandlungsführer der

Bundesrepublik Deutschland für den Einigungsvertrag

mit der DDR. Für seine Verdienste für die „Wiedervereinigung

und die Neuordnung Europas“ erhielt er 2012 den

Karlspreis der Stadt Aachen.


Anatol Kotte/laif

GLOBAL

„ICH GLAUBE AN

EINEN ERFOLG“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im

DE-Interview über Euro-Krise und Rettungsschirme

Herr Minister, kaum hat das Bundes-

verfassungsgericht entschieden, dass

der dauerhafte Europäische Stabilitätsmechanismus

(ESM) in Kraft treten

kann, werden neue Forderungen zur

Ausweitung des Rettungsschirms laut.

Gerät die Euro-Rettung zu einer „Never

ending story“?

Nein, mit dem Start des Europäischen Stabilitätsmechanismus

ESM, den Verschärfungen

des Stabilitäts- und Wachstumspakts,

dem Fiskalpakt inklusive der Schuldenbremsen

in 25 Mitgliedsstaaten, dem

Europäischen Semester, dem Euro-Plus-

Pakt, den umfassenden und andauernden

Reformen und den Konsolidierungserfolgen

überall in den Staaten der EU haben wir

die wichtigsten Mosaiksteine gesetzt. Hinzu

müssen jetzt noch die erforderlichen

Schritte hin zu einer deutlich vertieften Integration

der Wirtschafts- und Finanzpolitik

in Europa im Allgemeinen und der Eurozone

im Besonderen kommen. Daran arbeiten

wir. Natürlich würden sich manche

wünschen, dass alles in Europa noch

schneller geht. Aber man darf nicht vergessen,

dass wir in Europa immer Einigungen

zu 27 oder 17 finden müssen, aber auch finden

können. Zur Not müssen eben die Finanzmärkte

etwas warten. Wir werden wegen

ihnen nicht unsere demokratischen

Prozesse abschaffen. Es ist klar, dass die

Strukturprobleme in einzelnen Eurostaaten

nicht in zwei Monaten gelöst werden

können. Aber da ich ja nun schon eine Weile

dabei bin und an den Erfolg unserer Maßnahmen

glaube, weiß ich, dass sich Hartnäckigkeit

auszahlt. Da darf man nicht beim

ersten Widerstand umfallen, es bedarf einer

gewissen Ausdauer. Der Erfolg wird

sich einstellen, davon bin ich fest überzeugt.

Sie haben nach dem Urteil gesagt „Unsere

Probleme werden kleiner“. Was

macht Sie da so zuversichtlich?

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts

war wichtig für die Stabilisierung

der Eurozone. Mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus

wird eine Art „Europäischer

Währungsfonds“ gegründet, der Mitgliedsstaaten

in finanziellen Schwierigkeiten

zeitweise und unter strengen Reformauflagen

unterstützen kann und so die Ansteckungsgefahren

für die ganze Eurozone

mindert. Zusammen mit dem Fiskalpakt

und den anderen Schritten haben wir damit

wichtige Reformen zur Vervollständigung

der Wirtschafts- und Währungsunion angepackt.

Unsere Probleme werden daher

Schritt für Schritt kleiner und einer Lösung

zugeführt. Das Mosaik vervollständigt sich.

Tatsache ist doch auch: Die griechischen

Staatsschulden liegen bei über

300 Milliarden Euro – das ist mehr als

das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands

pro Jahr. Wie soll man diese

Schulden jemals bezahlen?

17

>


Das zweite Griechenland-Programm weist

den ambitionierten Weg zur Rückführung

des griechischen Schuldenstandes. Durch

die vollzogene Privatsektorbeteiligung, die

umfassenden Strukturreformen, die Haushaltskonsolidierung

und die Privatisierungen

soll bis 2020 ein Schuldenstand von unter

120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

erreicht werden. Wichtig für die erfolgreiche

Fortführung des Programms ist es, dass

Griechenland die Auflagen zur Konsolidierung

und Umsetzung von Strukturreformen

komplett umsetzt. Das geht mit Härten

für die Bevölkerung einher. Und das ist auch

nicht immer alles vollkommen gerecht,

wenn man beispielsweise den Geschichten

über verschobene Vermögen Glauben

schenken darf. Aber es führt kein Weg an

„Die Versäumnisse

der letzten Jahrzehnte

können nicht einfach

weggewischt werden“

dem Programm vorbei, wenn Griechenland

nachhaltig gesunden soll. Ohne ein entschlossenes

und tatkräftiges Handeln der

griechischen Regierung wird das zweite

Griechenlandprogramm nicht erfolgreich

sein. Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte

können nicht einfach weggewischt

werden – nur umfassende und einschneidende

Reformen helfen. Wir unterstützen

diese Bemühungen in umfassender Art und

Weise, und auch der Besuch der Bundeskanzlerin

am 9. Oktober hat diesbezüglich

18

noch einmal eine klare Botschaft gesandt,

aber machen müssen es die Griechen.

Sie haben einmal das Ausmaß der Folgen

der Finanzkrise mit denjenigen

vom Fall der Berliner Mauer verglichen.

Wann werden die Probleme gelöst

sein?

Wir arbeiten intensiv an der Lösung der Probleme.

Die Analyse ist ganz klar. Zu hohe

Staatsverschuldung, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit

und zu viel Liquidität sind

die zentralen Ursachen der Krise. Also müssen

wir auch genau diese Probleme angehen.

Die Länder müssen ihre Haushaltsprobleme

in den Griff bekommen und ihre Wettbewerbsfähigkeit

stärken. Es dauert, bis die Reformmaßnahmen

greifen, das geht nicht

von heute auf morgen. Aber wir müssen jetzt

die Basis für eine erfolgreiche Zukunft legen.

Prognosen darüber, wann die Probleme endgültig

gelöst sind, sind naturgemäß schwierig.

Aber es ist bereits einiges auf den Weg

gebracht, um die Probleme bei der Wurzel

anzugehen. Ich nenne nur die Reformmaßnahmen

im Bereich der Finanzaufsicht, der

verbesserten Koordination der Haushaltspolitik

und Deckelung der Verschuldung

durch den Fiskalpakt sowie den Europäischen

Stabilitätsmechanismus. Bei Griechenland

habe ich ja bereits verschiedentlich

gesagt, dass wir hier möglicherweise

auch mit zehn Jahren rechnen müssen, bis

alle Reformmaßnahmen ihre Früchte tragen,

aber Griechenland ist auch ein besonderer

Fall. Ich bin gleichzeitig optimistisch,

dass wir für die anderen Staaten und die Eurozone

insgesamt schon deutlich früher von

einer Lösung werden sprechen können.

Hans Christian Plambeck/laif

Überzeugter Europäer, begnadeter Parlamentarier:

Wolfgang Schäuble im Deutschen Bundestag

Wie ist der Blick von außen auf die Euro-Rettung?

Länder wie China bieten

immer wieder ihre Hilfe an. Warum

sollten sie helfen?

Europa ist die größte Wirtschaftsregion der

Welt. Die wirtschaftlichen Verflechtungen

zwischen Europa und den anderen Regionen

der Welt sind eng und intensiv. Deswegen

hängt die wirtschaftliche Entwicklung

in anderen Regionen auch von der Entwicklung

in Europa und insbesondere der Eurozone

ab – genauso, wie unser Wachstum

von der Entwicklung in den USA oder auch

China abhängt. Ich stelle bei meinen Begegnungen

mit Kollegen aus anderen Teilen der

Welt immer wieder fest, dass die Staatsschuldenkrise

in einzelnen Staaten der Eu-

„Die EU ist die

modernste Form

internationaler

Governance“

rozone große Aufmerksamkeit genießt –

manchmal zu viel. Ich erfahre in diesen Gesprächen

auch immer viel Unterstützung

für die deutsche Position. Es ist aber auch

festzustellen, dass die Schwellenländer wie

China, Brasilien und andere zunehmend

bereit sind, ihrer globalen Verantwortung

gerecht zu werden. So haben sich auch

Schwellenländer in nicht unerheblichem

Maße an der Ressourcenaufstockung des

IWF beteiligt, die im April dieses Jahres beschlossen

wurde. Damit ist der IWF weltweit

besser gerüstet, um Probleme zu lösen.

Das deutsche Engagement für den Euro

ist immer auch verbunden mit einem

Engagement für mehr Europa. Was bedeutet

das konkret?

Europa wird sich stärker integrieren, insbesondere

brauchen wir eine echte Fiskalunion.

Große Teile der Finanz- und Wirtschaftspolitik

sollten wir gemeinsam entscheiden

und nicht mehr national, dies gilt

auch für die Sicherheits- und Klimapolitik.

Es geht dabei nicht um einen europäischen

Nationalstaat oder die „Vereinigten Staaten

von Europa“, Strukturen wie in Amerika

sind auf Europa nicht übertragbar. Es geht

DE Magazin Deutschland 3/2012


auch nicht darum, einen europäischen Superstaat

zu schaffen, sondern darum, die

Entscheidungen da zu treffen, wo es am effizientesten

ist – auf kommunaler, auf regionaler,

auf Staaten- und auf EU-Ebene. Die

EU ist die modernste Form internationaler

Governance. Dennoch müssen Strukturen

geschaffen werden hin zu einer einfacheren,

schnelleren Entscheidungsfindung.

Meiner Meinung nach wäre ein direkt gewählter

europäischer Präsident an der Spitze

einer weiterentwickelten Europäischen

Kommission ein wichtiger Schritt, um ein

stärkeres europäisches Bewusstsein und eine

europäische Öffentlichkeit zu entwickeln.

Die jetzige Krisensituation hat zumindest

den Vorteil, dass grundlegende

politische Entscheidungen beschleunigt

vorstellbar werden. Gerade jetzt haben wir

so die Möglichkeit, bei der Integration substanziell

voranzuschreiten, das ist eine riesige

Chance.

Deutschland haftet im Rahmen des Europäischen

Stabilitätsmechanismus für

eine Summe bis zu 190 Milliarden Euro.

Wie erklären Sie das den Bürgerinnen

und Bürgern im Land?

„Die Deutschen teilen

den proeuropäischen

Kurs der Rettungsmaßnahmen“

Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste

Land in der Europäischen Union. Wir haben

am meisten von der wirtschaftlichen

Integration Europas profitiert. Insofern entspricht

es schon unserem ureigenen Interesse,

dass dieses Europa stabil bleibt. Dass

wir als wirtschaftlich stärkste Volkswirtschaft

relativ und absolut mehr investieren

müssen als andere, ist daher logisch und folgerichtig.

Der Europäische Stabilitätsmechanismus

ist ein wichtiger Schutzschild

für die gemeinsame Währung. Ein Auseinanderfallen

der Währungsunion wäre

deutlich teurer für die deutschen Bürger als

die bisher eingegangenen Verpflichtungen

aus den Bürgschaften für die Kredite. Die

Kredite werden nur gegen strenge Auflagen

vergeben und durch deren Umsetzung sollen

die Empfänger wirtschaftlich wieder

auf die Beine kommen. All das weiß die

deutsche Bevölkerung und ich bin mir sicher,

dass sie diesen proeuropäischen Kurs

teilt. Dennoch muss man immer wieder dafür

werben.

Die Deutschen fürchten aus historischen

Erfahrungen vor allem die Inflation.

. .

Die Verhinderung von Inflation ist das

Hauptanliegen der Geldpolitik unserer Notenbanken.

Die Europäische Zentralbank

macht ihre Aufgabe sehr gut – bisher ist die

Inflation in der Eurozone unter der der

Deutschen Mark. Die strukturellen Reformen

der vergangenen Jahre haben Wettbewerbsfähigkeit

und Beschäftigung in

Deutschland wesentlich gestärkt. Der Euro

ist eine sehr stabile Währung nach innen

und nach außen und wird dies auch in Zukunft

bleiben. Die bisherige Teuerungsrate

in Deutschland in diesem Jahr lag im

Durchschnitt bei 2,0 Prozent. Die Verbraucherpreise

sind sogar weniger angestiegen

als von der Bundesregierung in der Frühjahrsprojektion

für das Jahr 2012 erwartet,

dort hatte man mit 2,3 Prozent gerechnet.

Auch die insgesamt moderate Entwicklung

der Lohnstückkosten stellt kein Inflationsrisiko

dar. Von der aktuellen Preisentwicklung

auf dem Weltmarkt geht kein Inflationsrisiko

für Deutschland aus. In den

kommenden Monaten ist aus unserer Sicht

daher mit einem weiterhin ruhigen Preisklima

zu rechnen. Die Indikatoren zeigen

eine stabile Verbraucherstimmung, und die

Konsumenten gehen von einer moderaten

Preisentwicklung aus. Hinzu kommen die

zuletzt gestiegenen Einkommen und die

immer noch günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Sie sind im September 70 Jahre alt geworden

und denken nicht ans Aufhören.

Was reizt Sie noch an der Politik?

Ich hatte das Glück, mein Hobby zu meinem

Beruf zu machen, und habe immer noch

Freude daran. Da gibt es sicher Schlimmeres.

Herr Minister, wir bedanken uns für

das Gespräch. ▪

DE Magazin Deutschland 3/2012 19

picture-alliance/dpa

WAS MACHT DER EUROPÄISCHE

STABILISIERUNGSMECHANISMUS (ESM)?

Der ESM ist eine internationale Finanzinstitution

mit Sitz in Luxemburg und wurde von den

17 Mitgliedsstaaten der Eurozone gründet. Er

löste im Oktober 2012 den Euro-Rettungsschirm

EFSF ab. 700 Milliarden Euro stehen

dem ESM als Stammkapital zur Verfügung.

80 Milliarden Euro davon kommen in den ersten

Jahren von den EU-Mitgliedsstaaten. Weitere

620 Milliarden Euro sind eine „stille Reserve“,

auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden

kann. Der ESM-Vertrag sieht im Kern vier

Möglichkeiten vor, Mitgliedsstaaten zu stabili-

sieren: 1. Er kann direkte Kredithilfen gewähren.

2. Er kann eine Kreditlinie gewähren, so dass bei

Bedarf innerhalb des vereinbarten Rahmens

frisches Kapital abgerufen werden kann. 3. Er

kann Kredite gewähren, die nicht die Staatsfinanzen

stabilisieren, sondern den Banken des

jeweiligen Landes zugutekommen. Dabei wird

dem EU-Staat ein ESM-Darlehen gewährt, um

seinen Banken Kapitalhilfen zu geben. 4. Der

ESM kann Staatsanleihen ankaufen. Dabei darf

er neu ausgegebene Papiere von EU-Staaten

erwerben. Der ESM darf zudem bereits ausgegebene

Staatsanleihen kaufen.

DE INFO

Euro-Retter unter sich: Wolfgang Schäuble, IWF-

Direktorin Christine Lagarde und EZB-Chef Draghi


Traditionell sind Jahrestage ein

willkommener Anlass, sich für

den zurückgelegten Weg zu beglückwünschen,

um optimistisch

in die Zukunft blicken zu können. Zum

50. Jahrestag des deutsch-französischen

Freundschaftsvertrags, unterzeichnet am

22. Januar 1963 im Élysée-Palast, wird das

Wunder der Annäherung der „Erbfeinde“,

die zu Freunden geworden sind, gefeiert.

Ein Wunder, das einzigartig ist in der Welt.

Frankreich und Deutschland, von der Geografie

zur Nachbarschaft verurteilt, haben

sich für die Zusammenarbeit entschieden

und im Laufe der Jahre, der Erfolge und der

Krisen einen entscheidenden Beitrag zum

Aufbau Europas geleistet. Diese Geschichte

ist ein Lehrstück, das sich zu beachten

lohnt, will man die deutsch-französische

Zusammenarbeit erfolgreich fortsetzen.

In den Jahren 1962/63 trafen drei Voraussetzungen

aufeinander, die den Abschluss dieses

Vertrags erst möglich machten: der politische

Wille der Entscheider, Bundeskanzler

Konrad Adenauer und Staatspräsident

Charles de Gaulle, ein internationaler Kontext,

der für eine Aufbruchstimmung in Europa

sorgte, aber auch starke Eigeninteressen

der beiden Länder. Dem Mythos zufolge

begann alles im Jahr 1963. Doch in der Realität

wurde schon in den Jahren nach der

Gründung der Bundesrepublik 1949 die Basis

zur Kooperation zweier Länder gelegt,

die sich in ihren Strukturen und ihrer

Handlungsfähigkeit stark unterschieden,

die aber beide einen neuen Krieg vermeiden

20

Regio Aktuell

PARTNeR

FÜR eURoPA

50 Jahre deutsch-französische Zusammenarbeit – eine Analyse

wollten. Die Idee der Wegbereiter war einfach:

Der Frieden und die Gestaltung der

Zukunft würden gesichert, wenn man den

Nachbarn und seine Zwänge besser kannte,

seine Ziele respektierte und die Interessen

miteinander verflocht. Engagierte Mittler

organisierten Treffen und Städtepartnerschaften;

sie erleichterten somit die Kontakte

zwischen den beiden Gesellschaften

und vor allem zwischen den Jugendlichen.

Politiker wie Robert Schuman und Jean

Monnet arbeiteten an einer ausgewogenen

Kosten- und Nutzenverteilung: Man suchte

die Unsicherheitsfaktoren zu reduzieren,

indem man vitale nationale Interessen wie

Kohle und Stahl aus den Konfliktbereichen

herausnahm und sie einer gemeinsamen

Verwaltung unterstellte.

„Die Beziehung

zwischen Kanzler und

Präsident war geprägt

von echter Sympathie“

Der Élysée-Vertrag mit seinem bilateralen

institutionellen Rahmen entstand als Folge

der Berlin-Krise, die 1961 mit dem Bau der

Mauer ihren Höhepunkt erreichte. Die

Amerikaner und Briten verfolgten eine nukleare

Verteidigungslinie des Westens, die

nicht den Beifall Adenauers fand und schon

gar nicht die Zustimmung General de

Gaulles, der Frankreichs Position als große

Welt- und Atommacht zu behaupten suchte.

Das Scheitern der Fouchet-Pläne 1962 hatte

sein Vorhaben eines intergouvernementalen

Regierungsmodells für Europa vereitelt.

Die Idee einer organisierten bilateralen Zusammenarbeit

nahm mit dem guten persönlichen

Verhältnis zwischen dem Kanzler

und dem Präsidenten Formen an. Diese

Beziehung war sicherlich von echter Sympathie

und gegenseitigem Respekt geprägt;

während der offiziellen Treffen im Sommer

1962 wurde sie auch geschickt in Szene gesetzt.

Im Juli in Reims sowie im September

in Bonn und Ludwigsburg zeigte man sich

als Paar, das für die Ablehnung des Nationalsozialismus

stand, das das gemeinsame

geschichtliche Erbe trug, sich der Zukunft

zuwandte und die Jugendlichen dazu aufrief,

Europa zu gestalten. Langfristig erwies

sich dieser Aufruf als visionär, kurzfristig

sollte er Deutschland für Frankreichs Europapolitik

gewinnen.

Diese französische Europapolitik schloss

Großbritannien aus, wie de Gaulle eine Woche

vor Unterzeichnung des Vertrags mit

Nachdruck bestätigte, und sie zielte auf ein

„europäisches“ Europa mit einem deutschfranzösischen

Kern, das eine Allianz „auf

Augenhöhe“ mit den Vereinigten Staaten

würde schließen können. Eine Mehrheit

deutscher Abgeordneter sprach sich dafür

aus, dem bilateralen Vertrag eine Präambel

hinzuzufügen, um ebendiese französischen

Intentionen zu konterkarieren. Der Text –

so glaubte man – würde jede Bedeutung verlieren,

wenngleich die vorausgehende gemeinsame

Erklärung anstrebte, „die Bezie-

DE Magazin Deutschland 3/2012


hungen zwischen den beiden Völkern tief-

greifend“ zu verändern.

In den folgenden Jahren zeigte sich, dass die

obligatorischen Konsultationen und Zusammentreffen

auf unterschiedlichen Ebenen

entscheidend waren für ein Minimum

an Verständigung zwischen Bonn und Paris.

Dies galt insbesondere für die Ära

Brandt/Pompidou, während die Zusammenarbeit

zwischen Schmidt und Giscard

d’Estaing geprägt war von einer gemeinsamen

Analyse zur Bewältigung der Krisen

der 1970er-Jahre (Ölschocks und Währungskrise).

Ausgelöst von Dritten und verschärft

durch die zunehmenden internationalen

Abhängigkeiten, sorgten diese Krisenzeiten

dafür, dass man enger zusammenrückte.

Was man von den beiden

„Frankreich und

Deutschland als Motor

der europäischen

Verständigung“

Staatsmännern lernen kann, ist weniger

der Erfolg ihrer gemeinsamen Politik –

denn die Folgen dieser Krisen waren noch

lange nicht überstanden –, sondern vielmehr

das Etablieren eines regelmäßigen Informationsaustauschs

und einer permanenten

Abstimmung in Gipfelgesprächen.

Der politische Wille war entscheidend, um

informellere Abstimmungsinstrumente zu

schaffen, die die Verständigung auf bilateraler,

europäischer (Europäischer Rat) und

weltweiter Ebene (G7) erleichterten. Dabei

waren die Meinungsverschiedenheiten

nicht zu übersehen, in der nationalen Praxis

ebenso wie in der wirtschaftlichen Doktrin,

beispielsweise zum Erreichen einer

Wirtschafts- und Währungsunion. Aber

Frankreich und die Bundesrepublik nahmen

gemeinsam die Rolle des Motors für

die europäische Verständigung an.

Die geänderte Konstellation mit François

Mitterrand und Helmut Kohl sorgte für ein

neues Lehrstück: Man wusste bereits, dass

die Wirksamkeit der Kooperation nicht davon

abhing, dass die Staatschefs aus der

gleichen politischen Familie stammten,

man sah, dass sie hingegen eng gekoppelt

war mit einem gemeinsamen Engagement

für die Vertiefung der europäischen Zusammenarbeit.

Bei Helmut Kohl und François

Mitterrand ging dieses gemeinsame

Bemühen der Vereinigung Deutschlands

voraus: Neue bilaterale Räte wurden eingesetzt

und es fand ein Austausch zwischen

Staatsbeamten statt, gekoppelt mit europäischen

Initiativen zur Abstimmung von

Wirtschafts- und Währungspolitik und

Verteidigungsinteressen. Dialog und Pragmatismus

ermöglichten, das erschütterte

Gleichgewicht am Ende des Kalten Krieges

neu herzustellen.

Die Konfrontation von Gerhard Schröder

und Jacques Chirac bestätigte im negativen

Sinn die bekannten Regeln: Beim EU-Gipfel

2000 in Nizza führten die fehlende Abstimmung

und Kompromissbereitschaft im Vorfeld

zu einem öffentlichen Zusammenprall

der nationalen Interessen. Durch das Treffen

in Blaesheim bei Straßburg im Januar

2001 und die Schaffung der gemeinsamen

Ministerräte fand man wieder zurück zum

Dialog. Nach einer ersten Phase des gegenseitigen

Misstrauens waren Angela Merkel

und Nicolas Sarkozy durch die Finanzkrise

gezwungen, denselben Weg zu gehen. Auch

die Kanzlerin und der neue Präsident François

Hollande müssen diesen Weg weiter

beschreiten, auch wenn viele Voraussetzungen

sich seit 1963 geändert haben und

gerade weil das Ausmaß der Krise beispiellos

ist.

Der realistische Blick auf die Vergangenheit

macht deutlich, dass die deutsch-französische

Zusammenarbeit trotz des Ungleichgewichts

zwischen den beiden Ländern,

trotz zahlreicher Unstimmigkeiten, trotz

weiter bestehender alter und neuer Meinungsverschiedenheiten

effizient sein

konnte. Neben dem Netz aus Beziehungen

und Kontakten zwischen den beiden Ländern

ist das wichtigste Ergebnis der vergangenen

Jahrzehnte die Vielzahl der Erfahrungen,

die Verpflichtungen durch den gemeinsamen

institutionellen Rahmen und

die Dynamik der Krisen, die die zwei Partner

zum Pragmatismus und zur Entschlossenheit

zwingen – für mehr Europa. ▪

DE Magazin Deutschland 3/2012 21

picture-alliance/dpa

DER ÉLYSÉE-VERTRAG

Mit der Unterzeichnung des deutsch-französischen

Freundschaftsvertrags am 22. Januar 1963

stellten Bundeskanzler Konrad Adenauer und

Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle

die durch mehrere Kriege schwer belasteten Beziehungen

der beiden Nachbarstaaten auf eine

neue Grundlage. Der Élysée-Vertrag wurde damit

zum Fundament für eine intensive bilaterale Zusammenarbeit

in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Er förderte den Aufbau eines engen Netzwerks

gemeinsamer deutsch-französischer

Strukturen und Institutionen, das in dieser Form

einzigartig ist.

Die beiden Regierungen verpflichtet das Abkommen

zu Konsultationen in allen wichtigen Fragen

der Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik.

2003 beschlossen die beiden Regierungen,

ihre Konsultationen in Zukunft in Form von

gemeinsamen Ministerräten abzuhalten. Die

gemeinsamen Sitzungen der beiden Kabinette

ermöglichen es Deutschland und Frankreich, eine

Zusammenarbeit auf höchster politischer Ebene

zu koordinieren.

www.elysee50.de

De iNFo

Eine enge Regierungszusammenarbeit kennzeichnet

die deutsch-französische Partnerschaft

Die Autorin Professor Hélène

Miard-Delacroix lehrt an der

Universität Sorbonne in Paris.

Die Historikerin ist Expertin

für die deutsch- französischen

Beziehungen.

picture-alliance/dpa


Thomas Ernsting/laif

Selbstbestimmte Freizeit ist für das persönliche Lebensglück wichtig,

Naherholungsmöglichkeiten steigern für Städter messbar die Lebensqualität

22

DE Magazin Deutschland 3/2012


TITEL LEBENSQUALITÄT

Befriedigende Arbeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – diese

Faktoren sind für viele Ausdruck hoher Lebensqualität

So lebt es sich

in Deutschland

Familie, Arbeit, Einkommen, Kultur – was macht

Lebensqualität aus? Und wie misst man Glück?

DE Magazin Deutschland 3/2012 23

Ulrich Baumgarten via Getty Images


Familie

und Beruf

Den größten „Glückszuwachs“ messen Forscher bei Arbeitslosen,

die wieder einen Vollzeitjob gefunden haben

24

picture-alliance/dpa

DE Magazin Deutschland 3/2012


Soziale Netzwerke und Freunde geben vielen Halt. Eigene Kinder lassen das

Glückspendel nicht deutlich höher ausschlagen, Enkel dagegen schon

DE Magazin Deutschland 3/2012 25

Thomas Linkel/laif


Gregor Hohenberg/laif

26

Wohnen

und Kultur

Gute Kultur- und Freizeitangebote machen für viele Großstädter ein

wichtiges Stück Lebensqualität aus

Silke Wernet/laif

DE Magazin Deutschland 3/2012


Städte mit hoher Wohnqualität wie Hamburg oder München

schneiden trotz hoher Mietkosten in Städterankings meist gut ab

Von Janet Schayan

Das Glück ist im Norden zu Hause. Und ganz im Süden.

Jedenfalls in Deutschland und nach der Datenlage des

im September 2012 veröffentlichten „Deutsche Post

Glücksatlas“: In diesem Ranking von 19 deutschen Regionen

stehen die Hamburger an der Spitze der Zufriedenen. Es

folgen die Bewohner der Nordseeküste, dann die Bayern. Im Durchschnitt

liegt die Lebenszufriedenheit der Deutschen bei rund sieben

von zehn möglichen Punkten. Das entspricht im internationalen

Vergleich einem Platz im oberen Drittel. Die Menschen im Westen

und Osten Deutschlands empfinden in der Lebensqualität heute

nur noch einen Unterschied von 0,2 Punkten – sie sind sich da so nah

wie noch nie seit der deutschen Einheit. 1991 lag diese „Glückslücke“

noch bei 1,3 Punkten. Im europäischen Vergleich der Lebenszufrie-

„Mit Blick auf die empfundene

Lebensqualität könnte man schon

bald von einer wirklichen Einheit

in Deutschland sprechen“

Bernd Raffelhüschen, Autor des „Glücksatlas“

denheit von 29 Ländern hat sich Deutschland seit 2006 (Platz 15) auf

Platz neun deutlich nach vorn „gearbeitet“.

Aber wie misst man Glück, wie Lebensqualität? Ist das nicht etwas

sehr Privates, Subjektives? Die Glücksforschung – eine Disziplin

zwischen Soziologie und Volkswirtschaftslehre – untersucht jedenfalls

viele Einzelfaktoren, die dann ein Gesamtbild ergeben,

darunter Gesundheit, Partnerschaft, soziale Beziehungen, Beruf,

Einkommen. Und auch das Gefühl von Sicherheit oder das Vertrauen

in Politik und Rechtsstaatlichkeit spielen für die Lebensqualität

eine wichtige Rolle. Der „Glücksatlas“, der unter Leitung des renommierten

Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen von der Universität

Freiburg entstand, gilt als die umfassendste und aktuellste

Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Die Datenbasis

beruht zum Großteil auf dem Sozio-oekonomischen Panel

(SOEP). Diese Langzeitstudie bildet schon seit 1984 die Lebensumstände

der Menschen in Deutschland jährlich repräsentativ an-

hand von Umfragen in 11 000 Haushalten ab. Außerdem haben die

DE Magazin Deutschland 3/2012 27

>


Bildung

28

Bildung bereichert das Leben. Studien zeigen,

dass gut ausgebildete Menschen länger leben und

aktiver an Politik und Gesellschaft teilhaben

und Freizeit

„Glücksatlas“-Autoren auch auf Umfragedaten des Instituts für Demoskopie

Allensbach und weitere Datenquellen zurückgegriffen.

Nach dem „Glücksatlas“ sind die Hamburger auch mit ihrer Stadt

besonders zufrieden. Sie stellen ihr mit 84 von 100 möglichen Punkten

das beste Zeugnis unter 13 deutschen Großstädten aus. Besonders

gern leben auch Düsseldorfer und Dresdner in ihren Städten –

was zumeist neben harten Standortfaktoren wie wirtschaftlicher

Attraktivität an einer Mischung aus großem Kulturangebot, guter

Verkehrsinfrastruktur, Luft- und Wasserqualität und Naherholungsmöglichkeiten

liegt. Als Schwächen der Großstädte gelten das

geringere Zusammengehörigkeitsgefühl und mangelnde Angebote

für Kinder und Familien. Es wundert nicht, dass die Beurteilung des

Wirtschaftsstandorts eine Rolle für die Lebenszufriedenheit spielt:

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

(OECD), die sich ebenfalls seit Längerem mit dem Thema

Wohlstandsmessung befasst, konstatiert: Gesellschaften mit hoher

Beschäftigungsrate sind auch politisch stabiler und gesünder. In einer

Studie bringt sie es auf die Titel-Formel: „Better skills, better

jobs, better lives“ (bessere Qualifikation, bessere Jobs, besseres Leben).

Deutschland bescheinigte der jüngste OECD-Bericht „Bildung

auf einen Blick 2012“ eine deutliche Verbesserung gegenüber den

Vorjahren: eine generell niedrige Arbeitslosigkeit und sogar die ge-

„Die Zahlen zeigen für die letzten

20 Jahre keinen Zusammenhang

zwischen dem BIP pro Kopf und

der Lebenszufriedenheit“

Karlheinz Ruckriegel, Volkswirtschaftler

ringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, einen Höchststand in der

Zahl der Studienanfänger und eine Steigerung der Quote der Hochschulabsolventen

auf 30 Prozent – mehr als eine Verdopplung gegenüber

1995.

Der OECD-Bericht belegt auch: Je höher der Bildungsstand, desto

höher das individuelle Einkommen und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko.

In Deutschland arbeiten nach Angaben des Statis-

Pierre Adenis/laif

tischen Bundesamtes (Destatis) vier von zehn Erwerbstätigen in

hochqualifizierten Berufen. Dieser Anteil ist stark gestiegen. 1992

waren nur drei von zehn Hochqualifizierte. Ein „guter Job“ sei für

viele Menschen zudem eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit

und Lebensqualität, stellt Destatis in seiner Untersuchung

„Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt,

2012“ fest. Schließlich werden am Arbeitsplatz oft mehr Stunden

verbracht als mit Familie oder Freunden. 88 Prozent der deutschen

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind „im Allgemeinen zufrieden“

mit ihren Arbeitsbedingungen. Damit liegen sie über dem

EU-Durchschnitt von 81 Prozent. Ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit

und Lebensqualität ist die Balance zwischen Arbeit und

Freizeit: In Deutschland hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um rund

drei Stunden auf 35,4 Stunden abgenommen. Die Deutschen kommen

damit auf einen der niedrigsten Werte aller OECD-Länder.

Arbeit gut, Einkommen gut, alles gut? Die internationale Glücksforschung

hat festgestellt, dass es in den westlichen Industrieländern

kaum eine Korrelation zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) – das den Wert aller innerhalb eines Jahres

produzierten Dienstleistungen und Waren eines Landes beziffert –

und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Der Volkswirtschaftler

Karlheinz Ruckriegel aus Nürnberg stellt diesen Trend

auch für Deutschland fest: „Die Zahlen des Sozio-oekonomischen

Panels zeigen für die letzten 20 Jahre keinen Zusammenhang zwischen

dem BIP pro Kopf und der Lebenszufriedenheit.“ Kurz: Geld

macht nicht glücklicher. Jedenfalls nicht allein, jedenfalls nicht,

wenn die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Wirtschaftswachstum

als zentraler Maßstab für Lebensqualität hat

wohl ausgedient, da sind sich viele Experten einig.

Eine Wissenschaftlerkommission unter Leitung des US-amerikanischen

Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz hat im Auftrag der französischen

Regierung untersucht, mit welchen Mitteln sich Wohlstand

und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne von Einkommensgrößen

wie dem BIP auszugehen. Sie schlug vor, dass das wirtschaftspolitische

Ziel nicht Wachstum sein sollte, sondern unter anderem

die objektive Lebensqualität (Gesundheit, Bildung, Umwelt)

und die ökologische Nachhaltigkeit. Ende Oktober 2011 hat die OECD

die Studie „How’s life? Measuring well-being“ publiziert, in der sie

DE Magazin Deutschland 3/2012


elf Indikatoren zu Lebensqualität und Wohlbefinden vorlegt – im

Mittelpunkt stehen auch hier die Menschen und nicht die wirtschaftliche

Gesamtentwicklung. Deutschland liegt bei diesem Lebensqualitätsindex

im oberen Mittelfeld.

Auch Deutschland diskutiert, was Lebensqualität wirklich ausmacht:

Der Deutsche Bundestag hat eine Enquetekommission

„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die 2011 die

Arbeit aufgenommen hat. Ihr gehören 34 Parlamentarier und Wissenschaftler

an. Sie soll das rein ökonomisch und quantitativ orientierte

BIP als Maßstab für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln

und um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien

ergänzen. Dazu könnten zum Beispiel Indikatoren wie Einkom-

„Wachstum soll kein Ziel an sich

sein, sondern ein Mittel zu etwas“

Daniela Kolbe, Vorsitzende Enquetekommission

mensverteilung, Schuldenstand, ökologischer Fußabdruck oder

Bildungschancen und Innovationsfähigkeit gehören. Natürlich

sind viele dieser Informationen veröffentlicht. „Was wir aber nicht

haben“, sagt Beate Jochimsen, Kommissionsmitglied und Professorin

für Finanzwirtschaft in Berlin, „ist ein Set, in dem die Indikatoren

übersichtlich dargestellt werden.“ Gert C. Wagner, ebenfalls

Enquetemitglied und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts

für Wirtschaftsforschung, unterstützt zudem die Einrichtung

eines neuen Gremiums, eines „Sachverständigenrats für nachhaltige

Lebensqualität“. Es könnte regelmäßig über Veränderungen in

den Bereichen Wohlstand und Lebensqualität informieren und die

Sicht der „Fünf Wirtschaftsweisen“ in ihrem jährlichen Gutachten

zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ergänzen.

Die – zum Teil sehr konträr geführten – Debatten in den vier Projektgruppen

der Enquetekommission sind aber noch in vollem

Gang. „Es gibt insbesondere zur Frage über die Rolle des Wirtschaftswachstums

gravierende Unterschiede“, sagt die Kommissionsvorsitzende

und SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe. Denn auch

wenn dies nicht der einzige Maßstab für Lebensqualität ist: Als

eines der größten Glückshemmnisse gilt die Arbeitslosigkeit. ▪

Eine gute Balance von Arbeit und Freizeit ist für viele Menschen in

Industrieländern bestimmend für hohe Lebensqualität

DE Magazin Deutschland 3/2012 29

Christian O. Bruch/laif


WO DIE

QUALITÄT

STIMMT

Was Umfragen und Studien zur

Lebensqualität (aus)sagen

30

Die familienfreundlichsten

Landkreise

Nordfriesland Schleswig-Holstein

Schleswig-Flensburg Schleswig-Holstein

Potsdam Brandenburg

Bernkastel-Wittlich Rheinland-Pfalz

Landau Rheinland-Pfalz

Baden-Baden Baden-Württemberg

Breisgau-Hochschwarzwald Baden-Württemberg

Main-Tauber-Kreis Baden-Württemberg

Tübingen Baden-Württemberg

Erlangen Bayern

Garmisch-Partenkirchen Bayern

Kitzingen Bayern

TITEL LEBENSQUALITÄT

Quelle: Familienatlas 2007

Die Städte mit der

besten Lebensqualität

1. Wien Österreich

2. Zürich Schweiz

3. Auckland Neuseeland

4. München Deutschland

5. Düsseldorf Deutschland

6. Vancouver Kanada

7. Frankfurt Deutschland

8. Genf Schweiz

9. Bern Schweiz

10. Kopenhagen Dänemark

11. Sydney Australien

12. Amsterdam Niederlande

13. Wellington Neuseeland

14. Ottawa Kanada

15. Toronto Kanada

16. Hamburg Deutschland

17. Berlin Deutschland

18. Melbourne Australien

19. Luxemburg Luxemburg

20. Stockholm Schweden

Quelle: Mercer-Studie 2011

Die beliebtesten Urlaubsziele

1. Ostsee

2. Nordsee

3. Bayerische Alpen

4. Allgäu

5. Thüringer Wald

6. Bodensee

7. Moseltal

8. Schwarzwald

9. Chiemsee

10. Sächsische Schweiz

Quelle: Quermania 2012

DE Magazin Deutschland 3/2012





Die Städte

mit den höchsten Mieten

1. Tokio

2. London

3. Moskau

4. Caracas

5. Hongkong

55. Frankfurt

57. München

64. Hamburg

80. Düsseldorf

85. Berlin

Die fahrradfreundlichsten

Städte

1. Münster Nordrhein-Westfalen

2. Kiel Schleswig-Holstein

3. Oberhausen Nordrhein-Westfalen

4. Hannover Niedersachsen

5. Bremen Bremen

6. Leipzig Sachsen

7. Bonn Nordrhein-Westfalen

8. Magdeburg Sachsen-Anhalt

9. Bielefeld Nordrhein-Westfalen

10. Karlsruhe Baden-Württemberg

Quelle: ADFC

Japan

Großbritannien

Russland

Venezuela

Hongkong

Deutschland

Deutschland

Deutschland

Deutschland

Deutschland

Quelle: ECA Studie 2012

Grafiken: Dieter Duneka

*von 100 möglichen Punkten

Quelle: Green City Index 2012

DE Magazin Deutschland 3/2012 31


DE INFO

WO ES SICH AM BESTEN LEBT

Das Thema bewegt. Weil Lebensqualität

etwas ist, was alle wollen. Für sich persönlich,

ihre Stadt, ihre Region. An einschlägigen Studien

herrscht kein Mangel, doch kaum eine ist

wirklich unumstritten. Die Unternehmensberatung

Mercer etwa untersucht jährlich in einer

weltweit umgesetzten Vergleichsstudie die

Lebensqualität in 215 internationalen Städten

anhand von 39 Kriterien. Bemerkenswertes

Ergebnis des Jahres 2011: Die Top-20-Städte befinden

sich mehrheitlich in Europa und davon

wiederum die meisten (fünf Städte) in Deutschland.

München spielt in allen Städterankings

traditionell ganz oben mit. In einer Roland-

Berger-Studie wird sie auch als kreativste Stadt

positioniert. Hamburg hingegen hat sich im

jüngst erschienenen „Glücksatlas 2012“ der

Deutschen Post auf Platz 1 verewigt. Die „glücklichsten“

Deutschen leben laut „Glücksatlas“ in

der Hansestadt und an der Nordsee.

Der Green City-Index

für Europa

1. Kopenhagen

2. Stockholm

3. Oslo

4. Wien

5. Amsterdam

6. Zürich

7. Helsinki

8. Berlin

9. Brüssel

10. Paris

87,3*

86,7

84,0

83,3

83,0

82,3

79,3

79,0

78,0

73,2


picture-alliance/dpa (3)

VORREITER

32 DE

Christoph Harrach

TITEL LEBENSQUALITÄT

KARMAVERBESSERER Für das Handelsblatt ist er „Der

Mann fürs gute Gewissen“. Der Yogalehrer mit BWL-Diplom

ist Initiator der Wertegemeinschaft Karma-Konsum.

Als Trendscout für „gesunde und nachhaltige Lebensstile“

und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl „nachhaltiger

Konsum“ der TU Berlin will er zeigen, wie sich mit

ökosozialem Handeln und Produzieren Lebensqualität

und Gewinn simultan steigern lassen.

Florian Langenscheidt

Sarah Wiener

„Setzen Sie sich einfach mal

in Ruhe hin, atmen tief

durch und finden heraus,

was Ihnen guttut“

Dietrich Grönemeyer

GLÜCKSBRINGER Schon vor 30 Jahren gründete er das „Institut

für angewandte Glücksforschung“; er hält Optimismus

für die wichtigste erneuerbare Energie im Leben und

setzt sich nebenbei im Ausland für „made in Germany“ ein,

also für alles, was hier gut und schön ist. Daneben verschönt

der Verleger Dr. Florian Langenscheidt uns und damit

auch die Welt, indem er sein immenses Wissen um die

Leichtigkeit des Seins in seinen Büchern mit uns teilt.

BEWUSSTSEINSERWEITERER Engagiert sich als Arzt und

Autor für eine Medizin, bei der Körper, Geist und Seele glei-

chermaßen im Fokus stehen, und plädiert für eine undog-

matische Zusammenarbeit der verschiedensten Diszipli-

nen zwischen Hightech und Naturheilkunde. Mit Büchern

über Ernährung und als Gastredner der „Kinderuniversitäten“

möchte er schon beim Nachwuchs den Grundstein für

ein ganzheitliches Gesundheitsbewusstsein legen.

„Essen war nie eine Privatsache.

Essen ist eine politische und

gesellschaftliche Angelegenheit“

BESSERESSERIN Sie ist die kontinentaleuropäische Antwort auf Jamie Oliver und leidenschaftliche

Botschafterin des ökologisch besseren Kochens. Nach der Devise „billig ist das

neue Teuer“ engagiert sie sich für mehr Qualitätsbewusstsein beim Essen. Was man nämlich

an der Kasse spare, das bezahle man mit deutlichen Verlusten an Geschmack, an ethischen

Standards bei der Tierhaltung und an Zukunftsaussichten für die kommende Generation.

Magazin Deutschland 3/2012


picture-alliance/Erwin Elsner

Julia Knop/laif

Hape Kerkeling

ENTSCHLEUNIGER Er hat das erfolgreichste

Sachbuch „aller Zeiten“ geschrieben. Ganz

einfach, weil sein humorvoller Wanderbericht

vom Jakobsweg „Ich bin dann mal weg“ schon

bei der Lektüre wie ein Notausgang aus der

Alltagshektik funktioniert. Gleichzeitig beweist

der TV-Star mit seinen Erlebnissen: Es

geht. Man kann auch mitten in einer Karriere

einfach mal aussteigen, gründlich entschleunigen

und die Pausentaste drücken.

DE Magazin Deutschland 3/2012

Gabriele Fischer

NICHTSTUERIN Diese Chefredakteurin traut

sich etwas: Ausgerechnet in diesen schweren

Zeiten widmete sie eine Ausgabe ihres Magazins

„brand eins“ dem süßen Nichtstun. Ja,

das brauchen wir gerade jetzt. Bevor wir vergessen,

dass wir das tun sollten, was wir tun

wollen, und nicht immer bloß das, was wir

müssen, und Nichtstun so gesehen zwar auch

manchmal harte Arbeit, aber eben auch ein

großes Glück sein kann. Dolce far niente.

„Mal richtig rauszukommen

schafft Platz für andere

Dinge, neue Perspektiven“

picture-alliance/ZB

Jörg Pilawa

KÜRZERTRETER Er zeigt, wie es geht.

Der TV-Star war immer auf Sendung,

bevor er eine achtmonatige Auszeit

nahm und mit der Familie im Wohnmobil

durch Kanada und Neuseeland

tourte. „Mit den Kindern am Meer zu

sitzen und aufs Wasser zu gucken, ohne

Terminpläne und Alltagssorgen im Rücken

zu haben, gibt der Zeit eine ganz

neue Qualität.“ Eine Erfahrung mit Folgen.

Denn seitdem tritt er im Job kürzer

und gewinnt deshalb an Popularität.

picture-alliance/De Fodi

picture-alliance/ZB

ANDREA LENKERT-

HÖRRMANN

Impulsgeberin Als Ökound

Slowfood-Aktivistin

kämpft sie für regionale

Lebensmittelproduktion

und energisch gegen die

Lebensmittelverschwendung. Für sie ist es

ein Skandal, dass nahezu 40 Prozent unserer

Nahrungsmittel im Müll landen.

MANUEL ANDRACK

Naturbursche Früher sah

man ihn im TV-Late-Night-

Talk; heute ist der Autor

und Blogger Deutschlands

bekanntester Wanderer.

Als Galionsfigur der neuen

Lust an der wohl ältesten

Fortbewegungsart (nach Schwimmen)

bringt er zusammen, was zusammengehört:

Mensch, Natur, Lebensqualität.

RENATE KÖCHER

Interviewerin Sie weiß,

was die Deutschen froh

macht. Die Demoskopin

und Allensbach-Chefin hat

mit umfangreichen Daten

wesentliches Material für

den „Glücksatlas 2012“ geliefert.

Ein Ergebnis: Das Glück wohnt oft in

den einfachen Dingen.

HAJO SCHUMACHER

Schrittmacher Wortstarker

Dauerläufer und Autor

bringt die Deutschen mit

Sachbüchern und seiner

Spiegel-Online-Kultkolumne

„Achilles’ Verse“ auf

Trab. Den inneren Schweinehund

bekämpft er einfach mit dem

Motto „Qualität kommt von Qual“.

HORST OPASCHOWSKI

Freizeitforscher Gemeinsam

mit dem Marktforschungsinstitut

Ipsos hat

er einen „Nationalen Wohlstandsindex“

erstellt und

dabei herausgefunden,

was den Deutschen besonders wichtig ist:

sicher und sorgenfrei leben zu können und

das möglichst in Gemeinschaft.

picture-alliance/dpa

picture-alliance/dpa

picture-alliance/dpa


LEBENSLAGEN IN

ZAHLEN UND FAKTEN

Wie der OECD Better Life Index Lebensqualität bewertet

1419

STUNDEN IM JAHR ARBEITEN

die Menschen in Deutschland. Das Mittel

der OECD-Länder liegt bei 1749 Stunden

GESUNDHEIT

In den vergangenen Jahrzehnten

ist die Lebenserwartung

in den meisten OECD-Ländern stark gestiegen.

Im Durchschnitt liegt sie bei

etwa 80 Jahren, die Deutschen werden

sogar etwas älter. Bei den Gesundheits-

ausgaben liegen sie mit 11,6 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts in der Spitzengruppe

und knapp 2 Prozent über dem

OECD-Schnitt. Andererseits: Nur 65 Prozent

der Deutschen bezeichnen ihren Gesundheitszustand

selbst als „gut bis sehr

gut“. Amerikaner und Neuseeländer beantworten

dieselbe Frage zu 90 Prozent

positiv. Alles eine Frage des Blickwinkels?

34

TITEL LEBENSQUALITÄT

GEMEINSCHAFT

Der Organisation für wirtschaftliche

Zusammenarbeit

und Entwicklung (OECD) gehören vor allem

Industrieländer an. Mit dem Better

Life Index analysiert die OECD die Lebensbedingungen

in 36 Ländern. Zum Stichwort

Gemeinschaft hält der Index fest,

dass 95 Prozent der Deutschen angeben,

Verwandte oder Freunde zu haben, auf

die sie sich in Notlagen verlassen können.

Ein Wert im oberen Drittel. Der Schnitt

liegt bei 91 Prozent. An der Spitze stehen

die Isländer und Iren mit 98 Prozent. Auf

Inseln scheint der Gemeinschaftssinn besonders

stark ausgeprägt zu sein.

80,5

JAHRE LEBENSERWARTUNG

haben Neugeborene in Deutschland

(Frauen: 83 Jahre, Männer: 78 Jahre)

1,36

KINDER BEKOMMEN FRAUEN

in Deutschland. Die Rate liegt seit über

30 Jahren unter dem OECD-Durchschnitt

LEBENSZUFRIEDENHEIT

Nicht den aktuellen Zustand,

sondern wie Menschen ihr Leben

als Ganzes bewerten, misst die OECD

bei der „Lebenszufriedenheit“. Hier geben

die Deutschen auf einer Skala von 0 bis 10

im Schnitt die Bewertung 6,7 an – womit

sie in einer Reihe mit den meisten OECD-

Ländern liegen. Bei Frauen und Männern

gibt es da im Übrigen so gut wie keine Unterschiede.

Den höchsten Wert mit 7,8 erreichen

die Dänen, gefolgt von Norwegern

und Schweizern. Am wenigsten zufrieden

sind Ungarn, Portugiesen und

Russen mit Werten von etwas weniger

und etwas mehr als 5 Punkten.

DE Magazin Deutschland 3/2012


ARBEIT

Einkommen, soziale Einbindung,

Selbstvertrauen – Erwerbsarbeit

hat viele Aspekte, die sich

auf die Lebensqualität und ein positives

Lebensgefühl auswirken. In Deutschland

haben 71 Prozent der 15- bis 64-Jährigen

einen bezahlten Job. Die Zahl ist um einiges

höher als der OECD-Schnitt von 66

Prozent. Das Gehalt ist ein wichtiger Aspekt

der Jobqualität: In Deutschland liegt

der jährliche Durchschnittsverdienst bei

umgerechnet 38 251 US-Dollar, ein Wert

im guten OECD-Mittelfeld. 20 Prozent der

Deutschen verdienen mit 15 926 US-Dollar

jedoch weit weniger.

BILDUNG

Gut ausgebildete Menschen

sind wichtig für das wirtschaftliche

und soziale Wohlergehen einer

Gesellschaft. Der Bericht „Bildung in

Deutschland 2012“ belegt, dass das Bildungsniveau

weiter gestiegen ist, die

Zahl der Abiturienten zu- und die der

Schulabbrecher abnimmt. Auch das Ergebnis

der OECD-PISA-Studie, die Schülerleistungen

vergleicht, hat sich verbessert.

Mit 513 Punkten lag Deutschland bei

der letzten PISA-Studie (2009) erstmals

im oberen Drittel. Doch zufrieden ist man

damit nicht. Gerade benachteiligte Kinder

müssen noch mehr gefördert werden.

WOHNEN

Wie misst man Wohnqualität,

ein wichtiger Faktor für Lebensqualität?

Die OECD setzt in ihrem

Ranking bei den Wohnkosten im Vergleich

zum Einkommen an: Aber sind hohe

Wohnausgaben ein Zeichen für weniger

Qualität? Oder gibt mehr aus, wer mehr

Wert auf Wohnen legt? Nach dem OECD-

Ranking liegt Deutschland bei den Wohnkosten

auf Platz 22 von 36 Ländern. Am

wenigsten zahlen Russen und Koreaner

fürs Wohnen. Bei der Wohnfläche steht

Deutschland auf Platz 17 mit 1,8 Räumen

pro Person. Am meisten Platz haben Kanadier,

Neuseeländer und US-Amerikaner.

76% + 66%

BETRÄGT DIE BESCHÄFTIGUNGSRATE

von Männern bzw. Frauen in Deutschland.

Der Unterschied ist mit 10 Prozentpunkten

niedriger als das OECD-Mittel

12,5%

IST DER ANTEIL ERNEUERBARER

Energien am Endenergieverbrauch in

Deutschland (Strom, Wärme, Kraftstoffe)

77%

DER HAUSHALTE HABEN INTERNET

und davon besitzt die Mehrheit (93 %) eine

schnelle Internetverbindung (Breitband)

Quelle: OECD Better Life Index; Erneuerbare Energien: BMU 2011; Internet: destatis 2011

DE Magazin Deutschland 3/2012 35

Anthonycz/shutterstock.com (6)

WORK-LIFE-BALANCE

Wie sieht sie aus, die perfekte

Balance zwischen Erwerbsarbeit

und Freizeit? Eins steht fest: In allen

OECD-Ländern ist der Anteil der Menschen

mit sehr hoher Arbeitsbelastung

(mehr als 50 Stunden in der Woche) eher

gering. In Deutschland arbeiten nur etwa

5 Prozent der Angestellten mehr als 50

Stunden (OECD-Schnitt: 9 Prozent). Im

Ranking der Länder mit dem höchsten

Freizeitanteil liegt Deutschland auf Platz

7 von 36 Ländern. Die meiste Zeit zur freien

Verfügung haben nach OECD-Angaben

Dänen, Spanier und Belgier; die wenigste

hingegen Mexikaner, Japaner und Polen.

UMWELT

Was könnte einen größeren

Einfluss auf eine gute Lebensqualität

haben als eine intakte Umwelt

und viel Grün oder Wasser in der Nähe,

um sich vom Alltagsstress zu erholen? In

Deutschland geben nur 4 Prozent der

Menschen an, dass ihnen der Zugang zur

Natur fehlt, das sind sehr viel weniger als

der OECD-Durchschnitt von 12 Prozent.

Und 96 Prozent der Deutschen finden die

Wasserqualität in ihren Städten und Gemeinden

gut. Noch zufriedener sind nur

Schweden, Briten, Isländer und Schweizer.

Am Ende der Rangliste finden sich

Russland, Israel und Griechenland.

SICHERHEIT

Im Empfinden persönlicher Sicherheit

sieht die OECD ein

Kernelement des Wohlbefindens. Verglichen

wurde zum Beispiel die Mordrate

(Anzahl der Morde auf 100 000 Einwohner),

weil Morde – anders als andere Verbrechen

– meistens polizeilich gemeldet

werden. Demnach liegt Deutschland mit

einer Mordrate von 0,8 weit unter dem

OECD-Schnitt von 2,1 und ist ein besonders

sicheres Land (Rang 7 von 36). Am sichersten

darf man sich in Island und Japan

fühlen. Die mit Abstand meisten

Mordfälle verzeichnen Brasilien (22,7 auf

100 000 Einwohner) und Mexiko (19).


FÜR IDEEN

STREITEN

Lebensqualität fällt nicht vom Himmel.

Was man aktiv tun kann, zeigen

vier gesellschaftliche Beispiele

ENGAGIERT ALS BÜRGER Ruhe ist schön, macht aber

viel Arbeit – der Schutz vor Lärm will immer auch erkämpft sein.

Besonders plastisch wird das an Deutschlands größtem Flughafen

in Frankfurt am Main. Seit dort im Herbst 2011 eine neue Landebahn

in Betrieb genommen wurde, reißen die Proteste nicht mehr

ab. Menschen, die in den Einflugschneisen leben, fühlen sich nicht

nur massiv gestört und belästigt, sondern sagen auch: Der Lärm

macht uns krank. Selbst das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts

in Leipzig, das im April 2012 ein absolutes Nachtflugverbot

zwischen 23 Uhr nachts und 5 Uhr morgens für Europas drittgrößten

Flughafen erließ, kann die Anwohner nicht beruhigen. Die

Bürgerproteste am Frankfurter Flughafen sind nur ein Beleg dafür,

dass Menschen für ihre Lebensqualität streiten. Schon die Demonstrationen

Tausender „Wutbürger“ gegen den Umbau des

Stuttgarter Hauptbahnhofs („Stuttgart 21“) ließen dies medienträchtig

erkennen. „Die Proteste gegen den Fluglärm in Frankfurt

und gegen ‚Stuttgart 21‘ machen deutlich, dass die Menschen stärker

mitbestimmen wollen“, sagt die Rechtsanwältin Joy Hensel. Lärmminderung

als ein Hauptmotiv für den Wunsch nach mehr Lebensqualität

und direkter Demokratie? „Abstrakte Planungsprozesse

werden für die Menschen erst durch den Lärm oftmals ganz

konkret“, sagt Joy Hensel. In der lärmbelasteten Stadt Hattersheim

am Main unweit des Frankfurter Flughafens ist Hensel seit 2001

als deutschlandweit erste Ruhebeauftragte tätig. Sie vermittelt bei

so unterschiedlichen Dingen wie Ruhestörung durch private Renovierungsarbeiten

oder Lärmbelästigung durch Gewerbebetriebe.

Und sie möchte grundsätzlich sensibilisieren, ob es nun um die

nächtliche Party oder um die Expansion eines Großflughafens

geht. „Bei meiner Arbeit geht es weniger um das reine Vermeiden

von Lärm, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein für die Qualität

von Ruhe zu schaffen.“

36

TITEL LEBENSQUALITÄT

>

picture-alliance/dpa


Demonstranten am Flughafen Frankfurt:

Ruhe als kostbares Gut


MOTIVIERT ALS VÄTER Lars Gerold ist bereit, neue

Wege zu gehen. Für seinen Job in der internationalen Zusammen-

arbeit ist das essenziell: Gerold hat unter anderem Erfahrungen im

Hochschulaufbau in Afghanistan und im Irak gesammelt. Als Referatsleiter

in einer Wissenschaftsorganisation in Bonn hat er sich

vor Kurzem auf ganz anderes Neuland begeben. Während zwei „Vätermonaten“

klinkte er sich auf der Arbeit aus und kümmerte sich

intensiv um seine Töchter Carla (7 Jahre alt) und Martha (6 Monate).

„Das war eine schöne Zeit“, sagt er über die Elternzeit, die 2010/2011

jeder vierte Vater in Deutschland nahm. Gerne hätte Gerold noch

mehr Vätermonate genommen, „aber das war finanziell nicht darstellbar“.

Gerolds Frau promoviert derzeit; auf sein volles Gehalt

kann die Familie auf Dauer nicht verzichten.

„Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu erleichtern“ – das ist

laut dem „Familienmonitor 2011“ des Instituts für Demoskopie Allensbach

die zentrale familienpolitische Forderung von Eltern in

Deutschland, deren Kinder jünger als 18 Jahre sind. Dass Väter in

ihrem Job kürzertreten, fördert das 2007 eingeführte Elterngeld

für die „Vätermonate“. 78 Prozent der Deutschen halten das Elterngeld

laut Familienmonitor für eine gute Lösung; 67 Prozent sind der

Meinung, dass sich Väter „heute ganz allgemein mehr an der Erziehung

und Betreuung ihrer Kinder als vor fünf bis zehn Jahren“ beteiligen.

Und viele Männer ziehen wie Lars Gerold einen ganz persönlichen

Gewinn aus ihrer Rolle als „neue Väter“. Doch Gerold sagt

auch: „Wer sich für Kinder entscheidet, hat in Deutschland oft mit

einem unzureichenden Angebot an Betreuungsplätzen zu kämpfen.“

Nicht zuletzt in Bonn-Dottendorf, wo die Familie Gerold lebt. Der

kinderreiche Stadtteil an der Rheinaue wirkt mit seinen vielen

Grünflächen ein wenig wie ein Idyll; die Suche nach Betreuungsplätzen

lässt die meisten Eltern jedoch nicht zur Ruhe kommen. An

der Montessorischule, die auch Carla Gerold besucht, hat sich vor

einigen Jahren ein Trägerverein gegründet, um den Übergang von

der Betreuung in Hortgruppen zur offenen Ganztagsschule zu gestalten.

Lars Gerold engagiert sich im ehrenamtlichen Vorstand

des Vereins, der ausschließlich aus Eltern der Schulkinder besteht.

Über die Sommerferien konnte der Verein zuletzt 100 neue Übermittagsbetreuungsplätze

organisieren. „Man muss sich solche

Strukturen oft selbst schaffen“, sagt Gerold. Er hofft auf ein Umdenken

in der Gesellschaft und konkretes Handeln der Politik. „Wir

brauchen nicht nur viel mehr Betreuungsplätze, sondern eine Betreuung,

die dem Wohl der Kinder gerecht wird.“

Matthias Jung

Lars Gerold mit Martha: Ein

Vater, der sich engagiert, ein

Vater, der Unterstützung sucht

DE Magazin Deutschland 3/2012


AKTIV ALS SENIOREN „Wir müssen aktiv bleiben, selber

etwas tun.“ Für Henning Scherf steht das außer Frage. Und der

langjährige Bremer Bürgermeister (1995–2005) lebt überzeugend

vor, was er propagiert: als passionierter Radfahrer, als Buchautor,

als Kommunarde in der Alten-WG und als stimmgewaltiger Präsident

des Deutschen Chorverbandes. Scherf zählt zu den prominentesten

Unterstützern des Bundesverbandes „Initiative 50Plus“, der

sich „allen Themen einer älter werdenden Gesellschaft“ stellen

will, auch der Frage, wie ältere Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt

bleiben.

Der demografische Wandel in Deutschland macht die wachsende

Zahl der „neuen Alten“ zu entscheidenden Zukunftsakteuren. Schon

im Jahr 2020 werden 30 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt

sein. Weil viele der sogenannten „Best Ager“ noch körperlich und

geistig fit sind, sehen sie sich auch nicht als „altes Eisen“, sondern

wollen weiter aktiv mitmischen. Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts

hätte sich mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Ruheständler

in Deutschland vorstellen können, länger zu arbeiten. „Intelligente

Übergänge zwischen Berufstätigkeit und Rentnerdasein erleichtern

den Menschen 50Plus das Leben“, weiß Henning Scherf. Doch selbst

im Ruhestand entdecken die „neuen Alten“ mittlerweile neue Wege

zu gesteigerter Lebensqualität. Etwa in Wohngemeinschaften, bislang

eine Domäne der unter 30-Jährigen. So beobachtet der Altersforscher

Roland Rupprecht von der Universität Erlangen-Nürnberg

interessiert, „dass Ältere aktiv mit dem Thema Wohnen im Alter

umgehen, Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften oder

Mehrgenerationenwohnen beliebt sind“.

Auch beim zunehmenden zivilgesellschaftlichen Engagement älterer

Menschen spielen soziale Kontakte eine Rolle. Eine 2011 veröffentlichte

Untersuchung des Bundesfamilienministeriums beispielsweise

sieht in den heute 65- bis 74-Jährigen „eine Gruppe, die

in ihrer körperlichen und geistigen Fitness deutlich bessergestellt

ist als die gleiche Altersgruppe vor 25 Jahren. Einen hohen Anteil

ihrer durch den Austritt aus dem Erwerbsleben gewonnenen freien

Zeit investieren sie in Engagement.“ Henning Scherf, der selbst in

Bremen in einer WG wohnt, prophezeit: „Wir sind wirklich die klassische

ehrenamtliche Basis dieser Gesellschaft. Mit uns kann man

eine Zivilgesellschaft entwickeln, die sich viele erträumen.“

DE Magazin Deutschland 3/2012 39

>

Christian Kerber/laif

Henning Scherf: „Wir müssen aktiv bleiben,

selber etwas tun“


40

ORIENTIERT ALS „GENERATION Y“Wenn Elisabeth

Hahnke über Lebensqualität redet, dann spricht sie viel von

anderen Menschen. Von den Mitarbeitern ihres Bildungsunternehmens

„Rock your Life!“, die sie mit „flachen Hierarchien“ führen

will. Von den sozial benachteiligten Schülern, denen „Rock your

Life!“ in mittlerweile 800 „Coaching-Beziehungen“ Mentoren für

den Weg ins Berufsleben zur Seite stellt. Oder von ihrer vierjährigen

Tochter, die Elisabeth Hahnkes Lebensentwurf entscheidend

mitprägt. „Ich habe mich gefragt: Was will ich ihr vorleben? Dass

sie um 7 Uhr wach sein muss, weil ich keine Zeit für sie habe und

sie zur Betreuung abgeben muss?“ Elisabeth Hahnke wollte möglichst

frei über ihre Zeit und die Zeit ihrer Tochter verfügen. Durch

die Unternehmensgründung gemeinsam mit zwei Kommilitonen

hat sie diese Chance. Ein Promotionsangebot eines großen Unternehmens,

verbunden mit hervorragenden Karriereperspektiven,

lehnte die 28-Jährige noch vor ihrem Masterabschluss an der Zeppelin

Universität Friedrichshafen ab.

Karriere nicht um jeden Preis. Und Geld ist nicht alles. Das scheint

das Neue, das zeitgeistige Elixier der „Generation Y“ genannten Geburtsjahrgänge

zwischen 1980 und 1995. Dass sich Lebensstil und

Werteorientierungen wandeln, stellen auch die Personalchefs der

großen Unternehmen fest. „Dieser Generation sind die Vereinbarkeit

von Familie und Beruf sowie flexibles Arbeiten wichtiger als

Aufstiegsmöglichkeiten“, berichtet beispielsweise Christoph Kübel,

Personalgeschäftsführer bei Bosch. Und Thomas Sigi, Personalvorstand

bei Audi, betont: „Die Jungen sind sehr pragmatisch und kooperativ.

Sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle

erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in

einer Community, nicht bei den Autoritäten.“ Selbst Chef sein möchten

viele aus der „Generation Y“ nicht. Und wenn doch, dann wollen

sie „anders führen“. „Ich möchte meine Mitarbeiter über ihre Stärken

führen, nicht über Rollen, die sie in einem hierarchischen System

spielen müssen“, sagt Elisabeth Hahnke. „Wenn jemand seine

Stärken in der Kalkulation hat, bin ich dankbar, das abgeben zu können.“

Flache Hierarchien können Zeit kosten. Doch sie sagt: „Lebensqualität

heißt für mich nicht, dass mir alles leichtfällt. Rückschläge

und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gehören zu

einer tatsächlichen Lebenszufriedenheit dazu.“ ▪

Boris Schmalenberger

Elisabeth Hahnke:

Verantwortung gehört dazu

DE Magazin Deutschland 3/2012


FAKTEN ZUR LEBENSQUALITÄT

Flexible Arbeitszeit

Eine ausgeglichene „Work-Life-Balance“, das gilt vielen als anzustrebender

postindustrieller Lebenszustand. Wer Berufs- und Privatleben allerdings

optimal aufeinander abstimmen will, muss vor allem eins sein –

flexibel. Grundvoraussetzung dafür wären entsprechend flexible Arbeitszeiten,

doch davon können viele vorerst nur träumen. Denn: Rund

38 Prozent der Arbeitnehmer haben nach wie vor starre, klar vorgegebene

Arbeitszeiten, wie eine neuere Untersuchung des forsa Instituts

zeigt. Immerhin: 15 Prozent dürfen ihre Arbeitszeit komplett flexibel

einteilen und 90 Prozent der Befragten bezeichneten sich prinzipiell als

flexibel.

GLÜCKSATLAS 2012

Die glücklichsten Deutschen leben in Hamburg

und an der Nordsee, gefolgt vom südlichen

Bayern und Franken. Am wenigsten

glücklich sind die Menschen in Thüringen,

Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

und Sachsen-Anhalt. Insgesamt ist die Lebenszufriedenheit

in Ostdeutschland allerdings

kaum geringer als im Westen. Das

geht aus dem großen „Glücksatlas 2012“ der

Deutschen Post hervor. Weiteres wichtiges

Ergebnis der Studie: Trotz Euro-Krise ist die

Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0

bis 10 mit einem Durchschnittswert von 7,0

gegenüber 2011 stabil geblieben.

So bewerten die Menschen ihre subjektive Lebenszufriedenheit

Skala: 0 (unzufrieden) bis 10 (zufrieden)

7,10 - 7,29

6,90 - 7,09

6,70 - 6,89

6,50 - 6,69

6,98

Nordrhein/

Düsseldorf

7,00

Nordrhein/

Köln

7,05

Rheinland-

Pfalz/

Saarland

7,09

Schleswig-

Holstein

7,23

Hamburg

7,16

Niedersachsen/

Nordsee

7,07

Niedersachsen/

Hannover

6,93

Westfalen

6,92

Baden

6,89

Hessen

6,91

Württemberg

6,56

Sachsen-

Anhalt

6,64

Thüringen

7,10

Franken

7,11

Bayern-Süd

6,58

Mecklenburg-

Vorpommern

6,66

Berlin

6,63

Brandenburg

6,82

Sachsen

Quelle: Dt. Post Glücksatlas 2012

Umweltzonen

Um die Belastung mit Stickstoffoxiden

und gefährlichem Feinstaub zu verringern,

haben bislang mehr als 50 Städte

und Kommunen in Deutschland sogenannte

Umweltzonen eingerichtet. Sie

folgen damit einer Vorgabe der EU zur

Verbesserung der Luftwerte in Ballungsräumen.

In den ausgeschilderten 42 Umweltzonen

haben vor allem Dieselfahrzeuge

ohne Rußpartikelfilter und Benziner

ohne einen geregelten Katalysator

nichts mehr zu suchen. Nur Fahrzeuge, die

bestimmte Schadstoffausstoßstandards

einhalten, bekommen die obligatorische

Umweltplakette (rot, gelb, grün) auf die

Windschutzscheibe – und somit Einfahrt

in die Umweltzone. Die meisten Umweltzonen

sind in Baden-Württemberg ausgewiesen.

Wie flexibel ist die Arbeitszeit organisiert?

überhaupt nicht

innerhalb eines

definierten Zeitfensters

komplett flexibel

Was wirklich zählt

Es gibt viele Vorstellungen und Wünsche von Lebensqualität und

individueller Lebenszufriedenheit. Das hier sind die wichtigsten:

80 %

Gesundheit

72 %

Intakte Familie

und Partnerschaft

10

Nordrhein-

Westfalen

38 %

45 %

15 %

Quelle: forsa 2012

42 Umweltzonen, Quelle: ADAC

Quelle: tns emnid, 2011

DE Magazin Deutschland 3/2012 41

1

Bremen

1

Hessen

21

Baden-

Württemberg

2

Niedersachsen

2

Sachsen-Anhalt

3

Bayern

66 %

1

Berlin

1

Sachsen

Sein Leben weitgehend

selbst zu bestimmen


Orte mit LeBeNSQUALitÄt

42

Jasmund

Die imposanten Kreidefelsen sind

das Markenzeichen des Nationalparks

auf der Halbinsel Jasmund.

Vorpommersche Boddenlandschaft

Die Hälfte der Fläche des Nationalparks

bildet ein Teil der Ostsee mit ihrer

schützenswerten Flora und Fauna.

Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

Der Nationalpark im hohen Norden ist das

vogelreichste Gebiet Europas und

Deutschlands bedeutendster Naturraum.

St. Peter-Ording

Das traditionsreiche Nordseeheilund

schwefelbad wartet mit einem

12 Kilometer langen Sandstrand auf.

Hamburgisches Wattenmeer

Rund 2000 Tierarten leben in dem

Nationalpark; 250 davon kommen

nur in den dortigen Salzwiesen vor.

Heringsdorf

Spaziergänge an der Strandpromenade

und Thalassobehandlungen

bieten Wellness pur an der Ostsee.

Nationalpark Müritz

Der Park besteht aus Wäldern und

mehr als 100 Seen; ideal für

Seeadler, Fischadler und Kraniche.

Cuxhaven

Das gesundheitsfördernde

Reizklima des Nordseeheilbads wird

vor allem von Allergikern geschätzt.

Niedersächsisches Wattenmeer

Sandbänke, Strände und Salzwiesen

bilden einen Lebensraum für

unzählige Tier- und Pflanzenarten.

Nationalpark Unteres Odertal

Der deutsch-polnische Nationalpark

ist ein Habitat für Zugvögel; auch

seltene Seeadler sind hier heimisch.

Hamburg

In vielen Städterankings immer

oben mit dabei: Von „Mercer“ wird

Hamburg auf Platz 4 gesetzt.

Hamburg

Die Stadt engagiert sich vielfältig,

unter anderem in Klimaschulen und

den „Hamburger Zukunftswochen“.

Minden

Das interkulturelle „Eine-Welt-Dorf“

ist eines von mehreren Leuchtturmprojekten

der westfälischen Stadt.

Berlin

Was bietet Berlin in Sachen

Lebensqualität? Für „Mercer“ liegt

die Hauptstadt auf Platz 5.

Bad Wildungen

Die hessische Kurstadt punktet mit

heilfördernden mineralischen und

kohlensäurehaltigen Quellen.

Gelsenkirchen

In rund 60 Projekten zum Thema

Nachhaltigkeit ist ein beachtliches

Zukunftsnetzwerk entstanden.

Burg

Der aufstrebende Kurort lockt mit

seiner jodhaltigen Thermalsole und

der tollen Spreewaldlandschaft.

Bad Schmiedeberg

Behandlungen mit Moor, Massagen

und Kneippkuren erwartet die

Kurgäste in Bad Schmiedeberg.

Nationalpark Harz

Der bergige Nationalpark besteht

zu 95 Prozent aus Wäldern, in denen

auch Luchse und Wildkatzen leben.

Düsseldorf

Die Rheinmetropole wird in puncto

Lebensqualität von der Mercer-

Studie auf Platz 2 gerankt.

Nationalpark Sächsische Schweiz

Satte 400 Kilometer Wanderwege

sind in dem Park angelegt, der in

Tschechien fortgesetzt wird.

Alheim

Die Gemeinde beschäftigt sich mit

neuen Energien und generationenübergreifenden

Lernformen.

Nationalpark Kellerwald Edersee

Die Rotbuche ist das Kennzeichen

des Parks, der große Fledermauspopulationen

beherbergt.

DE Magazin Deutschland 3/2012

Leipzig

Als Messestadt hat Leipzig einen

guten Ruf. Beim Lebensqualitätsindex

geht es deutlich nach oben.

Erfurt

Was Schulen und Gemeinwesen im

Dialog miteinander bewirken,

zeigen gute Energiesparprojekte.

Winterberg

Knapp 1 Million Gäste jährlich

schätzen die allergenarme Luft des

sportiven Hochsauerlandortes.


Bad Elster

Das 3600-Seelen-Städtchen, eines

der ältesten Moorheilbäder, zählt

mehr als 520 000 Übernachtungen.

Nationalpark Hainich

Der Schutz des Buchenwaldes ist

das Ziel des Parks inmitten eines

riesigen Laubwaldgebietes.

Bad Honnef

Die Rheinstadt fördert nachhaltig

handelnde Unternehmen und ist

engagiert im Gesundheitssektor.

LEBENSQUALITÄT hat unterschiedliche

Aspekte. Mal geht es um Tourismus, mal

um urbane Infrastruktur und nachhaltige

Lösungen. Oft hat Lebensqualität zu tun

mit Rückzugsräumen. Mit Möglichkeiten

zum Entschleunigen, zum Auftanken. In

Dörfchen und Landschaften, die nicht

verbaut, verkabelt, vernetzt und gobalisierungswütig

verplant sind.

Oberhof

Der bekannte Wintersportort in

Thüringen bietet alles, was man für

Erholung und Wellness braucht.

Frankfurt am Main

„Lebenslanges Lernen“ ist ein

Leitbild, das die 700 000-Einwohner-

Stadt in diversen Projekten „lebt“.

Bundesstadt Bonn

Rund 150 NROs beschäftigen sich

mit Nachhaltigkeitsthemen. Für

Hotels gilt „Sustainable Bonn“.

Nürnberg

Die Frankenmetropole kann mit

vielen Qualitäten punkten. Resultat:

Platz 6 in der „Mercer-Studie“.

Frankfurt am Main

Platz 3 in Sachen Lebensqualität:

Die Bankenmetropole hat sich in der

deutschen Spitzengruppe etabliert.

Hellenthal

Mehr als 100 Veranstaltungen

haben die Gemeindebewohner in

Sachen Nachhaltigkeit absolviert.

Nationalpark Eifel

1300 Käferarten und 150 Tiere aus

der Roten Liste leben hier. 75

Prozent der Fläche sind unberührt.

Heidelberg

„Kinder gestalten Zukunft“ heißt

eines von vielen Vorhaben aus dem

Bereich Bildung und Nachhaltigkeit.

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Heilsame Quellen, schickes

Kurhaus, mondänes Spielcasino:

Hier lässt es sich aushalten.

Neumarkt

Mit weltoffenen Bürgerengagements

hat Neumarkt internationale

Nachhaltigkeitsprojekte realisiert.

Stuttgart

Die heimliche „Autohauptstadt“

erhält auch im „Mercer-Städteranking“

schnittige Noten. Platz 7.

Bad Füssing

Mit 2,4 Millionen Übernachtungen

im Jahr 2011 ist Bad Füssing der

beliebteste Kurort der Republik.

Mettlach

Für Wanderer ist der „Heilklimatische

Kurort“ perfekt. 184 Kilometer lassen

sich per pedes absolvieren.

Nationalpark Bayerischer Wald

Der erste deutsche Nationalpark in

Ostbayern liegt größtenteils in einer

Höhe von über 1000 Meter ü. NN.

Baden-Baden

Große Bäderkulisse, Fin-de-siècle-

Charme und ein Top-Kulturangebot

zeichnen die Kurstadt aus.

Aalen

Umweltmanagement an Schulen

und der European Energy Award

sind Themen, die Aalen bewegen.

Nationalpark Berchtesgaden

Der alpine Nationalpark schützt die

gesamte Natur und verweist unter

anderem auf rund 2000 Pilzarten.

Freiburg

In der südbadischen „Ökostadt“ sind

unterschiedlichste Projekte

nachhaltig und intensiv vernetzt.

München

Die „Mercer-Studie“ 2011 stuft

München als die deutsche Stadt mit

der höchsten Lebensqualität ein.

München

Die herausragend vernetzte

Bildungsarbeit beeindruckt die

Deutsche UNESCO-Kommission.

DE Magazin Deutschland 3/2012 43

Nationalparks

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat bisher 14 Städte und Gemeinden als „Kommune

der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet.

Kommunen der UN-Dekade

Beliebte Kurorte

In Deutschland gibt es 14 Nationalparks.

Städte mit hoher Lebensqualität

Die Mercer-Studie bewertet jährlich die Lebensqualität in 215 Städten weltweit

Getty Images/Image Makers


44

TITEL LEBENSQUALITÄT

WOHLSTAND OHNE

WACHSTUM?

Das herrschende Wachstums- und Wohlstandsmodell ist an

sein Ende gekommen. Höchste Zeit zum Umdenken

Von Meinhard Miegel

Beim derzeitigen Wissens- und Könnensstand der

Menschheit führen Wirtschaftswachstum und materielle

Wohlstandsmehrung dazu, dass immer mehr Länder

die Tragfähigkeitsgrenze der Erde durchbrechen

und dadurch die Grundlagen ihres bisherigen Erfolges zerstören.

Von den 158 datenmäßig erfassten Ländern haben etwa 250 Jahre

nach Anbruch der Moderne und dem Beginn der Industrialisierung

erst 43 einen Entwicklungsstand erreicht, der hinsichtlich der

Lebenserwartung und des Bildungsstands der Bevölkerung sowie

der pro Kopf erwirtschafteten Gütermenge den heutigen Vorstellungen

und Erwartungen von Westeuropäern, Nordamerikanern

oder Japanern entspricht.

Doch diese Länder verbrauchen Regenerierbares schneller, als die

Erde es zu regenerieren vermag, erzeugen mehr Schadstoffe, als von

Luft, Wasser und Böden abgebaut werden können. Diesen Reichen

stehen jene gegenüber, welche die Erde nicht überfordern, dafür aber

materiell arm sind. Ihnen können derzeit 57 Länder zugerechnet

werden. Insgesamt leben in diesen Ländern mit rund 2,7 Milliarden

Menschen knapp zwei Fünftel der Weltbevölkerung. Die Kehrseite

für ihren zumeist nicht freiwillig schonlichen Umgang mit Umwelt

und Ressourcen ist neben einem niedrigen materiellen Lebensstandard

eine im weltweiten Vergleich geringe Lebenserwartung

und Bildung. Zu einer dritten Gruppe gehören gegenwärtig 58 Länder

mit einer Gesamtbevölkerung von rund 2,5 Milliarden Menschen.

Kennzeichnend für diese Gruppe ist, dass sie zwar mehrheitlich

noch weit von der Wohlhabenheit der Arrivierten entfernt ist,

aber dennoch schon jetzt die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zum

Teil erheblich überschreitet und mit jedem weiteren Schritt in Richtung

Wohlhabenheit weiter hinter sich lässt.

Das Dilemma ist manifest. Da die Menschheit – mit den Völkern der

früh industrialisierten Länder an der Spitze – bislang nicht die Art

des Wirtschaftens gefunden hat, die nicht die Grundlagen ihres eigenen

Erfolges zerstört, steht sie an einer Wegscheide. Entweder sie

geht in der bisherigen Richtung weiter und steht über kurz oder

lang am Abgrund, oder sie lernt so zu leben, wie es ihrem jeweili-

gen Wissens- und Könnensstand entspricht. Welche Alternative sie

wählen wird, ist unmöglich vorherzusagen. In den entwickelten

Ländern haben viele keine andere Art zu leben gelernt, weshalb sie

um beinahe jeden Preis an ihr festhalten. Und in den sich entwickelnden

Ländern hat die große Mehrheit den unbändigen und

auch verständlichen Wunsch, in nicht zu ferner Zukunft den materiellen

Lebensstandard der Spitzengruppe zu teilen. Vor allem das

Denken und Handeln der Politik ist weitgehend noch immer geprägt

von traditionellen Wachstumsvorstellungen. Viele Völker

meinen, Wachstum zu brauchen wie die Luft zum Atmen. Aber sie

können es nicht erzeugen und noch nicht einmal aufrechterhalten.

Was sind die Gründe für diese Schwäche? Wieso lässt der ständig

geschlagene Funke die Feuer nicht lodern? Warum beschäftigen

sich so wenige mit der Frage, was denn da wachsen soll und wie?

Das Wachstum stößt an Grenzen und bewegt sich auch dann nicht

mehr, wenn ständig mit der Peitsche geknallt wird. Das macht die

Herausforderungen sowohl einfacher als auch schwieriger. Es

macht sie einfacher, weil deutlicher wird, dass das geringe Wirtschaftswachstum

beziehungsweise seine hohe Abhängigkeit von

immer neuen Konjunkturspritzen nicht Ausdruck einer Krise ist,

die sich mit diesen oder jenen Maßnahmen überwinden ließe, sondern

Ausdruck einer grundlegend veränderten Wirklichkeit. An

die Stelle vorrangig quantitativer Veränderungen treten vermehrt

qualitative. Das aber macht die Herausforderungen schwieriger.

Denn die Völker der früh industrialisierten Länder sind auf diesen

Umschlag vom Quantitativen zum Qualitativen nicht eingestellt.

Sie sind bisher nur darin geübt, unter Bedingungen beispielloser

Wachstumsraten Verteilungskonflikte zu entschärfen, Beschäftigung

zu sichern oder zu investieren. Doch jetzt müssen die Weichen

neu gestellt werden: noch ein Weilchen weitermachen wie

bisher und dann gegebenenfalls der steile Absturz oder vorausschauende

Anpassung der materiellen Lebensbedingungen an den

jeweiligen Wissens-, Könnens- und Erkenntnisstand.

Einig ist man sich, dass das menschliche Wissen und Können erheblich

verbessert werden muss, soll der materielle Lebensstan-

DE Magazin Deutschland 3/2012


Ein echtes Umdenken von Quantität zu Qualität bräuchte allerdings mehr Sein als Schein

dard nicht drastisch sinken. Aber welches Wissen und Können ge- Dafür wird die Erde ausgeplündert und die Gefahr eines Kollapses

fördert werden soll und wie dies geschehen kann, ist umstritten. heraufbeschworen. Wirklichen Verzicht braucht auf absehbare

Diejenigen, die vorrangig technischen Fortschritt als Allheilmittel Zeit kaum einer zu üben, vor allem, wenn der materielle Wohlstand

ansehen, setzen auf technisches Wissen und Können. Für die ande- künftig gleichmäßiger verteilt wird als bisher. Für die meisten geht

ren ist jedoch gerade diese Verengung eine wesentliche Ursache für es lediglich darum, Ballast abzuwerfen. Von dem allerdings gibt es

die entstandenen Probleme. Sie fordern deshalb die Entfaltung aller

menschlichen Fakultäten und Facetten, namentlich auch der

reichlich.

musischen, sozialen und emotionalen. Für sie bilden

Ein einziges Beispiel mag genügen: die Ernährung.

diese die eigentliche Grundlage von Kreativität, oh-

Dass die Erzeugung und der Verbrauch von Nahne

die auch der technische Bereich nicht florieren

rungsmitteln Ressourcen und Umwelt beanspru-

kann. Für diese Sichtweise spricht, dass alle Völker,

chen, ist zum größten Teil unvermeidlich. Vermeid-

deren wirtschaftlich expansive Phase endet, ihre

lich ist hingegen, dass die privaten Haushalte in Euro-

mentalen Kräfte wecken müssen, um die anstehenpa

ein Viertel der gekauften Ware in Mülleimer werden

Herausforderungen zu meistern. Denn diese hafen

und viele Menschen weit mehr essen, als ihnen

ben nur vordergründig materielle Dimensionen. Im

guttut. Eine bewusstere Ernährung würde ihr Wohl-

Kern geht es um Mentalitäten.

befinden nachhaltig steigern. Sie würden auf nichts

verzichten, und zugleich täten sie sich, ihren Mitmen-

Konkret: Bei dem hohen materiellen Wohlstandsni- PROF. DR. MEINHARD schen und ihrer Umwelt viel Gutes. Entsprechendes

veau, das die früh industrialisierten Länder erreicht MIEGEL

gilt für die meisten anderen Lebensbereiche.

haben, muss auch dann keiner hungern und frieren,

wenn dieses Niveau sinkt. Wirtschaftete beispiels-

ist Vorstandsvorsitzender

von „Denkwerk Zukunft, Stiftung

kulturelle Erneuerung“.

Bleibt die Frage, ob unter solchen Bedingungen der

weise Deutschland heute innerhalb der Tragfähig- In seinem Buch „Exit“ fordert Mäßigung, der von fast allen gewollte gesellschaftlikeitsgrenzen

der Erde, stünden pro Kopf der Bevöl- er einen Abschied vom che, wirtschaftliche, technische und kulturelle Fortkerung

etwa 40 Prozent der derzeitigen Güter- und Wachstumsparadigma. Mieschritt möglich bleibt. Auch hierauf ist die Antwort

Dienstemenge zur Verfügung. Der großen Mehrheit

ist das ein Horrorszenario. Und es stimmt ja: Ein ergel

ist Mitglied der Enquetekommission

„Wachstum,

Wohlstand, Lebensqualität“.

einfach: Er bleibt nicht nur, sondern er wird überhaupt

erst möglich. Denn der Fortschritt der zurückstrebenswertes

Ziel ist dies nicht, weshalb auch alle

liegenden 250 Jahre hat zwar den materiellen Wohl-

Anstrengungen unternommen werden sollen, durch

stand von Milliarden gemehrt. Zugleich hat er sie je-

mehr Wissen und Können den Wohlstand zu steidoch

– und hier schließt sich der Kreis – aus den

gern. Nur, als Anfang der 1960er-Jahre just jene 40 Prozent erwirt- Tragfähigkeitsgrenzen der Erde katapultiert. Mit diesem Fortschaftet

wurden, galt Deutschland als Wirtschaftswunderland. schritt wurden vor allem Pyrrhussiege errungen. Der Fortschritt

der Zukunft muss darauf gerichtet sein, das materielle und imma-

Seitdem haben sich lediglich die Einstellungen der Menschen verterielle Wohl der Menschen innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen

ändert. Was eben noch genügte, genügt nicht länger. Dabei ist die der Erde zu schaffen und zu sichern. Von diesem Ziel sind wir heu-

große Mehrheit einem echten Bedürfniskonsum längst entwachte weit entfernt. Das aber heißt: Der Fortschritt der Zukunft muss

sen. Immer größere Teile ihres Verbrauchs dienen der Befriedi- ein anderer sein als der bisherige. Bedingungen der Mäßigung

gung unhinterfragter Gewohnheiten und persönlicher Eitelkeiten. dürften diesen Kurswechsel erleichtern. ▪

DE Magazin Deutschland 3/2012 45

Frank Beer

Mattiello/toonpool.com


altrendo images/Stockbyte

46

TITEL LEBENSQUALITÄT

Bestens qualifiziert: In der dualen Ausbildung lernen junge Menschen die theoretischen und praktischen Seiten ihres Berufs kennen

Gut ausgebildet nach

deutschem Vorbild

Die duale Ausbildung entwickelt sich zum Exportschlager.

Das Konzept aus Theorie und Praxis überzeugt im Ausland

Direkt nach der Ausbildung hat

Sergej Majsukow eine Stelle gefunden.

Seit Juli 2012 arbeitet

der 21-Jährige in der Lampenfertigung

der Siemens-Tochter Osram in

seiner Heimatstadt Smolensk. Ein so reibungsloser

Übergang in den Beruf ist in

Russland nicht selbstverständlich, denn die

meisten Berufsschüler haben dort kaum

Kontakt zur Wirtschaft. Osram bietet in

Smolensk seit fünf Jahren eine duale Aus-

bildung an. Dazu gehört neben dem theoretischen

Unterricht praktische Arbeit in der

Lehrwerkstatt und in der Produktion. „Die

vielen praktischen Übungen sind sehr

wichtig, denn so kommen wir gut qualifiziert

in die Produktion“, erzählt Majsukow.

Smolensk oder Budapest, Barcelona oder

Lissabon, Puebla oder Shanghai – auf der

ganzen Welt werden immer mehr junge

Menschen dual ausgebildet. China, Indien,

Russland und viele Länder Lateinamerikas

interessieren sich für das traditionsreiche

deutsche Modell, und seit dem Ausbruch

der Finanz- und Wirtschaftskrise ist auch

in der Europäischen Union der Informationsbedarf

stark gestiegen. „Früher galt die

deutsche Ausbildung als exotisch“, sagt

Steffen Bayer, Leiter des Referats „Berufsbildung

im Ausland“ beim Deutschen Industrie-

und Handelskammertag (DIHK). „Das

hat sich völlig gewandelt.“ Hauptgrund da- >

DE Magazin Deutschland 3/2012


Chancen im Berufsleben

Jugendarbeitslosigkeit in EU-Staaten, in Prozent (August 2012)

8,1

Deutschland

Quelle: Eurostat

Ausbildung in Deutschland

Zahlen und Fakten zur Berufsausbildung und der Situation von Auszubildenden

Quellen: BIBB, BMBF, DGB

Fit für den Arbeitsmarkt

Bevölkerung im Alter von 15 bis 19 Jahren (2010)

Berufsausbildung Integration Hochschulreife Studium Allgemeinbildende Schulen

(inkl. Förderschulen)

Quelle: BIBB

18,2

Finnland

21,0

Großbritannien

22,7

EU-27

72,5 %

DER AUSZUBILDENDEN

IN DEUTSCHLAND

sind mit ihrer Ausbildung „zufrieden“

beziehungsweise „sehr zufrieden“

344

AUSBILDUNGSBERUFE

gibt es derzeit in Deutschland. Viele folgen

dem Modell der dualen Ausbildung

25,2

Frankreich

34,5

Italien

1,8 %

MEHR NEUE

AUSBILDUNGSVERTRÄGE

wurden im Jahr 2011 abgeschlossen.

Insgesamt waren es 570 140 Stellen

64 % Jugendliche im Ausbildungsgeschehen

52,9

Spanien

JUGENDLICHE BEFANDEN SICH

im Jahr 2010 nach den Ergebnissen der Berufsbildungsstatistik

in einer dualen Berufsausbildung

55,4

Griechenland

1,1 %

HÖHER LIEGT DAS

AUSBILDUNGSPLATZANGEBOT

nach einer Prognose des BIBB für 2012.

Die Ausbildungschancen verbessern sich

1 508 328

36 % Sonstige

22,2 % 8 % 31,7 % 2 %

0,5 %

28,0 %

Weiterbildung

DE Magazin Deutschland 3/2012 47


für ist die sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit

in Europa. Im EU-Durchschnitt hat etwa ein

Viertel der unter 25-Jährigen keine Arbeit,

in Spanien und Griechenland sogar mehr

als die Hälfte. Länderübergreifend hat sich

die Erkenntnis durchgesetzt, dass es in

Deutschland vor allem dank der dualen

Ausbildung vergleichsweise wenige junge

Arbeitslose gibt. Denn hier sind die Jugendlichen

von Anfang an in den Arbeitsalltag

ihres Betriebs eingebunden. Bei der Festlegung

von Inhalten, Qualitäts- und Prüfungsstandards

arbeiten Staat und Wirtschaft

eng zusammen.

Als erstes Land will Spanien sein Ausbildungssystem

nach deutschem Vorbild komplett

umgestalten. Die Bildungsminister

von Deutschland und Spanien haben eine

stärkere Zusammenarbeit in der Berufsbildung

vereinbart. Eine Vorreiterrolle spielt

der Automobilhersteller Seat, der an seinen

spanischen Produktionsstätten seit September

2012 dual ausbildet. „Der technische

Anspruch unserer Produkte hat sich über

die Jahre stark weiterentwickelt, damit ist

auch der Anspruch an die Fähigkeiten und

Flexibilität unserer Mitarbeiter gestiegen“,

erklärt Seat-Personalvorstand Josef

Schelchshorn. „Das duale Bildungssystem

nach deutschem Vorbild deckt diese Anforderungen

ab.“ Bei der Konzeption ließ sich

Seat von der Konzernmutter VW beraten.

Die angehenden Kraftfahrzeugmechatroniker,

Industrie- und Werkzeugmechaniker

und Elektroniker für Automatisierungstechnik

verbringen künftig etwa die Hälfte

ihrer dreijährigen Ausbildung im Werk.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung

(BIBB), das die berufliche Aus- und Weiterbildung

in Deutschland erforscht und weiterentwickelt,

wird den Umbau des spanischen

Ausbildungssystems unterstützen.

Weltweit arbeitet das BIBB mit rund 30

Partnereinrichtungen zusammen, mehr

als die Hälfte davon in Europa. Seit ein bis

zwei Jahren ist die Zusammenarbeit mit

vielen Partnern intensiver geworden, neue

Abkommen wurden mit Chile, Kolumbien

und Mexiko geschlossen. „Natürlich kann

man das deutsche Ausbildungsmodell nicht

48

Die 10 beliebtesten

Ausbildungsberufe

Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in Deutschland im Jahr 2010

Männliche Jugendliche Weibliche Jugendliche

18 081

14 625

12 279

10 932

10 662

10 653

10 272

8 898

8 499

8 238

Quelle: BIBB

Kraftfahrzeugmechatroniker

Kaufmann

im Einzelhandel

Industriemechaniker

Koch

Verkäufer

Elektroniker

(Handwerk)

Anlagentechniker für

Sanitär-, Heizungs- und

Klimatechnik

Fachkraft für

Lagerlogistik

Kaufmann im Großund

Außenhandel

Maler und Lackierer

18 720

16 776

15 273

13 872

12 489

11 232

10 851

10 305

10 005

8 433

Kauffrau

im Einzelhandel

Verkäuferin

Bürokauffrau

Medizinische

Fachangestellte

Friseurin

Industriekauffrau

Zahnmedizinische

Fachangestellte

Fachverkäuferin im

Lebensmittelhandwerk

Kauffrau für

Bürokommunikation

Hotelfachfrau

DE Magazin Deutschland 3/2012


eins zu eins auf andere Länder übertragen“,

sagt Michael Wiechert, Leiter des Arbeitsbereichs

„Internationale Kooperation und

Beratung“ beim BIBB. Aber das Institut

könne den Partnern dabei helfen, Standards

in der beruflichen Bildung zu erarbeiten

und die Rolle der Unternehmen in den

rechtlichen Rahmenbedingungen festzuschreiben.

„Das Wichtigste ist, die Wirtschaft

mit ins Boot zu holen“, betont Wiechert.

Im Ausland werde oft darüber gestaunt,

dass in Deutschland die Betriebe

70 Prozent der Ausbildungskosten tragen.

„Aber wenn man die richtigen Kompetenzen

zur richtigen Zeit am richtigen Ort haben

will, lohnt sich das für die Firmen.“

Es sind nicht nur staatliche Einrichtungen,

die den Export des deutschen Ausbildungssystems

vorantreiben. Viele deutsche Unternehmen

sind auf dem Gebiet schon länger

aktiv, und zwar aus ureigenem Interesse:

Schließlich sind nicht nur ihre ausländischen

Produktionsstätten, sondern auch

deren Zulieferer und Kunden auf gut qualifizierte

Fachkräfte angewiesen. Erste Ansprechpartner

für Unternehmen sind in solchen

Fragen die deutschen Auslandshandelskammern

(AHK), die es in 80 Ländern

gibt. Besonders viel Erfahrung mit dualer

Ausbildung haben die AHKs in Shanghai,

die seit über zehn Jahren Unternehmen der

Region berät und betreut, und die Kammern

in Lissabon und Porto. Letztere bilden

schon seit fast 30 Jahren gemeinsam mit

deutschen und portugiesischen Unternehmen

Kraftfahrzeugmechatroniker, Industriekaufleute

und Hotelfachkräfte praxisori-

DE Magazin Deutschland 3/2012

Das System der dualen Ausbildung

qualifiziert den Nachwuchs fürs

Berufsleben

picture-alliance/Joker

entiert aus. Die Zentren und Ausbildungsprogramme

sind unter dem Markennamen

„Dual“ in ganz Portugal bekannt, 90 Prozent

der Auszubildenden werden übernommen.

Das Modell hat gute Chancen, landesweit

Bedeutung zu erlangen: Mittelfristig

will nämlich auch die portugiesische Regierung

ein duales Ausbildungssystem einführen.

Um den Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs

im Ausland zu decken, hat sich der

Siemens-Konzern besonders viel einfallen

lassen. Er bildet nicht nur an zahlreichen

Standorten, wie in Smolensk, dual aus: Die

Siemens Technik Akademie hat außerdem

auf vier Kontinenten ein mehrstufiges duales

Aus- und Weiterbildungsprogramm in

Mechatronik etabliert. Das „Siemens Mechatronic

Systems Certification Program“

(SMSCP) für angehende technische Fachkräfte

und Ingenieure wird seit 2006 angeboten,

unter anderem in den USA, Südafrika,

Indien, Malaysia und Großbritannien.

Die Lehrer der Partnerschulen und -hochschulen

werden an der Technik Akademie

ausgebildet und setzen das Programm dann

in ihrem Heimatland um, das Zertifikat

ist international anerkannt. Kernelemente

des deutschen dualen Ausbildungssystems

ließen sich mit dieser Methode unkompliziert

in andere Länder übertragen, ohne

dass man bestehende Bildungsstrukturen

grundsätzlich ändern müsste, meint der

Leiter der Siemens Technik Akademie,

Stephan Szuppa: „Wir glauben, dass diese

Saat aufgeht und wächst.“ ▪

Miriam Hoffmeyer

Praxisnahe Ausbildung mit Perspektiven

In Deutschland verbindet die duale Ausbildung

Theorie und Praxis besonders eng: Sie findet

teils im Betrieb, teils in der Berufsschule statt.

In der Regel lernen die Auszubildenden an drei

bis vier Tagen pro Woche im Betrieb die praktischen

Grundlagen ihres Berufs. In der übrigen

Zeit erwerben sie allgemeine und fachspezifische

Kenntnisse in der Berufsschule. Duale

Ausbildungen dauern je nach Beruf zwei bis

dreieinhalb Jahre. Die beliebtesten Ausbildungsberufe

sind bei Männern Kraftfahrzeugmechatroniker,

Kaufmann im Einzelhandel

und Industriemechaniker, bei Frauen Kauffrau

im Einzelhandel, Verkäuferin und Bürokauffrau.

2011 befanden sich in Deutschland fast

1,5 Millionen junge Menschen in einer dualen

Ausbildung. Die Unternehmen können ihren

Fachkräftenachwuchs auf diese Weise praxisnah

und bedarfsgerecht ausbilden. Zugleich

haben die Auszubildenden gute Chancen auf

einen reibungslosen Berufseinstieg. Mehr als

60 Prozent werden nach der Abschlussprüfung

von ihren Betrieben übernommen.

DE INFO

BILDUNG

IN EUROPA unterhält Deutschland

spezielle bilaterale Austauschprogramme

in der beruflichen Bildung mit

Frankreich, Großbritannien, Norwegen

und den Niederlanden.

49

Miele


50

TITEL LEBENSQUALITÄT

DIE „BLUE

CARD“ FÜR

EXPERTEN

Deutschland bietet internationalen

Fachkräften Perspektiven

Von Petra Schönhöfer

Kälte. Es klingt nach Ironie, dass Sri Nugro­

ho Fachmann für etwas ist, das einige Men­

schen im Ausland mit Deutschland verbinden.

Nugroho arbeitet an der Entwicklung von Kühlaggregaten.

Sorgt für die richtige Temperatur von Laborproben,

aber auch dafür, dass Eis in der Eisdiele nicht schmilzt.

Als Ingenieur für Kälte­ und Klimatechnik gehört er zu jener

Gruppe internationaler Fachkräfte, die für den deutschen Arbeitsmarkt

besonders attraktiv sind. Von Fachkräftebedarf ist

dort die Rede, gar von Fachkräftemangel. Bis

2025, schätzt die Bundesagentur für Arbeit, werden

aufgrund des demografischen Wandels

rund sechs Millionen Arbeitskräfte weniger zur

Verfügung stehen. Eine Wachstums­ und Innovationsbremse,

die schon heute einen deutlichen

Wertschöpfungsverlust für die deutsche Volkswirtschaft

verursacht. Obwohl der Trend auf dem deutschen

„Ich konnte mir meinen Job aus mehreren

Angeboten wählen und bleibe

mit der Familie in Deutschland“

Sri Nugroho, Ingenieur

Arbeitsmarkt positiv bewertet wird und die Zahl der Erwerbstätigen

mit über 41 Millionen so hoch wie nie ist, fehlen in einigen Branchen

und Regionen qualifizierte Fachkräfte. Vor allem in den sogenannten

>

DE Magazin Deutschland 3/2012


Jonas Ratermann (3)

ERFAHREN

Sri Nugroho, Ingenieur für Kälteund

Klimatechnik aus Indonesien,

kennt den Arbeitsmarkt seit gut 20

Jahren. Deutschland ist ihm zur

zweiten Heimat geworden. Mit seiner

Frau und seinen drei Söhnen

lebt er in Bayern.

51


ANGEKOMMEN

Esperanza Costa-Guillot, Bauingenieurin

aus Spanien, arbeitet seit

Kurzem in der Nähe von Frankfurt

am Main. Sie wünscht sich eine

langfristige Berufsperspektive –

und dass ihr Freund alsbald nachzieht.

Jonas Ratermann (4)

MINT­Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und

Technik) wird dieser Mangel am deutlichsten.

In das oberfränkische Hof ist Sri Nugroho mit seiner Familie gezogen.

Er lebt zwar bereits seit 20 Jahren in Deutschland, aber so gut

wie momentan lief es noch nie: „Ich konnte mir meinen Job aus mehreren

Angeboten wählen“, erzählt der Vater von drei Söhnen. Nach

langem Hin und Her haben er und seine Frau sich vor einigen Jahren

für Deutschland als neue Heimat entschieden. Sie haben ein Haus

gekauft und Freunde gefunden. Nugrohos Philosophie lautet: „Der

beste Mensch ist der, der für andere nützlich ist.“ Deshalb – und um

Kontakt zu seinem Herkunftsland zu halten – hat er einen Verein

gegründet, der seine Landsleute über den beruflichen Wechsel nach

Deutschland informiert. Solche privaten Initiativen sind natürlich die

Ausnahmen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie,

das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie die Bundes­

„Die Chefin selbst rief aus Berlin an,

um mir den Job zu schildern“

Marie Campos, Biochemikerin

agentur für Arbeit haben darum die „Fachkräfte­Offensive“ ins Leben

gerufen. Neben der Nutzung aller inländischen Potenziale sollen

auch internationale High Potentials für den deutschen Arbeitsmarkt

gewonnen werden. Hierfür hat das Bundesministerium für Wirtschaft

und Technologie das Willkommensportal www.make ­it­ingermany.com

gestartet. Das Portal soll helfen, weltweit die Botschaft

einer offenen Willkommenskultur zu vermitteln und Deutschland

als attraktives Land bekannt zu machen.

Auf dem mehrsprachigen Willkommensportal lernt man Marie

Campos aus den USA kennen. Als Biochemikerin gehört sie

ebenfalls zur begehrten MINT­Branche. „Nach meinem Studium

an der California State University hatte ich eigentlich

einen guten Job“, berichtet die 40­Jährige. Eine Annonce in

einer Zeitung machte sie aber neugierig, dort wurde für

einen Arbeitsaufenthalt in Deutschland geworben. Sie bewarb

sich bei dem Austauschprogramm und bekam eine

Stelle. Sie unterschrieb zunächst für ein Jahr, mittlerweile

sind über zehn Jahre als Produktmanagerin für Chromatografiesysteme

vergangen. Campos ist begeistert von

der Qualität der Technologieprodukte, schätzt aber auch

die Work­Life­Balance im deutschen Alltag. Sie sei am

Ziel einer Reise angekommen, die mit einem Deutschkurs

begonnen habe.

Auch Tung Nguyen Hoang hat sein Interesse an Deutschland

früh entdeckt. „Alles hat mit einem vierwöchigen Schüleraustausch

angefangen“, erzählt der 28­jährige Vietnamese.

Seinen Bachelor in Maschinenbau legte er in Vietnam ab. Ein

Austauschprogramm mit der Partnerstadt Hannover führte ihn

schließlich wieder nach Deutschland, wo er den Mastertitel in Maschinenbau

erwarb. Ausgerechnet im Krisenjahr 2009 startete er

DE Magazin Deutschland 3/2012


ins deutsche Berufsleben und fand einen Arbeitsplatz als Soft­

wareentwickler. Ohne Abschluss an einer deutschen Hochschule

nur schwer denkbar. Und den können leider nicht alle internationalen

Fachkräfte vorweisen. Die Bundesregierung hat deshalb die Feststellung

und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen

vereinfacht. Im April 2012 trat das Anerkennungsgesetz in

Kraft. Nun besteht Rechtsanspruch auf ein transparenteres Verfahren

zur Überprüfung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsqualifikationen

unabhängig vom Herkunftsland. Vielen soll das ähnliche

Chancen eröffnen wie Tung Nguyen Hoang, der trotz des guten

Jobs vielleicht nicht für immer in Deutschland leben möchte. Er ist

sich sicher, dass ihm seine beruflichen und persönlichen Erfahrungen

in seinem Herkunftsland viele Möglichkeiten eröffnen werden

– und auch seinem Land bei der Weiterentwicklung helfen können.

Gar nicht mehr so sicher ist sich die junge Bauingenieurin Esperanza

Costa­Guillot, wenn es um ihr Herkunftsland geht. Viel ist dieser

Tage von der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Spanien zu hören.

„Lange galt das Baugewerbe in Spanien als krisenfest, doch jetzt

sehe ich kaum noch Perspektiven für mich“, sagt Costa­Guillot.

Nach einem ersten Deutschlandaufenthalt zum Jobben im Jahr

2011 trat sie im März 2012 eine Stelle bei einem Werkzeughersteller

im Taunus an. Der Kontakt kam über den Head of Market Services

International Peter Postinett zustande. Er lehrt auch an der Univer­

„Ich mag die flexiblen Arbeits­

zeiten im Betrieb“ Tung Nguyen Hoang, Ingenieur

QUALIFIZIERT

Tung Nguyen Hoang, Maschinenbauingenieur aus Vietnam, hat in

Deutschland seinen Master absolviert. In einem Unternehmen

für Schweißtechnik arbeitet er als Softwareentwickler. Mittelfristig

möchte er aber in sein Heimatland zurückkehren.

sität von Valencia: „Obwohl wir ein renommiertes Unternehmen

mit exzellentem Ruf sind, suchen wir oft lange, um Vakanzen

bestimmter Profile zu besetzen. Wir haben uns

deshalb entschlossen, auch ausländische Arbeitnehmermärkte,

zurzeit vor allem Spanien, in unsere Suche mit

einzubeziehen.“ Um Mitarbeitern wie Costa­Guillot

den Arbeitseinstieg zu erleichtern, bietet das Unternehmen

Sprachkurse an oder hilft bei der Wohnungssuche.

Ein Zustand, den die Bundesregierung

prinzipiell verbessern möchte. Um internationale

Fachkräfte für Deutschland zu motivieren,

hat sie die Zuwanderung erleichtert. Die

„Blaue Karte EU“ ist seit dem 1. August

53

>


„BLAUE KARTE EU“ FÜR INTERNATIONALE

HOCHQUALIFIZIERTE

Für Akademiker und Akademikerinnen sowie

vergleichbar Qualifi zierte aus Nicht-EU-Staaten

ist der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt

erleichtert worden. Hierzu hat der Bundestag

ein Gesetz zur Einführung der „Blue Card“ als

vereinfachte Arbeitsgenehmigung verabschiedet.

Umfassende Informationen zum Thema

Arbeiten und Leben in Deutschland bietet das

Willkommensportal der Fachkräfte-Offensive:

DE INFO

54 Peter

make-it-in-germany.com

2012 in Kraft. Für ausländische Fachkräfte wurde ein Auf­

enthaltstitel zur Arbeitsplatzsuche für bis zu sechs Mona­

te eingeführt. Die „Blue Card“ erleichtert Akademikerin­

nen und Akademikern aus Nicht­EU­Staaten den Zugang

zum deutschen Arbeitsmarkt. Voraussetzung sind ein

Arbeitsvertrag und ein Mindestjahresgehalt von rund

45 000 Euro. In Berufen, in denen bereits ein Fachkräfteengpass

herrscht, wie zum Beispiel bei Ärzten und Ingenieuren,

beträgt die Gehaltsschwelle knapp 35000

Euro. Bei entsprechenden Deutschkenntnissen erhalten

Inhaber der Blauen Karte bereits nach 21 Monaten eine

dauerhafte Niederlassungserlaubnis. Erleichterungen

„Es waren vor allem die

Menschen, die mir beim Start

geholfen haben“

Esperanza Costa-Guillot, Ingenieurin

ergeben sich auch für Familienangehörige, die hier arbeiten

wollen. Das ist das Stichwort für Esperanza. Auch

ihr Freund wolle so bald wie möglich nach Deutschland

kommen, erzählt Costa­Guillot.

Ihr Vorname Esperanza heißt auf Spanisch „Hoffnung“.

Und die gibt die junge Ingenieurin nicht auf. Mit Zuversicht

und Mut ist sie in ihren neuen Lebensabschnitt in

Deutschland gestartet, und eigentlich fehlt ihr nur eins –

vor allem im Winter: die spanische Sonne. ▪

Adamik (2)

ÜBERZEUGT

Marie Campos, Biochemikerin

aus den USA, wollte nur für ein Jahr

in Berlin bleiben; daraus sind zehn

geworden. Sie schätzt die Qualität

der Technologieprodukte „made

in Germany“ und die „Work-Life-

Balance“.

DE Magazin Deutschland 3/2012


Joerg Modrow/laif

Bettina Flitner/laif

Christian O. Bruch/laif

Karl-Heinz Raach/laif

BMWI TESTEN

TITEL LEBENSQUALITÄT

SIE IHR WISSEN

ÜBER LEBENSQUALITÄT!

5 Fragen, 5 Antworten, 5 attraktive Preise – machen Sie mit!

1.

2.

3.

4.

5.

Wo leben laut „Glücksatlas 2012“ die

glücklichsten Deutschen?

A Hamburg B Berlin C Köln

Wie viele Stunden im Jahr arbeiten

die Menschen in Deutschland?

A 1219 B 1419 C 1619

Wie heißt Deutschlands

bedeutendster Naturraum?

A Wattenmeer B Schwarzwald C Eifel

Welche deutsche Stadt ist besonders

bekannt als „Ökostadt“?

A Oldenburg B Heidelberg C Freiburg

Welche Karte können Fachkräfte aus

Nicht-EU-Ländern, die in Deutschland

arbeiten wollen, beantragen?

A Red Card B Blue Card C Green Card

QUIZ-SPIELREGELN

Beantworten Sie die 5 Fragen und

senden Sie uns die Buchstabenkombination

in der richtigen Reihenfolge zu.

Zu gewinnen gibt es attraktive Preise:

5 x DVD „Deutschland von oben“

Der Dokumentarfilm wirft einen ganz

besonderen Blick auf Deutschland.

Mit eindrucksvollen Aufnahmen aus der

Luft nimmt der Film den Zuschauer mit

auf eine Deutschlandreise und zeigt

das Land aus einer außergewöhnlichen

Perspektive.

Einsendeschluss ist der 15. 12. 2012.

Senden Sie die Lösungen bitte per

E-Mail mit der Betreffzeile: „Quiz“ an:

deutschland@fs-medien.de

Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre

vollständige Postadresse an.

Die Gewinner werden im Internet unter

www.deutschland.de veröffentlicht. Der

Rechtsweg ist ausgeschlossen.

55


Peter Hirth/laif

56

Was Zoos

so attraktiv

macht

BESUCHERREKORD für Deutsch lands

Zoos: Rund 35 Millionen Menschen

lösten im Jahr 2011 ein Ticket für einen

Zoobesuch. Dass ein Besuch im Zoo für

die ganze Familie zum Spaß wird, dafür

sorgen auch die von den zoologischen

Gärten zunehmend prominent

„vermarkteten“ Tiere. Besonders kleine

Eisbären, Raubkatzen und Menschenaffen

begeistern die Zoobesucher.

Für die meisten ist dabei artgerechte

Tierhaltung ein wichtiger

Punkt. Besonders bekannte Zoos sind

der Tierpark und der Zoologische Garten

in Berlin, die Tierparks Hagenbeck

in Hamburg und Hellabrunn in München,

die Zoologischen Gärten in Köln

und Frankfurt am Main sowie die Wilhelma

in Stuttgart. Insgesamt gibt es in

Deutschland mehr als 200 größere

Zoos, Tier- und Wildparks. Hinzu

kommen 500 Kleinzoos, Tiergehege,

Vogelparks, Reptilienzoos und Aquarien.

Dass Zoos sich immer neue Attraktionen

überlegen, zeigt das Beispiel

Leipzig: Mit seiner Tropenerlebniswelt

Gondwanaland ist der Zoo für

den Deutschen Tourismuspreis 2012

nominiert. Im Park können Besucher

Dschungelpfaden folgen und bei einer

Bootsfahrt auf einem Urwaldfluss

eine tolle Tier- und Pflanzenwelt entdecken.

www.zoodirektoren.de

REGIO IM FOKUS

DE Magazin Deutschland 3/2012


NEUES TELESKOP HAT

DIE SONNE IM BLICK

EUROPAS größtes Sonnenteleskop ist auf

der Kanareninsel Teneriffa in Betrieb gegangen.

Auf dem 2400 Meter hohen Berg

Izaña, dem Standort des Fernrohrs, haben

internationale Wissenschaftlern

jetzt die Möglichkeit, die Sonne mit modernster

Technologie zu untersuchen.

Die große Lichtsammelfläche des Teleskops

erlaubt Aufnahmen der Sonne mit

bislang unerreichter Qualität und Auflösung.

Mit Hilfe von „GREGOR“, so der Name

des neuen Teleskops, wollen Wissenschaftler

unter anderem Sonnenflecken

und riskante Strahlenausbrüche besser

verstehen. Am Aufbau des Teleskops in

den vergangenen zehn Jahren waren

auch Experten aus Deutschland stark beteiligt.

Fachwissen steuerten insbesondere

das Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik

in Freiburg und das Leibniz-Institut

für Astrophysik in Potsdam bei.

gregor.kis.uni-freiburg.de

GROSSAUFTRAG FÜR

SIEMENS AUS ENGLAND

WEITERER ERFOLG für den deutschen Technologiekonzern

Siemens: Das Unternehmen liefert 300 riesige Windturbinen

für eine Offshoreanlage, die von 2014 bis 2017 vor der

Küste Großbritanniens installiert wird. Mit einer Länge von

75 Metern kommen bei den Turbinen die weltweit größten

Rotorblätter zum Einsatz. Die Leistung reicht aus, um rund

6000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

www.siemens.de

AIP

20 JAHRE EU-BINNENMARKT

EINE EUROPÄISCHE ERFOLGSGESCHICHTE: Der Binnen-

markt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten den All-

tag von 500 Millionen Bürgern und 23 Millionen Unter-

nehmen in Europa verändert. Der größte Wirtschafts-

raum der westlichen Welt zeichnet sich durch den freien

Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen

aus. Hier können EU-Bürger sich überall niederlassen,

arbeiten oder studieren. Daran erinnerte die EU

im Oktober 2012 mit einer Binnenmarktwoche. Zahlreiche

Veranstaltungen diskutierten die Erfolge und künftigen

Herausforderungen des Binnenmarkts.

www.singlemarket20.eu

Verwaltungsprofis

für Europa

IN DER ÖFFENTLICHEN VERWALTUNG der EU-Staaten sind mehr und mehr spezielle politische

und rechtliche Kenntnisse der einzelnen Mitgliedsstaaten gefragt. Für deutsche und französische

Nachwuchsführungskräfte wurde deshalb 2005 der Studiengang zum „Master of European Governance

and Administration/Master européen de gouvernance et d’administration (MEGA)“ an der

Bundesakademie für öffentliche Verwaltung ins Leben gerufen. Die praxis- und managementorientierte

Ausbildung bereitet künftige Entscheidungsträger auf die Herausforderungen europäischer

Verwaltungszusammenarbeit vor. 2013 wird das Studium nun erstmals berufsbegleitend für zwei

Jahre angeboten, damit noch mehr Interessenten teilnehmen können. MEGA richtet sich auch an

Nachwuchskräfte aus anderen EU-Ländern, europäischen Institutionen und aus der Privatwirtschaft.

Kooperationspartner in Deutschland und Frankreich sind das Bundesministerium des Innern

(BMI), die École Nationale d’Administration (ENA), die Universität Potsdam, die Universität

Paris 1 Panthéon-Sorbonne, die Humboldt-Universität Berlin und die Deutsche Universität für

Verwaltungswissenschaften (DUV) in Speyer.

www.mega-master.eu

DE Magazin Deutschland 3/2012 57

Echo/Cultura

Siemens press picture


Andrea Kamal Photography/Flickr

PORTFOLIO


Die Inseln der

Möglichkeiten

Jede der deutschen Inseln in Nord- und Ostsee

ist einzigartig – und eine kleine Welt für sich

Typisch Rügen: Die Weite

des Horizonts, die schroffen

Kreidefelsen und der liebliche

Charme der Architektur

der Jahrhundertwende

RÜGEN

DIE VIELFÄLTIGE

Deutschlands größtes und

beliebtestes Eiland hat das

Zeug zum Traumziel: Binnenseen,

wildromantische

Parklandschaften, verwunschene

Buchenwälder, feinsandige

Strände, urwüchsige

Alleen, unendlich weite

Horizonte und die Grandezza

alter Bäderarchitektur.

Und dann gibt es noch die

legendären Kreidefelsen,

die bei Sonnenaufgang wie

von innen leuchten.

59

sodapix sodapix

Dagmar Schwelle/Laif


Jörg Greuel/The Image Bank

PORTFOLIO


Hoch im Norden: Strandkörbe

schützen Sylt-Urlauber vor

Wind oder Sonne, typisch sind

die Reetdachhäuser – genauso

wie die Yachten

SYLT

DIE GLAMOURÖSE

Die Nordseeinsel mit der

höchsten Promidichte vermag

am Wattenmeer oder

in Keitum so ruhig zu sein,

dass man „Stille“ beinahe

für ein eigenes Geräusch

hält. Sie kann aber auch so

lärmen wie eine Silvesterfeier

am Brandenburger

Tor. Das ist das Schöne an

Sylt: Alles ist möglich an

den langen Stränden. Und

die Insel ist doch immer

ganz anders als gedacht.

61

Slow Images/Photographer´s Choice

fotosol fotosol/F1 Online


Berthold Steinhilber/laif

PORTFOLIO


Rote Landmarke: Der frei

stehende Felsen aus Buntsandstein,

die „Lange Anna“,

ist das Wahrzeichen der

Nordseeinsel Helgoland

HELGOLAND

DIE BEWEGTE

Deutschlands einzige Felseninsel

hält mit 70 Kilometern

den größten Abstand

von allen zum Festland. Auf

nur einem – autofreien –

Quadratkilometer drängen

sich eine Menge Sehenswürdigkeiten,Gelegenheiten

zollfrei einzukaufen und

auch eine aufregende

Geschichte – rund um Seeräuber,

Belagerungen,

Seegefechte und wechselnde

Nationalitäten.

63

Gerhard Schulz/age fotostock

Karl-Heinz Raach/laif


Manuel Gutjahr/Vetta

PORTFOLIO


Geografische Verwirrung

ausgeschlossen: Bei bloß

20,46 Quadratkilometern

Fläche kann man sich auf

Amrum schwer verlaufen

AMRUM

DIE URWÜCHSIGE

Sie ist die waldreichste

Nordseeinsel und hat einen

der breitesten Sandstrände

Nordeuropas, den Kniepsand,

eine extrem langsam

wandernde Sandbank. Die

lauschigen Kiefernwälder,

der weite Himmel, die Ruhe

in den Dörfern, wo der typische

Eigensinn der Friesen

eine Menge Lokalkolorit

beisteuert, bescheren der

Insel ihre beeindruckenden

Erholungsqualitäten.

65

Anja Weber-Decker

Uwe Steffens/Picture Press


BORKUM, FEHMARN

DIE LUFTIGEN

Ihre Insel nennen die Fehmaraner

den sechsten Kontinent.

Auf Deutschlands

drittgrößter Insel soll das

Wetter immer ein bisschen

besser sein. Wind weht über

der Ostsee trotzdem genug

für den „Windpark Fehmarn“.

Und um Luft geht es

auch auf Borkum, der westlichsten

und größten der

Ostfriesischen Inseln. Das

Nordseeheilbad trägt den

Titel „Reinluftgebiet“.

66

DE Magazin Deutschland 3/2012

Langrock/Zenit/laif

Modrow/laif


...

VOM WIND UMTOST UND VON DER SONNE VERWÖHNT – VOM GLÜCK

ZWISCHEN GUMMISTIEFELN UND STRANDKORB, ZWISCHEN WATTENMEER UND SANDSTRAND

Das Wetter!“, sagen die einen und

finden, dass ein Urlaub auf einer

Ost- oder Nordseeinsel schon

wegen des Risikos, über mehrere

Tage im Regen zu sitzen, deutlich in die

Kategorie „Abenteuerreisen“ gehört. „Aber

die unendlich langen Strände! Die Luft! Das

Licht! Die Weite! Und wie sich am Horizont

Wasser und Himmel berühren!“, schwärmen

die anderen und behaupten, nie würden

sie ihren Inselurlaub in Nord- oder Ostsee

gegen die Karibik tauschen. Letztere

sind in der Überzahl. Die Inseln im eigenen

Land gehören ganz oben auf die Liste der

Traumziele der Deutschen. Das spricht für

eine sympathische Unverdrossenheit, die

man zu einem Ausflug auf die Inseln unbedingt

ebenso im Gepäck haben sollte wie

Gummistiefel, Bücher für Regentage und

Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 25,

bloß um für alle Eventualitäten gerüstet zu

sein. Dann aber wird man reich belohnt.

Die Inseln führen nämlich nach Kräften

den Nachweis, dass wahre Schönheit nicht

bloß von innen, sondern immer auch von

außen kommt: von der Dramatik der Wolkenbilder,

einer gewaltig tosenden See, die

im nächsten Moment so handzahm sein

kann wie ein Schoßhündchen. Es gibt kaum

etwas, das so unglaublich still ist wie das

Wattenmeer von Sylt oder so romantisch

wie die Alleen von Rügen und die Fichtenwälder

von Usedom. Allerorten Superlative:

endlose Strände, feinste Seebäderarchitektur

und dann die Bodenständigkeit der

geduckten Reetdachhäuser und der kantige

Charakter der Inselbewohner. Nicht zu vergessen

diese unglaublich gute Luft, die so

PORTFOLIO

heilsam ist, nicht nur für die Atemwege,

sondern irgendwie auch fürs Gemüt. Ein

Glück ist das, und es gibt so viel davon.

Mehr als 70 Inseln gehören zu Deutschland.

Den schönsten Namen von allen trägt wohl

das winzige Eiland „Liebes“. Es liegt in der

Ostsee zwischen den Inseln Rügen und Ummanz,

ist unbewohnt, 1000 Meter lang, bis zu

200 Meter breit und lediglich 1,5 Meter hoch.

Nicht gerade Traummaße für eine Insel. Besonders,

da die Konkurrenz im wahrsten

Wortsinn so groß ist. Ganz oben steht die

Ostseeinsel Rügen mit 926 Quadratkilometern

und 1,3 Millionen Besuchern im Jahr.

Dann folgen Usedom, Fehmarn und Sylt. Mit

seiner illustren Besucherliste aus Sternchen,

Stars, Kultur- und Politprominenz und seinen

hohen Immobilienpreisen gilt Sylt als

das „It-Girl“ unter den deutschen Inseln. Die

Nordseeinsel Juist mit ihrer „schönsten

Sandbank der Welt“ dagegen taugt schon

deshalb nicht fürs Schaulaufen, weil man

auf der nahezu autofreien Insel nicht eben

mal mit seinem Porsche vorfahren kann.

Selbst die Pferde dürfen nur im Schritt gehen,

so gründlich wird hier entschleunigt.

Auch Hiddensee, die einzige richtige Insel

der Ostsee, weil wirklich nur mit dem Schiff

erreichbar, ist autofrei. In den 1920er-Jahren

erholten sich hier Geistesgrößen wie

Gerhart Hauptmann und Albert Einstein

vom Festlandstress. Ein Ansinnen, das – neben

den exzellenten Verbindungen zwischen

Festland und Eiland – Hunderttausende

auf die Inseln bringt. Heute ist nicht

mehr die Fischerei, sondern der Tourismus

die Haupteinnahmequelle der Inseln. Ihr

Plansoll, den Besucher wieder zu sich, aber

auch zum Wesentlichen zurückzuführen,

erfüllen sie dabei auch mit einem zunehmenden

Umweltbewusstsein.

Flora und Fauna werden meist vorbildlich

gehegt und gepflegt. Wie auf der Ostseeinsel

Vilm. Zu DDR-Zeiten war sie exklusiv als Urlaubsziel

für den Ministerrat reserviert.

Heute bietet Vilm ein Biosphärenreservat

mit einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt,

das nur 30 Menschen am Tag besuchen

dürfen. Noch so ein Beleg dafür, dass stimmt,

was der Volksmund behauptet: „In einem

Meer von Schwierigkeiten liegt immer eine

Insel der Möglichkeiten.“ Irgendwo da draußen,

an Deutschlands Ost- und Nordseeküste.

Dort lebt immer auch eine Utopie: So wie

dort könnte das Leben sein – so losgelöst

vom Stress des Festlandes, so unendlich

weit und trotzdem klar umzirkelt von der

See, dass man sich gleich wie daheim und

gut aufgehoben fühlt. Kein Wunder, wenn

die Liebe zur Insel oft ein Leben lang währt.

Von der ersten Sandburg an bis zum letzten

Kurkonzert in der großen Orchestermuschel

von Westerland. In guten, sonnigen

Zeiten ebenso wie an Regentagen. ▪

Constanze Kleis

CROSSMEDIA

Deutschlands Inseln entdecken

Die Deutsche Zentrale für Tourismus

bietet jede Menge weitere Infos über

die deutschen Nord- und Ostseeinseln.

Den QR-Code mit dem

Smartphone scannen –

und los geht’s.

DE Magazin Deutschland 3/2012 67


THONET GmbH

68

Stuhl

der Stühle

BEST OF GERMANY

ER REVOLUTIONIERTE das Möbeldesign weit vor

dem Bauhaus: Mitten im Biedermeier schuf Michael

Thonet aus dem kleinen Rheinstädtchen Boppard den

Prototyp des industriellen Möbeldesigns. 1859 ging

der elegante Bugholzklassiker als „Stuhl Nr. 14“ in

Produktion. Bis heute gilt er als „Kaffeehausstuhl“

schlechthin und als meistproduziertes Sitzmöbel. Er

besteht aus nur sechs Holzteilen – verschraubt, nicht

geleimt –, die hinteren Beine und die obere Lehne sind

aus einem einzigen Stück Holz gefertigt. So schlicht

wie raffiniert. Denn Thonet gelang es, Holz nur mit

Wasserdampf und Schablonen in Form zu biegen. Die

Idee machte Thonet zum Chef eines ganzen Möbelimperiums.

Heute werden die Stühle weiterhin von

der Firma Thonet in Frankenberg in Hessen als

„Modell 214“ produziert. Herr der Stühle ist als Geschäftsführer

des Familienunternehmens Nachfahre

Peter Thonet. www.thonet.de

200. Geburtstag

Georg Büchner

EIN VORDENKER war dieser junge Arzt aus der Nähe von

Darmstadt, seiner Zeit voraus und bereit, sich gegen die

hergebrachten Zustände zu stemmen. Vielleicht würde

Georg Büchner (1813–1837) heute der „Occupy“­Bewegung

angehören. Jedenfalls berief die sich auf den „Hessischen

Landboten“, Büchners Streitschrift von 1834. Der mit nur

23 Jahren verstorbene Literaturgenius bleibt einfach immer

jung und gegenwärtig. 2013 wird der 200. Geburtstag

des Schriftstellers und Revolutionärs gefeiert.

Drei Klassiker kompakt

Dantons Tod Vier Akte, in nur einem Monat zu

Papier gebracht – und doch ein Drama von ergreifender

sprachlicher und inhaltlicher

Wucht. „Wenn einmal die Geschichte ihre

Grüfte öffnet, kann der Despotismus noch immer

an dem Duft unsrer Leichen ersticken“, lässt Büchner

seinen Danton sagen. Am Beispiel der Französischen Revolution

erzählt er, wie freiheitliche Ideale in ihr Gegenteil

umschlagen können. Während Büchner am Danton

schreibt, muss er selbst fürchten, verhaftet zu werden.

1835 erscheint das Stück zwar zensiert, aber doch als einziges

Werk zu seinen Lebzeiten. Erstmals aufgeführt

wurde es erst 1902.

Leonce und Lena Harmlos­albern und lustigleicht

scheinen Prinz Leonce und Prinzessin

Lena, Büchners Helden aus dem Lande Popo

und dem Reiche Pipi, sich die Bühne untertan

zu machen. Und doch ist die Komödie nur eine Maske für

eine bissige Satire auf die Dekadenz der Fürstenhöfe und

die deutsche Kleinstaaterei zur Zeit Büchners. Gegen die

bisherige Langeweile des Lebens verspricht Leonce seiner

Lena: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender

verbieten und zählen Stunden und Monden nur

nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“

Woyzeck Dieses Stück ist nur ein Fragment

und doch eins der meistgespielten Dramen auf

deutschen Bühnen. Weil es an Grundfragen

rüttelt, weil fast jeder Satz ein sinnliches Erlebnis

ist. Der Inhalt in aller Kürze: Einfacher Soldat ersticht

untreue Geliebte. Aber hinter dem simplen Plot steckt

die ewige und ungelöste Frage, welchen Einfluss die Umstände

auf den Menschen haben, was Schicksal ist und

was Freiheit der Entscheidung – und: Warum tun wir, was

wir tun?

DE Magazin Deutschland 3/2012

Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf


owohlt Verlag

NEUER GOLF 7

INNERE WERTE

ER LÄUFT UND LÄUFT und läuft – seit

1974. Jetzt wird die Erfolgsgeschichte

eines der weltweit meistverkauften Autos

mit einem neuen Kapitel fortgeschrieben:

mit der siebten Auflage des

erfolgreichen Pkw­Modells von Volkswagen.

Was ist neu am neuen Golf? Optisch

gar nicht so viel. Aber die inneren

Werte zählen: Er ist leichter, sparsamer

und geräumiger. Ab 2014 soll es den

Golf 7 auch mit Hybridantrieb geben.

www.volkswagen.de

GESELLSCHAFTSANALYSE UND GENERATIONENPORTRÄT

Die neuen Deutschen

WILLY BRANDT

UNVERGESSEN

MEHR ALS 16 MILLIONEN MENSCHEN in Deutschland haben

einen „Migrationshintergrund“ – das heißt, sie selbst sind

oder mindestens eines ihrer Elternteile ist zugewandert. Drei

von ihnen heißen Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu.

Sie sind Redakteurinnen der Wochenzeitung „Die Zeit“. In

ihrem gemeinsamen Buch „Wir neuen Deutschen. Wer wir

sind, was wir wollen“ erzählen sie aus ihrem Leben und dem

ihrer aus Polen, Vietnam und der Türkei stammenden Familien.

Sie berichten, wie es ist, eine „hybride Identität“ zu

haben, in Deutschland zu Hause zu sein, aber sich anderen

doch oft erklären zu müssen. Zugleich sind die Familienporträts

der drei ein Stück deutscher Zeitgeschichte.

www.rowohlt.de

Volkswagen

Juergen Bindrim/laif

picture-alliance/dpa

1.

2.

AUSZEICHNUNG

IBSEN AWARD 2012

HEINER GOEBBELS erhält den Internatio­

nal Ibsen Award 2012 – einen der weltweit

wichtigsten Theaterpreise. Mit dem nach

dem norwegischen Schriftsteller und Dramatiker

benannten und mit 330 000 Euro

dotierten Preis wird geehrt, wer die Theaterwelt

um eine neue Dimension der

Kunst bereichert hat. Das hat der virtuose

Theatermacher Goebbels, der 2012 seinen

60. Geburtstag feierte, ganz sicher: Seit

Jahren bewegt der Komponist und Regisseur

sich in seiner Musik und seinen Inszenierungen

an der Schnittstelle zwischen

Oper, Theater und Performance –

und er ist dabei immer auf der Suche nach

dem Neuen, bewegt sich jenseits des Hergebrachten

und Bekannten. 2012 bis 2014

prägt Heiner Goebbels

als Intendant und

künstlerischer Leiter

die Ruhrtriennale.

Seine erste

Saison hat er gerade

mit großem Publikumserfolgabgeschlossen.

www.heinergoebbels.com

TOP 5: DIE BELIEBTESTEN

VORNAMEN IN DEUTSCHLAND

SOPHIE/SOFIE, MAXIMILIAN Seit Jahren liegen

Sophie und Marie im Clinch um Platz 1;

Max steht im vierten Jahr in Folge ganz oben.

MARIE, ALEXANDER 3,07 Prozent der Mäd-

chen in Deutschland tragen Marie im Vorna-

„MEHR DEMOKRATIE WAGEN“ – dieses

men. Alexander war in den 1970er-Jahren

schon mal in der Spitzengruppe vertreten.

Zitat von Willy Brandt ist so unsterblich

wie sein Kniefall in Warschau: 1970

3. MARIA, PAUL Zwei biblische Namen stehen

sank der damalige deutsche Bundes­

auf Platz 3 der Namenshitliste; Maria hält den

kanzler am Ehrenmal des Warschauer­

Rang schon seit 2005, Paul erst seit 2010.

Getto­Aufstands auf die Knie. Ein Bild,

das ins kollektive Gedächtnis einging.

4. MIA, LEON Rasant von Platz 27 (2005) auf

Brandt ist vor zwei Jahrzehnten, am

Nummer 4 ist Mia aufgerückt; Leons Stern ist

8. Oktober 1992, im Alter von 78 Jahren

eher im Sinken: Er war schon mal auf Platz 1.

gestorben. Für seine Politik der Versöhnung

mit Osteuropa erhielt der SPD­

5. SOPHIA/SOFIA, BEN Die englische Kurzform

Politiker 1971 den Friedensnobelpreis.

von Benjamin macht gerade Namenskarriere

und steht zum ersten Mal unter den Top 5.

DE Magazin Deutschland 3/2012

Angaben für 2011,

Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache

69


Bernd Uhlig (2)

THEMEN KULTUR

Meisterin des Dialogs von

Körper und Raum

Die Choreografin Sasha Waltz hat der Sprache

des Körpers viele neue Vokabeln hinzugefügt,

harte und klare, berührende und poetische


sasha Waltz ist der vielleicht unruhigste Geist der deut-

Von Sylvia Staude

schen Tanzszene. Sicher aber die im Ausland bekannteste

Choreografin, dort wird sie in einem Atemzug mit Pina

Bausch genannt. Aber während Bausch für viele Jahre vor ihrem

Tod verlässlich die gleiche Art Stück ablieferte, ist Sasha

Waltz immer noch auf der Suche, bleibt unberechenbar und über-

raschend. Und riskiert das Scheitern. Vom Kammerspiel zum Cine-

mascope führte ihr Weg, von der Erzählung zur Abstraktion und

wieder zur Erzählung. Sie inszeniert Opern, sie ist der klangvolle

Name hinter dem für den Berliner Schlossplatz geplanten Denkmal,

das an den Mauerfall 1989 und die deutsche Einheit erinnern

soll: eine schalenförmige, riesengroße Wippe, die durch die Menschen,

die darauf herumgehen, ganz leicht bewegt werden kann.

Eine Idee mit Charme, denn ist nicht Bewegung – von Körper wie

Geist – das, was den Menschen auszeichnet?

Es war ein schlicht und mutig „Körper“ betiteltes Stück, das Sasha

Waltz und ihre Compagnie „Sasha Waltz & Guests“ im Jahr 2000

Mit ihrer Choreografie „Körper“

füllte sie die Weite der Bühne mit lange

nicht gesehener Entschlossenheit

bekannt machte. „Körper“ war ein doppeltes Ausrufezeichen.

Denn Sasha Waltz war die erste Tanzschöpferin, deren Arbeit

gleichberechtigt neben der eines Schauspielhauses stehen sollte:

An der Berliner Schaubühne sollten sie und Schauspielchef Thomas

Ostermeier sich bei Finanzen und Spielplan auf Augenhöhe

begegnen. Und „Körper“ füllte die nackte, raue Weite der Schaubühne

mit einer Entschlossenheit, wie man sie auf Tanzbühnen

schon länger nicht mehr gesehen hatte. Zu bestaunen war, wie radikal

und bildmächtig Sasha Waltz mit ihrem titelgebenden Arbeitsmaterial

umging. Und wie sie doch das Intrikate, Feinziselierte

nicht opferte, sondern ins große Ganze viele i-Tüpfelchen fügte.

Im Gedächtnis bleibt jedem, der die Choreografie gesehen hat, wie

>

71


Bredehorst/Polaris/laif

die bleichen Körper der Tänzerinnen und Tänzer sich in einem

senkrechten, schmalen Glaskasten schichten wie unter einem Mikroskop.

In Zeitlupe kriechen sie über- und untereinander, aneinander

vorbei. Körperteile sind plattgedrückt. Der eine will nach

rechts und muss an einem fremden Bein vorbei, die andere will

nach oben, quält und windet sich. Als wären diese Lebewesen im

Glas eine fremde Spezies, so kann man es als Zuschauer empfinden.

Angefangen hat Sasha Waltz Anfang der 1990er-Jahre mit ganz anderen

Stücken. „Travelogue“ heißt eine Trilogie, in der sie den modernen

Menschen in der Küche einer Wohngemeinschaft, in einer

Bar, einem Hotel zeigt. Lustig, grotesk, aber auch ein bisschen melancholisch

sind diese frühen Tanztheaterstücke von ihr. Die Ak-

Tanz ist für Sasha Waltz ein

Medium, „wo Sprache nicht mehr

hinkommt, höchstens die Poesie“

teure zappeln wie im Stummfilm, nur weit artistischer, und haben

ihre liebe Not mit den Gegenständen des Alltags. Über und mit

Tisch, Theke, Kühlschrank, Bett tanzen sie, ein Schlafloser wälzt

sich zum rhythmischen Rattern einer Nähmaschine hin und her.

Detailreich sind diese Choreografien und präzise getimt. Slapstick,

der doch von aktuellen Befindlichkeiten erzählt, von Zeit- und Liebesnot,

von zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen, den

Absurditäten, die sich in jeder Normalität verbergen. „Es gibt

nichts Genialeres als das tägliche Leben“, hat Sasha Waltz damals

gesagt.

Die Choreografin wurde 1963 in Karlsruhe geboren. Schon mit fünf

bekam sie Tanzunterricht. Und die Faszination für die bewegte

Kunst war von Dauer: Gleich nach dem Abitur studierte sie Tanz

in Amsterdam und New York, ehe sie in den USA für diverse Companys

tanzte. Wie die meisten ihrer choreografierenden Kolleginnen

und Kollegen begann sie in dieser anstrengenden Zeit doch

72

SASHA WALTZ

Die Tänzerin und Choreografin, 1963 in Karlsruhe geboren,

gründete 1993 zusammen mit ihrem Lebenspartner

Jochen Sandig in Berlin „Sasha Waltz & Guests“ – keine

konventionelle Tanzcompagnie, sondern ein Künstlerkollektiv.

Bis heute haben über 250 Künstler und Ensembles

– Architekten, Bildende Künstler, Choreografen, Regisseure,

Filmemacher, Designer, Musiker, Sänger und Tänzer

– aus 25 Ländern in über 80 Produktionen und Projekten

als „Guests“ mitgewirkt. Das Repertoire umfasst

18 Produktionen, aufgeführt werden rund 80 Vorstellungen

im Jahr. Die Arbeit der Compagnie ist eng verbunden

mit dem Berliner „Radialsystem V“, einem als Veranstaltungshalle

umgenutzten ehemaligen Pumpwerk.

CHOREOGRAFIEN (AUSWAHL)

Travelogue-Trilogie, 1993

Allee der Kosmonauten, 1996

Zweiland, 1997

Na Zemlje, 1998

Körper, 2000

S, 2000

noBody, 2002

Impromptus, 2004

Dido und Aeneas, 2005

Medea, 2007

Jagden und Formen, 2008

Continu, 2010

Matsukaze, 2011

Gefaltet, 2012

Carmen, 2012

auch schon, eigene Stücke zu entwickeln. Die Arbeit mit dem Körper

war immer eine Notwendigkeit für sie, eine Möglichkeit, die

Wirklichkeit zu befragen, in die Tiefe zu gehen, Emotionen zu finden

und ihnen Ausdruck zu geben. Tanz ist ihr ein Medium, „wo

Sprache nicht mehr hinkommt, höchstens die Poesie“, wie sie es in

einem Interview formulierte. Die Nettigkeiten der „Travelogue“-

Trilogie schien Sasha Waltz dann 1996 mit „Allee der Kosmonauten“

abstreifen zu wollen. In einer Plattenbausiedlung hatte sie recherchiert,

mit den Menschen dort ausführlich gesprochen. Doch

die realistischen Einsprengsel eines Arbeitermilieus blieben Zwischenspiel.

Es folgte, mit dem Einzug in die Schaubühne, die große

„Körper“-Trilogie. Und damit die radikale Erforschung des Fleisches:

In den drei großformatigen Arbeiten „Körper“, „S“ und „no-

Body“ wird die menschliche Hülle zum Knetgummi, wird sie gedehnt,

gequetscht, eingeschnürt, beschriftet. Aber auch zu Fabeltieren

macht Sasha Waltz ihre Tänzer, geheimnisvoll, scheu, streng.

Das Publikum in Berlin und anderswo – das Ensemble tourte fleißig

– war entzückt. Doch in der Schaubühne lief es nicht gut mit

der Gleichberechtigung. Und Sasha Waltz, der unruhige Geist, die

Kompromisslose, packte ihre Koffer. Das Abschiedsstück, „Gezeiten“,

ist eine Endzeitvision, dunkel, hektisch – und zuletzt wird das

Menschen in Bewegung: Entwurf für das Einheitsdenkmal in Berlin

DE Magazin Deutschland 3/2012

picture-alliance/dpa/Milla & Partner/Sasha Waltz

Bredehorst/Polaris/laif


NOVEMBER 2012

09.–10.11. PARIS, Théatre des Champs-Élysées

MEDEA

26.–27.11. MOSKAU, NET Festival

IMPROMPTUS

DEZEMBER 2012

06.–07.12. ZÜRICH, Schauspielhaus

GEFALTET

19.12. + MAILAND, La Scala

28.–30.12. ROMÉO ET JULIETTE

JANUAR 2013

02.–05.01. MAILAND, La Scala

+ 08.01. ROMÉO ET JULIETTE

04.–06.01. SANTIAGO DE CHILE, Santiago a Mil

TRAVELOGUE I – TWENTY TO EIGHT

FEBRUAR 2013

01.–03.02. BERLIN, Staatsoper im Schiller Theater

MATSUKAZE

10.02. LISSABON, Gulbenkian Música

GEFALTET

MAI 2013

03.–04.05. LUXEMBURG, Les Théâtres de Luxembourg

GEFALTET

Bühnenbild zerlegt, als brauche man Material für ein wärmendes

Feuer.

In Luxemburg macht Sasha Waltz dann eine furiose „Medea“, in

Paris mit dem Opernballett ein eher dezent-zartes „Roméo et Juliette“.

Mehr als 100 Mitwirkende stehen zuletzt auf der Bühne, die

Arbeiten der Choreografin scheinen immer größer, immer gewaltiger

zu werden. Doch dann hat Sasha Waltz einen Zusammenbruch,

ist linksseitig wie gelähmt, muss sich über zwei Jahre ihre

Beweglichkeit mühsam zurückerobern. Sie nimmt es als Mahnung.

Und erzählt später selbstkritisch von ihrem Drang, immer

alles perfekt machen zu wollen. Sie habe lernen müssen, nein zu

sagen.

Es bleibt noch genug zwischen den Neins, zum Glück. Sasha Waltz

hat weitere Opern inszeniert und mit ihrem Ensemble das Neue

Museum in Berlin bespielt, so dass man seine Räume wahrhaftig

mit anderen Augen wahrnahm. Sie ist geradezu eine Meisterin des

Dialogs von Körper und Raum geworden, besonders, wenn es gar

keine Theaterräume sind. Und ihr Pariser „Roméo et Juliette“ wurde

in diesem Frühjahr in weltweit 230 Kinos übertragen. Es ist ein

verdienter Triumph, denn Sasha Waltz hat der Sprache des Körpers

in zwei Jahrzehnten nicht wenige neue Vokabeln hinzugefügt. Und

mit diesen Vokabeln so manche harte und klare, aber auch immer

wieder berührende Körper-Geschichte erzählt. ▪


74

ONLINE

NEU UND INNOVATIV:

WWW.DEUTSCHLAND.DE

Modern, cool, informativ und aktivierend: Mit dem neuen

Portal www.deutschland.de macht Deutschland Spaß

S

eit dem 19. August 2012 ist die Web-

site www.deutschland.de online.

Bundesaußenminister Dr. Guido

Westerwelle persönlich gab das

Signal für den „Go-live“ für Deutschlands

prominenteste Webadresse. www. deutschland.de

versteht sich für eine internationale

Nutzerschaft als die zentrale Internet-

Plattform für ein modernes Deutschlandbild.

Wer sich mit aktuellen Informationen

und Analysen versorgen möchte, ist hier

genauso richtig wie all jene, die hochwertige

Hintergrundbeiträge, Themenspecials,

Servicefeatures, Videos und kommentierte

Link-Tipps suchen. Das Webportal ist Teil

eines crossmedialen Projekts, zu dem auch

diese Zeitschrift gehört.

www.deutschland.de ist technologisch auf

dem modernsten Stand umgesetzt und bietet

als dynamische Website eine Vielzahl

von Nutzungsoptionen. Das Design ist „responsiv“,

will sagen: Auch mobil, mit dem

iPad, können Sie die Angebote nutzen. Was

alles in www.deutschland.de steckt, welche

Möglichkeiten und Plattformen vor allem

im Bereich der sozialen Medien angeboten

werden, zeigen wir Ihnen in dieser und den

kommenden Ausgaben von „DE Magazin

Deutschland“.

Ehrengast beim Go-live: Außenminister Westerwelle

DE Magazin Deutschland 3/2012

Stefan Maria Rother


4

3

2

5

8

1

6

7

WAS DIE WEBSITE BIETET

1. Sprachen und Regionen: Die Inhaltsangebote der Website

www.deutschland.de sind in sieben Sprachen verfügbar

(Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch,

Arabisch). Wer sich für aktuelle bilaterale Themen

interessiert, hat zwischen elf Weltregionen die Wahl

(Afrika, Arabische Welt, Asien, Nordamerika, Lateinamerika,

China, Japan, Russland, Europa, Türkei, Israel).

2. Ressorts: Sechs Themenfelder (Politik, Leben, Wissen,

Wirtschaft, Kultur, Umwelt) bieten über die Quernavigation

einen übersichtlichen und leichten Zugang zu Themen,

die Deutschland bewegen. Unterrubriken verfeinern

das Inhaltsmanagement. Die Rubrik Dossier bündelt aktuellen

und zeitgeschichtlichen Content zu umfassenden

Paketen. Wer sich selbst Themenpakete zusammenstellen

möchte, kann hierzu die dynamische Suche nutzen.

3. Thema des Tages: Das tagesaktuelle Highlight mit einem

starken visuellen Aufmacher ausgespielt: So präsentiert

sich das „Thema des Tages“ auf der „Bühne“.

4. Aktuelle Meldungen: Die wichtigsten deutschen Tagesmeldungen

aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.

Täglich aktuell.

5. Themenstream: Die Startseite unterhalb des aktuellen

Geschehens besteht aus dynamischen Themenslots, die

von der Redaktion täglich neu bestückt werden. Auch Videos

der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und Themenspecials

stehen hier zur Verfügung. Wer auf der Startseite

noch mehr Themen sehen möchte, kann über das Bedienelement

„Weitere Artikel anzeigen“ die nächsten Artikel

im „Stream“ dynamisch nachladen.

6. Interaktive Karte: Die interaktive Deutschlandkarte mit

vielen interessanten „Points of interest“ macht Deutschland

erlebbar. Die Karte wird von unserem Kooperationspartner

Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) gestellt.

7. Bannerleiste: Zu weiteren Angeboten von www.deutschland.de,

vor allem zu unseren Plattformen in den sozialen

Medien, führt die Bannerleiste. Auch temporäre oder dauerhafte

Medien- und Kooperationspartner stellen sich

hier vor.

8. Servicecenter: Im unteren Seitenbereich findet sich der

Zugang zum Servicecenter von www.deutschland.de, einschließlich

des Media Corner für internationale Journalisten

und Experten (hierzu mehr in der nächsten Ausgabe).

DE Magazin Deutschland 3/2012 75


Christian Joergensen/laif


JordanPhoto/Flickr DIE

THEMEN LEBENSART

Französische Straße in Berlin-Mitte: Im Borchardt trifft sich, wer in der Hauptstadt „dazugehört“

KANTINE

DER HAUPTSTADT

Wer ins Borchardt kommt, dem geht es nicht

ums Schnitzelessen. Zumindest nicht alleine

77

picture-alliance/dpa


Von Annabel Wahba

Wenn man wissen will, was

gerade los ist in Berlin,

muss man ins Borchardt

gehen. Der frühere Kanzler

Gerhard Schröder hat in dem Restaurant

gerne sein Schnitzel gegessen, Kanzlerin

Angela Merkel hat sich im Borchardt zu

wichtigen Sitzungen mit dem Koalitionspartner

getroffen und auch Ex-Außenminister

Hans-Dietrich Genscher kann man

hier antreffen. Das Restaurant Borchardt in

Berlin-Mitte ist so etwas wie die Kantine

der Republik. Politiker planen hier ihre

Strategien, Lobbyisten treffen sich mit

Journalisten. Es liegt ganz in der Nähe des

Regierungsviertels, Zeitungsredaktionen

und Fernsehsender haben ihre Hauptstadtbüros

in der Gegend. Während der Modemesse

kommen die Designer, zum Filmfestival,

der Berlinale, kommen die Filmstars.

Im Borchardt beginnen und enden Liebschaften,

es hat Ehen gestiftet und zerstrittene

Brüder versöhnt.

In Los Angeles, sagt Besitzer Roland Mary,

kenne man sein Restaurant als The Schnitzel

Place. Für dieses Gericht ist das Restaurant

berühmt. Überhaupt für seine eher deftigen,

teilweise an die französische Küche

angelehnten Speisen. Ums Essen geht es in

diesem Restaurant aber nicht in erster Linie,

schon eher ums Trinken. Es ist schwer

zu erklären, warum diese Halle mit den hohen

Säulen und den samtbezogenen Sitzen

so ein magischer Ort ist. Berlin ist eine

Stadt, die schwer zu fassen ist, aber in diesem

Restaurant hat man das Gefühl, etwas

78

Gunay Mutlu/Photodisc

von ihr begriffen zu haben. Vielleicht liegt

es an der richtigen Mischung der Besucher,

an der Nähe zur historischen Mitte.

„Die Mischung“, sagt Roland Mary, sei

„überhaupt das Wichtigste an einem Restaurant.“

Ins Borchardt kommen Russen

wie Amerikaner, Philosophen und Ge-

„Wenn über ein Lokal

zu viel erzählt wird,

dann ist das keine gute

Gastronomie“

schäftsleute. „Das ist Gastronomie, wie sie

sein muss“, sagt Roland Mary. Das Borchardt

ist ein Ort, der gegenwärtig ist und gleichzeitig

schon Geschichte. Man sitzt und

denkt, es könnte jeden Moment Leonardo

DiCaprio hereinkommen. Er hat hier schon

gegessen, genau wie Madonna. All ihre Gespräche

hängen wie ein Raunen über dem

Saal, und wer darunter sitzt, hat das Gefühl,

daran teilzuhaben.

Man würde ja gern Fotos zeigen von all seinen

berühmten Gästen, von Jack Nicholson,

der beim Gang auf die Toilette alle Aufmerksamkeit

auf sich zog und einen spontanen

Applaus bekam, von Barack Obama,

auf den ein weiblicher Gast einmal über die

Sicherheitsleute hinweg zusprang, nur um

ihn zu berühren. Aber diese Fotos gibt es

nicht. Zur Berlinale zum Beispiel werden

die Fenster zugeklebt, um die Berühmthei-

Im Borchardt ist es eher laut als leise, eher

rustikal als exquisit, meistens ziemlich voll und

immer reichlich hauptstadtzappelig

ten vor den Paparazzi zu schützen, nicht

mal den Kellnern ist es gestattet, sich mit

den Gästen fotografieren zu lassen. „Wenn

über ein Lokal zu viel erzählt wird, dann ist

das keine gute Gastronomie“, sagt Roland

Mary, „weil dann jeder weiß, dass er dort

nicht ungestört ist.“ Die Privatsphäre seiner

Gäste ist Mary heilig.

Vorbild für das Borchardt, das schon im

19. Jahrhundert ein bekanntes Weinlokal

war, ist das La Coupole in Paris. Die Atmosphäre

erinnert eher an ein Bistro denn an

ein feines Restaurant. Es ist eher laut als leise,

eher lebendig als ruhig, die Kellner sind

aufmerksam, aber nicht bevormundend,

den Wein kann man sich selbst nachschenken,

die Flasche wird vom Kellner nicht wie

Das Borchardt „is a place to be“. Stars

gehen hier ein und aus, vor allem solche

aus der Filmbranche zur Berlinale-Zeit

Boening/Zenit/laif

picture-alliance/dpa


Elegant und lässig: Roland Mary, Herr des Hauses,

Maître de plaisir, kurzum Mr. Borchardt persönlich

in Sternerestaurants vom Tisch genom-

men.

Das Borchardt wird maßgeblich geprägt

von seinem Besitzer. Er ist meist schon zu

mittags hier und so gut wie jeden Abend.

Oft sitzt Roland Mary mit Gästen an einem

der Tische, jedoch ohne dabei aufdringlich

zu sein. Er plaudert mit ihnen, als habe er

sie zu sich nach Hause eingeladen. Roland

Mary sieht elegant und gleichzeitig lässig

aus, wie die Männer aus der italienischen

Modewerbung. Er trägt fast immer Anzug,

die obersten Knöpfe des Hemds darunter

sind geöffnet.

Mary kam Anfang der 1980er-Jahre nach

Berlin und fing als Kellner an in der Kneipe

seiner damaligen Freundin. Als er kurz darauf

sein erstes Lokal eröffnete, war er endlich

angekommen. 1992 eröffnete er das

Borchardt. Mary hat sich in den unterschiedlichsten

Szenen bewegt, aber es gab

keine, in der er es lange aushielt. Wahrscheinlich

ist es das, was ihn zum idealen

Gastgeber macht: Er kennt fast alle Szenen,

er kann sich an seine Gäste anpassen wie

ein Chamäleon. Die Gesellschaft ist sein Lebensraum.

„Die Gastronomie ist genau das

Richtige für mich“, sagt er, „als Wassermann

kommuniziere ich gern.“ Manchmal

hat das Borchardt auch etwas Künstliches,

es ist eine Scheinwelt voller Prominenz und

Medienleute. Dennoch schafft man es hier,

die Balance zu halten. Man hat das Gefühl,

dass jeder gleich behandelt wird, ob als Promi

oder Minister. Oder einfach als Gast. ▪

picture-alliance/dpa

Das kulinarische Berlin bietet alles –

von europäischer Kaffeehauskultur bis zur

Currywurst an der Ecke

DE Magazin Deutschland 3/2012 79

Daniel Biskup/laif

Michael Trippel/laif

Amin Akhtar/laif (2)

BERLINER „SCHAUBÜHNEN“

CAFÉ EINSTEIN Das Berliner Frühstückscafé

„Unter den Linden“ schlechthin. Politprominenz

beim Latte macchiato hautnah erleben.

Nur hier zu sehen – und täglich aufs Neue.

www.einsteinudl.com

MARGAUX In Nachbarschaft zu Reichstag und

Französischer Botschaft, das Margaux, eine

der feinsten kulinarischen Adressen Berlins.

Sternekoch Michael Hoffmann zelebriert hier

internationale Top-Cuisine. Umwerfend gut.

www.margaux-berlin.de

LUTTER & WEGNER Direkt am Gendarmenmarkt,

Traditionsgaststätte mit gemütlicher

Weinstube. Überall viel schönes dunkles Holz.

Kontrastprogramm zur Turbogastronomie.

www.l-w-berlin.de

SARAH WIENER Im Innenhof einer ehemaligen

Lokfabrik betreibt Sarah Wiener „Das Speisezimmer“.

Das Credo der sendungsbewussten

Starköchin: „Wir wollen mündige Esser, die wissen,

wo das Essen herkommt und wie es erzeugt

wird.“ Überzeugend.

www.sarahwiener.de

KONNOPKE Einfach „die“ Currywurst-Adresse.

www.konnopke-imbiss.de


IMPRESSUM

Herausgeber

„DE Magazin Deutschland“ erscheint im Verlag

Frankfurter Societäts-Medien GmbH in

Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, Berlin

Verlag

Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Frankenallee 71–81,

D-60327 Frankfurt am Main

Post: D-60268 Frankfurt am Main

Telefon: ++49(0)69/7501-0

www.fs-medien.de

Redaktion

Chefredakteur: Peter Hintereder

Art Direction: Anke Stache, Michael Emmel

Redaktion: Martin Orth (CvD), Janet Schayan (Text),

Johannes Göbel, Oliver Sefrin

Assistenz: Isabel Egidi

Produktion: Stefan Reichart, Sandra Opper,

André Herzog

www.deutschland.de

Redaktions-Service

E-Mail: redaktion.deutschland@fs-medien.de

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Inland: 13,– EUR, Ausland: 16,– EUR,

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Hinweise

„DE Magazin Deutschland“ wird in 180 Ländern

vertrieben.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge

geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers

wieder.

Nachdruck nur mit Genehmigung. Anfragen:

redaktion.deutschland@fs-medien.de

Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 19.10.2012

Printed in Germany

Druck: Westdeutsche Verlags- und Druckerei GmbH,

Mörfelden

Copyright © by Frankfurter

Societäts-Medien GmbH 2012

Postvertriebskennzeichen: 7999

ISSN: 1617-9552

80

DREI FRAGEN AN

Elisabeth Niggemann,

GENERALDIREKTORIN DER

DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

TRANSFER

Die Deutsche Nationalbibliothek feiert

2012 ihren 100. Geburtstag. Wie reagieren

Sie auf den Medienwandel, auf Internet

und E-Books? Und wie sehen Sie

die Zukunft der Bibliotheken?

Unser Sammelauftrag ist 2006 auf digitale

Publikationen ausgeweitet worden. Natürlich

müssen wir hierfür neue Verfahren des

Sammelns, der Bearbeitung und der Speicherung

entwickeln, damit diese Formen

aufgenommen werden können. Bücher

wird es wohl noch lange geben. Aber in Teilbereichen,

vor allem bei wissenschaftlichen

Zeitschriften, werden elektronische

Zeitschriften und das E-Book schon bald die wichtigere Rolle spielen. Bibliotheken werden

als Orte des konzentrierten Arbeitens und der Begegnung wichtig bleiben.

Sammeln Sie auch Blogs, Tweets und E-Mails? Wenn ja, wie erschließen Sie diese?

E-Mails gehören nicht zum Sammelgebiet. Über Tweets denken wir nach, aber einstweilen

sammeln wir sie nicht. Wenn Blogs über den rein privaten Bereich hinausgehen, gehören

sie zu unserem Sammelgebiet. Die Verfahren zur Sammlung, Archivierung und Erschließung

von Blogs werden noch entwickelt.

Für welche Bücher begeistern Sie sich persönlich?

Schöne, handwerklich gut gemachte Bücher habe ich sehr gern in den Händen. Ich bin

eine Zeitungsleserin, und zur Entspannung lese ich gerne Krimis.

www.dnb.de

NEUE ADRESSEN IN MYANMAR UND CHINA

DEUTSCHLAND WILL DEN KULTURAUSTAUSCH mit Myanmar wiederbeleben und plant den

Aufbau eines Goethe-Instituts in der Wirtschaftsmetropole Rangun. Cornelia Pieper, Staatsminis-

terin im Auswärtigen Amt, und die Vize-Kulturministerin Myanmars unterzeichneten am 28. Sep-

tember 2012 in der Hauptstadt Nay Pyi Taw eine gemeinsame Erklärung. Sie soll den Weg für das

Goethe-Institut in Rangun ebnen und einen verstärkten Wissenschaftsaustausch in Gang setzen.

Im Nachbarland China hat Bundesaußenminister Guido Westerwelle in der Millionenstadt Shenyang

im Nordosten des Landes das fünfte deutsche Generalkonsulat in China eröffnet. Das Konsulat

sei ein wichtiger Meilenstein für die Vertiefung der deutsch-chinesischen Beziehungen. Es

solle insbesondere auch die Zusammenarbeit in Kultur und Wissenschaft fördern, sagte Westerwelle.

Die mehrtägige Reise des Bundesaußenministers nach China stand im Zusammenhang mit

dem Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China vor 40 Jahren.

DE Magazin Deutschland 3/2012

picture-alliance/dpa


MEIN DEUTSCHER ALLTAG

„Ich will

etwas zurückgeben“

OB ICH DEUTSCH BIN oder afghanisch,

kann ich nicht genau sagen. „Ich bin ei­

ne Deutsche aus Afghanistan“, so habe

ich auch meine Autobiografie genannt.

Ich bin froh, dass ich in Deutschland in

Frieden und Freiheit leben darf. Das

konnte ich in Afghanistan nicht. Als ich

1980 ankam, besaß ich nichts außer einer

Tasche und einem Kleid. Doch es

kam für mich nicht infrage, Sozialhilfe

zu beantragen. Und so habe ich als Kassiererin,

Putzfrau, Bürokraft und als

Aushilfe in einem Pflegeheim gearbeitet,

nebenbei meine beiden Söhne großgezogen

und Deutsch gelernt. Heute

bin ich Unternehmerin und leite einen

kultursensiblen Pflegedienst. Von Anfang

an habe ich mich sozial engagiert,

denn ich wollte den Menschen etwas

zurückgeben. Dafür erfahre ich immer

wieder Dankbarkeit – von Menschen,

denen ich helfe, auch von Deutschland

selbst: Als mir das Bundesverdienstkreuz

am Bande verliehen wurde,

konnte ich das erst gar nicht glauben.

Um alles unter einen Hut zu bringen,

müsste mein Alltag eigentlich mehr als

24 Stunden haben. Aber ich bin sehr organisiert

– und so geht es irgendwie.

Zum Ausgleich mache ich Yoga, gehe

joggen und schwimme regelmäßig. Jeden

Morgen und jeden Abend bedanke

ich mich bei Gott für den Tag, den er

mir schenkt, und nenne meine Liebsten

beim Namen. Das gibt mir die Kraft

und Energie.

NADIA QANI AUS FRANKFURT

DE Magazin Deutschland 3/2012 81

Jonas Ratermann


82

FINALE

SUBVERSIVE STIMULANZ

Der amerikanische Bestsellerautor T. C. Boyle über den Rock’n’Roll in der Literatur

Ich bin der Traum eines jeden Verlegers: Ich gebe Interviews,

ich gehe auf Lesereisen, ich chatte live, und ich bin auch oft

auf Buchmessen in Deutschland unterwegs: Leipzig, lit.Cologne

und natürlich Frankfurt. Was für ein Wahnsinn, was für

ein Spaß! Ich habe das Glück, dass ich nicht wie viele meiner anderen

Kollegen in der eher ruhigen Halle mit den englischsprachigen

Verlagen sitzen muss, sondern mitten im Trubel beim Hanser-Verlag.

Bei den Buchmessen treffe ich auch gelegentlich deutsche

Schriftsteller, vor allem aber treffe ich meine Leserinnen und Leser.

Außerdem kann ich dort jede Menge richtige, gedruckte Bücher in

den Händen halten. Meine Frau hat mich bislang noch nicht von

einem E-Reader überzeugen können. Das

könnte sich nur dann ändern, wenn ich

mich entschlösse, entweder a) mehrere

Monate lang durch die Appalachen zu

wandern, b) zu einer Expedition in den

Kongo aufzubrechen oder c) einen längeren

Ausflug in den Weltraum zu unternehmen.

In diesem Jahr habe ich allerdings den

Frankfurter Auftrieb verpasst, denn ich

bin im Herbst in Großbritannien und zu

Hause in den USA mit meinem neuen Roman

„San Miguel“ unterwegs. Statt zu

schreiben, muss ich mich damit begnügen,

die Dinge im Kopf durchzuspielen,

während ich wieder einmal meine vom Reisen abgenutzten Taschen

von einem Flughafen zum nächsten schleppe.

Danach werde ich mich so ausgelaugt fühlen wie Dracula, wenn er

von der Sonne erwischt wird. Gleichzeitig liebe ich es, vor Publikum

zu lesen. Wobei der Begriff „Lesung“ es nicht wirklich trifft.

Für mich ist es eine Performance. Ich bin Schriftsteller, ich geh‘

raus auf die Bühne und gebe den Leuten, was sie brauchen. Nicht

wenige meiner Kollegen leiden wie Hunde, wenn sie vor ein Publikum

treten und aus ihren Texten vorlesen müssen. Ich bin da ganz

anders gestrickt. Die Essenz von Literatur ist Sprache – und die will

ich auf der Bühne zum Klingen bringen, ich will meinen Geschichten

einen Rhythmus geben. Was vielleicht daran liegt, dass ich in

meinem früheren Leben ein Rock’n’Roller war. Die Auftritte mit

meiner Band haben Spuren hinterlassen. Und überhaupt stammen

viele meiner Vorbilder aus der Welt des Rock’n’Roll: Springsteen

oder Van Morrison – alles große Performer. Im Rock’n’Roll geht es

darum, von der Bühne Besitz zu ergreifen. Und das gefällt mir. Man

muss präsent sein, wie ein Schauspieler, der seine Geschichte in die

Köpfe und Herzen der Zuschauer bringt. Dazu muss ich mich bewegen,

muss gestikulieren können.

Eine Performance kann man nicht vom Sofa aus halten. Das weiß

inzwischen auch mein deutsches Publikum. Es schätzt, das spüre

ich, dass Lesungen für mich keine intellektuelle Pflichtübung sind,

die man ertragen muss. Sie sind subversive

Stimulanz. Meine jüngste Tour durch

Deutschland war eine ausverkaufte Freude:

Hamburg, Berlin, München und Freiburg.

Einer der Höhepunkte war das Wiedersehen

mit meinem Freund, dem

Schauspieler Jan Josef Liefers, der schon

viele meiner Romane als Hörbücher eingelesen

hat und auch schon mit mir aufgetreten

ist. Ich habe schon so oft in

Deutschland gelesen, dass ich es kaum

zählen kann. Einmal in Frankfurt sogar

in einer ehemaligen Kirche. Deswegen

muss ich mir heute noch Witze anhören.

picture alliance/GEORG HOCHMUTH/APA/picturedesk.com

Und bei der lit.Cologne hatte ich mich dazu

überreden lassen, zwei Shows an einem Tag zu machen. Das war

selbst für einen Maßlosen wie mich ein bisschen zu anstrengend.

Ich habe drei Stunden auf der Bühne gestanden und danach insgesamt

fünf Stunden lang meine Bücher signiert. Ich habe in der Zeit

literweise Diät-Cola in mich hineingekippt. Andere Drogen gab es

nicht. Aber ich komme wieder. Davon kann mich auch das Tollhaus

Buchmesse nicht abhalten. ▪

Aufgezeichnet von Brigitte Spitz

Von dem US-amerikanischen Schriftsteller T. C. Boyle ist zuletzt

auf Deutsch der Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“

im Hanser-Verlag erschienen. Gerade druckfrisch auf Englisch

liegt sein jüngstes Werk „San Miguel“ von Viking vor.

DE Magazin Deutschland 3/2012

picture-alliance/dpa


Das EMA-Forum

für den Mashrek und den Golf

unter der Schirmherrschaft von Bundesaußenminister Dr. Guido Westerwelle (tbc)

19. & 20. November 2012

im Europasaal des Auswärtigen Amts

Werderscher Markt 1, 10117 Berlin

Konferenz, Ausstellung, Galadinner, Senatsempfang (tbc), Besichtigungen

Weitere Informationen unter: www.ema-germany.org oder Telefon: +49 (0) 40 5201 48 89


picture-alliance/dpa

Jugend 2013

App Store

Play Store

2013

Jung Sein

in Deutschland

Jetzt

kostenfrei

downloaden

Die JugenD-APP

JUNG SEIN in Deutschland: Den Kalender 2013 des Auswärtigen Amts

gibt es als iPhone- und Android-App auf Deutsch und Englisch. Die App

bietet Artikel, Links, Fotos, Videos und Stimmen zum Thema Jugend in

Deutschland. Einfach einen der QR-Codes oben für den App Store oder den

Play Store mit dem Smartphone scannen und die App laden!

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