Sampler / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 68 (3/2017)

derive

dérive 68 ist ein Sampler, hat also keinen Schwerpunkt, sondern bietet eine Reihe unterschiedlicher urbaner Themen. Diese reichen von der Wohnraumversorgung und der aktuellen Situation am Wohnungsmarkt in Wien (Autor: Justin Kadi) und in Berlin (Andrej Holm) über die antiurbanistische Main-Street-Nostalgie in den USA des Donald Trump (Frank Eckardt), den immer beliebteren, aber nichts desto trotz falschen Vergleich von Städten mit Computern (Shannon Mattern), Wagenplätzen und informellen Siedlungen in Berlin (Niko Rollmann) bis zu – es ist Sommer! – einer kleinen Geschichte des Badens in der Donau bei Wien (Rafael Kopper). Darüberhinaus gibt es ein Interview mit dem Architekturkollektiv Assemble, ein Kunstinsert von Aldo Giannotti und nach einem Jahr Pause wieder eine neue Folge der Geschichte der Urbanität von Manfred Russo. https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-68

Juli — Sept 2017

N o 68

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

dérive

ISSN 1608-8131

8 euro

Sampler

MARSEILLE

Sampler

Guy Debord

Wohnen Berlin/Wien, Interview Assemble,

Kunsthaus Graz

Kleinstadtnostalgie/USA, Wagenplätze/Favelas,

STREETART

Stadt/Computer, Baden/Donau,

CIT Collective & Gaswerk Leopoldau

Produktion/Raum

Krems/Lerchenfeld

SECRETS & CRISES

Marlene Hausegger

Foucault/HETEROTOPIE

dérive


Editorial

In unserer 17-jährigen Tätigkeit sind wir – höchst unverdienterweise

– nicht gerade mit Preisen überhäuft worden,

was möglicherweise auch daran liegt, dass wir uns nie um Auszeichnungen

beworben haben. Heute dürfen wir uns aber

endlich selbst gratulieren: Wir haben nämlich einen Preis

gewonnen und zwar für das urbanize!-Festival. Für diesen

haben wir uns freilich auch nicht beworben, ihn aber trotzdem

bekommen – nämlich den Kleinen Staatspreis für … nein

falsch: den Förderungspreis der Stadt Wien für Architektur. Dieser

Architekturpreis ging bisher ausschließlich an echte

ArchitektInnen, aber wir fragen lieber nicht nach, sondern freuen

uns über den Einzug eines erweiterten Architekturbegriffs,

stellen schon mal den Champagner kalt und fühlen uns ein klein

wenig wie das Architekturkollektiv Assemble, das 2015 den

wichtigsten britischen Kunstpreis – den Turner-Preis – gewonnen

hat und deren Werk gerade in einer Ausstellung im

Architekturzentrum Wien zu sehen ist. Wir haben die Gelegenheit

genutzt und mit Maria Lisogorskaya und Lewis Jones von

Assemble ein Gespräch über ihre Arbeiten, Herangehensweisen

und Ideen geführt, das ab S. 18 dieser Ausgabe zu lesen ist.

Damit wären wir nach dieser höchst eleganten Überleitung

bei der vorliegenden Ausgabe gelandet: Sie ist ein

Sampler, hat also keinen Schwerpunkt, sondern bietet eine

Reihe unterschiedlicher urbaner Themen. Diese reichen –

abgesehen vom Assemble-Interview – von der Wohnraumversorgung

und der aktuellen Situation am Wohnungsmarkt

in Wien und in Berlin über die antiurbanistische Main-Street-

Nostalgie in den USA des Donald Trump, den immer

beliebteren, aber nichts desto trotz falschen Vergleich von

Städten mit Computern, Wagenplätze und informelle Siedlungen

in Berlin bis zu – es ist Sommer! – einer kleinen

Geschichte des Badens in der Donau bei Wien.

Sowohl die Wiener als auch die Berliner Bevölkerung

ist in den letzten Jahren massiv gewachsen, die Nachfrage nach

Wohnraum parallel dazu stark gestiegen. Andrej Holm für

Berlin und Justin Kadi für Wien kommentieren die aktuelle

Lage in den boomenden Hauptstädten. Holm sieht in Berlin

einen »Mix aus demographischen Veränderungen, veränderten

Investitionsstrategien und einem Kahlschlag der sozialen

Wohnungspolitik« dafür verantwortlich, dass es »nicht nur

zu drastischen Mietsteigerungen« gekommen ist, »sondern

zu einer tatsächlichen Wohnungsnotlage mit einem Mangel an

allem, was die Wohnungsversorgung einer Stadt braucht.«

Für Wien diagnostiziert Justin Kadi eine steigende Wohnkostenbelastung

und eine zunehmende Verdrängung in

periphere Lagen. Eine der Ursachen sieht er in der Deregulierung

des Mietrechts im Jahr 1994, die sich aktuell besonders

stark auswirkt.

Eine der Folgen der Wohnungsnot sind informelle

Siedlungen. Niko Rollmann portraitiert die diesbezügliche

Situation in Berlin. Diese ist einerseits von etablierten

Orten – überwiegend Wagenplätzen – gekennzeichnet, die

von den Behörden meist geduldet werden, und andererseits von

wilden Lagern bzw. so genannten Spots, bei denen kein

alternativer Lebensentwurf, sondern die nackte Not Grund für

die informellen Wohnverhältnisse sind.

Frank Eckardt hat sich den US-amerikanischen Mythos

der Main Street speziell unter den neuen politischen Verhältnissen

angesehen. Trumps WählerInnen sind überproportional

oft außerhalb der Großstädte zu finden und lassen sich von

ihrem Hero gerne erzählen, wie schrecklich kriminell und chaotisch

es in den Inner Cities zugeht. Mit verklärtem Blick

sehnen sie sich ins Zeitalter der kleinstädtischen Main Street

zurück, in dem angeblich noch alles gut war. Währenddessen

blicken Konzerne wie Alphabet (formerly known as Google)

nicht in die Vergangenheit, sondern in eine gewinnträchtige

Zukunft, wenn sie nach Lösungen für die von ihnen diagnostizierten

städtischen Probleme suchen. Wobei sie eigentlich

gar nicht suchen, denn sie meinen zu wissen, dass mit ausreichend

Daten die Verkehrsproblematik ebenso zu bewältigen

wie eine effiziente Verwaltung zu garantieren und obendrauf

noch das Gesundheits- und Wohnungswesen auf Vordermann

zu bringen sei. Shannon Mattern weist in ihrem Beitrag für

diese Ausgabe nachdrücklich darauf hin, dass es ein Irrweg ist,

die Stadt wie einen Computer zu denken, und zu meinen,

mit automatisierter Informationsverarbeitung der urbanen

Komplexität gerecht werden zu können.

Passend zur aktuellen Hitzewelle mit über 30°C

erzählt Rafael Kopper in seinem Beitrag die Geschichte des

öffentlichen Badens in der Donau bei Wien und zeigt wie

sie vom »mitunter gefährlichen Nutzgewässer zum beliebten

Freizeitziel« wurde. Er schreibt über frühe Aneignungsprozesse

der Bevölkerung, den entsprechenden Reaktionen

der Politik und der Institutionalisierung der Bedürfnisse

der WienerInnen.

Quasi auf Auszeit hat sich auch Manfred Russo befunden,

der nach einem guten Jahr Pause mit einer neuen Folge

der Geschichte der Urbanität zurückkehrt und sich zum dritten

Mal Henri Lefebvres Theorien zur Produktion des Raumes

widmet. Das Kunstinsert stammt vom in Wien lebenden Künstler

Aldo Giannotti, dessen wunderbare Zeichnung für dérive

sich um das Thema Demolition dreht.

Und dann steht auch noch das bereits 8. urbanize!

Festival vor der Tür: DEMOCRACitY – Demokratie und Stadt

begibt sich von 6.10.–15.10.2017 auf Erkundungsreise durch

Theorie und Praxis einer umfassenden (Re-)Demokratisierung

der urbanen Gesellschaft: Vom Versuch Stadt gemeinsam zu

entwickeln und den von Barcelona ausgehenden Impulsen eines

neuen Munizipalismus, über die Verteilung von Rechten und

Möglichkeiten mittels Urban Citizenship- und Spatial Justice-

Ansätzen, bis zu Chancen und Gefahren für die demokratische

Aushandlung durch die Digitalisierung. Wie immer als volle

10-Tages-Packung mit Vorträgen, Diskussionen, Filmen, Stadtspaziergängen,

Workshops und Interventionen. Da hilft nur

Kalender zücken und Zeit frei schaufeln: Programm-Details

gibt es ab Mitte August 2017 auf www.urbanize.at.

Einen schönen Sommer wünschen

Elke Rauth und Christoph Laimer

01


»Es ist wichtig,

in unseren Städten

Raum für vielfältige Methoden

der Wissensproduktion zu schaffen.«

Shannon Mattern, A City Is Not a Computer, dérive 68, S. 44

ANGEBOT: ABONNEMENT + BUCH*

8 Ausgaben (2 Jahre) dérive um 48,–/68,– Euro (Österr./Europa)

inkl. ein Exemplar von:

Sarah Kumnig, Marit Rosol, Andrea*s Exner (Hg.)

Umkämpftes Grün

Zwischen neoliberaler Stadtentwicklung

und Stadtgestaltung von unten

Bielefeld: transcript, 2017

268 Seiten, ca. 30 Euro

Urbane Gärten sind aus vielen Städten nicht mehr wegzudenken.

Gemeinschaftlicher Gemüseanbau wird dabei oft

als rebellischer Akt der Stadtgestaltung von unten verstanden.

Gleichzeitig taucht »urban gardening« immer häufiger

in Stadtentwicklungsplänen und Werbebroschüren auf. Die

AutorInnen des Bandes liefern eine kritische Analyse

grüner urbaner Aktivitäten und ihrer umkämpften und

widersprüchlichen Rolle in aktuellen Prozessen der Neoliberalisierung

des Städtischen.

*Solange der Vorrat reicht!

Bestellungen an: bestellung@derive.at

dérive

Zeitschrift für Stadtforschung

www.derive.at

www.facebook.com/derivemagazin


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER, ELKE RAUTH

04 — 08

TRUMP on Main Street

FRANK ECKARDT

09 — 13

Wie das MIETRECHT die MIETEN

treibt und was die POLITIK unternimmt

Ein Kommentar zur Lage

am Wiener Wohnungsmarkt

JUSTIN KADI

14 — 17

Mehr LICHT als SCHATTEN

Berliner Wohnungspolitik in Rot-Rot-Grün

ANDREJ HOLM

18 — 22

LERNEN und VERSTEHEN

Das Londoner Architekturkollektiv

Assemble im Gespräch

ANDRE KRAMMER, CHRISTOPH LAIMER

23 — 27

Wagenburgen, Hüttendörfer und SPOTS

Informelle Siedlungen in Berlin

NIKO ROLLMANN

28 — 31

WIEN im WASSER

Kleine Geschichte vom Baden in der Donau

RAFAEL KOPPER

32 — 36

Kunstinsert

Aldo Giannotti

demolition

37 — 45

A CITY is NOT a COMPUTER

SHANNON MATTERN

SERIE

46 — 50

Geschichte der Urbanität, Teil 52

Henri Lefebvre, Teil 8. Die Produktion des Raumes 3

Raum und Körper, Energetik und Spiegelung

MANFRED RUSSO

51 — 60

BESPRECHUNGEN

Der Schwedenplatz und die Raumbildung

gesellschaftlicher Verhältnisse S.51

Die schulische Vermittlung

kritischen (Raum-)Denkens S.52

Das gute Leben wagen S.53

»Nein zur Verführung des Publikums« S.54

Urbane Gärten als Schule

demokratischer Konfliktkultur S.55

Menschenwerkstatt S.56

Probierpferd und Sodabrunnen S.58

Ganz Wien S.59

Journal der Bilder und Einbildungen S.60

68

IMPRESSUM


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


Frank Eckardt

TRUMP

on Main Street

Kleinstadt, USA, Armut,

Antiurbanismus, Deindustrialisierung,

Idylle, Suburbanisierung, Trump

Ouray/Colorado, 2013

Foto: Alex Berger

Die neue amerikanische Regierung hat vor allem Unterstützung außerhalb

der Großstädte gefunden. Städte sind im Weltbild von Trump und seinen

AnhängerInnen ein Ort von Problemen, Chaos und Gewalt. In konservativen

Kreisen wird dagegen der amerikanische Mythos von der Main Street

wieder belebt. Das wird die Bewohnerinnen und Bewohner der Großstädte

weiter benachteiligen. Doch auch den KleinstädterInnen wird der Mythos

nicht helfen.

04

dérive N o 68Sampler


Justin Kadi

Wie das

MIETRECHT

die MIETEN

treibt und was die

POLITIK unternimmt

Wohnkosten, Miete, Mietrecht, Gemeinnützigkeit,

Immobilienmarkt, Wien

Ein Kommentar zur Lage am Wiener Wohnungsmarkt

Die Mieten in Wien steigen seit einigen Jahren rasant. Für Menschen

mit niedrigen Einkommen – und zunehmend auch für DurchschnittsverdienerInnen

– wird es immer schwieriger, leistbaren

Wohnraum in der Stadt zu finden. Steigende Wohnkostenbelastung,

Verdrängung in periphere Lagen bis hin zu Obdachlosigkeit

sind die Folgen. Die Deregulierung des Mietrechts im Jahr 1994

wirkt sich jetzt – in den Zeiten des Betongolds – auf die Höhe der

Mieten besonders stark aus, ebenso wie die fehlenden Sanktionen

bei mietrechtlichen Vergehen. Eine Reform des Mietrechts wird

auf Bundesebene seit Jahren ergebnislos diskutiert, gleichzeitig

droht der Wohnungsgemeinnützigkeit eine Aushöhlung.

Der im Roten Wien erbaute

Lassalle-Hof in Wien Leopoldstadt.

Foto: dérive.

Justin Kadi — Wie das MIETRECHT die MIETEN treibt und was die POLITIK unternimmt

09


Andrej Holm

Mehr LICHT

als SCHATTEN

Berliner Wohnungspolitik in Rot-Rot-Grün

Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren zur Hauptstadt der Wohnungskrise

entwickelt. Der Mix aus demographischen Veränderungen, veränderten

Investitionsstrategien und einem Kahlschlag der sozialen Wohnungspolitik

hat nicht nur zu drastischen Mietsteigerungen geführt, sondern

zu einer tatsächlichen Wohnungsnotlage mit einem Mangel an allem,

was die Wohnungsversorgung einer Stadt braucht. Viele Berliner Initiativen

kämpfen seit Jahren gegen diese Zustände, zahlreiche ihrer Vorschläge

und Ideen haben nun Eingang in die Politik der aktuellen Berliner Koalitionsregierung

gefunden.

Die Wohnversorgung in Berlin hat sich von dem enormen Wohnungsüberhang

Ende der 1990er Jahre (mit 108 Wohnungen

je 100 Haushalte) in eine Mangelsituation verwandelt (95 Wohnungen

je 100 Haushalte). Insgesamt fehlen schon jetzt mehr

als 100.000 Wohnungen, um alle Haushalte zu versorgen. Noch

größer ist das Defizit an leistbaren Wohnungen. Ausgehend

von einer maximalen Mietbelastung von 30 Prozent des verfügbaren

Haushaltsnettoeinkommens fehlen schon jetzt 150.000

Wohnungen zu leistbaren Preisen für MieterInnen mit geringen

Einkommen Durch das beschleunigte Auslaufen von Bindungen

aus früheren Förderprogrammen fehlt es vor allem an

mietpreis- und belegungsgebundenen Wohnungen. 1 Angesichts

der wachsenden Konkurrenz bei der Vermietung von Wohnungen

greifen vielschichtige Diskriminierungsmechanismen

bei der Wohnungsvergabe, sodass es eine wachsende Zahl an

Gruppen gibt, die ohne Belegungsrechte 2 nahezu vollständig

vom System der Wohnungsversorgung ausgeschlossen sind.

Berlin braucht also dringend mehr Wohnungen, mehr leistbare

Wohnungen und mehr Belegungsbindungen.

Der kürzlich veröffentlichte Mietspiegel für Berlin weist

erstmals eine durchschnittliche Bestandsmiete von über 6 Euro/m 2

aus. Die Angebotsmieten – die fällig werden, wenn ein neuer

Mietvertrag unterzeichnet wird, liegen im Durchschnitt bei fast

10 Euro/m 2 . Die Wohnungssuche wir dadurch immer

schwieriger, denn fast jeder Umzug (selbst in deutlich kleinere

Wohnungen) ist mit einer höheren finanziellen Belastung

verbunden. Die MieterInnen Berlins reagieren auf diese Entwicklung

mit einem kollektiven Umzugsstreik. Die Zahl

der Binnenumzüge hat sich zwischen 2007 (350.000 Umzüge

innerhalb Berlins) und 2015 (275.000 Umzüge) trotz steigen

der Bevölkerungszahlen deutlich verringert. Die zunehmende

Spreizung zwischen Bestands- und Angebotsmieten stellt sich

für die MieterInnen als Mobilitätsbremse und Zugangsbarriere

dar. Aus der Sicht der VermieterInnen wiederum tut sich durch

das Gefälle zwischen Bestands- und Neuvermietungsmiete

eine wachsende Ertragslücke zwischen momentan realisierten

und potenziell möglichen Mieterträgen auf. Selbst ohne zusätzliche

Investitionen in die Wohnungen können in vielen

1

Im Februar 2003 beschloss

der Berliner Senat »aufgrund

der dramatischen

Haushaltslage Berlins […]

den Ausstieg aus der

Anschlussförderung« von

Wohnbauprogrammen (www.

stadtentwicklung.berlin.de/

wohnen/anschlussfoerderung/).

Die 15jährige

Anschlussförderung folgte

auf die 15jährige Grundförderung.

Viele Wohnungen aus

Wohnbauprogrammen sind auch

durch vorzeitige Rückzahlung

der Landesdarlehen

früher als ursprünglich

gedacht aus der Bindung

gefallen.

2

Mieter und Mieterinnen

müssen ihren Anspruch auf

eine mit öffentlichen

Mitteln geförderte Wohnung

durch einen Wohnberechtigungsschein

nachweisen

können. Die Voraussetzungen

für den Erhalt beinhalten

sowohl Einkommensgrenzen

als auch eine Aufenthaltserlaubnis

von mindestens

einem Jahr.

14

dérive N o 68Sampler


Interview: Andre Krammer, Christoph Laimer

LERNEN und

VERSTEHEN

Das Londoner Architekturkollektiv Assemble im Gespräch

Eine Tankstelle, die ihren Betrieb eingestellt hatte, und die Idee daraus ein

Kino zu machen, waren 2010 der Startpunkt für eine Gruppe von FreundInnen

und Bekannten, die heute unter dem Namen Assemble bekannt sind,

ein Architekturbüro zu gründen. Das Projekt hieß Cineroleum und fungierte

für ganze sechs Wochen als Kino. Trotz der kurzen Dauer und des ephemeren

Charakters ist Cineroleum bis heute ein prägendes Ereignis für die

Mitglieder von Assemble geblieben, auf das sie immer wieder referieren.

Assemble arbeitet nach dem Learning by doing-Prinzip. Die Lösung der

Aufgabe wird in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Projekt – in

Recherchen, Gesprächen und Experimenten – erarbeitet. Auf die Frage nach

historischen Referenzen, nach Vorbildern und theoretischen Einflüssen antworten

Assemble zurückhaltend, eher nebenbei wird erwähnt, dass es doch

auch so etwas wie gesellschaftspolitische Prinzipien gibt, die ihrer Arbeit

zugrunde liegen. Assembles Praxis ist auch insofern interessant, als dass das

Kollektiv selbst ein organisatorisches Experiment ist. Alle Mitglieder des

Teams, die großteils von Anbeginn dabei sind, sind gleichberechtigte Partner-

Innen. Es gibt keine Hierarchien und keine fixen Aufgabenbereiche.

Eines ihrer interessantesten und beispielgebenden Projekte ist Granby

Four Streets, für das sie 2015 mit dem britischen Turner-Preis ausgezeichnet

wurden, was ihren Bekanntheitsgrad schlagartig erhöhte. Granby Street

war einst eine große ArbeiterInnensiedlung in Liverpool, die über die Jahrzehnte

hinweg weitgehend zerstört wurde. Nur vier Straßenzüge sind

übrig geblieben, für deren Erhalt die BewohnerInnen über zwei Jahrzehnte

lang gekämpft haben. 2011 konnte die Siedlung in einen Community

Land Trust (CLT) 1 eingebracht werden. Gemeinsam mit den BewohnerInnen

entwickelte Assemble ein Sanierungskonzept.

Derzeit läuft im Architekturzentrum Wien eine sehenswerte Ausstellung

über die Arbeit von Assemble. Andre Krammer und Christoph Laimer

haben die Gelegenheit genutzt und Maria Lisogorskaya und Lewis Jones von

Assemble am Tag der Eröffnung für dérive zum Gespräch gebeten.

Learning-by-Doing, DIY, Praxis, CLT,

Organisationsmodelle, Nachhaltigkeit, Materialien

1

Ein CLT ist in der Regel

eine private, gemeinnützige

Gesellschaft, die Grundstücke

mit der Absicht

erwirbt, das Eigentum für

das Land langfristig zu

halten. Der CLT sieht eine

Nutzung des Landes durch

langfristige Mietverträge

vor. Die Pachtinhaber

können ihre Häuser besitzen,

es gelten jedoch Wiederverkaufsbeschränkungen.

Das Eigentum am Land bleibt

beim CLT, womit Spekulation

unterbunden wird. Siehe

dazu den Artikel Narratives

of Urban Resistance. The

Community Land Trust von Udi

Engelsman, Mike Rowe und

Alan Southern in dérive 65.

18

dérive N o 68Sampler


Niko Rollmann

Wagenburgen,

Hüttendörfer

und SPOTS

Informelle Siedlungen in Berlin

Informelle Siedlungen, Berlin, Wagenplätze, Armut,

Alternativszene, Protestcamps, Verdrängung

Free Cuvry-Siedlung

Foto: Niko Rollmann

Seit den frühen 1980er Jahren gibt es in Berlin Wagenburgen. Wohnungsnot

auf der einen und das Bedürfnis zusammen mit Gleichgesinnten

alternative Lebensentwürfe umzusetzen auf der anderen Seite waren und

sind die zentralen Gründe für ihre Gründung. Der Charakter der Wagenburgen

und das Platzangebot, das in der Stadt für sie zur Verfügung steht,

hat sich im Lauf der Jahre stark verändert. Unmittelbar nach dem Fall der

Mauer gab es viel Platz und eine entsprechend starke Szene. 2012 dominierten

die Protestcamps am Brandenburger Tor, am Oranienplatz und in der

ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule die öffentliche Aufmerksamkeit. Im

gleichen Jahr entstand am Spreeufer mitten im sogenannten MediaSpree-

Gebiet die mittlerweile geräumte Cuvry-Siedlung. Heute lassen sich grob

zwei Varianten informeller Siedlungen unterscheiden: Einerseits etablierte

Orte, die von den Behörden meist geduldet werden und wilde Lager bzw. so

genannte Spots, bei denen kein alternativer Lebensentwurf sondern die

nackte Not Grund für diese Form des Wohnens ist.

Niko Rollmann — Wagenburgen, Hüttendörfer, und SPOTS

23


Rafael Kopper

WIEN im

WASSER

Eine kleine Geschichte

vom Baden in der Donau

Obwohl die Donau bekanntlich an Wien vorbeifl ießt, statt durch Wien hindurch,

ist die Geschichte der Stadt eng mit ihrem Hauptgewässer verbunden.

Die Donau hat im Lauf der Zeit mehrere Phasen der Transformation

erlebt, die sie vom mitunter gefährlichen Nutzgewässer zum beliebten Freizeitziel

werden ließ. Die Geschichte des öffentlichen Badens erzählt

auch von frühen Aneignungsprozessen der Bevölkerung und den Reaktionen

der Politik.

Wien, Donau, Baden, Freizeit,

Sozialgeschichte, Stadtgeschichte

Chalupna-Lacke 1930, oberhalb Floridsdorfer Brücke / Hubertusdamm

(c) Wikipedia

28

dérive N o 68Sampler


Kunstinsert:

Aldo Giannotti

demolition

Spätestens seit Ende 2016, als er mit dem Anerkennungspreis des STRABAG Artaward International

ausgezeichnet wurde, ist Aldo Giannotti in Wien überaus präsent. Kurz davor wurde

sein Projekt Buildings on Buildings am Yppenplatz in Wien Ottakring bei Kunst im Öffentlichen

Raum Wien eröffnet. Bei Buildings on Buildings wurden in Wien an drei Orten reale Fassaden

zum Untergrund seiner performativer Zeichnung: »Sein Anliegen ist es, eine Feedbackschleife

zwischen dem Sujet der Zeichnung und dem Kontext zu erzeugen, in dem die Zeichnung eingebettet

ist«, formuliert es Giorgio Palma in seinem Text zum Projekt.

Aldo Giannotti legt in seinen Zeichnungen immer wieder soziogeographische Fragestellungen

offen, die grundlegende Bezüge in der Architektur permanent hinterfragen. Kaum ein

anderer Künstler bringt urbane und architektonische Fragestellungen mittels Zeichnung gegenwärtig

so pointiert auf den Punkt. Obwohl Giannotti seinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt

mittlerweile nach Wien verlegt hat, agiert er doch weitgehend international. Schon sein Studium

führte den in Genua geborenen Künstler von der Accademia di Belle Arti di Carrara (I) über

die Academy of fine arts in Wimbledon (GB) schließlich über München (Akademie der bildenden

Künste) nach Wien.

Ab 26. August ist Aldo Giannotti in Marseille bei Paréidolie, der International Contemporary

Drawing Fair vertreten. In Wien können seine Arbeiten ab 29. Juni in der Ausstellung

Counterpart #1: Aldo Giannotti & Peter Fritzenwallner im Extra Zimmer (kunstverein-extra.com)

und von 26. August bis 28. September im Projektraum Viktor Bucher als Einzelausstellung

gesehen werden. Letztere Ausstellung wird wie das Insert in dérive den Titel demolition tragen.

Es gibt damit einen ersten Vorgeschmack auf diese Ausstellung.

Auf der ersten Seite von Giannottis demolition üben sich Wreaking Balls in der Erwartung

ein Bauwerke zu demolieren, was dann auf der folgenden Doppelseite durch gezielte

Dekonstruktion (slow speed demolition) tatsächlich geschieht. Dekonstruktion versteht sich dabei

nicht im Sinne des Dekonstruktivismus der 1980er Jahre, sondern vielmehr als konzeptionelles

Verschwindens, das in The Magic und Denied Architecture fortgeführt wird. Die letzte Seite lädt

zu Do-it-Yourself ein – also bitte Schere und Klebstoff organisieren.

Barbara Holub/Paul Rajakovics

32

dérive N o 68Sampler


Shannon Mattern

A CITY is

NOT a COMPUTER

Das Kontrollzentrum für die Stadtbeleuchtung von Seattle, 1968.

Credit: Seattle Municipal Archives.

Daten, Information, Wissen, urbane

Intelligenz, Informationsverarbeitung, Smart City,

Archiv, Bibliothek, Internet, Google

Es scheint eine offensichtliche Tatsache, trotzdem müssen wir es laut und

deutlich aussprechen: Urbane Intelligenz ist mehr als die Verarbeitung

von Informationen.

Unternehmen im Smart-City-Business wollen uns weismachen, dass dem

Wohl und Glück unserer Städte nichts im Wege steht, gibt es nur genug auszuwertende

Daten, um die urbanen Systeme zu optimieren. Google/Alphabet

will das derzeit am Beispiel des Stadtverkehrs zeigen. Shannon Mattern

weist darauf hin, dass Google in den USA urbane Infrastrukturen aufbaut,

die das Rückgrat für die Totalübernahme des städtischen Verkehrs werden

sollen. Der vorliegende Artikel nimmt diese Recherche als Ausgangspunkt

und zeigt, dass in der Stadt immer schon Informationen gesammelt und

gespeichert wurden. Gleichzeitig ist das Ökosystem der Städte weitaus komplexer

und beruht nicht alleine auf Informationsverarbeitung. Shannon

Matterns Beitrag ist sowohl eine Anklage gegen die postpolitische Rede

von der Stadt als Computer als auch eine Aufforderung, die Stadt in all

ihrer Vielfältigkeit wahrzunehmen und Daten nicht als objektive Tatsachen

zu akzeptieren.

Shannon Mattern — A CITY is NOT a COMPUTER

37


Geschichte der URBANITÄT, Teil 52

Henri Lefebvre

Teil 8

Die PRODUKTION des

Raumes III: Raum und Körper,

Energetik und Spiegelung

Widerspiegelungstheorie, Energetik Körper,

Raumtheorie, Differenz, Georges Bataille, Friedrich Nietzsche,

apollinisch-dionysischer Kompromiss

Seria

Wir wissen, dass im Zentrum von Lefebvres Philosophie des

Raumes der Körper steht und damit die Philosophie Nietzsches

mit dem Willen zum Leib, die auf der Erkenntnis Schopenhauers

beruht, dass das Leiden den Grundzug des Lebens bildet.

Drücken wir es durch einige Nietzsche-Zitate des Zarathustra

aus, die Lefebvre zwar nicht verwendet, die aber dem Sinn und

der Tendenz seiner Gedanken zugrunde liegen dürften, wenn

es von den Hinterweltlern tönt: »Glaubt es mir Brüder! Der

Leib war’s, der an der Erde verzweifelte, – der hörte den Bauch

des Seins zu sich reden.« (Nietzsche 1980, S. 36) Der Leib

ist das Diesseitige, das Wirkliche, der aber erst verwirklicht

werden muss, denn der aktuelle Körper ist ein krankhaftes

Ding. Der gesunde Leib wird im Gegenzug zu den Vernunftvorstellungen

der Metaphysik als das noch nicht verwirklichte

Wesen des eigentlichen Menschseins gefordert. »Leib bin ich

ganz und gar, und Nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort

für ein Etwas am Leibe. Der Leib ist die große Vernunft, eine

Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine

Herde und ein Hirt. Werkzeug deines Leibes ist auch deine

kleine Vernunft, mein Bruder, die du ›Geist‹ nennst, ein kleines

Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.« (a.a.O., S. 39)

Lefebvre möchte aber diese Philosophie des Leibes noch

komplexer fassen, indem er zunächst seine Raumtheorie

darauf aufbaut und eine Synthese zwischen Naturwissenschaft

und Philosophie herstellen möchte, die eine plausible Grundlage

bieten kann, um die Unterdrückung der leiblichen Impulse

besser zu kritisieren, und die in sein materialistisch-marxistisches

Konzept integriert werden kann.

Zunächst fragt Lefebvre, ob nicht der Körper mit seiner

Kapazität zum Handeln und seinen zahlreichen Energien

Raum erschaffen kann? Es gibt seiner Meinung nach immer

schon eine unmittelbare Verbindung zwischen Raum und

Körper, einerseits der Kräfteverteilung des Körpers im Raum

und andrerseits der Besetzung des Raumes durch den Körper.

Aufgrund der naturwissenschaftlichen Arbeiten von Hermann

Weyl (1955) kann Lefebvre den Schluss ziehen, dass es Erhaltungskräfte

in der Physik gibt, die von räumlichen Energien des

Quantenfeldes gespeist werden und zur Bildung von sich selbst

erhaltenden Körpern führen. Die Bewegung dieser Körper,

die zu ihrer Existenz geführt hat und ihnen mitgegeben worden

ist, führt aber nicht nur zur Selbsterhaltung der Körper,

sondern auch zur Bildung des Raumes. Diese elementaren

Kräfte des Quantenfeldes sind älter und stärker als die Objekte

und bilden deren energetische Grundlage, ermöglichen erst die

Objektbildung und deren Haltbarkeit.

Ein weiterer Schlüsselbegriff bei Lefebvre ist die

Energie. In vager Anlehnung an Weyl versucht er eine Art von

Welttheorie zu skizzieren, der zufolge die Umsetzung des

Energieinputs mittels Symmetrie und Spiegelung als Prinzip

der Raumbildung konzipiert wird. Er versucht die materiell-physikalischen

Bedingungen mit dem Bewusstsein der Menschen

in Einklang zu bringen und völlig unterschiedliche

Wissenschaftskonzepte zu konvergieren. Die Symmetrie stellt

sich damit nicht nur als ein Begriff einer geometrischen und

räumlichen Situation dar, sondern steht im Sinne Weyls in

Zusammenhang mit einer bestimmten biophysikalischen Konstellation

des Körpers, die Voraussetzung des Zellwachstums

und damit jeden organischen Wachstums ist. Damit scheint

ein Erhaltungsprinzip, das Raum und Körper zusammenhält,

gegeben zu sein, das weit über die biochemische Anlage des

Körpers hinausgeht. Allerdings ist damit zunächst nur das

Kraftprinzip, nicht aber die Frage nach dem Sinn im Körper

46

dérive N o 68Sampler


Besprechungen

Der Schwedenplatz

und die Raumbildung

gesellschaftlicher

Verhältnisse

Christoph Laimer

Wien ist aus städtebaulicher Perspektive

nicht gerade für seine Plätze berühmt.

Der Karlsplatz ist bekanntlich eher eine

Gegend als ein Platz, so urteilte angeblich

zumindest Otto Wagner. Den Rathausplatz

bekommt man als solchen kaum einmal in

den Blick, weil darauf mehr oder weniger

ganzjährig irgendwelche Events stattfi n-

den. Der Reumannplatz fällt auch eher in

die Kategorie Gegend. Der Yppenplatz

hätte räumlich zwar das Potenzial zur

Piazza, ist aber mittlerweile ein einziger

Gastgarten. Der Praterstern ist eine Verkehrshölle,

was ein Drama ist, denn der

Platz hätte ungeheures Potenzial für einen

fantastischen Ort.

Ein weiteres Drama ist die mediale

Berichterstattung über die Wiener Plätze:

Sowohl der Karlsplatz und der Praterstern

als auch der Schwedenplatz werden oder

wurden teils jahrelang als gefährliche Orte

gebrandmarkt, weil sich dort Menschen

aufhalten, die den herrschenden Vorstellungen

wie man auszusehen hat, sich

zu benehmen hat, was man zu konsumieren

hat und wie man seine Freizeit zu

verbringen hat, nicht entsprechen. Die

medial erzeugten Bilder verfestigen sich

vor allem bei den Menschen, die die Plätze

gar nicht kennen oder nutzen und haben

immer wieder zu baulichen oder sicherheitspolitischen

Maßnahmen geführt, die

die Verdrängung unerwünschter Bevölkerungsgruppen

zur Folge hatten.

Der Schwedenplatz, dem die vorliegende

Publikation gewidmet ist, ist insoferne

für Wien typisch, als auch er nicht

der Vorstellung eines Platzes entspricht, hat

man einen klassischen italienischen Platz

als Vorbild vor Augen. Auch er wurde jahrelang

als Angstraum beschrieben, was

sich irgendwann tatsächlich in den Köpfen

festgesetzt hat, obwohl er diesbezüglich in

der jüngeren Vergangenheit sein Topranking

an den Praterstern abgeben musste.

Den Schwedenplatz überhaupt als

Platz wahrzunehmen, ist schon schwierig.

Die Grenze zum Morzinplatz ist räumlich

nicht wahrzunehmen und der angrenzende

Franz-Josefs-Kai entspricht nicht

dem klassischen Abschluss eines Platzes –

vielmehr war der Schwedenplatz

ursprünglich nicht mehr als eine Erweiterung

des Kais. Die langgezogene Form des

Schwedenplatzes ebenso wie die vielen

Kioske, U-Bahn- sowie Parkgaragenaufund

abgänge, Entlüftungsschächte, der

Busparkplatz und die Straßenbahnhaltestellen

verhindern das Raumgefühl, das ein

klassischer Platz vermittelt. Seine heutige

Form erhielt der Schwedenplatz erst in der

Nachkriegszeit durch den Abriss einiger

Häuser, die im Zweiten Weltkrieg stark

beschädigt worden waren.

Wenn der Schwedenplatz nicht durch

seine städtebauliche Form punkten kann,

so tut er das ganz sicher als lebendiger

urbaner Ort. Kaum ein anderer Wiener

Platz ist rund um die Uhr so bevölkert wie

der Schwedenplatz. Das hat einerseits mit

den beiden U-Bahn- und mehreren

Straßenbahnlinien zu tun, die hier ihre

Stationen bzw. Haltestellen haben,

andererseits aber vor allem auch mit dem

Umstand, dass in der Umgebung ein

intensives Nachtleben herrscht und der

Besprechungen

Schwedenplatz die NachtschwärmerInnen

24/7 mit Fastfood und Getränken

versorgt. Nicht zufällig war er ursprünglich

auch Abfahrtsort aller Wiener

Nachtbuslinien.

Rudi Gradnitzer hat sich für seine sozialräumliche

Studie über den Schwedenplatz

nicht eine Betrachtung des kompletten

Platzes vorgenommen, sondern

einzelne prototypische Aspekte ausgewählt.

Das sind einerseits Gebäude: der

Gemeindebau Georg-Emmerling-Hof,

das Hotel Capricorn, der Raiffeisen-Tower

und andererseits die Wiener Verkehrsbetriebe

und die visuelle Kommunikation

am Schwedenplatz und am angrenzenden

Donaukanal.

In seiner Studie geht es dem Autor »um

die Dechiffrierung von architektonisch

gestützten Machtstrukturen und historischen

Prägungen am Beispiel des Schwedenplatzes.

[…] In diesem Sinne ist die

Untersuchung als kritischer Beitrag zum

besseren Verständnis des Bestehenden zu

lesen«, und weiter sich auf Adorno berufend,

»mit dem ausdrücklichen Ziel seiner

Beseitigung«. Zu diesem Zwecke bedient

sich Gradnitzer bei Henri Lefebvre, der in

seinen Schriften zu Stadt und Raum immer

hervorhob, dass Raum nicht einfach existiert,

sondern dass er produziert wird.

Lefebvres Modell der Triade folgend,

untersucht Gradnitzer jeweils den konzipierten,

den materiellen und den gelebten

Raum, was sich als sehr fruchtbarer Ansatz

erweist. Neben diesem zwar in der Theorie

in Stadtforschungskreisen mittlerweile weithin

bekannten, aber praktisch eher selten

angewandten Modell, ist die Breite der für

die Studie verwendeten Literatur als

besonders bemerkenswert hervorzuheben.

Sie umfasst architekturhistorische ebenso

wie zeitgeschichtliche, gesellschaftspolitische

wie stadttheoretische, philosophische

wie biographische Werke. Das führt beispielsweise

dazu, dass im Kapitel über den

im Roten Wien errichteten Georg-Emmerling-Hof

nicht nur das Rote Wien und die

österreichische Architekturgeschichte

Thema sind, sondern – die Ansätze vergleichend

– ebenso über die parallelen

Entwicklungen in der Sowjetunion zu lesen

ist. Superblock, Gartenstadt, Wohnhaus-Kommune

und die Revolutionierung

des Alltagslebens kommen ebenso vor wie

der Umstand Erwähnung fi ndet, dass das

Parteilokal der SPÖ in den 1990ern

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DEMOCRACitY

Demokratie und Stadt

6.—15. Oktober 2017, Wien

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ehr als die

rbeitung von

rmationen.«

ttern — A City Is Not a Computer, S. 38

dériveZeitschrift für Stadtforschung N o 68 Sampler

Zeitschrift für Stadtforschung

Juli — Sept 2017

N o 68

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Informationsverarbeitung, Smart City,

, Baden, Main Street, Antiurbanismus, Trump, Mietrecht,

iegenschaftspolitik, Verdrängung, Learning-by-Doing,

melle Siedlungen, Widerspiegelungstheorie, Körper, Energetik

Juli — Sept 2017

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Foucault/HETEROTOPIE

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Juli – September 2017

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von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

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Fragen. Besondere Berücksichtigung sollen dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze finden.

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Redaktion / Mitarbeit: Thomas Ballhausen, Andreas Fogarasi,

Barbara Holub, Lennart Horst, Michael Klein,

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Erik Meinharter, Sabina Prudic-Hartl, Paul Rajakovics,

Elke Rauth, Manfred Russo.

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen dieser

Ausgabe: Thomas Ballhausen, Frank Eckardt, Aldo Giannotti,

Ernst Gruber, Andrej Holm, Barbara Holub, Lewis Jones, Justin

Kadi, Rafael Kopper, Silvester Kreil, Christoph Laimer, Antje

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Payer, Ursula Maria Probst, Paul Rajakovic, Elke Rauth, Niko

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Genehmigung des Herausgebers gestattet.

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Shannon Mattern — A City Is Not a Computer, S. 38

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