We2008/2009 - Institut für Rechtsmedizin - Universität Rostock
We2008/2009 - Institut für Rechtsmedizin - Universität Rostock
We2008/2009 - Institut für Rechtsmedizin - Universität Rostock
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
<strong>Rechtsmedizin</strong><br />
Forensische Verkehrsmedizin<br />
- Rechtsgrundlagen<br />
- Alkohol und Straßenverkehr<br />
- Alkoholbegutachtung<br />
- Fahreignung<br />
© Prof. Dr. med. Rudolf Wegener<br />
<strong>Institut</strong> <strong>für</strong> <strong>Rechtsmedizin</strong> der <strong>Universität</strong> <strong>Rostock</strong><br />
Hinweise: Sachdarstellung in stark verkürzter Form<br />
<strong>für</strong> Vorlesungszwecke; Änderungen vorbehalten
Alkohol und Verkehrssicherheit<br />
Promillegrenzen*<br />
• 0,5 ‰ : Ordnungswidrigkeit (§ 24a StVG)<br />
– Grundsätzliche Gefährdung (Gefahrengrenzwert)<br />
• 0,3 ‰ : Relative Fahruntüchtigkeit (§ 315 c StGB)<br />
– Alkoholbedingte Beeinträchtigung der Fahrsicherheit in einer konkreten<br />
Unfallsituation sicher nachgewiesen (ohne Alkohol wäre der Unfall nicht eingetreten)<br />
• 1,1 ‰ : Absolute Fahruntüchtigkeit (§ 316 StGB)<br />
– Trunkenheitsfahrt (jedermann ist unabhängig von seiner Verfassung und<br />
Alkoholgewöhnung nicht in der Lage, sein Fahrzeug zu führen)<br />
– Paradoxon deutscher Rechtsprechung: Fahrradfahrer = 1,6 ‰<br />
• Sonderregelungen <strong>für</strong> Schiffs-, Bahn- und Flugverkehr<br />
Gemessene Blutalkoholkonzentration (BAK) oder<br />
aufgenommener Alkohol, der zu einer derartigen BAK führen kann<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 2
Alkoholstoffwechsel und Blutalkoholkonzentration<br />
(Alkohol, Ethanol, Ethylalkohol: Synonyma)<br />
• Resorption: (passiver) Diffusionsvorgang<br />
– Mundhöhle und Ösophophagus (< 5 %)<br />
– Magen (10-15 %)<br />
– Duodenum und Jejunum (> 80%)<br />
• Verteilung: Wassergehalt im Vergleich zum Blut<br />
– Muskel 80 %<br />
– Gehirn 70 %<br />
– Urin 130 %<br />
– Bradytrophes Gewebe (auch: Fettgewebe 90 % über ADH/NAD, S. Folie 5)<br />
– Abatmung < 5 %<br />
– Urin < 2 %<br />
– Schwitzen < 2 %<br />
Alkoholkinetik: Wechselspiel zwischen Resorptions- und Eliminationsgeschwindigkeit<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 3
Alkoholresorption - Einflussgrößen<br />
• Getränkeart<br />
– Spirituosen ( um 40 Vol. %): ca. 10 % Resorptionsdefizit (RD)<br />
– Wein und Sekt (um 10 Vol %): ca. 20 % RD<br />
– Bier (um 5 Vol. %): ca. 30 % RD<br />
• Magenpassage<br />
– Verlangsamung<br />
• Vagotonus (Übelkeit, Ekel, Angst)<br />
• Starke Magenfüllung, fettreiche Nahrung (reine Oliven- o. Salatöle)<br />
• Milch und Milchprodukte<br />
• Verschluss des Magenausganges durch Gewürze, hochkonzentrierte<br />
Alkoholika etc.<br />
– Beschleunigung<br />
• Sympathikotonus (Stress, Hektik)<br />
• Magenresektion<br />
Erklärungsansätze <strong>für</strong> Resorptionsdefizit<br />
• First-Pass-Effekt (Abbau bei Leberpassage vor Verteilung in Blutbahn)<br />
• ADH der Magenschleimhaut<br />
• Adsorption<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 4
Alkoholelimination<br />
•Linear durch begrenzte<br />
Kapazität von ADH/NAD<br />
• Überschuss an Alkohol ohne<br />
Beschleunigungseffetk<br />
Zusätzliche Elimination<br />
Mikrosomal-<br />
Ethanol-<br />
Oxidizing-<br />
System<br />
Zytochrom P 450 IIE1<br />
• Durch chronischen<br />
Alkoholkonsum<br />
induzierbar<br />
• ADH/NAD-unabhängig<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 5
Blutalkoholverlaufskurve<br />
� Rasche Anflutung (Resorption) hier: „Nüchterntrinkversuch“ mit leerem Magen<br />
� Kurze Gipfelphase (s. auch Diffusionssturz, Folie 7) - bei Magenfüllung und langsamer<br />
Alkoholaufnahme auch Plateaubildung (Gleichgewicht: Resorption versus Elimination)<br />
� Lineare Eliminationsphase (deshalb ggf. „Rückrechnung“ möglich)<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 6
Atypische Verläufe der Alkoholverteilungskurve<br />
Sturztrunk: Anflutung > 1.0 Promille/Stunde<br />
• Schwerste psychomotorische Ausfallerscheinungen (Gang, Sprache) und toxische<br />
Effekte infolge forcierter Durchblutung des ZNS (25 % des Herz-Minuten-Volumens)<br />
• Diskrepanz zwischen Alkoholeffekten und (relativ) niedriger BAK<br />
• Peak in der Alkoholverlaufskurve bei nachhinkender Diffusion des Alkohols aus der<br />
Blutbahn in das Gewebe; folgender beschleunigter Abbau > 0,2 Promille/ Stunde:<br />
Diffusionssturz<br />
– Nachgeordnete forensische Relevanz im Verkehrsrecht, da bei<br />
Trunkenheitsfahrt der Zeitpunkt der Überschreitung des Grenzwertes nicht<br />
nachgewiesen werden muss<br />
Nachresorption: Verzögerte Freisetzung von BAK in Blutbahn<br />
• Erneuter Anstieg 90 - 120 min. nach Trinkende durch verzögerte Magenpassage:<br />
Nachresorptionspeak<br />
– Hohe forensische Relevanz im Verkehrsrecht; Rückrechnung nur bis 120 min.<br />
nach Trinkende möglich !!!<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 7
Berechnung der BAK nach Trinkmengenangaben (I)<br />
c t0<br />
c t0 =<br />
A x (1 - RD))<br />
p x r<br />
- β 60 x t ( WIDMARK - Formel)<br />
Blutalkoholkonzentration zur Vorfallszeit in Promille<br />
A aufgenommene Alkoholmenge in Gramm (Trinkmenge in ml x<br />
Alkoholgehalt in Vol.-% x spez. Gewicht von Trinkalkohol (ca. 0,8 g/ml)<br />
RD Resorptionsdefizit in Prozent (min. 10 %; mittel 20 %; max. 30 %)<br />
p Körpergewicht in Kilogramm<br />
r Reduktionsfaktor (Verteilungsfaktor nach Widmark)<br />
β 60<br />
Mann: 0,7 (0,6 - 0,8); Frau: 0,6 (0,5 - 0,7)<br />
Alkoholausscheidungsrate pro Stunde in Promille<br />
min. 0,1 ‰, mittel 0,15 ‰ ; max. 0,20 ‰ + Sicherheitszuschlag<br />
von 0,2 ‰<br />
t Alkoholausscheidungszeit (Elimination) in Stunden seit Trinkbeginn<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 8
Beeinträchtigung körperlicher Funktionen (I)<br />
• Motorik (Dyskoordination synerg. und antagonistischer Muskelgruppen)<br />
– Gangbild (auch: Standbild) von leichten Schwankungen bis zum Torkeln<br />
– Überschießende Korrekturen (Schlangenlinienfahren)<br />
– Störungen der Feinmotorik der Zungenmuskulatur (verwaschen, lallend)<br />
• Sensorik/Sehfähigkeit<br />
– Einengung des Sehfeldes (Tunnelblick, Scheuklappeneffekt)<br />
– Nachlassen der Tiefensehschärfe<br />
– Fixationsstörungen (Vibrationen, Kurvenfahren - ggf. Doppelbilder)<br />
– Störung des optokinetischen Nystagmus (Nachstellbewegungen des<br />
Auges, verminderte optische Wahrnehmung der Eigengeschwindigkeit)<br />
– Adaptationsfähigkeit verlangsamt; insbesondere Dunkeladaptation<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 9
Beeinträchtigung körperlicher Funktionen (II)<br />
• Sensorik/ Gehör- und Gleichgewicht<br />
– Verminderte Wahrnehmung von Geräuschunterschieden<br />
– Störungen des Gleichgewichtes und der Orientierungsfähigkeit (Kurve)<br />
• Reaktionsvermögen<br />
– Reaktionszeit verlängert<br />
• Automatisierte Handlungsabläufe beeinträchtigt (Bremsvollzugszeit)<br />
• Erfassung von Situationen verzögert (Wahrnehmungszeit)<br />
• Personen ohne Handlungsroutine (Fahranfänger) stark beeinträchtigt<br />
– Reaktionsqualität beeinträchtigt<br />
• Konzentrationsfähigkeit gestört (Tenazität)<br />
• Umstellen auf geänderte Situation, ggf. simultanes Erfassen mehrerer<br />
Situationen gestört (Vigilität)<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 10
Beeinträchtigung psychischer Funktionen<br />
• Unaufmerksamkeit<br />
– Geringschätzung bis Missachtung von Verkehrsleiteinrichtungen<br />
• Kritiklosigkeit, Selbstüberschätzung, Leistungsdefizite unerkannt<br />
– Kein Antizipieren von Gefahrensituationen, keine Vorsichtsmaßnahmen<br />
• Erhöhung der Risikobereitschaft, Euphorisierung<br />
• Enthemmungseffekte bis zur Aggression, Geltungsbedürfnis<br />
– Unreflektiertes Umsetzen spontaner Impulse<br />
• Fahrerflucht, Faustschlag gegen Unfallgegner, „Abdrängen“ etc.<br />
• Verwirrtheit, Desorientiertheit<br />
• Alkoholbedingte Erinnerungslücken („Filmriss“)<br />
Erhebliche intraindividuelle Variabilität (Tagesform) und<br />
interindividuelle Unterschiede („Demaskierung der Primärpersönlichkeit“)<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 11
Alkoholtypische Fahrfehler - Auswahl<br />
• Unsichere Fahrweise (Fehlblinken, Beleuchtung fehlerhaft,<br />
Schlangenlinien)<br />
• Alkoholtypischer Kurvenunfall ( häufig Scheitelpunkt)<br />
– Heraustragen nach rechts in Linkskurve<br />
– Heraustragen nach links in Rechtskurve (Frontalkollison)<br />
• Streifen geparkter oder überholter Fahrzeuge<br />
• Auffahrunfälle<br />
• Linksabbiegeunfälle<br />
� Dunkelziffer von Alkoholunfällen riesig<br />
� Ca. 20% aller tödliche Unfälle sind alkoholbedingt<br />
� Unfallrisiko bei 1,1 Promille ca. verzehnfacht !<br />
– Konsumtrinker mit zwanzigfachem Risiko<br />
– Starker bis harter Trinker mit doppeltem Risiko<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 12
Alkoholwirkung und BAK (mod. nach Feuerlein 1976)<br />
• 0,3 - 0,5 ‰ Experimentell nachgewiesene Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit<br />
• 0,5 - 1,5 ‰ Leichter Rausch<br />
– Allgemeine. Auflockerung, Rede- und Tatendrang, Beschwingtheit<br />
(Schwips - Euphorie),<br />
– leichte Sprachstörungen, Übelkeit<br />
• 1,5 - 2,5 ‰ Mittelschwerer Rausch<br />
– Euphorie oder aggressive Gereiztheit, Umwelt und soziale Bedeutung<br />
noch wahrgenommen, Sprunghaftigkeit von Denken und Handeln<br />
– Gangunsicherheiten, verwaschene Aussprache, Übelkeit, Erbrechen<br />
• > 2,5 ‰ Schwerer Rausch<br />
– Bewusstseinsstörungen, Desorientiertheit, Benommenheit-Schlaf<br />
– ggf. akute (letale) Alkoholintoxikation, Torkeln, Lallen, Amnesie<br />
• 3,5 - 5,0 ‰ Akute Alkoholintoxikation<br />
– Komatös-letale Dosis auch bei Alkoholgewohnten<br />
„Unauffälliges“ Verhalten bei BAK > 1,5 ‰ spricht <strong>für</strong> chronischen Alkoholkonsum<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 13
Indikatoren des chronischen Alkoholmissbrauchs<br />
• Alkoholmissbrauch<br />
– BAK > 1,6 ‰ starker Indikator <strong>für</strong> chron. Alkoholmissbrauch<br />
– „Freisein“ von Alkoholabhängigkeit erfordert „Nachweis mindestens einjähriger<br />
Abstinenz“<br />
• Alkoholmissbrauchsindikatoren<br />
– Gammaglutamyltransferase (Sensitivität: 90%, Spezifität: 70%)<br />
• in Kombination mit GOT und GPT<br />
• > 18 U/l (Frauen); > 28 U/l (Männer)<br />
• Erhöhung: > 6 Wochen Exposition, Absenkung: > 6 Wochen Karenz<br />
– MCV (Mittleres korpuskuläres Erythrozytenvolumen)<br />
• > 92 fl (Frauen), >100fl (Männer)<br />
• Erhöhung > 2 Monate Exposition, Normalisierung > 3 Monate Karenz<br />
– CDT (Carbohydrate-Deficient-Transferrin - Sensitivität: 70%, Spezifität: 90%)<br />
• > 20 U/l (Frauen), > 26 U/l (Männer)<br />
• Erhöhung > 3 Wochen Exposition (> 60g Ethanol/ Tag), Absenkung: > 2<br />
Wochen Karenz<br />
– Methanol (Abbau bei > 0,25 - 0,50 ‰ Ethanol gehemmt, Kumulation 0,25 mg/l pro<br />
Stunde)<br />
• Erhöhung: Exzessiver Konsum im Stundenbereich, Abbau: < 24 Stunden<br />
� Erhöhung von 2 Indikatoren und mehr: starker Hinweis<br />
� Diagnose „Alkoholabhängigkeit“ nur nach psychologischer Untersuchung<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 14
Rausch - Differentialdiagnostik<br />
• Schädel-Hirn-Trauma<br />
– Benommenheit im Rahmen eines Commotionssyndroms, einer<br />
intrakraniellen Blutung etc. (Atonischer Sturz eines Alkoholikers)<br />
• Spontane intrakranielle Blutungen (Apoplex)<br />
• Andere Intoxikationen<br />
– Kombinierte Einnahme von Alkohol und Medikamenten/Drogen<br />
• Stoffwechselstörungen<br />
– Diabetische Stoffwechselentgleisung mit Überzuckerung oder<br />
Hypoglykämie<br />
– Andere Komata (Hepatisches Coma bei Alkoholisierung)<br />
Verkennung von Begleitumständen bei Alkoholisierten:<br />
Häufiges arztrechtliches Problem<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 15
Abnorme Alkoholreaktion [Pathologischer Rausch]*<br />
• Sehr selten, aufgrund der Nichtvorhersehbarkeit strafrechtliche<br />
Exkulpierung<br />
• Tathandlungen schlagartig (ohne erkennbaren Anlass) und<br />
ungerichtet mit schwerer Aggressivität gegen Menschen und<br />
Sachen<br />
• Diagnostik<br />
– Relativ niedrige BAK<br />
– Schlagartig einsetzende inadäquate Affekte mit Affektexpansion<br />
– Ggf. Fehlen von alkoholtypischen motorischen Ausfällen (Inkongruenz zur<br />
Psyche)<br />
– Plötzliches Ende, häufig sog. Terminalschlaf<br />
– Vollständige Erinnerungslücke<br />
– [Nicht selten: Konfliktbelastung in der Vorgeschichte, Erschöpfung etc.]<br />
* Hier synonym: Einige Autoren sehen die abnorme Alkoholreaktion als eigenes Erscheinungsbild<br />
Erinnerungslücke<br />
•. Häufig Schutzbehauptung<br />
• Seltener Folge einer Verdrängung<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 16
Akute Alkoholintoxikation und Schuldfähigkeit<br />
• Annahme einer beeinträchtigen Schuldfähigkeit auf Grund von „Promillegrenzen“<br />
(> 2 Promille § 21 StGB; >3 Promille § 20 StGB) wissenschaftlich unbegründet und<br />
durch höchstrichterliche Rechtsprechung abgelehnt (BHG 1 StR 511/95)<br />
• BAK-Werte bei Kenntnis der Alkoholanamnese ein Hilfskriterium<br />
– Alkoholungewohnte ggf. bei Werten unter 2 Promille schwer berauscht<br />
– Spiegeltrinker ggf. bei bei 2 Promille „ausbalanciert“<br />
– Alkoholgewohnte ggf. bei > 3 Promille ohne psychische und motorische Ausfälle<br />
• Beurteilung auf Grundlage des psycho-physischen Zustandsbildes<br />
• Syndromatologie des Rausches beachten (Mischformen, ggf. diskontinuierlich)<br />
– Manisches Syndrom / Depressives Syndrom<br />
– Angstsyndrom / Suizidalität<br />
– Sexuelles Erregungssyndrom<br />
– Anamnestisches Syndrom<br />
� <strong>Rechtsmedizin</strong>er beschränkt sich auf Begutachtung akuter Rauschzustände<br />
von Alkohol, Drogen u.a. psychotroper Substanzen<br />
� Forensischer Psychiater begutachtet alle Formen von Persönlichkeitsstörungen,<br />
einschließlich der Störungen bei chronischem Missbrauch von Alkohol und Drogen<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 17
Beweissicherung<br />
• Blutentnahme (BE)<br />
– Rechtsgrundlage: § 81 a StPO, erzwingbarer Eingriff<br />
– Ein Arzt soll im Fall der Verweigerung keine Gewalt anwenden<br />
– Niedergelassener Arzt kann Blutentnahme verweigern; Klinikarzt nur<br />
dann, wenn das Krankenhaus nicht vertraglich zur BE verpflichtet ist<br />
– BE ist nicht erzwingbar, wenn medizinische Gründe dagegen stehen (z.B.<br />
Hämophilie - in praxi irrelevant)<br />
– Prozedere: Von Beamten mitgeführte Venülen (Vakuum) verwenden;<br />
Identität beachten (Übereinstimmung von Proben-Nr. und Protokoll)<br />
• Ärztliche Untersuchung<br />
– Befragung des Probanden und ärztliche Prüfung gemäß Protokoll<br />
– Neurologische Prüfung, Romberg‘sche Probe, Drehnystagmus<br />
– Einschätzung des Trunkenheitsgrades nach vorgegebenen Kategorien<br />
Ärztliche Untersuchungen und - mehr noch -<br />
Dokumentation häufig sehr nachlässig<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 18
Alkoholanalytik (Blutalkohol - BAK)<br />
• Nur in regelmäßig kontrollierten Labors (Zertifikat nach<br />
Ringversuchen; Klinische Alkoholbestimmung nicht in foro<br />
anerkannt)<br />
• Doppelbestimmung in zwei Methoden durch 2 Mitarbeiter (4<br />
Einzelwerte)<br />
• Nachweis aus Serum, Promille-Wert nach Umrechnung auf Vollblut<br />
• Verfahren<br />
– ADH-Verfahren<br />
• Biologischer Abbau simuliert, Co-Enzym NADH bei 340 nm gemessen:<br />
Alkoholspezifisch<br />
– Gaschromatographie<br />
• Probengefäße auf 60 0 C erwärmt, Gasphase (head-space-Verfahren) über<br />
Säule aufgetrennt; Quantifizierung und Differenzierung der Alkohole; auch<br />
Abgrenzung von Aceton etc.: Ethanolspezifisch<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 19
Rechtliche Grundlagen<br />
• Straßenverkehrsgesetz (StVG) „Fahrerlaubnis“<br />
– § 2 Abs. 1: Sie ist zu erteilen (...) wenn nicht Tatsachen vorliegen, die die<br />
Annahme rechtfertigen, dass er zum Führen eines KfZ ungeeignet ist (...)<br />
– § 4 Abs. 1: Erweist sich jemand als ungeeignet zum Führen von KfZ, so muss<br />
ihm die Verwaltungsbehörde die Fahrerlaubnis entziehen<br />
• Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) „Fahreignung“<br />
– § 2 Abs. 1: Wer infolge körperlicher oder geistiger Mängel sich nicht sicher im<br />
Straßenverkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn (...)<br />
Vorsorge getroffen ist*, dass er andere nicht gefährdet.<br />
– § 3 Abs. 2: Besteht Anlass zur Annahme, dass der Führer eines KfZ (...)<br />
ungeeignet ist, kann die Verwaltungsbehörde anfordern:<br />
• Amts- oder fachärztliches Zeugnis<br />
• Gutachten einer medizinisch-psychologischen Untersuchungsstelle<br />
(MPU)**<br />
* Vorsorge insbesondere durch technische Vorrichtung<br />
** sog. Idiotentest<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 20
Psychopharmaka im Straßenverkehr (§§ 315c, 316 StGB)<br />
• Alle Rauschgifte (BtM) u. Amphetaminderivate (§316 StGB)<br />
• Psychopharmaka (§ 316 StGB)*<br />
– Beruhigungsmittel (Benzodiazepine!)<br />
– Antidepressiva, Neuroleptika<br />
– Sedierende Antihistaminika<br />
– Majorität der Schlafmittel<br />
• „Nicht berauschende“ Pharmaka, die Fahrtüchtigkeit<br />
beeinträchtigen: Ahndung nur nach Unfall (§315 StGB)<br />
– Weit zu fassende Aufklärungspflicht des Arztes (Sicherungsaufklärung)<br />
• Gefährdung im Straßenverkehr<br />
• Gefährdung am Arbeitsplatz<br />
* Psychotrope Substanzen mit alkoholähnlicher Rauschwirkung<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 21
Fahrtauglichkeit - Definitionen<br />
• Fahrtüchtigkeit [Fahrsicherheit]<br />
Fähigkeit der Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr ohne Selbst- oder<br />
Fremdgefährdung - auch in unerwarteten Situationen<br />
• Fahruntüchtigkeit [Fahrunsicherheit]<br />
Vorübergehend nicht in der Lage, am öffentlichen Straßenverkehr<br />
teilzunehmen<br />
• Fehlende Fahreignung [Gefahr <strong>für</strong> Sicherheit und Ordnung im<br />
öffentlichen Straßenverkehr]*<br />
– Dauerhafte körperliche, geistige und charakterliche Mängel<br />
– Unfallverursachung mit erheblicher Wahrscheinlichkeit<br />
– Gefahr des plötzlichen Versagens<br />
Fahruntüchtigkeit bedeutet auch immer fehlende Fahreignung<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 22
Fahruntauglichkeit und Krankheit - Auswahl*<br />
• Anfallsleiden und andere anfallsartig auftretende Bewusstseinsstörungen<br />
• Zerebrale Durchblutungsstörungen, Blutungen<br />
• SHT und Hirn-OP mit Substanzdefekt (bei hirnorganischen<br />
Leistungsstörungen)<br />
• Endogene oder organische Psychosen<br />
• Intelligenzstörungen (IQ < 70), Alzheimersche Erkrankungen<br />
• Persönlichkeitsstörungen von Krankheitswert<br />
• Hypertonie (Diastole > 140 mm/Hg)<br />
• KHK, Herzrhythmusstörungen, Diabetes mellitus<br />
• Bluterkrankungen, Leberzirrhose, Nierenerkrankungen<br />
• Sehvermögen (viele Detailvorschriften !, Sehtests ab 70 Lj.)<br />
• Behinderungen der Gliedmaßen<br />
* Gemäß Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahrereignung<br />
Häufig fallbezogene Begutachtung erforderlich (s. auch Fahrerlaubnis)<br />
• Gruppe A ( Klasse I,III,IV,V)<br />
• Gruppe B (Klasse II oder Personenbeförderung)<br />
<strong>We2008</strong>/<strong>2009</strong> 23