MEDIAkompakt 22: Lust

mediapublishing07

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien.

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 02/2017 29.06.2017

media

kompakt

NEUE LUNGE,

NEUES LEBEN

LEBEN UND LACHEN, S. 10

AUSZIEHEN! –

MANÈGE RUSTIGUE

LUST UND SEX, S. 12

BIERLUST – ZU BESUCH

BEI EINEM HOBBYBRAUER

HOBBY UND BERUF, S. 23

VERLUST DER EIGENEN

GEDANKEN UND HANDLUNGEN

NEGATIVE LUST, S. 26

L U S T


2

EDITORIAL

mediakompakt

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

An der MEDIAkompakt merkt man immer wie schnell die Zeit vergeht. Ok, dieses Bonmot ist

durchaus in einem anderen Kontext bekannt, dennoch auch in diesem Falle zutreffend. Es ist noch

nicht lange her, als die Studierenden sich über das Thema der aktuellen Ausgabe die Köpfe zerbrochen

haben. Viele Diskussionen mit Fragen „Was hat das mit uns zu tun?“ „Sind wir das?“ „Welche

Beiträge können wir uns vorstellen?“ wurden geführt und am Ende kam das Thema „Lust“ heraus. Es

ist immer wieder erstaunlich, welche Artikel zu einem Themenbereich gefunden werden. Von der

erotischen Lust, über die Lust am Essen, am Reisen oder einfach nur am Leben – über die

unterschiedlichsten Perspektiven wird in dieser Ausgabe berichtet. So haben die Autorinnen und

Autoren an einem Lachyoga-Seminar teilgenommen, beim Bierbrauen zugeschaut, aber auch den ein

oder anderen bemerkenswerten Menschen in seinem beruflichen oder privaten Umfeld kennengelernt.

Parallel dazu haben die Studierenden gelernt, wie schwer die Akquise von Anzeigenkunden ist, die

nunmal das wirtschaftliche Gerüst der MEDIAkompakt darstellen. Ohne die Werbeerlöse könnten wir

die Ausgabe weder drucken, noch hätte sich ein Team Gedanken zur Präsentation der

MEDIAkompakt auf der Medianight machen brauchen.

Aber mit vereinten Kräften wurde es wieder einmal geschafft – am Ende des Semesters können wir

eine druckfrische 22. Ausgabe der MEDIAkompakt präsentieren, die sicherlich Lust macht zu lesen.

Ich wünsche dazu allen unseren Leserinnen und Lesern eine vergnügliche Lektüre.

3 Ist das jetzt lustig?

Satire in der Berichterstattung

4 Lachen bitte!

Lachyoga für Anfänger

6 Chronisches Fernweh:

Die neue Unfähigkeit Zuhause glücklich zu sein

7 Lust auf Abenteuer:

Eine Deutschlandwanderung

8 Morgen ist ein Tag zu spät

Von der Verbannung von Plastk

9 (Un)Lust am Ehrenamt?

Eine Spurensuche im Amateurfußball

10 Neue Lunge, neues Leben

Ein Kampf gegen die Atemlosigkeit

12 Ausziehen! – Die Manège Rustique

If you got the money, honey, we got your disease!

14 Die großen Lustmacher

Künstler der Verführung

15 Haben Männer wirklich immer Lust?

Zwischen Klischee und Wahrheit

16 Lust auf mehr Lust?

Diese Lebensmittel peppen das Liebesleben auf

18 „Lust auf Arbeit?!“

Ein Interview mit einer Sex Toy-Testerin

Prof. Christof Seeger

Herausgeber

20 Polyamorie

Lieb’ doch einfach wie du willst!

22 Wenn aus Lust Leidenschaft wird

Beruf Theaterschauspielerin

23 Bierlust

Zu Besuch bei einem Hobbybrauer

24 Wenn aus Träumen und Ideen etwas Neues entsteht

Start-up SUCKIT

IMPRESSUM

25 Arbeitsplatz Schokoladenfabrik

ein Traumberuf für Naschkatzen

MEDIAkompakt

Zeitung aus dem Studiengang Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Prof. Christof Seeger (V.I.S.d.P.)

E-Mail: seeger@hdm-stuttgart.de

PROJEKTLEITUNG

Julia Bachert, Bettina Bähnsch

ANZEIGENVERKAUF

Martina Gorniak, Edvin Ibrahimovic, Max Kandler, Silva

Oldenburg, Nathalie Seger, Lisa Thomsen

PRODUKTION

Lena Joraschek, Verena Klier, Magdalena Mau,

Sabine Rosenfeldt

BILDREDAKTION

Lena Hitzenberger, Katharina Merz

MEDIANIGHT-TEAM

Maria Beerboom, Pia Franken, Matthias Greiner, Lena

Hofhansl, Maximiliane Paulus, Stefanie Rager, Jessica

Costa Salgado, Patricia Wassermann

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

26 Verlust der eigenen Gedanken und Handlungen

Was Zwangsstörungen mit einem Menschen machen

28 Verlust der Realität – Traumfabrik Instagram

Die Wahrheit hinter „Instagram Models“

29 Diagnose In-flu-en-cer

Wie Teenies zu regelrechten Drama Shopping Queens

geimpft werden

30 Kauflust ohne Ende

Auswirkungen durch Fast Fashion

31 Die Lust am Schauen

Woher kommt der Drang zum Hinsehen?


2/2017 LEBEN UND LACHEN

3

Ist das jetzt lustig?

Die Nachrichten von Terroranschlägen beherrschen die Schlagzeilen. Tipps um sich gegen Terror

zu schützen findet man viele. Der Postillon empfiehlt zum Beispiel einen eigenen Spreng stoff -

gürtel. Doch ist sowas hilfreich oder sinnvoll? Ernste Themen erfordern eine ernste Auseinander -

setzung, oder?

VON BETTINA BÄHNSCH

Die Satire ist frei. Es fallen Begriffe wie

»Nazi-Schlampe« im satirischen Kon -

text zum AfD Parteitag in Köln bei der

extra3-Show und trotzdem wird eine

Verleumdungsklage gegenüber dem

Moderator Christian Ehring angedroht. War das

jetzt nicht lustig? Die Satire ist laut dem Duden

eine »Kunstgattung, die durch Übertreibung,

Ironie und Spott an Personen, Ereignissen Kritik

übt […] und mit scharfem Witz geißelt«. Kunst -

formen sind eigentlich keinen Regeln unter -

worfen, aber wie sieht es aus, wenn diese Kunst als

Berichterstattungsform gewählt wird? In Zeiten

einer hohen Politikverdrossenheit und immer

weniger Zeitungslesern ist es für den seriösen

Journalismus besonders anspruchsvoll Leser zu

erreichen und behalten. Viele Menschen nutzen

die Social-Media-Kanäle, wie zum Beispiel Face -

book oder Twitter, um sich über das Geschehen zu

informieren. Dort haben besonders die Satire-

Platt formen, wie besagter Postillon, große

Follower-Zahlen. Läuft Satire dem seriösen Jour -

nalismus den Rang als Informationsquelle ab?

Oliver Welke (ZDF heute show) nimmt dazu im

Gespräch mit dem ZAPP – Medienmagazin vom

NDR Stellung und erklärt, dass Satire ohne den

Journalismus keine Quelle hätte. Man kann also

die satirische Umsetzung von Nachrichten als

Zweitverwertung oder Ergänzung vom seriösen

Journalismus betrachten. »Außerdem«, so Welke,

»ist es gar nicht möglich die Pointen im vollen

Maße zu verstehen, wenn man nicht die eigent -

liche Nachricht zur überspitzten Dar stellung

kennt.«

Satire steht dennoch häufig in der Kritik eine

bloße Provokation darzustellen und mit

standardisierten Abfolgen eine sichere Pointe zu

erzielen. Die Kabarettisten hingegen verstehen

ihren Job ganz anders. Es gehe darum sich mit

Informationen auseinanderzusetzen und diese

dann in einer emotionalen Diskussion dem

Publikum oder Leser näher zu bringen, so erklärt

Claus von Wagner (Die Anstalt) dem Wortlaut

Kulturbüro vom 3sat im Gespräch. Dieser

emotionale Rahmen darf und soll in der Pointe

dann auch gerne den Galgenhumor wecken.

Trotzdem bezichtigen Kritiker wie Hilmar Klute

die heutige Form der Satire als »fantasie- und

niveaulos«. Des Weiteren ist Klute enttäuscht von

der »einfachen Darstellung« der Inhalte, erklärt er

im Interview mit dem ZAPP Medienmagazin des

NDR. Auf der anderen Seite ist genau diese

einfache Darstellung Kern der Satire, da sie

komplexe Themen auf die Fakten herunterbricht.

Beim Konsumenten soll ein »Aha-Effekt« erzielt

und im Anschluss mit Hilfe einer knackigen

Pointe eine klare Haltung übermittelt werden.

Satire-Redaktionen stellen sich immer wieder

auf’s Neue der Herausforderung, komplizierte

Themen humorvoll zu gestalten.

Amerikanische Formate legen da schon ganz

anders vor. Jimmy Fallon, Komiker und Late-

Night-Moderator der amerikanischen Sendung

»Tonight Show« geht in der Satire soweit, dass er

den mächtigsten Staatschef der Welt, US-Prä -

sident Donald Trump, regelmäßig auf’s Korn

nimmt. Mit Statements zu seinem Auftreten in der

Öffentlichkeit kommentiert Fallon auf komische

Art und Weise die Fehltritte des Präsidenten. In

seiner »Tonight Show« nimmt der Moderator

Trumps Rede vor Studenten auf die Schippe.

Jimmy Fallon behauptete Trump habe seine Rede

aus dem Film »Natürlich Blond« kopiert. Auf den

ersten Blick sieht es im Zusammenschnitt auch

danach aus. Schaut man genau hin, wird deutlich,

dass hier nachgeholfen wurde. Mit lustigen

Kommentaren des Moderators werden die

Passagen aus Trumps-Rede mit der aus dem Film

verglichen. Doch ist das lustig oder wird hier eine

Hetze betrieben, die hinter »satirischen Aussagen«

versteckt wird? Denn eins ist klar, der US-

Präsident genießt unter den Prominenten nicht

immer das beste Ansehe und ist gerade deshalb oft

Zielscheibe der Kabarettisten.

Die Grenzen zwischen Satire und Hetze sind

beinahe fließend, es muss also immer wieder aufs

Neue abgewogen werden, ob das Thema jetzt

schon oder überhaupt lustig ist.

Allerdings darf die Frage gestellt werden, ob

ernste politische Themen, auch nur ernst

behandelt werden müssen. In den arabischen

Ländern wurde die Bundeskanzlerin Angela

Merkel in einem Satire Magazin mit einem

»Pixel-Kopftuch« dargestellt. Trotz politischer

und religiöser Konflikte ist diese Bildbearbeitung

lustig, solange man die Satire als solche versteht.

Viele User auf Social-Media-Kanälen nutzen

solche Beiträge, um dadurch Fake-News zu

erzeugen, wie in diesem Fall die angeblich

übertriebene Reaktion darauf, dass die Bundes -

kanzlerin ihren bloßen Kopf präsentierte. Bei so

vielen ernsten Berichten darf man auch mal über

solche Bildretuschen schmunzeln, ohne gleich

eine Welle der Empörung loszutreten. Denn Satire

polarisiert und doch ist sie witzig, solange keiner

ernsthaften Schaden erleidet.

Auch die neue AfD Spitzenkandidatin Alice

Weidel trug keinen Schaden durch die überspitzte

Aussage davon, sodass das Gericht entschied, der

Wortlaut »Nazi-Schlampe« ist eindeutig in

satirischem Kontext gesagt worden und wird als

solcher behandelt. Demnach wurde die Klage

abgewiesen. War also doch ganz lustig. Aber über

Humor lässt sich ja bekanntermaßen viel streiten.

Bild: Katharina Merz & Lena Hitzenberger


4 LEBEN UND LACHEN

mediakompakt

Lachen bitte –

Lachyoga für Anfänger

Bild: pexels.com

Lachen ist Gesund. Das weiß jedes Kind. Aber, dass es deswegen auch Lach-Kurse gibt, war

mir so nicht bewusst. Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen, also beschloss ich dem auf

den Grund zu gehen und meldete mich bei einem Lachyoga-Einsteiger-Kurs an.

VON SABINE ROSENFELDT

Da kann ich nicht, da gehe ich zum

Lachyoga.“ Nachdem ich diesen Satz

Freunden gesagt habe waren die Blicke,

die ich erhalten habe erstmal komisch.

Zugegeben, ich kann meine Erwar -

tungen daran auch nicht sonderlich gut ein -

ordnen. Lachyoga. Eine Gruppe von Leuten, die

sich zum Lachen trifft. Es wirkt auf mich zunächst

erstmal sektenartig. Der erste Gedanke, der mir

bildlich vor Augen erschien, war der eines fett -

leibigen Yakuzabosses, der auf gruselige Art und

Weise laut lacht, weil er (und infolgedessen auch

seine ganzen Untergebenen) eine Lach therapie

macht. Ich weiß, das ist jetzt wirklich nicht, was

Menschen mit Lachyoga in Ver bindung bringen,

aber dieses Bild aus einem Manga, den ich vor

Jahren gelesen habe war doch sehr einprägsam.

Neben den doch sehr skurrilen Vorstellungen

hatte ich auch die, von Frauen Mitte vierzig, die,

wie es der Volksmund so schön ausdrückt, ‚öko‘

sind. Man denkt so gerne in Klischees.

Mir war bewusst, dass Lachen alle möglichen

positiven Auswirkungen hat. Ich habe schließlich

selber gemerkt, dass ich in der Zeit, in der ich

gekellnert habe und ein breites Grinsen aufsetzen

musste, immer fröhlicher wurde. Aber muss man

deswegen extra einen Kurs besuchen? Wie ich

feststellen musste, ist eine Lachyoga-Sitzung nicht

etwa ein Termin an dem sich mehrere Leute

gegen seitig Witze erzählen. „Lachyoga ist eine

Form des Yoga, bei der das grundlose Lachen im

Vordergrund steht.“, heißt es in Wikipedia. Bei

die sem soll anfangs künstliches Lachen in echtes

Lachen übergehen. Es hat sowohl psychische, als

auch medizinische Vorteile. So hilft es sogar bei

Pro blemen mit den Atemwegen, lindert Schmer -

zen und Anspannungen, wirkt gegen Stress und

Angst und kann zur Senkung des Blutdrucks

führen.

Dennoch ist im Laufe der Tage bis zum Termin

„Lach-Yoga für Neueinsteiger“ der Stuttgarter

Lachschule meine Skepsis nicht wirklich ge -

sunken. Ich war zwar neugierig auf das, was mich

erwarten würde, hatte aber einen hohen Grad an

Vorurteilen, die sich durch Gespräche mit Freun -

den und Bekannten nicht wirklich abbauen

wollten. Die Reaktionen variierten von hoch -

gezogenen Augenbrauen bis hin zu neugierigen

Anfragen, ich solle ihnen doch auf jeden Fall

berichten, wie es war. Einer aus der ersten

Kategorie sagte sogar spöttisch zu mir, er hätte

mich nicht so merkwürdig eingeschätzt.

Als der Tag des Kurses heranrückte verlief es

etwas anders als geplant: Ich war gestresst. Ich

wollte mich zwei Stunden bevor ich losgehen

wollte auf den Termin vorbereiten. Aber hier kam

was dazwischen – ich musste Wäsche zusammen -

legen und mein leerer Magen rebellierte. Ich

konnte mir gerade mal ein paar Notizen machen.

Schnell habe ich noch auf der Webseite nach -

geschaut, was man mitbringen muss: „Bequeme

Kleidung und Schuhe, etwas zu trinken und

natürlich ein Lächeln oder Lachen.“ Das habe ich

gerade noch so hingekriegt. Beim Packen habe ich

einen Stift, und, wie ich knapp vier Stunden später

feststellen musste, meinen Schlüssel vergessen.

Ich bin schließlich mit einem schnell ge -

schmierten Käsebrot zur S-Bahn gehetzt.

Zufälligerweise habe ich dort eine Freundin

getroffen, der ich natürlich gleich von meinem

Vorhaben berichten musste. Wider Erwarten hat

sie nicht die mir bereits vertraute Augenbraue

hochgezogen, sondern mir davon erzählt, wie gut

sie es fände und dass es Spaß mache. Beim Lachen

setze man viel Dopamin frei. Es helfe wirklich über


2/2017 LEBEN UND LACHEN

5

schwere Zeiten hinweg. Das hat mich nun

wirklich fasziniert. Ich bin zuvor gar nicht erst auf

die Idee gekommen, dass Leute in meinem Alter

bei so etwas teilnehmen könnten. Aber ich wurde

eines Besseren belehrt. Wie so oft im Laufe des

Abends.

Als ich angekommen

bin wurde ich erstmal

herzlich von der Leiterin

Susanne Klaus begrüßt. Ich

war die Erste. Neben mir

sollten noch zehn weitere

Personen kommen. Darun -

ter zwei Männer und, was

mich überrascht hat, drei

Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.

Besonders schön, wie wir alle empfunden haben,

war das ältere Pärchen, das mit uns ihren

Hochzeitstag feierte. Sie sahen sehr glücklich aus.

Wir waren alle durchweg gut gelaunt. An den

Fenstern hingen Smileys – die mit einem breiten

Lachen – und ein paar Bilder eines lachenden

indischen Mannes und seiner Frau.

Zu Beginn erzählte uns unsere Lach yoga-

Lehrerin erst einmal von sich: 2004 hat sie zum

ersten Mal an einem Lachyoga-Seminar teil ge -

nommen. „Susanne, Lachen würde dir auch mal

ganz guttun.“, dachte sie sich. Begeistert von der

Sitzung ließ sie sich zur Lachyoga-Lehrerin

ausbilden und eröffnete schon im Jahr darauf die

Stuttgarter Lachschule. Heute hält sie Lach -

seminare, -kurse, sowie Firmentrainings und

bildet selbst zum Leiter aus.

Nachdem wir erst einmal eine Begrüßungs -

runde gemacht haben, bei der zunächst jeder

seinen rechten Sitznachbar nach seinem Namen

fragte und diesen anschließend mit „Das ist… Ich

liebe an ihm, dass er…“ vorstellen musste, wurde

uns erst einmal über die geschichtlichen Hinter -

gründe des Lachyogas erzählt. Die „Lachwissen -

schaft“ in dem Sinne gibt es erst seit schät -

zungsweise 50 Jahren. Es begann mit dem

ameri kanischen Journalisten Norman Cousins,

der in den siebziger Jahren an einer chronischen

Entzündung der Wirbelsäule unter heftigen

Schmerzen litt. Ärzte gaben ihm eine sehr geringe

Überlebenschance. Cousins hatte in wissen -

schaftlichen Zeitschriften gelesen, dass sich

negative Emotionen auch negativ auf die Gesund -

heit auswirken. Also probierte er es im Umkehr -

schluss und verschrieb sich selbst eine Lach -

therapie, bei der er sich durch Anschauen von

Komödien oder Vorlesen von witzigen Büchern

zum Lachen brachte. Er stellte schnell fest, dass

dies seine Schmerzen linderte. Nach intensiver

Anwendung seiner Therapie ist er sogar genesen.

Das Lachyoga dagegen wurde 1995 von Dr.

Madan Kataria in Indien entwickelt. Fasziniert

von Artikeln über die Heilungswirkung des

Lachens gründete er den ersten Lachclub in dem

sich die Teilnehmer gegenseitig Witze erzählen

sollten. Kurze Zeit später wusste jedoch keiner

mehr neue Witze und sie konnten somit nicht

mehr lachen. Dr. Kataria überlegte sich dann, wie

man ohne Witze lachen kann und kam dann zum

Schluss „Fake it until you make it.“ Er entwickelte

mit seiner Frau Lachübungen, die später zu

echtem Lachen führen sollten.

„Susanne,

Lachen würde dir

auch mal ganz

guttun.“

Nach dieser kleinen Geschichtsstunde erzählte

sie uns noch von den positiven Auswirkungen, die

Lachen so mit sich bringt. Lachen steigert das

allgemeine Wohlbefinden. Und dabei kommt es

nicht darauf an, ob das Lachen echt ist. Es sei

wissenschaftlich erwiesen,

dass der eigene Körper

nicht unterscheiden kann,

ob man künstlich oder

wirklich lacht. Hoch gezo -

gene Mundwinkel allein lö -

sen schon Glückshormo ne

aus. Schon nach 30- bis 40-

sekündigem Lächeln sol len

sich die Gedanken ins Posi -

tive ändern. Dieser Satz machte mich doch recht

stutzig. Beim Schreiben dieses Artikels versuche

ich aktiv ohne Grund für längere Zeit zu lächeln.

Ich merke, wie mein Lächeln unwei gerlich falsch

wird und meine Gedanken sich darum kreisen, die

Mundwinkel oben zu behalten. Ich erinnere mich

an Szenen aus dem Leben oder Filmen, in denen

ein Poker face- Lächeln aufgesetzt wurde. Es macht

mich irgendwie traurig. Aber so ist die Aussage

wohl auch nicht gemeint. Nach kurzer Recherche

im Internet weiß ich, was ich falsch gemacht habe:

Das Lächeln darf im Gegensatz zum Lachen nicht

komplett falsch sein, um positive Auswirkungen

zu haben. Man darf nicht lächeln des Lächeln

Willens, sondern muss einen Grund haben.

Hierbei ist nicht wichtig, wie relevant dieser

Grund ist, solange er einen kurzen positiven

Impuls auslöst.

Aber zurück zum Lachyoga. Nach der kurzen

Einführung in die Lachwissenschaft ging es dann

ans Lachen in Form einer Reise nach Indien.

Zunächst haben wir uns, wie bei jeden anderen

Trainingsarten, aufgewärmt. Dies haben wir im

imaginären Flugzeug gemacht. Die Übungen er -

innerten mich ein wenig an welche, die ich schon

im Chor und beim Tanztraining gemacht habe:

Bewusstes Ein- und Aus atmen, Lockerung des

Mun des, sich Wirbel für Wir bel aufrichten. Alles

nichts, wobei man sich komisch vorkam.

Zwischen durch ein paar mal „Hoho, Hahaha!“ bei

dem wir rhyth misch geklatscht haben. Dies wurde

abge schlos sen mit „Sehr gut, sehr gut. Yeah!“

(beim „Yeah“ gab’s zweimal Daumen hoch.) Das

Selbst lob ließ mich lächeln.

Darauf folgten die ersten verschiedenen Lach -

übungen. Begonnen wurde mit dem „Na ma ste

Begrüßungs lächeln“, bei dem man die Hände vor

dem Körper faltet, sich ver -

neigt und gegenseitig an lä -

chelt. Dies wurde dann an -

schließend ge steigert durch

das „Westliche Begrüßungs -

lachen“, bei dem man sich die

Hand gibt, sie schüttelt und

lacht. Gleich darauf folgte das Fünf- Punkte-

Steigerungslachen, wobei man sich auf unter -

schiedliche Stellen am Körper klopft und von

Stelle zu Stelle das Lachen steigert. Unsere Leh -

rerin hat uns ganz bewusst langsam an das „laute“

Lachen herangeführt, sodass wir uns langsam aus

unserer Komfortzone wagen konn ten. Ich war mir

nicht so sicher, ob das bei mir so gut geklappt hat.

Zwar hatte ich keine wirklichen Probleme damit

So. Seh‘n.

Sieger. Aus!

lauthals mit zumachen – bei meinen Theater pro -

ben war ich Schlimmeres gewohnt – aber mein

Lachen wirkte so gezwungen, als versuchte ich das

Lachen eines Oberbösewichts in einem Kinder -

film nach zu ahmen, der gerade die „Guten“ in ein

Verließ gesperrt hat.

An dieser Stelle hat Frau Klaus, oder besser

Susanne („Während des Lachyogas duzen wir uns

alle. Danach könnt ihr euch ja wieder siezen.“)

erstmal Halt gemacht. Sie erzählt uns von ihrer

ersten Lachyogastunde und wie sie sich schon bei

dieser Übung gefragt hat, was sie eigentlich hier

soll. Das brachte erstmal ein paar echte Lacher ein.

Ich und bestimmt auch andere Teilnehmer waren

erstmal beruhigt. Es ist also ganz normal. Sie sagte

uns nun, der Verstand sei das, was einen einenge.

Wir müssten ihn erst loswerden, damit wir frei

lachen könnten. Also haben wir unseren Verstand

mit beiden Händen aus unseren Köpfen gezogen

und mit einem lauten Lachen auf den Boden

geworfen. HAHAHAHAHA!

Es folgen weitere verschiedene Lachübungen,

wie das Bewunderungslachen – es wird etwas

lachend bewundert – und das Anerkennungs -

lachen – man klopft sich selber anerkennend auf

die Schulter (Eigenlob war ein wiederkehrendes

Thema in der Sitzung) – und zwischendurch

immer wieder ein auflockerndes „Hoho Hahaha“

mit dem anschließenden „Sehr gut, sehr gut.

Yeah!“, das durch gegenseitiges „In-die- Augenschauen“

erweitert wurde. Die Übungen lösten

natürlich nicht bei allen echtes Lachen aus. Das

mussten sie aber auch nicht, denn sie machten

einen doch irgendwie glücklich und befreit.

Gelegentlich habe ich gemerkt, dass sich zwischen

meinem Superbösewichtlachen auch dann und

wann ein echtes Lachen eingeschlichen hat. Ein

kleiner Erfolg.

Wir schüttelten uns lachend die Hände,

schauten uns in die Augen und lachten, tranken

lachend Mango-Lassis aus Luft, klopften uns

lachend auf die Schultern, schmissen jubelnd die

Arme in die Luft, nahmen imaginäre Lachpillen

und schauten in einen ebenso imaginären Hand -

spiegel und sagten uns: „So. Seh’n. Sieger. Aus!“

Bis dato meine Lieblingsübung.

Nachdem unsere Lachreise in Indien vorüber

war, begaben wir uns wieder zum Flughafen und

machten ein paar Übungen zum „Runter kom -

men“. Zuletzt gab es eine kleine entspan nende

Me ditationsübung, bei der wir die Ereignisse der

letzten Stunden revue passieren konnten. Am

Ende der Sitzung fühlte ich

mich wun derbar. Der zuvor

ange sam melte Stress war wie

weg ge blasen. Ich schaute auf

die Uhr und stelle überrascht

fest, dass drei Stunden ver -

gangen wa ren. Es kam mir vor,

als wäre es gerade mal eine gewesen.

Bevor ich den Kurs gemacht habe, war ich

skeptisch und habe die Idee be lächelt. Ich musste

wie so oft meine Vorurteile über Bord werfen.

Zwar bin ich kein regelmäßiger Lach yoga- Teil -

nehmer geworden, aber ich bin sehr froh mit -

gemacht zu haben. Es gibt viele Ak tivitäten, die

einem das Leben positiver ge stalten. Ist es nicht

schön, dass eine davon ein herzliches Lachen ist?


6 LEBEN UND LACHEN

mediakompakt

Chronisches Fernweh

Bild: pexels.com

Immer weiter, immer

exotischer, immer öfter: Was

treibt uns an, all unser Geld

in Reisen zu investieren?

Über die neue Unfähigkeit

zuhause glücklich zu sein.

VON MATTHIAS GREINER

Wer kennt das nicht: Man sitzt zu -

hause, hat einen langen Tag gehabt,

ein bisschen Social Media- Zerstreu -

ung kann da nicht scha den. Da

folgt der obli ga torische Griff zum

Smartphone, ich scrolle durch meinen Insta -

gram- Feed. Ein Urlaubsfoto nach dem an deren

springt mir ins Auge. Meine Freunde – allesamt

Weltenbummler erster Güte – sammeln Erlebnisse

von den exotischsten Orten der Welt, wie andere

Leute Treue-Punkte im Supermarkt. Luise bereist

Südostasien und lässt dabei kein Klischee aus:

Vom Bild mit Affen bis zum Strand bild, ist alles

dabei. Max bummelt derweil durch Serbien,

Albanien und Montenegro und Lisa verbringt

schon den vierten Sommer in Folge in den Weiten

Zentralafrikas. In unserer Generation ist das Phä -

nomen Fernweh chronisch geworden. Doch ist

das dann wirklich noch Reisen, um des Reisens

Willen oder geht es nur noch darum, was wir

dadurch nach Außen darstellen? Da drängt sich

die Frage auf: Macht uns Reisen wirklich glück -

licher oder sollten wir nicht lieber versuchen

unser Glück im Alltag zu finden?

Neulich saß ich mit Freunden am WG-

Küchen tisch. Wir sprachen über das letzte halbe

Jahr, in dem wir uns nur selten gesehen haben.

Die meisten waren im Auslandssemester oder

haben eine längere Reise unternommen. Viele

Dinge gesehen, viel Neues erlebt. Manchen fällt es

schwer sich wieder in den deutschen Alltag

einzufinden. Doch was macht uns zu so reise -

lustigen Zeitgenossen und warum können wir

scheinbar nicht zufrieden sein mit dem, was wir

zuhause haben?

Ganz wesentlich trägt dazu wohl bei, dass wir

für Spottpreise von A nach B kommen und

dadurch jegliches Empfinden für Distanz

verlieren. Im Herbst Backpacking in Aus tra lien, im

Frühjahr Chillen in Vietnam und im Sommer

Wandern in Peru. Wie das alles klappt bei

Studenten-Budgets? Ganz einfach: Durch gün -

stige Flüge und noch günstigere Preise in den

Ländern, die bereist werden. Die neuen Trend-

Reiseländer sind Vietnam, Kambodscha, Myan -

mar, Ecuador oder Kolumbien, wo ein Bier meist

nicht mehr als einen Euro kostet. So sparen wir

also auf die nächste Reise, die dank Ryanair und

Co. auch für den schmalsten Geldbeutel drin ist.

Aber auch der gesellschaftliche Druck ist

offenbar ein Faktor, der die Reiselust noch ver -

stärkt: „Was, du warst noch nie außerhalb Euro -

pas? Südostasien musst du gesehen haben!“ Böse

Zungen würden sagen: Unkultiviert, spießig und

langweilig sind die „Zuhause-Bleiber“, genau das

Gegenteil von dem, was wir sein wollen – nämlich

weltoffen, tolerant und individuell. Es passt ein -

fach nicht mehr in unser Weltbild, wenn jemand

mit zwei Wochen Italienurlaub im Jahr zufrieden

ist. So jemandem würde wohl schnell ein ein -

faches Gemüt attestiert werden, ohne weiter über

die eigentlichen Gründe seiner Genügsamkeit

nachzudenken.

Hinzu kommt, dass wir die ganzen Reisen

insgeheim natürlich nicht nur für uns selbst

unternehmen. Wer kennt es nicht, dieses Glücks -

gefühl, wenn man ein besonders gelungenes Foto

auf Instagram teilt und es ein Like nach dem

anderen regnet. Damit sagen wir: „Hey, schaut

her, ich bin interessant und aben teuerlustig und

kultiviert und spontan und und und...“ Das Rei -

sen scheint demnach nur eine weitere Möglich -

keit des „Sich-Inszenierens“ zu sein. Schade, dass

auch die spektakulärsten Reisen meist schnell von

jemand anderem übertroffen werden. Ein Freund

von mir meinte vor kurzem: „Ach verdammt, mit

den Bildern von meinem letzten Trip könnte ich

meinen Instagram-Feed noch Monate füllen.

Dumm, dass es nach dem fünften Bild schon

langweilig wird.“ Dieses exzes sive Konsumieren

von Erlebnissen stumpft unsere Wahrnehmung

ab und verleitet dazu, die eigenen Erlebnisse

immer in Relation zu denen anderer setzen zu

wollen. Die Selfie-Sucht und das Foto- Fieber

werden zum ständigen Begleiter und lassen uns

vergessen, dass wir das Ganze ja eigentlich für uns

und nicht für andere erleben wollen. Sobald man

auf Reisen das Gefühl hat, nur noch dem nächsten

guten Bild hinterher zu jagen und alles durch die

Kameralinse wahrzunehmen, sollte das Smart -

phone oder die Kamera einfach mal zuhause

bleiben. Tipp: Einweg-Kamera zulegen und ver -

suchen, mit den 25 zur Verfügung stehenden

Fotos alles Wichtige festzuhalten. Vorfreude auf

die noch nicht entwickelten Fotos gibt’s gratis

dazu. Dadurch lernt man sich genau zu überlegen,

was es wirklich wert ist fotografiert zu werden. Das

hilft dabei im Hier und Jetzt zu leben und

während all der Knipserei nicht die Stim mung

eines Ortes zu verpassen.

Die Zeit zwischen 18 und 29 ist für die meisten

die Zeit, in der sie besonders viel erleben. Die

„Anderen“ erwarten von uns, spannende Orte

besucht zu haben und überall gewesen zu sein.

Laut Statistiken sind 18– bis 29-Jährigen die -

jenigen, die mit höchster Wahrscheinlichkeit

einmal im Jahr eine Reise außerhalb Europas

unternehmen. Damit liegen sie noch vor den

meist einkommensstärkeren Altersgruppen 30 bis

49 und 50 plus. Das zeigt wiederum, dass Fern -

reisen momentan einfach dazu gehören und den

globalen Lifestyle komplett machen.

Manchmal verreisen wir, um neue Dinge zu

erleben, manche Reisen treten wir an, um zu

beeindrucken. Aber was ist mit Zuhause? Ist Glück

nicht auch, mit Freunden ein Bier zu trinken? So

schwer es uns oft auch fällt, den Alltag zu schät -

zen, sollte man sich dennoch nicht dazu verleiten

lassen, das Glück dort zu suchen, wo man gerade

eben nicht ist. Ist es nicht so, dass wir nach

längeren Reisen oder Auslandsaufenthalten mer -

ken, wie sehr die kleinen Dinge fehlen: Mal eben

in der WG von nebenan Wein trinken, spontan

mit Freunden im Park grillen, unter der Woche auf

der Uni-Wiese liegen oder Sonntagabend das

Wochenende gemeinsam mit dem Tatort aus -

klingen lassen. Vielleicht haben Reisen also noch

einen weiteren Sinn: Nämlich dabei zu helfen, das

eigene Zuhause wieder schätzen zu lernen.

Vielleicht sind Reisen genau deshalb notwendig,

um zu erkennen, was man schon hat.


2/2017 LEBEN UND LACHEN

7

Eine Deutschlandwanderung

Bild: pixabay.com

Einfach mal raus aus dem Alltagstrott, die Natur erleben – und das richtig. Brigitte Silber

setzte sich ein Ziel: Deutschland von Basel bis Bielefeld zu erwandern. Ein Bericht über eine

Frau, deren Wanderlust sich durch nichts kleinkriegen ließ.

VON PIA FRANKEN

Der Frühsommer 2016 machte vor allem

durch seine Unwetter Schlagzeilen –

starke Regenfälle, Erdrutsche, Über -

schwem mungen, sogar Todesfälle in fol -

ge des Wetters beschäftigten Deutsch -

land. Der Juni war in Rheinland-Pfalz der

re gen reichste seit Beginn der Messung vor 136

Jahren, und mittendrin wanderte Brigitte Silber

einmal quer durch Deutschland.

Mitte Mai 2016 begann Brigitte ihr Abenteuer

in Basel, sie sollte 8 Wochen unterwegs sein und

1150 Kilometer zu Fuß zurücklegen. Warum sie

diese ungewöhnliche Art von Deutschland- Tou -

rismus wählte? Nach einer Wanderung am

„Grünen Band“, dem Grüngürtel entlang der

ehemaligen innerdeutschen Grenze, im vor he -

rigen Jahr, packte sie die Wanderlust. Sie wollte

mehr von Deutschland sehen, die vielfältige

Natur des Landes und seine Bewohner auf diese

langsame Weise unmittelbar kennenlernen. Hin -

zu kam ihr Wunsch nach Abstand vom Stress in

ihrem Beruf als leitende Angestellte, die Sehn -

sucht nach Regenerierung und Freiheit.

Von Anfang an spielte das Wetter nicht mit,

schon der Weg vom schweizerischen Basel durch

den Schwarzwald fand häufig durch Regen, Nebel

und tiefhängende Wolken statt, die den Blick auf

die Täler und die Vogesen versperrten. Auf dem

Feldberg stapfte Brigitte morgens bei eisiger Kälte

durch wadentiefen Schnee. Die Begegnungen mit

den Menschen waren es, die sie trotz allem

antrieben. So traf sie unter anderem eine Wild -

lachs-Züchterin, einen ehemaligen Kämpfer aus

dem Jugoslawien-Krieg, einen betagten Winzer,

einen österreichischen Schriftsteller, eine 102-

jährige, die sie zu Kaffee und Kuchen einlud und

Kommunalpolitiker, mit denen sie über die Pro -

bleme des Tourismus sprach. Jeder von ihnen gab

ihr neue Erkenntnisse und Erfahrungen mit.

Aus dem Schwarzwald ging es hinunter ins

Rheintal, wo sie mit einer der letzten Fähren den

Rhein überquerte, bevor diese wegen des Hoch -

wassers aussetzte. Leichter wurde es auch danach

nicht: die durch den Regen sumpfartig auf ge -

weich ten Rheinauen hielten Sauna-ähnliches Kli -

ma und Armeen von Schnaken bereit. Erst die

darauf folgenden Weinberge der Süd pfalz boten

wieder Grund zur Zuversicht. Der Pfälzer Wald

und das Dahner Felsenland waren auch im Regen

gut erwanderbar, wenn auch manchmal so ein -

sam, dass eine Tagestour 13 Stunden und 50

Kilometer dauerte, bis Brigitte eine Übernach -

tungs möglichkeit finden konnte. Solche Tage

ließen sie sowohl körperlich als auch geistig an

ihre Grenzen kommen. Doch sie gab nicht auf,

weiter ging es durch die Eifel, deren durch

Vulkanismus geformte Land schaft Brigitte sehr

beeindruckte. In dieser Gegend konnte sie jedoch

sehen, welche Auswirkungen es hat, wenn ein

Großteil der jüngeren Bevölkerung in die Bal -

lungszentren im Rheintal abwandert. Frus trierte

Jugendliche, kaum vorhandener öffent licher

Nahverkehr – eine Region im Dorn röschen schlaf.

Städtischer wurde es schließlich im Ahrtal, auf

dem Weg zurück zum Rhein, wo die geselligen

Rheinländer dafür sorgten, dass ihr Glas nicht leer

blieb. Doch auch dort hielt sie nicht lang inne, der

Weg führte weiter am Limes entlang und durch

den Westerwald, wo das Wetter endlich für ein

paar Tage aufklarte und die Sonne nasse Wander -

schuhe trocknete. Halten sollte es jedoch auch

dort nicht, stattdessen schlug das Wetter wieder

um und bescherte Brigitte den gefährlichsten Tag

ihrer Wanderung: vor ihren Augen wurde die

Brücke, die sie eigentlich hätte überqueren

müssen, vom ehemals gemütlichen Bach wegge -

spült. Auf der Suche nach einer Alternativroute,

bei der sie den mittlerweile reißenden Fluss nicht

überqueren müsste, ging es steil bergauf über

ange schwemm ten Schotter und Schlamm. Im

Wald um sie he rum wehte der Sturm Bäume um.

Stundenlang musste sie suchen und kämpfen, bis

sich ein begehbarer Weg fand.

Das Wetter wurde im Rothaargebirge, wo auf

einer Strecke von wenigen Kilometern unzählige

Flüsse entspringen, nicht besser. Auch im Hoch -

sauerland glänzte die Sonne nur durch Ab wesen -

heit. Gut gefiel ihr das ihr bis vor der Wan derung

unbekannte Eggegebirge, obwohl die Tem pe ra -

turen teils auf herbstliche Zustände fie len. Aus -

blicke, die Natur und Pflanzenwelt sowie mythi -

sche Orte der Germanen und Kelten lenkten ab.

Das letzte Stück, der Teutoburger Wald, war

durch sandige Wege nochmal eine richtige He -

raus forderung, dann das Erklimmen des Her -

manns denkmals und schließlich das auserkorene

Ziel der Wanderung: Bielefeld.

Ein langer Weg voller Strapazen liegt hinter

ihr, wobei es die Suche nach Übernach tungs -

möglichkeiten ist, die sie in Summe als die größte

Herausforderung sieht. „Vor der nächsten Tour

werde ich auf jeden Fall in ein Biwak investieren

und einen Selbstverteidigungskurs machen“, sagt

sie deshalb. Oft gab es Jugendherbergen entlang

der Strecke, doch in manchen Orten fand sich nur

eine einzige, teure Unterkunft – oder auch mal gar

keine. Die Strecke selbst ergab sich mehr oder

weniger von alleine, Orte wie den Feldberg, die

Saarschleife oder das Hermannsdenkmal wollte

sie schon immer einmal besuchen, der Rest folgte

dann aus logischen Gründen oder wetterbedingt.

Als einzige Sicherheit wartete ihr Sohn jeden

Abend auf eine SMS mit ihrem Standort, abge -

macht war, dass er zu Polizei gehen würde, falls er

bis zum dritten Tag nichts von ihr gehört hätte.

Ansonsten war sie auf sich allein gestellt. Doch es

sind die positiven Momente, die Brigitte in Er -

innerung bleiben werden. Natur schönheiten, Be -

geg nungen mit Menschen, Hilfs bereitschaft, Stil -

le. Während der acht Wochen in der freien Natur

stellte sich ein besonderer Rhythmus ein, „ich

fühlte mich als eine kleine Melodie im großen

Musikstück der Natur.“

Sie hat viel gelernt auf diesem Abenteuer,

konnte persönliche Grenzen, Stärken und Schwä -

chen austesten, die eigene Kleinheit im Vergleich

zur Kraft der Natur erkennen, Gespräche mit

Experten zu Klimawandel, Denkmalschutz und

vielem mehr führen. Brigitte hat sich auf die

Suche nach sich selbst gemacht. Gefunden hat sie

sicher etwas: die Erkenntnis, dass sie beides

braucht, „Trubel und Stille, intellektuelle Heraus -

forderung und Muße, Menschen und Natur,

Kommunikation und Einsamkeit.“ Als neue

Heraus forderung sieht sie es, hier ein gesundes

Gleichgewicht zu finden und es sich zu bewahren.

Mit dem Wandern wird sie mit Sicherheit

nicht auf hören.


8

LEBEN UND LACHEN

mediakompakt

Morgen ist ein Tag zu spät

Sie will die Welt verbessern und nicht nur davon reden. Ina Kessler traf vor einem halben Jahr

eine mutige Entscheidung. Die 26-jährige möchte ihr Leben verändern und damit den ersten

Schritt in eine bessere Welt beschreiten. Das Ziel: Plastik ab sofort aus ihrem Alltag streichen.

Dieses Vorhaben stellt ihrer Motivation jedoch hart auf die Probe.

VON STEFANIE RAGER

Ina hat einen kurzen, frechen Haarschnitt und

ein fröhliches, lautes Lachen. Mit ihrem Hund

lebt sie in einer Zweizimmerwohnung in Ost -

fildern. Sie ist gelernte Schreinerin und als

selbstbewusste, junge Frau geht sie ihren Weg

und lebt ihre eigenen Werte. Seit einigen Jahren

ist sie überzeugte Vegetarierin. Einkaufen geht sie

einmal in der Woche. Ihre Wohnung ist ge müt -

lich eingerichtet, mit viel Liebe zum Detail. Holz -

kisten bilden Hängeregale, Bücher stapeln sich

futuristisch auf einem Holzbrettchen entlang des

grün gestrichenen Streifens an der Wand. Die

offene Küche mit dem massiven Holztisch, ist mo -

dern eingerichtet. Eine Wo hnung

wie jede andere, scheint es.

Mal eben im Supermarkt um die

Ecke Lebens mittel für einen Abend -

essen und ein Frühstück kaufen?

Fehl anzeige! „Hier gibt es nicht viel

was ich kaufen will.“ Der Weg durch

den Supermarkt ist bedrückend.

Vorbei an eingeschweißtem Sellerie

und verpackten Biogemüse; ein Blick

in das Brotregal, Folie soweit das

Auge reicht. An der Käsetheke: „Bitte

ein Stück Parmesan, aber ohne das

drum herum.“ Irritiert beugt sich die

Ver käuferin vor und lässt den Käse in

das Weckglas plumpsen. Die Kühl -

theke mit Joghurt, Butter und Co.

lassen wir links liegen, weiter geht’s

in die Getränkeabteilung. Glas fla -

schen sind bis zu zwei Euro teuer als

ihre Pendants im Tetra Pak oder der

Plastikflasche. Auch an Schokolade

und Süßig keiten schlendern wir

vorbei. Am Ende schiebt Ina einen

verhältnismäßig leeren Einkaufs wa -

gen an die Kasse. Bananen, Zucchini,

Äpfel, Parmesan, Preiselbeeren im Glas und…

hop pla… ganz hinten auf dem Band, abgetrennt

von den anderen Waren, ein geräucherter Tofu –

eingeschweißt. „Nicht für alles habe ich bis jetzt

eine Lösung“, sagt Ina und schaut verloren und

nachdenklich auf den Tofu. Die Kassiererin frag:

Plastiktüte? Auf keinen Fall!

Die Welt ein Stückchen besser machen

Weiter geht die Einkaufstour ins Schüttgut. Es

ist der erste Laden in Stuttgart, der nachhaltige

und vor allem unverpackte Lebensmittel verkauft.

Wer den Laden betritt, merkt schnell, dieses Ge -

schäft ist eine kuschelige Kombination aus Bio -

laden, Feinkost und Tante Emma Laden. An den

Wänden reihen sich Schütten mit Trocken waren,

Döschen mit feinen Kräutern und Ge würzen,

geflochtene Körbe mit Obst und Gemüse, Gläser

mit Fruchtaufstrichen, Molkerei produkte und

Wasch- und Reinigungsmittel. „Es ist bezahl bar,

überschaubar und doch einzig artig“, sagt Ina. Zu -

hause muss man nicht nur überlegen, was und wie

viel gekauft werden muss, sondern, wie die un ver -

packten Produkte letztlich ihren Weg in die hei -

mische Küche finden. Im Schüttgut erhält man

Baum wolltaschen oder andere Gefäße, eigene

gereinigte Verpackungen können aber ebenso

mit gebracht werden. Heute wird Waschmittel,

Müsli und Joghurt abgefüllt und ein paar Zitronen

kommen in die Stofftasche.

Ina sagt, bis ihr neues Leben aussah wie jetzt,

habe es immer wieder Momente gegeben, an

denen sie resignieren wollte. Es seien nicht die

offensichtlichen Dinge, die ihren Entschluss

schwer gemacht hatten. „Kunststoff ist allgegen -

wärtig. Enorm schwierig war es die Hygieneartikel

zu ersetzen.“ Seifen könne man leicht selbst her -

stellen, ebenso Deo. „Ein bisschen Natron, Stärke

und Kokosöl zusammenrühren und mit Shea -

butter, Zinkoxid, Vitaminen verfeinern, fertig ist

die Deocreme.“ Gegen Pickel benutzt Ina Apfel -

essig aus der Glasflasche. Lavaerde, eine nord -

afrikanischen Wascherde, dient als Sham poo, wie

Bild: Stefanie Rager

auch als Trockenshampoo. Doch schwierig waren

die Schminkartikel. „Lange Zeit dachte ich, Kos -

metik ist eine Sache, an der ich verzweifeln

müsste. Wo bitte bekommt man Puder, Rouge

oder Mascara, das nicht in Plastik steckt?“ Die

Antwort lautet: Von der französischen Marke Zao,

die Naturkosmetik herstellt, Ecocert zertifiziert

und obendrein Bambus-Behälter verwendet, die

wiederverwend bar sind.

Ina zählt sich nicht zur Wegwerfgesellschaft.

Aber, dass ihr Ausstieg anstrengend, zeitauf wen -

dig und teuer war und ist, gibt sie zu. Sie grinst und

blickt zur Seite. „Der Miswak-Zweig, meine neue

Zahnbürste, dient mir bis jetzt we -

niger als Ge brauchs artikel. Er erfüllt

eher dekorative Zwecke.“

Frische Zitronen schwimmen in

einer mo di schen Glaskaraffe oben.

So kredenzt Ina ihren Besuchern das

Wasser. Auch die Zitruspresse ist aus

Glas und der Tisch wird von Kork -

sets ge schmückt. Die Stühle, Koch -

löffel, Schüsseln und Schneid bretter

sind aus Holz. Auf den Holz regalen

in der Küche stehen Vorräte, wie

Reis, Müsli und Nudeln sauber auf -

gereiht in Glasbehältern neben ei -

nan der. Inas Wohnung ist doch kei -

ne Wo hnung wie jede andere. Dass

die Kunststoff hilfs mittel fehlen, fällt

erst bei genauer Be trach tung auf.

Heute ist Freitag und vor der

Haustür wartet ein hellbrauner Span -

korb, gefüllt mit saisonalem Ge müse,

von Frühlingszwiebeln, über Blatt -

salat und Spargel, bis hin zu Karotten

und Rhabarber. „Jeden Freitag liefert

der Bauer von den Fildern die sen

Korb und mit ihm, meinen Essens -

plan für die nächste Woche.“ Ina probiert viel aus,

testet neue Rezepte und freut sich sichtlich mit

den vor handenen Waren ein Menü zu kreieren.

Heute gibt es Spargel mit Kartoffeln und Blattsalat

und zum Nachtisch Rhabarberkompott. An sol -

chen Aben den verliert sich Ina in ihren Träumen.

Sie wünscht sich ein eigenes Haus, mit großen

Grund stück, einem Gewächshaus und vielen Ge -

müse beeten. „Und dann vielleicht auch mit Hüh -

nern und Ziegen, die glücklich leben können.

Selbstversorger sollte man sein. Doch bis es soweit

ist“, sagt Ina, „zerplatzt diese Seifenblase und der

Glaube an eine bessere Welt mit jeder Verpackung

meines Lieblingstofus, den ich am Ende des Mo -

nats der Müllabfuhr überlasse.“


2/2017 LEBEN UND LACHEN

9

(Un)Lust am Ehrenamt?

Das Ehrenamt hat eine lange

Tradition in Deutschland.

Millionen von Bürgern

engagieren sich jährlich in

Vereinen, Verbänden und

Kommunen. Doch schwindet

die Lust an unentgeltlichem

Einsatz? Eine Spurensuche im

Amateurfußball.

VON MAX KANDLER

Voll bepackt stapft Stefan Wächter aus dem

Kabinentrakt in Richtung Trai nings platz.

Über die linke Schulter hat er lässig einen

Ballsack geworfen, unter seinem rechten

Arm klemmen ein paar Hütchen. Es ist

Donnerstag Abend. Der Regen prasselt auf seine

Cap, die er sich tief ins Gesicht gezogen hat, als er

den Fußballplatz betritt. Auch der Wind pfeift

kräftig über den grünen Rasen. Doch der

48-Jährige lächelt. „Es gibt kein schlech tes Wetter,

umfassenden Verein. Das Konzept des Amateur -

clubs lief lange prächtig. Man hatte Trainer und

Co-Trainer für jedes Jugendteam. Doch seit Januar

diesen Jahres ist der Verein mit einem Problem

konfrontiert, das es seit Gründung der Fußball -

abteilung so noch nicht gegeben hat. Es fehlen

Jugendtrainer. Stefan musste zur Rückrunde 2017,

neben der A-,auch noch die B-Jugend über -

nehmen, da der Trainer im Winter überraschend

abgesprungen war. Alternativen? Fehlanzeige!

„Das Trainer-Problem herrscht nicht nur bei uns,

auch andere Vereine haben zu kämpfen. Meiner

Meinung nach können bzw. wollen immer we -

niger Menschen in unserer heutigen Zeit ein

Ehrenamt in einem Fußballverein ausüben.“ Seine

Enttäuschung ist fast greifbar.

Rückgang bei Sportvereinen

Prof. Dr. Sebastian Braun vom Forschungs -

zentrum für Bürgerliches Engagement an der

Humboldt-Universität zu Berlin hat sich bereits

2011 mit ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeiten in

Sportvereinen befasst und im Sportausschuss des

Bundestages gesprochen. Seine Aussagen bestä -

tigen Stefans Einschät zungen. Insbesondere

Vorstands- und Leitungs funktionen werden im -

mer seltener übernommen. Die Engagierten

werden immer älter und müssen mehr Zeit

aufwenden. Braun kritisierte in diesem Zusam -

den.“ Auch beim DFB ist das Ehrenamt ein zen -

trales Thema. 1997 wurde die Aktion Ehren amt ins

Leben gerufen. Mit Plakaten und diversen Ak tio -

nen wird für das unentgeltliche Engagement ge -

worben. Mit dem DFB- Ehren amts preis würdigt der

Deutsche-Fußball-Bund heraus ragende ehren amt -

liche Leistungen und lädt die Gewinner zu einer

fünftägigen Fußball- Bildungs reise nach Spa nien

ein. „Mit dieser Aktion gibt der DFB dem jungen

und talentierten Ehrenamt eine Chance zur Aus -

zeichnung und Förderung, die den Ver einen eine

neue Möglichkeit der Aner kennungs kultur und

Qualifizierung bietet“, wird der bfv- Ehren amts -

beauftragte Peter Barth auf fupa.net zitiert.

Was kann man tun?

Der Amateurfußball, aber auch der DFB, stehen in

den nächsten Jahren vor einer großen

Herausforderung. Es müssen Konzepte entwickelt

werden, um das Ehrenamt noch intensiver zu

fördern und die Trainerarbeit im Amateurbereich

mittel- bzw. langfristig zu sichern. Beispielsweise

können Kosten für Trainerscheine oder Ausbil -

dungen übernommen, Fahrtkosten zu Trainings

bzw. Spielen gezahlt oder Mitgliedsbeiträge für

Trainer verringert werden. „Wir brauchen Ideen.

Die Jugendarbeit im Amateurbereich ist die Basis

für erfolgreiche Karrieren, aber das geht nur mit

guten Trainern“, mahnt Wächter.

Bild: Katharina Merz & Lena Hitzenberger

nur falsche Klei dung“, ruft er mit einem Augen -

zwinkern quer über den halben Platz, während er

einen Hüt chen parcour aufbaut, der eher nach

einem Laby rinth, als nach einer Auf wärm übung

aus sieht. Stefan ist Fußball- Trainer. Er trainiert die

A-Jugend des SC Augs burgs, einem Amateurverein

aus Bayern. „Sechs mal die Woche stehe ich mitt -

lerweile auf dem Fußball-Platz. Manchmal sogar

jeden Tag“, erklärt er mir.“ Was soll ich sagen, es ist

meine Leiden schaft.“

Ehrenamtliches Engagement

Geld bekommt er für seine Tätigkeiten keines. Alle

Trainer der Jugendabteilung engagieren sich

ehren amtlich für den knapp 3000 Mitglieder

men hang, dass in den vergangenen zehn bis

fünfzehn Jahren die Ehrenamtspolitik „sträflich

vernachlässigt wurde“. Es sei nicht bekannt,wie

die Menschen in solche Ämter kämen, wie sie

gefördert und rekrutiert würden.

Auch der DFB wirbt

Stefan Wächter will diese Entwicklung stoppen.

Gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern ver -

sucht er Spieler der ersten bzw. zweiten Männer -

schaft, Fans oder Bekannte von einem Ehrenamt

zu überzeugen. „Es ist ein schwieriges Unter fan -

gen“, erzählt er mir und seufzt. „Der Zeitauf wand

ist vielen zu groß. Ich führe zurzeit viele Ge -

spräche, aber gefunden habe ich noch nie man -

„Der Fußball ist mein Leben“

Mit einem lauten Pfiff beendet der Coach nach

gut zwei Stunden das Training. Die Spieler

schleichen erschöpft und vollkommen durch -

nässt vom Platz. Stefan strahlt Zufriedenheit aus.

„Das war eine gute Trainingseinheit. Die Jungs

haben Vollgas gegeben, so muss das sein.“ Drei

Tage später tritt das Team beim Tabellenführer an.

Drei Punkte sind das Ziel, deshalb haben alle erst

mal zwei Tage frei. Nur einer nicht. Stefan wird

auch am nächsten Tag wieder auf dem Platz

stehen. „Ich sehe die Jungs gefühlt öfter als meine

eigene Frau. Aber sie versteht das, der Fußball ist

einfach mein Leben“, sagt er schmunzelnd und

verschwindet im Kabinengang.


10 LEBEN UND LACHEN

mediakompakt

Bild: pixabay.de

Neue Lunge, neues Leben

Atmen – die wohl größte

Selbstverständlichkeit

des Lebens Ein Vorgang, der

ganz automatisch abläuft.

Aber was passiert, wenn das

zuständige Organ plötzlich

nicht mehr will? Wenn die ver -

sagende Lunge jegliche

Lebenslust auszulöschen

droht? Richard Pregizer

hat das erlebt und den Kampf

gegen die Atemlosigkeit

aufgenommen.

VON MAGDALENA MAU

Montagmorgen in dem kleinen Ort

Eckwälden am Fuße der Schwä -

bischen Alb. Knapp 600 Menschen

leben hier. Von städtischer Rush -

hour ist an diesem idyllischen

Fleckchen Erde nichts zu spüren und Fein staub -

alarm wird höchstens durch einen die Dorfstraße

entlang tuckernden Traktor ausgelöst. Morgend -

licher Nebel legt sich über die Felder, doch die

durchblitzenden Sonnenstrahlen lassen erahnen,

dass es ein frühlingshafter Maitag wird. Noch

weht ein leichter Wind, die frische Landluft wirkt

belebend und rein und nur zu gerne folgt man der

Aufforderung „Steig aus und wandere“ auf einem

grünen Schild, das am Parkplatz des kleinen

Dorfes aufgestellt ist.

Eine Aufforderung, der auch Richard Pregizer

mit Freude folgt. Luft, die er gerne und vor allem

dankbar einatmet. Denn Atmen, ein Vorgang, der

normalerweise vollkommen automatisch und

ohne großes Nachdenken abläuft und der für die

meisten Menschen das natürlichste auf der Welt

ist, war für den Eckwäldener lange Zeit keine

Selbst verständlichkeit. Bevor er vor sechs Jahren

eine neue Lunge bekam, waren für ihn weder

Atmen, geschweige denn Aussteigen und Wan -

dern Dinge, zu denen er ohne fremde Hilfe in der

Lage war. Was für ein Geschenk das reine Atmen

eigentlich ist, welche Lebenslust allein damit

verbunden wird, das ist ihm seit seiner Krankheit

viel be wusster und lässt ihn vieles mit anderen

Augen sehen.

Richard Pregizer ist 58 Jahre alt, als sich

vermehrt Probleme beim Luft holen bemerkbar

machen und ihn selbst der kleinste Berg außer

Atem bringt. Nach mehreren Arztbesuchen, die

vorerst ergebnislos bleiben, wird er zum Röntgen

geschickt und entsetzt gefragt: „Was haben Sie mit

ihrer Lunge getan?“. Zu diesem Zeitpunkt ist das

Organ schon völlig fibros, was bedeutet, dass das

Bindegewebe der Lunge chronisch entzündet ist

und sich zwischen den Lungenbläschen und den

umgebenden Blutgefäßen krankhaft vermehrt,

verhärtet und vernarbt. Diese Funktion s ein -

schränkung hat zur Folge, dass der Sauerstoff

schlechter in die Blutgefäße gelangen kann. Eine

Fibrose ist eine der häufigsten Ursachen für

Lungenversagen und wird als Sammelbegriff für

über 100 verschiedene Lungenkrankheiten ge -

führt. Im Fall von Richard Pregizer erhärtet sich

der Verdacht bald auf die genauere Diagnose

Lungensarkoidose, eine systemische Erkrankung

des gesamten Lungengewebes deren Ursache bis

heute unbekannt ist und bei der sich kleine

Knötchen bilden und zu chronischer Atemnot

führen. Als die Krankheit bei ihm festgestellt wird,

ist sie schon weit fortgeschritten. Er wird immer

schwächer und eines Tages ist er nach einem


2/2017 LEBEN UND LACHEN

11

Spaziergang in den zwei Kilometer entfernten

Nach barort so erschöpft, dass er den Rückweg

kaum mehr bewältigen kann. „Von diesem Zeit -

punkt an bin ich nicht mehr auf die Füße

gekommen und war ständig krank“, erinnert er

sich. Der gelernte Drucker muss mit Anfang 60 in

Frührente gehen und kann ohne künstliche Sauer -

stoffzufuhr nicht länger atmen. Er ist abhängig

von einem 30 Kilo gramm schweren Tank, von

dem eine lange Leit ung durch die

ganze Wohnung führt. Für unter -

wegs gibt es einen kleineren trag -

baren Behälter, aber komplett

ohne Atemhilfe ist keine Alter na -

tive mehr. Letztendlich landet er

im Rollstuhl – Spazieren gehen und

Wandern sind zu diesem Zeit punkt

schon eine Weile vom Ta ges pro -

gramm gestrichen. „Und irgend -

wann ging gar nichts mehr, ich war

schon so schwach, selbst anziehen

und essen waren sehr schwierig“,

er innert sich der heute 68-Jährige. Bald wird klar:

Ohne eine neue Lunge kann es nicht weiter

gehen. Am Anfang habe er keine Transplantation

gewollt, erzählt Pregizer. Es sei ihm sehr schwer

gefallen zu akzeptieren, dass erst ein anderer

Mensch sterben muss, damit er leben kann. „Aber

dann habe ich mir klargemacht, dass der Spender

nicht für mich oder sogar wegen mir stirbt,

sondern dass er mir sein Organ schenkt und dass

ich das einfach annehmen und danke sagen darf“,

erklärt er weiter.

Um tatsächlich auf die Warteliste für eine

Spenderlunge zu kommen, muss das endgültige

Ver sagen des Organs absehbar und eine lebens -

erhaltende Behandlung erforderlich sein. Zudem

spielt der Allgemeinbefund des Patienten eine

wichtige Rolle – ist dieser zu labil oder leidet der

Patient noch an anderen schweren Neben erkran -

kungen, kommt er als Empfänger nicht in Frage.

Auch gilt zu bedenken, dass eine Transplantation

nicht gleichbedeutend mit Heilung ist. Dafür sind

die damit verbundenen Risiken wie Abstoßung,

In fektionen und chronischem Transplantat ver -

sagen zu hoch. Die durch schnitt liche Über le ben s -

dauer nach einer Lungentransplantation liegt bei

fünfeinhalb Jahren – das klingt nicht be sonders

viel, „aber in dem Moment, wo man ent scheiden

muss, ob man jetzt stirbt oder in fünfeinhalb

Jahren – naja, da nimmt man lieber die fünf -

einhalb“, denkt Pregizer zurück.

Und so lässt er sich auf die Liste setzen. Auf

dieser stehen zu dieser Zeit in Deutschland laut

Euro transplant, einer Stiftung, die als Service-

Orga nisation für die Zu teilung von Spender -

organen in acht europäischen Ländern zuständig

ist, um die 400 Menschen. Für die Vermittlung

von Lungen wird das Maß von Dringlichkeit und

Erfolgsaussicht nach dem Lung-Allocation-Score,

(LAS) berechnet. Der LAS dient dazu, die Kan di -

daten auf einer Warteliste mittels einer

Kombination aus den Parametern Warte lis ten-

Dringlichkeitsstufe und Überlebens wahr schein -

lichkeit nach der Transplantation zu priorisieren.

Richard Pregizer wird hoch gelistet und muss

nicht lange warten: Schnell kommt der Anruf,

dass ein passendes Organ vorliegt und innerhalb

Bald wird

klar: Ohne

eine neue

Lunge kann

es nicht

weiter gehen

von kürzester Zeit befindet er sich im Kranken -

wagen auf dem Weg in die Klinik nach Freiburg.

Seiner Frau bleiben gerade einmal 30 Minuten,

um das Nötigste zusammenzupacken. Aber die

anfängliche Freude ist nur von kurzer Dauer – die

vorgesehene Lunge kann nicht transplantiert

werden und das Warten beginnt von vorne. Ein

solches hin und her ist keine Seltenheit, denn

bekommt das Lungentransplantationszentrum

Freiburg ein Organangebot für

einen seiner Patienten, wird zuerst

anhand verschiedenster Kriterien

geprüft, ob es geeignet sein könnte.

Ist dies der Fall, wird der Patient

kontaktiert und ins Krankenhaus

gebracht. Zeitgleich macht sich ein

Explantationsteam auf den Weg zu

dem möglichen Spender und

entnimmt die Lunge – unter der

Voraussetzung, dass sie die er for -

der lichen Kriterien erfüllt. Oftmals

tut sie das nicht. Bis das aber end -

gültig feststeht, ist der Empfänger schon für die

Ope ration vorbereitet, um im Ernst fall den

Zeitraum zwischen Entnahme und Trans plan -

tation möglichst kurz zu halten, da die Funktions -

fähigkeit der explantierten Lunge stark von der

Länge der Transportzeit abhängt.

Dieser Ablauf ist den wartenden Patienten

bekannt, trotzdem beschreibt Pregizer den Zu -

stand zwischen Hoffen und Bangen wie eine

gefühlsmäßige Achterbahn, wie eine Berg- und

Talbahnfahrt. Noch zwei weitere Male müssen er

und auch seine Frau, die sich jedes Mal von ihm

verabschiedet, nicht wissend, ob sie ihn lebend

wiedersehen wird, dieses Auf und Ab durchleben,

bis im April 2011 der Aussage „Es gibt ein Organ

für Sie“ tatsächlich Taten folgen können: Eine

passende und gesunde Lunge liegt vor und kann

transplantiert werden.

Die Operation verläuft gut und drei Tage

später steht Richard Pregizer zum ersten Mal

wieder auf den Beinen. „Ich habe mich ge wun -

dert, wie das geht. Ich hatte so viel an Gewicht

abgebaut, auch an Muskelmasse, aber es ging –

einfach, weil atmen wieder ging“, be schreibt er

die ersten Schritte mit der neuen Lunge. Nach 14

Tagen wird er aus der Klinik entlassen und geht in

die Reha an den Königssee. Die Schön Klinik liegt

umrahmt von Alpen kulissen im Berchtesgadener

Land und bietet Pregizer eine herrliche Aussicht

auf das weite Tal der Schönau: Grüne Wiesen,

weiße Bergspitzen – Wälder und Natur so weit das

Auge reicht. Einziger Nachteil: Um mehr von

dieser Natur als nur die direkte Klinikumgebung

erkunden zu können, muss man den Berg

hinunter. Und so beginnt Pregizer kontinuierlich

an seinem Geh vermögen und den zu meisternden

Weg strecken zu arbeiten. Schritt für Schritt,

Serpentine für Serpentine bewegt er sich voran

und am Ende der neunwöchigen Reha ist er in der

Lage bis ins Tal nach Berchtesgaden zu gehen.

Wieder im heimischen Eckwälden an -

gekommen, ist eines der ersten Dinge, die er

versucht, ein Ausflug auf die Alb. Dabei stolpert er

prompt über einen Stein und schlägt sich die

Zähne auf, weil die Kraft, um den Sturz ab -

zufangen noch fehlt. „Da hat der Arzt gesagt, ich

soll doch bitte Stöcke nehmen“, erzählt der 68-

Jährige lachend. Gründe zum Lachen findet er

auch sonst viele. Zu seinen Füßen spielt sein zwei -

jähriger Enkel sohn plappernd mit Bauklötzen und

einer Holz eisenbahn. Fröhlich bringt der Kleine

wenig später einen Teddybären an den großen

Ess tisch, der ab jetzt mit dabei sitzen darf und

immer wieder stolz präsentiert wird. „Das ist

wahre Lebenslust“, freut sich Pregizer über die

Begeisterung seines Enkels.

Aber Lebenslust empfindet durchaus auch er:

Als geschenkte Zeit sieht er diese zweite Chance,

als geschenktes Leben und geschenktes Organ.

„Mit diesem Bewusstsein werden kleine Sachen

viel wichtiger und ich habe mir vorgenommen,

die Zeit, die ich geschenkt bekomme, nicht zu ver -

plempern“, stellt er klar. So engagiert er sich

ehrenamtlich an mehreren Tagen die Woche im

‚Haus der Mitte’, einer Arbeits- und Lebens ge -

meinschaft für Menschen mit Unterstützungs -

bedarf. Dort ist er beispielsweise montags in der

Theatergruppe und dienstags beim Integrativen

Chor – der Termin kalender wirkt gut gefüllt. Und

ansonsten genießt er die Zeit mit seiner Familie,

ganz besonders mit seinen zwei Enkeln, die

kennenzulernen ihm ohne die Transplantation

nicht vergönnt gewesen wäre.

Zwar ist er nicht gesund und hat im Prinzip

nur eine Krankheit gegen die andere getauscht,

wie zahlreiche Medikamente, die er täglich

nehmen muss und das ständige Risiko einer Ab -

stoßung beweisen, aber es ist doch eine wesent lich

angenehmere Krankheit – so viel steht fest.

Sechs Jahre ist seine Transplantation, sein

„zweiter Geburtstag“ inzwischen her. Damit liegt

er schon ein halbes Jahr über der statistisch

berechneten Überlebensdauer. „Ich spüre meine

Lunge jeden Tag und bin mir meiner eigenen End -

lichkeit sehr bewusst, aber das ist nicht schlimm“,

beschreibt Pregizer den Umgang mit dem

Gedanken, dass es jederzeit vorbei sein kann.

„Man kann leben und man kann das Leben ge -

nießen“ und auch wenn die Schwäche noch da ist,

alles Körperliche anstrengend bleibt und lange

Wander ungen im Sinne von „Steig aus und wan -

dere“ nicht möglich sind, so kann er doch ohne

Hilfe gehen, ja mit Elektroantrieb sogar Fahr -

radfahren und vor allem eines – atmen. „Und das

ist doch was“, findet Richard Pregizer.

Fakten:

• Im letzten Jahr wurden in Deutschland 281

Lungentransplantationen durchgeführt

• Ende 2016 standen 380 Menschen auf der

Warte liste für eine Lunge

• Nach Schätzungen sind in Deutschland mindestens

500.000 Menschen von chronischem

Lungenversagen bedroht

• Häufigste Indikationen bei der Neuanmeldung

für eine Transplantion sind chronisch obs truk -

tive Lungenkrankheiten


12

LUST UND SEX

mediakompakt

Ausziehen! – Die Manège Rustique

Burlesque hat mit Stripclubs etwa so viel zu tun, wie ein argentinisches Steak mit einem Mc

Do nalds Burger. Es wird getanzt, gesungen, schmutzige Witze gerissen und mit Feuer gespielt.

VON LENA HOFHANSL

Trotz des guten Wetters ist der Keller Klub

gut gefüllt. Das Publikum besteht zur

Mehrheit aus jungen Frauen, die ver -

bissen daran arbeiten ihren Promillewert

zu steigern. Ein paar haben sich in Schale

geworfen, man sieht einige Pärchen, zwei

Junggesellinnenabschiede sind auch dabei. Im

Publikum ist eine Energie zu spüren, der man

nicht mal auf Rockkonzerten begegnet. Will -

kommen zur Manège Rustique, einer Stuttgarter

Burlesque Show. Burlesque, das ist Zirkus für

Erwachsene. Die Künstler und Künstlerinnen

tragen imposante Kostüme, die sie auf der Bühne

ausziehen.

Die Titelmelodie, eine loungeartige Cover -

version von „Welcome to the jungle“, entführt in

vergessene Zeiten und verkündet den Beginn der

Show. Moderator Simon betritt die Bühne. Er und

das Publikum haben sofort einen Draht zu -

einander, bei der Manège Rustique gibt es keine

Vierte Wand – ganz im Gegenteil – die Zuschauer

werden ständig einbezogen.

Das beweist auch Russell Bruner, „King of

Boylesque“, der sich kurzerhand eine Zuschauerin

über die Schulter wirft, sie fesselt und in eine

seiner Nummern einbindet, die an Charlie Chap -

lin erinnert. Russell Bruner springt mit beiden

Beinen gleichzeitig aus der Hose und entblößt:

eine Herzche nunterhose!

Curly Curvy wird als Newcomer präsentiert,

aber an ihrer selbstbewussten Art sich zu ent -

blättern lässt nichts erkennen, dass das erst ihr

zweiter Auftritt ist. Sandy Beach schnupft die

Asche ihres verstorbenen Mannes, der groß im

Kokain-Geschäft war. Johnny Ecstasy (wohl halb

Dämon, halb Gott) bringt, trotz Glitzerstaub im

Bart und auch ohne sich auszuziehen, das

Publikum zum Schwitzen, indem er Tom Jones‘

„Sex Bomb“ singt. Erst flirtet er mit dem Mädchen

in der ersten Reihe – und dann mit ihrem Freund,

der daneben sitzt.

Auch die Gastgeberin, Fräulein Flauschig,

präsentiert sich. In einer Nummer ist sie eine

nachlässige Putzfrau mit verrutschten Locken -

wicklern, in der anderen präsentiert sie ihren

Körper in ein Blumenbouqet gehüllt und tanzt

Ballett. In der nächsten spielt sie mit Domp -

teurs-Kostüm und Musik auf die Staffel Freakshow

der Serie American Horrorstory an, während sie

einige artistische Nummern zum Besten gibt.

Bald ist das Publikum so betrunken, dass es

nicht mehr hinnehmen kann, das Moderator

Simon der Einzige ist, der die Hüllen nicht fallen

lässt und fordert lautstark: „ausziehen!“, während

dieser eigentlich gerade Bukowski rezitieren will.

Schließlich gibt er nach: „Na gut, ich ziehe mich

aus, aber dafür haltet ihr jetzt die Fresse!“ – Das

Publikum jubelt.

Johnny Ecstasy spielt mit einer Zuschauerin

Porno-Karaoke: Hierbei läuft ein sehr absurder

Porno ohne Ton auf einer Leinwand, Johnny

Ecstasy und seine Freiwillige aus dem Publikum

synchronisieren die beiden Darsteller.

Zum Schluss tritt Lady White aus Portugal auf,

die durch ihren Kleidungsstil stark an Emilie

Autumn erinnert und liefert den Zuschauern eine

klassische Feuerschluckershow.

All die aufgetretenen Künstler verkörpern

einen völlig unterschiedlichen Typ. Beim Bur -

lesque geht es nicht (nur) um perfekt trainierte

und ausgehungerte, junge Körper. Es ist egal, ob

die Künstler und Künstlerinnen kleine Speck -

röllchen haben, ob sie auf die 50 zugehen oder das

sind, was auf deutschen Schulhöfen als „Lauch“

bezeichnet wird. Beim Burlesque geht es um Spaß

und Erotik, um Performance und darum, Nackt -

heit zu feiern.

„Ich liebe es, ich bin jedes Mal dabei und

werde weiterhin kommen!“, sagt das Mädchen

neben mir in der Pause. In einer Zeit, in der

manche Männer immer noch anzweifeln, dass

auch Frauen eine Libido haben, ist es toll, so ein

Publikum zu sehen.

Zeichnung: Lena Hofhansl

Nach der Show bekam ich die Gelegenheit zu einem

Interview mit Fräulein Flauschig, der rothaarigen

Gastgeberin der Manège Rustique:

mediakompakt: Hallo Fräulein Flauschig! Wie wird

man denn überhaupt Burlesque-Künstler?

Fräulein Flauschig: Es gibt keine spezielle Aus -

bildung. Es gibt Kurse und Workshops zu denen

man gehen kann, wenn man Burlesque-Tanzen

lernen möchte. Je nachdem was man für ein

Körpergefühl hat, kann man sich auch sehr viele

Sachen selbst vor dem Spiegel beibringen. Mir

persönlich hat es geholfen, dass ich früher Ballett

und Jazz getanzt, geturnt und Rhythmische Sport -

gymnastik gemacht habe.

mediakompakt: Wo hast du deine überwältigenden

Outfits her?

Fräulein Flauschig: Es gibt Kostümverleihe, dort

bekommt man allerdings nur Faschingskostüme.

Meine Outfits mache ich soweit es geht selbst. Es

gibt aber Performer, die sehr gut schneidern

können und auch anbieten, Kostüme auf Maß für

einen bestimmten Act anzufertigen. Alles was

man selbst macht ist aber um einiges günstiger.


2/2017 LUST UND SEX

13

mediakompakt: Wie sieht dein Alltag aus? Was tust

du, wenn du nicht auf der Bühne stehst?

Fräulein Flauschig: Mein Alltag sieht momentan so

aus, dass ich meine Ausbildung fertigmache. Am

10. Juli bin ich damit fertig und möchte mein

jetziges Hobby gerne zum Beruf machen. Dafür

hat sich meine Wohnung in ein Atelier ver -

wandelt – der Esstisch ist ein Nähtisch, das Schlaf -

zimmer ein Kostüm lager und im Wohnzimmer

habe ich eine große Spiegelfläche zum Proben.

Außerdem gehe ich nebenher zur Zirkusschule

und lerne dort Aerial Artistics und fange bald mit

Fire Artistics an. Ich bewerbe mich für Shows oder

Festivals, gebe Burlesque- Workshops, organisiere

Werbung und Presseinfos für meine Shows und

kümmere mich um die auftretenden Künstler.

mediakompakt: Zu deinen Shows lädst du Gäste ein.

Bist du selbst auch unterwegs und Gast in anderen

Shows? Wenn ja, wo?

Fräulein Flauschig: Ja, ich selbst werde auch zu

Shows eingeladen. Paris und Lissabon waren die

auf regendsten Auslands-Gastspiele. Gerade wurde

ich für Oktober zu den Teaserettes nach Berlin ein -

geladen und bin im Juli in der Toscana. Aber auch

Auftritte, wie zum Beispiel bei der Comic Con

nehme ich gerne wahr.

mediakompakt: Du bist Mitveranstalterin des Bur -

lesque Festivals, das im Herbst in Stuttgart statt -

findet. Was passiert dort?

Fräulein Flauschig: Das Stuttgart Burlesque Festival

wird dieses Jahr vom 5. bis 8. Oktober stattfinden.

Am Donnerstag veranstalte ich zusammen mit

Carlos Coelho, der auch die Manège Rustique mit

mir macht, die Mausefalle in der Rosenau. Die

Mausefalle wird unser neues Showformat mit Live

Band. Der Abend wird im Rahmen des Burlesque

Festivals mit lokalen Künstlern stattfinden. Am

Freitag ist die Contest Night im Keller Klub, bei

der Performer und Newcomer den Titel

Queen/King of Burlesque Stuttgart 2017 ge -

winnen können und Samstag gibt es im

Friedrichsbau Varieté die Gala Night mit nam -

haften Künstlern der Szene. Sonntag gibt es dann

Workshops, an denen sowohl die Besucher als

auch die Performer teilnehmen können.

mediakompakt: Wie reagieren andere darauf, wenn

sie hören, was du auf der Bühne machst?

Fräulein Flauschigt: Ich bekomme sehr positive

Rückmeldungen, wenn ich erzähle was ich

mache. Viele sind sehr interessiert und stellen

Fragen zu meiner kreativen und künstlerischen

Arbeit. Viele bewundern auch meinen Mut mein

Hobby zum Beruf zu machen und eine ganz

andere berufliche Richtung wie viele andere

einzuschlagen.

mediakompakt: Unterscheiden sich die Per for -

mances von Männern und Frauen im Burlesque

und wenn ja, wie?

Fräulein Flauschig: Ja, die Performances unter -

scheiden sich. Frauen haben oft ein ganz anderes

Gefühl für Bewegungen als Männer. Männer

gehen oft in die Comedy Ecke mit ihren Acts, aber

es gibt auch Künstler, die durchaus auch das

erotische Ausziehen beherrschen.

mediakompakt: Ist bei dir bei einem Auftritt schon

mal etwas richtig schiefgelaufen?

Fräulein Flauschigt: So richtig schief gelaufen ist

bisher noch nichts. Es kommt immer wieder vor,

dass etwas nicht so klappt wie geplant, dass zum

Beispiel ein Kleid mal nicht so aufgeht wie es soll,

aber dadurch, dass das Publikum nicht weiß was

passieren wird fällt sowas nicht weiter auf.

mediakompakt: Die Manège Rustique gibt es jetzt

seit über einem Jahr. Was hat sich seitdem

verändert, wo steht ihr heute, wo wollt ihr hin?

Fräulein Flauschig: Wir probieren immer wieder

etwas Neues aus. Ob die Konzepte für unsere

Publikumsspiele aufgehen wissen wir immer erst

nach der Show. Wir versuchen diese Erfahrungen

in die neuen Shows einfließen zu lassen und

haben das Gefühl, dass wir besser werden. Wir

konnten viele Erfahrungen sammeln und haben

dieses Jahr viele großartige Künstler zu Gast. In

Zukunft hoffe ich, dass wir die Show mehr in eine

Cabaret-Richtung verändern können, damit das

Publikum nicht nur Burlesque Nummern sieht,

sondern zum Beispiel, wie beim letzten Mal, noch

eine Feuershow oder sonstige andere Kunst -

formen.

Die nächste Show der Manège Rustique findet am 23.

September im Keller Klub statt. Zu Gast sind dann Golden

Treasure (Hamburg), Xarah Von Den Vielenregen (Berlin)

und Louise L‘Amour (Lissabon).

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14 LUST UND SEX

mediakompakt

Künstler der Verführung

Männliche Verführer, auch bekannt als Schürzenjäger, Frauenheld oder Playboy und ihre

weiblichen Pendants Femme Fatale, Vamp und Man eater wecken schon immer das gewisse

Interesse. Wir stellen zwei der bekanntesten Herzensbrecher vor.

VON MAXIMILIANE PAULUS

Giacomo Casanova

Geboren: 1725, Gestorben: 1798

Ehen: keine

Kinder: 7 bekannt

Beruf: Kleriker, Schriftsteller, Abenteurer

Der bekannteste Verführer der letzten Jahr -

hunderte ist Giacomo Casanova. Geboren 1725,

wächst er als kränkliches

Kind bei seiner Groß mutter

auf. Weil er begabt ist und

Zugang zu Bildung erhalten

soll, folgt Casanova zu -

nächst dem Wunsch seiner

Groß mutter und schlägt

eine kirchliche Laufbahn als

Priester ein – er wird Doktor

des Kirchenrechts. Schon

nach seiner ersten Predigt

erhält er viel Anerkennung,

vor allem von den weib -

lichen Kirchgängern. In ei -

nem späteren Kommentar

Königs Heinrich II. wird Ca -

sanova als ein „wirklich

schöner Mann“ beschrieben.

Casanova sieht sich selbst als

„Dienstleister an den Frauen“ und hat trotz un -

terschiedlicher Eskapaden kaum weibliche Geg -

ner innen. 116 Frauen listet er später namentlich

in seinen Memoiren auf, weitere 16 Namen sind

bekannt – über alle weiteren schweigt er. Ca sa -

nova bleibt nie länger als drei Monate bei seinen

Ge liebten.

Bevor er geht, versucht er aber sie zu schützen

und sucht beispielsweise nach Ehe männern für

sie. Als er allerdings der Ge lieb ten seines Gönners

und Kirchenmannes den Hof macht, wird er

wegen „Gotteslästerei“ verhaftet – der tat -

sächliche Grund ist Eifersucht. Aus dem vene zia -

nischen Staatsgefängnis, den soge nann ten „Blei -

kammern“, gelingt Casanova nach 15 langen

Monaten der Einsamkeit und Langeweile eine

spektakuläre Flucht, die europa weit für Schlag -

zeilen sorgt. Die „Bleikammern“ galten bis dahin

als ausbruchsicher und waren berüchtigt für ihre

schrecklichen Haftbedingungen.

Casanova wird ins Exil verbannt und reist in

den folgenden Jahren durch Europa. In adligen

Salons ist er ein prominenter Gast – er ist char -

mant und ein willkommener Unterhalter. Als

Casanova in Geldnot gerät, wird er Glücks- und

Falschspieler. Er ist Mitbegründer einer Lotterie

und nicht zuletzt aktiv als Betrüger. Unter an -

derem verspricht er der französischen Herzogin

d’Urfé mit Hypnose ein zweites Leben. In

Wirklichkeit prellt er sie um ihr Vermögen. Als

ihm das Alter von etwa 60 Jahren die Kraft der

Verführung und des Reisens versagt, erhält er

glücklicherweise die Möglichkeit als Bibliothekar

in der böhmischen Provinz Dux zu arbeiten. Der

große publizistische Erfolg seiner Memoiren rettet

ihn vor dem sozialen Absturz und vor zu großer

Melancholie, wie er selbst schreibt.

Marilyn Monroe

Geboren: 1926, Gestorben: 1962

Ehen: 3

Kinder: keine

Beruf: Model, Sängerin, Schauspielerin, Pro du zentin

Bis heute gilt der 50er-Jahre-Filmstar Marilyn

Monroe als archetypisches Sexsymbol. Ihr werden

Affären mit den Künstlern Frank Sinatra, Marlon

Brando und nicht zuletzt Präsident John F. Ken -

nedy und dessen Bruder Senator Robert Kennedy

nachgesagt. Geboren als Norma Jeane und auf -

gewachsen in schwierigen familiären Verhält -

nissen, flüchtet sich Marilyn Monroe mit 16

Jahren in ihre erste Ehe mit Jugendfreund James

Dougherty. Zunächst arbeitet sie in einer Rüs -

tungs fabrik, wo sie von einem Armee- und

Militärfotografen als Fotomodell entdeckt wird. Es

folgen Aufträge für Titelbilder auf Hochglanz- und

Pin-Up- Maga zinen. Nacktfotos von ihr werden

auch im ersten Playboy als Titelbild und Center -

fold veröffentlicht. Damit wird Monroe das

Pin-up-Girl Nummer eins. Kurz zuvor erhält sie

ihren ersten Vertrag von 20th Century Fox als

Nachwuchsschauspielerin. Sie spielt mehrere

Rollen in verschiedenen Filmen. Neben solchen

in zweitklassigen Filmen erhält sie auch kleine

Rollen in wichtigen Filmen, die ihr großes

Aufsehen bei den Zuschauern verschaffen. Ihre

wachsende Popularität verdankt sie auch der

Förderung durch mehrere Männer. Diese ersten

Rollen festigten ihren Ruf als Sexbombe und

beschweren ihren später immer stärker wer -

denden Wunsch ernsthafte Figuren zu spielen. Zu

ihrer unverkennbaren Art des Sex-Appeal gehört

der Augenaufschlag und Blick hinauf zum

„großen, bewunderten Mann“. Es entspricht

nicht dem heutigen Bild einer modernen,

emanzipierten Frau, sondern

ist Schwäche und Verführung

in einem. Monroe heiratet

noch zwei weitere Male. Nach

der Trennung von Dogherty,

heiratet sie den Baseball-Star

Joe DiMaggio. Diese Ehe hält

neun Monate. Es schließt sich

die Beziehung mit dem elf

Jahre älteren Schriftsteller und

Intellektuellen Arthur Miller

an. Von Miller trennt sich

Monroe nach einem miss -

glückten Versuch in den

Wech sel des Charakterfachs

mit dem Millers Drehbuch

zum Film „Misfits – nicht ge -

sellschaftsfähig“. Es ist der

letzte Film von Marylin Mon -

roe. Sie stirbt 1962 im Alter von 36 Jahren durch

eine Überdosis Schlafmittel – daher wird von ei -

nem Selbstmord ausgegangen. Doch um die

Todesumstände ranken sich zahlreiche Legenden.

Die am weitesten verbreitete Verschwörungs -

theorie zu ihrem Tod besagt, dass John F. Kennedy

sie durch die CIA habe ermorden lassen. Ihre an -

gebliche Affäre sei eine Gefahr für das Amt als Prä -

si dent der USA gewesen. Monroes letzter öffent -

licher Auftritt war einige Monate zuvor auf der

Geburtstagsfeier des Präsidenten, wo sie „Happy

Birthday, Mr. President“ auf besondere Weise

präsentierte. Über die angebliche Affäre zwischen

Marilyn Monroe und John F. Kennedy existieren

jedoch keine genauen Erkenntnisse. In Interviews

äußerte sich Monroe nie darüber. Auch Mit -

schriften und Tonbänder, die sie kurz vor ihrem

Tod für ihren Psychoanalytiker besprochen hatte

und die nach ihrem Tod veröffentlicht wurden,

geben keine Auskunft über eine gemeinsame

Affäre. Angeblich bestand auch zwischen Monroe

und Kennedys Bruder Robert ein Verhältnis.

Sicher ist, dass er zusammen mit seinem Schwager

die Schauspielerin am Tag zuvor und in der Nacht

ihres Todes aufgesucht haben. Die These, dass die

Kennedys Monroes Tod verursacht hätten, wird

erst in den 80er Jahren in einer BBC Doku men -

tation aufgestellt, aber nie eindeutig belegt.

Marilyn Monroes Bestattung im Mai 1962

wurde von Exmann Joe DiMaggio organisiert.

Bild: Lena Hitzenberger, Katharina Merz


2/2017 LUST UND SEX

15

Haben Männer

immer Lust?

Werden Männer tatsächlich von ihrem

»besten« Stück getrieben oder handelt es sich

dabei nur um ein Klischee?

VON EDVIN IBRAHIMOVIC

Die Fakten sprechen klar für sich.

Männer denken 18 Mal am Tag an Sex

und haben elf Mal über den Tag

verteilt eine Erektion. Nächtliche

Erektionen können sogar zwischen 20

und 50 Minuten andauern. Genau so oft denken

Männer auch an Essen und Schlafen, aber es wird

im Allgemeinen nur über »18 Mal am Tag an Sex

denken« gesprochen. Forscher sind dieser These

ebenfalls nachgegangen und die ersten Ergebnisse

bringen zum Teil Ernüchterung. Vielleicht sogar

die Bestätigung.

In der Wissenschaft wird kräftig diskutiert, ob

diese Ergebnisse auf alle Männer zutreffen. Wenn

es nach den Forschern geht, sind Frauen viel

aktiver auf der Suche nach Lust und Begierde. Bis

zu zehn Mal am Tag, denken Frauen an erotische

Fantasien oder sogar an den Akt. Hierbei unter -

scheidet sich grundlegend die Suche nach der

Befriedigung dieser Lüste, sowie Gedanken

zwischen Mann und Frau. Der Mann sucht die

Befriedigung seiner Lust und ist eher in der Lage

Sex von Gefühlen zu trennen als die Frau. Somit

sind Männer, vor allem, wenn es um den Akt

geht, weniger wählerisch.

Doch ist das der Grund, weshalb die

Behauptung »Männer haben immer Lust« so weit

verbreitet ist? Frauen hingehen sind viel

wählerischer. Falsch! Frauen können ebenso das

Eine vom Anderen trennen. Sich der Lust frei und

unkompliziert hinzugeben fällt den Damen in der

heutigen Zeit leichter. Sie sind ebenfalls ex -

perimentierfreudiger geworden und wissen ge -

nau, was sie wollen. Der einzige Unterschied

hierbei ist, Frauen machen dies zur Kopfsache

und können nicht so schnell abschalten wie die

Männer bis sie sich fallen lassen.

Der amerikanische Autor Daniel Bergner stellt

in seinem Buch »Die versteckte Lust der Frauen«,

sogar die Behauptung auf, dass Frauen für

monogame Beziehungen weniger geeignet seien

als Männer. In einem Blogeintrag auf der Seite

frauenmut.com spricht die Sexualpädagogin und

Kabarettistin Barbara Balldini über ähnliche

Thesen. Auf die Frage, ob Frauen weniger Lust als

Männer haben antwortet sie: »Nein, genau das

Gegenteil ist der Fall: Ich glaube sogar, dass

Frauen noch viel mehr Sex haben wollen als

Männer. Es gibt halt eine männliche und eine

weibliche Sexualität und diese sind komplett

unterschiedlich«. Beim Mann wird wenig

zwischen »gutem« und »schlechtem« Sex

unterschieden. Logischerweise führt dieses

Verhalten öfter zum Geschlechtsverkehr.

Frauen verzichten lieber auf schlechten Sex,

egal ob sie die Lust dazu verspüren ihren

sinnlichen Wünschen nachzugehen. Ob

diese Thesen der Wahrheit entsprechen,

wird wohl nie ganz geklärt werden können,

denn diese würden unserem heutigen gesell -

schaftlichen Bild nicht gerecht werden.

Denn Frauen sind »fixiert« und auf der

Suche nach dem »Richtigen«. Man könnte

meinen, deren Verlangen seien konkreter und

diskreter. Ein weiterer Unterschied liegt hierbei

auch in der Evolution und der Biologie der

unterschiedlichen Organismen. Im männlichen

Wesen ist seit Begin der Zeit die Streuung seines

Erbguts fest verankert und somit ist er immer auf

der Suche nach potentiellen Partnern, um dieses

weiterzugeben. Doch diese These wurde nicht

eindeutig belegt und darf somit auch angezweifelt

werden.

Hingegen ist die Theorie des Biorhythmus

handfester und nachweisbarer. Was sich nach

komplizierter Biologie anhört, ist aber schlicht weg

den Hormonen zuzuschreiben. Der männliche

Körper produziert wesentlich mehr Testosteron.

Trotz dem bedeutet dies nicht, dass Männer durch

ihren Testosterongehalt stärker getrieben werden.

Die ungleiche Verteilung der Hormone sagt noch

nichts über die Lust aus. Frauen reagieren auf

kleine Mengen viel intensiver, insbesondere

während ihr Menstruation und den dazu -

gehörigen Hormonschwankungen. Nach einer

Entbindung wird die Lust der Frau durch das

Milchhormon »Prolaktin« sogar »nur« gebremst.

Beim Mann sind solche starken Schwankungen

kaum vorhanden, was somit die Lust ein stückweit

immer aufrecht erhält.

Die Tageszeiten spielen ebenfalls eine große

Rolle. Männer sind morgens lustvoller, da ihr

Hormonhaushalt um etwa 30 Prozent ansteigt.

Ein Anzeichen dafür ist die berühmte »Morgen -

latte«. Wohingehen Frauen abends das Verlangen

nach Hingabe und Zärtlichkeit verspüren. Frauen

geben sich leichter hin, wenn sie einen freien Kopf

haben. Dies bedeutet nicht, dass Männer

schmerzfreier und resistenter gegenüber Stress

sowie auch Druck wä -

ren. Neusten Studien

zufolge leiden so immer

mehr Männer an Lust -

losigkeit als an Potenz stö -

rungen. Sie wer den schlicht -

weg zu »Sex-Muffeln«, die

auch einfach mal klar »Nein!«

sagen. Gründe hierzu gibt es

viele, die eindeutigsten darunter

sind Stress, Druck und Anzeichen

auf Krankheiten und die immer

höhere Erwartungshaltung. Aber

auch die Jahreszeiten spielen

eine wichtige Rolle für das

Lust empfinden. Die britische

Leeds Uni versity führte eine

Studie durch, um dieser

Tatsache auf den Grund zu

gehen. In der wird besagt,

dass Frauen anziehender

auf Män ner wirken,

wenn sie 40 Pro zent

ihrer Haut zeigen.

Auch das könnte

eine plausible Er -

klärung sein, wa -

r um die Sommer -

zeit für die Männer

am lust vollsten ist.

Die lustvollste Zeit für

Frauen hingegen ist der Frühling.

Häufig werden die Signale der Männer auch

einfach falsch gedeutet. Frauen fühlen sich zu Sex

bedrängt oder animiert, wenn ein Mann im Bett

eine Erektion hat. Dies muss aber nicht zwingend

ein Indiz dafür sein, dass »Er« in dieser Situation

wirklich Geschlechtsverkehr haben will. Wenn

der Mann sich entspannt und zur Ruhe kommt,

bekommt er manchmal eine Erektion. Hierbei

reicht dem männlichen Körper allein ein Gefühl

des Wohlbehagens oder der Freude aus. Somit

spielen die Gedanken und Gefühle bei Männern

also auch eine Rolle dafür, ob sie auf Touren

kommen oder einfach nur Zärtlichkeit und

Wärme genießen wollen.

Die Frage, ob Männer immer Lust haben, ist

schwer zu beantworten – da sind sich Forscher

einig. Es spielen viele Faktoren eine Rolle und

zwar sowohl beim Mann als auch bei der Frau,

damit die Lust entfacht wird.Beide Geschlechter

sind auf der Suche nach Geborgenheit und Nähe.

Auf welchem Weg dies zum Ausdruck gebracht

wird ist individuell.


16 LUST UND SEX

mediakompakt

Lust auf mehr Lust?

Statt Liebe, Lust und Leidenschaft Alltag und Uni-Stress? Dann wird’s Zeit für einen

Griff in Amors Küche. Viele Lebensmittel, die sich im studentischen Haushalt verstecken,

haben eine aphrodisierende Wirkung. Wir stellen euch 8 dieser Lustmacher und ihre verborgenen

Talente vor. Das heißt: Schluss mit auf‘s Sofa plumpsen und über dem Schreibtisch

brüten. Es wird wieder durch die Laken gewühlt!

VON MARIA BEERBOOM

Sinnliche Vitaminbombe

Das Liebesgewurz

Lust auf eine lange, nicht endende

Liebesnacht? Der hohe Vitamin C-Gehalt

der Erdbeere steigert die Ausschüttung

von Sexualhormonen. Das viele Zink

fördert die Produktion von Testosteron.

Eine unschlagbare Kombination für

mehr Spaß und vor allen Dingen Ausdauer

im Bett.

Kleiner Tipp: Die Erdbeeren in

Schokolade tauchen. Doppelt hält besser!

Liebe geht auch durch die Nase. Daher

kann zu viel Zimt definitiv nie schaden:

Denn Zimt regt bei Männern und

Frauen die Produktion von Pheromonen

an. Pheromone enthalten Lockstoffe,

die deinen Gegenüber unbewusst beeinflussen

und die Begierde wecken.

Bei Frauen soll sich das Liebesgewürz

übrigens auch positiv auf die Eigeninitiative

beim Sex auswirken und sie zu

Verführerinnen machen.

Scharfmacher

Allround-Anturner

It’s getting hot in here. Der Biss in

die rote Schote wird vom Körper als

Schmerz wahrgenommen und verursacht

die Ausschüttung von

Glückshormonen. Diese können

nicht nur schmerzlindernd sondern

auch ziemlich anregend wirken.

Außerdem regt die Schärfe die

Durchblutung an – wovon

bestimmte Körperteile besonders

profitieren.

Der kleine Freund macht nicht immer,

was er soll? 1 Glas Granatapfelsaft pro Tag

steigert den Testosteron-Spiegel bis zu

einem Drittel. Bei Männern stärkt das

Zaubermittelchen die Männlichkeit, bei

Frauen hebt es – aufgepasst! – die

Stimmung.

Außerdem reizt das im Granatapfel

enthaltene Piperidin die Schleimhäute

und zwar besonders in dem Bereich

where the magic happens.

ERDBEEREN

CHILI

GRANATAPFEL

ZIMT

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Ausdauer

Sinnlichkeit

Lange Nacht

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Durchblutung

Glücksgefühl

Heiße Nacht

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Stimmung

Energie

Stehvermögen

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Anziehung,

Eigeninitiative

Verführung


2/2017 LUST UND SEX

17

Die susse Versuchung

Schokolade macht durch die Ausschüttung

von Glückshormonen nicht nur glücklich,

sondern durch den erotischen Botenstoff

Phenylethylamin auch sinnlich.

Wir befürchten allerdings, dass ziemlich

viel Schokolade verputzt werden muss, um

die gewünschte Wirkung zu erzielen. Nur

gut, dass man mit flüssiger Schokolade noch

so viele schöne andere Dinge anstellen kann.

Der scharfe Lusthelfer

Ingwer bringt den Körper auf Hochtouren

und fördert die Durchblutung.

Die scharfe Knolle soll Männer empfindsamer

machen und bei Frauen die

sexuelle Aggressivität steigern.

Unser Fazit: Probieren geht über

Studieren!

Unsere Empfehlung: Lieber auf Nummer

sicher gehen und die Tasse heiße Schokolade

immer mit scharfer Chili würzen.

Der dufte Verfuhrer

Pure Potenz-Power

Spargel haben nicht nur wegen der unverkennbaren

Phallus-Optik eine erotisierende

Wikung. Spargelstangen stecken voller Mineralstoffe,

Zink und Folsäure. Diese wirken sich

positiv auf die Durchblutung (und die Erregung)

der unteren Körperhälfte aus.

Das kann für die Performance beim Liebesspiel

sicher nicht schaden. Ein Hoch auf die

Spargel-Zeit!

Na wer hätte das gedacht. Knoblauch

ist aphrodisierend. Und zwar nicht zu

knapp. Knoblauch wirkt gefäßerweiternd,

sodass mehr Blut durch die Venen

fließen kann. Gerade bei Männern

durchaus von Vorteil.

Damit die Lust aber nicht allzu schnell

wieder verduftet, sollte man vorzugsweise

nur gemeinsam zur Knolle greifen.

Falls es dann doch mal richtig duftig

werden sollte: Zimt neutralisiert alle unangenehmen

Düfte und sorgt für

guten Atem.

INGWER

SCHOKOLADE

SPARGEL

KNOBLAUCH

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Durchblutung

Zärtlichkeit

Wilde Nacht

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Glücksgefühl

Sinnlichkeit

Romantik

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Potenz

Energie

Ausdauer

Lustmacher:

Wirkung:

Ziel:

Für Wen?:

Potenz

Durchblutung

Lange Nacht


18 LUST UND SEX

mediakompakt

Das Geschäft mit heißer Ware

Heutzutage ist Sex kein Tabuthema mehr. Die Öffentlichkeit spricht darüber, wir sehen

Fernsehwerbungen für Dessous und vielleicht war der ein oder andere sogar schon

mal auf einer „Dildoparty“. Doch das ist noch längst nicht alles! Oder hast du etwa bisher

von dem Beruf der „Sex Toy Testerin“ gehört?

VON SILVA OLDENBURG

Tuba Frank ist Sex Toy Expertin für den

Erotik-Onlineshop Amorelie.de und gibt

uns spannende Einblicke in diesen

lustvollen Job. Offen und sympathisch

erklärt sie uns, wie man zu diesem

außergewöhnlichen Beruf kommt, was ihre Eltern

dazu sagen und was man unbedingt beim

Benutzen von Sex Toys beachten sollte.

Auch für die männlichen Leser gibt es ein paar

wissenswerte Infos zu erfahren!

mediakompakt: Liebe Tuba, wie kamst Du denn zu

dem Beruf, Sex Toys zu testen?

Tuba: Ich bin tatsächlich eher zufällig dazu

gestoßen.

Durch den Facebookpost einer Bekannten kam

ich dazu, bei dem Projekt „Lovelounge“ von

Amorelie mitzumachen. Das ist eine Sendung, die

im Fernsehen auf Sixx ausgestrahlt worden ist.

Dort haben wir verschiedene Boxen ausgepackt

und darüber gesprochen. Es hat mir wahnsinnig

viel Spaß gemacht!

Mich hat das Thema interessiert und sie haben das

so schön und erfrischend aufbereitet. Ich kannte

bisher immer nur diese schmuddeligen Sex Toy

Läden. Daraufhin wurde ich von Amorelie

angesprochen, ob ich das Gesicht für das

Unternehmen sein möchte.

mediakompakt: Arbeitest Du denn hauptberuflich

als Sex Toy Testerin?

Tuba: Mittlerweile bin ich, wie gesagt, zum einen

das Gesicht für Amorelie, sprich ich teste Sex Toys,

bin aber auch Ansprechpartnerin für die Presse,

wenn es beispielsweise um Fragen nach den

beliebtesten Sex Toys des vergangenen Jahres

geht. Zum anderen bin ich auch Event Managerin

für Amorelie. Ich organisiere dann interne wie

externe Events.

Sex Toy Expertin Tuba Frank erklärt uns alles, was man über diesen Job wissen muss!

Bild: Amorelie

mediakompakt: Dazu gehört bestimmt auch eine

Portion Sicherheit im Umgang mit dem Thema

Sex. Warst Du schon immer so offen damit?

Tuba: Ja. Jein… Ich bin generell ein sehr offener

Mensch und hatte schon immer das Gefühl, dass

Frauen sich weniger mit sich selbst und diesem

Thema beschäftigen.

Durch das Projekt mit Amorelie ist mir klar ge -

worden, wie schön deren Mission ist. Das hat mir

den Mut gegeben, diese Botschaft anderen Frau en

weiterzugeben und noch offener zu werden.


2/2017 LUST UND SEX

19

Und natürlich, wenn man jeden Tag über Sextoys

und Sexpraktiken spricht, gewöhnt man sich auch

daran. Mein jetziger Freund hat bei unserem

Kennenlernen gesagt, ich würde über Sex

sprechen wie andere Menschen über’s Frühstück.

Und da merke ich dann, ja ich bin tatsächlich

offener als andere – aber auch offener geworden,

seitdem ich bei Amorelie arbeite.

mediakompakt: Gibt es auch Dinge in diesem

Themenbereich, die Dir unangenehm sind?

Tuba: Um ehrlich zu sein nicht, nein.

mediakompakt: Wie hat denn Dein enges Umfeld

anfangs auf Deinen Beruf reagiert?

Tuba: Bisher habe ich tatsächlich nur gute

Erfahrungen gemacht. Meistens sind alle super

neugierig und wollen noch mehr wissen.

Es kam schon mal vor, dass ein Mann das Thema

nicht so entspannt aufgenommen hat und kein

Teil des Gespräches sein wollte. Das ist aber auch

total in Ordnung

In meinem privaten Umfeld gab es keine nega -

tiven Reaktionen. Ich bin türkischer Herkunft und

hatte etwas Sorge, wie meine Eltern es auf -

nehmen. Aber auch die waren ganz entspannt.

Meine Mom hat gesagt, ob ich Jeans verkaufe oder

Sex Spielzeug ist vom Prinzip her ganz egal.

führen. Dann lieber mit einem Kondom arbeiten.

Drittens, das Spielzeug nur mit wasserbasiertem

Gleitgel benutzen. Es gibt auch silikonbasiertes

Gleitgel, das würde allerdings bestimmte Mate -

rialien auf Dauer zersetzen.

Ich würde gerne noch einen vierten Punkt er -

gänzen. Und zwar sollte man definitiv die Finger

von Spielzeugen lassen, die einen starken che -

mischen Geruch haben. Das ist immer ein Zeichen

von schlechter Qualität. Ein gewisser Eigengeruch

ist normal, aber den Unterschied zu billigen Toys

merkt man sofort. Am besten steht auf der

Verpackung „medizinisches Silikon“, da kann

man sich sicher sein, dass die Qualität super ist!

mediakompakt: Was würdest Du Männern sagen,

die Angst haben, durch die Spielzeuge Konkurrenz

zu bekommen?

Tuba: Ich würde sagen, dass sie sich keine Sorgen

machen brauchen! Ein Sexspielzeug ist definitiv

kein Ersatz für einen Menschen

Meistens benutzen es Frauen, weil sie Probleme

haben zum Höhepunkt zu kommen, oder weil der

Partner eben gerade nicht da ist.

Bei solchen Ängsten sollte lieber mehr mit der

Partnerin kommuniziert werden. Wenn zum

Beispiel der Höhepunkt der Grund für das Toy ist,

kann es auch ins Liebesspiel mit eingebaut werden

und zusammen genutzt werden. Dann kann sie

ihrem Partner zeigen, was ihr gefällt.

mediakompakt: Bekommst du dein Expertenwissen

eher durch die eigene Erfahrung oder gibt es sogar

eine Art Fortbildung in diesem Bereich?

Tuba: Eigentlich nicht wirklich. Also es gibt natür -

lich das Studium der Sexual wis senschaft, aber bei

mir sind es tatsächlich eher eigene Erfahrungen.

Das Unternehmen betreibt auch viel Feld -

recherche, sammelt Fakten, befragt Tester und

erstellt Umfragen. Ich löchere wirklich auch viele

meiner Freunde und Bekannte. Unsere Supplier

liefern ebenfalls datenbasierte Fakten zu ihren

Toys. Da kommen Informationen der verschie -

densten Bereiche zusammen.

Ich sauge das alles in mich auf und versuche nach

bestem Wissen alle Anfragen zu beantworten. Ich

muss natürlich sagen, dass ich keine Sexual wis -

sen schaftlerin bin, sondern eigentlich eine Toy

Expertin. Trotzdem passiert es manchmal, dass ich

ein wenig Dr. Sommer spielen muss. Wenn ich

E-Mails von Frauen bekomme, die meinen Rat

möchten, antworte ich bestmöglich aus meinem

Erfahrungsschatz, um ihnen eventuell helfen zu

können.

mediakompakt: Gibt es Toys, die Du generell nicht

testen magst?

Tuba: Generell nicht wirklich. Nur manchmal

macht es eben keinen Sinn. Ganz am Anfang, als

ich bei Amorelie angefangen habe, war ich Single,

und da dann Partnertyos zu testen wäre natürlich

schwierig. Analtoys sind auch nicht unbedingt

meine Lieblingsspielzeuge, aber ansonsten teste

ich fast alles.

mediakompakt: Was passiert, wenn Du ein Toy als

schlecht empfindest?

Tuba: Wir haben einen relativ großen Pool an

Paaren und Personen, die Toys für Amorelie

testen. Das Feedback fließt dann in die Bewertung

mit ein.

Wir haben nicht nur Eigenmarken, sondern

bestellen und kaufen auch Toys von anderen Her -

stellern. Wenn die Bewertung schlecht ausfällt,

wird natürlich aussortiert. Bei den Eigenpro -

duktionen fließen die Kritiken dann auch direkt

in die nächsten Planungen mit ein.

mediakompakt: Was sind die wichtigsten drei

Basics, die jeder über den Umgang mit Sex Spiel -

zeugen wissen sollte?

Tuba: Erstens, ganz wichtig, die Toys unbedingt

immer vorher waschen. Selbst wenn sie nur in der

Schublade lagen, kann sich Staub ansammeln.

Lieber einmal mit heißem Wasser und eventuell

etwas Seife abwaschen. Dabei aber auch darauf

achten, ob das Material porös ist. Wasser reicht

meistens aus.

Der zweite Punkt ist eigentlich klar, bitte die Toys

nicht teilen. Ebenso sollte darauf geachtet wer -

den, wie es benutzt wird. Wenn man ein Toy anal

anwendet, empfiehlt es sich nicht, es danach

direkt vaginal zu verwenden. Das würde Darm -

bakterien verteilen und kann zu Entzündungen

TOY & SEX FACTS

Who Run The World? Girls!

Während sich die Erotik Branche früher vor

allem an Männer gerichtet hat, sind heute

Frauen die wichtigste Zielgruppe für Un -

ternehmen wie Amorelie, Eis, Dildofee & Co.

Lieblingsstück Vibrator

Durex berichtet von einer Studie, in der 71%

der Befragten von 25–34 Jahren angeben,

Sexspielzeuge zu verwenden. Bei denjenigen,

die Toys verwenden, liegt der Vibrator mit

62% vorne.

Mädels, Sekt und Toys!

Interessiert an einem Sex Toy, aber welches

bloß und woher?! Gerne kommt eine Expertin

zu dir nach Hause und erklärt dir und deinen

Mädels in entspannter Stim mung eine Aus -

wahl des Sortiments. Das passiert bei der

sogenannten „Dildoparty“. Natürlich habt ihr

anschließend die Mög lichkeit euch aus -

zustatten! Z. B. unter www. dildo- fee.de oder

www.amorelie.de/ dildoparty

Dirty Talk

Amorelie befragte rund 2.000 Männer und

Frauen zum Thema Sex. Für 93% ist es kein

Tabu mehr, das Thema Sexspielzeug im

Bekanntenkreis zu thematisieren.

Gönn Dir!

Auch in Puncto Selbstbefriedigung wurde

nachgehakt. Jeder dritte Mann masturbiert

mehrmals die Woche und 13% sogar täglich.

Wohingegen 40% der Frauen sich nur einmal

im Monat oder seltener selbst befriedigen. Da

geht noch mehr, Ladies!

Außer Konkurrenz

Laut Recherchen von MTV geben 70% der

Männer an, von der Benutzung von Sex Toys

nicht eingeschüchtert zu sein.

Happy Time

Der Sex Toy Hersteller Fun Factory gibt

ebenfalls einige interessante Fakten preis. Ein

Drittel der Befragten benutzen Sextoys bis zu

einmal die Woche. 53% greifen mindestens

einmal im Monat zu Vibrator, Dildo, Plug und

Co!

62% der Sextoynutzer waren beim ersten Mal

zwischen 18–29 Jahre alt.

Prickelnde Arztbesuche

Um 1880 wurden Frauenleiden beim Arzt

durch Vaginalmassagen behandelt. Da der

Ansturm auf diese angenehme Therapie bald

sehr groß wurde, entwickelte Dr. Mortimer

Granvill den ersten Vibrator.


20

LUST UND SEX

mediakompakt

Polyamorie –

Lieb‘ doch einfach wie du willst!

Sonntagmorgen. Du wachst neben deiner großen Liebe auf, ihr kommt kaum aus den

kuscheligen Laken heraus. Plötzlich guckt er auf sein Handy und du siehst aus dem Augen -

winkel, dass er eine Nachricht auf dem Display hat: „Hey mein Hübscher, wann soll

ich heute Abend zu dir kommen?“ Panik? Eifersucht? Nein. Es ist völlig in Ordnung für dich,

da ihr eine Beziehung führt in der mehrere Partner zur gleichen Zeit erlaubt sind.

VON NATHALIE SEGER

Polyamorie. Ein Begriff, der das Lieben

von mehreren Menschen zur selben

Zeit beschreibt. Das Wichtige dabei:

Alle Beteiligten wissen davon und

sind damit vollkommen einver stan -

den, es herrscht Gleichberechtigung und man

kann mit mehr als nur einem Partner über einen

Zeitraum hinweg Sex haben. Das Konzept stellt

die Vor stellung in Frage, dass monogame Zweier -

bezie hungen die einzige erstrebenswerte Form des

Zusammenlebens sind.

Clara und Paul – zwei ganz normale Studenten

die hinter diesem Konzept stehen, haben jeweils

verschiedene Erfahrungen mit dem Poly-Dasein

gemacht. Clara (23) hatte eine Zeit lang eine poly -

amore Beziehung bis die andere Partnerin ihres

Freundes ausgestiegen ist. Heute, nach drei Jah -

ren, ist sie immer noch mit ihrem Freund zu sam -

men und sie haben das Arrangement getrof fen,

dass sie auch mit anderen schlafen können.

Paul (28) hat sehr lange polyamor gelebt. Seine

jetzige Freundin hat er auf Tinder kennengelernt.

Seitdem lebt er monogam, weil es ihr so lieber ist

und er damit auch gut klarkommt.

mediakompakt: Wie würdet Ihr eine polyamore

Beziehung beschreiben?

Clara: Ein ultimatives Modell dafür gibt es nicht. Es

gibt immer Unterschiede wie die Beteiligten

darüber miteinander reden und wie sie sich am

wohlsten fühlen. Bei mir gab es die Regelung, dass

man andere Leute kennenlernen und auch mit

ihnen intim werden darf. Wir haben immer be -

sprochen wie es uns damit geht und konnten auch

sagen, wenn uns das zu anstrengend wurde. Dann

hat man eben gemeinsam versucht einen Umgang

zu finden mit dem sich beide wohlfühlen.

mediakompakt: Wie habt ihr bemerkt, dass diese Art

von Beziehung etwas für euch sein könnte?

Paul: Ich war 14 als ich meiner damaligen Freun -

din gesagt habe, dass ich keine bürgerliche Zweier -

beziehung möchte – zu der Zeit wusste ich selber

nicht was das für mich heißt. Ich wusste nur, dass

ich nicht so etwas wollte wie es meine Mutter

damals hatte: Die typische „Häuschen -Hund-

Frau-Beziehung“.

Clara: Ich hatte nie eine klassische Beziehung, nur

kleine Romanzen. Manche Leute gehen sogar so

weit, dass sie das Poly-Dasein als Lifestyle sehen.

Ich wollte keinen Lifestyle finden sondern meine

Beziehung so führen, dass alle zufrieden sind. Als

ich meinen Partner kennengelernt habe, hatte er

bereits eine Beziehung und als wir angefangen

haben miteinander zu schlafen, war es dann gar

keine Frage mehr. Ich hätte von mei nem Partner

niemals verlangt sich für eine zu ent scheiden –

mich oder seine bestehende Bezie hung. Ich finde

es einfach sehr hart zu sagen „Weil wir uns

mögen, darfst du niemand anderen auf dem Level

Sex und Liebe mögen – außer mir.“

mediakompakt: Also geht es nicht bloß um Sex?

Clara: Das kommt ganz drauf an was man von dem

Menschen möchte. Manchmal willst du nichts

Anderes als mit ihm zu schlafen und wenn das für

beide ok ist, dann ist das eben die Art der Zusam -

menkunft. Es ist wichtig, wie die Leute das Thema

behandeln und wie sie sich dazu stellen. Wenn

jemand mit von der Partie ist, für den eine Poly-

Beziehung nicht das Wahre ist, dann kann das

natürlich auch ziemlich er nüchternd ausgehen.

Paul: Der Meinung bin ich auch. Es gibt Leute, die

wollen einfach nur mit mehreren ver schiedenen

Personen Spaß haben und es gibt Leute, die

mehrere feste Liebesbeziehungen führen wollen,

weil sie der Meinung sind, dass das Gefühl der

Liebe nicht auf eine Person begrenzt ist.

mediakompakt: Wie geht ihr vor, wenn ihr einen

neuen Partner für eine bereits bestehende Be -

ziehung aussucht?

Clara: Wenn ich jemanden kennenlerne, dann

sage ich ihm, dass ich eine offene Beziehung habe

und dann zeigt sich alles schon ziemlich schnell.

Viele sind dann sofort abgeschreckt und es ist

ihnen zu heikel.

Paul: Ich habe relativ schnell die Erfahrung

gemacht, dass es ein Unterschied ist, ob die Leute

nur sagen es wäre in Ordnung oder ob sie damit

schon Erfahrungswerte haben. Ehrliche Kommu -

nikation ist also ein grundlegender Faktor in der

Polyamorie. Mit meiner damaligen Freun din war

ich ungefähr 3 Monate zusammen, dann haben

meine Freunde und ich gemeinsam einen Ausflug

zum Bodensee geplant. Plötzlich sind alle

abgesprungen und am Ende bin ich mit einer

guten Freundin allein hingefahren. Da kommt

man sich dann natürlich auch näher. Meine feste

Freundin wusste aber auch schon zu Beginn, dass

ich keine monogame Beziehung möchte. Schließl -

ich war ich mit beiden Frauen auf einem Festival

und plötzlich ging die eine mit einer Bierflasche

auf die andere los.

mediakompakt: Wie reagieren denn eure Mit -

menschen auf das Thema? Gibt es da öfters mal

Vorureile?

Clara: Ich finde es immer sehr unangenehm mich

rechtfertigen zu müssen. Schon oft wurde ich

Dinge gefragt wie „Warum macht ihr das, ich

kann das nicht, weil ich will ja was Ernsthaftes“.

Manche machen das nicht mit Absicht oder mer -

ken es nicht einmal, dass sie etwas Verletzendes

sagen. Für die meisten ist es total abartig eine

Poly-Beziehung zu führen und sehr unvereinbar

mit ihrer Vorstellung. In meinem alten Freundes -

kreis war das tat sächlich ein großer Streitpunkt.

Teilweise zeigen die Menschen viel Faszination,

aber vor allem auch Abschreckung und keine

Bereitschaft darü ber diskutieren zu wollen.

mediakompakt: Gibt es denn bestimmte Regeln?

Clara: Was ich immer ganz wichtig finde ist, wenn

man zusammen etwas unternimmt oder feiern

geht, man eben auch zu zweit bleibt und nicht mit

jemand anderem rumknutscht oder sogar abhaut.

Paul: Ja, genau das ist so eine typische Regel.

Obwohl man nicht in einer bürgerlichen Bezie -

hung ist, muss man sich doch über einige andere

Dinge Gedanken machen. So sollte man sich zum

Beispiel auch darum kümmern, dass sich niemand

im polyamoren Netzwerk vernachlässigt fühlt.

mediakompakt: Gerade wenn es um Eifersucht geht,

kommt es bestimmt öfter mal zu Streitigkeiten.

Das ist ja auch menschlich. Da muss man schon

ziemlich mit sich im Reinen sein, oder nicht?

Clara: Eifersucht entsteht, wenn man denkt, man

habe das exklusive Recht auf seinen Partner. Wird

das verletzt, beispielweise in Form eines Seiten -


2/2017

LUST UND SEX

21

sprungs oder auch nur durch das attraktiv finden

anderer Menschen, dann wird man eifersüchtig.

Man überlegt sich dann: „Jetzt hat mein Partner

also mehrere Leute, die er gut findet“. Man fängt

an sich mit den Leuten zu vergleichen und denkt

„Die Andere ist schlanker, schöner oder vielleicht

besser im Bett“. Daher wird man eifersüchtig. Man

kann es aber auch einfach sein lassen sich mit

anderen zu vergleichen. Es einfach ablegen und

sich immer daran erinnern, dass dein Partner dich

trotzdem liebt und toll findet, du aber eben nicht

die Einzige bist. Das klappt natürlich nicht immer

sofort. Bei mir kam das auch nicht über Nacht. Wir

mussten sehr viel darüber reden, haben uns viele

Gedanken gemacht und versucht es so hinzu -

bekommen, dass wir beide glücklich sind.

Paul: Eifersucht ist ein absolut bekanntes Phä -

nomen in monogamen Beziehungen, sogar ohne,

dass die Leute „fremdvögeln“. Ganz offensicht lich

hat das gar nichts damit zu tun, dass da jemand

schon aktiv den Schritt geht, sondern mit dem

Punkt, an dem man ständig den Partner darauf

abklopft, ob er sich denn noch an die Exklusivität

der Beziehung hält und das finde ich ziemlich

brutal. In der Polyamorie versucht man genau das

abzulegen, indem man ganz offen darüber redet.

mediakompakt: Was ist das Schlimmste, das ihr

jemals in polyamoren Beziehungen gesehen habt?

Paul: Leute, die versuchen genau die gleiche

Unmöglichkeit in einer polyamoren Beziehung

hinzubekommen, an denen sie in einer mono -

gamen gescheitert sind. In einer mono gamen

Beziehung hat man die Vorstellung, ein Mensch

könne für mich etwas sein wie mein Äquivalent,

mein Deckel, mein Lebensglück. Einer anderen

Person Glück geben? Ich kann jemandem

Zuneigung geben, ich kann ihm gute Gesellschaft

geben, Geborgenheit, aber Glück? Das bedeutet ja

die allumfassende Befrie digung all meiner

Bedürfnisse. Ich finde mein Leben ist ein bisschen

mehr als mir mein Partner geben kann. Ich höre

auch gern Musik, gehe auf Politikveranstaltungen,

spiele mit meiner Band, tue Dinge die nichts mit

meinem Partner zu tun haben. Viele erwarten von

ihrem Partner, dass er sie glücklich macht – das

funktioniert aber so nicht. Das erkennen die Polys

auf der einen Seite, dann gibt’s aber auch Polys,

die meinen ein Mensch allein kann dir nicht

Glück geben. Also bauen sie sich ein Netzwerk aus

mehreren Leuten auf, die einem das geben – sowas

finde ich beson ders schlimm. Menschen, die

nicht ver stehen, dass andere nicht dein Glück

erschaffen, sondern nur du selbst das kannst.

mediakompakt: Für die unter uns, die darüber

nachdenken zur Polyamorie zu wechseln: Woher

weiß man, ob eine Poly-Beziehung gut für einen

sein könnte?

Clara: Die meisten Menschen stehen auch auf

andere Menschen. Es ist wirklich nur ganz selten

so, dass man nur einen einzigen Menschen toll

findet. Dann kann man sich überlegen, wie man

damit umgehen will. Will ich meinem Partner

sagen „Lass mal monogam bleiben, ich bin der

einzige Mensch mit dem du schlafen darfst und

wenn du dich nicht daran hältst bin ich verletzt!“.

Dann sagt dein Partner entweder „Na gut, dann

verzichte ich auf mein Bedürfnis mit anderen zu

schlafen.“ – das ist dann aber eine Einschränkung.

Oder ich kann meinen Partner betrügen. So kom -

men Seitensprünge zustande, weil man eigentlich

Lust darauf hat, aber es in einer monogamen

Bezie hung nicht gestattet ist. Da wäre es für

manche Menschen doch ganz gut darüber zu

reden, ob das denn wirklich so unverzeihlich ist

oder man es gemeinsam ausleben möchte.

mediakompakt: Lebt ihr aktuell noch polygam und

wenn ja, seid ihr damit glücklich?

Clara: Aktuell ist es für mich und meinen Freund

gar nicht so ein großes Thema. Ich denke wir

müssen auch nochmal klären, ob das für uns

momen tan cool ist oder nicht. Eine Polybezieh -

ung erfordert einfach auch viel Zeit und in der

heutigen Gesellschaft hat man einfach nicht so -

viel Zeit, um frei darüber verfügen zu können.

Paul: Ich habe lange polyamor gelebt, aber mo -

men tan lebe ich in einer monogamen Bezie hung.

Das ist meiner Freundin so lieber und ich wünsche

mir momentan auch keinen weiteren Partner.

Bild: Nathalie Seger

mediakompakt: Welchen Ratschlag würdet ihr

jemandem geben, der gerne eine polyamore

Beziehung ausprobieren will?

Paul: Derjenige sollten sich fragen, was ihm denn

eigentlich nicht passt. Irgendetwas wird dem -

jenigen ja nicht passen, wenn er etwas Neues

probieren will. Da würde ich den meisten Leuten

den Ratschlag geben, zu überlegen, wieviel sie

tatsächlich verändern können dadurch, dass sie

sich anders zu Leuten stellen. Wenn du ein

Problem mit deinem Job und deinem Leben hast,

dann wirst du dein Heil auch nicht in einer neuen

Art von Beziehung finden. Ich will nicht sagen

„Lebe nicht polyamor, lebe monogam!“, sondern

entwickle ein Bewusstsein dafür, dass ganz viele

Zumutungen, die in Beziehungen rumirren, aus

einem verkehrten Anspruch kommen und es

Dinge gibt, die man in jeglichen Arten von

Beziehungen einfach nicht umgehen kann.

Clara: Ich würde ihm sagen, dass derjenige es in

jedem Fall mit seinem bestehenden Partner

absprechen und ausprobieren soll. Wenn es dann

gut läuft: Miteinander reden, reden, reden.


22

BERUF UND HOBBY

mediakompakt

Zwischen Angst und Leidenschaft

Sie schlägt die Hände vors Gesicht, als die Emotionen sie überwältigen. Bis heute kann sie

kaum glauben es geschafft zu haben und sich endlich ihren Traum zu erfüllen. Es war der

Moment als Nicole Widera entdeckte, was es bedeutet, wenn die Lust zur Leidenschaft wird.

VON JULIA BACHERT

Mit ihren 1,65 Metern und ihren

wilden braunen Locken, nimmt

Nicole strahlend ihre Umgebung

ein, als sie das Café betritt. Ein

halbes Jahr ist es nun her, dass sie

mit dem Beginn ihres Studiums einen großen

Schritt in Richtung Schauspielerei gewagt hat. Seit

September 2016 gibt sie an der Felix Mendelssohn

Bartholdy Hochschule in Leipzig sieben Mal in der

Woche alles, damit sich die Mühe des letzten

Jahres bezahlbar macht.

Noch vor fünf Jahren wäre die Schauspielerei

für Nicole undenkbar gewesen. Bei dieser Erin -

nerung schüttelt sie lachend den Kopf. Als eher

schüchternes Mädchen bewarb sie sich mit 16

Jahren bei einem Casting für ein Theater projekt

einer regionalen Zeitung. Ob es aus der Laune

heraus, aus Lust oder einfach der Versuch etwas

Neues zu wagen war, weiß sie bis heute nicht. „Ich

sagte meiner Mutter einfach, schau mal ich mache

da jetzt mit. Das war völlig verrückt.“ Leider

reichte ihr Talent nicht für das Projekt aus, jedoch

gelang ihr stattdessen die Teilnahme an einem

Jugendclub. Die Zusammen arbeit mit den ande -

ren bereitete Nicole großen Spaß und nach und

nach gewann sie immer mehr an Selbstvertrauen.

In der Zeit zwischen Unterricht am Gymna -

sium und der Schauspielerei entwickelte sich ihre

Lust zur Leidenschaft. Für Nicole ist die Leiden -

schaft etwas langfristiges, ein Traum. Die Lust da -

gegen kommt und geht, sie ist punktuell. So bleibt

die Leidenschaft für das Schauspielern bestehen,

auch wenn sie mal keine Lust auf die Proben hat.

Ihre anfänglichen Gedanken an ein Studium

in Richtung Jura oder Lehramt verschwanden

schnell. Das Theaterwissenschaftsstudium sollte

es werden. Etwas beschämt senkt sich ihr Blick

nach unten, als sie daran denkt, warum sie nicht

gleich den Versuch Schauspielerin zu werden

wagte. Da war es wieder, das schüchterne Mäd -

chen, dass man auf den ersten Blick nicht erwar -

tet. Man merkt ihr die Angst an, sich selbst nicht

zu hoch zu loben. Ohne einen guten Freund

hätte sie wahrscheinlich nie den Mut

gefunden. Ihre Freunde im Jugendclub

waren alles andere als überrascht, als sie

erfuhren, dass Nicole ihre Leidenschaft

zum Beruf machen möchte. Sie gilt trotz

ihrer anfäng lichen Schüchternheit stets

als ehr geizig und diszipliniert, wobei

auch ihre lus tige Art nicht zu kurz

kommt – wichtige Eigen schaften, die

sie für ihre berufliche Zukunft be -

nötigt, um nicht die Energie bei ihrem

ehrgeizigen Berufsziel zu verlieren.

Um einen Platz an einer staatlichen Hoch -

schule für Schauspielerei zu ergattern, muss man

drei Runden bestehen. Vor dem allerersten Vor -

sprechen war Nicole so nervös wie nie zuvor. Ihr

Blick verliert sich in der Ferne bei den Erin -

nerungen daran. Doch all der Stress war umsonst,

denn auch die anderen Kandidaten waren nicht

perfekt. Für Nicole war klar, dass sie mehr Zeit in

die Vorsprechen stecken muss, da es nur selten

jemand auf den ersten Versuch schafft. Umso

unglaublicher war für sie, was dann geschah.

Die ersten zwei Runden an der Felix

Mendelssohn Bartholdy Schule zu meistern, em -

pfand Nicole bereits als einen großen Erfolg, be -

sonders, da sie bei beiden Runden durch Erkäl -

tungen geschwächt war. Noch vor der drit ten

Runde fand die Premiere zu einem Thea terstück in

der Region statt. Direkt von der Premierenfeier

ging es nach Leipzig. Mit wenigen Stunden Schlaf

auf der Rückbank des Autos begann ein 13

Stunden langer Tag. Völlig über müdet und ge -

fühl los hatte sie bereits mit einem Studienbeginn

im kommenden September abge schlossen, nach -

dem bereits drei von vier Mäd chen genannt

wurden, die einen Platz erhalten sollten und sie

auch nicht bei den Nachrückern war.

Als sie den Moment schildert, in dem ihr Name

doch noch genannt wurde, schlägt sie sich die

Hände vors Gesicht und lacht. Noch immer kann

sie es nicht fassen. Ihre glän zenden Augen lassen

an die Trä nen des Momentes erinnern. Den

restlichen Tag fühlte sie sich wie ein Zombie –

während alle anderen fei er ten, wandelte sie wie

benommen durch die Gegend. „Der ge samte

Druck, all das Adrenalin fällt plötzlich ab. Die

Tage zuvor fühlten sich an, als wäre man ei nen

Marathon gelaufen.“ Einen Plan B gab es nie.

Seit Beginn des Studiums änderte sich Nicoles

Leben. Eine neue Stadt, neue Leute und endlich

das Gefühl in der Welt der Schau spielerei an -

gekommen zu sein. Die Tage sind mit Übun gen,

Projekten und Kursen gefüllt, kleine Spielszenen

und Sprecherziehung stehen an. Das Es sen gibt es

zwischendurch aus dem Ein mach glas.

Die Kurse wirken sich auf alle Bereiche ihres

Lebens aus. Durch ihr früheres Hobby Ballett und

Flamenco war sie sich der Körpersprache bereits

sehr bewusst, doch durch die Übungen erhält ihr

Tanz nun eine viel offenere Art. Trotz all der

positiven Aspekte gibt es immer wieder Tief -

punkte. So ist das Sprechen ein langfristiger Pro -

zess, der viel Geduld bedarf. Nicole zeigt einige

ihrer Stimmübungen, wobei es sich meist um ein -

zelne Buchstaben handelt. Auch der Umgang mit

Kritik muss gelernt sein, besonders wenn die

kritischste Person von allen man selbst ist. Denn

obwohl Nicole bereits einiges erreicht hat, hat sie,

auch wenn es ihr nicht anzumerken ist, des

Öfteren Zweifel an sich selbst und ihrer Arbeit.

„Kritik ist nicht nur Kritik an deiner Arbeit, es ist

Kritik an dir selbst“. Für sie ist es eine persönliche

Aufgabe.

Ein weiterer Aspekt, den das Studium mit sich

bringt, ist die Wahrnehmung der Umwelt. Wäh -

rend des Gesprächs blickt Nicole immer wieder im

Raum umher. Ganz unbewusst nimmt sie wahr,

wie die anderen Personen reden, trinken oder

sich bewegen. Denn in der Schauspielerei

geht es da rum, dem Gespielten einen

möglichst rea lis tischen Ausdruck zu

verleihen und so glaub würdiger zu

agieren. Für sie bedeutet das Fluch und

Segen zugleich, denn durch ihre

perfek tionistische Ader wird daraus

eine ständige Arbeit.

Heute hat Nicole nichts mehr mit

der Nicole von früher gemeinsam. Sie

beschreibt die Schauspielerei als

einen ewigen Prozess des Weiter -

entwickelns. Und genau das ist es,

was sie so an ihrem Beruf be geistert.

Bild: Lucas Lentes


2/2017 BERUF UND HOBBY

23

Craft Beer:

Einfach(er)

Genuss

Craft Beer ist ein Trend aus den USA, der seit

einiger Zeit Deutsch lands Brauszene beschäftigt.

Einblicke eines Hobbybrauers.

VON JESSICA COSTA SALGADO

Heute bin ich zu Besuch bei Daniel,

genauer gesagt in seinem Braukeller.

Dieser ist auf den ersten Blick ein

typischer Winzerkeller mit viel gutem

Wein und riesigen Tanks gefüllt mit

Kirschen, Mirabellen und Pflaumen für die

Schnaps herstellung. Doch eine Ecke ist ganz dem

Bierbrauen gewidmet. Ein großer Holztisch domi -

niert den Bereich. Hierauf ist die Brauanlage aufg -

e baut. Daneben stehen Regale gefüllt mit aller -

hand Brauzubehör. Auch ein kleiner Kühlschrank

ist in der Ecke, in dem das Bier lagert. Hier werde

ich den heutigen Tag verbringen und ihm beim

Brauen über die Schulter schauen.

Begonnen hat alles bei ihm mit einem Artikel

aus der „Make“ – ein Magazin für Menschen, wel -

che gerne Dinge basteln, die mit Elektro tech nik

oder Mikrocontrollern zu tun haben. Dort berich -

tete ein Informatiker vom Bierbrauen. Inspiriert

von diesem Artikel bestellte Daniel, selbst Infor -

ma tiker und Sohn eines Winzers, ein Brauset als

Geschenk für seinen Vater. Das Set kam mit wenig

Zutaten aus, keine Spur von Extrakten, unnötigen

Zusatz stoffen oder Pulvern, sondern aus schließ -

lich Hopfen, Malz und Hefe. Das Ergebnis konnte

sich sehen lassen und machte Lust auf mehr – es

war der Auslöser für Daniel, sich mit der Thematik

näher zu befassen. Welche Einflüsse haben die

Zutaten auf den Geschmack und wie verändert er

Bild: Jessica Costa Salgado

sich, wenn die Prozesse geändert werden? Diese

Fra gen findet er besonders spannend. „Wird nur

eine Komponente ausgetauscht oder in einer an -

de ren Menge verwendet, entstehen zwei völlig

verschiedene Biere.“, erklärte er.

Diese Art des Selberbrauens bietet die Möglich -

keit Biere zu erproben, die es hier selten zu trinken

gibt. Wer aufmerksam in der Bierszene unterwegs

ist, bekommt mit, wie stark der Craft Beer Trend

inzwischen bei uns angekommen ist. Bierstile, die

bei uns bisher weniger bekannt sind, wären zum

Beispiel Barley Wine, Pale Ales oder India Pale

Ales. Diese bieten Abwechslung abseits von Wulle

und Dinkelacker. Pale Ale, die Sorte, welche

Daniel heute braut, ist ein obergäriges, helles Bier.

Ein typisches, bei uns bekanntes, obergäriges Bier

ist ein Kölsch, dieses wird bei Raumtemperatur

vergoren und die Hefe zeigt sich an der Ober -

fläche, daher die Bezeichnung Obergärig. Im Un -

ter schied dazu findet die Gärung bei untergärigen

Bieren zwischen acht bis zwölf Grad Celsius statt,

die Hefe befindet sich im unteren Teil des Gär -

behäl ters, wie es bei einem Pils oder Münchner

Hellen der Fall ist.

Der Brauvorgang gestaltet sich für einen Laien

wie mich auf den ersten Blick komplizierter als er -

war tet. Die Brauanlage besteht aus mehreren Töp -

fen, Kesseln und Schläuchen. Der größte Topf ist

die sogenannte Sudpfanne. Darin wird gemaischt,

das heißt das Wasser wird mit dem geschroteten

Malz vermischt, und später die Würze gekocht.

Die Maische muss dabei, abhängig vom Rezept,

sehr genau sogenannte Rasten, bei bestimmten

Tem peraturen halten. Bei dem heutigen Pale Ale

ist eine Rast von circa 60 Minuten bei 67 °C und

anschließend von zehn Minuten bei 78 °C erfor -

derlich. Nach dem Maischen gelangt die Maische

in den isolierten Kessel. Darin wird geläutert.

Durch das Läutern wird die Flüssigkeit aus dem

Malz gefiltert, übrig bleibt die Würze. Diese wird

zurück in die Sudpfanne gepumpt. Dort wird sie

für 70 Minuten zum Kochen gebracht und zu

verschiedenen Zeitpunkten Hopfen hinzugefügt.

Eine Hopfengabe zu Beginn des Kochens beein -

flusst die Bitterkeit, die Spätere das Hopfenaroma

des Bieres. Nach dem Kochen wird ein Strudel, der

sogenannte Whirlpool, in der Sudpfanne erzeugt,

wodurch sich die Trübstoffe in der Mitte des

Kessels absetzen können. Bei diesem Schritt kann

Hopfen hinzugefügt werden, um nochmal einen

extra Kick Aroma mit einzubringen. Die Würze

wird in einen Gärbehälter abgelassen und abge -

kühlt. Zum Abschluss muss die Hefe in die Würze

gegeben werden, damit diese überhaupt zu Bier

wer den kann. Vorher ist es ein zuckersüßes Malz -

getränk. Ab jetzt heißt es warten: Die Gärung dau -

ert ein bis zwei Wochen. Vor der Abfüllung fehlt

noch die Kohlensäure im Bier, diese entsteht in

der Flasche. Hierzu wird entweder Trauben zu cker

oder unvergorene Würze (Speise) in einer defi -

nier ten Menge in das vergorene Bier gemischt und

dann in Flaschen abgefüllt. Die Hefe ver ar beitet

den neuen Zucker, die Kohlensäure bleibt in der

Flasche. Danach muss das Bier noch mehrere

Wochen lagern. Dann ist es trinkbereit.

Daniels Lust am Brauen hat sich auch auf

nach folgende Prozesse übertragen. Etiketten wer -

den selbst gestaltet und gedruckt, der Biertreber

zum Backen von Brot und Burger Buns verwendet

und der Brauprozess kontinuierlich verbessert.

Ein Raspberry Pi und jede Menge Elektronik bau -

teile liegen schon für die nächste Verbesserung

bereit, der Gärprozess soll vom Smartphone über -

wachbar sein.

Wer nun Lust bekommen hat, dies einmal

selbst zu versuchen, der kann das ohne Bedenken

tun. Anfangen kann jeder. Bis zu einer Menge von

200 Litern pro Jahr ist die Herstellung von Bier

steuerfrei. Allerdings muss bereits der erste Liter

beim Zoll angemeldet werden. Am besten fängt

man mit einem guten Brauset, ohne Extrakte an,

um die grundlegenden Schritte kennenzulernen.

Aber aufpassen, das Ganze kann schnell in ein

neues Hobby ausarten. Von Fehlern darf man sich

nur nicht entmutigen lassen. Daniels Versuch ein

Bier abseits des Reinheitsgebots zu brauen, ging

unerwartet schief. Ein vielversprechend klingen -

des Rezept mit Haferflocken, Cornflakes und Po -

len ta misslang ihm, da er einen Arbeitsschritt

über gangen hatte. 25 Liter Selbstgebrautes lan -

dete nach einem ganzen Brautag und mehreren

Wochen Reifung im Abfluss. Doch davon ließ sich

Daniel nicht entmutigen: „Das macht das Brauen

ja so spannend. Der Ansporn, es das nächste Mal

besser zu machen, ist auf jeden Fall vorhanden.”

Auch ein neues Projekt hat er ins Auge gefasst:

Portwein selbst herstellen.


24 BERUF UND HOBBY

mediakompakt

Wenn aus Träumen

und Ideen etwas

Neues entsteht

Nur eine Idee zu haben reicht nicht, um ein Start-up zu

gründen. Max Scharpenack berichtet von seiner Idee

und dem Weg bis zu seinem erfolgreichen Start-up SUCKIT.

VON LENA HITZENBERGER

Lust ist eine intensiv angenehme Weise des

Erlebens. Lust auf Neues haben viele Men -

schen. Doch um seine Träume wahr

werden zu lassen oder Ideen umsetzen zu

können, braucht es Mut und Durchhalte -

vermögen. Mehr als 80 Prozent der Start-ups schei -

tern. Die Gründe sind vielfältig: kein Kapital,

fehlende Nachfrage am Markt, ein nicht funk -

tionierendes Team. Genau diese Risiken neh men

den Gründern oft den Mut, überhaupt den Schritt

zu gehen und ein Start-up zu gründen.

Für den Kölner Max Scharpenack gab es den

Moment des Zweifelns, des fehlenden Muts nie. Er

hatte seine innovative Idee in einer warmen, gesel -

ligen Sommernacht. Während sich der Inhalt der

Flaschen bereits von angenehm kühl in lau warm

gewandelt hatte, sehnte er sich mit seinen Freun -

den nach etwas Besonderem. Und Max über kam

dann eine Eingebung, die sein Leben verändern

sollte. Er hatte Lust auf einen einfrierbaren Long -

drink. Ihm war schnell klar, dass er seine Idee so

schnell wie möglich umsetzen und ein Start-up

grün den muss. Mit seinen Bekannten Elvir Omer -

begovic (vor allem bekannt durch sein Hip-Hop

Label Selfmade Records) und Marco Knauf (dieser

ist bereits als Inhaber des Smoothie Herstellers

truefruits aktiv) entstand nach wenigen Treffen im

Jahr 2014 die gemein same Gründung von

SUCKIT. Ein Wassereis mit Fruchtsaft und Alkohol

oder: der eiskalte Cocktail für heiße Tage.

Für den 31-jährigen Max ist durch die Grün -

dung ein wichtiger und schöner Teil zu seinem

Leben hinzugekommen. Zweifel sind überflüssig.

Daran wird auch heute noch kein Gedanken ver -

schwendet: „Seit ich 19 bin, bin ich selbstständig

und daher Unternehmer durch und durch. Ich

liebe es Träume und Ideen in die Realität zu

bringen und denke dabei wenig an Probleme oder

Hürden, sondern mache einfach.“

Ziemlich schnell ging es nach der Gründung

an die Produktentwicklung, die Produktion und

die Vermarktung. Recherchiert haben die drei

Macher dabei eher wenig, sondern haben ihre Idee

einfach umgesetzt. Während Marco und seine

Frau Inga viel Know-how aus der Produktion,

Logistik und Handel über ihre Erfahrung bei

truefruits in die Waagschale werfen können, ist

Elvir fürs Marketing und den Input zuständig.

Max hingegen ist für das operative Geschäft

zuständig und trifft verantwortungsvoll die

finalen Entscheidungen.

Im Oktober 2016 gab es einen weiteren Mei -

lenstein in der jungen Geschichte des Unter -

nehmens. Mit Elvir präsentiert Max das Unterneh -

men beim Fernsehsender Vox in der Sendung „Die

Höhle der Löwen“. Bei dieser Sendung stellen die

Gründer von Start-ups ihr Unternehmen bis ins

kleinste Detail vor. Die fünf „Löwen“ können

dann als Investoren einsteigen und dem Unter -

nehmen sowohl finanziell als auch fachlich in

Zukunft zur Seite stehen. Auch Elvir und Max

offerieren ihr Unternehmen SUCKIT – wieder

ohne einen Gedanken ans Scheitern zu ver -

schwenden. Zu groß ist erneut die Lust – die Lust

auf Neues. „Ich war kaum nervös und Elvir

sowieso nicht. Ich spreche oft vor Publikum, und

wir wissen zu 100 Prozent wovon wir reden und

haben uns natürlich auch auf die Fragen

vorbereitet,“ berichtet Max. Das Duo konnte am

Ende zwar keinen Investor für sich gewinnen,

doch die Idee kam bei den Löwen gut an. „Die Lust

an dem Unternehmen ist uns damit nicht vergan -

gen. Im Gegenteil: Wir verfahren jetzt weiter nach

Plan. Die Sendung hat uns aber auch einen Schub

auf unserem Weg gegeben und wir finden für

unser Eis mehr Anklang denn je.“

Auch im Einzelhandel ist SUCKIT bereits sehr

gut vertreten. Sowohl bei Rewe, als auch bei Edeka

gibt es das Eis jetzt in mehr 1500 Standorten zu

kaufen. Außerdem ist das Eis neben dem Einzel -

handel noch auf der eigenen Homepage sowie auf

Seiten wie Ebay oder Amazon vertreten.

Insgesamt wurde die Erfrischung im Jahr 2016

mehr als eine Millionen Mal verkauft.

Die erfolgreichen Zahlen könnten natürlich

auch an der provokativen und schrillen Werbung

liegen. Darunter fallen Werbesprüche wie:

„SUCKIT – das Eis, das knallt“, „Wahrscheinlich

das Beste Lutscherlebnis, das du je haben wirst“

sowie „grün macht bei uns blau.“ – Werbung die

pola risiert, Werbung die provoziert. Der Gründer -

Vater Max steht zu der provo kativen Werbung:

„Ich bin selbst recht provokativ und stehe

komplett zu mir und meinen Ecken und Kanten.

Das projiziere ich auch in mein Unter nehmen.

Meine Partner Elvir und Marco sind da ähnlich.

Wir leben die Marke.“

Das Eis gibt es nur für Personen, die älter als 18

Jahre sind zu kaufen. Aktuell sind die fünf Sorten

Rum Orange, Vodka Energy, Strawberry Daiquiri,

Mojito sowie Melon Sour in 10er oder 100er

Boxen erhältlich.

Auch auf bekannten Festivals ist die Erfri -

schung mittlerweile zu finden. Durch Promotion -

teams und Verkaufsstände bei Open-Air-

Veranstaltungen wie Rock am Ring, Rock im Park

oder auch Sonne, Mond und Sterne präsentiert

sich das Unternehmen. Im Jahr 2016 war SUCKIT

an etwa 170 Tagen auf Festivals aktiv. Geplant war

dies eigentlich nicht. „Festivals waren bei der

ursprünglichen Planung überhaupt kein Thema.

Irgendwann kam uns der Gedanke, direkt nach

dem Start, wir könnten dort guten Absatz machen

und gleichzeitig den Wert der Marke steigern. Das

haben wir dann probiert und in 2015 habe ich

dann eine kleine Abteilung aufgebaut, welche sich

ausschließlich damit auseinandersetzt.“

Max liebt seine Produktidee und das daraus

entstandene innovative Produkt. Wenn er es kurz

beschreiben müsste, dann würden ihm nur drei

Worte reichen: „Begehrenswert, Erfrischend,

Lecker“.

Den Mut sich selbstständig zu machen, hatte

der Gründer schon nach dem Abitur. „Es ist für

mich eine Art Strategiespiel, was mir unfassbar

Spaß macht.“ Dieser Mut, aus Ideen, aus Lust oder

aus Träumen etwas Neues werden zu lassen, fehlt

vielen Menschen, denn sie haben Angst zu

scheitern. Max möchte diesen Personen die Angst

nehmen und möchte deshalb an dieser Stelle

noch einen persönlichen Tipp geben, der Mut

machen soll: „Umgebe dich immer mit Unter -

nehmern, die du besser als dich selbst empfindest

und du wirst selbst besser.“

Bild: Lena Hitzenberger


2/2017

BERUF UND HOBBY

25

Ein Traumberuf für Naschkatzen

Von Kopf bis Fuß mit Schokolade bekleckert darf Anna Tag für Tag die dunkle Süßigkeit in

all ihren Variationen herstellen, in Form gießen und natürlich en masse probieren – der

außergewöhnliche Alltag in einer Schokoladenfabrik. VON MARTINA GORNIAK

Spaß an der Arbeit zu haben – für die

meisten Menschen ein entscheidendes

Krit erium bei der Berufswahl. Gegen Geld

Schokolade essen zu dürfen, hört sich

allerdings für viele fast schon surreal an.

Doch auch die Leckereien müssen, bevor sie uns

tagtäglich in den Supermarktregalen begegnen

und zum Kauf verführen, entwickelt, produziert

und getestet werden.

Immer häufiger sieht man ver lockende Aufrufe

von Schokoladenherstellern, die Tester für neue

Sor ten suchen – Bewerber gibt es zahlreiche, denn

das einzige was man mitbringen muss, ist Ehrlich -

keit beim Feedback und gute Geschmacksnerven.

Letztere sind auch für die Arbeit von Anna aus

Biberach in Baden-Württemberg unabkömm lich.

Was sie im Schoko-Business tut, fängt aber eine

Stufe früher an, und zwar in der Herstellung.

Bild: Pixabay

Brombeer Joghurt, Knusperflakes und Kakao-Mousse

Ritter Sport, das Familienunternehmen aus

Waldenbuch, ist für seine quadratischen Tafeln in

wilden Geschmacksrichtungen bekannt. Anna ist

als Praktikantin im Bereich Verfahrensentwick -

lung tätig. Dazu gehört, dass Prozesse in der

Schokoladenherstellung optimiert und neue Pro -

dukte entwickelt werden. Derzeit ist die Abteilung

an einer neuen Schokoladenrezeptur dran. Was

genau entwickelt wird, darf aber nicht verraten

werden. Doch „es passt auf jeden Fall zur Philo so -

phie des Unternehmens. Denn Ritter Sport ist um -

welt bewusst und will ‘reine’ Schokolade herstellen,”

sagt Anna. Um neue Sorten kreieren zu können,

muss außerdem regelmäßig überprüft werden, ob

die vorhandenen Maschinen sich dafür eignen.

Jeden Morgen klingelt Annas Wecker um 5.40

Uhr. Um kurz nach sieben steht sie bereits an den

Maschinen der Fabrik. Dann wird Tag für Tag die

süße Masse zunächst gemischt, gewalzt und dann

conchiert. Die Conche ist ein muschelförmiger Be -

hälter, in den die Schokoladenmasse gefüllt und

dann geknetet, gemischt, durchlüftet und schließ -

lich verflüssigt wird. Das ist die letzte Bearbeitungs -

stufe bei der konventionellen Schokoladenher -

stellung und erst beim Conchieren entwickelt sich

der spezifische Geschmack und die Aromen aller

Inhaltsstoffe können sich in der Masse entfalten.

„Im Anschluss stellen wir dann die Hand -

muster her, Schokoladentafeln, die wir von Hand

eintafeln. Ich schaffe es jedes mal mich kom plett

einzusauen. Ich habe immer Schokolade an meinen

Kleidern – immer, “ erzählt Anna. Zum Glück trägt

sie bei dem ganzen Prozess einen Arbeitsmantel

und Sicherheitsschuhe und „eine wunderschöne

weiße Haube auf dem Kopf,” fügt sie schmun -

zelnd hinzu. Bei der Frage, was an ihrer Arbeit am

meisten Spaß macht, muss Anna nicht lange über -

legen: “Wenn du so ein Rezept entwickeln kannst

und von Anfang an dabei bist, finde ich alles echt

gut und spannend, aber ich glaube es ist das Ein -

tafeln, was mir am meisten Spaß macht.”Und

noch etwas fällt ihr auf Anhieb ein: „Die Schoko -

lade direkt aus der Produktion zu essen! Das ist so

lecker! Sie schmeckt einfach anders, wenn sie un -

mittelbar aus der Produktion kommt und hat

einen noch frischeren Geschmack – dann esse ich

sogar weiße Schokolade, die ich eigentlich hasse.”

„Manchmal probierst du eben nur ein halbes Stück und

wirfst den Rest weg...”

Noch darf Anna Rezepte nicht selbst entwi -

ckeln, diese werden von Mitarbeitern mit Erfah -

rung vorgegeben. Dennoch ist sie in den ganzen

Herstellungsprozess vollständig eingebunden und

darf überall mit anpacken. Ob das nicht irgend -

wann mal zu viel wird, tagein tagaus dem Geruch

und Geschmack der Schokolade ausgesetzt zu sein

und hat man überhaupt noch Appetit auf Süßes?

„Ja, man hat definitiv noch Lust,” betont Anna.

„Vor allem bin ich ja noch nicht so lange mit da -

bei. Aber mein Schokoladenkonsum hat sich be -

stimmt um 70% gesteigert. Die Leute, die schon

seit zwanzig Jahren im Unternehmen sind, essen

tatsächlich auch noch Schokolade, aber manch -

mal beim Verkosten isst man halt nur ein halbes

Stück und wirft die andere Hälfte weg.”

Doch wie kommt man zu so einem außer ge -

wöhnlichen Beruf? Eigentlich ist Anna in den letz -

ten Zügen ihres Ökotrophologie-Studiums, was so

viel wie Ernährungswissenschaften bedeutet. Da -

mit könnte man unter anderem auch in die Er -

nähr ungsberatung gehen, doch für die 23-Jährige

war der Weg in die Industrie ganz klar die richtige

Wahl. Eine andere Arbeit, also einen klassischen

Bürojob mit festen Aufgaben von 9 bis 17 Uhr,

kann sie sich keinesfalls vorstellen. „Ich muss ja

jetzt auch teilweise Aufgaben am Schreibtisch

machen und Parameter schreiben etc., aber es

macht einfach auch Spaß vom Platz aufzustehen

und ein bisschen Abwechslung reinzubringen.”

Den Faktor Lust und Spaß am Job stuft Anna als

sehr relevant ein. Laut einer Studie des Karriere -

netzwerkes LinkedIn aus dem Jahr 2016 gaben

von deutschlandweit 1000 befragten Arbeit neh -

mern immerhin 56,3 Prozent an, „erfüllt“ oder gar

„sehr erfüllt“ von ihrem Beruf zu sein.Das mit der

Lust auf Arbeit sieht sie persönlich so: „Die Arbeit

sollte mir auf jeden Fall Spaß machen und ich

sollte Lust auf meine Aufgaben haben, ansonsten

geh ich doch schon demotiviert in die Firma rein

und erledige meine Aufgaben nicht gewissenhaft

oder vielleicht langsamer und deswegen finde ich

schon, dass der Job Spaß machen sollte.”

Neben all den positiven Erfahrungen – gibt es

denn etwas, was ganz schlimm oder vielleicht

sogar eklig ist in der Schokoladenfabrik? „Für

mich ist Schokolade bis jetzt noch nicht eklig

gewesen, aber eine Sache geht wirklich gar nicht.

Manchmal kommt man morgens rein, läuft an der

Anlage vorbei und es wird gerade die Erdbeer

Joghurt oder die Pfefferminzschokolade pro -

duziert, dann ist das schon heftig. Die Erdbeer

Joghurt Schokolade zum Beispiel riecht in der

Produktion echt unglaublich süß – und wenn die

Pfefferminztafeln hergestellt werden, macht das

die ganzen Atemwege frei und du musst dir im

Anschluss eigentlich eine Weile nicht mehr die

Nase putzen…”


26

NEGATIVE LUST

mediakompakt

Bild: Lena Hitzenberger

Zwangsstörungen – Verlust der

eigenen Gedanken und Handlungen

Maries* erster Gang am Morgen führt sie in die Küche. Sie öffnet den Küchenschrank, nimmt

den Schwamm mit dem Putzmittel heraus und wischt immer wieder über die Küchen ober flächen.

Nachdem die Wohnung sauber geputzt ist, wäscht Marie ihren Körper und ihre Hände in einem

bestimmten Ritual. Sobald sie alles gereinigt hat, beginnen ihre Selbstzweifel und ihre Ängste.

VON KATHARINA MERZ

Für die 26-Jährige wird jeder Tag zu einem

Alptraum. Verabredungen werden von

ihr immer und immer wieder verschoben

oder kurzfristig abgesagt. Warum sie so

handelt, erzählt sie niemandem. Über

zwei Jahre lang zieht sich diese Odyssee und ihre

Bekannten wissen nicht, was los ist. Nach dem

kompletten Kontaktabbruch informiert sie ihre

Freunde und will sie aufklären. Es wird von einer

„heimlichen“ Krankheit gesprochen und nur aus

diesem Grund ist der Kontakt abgebrochen. Marie

sagt: „Es tut mir so leid. Ich wusste, ich kann die

Krankheit vor meinen Freunden nicht verheim -

lichen, deswegen habe ich immer wieder die Ver -

abredungen abgesagt. Ich habe mich einfach so

sehr geschämt.“

Dabei sah es in ihrem Leben mal ganz anders

aus. Es gab Zeiten, in denen sie Grillabende ver -

anstaltet hat, Freunde besucht hat und oft unter -

wegs war. Wie es zu dem Wandel in ihrem Leben

kam, weiß sie heute nicht mehr. „Irgendwann

legte sich dieser Schatten über mich. So erkläre ich

es immer gerne. Es war mir so unangenehm,

deswegen habe ich mich zurückgezogen. Mein

ganzer Alltag bestand und besteht heute immer

noch aus der heimlichen Krankheit.“ Der Begriff

„heimliche“ Krankheit bezieht sich darauf, dass

die betroffenen Personen sich schämen und Angst

vor der Reaktion Ihrer Mitmenschen haben. Denn

hinter dieser Krankheit verbirgt sich eine Zwangs -

störung, welche Menschen in ihren kompletten

Handlungen und Gedanken beeinträchtigt. Die

Zwangspatienten wissen in den meisten Fällen,

dass diese Obsessionen nicht richtig und vor allem

unsinnig sind. Allerdings können diese Zwänge

nicht unterdrückt werden. Wenn sie dennoch

dauerhaft verdrängt werden, empfinden die

Zwangspatienten unerträgliche Anspannung und

tiefe Angst. Es ist ein wahrer Teufelskreis in dem

sich die Personen befinden.

Doch wie äußert sich dieser Zwang? Und ab

wann weiß man, dass es ein Zwang und keine

Marotte ist? Die Grenze ist wohl spätestens zu

ziehen, wenn der Zwang den kompletten All tag in

Anspruch nimmt. So ist es auch bei Marie: „Nach

einem Toilettengang wasche ich nach einem

bestimmten Ritual immer und immer wieder die

Hände mit sehr viel Seife, bis sie blutig sind.

Manchmal dauert es bis zu einer dreiviertel

Stunde bis ich die Toilette verlassen kann.“

Während die Person dem Zwang nachgibt und

sich dadurch zunehmend schlechter fühlt, sitzt

der Bekannte im Restaurant und wartet auf sie.

Der Kellner hat das Essen schon vor langer Zeit

gebracht und es ist schon abgekühlt.

Aber auch Shoppen ist für Marie der reinste

Alptraum. Daher werden keine Klamotten mehr

im Laden oder im Internet eingekauft. Diese

Klamotten könnten Bakterien und Keimen aus -

gesetzt worden sein. „In dem Moment, in dem


2/2017 NEGATIVE LUST

27

man die neu gekauften Klamotten in die eigene

Wohnung bringt, verbreiten sich die Bakterien

und Keime in der Wohnung. Und dann beginnt

der Zwang auch schon wieder von vorne, ich muss

mich selbst gründlich waschen und die komplette

Wohnung muss geputzt werden.“ Und das sind

nur zwei Situationen von vielen, wie sich ein

Zwang äußern kann.

Wie reagieren die Angehörigen und Freunde

im Umfeld, sobald der Zwangspatient sich offen -

bart hat und die Krankheit einfach nicht mehr zu

übersehen oder zu verleugnen ist? Viele

Menschen kommen mit der Krankheit

oder anderen schlechten Lebensereig -

nissen eines geliebten Menschen nicht

zurecht und ziehen sich automatisch

zurück. Bei Zwangs erkrankungen fühlen

sich die Angehörigen oft macht- und hilflos. Doch

Zwangspersonen benötigen in diesem Moment

nicht nur eine Stärkung ihrer Sicherheit, sondern

auch besonders viel Zuneigung. Durch einen

geregelten Tages ablauf und Vertrautheit in der

Umgebung kann er möglicht werden, dass der

Zwang nicht so stark ausgeführt wird.

Jedes Jahr leiden 2,3 Millionen Menschen in

Deutschland an dieser Krankheit. Dabei gibt es

unterschiedliche Ausprägungen und Formen von

Zwangskrankheiten: von einem Reinigungs- und

Waschzwang bis hin zu Zähl-, Sammel- und

Ordnungszwängen.

Jede dieser Krankheiten stellt einen großen

Leidensdruck für die Zwangs patienten, aber auch

für die Angehörigen dar. Einem Zwangspatienten

bleiben nicht nur die seelischen Qualen, sondern

auch körperliche. Denn durch einen Wasch- und

Putzzwang werden unter anderem sehr viele

Stellen der Haut zerstört. Diese Stellen und die

seelischen Qualen müssen erst langsam wieder

verheilen. Es ist eine langsame und schleichende

Krankheit, die meist zwischen dem 20. und 30.

Lebens jahr auf tritt. In den häufigsten Fällen

kommt diese Krankheit durch ein belastendes

Lebensereignis auf. Es kann jedoch auch weitere

Auslöser geben, wie eine gestörte Funktion im

„Irgendwann legte sich dieser

Schatten über mich.“

Gehirn. Die Patienten müssen ihr eigenes Leben

hinter fragen und auch das ihrer Familien mit -

glieder. Sobald sich eine betroffene Person diese

Krankheit eingesteht und versucht sich Hilfe zu

suchen, ist der erste Schritt für eine Besserung

getan. Jedoch ist es in Deutschland ein großes

Problem, die richtige Hilfe zu bekommen. Denn es

kann bis zu einem halben Jahr dauern, bis die

Zwangsperson überhaupt einen Platz in einer

staatlichen Klinik bekommt. Die Kliniken sind

überfüllt, es gibt immer mehr psychisch kranke

Menschen. Bis zu jeder vierte Mann und jede

dritte Frau leiden an einer mehr oder minder aus -

geprägten psychischen Störung. Es besteht zwar

noch die Möglichkeit eine Privatklinik aufzu -

suchen, allerdings kommen Kosten auf die Be -

troffenen zu, die sich nur wenige leisten können.

Es werden bis zu 10 000 Euro für drei Wochen

Klinikaufenthalt berechnet. Ein Vorteil bei einer

Privatklinik ist dafür, dass die Ärzte auf Zwangs -

störungen spezialisiert sind. Hier kann eine indi -

viduell angepasste Behandlung bei jedem der

Patienten angewendet werden.

Bei staatlich geförderten Kliniken ist das aber

in der Regel nicht möglich. Auch Marie versuchte

sich Hilfe zu holen: „Bei mir wurde nur eine

allgemein gehaltene Be handlung, wie Sprech- und

Verhaltenstherapie angesetzt. Aller dings

gab es keine individuelle und auf mich

zugeschnittene Behandlung. Es hilft mir

dennoch und so wird es langsam besser.“

Personen mit Zwangsstörungen müssen in

der Therapie viele Dinge in ihrem Leben

komplett neu erlernen. Die Gedanken und die

damit verbundenen Handlungen müssen wieder

in eine „normale“ Bahn gelenkt werden. Dadurch

wird die Vergangenheit durchleuchtet und auf -

gearbeitet. Es werden Angehörige in die Klinik

eingeladen um über mögliche Auslöser der Krank -

heit zu sprechen. Viele Angehörige fürchten sich

vor solchen Gesprächen, denn sie könnten mit -

verantwortlich für die Krankheit sein. Zum Teil

werden Dinge von Angehörigen aufgedeckt, mit

denen niemand gerechnet hat. Zum Beispiel, dass

die eigene Mutter ein Suchtproblem hatte. Diese

Dinge wurden jahrelang totgeschwiegen und

niemand durfte davon erfahren.

*Name von der Redaktion geändert

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28

NEGATIVE LUST

mediakompakt

Verlust der Realität –

Traumfabrik Instagram

Aufnahmen von Models mit makelloser Haut. Bilder von

perfekten Körpern positioniert vor atemberaubenden Kulissen.

Wie viel Wahrheit steckt aber hinter den Bildern?

VON LISA THOMSEN

Die Australierin Essena O’Neill stieg

2015 aus der „Traumfabrik Instagram“

aus und rechnete daraufhin mit der

Branche ab. Mit nur 18 Jahren hatte

Essena bereits eine Follower-Gemeinde

von einer halben Million Nutzern auf Instagram.

Anfangs bereitete es ihr Vergnügen Fotos zu teilen

und die vielen Komplimente der anderen Nutzer

steigerten ihr Selbstbewusstsein. Doch schnell

wurde die Jagd nach immer mehr „Likes“ und

„Followern“ zu einer Droge. Die Aufnahmen

mussten immer perfekter sein, damit mehr Likes

generiert werden konnten. Die Welt, die sich

Essena in Instagram aufgebaut hatte, hatte nichts

mehr mit ihrem Leben außerhalb der sozialen

Welt zu tun. Instagram wurde zur Scheinwelt. „I

didn’t live in the real world, I lived through

screens. I created a celebrity construct of myself,

believing it would bring me happiness. That

couldn’t be further away from the truth”, so

O’Neill. Aufnahmen, die sie beim Sport zeigen,

wurden nicht wirklich beim Sport gemacht. Die

Bilder wurden sogfältig komponiert und gestellt.

Essena schreibt beispielsweise unter ein Foto,

welches sie in Sportkleidung zeigt, dass sie an dem

besagten Abend in Wahrheit gar nicht joggen war,

weil es angefangen hatte zu regnen. Looks wurden

hunderte Male fotografiert, bis der per fekte

„Schnapp schuss“ dabei war. Auch Essenas Familie

musste unter ihrem Perfektionswahn leiden. Ihre

Schwester musste oft so lange Fotos machen, bis

Essena mit einem zufrieden war. Manchmal war

das neue Instagram-Bild und die Reaktionen

darauf das Einzige, was Essena glück lich machten.

Der Druck der perfekten Aufnahme belastete

Essena zunehmend. Sie bekam Depres si onen und

entschloss sich schließlich dafür, Schluss mit

dieser vorgetäuschten Welt zu machen.

Instagram zählt zu den beliebtesten sozialen

Netzwerken. Fotos und Videos können auf der

Platt form veröffentlicht werden und so mit Men -

schen aus aller Welt geteilt werden. Mittlerweile

zählt Instagram über 500 Millionen Nutzer, die

täglich durchschnittlich 80 Millionen Fotos hoch -

laden. Viele Unternehmen haben Instagram als

Werbeplattform erkannt und nutzen es als Pro -

motion für ihre Produkte, das sogenannte Product

Placement. Auch Essena warb auf ihren Fotos für

Produkte und verdiente Geld damit. So bekam sie

beispielsweise 400 Dollar dafür, dass sie eine

Aufnahme von sich in einem Kleid der Firma ver -

öffentlichte. Außerdem bekam sie von einem

männlichen Supermodel einen Businessplan an -

geboten. Dabei handelte es sich um eine fiktive

Beziehung der beiden, die sich auf Instagram und

YouTube abspielen sollte und so dem „Paar“ noch

mehr „Follower“ und Geld einbringen sollte.

Essena lehnte dies jedoch ab.

Selbstvermarktung und Selbstdarstellungen

finden auf der Plattform Instagram statt. Fotos

werden – sind sie nicht perfekt genug – einfach mit

einem entsprechenden Filter bearbeitet. Pickel -

chen verschwinden, die Haare werden glänzender

bearbeitet. Analysen zeigen, dass durch diese

absolut perfekt inszenierten Aufnahmen und ent -

sprechenden Schönheitsideale die Anzahl der

Menschen steigt, die eine Schönheitsoperation

auf sich nehmen. Ein Drittel der befragten Ärzte

gab an, dass mehr Patienten Eingriffe vornehmen

ließen, um ihre Attraktivität in den sozialen Netz -

werken zu steigern.

Bild: Katharina Merz

Die Fotografin Chompoo Baritone zeigt die

Wahrheit von Instagram in ihrer Bilderserie „The

Truth Behind Instagram Photos“. Sie zeigt, dass

die Bilder oft nur kleine Ausschnitte sind. Das

Drumherum ahnt der User nicht. So sieht man

beispielsweise ein Mädchen mit wehenden

Haaren am Strand, es wirkt wie ein verlassener

Abschnitt, der Wind umspielt ihr Gesicht.

Tatsächlich sind jedoch zahlreiche Menschen im

Umkreis. Ein anderes Beispiel ist ein arrangiertes

Stillleben von einem MacBook, der auf einem Bett

liegt. Dekoration in Form einer Weltkugel und

Tannenzapfen runden das Bild ab. Die Kom -

position ist sehr minimalistisch, die Farbe der

Bettwäsche ist ganz in Weiß/Grau gehalten. Löst

man jedoch das Bild auf und schaut sich die

Umgebung außerhalb der Aufnahme an, so sieht

man ein unaufgeräumtes Zimmer, das Gegenteil

von minimalistisch und schlicht. Der Ausschnitt

der Bilder zeigt nur das, was man sehen will. Das

entspricht jedoch dann oft nicht der Realität.

Schaut man sich also das nächste Mal ein

scheinbar perfektes Foto auf Instagram an, so

sollte man sich folgende Frage stellen: Kann das so

wahr sein?


2/2017 NEGATIVE LUST

29

Diagnose

„In-fluen-cer“

Ein Post – ein Touch –

ein neues „Must-Have“.

Teenies werden zu regel -

rechten Drama Shopping

Queens geimpft. Gibt es

gar kein Gegenmittel?

VON PATRICIA WASSERMANN

Bild: Lena Hitzenberger

Nun nochmal für alle Nicht-Smombies

aka Nicht-ständig-auf-den-Bild schirmdes-Smartphones-Starrer:

Instagram,

Snapchat & Co. gibt Dir vor, was du

heute anziehen sollst oder besser ge -

sagt, die Blogger geben vor, was IN ist. Sie sind die

neuen beliebten Superstars der Teenie-Kreisch-

Alarm-Szene. Ein Post von ihnen auf Instagram

und schon wird losgeshoppt, was das Zeug hält.

Und wehe, du trittst in die Falle des „ichziehe-ein-altes-Shirt-nochmal-an“.

Okay, vielleicht

sollten wir vorher klären, ab wann ist mein Shirt

alt? Tja, wenn man nach Bloggern, oder wie sie

neudeutsch genannt werden, Influencern, geht,

nach einmaligem Tragen. Eine Jacke könnte, wenn

sie das ultimative Glück hat, bis zu drei Posts

überleben. Und ja zugegeben, dann ist sie halt

eine BOSS Jacke. Kostet ja auch nur um die 600€.

Dafür bekommt man sogar manchmal einen Ra -

batt gutschein, der so gut wie nix bringt, aber Haupt -

sache beim Bezahlen im Online-Shop kann man

am Schluss „[Vorname_Blogger] [Rabattbetrag]“,

z. B. „Milena10“ (Vorsicht! Schleichwerbung!)

angeben und behaupten, die Jacke war im Sale.

Ist doch ein Wahnsinns-Schnäppchen für die

pickelsprießenden, meist launischen Möchte-

Gern-Shopping Queens namens Follower. Zahlt

doch eh alles Papa. Unter der Voraussetzung, dass

das „Lieb-sein-zu-Papa“-Getue, wie etwa Bier

kaltstellen oder bei Gesprächen über Fußball und

Autos interessiert gucken, nicht auffliegt. Hierbei

nützt Mama nämlich so rein gar nix, weil sie sofort

durchblicken und der Sache gleich #nochance

geben würde. Man muss nur lang genug bei Papa

betteln, dann ist die fünfte Hochwasserjeans, oh

Entschuldigung, ich meinte natürlich der neueste

Hot Shit, die „Ankle Jeans“, auch schon gesichert –

gesichert jedoch im Sinne von: in den Untiefen

eines Teenie-Kleiderschranks.

Besonders lustig wird es , wenn die #musthaves

der Blogger von Labels mit Migrationshintergrund

sind (also aus Amerika oder Australien). Ob näm -

lich dann ein Versand in die Kartoffel-Heimat über -

haupt möglich ist, erkennt man als Elternteil an

folgenden Symptomen relativ schnell:

Eine ständig übellaunige, auf gar keinem Fall

ansprech bare, pubertäre Lolita. Die Krankheit der

In-flu-en-za, äh, Influencer hält übrigens genau

solange an, wie ein neues It-Piece auf den Markt

kommt, das man SOFORT haben muss.

Wenn es früher zwei Mädels wagten, zur glei -

chen Zeit am gleichen Ort das gleiche Top zu tra -

gen, war das der Anfang eines apokalyptischen Un -

ter gangs: „Alter, ist doch peinlich.“ Wenn das Top

aber Caro Daur (Ohje! Wieder Schleich werbung!)

trägt, dann bist du die Königin der Zahnspangen-

Lifestyle-Szene und Magnet der Tussen-Fraktion.

Achso, bevor ich es vergesse, habe ich schon

erwähnt, dass die vermeintlichen Virusüberträger

#sogutwiekeinencentfürklamottenausgeben? Nein? Oh

ja, sorry, war eh nur so ne kleine #notice am Rande.

Genauso wie das kleine #ad unter vielen Häschtäcks.

Dabei gibt’s doch sowas abgespacedes wie ein

Gesetz. Juckt wohl die Blogger nicht so, wenn die

„Verbrau cher“ (= noch meist minderjährige Idol -

schwärmer) ihre ganze Kohle für ihr selbst gespon -

sertes Produkt abdrücken.

Testimonial werden ist ja auch heutzutage kein

Problem mehr, wenn man 50.000 junge, nichts -

ahnende Instagram Follower zur Zielscheibe von

Marken-Proklamation macht. Jetzt weiß jeder

Teenie, dass er vollkommen spooky ist, sobald er

nicht the newest from the newest besitzt und das

#otd (Okay, also zum Mitschreiben für alle: #otd

bedeutet outfit of the day, DARUM auch das

„ich-trage-kein-Shirt-zweimal“, sonst wäre das ja

auch doof, wenn das #otd Bild von gestern genau

gleich wäre wie das heutige) auf Instagram postet.

Gut so! Das eh schon unglaublich hohe Selbst -

wertgefühl in der Pubertät wird ja voll kom men

überbewertet. Und seien wir mal ehr lich:Mobbing

und Dissing wegen Klamotten gehört halt nun

mal während dieser Altersspanne dazu und sollte

jeder mal erlebt haben. Ich mein: Hallo? Ein altes

Shirt, das du von deiner Schwester ver erbt

bekommen hast? Geht’s noch? Damit schießt

man sich ja gleich ins Aus! Es gibt ja schließlich

auch nur Wohlstandsfamilien auf der Welt.

#endnotice #am #rande für die Influencierten:

Bei Risiken und Nebenwirkungen dieses Texts

fragen Sie Ihren Verstand oder Ihr Gewissen.


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NEGATIVE LUST

mediakompakt

Kauflust ohne Ende

Shoppen bereitet vielen Menschen große Lust und dementsprechend häufig kaufen sie sich

neue Kleidung. Aber was sind die Auswirkungen unserer nicht enden wollenden Kauflust?

VON LENA JORASCHEK

Viele Kleiderschränke wären viel leerer,

wenn sie nur die Teile enthalten würden,

die wir auch wirklich tragen und die auch

qualitativ in Ordnung sind. Und doch

kaufen wir immer noch mehr. Dahinter

steckt das Konzept der „Fast Fashion“, so nennt

sich die momentane Arbeitsweise der Modeindus -

trie. Denn Mode wird heute nicht mehr saisonal

hergestellt, sondern es kommt wöchentlich etwas

Neues in die Läden. Damit wird die Kauflust erst so

richtig angeheizt, schließlich gibt es immer etwas

zu entdecken und die Werbung sagt uns, dass wir

das alles unbedingt brauchen.

Wir kaufen jährlich rund 80 Milliarden neue

Kleidungsstücke weltweit, das sind 400 Prozent

mehr als vor zwei Jahrzehnten. Jeder denken, dass

das auf Dauer nicht funktioniert. Denn um diese

Menge zu produzieren, bedarf es unvorstellbar

viele Ressourcen, Arbeitskraft und Platz im Laden,

weshalb viel Kleidung einfach wegge -

worfen wird. Dies hat entsprechend

katastrophale Auswirkungen auf Um -

welt und Menschen. Es beginnt mit

dem Anbau der Baumwolle, der haupt -

sächlich in Texas in den USA und in

Indien stattfindet. Große Agrarunter -

nehmen züchteten gen manipulierte

Formen der Pflanze, die resistenter

sein sollen. Diese bringen jedoch nur

in Kombination mit entsprechendem

Dünger und Pestiziden Ertrag, sodass

den Landwirten nichts anderes übrig

bleibt, als beides viel zu teuer von den

Agrarunternehmen zu kaufen. Die

Chemi kalien hinterlassen natürlich

Spuren. In Texas werden immer wieder

Gehirntumore gefunden, in Indien

kommen in den verseuchten Gebie -

ten unzählige Kinder mit Geburts -

schäden auf die Welt. Die Erwach -

senen leiden an Hautkrankheiten,

Krebs und psychischen Erkrankungen, alles auf -

grund der Pestizide. Trotzdem ist es für die Agrar -

unternehmen noch eine win-win Situation, da sie

ebenfalls die entsprechenden Medikamente dafür

herstellen und teuer ver kaufen. Wenn ein Farmer

seine Schulden irgend wann nicht mehr bezahlen

kann, muss er sein Land an das Unternehmen

abgegeben. Viele gehen darauf hin in ihr Feld und

trinken eine Flasche der Pestizide. Allein in den

letzten 15 Jahren liegt die erschreckend hohe Zahl

aufge zeichneter Suizide bei 250.000.

Das viele Leder, welches die westliche Mode -

industrie verschlingt, wird in der Stadt Kanpur in

Indien verarbeitet. Große Teile des Ganges sind

mit den Chemikalien der Produktion verseucht,

das giftige Wasser fließt teilweise direkt in den

Nahrungsanbau und landet im Trinkwasser. Und

jeden Tag entstehen mehr als 50 Millionen Liter

Abwasser. Für uns wäre so etwas undenkbar, aber

da dies alles weit weg geschieht, ziehen sich die

Unternehmen komplett aus der Verantwortung.

Nur gelegentlich flutet das Thema durch

unsere Medienwelt, meist um dann wieder zu

verschwinden, als wäre nichts geschehen. Sogar

die größte der Katastrophen, der Einsturz der Rana

Plaza Textilfabrik 2013 in Bangladesch mit über

1100 Toten und 2500 Verletzten konnte kaum ein

Umdenken in die Köpfe der Menschen bringen.

Dass das Konzept der Fast Fashion (trotzdem) so

gut funktioniert, hat vor allem einen Grund:

Kleidung ist wahnsinnig billig! Denn an einer

Stelle wird hemmungslos gespart, noch mehr als

an der Nichtbeachtung der Umwelt – am Lohn der

TextilarbeiterInnen. Eine gute Zusammenfassung

der ganzen Thematik bietet die Dokumentation

„The True Cost“. Am schlimmsten ist die Lage in

Bangladesch, wo es die niedrigsten Löhne gibt,

weil es quasi keine Gesetze zum Arbeiterschutz

gibt. Da die Textilfabriken die Aufträge benötigen

und davor bangen, dass Modeunternehmen sonst

den Produktionsort wechseln, wird es eben immer

noch billiger gemacht. Das sorgt nicht nur dafür,

dass die TextilarbeiterInnen sich von ihrem Lohn

kaum ernähren können, sondern auch, dass sie

unter fatalen Sicherheitsbedingungen arbeiten

müssen, was zu Katastrophen führt.

„Irgendwie muss man sich fragen: Wo hört das

auf?“ Diese Aussage stammt von Lucy Siegle,

Journalistin und Rundfunksprecherin aus dem

vereinigten Königreich, die sich mit den Aus wirk -

ungen der Modeindustrie beschäftigt. Kann man

das, was wir hier angerichtet haben überhaupt

noch stoppen? Gibt es Wege die dreckige Produkt -

ion für unsere nimmersatte Modeindus trie zu ver -

bessern? In „The True Cost“ kommt der Regisseur

Andrew Morgan zum Entschluss, dass sich kaum

etwas ändern wird, solange der Kapita lismus

besteht. Ein nüchternes Fazit.

Trotzdem zeigt er Alternativen, zum Beispiel

Fair Trade Mode. Bei vielen hat diese leider immer

noch ein ziemliches Öko- Image. Dabei gibt es

viele Marken, die junge und moderne Mode an -

bieten, aber natürlich mit dem Unterschied, dass

eben nur eine gesunde Anzahl von zwei Kollek -

tionen pro Jahr erscheint. Zugegeben, faire Mode

ist nicht unbedingt etwas für das Studenten -

budget, aber für zeitlose Kleidungs -

stücke eine echte Alternative und zu -

dem sind die Preise nicht weit von

Marken kleidung entfernt. Es gibt

bereits eine Auswahl an Online-

Shops und in Großstädten einzelne

Filialen. Außerdem lässt sich die

ständige Lust auf Neues auch anders

stillen. Eine tolle Alternative sind

Tausch partys, Flohmärkte oder auch

Second- Hand Läden. Letztere haben

in zwischen längst ihr staubiges

Image abgelegt, zudem sind die

Preise auch für Studierende attraktiv.

Am wich tigsten ist es jedoch den

Verstand einzu setzen und bewusster

einzu kaufen. Inzwischen wurde be -

wiesen, dass Materi elles uns nicht

glück licher macht, nein, sogar un -

glücklicher und depressiv. Und doch

ist es so einfach all diese Dinge bei

der nächsten Shopping Tour wieder

zu vergessen. Denn wir sehen leider immer nur

den Moment, in dem wir das fertige Produkt in

den Händen halten. Doch der Punkt an dem jeder

ansetzen kann, ist das Bewusstsein für ein eigenes

Umdenken zu entwickeln.

Bild: Lena Joraschek

Es bleibt zudem zu hoffen, dass sich mehr

Medien mit dem Thema beschäftigen und dass die

Problematik mehr in unseren Bildungssystemen

behandelt wird. Es sollte für Modeunternehmen

cool werden ihre Produktion zu hinterfragen,

Lieferketten offenzulegen und den ArbeiterInnen,

die die Mode überhaupt erst möglich machen

endlich einen vernünftigen Lohn zu zahlen. Erst

dann kann Mode wieder Freude bringen.


2/2017 NEGATIVE LUST

31

Die Lust am Schauen

Schaulust – per Definition ein starkes Verlangen, Vorgänge und

Ereignisse zu beobachten. Dramen und Unfälle wecken dieses

Bedürfnis. Doch woher kommt der Drang zum Hinschauen?

VON VERENA KLIER

Jeder von uns hat sich schon einmal in einer

Situation erwischt, in der er schaulustig

war. Es scheint fast, als sei die Schaulust in

unseren Genen fest verankert: Von Gladia -

torenkämpfen zu Zeiten des alten Roms,

über Hexenverbrennungen im Mittelalter, bis zu

öffentlichen Hinrichtungen um 1700. Während

Gladiatorenkämpfe die ersten Massenveranstal -

tungen zur Unterhaltung waren, hatte die Bestra -

fung durch den Pranger oder Hinrichtung vor

allem soziale Dimensionen: Sie diente zur Ab -

schreckung und der symbolischen Wiederherstell -

ung der Ordnung. Diese Aspekte machten die

Anwesenheit von Schaulustigen regelrecht not -

wendig, nicht zuletzt, um damit dem Verurteilten

die Möglichkeit zu geben, um Verzeihung bitten

zu können. Nur so konnte ein Sündiger aus

religiöser Sicht auf Gnade im Jenseits hoffen.

Da man auf derartige Spektakel heutzutage

glücklicherweise verzichten kann und sich im

Allgemeinen auch weniger Sorgen um potentielle

Strafen im Jenseits macht, scheint sich die Schau -

lust verlagert zu haben. So kommt es vor, dass sich

bei Einsätzen von Polizei und Feuerwehr die Schau -

lustigen regel recht tummeln. Dass diese Personen

die Arbeit an Unfallorten massiv behindern,

scheint sie nicht zu stören. Dabei kann es aber zu

schlimmen Folgen kommen. Das kennt auch

Thomas Scherzer vom Technischen Hilfswerk

(THW): „Auch wir müssen im Bereitschaftsdienst

während der Unfall- und Stauabsicherung oft die

Folgen der Schaulustigkeit mancher Leute beo -

bachten. Erst kürzlich wurden wir zu einem

Auffahrunfall gerufen – an sich keine große Sache.

Doch während wir noch die Unfallstelle absicher -

ten, ereignete sich auf der Gegenfahrbahn bereits

der nächste Unfall, dieses Mal aber wegen Gaffern.

Das ging sogar soweit, dass es wiederum auf der

ursprünglichen Unfallspur einen weiteren Auf -

fahrunfall gab. Dazu kam natürlich auch noch ein

riesiger Stau. Solche Situationen könnten einfach

vermieden werden, wenn die Leute sich etwas

mehr zusammenreißen würden.“ Auffällig ist hier -

bei auch, dass Schaulustige oft Videos drehen und

Fotografieren, anstatt sich um Hilfe zu bemühen.

sowie in die nahegelegene Geisterstadt Pripyat

sind keine Seltenheit mehr. Letztlich muss wohl

jeder für sich selbst entscheiden: Geht es hier

noch um das Interesse an Information und

geschichtlicher Bildung oder um nackte Neugier

in dem wohligen Wissen, jederzeit zurück in die

sichere Heimat zu können?

Eine gesellschaftlich akzeptierte Form der

Schaulust ist die Betrachtung von Berichten über

Unfälle, Kriege und Katastrophen, sei es im

Fernsehen während der Tagesschau, in der

Zeitung oder im favorisierten Onlinemagazin. In

unserer Gesellschaft herrscht immer der Drang

mitreden zu können. Aber auch hier sind die

Grenzen fließend: Wo hört die Suche nach

sachlichen Informationen auf und wo beginnt die

Lust zu schauen? Zur Kategorie „Lust zu Schauen“

gehört auch die Faszination, die manche

Menschen für Reality-Show Formate entwickeln.

Im Grunde findet hier eine Übertragung des

Prinzips des Gladiatorenkampfes statt: es geht

zwar nicht um Leben und Tod, aber zwischen -

menschliche Situationen werden künstlich zu

einem Drama zugespitzt, mit dem perfiden Zweck

das Publikum zu unterhalten. In diesem Bereich

der Schaulust spielen vor allem zusätzliche

Emotionen wie Schadenfreude, aber auch der

Wunsch nach Identifikation eine große Rolle.

Völlig unabhängig von der medialen Bericht -

erstattung können Menschen mit einem stark

ausgeprägten Drang zur Schaulust, diese fast nur

noch an Ereignissen wie Unfällen oder Natur -

katastrophen ausleben – dies gilt zumindest für

den europäischen Kulturen. Gleichzeitig ist hier

das Paradoxon zwischen der Existenz von Gaffern

und der gesellschaftlichen Verurteilung eben

dieser besonders groß. Die meisten Schaulustigen

dürften sich der gesellschaftlichen Verachtung

durchaus bewusst zu sein, scheinen aber nicht

anders zu können. In erster Betrachtung ist es vor

allem die Neugier, die Leute dazu motiviert sich an

Unfallorten aufzuhalten. Das Bedürfnis nach

Sicherheit trifft hier auf den Wunsch nach

Nervenkitzel. Die Forschung interpretiert dieses

Verhalten als einen unterbewussten Wunsch nach

Bestätigung, selbst in Sicherheit zu sein.

Anderes gilt wiederum für die medial

befriedigte Schaulust – die Schaulust findet hier zu

Hause auf dem Sofa oder vor dem Laptop statt.

Echte Empathie hat hier kaum Raum, sie wird

durch die Lust am Sensationellen ersetzt. Gleich -

zeitig stellt diese Form der Schaulust eine Art Auf -

klärung dar – vorausgesetzt der Zuschauer hat ein

gewisses Maß an Medienkompetenz und kann das

Gesehene einordnen: eine Leiche ist weniger

geheimnisvoll, wie man vielleicht vermutet hätte

und auch am Konsum von Büffelhoden im

Dschungelcamp ist noch niemand gestorben.

Letzten Endes kann man feststellen, dass der

Mensch noch immer einiges mit seinen Vorfahren

gemein hat. Trotz des heute vergleichsweise

sicheren Status des Menschen, ist das Bedürfnis

nach Bestätigung ebendieser Sicherheit un -

gebrochen. Dennoch geht die Schaulust schlicht

zu weit, wenn es darum geht Unfallorte zu

belagern und lebensrettende Maßnahmen zu

stören. Schaulustige sollten immer auch die

andere Seite des Geschehens betrachten. Wie

würde man sich selber nach einem schweren

Unfall fühlen, wenn man, anstatt in helfende

Gesichter zu blicken, nur Hände mit filmenden

Smartphones erblickt?

Zu Problemen kommt es aber nicht nur bei

Unfällen. Mitunter entwickelt sich ein regel -

rechter Katastrophentourismus, etwa bei diversen

Hochwassergebieten in der Bundesrepublik, zu

denen die Schaulustigen pilgern. Doch auch Reisen

nach Sarajeveo, in vietnamesische Slums oder die

Sperrzone um den Atomkern von Tschernobyl,

Grafik: Verena Klier


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