Erna - Eine Ausstellung in 23 Schautafeln

sinedi

ERNA KRONSHAGE

1922-1944

Ein Opfer

der NS-Euthanasie

Eine Ausstellung

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Edward Wieand – 6-2017

Mail: sinedi.art[at]gmail.com

2


Erna wird 2 Wochen vor

Weihnachten am 12.

Dezember 1922 in Senne II

(heute heißt das „Bielefeld-

Sennestadt“) geboren.

Sie ist das 11. und jüngste

Kind.

Die Familie Kronshage lebt

und arbeitet auf einem

Bauern-Hof in der Senne.

Der Hof liegt direkt dort am

Bahnhof mit seinen

Bahnsteigen und Gleisen.

Der Vater arbeitet halbtags

als Tischler in einer Fabrik.

3


So sieht das Bauern-Haus

damals aus.

Das Haus heute:

4


Auf diesem Familien-Foto

von ca. 1930 ist Erna

die 2. von links …

Als Jüngste und Kleinste

wird Erna hauptsächlich

von ihren großen

Geschwistern „erzogen“.

Erna wird als „Nest-

Häkchen“sicherlich

entsprechend

betüddelt und verwöhnt …

Erna ist ca. 8 Jahre alt.

Ausschnitt aus dem Familien-Foto.

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Erna ist eine gute

Schülerin.

Das Lernen

macht

ihr Spaß.

Sie hat sehr gute

Zeugnisse.

So sieht es 1935

in einer

Schul-Klasse

aus.

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Nach ihrer Schulzeit arbeitet Erna

als „Haus-Tochter“ zu Hause auf

dem Bauern-Hof.

„Haus-Tochter“ war damals eine

Tätigkeit für junge Frauen bis zu

ihrer eigenen Hochzeit.

Erna muss jetzt oft allein mit

ihren Eltern auf dem Hof

arbeiten.

Die Brüder sind Soldaten, weil der

Krieg begonnen hat.

Die älteren Schwestern haben

inzwischen eigene Familien.

Erna muss z.B. Kartoffeln ernten.

Und wäscht Wäsche am Brunnen

vor dem Haus.

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Im Frühjahr 1940 kommt

der Krieg zum ersten mal

bis in die Senne.

Ein einsamer englischer

Flieger wirft Bomben auf

den Guts-Hof gegenüber.

Das ist nur 100 Meter von

Ernas Bauern-Hof entfernt.

Erna ist schockiert, denn

eine fast gleichaltrige

Nachbarin stirbt dabei.

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Aus der Groß-Familie

Kronshage wird eine

Klein-Familie.

Erna wohnt jetzt allein

mit den Eltern im

Haus.

Sie fühlt sich deshalb

immer einsamer.

Sie sehnt sich nach

gleichaltrigen

Freunden, mit denen

sie quatschen kann.

Ihre Eltern sind schon

über 40 Jahre älter als

sie.

Für Erna wird die

Arbeit zu schwer.

Sie will Ferien machen

und ausspannen.

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Im Oktober 1942 verweigert Erna Kronshage ihre

Mitarbeit auf dem Hof.

Sie schimpft mit den Eltern und hat keine Lust

mehr

Sie will sich erholen, weil sie sich schlapp fühlt

von der schweren Arbeit.

Ernas Mutter muss diese Arbeits-Verweigerung

der Gemeinde-Fürsorgerin melden - der

sogenannten „Braunen NS-Schwester“.

Jetzt im Krieg wird auf einem Bauern-Hof kein

„Blau-Machen“ geduldet.

Jeder Bauern-Hof jetzt ist für die Lebensmittel-

Versorgung der Bevölkerung zu wichtig.

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Die „Braune Schwester“ schickt Erna zu

einer ärztlichen Untersuchung ins

Gesundheits-Amt.

Hier bittet Erna selbst den Arzt darum, in

die Heil-Anstalt nach Gütersloh zu

kommen.

Sie will sich dort zu erholen und wieder

„fit“ werden.

Bei einer Schwester Ernas hatte das kurz

zuvor dort gut geklappt.

Die hatte sich nach einem Zusammenbruch

in 4 Wochen wieder gut erholt.

Erna will das jetzt auch so.

Sie lässt sich deshalb einweisen – sogar

gegen den Willen der Eltern.

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Die Heil-Anstalt Gütersloh ist damals eine

Art „Gesundheits-Fabrik“. –

Sie besteht aus mehreren

Krankenhäusern und Heimen – mit weit

über 1000 seelisch gestörten Patienten.

Nazi-Ärzte und Krankenschwestern

haben das Sagen.

Es gibt getrennte Frauen- und

Männerbereiche.

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In Gütersloh führen Ärzte erste

Untersuchungen und Gespräche durch.

Sie fragen nach Erkrankungen in der

Verwandtschaft und machen sich dazu Notizen.

Erna ist aufgeregt und stammelt herum. Solche

Situationen machen ihr Angst.

Die Ärzte entscheiden danach sogar, Ernas

Arbeitsverweigerung und Verhaltensstörungen

zu Hause sei eine schwere Geistesstörung - mit

dem Namen „Schizophrenie“.

Bei dieser Störung lassen sich Wirklichkeit,

Traum oder Fantasie nicht mehr unterscheiden.

Alles fließt ineinander.

• Das Erleben und Fühlen ist in einer

Schizophrenie wie in viele kleine Scherben

zersplittert.

• Oft hört man Stimmen oder sogar Befehle -

aber niemand spricht tatsächlich.

• Es sind Einbildungen.

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Zur Arbeits-Therapie wird Erna zum

Kartoffel-Schälen und zur Arbeits-

Kolonne in die Gärtnerei

abkommandiert – das kennt sie ja

schon von Zuhause.

Zusätzlich zu diesem Beschäftgungs-

Angebot werden bei Menschen mit

Schizophrenie künstlich epileptische

Krampfanfälle ausgelöst.

Die sollen innere Spannungen abbauen.

Das geschieht mit dem Mittel

„Cardiazol“, das in die Arm-Beuge

gespritzt wird.

Hinterher fühlt sich Erna völlig matt

und verwirrt.

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Der Direktor der Anstalt in

Gütersloh stellt Anfang 1943 für

Erna Kronshage Antrag auf

„Unfruchtbarmachung“– auf

Sterilisation – nach dem

„Erbgesundheits-Gesetz“.

Die „Schizophrenie“ wird damals

als „Erbkrankheit“ bezeichnet.

Der Vater legt dagegen mehrmals

Einspruch ein.

Chefarzt Gütersloh:

Dr. Werner Hartwich

Aber nach Beschluss des

Erbgesundheits-Obergerichts in

Hamm wird Erna Kronshage am 4.

August 1943 im Krankenhaus in

Gütersloh operiert und

„unfruchtbar“ gemacht.

Dabei wird in einer Unterbauch-

Operation dafür gesorgt, dass Erna

keine Kinder bekommen kann.

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Geistig und seelisch erkrankte Menschen sind für die Nazis

„unnütze Esser“, die nur Geld kosten – aber nichts

einbringen.

Hitler machte schon ab 1939 „kurzen Prozess“ mit ihnen und

gibt den Befehl, diese Menschen zu töten.

Er gibt vor, ihr Tod wäre das Beste für sie.

Per Frage-Bogen werden die Menschen ausgewählt für den

Kranken-Mord:

Dabei geht es hauptsächlich um 3 Dinge:

• Wer ist die oder der Kranke?

• Wie stark ist die Krankheit oder Behinderung?

• Kann und will die oder der Kranke arbeiten?

Diese Kranken-Morde heißen „Euthanasie“ – das Wort

kommt aus dem Griechischen – was zu deutsch „schöner

Tod“ bedeutet.

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Ab Mitte 1943 sind in

Gütersloh auf Anweisung

aus Berlin Bettenplätze

freizumachen für

Kriegsverletzte aus den

bombardierten Städten.

Deshalb müssen rasch

überzählige Patienten in

andere Anstalten verlegt

werden.

Erna Kronshage ist mit 99

Mit-Patienten dabei.

Am 12.11.1943 bringt sie ein

Sonderzug über Hannover

und Berlin in die 630 km

entfernte Anstalt

„Tiegenhof“ – nahe der

Stadt Gnesen im damals

besetzten Polen.

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Heil-Anstalt

Tiegenhof bei

Gnesen – PL

Name vor der

Deutschen Besetzung:

Dziekanka/Gniezno

• Luft-Aufnahme des

Anstaltsgeländes

• Bucheinband eines

Jubiläumbandes von

1994

• Typischer Anstalts-

Pavillon

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Die Patienten werden in Tiegenhof mit einem Tötungs-Rezept aus fettlosen Speisen mit beigemischten

Schlaf-Mitteln umgebracht. 19


Erna Kronshage wird am 20.02.1944 in Tiegenhof/Gnesen getötet.

Vom Tag der Anreise aus Gütersloh bis zu ihrer Ermordung dauert es genau 100 Tage …

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Auf Antrag der Eltern wird der Leichnam Erna Kronshages

nach Senne II überführt.

Der Sarg wird in einem Pack-Waggon der Reichs-Bahn 600

km direkt bis auf die Rangier-Gleise des Bahnhofs „Kracks“

gefahren.

Die Familie öffnet heimlich den Sarg und vergewissert sich,

dass keine Spuren von Gewalt-Anwendung an der Leiche

sichtbar sind.

Am 5.Marz 1944 wird Erna Kronshage auf dem Alten Friedhof

in Senne II – heute Sennestadt – im Familien-Grab beerdigt.

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Am 6. Dezember 2012

wurde in der Nähe des

Geburtshauses von Erna

Kronshage zum Gedenken

ein „Stolperstein“ gelegt.

Im „Raum der Namen“

gedenkt man in der Klinik-

Kapelle in Gütersloh –mit

einem leuchtenden

Namens-Band den 1.017

Opfern, die von hier in die

Tötungs-Anstalten

verbracht wurden.

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