Barbara Pflüger - Schmerztagebuch - Yumpu

theger

Barbara Pflüger

Schmerz lass nach!

EIN LEBEN ALS

SCHMERZPATIENT

Verlag für Text- und Bildmedien Theodor Gerdon


Verlagsangaben

Verlag für Text- und Bildmedien Theodor Gerdon

Biberacher Str. 3

88410 Bad Wurzach

Deutschland

Mobil: 0151 40764189

E-Mail: verlag@itandmore.eu

Internet: www.itandmore.eu

• Materialsammlung, Textbearbeitung und Redaktion: Barbara Pflüger

• Lektorat: Christa Wilhelm M.A.

• Design, Layout, Umschlaggestaltung und Satz: Theodor Gerdon

ISBN: 978-3-947150-01-4

1. durchgesehene Auflage 2017

© Verlag für Text- und Bildmedien Theodor Gerdon

Alle Rechte vorbehalten. Alle Rechte stehen unter dem internationalen

Copyright-Gesetz. Inhalt und/oder Umschlag dürfen im Gesamten

oder auszugsweise nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung

des Herausgebers wiedergegeben werden.

Druck und Bindung: Frick Kreativbüro & Onlinedruckerei e.K.

86381 Krumbach, Deutschland

http://www.online-druck.biz

Printed in Germany


Inhaltsverzeichnis

1. Prolog 9

2. Nackenschmerzen 10

3. Beginn einer Odyssee zu den Ärzten 14

4. Das neue Jahr 2014 18

5. Keine Veränderung 22

6. Maßnahmen vor der Reha 25

7. Meine ambulante Reha 27

8. Vorstellung in der Neurochirurgie 32

9. Meine Familie 36

10. Die Angst vor der Myelographie 38

11. Aufklärungsgespräche 41

12. Der Tag der Operation 43

13. Wieder zu Hause 46

14. Warten 49

15. In der Unfallnotaufnahme 50

16. Telefonate 51

17. Ein erneuter Klinikaufenthalt 52

18. Gedanken zum Klinikalltag 57

19. Folgen der Myelographie 60

20. Besuch beim Schmerztherapeuten 62

21. Zweitmeinungen 65

22. Frau Dr. Schlüter 69

23. Ein guter Anfang - ein enttäuschendes Ende 74


24. Der Beginn des nächsten Jahres 77

25. Das Funktions-MRT 80

26. Mein Aufenthalt in der Schmerztagesklinik 87

27. Erwerbsminderungsrente 91

28. Aussteuerung 94

29. Die Tage bis zur zweiten Operation 96

30. Die stationäre Aufnahme 99

31. Der Abend davor 102

32. Zweite Halswirbeloperation 104

33. Der Tag danach 107

34. Eine neue Bettnachbarin - die türkische Familie 109

35. Die Bitte um ein Arztgespräch 111

36. Erfahrungen eines Morgens 115

37. Postoperative Versorgung 116

38. Schmerzempfinden und Schmerzmedikation 118

39. Ungewollte Perspektiven 121

40. Gedanken, die mich bewegen 126

41. Der Umgang mit Schmerzpatienten 127

42. Eine weitere „zweite Meinung“ 130

43. Die Praxis für rehabilitative und physikalische Medizin 132

44. Positive Nachrichten 134

45. In der Klinik für konservative Orthopädie 137

46. Dr. Berg 139

47. Volle Erwerbsminderungsrente auf Zeit 144

48. Atempause 145


49. Das Upright-MRT 147

50. Plan „B“ 154

51. Rückenmarkstimulation 156

52. Bekanntschaft mit Dr. Kammerer 159

53. Die Einschätzung meines Funktions-MRTS 160

54. Der Zufall 164

55. Eine grundlegende Meinungsänderung 166

56. Ein neuer Weg 169

57. Die dritte Operation 173

58. Die Intensivstation 178

59. Auf Station „A“ 181

60. Tage, Wochen, Monate danach 183

61. Selbsthilfe 186

62. Was es bedeutet, Schmerzpatient zu sein 187

63. Was ich aus den vergangenen Monaten gelernt habe 189

64. Unser Gesundheitssystem 190

65. Ende 192

66. Epilog 193



Steht dir ein Schmerz bevor,

oder hat er dich bereits ergriffen, so

bedenke, daß du ihn nicht vernichtest,

indem du dich von ihm abwendest!

Sieh‘ ihm fest ins Auge.

Ernst Freiherr von Feuchtersleben

(1806 - 1849), österreichischer Popularphilosoph, Arzt, Lyriker und

Essayist

Quelle: Feuchtersleben, Zur Diätetik der Seele, 1838


1. Prolog

Ich schreibe dieses Buch, weil ich seit drei Jahren Schmerzen habe

und fast nichts an Möglichkeiten ausgelassen habe, diese zu bekämpfen

bzw. deren Ursache zu finden. Ich habe während der vergangenen

Monate so viel erlebt, dass ich diese Erfahrungen gerne an andere Patienten

weitergeben möchte. Ich will ihnen Hoffnung machen und sie

ermutigen, nicht aufzugeben.

Ich möchte sie auffordern, sich nicht nur ausschließlich dem Urteil

eines einzigen Arztes auszusetzen und sich zu fügen, sondern diesem

kritisch gegenüberzustehen, nachzufragen und im Bedarfsfall immer

eine zweite Meinung einzuholen. Es entsteht aber auch aus der Tatsache

heraus, dass ich mich nicht mit meinen Schmerzen und Einschränkungen

abfinden kann und nicht möchte, dass dieser Zustand von nun

an mein Leben beeinflussen und bestimmen wird.

Ein weiterer Grund, warum es zum Schreiben dieses Buches kam, ist

die Information der Gesellschaft: Ein Schmerzpatient muss viele steinige

Wege und kleine Schritte gehen, um für Außenstehende kaum

sichtbare Fortschritte bzw. eine wahrnehmbare Besserung zu erlangen.

Die häufig vertretene Meinung: „der Patient hat es schön, weil er über

Monate, manchmal sogar Jahre nicht arbeitet und sein Leben genießen

kann“, täuscht. Für einen chronischen Schmerzpatienten bedeutet

seine Leidenszeit harte Arbeit. Sie ist mit vielen Verzichten und Einschränkungen,

sowie mangelnder Lebensqualität verbunden um sein

Ziel, seine Gesundheit zu erhalten.

Mir ist es ein Anliegen Verständnis zu schaffen, sowie die Öffentlichkeit

sensibler für die Belange von Schmerzpatienten zu machen, denn

hinter jedem Schmerzpatient steckt eine eigene Geschichte.

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2. Nackenschmerzen

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, begann an einem Nachmittag

im Mai 2013. Ich saß gemütlich im Garten meiner Freundin. Sie

hatte sich neue Gartenstühle angeschafft, und wir tauschten uns, wie

so oft, Neuigkeiten der vergangenen Tage aus, als ich während der

Unterhaltung plötzlich ein leichtes Kribbeln, vergleichbar mit einem

Ameisenrennen entlang des Nackens und im Bereich der Wirbelsäule

wahrnahm. Was macht man mit so einer Wahrnehmung? Ich versuchte,

sie zunächst zu ignorieren und besann mich auf unser Gespräch.

Allerdings traten beim Blickkontakt und Fixieren meines Gegenübers

Sehstörungen und ein leichter Schwindel auf. Nach einigen Minuten

war alles wieder wie immer, und so dachte ich mir, dass dies ein

einmaliger Zustand gewesen sei – vielleicht etwas mit dem Kreislauf

– und ich vergaß diese unangenehme Situation. In der Zeit bis Juli

wiederholten sich derartige Missempfindungen, allerdings für andere

sicherlich nicht wahrzunehmen, für mich umso belastender, da sich

die Länge und Intensität der „Ameisenläufe“ steigerte. Hinzu kamen

immer häufiger Sehstörungen, die hauptsächlich beim Fixieren von

Gegenständen, sowie bei direktem Blickkontakt auftraten.

In der Zwischenzeit bekam ich noch zusätzlich starke Nackenbeschwerden

und ziehende Kopfschmerzen im Bereich des Hinterkopfes.

Ich bemerkte, dass sich meine Beschwerden im Sitzen und im Stehen

verstärkten, sich jedoch bei jeglicher Art von schneller Fortbewegung

besserten, bzw. gar nicht erst auftraten. Ein entspanntes Liegen auf

dem Sofa war mir nicht mehr möglich, wenn ich links gelagert eine

bestimmte Haltung annahm.

Ich trage seit meinem vierten Lebensjahr eine Brille und mein Sehvermögen

ist sehr eingeschränkt. In Anbetracht der Sehstörungen suchte

ich deshalb einen Augenarzt auf, der mir eine Brille mit einer anderen

Sehstärke verordnete und meine Schwierigkeiten beim Sehen auf die

zu schwachen Gläser meiner Brille zurückführte. So kam ich zwar un-

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erwartet zu einer neuen Brille, der erhoffte Effekt des klaren Sehens

beim Fixieren trat jedoch nicht ein. Die Nackenschmerzen steigerten

sich zunehmend, weshalb ich im August zu einem Orthopäden ging,

der mir ein pflanzliches Präparat mit niedriger Dosierung in den Nacken

spritzte und mir zur Wiederholung riet. Vom Schmerz befreit

setzte ich mich erleichtert in ein Cafe, in dem ich mit meinem Mann

verabredet war. Ich genoss den schmerzfreien Glückszustand samt der

bestellten Himbeertorte. Zwei Stunden später ließ die Wirkung des

injizierten Präparates komplett nach.

Nachdem ich dreimal in zweiwöchigen Abständen diese Spritzen erhalten

hatte, bekam ich vom Arzt eine Halskrause verordnet. Er riet

mir, diese mehrere Stunden am Tag zu tragen und mit der Einnahme

von Ibuprofen wären die Schmerzen mit großer Wahrscheinlichkeit

gut in den Griff zu bekommen. Dies war aber leider nicht der Fall - im

Gegenteil - die Schmerzintensität nahm noch weiter zu.

Ich bin von Beruf Erzieherin, arbeitete in einer Kindertagesstätte und

merkte sehr schnell, dass mir einige Tätigkeiten, wie etwa das Sitzen an

kleinen Tischen und auf niedrigen Stühlen, sowie das Stehen auf dem

Spielgelände sehr schwer fielen. Ich könnte hier noch viele Beispiele

anführen, die meine Schmerzen und die Kribbelparästhesien hervorriefen:

beispielsweise beim simplen Stehen auf einer Stelle.

Kribbelparästhesien sind Missempfindungen im Versorgungsgebiet

eines Hautnervs. Sie werden von den Betroffenen meist als Kribbeln

„Ameisenlaufen“, Pelzigkeit, Prickeln oder Jucken beschrieben. Die

Berührungsempfindlichkeit der Haut ist unangenehm. Es kann sogar

ein gestörtes Kälte- und Wärmeempfinden entstehen. Zurückzuführen

sind diese Parästhesien unter anderem auf eine Schädigung sensibler

Bahnen des zentralen Nervensystems.

Für mich trifft das Wort „Ameisenlaufen“ genau zu. Es fühlt sich an,

als wäre eine ganze Ameisenkompanie auf meinem oberen Rückenund

Nackenbereich unterwegs. Ich werde unruhig und selbst „krib-

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elig“, was für mein Gegenüber oder für meine Mitmenschen häufig

nicht nachvollziehbar und störend ist.

Meine Unruhe äußert sich, indem ich auf meinem Stuhl hin und her

rutsche, mit meiner Hand versuche, meinen Nacken zu massieren oder

mit den Schultern kreise. Manchmal stehe ich einfach spontan auf und

täusche eine Tätigkeit, die erledigt werden muss, vor, nur um mich zu

bewegen. In der Bewegung empfinde ich das Kribbeln nicht so intensiv

als in der Sitzhaltung oder im Stehen.

Das Sitzen ist für mich alles andere als entspannend, da ich hier besonders

diese Missempfindungen spüre. Für mich bedeutet es, wenn

das Verhältnis von Tisch und Stuhl nicht passt, bzw. Stühle keine hohe

Lehne haben, an der ich mich richtig mit dem Rücken oder mit meinem

Schulter-Nackenbereich abstützen und anlehnen kann, dass ich

dann starke Schmerzen habe. Sitzgelegenheiten, deren Sitzfläche und

Lehne sich nach hinten neigen, sind für mich schmerzprovozierend

und darum in meinem Fall überhaupt nicht zu gebrauchen.

Wenn beispielsweise alle in geselliger Runde entspannt um einen Tisch

sitzen, bin ich meistens angespannt und versuche, mich durch das Ausprobieren

unterschiedlicher Haltungen in eine einigermaßen erträgliche

Position zu bringen, um die Zeit irgendwie zu überstehen. Nicht

immer gelingt mir das, und dann wird so ein Beisamensein für mich

zur Qual.

Zu diesem Zeitpunkt wurde vermutet, dass meine hauptsächlich im

Sitzen und Stehen auftretenden Schmerzen und das damit verbundene

Kribbeln wahrscheinlich auf eine Facettenüberbelastung zurückzuführen

seien. Es sei ein Krankheitsbild, dem eine degenerative Erkrankung

und der Wirbelsäule zugrunde liege. Die Ursache können Abnutzungserscheinungen

in den Rückenwirbeln sein.

Im September hatten wir für die gesamte Familie einen Urlaub gebucht.

Da meine beiden Kinder in Berlin und Frankfurt wohnen, und

wir uns als Familie selten sehen, freuten wir uns alle sehr auf diesen

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Urlaub. Ich wollte die Reise nicht meiner Beschwerden wegen absagen.

So flogen wir zu unserer geplanten Städtetour nach Andalusien. Wir

waren überwiegend zu Fuß unterwegs, dass das Kribbeln (dass inzwischen

stetig andauerte) und meine Schmerzen erstaunlicherweise verringerte.

Beim Beginn dieser Reise hatte ich große Befürchtungen, wie

ich das Vorhaben mit meinem angeschlagenen Gesundheitszustand

bewältigen sollte. Doch ich musste erkennen, dass sich durch die ständige

Fortbewegung mein Allgemeinzustand etwas besserte. Ich hoffte

darauf, dass durch die viele Bewegung nach unserer Rückkehr meine

Schmerzen und das damit verbundene Kribbeln geringer wären.

Aber das Gegenteil trat ein. Kaum zuhause hatte ich einen ähnlichen

Schmerzzustand wie vor der Reise. Zusätzlich machte mich das Ameisenrennen

zusehends unruhiger und die Schmerzen im Nacken und an

der Halswirbelsäule traten zwischenzeitlich auch nachts auf.

So erkundigte ich mich nach einem anderen, auf diesem Fachgebiet

kompetenten und erfahrenen Orthopäden, von dem ich mir Hilfe erhoffte.

Dieser meinte jedoch, ich solle nun über einen Zeitraum von

sechs Wochen Ibuprofen einnehmen und ansonsten könne man ja,

falls dieses nicht wirksam wäre, eine Untersuchung der Halswirbelsäule

anstreben. Aber eigentlich, da ist er sich sicher, sei das unnötig.

Da ich meinen Beruf liebe, versuchte ich meiner Arbeit weiterhin gewissenhaft

nachzugehen, obwohl ich merkte, dass sich währenddessen

mein Zustand, bedingt durch die Haltungen und Positionen, die

dieser erforderte, stets verschlechterte. Im November nahm ich mir

meinen Resturlaub, ich hatte in diesem Jahr nur wenige Urlaubstage

beansprucht, und ich nahm mir vor, in dieser Zeit deswegen meinen

Hausarzt aufzusuchen.

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3. Beginn einer Odyssee zu den Ärzten

Nachdem auch die sechswöchige Ibuprofen-Therapie nicht angeschlagen

hatte, machte ich mich also auf den Weg zu meinem Hausarzt Dr.

Renz und erläuterte ihm meine Problematik. Ich erklärte ihm, dass

die stetigen Kribbelparästhesien mich in einen totalen Unruhezustand

versetzten. Auch die starken Schmerzen seien inzwischen mein stetiger

Begleiter. Dieser Zustand nehme allmählich einen sehr großen Platz in

meinem Alltag ein und verringere meine Lebensqualität. Dies war das

erste Mal, dass ich die Konsequenzen, die meine Schmerzen nach sich

zogen, in Worte fassen konnte. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass

ich von einer eingeschränkten Lebensqualität sprach.

Mein Hausarzt vermutete, dass meine Leiden ein von der Halswirbelsäule

verursachtes Problem sein könnten und versuchte mir zu erläutern,

dass es Sinn machen würde, mich - so lange dieser Zustand

sich nicht besserte – arbeitsunfähig schreiben zulassen um alles nicht

noch zu verschlimmern. Er empfahl mir, zusätzlich einen Neurologen

aufzusuchen, der entsprechende Untersuchungen veranlassen könnte,

um herauszufinden, worauf die anhaltenden Beschwerden zurückzuführen

seien. Er ordnete zudem eine seiner Meinung nach notwendige

MRT-Aufnahme an, da nur so eine genaue Diagnose möglich wäre.

Mit einem Medikament gegen das anhaltende Kribbelgefühl, wie gesagt

auch Kribbelparästhesien oder „Ameisenlaufen“ genannt, verabschiedete

ich mich an diesem Tag aus seiner Praxis. Ich meldete mich

bei meinem Arbeitgeber krank und bemühte mich um eine Vorstellung

beim Neurologen und um eine MRT-Aufnahme.

Ich hatte Glück: innerhalb weniger Tage bekam ich die Gelegenheit,

das benötigte MRT anzufertigen zu lassen. Die Aufnahme des MRTs

war für mich äußerst unangenehm, da die Enge im - und die Nähe

zum Gerät - mich in absolute Panik versetzte.

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Für alle, die so etwas noch nicht hatten: Die Aufgabe des Patienten ist

es, für ca. zwanzig Minuten ruhig dazuliegen und sich nicht zu bewegen.

Man liegt in einer sogenannten Röhre, in der der Abstand nach

oben gefühlte zehn cm hoch ist und man nicht mehr als die Decke

sieht. Da kann man nur die Augen schließen und sich etwas Schönes

vorstellen, wenn einem das gelingt. Hinzu kommt ein hämmerndes

und sehr laut tickendes Geräusch, weshalb man – um es für den

Patienten erträglicher zu gestalten – Kopfhörer aufgesetzt bekommt.

Musik, die er vielleicht gar nicht hören möchte, oder ein rauschender

Radiosender begleiten ihn dann durch die gesamte Zeit der Aufzeichnung.

Während ich also versuchte, ruhig und möglichst unbeweglich dazuliegen,

bemerkte ich, dass ich auf eine Klaustrophobie zusteuerte. Ich

spürte, wie mein Puls schneller schlug und ich hektisch atmete. Der

Schweiß trat mir ins Gesicht. Ich versuchte mich selbst zu beruhigen

und mir nicht die Enge im Gerät bewusst zu machen. Als Ablenkung

stellte ich mir beispielsweise vor, in meinem Bett zu liegen und von

Bauarbeiten (an Stelle des Lärms) gestört zu werden, oder ich dachte

an die Auswahl und Besorgung eines benötigten Geburtstagsgeschenkes.

Nach etwa der Hälfte der Aufnahme dachte ich, jetzt müsse ich

den „Notfallknopf“ drücken, den sie mir, für alle Fälle, vor Beginn zwischen

die Finger gelegt hatten. Gleichzeitig wurde mir aber klar, dass

bei einem Abbruch alles nochmals von vorne beginnen würde, und

diese Vorstellung ließ mich letztendlich durchhalten. Ich war wahrlich

stolz auf mich, als es still wurde und sich endlich die Türe öffnete. Ich

wurde aus der „Röhre“ herausgefahren.

Nach der Aufnahme kam es zu einem für mich zu kurzen und hektischen

Gespräch mit dem Radiologen, der mir rasch vermittelte, er

würde keine Besonderheiten, nur ganz normale degenerative Erscheinungen

an der Halswirbelsäule im Bereich C5/6 (die Bezeichnung der

Wirbel) erkennen. Für mich zunächst ein zufriedenstellendes Ergebnis,

deshalb verließ ich erleichtert diese Praxis.

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Mit diesem Wissen und mit dem MRT in der Tasche meldete ich mich

bei einer Praxis für Neurologie und Psychotherapie an. Dort bekam ich

sehr schnell innerhalb weniger Tage einen Termin, an dem ich bei Dr.

Gerner, einem sehr sympathischen Arzt, vorstellig wurde.

Ich erzählte ihm von meinen Beschwerden und zeigte ihm meine

MRT-Bilder. Er führte eine gründliche neurologische Untersuchung

durch, und nach eingehender Betrachtung meines Bildmaterials meinte

er, dies sei ein „rein orthopädisches Problem“. Es würde sich auf den

Aufnahmen eine eindeutige Verengung des Wirbelkanals im Bereich

der Halswirbelsäule mit einem wahrscheinlich gewesenen Bandscheibenvorfall

zeigen. Ich sollte zeitnah einen Orthopäden aufsuchen und

ein funktionelles Training künftig in den Vordergrund stellen. Das

Medikament gegen das Kribbeln, das mir Dr. Renz verordnet hatte,

solle ich, wenn ich es gut vertragen würde, weiterhin nehmen, da es bewährt

sei. Zudem riet er mir dringend zu einer Blutuntersuchung, um

eine Borreliose auszuschließen. Zur Sicherstellung wolle er aber noch

eine neurologische Untersuchung durchführen. Ich wurde an Elektroden

angeschlossen und es wurden einige Messungen durchgeführt,

deren Ergebnisse aber alle im normalen Rahmen lagen. Ich war froh

über den Befund des Neurologen, insgesamt hörte sich alles doch recht

zuversichtlich an. Ich blickte gelassen einer Genesung entgegen.

Mit meiner neu erworbenen Kenntnis stellte ich mich wieder bei meinem

Hausarzt vor, der mir zwei Überweisungen an einen Physiotherapeuten

und einen Orthopäden schrieb. Da ich in der nahen Vergangenheit

leider keine positiven Erfahrungen mit Fachärzten in diesem

Bereich hatte, verließ ich mich auf die Empfehlungen verschiedener

Bekannten und vereinbarte einen Termin für Anfang Januar bei Dr.

Hans, Facharzt für Orthopädie und früherer Chefarzt an einem Städtischen

Klinikum.

Inzwischen war es Dezember geworden, Weihnachten stand vor der

Tür und somit auch der Besuch unserer Kinder, auf den ich mich

schon sehr freute. Meine Nächte waren zwischenzeitlich stets, bedingt

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durch extreme Schmerzen, von Wachphasen geprägt und die Medikamente,

die mir mein Hausarzt Dr. Renz verschrieben hatte, zeigten nur

noch eine gedämpfte Wirkung. Das Kribbeln wurde nun mein täglicher

Begleiter, meine Schmerzen stärker. Es war ein Gefühl, als wäre

mein Kopf zu schwer für die vom Körper vorgesehene „Halterung“.

Vor allem das Sitzen bereitete mir zunehmend Probleme: ich bemerkte

bald, dass eine wesentliche Besserung eintrat, wenn ich meinen Hinterkopf

und den Rücken hinten anlehnte und mit dem Körper Gegendruck

erzeugte. Immerhin eine Erkenntnis: nur gibt es nicht immer

Sitzgelegenheiten, die einem dazu die Voraussetzung bieten, sei es im

Privatem, in der Öffentlichkeit oder im Alltag.

Ich erinnere mich beispielsweise an ein Silvesterkonzert. Mein Mann

und ich freuten uns auf einen schönen Altjahresabend und besorgten

uns Karten für ein Kirchenkonzert. In der Kirche angekommen

stellten wir fest, dass die Plätze in den Bankreihen bereits vollständig

besetzt waren. Wir wurden auf die Empore verwiesen, wo noch einige

freie Stühle standen. Im Nachhinein weiß ich eigentlich nicht, wie

ich diese Veranstaltung überstanden habe. Es waren genau jene Stühle

ohne hohe Lehnen, die Sitzfläche leicht nach hinten geneigt, worauf

sich bei mir das Sitzen immer Schmerz provozierend auswirkt.

Da ich während der gesamten Dauer des Konzertes aus Rücksicht auf

die anderen Konzertteilnehmer nicht aufstehen konnte, litt ich höllische

Qualen. Der Abend war für mich nur noch Plagerei, die Musik

nahm ich kaum mehr wahr. Die Schmerzen dominierten und hielten

auch nach dem Konzert an. Ein ursprünglich netter Silvesterabend endete

somit für mich zuhause auf dem Boden, wo ich versuchte, mir in

irgendeiner angenehmen Lagerung Linderung zu verschaffen.

Der Jahreswechsel verlief eher still und unspektakulär, was sollte mir

auch auf dem Teppich liegend Aufregendes passieren? Vom neuen Jahr

erhoffte ich mir Besserung und eine gute Chancen auf Heilung. Es war

der Beginn des Jahres 2014. Über die Feiertage wurde mir bewusst,

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dass ich zwischenzeitlich ein erhebliches Maß an Einschränkungen

hatte und das nicht nur ich, sondern auch mein Mann und mein gesamtes

Umfeld. Ich erhoffte mir von dem bevorstehenden Orthopädie-Termin

Hilfe.

Kurz nach meinem Besuch beim Neurologen im November hatte ich

einen guten Physiotherapeuten gefunden, den ich nun regelmäßig

zweimal wöchentlich aufsuchte. Friedrich, der Krankengymnast, nahm

meine Krankengeschichte sehr ernst und versuchte meine Schmerzen

durch Deblockieren und mit Massage und Schlingentisch zu lindern.

Er zeigte mir Übungen, die ich auch zuhause durchführen konnte, und

die ich konsequent jeden Morgen trainierte. Trotz der regelmäßigen

Behandlungen und meinem selbst durchgeführtem Übungsprogramm

verspürte ich nur stundenweise Linderung .Ich merkte allerdings mit

der Zeit, dass der Schwindel und die Kopfschmerzen nachließen und

meine Sehstörungen weniger wurden, ja eigentlich ganz verschwunden

waren. Dafür aber nahmen die Schmerzen im Hals-Nacken-Bereich

zu, und die Kribbelparästhesien wurden immer stärker und intensiver.

Es war, als würde sich alles darauf konzentrieren.

4. Das neue Jahr 2014

Am 6. Januar begab ich mich in die Praxis für Orthopädie. Nach kurzer

Wartezeit betrat ich das Sprechzimmer von Dr. Hans, der mich

freundlich begrüßte. Wie seinen zuvor aufgesuchten Kollegen schilderte

ich auch ihm meine Beschwerden. Er untersuchte mich nicht,

schaute kurz über das mitgebrachte MRT und meinte sehr bestimmt:

das ist die Halswirbelsäule. Dann fing er lachend an festzustellen, dass

die Art, wie ich das Kribbeln beschrieb, sich anhöre, als wären lauter

Maikäfer in meinem Körper unterwegs. Da gäbe es nur eine Lösung:

„Weitermachen mit Physiotherapie und die weitere Einnahme von

Medikamenten“. Allerdings fügte er an, die vom Hausarzt verschriebenen

Tabletten seien ja viel zu stark für mich, er würde diese Dosierung

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allenfalls einem zwei Zentner schweren Mann geben und verordnete

mir deshalb Tabletten mit einen anderen Wirkstoff. Wenn das Physiotherapie-Rezept

abgearbeitet sei, solle ich wieder bei ihm vorstellig

werden.

Mit zugegeben leichtem Zweifel löste ich mein Rezept für die Tabletten

in der Apotheke ein und begann das neue Jahr, was meine Gesundheit

betraf, leider nicht anders als das alte aufgehört hatte. Da meine

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bis Anfang Januar reichte, suchte

ich erneut meinen Hausarzt auf. Ich erklärte ihm, dass die Schmerzen

nach wie vor unverändert blieben und ich eigentlich nur noch das Bedürfnis

hätte, mich den ganzen Tag zu bewegen, damit das Kribbeln

etwas schwächer würde. Er riet mir daraufhin zu einem Reha-Sport-

Programm, das über eineinhalb Jahre dauern sollte, unterstützt von der

Krankenkasse.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich seit Oktober zusätzlich

zur Physiotherapie zweimal wöchentlich für eine halbe Stunde zum

Joggen ging. Ich war mit diesem Vorschlag dennoch einverstanden

und meldete mich zu der vorgeschlagenen Maßnahme an. So ging ich,

nach einer Einweisung eines Sporttherapeuten, von Februar bis Mai

regelmäßig zweimal pro Woche zur Reha-Fit-Stunde. Dort zeigte sich

allerdings, dass nicht alle Übungen am Gerät für mich geeignet waren,

einige waren eher Schmerz fördernd als lindernd.

Besonders das Laufband brachte mir Hilfe und so übte ich nach Rücksprache

mit meinem Physiotherapeuten nur an den für mich geeigneten

Geräten. Die Einheiten fanden immer an bestimmten Tagen statt und

es bestand die Pflicht, an den anschließenden Gruppensportstunden

teilzunehmen. Diese waren fast immer mit Partnerübungen verbunden.

Die Einheiten bestanden überwiegend aus Übungen mit ausgestreckten

Armen. Ich bekam bei dieser Haltung jedes Mal Schmerzen,

zusätzlich verstärkte sich das Kribbeln. Also beschloss ich zwar zum

Reha-Sport zu gehen, jedoch bei diesen Übungen auszusetzen. Die

Folge war, dass ich beim Großteil des Kurses den anderen Teilnehmern

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zuschaute und selbst nicht aktiv mitmachen konnte.

Erinnere ich mich heute an die Zeitspanne von Januar bis Mai 2014,

so war mein gesamter Tagesablauf von Physiotherapie, Joggen und

Reha-Fit-Stunden, sowie Arztbesuchen geprägt. Ich hatte wirklich zu

tun, meinen Tagesablauf zu organisieren, musste ja auch noch die Zeit

für entsprechend notwendige Arztbesuche eingeplant werden. Zusätzlich

ruderte ich zweimal in der Woche für

20 Minuten an einem Rudergerät, da mir diese Bewegungen, das weite

Öffnen und Schließen der Schulterblätter momentane Erleichterung

verschafften. Ich kann es im Nachhinein selbst kaum glauben, dass sich

trotz des hohen Sportpensums insgesamt keine Veränderung meines

Gesundheitszustandes einstellen wollte. Diese Wochen empfand ich

als absoluten Stress.

Immer wenn ich ein neues Rezept zur Physiotherapie benötigte suchte

ich in regelmäßigen Abständen meinen Orthopäden Dr. Hans auf, der

mir bei jedem meiner Besuche hinter seinem Schreibtisch hervorblickend

erklärte, dies sei eine Bandscheibenangelegenheit und es würde

entsprechend sehr lange dauern, bis sich die Schmerzen besserten.

„Weitermachen mit Physio und alles wird schon werden“, so seine

regelmäßige fachliche Beurteilung. Dazu immer wieder ein Lächeln

über die Kribbelparästhesien und der Vergleich mit den krabbelnden

Maikäfern.

Zunächst schenkte ich ihm Glauben, wunderte mich allerdings über

seine immer wiederkehrenden Äußerungen. Man hätte die Besuche

bei ihm austauschen können, sie hatten immer den gleichen Ablauf.

Der Februar verging mit all meinen Aktivitäten, doch es änderte sich

nichts, außer dass ich bemerkte, dass die Frustration zunahm und meine

Zweifel größer wurden.

Ich trug meine angeschlagene Stimmung meinem Hausarzt vor. Ich

bin schon viele Jahre Patientin bei ihm. Er ist sehr bemüht, nimmt sich

stets Zeit und hat immer ein offenes Ohr für mich.

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Bei ihm fühlte ich mich als Patientin von Anfang an ernst genommen

und beraten. Abgesehen davon, dass er mir zu einer anderen Medikation

riet, schlug er mir zudem vor, eine ambulante Reha zu beantragen,

um dort gezielt auf meine Beschwerden eingehen zu können. Ich

war von dieser Idee begeistert, da es für mich ein neues Ziel, bzw. ein

Stückchen Hoffnung bedeutete.

Die neuen Medikamente schlugen nur bedingt an. Als ich wieder

eine neue Verschreibung für Krankengymnastik benötigte, meinte Dr.

Hans die Tabletten gegen das Kribbeln würden sowieso keine Wirkung

zeigen, weshalb er sie für überflüssig hielt.

Ansonsten war es bei ihm wie immer: keine Untersuchung, kein Blick

auf meine Aufnahmen, ein Lächeln und sein Standardsatz: “Alles benötigt

Zeit“. Die Aussage, dass die Tabletten unnötig seien, bewegte mich

dazu, einen erneuten Termin bei meinem Neurologen zu vereinbaren.

Ich war hin- und hergerissen von den unterschiedlichen Auffassungen

dieser zwei Ärzte, obwohl ich ja selbst die positive Wirkung des Medikaments

spürte. Deshalb wollte ich mich bei Dr. Gerner vergewissern,

ob die Einnahme Sinn machen würde. Dieser beruhigte mich und

meinte, es sei ein sehr bewährtes Medikament für derartige Nervenreizungen

und ermutigte mich sogar zu einer Höherdosierung. Rückwirkend

kann ich seine Aussage bestätigen. Ich nehme dieses Präparat bis

heute täglich ein.

Ich gebe offen zu, dass mein Vertrauen zu Dr. Hans zu schwinden

begann. Aus meinem heutigen Blickwinkel hätte ich schon zu einem

früheren Zeitpunkt einen Arztwechsel vornehmen sollen. Meine lange

Krankheitsphase hat mich gelehrt, dass ich zu einem Arzt, den ich

anzweifle, kein Vertrauen haben kann. Ist das Verhältnis zwischen Arzt

und Patient schlecht, fehlt die Grundlage für ein fruchtbares Zusammenwirken.

Dies aber ist der Schlüssel zu jedem Therapieansatz und

letztendlich zum Heilungserfolg.

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5. Keine Veränderung

Mein Physiotherapeut Friedrich gab sich alle Mühe und versuchte

es mit immer anderen Behandlungsmethoden. Wir waren uns einig,

meine Beschwerden mussten in einer mechanischen Ursache begründet

sein. Nach wie vor kamen die Schmerzattacken im Sitzen, Stehen

und beim langsamen Gehen. Selbst der Schlingentisch, in dem ich

regelmäßig lag, brachte, so kann ich es heute beurteilen, absolut keine

Erleichterung. Es ging mir hinterher nicht besser als vorher. Friedrich

ermutigte mich, andere Wege zu bedenken, wie etwa die Vorstellung

bei einem Chiropraktiker oder einem Neurochirurgen.

Insgesamt muss ich festzustellen, dass eine Krankheit Geduld und vor

allem Zeit bedeutet, und das musste ich erst erlernen. Ich habe die

Erfahrung gemacht, dass ein Patient anscheinend immer Zeit zu haben

hat, egal ob beim Vereinbaren von Terminen, bei denen man in

einer Telefonschleife Minuten mit Warten verbringen muss, oder mit

immer neuen Versuchen Kontakt mit einer Arztpraxis aufzunehmen,

weil am anderen Ende der Leitung trotz Einhaltung der Sprechzeiten

einfach niemand abnehmen will. Vereinbarte Termine finden dann irgendwann

Wochen später statt. Von überfüllten Wartezimmern und

den damit verbundenen Wartezeiten ganz zu schweigen.

Alles geht seinen Gang, langsam und mäßig. Die Frage ist, ob jeder

Arbeitgeber diese Einstellung teilt. Wobei ich mich absolut nicht beschweren

darf: Ich habe einen sehr geduldigen Arbeitgeber, eine verständnisvolle

Chefin und einfühlsame Kolleginnen, was ich sehr zu

schätzen gelernt habe und wofür ich sehr dankbar bin. Sie erkundigen

sich in gewissen Zeitabständen nach mir und meinem Gesundheitszustand,

lassen mich in ihren Erzählungen an alltäglichen beruflichen

Situationen und Ereignissen teilhaben und versuchen, mich selbst jetzt

nach inzwischen drei Jahren, trotz meiner Abwesenheit stets auf ihre

Art zu integrieren. Das längere „Kranksein“ bedeutet die stetige Entfernung

von bis dahin Alltäglichem. Man entwickelt seinen eigenen

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Rhythmus und richtet seine Bedürfnisse und das Erledigen von Aufgaben

im Tagesablauf nach dem Befinden seines Körpers aus. Ansonsten

werden die Tage häufig von vorgegebenen Arztterminen bestimmt,

von Physiotherapien oder Rehabilitationsmaßnahmen geprägt.

Diese erwähnten Umstände und die mangelnde Anerkennung im Vergleich

zum Berufsleben sind es, die schnell unzufrieden werden lassen,

und es benötigt eine Menge an Selbstdisziplin, um an sich zu arbeiten,

damit man für das Umfeld nicht „unausstehlich“ wird.

Ich entwickelte in der Zeit meiner Krankheit eine Sensibilität in der

Begegnung mit Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Eine nette Begegnung,

ein gutes Gespräch ist mir heute mehr wert und wichtiger als

beispielsweise Einkaufen oder materielle Werte. Ich sehe heute einiges

aus einer anderen Perspektive: Vieles ist für mich nicht mehr selbstverständlich,

wie etwa Erkundigungen von Freunden und Bekannten

nach meinem Befinden oder Hilfe und Unterstützung, die ich nach

inzwischen drei Operationen immer wieder erfahren durfte.

Bei Arztbesuchen bin ich selbstsicherer und selbstbewusster geworden,

und ich habe durchaus zu unterscheiden gelernt, welcher Arzt bzw.

Therapeut ein ehrliches Interesse an mir als Patient hat und wer nur

einfach routinemäßig seinen Job ausübt. Ich bin der Meinung, die

häufig verbreitete Ansicht, Ärzte würden ihren Beruf nur aus Nächstenliebe

ausüben, führt zu einer Verklärung ihres Berufsbildes.

Die ersten Krokusse kündigten den Frühling an, und ich hatte das

Gefühl, mich in einem Hamsterrad zu bewegen. Keine Veränderung,

das Kribbeln und die Schmerzen waren omnipräsent. Ich fühlte mich

allein mit meinen Sorgen und meiner Ratlosigkeit, als sei ich der einzige

Patient, dem dieses widerführe. An diesen Kribbelzustand habe

ich mich bis heute nicht gewöhnen können, es ist etwas Eigenartiges,

Fremdes, etwas, das nicht zu meinem Körper und meinem natürlichen,

normalen Körperempfinden gehört. Dieser Zustand macht mich

unruhig, nervös und unglücklich.

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Ganz abgesehen von den stetigen Schmerzattacken, die beim Sitzen

und bei anderen ungünstigen Positionen auftreten. Ein entspanntes

Sitzen ist für mich bis heute nicht mehr möglich. Sitzende Tätigkeiten

muss ich nach einigen Minuten unterbrechen, um mich zu bewegen

oder um mich mit dem Rücken an eine Wand zu stellen, um einen

Druckpunkt zur Schmerzlinderung zu erzeugen. Zuhause lege ich

mich des Öfteren auf den Boden, um die Wirbelsäule zu entlasten.

Ich überlege mir noch heute, sei es bei Einladungen, Veranstaltungen

oder anderen Unternehmungen, ob es mir die daraus resultierenden

Schmerzen wert sind, daran teilzunehmen. Ich mache mir beispielsweise

Gedanken darüber, welche Sitzgelegenheiten mir bei einer Einladung

bei Freunden und Bekannten zur Verfügung stehen, wie lange

ich beim Betrachten von Bildern in einer Ausstellung stehen muss oder

ob diese durch mehrere Räume führt. Ich meide Einkaufszentren mit

vielen Regalen und große Hallen, denn selbst langsames Gehen durch

Gänge mit nach hinten geneigtem Kopf löst inzwischen Schmerzattacken

aus.

Anfänglich habe ich mich deshalb zurückgezogen und vor allem soziale

Kontakte gemieden. Heute weiß ich aber, dass gerade diese von

großer Notwendigkeit sind, um nicht in soziale Isolation zu verfallen.

Eine Schmerztherapeutin, von der ich zu einem späteren Zeitpunkt

berichten werde, bestätigte mich darin und ermutigte mich dazu, mein

Handicap als eine ganz normale Krankheit anzusehen, wie etwa ein

gebrochenes Bein. Meine Hilfe sei eben kein Gips, sondern Utensilien,

wie etwa ein Keilkissen, ein aufblasbares Nackenhörnchen oder ein

Tensgerät, die ich benötige, um mir das Sitzen einigermaßen erträglich

zu gestalten. Ich verabredete mich in dieser Zeit häufig mit einer

Bekannten im Schwimmbad. Im Wasser fühle ich mich wohl, da ich

durch die Schwerelosigkeit entspannen kann.

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6. Maßnahmen vor der Reha

Im März bekam ich einen Brief von meiner Rentenversicherung mit

dem Bescheid, dass meinem Antrag auf eine ambulanten Rehabilitationsmaßnahme

zugestimmt wurde und ich am 9. Mai diese antreten

könne. Vorher allerdings gäbe es eine ärztliche Untersuchung, der Termin

dazu würde mir demnächst mitgeteilt werden. Mit diesem Schreiben

wuchs bei mir die Hoffnung auf Heilung und die Zuversicht auf

Besserung.

Ich ging anlässlich einer Krankengymnastikverordnung, ich weiß nicht

zum wievielten Male, zu Herrn Dr. Hans, meinem Orthopäden. Dieser

zeigte sich plötzlich sehr erstaunt, dass sich insgesamt kein Ansatz einer

Besserung erkennen ließ und die Kribbelparästhesien noch immer vorhanden

waren. Er stellte fest: “Das Kribbeln ist nicht normal“, er könne

dies überhaupt nicht recht zuordnen. “Da muss etwas passieren“!

Sein sonst so süffisantes Lächeln blieb aus und er fügte hinzu: “Dann

muss man Sie halt in die Klinik einweisen“. Er bemerkte außerdem,

er habe alles für mich getan und ein MRT hätte ich ja auch bereits

erhalten. Etwas erstaunt entgegnete ich: “Ich beginne in zwei Wochen

eine ambulante Reha“, worauf er meinte: „Na, dann...ist ja alles in

Ordnung“. Für den Leser möchte ich noch anmerken, dass, außer der

Verschreibung der benötigten Rezepte für Physiotherapie von seiner

Seite aus nichts veranlasst wurde, weder ein informatives Gespräch, die

Beantragung einer Reha, noch die Aufnahme eines MRTS. Abgesehen

davon, dass bisher sein Verhalten nicht zur Verbesserung des Vertrauensverhältnisses

zwischen Arzt und Patient beigetragen hatte und ich

mich schlichtweg als Patient bei ihm nicht ernst genommen fühlte.

Mit diesen Gedanken verabschiedete ich mich von ihm – ich habe ihn

allerdings auch nicht mehr aufgesucht.

Natürlich verließ ich seine Praxis aufgewühlt und mit unguten Gedanken.

Ich suchte spontan meinen Hausarzt auf. Dort berichtete ich

über das Geschehene und wir überlegten nun eine weitere Vorgehens-

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weise. Der Plan war, zunächst die Reha durchzuführen, und sollte diese

nicht anschlagen, einen Neurochirurgen und Schmerztherapeuten

zu konsultieren. Ich möchte an dieser Stelle kurz erwähnen, dass sich

die Praxis von Dr. Hans in einer Gemeinschaftspraxis befindet, der

Neurochirurgen angegliedert sind. Ich erahnte, dass die Terminvergabe

mit zeitlichem Vorlauf verbunden ist, und deshalb vereinbarte ich prophylaktisch

nach vielen Erkundigungen einen Termin für Juni in einer

Klinik in Süddeutschland mit dem Fachgebiet Wirbelsäulenchirurgie

bei Prof. Dr. Seiber.

Ich hatte dazu vorher einige Informationen über gute Neurochirurgen

eingeholt. Da mein Termin zeitnah, kurz nach Abschluss der Reha angesetzt

war, Prof. Seiber aber aktuelle MRT- Aufnahmen wollte, die

nicht älter als drei Monate sein sollten, ließ ich ein erneutes MRT

anfertigen.

Es gelang mir zwei Tage vor Antritt der Reha auch hierfür noch einen

Termin zu bekommen. Für diese Aufnahme hatte ich schon allein bei

der Vorstellung, in diesem Gerät liegen zu müssen, Panik. Ich weiß

noch, ich kaufte mir unmittelbar zuvor eine Tüte Pfefferminzbonbons,

die ich vorher lutschte. Ich stellte mir vor, ein freies Ein- und Ausatmen

wäre im Gerät dann besser möglich. So mancher mag dieses belächeln,

es half mir jedoch mich darauf vorzubereiten. Wie beim ersten

Mal war der Ablauf der Gleiche, für mich eine halbe Stunde Panik pur.

... hinterher: die totale Erleichterung, fast ein bisschen Stolz, dass ich

alles, ohne es abzubrechen, überstanden hatte. Der Radiologe erkannte

auch diesmal auf der Aufnahme keine Besonderheiten, außer einer

degenerativen Abnützung, wie er feststellte.

Zwei Tage vor Beginn der Reha stellte ich mich bei der Reha-Ärztin

Frau Dr. Gengle vor. Sie hatte einige Fragen zu meiner Krankheit,

und es folgte eine gründliche Untersuchung. Das Hin- und Herbewegen

meines Kopfes mit ihren Händen war mir sehr unangenehm und

schmerzhaft, so dass ich noch nach Tagen die dadurch verursachten

Schmerzen empfand. Sie stellte abschließend fest, es wären bei mir

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keine wesentlichen Einschränkungen zu sehen und auf der Bildgebung

nichts Auffälliges erkennbar, ihre eigene Wirbelsäule sei in einem

schlechteren Zustand als meine.

7. Meine ambulante Reha

Am Freitag den 9. Mai begann meine ambulante orthopädische Reha.

Ich freute mich darauf und wollte diese mit Engagement und vollem

Einsatz antreten. Nach einer kurzen Einführung folgten für jeden

Teilnehmer bereits die ersten Anwendungen. Alle Neuankömmlinge

bekamen zudem einen Wochenplan, auf dem sie ihre täglichen

Therapieeinheiten ablesen konnten. Meine erste Behandlung war der

Schlingentisch. Man legte mich nach der Begrüßung ohne eine Untersuchung

oder einem vorweg klärenden Gespräch in Bänder bzw.

Schlingen und ließ mich dort für 30 Minuten allein zurück.

Zum Vergleich: Bei meinem Physiotherapeuten ging immer eine Aufwärmung

der Muskulatur durch Massage oder eine Fangopackung voraus,

und er legte Wert auf ein Feedback, wie es mir aktuell erginge.

Die Ausrichtung der Bänder war für mich nicht optimal, was zu einer

anhaltenden Schmerzattacke führte, deren Nachwirkung das gesamte

Wochenende über andauerte. Rückblickend wundert mich das nicht,

da ich mich ja davor mit niemandem, außer beim Aufnahmegespräch

mit der Reha-Ärztin Dr. Gengle, über meine Beschwerden und die bisherigen

physiotherapeutische Maßnahmen unterhalten hatte. Meine

Schmerzproblematik war somit niemand außer ihr bekannt.

An diesem ersten Reha-Tag fand außer einer allgemeinen Einführung

und der physiotherapeutischen Anwendung keine weitere Therapie

statt. Na prima, dachte ich mir, die allererste Therapiemaßnahme der

Reha - - und ich habe zwei Tage Schmerzen! Ich war innerlich hin- und

hergerissen und beschloss, mit meiner Reha-Ärztin darüber zu sprechen.

Am Montag suchte ich Frau Dr. Gengle in ihrer Sprechstunde

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auf und erklärte ihr zurückhaltend mein Problem. Sie ließ daraufhin

die gesamten Anwendungen im Schlingentisch von meiner Therapieliste

streichen. Insgesamt musste man im Reha-Zentrum täglich sechs

Stunden Aufenthalt nachweisen. Da ich mich für das Selbstfahren entschieden

hatte, konnte ich täglich darüber entscheiden, ob ich früher

begann oder länger blieb, je nach Therapieplan. Andere Patienten wurden

mit einem Bus zu fest vereinbarten Zeiten abgeholt. Ich hatte nur

wenige Kilometer zurückzulegen und so kam mir das Fahren mit dem

eigenen Auto entgegen. Die Therapiezeiten waren täglich vorgegeben,

allerdings umfassten sie wesentlich weniger als sechs Stunden. Insgesamt

gab es in dem für den jeweiligen Tag bestimmten Zeitrahmen oft

Stunden, in denen gar keine Anwendung stattfand.

Mein Tag begann stets auf dem Laufband und der Trainingsfläche mit

Kraftübungen für die Muskulatur. Nach einer Einführung im Umgang

mit den Geräten standen für weitere Fragen immer freundliche

und hilfsbereite Sporttherapeuten zur Verfügung. Daran anschließend

folgten dann entweder Krankengymnastik, Elektrotherapie, Massage,

Fangopackung, Vorträge, Bewegung und Gymnastik in Gruppen, Ergotherapie,

eine computergesteuerte Rücken-Straße, sowie Bewegungsbäder.

Es gab ausreichend Ruheräume, und für das Mittagsessen wurde

gesorgt. Um die Mittagszeit hatten die Patienten die Aufgabe, in einer

zu Beginn ausgehändigten Schmerzskala die momentane Schmerzstärke

einzutragen. Die Physiotherapeutin, die mir später nach dem ersten

Tag für meine Behandlungen zugewiesen wurde, kümmerte sich sehr

engagiert um mich und brachte viele neue Überlegungen und alternative

Therapien in ihre Behandlungen mit ein. Die Auswirkung nach

ihrer Therapiestunde war jedoch leider nicht von anhaltender Dauer

bzw. Nachhaltigkeit.

Die erste Woche meiner Reha hatte ich nachts ziemliche Schmerzen,

so dass meine Nächte mehr aus Wach-, als aus Schlafphasen bestand.

Auch am Tag hatte ich, trotz der täglichen Anwendungen, stärkere

Schmerzen als vor Beginn der Reha. Und so meldete ich mich nach wenigen

Tagen bei Frau Dr. Gengle, der während dieser Zeit für mich zu-

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ständigen Ärztin, zum Gespräch an. Ich erklärte ihr meinen Schmerzzustand

und bat sie, ein für mich sinnvolles Medikament gegen die

nächtlichen Attacken zu verschreiben. Sie empfing mich unfreundlich

und gab mir zu verstehen, dass die Schmerzen gar nicht so stark sein

können, wie ich es auf der Skala angegeben hatte, da ich keinen sehr

leidenden Eindruck bei ihr erwecken würde.

Nun, vielleicht sollte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich, seit ich

diese Krankheit habe, versuche, bewusst selbstdiszipliniert mit mir

umzugehen und ich es mir verbiete, mit einer ständigen Leidensmiene

herumzulaufen um anderen zu signalisieren: „Schaut her, ich habe

Schmerzen!“ Ich versuchte ihr zu vermitteln, dass die mir verschriebenen

Schmerztabletten nach meinem Ermessen zu lange benötigen,

bis die zu erwartende Wirkung einer Schmerzreduzierung eintrat und,

wenn überhaupt, die Dauer der Schmerzfreiheit nur für kurze Zeit

anhielt. Sie gab mir daraufhin Tabletten für die Nacht, fügte aber hinzu,

ich solle diese nur für kurze Zeit nehmen, da es leicht zu einer

Abhängigkeit kommen könne. Sie tauschte das bislang eingestellte

Schmerzmittel gegen das Medikament aus, das ich bereits zu Beginn

meiner Krankheit genommen hatte: Ibuprofen. Es hatte bislang kaum

Wirkung gezeigt, weshalb mein Hausarzt mich dann auf ein anderes

Präparat eingestellt hatte. Die neuen Tabletten für die Nacht brachten

immerhin etwas Erfolg, ich wurde nur noch kurzzeitig wach und

konnte endlich fast wieder schmerzfrei durchschlafen.

Als ordentlicher Patient nahm ich also folgsam Ibuprofen ein und wie

bereits geahnt wirkte es kaum, bzw. nur sehr gering. Nach ca. eineinhalb

Wochen stand laut Therapieplan ein Zwischengespräch bei der

Reha-Ärztin an. Sie empfing mich, wie ich es wahrnahm, wenig begeistert

und mit müdem Blick und meinte, nachdem ich ihr gegenüber

saß und wir ins Gespräch kamen, dass meine Wirbelsäule in einem

besseren Zustand sei als die vieler anderer Reha-Teilnehmer. Nochmals

also die nachhaltige Betonung, andere Patienten hätten auffälligere

Darstellungen und Krankheitsbilder.

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Ihre Einschätzung erstaunte mich, und ich gab ihr zur Antwort,

dass ich ihr das glaube, aber es leider nichts an meinen bestehenden

Schmerzen ändere. Daraufhin erklärte sie mir, ich hätte ihrer Meinung

nach den Fokus zu sehr auf mich und meine Schmerzen gerichtet, und

deshalb hielt sie „Arbeiten“ für eine gute Möglichkeit, um mich abzulenken.

Es gäbe viele psychosomatische Krankheitsbilder, die sich

ähnlich wie bei mir äußerten. Man muss sich vorstellen - ich saß vor

ihr mit Schmerzen, da der Stuhl für mich, wie meistens beim Sitzen,

ungeeignet war und sich mein Schmerzzustand minütlich verschlimmerte.

Wie so oft in solchen Momenten presste ich die linke Hand in

den linken Schulterbereich. Sie beobachtete mich genau und meinte,

es gäbe Selbsthilfegruppen für psychosomatische Störungen und riet

mir, eine solche nach der Entlassung aufzusuchen. Obwohl ich, wie

gesagt, unter einer starken Schmerzattacke litt, brachte ich die nötige

Energie auf ihr zu widersprechen. Ich äußerte, dass es ja wohl wenig

Sinn machen würde, an einer Gesprächsrunde für psychosomatische

Störungen teilzunehmen, wenn die Ursache an einem mechanischen

Problem läge. Meiner Meinung nach würde irgendetwas gedrückt

werden, das diese heftigen Schmerzen bei entsprechenden Positionen

auslöse. Zudem habe sich die Schmerzintensität seit Beginn der Reha

bislang nur wenig bis gar nicht gebessert und ich würde mich deshalb

weiterhin als arbeitsunfähig einstufen. Die für unser Gespräch vorgesehene

Zeit war zu Ende, und so verabschiedeten wir uns mit diesen

unterschiedlichen Auffassungen.

Bedingt durch einen Feiertag stand ein langes Wochenende an. Die

Schmerzen wurden immer stärker, und so griff ich wieder zu meinem

zwar nur für kurze Zeit wirkenden, aber dafür bewährten Schmerzmittel

und hoffte auf eine Besserung, die sich so gar nicht einstellen

wollte. Am Montagmorgen hielt ich es für notwendig, Frau Dr. Gengle

darüber zu informieren, dass während des langen Wochenendes die

Schmerzqualität und -intensität zugenommen hatte. Sie bat mich in

ihr Sprechzimmer und meinte lächelnd: “Das habe ich mir schon gedacht,

dass Sie heute zu mir kommen und mir so etwas erzählen“.

Worauf ich antwortete: “Ich habe mir überlegt, ob ich überhaupt zu

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IHNEN kommen soll, aber ich hielt es für notwendig, Sie zu informieren.“

Daraufhin verließ ich den Raum. Da ich während des Reha Aufenthaltes

meinen Hausarzt nicht aufsuchen sollte, nahm ich ab diesem

Moment nur noch Medikamente aus meiner Hausapotheke ein und

zwar die, welche Wirkung zeigten und ich deshalb für angebracht hielt.

Eine Woche, bevor meine Reha zu Ende ging, wurde ich zum sogenannten

Abschlussgespräch eingeladen. Ich bekam wie immer freitags

den Behandlungsplan für die kommende Woche und entnahm daraus,

dass ich am darauffolgenden Mittwoch dafür den Termin hatte.

Zwischenzeitlich überlegte ich mir ernsthaft, ob ein Arztwechsel angebracht

wäre. Nach Unterhaltungen mit anderen Patienten und dem

Austausch mit meinem Mann beschloss ich dennoch, weiterhin Termine

bei Fr. Dr. Gengle wahrzunehmen. Gleich zu Beginn unseres Treffens

teilte sie mir eine einwöchige Verlängerung der Reha-Maßnahme

mit. Eigentlich verlief alles nicht wesentlich anders als bei unseren vorhergehenden

Treffen, unsere „Chemie“ stimmte einfach so überhaupt

nicht, und wir waren weiterhin unterschiedlicher Auffassungen. Sie

erklärte mir, dass sie mich, wenn überhaupt, dann aus psychosomatischen

Gründen arbeitsunfähig schreiben müsse. Ich erwiderte ihr, dass

sie dieses dann tun solle. Wenn sie als Ärztin zu dieser Überzeugung

gekommen sei, müsste ich das akzeptieren. Ich betonte nochmals, dass

ich dennoch die Ursache der Schmerzen allerdings nicht in der Psychosomatik

begründet sähe, wollte aber mit ihr darüber keine Diskussion

mehr führen. Mit nahezu herablassender Miene und einem entsprechenden

Unterton informierte sie mich, sie hätte sich im Internet

schlau gemacht, man könne mich ja nach der Beendigung meiner Reha

nicht so „ins Leere“ laufen lassen. Ich spürte meinen Ärger aufsteigen

und versuchte ihr ruhig zu begegnen. Sie empfahl mir, nicht weit von

meinem Heimatort entfernt, eine psychosomatische Therapiegruppe

aufzusuchen, die sich regelmäßig trifft. Sie verabschiedete mich mit einem

aufgesetzten Lächeln und drückte mir die Adresse der Gruppe in

die Hand. Einerseits erleichtert, andererseits frustriert blickte ich dem

Ende meiner Rehabilitationsmaßnahme entgegen.

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8. Vorstellung in der Neurochirurgie

In den letzten drei Tagen der Reha lernte ich beim Mittagessen einen

Patienten und eine Patientin kennen, die wie ich Schmerzen und Kribbeln

an der Halswirbelsäule hatten. Ich konnte es überhaupt nicht fassen,

dass es wirklich Patienten gab, die von ähnlichen Beschwerden wie

ich sie empfand, berichteten. Es war für mich das erste Mal in der gesamten

Zeit seit ich mit den Kribbelparästhesien konfrontiert worden

war, dass ich so etwas von Anderen hörte, und ich fühlte mich plötzlich

nicht mehr so ganz allein mit all meinen Sorgen und Befürchtungen.

Sie bestätigten meine Vermutung, dass diese Reha-Einrichtung

sich nicht an Halswirbelsäulen-Patienten orientiere, sondern speziell

auf Patienten mit Erkrankungen an der Brust- und Lendenwirbelsäule

ausgerichtet ist. Dies bestätigte mir zudem eine Sporttherapeutin, die

ich in der Therapiestunde einmal fragte, weshalb alle Rückenpatienten

in der gleichen Gymnastikgruppe zusammengefasst würden. Meine

neuen Bekanntschaften erzählten mir von Erfahrungen mit Neurochirurgen

und Schmerztherapeuten, was mich darin ermutigte, diese wie

geplant als nächsten Schritt aufzusuchen. Ich war froh darüber, bereits

vor Antritt der Reha die dafür nötigen Schritte eingleitet zu haben.

Wenn ich die vergangenen Wochen in der ambulanten Reha gedanklich

an mir vorüberziehen lasse, so kann ich diese sehr schnell zusammenfassen:

Außer der Physiotherapie (mit einer wirklich am Patienten

interessierten Therapeutin), der fast täglichen Massage sowie der Wassergymnastik,

die allerdings nur selten stattfand, hat diese Reha für

mich weder Hilfe noch wesentliche Schmerzlinderung gebracht. Die

Übungen an den Geräten auf der Trainingsfläche hätte ich ebenso in

jedem beliebigen Fitnessstudio oder in einer Praxis für Physiotherapie

durchführen können. Wenn ich die Gesamtkosten für meine Rehabilitationsmaßnahme

betrachte und die wirkliche Effektivität dazu

im Verhältnis sehe, kann ich nur den Kopf schütteln und an unser

Gesundheitssystem appellieren. Bestimmt wären Alternativen wie beispielsweise

eine dreiwöchige tägliche Physiotherapie in einer Praxis, für

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sehr eingeschränkte Patienten auch von zuhause aus, sinnvoller und

angebrachter, als beispielsweise Stunden, die vom Reha-Träger bezahlt

werden müssen und die mit Warten verbracht werden, weil der Reha-

Plan nur teilweise mit Therapien und Anwendungen ausgefüllt ist. An

manchen Tagen hatte ich lediglich zwei bis drei Anwendungen von

vierzig Minuten, den Rest verbrachte ich mit Warten, oder wie es in

der Einrichtung genannt wird mit „Ruhen,“ um meinen sechsstündigen

Aufenthalt auszufüllen. Genauso gut hätte ich auch nach Hause

gehen können. Ganz nebenbei, an den zeitlichen Aufwand von der

Ausstellung des Antrags bis hin zur Genehmigung mag ich gar nicht

erst denken. Ich bin mir aus Unterhaltungen mit anderen Patienten

sicher, dass ich nicht alleine diesen Standpunkt vertrete.

Die Reha endete freitags vor Pfingsten. Da während einer Rehabilitationsmaßnahme

nicht der Hausarzt, sondern ausschließlich der Reha

- Arzt Ansprechpartner für die Patienten ist, so gibt es die Rentenversicherung

vor, ging ich am Dienstag zu meinem Hausarzt Dr. Renz.

Ich berichtete ihm von meiner Reha und bat um Einsicht in den vorläufigen

Arztbrief. Wir besprachen noch die nötige Medikation, die ja

zwischenzeitlich abermals geändert worden war, und so sah ich dem

16.Juni entgegen, meinem Besuch bei einem Neurochirurgen.

Seit geraumer Zeit spürte ich auch in den Fingern der rechten Hand

ein ständiges Kribbeln und ein Taubheitsgefühl. Immer häufiger fielen

mir aus für mich unerklärlichen Gründen Gegenstände aus der Hand

und ich bemerkte, dass meine Feinmotorik nachließ. Streckte ich mein

Arme aus, so fing die rechte Hand mitsamt den Fingern an zu kribbeln.

Manche Tätigkeiten fallen mir bis zum heutigen Tag sehr schwer,

wie z.B. das Halten einer Nadel, oder das Föhnen meiner Haare. Telefonieren

ist nur noch mit Lautsprecher möglich, selbst beim Bügeln

treten manchmal diese Beschwerden auf. Diese Tatsache bereitete mir

zunehmend Sorgen. Ich organisierte eine Überweisung von Dr. Hans

für das Klinikum, in dem der Neurochirurg arbeitete, den ich vorhatte

aufzusuchen.

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Vierzehn Tage später saß ich im Warteraum der Klinik von Prof. Dr.

Seiber. Mein Mann und ich waren erstaunt, wie viele verzweifelten

Patienten mit ihren Beschwerden und den damit verbundenen Nöten

diese Klinik aufsuchten und hofften nun bei der heutigen Vorstellung

bei Prof. Dr. Seiber selbst auf Hilfe. Wir warteten insgesamt drei Stunden

bis ich aufgerufen wurde. Ich war dankbar, dass mein Mann mich

begleitete und muss zugeben, dass ich etwas aufgeregt war. Deshalb tat

es mir gut, dass ich seine Nähe spürte und er mich mental unterstützte.

Außerdem, wie heißt es ja so schön: „Vier Ohren hören mehr als

zwei,“ war es mir wichtig, dass er das Gespräch beim bevorstehenden

Arztbesuch mit anhörte.

Prof. Dr. Seiber, ein sympathischer Arzt mittleren Alters, hörte sich

meine Krankengeschichte an, und da ich durch das vorherige Warten

im Sitzen inzwischen heftige Schmerzen hatte, erkannte er an meiner

Mimik und Gestik sofort, dass es mir nicht gut ging. Er forderte mich

auf, ihm in einem Satz meine Beschwerden zu erklären und weshalb

ich ihn aufsuchte. Ich hatte mir meine gesamte Krankheitsgeschichte

vorher kurz in Stichpunkten notiert, damit ich auch ja nichts Wichtiges

vergessen würde. Weil ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte,

mich so kurz zu fassen, fiel es mir zunächst schwer, mich in wenigen

Worten auszudrücken. Er hörte mir zu und konzentrierte sich danach

auf das mitgebrachte MRT. Nach nur wenigen Sekunden erkannte

er auf seinem Bildschirm eine Verengung des Wirbelkanals in der

Halswirbelsäule zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. So

wie es aussähe, sei die dort befindliche Bandscheibe abgenutzt. Der

Körper bilde als Ersatz nämlich sogenannte Knochenvorbauten, das

heißt Knochenmaterial, das auf den Nerv drückt. Eine Operation könne

eventuell Abhilfe schaffen, eine Garantie, dass ich hinterher völlig

beschwerdefrei sei, könne er allerdings nicht geben, so seine Aussage.

In dieser Verengung, so vermutete er, könne die Ursache allen Übels

liegen. Um allerdings Näheres beurteilen und um die weitere Vorgehensweise

mit mir besprechen zu können, benötige er dafür eine Myelographie.

Er erklärte mir, was eine Myeleographie ist und dass ich

dazu eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik bleiben müsse, um

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kein Risiko einzugehen.

Eine Myelographie, wie sie bei mir erforderlich war, ist eine Röntgenuntersuchung

oder Computertomographie des Wirbelkanals mit Hilfe

eines Kontrastmittels. Nachdem ein Venenzugang gelegt wird, um bei

eventuellen Kreislaufreaktionen medikamentös eingreifen zu können,

wird der Patient gebeten sich in die Seitenlage zu begeben. Danach

wird eine Hohlnadel zwischen zwei Wirbelkörper der oberen Halswirbelsäule

in den Wirbelkanal eingeführt. Der Arzt entnimmt zunächst

wenige Milliliter Hirnwasser. Dieses Liquor, wie es auch genannt wird,

wird anschließend im Labor untersucht. Danach wird ein Kontrastmittel

in den Wirbelkanal eingespritzt und die Nadel entfernt. Es folgen

Röntgen- und Computertomographie-Aufnahmen. Nach der Untersuchung

ist für die nächsten Stunden absolute Bettruhe angesagt.

Außerdem muss sehr viel getrunken werden, um das Ausscheiden des

Kontrastmittels zu beschleunigen. Abgesehen von vielen anderen Nebenwirkungen,

können unter anderem Allergien und Unverträglichkeit

auf das Kontrastmittel sowie starke Kopfschmerzen die Folge sein.

Solche und andere Komplikationen sind unangenehm und können in

seltenen Fällen lebensbedrohlich sein. Deshalb ist eine Nacht im Krankenhaus

zur Beobachtung erforderlich.

Nach dieser Untersuchung, so Prof. Dr. Seiber, werde er entscheiden,

ob er operiere. Falls ja, betonte er nochmals, werde er keine hundertprozentige

Erfolgsgarantie übernehmen, dass danach alle Beschwerden

beseitigt wären. Er sei hier aber aufgrund seiner langjährigen Erfahrung

jedoch zuversichtlich. Ich bat ihn, die Untersuchung und falls

eine Operation erforderlich wäre, zeitnah durchzuführen, und er versprach

mir, mein Anliegen zu ermöglichen. Im Falle einer Operation

würde durch einen Schnitt auf der Vorderseite des Halses eingegriffen.

Dazu wird allerdings eine Bescheinigung eines Hals-Nasen-Ohrenarztes

benötigt, in der bestätigt wird, dass sich bei mir keine Verwachsungen

aufgrund einer früheren Schilddrüsenoperation gebildet hätten

und zudem die Aussage beinhalte, dass meine Stimmbänder soweit in

Ordnung seien.

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Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Einerseits war ich erleichtert, dass

eine mögliche Ursache für meine Beschwerden gefunden wurde und

ich mich darin bestätigt sah, dass ich mir die Schmerzen nicht einbildete

oder sie in einer psychosomatischen Ursache begründet seien. Auf

der anderen Seite hatte ich natürlich Angst und Bedenken vor dem,

was auf mich zukommen würde. Dass der Professor meinen Schmerzen

und deren Beschreibung Glauben schenkte, machte mich zuversichtlich.

Eine Krankenschwester schickte meinen Mann und mich mit einigen

Formularen und Zetteln ins Sekretariat der Ambulanz. Hier vereinbarte

ich den Termin für den nötigen Krankenhausaufenthalt, für die bevorstehende

Myelographie und eine eventuelle Operation. Nachdem

der Termin stand, ging es weiter in die im Keller befindliche Röntgenabteilung.

Dort hieß es wieder einmal „Warten“. Nach mehr als

einer Stunde wurden wir von einem Röntgenarzt aufgerufen. Mit ihm

zusammen schauten wir meine mitgebrachte CD der MRT-Aufnahme

an. Er vermittelte uns Ruhe und Wissen, versuchte uns die Bilder verständlich

zu machen und klärte mich ausführlich über die Gefahren

einer Myelographie auf. Zur Unterzeichnung gab er mir einen Aufklärungsbogen,

auf dem alles noch einmal schriftlich aufgeführt war und

zudem meine momentane Medikation erfragt wurde. Dann war alles

Nötige geklärt, und wir konnten uns mit den vielen Eindrücken und

Informationen auf den Nachhauseweg machen.

9. Meine Familie

Die Tage bis zum geplanten Krankenhausaufenthalt vergingen sehr

langsam. Auf der einen Seite versuchte ich, all meine Verdrängungsmechanismen

einzusetzen, um diese Zeit voll auszuschöpfen und zu

genießen, auf der anderen Seite war sie von Angst und Unsicherheiten

geprägt. Hauptsächlich nachts, wenn die Ruhe kam, musste ich über

das Bevorstehende nachdenken. In diesen Tagen, wie eigentlich die

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gesamte Zeit meiner Krankheit, lernte und lerne ich den Beistand meiner

Familie schätzen. Bei ihr fand ich immer Verständnis, Ablenkung,

sowie den für mich nötigen Rückhalt.

Unsere Tochter Helene, die in Berlin lebt, nahm extra Urlaub und versprach

mir, falls es zu einer Operation käme, mich täglich zu besuchen

und sich um alles Wichtige, zu kümmern. Einfühlsam versuchte sie

mich immer wieder aufzumuntern, da sie meine Zweifel und Ängste

erkannte. Ihre Anwesenheit tat gut. Sie war für mich in dieser Zeit

(und ist es immer noch) meine emotionale Anlaufstelle.

Unser Sohn Felix, der sich in der Endphase seines Medizinstudiums

befand, erkundigte sich ebenfalls nahezu täglich nach mir und beantwortete

mir mit viel Geduld offene Fragen. Er erklärte mir die Wirkung

der wechselnden Schmerztabletten und das Prinzip einer Schmerzmedikation

bzw. Schmerztherapie. Er hat einen großen Teil zu meinem

Verständnis und zur Akzeptanz gegenüber meinen inzwischen chronisch

gewordenen Schmerzen beigetragen.

Die Anteilnahme unserer Kinder und die meines Mannes Max gaben

und geben mir ein gutes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Es

bedeutet für mich ein Stückchen Glück, und das ist bis heute so geblieben.

Die Geduld, die mein Mann bislang und bis zum heutigen

Tage für mich aufbringt und was er insgesamt für mich macht, möchte

ich an dieser Stelle besonders hervorheben. Er hat viel Verständnis

für mich und meine mit der Krankheit verbundenen Probleme. Er

ist da, wenn ich ihn brauche, und ich kann ihm vertrauen und mich

auf ihn verlassen. Er versucht mich zu unterstützen, wann und wo

immer es geht und begleitet mich durch alle emotionalen Höhen und

Tiefen. Für ihn ist dies alles selbstverständlich und er beklagt sich nie

über Einschränkungen, die teilweise auch sein Leben betreffen, beispielsweise

wenn der Besuch einer Veranstaltung oder ein Treffen mit

Freunden bedingt durch die Schmerzen nicht stattfindet oder abgesagt

werden muss. Meine Dankbarkeit dafür ist nicht in Worte zu fassen.

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Auch Anrufe und Erkundigungen von meiner Mutter, meinen Brüdern,

sowie Freunden und Bekannten halfen mir sehr in diesen Tagen

und erleichterten mir das Warten. Die Sorgen, die meine 85-jährige

Mutter sich um mich machte, belasteten mich zusätzlich. Vor diesem

ersten Eingriff erzählte sie mir bereits Wochen davor, wie sehr sie sich

um meinen Gesundheitszustand sorgte und wie viel Kraft sie diese

Aufregung koste. Bei ihrer täglichen Anteilnahme erzählte ich ihr anfänglich

nur wenig von meinen Schmerzen und versuchte, zunächst

aus Rücksichtnahme gegenüber ihrer eigenen instabilen Gesundheitslage

erst einmal das Ganze zu verharmlosen.

Mit der Zeit berichtete ich ihr jedoch nach und nach von meinen Arztbesuchen

und dem bevorstehendem Eingriff. Das machte ihr, wie man

so schön sagt, „sehr zu schaffen.“ Bis kurz vor ihrem Tod hatte ich

jedoch gelernt, dass ich ihr die Besorgnis um mich nicht abnehmen

konnte, und spürte, dass ich, so leid es mir tat, all meine Energie für

mich selbst benötigte. Hinzu kam, dass sie ca. 300 km entfernt wohnte

und mir das lange Sitzen während der Auto- oder Zugfahrt fast unmöglich

war. Genauso wie ich vermisste Sie meine Besuche und meine

Anwesenheit und freute sich deshalb auf die täglichen Telefonate mit

mir. Ich musste erst lernen, mich für diese Situation, sowie für das

Wissen, wie sehr sie darunter litt, nicht verantwortlich zu fühlen.

10. Die Angst vor der Myelographie

Und so rückte der Juli immer näher und damit der Tag, an dem die

Myelographie vorgenommen wurde. Ich hatte entsetzlich Angst davor,

obwohl die Ärzte behaupteten, es wäre nicht sehr schmerzhaft. Da ich

einige Allergien habe, hatte ich zudem die Befürchtung, ich könnte

allergisch reagieren.

Mein Termin war auf 8:00 Uhr angesetzt, Max begleitete mich ins

Krankenhaus. Kaum dass wir dort angekommen waren, wurde uns bei

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der Aufnahme mitgeteilt, ich solle mich unverzüglich in die Röntgenabteilung

begeben, dort würde man schon auf mich warten.

Noch das Gepäck in der Hand, ohne die Zuweisung eines Patientenzimmers,

fanden wir uns dort ein. Trotzdem mussten wir hier noch

einige Zeit warten, bis ich endlich an die Reihe kam. Als ich die zuständige

Röntgenärztin sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war eine

sehr angenehme herzliche Frau, die mir nochmals genau die geplante

Vorgehensweise erklärte. Ich vertraute ihr meine Angst und meine Befürchtungen

an. Sie beruhigte mich mit ihrer ruhigen sympathischen

Art und tröstete mich, indem sie sagte: “Alle Patienten haben davor

Angst, sie sind nicht die Einzige, wir gehen ganz vorsichtig vor.“

Dann begann sie, wie ich es schon beschrieben habe, mit dem Einstechen

der Nadel. Alles ging recht zügig vonstatten. Bei jeder Handlung

erklärte sie mir, was sie tat, und dabei wurde das Kontrastmittel

eingespritzt. Eigentlich ging alles relativ schnell vorüber, ich war total

erleichtert, und es war tatsächlich nicht so schmerzhaft, wie ich es mir

vorgestellt hatte. Ich dachte mir: „Wenn ich das überstanden habe,

kann es nun nicht mehr schlimmer kommen“.

Nach diesem psychischen Stress fing ich an mich etwas zu entspannen.

Dann wurde ich in den Gang gefahren und mein Mann wurde gebeten

zu mir zu kommen. Dort wartete ich, natürlich im Bett liegend, auf

die Röntgenbilder und die noch ausstehende Computertomographie,

die noch gemacht werden sollte. Nach ca. dreißig Minuten wurde ich

dafür abgeholt und innerhalb weniger Minuten waren die Aufnahmen

erfolgt.

Wieder im dunklen Kellergang des Eingangbereichs angekommen,

wurde erneut mein Mann zu mir gerufen. Ich lag im Bett und eigentlich

sollte ich laut Aufklärungsgespräch und Aufklärungsbogen jetzt

viel trinken. Leider war jedoch weder etwas Trinkbares, noch die von

einer Krankenschwester versprochene baldige Aufnahme auf die Station

in Sicht. Wir verweilten hier etwa zwei Stunden, und es geschah

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ein gar nichts. Irgendwann sprach mein Mann eine vorübergehende

Krankenschwester an, ob sie mir nicht etwas Wasser bringen könne.

Sie erklärte sich bereit und brachte mir eine Flasche Mineralwasser.

Dann endlich, so gegen 12:30 Uhr, wurde ich auf Station gebracht

und in ein Zweibett-Zimmer geschoben. Mein Mann verabschiedete

sich von mir. Für den Rest des Tages ging es mir erstaunlich gut. Außer

dass sich die Stationsschwester vorstellte und ich das Mittagessen bekam,

passierte von Seiten der Klinik zunächst nichts. Ich trank tapfer

meine zwei Liter Flüssigkeit und hielt mich an die zuvor besprochenen

Verhaltensregeln. Am Abend freute ich mich auf den angekündigten

Besuch meiner Tochter Helene.

Die Tatsache einer möglichen Operation stand für mich nie wirklich

im Vordergrund, da die Angst vor der Myelographie alles überschattete.

Mein Hausarzt hatte mir im Vorfeld die Telefonnummer eines

Mannes gegeben, der an der Halswirbelsäule erfolgreich operiert worden

war, damit ich die Möglichkeit hätte, ihn darüber zu befragen

(natürlich mit dessen vorhergehender Erlaubnis). Ich überwand meine

Hemmungen bei ihm anzurufen und hörte mir die bereitwilligen Erzählungen

über seine Operation an. Seine positiven Erfahrungen ermutigten

mich zur Operation und gaben mir Zuversicht.

Ich hatte allerdings bis zu diesem Nachmittag nie ernsthaft eine Operation

in Erwägung gezogen. Abgesehen von der Angst vor der Myelographie

kam mir die plötzliche Aussicht auf Besserung nach so langer

Zeit und den zahlreich aufgesuchten, teilweise auch zweifelnden Ärzten,

sehr unrealistisch vor. Mir wurde also erst an diesem Nachmittag

bewusst, dass sich die besagte und von Prof. Dr. Seiber beschriebene

Operation mit Riesenschritten nähern könnte und mit ihr eine Besserung.

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11. Aufklärungsgespräche

So gegen 16:00 Uhr kam der Stationsarzt mit den Ergebnissen der

Myelographie. Er hatte eine Kopie mitgebracht mit Abbildungen einer

Halswirbelsäule und eines Wirbelkanals. Nach einer kurzen Vorstellung

kam er gleich zur Sache: Es hätte sich gezeigt, dass eine Operation

mehr als notwendig sei, da zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel

keine Bandscheibe mehr vorhanden sei. Der Körper habe dort

zur ausgleichenden Stabilisierung einiges an Knochenmaterial gebildet

und dieses würde an dem dort befindlichen Nerv reiben. Eigentlich

drifteten meine Gedanken von da an ab, da ich, wie gesagt, mich nie

wirklich mit der realen Möglichkeit einer Operation auseinander gesetzt

hatte. Diese Nachricht musste ich nun erst einmal verarbeiten.

Ich hörte den Arzt sprechen, konnte ihm aber in diesem Moment

nicht folgen. Er legte mir die Kopie samt den zu unterzeichnenden

Formularen auf das Bett und versprach, er würde zu einem späteren

Zeitpunkt nochmals kommen.

Eine halbe Stunde nachdem der Arzt gegangen war, stellte sich der

Anästhesist bei mir vor. Er befragte mich zu Narkosen von vorhergehenden

Operationen und erklärte mir, wie er diese handhaben werde.

Wie in letzter Zeit so oft waren die Medikamenteneinnahme und vorhandenen

Allergien Hauptthema unseres Gesprächs. Auch er benötigte

meine Einwilligung per Unterschrift, dann ging er seines Weges.

Nun hatte ich Zeit und war bereit, mich auf die für die Operation

benötigten Unterlagen samt Einverständniserklärung zu konzentrieren,

diese anzuschauen und alles möglichst aufmerksam durchzulesen.

Ich versuchte alles zu verstehen, und mit einigen vorbereiteten Fragen

erwartete ich den Besuch des Stationsarztes.

Es war Spätnachmittag, zwischenzeitlich war Helene eingetroffen. Sie

half mir, meine Gedanken etwas zu ordnen und mich abzulenken. Um

17:30 Uhr trat Prof. Dr. Seiber an mein Bett. Nach einer freundlichen

Begrüßung kam er auf die Auswertung meiner Myelographie zu spre-

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chen. Wie er vermutete habe es sich gezeigt, dass zwischen dem fünften

und sechsten Halswirbel tatsächlich keine Bandscheibe mehr vorhanden

sei. Meine starken Schmerzen würden aller Wahrscheinlichkeit

nach durch eine Reibung am Nerv verursacht werden. Als Operation

sei das Einsetzen eines Titankörbchens geplant, das mit dem gebildeten

Knochenmaterial aufgefüllt werden würde. Es ersetze die fehlende

Bandscheibe und diene zur Einhaltung des Abstandes zwischen den

Wirbeln, so dass der Nerv wieder frei läge. Davor würde zusätzlich

noch eine Platte angebracht werden. Dieser Eingriff würde von vorne,

also wie besprochen, vom Hals aus vorgenommen werden.

Übrigens wird dieser Eingriff, dem ich nun entgegenblickte und der

auf vielen meiner Arztbriefe genannt wird, in der Medizin „HWS

ventrale Fusion Cloward Robinson ADCF C5/6“ genannt. Prof. Dr.

Seiber merkte an, dass am nächsten Tag für ihn und einen seiner Patienten

eine sehr lange, schwierige und komplizierte Operation anstünde,

die sich mit Sicherheit über mehrere Stunden hinziehen würde. Er

könne mir darum nicht versprechen und mir keine Gewähr geben, ob

er mich danach noch operieren würde. Anderenfalls würde er mich am

übernächsten Tag als Erste auf die OP-Liste setzen.

Es entstand eine nette Unterhaltung, in der Dr. Prof. Seiber unter anderem

meiner Tochter und mir erklärte, dass er seit mehr als 25 Jahren

hauptsächlich Halswirbelsäulen operiere. Diese Aussage vermittelte

mir das Gefühl der Sicherheit, sich ihm und seinem Können anzuvertrauen.

Später, am Abend, kam wie versprochen nochmals der Stationsarzt,

holte sich meine Einwilligung zur OP und stand mir für all

meine Fragen zur Verfügung.

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12. Der Tag der Operation

Am Abend wurden alle Vorbereitungen für den Eingriff getroffen. Das

Abendessen bestand aus einer heißen Instantbrühe, die lauwarm und

in der das Pulver nicht aufgelöst war. Wasser trinken durfte ich nur

bis Mitternacht. Ein Krankenpfleger zeigte mir, was ich zur Operation

anziehen sollte. Es war die übliche OP-Kleidung mit OP-Hemd und

Haube. Lediglich die von mir gefürchteten Thrombosestrümpfe fehlten.

Danach gab es eine Tablette zur Beruhigung. Das ist irgendwie

ein seltsamer Zustand, in dem man sich nur noch in der Rolle des

Patienten befindet, nur noch funktioniert und alles macht, was von

einem verlangt wird.

Nach einer unruhigen Nacht mit schlimmen Vorstellungen und Befürchtungen

folgte ein Morgen mit dem gewöhnlichen Krankenhausbetrieb.

Ich bekam kein Frühstück und wartete mit Geduld darauf,

dass ich zum Projekt „Halswirbelsäulenoperation“ abgeholt werden

würde. Die Beruhigungspille zeigte noch ihre Nachwirkung, und so

lag ich im Bett und dämmerte vor mich hin. Jedes Mal, wenn sich

die Zimmertüre öffnete, bekam ich vor Aufregung Herzklopfen, aber

es war nie ich gemeint. Gegen Mittag ließ die Wirkung nach und es

regten sich in mir wieder die Lebensgeister. Ich bekam Hunger, und

meine Geduld schlug in Ungeduld und schlechte Laune um. Gegen 14

Uhr fragte ich die Schwester, ob sie sich erkundigen könne, ob überhaupt

noch die Wahrscheinlichkeit bestünde, dass ich an diesem Tag

operiert werden würde. Sie versprach mir, sich sofort darum zu kümmern

und meinte nach wenigen Minuten, ich solle noch eine Stunde

warten, dann würde sie nochmals telefonieren und mir endgültigen

Bescheid geben können. Die 60 Minuten zogen sich in die Länge,

mein Magen krampfte sich zusammen und gab inzwischen knurrende

Geräusche von sich.

Gegen 15 Uhr brachte mir eine Krankenschwester eine kalte Lasagne

und berichtete, dass ich für heute vom Operationsplan gestrichen sei.

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Frustration und Erleichterung, beide Gefühle vermischten sich. Ich

versuchte das Beste aus diesem restlichen Krankenhaustag zu machen.

Ich aß Unmengen in mich hinein, sah mir einen Film auf meinem

Tablet an, um mich auf andere Gedanken zu bringen, und erwartete

freudig den Besuch meines Mannes und meiner Tochter, sowie den

Anruf meines Sohnes.

Abends dann wieder die willenlose Fügung und dann das gleiche Prozedere

wie am Vortag: die OP-Vorbereitungen. Mir stand eine weitere

unruhige Nacht bevor. Ich war nur noch froh, wenn ich das alles hinter

mich gebracht und überstanden haben würde.

Am darauffolgenden Morgen ging alles sehr schnell. Um 7:30 Uhr

weckte mich ein Pfleger und forderte mich auf, nach der Morgentoilette

die OP-Kleidung anzuziehen und danach vorbereitet im Bett zu

bleiben: „Gleich geht’s los“, meinte er aufmunternd.

Und es ging los!

Ich wurde kurz darauf abgeholt und es folgten Krankenhausgänge,

Aufzug, der Vorbereitungsraum. Es wurden Kanülen gelegt, viele

Schwestern und Ärzte umringten mich, und an viel mehr kann ich

mich dank der einsetzenden Narkose nicht mehr erinnern.

Irgendwann spürte ich, dass mich jemand anfasste und ich hörte, wie

er mit mir sprach. Ich trat langsam aus einem tiefen Schlaf in das Hier

und Jetzt. Müde und geschwächt registrierte ich, dass alles vorbei sein

musste und ich mich wohl im Aufwachraum befand. Für einen kurzen

Moment überkam mich ein Hauch von Zufriedenheit.....es ist vorbei,

dachte ich. Dann folgte für den Rest des Tages nur noch Übelkeit.

Erinnere ich mich heute an diese Operation, so verbinde ich sie

mit schlimmer Übelkeit und Erbrechen, wie ich das zuvor noch nicht

erfahren hatte. Trotzdem war ich aus Sicht der Operateure und des

Ärzteteams in einem gutem Zustand, so dass es nicht nötig war, eine

Nacht zur Beobachtung auf der Intensivstation verbringen zu müssen,

wie es bei vielen frisch operierten Wirbelsäulenpatienten zur Nachsor-

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ge wichtig ist. Darüber war ich wirklich froh.

Nach einigen Stunden wurde ich auf die Station gebracht, wo bereits

meine Tochter Helene auf mich wartete. Das freute mich sehr und gab

mir ein Gefühl der Vertrautheit in dem nüchternen Krankenhausgeschehen.

Nur meine Übelkeit verschwand nicht und ich erbrach mich

unentwegt. Selbst ein Krankenpfleger, der mir Infusionen anhängte

und irgendwelche Tropfen gab, die gegen diesen Zustand helfen sollten,

schüttelte fassungslos den Kopf und meinte, er habe das so bei

einem Patienten noch nicht erlebt.

Meine Tochter saß den gesamten Nachmittag bei mir, hielt mir die

Hand, reichte mir eine Pappschale nach der anderen und versuchte

mir Beistand zu geben. Gegen Abend trat immer noch keine Besserung

ein. Mein Mann, der inzwischen gekommen war, versuchte mir Tee

und Zwieback einzuflößen, aber mein Magen wollte nichts behalten.

Angeblich, so erzählen sie noch heute, war dies der einzige Satz, den

ich ständig hervorbrachte: „Mir ist sooo schlecht“. Dann ging es weiter

mit Erbrechen.

Erst gegen 23 Uhr wurde es ein wenig besser und es meldete sich der

Hunger. Ich vertilgte mit Appetit den Zwieback, den mir eine Krankenschwester

anbot. Jetzt erst befühlte ich vorsichtig meinen Hals, der

mit einem Pflaster beklebt war. Schmerzen hatte ich keine. Weder an

der Wunde noch im Nacken. Kein Kribbeln, zum ersten Mal seit langem.

Ich war geschwächt und gleichzeitig stolz und zufrieden, dass die Operation

hinter mir lag und keine von den vielen möglichen Gefahren

eingetreten war. Das alles ging mir durch den Kopf bevor ich einschlief.

Die nächsten Tage vergingen und es ging mir erstaunlich gut. Keine

Schmerzen - ich konnte es nicht glauben. Sicherlich musste ich

vorsichtig sein und bestimmte Verhaltensregeln, die Voraussetzung

für eine guten Heilungsprozess waren, berücksichtigen. Dazu gehörte,

dass ich nur auf dem Rücken liegend schlafen durfte. Bewegungen

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sollten mit dem gesamten Kopf ausgeführt werden, und ich durfte für

drei Monate nicht mehr als fünf Kilogramm tragen. Was mir am meisten

zu schaffen machte war das Verbot des Autofahrens, ebenfalls für

drei Monate. Ich hatte zwei Wochen bevor ich in die Klinik kam, ein

neues Auto gekauft, und deshalb fiel mir die Vorstellung des Verzichts

extrem schwer. Nach vier Tagen Aufenthalt durfte ich bereits duschen,

die Wunde war dabei mit einem Duschpflaster abgedeckt worden. Am

fünften Tag wurde mir eine Halskrause angepasst, die ich sechs Wochen

lang zu tragen hatte. Am sechsten Tag verließ ich die Klinik.

13. Wieder zu Hause

Zunächst war ich glücklich, nach Hause gehen zu dürfen, und ich

genoss den Zustand der Schmerzfreiheit. Es war Sommer, es hatte

über 30 Grad und alle stöhnten unter der Hitze. Nur ich lief mit einer

wärmenden Halskrause, einer Henßge-Krawatte, wie sie in Medizinerkreisen

genannt wird, herum und suchte mir ein kühles, schattiges

Plätzchen. Das alles machte mir nur wenig aus, ich war einfach nur

glücklich, alles hinter mich gebracht zu haben. Allerdings fühlte ich

mich insgesamt etwas abgeschlagen, müde und schwach. Obwohl ich

mich innerlich dagegen wehrte, hatten die vorhergehende Aufregung,

der Eingriff und die Narkose doch ihre Spuren hinterlassen. Max unterstützte

mich, half mir, wo immer er konnte und erleichterte mir dadurch

meinen Alltag. Meine Freundinnen und meine Nachbarin kümmerten

sich fürsorglich um mich. Wenn mein Mann arbeitete und ich

alleine war leisteten sie mir Gesellschaft oder kauften für mich ein.

Am folgenden Samstag, ich hatte das Krankenhaus erst vier Tage zuvor

verlassen, waren wir zum Geburtstag meiner Freundin eingeladen. Ich

saß bei 35 Grad Hitze im Schatten und genoss das Vorrecht eines Patienten,

der sich wenig bewegen durfte, wurde bedient und verwöhnt

und ließ es mir richtig gut gehen. Es war schön, bekannte Gesichter

zu sehen und es tat gut, in fröhlicher Runde zu feiern. Alles fühlte

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sich richtig an. Dieser Tag ist für mich in meiner Krankengeschichte

von großer Relevanz und sehr einschneidend, es sollte der letzte unbeschwerte

Tag ohne Schmerzen sein.

Als ich am Sonntagabend aufwachte verspürte ich das altvertraute

Kribbeln und leichte Schmerzen im Nacken. Ich konnte das zuerst

nicht fassen und wollte es nicht wahrhaben. Irgendetwas war anders,

ja fast so wie vor der Operation. Obwohl ich mich in den vergangenen

Tage vernünftig und achtsam verhalten hatte und in keine Positionen

verfiel, die sich negativ auf meine Gesundheit hätten auswirken können,

verhielt ich mich an diesem Tag besonders aufmerksam und vorsichtig,

was meine Bewegungen und mein Handeln betraf. Ich glaubte,

dass die Beschwerden eventuell die Folgen einer unglücklichen Sitzhaltung

am Vorabend seien. Jedoch auch in der kommenden Woche zeigte

sich der mir bekannte Schmerzzustand mit dem immerwährenden

Kribbeln.

Ich suchte meinen Hausarzt auf und zog ihn zu Rate. Er bestätigte mir

meine Vermutung, dass dies kein normaler postoperativer Verlauf wäre

und kontrollierte mein Blutbild. Er begutachtete meine Narbe, die jedoch

einen guten Heilungsverlauf zeigte. Ich konnte an ihr tägliche

kleine Fortschritte erkennen.

Das Laborergebnis ergab einen erhöhten Leukozytenwert, der auf eine

Entzündung im Körper hinwies. Dr. Renz riet mir zu einer Abklärung

um sicher zu sein, dass sich keine innerliche Entzündung gebildet

habe. Er überwies mich deshalb als Sicherheitsmaßnahme wieder

in dieselbe Klinik, in der ich operiert worden war. Da dieser Tag ein

Freitag war und wir, mein Mann und ich, fast sechzig km Fahrt vor

uns hatten, wurde es nach einem Stau Abend, bis wir das Krankenhaus

erreicht hatten. Hier war es uns nur noch möglich, mit der dortigen

Notfallstation Kontakt aufzunehmen. Wie gewohnt warteten wir hier

einige Stunden, dann kam der diensthabende Notfallarzt für Rückenpatienten

zu uns und nahm uns mit in sein Sprechzimmer. Wir besprachen

mit ihm unsere Sorgen. Er veranlasste eine Röntgenaufnahme,

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um ein Verrutschen oder Lösen des Titankörbchens, der Platte oder

der angebrachten Schrauben auszuschließen.

Zurück beim Notfallarzt, der allen Patienten sehr freundlich und nett

begegnete, meinte dieser, ich hätte eine schwere Operation hinter mir

und das bräuchte schon seine Dauer, bis eine Einheilung erfolgen würde.

Um aber wirklich alle Bedenken ausschließen zu können, bräuchte

er erneute MRT-Aufnahmen. Dazu müsse er mich aber hier behalten

und stationär aufnehmen. Leider stünde dafür momentan kein Bett

zu Verfügung. Sollten die Schmerzen nicht abnehmen, möge ich am

Montagmorgen erneut vorstellig werden. Mit der Verabreichung einiger

Schmerztabletten verabschiedete er sich von mir und so verließen

wir gegen 23 Uhr die Notfallstation.

Das restliche Wochenende trat keine Schmerzminderung ein, und so

machten wir uns am Montagmorgen zum wiederholten Male auf den

Weg zur Klinik. Kaum dort angekommen und in der Ambulanz vorstellig

geworden, wurden wir erneut in die Unfallnotaufnahme verwiesen.

Prof. Dr. Seiber sei im Urlaub und ansonsten hätten sie weder

einen Termin noch wäre ein Bett frei, so lautete die Begründung. Momentan

könnten sie hier für mich nichts tun.

In der Unfallnotaufnahme wurden wir einer wirklich hilfsbereiten und

verständnisvollen Unfallärztin zugewiesen. Wir trugen unser Anliegen

um Hilfe, sowie die Vereinbarung mit dem diensthabenden Unfallarzt

des vorangegangenen Freitagabend vor. Sie sei keine Rückenspezialistin

und eher für Knochenbrüche und Ähnliches zuständig. Da ihre

Kompetenz in einem anderen Fachgebiet läge, würde sie aus der Wirbelsäulenchirurgie

jemanden bitten zu kommen. Wir sollten uns gedulden

und bitte Platz nehmen. Was nun folgte war WARTEN.

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14. Warten

Zähle ich die Stunden meiner Wartezeiten auf einen Arzt oder auf eine

Sprechstunde in den letzten drei Jahren zusammen, so komme ich auf

Tage bzw. Wochen. Man muss sich das vorstellen: Man verbringt Tage

mit Warten und weiß, dass man dieser Wirklichkeit einfach nur ausgeliefert

ist und sie nicht ändern kann. Gleichzeitig befindet sich der Patient

in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Arzt, weil er ihn nämlich

zur Hilfe und Behandlung benötigt und jedes Mal die Hoffnung in

ihn setzt, dass er einen neuen Lösungsansatz habe. Wenn ich überlege,

wie viele Fahrten ich unternommen hatte, um eine Überweisung zum

Facharzt zu organisieren, so komme ich auf eine Unmenge an Stunden,

die mich viel Zeit und Kraft gekostet haben.

Einige Beispiele:

• Zum Neurochirurgen benötige ich als Kassenpatient die Überweisung

eines Orthopäden. Der Orthopäde wiederum benötigt die

Überweisung vom Hausarzt.

• Um eine MRT-Aufnahme oder ein Röntgenbild erstellen zu lassen,

brauche ich, wie jeder weiß, die Überweisung des Hausarztes.

• Um eine Infiltration durchführen zu lassen benötigt man eine

Überweisung von einem Schmerztherapeuten.

• Der Schmerztherapeut verlangt aber für seine Abrechnung die

Überweisung eines Orthopäden, der wiederum benötigt seinerseits

eine Überweisung des Hausarztes.

• Besuche ich einen Neurologen, so verlangt auch dieser ein Überweisungsformular.

• Für ein ambulantes Schmerzzentrum werde ich ohne Überweisung

von einem zuvor behandelnden Schmerztherapeuten nicht angenommen.

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Wenn ich nun dazu zähle, dass ich auch für alle physiotherapeutischen

Maßnahmen ein vom Arzt erstelltes Rezept benötige, so entsteht ein

realistischer Eindruck, was Warten und Hin- und Herfahren für mich

bedeutete und noch immer bedeutet.

Bei den aufgeführten Beispielen sind die Rezepterstellungen bzw. Rezeptabholungen

für die nötigen Medikamente und Arztgespräche oder

die Verlängerung meiner Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung noch gar

nicht berücksichtigt.

In den drei Monaten, in denen ich nicht Autofahren durfte, musste

ich für alle Arztfahrten, um Überweisungen zu bekommen, zusätzlich

Hilfe organisieren. Manchmal verbringe ich genauso viele Stunden mit

dem Aufwand um meine Genesung wie die Jahre zuvor bei meiner

Halbtagstätigkeit. Ich könnte auch zynisch anmerken: „Mein Beruf ist

derzeit meine Krankheit bzw. deren Behandlung“.

15. In der Unfallnotaufnahme

Zurück zum Warten auf den Facharzt für Wirbelsäulenchirurgie. Wir

nahmen, wie aufgefordert, im dortigen Wartezimmer Platz und ließen

das Geschehen und die Hektik der Notaufnahme auf uns wirken. Die

Unfallärztin bemühte sich erneut um den angeforderten Facharzt und

versuchte auf dessen Abteilung anzurufen und ihn daran zu erinnern,

dass er uns aufsuchen möge. Wir konnten aus dem Telefonat deutlich

entnehmen, dass er eigentlich nicht kommen wollte. Die Gründe

dafür wurden von beiden Ärzten ausführlich diskutiert. Er ließ sich

aber von der Ärztin durch die geschilderten Symptomatik letztendlich

überzeugen: Wir wurden kurz danach in das uns inzwischen vertraute

Sprechzimmer gebeten, in das er nach einigen Minuten kam.

Er stellte sich uns als Neurologe vor. Nach meinem Bericht und einer

Untersuchung meiner Finger, die darin bestand, dass er zweimal

darüber streifte und etwas von „Karpaltunnel-Symptom“ murmelte,

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erklärte er, dass die Dringlichkeit eines Handlungsbedarfs bezüglich

des Kribbelns und der starken Schmerzen seinerseits doch eher gering

einzustufen sei. Es gäbe hier Patienten, die Einblutungen in ihre Wirbelsäule

hätten (was ich nicht bezweifelte) und das wären wirkliche

Notfälle. Überhaupt, eine genauere Einschätzung meiner Problematik,

so bestätigte er seinen Kollegen vom vorigem Freitagabend, könne

nur durch ein MRT erfolgen. Ein MRT würde aber hohe Kosten

verursachen. „Wissen Sie überhaupt, was das kostet?“ fragte er mich

im verärgerten, vorwurfsvollen Ton. Er meinte, wenn er mich dafür

nicht stationär aufnehmen würde, müsste ich dieses privat bezahlen.

Eine Aufnahme in die Klinik sei heute und in den kommenden Tagen

unmöglich, da keine Betten zur Verfügung stünden. Ich könne mich ja

selbst um ein MRT kümmern, wenn ich dieses für notwendig hielte, so

sein Kommentar. Mein Argument, dass ich, wenn ich bei einer Praxis

für Radiologie anrufen und um ein MRT bitten würde, nach meinen

Erfahrungen frühestens drei Wochen später einen Termin bekommen

würde, ignorierte er gänzlich. Er verabschiedete sich eilig mit den ernst

gemeinten Worten „Sie können es ja ein anderes Mal bei uns versuchen“.

Die Notfallärztin, die wir beim Gehen im Gang trafen, versuchte uns

nochmals fast entschuldigend begreiflich zu machen, dass sie großes

Verständnis für uns hätte, uns jedoch aus ihrer Perspektive betrachtet,

nicht helfen könne.

16. Telefonate

Auf der Rückfahrt, die bedingt durch das lange Sitzen, mit heftigen

Schmerzen verbunden war, überlegten mein Mann und ich die weitere

Vorgehensweise: Zunächst wollten wir die Vertretung unseres Hausarztes

aufsuchen, um eine Überweisung für das MRT zu erhalten; danach

alle im Umkreis vertretenen Röntgenpraxen anzurufen, um einen

baldmöglichsten freien Termin für die erforderlichen Aufnahmen zu

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erhalten, um uns so auf schnellsten Wege Klarheit zu verschaffen.

Ich versuchte mein Glück und traf tatsächlich nach vielen Telefonaten

auf eine Dame in einer Röntgenpraxis, die mir, nachdem ich ihr mein

Anliegen und meine Situation geschildert hatte, einen Termin in zehn

Tagen zusicherte. Darüber war ich sehr dankbar, denn alle anderen

hatten mir, wie bereits vermutet, erst mit vierwöchiger Wartezeit Termine

angeboten. Diese Organisation war mir wenigsten gelungen.

Drei Tage später rief völlig überraschend eine Sekretärin der Klinik an.

Ich wurde aufgefordert umgehend vorbeizukommen, da nun ein Bett

frei sei und ich stationär aufgenommen werden könne. Mein Staunen

war groß. Hatten wir uns nicht verabschiedet mit der Vereinbarung,

dass ich mich selbst um das erforderliche MRT kümmern sollte? Mit

diesem Anruf hatte ich absolut nicht gerechnet. Diese Nachricht bedeutete

für mich alle mit viel Glück erhaltenen Arzttermine wieder

abzusagen, eilig meine Tasche zu packen und ohne Vorlauf ins Krankenhaus

zu fahren. Privates konnte ich nicht mehr organisieren.

17. Ein erneuter Klinikaufenthalt

Auf dem MRT, das nun doch in der Klinik durchgeführt wurde, gab

es jedoch leider keinen Hinweis darauf, was meine Schmerzen und

das Kribbeln auslösen könnte. Inzwischen war Prof. Dr. Seiber vom

Urlaub zurückgekehrt und hatte sich meiner wieder angenommen. Er

schlug mir vor, eine sogenannte Facettengelenk-Infiltration vorzunehmen.

Grund für eine solche Behandlung ist eine vorangegangene Bildgebung

in Verbindung mit der Beschwerdesymptomatik. Zu Beginn der

Maßnahme wird ein CT erstellt, auf dem die zu punktierende Region

mit einem Stift auf der Haut gekennzeichnet wird. Der Patient liegt

dabei auf dem Bauch und darf sich nicht bewegen. Die Liege fährt

nun langsam in die kegelförmige Öffnung des Computertomographen

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hinein. Die Öffnung ist relativ weit und der Patient kann mit dem Arzt

bzw. dessen Helfer sprechen. Je nach geplantem Betäubungsverfahren

führt der Arzt nun eine dünne Injektionsnadel entweder im Bereich der

Nervenwurzel an der Wirbelsäule oder in die Gelenke der Wirbelsäule

ein. Nach einer Lagekontrolle wird das Medikament/Schmerz-/Betäubungsmittel

eingespritzt. Wie bei jedem ärztlichen Eingriff ist auch

hier mit Komplikationen zu rechnen, die zwar äußerst selten sind, aber

im Falle des Auftretens lebensbedrohlich sein können. Häufig treten

Kreislaufprobleme, Schwindel, Kopfschmerzen und Allergien oder ein

vorübergehendes Taubheitsgefühl auf. Haut-, Gewebe- und Nervenschädigungen,

sowie Verletzungen größerer Blutgefäße, des Rückenmarks

oder eine Schädigung von Nervenstämmen können in seltenen

Fällen die Folgen dieser Untersuchung sein.

Aus vorhergehenden Unterhaltungen mit Wirbelsäulenpatienten

wusste ich, dass dies ein mögliches Verfahren ist, um das Schmerzzentrum

zu finden, weshalb ich auf diesen Vorschlag einging. Obwohl auch

dieser Eingriff, wie oben beschrieben, bestimmte Nebenwirkungen hat

und Gefahren beinhaltet, signalisierte er mir doch einen Funken Hoffnung.

Während der Untersuchung hatte ich dennoch große Angst vor

dem Einstechen der Nadeln. Die ausführende Ärztin forderte mich

immer wieder auf, mich zu entspannen und nicht zu verkrampfen.

Das allerdings war mir in diesem Moment nur schwer möglich; leicht

gesagt, wenn man nicht selbst daliegt und die schlimmsten Vorstellungen

in sich trägt.

Sitzen die Nadeln nicht punktgenau, wird ihre Lage korrigiert, und

es erfolgt eine erneute CT Aufnahme. Dieser Vorgang wird so lange

wiederholt, bis letztendlich genau die Stelle erreicht wird, die für das

Einspritzen des Betäubungsmittels bestimmt ist. Man spürt in diesem

Moment einen leichten Druck, aber dann ist alles vorbei. Es ist fast ein

Gefühl wie nach der Spritze beim Zahnarzt, ein in dieser Region pelziges

Empfinden, bis sich das Betäubungsmittel verteilt hat. Nach dem

langsamen Aufstehen sollte die Injektion bereits ihre Wirkung zeigen,

d.h. die Schmerzen sollten nachlassen und schließlich verschwinden.

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All das geschah jedoch nicht.

Vor der Infiltration hatte ich mir vorgenommen, mir hinterher in der

Cafeteria einen Kaffee mitzunehmen, um ihn dann mit vollem Genuss

auf dem Balkon des Krankenzimmers zu trinken. Es war, als hätte ich

mir damit selbst eine Belohnung für die überstandenen Strapazen versprochen.

Oben auf Station angekommen, bemerkte ich, dass mein

Kreislauf versagte. Ich konnte gerade noch meinen Cappuccino auf

dem Tisch abstellen, als ich nur noch Sternchen sah und umkippte.

Dann war es dunkel. Eine Krankenschwester, die sich gerade im Zimmer

befand, war mir beim Aufstehen behilflich und führte mich zu

meinem Bett. Ein Pfleger, der hinzu gerufen wurde, meinte: „Machen

sie uns keinen Kummer, sie sind eine so pflegeleichte Patientin“.

Deute ich diese Worte, so beinhalteten sie die Botschaft, dass ich hoffentlich

keine zusätzliche Arbeit für das Pflegepersonal bereiten sollte.

Den Nachmittag verbrachte ich vorsichtshalber im Bett. Gegen Abend

wurde mir vom Stationsarzt mitgeteilt, dass am folgenden Tag eine

zweite vorgesehen sei, nachdem die Infiltration offensichtlich keine

Wirkung gezeigt hatte. Irgendwann am nächsten Tag im Laufe des

Vormittags klopfte es an die Tür und es kam ein Mann mit einem

Rollstuhl herein. Er stellte sich als Patientenbegleiter vor und erklärte

mir, er werde mich nun zur Infiltration fahren. Bestimmt habe ich sehr

erstaunt geblickt, denn mit dieser übertriebenen Vorsichtsmaßnahme

hatte ich nicht gerechnet. Sie kam für mich unvorbereitet, wie aus dem

Nichts, und ich hielt sie für etwas übertrieben. Als ich mich wieder

gefasst hatte, erklärte ich dem Mann freundlich, dass es mir momentan

gut gehe und ich mobil sei. Ich wäre durchaus im Stande, den Weg in

die Radiologie zu Fuß zurückzulegen; allerdings wäre ich ihm dankbar,

wenn er mich nach dem Infiltrieren von der Röntgenabteilung zurück

zu meinem Zimmer begleiten könne. Er verabschiedete sich einsichtig.

Ich habe nach der Behandlung jedoch eine Stunde auf ihn gewartet, er

kam nicht wieder. So ging ich vorsichtig und achtsam alleine wieder

zurück auf die Station.

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Übrigens war auch diese Infiltration nicht erfolgreich. Der Vorgang des

Eingriffes war der gleiche wie am Tag zuvor, nur wusste ich, was mich

dabei erwartete, und ich konnte mich darauf einstellen. Alle anderen

weiteren Infiltrationen, die im Laufe von zwei Jahren erfolgten, blieben

ebenso erfolglos. Insgesamt habe ich bis zum heutigen Tag zwölf

Infiltrationen bekommen, die keine Wirkung erzielten. Das bedeutete

für mich immer wieder Hoffnung, Psychostress und anschließende

Frustration; abgesehen von dem an sich sehr unangenehmen Eingriff

mitsamt seinen Risiken. Hinsichtlich des wechselnden Zustands zwischen

Hoffnung und Zuversicht bietet sich der Vergleich mit einer

Frau an, die sich zu einer künstlichen Befruchtung entschlossen hat

und jedes Mal darauf wartet, dass die Behandlung angeschlagen hat.

Am Abend bei der Visite erklärte mir Prof. Dr. Seiber, dass ich nach

Hause gehen könne. Ich solle allerdings in der darauffolgenden Woche

anrufen, da er darüber nachdenken müsse, wie es nun weitergehe. Ich

verständigte meinen Mann und noch in dieser Nacht verließ ich das

Krankenhaus.

Zwischenzeitlich war es Ende Juli geworden und sowohl an meinen

Schmerzen, als auch an den Kribbelparästhesien hatte sich trotz OP

nichts geändert. Ich nahm nach wie vor starke Schmerzmittel, die aber

nur geringe Wirkung zeigten. Trotzdem glaubte ich an die Vorstellung,

nach den drei Monaten Schonfrist und Einheilung würde sich dann

endlich eine positive Veränderung zeigen. An meine Halskrause hatte

ich mich gewöhnt, ebenso an alle Einschränkungen samt Fahrverbot.

Am Mittwoch der darauf folgenden Woche rief ich wie vereinbart bei

Prof. Dr. Seiber an. Seiner Auffassung nach, so ließ er mich wissen,

sei eine weitere Myelographie angebracht, um nach einer möglichen

Schmerzursache forschen zu können. Bei der Terminvergabe zur erneuten

stationären Aufnahme wurde der 11. August vorgeschlagen.

Jeder Krankenhausaufenthalt und die damit verbundenen Eingriffe

bedeutete für mich: Organisieren, Tasche packen und Unsicherheit

gegenüber dem, was mich erwartet. Er birgt eine Ungewissheit, einen

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gewissen Kontrollverlust im Bezug auf das, was mit mir geschieht,

gleichzeitig aber die Hoffnung auf das Ende der Schmerzen. Am Tag

der zweiten Myelographie verspürte ich wieder Angst, aber ich wusste

immerhin, was auf mich zukam. In der Klinik aufgenommen und auf

Station angekommen hatte ich gerade noch Zeit, meine Toilettenutensilien

in die Nasszelle zu bringen, als ich bereits zur Radiologie gerufen

wurde.

Der positiven Ausstrahlung der mir inzwischen bekannten Röntgenärztin

war es zu verdanken, dass sich meine angestaute Aufregung

legte und es mir gelang, mich ihr und ihrem Können anzuvertrauen.

Es war fast wie beim ersten Mal, wie bereits erwähnt: so ein Eingriff

beinhaltet das Gefühl, die Kontrolle über sich und seinen Körper zu

verlieren und dem Ganzen ausgeliefert zu sein. Es folgte ein ähnlicher

Ablauf wie bei der vorherigen Myelographie, nur musste ich dieses Mal

nicht lange warten, bis mich ein Pfleger wieder zurück in mein Zimmer

brachte. Danach war wieder Liegen und viel Trinken angesagt.

Mein Allgemeinzustand war zufriedenstellend, ich befand mich an diesem

Tag in guter Verfassung, und ich spürte keine negativen Folgen.

Am nächsten Morgen wartete ich auf die Visite des Arztes. Der erklärte

mir, dass bei den Aufnahmen des gestrigen Tages keine Auffälligkeiten

zu erkennen wären, die auf meine Schmerzen hinweisen würden.

Er stellte mir in Aussicht, dass Prof. Dr. Seiber mich am Nachmittag

aufsuchen würde. Der Tag verging mit Warten, und spätnachmittags

stand Prof. Dr. Seiber dann vor meinem Bett.

Er schlug eine Röntgenaufnahme meines linken Daumens vor, da die

Schmerzen am Daumenballen in den letzten Monaten immer heftiger

geworden waren. Er wolle damit eine Rhizarthrose ausschließen und

sicher gehen, dass hier keine Gelenkabnutzung vorläge. Die Theorie

für diese Annahme war, dass Schmerzen am Daumen auf eine Beeinträchtigung

am sechsten Halswirbel hinweisen können.

Am nächsten Tag wurde eine Röntgenaufnahme angefertigt, eine Einschätzung

des Bildes bekam ich aber erst abends, als Prof. Dr. Seiber

56


mich sprechen wollte. Er bestätigte seinen Verdacht, dass die Beschwerden

im Daumen tatsächlich auf eine starke Rhizarthrose, eine Arthrose

des Daumengelenkes, zurückzuführen seien. Er selbst könne sich

vorstellen, dass hier eine eventuelle Verbindung bestünde. Er meinte,

ich könne heute noch nach Hause gehen, allerdings möge ich einen

Orthopäden aufsuchen, der ihm bestätigen solle, ob es einen Zusammenhang

zwischen der Daumenarthrose und meinen Beschwerden

im Halswirbelsäulenbereich gäbe. Erst danach sollte ich wieder einen

ambulanten Sprechstundentermin bei ihm vereinbaren. Mein Mann

holte mich gegen 20 Uhr ab und ich freute mich darauf, die Nacht im

eigenen Bett verbringen zu dürfen.

18. Gedanken zum Klinikalltag

Nach dreimaligen kurz aufeinanderfolgenden Klinikaufenthalten mache

ich mir als Patient und Beobachter zum Gesamtablauf des dortigen

Klinikalltages und zum Krankenhaus insgesamt so meine Gedanken.

Vorweg, die Praxis von Prof. Dr. Seiber befindet sich im Erdgeschoss

und ist sehr gut organisiert. Dies ist sicherlich auf seine zuverlässigen

Sekretärinnen zurückzuführen. Außerhalb seiner allgemeinen Sprechstunde,

die sich nur auf montags beschränkt, befand er sich meist gerade

dann im Operationssaal, wenn ich versuchte ihn zu erreichen. Seine

freundlichen Damen im Vorzimmer sorgen stets für Terminvereinbarungen,

Rückrufe und geben alle zu besprechenden Anliegen an ihn

weiter. Sie haben vor allem in akuten Fällen bislang immer für mich

ein Vorsprechen beim Professor möglich gemacht, trotz seines engen

und gut gefüllten Terminkalenders.

Die zentrale Anmeldung ermöglicht erst den ambulanten Besuch der

Wirbelsäulenchirurgie und Radiologie. Hier arbeiten ebenfalls engagierte,

nette Damen, die wirklich ihr Bestes geben und leisten. Sie haben

mit teilweise ungeduldigen, egoistischen und schlechtgelaunten

57


Menschen zu tun und ich bewundere die Gelassenheit und Ruhe, aber

auch ihre Freundlichkeit, mit der sie allen Patienten begegnen. Da sich

der Anmeldebereich in einem großen Vorraum befindet, werden sie an

manchen Tagen zusätzlich mit einer Warteschlange von Patienten und

einem überfüllten Warteraum konfrontiert. Ich habe wirklich allen Respekt

vor diesen Damen.

Die Chefärzte der dortigen Wirbelsäulenchirurgie und deren Team

nahm bzw. nehme ich als wirklich kompetente, verantwortungsvolle

und bemühte Ärzte wahr, die sich trotz der geringen verfügbaren Zeit

für ihre Patienten einsetzen. Ich habe Prof. Dr. Seiber die ersten Jahre

als für meine Beschwerden, Fragen und Sorgen offenen Arzt erlebt. Er

nahm mich als Patient ernst, was auch psychisch einfach sehr gut tat.

Selbst nach Jahren des Suchens und Forschens nach der Schmerzursache

und leider nur teilweisem Erfolg, gab er mich als Patient nicht auf

und war für mich weiterhin einer der ersten Ansprechpartner, der sich

während seiner Sprechstunde stets Zeit für mich nahm.

Auf Station herrscht das übliche hektische Krankenhaustreiben, das

vermutlich aus dem bekannten Personalnotstand in der Pflege resultiert.

Die Schwestern und Pfleger sind sichtlich überfordert mit ihren

vielen Aufgaben. Obwohl sie teilweise Unterstützung von Schwesternhelferinnen

bzw. Praktikanten für die Essensausgabe und für andere

Tätigkeiten erhalten, bleibt kaum Zeit für die wichtigen zwischenmenschlichen

Gespräche und Gesten. Ich habe dies bei einer 85-jährigen

Patientin, die mit mir das Zimmer teilte, erlebt. Sie war nach einer

schweren Operation bei allen mir selbstverständlichen Tätigkeiten

auf die Gefälligkeit anderer angewiesen. Es war ihr selbst unmöglich,

außer im Liegen und manchmal in einer Sitzposition ihre Nahrung

aufzunehmen oder nach etwas zu greifen. Die Pflegekräfte begegneten

ihr mürrisch und hektisch, und manchmal wurde ihre Bitte um Hilfe

einfach ignoriert. Ich bemerkte, wie dankbar meine Bettnachbarin

mein Angebot ihr zu helfen, annahm. Ich konnte meine Hilfe jedoch

natürlich nur in dem Rahmen anbieten, den mein eigener Gesundheitszustand

zuließ.

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Mir wurde anhand dieses Beispiels bewusst, wie notwendig gerade für

das psychische Befinden Worte, und seien es nur ganz wenige, und

längere Gespräche sind. Ein kurzes Handauflegen, aufmunternder

Zuspruch, all dies trägt gerade bei schwerkranken Patienten zu einem

positiven psychischen Befinden und das wiederum zu seinem Heilungsprozess

bei. Bei einer permanenten Unterbesetzung und Überforderung

des Personals ist diese Hilfestellung unmöglich. Jeder weiß und

kann nachvollziehen: Befindet man sich als Mensch, und das gilt auch

für das Pflegepersonal, in einem gehetzten, unausgeglichenem Zustand

oder in schlechter Stimmung, so ist es schwer, sich den geforderten

Aufgaben adäquat zu stellen. Ein sensibles Einfühlen im den Patienten

gestaltet sich da schwierig. Nur wenn es einem selbst gut geht, kann

man sein Umfeld mit positiver Energie beeinflussen.

Da ich nur auf wenig bis gar keine Hilfe bei den Alltäglichkeiten angewiesen

war, begegneten mir alle auf Station freundlich. Eine Schwester

erzählte mir eines Abends, sie hatte bereits Feierabend, von der vorherrschenden

Personalsituation. Sie schilderte, dass an einem kürzlich

vergangenen Nachmittag nur eine Stationsschwester für zwei Stationen

zur Verfügung stand. Sie vertraute mir weiterhin an, dass Urlaub

und Krankheit des Personals eigentlich ständig ohne zusätzliche Kräfte

abgedeckt werden müssten und sich alle ziemlich an der Grenze dessen

befänden, was zu leisten ist. Auf diesen Umstand, meine ich, ist es

wohl zurückzuführen, dass in keinem meiner Aufenthalte nur einmal

ein Bett aufgeschüttelt oder frisch gemacht wurde. Ich habe es nicht

erfahren, dass ein Betttuch oder ein Überzug erneuert wurde. Obwohl

ich nie länger als einige Tage dort verbringen musste, bin ich der Meinung,

dass dies in einem Krankenhaus nicht passieren darf. Man bedenke,

dass eine große Sommerhitze herrschte und die Patienten viel

schwitzten. Zudem zeigten sich auf den Betttüchern Spuren von Essensresten,

Blut und Ähnlichem.

Eine meiner Bettnachbarinnen, deren Operation bei meinem Erscheinen

drei Wochen zurück lag, hatte erhebliche Probleme mit ihrer Wunde

auf Grund einer Entzündung. Darin begründete sich ihr langer Kli-

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nikaufenthalt. Die Wundheilung zeigte nur langsam Fortschritte und

wäre keine Besserung eingetreten, so hätte sie noch einmal operiert

werden müssen. Auch andere Patienten, mit denen ich hier in Kontakt

kam, erzählten von Wundheilungsstörungen und erforderlichen

Folgeoperationen, bei denen Schwämmchen in die Wunde gelegt werden

mussten um eine Heilung zu erzielen. Gerade bei diesen Patienten

wäre die Einhaltung einer besonderen Hygiene sicherlich notwendig

und erforderlich.

Ich möchte noch auf meine Wahrnehmung hinsichtlich der Raumpflege

eingehen. Das Krankenzimmer wurde zwar täglich durch eine

Reinigungskraft geputzt, wenn ich jedoch rückblickend über die Reinigungsweise

nachdenke, so wundere ich mich nicht über die große

Menge der durch Keime und Viren hervorgerufenen Infektionen, die

in Kliniken häufig auftreten. Ein einmaliges Eintauchen des Wischlappens

ins Schmutzwasser reichte für den gesamten Raum. Egal, ob die

Staubflocken sich dazwischen befanden oder der Boden von einer Patientin,

die die Toilette nicht rechtzeitig erreichte, nass wurde - alles

wurde mit diesem einen Lappen aufgewischt. Ich überlasse es nun jedem

selbst, sich darüber eine Meinung zu bilden.

19. Folgen der Myelographie

An den Tag, an dem ich nach meiner zweiten Myelographie das Krankenhaus

verlassen hatte, habe ich nur ungute Erinnerungen. Ich bekam

plötzlich heftige Kopfschmerzen und war kaum fähig, meinen Kopf zu

bewegen. Jede Drehung tat höllisch weh, und es war ein gleichzeitig

andauerndes Ziehen im Nacken vorhanden. Übelkeit begleitete mich

durch den gesamten Tag. Es war mir unmöglich aufzustehen, weshalb

ich gezwungen war, den gesamten Tag liegend zu verbringen. Ich versuchte

auf Anraten meines Sohnes Felix viel zu trinken und mehr Kaffee

als sonst. Das Koffein sollte die Blutgefäße weiten und dadurch die

Schmerzen lindern. Aber nur eine geringe Linderung trat ein.

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Auch der nächste Tag brachte schmerzbedingt massive Einschränkungen.

Ich verbrachte einen weiteren Tag liegend. Ich kam zu der Überzeugung

dass, sollte eine weitere Myelographie vorgeschlagen werden,

ich diese nur noch als letzte Möglichkeit einer Untersuchung in Betracht

ziehen würde. Vier Tage hatte ich mit den Nachwirkungen zu

kämpfen, zusätzlich zu dem stetigen Kribbeln und den immerwährenden

zermürbenden Schmerzen. Ich merkte insgesamt, dass meinem

Körper in den letzten Monaten sehr viel zugemutet worden war. Es war

nun Ende August geworden, und allmählich durfte ich mich meiner

Halskrause entwöhnen. Ich legte sie nur noch stundenweise und zum

Schlafen an, und irgendwann ließ ich sie ganz weg. Für mich bedeutete

dies die Halbzeit der geforderten Einhaltungen an Verhaltensregeln,

die zu meiner Genesung erforderlich waren, vor allem die Aufhebung

des Fahrverbotes war absehbar. Die Hälfte dieser einschränkenden Zeit

hinter mich gebracht zu haben, sah ich als einen kleinen Fortschritt an,

und irgendwie war ich auch ein bisschen stolz auf mich durchgehalten

zu haben. Alles wäre gut gewesen, hätten mich meine Schmerzen nicht

permanent an die Tatsache erinnert, dass sich nach der Operation

überhaupt keine Besserung einstellen wollte. Dieser Umstand machte

mich sehr traurig und ratlos. Ich stellte nach wie vor fest dass, je weniger

ich mich bewegte, meine Beschwerden desto stärker wurden. Also

nahm ich mir tägliche Spaziergänge vor.

Da ich zu der Zeit keinen Orthopäden hatte, ich aber die Rhizarthrose

an meinem Daumen einschätzen lassen wollte, vereinbarte ich einen

Termin bei einer mir wiederholt zu Gehör gekommenen Arztpraxis,

zwanzig km von meinem Wohnort entfernt. Trotz umständlicher Anfahrt,

da ich ja noch nicht selbst wieder Autofahren durfte, nahm ich

die zu fahrenden Kilometer in Kauf und ließ mich von einer Freundin

hinbringen. Zusätzlich organisierte ich noch einen Besuch in der

Handchirurgie in einer Spezialklinik, die noch weiter entfernt von unserem

Wohnort liegt. Gleichzeitig überlegte ich weitere Schritte, sollten

bis Mitte Oktober, also drei Monate nach meiner Operation, sich

die ziehenden Nacken- und Schulterschmerzen, sowie das Kribbeln

nicht geändert haben.

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Mit diesen Gedanken suchte ich erneut meinen Hausarzt auf. Er gab

mir den Hinweis, sich eine zweite Meinung zur Beurteilung meiner

Beschwerden einzuholen, um sicher zu gehen, dass in der Klinik nichts

übersehen worden war. Ich besprach mich mit ihm und nahm daraufhin

Kontakt zur Neurochirurgischen Abteilung an einem Uniklinikum

auf. Der Termin war auf Mitte September vorgesehen. Um meine

Schmerzen einigermaßen in den Griff zu bekommen, sollte ich zudem

eine Schmerztherapeutin aufsuchen, um mich von ihr auf eine optimale

Schmerzmedikation einstellen zu lassen.

Bei Dr. Martan, dem Orthopäden, bekam ich relativ schnell für Mitte

September einen Termin. Er war ein hektischer Mann, der versuchte

mir nach einer kurzen Untersuchung eindeutig zu vermitteln, dass er

so gar keinen Zusammenhang zwischen der Vermutung von Prof. Dr.

Seiber, der diagnostizierten Rhizarthrose und meinen Nackenschmerzen

sehe. Des Weiteren beurteilte er die vergangene OP als einen nicht

erforderlich gewesenen Eingriff. Er gab mir noch mit auf den Weg, dass

Neurochirurgen immer gleich zum Operieren neigen würden, dann

eilte er aus dem Sprechzimmer. Ich verließ seine Praxis, enttäuscht und

mit unsicheren Eindrücken. Ich hatte mir ein etwas zeitintensiveres

Gespräch erwartet und war gleichzeitig beruhigt, mir eine zusätzliche

Einschätzung in der Handchirurgie gesichert zu haben – allerdings erst

Mitte Oktober, erst dann hatte ich dort meine Vorstellung.

20. Besuch beim Schmerztherapeuten

Der Kalender zeigte bereits Ende September an, und es folgte die Vorstellung

bei Frau Dr. Jakob, einer Schmerztherapeutin. Ich war schon

sehr gespannt, was mich bei ihr erwartete. Nach einer Anfahrtszeit von

30 Minuten wartete ich nach der Aufnahme in ihrer Praxis zweieinhalb

Stunden. Während dieser Zeit bekam ich einen digitalen Schmerzfragebogen,

den ich ausfüllen sollte. Ich wurde befragt nach Schmerzäußerung,

Schmerzattacken, Schmerzintensität und wie ich diese erleb-

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te. Er beinhaltete außerdem psychologische Fragestellungen und die

Information nach meiner momentanen Medikation. Das Warten, egal

wo, erweist sich für mich immer als äußerst problematisch, da meine

Schmerzen ja gerade im Sitzen provoziert werden. Längeres Stehen bietet

mir keine wirkliche Alternative, da es sich ähnlich schmerzsteigernd

auswirkt. Als ich endlich an der Reihe war, ging es mir, wie immer

nach solchen Wartezeiten, nicht gut. Ich hatte deshalb Schwierigkeiten,

mich auf das Gespräch zu konzentrieren, denn auch im Sprechzimmer

wurde - typisch für Arztgespräche – sitzend kommuniziert.

Bei jedem Arzt, bei dem ich mich zum ersten Mal vorstelle, muss ich

meine gesamte Krankengeschichte natürlich von Anfang an erzählen.

Diese dauert mittlerweile immer länger, und dabei muss ich aufpassen,

dass ich nichts zu erwähnen vergesse, denn oft sind es gerade die

Kleinigkeiten, die vielleicht entscheidend für die Diagnose bzw. einen

möglichen Lösungsansatz sein könnten. Ich bin dankbar, dass ich Arztbriefe,

Röntgenbilder und MRT-Aufnahmen in einem Ordner gesammelt

habe und Dokumentationen vorweisen kann. Ich bemerkte, dass

mich die Schmerztherapeutin Frau Dr. Jakob während meines Berichtes

intensiv beobachtete, und ich fühlte mich dabei unwohl.

Nachdem ich zu Ende erzählt hatte, stellte sie mir die Frage, ob ich

schon einmal darüber nachgedacht hätte, dass meine beschriebenen

Symptome primär aus der Psychosomatik heraus zu sehen wären. Die

meisten Patienten würden den Einfluss der Psyche auf körperliche Leiden

absolut unterschätzen. Sie forderte mich dazu auf, diese Sichtweise

zuzulassen. Auf meinem Rücken würde viel lasten und hier könnte der

Ansatzpunkt zur Schmerzbewältigung sein.

Ich fragte mich insgeheim, wie sie dies nach zehn Minuten Kennenlernen

so genau einschätzen konnte! Hatte ich die Verknüpfung meiner

Schmerzproblematik mit der Psychosomatik nicht schon einmal mit

einer Ärztin diskutiert? Ich versuchte auch diesmal meinen Standpunkt

zu vertreten, nämlich dass sich meine Beschwerden eher nach einem

mechanischen Problem anfühlten. Ich konnte Frau Dr. Jacob jedoch

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nicht von meiner Darstellung überzeugen. Abschließend unterhielten

wir uns über die Einnahme der Tabletten und Tropfen, die sie mir

verschrieb. Es waren andere Schmerzmedikamente als die, welche ich

zum damaligen Zeitpunkt einnahm. Mit einem Rezept in der Hand

verließ ich die Praxis.

Das war also meine erste Erfahrung mit einem Besuch bei einer

Schmerztherapeutin, und ich möchte anmerken, dass er für mich

weder hilfreich noch überzeugend war. Die von ihr verschriebenen

Medikamente schlugen nicht in der gewünschten Weise an, und das

Gespräch hatte mich eigentlich nicht weiter gebracht. Weder von der

Ärztin noch von der Sprechstundenhilfe wurde mir mitgeteilt, ob und

in welchem Zeitrahmen die Vereinbarung zu einem neuen Termin erwünscht

sei.

Als Patientin empfinde ich es immer als schwierig, denn wie kann ich

einschätzen, wann es richtig und wichtig ist, einen Folgetermin zu vereinbaren

bzw. zur Kontrolle vorbeizukommen? Meine Erfahrung hat

mich gelehrt, dass Arzttermine, insbesondere bei Fachärzten – meinen

Hausarzt ausgenommen - nur in den seltensten Fällen spontan und zu

dem Zeitpunkt, an dem ich ihren Rat benötige, vergeben werden können.

Es gibt meist keine Chance ohne vorherige Terminvereinbarung

einen entsprechenden Arzt in seiner Sprechstunde aufzusuchen. Deshalb

habe ich mir angewöhnt, mir für den derartigen Fall einfach prophylaktisch

einen Termin geben zu lassen. Somit muss ich mir je nach

Dringlichkeit und Notwendigkeit keine unnötige Gedanken darüber

machen, wie ich zu einem Termin komme. Brauche ich ihn nicht, sage

ich ihn selbstverständlich rechtzeitig ab. Also ließ ich mir auch hier bei

Frau Dr. Jakob einen Termin für den nächsten Besuch in einem Monat

geben.

Zuhause dachte ich nochmals ernsthaft über unser Gespräch nach,

und ich ließ mir das Argument von Dr. Jakob wiederholt durch den

Kopf gehen, dass meine Beschwerden psychosomatischer Ursache sein

könnten. Nach kritischer Abwägung ihrer Argumente kam ich nach

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wie vor zu der Überzeugung, dass ich ihr in diesem Punkt überhaupt

nicht beipflichten kann. Ich sah und sehe auch heute keinen Zusammenhang

zwischen mechanischen Bewegungen und Positionen, bei

denen ich meine Schmerzen provozieren kann und der Psychosomatik.

Dass die Gesamtsituation sich mit der Zeit allmählich auch auf die

Psyche niederlegt, das ist, denke ich, verständlich.

21. Zweitmeinungen

In der kommenden Woche fuhren mein Mann und ich in die Neurochirurgie

eines nahegelegenen Uniklinikums, um die bereits erwähnte

Zweitbeurteilung einzuholen. Wir hatten einen sehr frühen Termin

und eine Strecke von sechzig km zurückzulegen. Nach einem durch

den Berufsverkehr verursachten Stau kamen wir dort gerade noch

pünktlich an. Kurz nach einer Vorstellung im Sekretariat der neurochirurgischen

Ambulanz wurden wir bereits ins Sprechzimmer gerufen.

Die mitgebrachten MRT-Aufnahmen und Arztbriefe wurden betrachtet

und gelesen. Ein netter, kompetenter Neurochirurg bestätigte die

professionelle Arbeit von Prof. Dr. Seiber samt einem inzwischen gut

eingeheilten Titankörbchen als Ergebnis der Operation. Seine Aussage

war, dass er die gleiche Vorgehensweise gewählt hätte und man zum

derzeitigen Zeitpunkt nur warten könne, bis die gesamte Einheilung

erfolgt sei. Danach sei mit einer Physiotherapie der Muskelaufbau zu

fördern. Sollte dies keinen Erfolg haben und die Beschwerden immer

noch auftreten, müssten weitere Infiltrationen angedacht und durchgeführt

werden. Gerne könne ich dann Kontakt mit ihm aufnehmen.

Wir verabschiedeten uns mit der Gewissheit und der Bestätigung, dass

meine Operation ordentlich und zuverlässig durchgeführt wurde. Einen

Hinweis oder eine Idee, warum ich noch immer Schmerzen hatte,

erhielten wir aber auch hier nicht. Insgesamt fühlte ich mich frustriert,

und es drängte sich mir erneut die Frage auf, ob ich die Beschwerden

der Operation und die damit verbundenen Konsequenzen umsonst

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auf mich genommen hatte. Es gibt so viele Möglichkeiten um Krankheitsursachen

festzustellen, warum kann meine Schmerzursache nicht

gefunden werden? Dieser und andere Gedanken trieben und treiben

mich bis heute um, und so nahte der Tag meiner Abschlussuntersuchung

bei Prof. Dr. Seiber

Ich freute mich darauf, da dieser Tag für mich „freie Fahrt“ bedeutete.

Endlich durfte ich wieder Autofahren, das empfand ich nach Wochen

der Einschränkung als große Freiheit. Prof. Dr. Seiber zeigte sich zufrieden

mit den erneut aufgenommenen Röntgenaufnahmen. Er überzeugte

sich vom richtigen Sitz des angebrachten Titankörbchens und

der davor eingesetzten Platte. Seiner Aussage nach wäre alles richtig

und gut verlaufen, es gäbe keine Lockerung des Materials. Er äußerte

jedoch Bedenken, denn es dürften nach einer so schweren Operation

keine Schmerzen mehr vorhanden sein. Er wollte weiter suchen

und meine Schmerzursache finden. Er schlug drei Facetteninfiltrationen

vor: C7, C6, C5, um sozusagen nach dem Ausschlussverfahren

vorzugehen (Die Zahlen beschreiben die jeweiligen Halswirbel). Sollte

eine der Infiltrationen anschlagen, so wäre da die Stelle des Schmerzpunktes,

die einer genaueren Betrachtung bedürfe.

Ich informierte ihn des Weiteren noch von meinem zwischenzeitlich

stattgefundenen Besuch bei einem Orthopäden und dass Herr Dr.

Martan keinen Zusammenhang zwischen meinen Beschwerden und

der Rhizarthrose sehe. Allerdings, so fügte ich hinzu, hätte ich zur weiteren

Beurteilung für die kommende Woche in der Handchirurgie einen

Termin vereinbart.

Prof. Dr. Seiber versuchte mir Mut zu machen und verglich mich mit

einer harten Nuss, die irgendwann geknackt werden würde, was bedeutete,

dass auch bei mir noch eine Erklärung für alles gefunden werden

würde.

Nachdem ich mich verabschiedet hatte, stellte ich mir vor wie es wäre,

hätte ich nun kein Kribbeln und keine Beschwerden mehr und alles

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wäre zum Besten. Ich könnte mich unbeschwert freuen.

Ich könnte wieder zur Arbeit gehen und mein gewohntes Leben aufnehmen

ohne ständige Arzttermine oder regelmäßige Besuche beim

Physiotherapeuten. Ich müsste mir keine Gedanken über die weitere

Vorgehensweisen und meine Zukunft machen und könnte mein Leben

einfach genießen und planen.

Ich würde Sozial- und Außenkontakte pflegen, ohne mir zu überlegen:

Wo kann ich hingehen, ohne mich den Schmerzen auszusetzen bzw.

wer hat Verständnis für mein Verhalten in einer Schmerz-Situation.

Wo immer ich hingehe, muss ich mit den gegebenen Umständen klar

kommen und für mich eine Lösung zur Linderung der Schmerzen finden.

So habe ich mir beispielsweise angewöhnt, immer mein Keilkissen

mitzunehmen, wenn längeres Sitzen angesagt ist. Ich stecke es mir

hinten als Rückenstütze an die Stuhllehne, das schafft etwas Erleichterung.

Ich lege mein Tens-Gerät, eine Elektrostimulation auf die ich

noch zu sprechen komme, an, wenn ich längere Strecken habe, die

ich langsamen Schrittes zurücklegen muss. Das Stehen über längere

Zeit ist mir nur mit einer zusätzlichen Tabletteneinnahme und mit

dem Einschalten des Tens-Gerätes möglich. Aus diesen Gründen wäge

ich sehr genau ab, wo ich hingehe und was ich mir zumuten möchte.

Manchmal entscheide ich mich aber auch bewusst dafür, nicht zu

Hause zurückgezogen den Tag zu verbringen. Mir ist die Notwendigkeit

eines Aufenthaltes außerhalb der „eigenen vier Wände“ durchaus

bewusst, und deshalb zwinge ich mich an manchen Tagen dazu, obwohl

mir eigentlich dazu oft jeglicher Antrieb fehlt.

Trotz alledem bin ich dankbar, dass bislang alle Eingriffe und Untersuchungen

an meinem Körper ohne anhaltende Negativfolgen geblieben

sind und weiß dies zu schätzen. Häufig treten Schmerzen an meinem

linken Daumen schubweise auf und sind dann äußerst intensiv. Eine

kleine Berührung genügt, um diese auszulösen. Der Daumen einer

Hand ist stets in Bewegung und bei nahezu allen Tätigkeiten im Ein-

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satz, weshalb eine Schonung fast unmöglich ist.

In der darauffolgenden Woche bestätigte uns die Ärztin in der Handchirurgie,

dass an meinem linken Daumen eine fortgeschrittene Rhizarthrose

vorhanden ist, eine Daumensattelgelenkarthrose, die auf

Verschleiß zurückzuführen ist. Durch das Tragen einer Stütze erfolgt

eine Erleichterung, aber letztendlich könne sie nur durch eine Operation

behoben werden. Einen Zusammenhang zwischen meinen bestehenden

Nackenschmerzen und der Arthrose sah auch sie nicht. Ich

ließ mir ein Rezept für eine Gelenkstütze verschreiben und entschied

mich, auf Grund der momentanen, schon vorhandenen gesundheitlichen

Problematik gegen eine Operation. Allerdings trage ich die Stütze

immer bei der Verrichtung alltäglicher Bewegungen und Arbeiten, wo

sie mir Hilfe und Schmerzlinderung bringt.

Zu dieser Zeit wuchs in mir die Überlegung und der Wunsch, zusätzlich

die fachliche Meinung eines Wirbelsäulenspezialisten, nicht

aus neurochirurgischer Einschätzung, sondern aus orthopädischer

Sichtweise anzuhören. Ich wollte damit einfach sicher gehen, nichts

Wesentliches zu versäumen, was meinen postoperativen Zustand und

Heilungsprozess betraf. Vielleicht bot sich ja aus seiner Perspektive

eine Erklärung, warum ich nach wie vor an diesen starken Schmerzen

und Kribbelparästhesien litt.

Auf Anraten unseres Sohnes Felix, der aus seinem Studium einen bekannten

Professor für Wirbelsäulenchirurgie an einer Uniklinik kennt,

vereinbarte ich im dortigen Sekretariat einen Termin zur Vorstellung.

Die Kosten dafür hatte ich auf Grund der Tatsache, dass Prof. Dr. Glas

nur Privatpatienten nahm, selbst zu tragen.

Die Stadt liegt ca. eineinhalb Stunden von unserem Wohnort entfernt.

Bei der Hinfahrt gerieten wir, mein Mann Max und ich, in einen Stau

auf der Autobahn. Wir kamen deshalb erst mit zweistündiger Verspätung

in der orthopädischen Ambulanz des Uniklinikums an. Trotzdem

wurden wir hier noch freundlich empfangen. Prof. Dr. Glas studierte

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meine mitgebrachten Unterlagen und es folgte eine eingehende Untersuchung.

Er diagnostizierte manuell-therapeutisch mehrere costotransversale

Blockaden (Gelenke, die sich zwischen Wirbelsäule und

Rippen befinden). Es gelang ihm eine davon zu lösen. Sein Procedere

lautete: Vorstellung bei einem chiropraktischen Arzt und dauerhafte

physiotherapeutische Behandlung. Sollte keine Besserung eintreten,

empfahl auch er CT-gesteuerte Infiltrationen. Auch er bestätigte uns

die korrekte Ausführung der Operation, sowie die gute Einheilung

meines Implantats.

22. Frau Dr. Schlüter

Weitere ambulante Infiltrationen können nur erfolgen, wenn ich die

Überweisung eines Schmerztherapeuten habe, so lautete die Aussage

bei der Dame, die für die erforderliche Terminvergabe in der Röntgenabteilung

der Klinik zuständig ist. Einen Termin für eine Infiltration

und Folgetermine, so erklärte sie mir, könne erst in einem Zeitraum

von sechs Wochen vergeben werden. Das bedeutete für mich also eine

sechswöchige Wartezeit, in der diesbezüglich nichts geschah.

So hatte ich einen großen Zeitrahmen, um meine Schmerztherapeutin

Frau Dr. Jakob aufzusuchen und sie um die Ausstellung einer Überweisung

zu bitten. Verbunden damit wollte ich mit ihr über die verordneten

Medikamente sprechen, die leider bei mir nur wenig Wirkung

erzielten. Ich hatte ein Opioid in Tablettenform bekommen, welches

für zwölf Stunden hätte wirken sollen. Das Medikament benötigte bis

zum Einsetzen der Wirkung eineinhalb Stunden und danach hielt die

schmerzfreie Zeit genau für zwei Stunden an. Nachts wachte ich nach

wie vor regelmäßig schmerzbedingt auf und konnte nicht mehr einschlafen.

Eine permanente Müdigkeit war die Folge. Über all das wollte

ich mich mit Frau Dr. Jakob austauschen.

Auch heute erwartete mich eine längere Wartezeit von zwei Stunden,

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so dass ich bereits mit Schmerzattacken das Sprechzimmer betrat. Dr.

Jakob erklärte mir auch heute, dass all das, was auf meinen Schultern

laste, sich in meinem Schmerzbild äußern könnte. Sie schlug mir eine

besondere Entspannungstechnik vor. Diese sollte an einem Abendtermin

mit anderen Patienten erlernt werden. Eine Überweisung für eine

Infiltration hielt sie für unbegründet und absolut nicht erforderlich.

Auf meine Bitte, sie möge sich mit Prof. Dr. Seiber in Verbindung

setzen, reagierte sie abweisend und verärgert.

An dem für die Entspannungstechnik vorgesehenen einmaligen Gruppenabend

nahm ich zwar teil, hatte allerdings Mühe, mich in dieser

Form zu entspannen. Die anwesenden Patienten samt den teilnehmenden

Sprechstundenhilfen der Praxis sollten sich in Rückenlage auf ihre

mitgebrachten Unterlagen legen. Danach wurde zur Ruhe aufgefordert

und eine CD abgespielt. Wir lauschten dieser CD, auf der eine

Männerstimme zu Entspannungsübungen einlud und erklärte, wie

diese auszuführen seien. Wir bekamen von Frau Dr. Jakob weder eine

persönliche Hinführung noch eine schrittweise Einführung zu dieser

Entspannungsstunde. Wenn ich die Entspannungseinheiten während

meines späteren Schmerzklinikaufenthaltes in Betracht ziehe, so weiß

ich, dass man diese Stunde sicherlich für mich als Patient verständlicher

und interessanter hätte gestalten können. Nur um den Anweisungen

einer CD zu folgen, hätte ich nicht dreißig km fahren müssen.

Meine späteren Versuche, zuhause in Ruhe damit zu entspannen, sind

kläglich gescheitert. Mir ist zwischenzeitlich auf Grund meiner Erfahrung

mit anderen Entspannungstechniken, die ich in den vergangenen

Monaten kennenlernen durfte, bewusst, dass diese Art der Entspannungsform

für mich ungeeignet ist. Alle Gruppenteilnehmer erhielten

anschließend die CD, um sie auch daheim anwenden zu können. Ich

suchte Frau Dr. Jakob noch ein weiteres Mal auf; diesem Arztbesuch

ging eine Wartezeit von drei Stunden voraus. Was dies für mich und

die damit verbundenen Schmerzen bedeutete, vermag sich jeder vorzustellen.

Frau Dr. Jakob schlug mir eine chinesische Weihrauchtherapie

und als weitere Behandlung zweimalige wöchentliche Akupunktur

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vor. Auf meine Frage, ob ich bei jeder dafür vorgesehenen Therapie

mit einer so langen Wartezeit wie heute bzw. den vorangegangenen

Besuchen zu rechnen hätte, meinte Frau Dr. Jakob: „Ja, das könnte

passieren“.

Zuhause ließ ich mir das Verhältnis von Aufwand und Nutzen durch

den Kopf gehen. Ich kam zum Entschluss, dass dieser Zeitaufwand mit

dieser langen Wartezeit und dem Anfahrts- und Rückweg für mich nur

Stress bringen würde. Überhaupt, so sehe ich es aus heutiger Perspektive,

wage ich zu behaupten, dass bei unserem Arzt- Patienten-Verhältnis

die Basis nicht stimmte. Ich kam mit meiner Einstellung gegenüber

meinen Schmerzen und dem damit verbundenen medizinischen Ansatz

aus einer gänzlich anderen Ecke als Frau Dr. Jakob. Die Konsequenz

für mich war, das bestehende Arzt-Patienten-Verhältnis aufzulösen

und mich nach einem anderen Schmerztherapeuten umzuschauen.

Dies stellte sich für mich als echte Herausforderung dar. Die Zeit zum

vorgesehenen Infiltrationstermin drängte. Ich wollte ihn nicht absagen,

allerdings war ich auch nicht bereit, diese Sache selbst zu bezahlen.

Schon allein aus diesem Grunde musste ich jemanden finden, der

mir den benötigten Überweisungsschein ausstellte. Ich stellte mir via

Internet eine Liste von Schmerztherapeuten zusammen, die Mediziner

waren und sich nicht ausschließlich als Heilpraktiker definierten. Die

Auswahl der in meiner Region ansässigen und dafür vorgesehenen Ärzte

war ziemlich begrenzt. Nach einigen Telefonaten blieben mir noch

genau zwei Schmerztherapeuten, jeweils in unterschiedlichen Städten

mit einem Anfahrtsweg von etwa 30 km. Der eine hatte eine Notfallsprechstunde

eingerichtet, die aber mit langer Wartezeit verbunden

war, der andere bot mir an, innerhalb der nächsten Woche vorstellig

zu werden.

Ich entschied mich für die letzte Möglichkeit und versuchte, mit der

Sprechstundenhilfe in der Praxis Dr. Schlüter einen Termin zu vereinbaren.

Sie teilte mir die Sprechzeiten für die kommende Woche mit.

Zu diesen Zeiten, so hieß es, könne ich mich in der Praxis vorstellen.

71


Ich entschied mich für den Mittwochmorgen. Rechtzeitig machte ich

mich auf den Weg, um möglichst früh dort zu sein.

Um Punkt neun Uhr stand ich vor der verschlossenen Tür. Nach mehrmaligem

Klingeln öffnete mir die Arzthelferin und meinte etwas kurz

angebunden: „Heute haben wir keine Sprechstunde, die Quartalsabrechnung

ist fällig“. Ich bezog mich auf das Telefonat von vergangener

Woche und die Angabe ihrer Sprechzeiten. Zudem erläuterte ich ihr

mein Anliegen, nämlich eine Überweisung für die anstehenden Infiltrationen

zu erhalten und sich über eine sinnvolle Schmerzmedikation

Gedanken zu machen. Sie erklärte mir, dass die Ärztin erst in einer

Stunde kommen würde, sie könne momentan gar nichts für mich tun.

„Gehen sie einen Kaffee trinken und kommen sie danach wieder“,

meinte sie mit etwas aufmunterndem Ton. Diesem Ratschlag ging ich

gerne nach, war es doch ein kalter, nebeliger Herbstmorgen, an dem

man sich gerne an einem heißen Getränk erwärmte.

Das nächste Café befand sich gleich um die Ecke und nach einer Stunde

versuchte ich erneut mein Glück. Dieses Mal gewährte man mir

Einlass und ich wurde in ein farbenfrohes, gemütliches Wartezimmer

geführt. Nach kurzer Zeit bekam ich einen Schmerzfragebogen

der Deutschen Schmerzgesellschaft, der aus vielen kopierten Blättern

bestand. Ähnliche Fragen wie bei meinem zuletzt bei Frau Dr. Jakob

digital ausgefüllten Fragebogen. Das Ausfüllen nahm einige Zeit in

Anspruch und nach ca. dreißig Minuten spürte ich, wie sich eine

Schmerzattacke ankündigte. Da ich mich allein im Wartezimmer befand,

versuchte ich es mit Stehen bzw. mit dem Aufstützen auf dem

Fensterbrett. Jedoch die Schmerzen nahmen ihren Lauf. Als die Arzthelferin

den Bogen holte, fragte sie besorgt nach meinem Befinden.

Sie erkannte, dass ich eine Schmerzspitze hatte.Trotzdem brachte sie

mir noch zusätzlich ein Kästchen zur digitalen Schmerzerfassung mit

dem Hinweis, ich hätte es gleich geschafft. Es würde nicht mehr lange

dauern, dann könne ich zu Frau Dr. Schlüter.

Frau Dr. Schlüter, eine sehr nette Dame Ende fünfzig, nahm sehr

schnell zur Kenntnis, dass ich unter sehr starken Schmerzen litt. Sie

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ot mir einen für mich geeigneten Stuhl an. Um eine momentane

Schmerzlinderung zu erzielen, schlug sie vor, mir etwas gegen meine

Schmerzen spritzen. Damit schaffte sie für mich eine gute Voraussetzung

für ein entspanntes Kennenlernen und für ein gutes Gespräch.

Als die Injektion vorgenommen worden war, nahm sie Einsicht in meine

mitgebrachten Unterlagen. Sie informierte mich über unterschiedliche

Schmerzmittel und deren Wirkungsweise und Verträglichkeit. Dr.

Schlüter nahm sich viel Zeit, es folgte die Ausarbeitung eines Medikamentenplanes.

Sie stellte zwar unter Bedenken bezüglich der Strahlenbelastung,

schließlich doch die gewünschten Überweisungsformulare

zum Infiltrieren aus, allerdings mit der Bitte um Rückmeldung. Mit

einem guten, stimmigen Gefühl verließ ich diese Praxis. Zusätzlich

zeigte mir Frau Dr. Schlüter bei einem Folgetermin ein TENS-Gerät.

TENS steht für transkutane elektrische Nervenstimulation. Bei richtiger

Anwendung, so Dr. Schlüter, unterstütze das Gerät bei akuten und

chronischen Schmerzen die Durchblutung und wirke sich so schmerzlindernd

aus. Zudem wirke es muskelentspannend. Mit Hilfe von Klebeelektroden

werden im Schmerzbereich elektrische Impulse gesetzt,

die je nach Programm unterschiedliche Reize hervorrufen können. Es

sollen dadurch Endorphine freigesetzt werden, ein vom Körper selbst

produziertes Opioid. Dieses Gerät musste ich mir selbst kaufen und es

bot sich mir eine große Auswahl. Letztendlich entschied ich mich für

das von der Schmerzpraxis empfohlene. Diese Anschaffung war und

ist für mich eine große Hilfe, was diese für mich bedeutete, erfuhr ich

bereits nach der ersten Anwendung. Meine Schmerzen waren nicht

weg, aber leichter zu ertragen.

Wo immer ich längere Zeit bin und positionsbedingte Schmerzen auftreten,

lege ich mein Tens-Gerät an. Ich erwähne hier beispielsweise

eine Berlinreise, bei der ich viel gehen und stehen musste, die Aufenthalte

in einem Einkaufscenter oder die Besuche von Veranstaltungen,

bei denen längeres Sitzen erforderlich ist. Habe ich zuhause starke

Schmerzen, versuche ich mit dem Tens-Gerät einer zusätzlichen Einnahme

von Schmerztabletten entgegen zu wirken.

73


23. Ein guter Anfang - ein enttäuschendes

Ende

An den drei darauf folgenden Montagen erfolgte jeweils eine Infiltration.

Für mich war es wie immer ein Hoffen auf Erfolg und gleichzeitig

ein Bangen, dass alles gut gehen und keine Nachwirkungen auftreten

würden. Einmal hatte ich hinterher starke Kopfschmerzen, die zwei

Tage anhielten. Ein anderes Mal spürte ich bei den Injektionen des

Betäubungsmittels an diesen Stellen ein heftiges Kribbeln und ein über

mehrere Stunden anhaltendes Taubheitsgefühl, das aber leider keinen

Einfluss auf mein Schmerzempfinden hatte. Zudem belastete es den

Kreislauf, was sich in Schwindel äußerte. Bei der letzten dieser drei

Infiltrationen spürte ich außer dem unangenehmen Vorgang, d.h. dem

Setzen der Nadeln und dem Einspritzen, überhaupt nichts. Meine

Wahrnehmung war also jeweils unterschiedlich und ich konnte mich

nie darauf einstellen und verlassen, wie es mir nach der jeweiligen Anwendung

ergehen würde.

Prof. Dr. Seiber erwartete von mir nach jedem dieser Eingriffe ein Feedback.

Häufig konnte ich ihn nicht persönlich antreffen (er befand sich

ja meistens im OP), dann gab ich bei seiner Sekretärin Rückmeldung.

Nach der dritten Infiltrationen gab ich in seinem Sekretariat Bescheid

und vereinbarte dort einen neuen Termin mit ihm zum Gespräch. Für

meinen Mann war an diesen Tagen Chauffeurdienst angesagt. Bei einer

Entfernung von ca. 60 km einfach kamen im Laufe des Jahres sehr

viele Kilometer zusammen, abgesehen von der für ihn aufgewandten

Zeit.

Im Dezember gab ich Frau Dr. Schlüter den ihr zugesicherten Bericht

über die Wirkung meiner Infiltrationen. Bei einem erneuten Besuch

bei ihr stellte sich heraus, dass für sie weitere Facetteninfiltrationen auf

Grund der Strahlenbelastung und des gesundheitlichen Risikos nicht

in Frage kämen. Prof. Dr. Seiber aber sah in weiteren Infiltrationen

nach wie vor eine Chance, die Schmerzquelle und die Schmerzursa-

74


che zu finden. Ich befand mich in einer zwiespältigen Lage: Frau Dr.

Schlüter schlug mir vor, einen weiteren ihr bekannten und vertrauten

Neurochirurgen, Herrn Dr. Peter, an einer anderen Klinik zu diesem

Thema zu befragen und dessen Einschätzung zu hören. Sie fühlte sich,

so ihre eigene Aussage, in diesem Fachgebiet nicht ausreichend erfahren

und informiert. Sie kontaktierte ihren Kollegen Dr. Peter mit meiner

Einwilligung und beschrieb ihm ihre Bedenken. Er bot mir daraufhin

an, ihm meine Unterlagen, Aufnahmen und Arztbriefe zukommen

zu lassen, so dass er sich ein Bild meiner Krankheitsgeschichte machen

konnte.

Mich beeindruckte damals die ehrliche und interessierte Vorgehensweise

von Frau Dr. Schlüter und das großzügige Angebot dieses Neurochirurgen.

Er ließ mir innerhalb kürzester Zeit telefonisch seine Einschätzung

zukommen mit dem Hinweis, ich könne mich jederzeit bei

ihm persönlich vorstellen und seine Hilfe in Anspruch nehmen. Ein

wirklich positives Beispiel von guter und schneller Zusammenarbeit

unter Kollegen!

Frau Dr. Schlüter besprach mit mir erneut meine Medikation. Die von

ihr verordneten Schmerztabletten dauerten trotz der Umstellung auf

andere Präparate immer noch zu lange, bis sie anschlugen, und zu kurz

waren dann ihre Wirkungszeiten. Wieder mit dem Versprechen, ihr

Rückmeldung zu geben, sobald sich der Neurochirurg, Herr Dr. Peter,

bei mir gemeldet hätte, verabschiedete ich mich von ihr. Weihnachten

stand vor der Tür und in fünf Tagen war Hl. Abend. Weil ich Frau Dr.

Schlüter auf ihre eigene Aufforderung und ihr Drängen hin versprochen

hatte, mich umgehend bei ihr zu melden, sobald ich mit dem ihr

bekannten Neurochirurgen gesprochen hatte, rief ich sie an.

Das, was mich dann erwartete, mit dem hatte ich alles andere als gerechnet.

Ihre Stimme am Telefon war hektisch, und als ich ihr berichten

wollte, herrschte sie mich an, ich könne ihr dies alles auch im

Januar erzählen. Gut, dachte ich mir, sie hat wohl einen schlechten

Tag, begriff aber nicht, warum es ihr plötzlich so unwichtig erschien.

75


Ich setzte das Telefonat mit ihr fort und erzählte ihr, dass die von ihr

gewählte Medikation noch immer kaum Linderung verschaffte und

ich derzeit unter sehr starken Schmerzen, auch nachts, litt. Daraufhin

donnerte sie ins Telefon, ich sei ungeduldig und müsse mich in Geduld

üben. Außerdem m ü s s t e n die Tabletten wirken und überhaupt

hätte sie schon so viel Zeit für mich aufgewandt, so ginge das nicht

weiter, sie hätte schließlich auch noch andere Patienten. Sie betonte

nochmals: „So geht das nicht, so nicht!“ Ich bedankte mich daraufhin

für ihre Zeit, wünschte ihr ein frohes Weihnachtsfest und beendete

das Gespräch. Ich führe normalerweise keine Selbstgespräche, aber ich

stellte mir selbst laut die Frage: „Was war das denn?“ Ich war einfach

nur entsetzt und betroffen. Ich konnte ihre Reaktion so überhaupt

nicht verstehen und einordnen.

Nachdem ich zu diesem Zeitpunkt seit mehr als einem Jahr starke

Schmerzen hatte, fand ich die Bezeichnung u n g e d u l d i g doch

mehr als unangebracht. Ich versuchte das Verhalten von Dr. Schlüter

zu verstehen. Klar, am Ende eines Jahres und vor den Feiertagen kamen

bestimmt noch zusätzliche Patienten in ihre Arztpraxis und es gab viel

zu tun. Trotzdem entschuldigte dies nicht dieses abweisende, aufgebrachte

und vorwurfsvolle Telefonat, das vor allem auf ihre ausdrückliche

Bitte hin stattgefunden hatte. Es stimmte, sie hatte in mich schon

viel Zeit investiert, aber es mir in diesem Ton vorzuhalten, ja fast zum

Vorwurf zu machen, darüber war ich wirklich empört. Ich wollte mir

bis ins neue Jahr Zeit geben, wie ich damit umging. Je mehr ich darüber

nachdachte, desto mehr kam ich zu der Entscheidung, dass mein

Vertrauen zu Frau Dr. Schlüter schwand. Ich musste mir eingestehen,

dass ich verletzt war, ihre Worte klingen mir noch heute im Ohr. Ich

war enttäuscht und es war bei mir absolut keine Vertrauensbasis mehr

vorhanden, die ich eigentlich bei einem Arztbesuch voraussetze. Ich

bedauerte dies sehr.

Da ich wieder einmal eine Bestätigung meines Hausarztes für das

Krankengeld benötigte, nahm ich meinen Besuch bei ihm zum Anlass,

mich mit ihm über das Telefonat mit Frau Dr. Schlüter zu unterhalten.

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Er fragte mich bei dieser Gelegenheit, warum ich die Tabletten gegen

das Kribbeln umgestellt hätte, die Verträglichkeit und Wirkung sei

doch gut gewesen. Ich erklärte ihm, dass dies eine Entscheidung von

Frau Dr. Schlüter war und ich vermute, dass sich die Tabletten eventuell

nicht mit meinen anderen, von ihr umgestellten Schmerzmitteln

vertrugen. Dr. Renz widmete sich daraufhin kurz seinem Computer,

bis er zu der Erkenntnis kam, dass das zuvor von ihm verschriebene

Medikament um das Vierfache teurer war, als das von Dr. Schlüter

verordnete. Wir stellten fest, obwohl ich das von Dr. Renz verordnete

und darauf eingestellte Medikament sehr gut vertrug, wurde ich aus

Kostengründen auf ein neues Medikament umgestellt, ohne über den

eigentlichen Grund informiert worden zu sein. Diese Erkenntnis bestätigte

mich leider in meiner Überlegung, noch ein weiteres Mal meinen

Schmerztherapeuten zu wechseln.

Nachdem alle Schmerzmedikamente nicht wie gewünscht anschlugen,

riet mir Dr. Renz, einen Termin in der Praxis einer Schmerzambulanz,

angegliedert an eine Schmerztagesklinik, ungefähr 40 km entfernt, zu

vereinbaren.

24. Der Beginn des nächsten Jahres

Wie von Dr. Glas empfohlen, suchte ich auf seine Empfehlung hin einen

guten Chiropraktiker auf. Ich holte mir im Vorfeld Informationen

über ihn ein und kam zu dem Entschluss, dieser Arzt entsprach meiner

Vorstellung und erfüllte die Voraussetzungen, die ich mir von einem

Chiropraktiker erhoffte. Dr. Karlosch ist Sportarzt, Chirurg und

Chiropraktiker. Allerdings nimmt Dr. Karlosch nur Privatpatienten,

was für mich als Kassenpatient die Konsequenz nach sich zog, dass ich

jeden der Besuche bei ihm selbst bezahlen musste. Dennoch entschied

ich mich für eine Behandlung bei ihm.

Bei unserem ersten Kennenlernen traf ich auf eine kompetente Per-

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sönlichkeit. Er untersuchte mich gründlich und diagnostizierte eine

Dysfunktionsstörung meiner Bandscheibe und einiger Costotransversalgelenke.

Des Weiteren stellte er fest, dass mein Becken verschoben

wäre und ich eine ISG Blockierung hätte. Mehrere Besuche erfolgten

bei ihm mit der vorsichtigen Lösung meiner Blockaden. Zudem riet er

dringend zu einer krankengymnastischen Stabilisationsbehandlung im

Schlingentisch, sowie zu Bindegewebsmassagen. Die Behandlung von

Dr. Karlosch erfolgte über einen Zeitraum von zwei Monaten. Er empfahl

mir im Anschluss an jede Behandlung 30 Minuten zu Fuß zu gehen

und riet von manchen Tätigkeiten, wie beispielsweise Staubsaugen

vorübergehend ab. Derartige Ratschläge befolgte ich gerne. Ich hielt

mich strikt an seine Empfehlungen. Leider stellte sich aber auch hier

trotz seiner ernsthaften Bemühungen für mich keine spürbare Besserung

meiner Schmerzen ein.

Im Januar 2015 suchte ich nun also die vom Hausarzt empfohlene

ambulante Schmerzpraxis von Dr. Rister auf. Seine ambulante Praxis

befindet sich in einer Schmerztagesklinik. Ich wurde dort sehr freundlich

und verständnisvoll empfangen. Wie bislang in jeder Schmerzpraxis,

bekam ich auch hier wieder einen Fragebogen, den ich auszufüllen

hatte. Mit der Zeit merke ich, dass die Fragebögen im Bereich der

Schmerztherapie und in den Schmerzpraxen im Prinzip ähnlich sind.

Nach nicht allzu langer Zeit wurde ich von einer Ärztin abgeholt und

ins Sprechzimmer geführt. Meine mitgebrachten Unterlagen, vor allem

die Arztberichte, wurden für meine neu angelegte Patientenakte

kopiert und es folgte ein intensives Gespräch über meine Schmerzproblematik

und meinen bisherigen Medikamentenplan. Da die Schmerzmittel

bislang nur eine unzureichende Wirkung zeigten, so die Ärztin,

wäre daraus zu schließen, dass meine Dosierung noch immer zu gering

wäre. Nach ihrer Ansicht benötigte ich die doppelte Menge der bislang

eingenommenen Medikamente, um eine konstante Wirkung zu

erzielen. Ich erzählte ihr, dass ich auch bei einer Zahnbehandlung in

der Regel die doppelte Menge an Betäubungsmitteln benötige. Das

bestätigte ihren Verdacht.

78


Sie erarbeitete mit mir eine neue Medikation, zudem betonte sie die

Dringlichkeit einer konsequenten Physiotherapie. Des Weiteren kam

von ihr der Vorschlag, an einem fünfzehntägigen Therapie-Programm

in ihrer Schmerztagesklinik teilzunehmen, um zu lernen mit meinen

chronischen Schmerzen umzugehen. Ich sollte mir das mal überlegen

und in Ruhe darüber nachdenken, so ihre Aufforderung. Sie gab mir

dazu einen Flyer mit, um nähere Einzelheiten daraus entnehmen zu

können. Mit dem positiven Gefühl, hier Hilfe zu bekommen, verließ

ich zufrieden die Schmerzambulanz.

Anfang des neuen Jahres suchte ich mir einen anderen Orthopäden.

Mein Hausarzt konnte mir, obwohl er gerne bereit gewesen wäre, zu

dieser Zeit keine Rezepte mehr für Physiotherapie ausstellen. Da der

Hausarzt nur begrenzt Rezepte für diese Behandlung ausstellen kann,

musste ich mich auf die Suche nach einem für mich neuen Orthopäden

machen. Bislang hatte ich mich nach meinen negativen Erfahrungen

nicht wieder in die Orthopädische Praxis von Dr. Hans begeben.

Bis zum Jahresende war es mir gelungen, immer telefonisch eine Überweisung

von ihm zu organisieren. Dr. Hans bekam selbstverständlich

alle Arztbriefe entweder von den jeweiligen Ärzten oder von mir zugeschickt.

Mir war allerdings bewusst, dass mich Dr. Hans irgendwann

mal wieder persönlich sprechen wollte, bevor er bereit war, für mich

weitere Überweisungen auszustellen. Es war eine Frage der Zeit und

Ende Dezember 2014 ließ er mich wissen, dass dies nun der Fall sei.

Deshalb suchte ich Anfang des Jahres 2015 Dr. Krähe auf, einen für

mich bis dahin unbekannten Orthopäden. Ich hoffte darauf, dass sich

dieses Mal ein besseres Arzt-Patienten-Verhältnis entwickeln würde als

bei Dr. Hans. Ich versuchte ihm meinen Krankheitsverlauf transparent

zu machen und übergab ihm die inzwischen gebündelten Arztbriefe

und MRT-Aufnahmen. Als Dr. Krähe diese sah und die Namen der

Professoren hörte, die ich bereits aufgesucht hatte, blätterte er lustlos

durch die Unterlagen und - ein intensives Lesen und Befassen wäre im

zeitlichen Rahmen einer Sprechstunde unmöglich gewesen - sicherte

mir sofort zu, für mich eine Überweisung an Prof. Dr. Seiber auszu-

79


stellen. Er habe zu dem Ganzen auch keinen Einfall, was zur Besserung

beitragen könnte, fügte er noch an.

Prima, die Überweisung war also gesichert. Ich benötigte sie nämlich

dringend für weitere Gespräche und Überlegungen über die zukünftigen

Schritte um die Schmerzursache ausfindig zu machen. Hatten

doch die im vergangenen Jahr durchgeführten Infiltrationen auch zu

keinem Erfolg. Ich bat Dr. Krähe im Weiteren um eine Verordnung für

Physiotherapie. Der Orthopäde meinte daraufhin, er würde mir keine

verschreiben, er wolle sein Kontingent schonen. Man bedenke, es

war Anfang Januar! Ich solle mir diese von Prof. Dr. Seiber holen. Auf

meinen Einwand, dass Prof. Dr. Seiber ein Neurochirurg und Operateur

an einer Klinik sei und ich deshalb dort mit Gewissheit keine

Verordnung für Physiotherapie erhalten könne, schwieg er zunächst.

Dann antwortete er mir: „Jetzt gehen Sie erst mal da hin“. Mit diesem

Satz gab er mir klar und deutlich zu verstehen, dass ich von ihm kein

Rezept für eine krankengymnastische Behandlung erhalte würde.

Für weitere Infiltrationen benötigte ich, wie bereits beschrieben, wieder

eine Verordnung vom Schmerztherapeuten. Diese erhielt ich problemlos

nach einem Telefonat mit der hilfsbereiten und freundlichen

Sekretärin von Dr. Rister in der Schmerzambulanz. Zusätzlich bekam

ich eine Verordnung für Physiotherapie. Beides wurde mir ganz selbstverständlich

zugesandt. Von dieser Vorgehensweise war ich sehr angetan.

25. Das Funktions-MRT

Der erste Besuch im neuen Jahr bei Prof. Dr. Seiber war am 12. Januar

2015 vorgesehen. Ich stellte mich wie immer auf eine längere Wartezeit

ein. Dem Professor erklärte ich meine unglückliche Lage und das

sich mein Schmerzzustand nicht gebessert habe, im Gegenteil: Meine

Schmerzen samt Kribbeln wurden zunehmend stärker und die Atta-

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cken intensiver. Selbst mit meiner inzwischen gut eingestellten Medikation

würden die aufkommenden Schmerzen nahezu unerträglich,

beispielsweise beim „Nachhintenneigen“ des Kopfes. Die Schmerzen

zogen zwischenzeitlich erheblich in den Schulterbereich und die Halswirbelsäule

entlang. Ich versuchte ihm zu verdeutlichen, dass ich nicht

gewillt sei, mit dieser Beeinträchtigung und diesem Leiden meine Zukunft

zu verbringen.

Wie immer zeigte sich Prof. Dr. Seiber sehr verständig. Er kam nach

einigen Erläuterungen zu dem Entschluss, dass zwei weitere Infiltrationen

Aufschluss geben könnten. Wir waren inzwischen mit den Injektionen

am Übergang zur Brustwirbelsäule angekommen. Für mich

bedeutete es weitere Unannehmlichkeiten, Strapazen und eine zusätzliche

Gefährdung für meinen Körper. Zusätzlich weitere Fahrten in

diese Klinik. Ich stimmte mit Bedenken dieser achten und neunten

Infiltration zu, hatte aber für mich den Entschluss gefasst, danach keine

weiteren mehr durchführen zu lassen. Inzwischen unterschrieb ich

nur noch die dazu ausgehändigte Einwilligungserklärung, ohne die

Aufklärungsbögen überhaupt durchzulesen. Ich wollte mich nicht jedes

Mal mit den Risiken, die dieser Eingriff in sich birgt, auseinandersetzen.

Ich wollte nur einfach zu einem Ergebnis kommen.

Bei der neunten Infiltration fragte ich den durchführenden Röntgenarzt,

ob es keine weitere Möglichkeit gäbe, ein MRT der Halswirbelsäule

zu erstellen, als die herkömmliche Aufnahme im Liegen anzufertigen.

Bei meiner Unterhaltung erzählte ich ihm, in liegender Position

hätte ich die wenigsten Schmerzen, diese seien überwiegend in sitzender

und stehender Haltung. Er wies mich auf die Möglichkeit eines

Funktions-MRTs hin. Bei diesem können Bilder in „Kopf gesenkter“

und „Kopf nach hinten gebeugter“ Haltung“ aufgenommen werden.

Diese Aussage weckte natürlich mein Interesse. Der Arzt klärte mich

darüber auf, dass ein solches Funktions-MRT an dieser Klinik nur

an einem bestimmten Wochentag mit einem speziellen Röntgenarzt

durchgeführt werden könne. Eigentlich, so seine Aussage, wäre es sehr

kompliziert, an eine solche MRT-Aufnahme zu kommen. Als Kassen-

81


patient dafür einen Termin zu bekommen, da hätte man nur wenige

bis überhaupt keine Chancen, dies müsste schon wirklich ausdrücklich

von einem bestimmten Professor und Wirbelsäulenspezialist angeordnet

sein. Privatpatienten seien da absolut im Vorteil. Draußen, außerhalb

der Klinik, wird dieses Verfahren nur selten durchgeführt und es

sei außerdem sehr kostspielig.

Ich konnte das nicht glauben. Wenn mir dies eine Chance bot, näher

an das Ziel der Ursachenklärung zu kommen, warum war es mir dann

nicht möglich, an eine solche Aufnahme zu gelangen? Etwa nur, weil

ich kein Privatpatient war oder befand ich mich etwa in den Händen

eines Professors, der so ein MRT nicht anordnen konnte? Das wollte

ich für mich geklärt wissen. Mit diesen Fragen ging ich zur Anmeldung

und verlangte freundlich einen Termin für ein Funktions-MRT.

Die Dame dort schaute mich erstaunt an. Ich erklärte ihr, dass ich

am neunten März mit einer dreiwöchigen Schmerztherapie an einer

Schmerztagesklinik beginnen würde und ich deshalb diesen Termin

vorher benötigte. Ohne dass Prof. Dr. Seiber dies ausdrücklich bescheinige,

wäre ein solches MRT nicht zu veranlassen und deshalb

auch leider kein Termin machbar, so ihre Antwort. Zumindest wusste

ich nun durch die Aussage von Frau Pohl, so der Name der Dame, dass

Prof. Dr. Seiber ein Funktions-MRT bei einem zwingenden Grund

anordnen konnte.

Prof. Dr. Seiber befand sich zu diesem Zeitpunkt, wie so oft, im Operationssaal

und war deshalb nicht zu befragen. Frau Pohl zeigte sich

aber auf Grund meiner misslichen Lage sehr verständnisvoll und reservierte

mir auf mein Drängen und Bitten hin letztendlich einen Termin

solange, bis mich Professor Seiber angerufen und sein Einverständnis

dazu gegeben hätte. Ich versprach ihr nach seinem Telefonat sofortige

Rückmeldung zu geben, um nicht unnötig anderen Patienten Platz

wegzunehmen. Auf diesen Kompromiss einigten wir uns.

Es waren die Karnevalstage und der erwartete Anruf kam nicht. Am

Rosenmontag teilte ich Frau Pohl wie abgemacht mit, noch immer im

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Ungewissen zu sein, ob Prof. Seiber seine Zustimmung zum Funktions

MRT geben würde. Sie versprach mir, sich darum zu kümmern.

Abends, es war 19 Uhr, kam endlich der von mir erwartete Anruf. Er

entschuldigte sich für seine verspätete Rückmeldung und begründete

dies mit dringlichen und notwendigen Operationen in der vergangenen

Woche. Er gab bereitwillig sein OK für die geplanten Aufnahmen.

Nach seinen Überlegungen war er zwar nicht sehr überzeugt, wirklich

mehr Aufschluss zu erhalten, allerdings sollte man auch nichts unversucht

lassen, so seine Begründung für seine Zustimmung.

Ich muss zugeben, es machte mich ein wenig stolz, nun doch die

Durchführung dieser speziellen Aufnahmen erreicht zu haben. Der

Tag dazu sollte am 26. Februar sein.

Ich war sehr früh zu dieser Funktions-MRT-Aufnahme bestellt. Mein

Mann fuhr mich in die Klinik, konnte mich aber berufsbedingt nicht

begleiten. Da an diesem Tag nicht zu erwarten war, dass ich ein Medikament

bzw. eine Injektion bekommen würde, nahm ich mir vor, zu

seiner Entlastung mit der S-Bahn von der nahegelegenen Station aus

nach Hause zu fahren.

Ich meldete mich wie gewohnt im Wartebereich an und war gespannt,

was auf mich zu kam. Natürlich ergriff mich auch dieses Mal beim

Gedanken an die enge Röhre die absolute Panik. Jedoch, die Hoffnung

in den Aufnahmen etwas zu sehen, was meine Schmerzen begründen

könnte, überwog. Ich wurde ziemlich bald aufgerufen und aufgefordert,

mich in die im Keller befindliche Röntgenabteilung zu begeben.

Hier angekommen, kam mir bereits eine nette Schwester entgegen, die

mich in den Raum führte, in dem die Aufnahmen erfolgen sollten. Ich

wies sie auf meine Panikzustände hin, die ich bei diesen Untersuchungen

in aller Regel hätte. Sie schlug mir vor, dass ich mir etwas zum

Schlafen spritzen lassen könne. Allerdings hätte ich ihr dann versprechen

müssen, mich danach abholen zu lassen.

Der Wille, dieses eine Mal meinen Mann Max nicht mit der Fahrerei

83


von der Klinik nach Hause belasten zu müssen, war für mich die Triebfeder,

dies alles ohne Injektion durchzustehen. Die freundliche Dame

machte Angaben über den weiteren Verlauf. Zunächst würde ein normales

MRT angefertigt werden, danach folgten die Funktions-Aufnahmen.

Sie versprach mir, zu meiner Beruhigung würde sie noch einige

Zeit an meinem Fußende verbringen, während ich in der Röhre lag.

Zusätzlich sicherte sie mir zu, dass ich jederzeit auf den Knopf, der sich

zwischen meinen Händen befand, drücken könne, falls es für mich

unerträglich werden würde. Letztendlich war es ihrer liebevollen und

aufmunternden Art zu verdanken, dass ich relativ ruhig dalag, obwohl

mich auch jetzt die absolute Panik ergriff. Trotzdem ließ ich alles ohne

Abbruch über mich ergehen. Nach zwanzig Minuten war alles vorbei,

dann wurde das Funktions-MRT angefertigt. Der Unterschied

zur vorhergehenden Aufnahme war, dass ich vier Minuten kopfüber

gebeugt und vier Minuten nach hinten gebeugt liegen musste. Das

war es dann auch schon. Ich als Patientin frage mich bis heute, was in

aller Welt an der Anfertigung eines Funktions-MRTs so schwierig und

außerordentlich teuer ist! Aus dem Blickwinkel des Radiologen ist das

sicherlich begründet, für mich als Patientin nicht nachvollziehbar.

Kaum angekleidet, ging es auch schon zum Röntgenarzt. Dieser besprach

mit mir die Aufnahmen. Er meinte, hier würde man deutlich

eine Verengung linksseitig im Spinalkanal sehen. Auf die Frage, ob darauf

meine Beschwerden zurückzuführen seien, bekam ich als Antwort,

dies müsste ich mit Prof. Dr. Seiber besprechen. Dieser befand sich allerdings

bei einer Operation. Zur Besprechung der Aufnahmen bekam

ich eine Woche später einen Termin. Dies bedeutete wieder eine erneute

Anfahrt, wieder eine Wartezeit, auf die ich mich einstellen musste.

Dann die Nachricht der Krankenschwester, die mich aufrief. Sie flüsterte

mir zu, der Herr Professor hätte die Grippe und wäre nach Hause

gegangen. Ich hätte die Wahl, mit seinem Oberarzt zu sprechen oder in

den nächsten Tagen telefonisch mit ihm in Kontakt zu kommen. Ich

entschied mich nach einigen Überlegungen für den Oberarzt.

Dr. Münz kannte meine Krankengeschichte nicht und ich erzählte

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ihm die Kurzfassung meiner Krankengeschichte. Er besah sich die

Aufnahmen und befand, indem er auf diese wies, hier sei genau unterhalb

des operierten Wirbels auf der Höhe C 6/C7 eindeutig eine

Verengung zu erkennen. Eine Entlastung der Nerven sei mit einer

Operation bestimmt möglich. Um sicher zu gehen, dass ein erneuter

Eingriff erfolgreich sei, wolle er eine Injektion veranlassen und genau

in die Nervenwurzel ein Betäubungsmittel spritzen lassen. Im Falle

einer Schmerzbehebung könne davon ausgegangen werden, dass hier

endlich die Schmerzursache gefunden wäre. Um einen Termin dafür

und die erforderliche Nachbesprechung zu bekommen, solle ich mich

an das Sekretariat von Prof. Dr. Seiber wenden.

Ich begab mich also auf den Weg zur Sekretärin von Prof. Dr. Seiber.

Meine Gefühle waren in Anbetracht dieser Neuigkeiten sehr ambivalent.

Die Nachricht einer erneuten Operation brachte mich völlig

aus der Fassung, andererseits war nun hoffentlich endlich die Ursache

meiner Schmerzen gefunden. Durch die Schatten, die durch die Glastüre

zum Sekretariat durchschimmerten, erkannte ich, dass eine Besprechung

der Ärzte stattfand. Da ich eine Störung für unangebracht

hielt, beschloss ich vor verschlossener Türe Platz zu nehmen. Plötzlich

kam die Sekretärin heraus, sie musste mich erkannt haben, und trat auf

mich zu. Sie meinte, der Professor sei zwar krank und habe sich abgemeldet,

aber noch hier und ich solle mich gedulden, vielleicht wäre er

ja noch kurz bereit, einen Blick auf meine Aufnahmen zu werfen. Ich

erzählte ihr von der vorherigen Unterhaltung mit seinem Oberarzt. Sie

jedoch meinte, wenn der Professor schon greifbar wäre, sollte man dies

auch nutzen. Also übte ich mich in Geduld und wartete vor der Tür.

Dann erschien endlich Prof. Dr. Seiber. Er führte mich in sein Büro

und hörte sich die Sichtweise seines Oberarztes an. Danach begutachtete

er das Bildmaterial der MRTs. Er saß vor seinem Bildschirm

und konnte es nicht fassen, hier einen erneuten Bandscheibenvorfall

zu sichten. Ich sah ihm deutlich an, dass er genauso erstaunt darüber

war wie ich. Er pflichtete Dr. Münz bei, dort wo zu operieren geplant

sei, erstmals die Nervenwurzeln zu betäuben. Sollten die Schmerzen

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danach weg sein, sei die weitere Vorgehensweise, nämlich eine Operation,

zu überlegen.

In Anbetracht dieser neuen Situation musste ich also einer zehnten

Infiltration ins Auge blicken. Allerdings gab es hier einen Unterschied:

Die Nadel wurde diesmal von vorne, d.h. seitlich in den Hals gesetzt.

Hier wurde dann das Betäubungsmittel injiziert. Auf Grund der bei

mir niedrigen Wirkung der Schmerz- und Betäubungsmittel bat ich

vorweg den durchführenden Röntgenarzt um eine höhere Konzentration,

damit sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Effekt einstellen

würde.

Kaum dass die Nadel gesetzt war, spürte ich bereits deutlich ein unangenehmes

Kribbeln im Daumen. Nach dem Einspritzen der Injektion

konnte ich meinen linken Arm nur noch mit Hilfe des Rechten

hochnehmen. Die Muskeln waren schlaff, und der Arm hing lahm herunter.

Dieser Zustand hielt bis zum Abend an, und ich kann seither

nachempfinden, wie sich eine Körperbehinderung dieser Art anfühlen

muss. Der Schmerz im Hals-und Nackenbereich ließ mit der Wurzelinfiltration

nach, nicht aber die Muskelverspannung samt den Kribbelparästhesien.

Unmittelbar nach der Nervenwurzelinfiltration wurde ich erneut bei

Prof. Dr. Seiber vorstellig. Er ließ sich den momentanen Empfindungszustand

beschreiben und sicherte mir zu, dass hiermit die Ursache

wohl gefunden worden sei. Seine Empfehlung: den Nerv möglichst

schnell freilegen! Er fand es vernünftig, im Hinblick auf die inzwischen

chronisch gewordenen Schmerzen, zuerst die zwischenzeitlich geplante

Schmerztherapie in der Schmerztagesklinik anzugehen. Anschließend

daran, sollten sich die Schmerzen immer noch in dieser Schmerzqualität

bemerkbar machen, wäre allerdings eine zeitnahe Operation sinnvoll.

86


26. Mein Aufenthalt in der Schmerztagesklinik

In der darauffolgenden Woche begann mein geplanter Aufenthalt in

der Schmerztagesklinik. Ich war neugierig, sowie zuversichtlich und

freute mich auf das Kennenlernen anderer Patienten, die wie ich unter

chronischen Schmerzen litten. Bereits auf dem Parkplatz, der sich ca.

zehn Minuten vom Krankenhaus entfernt befand, lernte ich beim Kauf

des Parktickets Andrea kennen. Zusammen gingen wir den uns unbekannten

Weg in die Klinik. Das deutete ich als einen guten Anfang.

Hier angekommen erwartete uns eine achtköpfige Patientengruppe.

Wir begutachteten uns gegenseitig mit noch vorsichtigen Blicken und

mit Zurückhaltung. Das sollte sich aber bald ändern. Zwei freundliche

Physiotherapeuten empfingen uns. Sie vermittelten das Gefühl des

Willkommenseins und zeigten ehrliches Interesse an den Bedürfnissen

eines jeden Patienten. Sie hatten Verständnis für unsere Fragen, Unsicherheiten

und Ängste.

Die erste Stunde verbrachten wir mit organisatorischen Dingen und

einer Führung durch das Haus. Danach erhielten wir unseren Therapieplan.

Dieser bestand aus einem Wochenplan mit Gruppen- und

Einzeltherapien, sowie täglicher Physiotherapie, Trainingsfläche und

zwei Mal wöchentlichem Bewegungsbad. Ebenso wöchentlich waren

zwei Arztvisiten, ein psychologisches Einzelgespräch und Musiktherapie

vorgesehen. Es fanden pro Woche viermal nachmittags Nordic

Walking unter Anleitung der Physiotherapeuten statt, sowie täglich

eine gemeinsame Abschlussrunde, in der ein bestimmtes Thema erarbeitet

wurde. Der Tagesablauf beinhaltete Gruppentherapie zum Thema

Achtsamkeit und Edukation (die Information des Patienten über

sein Krankheitsbild und dessen Behandlung) und tägliche Entspannungsübungen.

Der Morgen sollte mit einem gemeinsamen Frühstück beginnen und

das Mittagsessen zum Gesprächsaustausch der Patienten genutzt werden.

Die Behandlung dieser Schmerztagesklinik umfassten für mich

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persönliche und therapeutische Gesichtspunkte, die in den individuellen

Therapieplan integriert wurden. Wie aus ihrem Flyer zu entnehmen

ist, bietet die Schmerztagesklinik eine Therapie, die gezielt auf die

ganzheitliche Behandlung chronischer Schmerzpatienten ausgerichtet

ist. Unsere Behandlung fand fortlaufend von Montag bis Freitag von

8–16 Uhr statt; d.h. an 15 ganzen Wochentagen in Folge.

Im Vorfeld stellte ich mir das tägliche Hin- und Herfahren der 35 km

Entfernung von meinem Wohnort aus anstrengend vor. Jedoch bildete

ich schnell mit einer Mitpatientin eine Fahrgemeinschaft, die wirklich

Spaß und Freude bereitete. Ich war insgesamt erstaunt, dass ich da abgeholt

wurde, wo ich mit meinen Schmerzen bislang alleine stand. Es

wurden mir dort viele Gelegenheiten geboten, über all meine Fragen,

Zweifel und Bedürfnisse zu sprechen. Ich konnte mich so geben, wie

es mein Zustand verlangte. Es boten sich Möglichkeiten der Entspannung

und es wurden mir viele alternative Entspannungstechniken, die

ich aktiv erfahren durfte, aufgezeigt.

Die Behandlung der Physiotherapie beeindruckte mich sehr. Ich lernte

zu verstehen, was in meinem Körper passierte und wie und warum

durch bestimmte Bewegungen bei mir Schmerz ausgelöst wurde.

Andererseits wurden mir Positionen und Übungen zur Stabilisation

gezeigt, die ich unter akribischer Beobachtung und Anleitung des Physiotherapeuten

ausführen sollte. Diese Übungen wurden von mir gemeinsam

mit ihm notiert, um später, nach diesen drei Wochen, darauf

zurückgreifen zu können. Ich bekam beim Abschied einen eigens für

mich individuell erstellten Übungsplan mit in mein „Handgepäck“. Er

ist praktisch und mit nur geringem Aufwand daheim umsetzbar. Ich

setze diese Übungen zum Teil auch heute noch um. Unsere Psychologin,

die uns durch die Therapiestunden und in den Einzelgesprächen

begleitete, hatte durch ihre innere Ausstrahlung und durch ihre starke

Persönlichkeit großen Einfluss auf uns. Sie erklärte uns den Zusammenhang

zwischen dem Schmerzgedächtnis und dessen Wirken und

welchen Einfluss es auf unsere Psyche nimmt. Sie brachte uns Strategien

der Schmerzbewältigung nahe. Für meine subjektive Stimmungsla-

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ge leistete sie einen großen nachhaltigen Beitrag.

Die Situation meiner Arztvisiten, die ich in der Schmerztagesklinik

hatte, beurteile ich allerdings sehr kritisch. Beim jeweiligen Arztbesuch

wurde je nach Verträglichkeit und Wirkung ein individueller Medikamentenplan

auf mich abgestimmt und ich wurde auf ein Akut-Präparat

eingestellt: Ein Präparat, das unmittelbar nach der Einnahme

helfen soll die Schmerzen zu lindern. Es stellten sich aber bei den

nächsten Visiten jedes Mal andere Ärztinnen vor, die sich meine Krankengeschichte

von mir anhörten. Meine momentane Medikamenteneinstellung

und andere wichtige Details übernahmen diese aus meiner

Krankenakte, die wiederum aus Aufzeichnungen der Vorgängerinnen

bestanden. Die jeweils wiederholte Beschreibung meiner Schmerzen

empfand ich zudem als anstrengend.

Ein Beispiel: Mir wurde ein Morphin verschrieben, das keinerlei Wirkung

bei mir zeigte. Daraufhin bekam ich von einer anderen diensthabenden

Ärztin stattdessen ein Akut-Präparat verabreicht, das evtl. sehr

starke Nebenwirkungen wie Herzinfarkt oder andere massive Krankheitsbilder

auslösen könnte. Allerdings erst die darauf folgende Ärztin

machte mich bei der Visite darauf aufmerksam, dass dieses Medikament

nur für eine Höchstdauer von vier Wochen eingenommen werden

könne, da die Gefahr bestünde, dass Patienten von ihm abhängig

werden. In der Konsequenz bedeutete dies, dass ich dieses Präparat

mit all seinen möglichen Folgen für mich ablehnte und lieber meine

Schmerzen aushielt.

Während des gesamten Tagesklinikaufenthaltes stieß mein Körper

immer wieder an seine Grenzen. Ich lernte zu erkennen und zu akzeptieren,

dass dieser nur bedingt belastbar ist. Im Gegensatz zu den

anderen Patienten zeigte sich mein Bandscheibenvorfall als eindeutiges

Hindernis, das für mich zu diesem Zeitpunkt als unüberwindbar galt.

Während bei Gesprächsrunden meine Mitpatienten auf ihren Stühlen

saßen, stand ich an der Wand, meinen Rücken in den dazwischenliegenden

Pilatus-Ball drückend. Dieser wurde mir übrigens immer

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mehr zum treuen Begleiter, erleichterte er mir doch so manche Position.

Egal, ob im Speisesaal oder bei Therapiestunden, das Sitzen und

langsame Gehen erwies sich für mich nach wie vor als die Haltung, die

jedes Mal schlimme Schmerzen auslöste.

In der ersten und zweiten Woche versuchte ich regelmäßig an den täglichen

Nordic Walking-Einheiten teilzunehmen. Obwohl wir, je nach

Einschränkung und Krankengeschichte, in drei Gruppen aufgeteilt

wurden und ich mich gerne im Freien bewege, war es mir auf Grund

meiner starken Schmerzen nicht mehr möglich daran teilzunehmen.

Als auslösende Schmerzursache erwies sich das Abdrücken der Stöcke.

Für die letzte Woche entschied ich mich deshalb alternativ für das

Laufband, das mir die Bewegung in meinem eigenen Rhythmus ohne

Probleme ermöglichte. Meine Schmerzattacken nahmen insgesamt zu,

und dieser Zustand kostete mich zusätzlich zu den bereits bestehenden

Schmerzen sehr viel Energie. Sie traten je nach Bewegung und Haltung

in Intervallen auf. Ich fühle mich nach jeder Schmerzspitze leer

und ausgepowert.

Eigentlich befinde ich mich bis zum heutigen Tag im Zwiespalt zwischen

meiner inneren Haltung zu Medikamenten, nämlich nicht gleich

zur Medizin zu greifen, sondern erst mal abzuwarten und nach anderen

Alternativen und Lösungen zu suchen und zwischen meiner eingestellten

Schmerzmedikation. Trotzdem greife ich bei starken Schmerzen

und Schmerzattacken darauf dankbar zurück. Es tröstete mich, dass

sich auch andere Patienten in diesem Dilemma befanden. Ich konnte

mich hier im Gespräch stets darüber mit ihnen austauschen. Wir als

Gruppe und Schmerzpatienten, die wir alle waren, hatten Verständnis

füreinander und wir wuchsen schnell eng zusammen. Manchmal war

ich erstaunt, wie wichtig das für jeden Einzelnen von uns war. Noch

heute pflegen wir den Kontakt und aus der Beziehung zu drei Patienten

ist sogar so etwas wie Freundschaft geworden.

Das Ziel eines jeden Therapeuten war, einer zweiten Operation entgegen

zu wirken. Sie versuchten mich davon zu überzeugen, dass mit

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konsequentem Bewegungstraining, mit entsprechenden physiotherapeutischen

Übungen, sowie mit positivem Denkansatz und mit Geduld

meine Probleme in den Griff zu bekommen wären. Mental und emotional

ging ich gestärkt und mit vielen positiven Gedanken aus diesem

Klinikaufenthalt nach Hause. Nachdem ich zwischenzeitlich auch in

meiner rechten Hand ein zunehmend langanhaltendes, schmerzendes

Taubheitsgefühl hatte und sich mein körperlicher Allgemeinzustand so

gar nicht verbessern wollte, zeigten sich selbst der Physiotherapeut und

die Psychologin verständig bzw. einsichtig, zu meiner Entscheidung

für die bevorstehende Operation.

Irgendwie war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich keine

anderen Möglichkeiten sah, als die einer Operation. Alle Versuche

einer konservativen Therapie schlugen nicht an. Hatte ich doch alles

unternommen, um genau der Entscheidung, die ich nun treffen

musste, ausweichen zu können. Ich befand mich in einer Sackgasse.

Wollte ich diesen starken Schmerzen und der Einnahme des Opiates,

sowie der anderen Medikamente etwas entgegensetzen, so blieb

nur noch eine Operation. Zumindest wollte ich es damit versuchen.

Dass es ohne Operation keine Garantie für eine Besserung meines Zustandes

gab, war mir klar. Mit diesem Bewusstsein und mit der von

der Schmerztherapie gestärkten positiven zuversichtlichen Einstellung

stellte ich mich der bevorstehenden Operation mit all ihren Risiken

und Konsequenzen.

27. Erwerbsminderungsrente

Da mein Krankengeld im kommenden Mai auslief und ich zu dieser

Zeit keine Prognose über meinen weiteren gesundheitlichen Verlauf

stellen konnte, beantragte ich im Januar 2015 „für alle Fälle“ Erwerbsminderungsrente.

Zur Erklärung: Wenn das Krankengeld nach 78

Wochen ausläuft, wird der Patient, der sich in einem Arbeitsverhältnis

befindet, von der Krankenkasse ausgesteuert. Das bedeutet, dass er ab

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dem Datum der Aussteuerung vom Arbeitsamt unterstützt wird.

Ab diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass dieser sich sofort bei der zuständigen

Arbeitsagentur arbeitslos meldet, damit ein übergangsloser

Versicherungsschutz der Krankenkasse gewährleistet wird. Das Arbeitsamt

übernimmt nun die Kosten. Der Patient muss sich also arbeitslos

melden, obwohl er zu diesem Zeitpunkt den Krankenstatus

hat. Deshalb entscheidet ein Arzt des Arbeitsamtes, ein Gutachter, ob

er eine mittelfristige Möglichkeit der Vermittlung des Patienten sieht

oder nicht. Je nachdem legt der Arzt des Arbeitsamtes dann dem erkrankten

Arbeitslosen nahe, eine Erwerbsminderungsrente zu beantragen.

Um dem Ablauf, nämlich der Warterei auf Genehmigung einer Erwerbsminderungsrente,

vorzugreifen, wollte ich die Beantragung frühzeitig

vornehmen. Nach meiner Information kann man im Falle einer

gesundheitlichen Besserung die Beantragung jederzeit Zeit rückgängig

machen oder stilllegen. Um mir die finanzielle Existenzgrundlage zu

sichern, setzte ich mich telefonisch mit der zuständigen Rentenversicherung

in Verbindung. Eine freundliche Frau erklärte mir den genauen

Ablauf der Beantragung. Sie schickte mir einen Teil der Antragsbögen

zu, die ich auszufüllen hatte. Sie gab mir den Tipp, die weiteren

Formulare könne ich mit einem Rentenbeauftragten bearbeiten. Dafür

müsse ich aber mit ihr einen Termin festlegen. Ich vereinbarte einen

Termin für Ende des Monats. In der Zwischenzeit füllte ich die von

ihr zugesandten Blätter aus, was mit ziemlichem Aufwand verbunden

war, da einige nicht sofort greifbare Nachweise erforderlich waren. Das

Angebot, den Rest mit einem Rentenberater auszufüllen, nahm ich

gerne an, besaß er doch das genauere Wissen und die entsprechende

Möglichkeit, meinen Antrag gut und sicher weiterzuleiten. Meine Unterlagen

waren bald vollständig und konnten deshalb weitergesandt

werden.

Anfang März bekam ich die Aufforderung meiner Rentenversicherung,

dass ich mich bei einem Gutachter in der Nähe meines Wohn-

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ortes vorzustellen hätte. Ich erhielt Name, Adresse, Tag und Uhrzeit

und war gespannt, was mich erwartete. Unglücklicher Weise befand

sich der mir vorgeschlagene Tag innerhalb der Zeit meines Schmerzklinikaufenthaltes.

Ich versuchte einen neuen Termin zur Erstellung

des Gutachtens zu bekommen. Die Sekretärin des Arztes zeigte dafür

aber wenig bis gar keine Einsicht. Also meldete ich mich zum vorgegebenen

Zeitpunkt bei meinen Therapeuten in der Schmerzklinik ab

und erklärte, dass ich an diesem Tag nicht zu den Terminen meines

Therapieplanes erscheinen könne. Ich war dankbar, dass sie für mein

Anliegen Verständnis hatten.

Der Gutachter, ein freundlicher Arzt mittleren Alters, Orthopäde und

Leiter einer Reha-Klinik, stellte sich mir vor und erledigte zuerst Formalitäten

wie das Ausfüllen eines Formulars zur Genehmigung meiner

Fahrtkosten, dem Absichern meiner Person mit dem Eintragen

meiner Personalausweisnummer, etc. Danach folgte eine gründliche

Befragung zu meiner familiären Situation. Daran schloss sich eine eingehende

Untersuchung an. Ich denke, dass er wahrnahm, dass mir das

Sitzen bzw. das Stehen während meines Aufenthaltes bei ihm fast nicht

möglich war, stellte ich mich doch während der Befragung auch hier

an die Wand, um meinen Schmerzen entgegenwirken zu können. Ich

führte das Gespräch und die Befragung im Stehen, indem ich meinem

Körper dabei unruhig hin und her wippte. Er ging auf diese ungewöhnliche

Gesprächssituation überhaupt nicht ein. Der Gutachter

riet mir beim abschließenden Gespräch, nicht ungeduldig zu werden

und nicht mit einer Operation, sondern mit konservativen Therapiemaßnahmen

weiter zu machen. Es folgte weder eine Stellungnahme

noch ein Hinweis seiner Sichtweise für das von ihm zu erstellende Gutachten.

Mein Bauchgefühl sagte mir, dass der Inhalt seines Schreibens

nicht in meinem Sinne sein würde.

Als ich zur Erstellung des Gutachtens von Familie, Freunden und Bekannten

befragt wurde, teilte ich ihnen meine Skepsis gegenüber diesem

Arzt mit. „Menschlich fand ich ihn sehr nett, ich weiß jedoch

nicht wie er meine Beschwerden beurteilen wird und ob er sie in seinem

Gutachten berücksichtigt“, so meine Antwort.

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28. Aussteuerung

Am 27. Februar so gegen 11:00 Uhr öffnete ich meinen Briefkasten,

um nach der eingegangenen Post zu sehen. Ich erhielt ein Schreiben

meiner Krankenkasse, dass mein Krankengeld rückwirkend zum 21.

Februar auslaufen würde. Ich war perplex über diesen Brief. Am Tag

zuvor hatte ich mich noch mit meinem Hausarzt über die Aussteuerung

unterhalten, die nach unserer Berechnung erst im Mai auf mich

zukommen würde. Er wies mich dabei in unserer Unterhaltung eingehendst

darauf hin, dass, sollte diesbezüglich eine Nachricht kommen,

ich mich sofort mit dem zuständigen Arbeitsamt in Verbindung

setzen solle, damit mein Versicherungsschutz durch die Krankenkasse

gewährleistet bliebe.

Diese Worte noch im Hinterkopf, suchte ich eiligst die Nummer der

für mich zuständigen Bundesagentur für Arbeit. Es meldete sich eine

Stimme, die mich freundlicherweise via Anrufbeantworter darüber

aufklärte, dass an diesem Tag das Amt geschlossen blieb und keine Besuche

mehr möglich wären. Eine Zentrale leitete meinen Anruf weiter

und am anderen Ende der Leitung meldete sich eine weibliche Stimme,

die wissen wollte, um was für einen Belang es sich denn handle.

Inzwischen war es 11:10 Uhr geworden und die Zeit drängte. Sie hörte

sich die Angelegenheit an und auch sie empfahl mir dringendst, noch

heute die nächstgelegene Agentur für Arbeit aufzusuchen, um mich

dort arbeitslos zu melden, da ansonsten ein lückenloser Versicherungsschutz

in der Tat nicht gegeben sei. Ich brachte meine Bedenken und

Zweifel an, bis 12 Uhr, dem Ende der Öffnungszeit, die zwanzig km

entfernte Stadt zu reichen. Die Frau jedoch ermutigte mich dazu, dies

auf jeden Fall zu versuchen und wies noch auf die Mitnahme meines

Personalausweises hin.

Ich schnappte mir meine Jacke und die benötigten Unterlagen und

fuhr, die Geschwindigkeitsbegrenzung ausreizend - wohl angemerkt:

das Tempo nicht überschreitend - zur Agentur für Arbeit, die ich tat-

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sächlich um fünf Minuten vor 12 Uhr erreichte. Ich hastete die Eingangstüre

hinein und meldete mich am Empfang an. Ich berichtete

der dort erstaunt blickenden Angestellten vom überraschenden Erhalt

meines Briefes und erklärte ihr,dass ich selbst vor einer Stunde noch

nicht gewusst hatte, dass ich mich hier arbeitslos melden würde. Mir

war wohl anzumerken, dass ich sehr aufgeregt war, denn die einfühlsame

Dame erwiderte, es sei alles o.k, die Agentur würde zwar nun

die Türen schließen, allerdings würde jeder, der hier wäre, noch aufgenommen

und angehört. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Ich wurde aufgefordert, ein Formular auszufüllen und meinen Personalausweis

vorzuzeigen. Mit der Feststellung, dass ich „Neukunde“ sei

forderte sie mich auf Platz zu nehmen. Natürlich blieb ich lieber stehen,

denn meine Schmerzen machten sich gewaltig bemerkbar und es

gab keine Aussicht auf eine mir erträgliche Sitzgelegenheit. Danach

erschien eine freundliche und herzliche Dame, die mich mitnahm in

ihren Arbeitsbereich. Sie stellte sich mit ihrem Namen vor und erzählte

mir vom Prozedere, das mich nun erwarten würde. Sie bestätigte mir

fast entschuldigend, dass ich ab sofort „arbeitslos“ wäre, obwohl ich es

ja eigentlich nicht richtig sei. Die Kosten meiner Krankenversicherung

würde ab sofort die Agentur für Arbeit übernehmen, meine Aufgabe

sei es nun, die Anträge und Fragebögen auszufüllen und dann umgehend

an sie zurückzusenden. Sie legte mir einen Stoß Papier zur Rechten

und einen weiteren Stoß zur Linken auf den Tisch, alles ordentlich

in Klarsichthüllen. Sie wies darauf hin, dass der linke Stapel für den

ärztlichen Gutachter der Arbeitsagentur für Arbeit bestimmt wäre,

dieser würde selbstverständlich streng vertraulich bearbeitet werden.

Deshalb seien auch getrennte Briefumschläge erforderlich. Sobald alles

ausgefüllt bei ihnen auf dem Tisch liegen würde, würde es bearbeitet.

Die Sachbearbeiterin erklärte mir zudem, dass es Sinn machen würde,

bei meiner Krankenversicherung Widerspruch einzulegen, da es nicht

rechtens sei, rückwirkend und ohne vorherige Ankündigung eine Aussteuerung

vorzunehmen. Ich verabschiedete mich eindeutig entspannter

und in besserer Stimmungslage, als ich die Arbeitsagentur betreten

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hatte, obwohl meine Schmerzen sich in einem äußerst hohen Level

befanden.

Das kommende Wochenende war vorgeplant mit dem Ausfüllen der

Formulare und dem Zusammenstellen meiner Arztbriefe, die zwischenzeitlich

eine ganze Mappe füllten. Da ich auch bei der Beantragung

der Erwerbsminderungsrente bereits manche Stellungsnahmen,

sowie die gesammelten Arztbriefe vorweisen musste, kam mir dies hier

zugute. Ich schrieb meinen Widerspruch an die Krankenkasse, so dass

dieser am Montag zur Post kam. Ich war zufrieden, nun alles Nötige in

die Wege geleitet zu haben und wartete ab, was nun diesbezüglich auf

mich zukommen würde.

29. Die Tage bis zur zweiten Operation

Das Bewusstsein, nicht mehr völlig über meinen Körper verfügen zu

können und vom ständigen Schmerz fremdgesteuert zu sein, ist für

mich nur schwer zu akzeptieren. Da ist etwas in dir, was du nicht

möchtest und du kannst es nicht abschütteln, sondern dein Leben,

deine Vorhaben und Ziele werden von diesem Etwas bestimmt. Du

hast zwar eigene Vorstellungen, musst dich jedoch dem Schmerz beugen.

Er nagt in dir und du kannst ihn nicht zähmen.

Wenn es um Ideale, Ziele, Lebensausrichtung geht, bin ich kämpferisch

und unnachgiebig. Das kommt mir in meiner Bewältigung

der Krankheit zugute. Ich merke immer mehr, wie ich mich diesem

Schmerz nicht ergeben und unterwerfen möchte. Dafür kämpfe ich

und werde alles mir mögliche und nötige tun, sowie auf mich nehmen,

um an mein Ziel, Schmerzfreiheit zu erreichen, zu gelangen. Die zweite

Operation lag vor mir und ich wusste von der ersten Halswirbel-OP

her in etwa, was auf mich zukommen würde.

Die von Prof. Dr. Seiber verlangte Bescheinigung eines HNO-Arztes,

dass meine Stimmbänder in Ordnung seien, lag vor, wie auch die Ein-

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weisung vom Hausarzt ins Krankenhaus. Zwischen meinem Schmerzklinikaufenthalt

und der stationären Aufnahme waren es genau vierzehn

Tage, dazwischen lag Ostern und der Besuch unserer Kinder

Helene und Felix. Ich hatte mir vorgenommen, die Zeit bis dahin,

soweit es mein Schmerzverhalten zuließ, zu genießen. Ich liebe es, die

gesamte Familie um mich zu haben. Nichts auf der Welt ist für mich

wichtiger und wertvoller, als das gemeinsame Tun und Erleben mit

meiner Familie.

Die Tage vor Ostern waren diesmal geprägt von der Unsicherheit, was

ich bezüglich meiner inzwischen fast andauernd tauben und schmerzhaft

gewordenen Hand unternehmen sollte. Der Professor befand sich

im Urlaub und ich wusste, würde ich in die Notaufnahme seiner Klinik

gehen, würden sie mich evtl. behalten und beobachten. Andererseits:

Käme es zu einer vorzeitigen Operation, wäre der Operateur nicht

Prof. Dr. Seiber, sondern ein anderer Arzt, dem ich mich anvertrauen

müsste. Das wollte ich nicht. Ich entschloss mich abzuwarten und die

Meinung meines Sohnes dazu anzuhören, der zu den bevorstehenden

Feiertagen anreiste. Nachdem er meinem Bericht gefolgt war, meinte

er: „Das ist nun mal die Auswirkung deiner Krankheit, dass der Nerv

gedrückt wird und eine der Folgen kann ein Taubheitsgefühl sein. Lass

es uns beobachten“. Im Laufe der Woche hatte ich tatsächlich Stunden

ohne „eingeschlafene Finger“, und das gab mir die Zuversicht, auch

die letzten Tage bis zur Operation noch durchzustehen.

„Durchzustehen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Schwiegermutter

feierte am Ostersonntag ihren 90. Geburtstag. Wir hatten eine

Anfahrt von zwei Stunden. Dies allein war für mich schon anstrengend.

Die Feier fand in einem von meinen Schwiegereltern einige Kilometer

entfernten Restaurant statt, mit Mittagsessen und Kaffee und

Kuchen am Nachmittag. Bereits als ich das Lokal betrat war mir klar,

dass ich auf diesen für mich schmerzauslösenden Stühlen - sie hatten

eine tiefe Lehne, die leicht nach hinten gebogen war - keine Chance

hatte, diesen Tag gut durchzustehen. Die Tafel war eingedeckt und

gestellt. Es bot sich für mich keine Möglichkeit mich an eine Wand

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anzulehnen. Bereits nach dem Mittagsessen zog ich es vor, im Auto

für Schmerzerleichterung zu sorgen: Ich stellte mir die Sitzlehne und

Kopfstütze entsprechend ein, versuchte dort immer wieder mit meinem

Tensgerät einige Zeit zu überbrücken und mich mit einem Buch

abzulenken.

Nach den Osterfeiertagen versuchte ich, soweit es mein Zustand zuließ,

noch all das zu erledigen, was ich nach meinem Krankenhausaufenthalt

für lange Zeit nicht mehr tun durfte. Andererseits wollte ich

noch die verbleibenden Tage genießen. Ich traf mich beispielsweise mit

zwei Schmerzpatientinnen aus unserer Gruppe zum Frühstück und besuchte

eine Freundin. Ich machte einen ausgiebigen Stadtbummel und

mein Mann und ich nahmen uns bewusst Zeit für uns.

Im Vergleich zur ersten HWS-Operation war es mir wichtig, dieses

Mal eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu erstellen. Ich

hatte mir diesbezüglich bereits viele Gedanken gemacht, allerdings sie

nie umgesetzt. Jetzt, eine Woche vor der Operation, war es mir bewusst,

dass ich bei einer möglichen Komplikation keinerlei Vorsorge

dafür getroffen hatte. So setzte ich mich einige Tage vor Beginn

meines Klinikaufenthaltes an meinen Schreibtisch und stellte mich

dieser doch äußerst unangenehmen, folgenschweren und entscheidenden

Herausforderung. Wen ich für das Vertreten meiner Angelegenheiten

für geeignet hielt und dass der- oder diejenige mir auch die

Bereitschaft zugesichert hatte, wusste ich. Ebenso wusste ich, was bzw.

was ich nicht in meiner Patientenverfügung haben wollte, etwa eine

PEG-Magensonde, die ich ablehne. Schwer fiel mir vielmehr die Tatsache,

dass das eventuelle Eintreten der Wirksamkeit einer Patientenverfügung

plötzlich nah und greifbar erschien.

Die stetige Unterstützung meines Mannes Max, der mir während der

gesamten Krankheitsmonate viel abnahm, sein stetes Verständnis mir

gegenüber, als auch unser Gesprächsaustausch bedeuteten mir mehr

als nur Hilfe. Um meinem Mann die Tage der Sorgen um mich und

um mir das Warten am Tag der Aufnahme zu erleichtern, nahm sich

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unser Sohn ganz selbstverständlich zwei Tage Zeit und reiste erneut an.

Helene, die auch diesmal vorhatte bis nach überstandener Operation

Urlaub zu nehmen, um für mich da zu sein, war dies, da sie eine Urlaubsvertretung

ihrer Kollegin machen musste, leider nicht möglich.

Dafür führte sie mit mir Telefonate und zeigte dadurch ihre Teilnahme.

Allein dieses Wissen darum war ein Geschenk für mich.

Ich glaube, ich kann es auch jetzt nicht mit Worten beschreiben und

die Wertschätzung zum Ausdruck bringen, wie wichtig die Anteilnahme

und Fürsorge meiner Familie für mich war und ist. Dies war genau

das, was mir die nötige Kraft gab und half, doch einigermaßen mutig

und „sortiert“ die Klinik zu betreten. Am Montag, den elften April,

sollte ich mich im Krankenhaus zur stationären Aufnahme melden.

Felix erklärte sich bereit mich in die Klinik zu fahren.

30. Die stationäre Aufnahme

Wie nicht anders zu erwarten war, musste ich bei der stationären Aufnahme

eine Nummer ziehen und warten. Geduld ist ja nun etwas,

das ich als Patient gelernt habe, deshalb nahmen wir das Warten mit

Humor. Während der Stunden bis zur Zuteilung eines Bettes vertrieben

wir uns die Zeit, indem wir das Geschehen und Treiben in der

Ambulanz, sowie die Patienten beobachteten, die hier Auskunft oder

Rat suchten.

Irgendwann wurde meine Nummer aufgerufen und ich ging ins Büro

zur Aufnahme. Viele Blätter und Aufklärungsbögen wurden über den

Schreibtisch hin und her gereicht und ich musste meine Unterschrift

darunter setzen. Ich hasse es, derartige wichtige Texte unterzeichnen zu

müssen, sie aber mangels Zeit nur flüchtig bzw. diagonal durchlesen zu

können. Ich bemerkte dass mein Gegenüber, ein Herr meines Alters,

der mir von der ersten Aufnahme her vom Juli 2014 noch bekannt war,

ungeduldig auf seine Uhr blickte. Keine Chance, der nächste Patient

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wartete bereits und mein Zeitrahmen war ausgefüllt. Noch die kurze

Frage nach einem Patientenarmband, damit keine Verwechslung meiner

Person möglich wurde. Wieder eine Unterschrift, um dies zu bestätigen.

Dann wurde ein weißes Plastikband um meine rechte Hand

geklickt. Es folgte die Aufforderung meine Patientenakte zur Blutabnahme

zu bringen.

Ich klopfte an der Tür, eine freundliche Krankenschwester drückte mir

erneut Blätter in die Hand, die es zunächst auszufüllen galt. Sie verwies

mich auf einen kleinen Wartebereich. Dort setzte ich mich hin

und trug die Antworten zu den entsprechenden Fragen ein. Teilweise

wiederholten sie sich, etwa die Angaben zur aktuellen Medikamenteneinnahme

oder eine Bestätigung über dies oder das. Es folgte die

Frage zu einer Bestätigung bezüglich des Aufklärungsgespräches in der

Anästhesie, das eigentlich erst danach angesetzt war. Erneutes Warten.

Dann wurde mir Blut abgenommen und ein EKG erstellt.

Dem stetigen Drängen meines Sohnes in den vergangenen Wochen

folgend, setzte ich mich, als eine erneute Operation im Raum stand,

mit einem Krankenhaus in Verbindung, in dem ich vor einigen Jahren

eine Schilddrüsenoperation und eine Titanplattenbefestigung und

Entfernung am Augenbogen erhielt. Ich schrieb die dortige Abteilung

für Anästhesie an, um Auskunft über das damals verabreichte Narkosemittel

zu erhalten. Nach einigen Tagen erhielt ich die Antwort

auf mein Schreiben. Ich erhoffte mir von dieser Auskunft den bereits

beschriebenen Folgen, nämlich der Übelkeit und dem Erbrechen, die

nach der ersten Operation aufgetreten waren, vorbeugen zu können.

Mit diesem Brief ging ich nun in mein Anästhesie-Aufklärungsgespräch.

Dort erwartete mich eine junge Ärztin, die pflichtbewusst mit

mir alle Details samt den eventuell auftretenden Folgen besprach und

Notizen machte. Dann telefonierte sie bezüglich meiner bekannten

Amoxin- und Novalgin-Allergie mit dem Chefanästhesisten und besprach

mit ihm mein Schreiben. Nach wenigen Minuten stellte dieser

sich persönlich bei mir vor und wunderte sich darüber, dass bei den

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damaligen Operationen eine Narkose verwandt wurde, die im Allgemeinen

schlechter verträglich sei, als die von ihm angewandte. Trotzdem

ließ er sich auf das im Brief beschriebene Narkosepräparat ein und

wollte es während der bevorstehenden Operation einsetzen. Er sprach

mir Mut und Erfolg für den nächsten Tag zu. Es war inzwischen Nachmittag

geworden und unser knurrender Magen ließ uns unweigerlich

wissen, dass es höchste Zeit war die Cafeteria aufzusuchen, um unseren

Hunger zu stillen. Für mich war das wie eine „Henkersmahlzeit“.

Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, mich bald dem Können der

Ärzte anvertrauen zu müssen und den Abläufen der Klinik ausgeliefert

zu sein. Danach suchte ich meine Station auf und mir wurde mein

Zimmer zugewiesen.

Die Station befand sich im Parallelgang zu der im vergangenen Juli

bei meiner ersten HWS-OP gelegenen Station. Ich meldete mich im

Stationszimmer an und eine Krankenschwester ging mit mir in mein

Krankenzimmer. Sie stellte mich der im Bett liegenden Patientin vor

und zeigte mir meine Schränke. Danach riss sie die Plastikfolie, die

mein Krankenbett umhüllte, ab. Ein Schlüssel für einen verschließbaren

Schrank wurde mir in die Hand gedrückt und mit den Worten:

„Irgendwann kommt noch ein Arzt zum Aufklärungsgespräch vorbei“

war sie auch schon wieder weg. Es munterte mich auf, in die leuchtenden

Augen meiner Bettnachbarin zu blicken, die mit einer Halskrause,

der sog. „Henßge Krawatte“ in ihrem Bett lag und mich neugierig

musterte. Unsere Blicke trafen sich, und wir stellten beide sehr schnell

fest, dass unsere Chemie passte und Sympathie die doch nüchterne

Klinikatmosphäre ausfüllte. Wir stellten uns gegenseitig vor und erzählten

uns in Kürze den Grund unseres Klinikaufenthaltes.

Danach ging ich nach draußen zu meinem Sohn, der im Besucherbereich

noch auf mich wartete. Hier hielten wir uns noch einige Minuten

dort zusammen auf, um uns zu verabschieden. Schweren Herzens

ging ich zurück ins Krankenzimmer. Die restliche Zeit, es war inzwischen

17 Uhr geworden, verbrachte ich mit dem Einräumen meiner

persönlichen Gegenstände und mit Gesprächen mit Simone, meiner

Bettnachbarin.

101


31. Der Abend davor

Es ist ja immer wieder faszinierend, dass das Abendbrot in Krankenhäusern

häufig bereits um 16:45 Uhr ausgeteilt und das Tablett mit

dem gebrauchten Geschirr möglichst schnell, gegen 17:30 Uhr, wieder

eingesammelt wird. Aus organisatorischen und personellen Gründen

sicherlich verständlich. Aus Sicht des Patienten eine Zumutung. Wer

nimmt Zuhause um diese Zeit sein Abendbrot ein, wenn nicht besondere

Gründe vorliegen? Ich habe es öfters erlebt, dass eine Pflegerin

oder ein Pfleger kamen, um mein Gedeck abzuholen. Manchmal trafen

mich erstaunte, manchmal auch vorwurfsvolle Blicke, wenn ich

das Essen noch nicht angerührt hatte und es für später aufheben wollte.

Ich schaffte es noch nicht, mich in das Bett, das für die nächsten

Tage sich das meine nennen sollte, hineinzulegen. Ich war zu aufgeregt

und innerlich zu aufgewühlt.

So gegen 18 Uhr öffnete sich die Zimmertüre und ein Arzt stand vor

mir. Er hielt Blätter, die ich noch zu gut vom Juli 2014 kannte, in seiner

Hand. Er meinte, er würde mit mir das Aufklärungsgespräch führen

und benötige dann anschließend meine Unterschrift und Einwilligung

zur morgigen Operation. Mir war alles andere danach, als vor Augen

geführt zu bekommen, was eventuell während des bevorstehenden

Eingriffes eintreten könnte und welche Gefahren und Risiken doch

das Ganze birgt. Hatte ich mir doch bereits mehr als genug Gedanken

darüber gemacht. Noch immer hallten mir die Worte des damaligen

Arztes nach, der mich bei der letzten HWS-Operation damit aufklärte:

„kann zum Tod führen, das hatten wir auch schon“.

Ich machte mit dem Doktor einen Deal: Ich überzeugte ihn, über alles

genau Bescheid zu wissen, allerdings es nicht erneut hören zu wollen.

Dafür gab ich ihm sofort meine Unterschrift. Der Arzt war sehr nett,

einfühlsam und verständig und ich bedauere, dass ich ihn während

meines gesamten Aufenthaltes nicht mehr gesehen oder getroffen habe.

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Unser „Aufklärungsgespräch“ war somit schnell vorüber und ich war

dankbar über diesen unkomplizierten Verlauf. Der Doktor unterhielt

sich noch ein wenig mit meiner Bettnachbarin über ihre Physiotherapie,

die nach einer Halswirbeloperation erst drei Monate nach einem

Eingriff stattfinden solle, da ansonsten eine Lockerungsrate von 35 %

gegeben sei. Ich schenkte ihrem Gespräch meine Aufmerksamkeit, da

mich dieses Thema später ja auch betreffen würde. Wie sehr, das sollte

sich nach meiner Entlassung herausstellen.

Die Nasszelle befand sich in einem schlimmen, Ekel erregenden Zustand.

Die Toilette war verschmutzt und das Waschbecken gelblich,

verkrümelt und Schmutzränder zierten den Beckenrand. Für einen

neu angekommenen Patienten kein angenehmer Anblick. Ich habe am

zweiten Tag meiner Anwesenheit im Krankenhaus dies bei einer Pflegekraft,

die gerade das Bett für die nächste Patientin herrichtete, beanstandet.

Es war kaum zu fassen: Bei meinem nächsten Toilettenbesuch

musste ich feststellen, dass die Toilette war ordentlich geputzt war und

das Waschbecken blitzte! Na also, geht doch, denke ich mir gerade

beim Schreiben der Zeilen. Wäre es nicht eine Selbstverständlichkeit,

einen solchen Anblick bei der Ankunft und während der gesamten

Dauer des Aufenthaltes vorzufinden und nicht erst nach Aufforderung?

Ich setze eine derartige Hygienemaßnahme eigentlich voraus.

So gegen 21 Uhr kam die Nachtschwester. Freundlich und zügig erledigte

sie ihre Aufgaben wie das Verteilen der Nachtmedikamente

und legte mir das Operationshemd und Netzhöschen hin. Für den

Fall einer schlaflosen Nacht bekam ich eine Schlaftablette von ihr. Sie

erzählte mir zudem, dass ich für 13:30 Uhr auf dem Operationsplan

stand. Ich war dankbar, mir noch von zu Hause Bananen und Kekse

mitgenommen zu haben. So konnte ich diese mir bis zur erlaubten

Zeit bis 22 Uhr einverleiben. Der nächste Tag könnte auf Grund des

spät angesetzten OP– Termins nämlich im nüchternen Zustand lang

werden und deshalb stopfte ich in mich rein, was möglich war.

Den Abend verbrachten wir mit Fernsehen und da ich zuhause die

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Nacht zuvor schlecht geschlafen hatte, war ich müde und schlief irgendwann

ein. Gegen 1:30 Uhr wachte ich auf, weil mir Arme und

Beine juckten. Erst versuchte ich dies zu ignorieren, aber das Jucken

wurde immer schlimmer. Ich überlegte mir, woran das wohl liegen

könnte. Ich wusste, dass ich eine empfindliche Haut habe, das sich

häufiger schon in einer Kontaktallergie äußerte. Ich legte mich auf

die Bettdecke, um mich etwas abzukühlen und stellte fest, dass die

Hautreizung nachließ. Ich breitete die gesamte Decke über das Laken,

mit dem die Matratze überzogen war. Darauf legte ich mich und mit

der Zeit hörte das unangenehme Jucken tatsächlich auf. Ich nehme

an, dass es das Bettlaken war, vielleicht mit einem starken Desinfektionsmittel

gereinigt, welches bei mir den Juckreiz auslöste. Ich machte

mich auf den Weg, die Nachtschwester ausfindig zu machen und bat

um eine zusätzliche Bettdecke, um mich darin aufwärmen zu können.

Diese erfüllte mir anteilnehmend diesen Wunsch. Ich ließ diese Decke

während all der Tage auf meiner Matratze und ich bekam keinen weiteren

Juckreiz.

32. Zweite Halswirbeloperation

Gegen 7 Uhr begann der übliche Tagesablauf einer Klinik: Fiebermessen,

Medikamentenausgabe, Blutdruckkontrolle. Danach wurde Simone

ein spärliches Frühstück, das aus einer Tasse Kaffee, einem Brötchen,

einer kleinen Packung Diätmargarine und Marmelade bestand,

gebracht. Es stellte sich am Tag ihrer Entlassung heraus, dass sie die

gesamte Zeit aus Versehen ein Diätfrühstück bekam. Auf diese Mahlzeit

musste ich wirklich nicht neidisch werden.

Ich wusch mich, zog mir, wie aufgetragen, das „OP-Kostüm“ an und

legte mich abwartend wieder in mein Bett. Es war der lockeren, aufgeschlossenen

Art Simones zu verdanken, dass die Zeit, bis ich in den

Operationssaal abgeholt wurde, relativ schnell verging. Den Vormittag

vertrieben wir uns die Zeit mit Plaudereien über unterschiedliche

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Themen, tauschten Kochrezepte aus oder lachten über manche Begebenheit.

Gegen Mittag brachte mir ein Krankenpfleger die Tablette,

die einem alles „egal“ werden lässt und bat mich, diese einzunehmen.

Ich betrachtete dies als ein gutes Zeichen, denn das hieß für mich,

dass es nun bald losgehen würde. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit

hatte ich nämlich innerlich schon die Befürchtung, auch diese

Operation könnte, wie die erste, kurzfristig um einen Tag verschoben

werden. Deshalb war ich nahezu erleichtert, dass alles nach Plan verlief.

Ich legte meine Brille auf den Nachttisch und hoffte inständig,

dass ich sie später im Aufwachraum gebracht bekäme. Ohne Brille sehe

ich mein Umfeld wesentlich kleiner und ungenauer, die Welt ist für

mich dann sehr viel weiter entfernt. Die Tablette wirkte innerhalb sehr

kurzer Zeit, ich döste vor mich hin, Angst und Panik erfassten mich,

zugleich Erleichterung, dass es nun endlich soweit war.

Es dauerte keine halbe Stunde, als ich von einem Krankenpfleger abgeholt

wurde, der übrigens durch sein charmantes, engagiertes und

herzliches Auftreten den Patienten gut tat und durch seine schlichte

Anwesenheit positive Stimmung verbreitete. Mit einem kurzen Händedruck

wünschte er mir Glück und an viel mehr kann ich mich nicht

erinnern. Danach Nebel.......Dämmerung.......Nacht....

Ich nahm wahr, dass mich ein Arzt ansprach: „Sie haben alles überstanden

und sind wieder bei uns“. Diese Worte drangen in mein Unterbewusstes.

......Beine und Hände bewegen...alles funktioniert. Ich wollte

etwas sprechen, um meine Stimme zu hören, aber ich war zu schwach.

Noch ein Versuch.......ich registriere Schmerzen in der Kehle.......“-

Meine Brille, kann ich sie haben?“ Ich hörte meine eigenen Worte.

…..Dann nur noch E R L E I C H T E R U N G. Dieser Moment, die

Feststellung, alles ohne Lähmungserscheinungen oder Stimmverlust

hinter mich gebracht zu haben und wieder bei vollem Bewusstsein zu

sein, ist wie ein innerliches Feuerwerk.

Ein Arzt erklärte mir, dass ich mich auf der Intensivstation befände,

da es zu leichten Schwellungen im Hals gekommen sei. Ich registrierte

105


es, aber Müdigkeit, Schwäche und Schmerzen überlagerten die Wahrnehmung

dieser Tatsache. Ich blickte irgendwann in die besorgten Augen

meines Mannes und spürte seine Nähe. Dann das Gesicht meines

Sohnes Felix, der sich für die Intensivmedizin und Geräte hinter mir

interessierte und deren Funktionen später meinem Mann verständlich

machte. Wegschlummern, eine neue Infusion wird angebracht, wegschlummern....aufwachen.....der

Stich einer Nadel, um Blut abzunehmen,

wegschlummern.......Es tat gut, die Anwesenheit und Teilnahme

der Familie zu spüren. Wegschlummern, die Stimme des Arztes, der

mich aufforderte, ein Medikament mit abschwellender Wirkung zu inhalieren.

Wegschlummern, Schmerzen, ein Engegefühl im Hals.

Nachdem mein Mann und unser Sohn sich verabschiedet hatten, schlief

ich ein bis zur Übergabe des Pflegepersonals an den Nachtdienst. Ich

wurde aufmerksam, als der diensthabende Arzt seine Ablösung über

meinen Zustand informierte. Keine Komplikationen hörte ich ihn sagen.

Ein Gefühl von unsagbarer Dankbarkeit überkam mich. Er kam

zu mir, verabschiedete sich und erklärte mir: „Sollte heute Nacht ein

Notfall auf Intensiv kommen, dann dürfen sie auf die Station zurück“.

Und der Notfall kam gegen 2:00 Uhr morgens. Der nun diensthabende

Intensivmediziner ermutigte mich, sollte es zu irgendwelchen

Auffälligkeiten oder Beschwerden kommen, dass ich sofort der Nachtschwester

auf Station Bescheid geben solle. Er sicherte mir dann sein

sofortiges Kommen zu. Morgen früh, fügte er noch an, würde mich ein

Physiotherapeut besuchen, mir beim Aufstehen helfen und mir Übungen

zeigen. Dann merkte ich, wie sich das Bett bewegte und ich davongeschoben

wurde. Ich denke gerne an die „Rundum-Betreuung“ in der

Intensivstation zurück. Ich hatte dort das Gefühl einer guten, kompetenten

Versorgung, sowohl medizinisch wie auch pflegerisch. Keine

mürrische Schwester, wenn ich wiederholt um die Bettpfanne bitten

musste oder ein anderes Anliegen äußerte. Freundliche, aufmunternde

Menschen, die mich dort umgaben. Ich empfand eine ehrliche Bereitschaft

und das Engagement der Ärzte und Pfleger, für die Patienten da

zu sein. Das sollte sich bald ändern.

106


33. Der Tag danach

Auf Station zurück wurde mir mein Blutdruck gemessen. Er zeigte sich

im Normalbereich. „Da ersparen Sie mir Arbeit“, so die Aussage der

lächelnden Schwester. Dieser Satz drang durch meinen matten Körper.

Bedingt durch die vielen Infusionen musste ich häufig auf die Toilette.

Die Nachtschwester brachte mir hektisch die Bettpfanne und holte sie

genauso eilig wieder ab. Es kostete mich Überwindung, ein zweites

und drittes Mal nach ihr zu klingeln. Der Morgen begann um 6:00

Uhr mit Blutdruck- und Fiebermessen, sowie mit der Medikamentenausgabe.

Kein unnötiges Geplauder seitens des Pflegepersonals. Alles

beschränkte sich auf das Nötigste an diesem Morgen. Wie schön war

es doch da, ein fröhliches „guten Morgen“ von der anderen Seite des

Zimmers zu hören. Es war Simone, die inzwischen erwacht war und

die sich freute, mich wieder zu sehen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Ich wartete ungeduldig auf das Frühstück, die erste Mahlzeit seit gestern.

Ich war hungrig.

Als ich endlich mein Frühstück hatte, fiel mir allerdings das Essen

schwer. Ich konnte nur sehr kleine Stückchen von meinem Vollkornbrot

schlucken, das im Übrigen gänzlich ungeeignet für einen im Hals

frisch operierten Patienten ist. Das Innere meines Halses war gereizt

und besonders das Schlucken tat mir weh. Ich versuchte mit meinen

Fingern an meinem Hals den Schnitt bzw. die Wunde zu erkunden.

Dieser war mit einem Pflasterverband beklebt. Auf der linken Seite

hing ein Wundschlauch, der das Blut in die Wundflasche tropfen ließ.

Ich klingelte und fragte meinen Lieblingspfleger, ob ich das OP-Hemd

ausziehen dürfe und ob er mir helfen könnte, mein eigenes T-Shirt

überzuziehen. Er wusch mir bereitwillig das rote Desinfektionsmittel

vom Oberkörper und versuchte, mich zum Aufstehen zu ermutigen.

Er stützte mich auf dem Gang in die Nasszelle und wartete, bis ich

mir die Zähne geputzt hatte. Die erste Hürde zur Selbstständigkeit

hatte ich genommen, das war ein gutes Gefühl. Ich war nun wieder

unabhängig vom Pflegepersonal und konnte aufstehen, wann immer

ich wollte.

107


Die Infusionsnadel wurde auf meine Nachfrage hin noch an diesem

Vormittag gezogen. Sie tat ziemlich weh und ich war erleichtert, als

sie entfernt war. Ich merkte erst jetzt, wie erschöpft ich noch war. Ich

schlief während des Tages des Öfteren ein und war dankbar über die

Ruhe. Die Reinigungskraft erschien und wir beobachteten, wie sie

putzte. Simone und ich waren uns beide einig, dass dies mit Sicherheit

nicht den Hygienevorschriften eines Krankenhauses entsprach. Da war

kein zweites Eintauchen des Lappens in das Wassers, die gesamte Bodenfläche

wurde in einem Zug durchgewischt. Ich erinnerte mich an

die Beobachtungen und Erfahrungen meines letzten Klinikaufenthaltes

und war im Gegensatz zu meiner Bettnachbarin darüber nicht allzu

erstaunt.

Bei der Arztvisite bekam Simone die Erlaubnis, am folgenden Tag nach

Hause zu dürfen. Bei mir begutachtete der Arzt meine Wundflasche

und spekulierte, dass diese am nächsten Morgen gezogen werden könne.

Keine persönlichen Worte, keine Fragen nach dem Befinden des

Patienten. Abends besuchte mich mein Mann. Wir versuchten einen

kleinen Spaziergang rund um die Klinik zu machen. Es war für mich

sehr anstrengend. Es war schön, mit ihm zu sprechen, Vertrautes zu

spüren. Mit dem Wissen, das Schlimmste überstanden zu haben, genossen

wir den Abend. Genauso wichtig waren für mich die Anteilnahme

durch Telefonate, WhatsApp oder SMS-Nachrichten. Einfach

zu wissen, dass Familie, Freunde und Bekannte an einen denken und

daran teilhaben; dieses Wissen schenkte mir Kraft und Freude. Simone

und ich verbrachten den Rest des Abends mit viel Unterhaltung und

Fernsehen.

Der nächste Morgen gestaltete sich wie immer mit Medikamentenausgabe,

Fiebermessen und Frühstück. Simone hatte Schmerzen und

drängte darauf, vor ihrer Entlassung noch einen Arzt zu sprechen.

Nach einigem hin und her der Schwestern sollte sie um 8:00 Uhr bei

Prof. Dr. Seiber vorstellig werden. Als sie wieder kam erzählte sie mir,

dass ein türkischer Name auf einem Bett, das vor der Tür stünde, angebracht

wäre. Ihre Nachfolgerin sei wohl eine Dame mit türkischem

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Namen, kommentierte sie. Dann begann sie mit dem Einpacken. Die

Vorfreude über ihre Entlassung war nicht zu übersehen. Hektische Betriebsamkeit

erfüllte den Raum. Sie stellte mir zum Abschied noch

eine Kanne Pfefferminztee hin und dann folgten Umarmungen und

ein Abschied mit dem gegenseitigen Versprechen, sich beim Anderen

zu melden und in Kontakt zu bleiben. Der Abschied voneinander fiel

uns beiden schwer.

Den Vormittag über war ich allein in Zimmer. Ich ließ mein Bett von

der einen Seite des Raumes auf die andere Seite zum Fenster und Balkon

schieben, so dass ich den Blick in die Natur hatte. Dann wurde

Simones Bett gegen ein anderes ausgetauscht.

34. Eine neue Bettnachbarin - die türkische

Familie

Nach dem Mittagsessen klopfte es und eine türkische Familie mit sechs

Personen betrat das Krankenzimmer. Wer davon die Patientin war,

konnte ich sofort erkennen: Eine ältere, gebückte, am Stock gehende

und in ein Kopftuch gehüllte Frau, die vom Rest der Gesellschaft in

das Zimmer eingewiesen wurde. Lautes Durcheinanderreden erfüllte

den Raum. Keine Aussicht auf Ruhe. Nach zwei Stunden verabschiedeten

sich die Personen nach und nach. Lediglich die Tochter blieb. Sie

wartete auf das Aufklärungsgespräch mit einem türkisch sprechenden

Arzt. Ihre Mutter, so erklärte sie mir, hätte morgen eine achtstündige

Operation vor sich. Sie sei Kurdin, sehr gläubig, aber spreche kein

Wort Deutsch. Irgendwann erschien der erwartete Arzt. Danach verabschiedete

sich auch die Tochter. Ich atmete durch, endlich Stille. Die

hatte ich nun auch wirklich nötig.

Inzwischen war es 17 Uhr geworden. Die Frau ging zur Toilette, plötzlich

hörte ich sie laut und betont sprechen. Vielleicht dachte ich, hat

sie ein Handy mitgenommen und telefoniert dort. Nach einiger Zeit

109


trat sie heraus und holte sich an ihrem Schrank eine Gießkanne. Ich

wunderte mich. Erneut ging sie ins Bad. Dort hörte ich sie plätschern.

Ich verfolgte interessiert das für mich befremdende Geschehen, konnte

aber keine Erklärung für ihr Verhalten und Handeln finden.

Danach kam die Frau zu mir, schob meinen Nachttisch beiseite und

ging nach draußen auf den Balkon. Dort blickte sie nach rechts und

links und ging wieder nach innen. Sie nahm eine mitgebrachte karierte

Wolldecke, breitete diese über ihr Bett aus und kniete sich verkehrt herum

hinein. Dann fing sie an nach Mekka zu beten, laut, hemmungslos

und gestikulierend. Ich suchte nach diesem Nachmittag eigentlich

nur noch die Ruhe, die ich nach meinem Eingriff dringendst benötigte.

Einerseits war ich fasziniert und bewunderte die Innigkeit, mit der

sie ihr Gebet verrichtete, gleichzeitig fühlte ich mich absolut gestört.

Nach etwa einer Stunde beendete sie ihr Tun. Dieses Ritual wurde

stundenweise wiederholt, auch nachts und in Anwesenheit ihrer Familie.

Ich erwachte um drei Uhr, blinzelte zum anderen Bett, da hörte

bzw. sah ich die betende Frau. Um sechs Uhr morgens lautes Beten,

die Patientin verkehrt herum in ihrem Bett, auf ihrer Decke kniend.

Dieser Anblick bot sich mir Tag und Nacht, ohne Rücksicht auf meine

Belange und Bedürfnisse. Keine Aussicht auf Stille. Meine eigene

moralische Rücksichtnahme verbot mir fernzusehen oder selbst etwas

lauter zu werden, wie etwa beim Telefonieren oder bei Gesprächen mit

Besuchern. Ich verließ dazu immer das Krankenzimmer.

Abends erhielt die neue Bettnachbarin Besuch von ihrem Sohn. Laute

Unterhaltung folgte, dazwischen die Gebete. Manchmal hielt sie eine

Perlenkette in der Hand, die einem Rosenkranz ähnlich war. Auch hier

Gebetsgemurmel und das Abstreifen der Finger an den klappernden

Perlen. Ich fühlte mich eingeschränkt und einfach nur gestört. Täglich

morgens um sieben Uhr kam die Tochter der Patientin und blieb bis

zum Abend. Ich befragte die junge Frau, die auch am folgenden Tag

am Krankenbett ihrer Mutter ihre Zeit verbrachte, welche Bedeutung

die Gießkanne hätte, die ihre Mutter nach wie vor mit zur Toilette

nahm. Sie erzählte mir, dass diese zur rituellen Reinigung diene und

110


das Waschen mit einem Gebet einhergehe. Die Erfahrung, die ich hier

machen musste, war alles andere als angenehm und förderlich für einen

frisch operierten Patienten. Die mangelnde Rücksichtnahme dieser

Patientin und ihrer Familie und die ständige Unruhe trug nicht zu

meiner Genesung und Ausgeglichenheit bei. Ich blickte deshalb sehnlichst

dem Tag meiner Entlassung entgegen.

35. Die Bitte um ein Arztgespräch

Am dritten Tag trat nachmittags Prof. Dr. Seiber an mein Bett. Er

trug eine grüne OP-Kleidung. Er erklärte mir in knappen Worten, dass

er seinen Verdacht bestätigt sah, ein Knochenstückchen habe auf den

Nerv gedrückt. Ich wollte gerade mit ihm ins Gespräch kommen und

ihn fragen, ob meine Schmerzen, die ich noch hinten an der Halswirbelsäule

verspürte, nach dem Eingriff normal wären, als er sich eilig

mit den Worten verabschiedete: „Eigentlich bin ich gar nicht da, ich

muss dringendst in den Operationssaal“; es blieb überhaupt keine Zeit

für eine Frage. Mein Wundschlauch wurde einen Tag nach Simones

Entlassung gezogen. Der Arzt blickte wiederholt kritisch auf meine

Flasche, in der sich das abfließende Blut gesammelt hatte und entschied

sich für das Entfernen des Wundschlauches. Ein kurzer Ruck,

ein kleines Ziehen, weg war er. Auch heute keine Erkundigung oder

Interesse, wie es mir geht. Nur die knappe Mitteilung, dass ich morgen

heim darf. Freude stieg in mir auf. Ein Telefonat mit meinem Mann,

ich wollte meine Freude mit ihm teilen.

Betrachte ich den Tagesablauf aus der Sicht eines Patienten, so passierte

nach meiner Operation außer der Medikamenten- und Essensausgabe,

sowie dem Schichtwechsel der Pflegekräfte eigentlich wenig bis

nichts. Kein Bettenmachen, keine Physiotherapie, keine wirkliche Unterhaltung

zwischen Arzt und Patient oder eine kurze Unterhaltung

mit den Pflegekräften. Fazit von meinen Krankenhausaufenthalten

in dieser Klinik: „Schnellstmögliche Entlassung der Patienten“. Nach

111


dieser kurzen Visite kam mir in den Sinn, dass ich eigentlich gar nicht

wusste, mit welchem Faden meine Wunde genäht wurde. War es einer

zum Entfernen, und wenn, zu welchem Zeitpunkt oder löste sich dieser

nach Tagen von selbst auf? Alles ging zu schnell und der Arzt war

verschwunden. Außerdem verspürte ich dumpfe Schmerzen im Nacken

wenn ich aufstand oder umherging. Bevor ich morgen entlassen

wurde, wollte ich auf jeden Fall noch mit einem Arzt sprechen.

Dieses Vorhaben gestaltete sich allerdings als ein Problem. Bereits als

ich von meiner Entlassung erfuhr und eine Krankenschwester uns das

Mittagessen brachte, bat ich sie um ein Gespräch mit dem Stationsarzt.

Dieser sei, so ihre Information, leider an diesem Tag noch im

OP und darum nicht mehr zu erreichen. Sie reiche aber meine Bitte

an ihn weiter. Am Abend bei der Medikamentenausgabe äußerte ich

wiederholt meine Bitte: „Bevor ich meinen Nachhauseweg antreten

würde, hätte ich gerne einen Arzt gesprochen“. Die Pflegekraft nickte

und verließ den Raum.

Später, kurz vor dem Schichtwechsel des Personals, trat der durch seine

Freundlichkeit herausragende Pfleger an mein Bett und fragte, ob

ich noch etwas für die Nacht benötigen würde. So erzählte ich ihm

zum wiederholten Male von meiner Frage, mit welchem Faden die

Wunde genäht wurde und von meinem Wunsch einen Arzt sprechen

zu wollen. Er zeigte Verständnis und sagte, dass er den Sachverhalt

bei der Übergabe weiterleiten wolle. Der nächste Morgen, der Tag der

Entlassung, startete mit dem Nichterhalt meiner Medikamente. Ich

war darüber zwar erstaunt, dachte mir aber, die Medikamentenausgabe

würde sicherlich noch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Es stellte

sich jedoch heraus, dass diese schlichtweg vergessen wurde. Daraufhin

nahm ich die in meiner Tasche befindlichen eigenen und für mich

wichtigen und erforderlichen Medikamente ein. Das übliche Fiebermessen

erfolgte durch eine Helferin und die Injektion der täglichen

Thrombosespritze blieb aus. An diesem Freitag verspätete sich auch die

Frühstücksausgabe um eine Stunde. Mein Hinweis an die Krankenschwester,

die meine betende Bettnachbarin zur Operation abholte, sie

112


möchte bitte für mich einen Kontakt zum Stationsarzt bzw. zum Professor

herstellen, wurde mit einem Achselzucken beantwortet. Allerdings

erhielt ich die klare Aufforderung von ihr, ich solle das Zimmer

möglichst bis 10:00 Uhr verlassen.

Ich verließ das Krankenzimmer und traf im Gang auf die Stationsschwester.

Ein erneuter Versuch mit der Bitte um ein Arztgespräch.

Die Antwort von ihr lautete: “Habe ich Sie operiert, wie soll ich denn

wissen, was sie für einen Faden haben“. Eine Arztvisite sei an diesem

Tag nicht vorgesehen, so ihre weitere Information. Auf meine Frage,

was ich nun tun solle, meinte sie: „Gehen Sie in das Sekretariat des

Professors und fragen sie dort nach“. Ich erklärte ihr, ich würde mein

Zimmer nicht verlassen und frei machen, bevor es nicht zur einem

Arztkontakt gekommen wäre. Erst dann würde ich mich abholen lassen.

So ging ich zwei Stockwerke tiefer zum Sekretariat. Ich klopfte an und

trat ein. Ich erblickte nicht wie bereits aus früheren Besuchen Frau

Mohn, die Sekretärin von Prof. Dr. Seiber, sondern eine andere Dame,

die hinter einer Thermoskanne auf dem Schreibtisch fragend hervorblickte

und mit vollem Mund nach dem Grund meiner Anwesenheit

fragte. Ich erklärte ihr den Sachverhalt und bekam eine ähnliche

Antwort wie die der Stationsschwester. Sie habe nicht operiert, also

könne sie auch keine Antwort auf meine Frage geben. Ihr Blick signalisierte

mir, es wäre ihr nun recht, wenn ich das Büro verließe.

Ich merkte, wie ich langsam ungemütlich wurde und ließ auch sie wie

vorher auf Station in einem ziemlich bestimmten Ton wissen, dass ich

mein Krankenzimmer erst räumen würde, wenn ich einen Arzt gesehen

hätte. Darauf bemühte sie sich um eine Lösung: „Gehen sie zur

Ambulanz, ich melde sie halt dann dort an“. In der Ambulanz traf ich

auf eine Krankenschwester, die ich aus vorhergehenden Untersuchungen

kannte. Sie erkundigte sich, ob bei meiner Operation und insgesamt

soweit alles gut gelaufen sei. Während ich etwas mit ihr plauderte

blickte sie mich fragend an, sie verstand nicht den Grund meiner An-

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wesenheit hier in der Ambulanz. Ich erzählte ihr von meiner Bitte um

ein Arztgespräch. Sie bat mich daraufhin freundlich im Wartezimmer

Platz zu nehmen und versprach mir Hilfe.

Es folgte eine Stunde Warten. Dann wurde mein Name durch den

Lautsprecher aufgerufen mit dem Hinweis, ich möchte mich bitte in

das Sprechzimmer begeben. Beim Betreten des Raumes traf mein Blick

auf genau den Arzt, einen Neurologen, der mir im vergangenen Sommer,

als ich in der Notaufnahme war, das nötige MRT verweigerte. Es

war allerdings nicht zu erwarten, dass er sich bei dem Patientendurchlauf

dieser Klinik an mich erinnerte. Er fragte mich erstaunt, was ich

für ein Anliegen hätte, würde ich doch von der Station kommen und

dies hier sei eine Ambulanz. Es war mir allmählich leid, mich immer

wieder rechtfertigen zu müssen. Als ich ihm die Frage nach dem Faden

in der Naht und dessen Beschaffenheit stellte, wies er mich auf

die Visite hin, die an diesem Vormittag auf Station stattfinden sollte.

Ich wiederum verwies auf die Aussage der Stationsschwester, die

eine Visite an diesem Morgen verneinte. Der Arzt schüttelte den Kopf

und erklärte mir vehement, dass dort eine Visite stattfinden würde. Er

spürte wohl meinen Ärger und so ließ er mich mit betont großzügiger

Gestik und Mimik wissen: „Wenn Sie nun schon da sind, dann werde

ich halt unter ihren Verband schauen“. Er meinte, allerdings könne

er keinen neuen anlegen, da er so einen Pflasterverband (es war ein

Allergiepflaster) nicht vorrätig hätte. „Na ja, könnte sich entzünden,

aber wenn Luft hinkommt ist es auch nicht schlecht“, genau so seine

Worte. Nach näherem Betrachten der Wunde wurde ich endlich informiert,

dass es sich um einen selbstauflösenden Faden handelte. Er

klopfte mir abschließend auf die Schulter und meinte: “Machen Sie

weiter mit Physiotherapie“. „Ich habe hier während meines Aufenthaltes

überhaupt keine bekommen“, so mein verwunderter Kommentar.

Daraufhin er: „Trotzdem, machen sie weiter“ und schon war er aus

dem Raum verschwunden.

Gut, dachte ich, ich soll also Krankengymnastik fortsetzen, die ich nie

hatte! Gleichzeitig ging mir durch den Kopf, dass in den ersten drei

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Monaten bei physiotherapeutischer Behandlung angeblich eine Lockerungsrate

von 35% auftreten kann, wenn ich den Worten des Arztes

auf Station Glauben schenken wollte, der Simone darüber aufgeklärt

hatte. Auf dem Weg zurück zur Station, es war inzwischen 10:45 Uhr

geworden, beschloss ich, mir vorbeugend frisches Verbandsmaterial

auf meinen Hals kleben zu lassen, um eine Infektion zu vermeiden. Ich

rief endlich meinen Mann an, der bereits seit dem Morgen auf meine

Aufforderung zum Abholen wartete. Ich meldete mich im Stationszimmer,

um dort meinen Arztbericht zu erhalten. Stattdessen bekam ich

von der Stationsschwester drei Thrombosespritzen zur Prophylaxe und

Medikamente für drei Tage. „Der Arztbrief sei leider nicht fertig und

unterzeichnet“, dieser würde möglichst schnell nachgereicht und mir

zugesandt werden, lautete ihr abschließender Satz.

36. Erfahrungen eines Morgens

Ich ging darüber verärgert auf mein Zimmer, um meine Sachen zu

packen. Dort befand sich bereits das Bett einer neuen Patientin auf

meinem Platz. Eine Dame unterhielt sich auf Türkisch mit der wartenden

Tochter der kurdischen Patientin. In der Zeit, als ich auf meinen

Mann wartete, erzählte mir die Dame, sie sei die für mich neu

aufgenommene Patientin. Sie berichtete von starken Schmerzen an

der Halswirbelsäule. Sie hatte eine Myelographie vor sich, um deren

Ursache zu finden. Meine volle Aufmerksamkeit galt ihr. Ich habe, seit

ich erkrankt bin, noch nie eine so detaillierte Beschreibung meiner

eigenen Beschwerden erhalten. Als mein Mann kam und wir uns verabschiedeten,

sprach ich ihr noch Mut zu.

Kaum zu fassen, die Erfahrungen dieses Morgens. Ich war erstaunt,

aber auch sehr verärgert, wie sich das Pflegepersonal und die Ärzte

in dieser Klinik aus der Verantwortung nahmen. Entweder sie hatten

keine Zeit, um vernünftige Patienten/ Arztgespräche führen zu können

oder das Pflegepersonal übertrug die Verantwortung für Entschei-

115


dungen von einem Diensthabenden auf den anderen. Sehr irritierend

für mich als Patientin waren die unterschiedlichen Aussagen bezüglich

einer Physiotherapie. Ich wollte keine der Rehabilitationsmaßnahmen

unterlassen, um einem positiven Operationsergebnis entgegen zu

blicken. Andererseits aber auch nichts veranlassen was einen Erfolg

beeinträchtigen würde. Ich war unsicher und hatte für meine Fragen

keinen richtigen Ansprechpartner. Es war unglaublich, aus dem Krankenhaus

entlassen zu werden, ohne ein vernünftiges Abschlussgespräch

mit dem Arzt zu erhalten und eine Auskunft darüber, was nach einer

derartigen OP zu tun bzw. zu unterlassen sei. Hätte ich nicht eine

Halswirbel-Operation im vergangenen Jahr hinter mich gebracht, ich

hätte beispielsweise nicht gewusst, dass man danach drei Monate lang

nur fünf kg tragen darf oder nur auf dem Rücken schlafen sollte. Dass

eine Entlassung ohne Arztbrief erfolgte, bildete den Gipfel des Berges

an diesem Vormittag.

Zuhause angekommen legte ich mich ins Bett und schlief vor Erschöpfung

ein. Die mangelnde Ruhe der letzten Tage und Nächte, sowie die

Aufregung des Vormittags ließen mich in einen mehrstündigen Dornröschenschlaf

versinken. Es war Wochenende und ich freute mich auf

ruhige, entspannte Tage mit meinem Mann.

37. Postoperative Versorgung

Am Dienstag suchte ich meinen Hausarzt Dr. Renz auf und berichtete

ihm von meiner Operation samt Klinikaufenthalt. Er verlangte nach

einem Arztbrief, den ich ihm nicht geben konnte. Das war auch für

ihn ungewöhnlich. Dies veranlasste ihn, ein Fax an die Klinik zu senden,

um dadurch den erforderlichen Arztbericht zur Weiterbehandlung

zu erhalten.

Am Donnerstag bekam ich von ihm einen Anruf, dass er einen vorläufigen

Arztbrief von der Klinik als Antwort erhalten habe. Es wa-

116


en zur weiteren Prophylaxe Thrombosespritzen vorgesehen und eine

Blutabnahme für die Laboruntersuchung nach zehn Tagen vorgeschlagen.

Des Weiteren wurde empfohlen, die in der Klinik angefangene

Physiotherapie fortzusetzen und die ebenfalls in der Klinik erhaltene

Henßge-Krawatte (Halskrause) zu tragen. Diese sei nach sechs Wochen

abzugewöhnen. Eine derartige Halskrause hatte ich bei diesem

Krankenhausaufenthalt jedoch nie erhalten. Es ist festzustellen: seit

vier Tagen war ich mangels Wissens ohne Thrombose-Prophylaxe. Ich

legte meine alte Halskrawatte von meiner ersten HWS-OP an und

bekam vom Hausarzt Physiotherapie verordnet. Er versicherte mir, ein

erneutes Fax an das Krankenhaus zu senden, um den endgültigen Arztbrief

anzufordern.

Ich setzte mich mit dem Sekretariat von Prof. Dr. Seiber in Verbindung

und teilte unmissverständlich mit, dass ich bei meinem Klinikaufenthalt

weder Physiotherapie noch eine Henßge-Krawatte angepasst

bekommen hatte. Den fehlenden Arztbrief bemängelte ich zudem. Die

Person am Telefon, mit der ich mich unterhielt, gab an, es würden viele

Patienten ohne Arztbrief entlassen und im vorläufigen Arztbrief, den

der Hausarzt nun ja erhalten hätte, wären mit Sicherheit vorgegebene

Textbausteine verwendet worden, wie die bezüglich einer Physiotherapie

oder der Henßge-Krawatte. Diese Aussage trug noch mehr zu

meiner inzwischen gewachsenen Verärgerung und Unsicherheit bei.

Nach zehn Tagen ließ ich mir, wie empfohlen, in der hausärztlichen

Praxis Blut abnehmen, um die Laborergebnisse über die Leber- und

Nierenwerte, sowie die Entzündungsfaktoren zu erhalten. Dr. Renz

gab mir die Kopie des inzwischen eingetroffenen endgültigen Arztbriefes.

Eine physiotherapeutische Behandlung oder das Tragen einer Halskrawatte

wurde dort überhaupt nicht mehr erwähnt. Ich wage heute

zu behaupten, dass, begründet durch meine kritischen Bemerkungen

im Telefonat mit der Klinik bezüglich der nicht durchgeführten Physiotherapie

bzw. nicht angepassten Halskrause, dieser Sachverhalt im

endgültigen Arztbrief einfach weggelassen und ignoriert wurde.

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Einen Physiotherapeuten aufzusuchen, dazu allerdings fehlte mir der

Mut. Dr. Renz. erklärte mir, er müsse sich, da er es nun sozusagen

schwarz auf weiß hätte, rechtlich absichern und mir ein Rezept für

Physiotherapie verordnen. Allerdings verstand er auch meine Unsicherheit,

begründet durch die unterschiedlichen Aussagen der Ärzte,

die krankengymnastischen Übungen erst zu beginnen, wenn ich die

verbindliche Zusage des Operateurs erhalten hätte. Ich versuchte immer

wieder das Sekretariat von Prof. Dr. Seiber telefonisch zu kontaktieren,

um eine endgültige und vernünftige Auskunft über eventuelle

physiotherapeutische Maßnahmen zu bekommen. Leider war wohl

laut Aussage seiner Sekretärin der Moment meiner Anrufe stets ungünstig

und ich wurde mit der Aufforderung vertröstet, es am Folgetag

zu versuchen. Nach dem siebten Anruf verließ mich endgültig meine

Geduld, und ich verfasste eine E-Mail. Dies zeigte Erfolg. Noch am

selben Tag wurde ich angerufen und erhielt von Prof. Dr. Seibers Sekretärin

die freundliche Zusage, eine Physiotherapie wäre sinnvoll und

erlaubt. Inzwischen waren vier Wochen seit meiner Operation verstrichen.

38. Schmerzempfinden und Schmerzmedikation

Meine Wunde an der Narbe verheilte zusehends. Die Fäden lösten sich

auf und zurück blieb ein am Hals geröteter, etwas geschwollener Hautabschnitt

in Form eines Striches von etwa sieben cm Länge. Innerlich

hatte ich ein Engegefühl, welches mir noch Monate später zu schaffen

machte, hauptsächlich bei starker Durchblutung. Meine Schmerzen

nach der Operation nahmen zunächst etwas ab. Ich hatte die nach

einem solchen Eingriff üblichen postoperativen Schmerzen, sowohl im

vorderen Halsbereich, als auch an der Wirbelsäule. Im Rücken, in der

Höhe des Eingriffs, spürte ich ein Ziehen. Im Krankenhaus war ich

zu meiner eingestellten Medikation zusätzlich drei Mal täglich mit ei-

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ner starken Dosis Ibuprofen behandelt worden. Das hatte Einfluss auf

mein Schmerzempfinden, ich nahm dadurch die Schmerzen nicht so

intensiv wahr. Gleichzeitig wirkte es entzündungshemmend.

Zuhause spürte ich sehr bald, dass ich im unteren Bereich der Halswirbelsäule

Schmerzen hatte, die ich vorher nicht kannte. Ich nahm meine

üblichen Medikamente ein, wollte aber die Schmerzmedikamente

reduzieren und verzichtete deshalb auf die Hälfte der Tagesdosis von

Ibuprofen. Meine Vorstellung war, auch das Opiat herunterzufahren,

jedoch wusste ich nicht wie. Bei zu schneller Reduktion käme es zu

Entzugserscheinungen, so die Antwort eines Schmerztherapeuten, als

ich ihn während meines Aufenthaltes in der Schmerzklinik darauf ansprach.

Ich suchte Rat bei meinem Hausarzt. Dieser erklärte mir, dass

ein Ausschleichen des Medikaments nur in Dosen von 25 mg möglich

wäre. Da ich aber von zwei Medikamenten je 150 mg abends und morgens

einnahm, erschien mir mein Vorhaben als endlos. Ich versuchte

zunächst die Abenddosierung zu verringern. Auf meine Schmerzgrenzen

wurde ich daraufhin sehr schnell gestoßen.

Die Schmerzqualität verstärkte sich und ich wurde gezwungen, meine

Medikamente wieder zu erhöhen. Mit dieser Situation musste ich

mich erst auseinandersetzen.

Seit ich erkrankt bin, kostet es mich jeden Morgen und Abend große

Überwindung, meinen Tablettencocktail zu schlucken. Ich weigere

mich innerlich, die Medikamente zu nehmen und in Abhängigkeit

zu geraten. Ich befürchte eine Schädigung von Leber und Nieren. Ich

habe sehr starke Schmerzen, wenn die Wirkung der eigentlich für

zwölf Stunden vorgesehenen Retard-Tabletten nachlässt. Nach spätestens

sieben Stunden steigt meine Schmerzkurve wieder erheblich an.

Ich kann die Uhr danach stellen, wenn nach erneuter Einnahme eineinhalb

Stunden später die Schmerzlinderung wieder einsetzt. Es stellt

sich dann eine angenehme Ruhe und kurze Schmerzfreiheit ein. Bringe

ich meinen Körper allerdings in eine ungeeignete Position, nach wie

vor hauptsächlich beim Sitzen und längerem Stehen, habe ich trotz

119


medikamentöser Einstellung Schmerzen. Das verunsichert mich, ich

stelle mir vor, wie es ohne Medikation für mich wäre. Ich versuche

derartige Gedanken nicht weiter zu verfolgen und verdränge sie.

Für mich bedeutet dies regelmäßig Frustration und Ratlosigkeit. Egal,

ob ich an der Tages- oder Nachtdosis drehe und versuche sie zu reduzieren,

die Schmerzen werden dann in der Folge immer intensiver,

und letztendlich bleibt es dann doch bei der üblichen Medikation. Das

Schmerzverhalten änderte sich nach der zweiten Operation wenig, es

blieb konstant. Lediglich die schmerzhaft taube Hand blieb aus und

das Taubheitsgefühl war weg.

Auf der einen Seite blieben die inzwischen chronisch irritierten und

durch den Eingriff zusätzlich strapazierten Nerven, auf der anderen

Seite ein ziehender, intervallartiger Wirbelsäulenschmerz, der kaum zu

zähmen war. Die ersten Wochen dachte ich an eine Wundheilung, die

noch andauerte. Dann kamen mir Ideen wie Wetterfühligkeit, Lockerung

des Materials oder Materialunverträglichkeit in den Sinn. Und

als nach fünf Wochen der Schmerz immer intensiver wurde, zog ich

eine zusätzliche Meinung eines Neurochirurgen in Betracht. Ich vereinbarte,

nachdem ich Informationen über ihn gesammelt hatte, einen

Termin bei einem Professor im Städtischen Klinikum einer nahe gelegenen

Stadt. Die Sekretärin, mit der ich verbunden wurde erklärte

mir, dass ein Besuch mit einer Privatrechnung verbunden sei, die ich

persönlich zu begleichen hätte. Ansonsten wäre es von äußerster Notwendigkeit,

Bildmaterial von Aufnahmen vor, während und nach der

letzten Operation zu beschaffen. Mein Termin sollte am 2. Juni sein.

Von der Klinik, in der ich operiert wurde, forderte ich die nötigen

Aufnahmen an. Diese wurden erstaunlicher Weise unkompliziert auf

eine CD gebrannt und mir zugesandt.

120


39. Ungewollte Perspektiven

Die Tage vergingen wie die Zeit vor meiner Operation mit erheblichen

Einschränkungen. Abgesehen von meinen erheblichen Schmerzen und

der Tatsache, dass ich nicht entspannt sitzen konnte, war ich durch

die Halskrause beeinträchtigt und durch das auferlegte Fahrverbot in

meiner Freiheit eingeschränkt und abhängig von anderen.

Es war Frühling, und ich konnte vieles von dem, was ich gerne machen

wollte, nicht ausführen. So waren mir weder Radfahren, Joggen,

noch die Arbeit im Garten erlaubt. Ich muss gestehen, dass es mir

sehr schwer fiel, auf all dies erneut zu verzichten. Wäre das Operationsergebnis

so gewesen, dass sich Erfolg und Fortschritt in meiner

Genesung gezeigt hätten, so hätte ich alles leichter ertragen. Nun aber

drehte sich das Karussell von neuem. Wieder standen Arztbesuche an,

denn es hatte sich nichts geändert! Obwohl ich eigentlich sehr positiv

und optimistisch denkend bin, merkte ich, dass meine psychische Verfassung

darunter litt.

Dazu kam, dass ich am zweiten Mai Post von der Rentenversicherung

bekam mit der Mitteilung, mein Antrag auf Erwerbsminderungsrente

sei abgelehnt worden. Mein Bauchgefühl bezüglich des Gutachters

hatte mich also nicht getäuscht. Laut Aussage der Rentenversicherung

sei ich mit meinem Gesundheitszustand durchaus in der Lage, sechs

Stunden täglich zu arbeiten. Widerspruch könne bis zur vorgegebenen

Frist eingelegt werden. Dieser Brief versetzte mir einen Stich ins Herzen

und machte mir unmissverständlich die missliche Lage bewusst,

in der ich mich befand. Sicherlich war ich mir über die Sachlage im

Klaren, jetzt aber wurde sie Realität für mich: Mein Krankengeld lief

zum einundzwanzigsten Mai aus. Ich befand mich dann in der Arbeitslosigkeit,

obwohl ich eine Arbeitsstelle hatte … wie prekär war das eigentlich?

Ich sah meiner Aussteuerung entgegen und musste handeln.

Da ich nicht bei jedem Termin außerhalb meines Wohnortes meine

121


Nachbarn bzw. Freunde beanspruchen wollte, die ohnehin bereits fleißig

und stets hilfsbereit im Einsatz waren, nahm sich mein Mann einen

Tag Urlaub, um mit mir zur Agentur für Arbeit zu fahren, zum

Sozialverband und um einen Neurologen aufzusuchen. Kurzum all das

zu erledigen, wohin ich nur mit einem Auto kommen konnte. An diesem

Tag hatten wir dann zugegebenerweise viel erledigt, nur wusste ich

auch, dass mein Mann Max momentan dringend Urlaub nötig gehabt

hätte und wir wertvolle Zeit den Folgen meines Gesundheitszustandes

geopfert hatten.

Auf dem Arbeitsamt meldete ich mich nun wiederum arbeitslos, wie

bereits vor Wochen. Ich erhielt erneut einen Fragebogen, den es für

mich auszufüllen galt, obwohl ich ihn bereits abgegeben hatte. Außerdem

bekam ich Formulare zur Bestätigung meines erhaltenen Kranken-

und Überganggeldes, die ich von der Krankenkasse und Rentenversicherung

ausgefüllt an die Agentur für Arbeit zurücksenden sollte.

Zwei Wochen später folgte eine Einladung zu möglichen Stellenangeboten

und Vermittlungen. Der Termin war vorgegeben, die Teilnahme

Pflicht. Nur aus wirklich triftigen Gründen könne dieser Termin abgesagt

werden. Den hatte ich allerdings, meine Vorstellung beim Professor

im Städtischen Klinikum traf genau auf diesen Tag.

Ich griff zum Telefon und wollte mich mit der für mich zuständigen

Dame, die auf dem Zettel der Einladung vermerkt war, in Verbindung

setzen. Ich musste jedoch feststellen, dass diese persönlich nicht erreichbar

war. Eine zentrale Vermittlung meldete sich stattdessen, nahm

meine Absage auf und leitete diese weiter. Die Dame am anderen Ende

der Leitung erklärte mir die Wichtigkeit dieser Einladung. Nur mit einer

Bestätigung des Arztes könne meine Absage akzeptiert werden. Ich

sicherte ihr deren Erhalt zu und befragte sie über den Inhalt und die

Zielsetzung des doch so wichtigen Termins. „Nur so können Sie erfahren,

wie es mit Ihnen weiter geht“, erhielt ich von ihr als Antwort. Mit

der Anmerkung, eine erneute Einladung würde mir zugesandt werden,

endete unser Gespräch. Na, dachte ich mir, das kann ja spannend

werden. Einen Tag später meldete sich bei mir Frau Brühne, meine

122


zuständige Arbeitsvermittlerin, und vereinbarte in Absprache mit mir

einen passenden Termin.

In der darauf folgenden Woche lernte ich Frau Brühne dann persönlich

kennen. Ich meldete mich an der Information der Arbeitsagentur

an und nahm im Foyer Platz, bis mein Name aufgerufen wurde. Frau

Brühne begleitete mich in ihr Büro mit der Aufforderung, dort Platz

zu nehmen. Ich habe es mir inzwischen angewöhnt, auf eine derartige

Aufforderung mit der Bitte, stehen bleiben zu dürfen, zu reagieren,

da eine Schmerzattacke im Sitzen meist vorprogrammiert ist. So auch

hier in der Arbeitsberatung. Die Dame mir gegenüber schaute mich

verständnislos an und konzentrierte sich auf die in ihrem Computer

aufgeschlagene Seite. Sie schlug mir vor, mit der Einschätzung des medizinischen

Gutachters der Agentur für Arbeit zu beginnen und las mir

seinen Text dazu vor. Dieser war überzeugt, dass eine sitzende Tätigkeit

von mindestens sechs Stunden zumutbar sei. Auf meine Frage, ob ich

dagegen Widerspruch einlegen könne, verneinte Frau Brühne. Ich erklärte

ihr, dass gerade im Sitzen bzw. im Stehen mein Hauptproblem

liegt und ich unter den vorausgesetzten Bedingungen nicht arbeiten

könne.

Eine Schmerzattacke bahnte sich an - die Zeit des Wartens und des

Stehens dauerte bereits für mich zu lang - und ich versuchte, mich mit

dem Rücken an die Wand zu drücken. Frau Brühne registrierte dies

mit einem mitleidigen Blick, führte aber dennoch unser Gespräch fort.

Da ich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bis 30. Juni abgegeben

hätte, sei ich bis dahin leider nicht vermittelbar. Ich bekäme deshalb

auch kein Arbeitslosengeld und ich müsste meine Krankenversicherung

selbst bezahlen.

Da zwischenzeitlich eine Schmerzattacke die andere ablöste, lenkte

sich ihre Aufmerksamkeit auf mich. Frau Brühne befragte mich nach

der Häufigkeit meiner Schmerzen und sie brachte ihre Betroffenheit

darüber zum Ausdruck. Sie überlegte die weitere Verfahrensweise und

erklärte mir, dass in meinem „speziellen“ Fall ein neuer Antrag auf

123


ein medizinisches Gutachten nun doch sinnvoll und angebracht wäre.

Zumal das vorliegende, wie sich herausstellte, vom März sei, also vor

meiner zweiten Operation. Es wäre allerdings notwendig aktuelle Arztbriefe

beizufügen. Ansonsten ist abzuwarten und Ende Juni solle ich

es erneut mit einem Antrag auf Arbeitslosigkeit versuchen. Sollte der

Antrag genehmigt werden, müsste für mich ein neues Profil erstellt

werden. Ich würde dann von ihr hören. Mit diesen freundlichen, aber

bestimmten Worten verabschiedete sie sich von mir.

Am Freitag, den 26. Juni, 11:00 Uhr, bekam ich von der Agentur für

Arbeit einen Anruf, ich möchte mich bitte umgehend persönlich bei

der Arbeitsagentur zum 1. Juli arbeitslos melden. Ich packte, wie schon

im Februar, eiligst meine Unterlagen ein und fuhr zu meiner zuständigen

Arbeitsagentur, die ich um 11:45 Uhr erreichte. Eine unfreundliche

Mitarbeiterin erkundigte sich nach meinen Kundenwünschen und

stellte fest, dass ich einen sehr ungünstigen Zeitpunkt ausgewählt hätte.

Es wäre Freitag und um 12 Uhr würden alle Computer heruntergefahren

werden. Ich bezog mich auf den Anruf und die Öffnungszeiten,

die bis 12 Uhr an der Eingangstür angeschrieben waren. Daraufhin

bekam ich die Vermittlung eines Arbeitsberaters und zum dritten Mal,

seit ich mich Kunde der Arbeitsagentur nennen darf, Unterlagen für

die Antragsstellung mit der Bitte, sie möglichst schnell auszufüllen.

Warum ich dreimal innerhalb von vier Monaten die gleichen Fragen

beantworten sollte, ist mir nicht begreiflich.

Im November vergangenen Jahres riet mir mein Hausarzt auf Grund

meiner langen Erkrankung und meinem Vorhaben, bei deren Fortdauer

Erwerbsminderungsrente zu beantragen, Mitglied eines Sozialverbandes

zu werden. Dieser, so seine Erfahrung, würde bei einer Ablehnung

des Antrages auf Wunsch für Mitglieder Widerspruch einlegen.

Ich überlegte mir seinen Hinweis und wurde zum Januar 2015 dort

Mitglied. Dass es aber wirklich soweit kommen sollte und ich dessen

Hilfe in Anspruch nehmen würde, war damals für mich weit entfernt

bzw. unvorstellbar. Dennoch entschloss ich mich “für den Fall aller

Fälle“ vorzusorgen und trat dem Verein bei. Ich vereinbarte, nachdem

124


ich die Ablehnung meines Erwerbsminderungsrentenantrages erhalten

hatte, beim Sozialverband einen Termin und erklärte den Grund meines

Besuches. Dies schien für die Mitarbeiter dort ein häufiges und

unproblematisches Verfahren zu sein: Ich füllte eine Vollmacht aus,

in der ich den Verein bevollmächtige, Widerspruch für mich bei der

Rentenversicherung einzulegen und meine Interessen zu vertreten. Die

aufmerksame Sekretärin erklärte mir, sie würden zunächst meine Rentenversicherung

um Einsicht in meine Akte bitten und sich dann bei

mir wieder melden.

Als mir die Unterlagen des Gutachters der Rentenversicherung zugesandt

wurden, war ich doch sehr irritiert über seine Einschätzung. Er

argumentierte, eine Arbeit von sechs Stunden, überwiegend im Sitzen,

sei zumutbar. Mir drängt sich die naheliegende Frage auf, warum ich

mich bei einem Gutachter vorstellen musste, der meine Schmerzen

wahrnahm, sie allerdings in seinem Gutachten überhaupt nicht erwähnte

bzw. darin einbezog. Ich ließ mir mit einem Schreiben meines

Hausarztes und auch von Prof. Dr. Seiber bestätigen, dass meine Beschwerden

bereits nach kurzer Dauer im Sitzen und Stehen auftreten

und mir deshalb momentan eine Arbeit in diesen Positionen nicht zugemutet

werden könne.

Irgendwie befand ich mich im absoluten Zwiespalt. Ich liebe meinen

Beruf und wollte nichts anderes, als in ihm arbeiten. Gleichzeitig spürte

ich meine Schmerzen und meine Belastungsgrenzen und wusste nur

allzu gut, dass ich ihn eigentlich mit meinen gesundheitlichen Einschränkungen

derzeit nicht ausführen kann. Dieser Umstand führte

mich zu der Frage: Was habe ich für berufliche Perspektiven? Eine Erwerbsminderungsrente

kann jederzeit zurückgenommen werden, und

es gibt viele Varianten, wie dies sein könnte. Auch stundenweises Arbeiten

wäre eine Möglichkeit, sofern es der Arbeitgeber zulässt. Nur,

kann ich das auch umsetzen? Das ehrliche Ergebnis ist momentan:

NEIN.

125


40. Gedanken, die mich bewegen

Ich gehöre der Generation an, in der Frauen arbeiten und zum Lebensunterhalt

beitragen. Ich benötige außer dem Haushalt Herausforderungen

und Aufgaben, aber auch eine Bestätigung und ein Erfolgserlebnis.

Ich bin es zudem nicht gewohnt, nur zu Hause zu sein. Das fällt

mir schwer. Ich suche selbst jetzt im Krankenstand die geistige Auseinandersetzung

mit verschiedenen Themen. Ich stille mein Bedürfnis,

indem ich viel lese und entsprechende Radiobeiträge höre oder mir Videos

und Beiträge anschaue. Ich freue mich immer auf Außenkontakte

mit Freunden und Bekannten oder auf Veranstaltungen, an denen ich

teilnehmen kann.

Während ich diese Zeilen für mein Buch schreibe, ordne ich meine

Gedanken und verarbeite so meine Krankengeschichte. Ich schreibe

mir sozusagen “alles von der Seele“. Im Rahmen meiner gegenwärtigen

Möglichkeiten bietet sich mir hier eine Aufgabe, etwas zu erstellen. Ich

bin der Auffassung, der Mensch benötigt immer ein Ziel. Ohne Ziel

lebt er nicht mehr. Deshalb ist es für mich so wichtig, letztendlich eine

Perspektive zu haben und eine positive Einstellung und Haltung zu

bewahren. Bei einer weiteren Ablehnung meines Rentenantrags würde

das in der Konsequenz bedeuten, dass ich vom Unterhalt meines

Mannes leben müsste. Ein sehr ungewohnter Umstand. Für meinen

Mann wäre das in Ordnung, für mich fühlt es sich nicht richtig an.

Ich befand und befinde mich immer noch in einer absoluten Neuorientierung.

Diese Krankheit stellt mein bisheriges Leben auf den Kopf.

Ich muss mein Alter, meine Möglichkeiten und meine Chancen abwägen,

um mein neues Leben herauszufiltern. Das ist ein langer, langsam

wachsender Prozess.

Am Urlaubstag meines Mannes hatte ich noch einen Termin bei meinem

Neurologen Dr. Gerner vereinbart, der meine Nervenleitungen

mit Strom ausmessen sollte. Dadurch sollte festgestellt werden,

ob die Ursachen für meine nicht schmerzhaften, aber tauben Finger

126


der rechten Hand auf die Halswirbelsäule oder auf ein Karpaltunnelsyndrom

zurückzuführen seien. Nachdem er alles ausgemessen hatte,

stellte er tatsächlich ein Karpaltunnelsyndrom fest. Er verordnete mir

eine Bandage, die ich nachts zu tragen hatte. Er riet mir allerdings auf

Grund meiner derzeitigen Situation von einer Karpaltunneloperation

ab.

Auf Fragen bezüglich meiner irritierten Nerven und der Dauer der

anhaltenden Kribbelparästhesien wollte er keine Stellungnahme abgeben.

Dies müsse der Operateur oder ein Schmerztherapeut beurteilen.

Ich denke, dass er sich dazu nicht äußern wollte, als er den Namen der

Klinik in meinem mitgebrachten Arztbrief las, in der meine Eingriffe

vorgenommen wurden. Das Krankenhaus und die dortigen Ärzte sind

bekannt und haben einen ausgezeichneten Ruf, wie aus einer anerkennenden

Bemerkung von ihm zu entnehmen war. Ich zwang mich

dazu, keine weiteren Äußerungen bzw. Bemerkungen zur postoperativen

Versorgung und Nachbehandlung in der Klinik zu machen. Links

eine Bandage für die Daumenarthrose, rechts die für die Taubheit der

Hand, zusätzlich zu meiner Halskrawatte, die ich noch zwei Wochen

zu tragen hatte, kam ich mir wirklich behindert vor.

Dies führte mich zum Entschluss, beim Versorgungsamt Prozente für

Behinderungen zu beantragen. Ich erinnerte mich, dass der Arzt, der

das Gutachten für die Erwerbsminderungsrente erstellte, sich damals

nach meinen Prozenten erkundigte. Das veranlasste mich nun, mir ein

Formular zur Beantragung von Prozenten zusenden zu lassen.

41. Der Umgang mit Schmerzpatienten

Schmerz ist nicht greifbar und deshalb für andere schwer vorstellbar.

Immer wieder höre ich „man sieht es dir ja gar nicht an, wie es dir

geht“. Allmählich wird die Gesellschaft auf Schmerzpatienten aufmerksam

und chronische Schmerzen sind als eigenständige Krankheit

anerkannt. Immer häufiger werden regelmäßige Treffen für Schmerz-

127


patienten in Schmerzgruppen ins Leben gerufen. Schmerztherapeuten

und die deutsche Schmerzgesellschaft machen in der Gesellschaft

auf die Thematik „chronische Schmerzen“ aufmerksam: Dauert ein

Schmerz länger als sechs Monate an, so spricht man von einem chronischen

Schmerz. Akuter Schmerz hat normalerweise eine Schutzfunktion.

Bei einem chronischen Schmerz hat sie sich davon abgekoppelt

und er besitzt einen selbstständigen Krankheitswert. Nur Menschen,

die unmittelbar mit Schmerzpatienten leben und im näheren Kontakt

mit ihnen sind, erkennen die tatsächliche Nachhaltigkeit des Schmerzes

und dessen Auswirkungen.

Besonders meine Familie und Freunde wissen, dass eine spontan einsetzende

Schmerzattacke alle Vorhaben und Pläne durcheinander bringen

kann. Die Zumutbarkeit mancher Unternehmungen ist begrenzt

oder sie müssen gar abgesagt werden. Es sollten immer Bedingungen

gewährleistet sein, den Schmerz nicht zu provozieren oder ihm entgegen

zu wirken. Für mich bedeutet dies, dass ich mich im Akutfall einer

Attacke beispielsweise an eine Wand, Türe oder einen Pfosten anlehnen

und dagegen drücken kann, dass es eine Möglichkeit gibt, mich

auf einer Sitzgelegenheit so zu positionieren, dass ich mich nach hinten

abstützen und an der Stuhllehne zur stabilen Haltung ausrichten kann.

Manchmal spekuliere ich sogar darauf, dass es eine Gegebenheit gibt,

dass ich mich hinlegen kann, bis sich meine zermürbenden Schmerzen

verringern. Langes Stehen und langsames Gehen ist mir nach wie

vor nicht möglich. Das ständige Kribbelgefühl ist stets präsent. Die

Auswahl der Veranstaltungen und Angebote ist darum begrenzt. Es

muss jederzeit ein Abbruch möglich sein, was für meine Mitmenschen

anstrengend und häufig enttäuschend ist. Mein Mann ist diesbezüglich

verständig und erträgt geduldig Einschränkungen, die ihn zumeist mit

betreffen.

Für andere ist der heftige Schmerz häufig nicht erkenn- und begreifbar,

letztendlich weil mein Krankheitsbild ungewöhnlich und deshalb

nur schwer nachvollziehbar ist. Für mich als inzwischen chronischer

Schmerzpatient ist es schwierig, ihnen und vor allem Gutachtern das

128


Krankheitsbild glaubhaft zu definieren und transparent zu machen.

Das Schmerzbild ist nicht fassbar oder sichtbar, wie beispielsweise bei

Krankheiten wie Hüftleiden, Brüchen oder Ähnlichem. Mein eher

temperamentvoller Charakter und meine disziplinierte Haltung, gegenüber

meinem Umfeld nicht zu klagen und zu jammern, bietet zusätzlich

wenig Ansatz, dies auf den ersten Blick zu erkennen. Ich höre

deshalb sehr häufig: „Man sieht dir deine Schmerzen gar nicht an“.

Diese Aussage weist mich dann jedes Mal darauf hin, dass ich meine

Schmerzen nach außen hin nicht für jeden transparent machen kann.

Diese Tatsache grenzt mich von meinem Umfeld ab, es macht zeitweise

einsam. Diejenigen, die mit mir stets im Kontakt sind, erleben häufig

mit, wie eine Schmerzattacke sich anbahnt und äußert. Ich bin froh,

dass beispielsweise Freunde es inzwischen als normal betrachten, wenn

ich beim Essen oder während der Unterhaltung aufstehe oder mich

erst gar nicht hinsetze, mich an den Türrahmen drücke oder mich auf

den Boden lege. Ich bin dankbar und schätze die ehrliche Anteilnahme

und Hilfsbereitschaft meines Umfeldes.

Aber eine übertriebene Rücksichtnahme kann ich genauso wenig ertragen,

wie die bewusste, absolute Ignoranz meiner Krankheit. Ganz

normal behandelt und betrachtet zu werden, das ist es, was ich mir

wünsche. Ständiges Fragen nach meinem Befinden führen zu dem einen

immer wiederkehrenden Thema, nämlich meiner Erkrankung. Ich

merke, dass ich an den Punkt komme, an dem es mir Leid wird, immer

wieder von meiner Krankheit zu erzählen. Ich will von mir selbst und

von anderen einfach mit meinen Schmerzen akzeptiert werden. Letztendlich

muss ich einen Weg finden, mit ihnen umzugehen. Ich weiß,

dass ich sie, sollten sie mir bleiben, in mein Leben und meinen Alltag

integrieren muss und versuchen sollte, ihnen ihren Platz zu lassen. Ich

kann versichern dass dieser leider groß werden wird. Meine Schmerzen

sind vergleichbar mit einem Wurm, der in mir steckt, nagt und arbeitet

und zwar dann, wenn er es möchte.

129


42. Eine weitere „zweite Meinung“

Ende Mai rief mich überraschend eine Mitarbeiterin aus dem Sekretariat

des kontaktierten Städtischen Klinikums an und fragte mich, ob

ich spontan den für Anfang Juni vereinbarten Termin vorziehen könne.

Nach einigem Zögern - das Autofahren war mir ja noch nicht erlaubt

und die Organisation der Anfahrt musste schnell geklärt werden - sagte

ich zu. Zum Termin nahm ich meine kompletten Arztbriefe samt allen

bislang erstellten radiologischen Aufnahmen mit und meldete mich im

Sekretariat bei einer netten, freundlichen Dame in der Neurochirurgischen

Ambulanz an. Ich musste nur kurz warten bis ich vom Professor,

einem Mann mittleren Alters, persönlich abgeholt wurde.

In seinem Sprechzimmer wies er auf einen Stuhl, auf dem ich Platz nehmen

sollte. Er erklärte, die mitgebrachten Aufnahmen hätte er sich gut

angesehen und fragte mich nach dem Grund meines Kommens. Wann

und wo er sich in den wenigen Minuten meiner Wartezeit die Unterlagen

angesehen haben konnte, frage ich mich noch heute, Ich vertraute

ihm an, dass ich gerne seine Einschätzung bezüglich meiner Schmerzen

nach der zweiten Operation hören würde und ob es dafür aus seinem

Blickwinkel eine Erklärung gäbe. Des Weiteren sei ich dankbar

um Hinweise bezüglich sinnvoller Rehabilitationsmaßnahmen, die ich

Zuhause durchführen könne. Seine Antwort war kurz und klar. Meine

Versteifung der Halswirbelsäule über zwei Wirbel würde zur Folge haben,

dass die Halswirbel und die anschließenden Wirbel C7/Th1 (der

Anfang der Brustwirbelsäule) mehr Belastung hätten. Eine Operation

würde als Konsequenz häufig mehr Schmerzen hervorrufen als zuvor.

„Nett“, dachte ich mir, „dass ich das nun auch erfahre“. Außerdem, so

seine Auffassung, müssten „wir“ einen anderen Weg einschlagen und

dringend das Opiat absetzen; Zitat: „Sie sind ja noch keine 85 Jahre

alt“. Ziehe ich die Sichtweise eines Schmerztherapeuten in Betracht, so

liegt diese genau auf der anderen Seite seines Heilungsansatzes. Dazwischen

ein Telefonat über die Dienstplaneinteilung der Ärzte aufgrund

von Erkrankungen. Keine Entschuldigung für diese Störung.

130


Unser Gespräch setzte sich fort, indem ich ihm zu verstehen gab, dass

ich ohne Schmerzmittel zum momentanen Zeitpunkt nicht auskommen

könne, diesen Versuch hätte ich bereits erfolglos abgebrochen.

Der Professor schlug mir eine Reha vor und fügte an, bei mir in der

Nähe gäbe es eine sehr gute ambulante Reha-Klinik. Auf meine Rückfrage

hin wusste ich, dass er das Reha-Zentrum meinte, in dem ich

meine Rehabilitationsmaßnahme hatte. Ich äußerte mich dazu und

ließ ihn wissen, dass diese Reha-Klinik für mich nicht in Frage käme.

Da auf dem Bildmaterial alles top aussähe, schlage er ein Wegkommen

vom dem doch sehr starken Opiat vor. Eine aktuelle Bildaufnahme

zum derzeitigen Stand lag nicht vor und forderte er auch nicht an.

Meine Frage: „Und was mache ich mit meinen Schmerzen?“ wurde

mit einem kritischen Blick beantwortet, der mir ziemlich deutlich zu

verstehen gab, dass er mich in die Patientenkategorie „Psychosomatik“

einordnete. Eine präzise Antwort dazu blieb er mir schuldig.

Wir verabschiedeten uns innerhalb weniger Minuten und ich denke,

jeder von uns beiden machte sich so seine eigenen Gedanken zu diesem

Gespräch. Ich hatte von der erhofften Hilfe, nämlich ein im Vertrauen

geführtes Gespräch mit genauerem Betrachten der Schmerzursache

und praktischen, in meinen Patientenalltag umsetzbaren Hinweisen

zur Schmerzlinderung, nichts bekommen.

Das Fazit aus diesem Arztbesuch: ich fühlte mich als Patient mit

Schmerzen weder ernst genommen, noch zeigte sich mir eine Hilfestellung.

Ich hatte lediglich Zeit und Geld in den Privatpatientenstatus

investiert. Des Weiteren ziehe ich daraus den Schluss, dass ich, was

meine Schmerzen anbelangt, bei Facharztbesuchen in Zukunft aufpassen

muss, dass ich nicht als Hypochonder oder eingebildeter Kranker

gelte. Deshalb werde ich mir künftig gut überlegen, welche Arztbriefe

bzw. Krankenunterlagen ich zur Einsicht mitbringen und vorlegen

werde. Denn bei der Anzahl meiner inzwischen gehäuften Arztvorstellungen

könnte es sehr leicht zu einem solchen Eindruck kommen.

Wochen später bekam ich eine Arztrechnung über einen hohen Betrag.

Begründung: „Erörterung des Befundes mindestens zwanzig Minuten.

131


Sehr zeitaufwändige und zeitintensive Beratung bei zusätzlicher Auswertung

von Fremdbefunden, symptombezogene Untersuchung, ausführlicher

Krankheits- und Befundbericht.“

43. Die Praxis für rehabilitative und physikalische

Medizin

Da ich zur Nachuntersuchung meiner Operation bei Prof. Dr. Seiber

wie immer eine Überweisung eines Orthopäden benötigte, überlegte

ich mir auf Empfehlung einer befreundeten Schmerzpatientin Dr.

Berg zu konsultieren, einen Arzt für Physikalische und Konservative

Orthopädie. Seine Praxis ist einem Krankenhaus einer nahe gelegenen

Stadt angegliedert, wo er gleichzeitig Leiter der Konservativen Orthopädie

ist.

Ich ging mit wenig Erwartungen zu ihm, allerdings machte mich sein

Heilungsverfahren neugierig. Nach Einholen einiger Informationen

im Internet vereinbarte ich einen Termin bei ihm, den ich relativ zeitnah

erhielt. Dr. Berg forderte nach kurzer Schilderung meines Krankheitsverlaufes

eine aktuelle Röntgenaufnahme an und schickte mich

dazu in die Röntgenabteilung der Klinik. Als ich wieder bei ihm im

Sprechzimmer saß, betrachtete er intensiv und für mein Empfinden

übermäßig lange das zuvor aufgenommene Bild meiner Halswirbelsäule.

Er verließ wortlos den Raum. Zurück blieben ich und seine Sprechstundenhilfe,

die mir erklärte, dass Dr. Berg seinen Oberarzt zur Betrachtung

hinzuziehen würde. Minuten voller Spannung, die sich wie

eine Ewigkeit anfühlten. Als er wieder kam, wollte er wissen, wann

ich bei Prof. Dr. Seiber meinen Termin hätte. Auf meine Antwort hin

meinte er, ich solle diesen wahrnehmen, die Röntgenaufnahme mitnehmen

und ihn danach wieder aufsuchen. Es folgte kein Kommentar

bezüglich seiner Auswertung, lediglich eine neue Terminvergabe.

Der Tag der Nachuntersuchung bei Prof. Dr. Seiber war auf den 17.

132


Juni gelegt worden. Prof. Dr. Seiber nahm sich für meine Vorstellung

viel Zeit und bestätigte mir nach genauem Hinsehen auf das mitgebrachte

Bildmaterial eine gute Einheilung des Titankörbchens. Er kam

zu dem Entschluss, dass meine noch immer andauernden Schmerzen

auf eine Facettenüberbelastung zurückzuführen sein könnten. Nach

seiner Meinung wäre ich in den Händen von Dr. Berg „goldrichtig“

aufgehoben. Er lobte in hohem Maße die Konservative Orthopäde

und den damit verbundenen multimodalen Ansatz (individuelle und

ganzheitliche Behandlung) der Schmerztherapie. Ich sollte mir aber

auf jeden Fall in seinem Sekretariat einen Termin für Anfang Dezember

geben lassen und dann nochmals bei ihm vorstellig werden.

Zwei Tage später befand ich mich wieder im Wartezimmer von Dr.

Berg. Zwei Patienten vor mir, danach der Aufruf meines Namens. Dr.

Berg betrat das Sprechzimmer und wartete auf meinen Bericht vom

Besuch bei Prof. Dr. Seiber. Er hörte mir konzentriert zu, dann folgten

die Worte: „Kommen Sie zu mir in die Klinik und lassen Sie sich dort

von mir helfen“. Keine weitere Äußerung seiner Einschätzung und

keine Erklärung, warum er einen solchen Aufenthalt befürwortete.

Ich forderte ihn auf, dazu Stellung zu nehmen. Er meinte in knappen

Worten, dass meine ständigen Schmerzen nur durch eine intensiv

übergreifende Therapie gemildert werden könnten; der Ansatz wäre

die Lockerung meiner Tiefenmuskulatur. Er überzeugte mich mit seiner

Darstellung. Wie sich herausstellte, betrug die Wartezeit für diesen

geplanten Klinikaufenthalt zehn Wochen. Erst am 18. August sollte

er beginnen und vierzehn Tage dauern. Für mich bedeutete es wieder

einmal etwas Hoffnung, die Euphorie zu dem Ganzen fehlte mir allerdings

gänzlich.

133


44. Positive Nachrichten

Mitte Juli erhielt ich Post von der Arbeitsagentur. Es wurde mir nun auf

Grund der zweiten Einschätzung des Gutachters der Agentur für Arbeit

mitgeteilt, dass meine Leistungsfähigkeit soweit gemindert wäre,

dass ich nur noch weniger als fünfzehn Stunden wöchentlich arbeiten

könne. Damit stünde ich der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung

und wäre nicht arbeitslos im Sinne der §§ 137,138 Drittes Sozialgesetzbuch

(SGBIII). Bis zur Feststellung des Rentenversicherungsträgers,

ob eine Erwerbsminderung vorliegt, erhielte ich Arbeitslosengeld,

längstens bis zur Erschöpfung des Anspruchs. Gleichzeitig zu diesem

Schreiben erhielt ich eine Einladung (mit Hinweis auf das Sozialgesetzbuch)

samt Termin von Fr. Brühne, meiner Arbeitsvermittlerin. Sie

wolle mit mir auf Grund der inzwischen vorliegenden Stellungnahme

des Arztes der Agentur für Arbeit ein abschließendes Gespräch über

meine gesundheitliche Leistungsfähigkeit führen.

Auch von meiner Rentenversicherung erhielt ich einige Tage zuvor die

Nachricht, mich mit einem zweiten Gutachter, einem Arzt für Neurologie

und Psychiatrie, in Verbindung zu setzen, um mir einen Termin

zur dortigen Vorstellung geben zu lassen. Ich rief unter der angegebenen

Telefonnummer an und besprach, wann ich mich in der Praxis

einfinden sollte. Mitzubringen seien ein Lebenslauf, meine Familiengeschichte,

meine Krankengeschichte, der Tagesablauf, eine aktuelle

Ärzteliste, sowie eine Auflistung meiner Medikamente; alles kurz und

in tabellarischer Form, so der Hinweis auf der Mitteilung, die ich einige

Tage später nach meinem Anruf erhielt. Für mich bildete alleine schon

das Schreiben der geforderten Auflistungen und Nachweise eine Herausforderung,

da es notwendig war, auch Kleinigkeiten zu erwähnen

und nichts Wichtiges, dass zum Allgemeinbild beitrug, zu vergessen.

Auch das Schreiben an sich war für mich anstrengend, war es doch mit

viel Sitzen verbunden, dies bedeutete eine erhöhte Schmerzintensität.

Das zweite Gutachten sollte in einer Praxis für Neurologie und Psych-

134


iatrie stattfinden, es war mit einer Fahrzeit von ca. einer Stunde verbunden.

Eine Freundin bot sich an, mich zu fahren und zu begleiten,

hatte ich doch noch erhebliche Bewegungseinschränkungen als Folge

der zweiten Operation. Ich fühlte mich noch unsicher im Stadtverkehr,

der häufigere und spontanere Bewegungen im Hals- und Nackenbereich

für mich als Autofahrer erforderte. Wir fuhren früher als

auf der Navigation angezeigt los, und es blieb uns noch eine Wartezeit

von einer halben Stunde. Diese nutzten wir für eine Tasse Kaffee in

einer nahe gelegenen Bäckerei. Ausgelöst durch das Sitzen während der

Anfahrt und dem Stehen im Laden bekam ich eine Schmerzattacke,

die sich so nachhaltig äußerte, dass ich bei der Vorstellung in der Arztpraxis

des Gutachters später Mühe hatte, mich auf die erforderliche

Unterhaltung zu konzentrieren. Wir erreichten den dritten Stock, in

der sich die Praxis befand.

Ein großes Schild an der Eingangstür machte uns darauf aufmerksam,

wo wir uns befanden. „Dr. Sand - Neurologe und Psychiater“. Der

Empfang gestaltete sich freundlich und aus der Frage der Sprechstundenhilfe:

„Sie kommen um das Gutachten zu erstellen?“ konnte ich

entnehmen, dass ich bereits erwartete wurde. Es folgten, wie so häufig,

einige Fragen im Zusammenhang mit meinen Schmerzen, die sich

in diesem Moment so demonstrativ äußerten, dass sich eine Antwort

darauf eigentlich erübrigte. Danach wurde ich aufgefordert, in einem

gesonderten Raum Platz zu nehmen, um dort meinen Blutdruck messen

zu lassen Ob dies allerdings wichtig und erforderlich ist für die

Erstellung meines Gutachtens, wage ich zu bezweifeln. Eine Schmerzattacke

löste die andere ab und den Eindruck, den ich hier hinterlassen

musste, entsprach genau dem, bei welchem sich selbst ein Gutachter

mit nur wenig Fragen die richtige Einschätzung meines Krankheitsbildes

verschaffen konnte.

Dr. Sand, ein Mann Ende fünfzig, mit einer ruhigen, fast monotonen

Stimme, meinte bei meinem Anblick verständnisvoll, wenn es mir Linderung

verschaffen würde, sollte ich stehen bleiben oder mich an die

Wand lehnen. Er blätterte durch meine mitgebrachten Unterlagen und

135


etrachtete mich wortlos einige Zeit.

„Sie können unter der starken Medikation und mit diesen Schmerzen

derzeit nicht arbeiten“, so seine Zusammenfassung nach einer kurzen

Befragung zu meinem Tagesablauf. Er ließ mich wissen, dass es ihm

gänzlich unverständlich wäre, wie der erste Gutachter zu der Auffassung

gekommen sei, dass ich noch mindestens sechs Stunden im Sitzen

arbeiten könne. Dies entspreche einfach nicht der Wahrheit. Er riet

mir, eine Richtigstellung einzufordern.

Ich muss schon sagen, dass mich seine Äußerung und insgesamt sein

wohlwollendes Verhalten irritierte. Ein Arzt und Gutachter, der sich

für meine Interessen einsetzte, das hatte ich hier nicht erwartet. Er plädierte

für eine Erwerbsminderungsrente auf die Dauer von zwei Jahren,

um mir jeglichen existenziellen Druck wegzunehmen, dies sei nach seiner

Auffassung die Voraussetzung für eine gute Heilung. Danach würde

man weitersehen. Ob ich wirklich eine komplette Schmerzfreiheit

erlangen würde, stellte er in Frage. Er nannte Beispiele von anderen

Patienten, denen es ähnlich wie mir erging, d.h. die nachhaltige, intensive

Schmerzen nach einer HWS-Operation hatten. Ob mich diese

Beispiele trösteten, weiß ich nicht, zumindest beruhigten sie mich,

dass ich nicht alleine bin mit nachhaltigen, intensiven Schmerzen.

Natürlich blieb zum Schluss eine eingehende neurologische Untersuchung

nicht aus. Beispielsweise wurde am Arm, an der Hand oder am

Fuß ein Wattestäbchen entlang gestreift mit der Frage, wo es intensiver

zu spüren sei, oder es wurde der Versuch mit dem berühmten Hämmerchen

am Knie durchgeführt, usw. Danach durfte ich gehen. Ich

verabschiedete mich von Dr. Sand und der Eindruck, den ich von ihm

mitnahm, ist der eines vertrauenswürdigen, kompetenten, kritischen

und dem Patienten zugewandten Arztes. Würde ich einen Psychiater

benötigen, so könnte ich mir vorstellen, eine Behandlung bei ihm

durchzuführen. Ich konnte die für mich wohlwollende Beurteilung

noch nicht als real ansehen, bevor diese in seinem Gutachten nicht

„schwarz auf weiß“ vorliegen würde.

136


45. In der Klinik für konservative Orthopädie

Am 18. August 2015 begann mein Klinikaufenthalt in der konservativen

Orthopädie bei Dr. Berg. Ich fand mich in seiner Abteilung um

9:00 Uhr ein und war gespannt, was mich hier erwartete. Da ich keine

großen Erwartungen hatte, ließ ich alles in Ruhe auf mich zukommen.

Ich wusste bereits von den Praxisbesuchen bei Dr. Berg, dass das Krankenhaus

ein sehr altes Gebäude war, in dem momentan Bauarbeiten

zur Sanierung durchgeführt wurden. Dies war auch nötig, hier gab es

wie früher noch Etagenduschen bzw. -toiletten und es waren fast nur

Dreibettzimmer mit Ausnahme der für Privatpatienten, die den Vorzug

eines Zweibettzimmers mit Nasszelle genießen konnten. Anders

ausgedrückt, Privatpatienten fanden das vor, was, denke ich, inzwischen

in allen Krankenhäusern auch für Kassenpatienten Standard ist.

Ich war, vor allem mit zunehmenden Klinikaufenthalten, dankbar, im

Besitz einer privaten Zusatzversicherung zu sein und lernte die Vorzüge

meines einfach ausgestatteten Krankenzimmers zu schätzen. Meine

Bettnachbarin hatte einen Bandscheibenvorfall an einem Lendenwirbel

und war bei meinem Eintreffen ziemlich an das Bett gebunden. Ich

freute mich, eine nette, freundliche und herzliche Mitpatientin anzutreffen,

und meine Befürchtung, mit jemandem das Zimmer teilen zu

müssen, bei dem es keine Gemeinsamkeiten gab, trat nicht ein. Im Gegenteil,

während ihrer gesamten Zeit im Krankenhaus verstanden wir

uns so gut, dass wir auch jetzt noch den Kontakt pflegen. Sie wohnte

in einer Nachbarortschaft und unser gegenseitiges Interesse und unsere

Zuneigung verbinden uns. Die Anwesenheit von Gabi tat meiner Seele

gut und erleichterte mir das Einleben und die kommenden tristen

Tage im Krankenhaus.

Nach dem üblichen Aufnahmeprozedere wurde ich eine Stunde später

bereits zur Eingangsuntersuchung erwartet. Zwei Ärzte, eine Physiotherapeutin

und eine Arzthelferin führten eine Befragung zu meinen

Schmerzen durch und es folgte eine gründliche Untersuchung. Auch

137


Vorerkrankungen schenkten sie intensive Aufmerksamkeit und nach

einer Blutuntersuchung, dem Legen einer Infusionsnadel und einem

aufgezeichneten EKG war der erste Tag, medizinisch gesehen, beendet.

So hatte ich die nötige Zeit, mich mit den Gegebenheiten des Hauses

vertraut zu machen und ließ mir von Gabi den Tagesablauf berichten.

Der Morgen des zweiten Tages begann, wie künftig jeden Morgen, mit

dem Verabreichen der Medikamente. Täglich um 5:00 Uhr brachte

die Nachtschwester die Tabletten und damit war die Nacht vorüber.

An ein Einschlafen war nicht mehr zu denken, bedingt durch das laute

Hin- und Hergehen und dem hektische Treiben im Korridor. Die

Schwestern erfüllten ihre morgendliche Pflicht und die ersten Patienten

machten sich auf den Weg zu den zwei einzigen Etagenduschen

bzw. zu den Toiletten. Um 7:00 Uhr gab es Frühstück, dieses wurde

in einem Speisesaal im Keller eingenommen. Für mich stellte sich

die Einnahme der Mahlzeiten als echtes Problem dar, waren doch die

Stühle exakt so, wie ich sie überhaupt nicht gebrauchen kann, d.h.

die Sitzfläche und die Stuhllehne nach hinten geneigt. Ich stellte sehr

schnell nach dem ersten Frühstück fest, dass ich bei deren Benutzung

sofort eine Schmerzattacke bekam und so machte ich es mir zur Gewohnheit,

nur noch an einem Stehtisch zu essen. Zugegeben, ich kam

mir anfänglich etwas als Außenseiter vor, saßen doch alle an Tischen

und kommunizierten miteinander, während ich alleine meine Mahlzeit

an einem Stehtisch einnahm und von oben auf die Gesellschaft

herabblickte. Als ich mit anderen Patienten und Patientinnen Kontakt

geschlossen und wir unsere gegenseitigen Krankheitsverläufe kennengelernt

hatten, gesellten sich Mitpatientinnen an meinen Stehtisch

und leisteten mir Gesellschaft.

Um 7:30 Uhr mussten wir bereits wieder oben auf Station sein. Mit

einer wärmenden Fangopackung im Bett warteten wir auf die tägliche

Visite. Ähnlich wie in der Schmerztagesklinik bekam jeder Patient einen

Behandlungsplan für die Tage des Aufenthaltes. Danach konnte

man sich orientieren welche Anwendungen und Behandlungen den

Tag über vorgesehen waren. Er sah täglich Bewegungstraining, als auch

138


physiotherapeutische Behandlungen vor. Erstaunlich war für mich,

dass von den vorgesehenen 30 Minuten Krankengymnastik auf meinem

Plan fast immer nur 15 Minuten am Patienten gearbeitet wurde.

Meine Physiotherapeutin kam regelmäßig mit einer Selbstverständlichkeit

zehn Minuten zu spät und verließ fünf Minuten früher den

Raum.

Eine Psychologin führte mit jedem Patienten während der gesamten

Aufenthaltsdauer zwei Gespräche von jeweils einer halben Stunde,

mehr sind nach ihrer eigenen Aussage nicht vorgesehen. Ich selbst hatte

nur ein einziges Fallgespräch, da, wie es die Psychologin nannte, ich

eine „gesunde und stabile Psyche“ hätte und somit erübrige sich eine

zweite Begegnung. Sie teilte mir des Weiteren mit, sie würde nach der

Anzahl der Fälle bezahlt werden und so wirklich Zeit hätte sie für den

einzelnen Patienten eigentlich nicht. Ihr Wissen über mich entnahm

sie einem Fragebogen. Aus diesem und unserer einmaligen Begegnung

resultierte ihre Einschätzung für meinen späteren Arztbrief. Eine psychologische

Hilfe und Unterstützung hatte keiner der Patienten erfahren,

mit denen ich gesprochen hatte.

46. Dr. Berg

Dr. Berg erklärte mir bei der ersten Visite, dass ich nun an drei Tagen

eine Infusion mit dem Wirkstoff Oxygesic (ein sehr starkes opioides

Schmerzmittel) angehängt bekäme, um die körpereigene Cortisonbildung

anzuregen. Kurz darauf, wie auch an den zwei Folgetagen, wurde

mir die Infusionsflasche gebracht und die Flüssigkeit verabreicht. Ich

merkte schon nach einer Stunde, dass mein Körper mit Schwindel und

Benommenheit darauf reagierte und verbrachte den zweiten Tag meines

Aufenthaltes vor mich hin schlummernd, fast lethargisch, im Bett.

Gabi erging es ähnlich.

Als ich am folgenden Tag Dr. Berg davon berichtete, wurden von ihm

139


zwei Tabletten, die zur Entspannung führen sollten, von meinem Medikamentenplan

abgesetzt mit der Bemerkung, diese wären sowieso

nicht notwendig. Er wollte aber seinem Oberarzt zunächst nicht widersprechen,

denn dieser verordne diese Tabletten sehr gerne. Zudem

erfolgte die Feststellung, die Flüssigkeit wäre zu schnell durchgelaufen,

deshalb der Schwindel. Die folgenden zwei Tage achtete ich deshalb

sehr genau auf die Einstellung der Infusion: nach jeweils sechs Stunden

war das Schmerzmittel durchgelaufen; im Vergleich zur ersten Flasche,

die nur zwei Stunden benötigte. Der Schwindel blieb, die Müdigkeit

besserte sich allerdings. Heute weiß ich, dass der Schwindel auf eine

Unverträglichkeit auf diesen starken Wirkstoff zurückzuführen war.

Als ich in die Klinik kam, war ich auf zwei bestimmte Schmerzmittel

eingestellt, mit einer Dosis von jeweils 300 mg täglich. Dr. Berg meinte,

er wolle die Tabletten mit dem Wirkstoff Oxygesic gegen andere

Ähnliche austauschen. Sollte ich bei Schmerzattacken eine Akut-Tablette

benötigen (sie beinhalte auch den vorgesehenen Wirkstoff) solle

ich mich bei einer Schwester melden. Da meine Schmerzspitzen regelmäßig

kamen, griff ich gerne auf dieses Angebot zurück. Ich spürte

bald, dass mein Magen und Darm aus dem Gleichgewicht kamen und

hatte mit Magenkrämpfen und Durchfall zu kämpfen. Dennoch fügte

ich mich den Anordnungen des Arztes im Glauben an eine Besserung

meiner Schmerzen. Nach einer Woche meinte Dr. Berg bei der Visite,

er wolle die Tablette, die hauptsächlich dem Kribbelgefühl entgegen

wirken sollte, absetzen. Die Begründung war, dass ich ja trotz deren

Einnahme das Ameisenrennen verspüren würde, was eigentlich bei

dieser Stärke nicht mehr sein dürfe. Hätte ich gewusst, mit welchen

Konsequenzen ich mit dieser Entscheidung für das Absetzen konfrontiert

werden würde, hätte ich nicht dazu eingewilligt.

Die deutsche Schmerzgesellschaft sieht vor, dass ein „Ausschleichen“,

wie das Herunterfahren der Medikamente auch genannt wird, auf

langsame Weise erfolgen muss, da es ansonsten zu heftigen Nebenerscheinungen

kommen kann, vergleichbar mit einem Drogenentzug.

Dies kann ich nur bestätigen: kalter Schweiß, Zittern, starke Magen-

140


schmerzen, Durchfall, Schwindel, sowie eine abnorme Müdigkeit sind

Beispiele dafür, wie sich das radikale Absetzen in den kommenden

Tagen und Wochen äußerte. Erst später, als ich wieder zuhause war

und mit meinem Hausarzt darüber sprach, klärte er mich auf, wie das

vernünftige Ausschleichen eines Medikamentes anzugehen ist.

Am siebten Tag war eine Infiltration der Halswirbelsäule vorgesehen.

Da ich ja bereits genügend solcher Eingriffe hinter mich gebracht hatte,

stand die Angst vor dem Setzen der Nadeln nicht mehr im Vordergrund,

eher die möglichen Folgen und Risiken, über die ich ja Bescheid

wusste. Im Vergleich zu allen früheren Infiltrationen musste ich

hier nur einmal bei der Krankenhausaufnahme unterschreiben, dass

ich mit den Spritzen und Infusionen im Rahmen der Behandlungen

einverstanden bin. Um welche Spritzen es sich tatsächlich handelte,

nahm ich erst zum Zeitpunkt des Geschehens wahr. Es gab dazu vorher

überhaupt kein aufklärendes Gespräch, welcher Wirkstoff injiziert

wird, auch keine Unterlagen zum Nachlesen und zur Aufklärung über

mögliche Folgen und Unverträglichkeiten. Auf meine Frage, in welcher

Facettenhöhe infiltriert werden würde, bekam ich, während ich

bereits auf der Liege zum Eingriff vorbereitet war, von Dr. Berg die

knappe Aussage, es würden heute alle HWS-Facetten auf einmal infiltriert.

Es wurden also zwölf Nadeln gesetzt und die entsprechenden

Schmerzen dazu muss ich, denke ich, kaum schildern. Der Eingriff

blieb jedoch ohne erkennbare Besserung.

Eine Woche später wurde eine weitere Infiltration durchgeführt. Auch

dieses Mal die gesamte HWS entlang, ebenso ohne Aufklärung und

ohne Erfolg. Hatte ich mir damals nicht bereits nach meiner zehnten

Infiltration vorgenommen, einem solchen Eingriff nicht mehr zuzustimmen

und diese Strapazen auf mich zu nehmen? Ich ärgerte mich

über mich selbst. Eine zusätzliche Infiltration in zwei Rückenmuskeln

nahm Dr. Berg spontan am achten Tag meines Aufenthaltes vor, nachdem

er mich schmerzerfüllt und verzweifelt an der Wand lehnend sah.

Er bat mich, mit in sein Sprechzimmer zu kommen und versuchte

mich zu deblockieren. Danach injizierte er das Betäubungsmittel. Wie-

141


der ohne Aufklärung, lediglich die Aufforderung, ganz ruhig liegen zu

bleiben, damit kein Loch in der Lunge entstehe, da ich ansonsten laut

seinen Worten einen „kleinen Ausflug auf die Intensivstation“ machen

würde.

Als sich gegen Wochenende keine Besserung meiner Schmerzen einstellen

wollte, bekam ich von Dr. Berg die Anweisung, ich möchte

das ganze Wochenende mich bitte ausruhen, um meine Muskeln und

meine Psyche zu entspannen. Meine Reaktion, dass sich in der Ruhe

meine Schmerzen verschlimmern würden, ignorierte er gänzlich. So

verbrachte ich das Wochenende überwiegend im Bett, was sich, wie

vorhersehbar, eher schmerzbildend als lindernd bemerkbar machte.

Ein MRT der Brustwirbelsäule mit Kontrastmittel sollte in der darauf

folgenden Woche Aufschluss bezüglich des Übergangs von der HWS

zur Brustwirbelsäule geben. Ich erspare mir hierzu jegliche Schilderung

meiner Panikzustände während der MRT-Aufnahmen. Es zeigten sich

diesbezüglich keine Hinweise über einen möglichen Schmerzzusammenhang.

Dr. Berg wollte mich erst dann aus der Klinik entlassen, wenn er sah,

dass seine Behandlung anschlug. Aus diesem Grund wollte er mir an

drei aufeinander folgenden Tagen intravenös hochdosiertes Cortison

geben. Mit meinem Zweifel, ich könnte darauf mit Sehstörungen reagieren,

wie ich es in der Vergangenheit bereits erfahren musste, wies

er zurück. Ich fühlte mich von ihm nicht ernst genommen. Leider bestätigte

sich hinterher meine Vermutung, es trat eine Verschlechterung

meiner Sehkraft ein.

Ich konfrontierte Dr. Berg mit der Frage, ob es sein könnte, dass es

sich bei mir in diesem Fall ähnlich verhielt wie bei meinen Zahnbehandlungen.

Für diese benötige ich oftmals die doppelte Stärke des

Betäubungsmittels, um eine Wirkung zu erzielen. Dies bestätigten mir

schon mehrere Zahnärzte. Er verneinte dies vehement, dies läge nur

daran, dass der jeweilige Zahnarzt nicht richtig an den Nerv gespritzt

hätte. Auf eine derartige Diskussion wollte ich mich nicht einlassen,

142


denn ich glaube kaum, dass die von unterschiedlichen Dentisten ausgeführten

Betäubungen nur deshalb keine Wirkung zeigten, weil diese

nicht exakt den Zahnnerv getroffen hatten.

Nach drei Tagen intravenöser Cortisongabe ohne erkennbaren Erfolg

erklärte mir Dr. Berg, er könne nichts mehr für mich tun, ich könne

die Klinik verlassen. Meine Schmerzen, so seine Ansicht, seien auf eine

Überbeweglichkeit der Halswirbelsäule zurückzuführen, er hätte noch

niemanden gesehen, der nach zwei Halswirbeloperationen so beweglich

wäre. Meine Muskeln im Hals- und Schulterbereich seien permanent

überfordert und würden die gesamte Tiefenmuskulatur samt den

entsprechenden Nerven so anspannen, dass ich unter Dauerspannung

stehen würde. Dagegen hilft hauptsächlich dauerhafte Physiotherapie

und das stundenweise Tragen einer Halsmanschette, damit die Muskeln

ruhig gestellt werden.

Jeder Physiotherapeut schüttelte im Nachhinein den Kopf, denn ein

weiteres Tragen der Halskrawatte hätte einen erneuten Muskelabbau

der Halsmuskeln bedeutet. Siebzehn Tage Krankenhausaufenthalt,

und es stellt sich mir die Frage, was habe ich davon eigentlich profitiert?

Fazit: Ich leide unter Entzugserscheinungen, bin auf ein Opiat

eingestellt, dessen Wirkstoff ich nicht vertrage und welches mir meine

Schmerzen nur wenig nimmt. Mein Körper wurde die vergangenen

Tagen mit „Chemiekeulen“ zugepumpt und ich habe erneute Infiltrationen

auf mich genommen, die ich eigentlich ablehne. Meine Sehstärke

hat durch die Cortisongabe abgenommen und ich habe erhebliche

Magen- Darm- sowie Kreislaufprobleme.

Ich habe nun die Bestätigung, dass ich eine gesunde Psyche habe und

weiter regelmäßig zur Physiotherapie muss, um meine Muskeln zu entspannen.

Allein die Sicherheit, dass meine Brustwirbelsäule in Ordnung

ist, gibt mir ein wirklich gutes Gefühl. Ich werde mich erneut

in die Schmerzambulanz begeben, um mich dort wieder von Grund

auf einstellen zu lassen, in der Hoffnung, wieder einen für mich verträglichen

Wirkstoff zu erhalten, der meinen Schmerzen einigermaßen

entgegenwirkt.

143


47. Volle Erwerbsminderungsrente auf Zeit

Noch während meines Klinikaufenthaltes bekam ich ein Schreiben

der Rentenversicherung, ich hätte Anspruch auf volle Erwerbsminderungsrente

auf Zeit. Der Brief erhielt die Aufforderung, ich solle mich

entscheiden über den Zeitpunkt des Beginns meiner Erwerbsminderungsrente,

entweder ab 1. Juni 2014 oder ab 1. Januar 2015.

Da meine Rehabilitationsmaßnahme im vergangenen Jahr ohne Erfolg

gewesen wären, hätte ich ab diesem Zeitpunkt bereits Anspruch.

Ich frage mich nun natürlich, warum eigentlich zuerst die Ablehnung,

dann der ganze Aufwand mit Widerspruchsverfahren etc., wenn ich

doch bereits nach meiner Reha berechtigt gewesen wäre, eine Erwerbsminderungsrente

anzutreten? Für mich als Patientin und Rentenversicherte

nicht nachvollziehbar. Worin der Unterschied und die Vor- und

Nachteile des jeweiligen Rentenbeginns lagen, ging aus diesem Schreiben

nicht hervor, nur die Frist, bis wann das Schreiben beantwortet

werden müsse. Ein Anruf bei der entsprechenden Stelle informierte

mich darüber, dass alle Zahlungen seitens der Krankenkasse bzw. des

Arbeitsamtes dagegen gerechnet werden würden. Auf Grund dieses

Sachverhaltes entschied ich mich für den 1. Januar 2015.

Ende September 2015 erhielt ich nun meinen Rentenbescheid mit der

Mitteilung, dass ich rückwirkend zum 1. Januar 2015 Rente wegen

voller Erwerbsminderung für die Dauer von zwei Jahren und acht Monaten

erhalten werde. Damit habe ich wieder einen Status, zwar nicht

unbedingt den, den ich als gesunde Person angestrebt hätte. Andererseits

nimmt es mir eine große psychische Last, meine momentane

finanzielle Grundsicherung geklärt zu wissen. Ein Durchatmen kann

diesbezüglich folgen und ich kann mich auf meine Genesung und persönliche

Neuorientierung konzentrieren.

144


48. Atempause

Nach dem vergangenen, ich würde fast behaupten “missglückten“

Krankenhausaufenthalt stand für mich jetzt Anfang September fest,

dass ich dringend eine Atempause von allen Ärzten und Krankenhäusern

benötigte. Ich wollte Abstand und musste mich erst wieder selbst

finden. Ich war nicht bereit, mich erneut auf unbekannte Therapien

und Ärzte einzulassen. Ich spürte den vorangegangenen Stress in meinem

Körper und wollte einfach nur zur Ruhe kommen. Trotz Schmerzen

verordnete ich mir selbst eine Ruhephase von allen Medizinern.

Außer meinem Hausarzt Dr. Renz und meinem Schmerztherapeuten

Dr. Rister wollte ich keinen Arzt mehr an meinen Körper heranlassen.

Ich suchte bis Mitte Dezember keine anderen Ärzte auf.

Wieder Zuhause stellte sich zudem sehr schnell heraus, dass das in

der Klinik erhaltene und von Dr. Berg empfohlene Opiat für mich

gänzlich ungeeignet war. Ich hatte ein ganztägiges Schwindelgefühl,

die Schmerzen wollten nicht aufhören, ich litt unter starker Müdigkeit

und hatte nach wie vor heftige Bauchschmerzen und Durchfall. Da

ich vierzehn Tage Vorlauf benötigte, um einen Termin bei Dr. Rister,

dem Leiter der Schmerzambulanz, zu erhalten, ging ich zu meinem

Hausarzt, um dort Rat für meine Medikamenteneinnahme zu suchen.

Dieser bot mir ein Schmerzpflaster mit einem anderen Wirkstoff in

geringer Stärke an, bis ich wieder Rücksprache mit der Schmerzambulanz

nehmen könnte. Als Alternative, so der Vorschlag von Dr. Renz,

könne ich es mal damit probieren, ein Schmerzpflaster sei sicher verträglicher

und ging nicht über den Magen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt

keine andere Wahl und ließ mich darauf ein. Am Abend klebte

ich mir das Pflaster auf die Haut. In der Nacht erwachte ich mit Übelkeit

und am nächsten Morgen war mir fürchterlich elend. Ich erbrach,

hatte Kopfschmerzen und einen übermäßigen Hirndruck, wie ich es in

dieser Form nie zuvor kannte. Es war mir unmöglich aufzustehen und

alles drehte sich im Kreis. Dazu kam nach wie vor anhaltende Übelkeit

und Erbrechen. Mein erste Gedanke für die Ursache meines schlechten

145


Zustandes galt dem Schmerzpflaster; ich entfernte es umgehend.

Die Schwäche zog sich über den gesamten Tag hin und ich erinnere

mich nur mit großem Unbehagen an diesen Tag. Ich habe seither großen

Respekt vor Schmerzpflastern und vor Medikamenten, die einen

mir nicht bekannten Wirkstoff enthalten. Als ich vierzehn Tage später

mit Dr.Rister, meinem Schmerztherapeuten, sprach, bestätigte dieser

meine Unverträglichkeit gegenüber diesem Medikament.

Seit September fahre ich nun regelmäßig, nach gewissen Abständen,

zur Schmerzambulanz. Ich wurde dort auf ein Opiat mit einem anderen,

mir verträglichen Wirkstoff eingestellt und ich muss zugeben,

dass es mich nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen große

Überwindung gekostet hat, mich nochmals auf ein neues Präparat einzulassen.

Meine Befürchtungen jedoch haben sich nicht bestätigt, ich

vertrage es gut, und es hilft mir zumindest zeitweise, wenn ich nicht

in einer ungünstigen Position verharre, meine Schmerzen nur noch

dumpf wahrzunehmen. Übrigens wurde ich zwischenzeitlich auch

wieder von Dr. Rister auf das Medikament eingestellt, dass mir Dr.

Berg in seiner Klinik entzog. Zudem wurde mir von ihm bestätigt,

dass mein Körper Opiate sehr schnell abbaut und ich deshalb mehr

und eine höhere Dosierung als andere Patienten benötige. Um eine

Krankheit bzw. ein Versagen von Leber und Nieren auf Grund der

starken Medikation auszuschließen, gehe ich regelmäßig alle vier bis

sechs Wochen zur Blutabnahme.

Im Oktober erhielt ich erneut ein Rezept für Physiotherapie. Nach

vielen Überlegungen und einigen Empfehlungen entschloss ich mich

schweren Herzens, meinen Physiotherapeuten zu wechseln. Vielleicht

böte sich ja hier eine andere Perspektive und ein anderer Ansatz zur

Behandlung, die dann letztendlich zum Erfolg, sprich zur Besserung

meiner gesundheitlichen Lage und damit zur Heilung führen könnte.

Bei meinem ersten Besuch stellte ich fest, dass ich mich in dieser Praxis

wohl fühle und in sie Vertrauen fassen kann. Die Physiotherapeuten

sind alle bemüht, sich auf mich und meine Krankheit einzulassen und

146


ieten andere Behandlungsmöglichkeiten und Ansätze an: alternative

Behandlungsmethoden aus der Osteopathie, Ohrakupunktur oder Laserakupunktur.

Diese hatte ich bislang nicht erfahren. Zwischenzeitlich

werde ich von Tom behandelt und ich fühle mich bei ihm genau

in den richtigen Händen. Ich suche ihn einmal wöchentlich auf. Nach

meinem Ärztemarathon bin ich bedacht, auf mein seelisches Gleichgewicht

zu achten. Deshalb achte ich darauf, dass ich mich nicht zu sehr

mit Terminen wie Arztbesuche oder Physiotherapie einenge.

49. Das Upright-MRT

Mitte Dezember machte ich mich auf den Weg zu Prof. Dr. Seiber, um

den bei ihm im Juni vereinbarten Termin wahrzunehmen, sollten sich

meine Beschwerden nicht zum Positiven wenden. Ich meldete mich

beim Empfang an. Wie ich zuvor bereits im Auto mit meinem Mann

beim Gespräch befürchtete, erhielt ich von einer freundlichen Dame

die Nachricht, dass sich der Professor leider im Operationssaal befand

und deshalb die Sprechstunde heute leider von einem anderen, mir

nicht bekannten Arzt abgehalten würde. Ich erklärte ihr, dass ich nicht

bereit und willens sei, zu diesem Arzt zu gehen. Ich begründete dies

damit, dass Prof. Dr. Seiber meine Krankengeschichte kenne und mich

zweimal operiert hätte. Ich wäre gerne bereit auf ihn zu warten, bis er

Zeit hätte, mit mir zu sprechen. Sie führte daraufhin ein Telefonat;

danach meinte sie, es könnte allerdings bis Mittag dauern, aber Prof.

Dr. Seiber wäre dann bereit, sich Zeit für mich zu nehmen.

Ich hatte mich bereits auf „Warten“ eingestellt und darum war ich mit

ausreichendem Lesestoff versorgt, so dass es für mich relativ kurzweilig

wurde, bis ich ins Sprechzimmer gebeten wurde. Dort empfing mich

Professor Dr. Seiber. Im Hintergrund befand sich ein Herr, der sich

als Freund und Neurochirurg vorstellte. Nachdem wir geklärt hatten,

dass ich seiner Anwesenheit zustimmte, berichtete ich. Prof. Dr. Seiber

vom vergangenen halben Jahr und meiner unveränderten Lage.

147


Er gab zu, hier an einem Punkt angelangt zu sein, an dem er mir zwar

meine Schmerzen abnahm, aber keine Ursache dafür wüsste. Alles sei

soweit ordentlich verheilt, so seine Einschätzung. Allerdings kam ihm

der Gedanke eines Upright-MRTs. Dieses wäre teuer und nicht in der

Krankenkassenleistung enthalten, deshalb müsste es zuvor von meiner

Krankenkasse genehmigt werden. Er sei sich aber sicher, dass auf

Grund meiner besonderen Situation dies sich nicht als Problem gestalten

würde.

Ein Upright-MRT kann nur in einer speziell dafür vorgesehenen Praxis,

die es in Deutschland nur wenige Male gibt, gemacht werden.

Während der gesamten Aufzeichnungsdauer werden die Aufnahmen

in einem offenen Gerät im Stehen und Sitzen durchgeführt. Prof. Dr.

Seiber betonte, dass er normalerweise von dieser Art einer Aufnahme

nicht Gebrauch machen würde, aber in meinem speziellen Fall wäre

das eine gute Möglichkeit, um ein Bild der Wirbelsäule im Stehen und

im Liegen zu erhalten.

Am selben Tag wollte er zugleich Aufnahmen meiner Wirbelsäule mit

einem herkömmlichen MRT, also liegend, so dass sich dann unterschiedliche

Bildgebungen in unterschiedlichen Positionen ergaben. Er

hoffe darauf, mit diesen Bildern doch endlich Aufschluss darüber zu

bekommen, was meine Schmerzen auslösen würde. Prof. Dr. Seiber

diktierte in meiner Anwesenheit den Arztbrief mit der Begründung.

Meine Aufgabe war es nun, dieses Schreiben der Krankenkasse zur Genehmigung

vorzulegen. Wir verabschiedeten uns mit der Zusicherung,

sollte es genehmigt werden, dass er mir dann die weiteren Schritte erklären

würde, die für ein Upright-MRT zu tun sind. Anschließend

ging ich noch kurz ins Sekretariat um mich zu erkundigen, wann ich

mit dem Eingang des diktierten Briefes zu rechnen hätte. Die Sekretärin

seufzte und meinte, sie hätten krankheitsbedingt Personalmangel,

aber er würde sicherlich in den nächsten Tagen eintreffen. Es wurde

Weihnachten, das Ende des Jahres 2015 stand bevor, ich erhielt keinen

Arztbrief.

148


Das neue Jahr 2016 hatte begonnen und nach drei Wochen erhielt

ich endlich Post mit den erwarteten Arztbrief. Mein Mann und ich

machten uns sofort auf den Weg und statteten der Krankenkasse einen

Besuch ab. Wir erhofften, die Genehmigung für das notwendige

MRT zu erhalten. Es wäre jedoch zu einfach gewesen, einer unkomplizierten

Genehmigung entgegenzublicken. Der Sachbearbeiter meiner

zuständigen Krankenkasse verhielt sich unsicher, gab sich unwissend,

sah aber ein großes Problem in einer Zustimmung. Er müsse zunächst

darüber informiert werden, was die erforderlichen Aufnahmen kosten

würden und außerdem sah er keinen Sinn in einer derartigen Aufzeichnung,

wenn ich doch eigentlich „austherapiert“ wäre. Des Weiteren

sei es für ihn von großer Wichtigkeit zu wissen, ob die Aufnahmen

ambulant oder stationär durchgeführt werden würden. Das vorgelegte

Schreiben, so seine Auffassung, beinhalte keine ausreichende Information

über die Gründe und die Notwendigkeit für ein Upright-MRT. Er

forderte mich auf, ihm einen Kostenvoranschlag für ein Upright-MRT

vorzulegen und nach seinen Worten einen „erneuten exakt ausgeführten

Arztbrief“ von Prof. Dr. Seiber anzufordern.

Ich möchte hierbei anmerken: Weder machte sich der Angestellte der

Krankenkassenfiliale die Mühe, meine Krankendaten und Fakten aus

dem Computer abzurufen, noch sich über ein Upright-MRT zu informieren,

um was es sich eigentlich bei diesem speziellen MRT handelt.

Stattdessen erhielt ich von ihm den Auftrag, Informationen über die

Kosten einer solchen Aufnahme einzuholen. Ich war ziemlich verärgert,

da ich der Meinung war, dass der Arztbrief eigentlich alle wichtigen

Details beinhalte und beschloss deshalb, auch keinen anderen

bei Prof. Dr. Seiber anzufordern. Das hätte für mich wieder erneutes

Warten bedeutet, bis dieser bei mir eintreffen würde und zudem wäre

unnötig Zeit verstrichen. Außerdem war ich, wie erwähnt, der Meinung,

dass dieses Schreiben alle notwendigen Informationen enthielt.

Bei drei verschiedenen radiologischen Praxen Deutschlands forderte

ich Kostenvoranschläge an und verfasste einen Brief an meine Krankenkasse

mit der Bitte um Genehmigung. Als Anhang heftete ich das

149


Schreiben von Prof. Dr. Seiber und die drei Kostenvoranschläge bei.

Das Ganze schickte ich an die Zentrale meiner Krankenkasse. Eigentlich

war ich schon etwas verwundert, dass es meine Aufgabe war, mich

um einen Kostenvoranschlag zu kümmern. Auf diese Art und Weise

ersparte sich die Kasse den zeitlichen Aufwand und wenn Patienten

verärgert sind, geben sie sich vielleicht langfristig geschlagen; auch eine

Methode, mit dem Ganzen umzugehen, dachte ich mir.

Drei Tage später erhielt ich einen Anruf der Krankenkasse mit der Bitte

um etwas Geduld bezüglich der Genehmigung des Upright-MRTs.

Die freundliche, zuständige Sachbearbeiterin informierte mich darüber,

dass sie mein Anliegen schnell bearbeiten wolle und es im Eilverfahren

an den Medizinischen Dienst weiterleiten würde. Zwei Wochen

später lag ein Schreiben von meiner Krankenkasse in meinem Briefkasten,

dass der Medizinische Dienst Unterlagen von der Klinik, in der

ich operiert wurde, anfordern wollte. Sie erklärte sich dazu nicht bereit

ohne mein Einverständnis. Im Anhang war ein Formular zur Einwilligung

in die Aushändigung der Unterlagen, welches ich unterzeichnen

und postwendend zurücksenden sollte.

Auf dem Weg zur Post überlegte ich mir, dass dies nun für mich erneut

eine weitere Verzögerung bedeutete. Man stelle sich vor: Es vergehen

Tage, Wochen, ja inzwischen Monate, nur für eine simple Genehmigung

eines zwar außergewöhnlichen, aber erforderlichen MRTs. Inzwischen

zeigte der Kalender Mitte Februar und es geschah nichts.

Meine Schmerzen änderten sich nicht und ich übte mich weiter im

Warten und in Geduld. Dann zwei Tage später ein Anruf der Klinik,

es sei für sie unverständlich, weshalb sie die gesamten Unterlagen dem

Medizinischen Dienst zur Verfügung stellen sollten, es wären doch

Arztbriefe und der gesamte Krankheitsverlauf samt Operationen und

Therapien der Krankenkasse soweit bekannt. Ich bat sie trotzdem, ihnen

alle erforderlichen Unterlagen zukommen zu lassen und wir einigten

uns darauf, dass eigentlich ein Gespräch zwischen Prof. Dr. Seiber

und dem Arzt des Medizinischen Dienstes die beste Möglichkeit sei,

zur Klärung der Wichtigkeit eines des MRTs beizutragen.

150


Am 13. Februar erhielt ich die nächste Nachricht meiner Krankenkasse,

dass sie mich weiterhin um Geduld und Verständnis bitte, die

Unterlagen der Klinik seien nun endlich vollständig beim Medizinischen

Dienst eingegangen und die Genehmigung meines Anliegens

würde nun leider doch mehr als fünf Wochen in Anspruch nehmen.

In meinen Gedanken registrierte ich: Die Angelegenheit befand sich

bereits in der sechsten Woche! Mit der Zuversicht, dass mein Antrag

in Bearbeitung sei und mit freundlichen Grüßen endete auch dieses

Schreiben, allerdings ohne konkreten Inhalt. Ich spürte Aggression

in mir aufkommen. Es verging kein Tag ohne Schmerzen. Ich griff

zum Telefon und rief bei meiner Krankenkasse an. Ich erklärte dem

Herrn am Ende der Leitung, dass ich unerträgliche Schmerzen hätte

und etwas passieren müsse. Wenn ich zum momentanen Zeitpunkt

allerdings einen Arzt aufsuchen würde, werde dieser mit Sicherheit ein

MRT anfordern. Das wiederum wäre unangebracht, sollte ich die Zustimmung

für das Upright-MRT bekommen.

Es stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner auch dieses Mal der

Angestellte war, mit dem ich bereits verhandelt hatte, und dieser sich an

mich erinnerte. Das war zwar nett, aber es brachte mich nicht weiter.

Er gab an, Verständnis für meine Anliegen zu haben (was ich bezweifelte)

und riet, mich mit dem Medizinischen Dienst in Verbindung zu

setzen. Ihm solle ich meine missliche Lage erklären. Meine Bitte, dass

er dort selbst als Vertreter meiner Krankenkasse anrufen solle, lehnte

er ab und meinen Zweifeln, dort als ungeduldiger Patient eingestuft

zu werden, widersprach er. Ich wählte die Nummer des Medizinischen

Dienstes und es trat genau das ein, was ich in meinen Gedanken befürchtet

hatte: Mein Gegenüber in der Telefonleitung forderte mich

auf, nicht so ungeduldig zu sein. Hier würde jeder Antrag der Reihe

nach bearbeitet werden und es gäbe weitaus schlimmere Fälle als meiner,

da ginge es oft um Leben und Tod. Genauso hatte ich mir dieses

Gespräch vorgestellt. Das Schlimmste war, ich konnte wirklich nichts

anderes unternehmen als abzuwarten.

Es wurde Ende Februar, bis ich endlich das Schreiben mit der Nach-

151


icht über die Entscheidung des Medizinischen Dienstes in den Händen

halten durfte. Ich muss gestehen, dass der Inhalt dieser Nachricht

mich in Aufregung versetzte. Sie enthielt eine Ablehnung meines Antrages

für eine Magnetresonanz-Tomographie- Untersuchung in einem

Upright-MRT-Gerät mit der Begründung, dass dies aus sozialmedizinischer

Sicht nicht indiziert wäre. Die Krankenkasse sei an enge Regelungen

gebunden, die auch Ausnahmeentscheidungen nicht erlauben

würden. Ich solle mich an meinen Arzt wenden, um das weitere therapeutische

Vorgehen abzustimmen. Wenn ich mit dieser Entscheidung

nicht einverstanden wäre, könne ich allerdings innerhalb eines Monats

nach Bekanntgabe des Bescheides Widerspruch einlegen.

Ich fühlte mich machtlos, nicht verstanden und sehr klein gegen den

Rest der Welt. Ich wusste, bevor ich handelte brauchte ich zuerst Zeit

zum Nachdenken, um meinen Emotionen Lauf zu lassen und um mir

darüber klar zu werden, welche Möglichkeiten sich mir noch boten,

gegen diesen Bescheid anzugehen. Ich sendete Prof. Dr. Seiber eine

Kopie des Bescheides zu, der mir daraufhin erneut in einem Brief an

die Krankenkasse einige Zeilen über die Notwendigkeit der Aufnahmen

bestätigte. Anfang März suchte ich den Sozialverband auf, der

mich ja bereits in meiner Rentenangelegenheit erfolgreich vertreten

hatte. Ich versuchte ihm die Sachlage transparent zu machen und erteilte

ihm meine Vollmacht, Widerspruch gegen das Schreiben der

Krankenkasse einzulegen. Mit einem Termin zum Besprechen der

Widerspruchsgründe trat ich dort aus der Türe und verspürte einen

Hauch von Hoffnung, eventuell damit etwas erreichen zu können.

Ostern war in diesem Jahr sehr zeitig. Ich versuchte, mich wie immer,

wenn ich schlechten Nachrichten hatte, abzulenken. Es waren

die Vorbereitungen auf die bevorstehenden Feiertage, die ich im Fokus

hatte, als am Mittwoch in der Karwoche ein Telefonanruf aus dem

Sozialverband mich aus meinem Tun riss: sie hätten meinen Termin

gestrichen, ich würde ihn nicht benötigen. Alles, was darüber zu sagen

wäre, erhielte ich in einem Schreiben. Ich war erstaunt und verwundert

über die kurz angebundene Aussage und es gelang mir nicht, diese

152


einzustufen. Schon bereits am nächsten Tag erhielt ich das Schreiben

und damit die Antwort auf meine Frage. In dem Brief bezog sich der

Sozialverband auf die Ablehnung des Widerspruchs des Medizinischen

Dienstes der Krankenkasse: Es würden keine wissenschaftlich fundierten

Untersuchungen vorliegen, die einen klaren Vorteil in der Entdeckung

von Pathologien in diesem Wirbelsäulenbereich zeigen; d.h.

es existiert derzeit keine wissenschaftlich valide Bewertung einer Notwendigkeit

einer Untersuchung durch ein Upright-MRT. Die weitere

Aussage des Gutachters war, dass ich nun zwei Möglichkeiten hätte:

Eine Rücknahme des Widerspruchs, das dazu benötigte Schreiben läge

bereits als Anhang bei. Ich könnte aber auch eine ärztliche Bestätigung

einreichen, das dem Gutachten widerspricht, also eine Bestätigung,

dass nur mit diesem Gerät eine Untersuchung möglich wäre.

Ich beschloss, die Dinge nun selbst in die Hand zu nehmen und verfasste

eine dreiseitige Begründung meines Widerspruchs. In ihm zählte

ich alle Therapien und Untersuchungen, sowie Maßnahmen während

meiner gesamten Krankengeschichte auf. Zusammen mit dem Schreiben

von Prof. Dr. Seiber brachte ich es, um den Vorgang zu beschleunigen,

persönlich zur Krankenkasse. Der Kalender zeigte mittlerweile

den 3. April 2016.

Ich wartete ganze sechs Wochen auf eine Reaktion der Krankenkasse

bzw. auf eine Antwort des Medizinischen Dienstes. Meine Schmerzen

waren zwischenzeitlich so stark, dass ich trotz der regelmäßigen Einnahme

des Opiates beim Sitzen vor Schmerzen aufstehen musste und

mir das Stehen fast unmöglich war. Es gab Tage, an denen ich Stunden

im Liegen verbrachte. So wagte ich einen schüchternen Anruf beim

zuständigen Sachbearbeiter der Krankenkasse und erhielt als Antwort,

mein Anliegen sei in Bearbeitung, am 19. Mai sei mein Widerspruchsschreiben

beim Medizinischen Dienst eingegangen. Mir fehlten die

Worte: sechs Wochen bis zum Eingang! Ich mochte mir nicht vorstellen,

wie lange die Zeit bis zur Bearbeitung meines Schreibens noch

dauern würde!

153


Die Konsequenz daraus veranlasste mich nun jeweils eine E-Mail an

die Zentralen der Krankenkasse und des MDK zu senden, um nachzuhaken,

wann denn mit einer Entscheidung zu rechnen sei. Von der

Krankenkasse erhielt ich die Antwort, dass mein Widerspruch noch

nicht bearbeitet wäre, da der MDK in Verzug sei und erst die Monate

März u. April abarbeiten müsse. Inzwischen war es Juni, und für mich

hieß dies ganz klar, dass ein Plan B nun für mich in Kraft treten muss.

50. Plan „B“

Ein halbes Jahr warten für eine offene Entscheidung, das setzte in mir

einen Tatendrang in Kraft, den ich, wenn ich über die vergangenen

Monate reflektiere, schon wesentlich früher hätte aktivieren sollen.

Letztendlich ausschlaggebend für meine erneute Aktivität war ein Besuch

bei meiner erkrankten Mutter. Nachdem wir eine vierstündige

Autofahrt hinter uns gebracht hatten, besuchten wir sie im Krankenhaus

und verbrachten dort einige Stunden mit ihr. Der restliche Tag

war mit der Organisation, wie es nach ihrem Krankenhausaufenthalt

weiter gehen sollte, verplant. Den ganzen Tag über quälte ich mich

bereits mit Schmerzen und nahm zusätzlich Akuttabletten ein. Abends

wollten wir in einem griechischen Restaurant gemütlich den Tag ausklingen

lassen und entspannen. Schon nach der Bestellung der Speisen

steigerten sich die Schmerzen so sehr, dass ich anfing, im Restaurant

Runden zu gehen, um dem Schmerz etwas an Stärke zu nehmen. Es

war mir unmöglich, ruhig zu sitzen, geschweige denn mein inzwischen

serviertes Essen mit Genuss zu verspeisen. Kaum hatte mein Mann

Max seinen letzten Bissen vom Teller gegessen, ich hatte zwischenzeitlich

die Rechnung beglichen, verließen wir nahezu fluchtartig das

Lokal. Dieser Abend war für uns Anlass zum Gespräch über die weitere

Vorgehensweise, denn so konnte es jedenfalls nicht weitergehen,

irgend etwas musste passieren.

Ich vereinbarte wieder einmal einen Termin bei meinem Hausarzt.

154


Wir überlegten zusammen weitere Optionen, die ich während meiner

„Warteposition“ auf das Upright-MRT unternehmen könnte. Er

verschrieb mir MRTs für die Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule,

um wirklich auszuschließen, dass kein erneuter sichtbarer Bandscheibenvorfall

mein Leiden verursachte. In einer E-Mail bat ich Prof. Dr.

Seiber, den Professor, der mich operiert hatte, um einen zeitnahen Termin.

Um mir eine Zweiteinschätzung einzuholen und um mehr über

eine alternative Schmerztherapie zu erfahren, vereinbarten wir einen

Termin bei einem 300 km entfernten, mir empfohlenen Neurochirurgen

und Schmerztherapeuten. Nach meinen Informationen, bot er

ein relativ neues Verfahren zur Behandlung chronischer Schmerzen an.

Zwei Wochen später rief mich die Mitarbeiterin des Sozialverbandes

an und teilte mir mit, dass ich nun zum zweiten Mal die Ablehnung

des Upright-MRTs erhalten habe. Sie wollte das Begründungsschreiben

anfordern: Die Krankenkasse wollte es ihr aus nicht nachvollziehbaren

Gründen, trotz vorliegender Vollmacht, nicht aushändigen und

ihr den Inhalt transparent machen. So forderte ich die Unterlagen an,

las die nahezu verwaschene Begründung und ärgerte mich, dass ich

nicht schon früher gehandelt hatte und ein halbes Jahr mit Schmerzen

ins Land gegangen war, ohne dass eine Nachforschung bzw. Erklärung

der Schmerzursache gefunden wurde.

Ich vereinbarte Termine für die MRTs und erhielt tatsächlich noch

welche, bevor

ich Professor Dr. Seiber aufsuchte, wenngleich sie in verschiedenen

Praxen durchgeführt wurden. Für mich hieß es nun tapfer zu sein,

denn was der Vorgang einer Aufzeichnung für mich bedeutete, muss

ich nicht näher ausführen. Wie immer, mit schlimmen Vorstellungen

und Panik, suchte ich die Praxis für Radiologie auf. Nachdem eine

nette Dame mir den Hinweis gab, dass ich bereits beim Einfahren in

die Röhre die Augen geschlossen halten und sie erst wieder nach dem

Herausfahren öffnen solle, gelang es mir, das MRT der Halswirbelsäule

so einigermaßen ohne Panikattacken zu überstehen. Ich war sehr zu-

155


frieden mit mir, voller Stolz verließ ich die Kabine um zu hören, was

mir der Arzt über die Aufzeichnung berichten würde. Bei den Aufnahmen

der Brust- und Lendenwirbelsäule folgte ich gleicherweise diesem

Rat und so überstand ich auch diese tatsächlich ohne weitere Angstvorstellungen.

Einen Vorteil hatte die häufige Anfertigung meiner MRTs, ich habe

inzwischen erreicht, dass ich zwar immer noch ungern, aber ohne

Schweißtropfen auf der Stirn, feuchte Hände und vorherigen Alpträumen

in die Röhre gehen kann. Fasse ich den Bericht der Radiologen

über den Zustand meiner Wirbelsäule zusammen, so ergab sich kein

neuer Befund. Die Lendenwirbel zeigen Abnützungen, die Brustwirbelsäule

zeigt eine leichte Skoliose (eine Verdrehung der Wirbel), und

die Halswirbelsäule hatte keine Auffälligkeiten. Ich war froh und erleichtert,

keine krankhaften Zeichen zu finden und gleichzeitig frustriert,

dass sich kein Ansatz für die Schmerzursache bot.

51. Rückenmarkstimulation

Mitte Juli machten sich mein Mann und ich um fünf Uhr morgens auf

den Weg zu Dr. Tonson, um uns über die Möglichkeit, sowie die Verfahrensweise

seiner besonderen Schmerzbehandlung zu informieren.

Die Anfahrt, 300 km, verlief ohne weitere Staus, so dass wir pünktlich

das Klinikum erreichten, in dem Dr. Tonson praktiziert. Nach der Anmeldung

hatten wir noch ausreichend Zeit, um uns in der Cafeteria an

einem Cappuccino zu erfreuen, den wir dringend nach dem zeitigen

Aufstehen am Morgen und der langen Anfahrt nötig hatten. Nach kurzem

Aufenthalt im Wartebereich saßen wir schon im Sprechzimmer

Dr. Tonson gegenüber.

Ich sah einen freundlichen Herrn mit Krawatte und blütenweißem

Kittel, der sich nach dem Grund meiner Anwesenheit erkundigte.

Ich übergab ihm meine Operationsberichte und erzählte von meiner

156


dreijährigen Suche nach der Ursache der Schmerzen und den Therapien,

die bislang keine große Wirkung zeigen wollten. Des Weiteren

berichtete ich ihm von der Art meiner chronischen Schmerzen, meiner

Schmerzintensität, der Schmerzqualität und meiner derzeitigen Medikamenteneinstellung.

Dr. Tonson hörte sich alles aufmerksam an. Es folgte ein kurzer neurologischer

Check: Hände nach vorne halten, dagegen drücken, usw.

Mit den Worten “Sie sind gesund“ endete diese kurze Untersuchung.

Danach versuchte er mir verständlich zu machen, welche Optionen

sich mir böten. Eine weitere Operation wäre derzeit nicht sinnvoll,

warum sollte man auch einen Eingriff vornehmen, wenn die Ursache

meines Leidens noch nicht geklärt war? Um schnelle Hilfe zu erhalten

und von meiner Medikamentenabhängigkeit weg zu kommen würde

er vorschlagen, entlang des Rückenmarks eine Elektrode einzuschieben,

vergleichbar mit einem Draht von 1,5 mm Stärke. Diese würde

genau an den Schmerzpunkt gesetzt und mit Strom versorgt. Das Kabel

könnte an der Hüfte zunächst seitlich ausgeleitet und mit einem

externen Kästchen, dem sogen. Neurostimulationsgerät, verbunden

werden. Dieses versorge die Elektrode mit Strom. Dabei würden elektrische

Schläge an ausgewählte Nervenenden gesandt und somit der

Weg der Schmerzsignale zum Gehirn unterbrochen. Seine Begründung

für diese Vorgehensweise war: Schmerzen sind eine Reaktion auf

Signale, die von einer Schmerzquelle durch die vorhandenen Nerven

im Rückenmark zum Gehirn gesendet werden.

Dies alles geschähe unter Narkose, so seine weitere Erläuterung. Der

Patient nimmt die Impulse als angenehmes Kribbeln wahr. Nachdem

der Patient die kommenden drei Tage im Krankenhaus individuell

auf eine schwache, elektrische Energieversorgung eingestellt wäre und

den Umgang und die Handhabung des Gerätes erlernt habe, dürfe er

für zwei Wochen nach Hause. Dort sollte er ein ganz normales Leben

führen. Wenn er in dieser Zeit dauerhaft eine Schmerzlinderung bzw.

Schmerzverringerung verspüre, wird nach vierzehn Tagen Erprobung

ein kleines Neurostimulationsgerät im Bereich der Hüfte, hinten oder

157


seitlich implantiert. Viele Patienten würden danach innerhalb kurzer

Zeit von einem schnellen Schmerz- und Medikamentenrückgang berichten.

Mit einer Art Fernbedienung kann sich der Patient die Intensität

der Stromimpulse einstellen bzw. das Gerät an- oder ausschalten.

Nach ca. zehn Jahren würde die Batterie ausgetauscht werden müssen,

was dann einen erneuten minimalinvasiven Eingriff bedeutet. Einziger

Nachteil sei, so die Antwort auf meine Frage, dass mit dem Draht im

Körper kein MRT mehr angefertigt werden könne.

Diese Behandlung nennt sich SCS und bedeutet „Spinal Cord Stimulation“.

Der Vergleich mit einem Herzschrittmacher ist angebracht.

Der Neurostimulator ist aber im klassischen Sinne kein Heilmittel.

Chronische Schmerzpatienten haben gute Chancen für eine erfolgreiche

Therapie. Dr. Tonson schlug vor, einen baldigen Termin für den

erforderlichen Krankenhausaufenthalt zu wählen und schon stand ich

für den SCS-Eingriff am 24.August in einer Spalte seines Terminplaners.

Absagen, so seine Auffassung, könne man immer noch. Ich willigte

ein, allerdings mit keinem guten Gefühl. Danach verabschiedeten

wir uns. Dr. Tonson hatte mich von seinem Können und von der Idee

des SCS überzeugt; je mehr ich allerdings in mich ging um darüber

nachzudenken, desto mehr fehlte mir das gewisse Etwas, um wirklich

diesem Eingriff aus Überzeugung zustimmen zu können. Hätte ich es

an diesem Tag definieren müssen, was mich vor der Rückenmark-Stimulation

zurückschrecken ließ, ich hätte es nicht in Worte fassen können,

denn eigentlich erschien mir alles logisch und nachvollziehbar.

Mit vielen Fragen, Eindrücken und Abwägungen kamen Max und ich

zu Hause an. Im Internet suchte ich nach Erfahrungsberichten anderer

Schmerzpatienten mit SCS. Dort fand ich teilweise Antworten auf

meine Fragen und auf die Überlegung, welche Nachteile und Gefahren

letztendlich eine SCS-Therapie haben kann. Ich las von Berichten,

wo das implantierte Kästchen störte und als unangenehm empfunden

wurde. Patienten erzählten, dass der Draht verrutschen kann und deshalb

schnelle, ruckartige Bewegungen vermieden werden sollten. Eine

Frau erzählte, sie hätte eine Störung der Stromversorgung erlebt. Es

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wurde empfohlen, sich von starken Magnetfeldern fern zu halten. Fazit

aus diesen Erfahrungswerten: Trotzdem würden sich alle Patienten

immer wieder dafür entscheiden.

52. Bekanntschaft mit Dr. Kammerer

Am darauf folgenden Mittwoch hatte ich eine Vorstellung im Städtischen

Klinikum in einer nahe gelegenen Stadt. Ich war bei meinen

Recherchen durch Zufall auf Dr. Kammerer gestoßen, der ebenso wie

Dr. Tonson SCS-Therapien vornahm. Das machte mich neugierig.

Dr. Kammerer ließ sich all meine Arztbriefe und Unterlagen zeigen

und war über eine halbe Stunde mit deren Durchsicht beschäftigt. In

Anbetracht der Dicke meines Ordners war es erstaunlich, wie intensiv

er sich in meine Krankengeschichte einarbeitete. Mein Mann und

ich geduldeten uns derweil draußen im Wartebereich. Als wir gerufen

wurden, stellte er sich vor und meinte gleich zu Beginn seiner Vorstellung,

den meisten Aufschluss hätte ihm meine Schmerzbeschreibung

gegeben, die im Ordner abgeheftet war. Er entnähme aus dem Unterlagen,

dass alle Orthopäden bislang nur überwiesen hätten, aber niemals

eine gründliche Untersuchung von ihnen vorgenommen wurde. Ich

pflichtete ihm bei. Des Weiteren stellte er fest, dass auf den CD-Aufnahmen

keine Auffälligkeiten zu erkennen seien. Die beiden Operationen

wären ordentlich durchgeführt worden. Anschließend ließ er

sich von mir den genauen Schmerzpunkt zeigen und beschreiben. Dr.

Kammerer drückte einmal hier und da auf meiner Wirbelsäule und

dem Schulterblatt herum und befragte mich, wann und wodurch dabei

das Kribbeln ausgelöst würde.

Nach dieser gründlichen Untersuchung folgte die Feststellung, einen

derartigen Fall hätte er noch nicht gehabt. Er sei stets bestrebt, zunächst

die Ursache für Schmerzen zu finden. Erst wenn diese nicht

gefunden werde, bestehe unter anderem die Möglichkeit, eine Elekt-

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ode für die SCS-Therapie zu setzen. Er sei sich aber momentan noch

im Unklaren, ob diese wirklich geeignet und hilfreich für mich sei und

greife. Er bat mich am kommenden Montag nochmals zu kommen, er

wolle dann versuchen, ein Betäubungspräparat in einen Muskel in der

Nähe des Schulterblattes zu spritzen.

Als ich am Montag zum vereinbarten Termin erschien, schickte mich

seine Sekretärin auf Veranlassung von Dr. Kammerer zu meinem Erstaunen

zu einer CT– Aufnahme der Halswirbelsäule in die Radiologie.

Oben zur erneuten Anmeldung im Sekretariat angekommen,

spürte ich, dass sich eine Schmerzattacke ankündigte. Um mir die

Wartezeit auf Dr. Kammerer zu erleichtern, stellte ich mich lesend an

die Wand, um auf die entsprechenden Schmerzpunkte Druck auszuüben.

Ins Lesen vertieft merkte ich nicht, dass Dr. Kammerer mich

bereits einige Zeit beobachtet hatte, wie und wo ich mich abdrückte.

Wir gingen in sein Sprechzimmer. Er besah sich die CT-Aufnahme

und wunderte sich über eine kleine Auffälligkeit, eine kleine kaum

sichtbare Mulde, wie er es beschrieb, zwischen Hals und Brustwirbelsäule.

Danach erfolgte die geplante Injektion in den Muskel, ohne

Reaktion und erwartete Wirkung. Die Folgerung von Dr. Kammerer

war, dass es sich hier wirklich nicht um ein orthopädisches, sondern

neurochirurgisches Problem handle. Er empfehle eine Infiltration C7/

Th1 und in die darunter liegende Facette. Dazu wäre leider eine Überweisung

vom Schmerztherapeuten notwendig. Dieser sollte mich an

eine Adresse vermitteln, an der die Infiltration ordentlich durchgeführt

werden würde.

53. Die Einschätzung meines Funktions-MRTS

Die Frage, ob ich trotz meiner heutigen Vorstellung bei ihm, das von

Prof. Dr. Seiber gewünschte Funktions-MRT anfertigen lassen solle,

beantwortete er mit einem “Ja“. Der nächste Tag war nämlich dafür

160


vorgesehen. Wieder eine lange Anfahrt, wieder warten, wieder Schmerzen.

Dann die Aufnahme. Vier Minuten nach vorne gebeugt, vier Minuten

nach hinten. Dabei unsägliche Schmerzen, die ich nachhaltig

spüren sollte. Wieder Warten. Dann der Ruf meines Namens durch

den Lautsprecher. Der Leiter der Wirbelsäulenchirurgie, Dr. Faust, besah

sich die Aufnahmen. Zunächst erkannte er nichts Auffälliges. Bei

der Aufnahme in der nach hinten geneigten Haltung stoppte er und

konfrontierte mich mit dem Hinweis, zwischen C7/Th1 sei ein “Lücke“

zu erkennen, die auf eine Instabilität der Wirbel hinweise. Darauf

seien meine Schmerzen wahrscheinlich zurückzuführen. Er empfehle

dort eine Infiltration. Sollte sich hier die erwünschte Besserung einstellen,

würde eine Operation unumgänglich sein, um zur Stabilität

beizutragen.

Meine momentanen Schmerzen überlagerten die Nachricht. Das Neigen

nach vorne und nach hinten hatte Schmerzen ausgelöst, mit denen

ich noch Tage später zu kämpfen hatte. Ich merkte, wie sich langsam

der Schock in mir ausbreitete. Ich war erstarrt und wollte es nicht glauben.

Eine dritte Operation, das war eine ziemlich schreckliche Vorstellung

und löste Angst in mir aus. Ich brachte langsam die Frage

heraus, ob da wirklich etwas Sichtbares wäre. Er antwortete sachlich

mit einem „Ja“, bei Kindern wäre das des Öfteren gegeben, seltener

bei Erwachsenen. Sein Kommentar dazu war, ich solle es als Schicksal

betrachten. Alles Nötige müsste ich mit Prof. Dr. Seiber besprechen,

meinem behandelnden Arzt.

Montag darauf der Termin bei Prof. Dr. Seiber: eine Stunde Anfahrt,

drei Stunden Wartezeit, fünf Minuten Gespräch zwischen Patientin

und Arzt. Prof. Dr. Seiber betrat schwungvoll den Raum, blickte auf

den Bildschirm mit den Aufnahmen und meinte: „Na, wurde das Upright-MRT

genehmigt?“ Auf meine Verneinung und meinen Hinweis,

es handle sich hier auf seinem Bildschirm um das von ihm vorgeschlagene

Funktions-MRT, erwiderte er nach kurzem Blick auf die Aufnahmen:

„Hier ist doch alles in Ordnung, prima“. Er ließ mich den

darunter stehenden Befund des Radiologen durchlesen: „Kein patholo-

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gischer Befund“. Ich entgegnete ihm, sein Kollege hätte mir eine andere

Sichtweise und Darstellung der Dinge gegeben. Prof. Dr. Seiber ließ

sich von mir die auffällige Stelle beschreiben und nach einem weiterem

Blick auf die Aufnahmen auf seinem Bildschirm hörte ich ihn sagen:

„Ja, das könnte er gemeint haben. Je länger ich mir die Stelle betrachte,

kann ich mir vorstellen, dass Dr. Faust diese minimale Auffälligkeit

meinte“. Dieser sei heute leider nicht im Haus. Er schlug vor, dass er

mit ihm Rücksprache halten werde und mich innerhalb weniger Tage

anrufen würde, um über die weitere Auswertung zu sprechen. Dann

zur Verabschiedung der Satz: „Nun sind sie aber froh dass w i r die

Ursache gefunden haben“. “Nein, bin ich nicht“, lautete die Antwort

einer verunsicherten, erstaunten, sowie sehr verärgerten Patientin.

Zusammenfassend stellte ich fest, dass sich die Aussagen von Dr. Kammerer

und Dr. Faust deckten. Ich war mehr als erstaunt und verunsichert,

als mir Prof. Dr. Seiber seine Deutung der Bilder unterbreitete.

Als Patientin sah ich mich in einer diffusen, ratlosen Situation

und wusste nicht, welche Schritte als Nächstes zu gehen wären. Am

Dienstagmorgen suchte ich, wie schon so häufig, meinen Hausarzt Dr.

Renz auf. Ich schilderte ihm meine Eindrücke und die unterschiedliche

Einschätzung dieser zwei Ärzte bezüglich des Funktions-MRTs.

Mit Verwunderung nahm er meinen Bericht auf und riet mir, zunächst

abzuwarten, auf welches Ergebnis sie sich geeinigt hätten.

Am Montag der Besuch bei Dr. Seiber, am Freitag immer noch kein

Anruf oder eine Mail. Das hieß: In der Unsicherheit verweilen, abwarten

und mit meinen Schmerzen klar kommen. Ich stelle fest: Eine

Woche später noch immer keine Rückmeldung bezüglich der unterschiedlichen

Aussagen und Einschätzungen des Funktions-MRTs. Am

darauf folgenden Montag sendete ich Prof. Dr. Seiber eine Nachricht

mit der Erinnerung, er möge mich bitte anrufen und diesbezüglich

Stellung nehmen. Fünf Minuten später die Antwort, er habe es nicht

vergessen, aber Dr. Faust hätte in dieser Woche Urlaub. Seine Bitte, ich

solle ihn am darauf folgenden Montag anrufen.

162


Aus meiner Warteposition heraus betrachtet war ich ziemlich verärgert.

Hätte man mir nicht kurz über diesen Umstand Bescheid geben

können? Stattdessen keine Reaktion, keine Information, weitere Unsicherheit,

weiteres Abwarten. Selbst wenn ich mir vor Augen halte, dass

Prof. Dr. Seiber viel beschäftigt und seine Kompetenz immer gefragt

ist, trotzdem habe ich als Patient an ihn die Erwartung, dass ich nicht

ohne Information im Unklaren gelassen werde.

In den folgenden Tagen versuchte ich, mich mit vielen Sozialkontakten

und Unternehmungen abzulenken, um meinen Kummer zu vergessen.

Ich wusste, dass ich mir zu viel in die Woche gepackt hatte, mein Körper

zeigte mir klar meine Grenzen. Die Folge war erhöhte Schmerzintensität

und Frustration. Wieder eine neue Woche hatte begonnen,

montags nun der wiederholte Versuch, von Prof. Dr. Seiber Auskunft

zu erhalten. Mit Unbehagen wählte ich die Nummer seines Sekretariates.

Es meldete sich eine Frau Viscar, die meine Bitte, mich mit ihm

zu verbinden, nicht erfüllen konnte, da er sich in der Sprechstunde

befand. Ich solle bitte in drei Stunden nochmals Kontakt aufnehmen,

dann hätte ich eine gute Chance ihren Chef zu erreichen. Meine Bitte,

ob er, wenn es sein zeitlicher Rahmen erlauben würde, mich anrufen

könne, wurde von ihr abgelehnt.

Drei Stunden später ein erneuter Versuch. Leider habe Prof. Dr. Seiber

sein Telefon nicht mitgenommen, so die Auskunft am anderen Ende

der Leitung. Nun müsse er mich doch zurückrufen, lautete der abschließende

Kommentar des Gespräches mit einer, wie ich sie wahrnahm,

genervten Sekretärin. Ich musste an diesem Tag in der Schmerzambulanz

vorstellig werden, die zwei Tage später wegen Urlaub für drei

Wochen geschlossen hatte. Ich benötigte Medikamente, neue Termine

für das nächste Quartal, sowie die Überweisung zur Infiltration, sollte

es überhaupt dazu kommen. Momentan stand auf Grund der unterschiedlichen

Aussagen die weitere Vorgehensweise offen. Deshalb

musste ich für alle Fälle Vorkehrungen treffen, um die erforderlichen

Papiere bereit zu haben, sollte ich sie nun doch benötigen.

163


Während ich dort meine Zeit mit Warten verbrachte, ging mir durch

den Kopf, dass ich mich, seit ich meinen “Plan B“ verfolgte, im gleichen

Ärzte-Stress befand wie im vergangenem Jahr. Nahezu jeder Tag

war, meine Gesundheit betreffend, mit irgendwelchen Terminen ausgefüllt.

Ich spürte, dass ich erneut die “Notbremse“ ziehen musste, um

zur Ruhe und Ausgeglichenheit zu kommen. Gleichzeitig aber arbeiteten

meine Gedanken auf Hochtouren, wie eine nahe mögliche Therapie

oder gar Operation sich gestalten würde. Ich hatte in letzter Zeit

viele Inputs und Informationen bekommen, dass ich diese erst einmal

verarbeiten musste.

54. Der Zufall

Ich saß am späten Nachmittag in einer Besprechung, als mein Handy

klingelte. Prof. Dr. Seiber meldete sich und kam gleich zur Sache. Er

habe mit Dr. Faust nun meine Bilder besprochen und das Ergebnis war

folgendes: Es wäre tatsächlich etwas sichtbar, das er übersehen habe. Er

habe immer an meine Schmerzen geglaubt und nun verstehe er noch

besser, dass ich unter starken Schmerzen leide. Meine Frage, ob eine

Operation anstehe, ignorierte er und meinte: „“Vereinbaren Sie bitte

morgen mit Frau Viscar einen Einschubtermin, um alles Weitere zu

besprechen“. Außerdem wolle er mir dann alles in Ruhe erklären. Er

benötige zudem von mir eine exakte Schmerzbeschreibung und das

Anfertigen einer Röntgenaufnahme wäre sinnvoll.

Die Tatsache, dass Prof. Dr. Seiber zugab, bislang die wohl entscheidende

Kleinigkeit, nämlich die mögliche Schmerzursache, auf meiner

Bildgebung übersehen zu haben, stimmte mich versöhnlicher. Sicherlich

benötigt es eine Portion Selbstkritik, dies gegenüber einer Patientin

zuzugeben. Gleich am Morgen des darauf folgenden Tages rief ich in

der Klinik bei Frau Viscar an, um den besprochenen Einschubtermin

bei Prof. Dr. Seiber zu erhalten. Wider Erwarten schnell erhielt ich

dieses Mal bereits in der kommenden Woche in seiner Privatsprech-

164


stunde einen Termin. Vom Besuch meiner Tochter Helene wurde ich

abgelenkt und so sah ich, ich muss es zugeben, neugierig dem Besuch

bei Prof. Dr. Seiber entgegen. Ich war für Dienstag um 10 Uhr bestellt

und musste im Gegensatz zu anderen Tagen keine Wartezeiten in Kauf

nehmen.

Mein Mann Max hatte sich bereit erklärt, mich zu begleiten, und bereits

nach wenigen Minuten bat uns Prof. Dr. Prof. Seiber in sein Büro.

Er versuchte uns nahe zu bringen, dass es ein glücklicher Zufall sei, dass

Dr. Faust über das Funktions- MRT blickte. Er habe es aus einer anderen

Perspektive betrachtet und deshalb anders als er gedeutet. Auf die

Bilder seines Bildschirms blickend erklärte er uns, dass sich zwischen

dem letzten Hals- und dem ersten Brustwirbel zwischen den Dornfortsätzen

beim Vorbeugen ein Zwischenraum von 26 mm ergäbe. Wie

bereits auch Dr. Faust schilderte er uns, dass meine Halswirbelsäule

dadurch kaum eine Stabilität habe und die Gelenke und das Gewebe

in einem permanenten Überdehnungszustand seien. Das Band in

der Wirbelsäule sei kaputt und die Gelenknerven überreizt. Er sei sich

ziemlich sicher, dass hiermit endlich die Ursache meiner Schmerzen

entdeckt und erklärt worden sei. Er empfahl mir um ganz sicher zu

gehen, wie die beiden anderen Ärzte, Dr. Faust und Dr. Kammerer,

eine Facetteninfiltration zwischen die Wirbel. Schlägt die Infiltration

an, sei dies die Bestätigung zum Handeln. In der Konsequenz bedeutete

das eine Operation. Bei dieser würden von hinten Stäbe angebracht

(und verschraubt) werden, um den richtigen Abstand und damit die

nötige Stabilität zu erhalten. Bei diesem dritten Eingriff würde er von

hinten operieren, um das Risiko einer Verletzung der Stimmbänder

auszuschließen. Alles andere wolle er mir zu einem späteren Zeitpunkt

besprechen, wenn es denn zur Operation käme.

Aus dem Arztbrief, den ich zwei Wochen später dazu erhielt, entnehme

ich folgenden Text: „Ich habe der Patientin zu einer Infiltration

geraten. Sollte diese über kurze Zeit eine Beschwerdelinderung bringen

(Facettengelenksinfiltration C7/Th1bds.), dann würden wir dieses

Segment in die Fusion mit einbeziehen, zunächst einmal über den dorsalen

Zugang, ggf. aber auch dorso-ventral“.

165


55. Eine grundlegende Meinungsänderung

Das Warten auf eine Facetteninfiltration dauerte zwei Monate. Ich telefonierte

im gesamten Umkreis die Neuroradiologischen Praxen ab, die

eine solche Maßnahme durchführen. Es gab keine Chance dafür, einen

früheren Termin zu erhalten, zwei Monate also weiterhin Schmerzen,

Tabletten schlucken und Warten. Dazu kam durch den Beginn eines

neuen Quartals die sechzig km lange Fahrt zur Einholung einer Überweisung

für eine derartige Indikation bei meinem Schmerztherapeuten,

sowie die Beschaffung einer Überweisung vom Orthopäden.

Eine Woche später suchten mein Mann und ich Dr. Kammerer auf,

um uns seine Einschätzung und Auswertung des Bildmaterial anzuhören.

Ich erhoffte mir durch dessen Zweitmeinung Klärung bezüglich

der vorgeschlagenen und eventuell erforderlichen Operation zu verschaffen.

Als er das Funktions-MRT sah, war er mehr als erstaunt über

den Sachverhalt. Er bestätigte, dass ein Eingriff dringend erforderlich

wäre. Er empfahl mir sogar, bis zur Operation beim Autofahren meine

Halskrawatte zu tragen, um bei einer eventuellen Erschütterung oder

bei einem Aufprall das Ganze nicht zu verschlimmern. Ansonsten riet

er mir von gebückter Haltung, wie etwa bei Gartenarbeit oder Ähnlichem,

sowie von Tätigkeiten mit überstreckter Haltung ab. Selbst längeres

Sitzen solle ich vermeiden. Dies führte mich nach einigen Tagen,

die stets von äußerst starken Schmerzattacken geprägt waren, zu der

Frage, ob ich nicht gleich einer Operation zustimmen sollte. Worauf

sollte ich eigentlich noch warten? Die Meinungen stimmten überein

und wenn ich die Deutung der Ärzte richtig verstand, musste sowieso

gehandelt werden, um den Abstand zwischen den Dornfortsätzen der

Wirbelsäule nicht noch größer werden zu lassen.

Ganz nebenbei sei erwähnt, dass ich vom Medizinischen Dienst außer

einer Bestätigung, dass mein Widerspruch für das Funktions-MRT bei

der Widerspruchsstelle meiner Krankenkasse zur Bearbeitung vorlag,

keinerlei Rückmeldung oder gar Hoffnung auf Genehmigung erhielt.

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Ich wurde lediglich um weitere Geduld gebeten. Inzwischen waren

neun Monate seit meiner ersten Beantragung des Upright-MRTs vergangen.

Ich wartete trotz meiner Zweifel dennoch die Infiltration ab, und da

diese mangels anderer Optionen wie immer an der Klinik von Prof.

Dr. Seiber stattfand, hatte ich drei Stunden danach meine Vorstellung

bei ihm, um über deren Wirkung zu berichten. Ich verspürte nach

der Behandlung nur einen geringen Effekt, sprich keine erkenntliche

Besserung. Diese Information gefiel ihm so überhaupt nicht. Er fragte

mich, ob ich denn, bevor die Infiltration durchgeführt wurde, Schmerzen

hatte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ohne Schmerztabletten

nicht hätte aus dem Haus gehen wollen und ich meine Schmerzen

durch das Weglassen der Medikation bestimmt nicht freiwillig provozieren

würde. Prof. Dr. Seiber zeigte sich erstaunt, dass ich nicht darüber

informiert worden war, dass eine Infiltration unter akuten Schmerzen

die optimale Voraussetzung böte, um ein optimales Ergebnis zu

erzielen.

Seine Erkenntnis: Sehr viele Patienten-Arzt-Gespräche beruhen auf

Missverständnissen. Er werde künftig seine Patienten auf den Schmerzfaktor

vor einer Infiltration hinweisen. Mein Fazit: eine Wiederholung

der Infiltration unter Schmerzen. Nun sollte ich also zum nächsten

Termin meine Schmerzmedikation weglassen. Das wiederum ist nicht

einfach, da ich nach so langer Zeit abhängig von den Medikamenten

geworden bin und ein einfaches Weglassen sich für mich zu einem

außerordentlich schwierigen Tag gestalten würde.

Ich gebe zu, dass ich ziemlich verärgert über diesen Sachverhalt war.

Hätte man mich darüber wirklich nicht vorher aufklären können? Eine

Infiltration ist wahrlich kein Zuckerlecken, dazu kam noch die Tatsache

- der Kalender zeigte inzwischen Oktober - ein nächster Infiltrationstermin

war frühestens im Januar möglich. Dazu benötigte ich

durch das neue Quartal erneut eine Überweisung vom Schmerztherapeuten.

Diese Tatsache veranlasste in der Folge wohl mein sehr be-

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stimmtes und hartnäckiges Auftreten. Prof. Dr. Seiber erklärte, er hätte

auf Termine überhaupt keinen Einfluss; ich brachte ich ihn dazu, dass

mich seine Krankenschwester zur Unterstützung an die Terminvergabe

begleitete, bei der ich nach längerem Hin und Her doch noch einen

Einschubtermin zur erneuten Infiltration in der darauf folgenden Woche

erhielt. Prof. Dr. Seiber erklärte uns an diesem Tag zudem, sollte

die nächste Infiltration Wirkung zeigen, würde das im Kehrschluss für

mich einen dritten Eingriff bedeuten. Darüber aber werde er mich bei

meinem nächsten Besuch aufklären. Mein Mann und ich verabschiedeten

uns von ihm, ich hatte ein mulmiges Gefühl.

Eine Woche später selbiges Procedere einer Facetteninfiltration mit

Schmerzen. Danach das wiederholte Aufsuchen der Sprechstunde bei

Prof. Dr. Seiber. Ich hatte den Eindruck, dass er mit Interesse meinen

Schilderungen folgte. Leider konnte ich ihm nichts wesentlich anderes

als bei der vorangegangenen Infiltration berichten. Ich verspürte eine

maximale Besserung von 20 bis 30 %, für meine Begriffe leider nicht

genug, um von einer wesentlichen Verbesserung zu sprechen.

Professor Dr. Seiber allerdings hatte eine andere Meinung dazu. Er betrachtete

es als einen Erfolg. Zwar nicht den, den er sich erhofft hatte,

aber doch groß genug, um zu handeln. Ich hatte mich darauf eingestellt,

dass er nun mit mir über die geplante Operation sprechen würde,

so hatte er es bei meinem letzten Besuch in der vergangenen Woche

in Anwesenheit meines Mannes Max und mir dargestellt. Stattdessen

sprach er nun von einer Vereisung. Mit ihr sehe er eine realistische

Möglichkeit, mir die Schmerzen zu nehmen, ich möge mich bitte dafür

um einen Termin bemühen. Es folgte überhaupt keine Aufklärung

bezüglich einer derartigen Behandlung, nur die sichere und bestimmte

Anmerkung, er wolle nämlich wenn möglich, kein drittes Mal einen

operativen Eingriff an mir vornehmen. Das Risiko einer Stimmbandverletzung

durch Verwachsungen wäre ihm zu hoch.

Heute betrachte ich es im Nachhinein als eine Ablenkung, dass er dem

Gespräch eine andere Wendung gab. Ich vergaß zu erfragen, welche

168


Maßnahmen bezüglich der Instabilität meiner Halswirbelsäule zu unternehmen

wären. Er hatte es eilig und wir verabschiedeten uns. Wie

ist es möglich dass Prof. Dr. Seiber innerhalb einer Woche seine Meinung

über eine anstehende Operation grundlegend änderte? Mit dieser

Frage beschäftigt, vereinbarte ich also einen Termin zur Vereisung,

der zwei Monate später, Ende Januar, stattfinden sollte.

Ich wusste von einer Bekannten, an der eine Vereisung oder „Kryoanalgesie“,

wie sie auch genannt wird, vorgenommen wurde, in etwa,

was auf mich zukommen würde. Trotzdem holte ich mir, zu Hause angekommen,

„Google sei Dank“, die für mich notwendige, detaillierte

Information zum Thema Vereisung ein.

Eine Vereisung kommt in der Schmerztherapie häufig dann zum Einsatz,

wenn andere Methoden keine Verbesserung des Schmerzzustandes

bewirken. Es wird beschrieben, dass sie nicht für jeden Patienten

geeignet ist und es zu einer irreversiblen Schädigung der Nerven, Infektionen

oder gar Einfrierungen der Hautoberfläche kommen kann.

Mittels einer Sonde, die zum betroffenen Nerv geführt wird, wird

komprimiertes Gas von minus 60 bis minus 70 Grad an die entsprechende

Stelle am betroffenen Nerv geleitet. Der Vorgang findet ähnlich

wie eine Infiltration, mit Hilfe einer Computertomographie statt,

um möglichst millimetergenau den Schmerzpunkt zu ermitteln. Ziel

ist es dabei, den Nerv zu betäuben. Sollte eine längere Schmerzfreiheit

erlangt werden, kann dieser Vorgang bei einer eventuellen Regeneration

des Nervs wiederholt werden.

56. Ein neuer Weg

In zwiespältiger Stimmungslage trat ich meinen Heimweg an. Ich war

enttäuscht, irritiert, wütend und voller Fragen und fühlte mich unaufgeklärt

und äußerst ratlos. Dazu kamen mangels Schmerzmittel die

Schmerzattacken.

169


Nach einer gründlichen Information im Internet, benötigte ich den

gesamten Nachmittag, über meine Gedanken und Gefühle nachzudenken.

Dazu kamen etliche Telefonate seitens der Familie und Freunde,

die sich über die zweite Infiltration erkundigen wollten. Jeder, mit

dem ich mich über die vorgeschlagene Vereisung unterhielt, stellte mir

dieselbe Frage: „Was passiert mit deiner Instabilität, sollte die Vereisung

greifen. Sie ist ja dennoch vorhanden?“ Ich merkte, wie ich mich

zunehmend in die Rolle einer hilflosen, zu bedauernden Patientin begab

und mich an Ende des Tages zuletzt selbst bemitleidete. Ich sah an

diesem Abend überhaupt keine Perspektive mehr.

Ausschlaggebend war nicht zuletzt der Anruf meiner Tochter Helene,

der mich wieder in das Hier und Jetzt zurückversetzte. Sie hielt mir

die Konsequenzen nach einer falschen Vorgehensweise vor Augen und

bezog sich auf das Ignorieren meiner Instabilität seitens des Arztes.

In einer schlaflosen Nacht fingen meine Betrachtungen an klarer und

sortierter zu werden. Ich wägte hin und her und stellte dabei fest, dass

mein Vertrauen zu Prof. Dr. Seiber gesunken war. Dies beruhte nicht

zuletzt in der Feststellung, dass er zunächst den übergroßen Abstand

zwischen den Dornfortsätzen übersah und sich nun an eine vielleicht

nötige wichtige Operation nicht mehr heranwagen wollte. Auch fehlte

mir eine patientennahe Erklärung und eine Aufklärung über seine

geplante Vorgehensweise. Obwohl ich Prof. Dr. Seiber mochte und

er, wie mir immer wieder bestätigt wurde, „gute Arbeit“ bei seinen

Operationen leistete, mein Verstand fasste den Entschluss, den Arzt

zu wechseln. Ich konnte in dieser Nacht kein Auge zu tun, bevor ich

mir nicht über meine nächsten Schritte im Klaren war. Gegen vier Uhr

wusste ich, was ich zu tun hatte und konnte endlich einschlafen.

Am nächsten Morgen versuchte ich bereits vor dem Frühstück Kontakt

mit dem Sekretariat von Prof. Lud herzustellen. Prof. Lud genießt

in Fachkreisen hohes Ansehen und war früher an einer renommierten

Klinik tätig. Nach Jahren als anerkannter Wirbelsäulenspezialist eines

bekannten Krankenhauses verließ er dieses. Prof. Lud hat einen ausgezeichneten

Ruf und viele Operationen an der Wirbelsäule, bei denen

170


man zunächst nur wenig Chancen sah, mit großem Erfolg durchgeführt.

Wider Erwarten war es unkompliziert, in einem Gespräch mit seiner

Sekretärin abzuklären, ob es prinzipiell auch mir als Kassenpatient

möglich wäre, von ihm eine Einschätzung über meine Halswirbelsäule

und den damit verbundenen Schmerzen an Hand meines Bildmaterials

zu bekommen. Sie klärte mich über die Vorgehensweise bei Kassenpatienten

auf. Demnach sollte ich ihm alle vorhandenen MRT-Aufnahmen

und Arztberichte zukommen lassen, er würde mir dann in

Form eines Briefes seine Einschätzung und eine von ihm empfohlene

Vorgehensweise mitteilen. Ich packte alle Unterlagen zusammen und

mein Mann Max erklärte sich bereit, am nächsten Tag die benötigten

Aufnahmen und Arztbriefe direkt zum Sekretariat zu bringen.

Ich war erstaunt, als ich bereits nach einer knappen Woche tatsächlich

seine Einschätzung und Empfehlung erhielt, die klar den Rat zu einer

Operation beinhaltete. Dieses Schreiben von Prof. Lud bedeutete

mir sehr viel. Es bestätigte mich in meinem Tun richtig gehandelt zu

haben. Da mir bewusst war, dass eine Operation durch Prof. Lud in

seinem neuen Arbeitsumfeld sehr unwahrscheinlich sein würde, entschloss

ich mich, zusätzlich noch den Rat von Prof. Dr. Glas, dem

Wirbelsäulenspezialisten an der Uniklinik, einzuholen.

Ich hatte mich bei ihm bereits nach meiner ersten Halswirbeloperation

im Oktober 2014 vorgestellt und war damals von dessen eingehender

Untersuchung, seinem Wissen und seiner Gründlichkeit beeindruckt.

Auch bei ihm vereinbarte ich an diesem Morgen einen Termin für seine

Sprechstunde. Im Gegensatz zur Wartezeit auf eine Sprechstunde

bei Prof. Dr. Seiber, die meistens zwei bis drei Monate dauerte, erhielt

ich bei ihm innerhalb von drei Wochen einen Vorstellungstermin. Ich

konnte aufatmen. Die ersten Schritte waren veranlasst und nun hieß

es abwarten bis zur Vorstellung Mitte Oktober bei Professor Dr. Glas.

Als mein Mann und ich bei ihm in der Klinik eintrafen, freuten wir

171


uns nach dem Anmeldeprocedere über ein schnelles Drankommen.

Nach meiner ausführlichen Schilderung meiner Schmerzen stellte er

nüchtern fest, dass er nun ja wohl innerhalb kurzer Zeit der dritte Arzt

wäre, den ich mit meiner Angelegenheit aufsuchte und dessen Beurteilung

ich gerne hätte. Er saß lange und mit viel Zeit schweigend vor

seinem Bildschirm und untersuchte zusätzlich meine Halswirbelsäule,

sowie deren Beweglichkeit.

Danach folgte seine Einschätzung. Prof. Dr. Glas versuchte mir sachlich

zu erklären, dass es sich um einen beträchtlichen Abstand zwischen

den Wirbeln handle. Eine Operation sei mit Sicherheit sinnvoll

und angebracht, da meine Schmerzen wohl auf diese Anschlussinstabilität

zurückzuführen wären. Da keine meiner Infiltrationen bislang

nachhaltigen Erfolg gezeigt hätten, glaube er in meinem Fall nicht an

eine Verbesserung durch die von Prof. Dr. Seiber vorgeschlagene Vereisung.

Es wäre eine vom vorderen Halsbereich durchgeführte Operation

ratsam, da eine Durchtrennung der Halsmuskulatur von hinten

einen sehr langen Muskelaufbau zur Folge hätte. Nur wenn sich bei der

Operation die Instabilität nicht zufriedenstellend beheben ließe, wäre

ein zusätzlicher Eingriff, von hinten vorgenommen, ratsam.

Auf meine Frage, ob er sich vorstellen könne, diese dritte Operation

mit all den verbundenen Gefahren durchzuführen, antwortete er ohne

zu zögern mit einem klaren und sicheren „Ja“. Seine konkrete Vorstellung,

wie er an diesen Eingriff herangehen und wie er ihn vornehmen

würde, vermittelte mir seit langem ein sicheres und gutes Gefühl, auf

das ich mich einlassen konnte. Ich spürte die Gewissheit, dass ich mich

Professor Glas anvertrauen konnte. Ich verließ die Klinik nach der Vereinbarung

eines Operationstermins für Ende November und mit etwas

Optimismus. Allerdings bis zu diesem bevorstehenden Operationstag

wurde ich von Schmerzen und Zweifeln geplagt. Je näher der Termin

auf mich zu kam, stellte ich mir insgeheim immer mehr die Frage, ob

es wirklich die richtige Entscheidung war, die ich für mich getroffen

hatte.

172


Während dieser Wochen verstarb meine Mutter. Ich war dankbar, dass

sie vor meiner Operation gehen durfte. Sie war bereits seit längerem

erkrankt, trotzdem kam ihr Tod zu diesem Zeitpunkt unerwartet. Diese

Situation stellte eine zusätzliche Herausforderung dar, da der Anfahrtsweg

von 300 km für mich schwierig zu bewältigen war. Die mit

der Beerdigung und später mit der Wohnungsauflösung verbundenen

Strapazen belasteten mich zusätzlich zu meiner Trauer.

57. Die dritte Operation

Knapp eine Woche vor der Operation sollte ich freitags zur Blutentnahme,

zur Röntgenuntersuchung, zur stationären Aufnahme, sowie

zum Anästhesie-Aufklärungsgespräch in der Klinik vorstellig werden.

Ich wurde zeitnah von einem zum anderen Raum geschickt und innerhalb

von drei Stunden war das gesamte Aufnahmeprocedere erledigt.

Die kommenden Tage bis zur Operation versuchte ich mit Aktivitäten

und Besuchen auszufüllen, kurzum ich versuchte, das mir Bevorstehende

zu verdrängen. Am Montag, ich war gerade damit beschäftigt

alles Nötige für meinen Krankenhausaufenthalt zusammenzupacken,

erhielt ich einen Anruf, dass sich meine Operation um einen Tag verschieben

würde: ein Notfall müsste mir vorgezogen werden. Dafür

hatte ich natürlich vollstes Verständnis. Für mich bedeutete es noch

einen Tag „Galgenfrist“.

Am Mittwoch, früh am Morgen begleitete mich Max ins Krankenhaus.

Dort kaum angekommen und vorstellig geworden, noch mit der

Gepäcktasche in der Hand, wurde mir wieder Blut abgenommen und

eine CT-Aufnahme angefertigt. An diesem Aufnahmetag waren keine

weiteren Untersuchungen mehr geplant. Es folgte ein Gespräch mit

einer Krankenschwester, die mir verständlich machte, dass heute leider

kein Zimmer für mich auf dieser Station A zur Verfügung stünde. Sie

stellte mir ernsthaft die Frage, ob ich nicht wieder nach Hause fahren

173


und am anderen Morgen um sechs Uhr wieder kommen wolle.

Ich musste nicht lange überlegen, das wollte ich mit Sicherheit nicht.

Für meinen Mann und mich würde das bedeuten, dass wir am Operationstag

um 3:30 Uhr hätten aufstehen müssen, um rechtzeitig wieder

zur Operation zu erscheinen, abgesehen von der Wahrscheinlichkeit,

nicht eingeplante Zeit bei der Anfahrt im morgendlichen Stau verbringen

zu müssen. Wir wurden aufgefordert in den Patientenaufenthaltsraum

zu gehen, bis eine Lösung für mich gefunden sei. Nach dreistündiger

geduldiger Wartezeit, in der wir keinerlei Nachricht bezüglich

meines weiteren Aufenthaltes erhielten, dafür aber jede Menge „durchsichtigen“

Kaffee, beschlossen wir um die Mittagszeit, uns für einige

Stunden dem Krankenhausgeschehen zu entziehen. Wir meldeten uns

ab, um etwas Essbares zu finden und um uns anderweitig als mit Warten

die Zeit zu vertreiben. In einer Pizzeria fanden wir Unterhaltung

und das Gesuchte.

Gegen 15 Uhr wieder auf Station A angekommen, erhielten wir die Information,

dass ich die kommende Nacht auf der darunter liegenden

Station B verbringen müsse. Von dort würde ich am nächsten Morgen

in den Operationssaal abgeholt werden. Nach meinem Aufenthalt auf

der Intensivstation käme ich in ein bereits für mich reserviertes Zimmer

auf Station A. Wir machten uns mit meinem Gepäck also auf

den Weg zur Station B. Hier wurde ich bereits erwartet und bekam

ein Einbettzimmer zugewiesen. Das war für mich ein ausgesprochener

Glücksfall, konnte doch mein Mann Max bei mir bleiben, mir die

Stunden bis zum Abend Gesellschaft leisten und beistehen, ohne dass

dabei eine Mitpatientin gestört wurde.

Ich muss zugeben, ich hatte ziemlich Angst vor diesem dritten Eingriff,

weit mehr als bei den anderen davor. Vielleicht war es der Tatsache

geschuldet, dass ich sehr genau wusste, was auf mich zu kam und was

mich erwartete. Ich war mir der realen Gefahren bewusst, die diese

Operation barg. Insgesamt kann ich die Tage davor und danach für

mich als „Höllentrip“ beschreiben. Alle Gedanken kreisten nur noch

174


um dieses eine Thema und alle Vorstellungen gingen dabei ins Unermessliche.

Ich wusste nach meinem Aufklärungsgespräch, dass ich

danach einen Tag und eine Nacht auf der Intensivstation verbringen

würde. Diese Maßnahme beruhigte mich keineswegs, im Gegenteil.

Als sich mein Mann Max später verabschiedete, stellte ich mir die Frage,

ob und in welchem Zustand ich ihn wohl wieder sehen würde.

Danach verbrachte ich den Abend und die halbe Nacht mit Fernsehen.

Ich stellte den Fernsehapparat so übermäßig laut, dass ich gezwungen

wurde, hinzusehen und hinzuhören. Ich wollte mich damit ablenken

und irgendwie gelang es mir auch, zumindest teilweise. Ein Klopfen an

der Tür, dann vernahm ich Schritte, die auf mein Bett zukamen. Ich

erkannte Professor Glas mit einem seiner Ärzte. Es war 19 Uhr und

ich war erstaunt über sein spätes Erscheinen. Ich hatte nicht mit ihm

gerechnet. Ein kurzes Händeschütteln, ein zwar lächelnder, aber doch

eher interessierter Blick auf meinen Hals und einige knappe Worte bezüglich

meiner Schmerzen, dann die nüchterne Feststellung, wo er das

Skalpell ansetzen wird. Es folgten keine persönlichen Worte, nur eine

Verabschiedung mit dem für mich wahrlich „informativen“ Hinweis,

dass wir uns morgen sehen werden.

Ich verwehrte es mir, über ein distanziertes Arzt-Patienten-Verhältnis

nachzudenken. Denn wie sollte das auch entstehen, wenn gerade mal

nach einer persönlichen Vorstellung bei ihm gleich eine Operation

folgte. Als Gespräch vermag ich diesen kurzen Auftritt des Professors

gar nicht definieren. Was ich ihm wiederum nicht verüble, lag doch

sicher ein äußerst anstrengender und verantwortungsvoller Arbeitstag

hinter ihm. Um mir jegliche Aufregung durch meine sorgenvollen

Gedanken zu vermeiden, widmete ich mich wieder meiner TV-Serie,

die auf Grund der Lautstärke nicht zu überhören war. Später ein weiteres

Klopfen und eine Krankenschwester mit dem Operationshemd

samt Haube in der Hand trat an mein Bett. Sie wies mich freundlich

darauf hin, dass ich mich morgen früh ab 7 Uhr für die OP bereithalten

solle und übergab mir einen Plastikbeutel. Dieser war für die

Aufbewahrung meiner Wertsachen und meines Schrankschlüssels be-

175


stimmt. Den Beutel sollte ich dann beim Abholen meines Bettes der

Krankenschwester übergeben. Sie erklärte mir zudem, wenn ich die

Intensivstation verlassen dürfte würde ich oben auf Station A wieder

meine gesamten persönlichen Sachen in meinem Zimmer vorfinden.

Ich wünschte ihr einen schönen Feierabend und stellte mir vor, wie es

wäre, könnte ich mich drei Tage nach vorne „beamen“ und alles, zumindest

das Schlimmste, wäre überstanden und vorbei. Als mir gegen

ein Uhr endlich die Augen zufielen hatte ich erstaunlicher Weise einen

guten und erholsamen Schlaf.

Es war das Klingeln des Weckers, das mich am nächsten Morgen aus

meinen Träumen riss und mich in das Hier und Jetzt zurückholte. Ich

sah es als gutes Zeichen, dass ich tief geschlafen hatte und begab mich

ins Badezimmer, um mich zu waschen und für die Operation fertig zu

machen. Wieder in meinem Bett erhielt ich einige Anrufe. Einen von

meinem Mann mit aufmunternden, zuversichtlichen Worten; die liebevolle

Teilnahme meiner Tochter lenkte mich zusätzlich ab, und mein

Sohn versuchte mich mit Humor aufzuheitern.

Unsere Kinder hatten sich, wie bereits bei den beiden anderen Operationen,

mit meinem Mann Max abgesprochen, wer wann kommen

und mich besuchen würde. Helene nahm sich Urlaub und reiste am

Donnerstag, dem Operationstag an. Sie quartierte sich für die nächsten

Tage bei einer Freundin ein und versprach mir, mich anschließend

nach der OP in der Intensivstation zu besuchen. Ein Lichtblick an diesem

für mich düsteren Morgen. Am übernächsten Tag besuchte mich

Felix und am Sonntag versammelte sich die gesamte Familie um mein

Bett. Ich schaffte es sogar, trotz meiner Schwäche und meines noch instabilen

Kreislaufs mit ihnen gemeinsam zur Cafeteria zu gehen, bevor

jeder wieder seines Weges gehen musste.

Meine Familie brachte mir positive Energie und durch ihre pure Anwesenheit

schuf sie die Voraussetzung, dass die Tage im Krankenhaus

schnell und abwechslungsreich vergingen. Ich konnte also nach dem

bevorstehenden Eingriff optimistisch in die Welt blicken und war stolz

176


auf meine Familie. Darüber, über meine Familie und wie glücklich ich

bin, sie zu haben, dachte ich nach.

Ich stellte zunehmend fest, dass ich höllische Angst vor dem Eingriff

hatte, die mich fast erschaudern ließ. Gleichzeit war mir bewusst, dass

ich an meiner momentanen Situation nichts ändern konnte. Ich nahm

mir vor, mich voller Vertrauen in die Hände von Prof. Dr. Glas zu begeben

und versuchte mit Atemübungen zu entspannen, als ich in diesem

Moment von einer Krankenschwester aus meinen Gedanken gerissen

wurde. Sie verlangte nach dem Plastikbeutel mit meinen Wertgegenständen

und erzählte mir, dass ich als Zweite auf dem OP-Plan stehen

würde. Es wäre etwa gegen 10 Uhr mit meiner Abholung zu rechnen.

Es war erst 7:30 Uhr, und um irgendwie die Zeit zu überbrücken,

schaltete ich erneut den Fernsehapparat ein. Ich war über mich selbst

erstaunt, dass ich plötzlich so ruhig und gelassen war, obwohl ich in

diesem Krankenhaus nicht mal die sonst vor einem Eingriff übliche

Beruhigungstablette erhalten hatte.

Ich musste wohl eingenickt sein, als ich bereits gegen 9 Uhr mitsamt

dem für die Intensivstation ausgestatteten Kulturbeutel abgeholt wurde.

Es war gut, dass kein längeres Warten vorherging und ich war noch

immer entspannt, als die darüber erstaunten Ärzte meinen Blutdruck

vor der bevorstehenden Anästhesie maßen. Nachdem ich in die sterile

Zone eingeschleust worden war, nahm ich zunächst die kahl ausgestattete

Umgebung mitsamt den benötigten Apparaten und Instrumenten

wahr. Ich empfand es als ziemlich kühl in den Räumen. Einige Ärzte

und Schwestern waren mit den Vorbereitungen der Operation beschäftigt,

da tauchte vor mir kurz das Gesicht von Prof. Dr. Glas auf, der

mit einem anderen Mediziner sein Vorgehen besprach. Er deutete auf

meinen Halsbereich. Es folgte, nachdem mir der sympathische Anästhesist

versprochen hatte gut auf mich aufzupassen, das Legen der

Zugänge und dann, nach einigen tiefen Zügen des Einatmens, endlich

die Narkose.

Das Eintauchen in das Nichts, Dunkelheit, ein bisschen wie ein Auf-

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lösen seiner selbst ist die Beschreibung, die mir zum Zustand einer

Narkose seitens des Patienten einfällt. Das Aufwachen auch dieses Mal,

wie bereits nach den beiden anderen Eingriffen, in Etappen, langsam

und schrittweise. Die Realisierung, was passiert ist, aus einer Schwere

des Körpers heraus, fordert Kraft, die nicht vorhanden ist. Aus dem

Unterbewussten vernahm ich, dass ich mich auf der Intensivstation

befand.

58. Die Intensivstation

Schlafen, Aufwachen, Wegdämmern, dann ein Fühlen des Schmerzes

im und am Hals. Einschlafen und Aufwachen, dazwischen das Verlangen

nach meiner Brille. Im Moment des Aussprechens das leise und

dankbare Erkennen: „Alles ging gut. Ich bin operiert und kann sprechen,

keine Schädigung meiner Stimmbänder“. Glück im Elend. Das

in diesem Moment Energie raubende Bewegen der Beine und Finger

gab mir die Gewissheit: „Alles ist vorüber, ohne Komplikationen“.

Eine innere Zufriedenheit stellte sich ein.

Nach einem weiteren Wegdämmern erkannte ich einen immer wieder

erscheinenden Krankenpfleger, der in regelmäßigen Abständen

meinen Blutdruck und Puls maß und das Ergebnis mit akribischer

Genauigkeit in einem Papierbogen, am unteren Teil des Bettes befestigt,

notierte. Ganz allmählich tauchte ich aus der Tiefe heraus in die

Gegenwart und vernahm all die Maschinen, sowie das Klagen und die

Nöte meiner Mitpatienten. Ein Arzt erkundigt sich nach meinem Befinden.

Er bemängelte das Fehlen einer Halskrawatte und ordnete diese

umgehend an. Ich nahm die inzwischen angelegte Halskrause mit

ihrer Dicke und Starre wahr.

Aus dem nächsten Einschlummern erwachte ich erst wieder, als ein

zartes Streicheln meine Hände berührte und ich in das Gesicht meiner

Tochter blickte, die mir zulächelte. Es war mir fast, als ginge über

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mir die Sonne auf. In dieser absolut sterilen Umgebung sog ich ihren

bei der Begrüßung allzu vertrauten Geruch ein. Ja, ich möchte es als

Vertrautheit und Geborgenheit definieren, was ich in dem Moment

empfand. Trotz meiner Schwäche war es mir möglich, wach zu bleiben

und ihre Anwesenheit zu genießen.

Während des Besuchs meiner Tochter Helene erhielten wir Patienten

unser Abendessen, bestehend aus einem Wurstsalat, Frischkäse und

zwei dünnen Scheiben Brot. Ich war froh, dass ich Hilfe seitens meiner

Tochter beanspruchen konnte, war mir doch ein Aufsetzen im Bett

oder gar das Beschmieren eines Brotes unmöglich. Den Wurstsalat

lehnte ich auf Grund des Salz- und Essiggehaltes ab. Überhaupt wundere

ich mich noch heute, dass dies einer im und am Hals frisch Operierten

vorgesetzt wurde. Ich begnügte mich mit den von Helene liebevoll

beschmierten und in Stücke geschnittenen Frischkäsehappen und

ignorierte meinen immer noch vorhandenen Hunger. Als sich meine

Tochter verabschiedet hatte, fielen mir bereits wieder die Augen zu.

Trotzdem konnte ich in dieser Nacht nicht schlafen. Die verschiedenen

Geräte gaben fremde und unterschiedliche Geräusche von sich.

Es gestaltete sich für mich mehr als schwierig, trotz meines frisch operierten

schwachen Zustandes Ruhe zu finden. Zudem machte sich das

zunehmende Hungergefühl bemerkbar. Besondere Unruhe brachte

eine Nachtschwester, die durch ihre hektische Art und ihr ungestümes

Verhalten ständig beim Vorübergehen an meinem Bett anstieß. Ich

empfand das als sehr störend und belästigend. Wir waren vier Patienten,

die in einem engen Raum in einer Reihe liegend, lediglich durch

einen jeweiligen ca.1,20 m hohen Paravent voneinander getrennt waren.

Im hinteren Teil des Raumes, gegenüber meinem Bett, befand sich

ein Materialschrank, zu dem der jeweilige Pfleger oder die jeweilige

Schwester häufig gehen mussten um Kanülen, Binden, Salben, Desinfektionsmittel

oder Ähnliches zu holen.

Ein weiteres Problem war für mich die Situation, dass bedingt durch

die räumliche Nähe, jeder am Geschehen des anderen teilhaben konn-

179


te. Wir konnten uns zwar nicht sehen, dafür aber umso besser hören.

Es kostete mich jedes Mal Überwindung, um eine Bettpfanne zu bitten,

was durch die Vielzahl an Infusionen oft nötig war. Umgekehrt

hörte ich jeden Laut meines Nachbarn und der anderen Patienten.

Diese mangelnde Distanz erlebte ich mehr als unangenehm und so

freute ich mich, als der Zeiger der gegenüber hängenden Uhr endlich

sechs Uhr anzeigte: Damit begann die Übergabe am Morgen und somit

der Schichtwechsel des Pflegepersonals.

Ich hatte Hunger, fühlte mich unausgeschlafen, verschwitzt und wollte

nur noch eines, hoch auf meine Station und auf eine Toilette. Der Tag

begann nach der ärztlichen Übergabe mit dem Waschen. Jedem Patienten

wurden dafür angewärmte Feuchttücher gereicht, mit denen er

sich, soweit möglich, reinigen sollte; Gesäß und Rücken wurden vom

Pfleger gewaschen. Anschließend erhielten wir einen Zahnputzbecher

und eine Schale zum Zähneputzen. Die Morgentoilette endete mit

dem Erhalt eines frischen OP-Hemdes.

Das Frühstück stimmte mich etwas besser gelaunt, konnte ich doch

meinen Hunger stillen und hatte ich die Aussicht, nach der Visite die

Intensivstation verlassen zu dürfen. Im Vergleich zu gestern ging es mir

wesentlich besser und die Welt sah heute für mich wieder etwas bunter

aus. Ich fühlte, bedingt durch die engmaschige Medikamentengabe,

weniger Schmerzen. Nach dem Frühstück kamen nach und nach die

zuständigen Ärzte an die Betten ihrer Patienten, um die Entlassungspapiere

für die Stationen vorzubereiten. Erst wenn diese vorliegen würden,

gäbe es das OK für die Abholung auf die jeweilige Station.

Nachdem nacheinander meine Mitpatienten entlassen und weggebracht

wurden, erschien ein Reinigungstrupp, dessen Aufgabe darin

bestand, mit aus einem Eimer entnommenen Feuchttüchern das Umfeld

zu desinfizieren. Ich verfolgte interessiert das Geschehen. Alles außer

dem Boden wurde mit diesen Tüchern gesäubert. Ich verließ als

Letzte an diesem Vormittag die Intensivstation. Ich wurde von den

Geräten befreit. Es war bereits 12 Uhr, als ich endlich abgeholt wurde.

180


Auf Station A wurde ich in ein Zweibettzimmer gefahren, wo bereits

Helene mit einem wunderbaren Blumenstrauß auf mich wartete. Ein

schöner Empfang.

59. Auf Station „A“

Leider musste ich feststellen, dass sich mein Gepäck samt den Wertsachen

noch immer auf Station B befand und nicht, wie mir zugesagt,

nach oben zur Station A gebracht worden war. Ich klingelte nach

einer Schwester. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich dringend auf

die Toilette müsste, dass sich aber meine Schuhe in meiner hier nicht

vorhandenen Tasche befanden. Sie versprach mir, sich umgehend darum

zu kümmern. Nach 50 Minuten noch immer keine Aussicht auf

meine Sachen, also klingelte ich erneut um Hilfe. Bedingt durch den

Schichtwechsel kam eine andere Krankenschwester, der ich versuchte

meine missliche und vor allem dringliche Lage wieder zu erläutern.

Barfuß wollte ich den Boden des Krankenzimmers auf keinen Fall betreten.

Zudem trug ich noch immer nur mein OP-Hemd und hatte

das zunehmende Verlangen nach meiner eigenen Kleidung. Sie zeigte

Verständnis und bot mir Schuh-Überzieher an, die sie mir fünf Minuten

später brachte. Meine 83-jährige Bettnachbarin lieh mir zudem

ihre Söckchen und so versuchte ich mein erstes Aufstehen und ging

mit Hilfe meiner Tochter zur Nasszelle. Bei einer Kostümprämierung

wäre ich mit diesem Erscheinen mit Sicherheit gekürt worden. Mein

Kreislauf war instabil und ich fühlte mich äußerst schwach. Ich war

froh, als ich wieder mein Bett erreichte. Trotzdem war ich mit mir zufrieden,

das erste Aufstehen war geglückt und damit wieder ein Stück

Selbstständigkeit erreicht.

30 Minuten später erhielt ich von der Stationsschwester die Nachricht,

dass mein Gepäck nicht geholt werden könne, da der gestern zuständige

Pfleger leider versehentlich den Tresorschlüssel mit nach Hause

genommen habe. Sie veranlasse nun auf Grund dessen das Aufbrechen

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des Kleiderschrankes, es würde aber noch dauern. Die Wertsachen bekäme

ich allerdings erst, wenn der Krankenpfleger und damit auch

der Tresorschlüssel wieder in der Klinik seien. Mit der Bitte, ich solle

mich nicht aufregen, verließ sie den Raum. Ich regte mich auf und

zwar heftig.

Gegen 17 Uhr wurde tatsächlich meine Kleidertasche gebracht. Ich

konnte endlich, mit Unterstützung meiner Tochter, meine eigenen Sachen

anziehen und war im Besitz meiner Schuhe. Jedes Mal, wenn

eine Pflegekraft den Raum betrat, erkundigte ich mich nach meinen

Wertgegenständen, jedoch wusste niemand darüber Bescheid. Eine

Schwester versprach mir allerdings, bis sie heute Nacht nach Hause

ginge hätte ich sie bekommen. Sie werde sich persönlich darum bemühen.

Diese Worte von ihr klangen glaubwürdig. Das beruhigte mich.

Befanden sich doch mein Ehering, mein Handy und mein E-Book in

diesem Plastikbeutel. Abends, es war gegen 21:30 Uhr, öffnete sich die

Türe, und ein Pfleger überreichte mir meinen Beutel mit den Worten:

„Sind Sie die Dame, die ihre persönlichen Gegenstände vermisst? Die

hätten schon längst auf Station A sein sollen, als ich gestern meinen

Dienst beendet habe“. Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Keine Entschuldigung, keine „Wiedergutmachungsgeste“, lediglich

ein vorwurfsvoller Blick.

Insgesamt allerdings zeigten sich die Schwestern und Pfleger auf dieser

Station äußerst fürsorglich und hilfsbereit. Obwohl sichtlich im Stress,

sorgten sie für eine positive Atmosphäre. Die medizinische Betreuung

war vorbildlich. Auf Station wurden in regelmäßigen Abständen mein

Blutdruck und Puls gemessen, sowie Blutkontrollen genommen. Es

war mir jederzeit möglich, einen Arzt um Auskunft zu bitten, und

auf meine Fragen erhielt ich verständliche und informative Antworten.

Wurde man zur Röntgenuntersuchung oder zu anderen Behandlungen

geschickt, so war dies nicht mit lästiger Warterei verbunden, sondern

man wurde direkt zur entsprechenden Maßnahme bzw. Abteilung weitergeleitet.

182


Bereits auf der Intensivstation stellte sich mir eine Physiotherapeutin

vor, die während meines gesamten Klinikaufenthaltes für mich zuständig

war. Obwohl mir Physiotherapie für die nächsten drei Monate untersagt

war, gab sie mir dennoch Tipps und übte mit mir beispielsweise

das Treppengehen mit der Halskrawatte. Ohne Anforderung bekam

ich aus hygienischen Gründen eine zweite Halskrause ausgehändigt

und meine Medikamenteneinnahme wurde mit mir besprochen. Bei

der Entlassung erhielt ich zuverlässig meinen Arztbrief, gute Ratschläge,

sowie ein Rezept für meine Medikamente.

Prof. Dr. Glas allerdings bekam ich nur zweimal zu sehen: Am Abend

nach der Operation kam er an mein Bett und sprach mit mir über den

Eingriff. Leider aber war ich so matt und geschwächt, dass ich mich

daran kaum noch erinnern kann. Das einzige, was zu mir durchgedrungen

war, war der Hinweis, dass er die nächsten Tage abwesend

sei, da er sich auf einem Kongress befände. Am Tag meiner Entlassung

erschien er zur Visite, fragte mich, ob ich Schmerzen hätte und erläuterte,

wie ich meine Medikamente reduzieren solle. Des Weiteren bat

er mich, nach zwei Monaten bei ihm vorstellig zu werden.

Über das allgemeine Klinikgeschehen möchte ich nicht weiter berichten.

Es war auch hier der übliche Krankenhausalltag mit all seiner Problematik

und seinen Facetten, die ich aus meinen früheren Klinikaufenthalten

kannte. Trotzdem verließ ich insgesamt gesehen diese Klinik

als zufriedene Patientin.

60. Tage, Wochen, Monate danach

Meine Entlassung war nach fünf Tagen, und wenn ich ehrlich bin,

eindeutig zu früh. Ob sich ein Patient beispielsweise auf Grund der

Narkose schlecht fühlt, ist in den Augen unseres auf Einsparungen

ausgerichtetes Gesundheitssystems nicht von Bedeutung. Ich hatte

Schmerzen, fühlte mich abgeschlagen, kraftlos und sehr müde. Die

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meiste Zeit des Tages verbrachte ich liegend, abwechselnd zwischen

Bett und Sofa. Erst nach etwa vier Wochen fühlte ich mich etwas kräftiger

und stabiler. Wie nach jedem meiner Eingriffe sollte ich nun für

drei Monate meine Halskrause tragen und das Autofahren war mir

während dieses Zeitraums gänzlich untersagt. Ich stellte mich mental

darauf ein und hatte deshalb bereits im Vorfeld vieles entsprechend

organisiert. Ich wusste um meine Schwachpunkte und wo ich Hilfe

benötigte.

Ich war so glücklich und dankbar, alles komplikationslos überstanden

zu haben, dass ich die Zeit danach, in der das Implantat einwachsen

musste, geduldig hinnahm. Nach zwölf Tagen wurden vom Hausarzt

die Fäden gezogen. Die Narbe heilte schnell und zeigte lediglich an der

Schnittfläche der Haut Rötungen und Verhärtungen. Es verging fast

kein Tag, an dem ich nicht Besuch von Bekannten und Freunden bekam.

Durch deren Anteilnahme hatte ich Abwechslung, und die Wochen

vergingen schnell. Dann endlich stand Weihnachten vor der Tür,

und ich freute mich nach all der Unruhe auf eine ruhige, gemütliche

Zeit mit der Familie.

Alles wäre gut gewesen, hätten sich nicht meine Schmerzen nach wie

vor von einer ziemlich heftigen Seite bemerkbar gemacht. Hinzu kamen

die Schmerzen, die der Eingriff verursachte. Ich stellte mir vor,

langsam und stückchenweise meine Medikamente auszuschleichen.

Jedoch wurde jeder Ansatz, den ich machte, indem ich meine Medikation

verringerte, mit Schmerzen bestraft und scheiterte. Es blieb

bei meiner Medikation und an ein Zurückfahren des Opiates war zu

diesem Zeitpunkt überhaupt nicht zu denken. Noch immer nahm ich

alle sechs Stunden mein Opiat und ein anderes Medikament ein und

ich kam von diesen Tabletten nicht weg. Ich kam zu der Überzeugung,

dass dieser Eingriff zwar die Stabilität meiner Wirbelsäule, jedoch momentan

noch nicht die erwünschte Schmerzreduzierung gebracht hat.

Ich brauchte nach dieser dritten Operation insgesamt länger um mich

zu erholen, ich fühlte mich abgeschlagen und ziemlich müde.

184


Nach acht Wochen wurde ich, wie erwünscht, bei Prof. Dr. Glas vorstellig.

Er betrachtete die angefertigte Röntgenaufnahme und stellte

zufrieden fest, dass das Implantat gut einwachse und sich keine Materiallockerung

zeige. Ich dürfe nun meine Halskrawatte weglassen und

wieder Auto fahren. Die Belastung der Halswirbelsäule z.B. beim Tragen

könne ich nun zunehmend steigern. Physiotherapie und leichte

Massage wären nun einmal wöchentlich angebracht. Zuhause solle ich

zudem mit leichten Stabilisationsübungen der Halswirbelsäule beginnen,

damit sich die Muskulatur langsam aufbauen könne. Das hörte

sich doch mal gut an!

Allerdings riet er mir dringend meine Schmerzmedikamente zu reduzieren.

Ich solle dies langsam angehen, aber mit Konsequenz. Soweit

die Theorie. Praktisch war es mir nicht möglich. Ich erkannte, alleine

konnte ich dies nicht schaffen. Deshalb vereinbarte ich bei meinem

Schmerztherapeuten einen Termin, um mir erneut dessen Rat und

Hilfe einzuholen.

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, d.h. Monate später, weiß

ich, dass ich mir und meinem Körper Zeit geben muss, um sich zu

regenerieren und um sich von den massiven Eingriffen zu erholen.

Waren es doch drei Operationen innerhalb von drei Jahren, die es zu

verarbeiten galt. Im Nachhinein bin ich Prof. Dr. Glas dankbar, dass

er sich bereit erklärt hatte, diesen dritten, meine Stimmbänder betreffend,

riskanten Eingriff vorzunehmen. Mit meiner gut eingestellten

Medikation kann ich heute vieles machen, was ich vorher nicht konnte.

Es gelingt mir beispielsweise eine Stunde, manchmal sogar länger,

schmerzfrei an einem Tisch zu sitzen oder auch einmal länger als zehn

Minuten ruhig zu stehen. Für mich ein großer Fortschritt! Ich versuche,

mich viel zu bewegen und halte mich an die empfohlenen Übungen

meines Physiotherapeuten. Bewegungen und Haltungen, die zu

Schmerzen führen, versuche ich tunlichst zu vermeiden. Ich versuche

auf meine innere Stimme zu achten, zugegeben, nicht immer einfach.

Geduld mit mir und meiner Krankheit ist, was ich nach wie vor lernen

und wofür ich kämpfen muss. Daran arbeite ich täglich.

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61. Selbsthilfe

Zwischenzeitlich bin ich in der Schmerzambulanz von meinem

Schmerztherapeuten auf eine gute, akzeptable Medikation eingestellt.

Mit der konstanten Einnahme des Wirkstoffes wird der Medikamentenspiegel

gehalten, der meine Schmerzen merklich verringert. Ich

weiß, dass es mir nach wie vor schwer fällt, meine Medikation zu akzeptieren

und mit ihr zu leben. Ich denke, der Grund dafür ist, dass

eine Akzeptanz dieser Tatsache für mich zum momentanen Zeitpunkt

gleichzusetzen wäre mit einer Resignation. Um mein Denken umzupolen

und die Einnahme lediglich als eine mögliche Therapie der

Schmerzverringerung zu sehen, habe ich mich entschlossen, mir Hilfe

von außen zu holen. Ich habe mich dazu entschieden, eine psychotherapeutische

Schmerzambulanz aufzusuchen. Diese besuche ich nun

einmal wöchentlich und arbeite gezielt an meinem Problem.

Des Weiteren habe ich eine Schmerzgruppe gefunden, die sich im vierwöchigem

Rhythmus trifft. Mir ist bewusst, wie wichtig es ist, ab und

zu unter Menschen zu sein, die ebenso wie ich vom Schmerz betroffen

sind. Bei jedem Treffen wundere ich mich, wie viele Menschen unter

chronischen Schmerzen leiden und staune, wie viel Verzweiflung vorherrscht,

die hier im geschlossenem Rahmen Ausdruck finden kann.

Die Schmerzgruppe bietet einen Platz, an dem wir uns öffnen, ein

Ort, an dem wir unsere Erfahrungen und Informationen austauschen

können. In zusätzlich außerhalb des Gruppenabends organisierten

Veranstaltungen haben Schmerzpatienten zudem die Möglichkeit zum

persönlichen Kennenlernen. Ohne sich für seine Schmerzen rechtfertigen

zu müssen kann jeder an Unternehmungen teilnehmen. Jeder darf

sich so geben wie er kann, jeder wird so akzeptiert, wie er ist. Es gibt

keine Nachfragen, warum sich beispielsweise jemand nicht setzen will,

sich mit der Krücke fortbewegt oder etwa frühzeitig wegen Schmerzen

den Ort des Treffens verlässt. Eine ehrliche Anteilnahme am anderen

und sein Annehmen ist es, was hier ein positives Klima schafft und uns

verbindet.

186


62. Was es bedeutet, Schmerzpatient zu sein

Die Tatsache, eventuell nie mehr Schmerzfreiheit zu erlangen, birgt

etwas Endgültiges in sich. Ich möchte mir nicht bewusst machen und

vorstellen, wie es ist, dauerhaft, bis ans Ende meines Daseins in permanenter

Abhängigkeit von Medikamenten zu leben. Die Auseinandersetzung

mit dieser Realität fällt mir schwer und erfordert einen Prozess,

dem ich mich eigentlich gar nicht aussetzen möchte. Trotzdem ist mir

bewusst, dass dieser notwendig ist, um mich psychisch nicht ständig

damit zu belasten.

Schmerzpatient sein heißt, sich in einer ständigen Berg- und Talfahrt

zu befinden. Es ist ein steter Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung.

Geht es etwa an einem Tag etwas besser, folgt der nächste mit Schmerzen

und zerstört den Optimismus von gestern. Ich bewege mich einen

Schritt nach vorne und glaube, eine Besserung durch medikamentöse

Einstellungen, psychotherapeutische Übungen oder einen schmerzreduzierten

Tag zu verspüren. Aber der nächste Schritt geht nach hinten

und heißt Schmerzattacken oder Schmerzen, ohne dass mir eine

spontane Linderung möglich ist. Zudem empfinde ich das andauernde

Kribbeln als große Belastung. Die Redewendung „es ist zum aus der

Haut fahren“ trifft sehr passend zu, um diesen Zustand zu beschreiben.

Es fällt mir nicht immer leicht, gegen meine in manchen Phasen mental

negative Stimmungslage anzukämpfen. Es kostet mich Kraft, die

teilweise, gerade wenn Schmerzattacken gehäuft auftreten, nur noch

in geringem Maße vorhanden ist. Manchmal möchte ich an diesen

„Negativ-Tagen“, wie ich sie insgeheim nenne, keinerlei Kontakt nach

außen, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass gerade in diesen Zeiten positive

Impulse und Erlebnisse von großer Wichtigkeit sind, um den

Energiehaushalt wieder aufzutanken. Ich denke, beides hat seine Berechtigung.

Ein Gespür, es zu erkennen und wie damit umzugehen ist,

musste ich für mich erst entwickeln. Ich versuche es mit Schmerzbewältigungsstrategien

(Entspannung, Atemübungen, genussvolle Tätig-

187


keiten, Bewegung, etc. ....) die ich mir im Laufe der letzten zwei Jahre

angeeignet und gelernt habe. Darauf greife ich sozusagen als Notfallplan

zurück. Ich denke bewusst an etwas Schönes, um nicht in ein

totales Stimmungstief zu verfallen.

Ich kämpfe gegen eine depressive Stimmungslage an, um mein Umfeld,

vor allem meine Familie, welche ohnehin Einschränkungen durch

mich erleben muss, damit nicht zu belasten. Ich tue es aber auch für

mich; denn nur, wenn ich mich gegen negative Stimmungseinflüsse

oder eine Depression entscheide und gegen sie ankämpfe, ist es mir

möglich, mich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Ich bin in dieser Zeit sensibler

geworden für das kleine, stille Glück. Es belebt positiv meine

Gedanken und bietet mir dadurch wieder neue Kraft. Ich versuche,

mich nicht „hängen“ zu lassen und ein Stück meinen eigenen Alltag

und die Normalität, natürlich nur soweit diese mir möglich ist, zu

leben.

Schmerzpatient zu sein heißt aber auch, durchwachte Nächte zu erleben,

in denen man von Schmerzen geweckt wird und die so heftig

an einem zehren, dass der gesamte Energiehaushalt des Körpers

aufgebraucht wird. An ein Weiter- bzw. Durchschlafen ist dann nicht

zu denken und am anderen Morgen und dem darauf folgenden Tag

fühlt man sich schlapp, müde und kraftlos. Es sieht einem niemand

an, denn der Cocktail an Medikamenten, der täglich geschluckt wird,

putscht einen auf, obwohl man sich innerlich leer wie eine ausgepresste

Zitrone fühlt.

Es gibt Tage, da möchte ich alleine sein, es ist wie eine Trauer, die

mich umgibt. Manchmal bin ich wütend über meine Schmerzen, die

immer präsent sind, ich gestehe mir das zu. Dann hadere ich mit dem

Schicksal „Schmerzpatient“. Ich habe es mir nicht ausgesucht und ich

empfinde es für mich als eine Herausforderung, damit klar zu kommen

und meinen Frieden mit meiner Erkrankung zu schließen. Wenn ich

mir Wut und Traurigkeit darüber zugestehen darf, ist es für mich einfacher,

mich mit ihr auseinanderzusetzen und sie zu ertragen.

188


Spreche ich nach zeitlichen Abständen mit Freunden und Bekannten,

so höre ich immer wieder den Satz: „Ich habe gedacht, dass es dir jetzt

endlich besser geht“. Oft ist es wie ein unterschwelliger Vorwurf, den

ich aus diesen Worten entnehmen muss. Ich antworte dann mit einem

klaren „Nein“ und äußere mich nicht weiter dazu. Eine solche Bemerkung

macht mich still, aber auch einsam. Es ist nicht zu erwarten,

dass es ein Außenstehender versteht. Kann ich es doch selbst nicht

begreifen, warum trotz meiner Operationen und meiner Bemühungen,

einen Heilungserfolg zu erhalten, sich dieser noch immer nicht

eingestellt hat.

63. Was ich aus den vergangenen Monaten

gelernt habe

Die vergangenen drei Jahre veranlassen mich, eine persönliche Rückschau

zu halten. Ich überlege mir, was ich aus diesen Monaten gelernt

und mitgenommen habe. Bei all den negativen Erfahrungen gab es

sicherlich viel Positives, das erwähnenswert ist.

Hätte sich mein Leben weiter in meinem früheren Alltag, Umfeld, sowie

Berufsleben abgespielt und wäre ich nicht erkrankt mit all seinen

Höhen und Tiefen, wäre mir sicherlich nicht in dem Ausmaß bewusst

geworden, wie wichtig für mich die Beziehung zu meinem Mann und

zu meiner Familie ist. Ich durfte von ihnen Liebe, Zusammenhalt und

Geborgenheit erfahren, die sich tief in meinem Herzen eingeprägt haben.

Früher habe ich dies als etwas Selbstverständliches begriffen, heute

weiß ich diese Werte als etwas außerordentlich Wertvolles zu schätzen

und zu bewahren. Bestimmt hätte ich manche Menschen nicht

getroffen, deren Beziehung mir heute sehr viel bedeutet und deren

Lebensgeschichten und die von anderen Patienten nie kennen gelernt.

Durch meine regelmäßigen Rehabilitationsmaßnahmen habe ich den

Zugang und die Einsicht zur Notwendigkeit von sportlichen Aktivi-

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täten gewonnen, die ich früher überhaupt nicht leiden konnte und

deshalb verweigerte. Heute weiß ich, dass Bewegung eine der Grundlagen

zur Heilung der Wirbelsäulenkrankheiten ist. Meine permanenten

Schmerzen haben mich gelehrt, den Augenblick zu genießen und im

Hier und Jetzt zu leben und nicht mehr alles zu verplanen. Im Gegensatz

zu früher lebe ich heute nicht mehr leistungsorientiert im Sinne

von nachweisbaren, offensichtlichen Ergebnissen und dem Zeitdruck,

unter dem die meisten Berufstätigen leiden.

Ich kann heute erkennen, wo meine Grenzen sind und weiß einzuschätzen,

was ich mir und anderen abverlangen kann. Ich lernte zu

unterscheiden, was mir wichtig ist und was warten kann; diese Abwägung

gelingt mir erst in letzter Zeit. Es bedurfte einer gewissen Auseinandersetzung

und war ein längerer Prozess. Manchmal erkenne ich,

dass ich durch den geringeren Stress und Zeitdruck befähigt werde,

mein Leben anders zu gestalten. Dies empfinde ich als ein Privileg. Es

sind kleine Erfahrungen, Momente, Beobachtungen und Begegnungen,

eigentlich nichts Aufregendes, die meine jetzigen Tage ausfüllen,

bereichern und bunt werden lassen. Diese positiven Gedanken bilden

manchmal für mich die Grundlage, mit meinen Schmerzen besser umgehen

zu können, an ihnen nicht zu verzweifeln und deshalb auch

nicht unzufrieden zu werden.

64. Unser Gesundheitssystem

Ich habe dieses Buch immer aus der Sichtweise und Wahrnehmung von

mir als Patient geschrieben. Ich möchte es nicht unterlassen, sondern

erwähnen, dass ich sehr wohl auch die Perspektive der anderen Seite,

wie etwa die der Ärzte oder des Klinikpersonals verstehe. Ich weiß, und

mir ist völlig bewusst, dass von ihnen häufig Dinge gefordert werden,

die sie an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen. Menschlich gesehen

sind deshalb nicht genaues Zuhören, Oberflächlichkeiten, Unfreundlichkeiten

oder gar Fehler verständlich.

190


Ich möchte aber ganz bewusst auf die Perspektive eines Patienten aufmerksam

machen und aufzeigen, wie viel Zeit, Kraft, Hartnäckigkeit,

Kritik, Geduld und Hinterfragen es benötigt, um als Patient oft ganz

einfache Dinge zu erreichen. Anstelle vieler Beispiele seien hier erwähnt:

Einen spontanen Arzttermin, der nicht vorgeplant ist, als Persönlichkeit

wahrgenommen, sowie wegen einer Krankheit, die nicht

einen normalen Verlauf zeigt, ernst genommen zu werden.

Meine Krankheit hat mir verdeutlicht, wie wichtig es als Patient ist,

sich in den Händen eines guten, vertrauenswürdigen, dem Patienten

zugewandten Hausarztes zu befinden. Ein Arzt, der zuhört, handelt

und entscheidet und zwischen all den Fachärzten koordinieren kann,

ist das, was Patienten benötigen.

Die vielen Monate haben mir des Weiteren gezeigt, wie notwendig es

ist, sich für sich selbst einzusetzen. Nur, nicht jedem Patienten ist dies

möglich: Ich denke da gerade an Menschen, besonders an ältere, die

ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Ärzten nicht gelernt haben.

Sie nehmen Mediziner als dominant wahr, deshalb erfolgt oft eine kritiklose

Hinnahme des Gesagten. Sie trauen sich nicht einen anderen

Weg einzuschlagen oder scheuen sich „Nein“ zu sagen und ihre Zweifel

zu äußern. Muss wirklich ein Kassenpatient auf für ihn wichtige Behandlungen

und Röntgenaufnahmen verzichten, nur weil diese sich

nicht im Leistungskatalog abbilden lassen?

Denke ich an meine Rehabilitationsmaßnahme, so weiß ich, dass

hier große Kosten aufgrund von Maßnahmen entstanden sind, die

eigentlich nicht notwendig gewesen wären. Eine Untersuchung, die

abgelehnt wurde, obwohl sie eventuell dazu beigetragen hätte, eine

Schmerzursache zu finden. So beläuft sich das Angebot über meine

Upright-MRTs auf ca. 700 €, kein Vergleich mit den Kosten für Krankenhausaufenthalte,

Medikamente und Therapien.

Ich könnte endlos weitere Beispiele aufzählen, warum z.B. ein Patient

mit Zahnlücken herum laufen muss, weil er für eine erforderliche

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Zahnbehandlung die Kosten nicht bezahlen kann. Wie viele Menschen

gibt es, die sich mit einer Sehbehinderungen herum quälen, weil sie

sich keine Sehhilfe bzw. keine andere Brille aus Kostengründen leisten

können? So erfuhr ich beispielsweise kürzlich zu meinem Erstaunen

bei einem erforderlichen Augenarztbesuch, dass allein für das Ausmessen

der Sehstärke für jeden Patienten ein Eigenanteil von 15 € verlangt

wird. Wäre hier nicht auch ein Ansatz für die Grundsicherung der viel

gelobten Lebensqualität zu sehen?

65. Ende

Nun haben wir das Jahr 2017. An dieser Stelle möchte ich einen

Schlusspunkt setzen und darauf hoffen, dass mein Krankheitsverlauf

letztendlich doch noch eine positive, für mich zufriedenstellende Wendung

nimmt. Ich bin eine optimistische, zuversichtlich denkende Person,

die immer ein Ziel benötigt und verfolgt. Mein Ziel heißt „gesund

werden“ mit langsamen, kleinen Fortschritten. Dieses Ziel zu haben,

ist für mich von großer Notwendigkeit und spielt eine große Rolle in

meinem derzeitigen Patientenalltag. Es setzt bei mir positive Impulse,

unterstützt meine Geduld bzw. die Ausdauer gegenüber meiner Krankheit

und gibt meinem Leben Struktur, Halt und einen Sinn. Ich bleibe

somit nicht in einer festgelegten, starren Patientenrolle und diese Haltung

gibt mir die Hoffnung, mich wieder in Richtung eines normalen

Lebens zu bewegen.

Ich werde mich weiterhin für MICH und für meine Belange und Bedürfnisse

als Schmerzpatient einsetzen und nicht aufgeben, nach der

Schmerzursache zu forschen. Ich hoffe, dass ich dazu die nötige Energie

aufbringe und es mir trotz anhaltender Schmerzen gelingen wird,

an meiner Lebensfreude festzuhalten.

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66. Epilog

Dieses Buch widme ich in Dankbarkeit meinem Mann Max, der mit

mir gemeinsam durch die vergangenen Monate der Schmerzen, durch

alle meine Höhen und Tiefen ging und noch immer geht. Er hat

mich stets unterstützt und begleitet, wo immer es ihm möglich war.

Ohne ihn könnte ich mir die Bewältigung dieser schwierigen Zeit als

Schmerzpatient nicht vorstellen.

Des Weiteren widme ich es meinen Kinder Helene und Felix, die versucht

haben, mir die leidvollen Jahre zu erleichtern und immer Ansprechpartner

für mich waren und weiterhin sind. Dem Zuspruch

meiner Familie ist es zu verdanken, dass dieses Buch überhaupt entstanden

ist.

Ein besonderer Dank geht an meinen Hausarzt Dr. Renz, der immer

für mich und für meine Belange als Patient da war und nie an den von

mir beschriebenen Schmerzen gezweifelt hat. Er sprach mir Mut zu

und gab mir den nötigen Zuspruch, meinen Weg als Schmerzpatient

zu gehen und nicht aufzugeben.


Anmerkung: Sämtliche Namen von Ärzten und weiteren Personen,

sowie die Ortsangaben wurden in diesem Buch geändert.

Quellen:

Kribbelparästhesien: Wikepedia https://de.org/wiki/Parästhesie

Myelographie: Patientenaufklärungsbogen/proCompliance/R12, De

Facetteninfiltration: Patientenaufklärungsbogen/proCompliance/

R35/Sk 45, De

193



„Der Schatten des Schmerzes

bleibt in meiner Seele.“


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Verlag für Text- und Bildmedien Theodor Gerdon

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