Altavista: Ausgabe Sommer 2017
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<strong>Ausgabe</strong> 03 | <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> | CHF 6.80<br />
ALS<br />
Der lange<br />
Kampf<br />
Déjà-vu<br />
Fehler in der Matrix?<br />
Andropause<br />
Der Mann im Wechsel<br />
Makuladegeneration<br />
Endlich Hilfe<br />
XXX XXX <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 1
Weil Gesundheit<br />
das Wichtigste<br />
bleiben muss<br />
Wie können wir Ärzten helfen, Patienten zu heilen,<br />
und gleichzeitig dafür sorgen, Medizin bezahlbar zu<br />
halten? Diese Frage stellen wir uns jeden Tag aufs Neue.<br />
Dafür forschen wir und entwickeln Medizintechnik, die<br />
innovative Diagnose- und Therapieverfahren möglich<br />
macht und darüber hinaus hilft, die Kosten im Gesundheitswesen<br />
zu minimieren. So verkürzen wir Untersuchungszeiten,<br />
vereinfachen Diagnosen und entlasten<br />
medizinisches Personal, damit mehr Zeit für das Wesentliche<br />
bleibt: den Patienten.<br />
Erfahren Sie mehr unter:<br />
www.philips.ch/gesundheit<br />
2 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> XXX XXX
Impressum<br />
Editorial<br />
Inhalt<br />
Chefredaktion<br />
Peter Empl<br />
Herausgeber<br />
Naeim Said<br />
Autoren dieser <strong>Ausgabe</strong><br />
Peter Empl, Gaby Föhn, Dr. Ingo<br />
Haase, Dr. Christoph Held, Stephan<br />
Inderbizin, Brigit Lamol, Alois Metz,<br />
Ruedi Rüdisüli, Walter Willems<br />
Art Direction<br />
Nicole Senn | nicolesenn.ch<br />
Korrektorat<br />
Birgit Kawohl<br />
Bildredaktion<br />
Peter Empl & Nicole Senn<br />
Web<br />
www.altavistamagazin.ch<br />
redaktion@altavistamagazin.ch<br />
Administration<br />
Telefon 044 709 09 06<br />
info@altavistamagazin.ch<br />
redaktion@altavistamagazin.ch<br />
Mediaberatung | Anzeigen<br />
Pomcanys Marketing AG<br />
Tina Bickel<br />
044 496 10 22 & 079 674 29 13<br />
tina.bickel@pomcanys.ch<br />
Nächste <strong>Ausgabe</strong><br />
1. September <strong>2017</strong><br />
Druckauflage<br />
25 000 Exemplare<br />
AltaVista ist in der Schweiz als<br />
Marke eingetragen.<br />
ISSN:<br />
2504-3358<br />
www.altavistamagazin.ch<br />
Wasserloses, umweltschonendes<br />
Druckverfahren<br />
Naeim Said<br />
Herausgeber<br />
Peter Empl<br />
Chefredaktor<br />
E<br />
s ist noch nicht lange her, da<br />
hat man vor allem in den USA<br />
mit der «Ice Bucket Challenge»<br />
versucht, auf die Krankheit<br />
ALS aufmerksam zu machen.<br />
Für viele war es einfach lustig, sich<br />
einen Kübel Eis über den Kopf zu<br />
leeren und die so entstandenen Bilder<br />
auf Social Media-Plattformen<br />
zu posten. So schnell wie im <strong>Sommer</strong><br />
2014 der Hype kam, so schnell<br />
kühlte er sich – passend zum schnell<br />
schmelzenden Eis – auch wieder ab.<br />
Seit 2014 ist es daher ruhig um ALS,<br />
obschon nach wie vor keine Heilung<br />
der Krankheit in Sicht ist. Wir berichten<br />
in dieser <strong>Sommer</strong>ausgabe<br />
über ALS, im Sinne von «drei Jahre<br />
danach» und fassen die wichtigsten<br />
(neuen) Erkenntnisse zusammen.<br />
Denn etwas Gutes hatte die Aktion<br />
damals: Es sind in den USA Millionen<br />
von Dollar für die Forschung<br />
gesammelt worden. In der Schweiz<br />
war der Effekt eher gering.<br />
AltaVista verabschiedet sich mit<br />
dieser <strong>Ausgabe</strong> in die <strong>Sommer</strong>pause!<br />
Am 1. September sind wir wieder<br />
zurück und freuen uns schon<br />
jetzt auf die vielen, spannenden Geschichten,<br />
die da kommen werden.<br />
Herzlich<br />
Naeim Said, Herausgeber &<br />
Peter Empl, Chefredaktor<br />
3<br />
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Andropause<br />
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Thema<br />
ALS – Der lange Kampf<br />
Forschung<br />
mAKuladegeneration<br />
Kolumne<br />
Dr. Christoph Held<br />
Forschung<br />
hAutkrebs<br />
Schmerztherapie<br />
neue Ansätze<br />
News<br />
gesehen & gehört<br />
T h e m a<br />
Als und Musik<br />
Forschung<br />
Dem Déjà-Vu auf der Spur<br />
Der Mann in den<br />
Wechseljahren<br />
Info<br />
nATIonal & International<br />
Gicht<br />
Wie Diät helfen kann<br />
Schilddrüse<br />
eS wird zu schnell operiert<br />
Inhalt <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 3
4 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> XXX XXX
ALS: Drei Jahre nach der<br />
«Ice Bucket Challenge»<br />
Im <strong>Sommer</strong> 2014 haben sich auf allen Social Media-Kanälen mehr oder minder prominente<br />
Menschen Eiswasser auf den Kopf gegossen, um Forschungsgelder für ALS<br />
zu sammeln. Jetzt ist ein neues Medikament auf den Markt gekommen.<br />
Peter Empl<br />
D<br />
ie unheilbare Nervenerkrankung<br />
Amyotrophe Lateralsklerose<br />
(ALS) ist selten.<br />
Weltweit sind Schätzungen<br />
zufolge 350 000 Menschen<br />
davon betroffen, etwa die Hälfte der Patienten<br />
stirbt innerhalb der ersten drei Jahre<br />
an den Folgen. Der wohl berühmteste Erkrankte<br />
ist der Astrophysiker Stephen<br />
Hawking. Seit Ende der 1960er Jahre ist er<br />
auf den Rollstuhl angewiesen und kann<br />
sich nur über einen Sprachcomputer mitteilen.<br />
Auch der Historik-Autor Tony Judt<br />
sowie der deutsche Künstler Jörg Immendorff<br />
litten bis zu ihrem Tod an ALS.<br />
So richtig in den Fokus der Öffentlichkeit<br />
ist ALS erstmals im Jahr 2014 getreten,<br />
als die «Ice Bucket Challenge» für<br />
Furore sorgte. Ständig kippte sich jemand<br />
auf Facebook oder Instagram einen Eiskübel<br />
über den Kopf, sehr oft und gerne<br />
waren es Promis wie Mark Zuckerberg<br />
oder Bill Gates – natürlich auch der unverwüstliche<br />
Kardashian-Clan. Menschen<br />
liessen sich Kübel von Eiswasser überschütten<br />
und nominierten andere für dasselbe<br />
Schicksal. 17 Millionen Menschen<br />
luden Videos hoch. Indem man sich einen<br />
Eimer kaltes Wasser über den Kopf schüt-<br />
tet, sollen Gesunde sekundenlang das Gefühl<br />
einer Lähmung erleben und nachempfinden<br />
können, wie sich ein Erkrankter<br />
immer fühlt. Das war die Idee der Challenge.<br />
Diejenigen, die mitmachten, sollten<br />
zehn Einheiten der eigenen Landeswährung<br />
an die ALS-Organisation spenden,<br />
damit die Krankheit besser erforscht werden<br />
kann. Doch wer tat dies auch wirklich?<br />
Ice Bucket Challenge:<br />
Drei Jahre danach<br />
Es floss nicht nur Eiswasser, sondern<br />
es kamen auch tatsächlich umgerechnet<br />
250 Millionen Franken zusammen. Das berichtete<br />
das Magazin «New Yorker». Es<br />
seien 13 Mal so viele Spenden innerhalb<br />
von acht Wochen eingegangen wie im gesamten<br />
Vorjahr, offizielle Zahlen dazu<br />
existieren keine.<br />
Wikipedia spricht von einem «kurzfristigen<br />
Hype» und das war es leider auch,<br />
denn die Krankheit ist wieder vom öffentlichen<br />
Radar verschwunden (und damit<br />
ziemlich sicher auch weitere Spendengelder).<br />
Jahre zuvor – im Jahr 2011 - haben<br />
amerikanische Forscher immerhin einen<br />
gemeinsamen Grund bzw. eine Ursache für<br />
die verschiedenen Formen der schweren<br />
Erkrankung entdeckt. Demnach ist die<br />
Reparatur von Eiweissen im Gehirn oder<br />
Rückenmark von ALS-Patienten gestört.<br />
Die Nervenzellen der Erkrankten werden<br />
so schwer geschädigt. Das Team um Teepu<br />
Siddique von der Northwestern Universität<br />
in Chicago berichtete seinerzeit darüber im<br />
Magazin «Nature».<br />
ALS-Patienten leiden an fortschreitenden<br />
Muskellähmungen und können sich<br />
im Verlauf ihrer Erkrankung nicht mehr<br />
bewegen, sie haben Schwierigkeiten zu<br />
schlucken, zu sprechen oder zu atmen. Es<br />
gibt auch eine Form des Leidens, die eine<br />
Art Demenz auslöst. Dabei verlernen Patienten,<br />
einfachste Aufgaben auszuführen<br />
und verlieren ihr Sprachverständnis. Nur<br />
ein Teil (je nach Quelle spricht man von<br />
10 %) der ALS-Fälle treten familiär gehäuft<br />
und somit vererbt auf, die übrigen<br />
Erkrankungen tauchen spontan auf.<br />
Die Entdeckung, wie Menschen an<br />
dem Nervenleiden erkranken, öffnete Forscher<br />
Siddique zufolge «ein ganzes, neues<br />
Feld, um eine wirksame Behandlung gegen<br />
ALS zu finden». Demnächst sei es möglich,<br />
Medikamente zu testen und zu entwickeln,<br />
die die gestörte Eiweissreparatur regulieren<br />
oder verbessern helfen. Vielleicht ➔<br />
Fokus: ALS Hoffnungsschimmer am Horizont <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 5
Die Ice Bucket Challenge war 2014<br />
ein kurzer <strong>Sommer</strong>-Hype – immerhin<br />
kamen über 200 Mio. US- Dollar an<br />
Spendengeldern zusammen<br />
Der bekannteste ALS-Patient ist der Theoretische Physiker Stephen Hawking, er<br />
leidet seit 1963 an ALS.<br />
gelingt es damit, viele der schweren Lähmungen<br />
von Erkrankten zu lindern. Tatsächlich<br />
sind in den letzten Jahren grosse<br />
Fortschritte gemacht worden, mehr zu neuen<br />
möglichen Medikamenten weiter unten.<br />
Auf der Webseite der amerikanischen ALS-Stiftung wird das neu zugelassende Medikament<br />
Radicava bereits gefeiert. Im August kommt es auf den Markt.<br />
Fehlerhaftes Protein lagert<br />
sich ab<br />
Letztes Jahr dann ein weiterer Durchbruch:<br />
Die Theorie aus dem Jahre 2011 hat sich<br />
erhärtet, die Ursache für ALS ist definitiv<br />
geklärt. Offenbar ist ein bestimmtes Protein<br />
am fehlerhaften «Protein-Recycling»<br />
beteiligt, ist in neueren wissenschaftlichen<br />
Publikationen zu lesen. Das Molekül namens<br />
Ubiquilin2 verwertet normalerweise<br />
beschädigte oder falsch gefaltete Proteine<br />
in motorischen Nervenzellen und Nervenzellen<br />
der Grosshirnrinde. Bei ALS-Patienten<br />
arbeitet Ubiquilin2 offenbar nicht<br />
richtig. Dadurch sammelt sich das Eiweiss<br />
zusammen mit den beschädigten Proteinen<br />
in den Nervenzellen an und lagert sich in<br />
ihnen ab, bis sie schliesslich unwiederbringlich<br />
absterben.<br />
In Menschen, die aus Familien stammen,<br />
in denen ALS gehäuft vorkommt,<br />
stiessen die Forscher zudem auf Mutationen<br />
im Ubiquilin2-Gen. Dies codiert die<br />
Bauanleitung für das recycelnde Protein.<br />
Allerdings lagerte sich das Eiweiss auch<br />
in den Nervenzellen von Erkrankten ab,<br />
die keinerlei Spuren einer solchen Genveränderung<br />
im Erbgut trugen. Für ihre Studien<br />
untersuchten die Forscher unter anderem<br />
Daten von fünf Generationen einer<br />
Familie, in der 19 Familienmitglieder an<br />
ALS litten.<br />
Im letzten Jahr konnten diese Erkenntnisse<br />
dann nochmals erweitert werden:<br />
ALS-Patienten verfügen laut einer<br />
Studie der schwedischen Umeå universitet<br />
über eine genetische Mutation, die dazu<br />
führt, dass sich das Protein SOD1 in den<br />
Motoneuronen des Gehirns und der Wirbelsäule<br />
ansammelt. Bei Mäusen führt<br />
eine Injektion dieser Ansammlung zu<br />
einer raschen Ausbreitung und ALS-<br />
Erkrankung. ALS verursacht in Gehirn<br />
und Wirbelsäule das Absterben jener Motoneuronen,<br />
die für die Kontrolle der Muskeln<br />
verantwortlich sind.<br />
Domino-Effekt in Gang gesetzt<br />
Laut Studienautor Thomas Brännström ist<br />
bereits seit einiger Zeit bekannt, dass sich<br />
SOD1 in den Nervenzellen ansammelt.<br />
Lange war aber nicht klar, welche Rolle die<br />
SOD1-Ansammlungen beim Verlauf der<br />
Krankheit spielen. «Wir haben jetzt nachgewiesen,<br />
dass diese Ansammlungen einen<br />
Domino-Effekt in Gang setzen, der bei<br />
Mäusen zu einer raschen Ausbreitung der<br />
Krankheit führt. Wir nehmen an, dass das<br />
auch beim Menschen der Fall ist.» Die Forschungsergebnisse<br />
wurden im «Journal of<br />
Clinical Investigation» veröffentlicht.<br />
Die Wissenschaftler untersuchten,<br />
ob die Ansammlung des Proteins in den<br />
Nervenzellen die Erkrankung vorantreibt<br />
oder ob es sich nur um eine harmlose Be-<br />
6 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Fokus: ALS Hoffnungsschimmer am Horizont
gleiterscheinung handelt. Es gelang, bei<br />
Mäusen zwei verschiedene Arten von<br />
SOD1-Ansammlungen zu identifizieren.<br />
Beide führten nach der Injektion einer geringen<br />
Menge in die Wirbelsäule zur Ausbreitung<br />
der Ansammlungen. Sie dehnte<br />
sich über die Nervenzellen der gesamten<br />
Wirbelsäule aus. Gleichzeitig kam es zu<br />
Sie dehnte sich über<br />
die Nervenzellen der<br />
gesamten Wirbelsäule aus.<br />
einer raschen Erkrankung. Ziel ist es, Behandlungsmöglichkeiten<br />
zu entwickeln,<br />
die den Verlauf der Krankheit bei vererbter<br />
ALS entweder verhindern oder stoppen.<br />
Zusammenfassend kann also gesagt<br />
werden, dass aufgrund der verschiedenen<br />
Studien die Ursachen weitestgehend klar<br />
sind. In den USA ist daher auch ein neues<br />
Medikament zugelassen: Radicava. Die<br />
ALS Association jubiliert: «The FDA has<br />
approved Radicava (Edaravone), the<br />
first new treatment specifically for ALS<br />
in 22 years.» und auf der Webseite wird<br />
das Medikament mehr oder minder sogar<br />
direkt beworben. Auf der ALS-Schweiz-<br />
Webseite ist kein entsprechender Hinweis<br />
zu finden.<br />
Neues Medikament<br />
verspricht Hoffnung<br />
Damit entsteht – 22 Jahre nach Zulassung<br />
von Riluzol (welches auch heute noch in<br />
seiner Wirksamkeit umstritten ist) – eine<br />
zweite pharmakologische Behandlungsoption<br />
bei ALS.<br />
Mit der FDA-Zulassung wurden<br />
wichtige Informationen über die klinische<br />
Wirksamkeit von Radicava im Zulassungstext<br />
ausgewiesen: In einem Untersuchungszeitraum<br />
von 24 Wochen<br />
konnte gezeigt werden, dass Patienten<br />
mit einer Placebobehandlung eine Symptomzunahme<br />
von 7,5 Punkten (von insgesamt<br />
48 Punkten auf der ALS-Schweregrad-Skala,<br />
ALS-FRSr) erfahren haben,<br />
während Patienten mit Radicava-Behandlung<br />
eine mittlere Symptomzunahme<br />
von 5,01 Skalapunkten zeigten. Dieser<br />
Unterschied ist klinisch relevant und<br />
statistisch signifikant.<br />
Eine Zulassung des Medikamentes in<br />
der EU ist damit geboten, die Schweiz würde<br />
entsprechend nachziehen. Bisher liegen<br />
jedoch noch keine gesicherten Informationen<br />
vor, wann der Hersteller des Medikamentes,<br />
Mitsubishi Tanabe Corporation,<br />
einen Zulassungsantrag bei der Europäischen<br />
Arzneimittelbehörde stellen wird.<br />
Weiterhin sind noch verschiedene medizinische<br />
und organisatorische Fragen bei der<br />
Anwendung zu klären. Die Witzbolde auf<br />
Facebook & Co. mit ihren Eiskübeln sind<br />
mittlerweile verstummt, viele Betroffene<br />
leiden weiter an ALS – aber immerhin<br />
scheint es neue Hoffnung zu geben, welche<br />
von keinem lauten Getöse übertönt wird.<br />
Der Kampf und der Leidensweg für<br />
ALS-Patienten bleibt aber trotz neuer Medikamente<br />
bestehen, denn auch Radicava<br />
kann die Krankheit nicht heilen, sondern<br />
lediglich den Verlauf verzögern.<br />
Quellen<br />
Nachrichtenagenturen DPA / RP, Journal of Clinical<br />
Investigation (diverse Artikel) / Schweizerische<br />
ALS Stiftung, «Nature» (diverse Artikel), Pressemitteilung<br />
der FDA, The ALS Association.<br />
Publireportage<br />
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Die Hautpflege bei Patienten mit Inkontinenz ist eine Herausforderung. Proshield Schaum &<br />
Spray und Proshield Plus bilden ein System, das Reinigung und Pflege mit nachhaltigem<br />
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P<br />
atienten mit Harn- und/oder Stuhlinkontinenz leiden häufig unter entzündeter,<br />
infizierter und geschädigter Haut. Der beständige Kontakt mit<br />
Urin und Stuhl führt zu Hautirritationen, Ekzemen, inkontinenz-assoziierter<br />
Dermatitis oder schliesslich zu Ulzerationen. Der im Urin enthaltene<br />
Ammoniak schwächt den Säureschutzmantel der Haut und aktiviert im<br />
Stuhl enthaltene Enzyme, wodurch Eiweisse und Fette gespalten werden und die<br />
Hornschicht der Epidermis angegriffen wird. Da die derart vorgeschädigte Haut in<br />
dem feucht warmen Milieu des Intimbereichs stark Bakterien und Pilzen ausgesetzt<br />
ist, besteht ein hohes Risiko für Infektionen und Ulzera.<br />
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Literatur<br />
1. Wounds UK, Best Practice<br />
Statement Care of the Older<br />
Person’s Skin, 2nd Edition, 2012.<br />
2. Rees J et al., Best Practice<br />
guidelines for the prevention<br />
and management of incontinence<br />
dermatitis, Nursing Times,<br />
2009, 105(36) 24-6<br />
3. Flynn D and Williams S, Barrier<br />
creams for skin breakdown,<br />
Nursing & Residential Care,<br />
2011, 13(11) 553-558<br />
Fokus: ALS Hoffnungsschimmer am Horizont <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 7
Neuer Wirkstoff<br />
gegen trockene Makuladegeneration<br />
Erstmals stellen Mediziner ein Mittel gegen eine bislang untherapierbare Form<br />
der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) in Aussicht.<br />
Walter Willems<br />
I<br />
n einer internationalen Studie testete<br />
ein Forscherteam den Antikörper<br />
Lampalizumab gegen die Spätform<br />
der trockenen AMD – die sogenannte<br />
geografische Atrophie. Demnach<br />
bessern monatliche Injektionen des Mittels<br />
in den Augapfel die Sehkraft zwar<br />
nicht, sie bremsen aber das Fortschreiten<br />
der Krankheit bei vielen Patienten deutlich.<br />
Das berichtet das Team um Erich<br />
Strauss vom Hersteller Genentech, an dem<br />
auch die Uniklinik Bonn beteiligt ist, im<br />
Fachblatt «Science Translational Medicine».<br />
Ein unabhängiger deutscher Experte<br />
spricht von beeindruckenden Resultaten,<br />
die jedoch in grösseren Studien bestätigt<br />
werden müssten. Zwei solche Untersuchungen<br />
laufen bereits.<br />
Die altersabhängige Makuladegeneration<br />
ist in Industrieländern die häufigste Ursache<br />
für den Verlust der Sehkraft. Sie betrifft<br />
die schärfste Stelle des Sehens in der<br />
Mitte der Netzhaut – die etwa zehn Quadratmillimeter<br />
grosse Makula. Allein in der<br />
Schweiz, in Deutschland und Österreich<br />
sind Millionen Menschen von der Erkrankung<br />
betroffen, die sich über Jahre hinzieht.<br />
In der Frühphase häufen sich unter der Netzhaut<br />
Stoffwechselprodukte, die die Zellen<br />
nicht mehr abbauen können. Diese Ablagerungen<br />
wölben die Makula auf.<br />
Gegen die feuchte Spätform der AMD<br />
gibt es seit etwa einem Jahrzehnt eine Therapie,<br />
die das Sehvermögen bessern kann.<br />
Gegen die häufigere geografische Atrophie,<br />
bei der die Ablagerungen die Pigmentzellen<br />
zugrunde richten, sind Ärzte bislang<br />
machtlos. Von dieser Variante sind den<br />
Forschern zufolge weltweit mehr als fünf<br />
Millionen Menschen betroffen.<br />
Erste Resultate nach sechs<br />
Monaten<br />
In dieser neuen Studie testete das<br />
Team nun Lampalizumab an 120 Patienten<br />
ab 60 Jahren, die entweder den Wirkstoff<br />
oder aber Scheininjektionen erhielten. Die<br />
Phase-2-Studie sollte vor allem die Sicherheit<br />
des Wirkstoffs und das Therapiekonzept<br />
– also monatliche Injektionen – testen.<br />
Erste Resultate zeichneten sich nach<br />
sechs Monaten ab. Im Lauf der 18-monatigen<br />
Studie hemmte das Mittel das Fortschreiten<br />
der Schäden im Vergleich zur<br />
Scheinbehandlung um 20 Prozent: In der<br />
Kontrollgruppe breitete sich die geografische<br />
Atrophie um 2,8 Quadratmillimeter<br />
aus, in der behandelten Gruppe um<br />
2,2 Quadratmillimeter.<br />
Die genauere Analyse der Daten zeigte,<br />
dass vor allem Menschen mit bestimmten<br />
Erbanlagen von der Therapie profitierten.<br />
Bei Patienten mit diesen Varianten – etwa<br />
57 Prozent der Teilnehmer – sank das Fortschreiten<br />
um fast die Hälfte (44 Prozent).<br />
Den übrigen Teilnehmern half der Wirkstoff<br />
kaum. Bei Frauen fiel der Effekt deutlich<br />
stärker aus als bei Männern. Insgesamt<br />
erwies sich das Mittel als gut verträglich –<br />
die häufigsten Nebenwirkungen gingen mit<br />
den Injektionen ins Auge einher.<br />
Derzeit laufen zwei Zulassungsstudien,<br />
deren erste Ergebnisse in der zweiten<br />
Jahreshälfte erwartet werden.<br />
8 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Forschung Netzhauterkrankung
Kalte Platte<br />
Kolumne<br />
V<br />
iele Menschen haben keine Zeit mehr am Abend zu kochen. Hört man sich<br />
in der S-Bahn um, bekommt man den Eindruck, die ganze Schweiz esse<br />
Aufschnitt zum Z’nacht. «Schatz, ich bringe Salami», wird in die Handys<br />
gesprochen und den Fahrgästen läuft das Wasser im Mund zusammen.<br />
Im Pflegezentrum dagegen hat sich eine Angehörige beschwert, dass ihrem demenzkranken<br />
Mann zu häufig kalte Platte serviert werde – darum esse er nicht mehr.<br />
Appetitlosigkeit kann viele Ursachen haben, nicht zuletzt ein schmerzhaftes Gebiss.<br />
Gewiss ist abwechslungsreiches Essen wichtig, doch liegt der Hauptgrund für die<br />
halbleer gegessenen Teller häufig woanders. Um bei den Mahlzeiten herzhaft zuzugreifen,<br />
muss man sich wohl fühlen und das ist bei Menschen mit Demenz leider nicht immer<br />
der Fall. Viele fühlen sich gerade am Abend wie verloren. Es hilft ihnen wenig, wenn<br />
die Pflegenden sie an einen gemeinsamen Tisch setzen – im Gegenteil! Eine gewaltige<br />
Unruhe fährt plötzlich in Einige. Vergeblich versucht eine Pflegende abzulenken.<br />
«Wollen Sie nicht von dem feinen Fruchtsalat probieren?», schlägt sie vor. «Auf gar<br />
keinen Fall» ruft eine Bewohnerin und dreht sich zu einem Mitbewohner. «Komm!»,<br />
befiehlt sie, «wir müssen nach Hause!» Wahllos ergreifen die Beiden fremde Mäntel<br />
und strömen dem Ausgang zu.<br />
«Ich muss mich als Esskümmerer der Demenzkranken begreifen», sagt der Demenzkoch<br />
Markus Biedermann, der viele Bücher zum Thema verfasst hat. «In einigen Heimen<br />
mussten alle Küchenmitarbeitenden eine Art Götti sein mussten. Sie kannten ihre Bewohner<br />
beim Namen. Sie pressten Früchte auf der Abteilung aus. Die Bewohner schauten<br />
und hörten gespannt zu, wenn wieder so eine Birne oder ein Rüebli zerquetscht wurde.<br />
«Das habe ich extra für euch gemacht», sagte der Küchenangestellte und reichte den<br />
Bewohnern den Saft in kleinen Gläschen. «Greifen Sie zu!» Die Flüssigkeitszufuhr war<br />
nach mehreren Gläschen geregelt.»<br />
Dieser engagierte Demenzkoch konnte seine Crew für die demenzkranken Bewohner<br />
einnehmen. Ein junger Koch wollte einige warme Speisen im Bain-marie auf der<br />
Abteilung stehen lassen. Die Bewohner assen nicht. Stand er aber beim Gerät, rührte in<br />
den Speisen und erzählte Sachen begannen die Bewohner zu essen und liessen keinen<br />
Bissen übrig von den Speisen, die ihnen der junge Koch auf den Teller geschöpft hatte.<br />
Er reichte ihnen eine Serviette aus weissem Stoff und sagte: «So, ein wenig vornehm<br />
wollen wir es haben, nicht wahr? Bon appétit à tout le monde».<br />
Bücher von Markus Biedermann: «Essen als basale Stimulation»<br />
(ISBN 978-3-86630-157-3); «Smoothfood» (ISBN 978-3-7841-1975-5)<br />
Dr. Christoph Held<br />
Dr. Christoph Held, arbeitet als Heimarzt<br />
und Gerontopsychiater beim<br />
Geriatrischen Dienst der Stadt Zürich<br />
sowie im Alterszentrum Doldertal.<br />
Lehrbeauftragter der Universität Zürich<br />
sowie Dozent an den Fachhochschulen<br />
Bern, Careum Aarau und ZAH Winterthur<br />
sowie an der Universität Basel.<br />
Bücher «Das demenzgerechte Heim»<br />
(Karger, 2003), «Wird heute ein guter<br />
Tag sein? Erzählungen» (Zytglogge,<br />
2010), «Accueillir la demence»<br />
(Médecine et Hygiène, 2010), «Was<br />
ist gute Demenzpflege?» (Huber, 2013)<br />
Im Herbst <strong>2017</strong> erscheint «Bewohner»<br />
Erzählungen Dörlemannverlag<br />
Kontakt<br />
christoph.held@bluewin.ch<br />
Kolumne Dr. Christoph Held <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 9
Neuen Waffen im Feldzug<br />
gegen den schwarzen Tod<br />
Erkenntnisse der Tumorforschung ermöglichten die Entwicklung neuartiger<br />
Therapien gegen das Maligne Melanom.<br />
Dr. Ingo Haase<br />
Darstellung des Signalproteins, welches Mutationen dauerhaft aktiviert und sich durch körpereigene Mechanismen nicht mehr<br />
abschalten lässt. Dies führt zu einem unbegrenzten und ungehemmten Wachstum der Melanom-Tumorzellen.<br />
D<br />
as Maligne Melanom ist einer<br />
der aggressivsten Tumore des<br />
Menschen. Es wächst oft<br />
schnell, metastasiert früh und<br />
hat deshalb, wenn es nicht<br />
rechtzeitig erkannt wird, eine schlechte<br />
Prognose. Schon ab einer Tumordicke von<br />
einem Millimeter nimmt die Aussicht, den<br />
Tumor zu überleben, mit zunehmender Tu-<br />
mordicke und Eindringtiefe rapide ab. In<br />
den letzten Jahren haben sich die Möglichkeiten<br />
zur Behandlung des Malignen Melanoms<br />
stark verbessert. Seit 2002 sind Ergebnisse<br />
der Grundlagenforschung in<br />
dieses Forschungsgebiet eingeflossen und<br />
haben zur Entwicklung von hochwirksamen<br />
Medikamenten gegen das Melanom<br />
und andere Krebsarten geführt.<br />
Melanomzellen brauchen<br />
Wachstumssignale<br />
Wie alle Tumorzellen zeigen die Melanomzellen<br />
ein ungehemmtes Wachstum, das<br />
nicht mehr durch die normalen Kontrollmechanismen<br />
des Körpers reguliert werden<br />
kann. Forschungen zu Beginn dieses<br />
Jahrtausends haben gezeigt, dass bei vielen<br />
Melanomen dafür eine Mutation, also eine<br />
10 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Forschung Hautkrebs
Das Maligne Melanom ist einer der<br />
aggressivsten Tumore.<br />
Wachstumshemmung des Signalproteins Raf und Bindung der Schutzmoleküle an<br />
die Immunzellen.<br />
Veränderung des Erbgutes der Tumorzellen,<br />
verantwortlich ist. Ein grosser Teil der<br />
Melanome weist in den Tumorzellen eine<br />
Mutation des sogenannten BRAF- Gens<br />
auf. Das Produkt von BRAF, ein Signalprotein<br />
namens Raf (englisch: rapidly accelerated<br />
fribrosarcoma), überträgt normalerweise<br />
Wachstumssignale aus der Zellumgebung<br />
in das Zellinnere und stimuliert<br />
dadurch das Zellwachstum. Durch die<br />
Mutation wird das Signalprotein Raf dauerhaft<br />
aktiviert und lässt sich durch körpereigene<br />
Mechanismen nicht mehr abschalten.<br />
Dies führt zu einem unbegrenzten und<br />
ungehemmten Wachstum der Melanom-<br />
Tumorzellen.<br />
Auf der Grundlage dieser Entdeckung<br />
wurden neue Medikamente entwickelt, die<br />
in der Lage sind, die Aktivität des mutierten<br />
Raf zu hemmen und dadurch das<br />
Wachstum der Melanomzellen effektiv zu<br />
bremsen. Die Medikamente Vemurafenib<br />
(Zellboraf) und Dabrafenib (Tafinlar) werden<br />
als Tabletten verabreicht. Ihre Wirkung<br />
wird durch weitere neue Medikamente<br />
(Cobimetinib, Trametinib) mit hemmender<br />
Wirkung auf das Raf-verwandte Molekül<br />
MEK noch weiter verstärkt.<br />
In klinischen Studien zeigten diese<br />
Medikamente eine Hemmung des Voranschreitens<br />
der Tumorerkrankung und eine<br />
deutliche Verlängerung der Überlebenszeit<br />
bei metastasiertem Malignem Melanom.<br />
Melanome schützen sich aktiv<br />
gegen Angriffe des Immunsystems<br />
Tumore wie das Melanom wachsen und<br />
metastasieren nicht nur durch überschiessende<br />
Wachstumssignale, sondern<br />
auch dadurch, dass sie die Angriffe des<br />
körpereigenen Immunsystems gegen den<br />
Tumor wirkungslos machen. Wie gelingt<br />
ihnen das? Die Tumorzellen nutzen einen<br />
Regulationsmechanismus, der die körpereigenen<br />
Zellen normalerweise vor Angriffen<br />
des Immunsystems schützt. Dazu bedecken<br />
viele Körperzellen ihre Oberfläche<br />
mit Schutzmolekülen, die bei Kontakt mit<br />
angreifenden Immunzellen diese inaktivieren<br />
und dadurch ihre eigene Vernichtung<br />
verhindern. Dieser Mechanismus wird<br />
auch Checkpoint genannt, also eine Kontrollstelle<br />
des Immunsystems.<br />
Eines dieser Schutzmoleküle, PD-1<br />
Ligand, bindet an den Rezeptor PD-1<br />
(engl.: programmed cell death-1) auf der<br />
Zelloberfläche von T-Lymphozyten. Diese<br />
Immunzellen sind in der Lage, Tumorzellen<br />
als Feinde zu erkennen und zu vernichten.<br />
Der Kontakt zwischen PD-1 und<br />
PD-1-Ligand löst jedoch im T-Lymphozyten<br />
ein Signal aus, das zur Selbstzerstörung<br />
durch programmierten Zelltod<br />
(Apoptose) führt. Die T-Lymphozyten<br />
sterben ab und stehen nicht mehr für den<br />
Kampf gegen den Tumor zur Verfügung.<br />
Auf diese Weise verhindert die Tumorzelle<br />
den Angriff und ihre Vernichtung durch<br />
das Immunsystem.<br />
Die neuen Medikamente gegen das<br />
Melanom, die auch als Checkpoint-Inhibitoren<br />
bezeichnet werden, greifen genau<br />
hier ein. Es sind Antikörper, also sehr körperverwandte<br />
Moleküle, die die Bindung<br />
zwischen PD-1 auf den T-Lymphozyten<br />
und PD-1-Ligand auf den Tumorzellen<br />
verhindern. Wenn diese Bindung verhindert<br />
wird, kommt es nicht mehr zur Selbstzerstörung<br />
der T-Lymphozyten. Die überlebenden<br />
T-Lymphozyten können dann<br />
die Tumorzellen angreifen und vernichten.<br />
Die neuen Medikamente, Nivolumab<br />
(Opdivo) und Pembrolizumab (Keytruda),<br />
werden als Infusion in die Vene gegeben.<br />
Die bisherigen klinischen Studien haben<br />
klar gezeigt, dass die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren<br />
der bisher üblichen Chemotherapie<br />
weit überlegen ist; es zeigten<br />
sich deutlich bessere Überlebensraten bei<br />
sehr guter Verträglichkeit. Von der Fachpresse<br />
wurde die neue Immuntherapie als<br />
Durchbruch gefeiert.<br />
Forschung Hautkrebs <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 11
Anteil der fettleibigen<br />
Menschen steigt<br />
stärker als prognostiziert<br />
Weltweit sind Forschern zufolge mehr als zwei Milliarden Menschen übergewichtig<br />
oder gar fettleibig – mit weitreichenden Folgen für die Gesundheit. Eine Studie zeigt<br />
nun, dass der Anteil fettleibiger Menschen an der Weltbevölkerung rasch gestiegen ist.<br />
Gaby Föhn<br />
D<br />
emnach hat sich der Prozentsatz<br />
fettleibiger Menschen<br />
von 1980 bis 2015 in mehr als<br />
70 Ländern verdoppelt, in<br />
den meisten anderen Staaten<br />
sei er stetig nach oben gegangen, schreibt<br />
das internationale Forscherteam im «New<br />
England Journal of Medicine».<br />
Nach Angaben von Forschern des beteiligten<br />
Institute for Health Metrics and<br />
Evaluation (IHME) in Seattle waren im<br />
Jahr 2015 rund 2,2 Milliarden Menschen<br />
zumindest übergewichtig – das entspricht<br />
etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung.<br />
«Übermässiges Körpergewicht ist eines der<br />
schwierigsten Gesundheitsprobleme der<br />
Gegenwart», sagte Erstautor Ashkan<br />
Afshin vom IHME.<br />
Im Jahr 2015 waren der Studie zufolge<br />
rund 108 Millionen Kinder und 604 Millionen<br />
Erwachsene fettleibig. Bei der Rate fettleibiger<br />
Kinder und junger Erwachsener<br />
sind unter den 20 bevölkerungsreichsten<br />
Ländern die USA mit einem Anteil von 13<br />
Prozent Rekordhalter. Bei Erwachsenen ist<br />
Fettleibigkeit in Ägypten mit einem Anteil<br />
von etwa 35 Prozent am weitesten verbreitet.<br />
Besonders selten ist dieses extreme Übergewicht<br />
in Bangladesch, wo 1,2 Prozent der<br />
unter 20-Jährigen fettleibig sind und in Vietnam,<br />
wo das für etwa 1,6 Prozent der erwachsenen<br />
Bevölkerung gilt.<br />
Der Studie zufolge starben 2015 etwa<br />
4 Millionen Menschen an den Folgen ihres<br />
sehr hohen Gewichts. Todesursachen waren<br />
in zwei Dritteln der Fälle Herz-Kreislauferkrankungen.<br />
Es folgten Diabetes mit<br />
rund 15 Prozent sowie chronische Nierenerkrankungen<br />
und Krebs mit jeweils<br />
unter 10 Prozent.<br />
Vor einem Jahr war eine Studie im<br />
Fachblatt «The Lancet» zu einer etwas unterschiedlichen<br />
Zahl von Fettleibigen gekommen.<br />
Demnach zählten 2014 gut 640<br />
Millionen Menschen ab 18 Jahren dazu –<br />
266 Millionen Männer und 375 Millionen<br />
Frauen. Solche weltweiten Berechnungen<br />
beruhten auf einer Kombination von Studien,<br />
deren Daten dann hochgerechnet würden,<br />
sagt Frank Jakobus Rühli vom Institut<br />
für Evolutionäre Medizin der Universität<br />
Zürich, Koautor der «Lancet»-Veröffentlichung.<br />
«Das ist immer etwas unsicher.»<br />
Dennoch spiegeln die zunehmenden<br />
Zahlen einen wichtigen Trend wider, so<br />
Rühli. «Das ist insbesondere bei Jugendlichen<br />
ein Problem», sagt er. Es gebe heutzutage<br />
mehr Möglichkeiten, übermässig Kalorien<br />
aufzunehmen, gleichzeitig sinke bei<br />
vielen Menschen der Energieverbrauch.»<br />
12 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Studie Fettleibigkeit
Tabuthema HIV und Pflege<br />
Die Lebenserwartung von Menschen mit HIV hat sich inzwischen praktisch derjenigen der<br />
nicht-betroffenen Bevölkerung angeglichen. Das bedeutet, dass es immer mehr ältere<br />
Menschen mit HIV gibt. Das stellt Betroffene und vor allem auch Pflegende vor neue Herausforderungen.<br />
Wie mangelnde Aufmerksamkeit für das Thema im Gesundheitswesen zu einer<br />
Stigmatisierung älterer Menschen mit HIV führt, zeigt folgende fiktive Geschichte, die auf<br />
realen Begebenheiten basiert.<br />
Publireportage<br />
Y<br />
ves ist ein 45-jähriger schwuler Mann und besucht seinen<br />
80-jährigen Bekannten, der seit sechs Monaten in einem<br />
Pflegeheim lebt. Die geschilderten fiktiven Situationen<br />
repräsentieren Erkenntnisse aus Studienumfragen und Diskriminierungsmeldungen<br />
in Deutschland und der Schweiz. 1,2,3<br />
«Paul im Pflegeheim – das konfrontiert mich mit Fragen, die ich lieber<br />
ausblenden würde: Wie ist es, als HIV-Positiver alt und auf Unterstützung<br />
angewiesen zu sein? Paul freut sich sichtlich über meinen Besuch.<br />
Doch das Lachen wirkt ein bisschen gequält. Paul ist einsam im Seniorenheim.<br />
«Die Direktion hier war sehr offen gegenüber meiner<br />
HIV-Infektion. Die Anfangszeit war dann trotzdem schwer. Das Personal<br />
wurde erst kurz vor meinem Einzug informiert, fühlte sich übergangen<br />
und es gab erst mal einen Riesen-Aufstand.» Während Paul<br />
erzählt, betritt eine Pflegefachfrau das Zimmer, lächelt nervös, zieht<br />
Handschuhe an und misst Pauls Blutdruck. «Sie ist neu» erklärt Paul<br />
später, «das restliche Pflegefachpersonal wurde geschult und weiss,<br />
dass sie meinen Blutdruck auch ohne Handschuhe messen können.»<br />
In der Cafeteria werden wir von den Senioren stumm beäugt. «Die<br />
fragen sich jetzt alle, wer du bist,» erklärt Paul. «Die Leute hier wissen<br />
kaum etwas von mir. Sie trauen sich nicht, mich nach meiner Vergangenheit<br />
zu fragen und wie ich mich mit HIV angesteckt habe.» Zu<br />
Hause erzähle ich meinem Partner Reto von meinen Eindrücken aus<br />
dem Pflegeheim und von den Ängsten, die das bei mir ausgelöst hat.<br />
«Sieh’s positiv, wir sind noch jung. In den nächsten Jahren werden wir<br />
älter und unsere zukünftigen Pfleger reifer,» meint er mit einem bitteren<br />
Lachen.<br />
Älterwerden mit HIV – Sind Schweizer Alters- und Pflegeinstitutionen<br />
vorbereitet?<br />
Eine Schweizer Studie untersuchte die Sensibilisierung für die Bedürfnisse<br />
älterer LGBTI- sowie HIV-positiver Menschen bei der Spitex,<br />
in Pflegeheimen und in der Pflegeausbildung. 2 Generell zeigen<br />
sich die Institutionen offen gegenüber der Thematik. Trotzdem berichten<br />
rund 16 % der Befragten von Schwierigkeiten zwischen<br />
HIV-positiven Menschen und dem Personal, meist verursacht durch<br />
Unsicherheiten bezüglich Ansteckungsgefahren. 2 In den meisten Institutionen<br />
fehlt es an verbindlichen Verhaltenskodizes für den Umgang<br />
mit HIV-Betroffenen. In der Pflegeausbildung sind HIV-positive<br />
Patienten kaum ein Thema. Eine wichtige Grundlage zur Thematik<br />
bietet die Wegleitung zur Diversität in Alters- und Pflegeheimen des<br />
Schweizerischen Roten Kreuzes. 4<br />
Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist die Lebenszufriedenheit<br />
von Menschen mit HIV / Aids ab 50 Jahren tiefer. 1 Stigmatisierung und<br />
Diskriminierungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Mit der Kampagne<br />
«Stop HIV Stigma» engagiert sich ViiV Healthcare dafür, die Diskriminierung<br />
von Menschen mit HIV jeden Alters zu stoppen. Mit<br />
aktuellem Wissen sollen Fachpersonen für den professionellen Umgang<br />
mit HIV-positiven Personen unterstützt werden.<br />
Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch eine finanzielle Unterstützung<br />
der ViiV Healthcare GmbH.<br />
Quellen<br />
1. Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt.<br />
A.N. Ahmad, J. Drewes, P. C. Langer, D. Mazyck, C. Rasemann, K.-J.<br />
Weber. 50plushiv: Psychosoziale Aspekte des Älterwerdens mit HIV und<br />
Aids in Deutschland.<br />
2. www.pinkcross.ch/lebenswelten/sensibilitaet-fuer-lgbti-im-alter (Mai 2016)<br />
3. www.aids.ch/de/downloads/pdfs/Diskriminierungsmeldung_2015.pdf<br />
4. Schweizerisches Rotes Kreuz, Diversität in Alters- und Pflegeheimen,<br />
Oktober 2012<br />
CH/HIV/0033/17/27.06.<strong>2017</strong>/06.<strong>2017</strong><br />
Sponsored Content HIV & Pflege <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 13
Mit körpereigenen<br />
Stoffen gegen<br />
Schmerzen und Angst<br />
Forschende der Universität Bern haben einen neuen Ansatz gefunden,<br />
um mithilfe körpereigener Signalstoffe Entzündungen, Angstzustände<br />
und Schmerzen zu bekämpfen.<br />
Dr. Claus Pauli<br />
D<br />
ie vom Körper produzierten<br />
Cannabinoide (Endocannabinoide)<br />
spielen eine wichtige<br />
Rolle im Gehirn und im Immunsystem.<br />
Sie docken an<br />
spezifische Cannabinoid-Rezeptoren an<br />
und können so unter anderem entzündungshemmend<br />
und schmerzstillend wirken.<br />
Dieses System wollen die Forschenden<br />
um Jürg Gertsch von der Universität<br />
Bern gezielt ausnutzen, um neuropsychiatrische<br />
Erkrankungen zu behandeln, beispielsweise<br />
Angststörungen.<br />
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg<br />
dorthin ist ihnen nun gelungen, wie die Uni<br />
Bern mitteilte. Im Tierversuch gelang es<br />
ihnen, mithilfe von Wirkstoffen das Endocannabinoid-System<br />
im Gehirn von<br />
Mäusen zu manipulieren und eine entzündungshemmende,<br />
schmerzstillende und<br />
angstlösende Wirkung zu erzielen.<br />
Vom Sonnenhut inspiriert<br />
Für die Wirkstoffe, die das Team um<br />
Gertsch gemeinsam mit Forschenden der<br />
ETH Zürich und Industriepartnern entwickelt<br />
hat, liessen sich die Wissenschaftler<br />
von einem Naturstoff aus dem Sonnenhut<br />
(Echinacea purpurea) inspirieren. Diese<br />
Medizinalpflanze wird auch häufig bei Erkältungen<br />
angewendet und wirkt teilweise<br />
über das Endocannabinoid-System.<br />
Der Trick besteht darin, mit den neuen<br />
Substanzen den Transport von Endocanna-<br />
binoiden ins Innere von Zellen zu verhindern,<br />
wo sie abgebaut würden. Weil dadurch<br />
mehr dieser Botenstoffe ausserhalb der<br />
Zellen bleibt, können sie mit Cannabinoid-<br />
Rezeptoren auf Nerven- und Immunzellen<br />
wechselwirken und diese aktivieren.<br />
«Das Prinzip ist damit ähnlich wie bei<br />
Antidepressiva auf Basis von Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern»,<br />
erklärte<br />
Gertsch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur<br />
sda. Diese verhindern, dass Serotonin<br />
nach der Ausschüttung aus Nervenzellen<br />
wieder von diesen aufgenommen und<br />
abgebaut werden. Das erhöht die Menge an<br />
Serotonin in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns,<br />
was depressive Symptome mildert.<br />
Das Schöne an diesem Ansatz sei,<br />
dass die neu entwickelten Transport-<br />
Hemmstoffe gezielt im Gehirn wirkten,<br />
so dass nicht der ganze Körper mit<br />
Endocannabinoiden geflutet werde. Auf<br />
andere Organe konnten die Wissenschaftler<br />
keine unerwünschten Nebenwirkungen<br />
feststellen.<br />
14 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Wirkstoff-Forschung Neuer Ansatz zur Schmerzbekämpfung
Bis zu zwei Verbandwechsel<br />
pro Woche sparen<br />
Wunden belasten die Betroffenen, fordern die Pflegefachpersonen und verursachen hohe<br />
Kosten. Der moderne Silikon-Schaumverband ALLEVYN LIFE mit Superabsorber-Kern und<br />
einzigartigem Wechselindikator perfektioniert die Wundversorgung, entlastet dank bis zu<br />
50% weniger Verbandwechseln die Pflegefachkräfte und überzeugt auch die Patienten 1-3 .<br />
Publireportage<br />
L<br />
aut<br />
aktuellen Erhebungen verschlingt die mit häufigen Verbandwechseln<br />
verbundene Wundversorgung bis zu 66 Prozent der wertvollen<br />
Pflegezeit. Zudem leiden Wundpatienten häufig unter Schmerzen – insbesondere<br />
beim Verbandwechsel.<br />
Mit ALLEVYN LIFE steht nun von Smith & Nephew ein innovativer Silikon-Schaumverband<br />
zur Verfügung, der bezüglich Qualität der Wundversorgung<br />
und Wohlbefinden der Patienten wegweisend ist. Der zusammen mit Patienten,<br />
Pflegefachkräften und Ärzten entwickelte Verband ermöglicht ein effizientes Exsudat-Management<br />
zugunsten schneller Wundheilung, bietet hohen Tragekomfort<br />
und entlastet auch die Pflegenden. Denn mit ALLEVYN LIFE sinkt die Zahl<br />
der Verbandwechsel um bis zu 50 %. Das spart Zeit und Kosten 1–3 .<br />
Bis zu 50 % weniger Verbandwechsel, überzeugte Patienten, entlastete<br />
Pflegefachkräfte<br />
Weitere klinische Erhebungen belegen: Die durchschnittliche Verbandliegezeit<br />
von ALLEVYN LIFE liegt mit 5,2 Tagen rund 50% höher als bei konventionellen<br />
Schaumverbänden (3,4 Tage). Somit können Pflegefachkräfte pro Patient<br />
bis zu zwei Verbandwechsel wöchentlich einsparen 1–3. Zugleich profitieren<br />
die Patienten von einem gesteigerten Wohlbefinden und mehr Lebensqualität.<br />
Laut Erhebungen bewerten bis zu 84 % ALLEVYN LIFE bezüglich Geruchsbildung,<br />
Haftvermögen, Schutz gegen Flüssigkeitsaustritt und Durchnässung<br />
sowie im Hinblick auf Tragekomfort und Schmerzfreiheit beim Verbandwechsel<br />
positiv 5 .<br />
Fünf Schichten, Superabsorber-Kern und einzigartiger Wechselindikator<br />
Dank modernster Materialien und einem innovativen fünfschichtigen Aufbau<br />
bietet ALLEVYN LIFE klare Vorteile gegenüber konventionellen<br />
Schaumverbänden.<br />
Auf der Wunde liegt eine sanft haftende, perforierte Wundkontaktschicht aus<br />
Silikon-Gel. Diese minimiert das Risiko von Hautirritationen, steigert den Tragekomfort<br />
und ermöglicht einen schmerzarmen, atraumatischen Verbandwechsel.<br />
Darüber liegen, zur Erzeugung des für eine schnelle Wundheilung<br />
nötigen ideal-feuchten Wundmilieus, ein hydrozellulärer Schaum und ein Superabsorber-Verschlusskern,<br />
welcher aus der Wunde austretendes Exsudat aufnimmt<br />
und selbst unter Druckeinwirkung sicher einschliesst. Damit sinkt das<br />
Risiko signifikant, dass der Verband undicht wird und vorzeitig gewechselt<br />
werden muss. Zudem wird einer Geruchbildung wirkungsvoll vorgebeugt.<br />
Zwischen dem Verschlusskern und der hoch atmungsaktiven, wasser- und bakteriendichten<br />
Aussenfolie liegt eine Maskierungsschicht. Diese minimiert die<br />
Sichtbarkeit von Exsudat nach aussen – zugunsten eines sauberen Gefühls der<br />
Patienten auch nach mehreren Tagen.<br />
Abgerundet wird der Aufbau von ALLEVYN LIFE durch den einzigartigen<br />
Wechselindikator. Dieser zeigt an, wenn 75 % des Verbands mit Exsudat gefüllt<br />
sind und ein Verbandwechsel nötig wird.<br />
Anatomische Form für viel Komfort – auch beim Duschen<br />
Ebenso innovativ sind die ausgeklügelte Kleeblattform und der breite Haftrand<br />
von ALLEVYN LIFE. Der in vier Standard-, einer Fersen- und zwei Sakrum-Varianten<br />
erhältliche Verband lässt sich hervorragend an alle Körperkonturen<br />
anpassen, verrutscht deutlich seltener und haftet derart sicher, dass die<br />
Patienten damit duschen können. Nicht zuletzt mildert der mehrschichtige<br />
Aufbau Druck- und Stosseinwirkungen von aussen. So fühlen sich die Patienten<br />
jederzeit gut geborgen und sind vorbeugend vor Druckgeschwüren geschützt.<br />
Laut einer US-amerikanischen Studie reduzierte sich die Zahl der<br />
Druckgeschwüre nach Einführung eines Präventionsprotokolls mit ALLE-<br />
VYN LIFE um 69 % 4 .<br />
Literatur<br />
1. Stephen-Haynes J et al. The clinical performance of a Silicone Foam in an<br />
NHS Community Trust, Journal of Community Nursing, 2013;27(5).<br />
2. Simon D and Bielby A. A structured collaborative approach to appraise the<br />
clinical performance of a new product. Wounds UK 2014;10(3):80–87<br />
3. Joy H et al. A collaborative project to enhance efficiency through dressing<br />
change practice. Journal of Wound Care 2015;24(7):312,314–7<br />
4. Swafford K et al. Use of a Comprehensive Program to Reduce the Incidence<br />
of Hospital-Acquired Pressure Ulcers in an Intensive Care Unit. American<br />
Journal of Critical care 2016;25(2):152-155<br />
5. Rossington A et al. Clinical performance and positive impact on patient<br />
wellbeing of ALLEVYN LIFE. Wounds UK 2013;9(4):91–95.<br />
Sponsored Content Verbandwechsel <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 15
Gesehen & gehört<br />
Älteste Prothese der Welt<br />
gefunden – ein künstlicher Zeh<br />
aus Holz<br />
Dass eine Prothese gut sitzen und Tragekomfort bieten sollte,<br />
wussten schon die alten Ägypter: Basler Forscher haben<br />
einen fast 3000 Jahre alten Zeh aus Holz mit neuesten Methoden<br />
untersucht und dem Kunsthandwerker Höchstnoten<br />
erteilt. «Der künstliche Zeh aus dem frühen ersten Jahrtausend<br />
v. Chr. zeugt vom Geschick eines Kunsthandwerkers,<br />
der mit der menschlichen Physiognomie bestens vertraut<br />
war», berichtete die Universität Basel in einer entsprechenden<br />
Mitteilung.<br />
Der Holzzeh war demnach mit einem Gurtband am<br />
Fuss der Tochter eines Priesters befestigt. Die Besitzerin<br />
müsse wohl viel Wert auf ein natürliches Aussehen, Ästhetik<br />
und Tragekomfort gelegt haben, folgern die Wissenschaftler<br />
um Andrea Loprieno-Gnirs und Susanne Bickel<br />
aus Basel. Sie war auf einem Elitefriedhof begraben, der für<br />
eine dem Königshaus nahestehende Oberschicht erbaut<br />
worden war. Das Gelände befindet sich westlich von Luxor,<br />
dem früheren Theben. An den Analysen waren auch Spezialisten<br />
der Universität Zürich und des Ägyptischen Museums<br />
in Kairo beteiligt.<br />
den, warnte eine im Medizin-Fachjournal BMJ veröffentlichte<br />
Studie. Deren Autoren fordern einer Überprüfung<br />
der – schon bisher unterschiedlichen – nationalen Richtlinien<br />
zum Alkoholgenuss.<br />
Die negativen Effekte von starkem Alkoholkonsum sind<br />
hinlänglich untersucht. Doch zu den potenziellen Schäden<br />
durch «moderaten» Konsum – nach bisheriger Definition<br />
etwa zwei bis drei Gläser Wein am Tag – gibt es kaum und<br />
nur wenig aussagefähige Untersuchungen.<br />
Die nun veröffentlichte Studie zeigt, dass das Risiko<br />
moderaten Trinkens unterschätzt worden sein könnte: Bei<br />
Männern und Frauen, die über Jahrzehnte hinweg 14 bis 21<br />
Gläser Alkohol pro Woche konsumieren, ist das Risiko einer<br />
Schrumpfung des Hippocampus doppelt bis drei Mal so<br />
hoch wie bei Nichttrinkern. Dieser Hirnbereich ist für das<br />
Gedächtnis und die räumliche Orientierung zuständig. Darüber<br />
hinaus schnitten die moderaten Alkoholtrinker bei einigen<br />
Sprachtests schlechter ab als Abstinenzler.<br />
Für ihre Studie werteten die Forscher der Universität von<br />
Oxford und des University College London die Daten von 550<br />
Männern und Frauen aus, die über 30 Jahre hinweg im Rahmen<br />
der sogenannten Whitehall II-Gesundheitsstudie regelmässig<br />
untersucht worden waren. Keiner der Probanden war<br />
zu Beginn der Studie Alkoholiker, doch wurden auch immer ihr<br />
Alkoholkonsum abgefragt und Gehirntests vorgenommen.<br />
Alkohol schädlicher<br />
als angenommen<br />
Alkohol ruft möglicherweise schon in moderaten Mengen<br />
Gehirnschäden hervor. Auswirkungen seien schon bei Mengen<br />
zu spüren, die bisher als «risikoarm» eingestuft wer-<br />
16 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> News gesehen & Gehört
Neuer Mechanismus hinter Typ-2-Diabetes entdeckt<br />
Forscher der Uni Freiburg haben bei Mäusen herausgefunden,<br />
warum die Insulin-produzierenden Betazellen der<br />
Bauchspeicheldrüse mit dem Alter zunehmend geschädigt<br />
werden. Damit sind sie einem Mechanismus auf der Spur,<br />
wie es zu Typ-2-Diabetes kommen könnte.<br />
Bei Typ-2-Diabetes spielt neben einer steigenden Resistenz<br />
des Körpers gegen die Wirkung das den Blutzucker<br />
regulierende Hormon Insulin auch die zunehmende Schädigung<br />
der Insulin produzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse<br />
eine Rolle. Sie können dadurch in späteren<br />
Stadien der Erkrankung nur noch wenig Insulin herstellen,<br />
das nicht mehr ausreicht, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren.<br />
Die Wissenschaftler um Yuyan Xiong und Zhihong Yang<br />
haben bei Mäusen entdeckt, was den Betazellen mit zunehmendem<br />
Alter zusetzt, wie die Hochschule in einer Pressemitteilung<br />
schrieb. Demnach produziert die Bauchspeicheldrüse<br />
im Alter oft zu viel des Enzyms Arginase II. Dieses<br />
Enzym wird in der Bauchspeicheldrüse produziert, seine<br />
Rolle für die Funktion der Betazellen war bisher jedoch unbekannt.<br />
Der nun veröffentlichten Studie zufolge bewirkt die<br />
altersbedingte Überproduktion von Arginase II einen Überschuss<br />
an Entzündungsbotenstoffen. Dadurch schädigt sich<br />
die Bauchspeicheldrüse mit der Zeit selbst.<br />
Die Forscher haben entdeckt, dass Mäuse ohne dieses<br />
Enzym im Alter keine Zucker-Intoleranz entwickeln, in Reaktion<br />
auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel mehr Insulin<br />
ausschütten, eine grössere Zahl an Betazellen besitzen, die<br />
sich zudem mehr teilen und weniger absterben. Damit könnte<br />
Arginase II ein vielversprechender Ansatz sein, um die<br />
Schädigung von Betazellen und damit eine der Ursachen der<br />
Typ-2-Diabetes zu bekämpfen, hoffen die Studienautoren.<br />
Wie gesundes Gewebe Krebszellen<br />
zum Streuen anstachelt<br />
Forschende der Universität Genf haben eine Genvariante<br />
entdeckt, die gesunde Bindegewebszellen dazu bringt,<br />
Brustkrebs zum Streuen anzuregen. Daraus könnten sich<br />
neue Therapieansätze ergeben, hoffen die Wissenschaftler.<br />
Das Hormon Östrogen spielt bei einem Grossteil der Brustkrebstypen<br />
eine wichtige Rolle und trägt zum Überleben<br />
und der Vermehrung der Tumorzellen bei. Forschende der<br />
Uni Genf um Didier Picard berichten, wie Östrogen auch auf<br />
gesunde Bindegewebszellen in der Tumorumgebung wirken<br />
kann. Dadurch stacheln diese die Krebszellen zum Wandern<br />
an, wie die Hochschule mitteilte.<br />
Gemeinsam mit Kollegen der University of Calabria hat<br />
Picards Team entdeckt, dass Bindegewebszellen in der<br />
Tumorumgebung mitunter eine bisher unbekannte Variante<br />
einer Östrogen-Andockstelle (Rezeptor) enthalten. Anstatt<br />
in der Zellmembran kommt diese Rezeptor-Variante im<br />
Zellkern vor und besitzt einige neue Eigenschaften, wie die<br />
Forschenden im Fachblatt «Oncotarget» berichten.<br />
Anders als die bisher bekannten Versionen kann die neue<br />
Variante unter anderem Gene aktivieren, die mit malignem<br />
Zellwachstum in Verbindung stehen. Ausserdem<br />
schütten die Bindegewebszellen mit dieser Rezeptor-<br />
Version Moleküle aus, die benachbarte Brustkrebszellen<br />
zum Wandern anregen. Das begünstigt die Bildung von<br />
Tochtergeschwüren.<br />
News gesehen & Gehört <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 17
Burnout: Plötzlich kauerte die Mitarbeiterin<br />
am Boden, weinte und zitterte<br />
Jeder vierte Erwerbstätige in der Schweiz fühlt sich am Arbeitsplatz gestresst und erschöpft.<br />
Das kann fatale Folgen haben. Dabei gäbe es Mittel und Wege, ein Burnout zu verhindern.<br />
Publireportage<br />
D<br />
ie Arbeitskollegin kauert am Boden und heult minutenlang,<br />
dann beginnt sie zu zittern. In der Bürogemeinschaft<br />
ist man besorgt, hilflos und überfordert. Was ist zu tun?<br />
Warum weint die Kollegin? Rufen wir einen Arzt? Einen<br />
Notfallpsychiater?<br />
Dieses Beispiel ist nicht Fiktion, sondern mittlerweile schon beinahe<br />
Alltag: Am Ende der Überforderung steht unter anderem der Nervenzusammenbruch<br />
oder gar ein Herzinfarkt. Betroffene werden davon<br />
genauso überrollt wie das Umfeld. In Zahlen: Betroffen von<br />
übermässiger Belastung sind 1,3 Millionen Menschen. Den Unternehmen<br />
entstehen dadurch jährlich Kosten von schätzungsweise 5,8 Milliarden<br />
Franken. Dies geht aus dem Job-Stress-Index hervor, den die<br />
Gesundheitsförderung Schweiz in Zusammenarbeit mit der Universität<br />
Bern und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften<br />
(zhaw) erstellte. Befragt wurden dafür 2973 Erwerbstätige zwischen<br />
16 und 65 Jahren. Die Erhebung zeigt, dass ein Viertel (25,4 Prozent)<br />
«Stress» hat. Diese Menschen können – so die Definition von Stress in<br />
dieser Umfrage – die Belastungen am Arbeitsplatz nicht mit anderen<br />
Faktoren wie zum Beispiel Wertschätzung, Handlungsspielraum oder<br />
Unterstützung durch Vorgesetzte abfedern. Bleiben wir noch kurz bei<br />
Statistiken: Fast die Hälfte der Befragten (46,3 Prozent) befindet sich<br />
im sensiblen Bereich, das heisst, ihre Ressourcen reichen noch knapp<br />
aus, um die Belastungen auszugleichen. Nur gerade bei 28,3 Prozent<br />
ergibt sich eine Situation am Arbeitsplatz, die im grünen Bereich liegt.<br />
Diese Zahlen sind erschreckend, erstaunen Rolf Hess vom Schweizerischen<br />
Ausbildungsinstitut für Burnout-Prävention und Lebenscoaching<br />
(SABL) in Mettmenstetten aber nicht. «Ständige Verfügbarkeit<br />
wird vielerorts vorausgesetzt und wer nicht mitspielt, hat Angst, seine<br />
Stelle zu verlieren.»<br />
Vielfältige Präventionsmöglichkeiten<br />
«Ich bin gestresst» ist längst eine Plattitüde, fix in unserem Wortschatz<br />
verankert. Was Stress aber wirklich bedeutet und was für Folgen eine<br />
Überlastung haben kann, merken viele erst, wenn es zu spät ist. Darum<br />
setzt Rolf Hess unter anderem auch auf Prävention. «Manche Menschen<br />
müssen lernen, sich selbst zu schützen», stellt der diplomierte<br />
Coach SZS fest. «Und genau das bringen wir in unseren Seminaren den<br />
Teilnehmern bei.» Die Präventionsmöglichkeiten sind vielfältig und je<br />
nach Bedürfnis kommen andere Methoden zum Einsatz. «In manchen<br />
Fällen macht beispielsweise ein Einzelcoaching Sinn, oft doziere ich<br />
aber auch in Unternehmen.» Besonders das Pflegepersonal sei anfällig<br />
für Überlastung: «Immer mehr wird von immer weniger Personen gefordert<br />
– dazu kommt noch eine enorme Verantwortung im Beruf – das<br />
kann schnell zu viel werden», so Hess weiter. Zudem sind in der<br />
Schweiz Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen deutlich<br />
verbreiteter als in den EU-Ländern. Das zeigen mehrere Studien des<br />
Bundes. Reagiert wird erst, wenn es wirtschaftliche Folgen hat. Immerhin:<br />
Der Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat regte in einem<br />
parlamentarischen Vorstoss an, die Burn-out-Prävention zu verstärken<br />
und das Erschöpfungssyndrom in den Katalog der Berufskrankheiten<br />
im Unfallversicherungsgesetz (UVG) aufzunehmen. Derzeit gehören<br />
stressbedingte Erkrankungen nicht dazu, weil keine klar definierte Berufsgruppe<br />
besonders gefährdet ist. Zum Vergleich: Erkrankt ein Bauarbeiter<br />
an Krebs, weil er früher Asbest ausgesetzt war, liegt eine Berufskrankheit<br />
vor. «Beim Pflegepersonal oder ganz allgemein im<br />
Gesundheitswesen würde ich aufgrund meiner Erfahrung aber schon<br />
längst von einem ‹berufsbedingten Krankheitsbild› sprechen», so Rolf<br />
Hess. Und fügt an: «Solange von offizieller Seite nichts geschieht, appelliere<br />
ich an die Eigenverantwortung.»<br />
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XXX XXX <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 19
Musik entlockt dem<br />
Leben Sinn<br />
Eine ALS-Patientin scheint nichts mehr von der Umgebung wahrzunehmen.<br />
Bis unser Autor es mit Musik versucht.<br />
Alois Metz<br />
20 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Thema Musik & ALS
J<br />
ahrelang habe ich ein bewundernswertes<br />
Ehepaar besucht.<br />
Beide waren um die 70 Jahre alt<br />
und der Mann hat sich auf<br />
eindrückliche Weise um seine<br />
Frau gekümmert, die an Amyotrophen Lateralsklerose<br />
(ALS) erkrankt war. Bei meinen<br />
ersten Besuchen war eine eingeschränkte<br />
Kommunikation noch möglich.<br />
Zwar konnte sie nicht mehr sprechen, doch<br />
auf Fragen konnte sie per codierten Fingerzeichen<br />
mit «Ja» und «Nein» Antwort geben.<br />
Mit der Zeit «verstummten» die Fingerzeichen<br />
und die Krankheit nahm<br />
erbarmungslos ihren Lauf. Eines Tages rief<br />
mich ihr Mann an und teilte mir mit, dass<br />
die Frau im Sterben liege. Was war passiert?<br />
Wegen einer gebrochenen Magensonde<br />
musste sie ins Spital und nach Beratung<br />
mit den Ärzten entschied sich der<br />
Ehemann gegen eine Operation und nahm<br />
seine Frau nach Hause. Als ich die beiden<br />
besuchte, war sie sehr abgemagert, die Augen<br />
durch die Lähmung der Lider geschlossen.<br />
Zwei Wochen lag sie schon so da. Aus<br />
den vergangenen Besuchen wusste ich,<br />
dass beide eine tiefe Leidenschaft für klassischen<br />
Musik hatten.<br />
Ein Streichquartett für die Seele<br />
Der Ehemann erzählte immer wieder von<br />
verschiedensten Konzertbesuchen und sie<br />
hatte damals mit wachen Augen mitgehört.<br />
Es ging um Bayreuther Festspiele, Maria<br />
Callas an der Mailänder Scala, die Musikwochen<br />
in Luzern und vieles mehr. So<br />
fragte ich den Ehemann, ob ich in den<br />
nächsten Tagen mit einem Streichquartett<br />
vorbeikommen dürfe für ein halbstündiges<br />
Konzert. Er willigte ein und so – ich weiss<br />
es noch genau – klopfte ich an einem heissen<br />
Sonntagnachmittag mit dem Streichquartett<br />
an seiner Tür. Der Ehemann sass<br />
während des halbstündigen Konzerts links<br />
an ihrer Seite, die vier Musiker an der Fussseite<br />
der Sterbenden, ich neben ihrem<br />
Mann, ihren schwachen aber ruhigen Atem<br />
kontinuierlich beobachtend. Am Abend des<br />
nächsten Tages rief mich ihr Ehemann an,<br />
um mir vom Tod zu berichten.<br />
Hat die Musik<br />
sie in den<br />
Tod «gespielt»?<br />
Hat die Musik sie in den Tod «gespielt»?<br />
Diese Frage wird wohl offenbleiben.<br />
Doch etwas anderes war geschehen.<br />
An diesem Abend – nach dem Konzert –<br />
sass der Ehemann lange an ihrem Bett und<br />
erzählte nochmals von den vielen schönen<br />
gemeinsamen Erlebnissen und beendete<br />
seine «Liebes»-geschichten mit: «Du darfst<br />
jetzt gehen.» In all den Jahren hat er nie<br />
über den Tod reden wollen und er hielt immer<br />
an ihr fest.<br />
Gesang ist stärker als Sprache<br />
Die Anthropologin Dean Falk geht der Frage<br />
nach, welchen Nutzen die Musik für die<br />
Menschen hat. «Motherese» nennt sie ihre<br />
interessante Hypothese und diese scheint<br />
in einem erweiterten Sinn plausibel für<br />
jenen beschriebenen Abschiedsmoment.<br />
Beim frühen Menschen klammerte sich<br />
das Baby noch ans Fell der Mutter und dieser<br />
dauernde Körperkontakt der Mutter mit<br />
ihrem Kind gilt als die sichere Bindung, die<br />
für die Entwicklung wichtig und wesentlich<br />
ist. Beim Homo Sapiens oder dem<br />
«nackten Affen», wie ihn Desmond Morris<br />
betitelt, ist dieser Halt so nicht mehr möglich.<br />
Wenn die Mutter nun durch eine Tätigkeit<br />
gezwungen wird, ihren Säugling auf<br />
den Boden zu setzen, beginnt sie intuitiv zu<br />
singen, um ein Schreien des Kleinkindes<br />
zu verhindern. Diesen einfachen Sing-Sang<br />
nennt Dean Falk das Kontinuum des körperlichen<br />
Mutter-Kind-Kontakts. Die Psychologin<br />
Mechthild Papoušek hat in Versuchen<br />
nachgewiesen, dass Singen in diesem<br />
Kontext stärker wirkt als Reden.<br />
Musik als Kontinuum für eine sichere<br />
Bindung – wie von Dean Falk beschrieben<br />
– können wir in einen grösseren Zusammenhang<br />
stellen. Jeden Menschen<br />
treibt die Sehnsucht nach einem Grossen<br />
und Ganzen in irgendeiner Form um. Wir<br />
reden vom nie erreichbaren perfekten<br />
Glück, vom Eingebundensein in ein grosses<br />
Ganzes. Sören Kierkegaard spricht<br />
von einem notwendigen Urvertrauen<br />
des Menschen über die Mutter-Kind-<br />
Beziehung hinaus. Ist Musik ein Kontinuum<br />
zu diesem weltanschaulich offenen<br />
«Kontakt», ein universelles «motherese»?<br />
Nietzsche bringt es auf den Punkt, wenn<br />
er sagt: «Ohne Musik wäre das Leben<br />
sinnlos.» Bei diesem feierlichen Moment<br />
mit klassischer Musik trat bei dem Ehemann<br />
am Sterbebett eine Wandlung ein.<br />
In die musikalische Atmosphäre eingebunden<br />
und spürend umfangen konnte ➔<br />
Thema Musik & ALS <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 21
Dass Musik sich positiv auswirkt, ist unbestritten. Wie sie genau wirkt ist allerdings noch unklar.<br />
er vom Trost getragen loslassen und fast<br />
möchte man glauben, dass sie darauf<br />
schon längst gewartet hatte.<br />
Verschiedentliche Wirkkräfte der<br />
Musik wurden in den letzten Jahren intensiv<br />
beobachtet und erforscht. Sei es bei der<br />
Linderung von Schmerzen, als unterstützende<br />
Kraft auf Intensivstationen, dem gesundheitsfördernden<br />
Effekt von Musik auf<br />
Körper, Geist und Seele, wie es der Verein<br />
«singende Krankenhäuser» fördert, dem<br />
gemeinschaftsbildenden Faktor als niederschwelliges<br />
Angebot bei vereinsamten<br />
Menschen, um nur einiges zu nennen.<br />
Musik im Gesundheitswesen<br />
Schon Charles Darwin hat sich die Frage<br />
nach dem Nutzen von Musik gestellt. Mit<br />
seiner Theorie der Brautwerbung gab er<br />
sich selbst nie zufrieden. Der Neurowissenschaftler<br />
John Skoyles behauptet: «Der<br />
Mensch kann sprechen, weil er singen<br />
kann.» War zuerst das Huhn oder das Ei<br />
da? Eine Hypothese geht davon aus, dass<br />
Eine Hypothese geht davon<br />
aus, dass wir übers Singen<br />
Sprechen gelernt haben.<br />
wir übers Singen Sprechen gelernt haben.<br />
Wenn die Musik so tief in uns verankert ist,<br />
zur conditio humana, folglich zum Wesen<br />
des Menschen gehört, dann werden wir von<br />
zukünftigen Forschungen im Bereich Musik<br />
noch einiges erwarten können und im<br />
Gesundheitswesen einsetzen können.<br />
Mit einer Geschichte habe ich begonnen<br />
und mit einer anderen möchte ich enden.<br />
Beim Austrittsgespräch einer Patientin<br />
mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung<br />
habe ich gefragt, wie sie mit den<br />
Ängsten am Abend umgehe. Sie lachte<br />
mich an und zog ihr Smartphone heraus<br />
und spielte mir den Mitschnitt eines Konzertes<br />
vor, den sie in der Klinik aufgenommen<br />
hatte. «Diese Musik höre ich mir<br />
abends an, wenn ich mich alleine fühle. Sie<br />
schützt mich vor suizidalen Gedanken.»<br />
Per SMS schrieb sie mir nach längerer Zeit<br />
von zuhause aus, dass sie diesen Konzertmitschnitt<br />
als abendliches Ritual in ihr Leben<br />
eingewoben habe.<br />
22 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Thema Musik & ALS
Alois<br />
Metz<br />
Alois Metz ist Seelsorger der Psychiatrischen<br />
Klinik Zugersee und seit zehn<br />
Jahren als Theologe in Luzern tätig. Sein<br />
Theologiestudium hat er in München,<br />
Wien und Eichstätt absolviert. Alois Metz<br />
hat Projekte wie Jazzvesper, Theatergottesdienste<br />
und das Pfingstfestival ins<br />
Leben gerufen. Privat ist er leidenschaftlicher<br />
Opernfan mit schon beinahe missionarischen<br />
Zügen für dieses Metier.<br />
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Déjà-vu oder der Fehler<br />
in der Gehirnmatrix<br />
Die meisten von uns kennen dieses etwas gruselige Gefühl des Déjà-vu. Jetzt zeigen<br />
MRT-Aufnahmen des Gehirns, wie es zu diesem Phänomen kommt.<br />
Peter Empl<br />
24 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Forschung Déjà-vu
S<br />
ie haben das Gefühl, diesen<br />
Text irgendwo schon einmal<br />
gelesen zu haben? Klassischer<br />
Fall des Déjà-vu! Bisher ist<br />
man davon ausgegangen, dass<br />
ein Déjà-vu entsteht, wenn sich das Gehirn<br />
«falsch» erinnert. Akira O’Connor<br />
von der University of St Andrews, Schottland,<br />
und sein Team haben jetzt nachgewiesen,<br />
dass diese Annahme nicht stimmt.<br />
Es war lange ein Rätsel, wie ein Déjà-vu<br />
funktioniert, denn es ist so flüchtig und<br />
unvorhersehbar, dass es sich nur schwer<br />
erforschen lässt. Daher haben sich O’Connor<br />
und seine Kollegen überlegt, wie sie<br />
ein Déjà-vu im Labor erzeugen können.<br />
Sie griffen auf eine Standardmethode zurück,<br />
mit der falsche Erinnerungen erzeugt<br />
werden. Dazu wird Versuchspersonen<br />
eine Reihe von Begriffen vorgelesen,<br />
die alle aus demselben Bereich stammen,<br />
etwa Bett, Kopfkissen, Nacht, Traum.<br />
Aber der Schlüsselbegriff, der diese Wörter<br />
verbindet, ist nicht dabei – in diesem<br />
Falle «Schlaf». Wenn die Versuchspersonen<br />
später die Begriffe wiedergeben sollen,<br />
die sie gehört haben, meinen die meisten,<br />
dass sie auch den Oberbegriff «Schlaf» gehört<br />
haben – eine falsche Erinnerung.<br />
Um das Gefühl eines Déjà-vu zu erzeugen,<br />
fragte O’Connors Team die Versuchspersonen<br />
zunächst, ob sie sich an<br />
Begriffe erinnerten, die mit einem «S»<br />
begonnen haben. Die Versuchspersonen<br />
verneinten die Frage. Als sie später gefragt<br />
wurden, ob sie das Wort «Schlaf»<br />
gehört hätten, war ihnen klar, dass sie es<br />
nicht gehört haben konnten – und doch<br />
fühlte sich der Begriff so bekannt an.<br />
«Die Teilnehmer berichteten von einem<br />
Déjà-vu-Erlebnis», so O’Connor.<br />
Im Alter, wenn unser<br />
Gedächtnis nachlässt,<br />
sind auch Déjà-vus<br />
seltener.<br />
Widerspruch im Gehirn<br />
Die Forscher bildeten die Hirnaktivität von<br />
21 Freiwilligen während dieses bewusst<br />
hervorgerufenen Déjà-vus mit der sog.<br />
funktionellen Magnetresonanztomographie<br />
(fMRT) ab. Dabei erwarteten sie, dass<br />
die Hirnareale, die mit der Erinnerung zusammenhängen,<br />
also etwa der Hippocampus,<br />
während dieses Phänomens aktiv sind.<br />
Aber das war nicht der Fall. Vielmehr, so<br />
stellte O’Connors Team fest, waren die vorderen<br />
Gehirnareale aktiv – dort, wo Entscheidungen<br />
gefällt werden. O’Connor<br />
stellte seine Ergebnisse kürzlich auf der<br />
International Conference on Memory in<br />
Budapest, Ungarn, vor. Er nimmt an, dass<br />
die vorderen Gehirnareale wahrscheinlich<br />
unser Gedächtnis durchsuchen und Signale<br />
senden, wenn ein Gedächtnisfehler auftaucht<br />
– ein Konflikt zwischen etwas, was<br />
wir tatsächlich erlebt haben, und etwas, von<br />
dem wir nur glauben, dass wir es erlebt haben.<br />
«Das lässt die Annahme zu, dass während<br />
eines Déjà-vus ein Konfliktlösungsprozess<br />
in unserem Gehirn abläuft», erklärt<br />
Stefan Köhler von der University of Western<br />
Ontario in Kanada.<br />
Ein gesunder Kopf<br />
Sollten diese Forschungsergebnisse bestätigt<br />
werden, ist ein Déjà-vu ein Zeichen<br />
dafür, dass die «Suchmaschine» des<br />
Gehirns gut funktioniert, wodurch die<br />
Wahrscheinlichkeit von Erinnerungstäuschungen<br />
sinkt.<br />
Das würde zu dem passen, was wir<br />
bereits über die Auswirkungen des Alterungsprozesses<br />
auf das Gedächtnis wissen:<br />
Déjà-vu-Ereignisse kommen häufiger bei<br />
jungen Menschen vor. Im Alter, wenn unser<br />
Gedächtnis nachlässt, sind auch Déjà-vus<br />
seltener. «Es könnte sein, dass die Leistungsfähigkeit<br />
des allgemeinen Suchsystems<br />
nachlässt und wir deshalb Erinnerungstäuschungen<br />
nicht mehr erkennen»,<br />
so O’Connor.<br />
Für Christopher Moulin von der<br />
Universität Pierre Mendès-France in<br />
Grenoble sind diese Erkenntnisse<br />
schlechte Nachrichten für Menschen, die<br />
nie Déjà-vu-Erlebnisse haben. «Ich<br />
möchte nicht unhöflich sein, aber das<br />
spricht nicht für ihre Gedächtnissysteme»,<br />
so der Wissenschaftler.<br />
«Vielleicht», so hält O’Connor dagegen,<br />
«haben Menschen, die keine Déjà-vu-Erlebnisse<br />
kennen, grundsätzlich ein<br />
besseres Gedächtnissystem. Wenn sie keine<br />
Fehler machen, gibt es auch keinen Auslöser<br />
für ein Déjà-vu-Erlebnis.»<br />
«Wir wissen immer noch nicht, ob ein<br />
Déjà-vu nützlich ist», sagt Köhler. «Es ist<br />
durchaus möglich, dass ein Déjà-vu-Erlebnis<br />
die Menschen vorsichtig werden lässt,<br />
weil sie ihrem Gedächtnis nicht mehr vertrauen»,<br />
gibt er zu bedenken. «Aber dafür<br />
haben wir noch keine Belege.»<br />
Forschung Déjà-vu <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 25
Andropause – die<br />
Wechseljahre des Mannes<br />
Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen – das ist doch reine Frauensache.<br />
Mitnichten! Was die Frau im mittleren Alter mit der Menopause trifft, ereilt auch den<br />
Mann. Doch seine Andropause ist zeitlich nicht klar festzulegen.<br />
Ruedi Rüdisüli<br />
26 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Thema Der Mann in den Wechseljahren
F<br />
orschung und Medizin beschäftigen<br />
sich mit den Wechseljahren<br />
des Mannes noch<br />
nicht sehr lange. Und für viele<br />
Männer sind sie kein Thema.<br />
Der Mann spricht nicht darüber. Man<br />
fühlt sich in dieser Lebensphase einfach<br />
etwas schlaffer als früher, die Libido lässt<br />
zu wünschen übrig. Beides wird gerne mit<br />
der Anspannung im Beruf und Alltag entschuldigt<br />
und so auch innerlich vor einem<br />
selbst gerechtfertigt. Eines ist sicher: Etwa<br />
ab dem 40. Lebensjahr nimmt der Anteil<br />
an Testosteron im Blut bei Männern jährlich<br />
um rund ein Prozent kontinuierlich<br />
ab. Im Allgemeinen ist dies beim Mann<br />
eine ganz normale Erscheinung, die keiner<br />
Therapie bedarf. Denn der Körper bildet<br />
ein Leben lang Testosteron, mit der<br />
Zeit halt etwas weniger. Definitive Normwerte<br />
gibt es nicht. Aber nur in seltenen<br />
Fällen entsteht ein altersbedingter Testosteronmangel.<br />
Über die so genannte Andropause<br />
(altgriechisch andros für Mann, pausis für<br />
Stillstand) weiss der Betroffene im Allgemeinen<br />
wenig. Die Auswirkungen sind<br />
eben nicht eindeutig und recht vielschichtig.<br />
Selbst die Fachleute gehen das Problem<br />
unterschiedlich an. So gibt es denn in der<br />
medizinischen Literatur je nach Blickwinkel<br />
die unterschiedlichsten Begriffe für die<br />
Wechseljahre des Mannes: Andropause,<br />
Androgenmangelsyndrom, AMS (Aging<br />
Male Syndrome), ADAM (Androgen Deficiency<br />
of the Aging Male) PADAM (Partial<br />
Androgen Deficency of the Aging Male)<br />
LOH (Late-Onset Hypogonadism) oder<br />
auch Klimakterium virile.<br />
Erster Testosteron-Kick<br />
im Mutterleib<br />
Ohne Testosteron gäbe es den Mann nicht.<br />
Bei der Entscheidung, ob sich ein Embryo<br />
äusserlich zu einem der beiden Geschlechter<br />
entwickelt, spielt das Sexualhormon<br />
Testosteron eine entscheidende Rolle. Ohne<br />
den richtigen Hormon-Kick zur rechten<br />
Zeit, käme niemals ein Junge auf die Welt.<br />
Wenn der Embryo zwischen der sechsten<br />
und achten Schwangerschaftswoche mit<br />
der Produktion von Testosteron beginnt,<br />
werden die primären männlichen Geschlechtsorgane<br />
ausgebildet. Testosteron<br />
ist sozusagen ein männliches Ur-Hormon,<br />
das in einem sehr frühen menschlichen<br />
Entwicklungsstadium eine Differenzierung<br />
zwischen Mann und Frau ermöglicht.<br />
Nach diesem Hormonschub im noch ungeborenen<br />
Knaben bleibt das Hormon lange<br />
ruhig. Erst wenn zu Beginn der Pubertät im<br />
Hirn das Steuerzentrum für Sexual- und<br />
Fortpflanzungshormone die Befehle durch<br />
den jugendlichen Körper lossendet, beginnen<br />
die Hoden mit der Produktion von<br />
Spermien. Parallel dazu wird mehr Testosteron<br />
ausgeschüttet, dies führt zu einer Veränderung<br />
der Stimme, verstärktem Haarwuchs<br />
und zur Entwicklung der männlichen<br />
Sexualität. Was viele nicht wissen: auch der<br />
weibliche Körper produziert Testosteron,<br />
allerdings nur in geringen Mengen.<br />
Die Mär vom Testosteron-<br />
Macho<br />
Frauen bezeichnen den Mann schon mal<br />
als testosterongesteuert, wenn ihnen die<br />
«Männlichkeit» zu viel wird, weil sie<br />
sich ihnen gegenüber in aufdringlichem ➔<br />
Thema Der Mann in den Wechseljahren <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 27
Gegenzug nimmt der Fettanteil am Körpergewicht<br />
zu. Ganz allgemein nimmt die<br />
körperliche Spannkraft ab.<br />
Aber auch die Psyche verändert sich.<br />
Man ist anfälliger auf depressive Verstimmungen<br />
(Midlife-Crisis), ist schneller reizbar,<br />
schläft schlechter, kämpft an gegen<br />
Konzentrationsschwäche und den Verlust<br />
des Antriebs. Man hat auch weniger Interesse<br />
an Alltagsproblemen. Aber Achtung:<br />
All diese Veränderungen können nicht einzig<br />
dem «Alleskönner-Hormon» Testosteron<br />
angehängt werden. Sie sind schlicht<br />
und einfach auch altersbedingt.<br />
Testosteron-Gel ist für Männer das Mittel der Wahl in der Andropause.<br />
Sexualverhalten, in Aggressivität oder gar<br />
Gewalt äussert. Ist dem so? Macht erst viel<br />
Testosteron den Mann aus? Und noch mehr<br />
davon den Macho und das Muskelkraftpaket?<br />
Diesem Glauben an gesteigerte Männlichkeit<br />
erliegen auch die Männer selbst. So<br />
zum Beispiel im Leistungssport, wo Testosteron<br />
aufgrund seiner muskelaufbauenden<br />
und leistungssteigernden Wirkung illegal<br />
als Dopingmittel eingesetzt wird. Testosteron<br />
hat inzwischen im Fitnessbereich den<br />
Weg vom Schwarzmarkt zum Massenphänomen<br />
geschafft.<br />
Das Männlichkeitshormon Testosteron<br />
hat traditionell aus diesem und anderen<br />
Gründen einen schlechten Ruf. Es ist das<br />
wichtigste männliche Sexualhormon. In<br />
Tierstudien gehen erhöhte Testosteronwerte<br />
mit aggressivem Verhalten gegenüber Rivalen<br />
und Sexualpartnern einher. Dass der Botenstoff<br />
ursächlich Aggressionen fördert, ist<br />
jedoch nicht belegt. Experimentelle Studien<br />
deuten sogar darauf hin, dass das Hormon<br />
kooperatives Verhalten fördern kann. Maarten<br />
Boksem und seine Kollegen an der Radboud-Universität<br />
in Nimwegen zeigten auf,<br />
dass Menschen sich eher «positiv reziprok»<br />
verhalten, nachdem sie eine Dosis Testosteron<br />
geschluckt haben.<br />
Tatsächlich wirkt das Sexualhormon<br />
auf die menschliche Psyche in vielfältiger<br />
Weise und – wer hätte das vermutet – mitunter<br />
fördert es sogar die Fairness. Dass<br />
Sexualstraftäter von einem Übermass an<br />
Testosteron getrieben werden, ist falsch.<br />
Denn Testosteron funktioniert wie andere<br />
Hormone nach dem Sättigunsprinzip. Ein<br />
Überschuss führt nicht zur Steigerung des<br />
Verlangens!<br />
Die Andropause und<br />
ihre Folgen<br />
Wer nach den Merkmalen der männlichen<br />
Wechseljahre fragt, denkt als erstes an die<br />
Auswirkungen auf die Sexualfunktion.<br />
Tatsächlich wird das sexuelle Interesse geringer<br />
und die Erektion schwächer. Die Hoden<br />
können sich verkleinern und die Spermaproduktion<br />
nimmt ab. Es stellen sich<br />
aber auch ganz allgemein körperliche Veränderungen<br />
ein. Die Haut wird trockener,<br />
verliert an Elastizität und die Körperbehaarung<br />
nimmt ab. Die Knochen- (Osteoporose)<br />
und Muskelmasse vermindert sich. Im<br />
Die Midlife-Crisis<br />
Mit über 40 dämmert es vielen: Es gibt<br />
nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten,<br />
manch eine Chance ist verpasst, und irgendwann<br />
wird das Leben vorbei sein. Die<br />
Midlife-Crisis ist mehr als ein Mythos.<br />
Psychologen kennen die lange Liste der<br />
Fragen, die sich Männer in dieser Krisenzeit<br />
stellen: «Soll das schon alles gewesen<br />
sein? Ich hätte mein Leben anders leben<br />
sollen. In meiner Partnerschaft ist das Prickeln<br />
schon lange vorbei. Wie schön könnte<br />
es sein, wenn...» Die Midlife-Crisis äussert<br />
sich in irrationalen Gedanken, in<br />
Gefühlen und in einem Verhalten, das sich<br />
nicht erklären lässt. Da die Symptome nicht<br />
von heute auf morgen auftauchen, machen<br />
sich die Veränderungen nur schleichend<br />
bemerkbar. Da Männer allgemein nicht<br />
gerne den Arzt aufsuchen, ihre Niedergeschlagenheit<br />
herunterspielen und sich ihr<br />
Befinden nicht selbst erklären können,<br />
kann sich die Krise noch verstärken. Es<br />
können sogar Suizidgedanken aufkommen.<br />
Eher aber stürzt sich der Mann in der Krise<br />
nochmals in eine vorübergehende Aktivität,<br />
leistet sich Luxus, will bisher verpasste<br />
Freizeit-Aktivitäten nachholen oder gibt<br />
unbegründet eine eigentlich funktionierende<br />
Beziehung auf für eine kurze Affäre, um<br />
auf andere Gedanken zu kommen und sein<br />
Selbstvertrauen wiederzufinden.<br />
Was tun gegen die Andropause?<br />
Aus der Sicht der Medizin braucht es keine<br />
direkten Massnahmen gegen die Folgen der<br />
Andropause, ausser in ganz wenig gravierenden<br />
Fällen, in denen unter ärztlicher<br />
Aufsicht der Testosteronspiegel unter Kontrolle<br />
gehalten wird. Die Testosteronproduktion<br />
wird von vielen Faktoren beeinflusst.<br />
Auch die Psyche hat da ihren<br />
Einfluss. So ergab etwa eine Studie der<br />
28 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Thema Der Mann in den Wechseljahren
Northwestern Universität in Evanston<br />
(USA) vor Jahren, dass sich bei fast allen<br />
Männern signifikante Veränderungen des<br />
Hormonspiegels einstellten, sobald sie Väter<br />
wurden. Je mehr sich ein Mann um seinen<br />
Nachwuchs kümmerte, je stärker sank<br />
auch das Testosteron. Medizinisch gesichert<br />
ist: Ausgewogene Ernährung, Bewegung<br />
und Verzicht auf Alkohol und Nikotin<br />
können den Testosteronspiegel zwar nicht<br />
direkt erhöhen, aber einem schweren<br />
Testosteronmangel und damit in Zusammenhang<br />
stehenden Beschwerden vorbeugen.<br />
In jedem Fall aber empfiehlt sich:<br />
«Fragen Sie Ihren Arzt – und nicht den Internet-Apotheker!»<br />
Denn gerade Männer<br />
konsultieren lieber das Internet, denn auch<br />
der Mann «spürt» seine «Symptome». Diese<br />
sind: Haarausfall, Umverteilung des<br />
Köperfettes mit Zunahme des viszeralen<br />
Fettes (im Bauchraum, um die Hüften), Osteoporose,<br />
Abnahme der Muskelmasse und<br />
Muskelkraft, Abnahme der Libido und Erektion.<br />
«Die Zunahme des viszeralen Fettes<br />
ist aus folgendem Grund problematisch:<br />
Dieses Fett ist ein wichtiges, Hormon produzierendes<br />
Organ und spielt eine wichtige<br />
Rolle bei der Entstehung des metabolischen<br />
Syndroms (erhöhter Blutdruck, Veränderung<br />
des Fettstoffwechsels, Veränderung<br />
im Zuckerstoffwechsel bis zur Entwicklung<br />
von Diabetes). Folge sind u.a. ein erhöhtes<br />
Infarktrisiko und auch weiter die<br />
Zunahme der erektilen Dysfunktion», erklärt<br />
Dr. Michael Kluschke. Er ist Arzt in<br />
Diese Symptome mögen<br />
eher harmlos klingen,<br />
für die Männer kann<br />
es aber eine enorme<br />
Belastung darstellen.<br />
einer «Walk-In»-Praxis in Zürich. «Ein<br />
weiterer wesentlicher Punkt ist die Abnahme<br />
der geistigen und auch körperlichen<br />
Leistungsfähigkeit und insbesondere Störungen<br />
im Antrieb. Man hat häufig das Gefühl,<br />
seine Arbeit nicht mehr zu schaffen.»<br />
Diese Symptome mögen eher harmlos klingen,<br />
für die Männer kann es aber eine enorme<br />
Belastung darstellen. Das schulmedizinische<br />
Mittel der Wahl ist ein simples<br />
Testosteronpflaster. Allerdings: «Ein Problem<br />
ist teilweise die Kostengutsprache der<br />
Kassen. Bei Patienten, die erfolglos auf<br />
Depression behandelt wurden, aber eigentlich<br />
einen Testosteronmangel hatten,<br />
schlägt die Behandlung gut an», erklärt Michael<br />
Kluschke weiter.<br />
Zum Thema Sinnkrise sprach kürzlich<br />
der Philosoph Wilhelm Schmid offen<br />
über sich selbst in der Sendung «Aeschbacher».<br />
Schmid wurde von der Krise spät,<br />
nämlich an seinem 60. Geburtstag, getroffen.<br />
Doch selbst als Philosoph brauchte er<br />
Wochen, bis er aus seiner Krise herausfand<br />
und Monate, bis er das Rezept fand: «Gelassenheit».<br />
Darüber hat er schliesslich ein<br />
Buch geschrieben: «Gelassenheit – Was<br />
wir gewinnen, wenn wir älter werden». Für<br />
ihn ist dabei zentral, Gewohnheiten nicht<br />
aufzugeben, alte Freundschaften zu pflegen<br />
und auch noch Lüste zu geniessen. Sei es<br />
die Lust der Erinnerung, die Lust des Gesprächs<br />
oder die sexuelle Lust. Mit einem<br />
Augenzwinkern fügt Schmid an: «Beim<br />
Älterwerden ist eines sicher, es gibt kein<br />
One-Night-Stand-Burnout mehr.»<br />
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XXX XXX <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 29
Info<br />
Keine Kostenbeteiligung mehr<br />
bei stationären Operationen in<br />
Zürich<br />
Nach Luzern führt auch der Kanton Zürich eine Liste mit<br />
Eingriffen ein, die in Zukunft nur noch ambulant vorgenommen<br />
werden dürfen. Führen Spitäler diese stationär durch,<br />
beteiligt sich der Kanton nicht mehr an den Kosten.<br />
«Mit der Liste können wir grosse Einsparungen erzielen –<br />
bei gleicher Qualität der Leistungen», sagte Gesundheitsdirektor<br />
Thomas Heiniger (FDP) an einer Medienkonferenz in<br />
Zürich. Es sei dringend nötig, etwas gegen die steigenden Gesundheitskosten<br />
zu unternehmen. In der Schweiz werden jährlich<br />
70 Milliarden Franken in diesem Bereich ausgegeben.<br />
Der Kanton Zürich rechnet durch die Verschiebung mit<br />
Einsparungen von fast 10 Millionen Franken pro Jahr. Die Liste<br />
wird bereits auf den 1. Januar 2018 eingeführt. Nach<br />
Schätzungen der Gesundheitsdirektion werden damit in einem<br />
ersten Schritt rund 3400 bisher stationär durchgeführte<br />
Eingriffe ambulant erfolgen.<br />
Die Zürcher Liste umfasst 14 Operationen. Darunter<br />
sind etwa Herzkatheteruntersuchungen, die Entfernung des<br />
grauen Stars, die Implantation von Herzschrittmachern, Eingriffe<br />
bei Krampfadern, Hämorrhoiden und Leistenbrüchen,<br />
Kniespiegelungen oder auch die Zertrümmerung von Nierensteinen.<br />
Künftige Anpassungen sind möglich.<br />
Die Gesundheitsdirektorenkonferenz schätzt, dass<br />
jährlich bis zu 500 Millionen Franken eingespart werden<br />
könnten, wenn alle Kantone konsequent auf das Prinzip ambulant<br />
vor stationär setzen würden. Auch das Bundesamt für<br />
Gesundheit (BAG) ist derzeit daran, Gespräche darüber zu<br />
führen, damit dereinst Vorgaben auf nationaler Ebene gemacht<br />
werden können.<br />
wird zu einem Teil in die Forschung und Entwicklung von<br />
neuen Lösungs- und Therapieansätzen für Diabetes<br />
fliessen. Der andere Teil des Geldes soll zur Förderung von<br />
Start-up-Firmen dienen, die im Umfeld dieser Volkskrankheit<br />
arbeiten. Das teilte die Diabetes Center Berne (DBC)<br />
Foundation mit, deren Stiftungsratspräsident Willy Michel<br />
ist. Noch in diesem Jahr soll mit dem Aufbau des Zentrums<br />
begonnen werden.<br />
Das Diabetes-Zentrum will eng mit der Klinik für<br />
Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und<br />
Metabolismus (UDEM) des Berner Insel-Universitätsspitals<br />
zusammenarbeiten. UDEM-Klinikdirektor Christoph<br />
Stettler ist neben Willy Michel und dessen Sohn Simon<br />
Michel, dem Chef von Ypsomed, einer der Initianten des<br />
Diabetes-Zentrums.<br />
Stettler wird in der Mitteilung des Kantons Bern und der<br />
Sitem-Insel AG mit der Aussage zitiert, dank dem Zentrum<br />
werde Bern Fachleute aus aller Welt nach Bern holen können,<br />
um die Diabetes-Therapie zu vereinfachen und zu verbessern.<br />
Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann<br />
ist «hoch erfreut» über die Nachricht. Er geht davon<br />
aus, dass ein international führendes Forschungszentrum<br />
entsteht. Der Medizinalstandort Bern werde dadurch weiter<br />
gestärkt.<br />
Schweizer spendet 50 Millionen<br />
für Diabetes-Zentrum<br />
Bern bekommt dank dem Industriellen Willy Michel ein privat<br />
finanziertes Forschungszentrum für Diabetes. Der Burgdorfer<br />
Ypsomed-Gründer stellt für das Zentrum, das sich<br />
auf dem Areal des Inselspitals einquartieren wird, 50 Millionen<br />
Franken aus eigener Tasche zur Verfügung. Das Geld<br />
Bild: Screenshot SRF<br />
30 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Info National und International
Krankenkassen: Alternativmedizin wird definitiv gleichgestellt<br />
Im Mai 2009 hatten Volk und Stände einen neuen Verfassungsartikel<br />
zur Besserstellung der Komplementärmedizin<br />
angenommen. Seit 2012 übernimmt die obligatorische<br />
Krankenversicherung nun ärztliche Leistungen der anthroposophischen<br />
Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin,<br />
der ärztlichen Homöopathie sowie weitere alternative<br />
Behandlungsmethoden.<br />
Diese Regelung ist aber befristet, Ende <strong>2017</strong> läuft sie<br />
aus. Dies hatte der damalige Gesundheitsminister Didier<br />
Burkhalter im Jahr 2011 entschieden, weil der Nachweis<br />
fehlte, dass die Leistungen der betroffenen Fachrichtungen<br />
wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind.<br />
Burkhalter verlangte von den Vertretern der alternativen<br />
Behandlungsmethoden, bis Ende 2015 aufzuzeigen, inwiefern<br />
die komplementärmedizinischen Fachrichtungen die<br />
Kriterien erfüllen. Parallel dazu wollte das Departement des<br />
Innern (EDI) ein unabhängiges Gutachten erstellen lassen.<br />
Dass die betroffenen Fachrichtungen wirksam, zweckmässig<br />
und wirtschaftlich sind, lässt sich aber offenbar<br />
nicht beweisen. Es zeichne sich ab, dass der Nachweis für<br />
die Fachrichtungen als Ganzes nicht möglich sein werde,<br />
teilte das EDI in einem Schreiben mit.<br />
Deshalb schlägt Gesundheitsminister Alain Berset nun<br />
vor, die Fachrichtungen den anderen vergüteten medizinischen<br />
Fachrichtungen gleichzustellen. Damit würden die<br />
Leistungen wie in den letzten Jahren grundsätzlich von der<br />
Krankenkasse vergütet.<br />
Wie bei anderen medizinischen Fachrichtungen sollen<br />
lediglich einzelne, umstrittene Leistungen überprüft werden.<br />
Wie dabei die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit<br />
und Wirtschaftlichkeit angewendet werden würden,<br />
muss laut dem EDI noch präzisiert werden. Die betroffenen<br />
Kreise werden eingeladen, dabei mitzuwirken.<br />
Um dem Verfassungsauftrag nachzukommen, müssen<br />
zwei Verordnungen angepasst werden. Die Änderungen<br />
können der Bundesrat beziehungsweise das EDI in eigener<br />
Kompetenz beschliessen.<br />
Die komplementärmedizinischen Ärzteorganisationen<br />
Union und der Dachverband Komplementärmedizin Dakomed<br />
begrüssen den Vorschlag. Die definitive Vergütung<br />
durch die Grundversicherung sei überfällig, schreiben sie in<br />
einer Mitteilung. Sie wünschten sich jetzt eine rasche Änderung<br />
der Verordnungen.<br />
Aus Sicht der Verbände erfüllen die betroffenen Fachrichtungen<br />
die erforderlichen Kriterien. Die Würdigung der<br />
in den letzten Jahren erarbeiteten Evidenz erlaube die Feststellung,<br />
dass der Nachweis für die ärztliche Komplementärmedizin<br />
und für die konventionelle Medizin vergleichbar<br />
sei, schreiben sie.<br />
Quellen SDA, DPA, Red.<br />
Info National und International <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> ALTA VISTA 31
Die DASH-Diät gegen<br />
Gicht. Endlich Hilfe<br />
für Betroffene?<br />
Eine kürzlich im British Medical Journal veröffentlichte Studie untersuchte<br />
erstmals im grossen Stil, inwiefern eine Ernährungsumstellung Gicht lindern kann.<br />
Das Ergebnis ist verblüffend.<br />
Stephan Inderbizin<br />
G<br />
icht ist eine Form der Arthritis,<br />
also einer Gruppe von<br />
entzündlichen Gelenkserkrankungen.<br />
Ausgelöst wird<br />
die Krankheit mit allergrösster<br />
Wahrscheinlichkeit durch einen erhöhten<br />
Harnsäurespiegel im Blut. In einer<br />
Studie wurde festgestellt, dass die<br />
Anzahl der Gichtfälle sowohl in den<br />
USA als auch in Europa in den vergangenen<br />
Jahrzehnten kontinuierlich um 3,9 %<br />
bzw. 3,2 % gestiegen ist. Wichtiger noch:<br />
Die Autoren besagter Studie erkannten<br />
auch, dass mit dem Anstieg der<br />
Gicht-Häufigkeit das Risiko von kardiovaskulären<br />
Begleiterkrankungen (sog.<br />
Komorbiditäten, d. h., eine Person weist<br />
über die Grunderkrankung hinaus zwei<br />
oder mehr chronische Erkrankungen auf)<br />
steigt. So wurden bei 63 % der Gicht-Patienten<br />
das Stoffwechselsyndrom (metabolisches<br />
Syndrom) und bei 74 % der Patienten<br />
Bluthochdruck diagnostiziert.<br />
Meist wird bei Gicht eine purinarme Ernährung<br />
empfohlen (Purine sind chemische<br />
Substanzen, die in bestimmten Nahrungsmitteln<br />
vorkommen). Allerdings<br />
gilt diese Diät als problematisch in Bezug<br />
auf Geschmack, Wirkung und Nachhaltigkeit.<br />
Ironischerweise ist diese Ernährung<br />
arm an Eiweissen, d. h., sie führt<br />
häufig erst zur erhöhten Aufnahme von<br />
ungesunden Fetten und Kohlehydraten.<br />
32 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Forschung Diät gegen Gicht
Linderung nur bei Männern<br />
Es gibt jedoch Forschungsergebnisse, die<br />
die Wirksamkeit bestimmter Ernährungsansätze<br />
zur Kontrolle von kardiovaskulären<br />
Stoffwechselerkrankungen und der<br />
Senkung des Harnsäurespiegels belegen –<br />
allen voran die sog. DASH-Diät (Dietary<br />
Approaches to Stop Hypertension), die zur<br />
Bekämpfung von Bluthochdruck entwickelt<br />
wurde. In der Tat senkt die DASH-Diät<br />
den Blutdruck signifikant und wird als<br />
Vorbeugungsmassnahme für Herz-Kreislauferkrankungen<br />
empfohlen. Die derzeitige<br />
in den westlichen Industriestaaten weit<br />
verbreitete Ernährung, die durch den Verzehr<br />
unter anderem von Pommes Frites,<br />
Süssigkeiten und industriell hergestellten<br />
Fleischprodukten gekennzeichnet ist,<br />
könnte in dem beobachteten Anstieg der<br />
Gichtkranken eine Rolle spielen. In älteren<br />
Forschungen wurde bereits darauf hingewiesen,<br />
dass eine Ernährungsumstellung<br />
gichtrelevante klinische Kennzahlen, etwa<br />
den Body Mass Index, positiv beeinflussen<br />
kann. Allerdings gibt es noch wenige belastbare<br />
Untersuchungen zum Zusammenhang<br />
zwischen Ernährungsmustern und<br />
Gichtrisiko. Diese neue Studie, die im British<br />
Medical Journal veröffentlicht wurde,<br />
untersuchte den Zusammenhang zwischen<br />
der DASH-Diät und westlicher Ernährung<br />
und dem Gichtrisiko in einer grossen<br />
männlichen Bevölkerungsgruppe.<br />
Kurz: Je konsequenter die DASH-Diät<br />
eingehalten wurde, desto geringer das<br />
Gichtrisiko. Unter anderem wurden die folgenden<br />
Variablen statistisch analysiert: Alter,<br />
Alkoholkonsum, Body Mass Index und<br />
Blutdruck. Die Wissenschaftler erkannten<br />
einen engen Zusammenhang zwischen<br />
DASH und sinkendem Gichtrisiko – unabhängig<br />
von den Schwankungen bei den genannten<br />
Variablen.<br />
Schwierige Ernährungsumstellung<br />
Diese Ergebnisse belegen, dass die<br />
DASH-Diät das persönliche Gichtrisiko<br />
bedeutend senken kann, während die typisch<br />
westliche Ernährung mit einem erhöhten<br />
Gichtrisiko verbunden ist. DASH –<br />
das klingt gut, aber was ist es? Wie immer<br />
reden die Wissenschaftler ungern von<br />
«Diät», sondern von einer «langfristigen<br />
Ernährungsumstellung». Bei dieser setzt<br />
man auf viel Obst und Gemüse und magere<br />
Fleischsorten wie zum Beispiel Poulet.<br />
Vollwertige Getreide, Fisch, eiweissreiche<br />
Lebensmittel wie Bohnen, Linsen, Sojaprodukte<br />
und fettreduzierte Milchprodukte<br />
stehen bei der DASH-Diät ebenfalls<br />
ganz oben auf dem Ernährungsplan. Zucker<br />
und Süssigkeiten sind nur in geringen<br />
Mengen erlaubt und genau hier sind wir<br />
dann doch wieder bei «Diät». Daher empfiehlt<br />
das «National Heart Lung and Blood<br />
Institute» langfristig immer mehr Lebensmittel<br />
aus der schlechten Gruppe gegen<br />
Produkte aus der guten Gruppe zu ersetzen.<br />
Auf den Hamburger komme beispielsweise<br />
weniger Fleisch, dafür mehr Grünzeug.<br />
Positiver Nebeneffekt: Die Kilos<br />
purzeln, der Blutdruck sinkt und die Gicht<br />
wird erträglicher, wenigstens für Männer,<br />
eine Studie mit weiblichen Probanden soll<br />
nächstes Jahr folgen.<br />
Leitfaden zur DASH Diät in englischer Sprache<br />
auf www.nhlbi.nih.gov/health/public/heart/hbp/<br />
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Die Studie zur Gicht www.bmj.com/content/357/<br />
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XXX XXX <strong>Sommer</strong> Auslandabo <strong>2017</strong> auf Anfrage ALTA VISTA 33
In der Schweiz wird<br />
Schilddrüsenkrebs<br />
überbehandelt<br />
Oft werden durch Zufall oder bei Vorsorgeuntersuchungen kleine Krebsgeschwüre<br />
an der Schilddrüse entdeckt. Diese Fälle werden in der Schweiz womöglich zu oft<br />
operiert, zeigt eine Studie.<br />
Brigit Lamol<br />
D<br />
ie Zahl der Schilddrüsenkrebsdiagnosen<br />
in der<br />
Schweiz steigt, ebenso die<br />
Zahl der daraus resultierenden<br />
Operationen. Einige<br />
davon wären wohl nicht nötig, berichten<br />
Forschende des Inselspitals und der<br />
Universität Bern sowie des Universitätsspital<br />
Lausanne (CHUV) im Fachblatt<br />
«PLOS One».<br />
Die Forschenden untersuchten für<br />
ihre Studie Daten zu Schilddrüsenkrebs<br />
aus dem Nationalen Krebsregister. Ihr Augenmerk<br />
lag dabei darauf, wie oft zwischen<br />
1998 und 2012 in der Schweiz die Diagnose<br />
Schilddrüsenkrebs gestellt und wie viele<br />
Schilddrüsen-Operationen durchgeführt<br />
wurden. Diese Zahlen verglichen sie mit<br />
der Sterblichkeit an Schilddrüsenkrebs<br />
über die Jahre hinweg.<br />
Das Ergebnis: Die Zahl der Todesfälle<br />
durch Schilddrüsenkrebs ging leicht zurück,<br />
die Anzahl Diagnosen nahm jedoch<br />
stark zu, wie Inselspital und CHUV via<br />
Schweizerische Nachrichtenagentur SDA<br />
mitteilten. Bei Frauen stieg die Zahl der<br />
jährlich Erkrankten von 5,9 pro 100 000<br />
Personen auf 11,7 an. Bei Männern stieg<br />
diese Zahl von 2,7 auf 3,9 pro 100 000.<br />
Ein Grossteil dieser Zunahme bestand<br />
jedoch aus Diagnosen eines relativ<br />
gutartigen Gewebetyps und Frühformen<br />
von Schilddrüsenkrebs, die teils harmlos<br />
sind und teils langsam wachsen. Zu Lebzei-<br />
ten verursachten diese Geschwüre oft keine<br />
Beschwerden, dennoch stieg die Anzahl<br />
der Operationen auf das Drei- bis Vierfache,<br />
schreibt die SDA weiter.<br />
700 Neuerkrankungen pro Jahr<br />
Schilddrüsenkrebs werde in der Schweiz<br />
überdiagnostiziert und möglicherweise<br />
überbehandelt, schlussfolgern die Forschenden.<br />
Es müsse nun untersucht werden,<br />
welche Personen von einer Früherkennung<br />
und frühzeitigen Behandlung von<br />
Schilddrüsenkrebs tatsächlich profitieren<br />
und welche nicht.<br />
Ein erhöhtes Risiko, an Schilddrüsenkrebs<br />
zu erkranken, besteht vor allem<br />
für Patienten, die unter 20 oder über 60<br />
Jahre alt sind und einen schnell wachsenden<br />
Schilddrüsenknoten haben, gefährdet<br />
sind ausserdem Mitglieder von Familien,<br />
in denen bereits Schilddrüsenkrebs aufgetreten<br />
ist, besonders wenn zusätzlich eine –<br />
meist gutartige – Erkrankung des<br />
Nebennierenmarks (Phäochromozytom)<br />
vorliegt. Diese Fälle von familiären Formen<br />
eines Schilddrüsenkarzinoms sind<br />
selten, ebenso wird der Krebs durch radioaktive<br />
Strahlung begünstigt.<br />
Gemäss Krebsliga Schweiz erkranken<br />
pro Jahr rund 700 Menschen an Schilddrüsenkrebs,<br />
das sind knapp 2 % aller Krebserkrankungen.<br />
Drei Viertel aller Betroffenen<br />
sind Frauen. Im Gegensatz zu anderen<br />
Krebsarten tritt Schilddrüsenkrebs öfters<br />
Schilddrüse mit Schilddrüsenkarzinom.<br />
auch schon im jüngeren Erwachsenenalter<br />
auf: 47 % der Patienten sind zum Zeitpunkt<br />
der Diagnose jünger als 50 Jahre.<br />
Quellen SDA, Krebsliga Schweiz, Deutsche Krebsgesellschaft<br />
34 ALTA VISTA <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> Statistik Schilddrüsenkrebs
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