BIBER 07_17 ansicht

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; MZ 09Z038106 M; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

REFUGEE

EDITION

SOMMER 2017

JUNGE AFGHANEN

IM SEX-KONFLIKT

TRANSGENDER

SCHÜLERIN

UNERWÜNSCHT

SYRISCHE

ALBTRÄUME

WENN DICH NACHTS DIE FLUCHT EINHOLT


ES GIBT

EINEN ORT,

AN DEM MAN

SICH NECKT

UND LIEBT.

DAS IST DER ORF.

Das Beste aus Information, Unterhaltung, Sport und Kultur.

Regional und international. Im Fernsehen, im Radio und Online.


3

minuten

mit

Dem

Refugee-Cop

Sein Name ist Kammerer,

Manfred Kammerer. Als

Refugee-Contact-Officer sorgt

er dafür, dass in Ottakring

Flüchtlinge und Anrainer

friedlich zusammenleben.

Von Melisa Erkurt

Foto: Marko Mestrović

BIBER: Sie sind seit 2015 Refugee-Contact-Officer.

Was kann man sich unter dieser Berufsbezeichnung

vorstellen?

MANFRED KAMMERER: Ich bin seit 15 Jahren in

der Jugendprävention an Schulen tätig. Mit der

Flüchtlingswelle 2015 wurde ich zum Refugee-

Contact-Officer ernannt und betreue die Flüchtlingsunterkunft

des Arbeitersamariterbunds bei uns in

Ottakring. Ich stehe in regem Kontakt mit der Leitung

dort, halte Vorträge vor den 300 Flüchtlingen,

kläre sie über strafrechtliche Folgen, sexuelle Belästigung

und die Rechte der Frauen auf. Ich versuche

auch den Anrainern die Ängste zu nehmen.

Gab es denn schon Probleme mit den Flüchtlingen?

Nur Scharmützel, nie etwas Gröberes. Höchstens

eben ein paar Raufereien zwischen den jugendlichen

Flüchtlingen, Personen von außen waren

aber nie beteiligt. Es ist auch kein einziges Mal zu

sexueller Belästigung gekommen.

Das hat man wahrscheinlich auch zum Teil Ihrer

Arbeit zu verdanken.

Ich erkläre den Jugendlichen was sexuelle Belästigung

in Österreich bedeutet. Ich habe auch die

Badeordnung auf ihre Muttersprachen übersetzen

lassen und mithilfe von Dolmetschern erklärt, dass

Frauen nicht ihnen gehören.

Und trotzdem gibt es Anrainer, die sich vor den

Flüchtlingen fürchten?

Ja, manche trauen sich nicht durch den Park zu

gehen, weil die Flüchtlinge dort sitzen. Denen sage

ich dann, dass es noch nie zu Problemen gekommen

ist. Die Leute sind durch die Medien verunsichert,

aber ich führe die Statistiken zum Teil ja

selbst und kann ihnen versichern, dass das ganz

normale Jugendliche sind, die einfach nur im Park

Fußball spielen wollen.

Begegnen die Flüchtlinge Ihnen mit Vorurteilen, weil

Sie Polizist sind?

Viele hatten anfangs Angst vor der Polizei. In ihren

Heimatländern kommt die Polizei, wenn wer tot ist.

Sie haben auf der Flucht auch nicht immer positive

Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Sie merken

aber schnell, dass die österreichische Polizei anders

ist.

Was machen Sie, um die Flüchtlinge besser zu

verstehen?

Ich schule mich im Umgang mit Flüchtlingen und

erweitere in Kursen der MA17 mein Wissen über

den Islam. Wenn sie dann sagen: „Im Koran steht

das und jenes“, dann kann ich sagen: „Na, Moment

mal, im Koran steht aber auch, dass...“.

Ist die Integration der Flüchtlinge gelungen?

Mir taugt das voll, dass die geflüchteten Kinder

und Jugendlichen so brav zur Schule gehen und

Deutsch lernen. Wenn sie mich mit „Guten Tag, Herr

Kammerer“ grüßen und wir plaudern, ist das schon

toll.

Name: Manfred Kammerer

Alter: 54

Wurzeln: Wien Ottakring

Besonderes: Erhielt 2015 den Award für "Besondere Verdienste auf dem

Gebiet der Prävention, der Menschenrechte und des Opferschutzes".

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

DEM REFUGEE COP

8 PLACE OF THE MONTH

Syrische Spezialitäten mit Hipsternamen im

Zena‘s.

10 IVANAS WELT

Ivana bevorzugt Heimat- statt Luxusurlaub.

Zumindest für eine kurze Zeit.

POLITIKA

12 WE HAVE A NIGHTMARE

Die Flucht nach Österreich haben diese Syrer

geschafft - vor ihren Träumen können sie aber

nicht fliehen.

16 AFGHANEN & SEX

Masturbieren, Kondome, Jungfrauen: massiver

Aufklärungsbedarf bei jungen Afghanen.

24 NO TRANSGENDER

Eine niederösterreichische Schule lehnt ein

Transgender-Mädchen ab.

28 UNFAIRES SCHULSYSTEM

Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky über

unser Schulsystem, Flüchtlingskinder und die

FPÖ.

30 INTEGRATION & ÖFFIS

Ahmad ist bereit ein waschechter Österreicher

zu werden und Ammars rechter, rechter Platz

ist leer.

RAMBAZAMBA

34 BEZIEHUNGEN AUF SYRISCH

6 Unterschiede zwischen österreichischen und

syrischen Beziehungen.

36 SUGAR MAMAS

Geld, Geschenke & Erpressung: Ältere Frauen

wollen junge Flüchtlinge besitzen.

42 MISSVERSTANDEN

Wer nicht Deutsch spricht, kann ganz schnell

mal einen Zahn verlieren.

12

SYRISCHE

ALBTRÄUME

Bauschutt,

Sirenen und

Flugzeuge lösen

bei Geflüchteten

Angst aus, werden

tagsüber aber

verdrängt. Doch

Trauma lässt sich

nicht einfach

wegschieben. Wie

die Flucht Syrer in

der Nacht einholt.

IN

KARRIERE

44 KARRIERE NEWS

Alex über Karriere-Aufholbedarf und Work-Life-

Balance.

TRANSGENDER UNERWÜNSCHT

Einem zehnjährigen Mädchen, das früher

ein Bub war, wird der Platz an einer

Montessori-Schule in Niederösterreich

verwehrt. Diskussion aussichtslos.

24

4 / MIT SCHARF /


46 EUROPÄISCHE REALITÄT

In ihrer Heimat waren sie Medienstars – in

Österreich versuchen sie irgendwie Fuß zu

fassen.

16

WIE ERKENNT

MAN EINE

JUNGFRAU?

Auf die Mutter

hört man, die

muslimische

Jungfrau heiratet

man und mit der

europäischen Frau

hat man Sex. Über

das Frauenbild

und den

Aufklärungsbedarf

bei afghanischen

Jugendlichen.

HALT SOMMER

2017

50 SELBERMACHERIN

La Luna ist das Baby-Mekka in Wien Favoriten.

52 DARF ICH STUDIEREN?

Ein Studienguide für alle Flüchtlinge, die in

Österreich studieren wollen.

54 PÜNKTLICH EHRENAMTLICH

Aladin über Pünktlichkeits-Fanatiker und

Ahmad über ehrenamtliche Arbeit als Schlüssel

zur Integration.

56 MEIN LEBENSGEFÜHL

Lajla hat durch biber ein neues

Lebensgefühl und Asoo will nicht „als arme

Muslimin“abgestempelt werden.

TECHNIK

64 KONSOLENPOWER

Technik-News: Für Adam dreht sich alles um

Games und Konsolen.

LIFE & STYLE

66 SCHÖNHEIT IN & OUT

Delna über Selbstliebe als rebellischen Akt.

36

DU GEHÖRST

MIR.

Sie zahlen

ihnen Miete und

Fitnesscenter,

im Gegenzug

erwarten sie Sex.

Ältere Frauen

machen junge

gutaussehende

Flüchtlinge von

sich abhängig.

Inhalt: Dragan Tatić, Susanne Einzenberger, Alexandra Stanić; Coverfoto: Susanne Einzenberger

67 MANN & BODY

Artur traut Medien nicht blind und verrät euch

seine Tricks für besseren Schlaf.

68 KICKBOX & SACHERTORTE

Ismail ist 18, Afghane, Hotel Sacher-Lehrling

und Staatsmeister im Kickboxen!

KULTUR

70 KULTURNEWS

Jelena entdeckt Kunst-Apps und saudiarabische

Liebeskomödien für sich.

INSIDE AUT

72 HOTSPOT BRUNNENMARKT

Werden Syrer sich schneller integrieren als

damals die Türken?

78 DIE LEIDEN DES JUNGEN TODOR

Todors Kolumnen dienen als Aufrissgrundlage.

/ MIT SCHARF / 5


MIT SCHARF / 5

Premiere: Die biber Refugee Edition

Biber will die Welt nicht nur beschreiben. Biber will sie auch

verändern. Vier Monate haben wir in enger Kooperation mit

dem AMS Wien in einem Spezial-Kurs 15 Flüchtlinge trainiert,

die in Syrien, Afghanistan oder dem Iran in den Bereichen

Journalismus, Kommunikation oder Marketing tätig waren. Das

Ziel: Unseren Kolleginnen und Kollegen erstmals einen Einblick

in die österreichische Arbeitswelt zu ermöglichen. Ganz ehrlich:

Anfangs haben wir uns oft die Haare gerauft und hätten einige

KursteilnehmerInnen auch gerne wieder nach Hause geschickt. Ob

es um Deadlines ging oder um die scheinbar unlösbare Aufgabe

der Pünktlichkeit, ja, wir hatten mit Klischees real zu kämpfen. Doch

nach vier Monaten sind wir zusammen gewachsen. Und nun zum

Simon Kravagna und Alexandra Stanić

Ende können wir sagen: Mission erfüllt. Vor Druck dieses Magazins

gibt es für neun der fünfzehn Kursteilnehmer bereits fixe Zusagen

für ein Arbeitstraining bei Unternehmen wie ORF, Standard, Trending Topics, Falter, ÖIF,

Arbeiter-Samariter-Bund, Bezirkszeitung (BZ), biber sowie dem Presseclub Concordia. Unser

syrischer Marketing-Experte Amr Baghdadi (26) kann überhaupt mit einer Jobzusage bei

einem Social-Media Unternehmen aufwarten. Wenn das keine stolze Bilanz ist!

+++

Die Biber-Refugee-Edition ist ein Gemeinschaftswerk. Zusammen mit unseren geflüchteten

KollegInnen hat das biber-Kernteam Artikel konzipiert, recherchiert und geschrieben.

Zusätzlich gab es journalistischen Support von Profil-Redakteur Clemens Neuhold und

Autorin Livia Klingl. Stolz sind wir auf unsere Crowdfunding-Aktion auf respekt.net, die

immerhin ein Drittel der Produktionskosten des Magazins eingespielt hat. Danke an alle unsere

tollen 116 Unterstützer, die für diese Idee Geld locker gemacht haben. Dieses Magazin ist vor

allem auch für Euch gemacht! Unsere Refugee-JournalistInnen lassen euch an ihren syrischen

Albträume genauso teilnehmen wie an ihren arabischen Lieblingslokalen oder

SPECIAL

EDITION

afghanischen Ansichten über Integration.

+++

www.dasbiber.at

Bei allem Engagement sind wir aber vor allem JournalistInnen und daher

Missständen und Fehlentwicklungen auf der Spur. Es sind eben nicht nur heiß

begehrte qualifizierte Fachleute mit superdemokratischem Verständnis aus den

DANCING

QUEEN

ON STAGE

Krisenregionen dieser Welt zu uns geflüchtet. Die Bandbreite menschlichen

MS. GRMAN

IM INTERVIEW

SLEEPLESS

BEAUTY ON

Handelns ist groß und reicht auch bei Flüchtlingen bis hin zu Sexualstraftätern.

TOUR

Besonders afghanische Flüchtlinge sind auffällig. biber-Redakteurin Delna Antia

nähert sich diesem bedenklichen Phänomen mit einer Reportage über die sexuelle

Ahnungslosigkeit junger afghanischer Männer und ist tief in eine für uns fremde Welt

eingetaucht. Ihr Fazit: „Es gibt einen großen sexualpädagogischen Aufklärungsbedarf

und es braucht daher unbedingt verpflichtende Maßnahmen durch die Regierung.“

Mit scharfen Grüßen,

Simon Kravagna, Chefredakteur

Alexandra Stanic, Leiterin des Flüchtlingskurses

Österreichische Post AG; MZ 09Z038106 M; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

MIT SCHARF

WONDER

WOMAN

Ist sie zu stark, bist du zu schwach

Wir mussten uns mit dieser

Ausgabe von Wonderwoman

und Multitalent Andrea Grman

trennen. Zum Abschied haben

wir ihr noch ein Cover geschenkt.

❤ Alles Liebe, Andrea!

Marko Mestrović

6 / MIT SCHARF /


Teamplay

ohne Abseits

Workshops in deinem Fußballverein für

ein besseres Miteinander

Mit Integrationsbotschafter/innen aus dem

Profi-Fußball Vorurteile abbauen

Ausgezeichnet mit dem

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Marko Mestrović

Zina Maleh mit ihrem Sohn Josef.

8 / MIT SCHARF /


PLACE

OF THE MONTH

ZINA‘S

Von Bilal Albeirouti und Amar Rajković

Stell dir vor, du gehst zum Syrer essen und findest keine

einzige Landesspeise auf der Karte. So könnte es dir im

„Zina‘s“ auf der Praterstraße ergehen. Die levantischen

Leckereien gibt es zwar, nur sind sie in irreführende

Bezeichnungen wie „Mom‘s Pie“, „Sicillian Rolls“ oder

„Moulin Rouge“ verpackt. Besitzerin Zina Maleh erklärt die

Sprachverwirrung: „Wir möchten unserem nicht-arabischen

Publikum die reichhaltige syrische Küche näher bringen.“

Tatsächlich haben Zina und ihr Mann kulinarische Erfahrung

in Damaskus vorzuweisen. Die beiden unterhielten einen

Burgerladen in der historischen Altstadt. Als erste Bomben

fielen und die Schule ihres jüngeren Sohnes getroffen

wurde, kehrte Zina zurück nach Wien, wo sie zuvor in den

90ern eine Tourismusschule abschloss. Mit im Gepäck hatte

sie Walnüsse, Granatäpfel- und Pinienkerne, Datteln und

libanesische Weine. Alles Zutaten, die Orientliebhabern das

Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Das Publikum ist

diverser als in gängigen arabischen Restaurants, die Shisha

nach dem Essen muss man woanders rauchen. Zina hat

das bewusst gewählt, um auch Nicht-Araber in ihr Restaurant

zu locken. Während unseres Gesprächs füllt sich das

„Zinas“ bis zum letzten Tisch. Wir bestellen eine Kollektion

aus Mezzes (Vorspeisen) und das Königsgericht „Ancient

Damascus“ (Fatteh, ein syrischer Eintopf). Besonders die

Falafel sind zu erwähnen, da sie „aus 100% Kichererbsen

besteht“, wie Zina stolz betont. Zum Trinken gibt es „tamir

hindi“, Saft aus Datteln und Orangenblüten, den es in

Syrien nur im Ramadan gibt. Bilal, der biber-Redakteur aus

der Flüchtlingsakademie, muss leider warten, weil er heute

fastet. „Aber am Abend bin ich wieder da. Versprochen.“

Praterstraße 55, 1020 Wien

11:30-14:30;

17:30-23:00

/ MIT SCHARF / 9


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

SECRET ESCAPE: HEIMAT ALL INCLUSIVE

Es ist Sommer. Wir fahren runter. Endlich. Für viele

beginnt jetzt die lang ersehnte, schönste Zeit im

Jahr. Keine Termine, kein Dresscode, keine Ruhestörung.

Aber dafür ganz viel Freiheit. Die Freiheit,

ohne Ankündigung bei Freunden aufzutauchen,

barfuß durchs Dorf zu radeln, Zwetschken

von Nachbars Baum zu pflücken, ganz laut Musik

aufzudrehen, Stunden im ‚kafić’ (Café) zu verbringen,

die Zeit vergessen. Und das jeden Tag so. Ja,

dieser Emotionscocktail aus Euphorie, Sehnsucht

und dem Duft saftiger Fleischtomaten aus Omas

Garten ist es, der auch heuer wieder Tausende ins

geliebte Dorf fliehen lässt.

PARTY, FLEISCH & FREIHEITSFEELING

Seinen Urlaub an jenem Ort zu verbringen, dem

man (oder die Eltern) einst zu entfliehen vermochte,

ist allerdings nur mit Rückkehroption attraktiv.

Diese mentale Reiserücktrittsversicherung versetzt

einen erst in Ferienstimmung. Auch lässt sich das

‚Zuhause auf Zeit’ viel angenehmer mit doppeltem

Monatsgehalt gefüllten Taschen verbringen. Party,

Fleisch und Freiheitsfeeling – oder: Flucht in die

Illusion. Das erwartet sich der Heimaturlauber. Das

hat schon was vom Verhältnis zu einer Geliebten.

Wenn’s im echten Leben super stressig wird, verschwindet

man zur unverbindlichen Erholung und

zum verschwenderischen Spaß in fremde Wirklichkeiten,

verlässt die eigene aber nie ganz. Schließlich

weiß man, was man (zu verlieren) hat.

GASTARBEITER SUMMIT

Ist der Heimaturlaub vielleicht ein Überbleibsel

(des schlechten Gewissens) einstiger Rückkehr-

cucujkic@dasbiber.at

absichten in die alte Heimat? Die Hiergeborenen

zieht wohl kaum die Aussicht nach einer baldigen

Pensionsniederlassung in die mehrwöchigen Jugo-Ferien.

Aber eben diese schleierhafte Sehnsucht

nach fröhlicher Gesetzlosigkeit, Völlerei und

extatischem Feiern. Letztlich bleibt man ja meist

unter sich. Die Crowd, die hier samstags abfeiert,

verabredet sich zum kollektiven Urlauben, um unten

in den Open-Air-Clubs, die das fette Umsatzplus

durch die Dijaspora kaum abwarten können,

weiter zu feiern.

Für die Elterngeneration wird mit der Ankunft im

Geburtsort der gesellschaftliche Jahresbericht abgegeben:

Wer heiratet wen, wer hat sich getrennt,

ist tot, ist wahnsinnig gealtert, nicht mehr in guten

Verhältnissen, hat sein Haus (Schande!) verkauft....

FLUCHT NACHHAUSE

Nach vier Wochen stellt sich ein wenig Urlaubsmonotonie

ein. Die Heimat fängt an zu nerven. Man

möchte die Geliebte wieder verlassen.

Man tanzte sich von Hochzeiten, zu Taufen und

Jubiläen, absolvierte die üblichen Pflichtbesuche,

verteilte Hofer-Schokotafeln und Bodylotions,

schlürfte den zweiundsiebzigsten türkischen Kaffee,

reparierte die vom Winter lädierten Wasserleitungen,

baute das dritte Stockwerk weiter aus, um

sich am Ende des Heimatbesuchs, jedes Jahr aufs

Neue, beklagend in Einsicht zu üben. Was hätte

man mit dem Geld nicht alles Sinnvolles machen

können, „Luxusurlaub mit All Inclusive zum Beispiel“.

Zum Beispiel. Nächstes Jahr dann. Ganz.

Bestimmt. Aber erstmal schnell nachhause! ●

10 / MIT SCHARF /


POLITIKA

„Jetzt passt’s mal auf –

das ist wichtig!“

Foto von Julie Brass


DER

SYRISCHE

ALBTRAUM

12 / POLITIKA /


Syrische Geflüchtete vereint vieles - die Fluchterlebnisse,

die schmerzhaften Erinnerungen sowie Schwierigkeiten beim

Ankommen. Vor allem aber teilen sie sich eines: ihre Albträume.

von Jelena Pantić und Neivein Haddad, Fotos: Susanne Einzenberger

Der 18-jährige Mahmoud

steht auf dem Familien-

Bauernhof in seiner Heimat

Syrien und hört plötzlich

einen Schuss. Das Adrenalin schießt

durch seine Adern, sein Fluchtinstinkt

aktiviert jede Zelle in seinem Körper und

er beginnt zu laufen. Er läuft um sein

Leben und eine Gruppe von Soldaten

rennt ihm hinterher, um es auszulöschen.

Mahmoud hört einen weiteren Schuss,

diesmal betäubend laut und bedrohlich

nahe. Ein Schmerz durchsticht seinen

Körper. Die Kugel trifft ihn in den Rücken.

Dann wacht er auf.

Wovon der Wiener Gymnasiast

Mahmoud in der Nacht heimgesucht

wird, ist ein typischer Albtraum syrischer

Geflüchteter. Vor einigen Wochen

beschreibt ein Syrer, der nun in Österreich

lebt, auf Facebook einen seiner

Albträume. Darunter kommentieren hunderte

Syrerinnen und Syrer und erzählen,

denselben oder einen sehr ähnlichen

Albtraum gehabt zu haben. Die Details

unterscheiden sich, manche träumen, sie

flüchteten vor dem IS, manche vor der

Regierung. Die Basis ist aber dieselbe:

Sie alle träumen wieder im Syrienkrieg

gefangen zu sein und nicht fliehen zu

können. Und alle stellen sich im Traum

die eine Frage: Warum bin ich hierher

zurückgekommen?

„DIE ENTSCHEIDUNG

VERFOLGT EINEN.“

Ähnlich wie Mahmoud, träumt auch der

27-jährige Zakarya von Soldaten. Tagsüber

versucht er seit zweieinhalb Jahren

im österreichischen Journalismus Fuß zu

fassen, nachts verschlägt

es ihn aber wieder in

seine Heimat Syrien.

Einer seiner immer wiederkehrenden

Träume

spielt sich im Morgengrauen

ab, als alle in seinem Haus noch

tief schlafen. Plötzlich tritt jemand die

Tür ein und ruft: “Kontrolle, steh auf!”

Zakaryas Traum rührt von einer wahren

Begebenheit, denn er wurde tatsächlich

eines Morgens in Syrien von Soldaten

zur Kontrolle aufgeweckt. Der 68-jährige

deutsche Therapeut Udo Baer befasst

sich seit Jahrzehnten mit Kriegstraumata

und ihren Folgen. Er erklärt, dass

ein Kriegsszenario einer der drei großen

Bauschutt, Sirenen,

Flugzeuggeräusche:

Die Angstauslöser

sind überall.

Albträume ist, der Geflüchteten keine

Ruhe lässt. Auch jenen, die nicht unmittelbar

betroffen, sondern Zeugen waren

und beispielsweise gesehen haben, wie

Nachbarn furchtbare Dinge widerfahren

sind. Er betont, dass Trauma ein Prozess

ist und sich schichtweise im Unterbewusstsein

der Betroffenen manifestiert.

Alle Geflüchteten machen denselben

Prozess durch, es gibt die Phase der Entscheidung,

der Flucht und des Ankommens.

Während der Fokus der Medien

und der Forschung auf der Kriegshandlung

liegt, wird der Prozess der Entscheidung

oft vernachlässigt. Der Kriegstraum

bezieht sich aber genau auf die angsterfüllte

Phase der Entscheidung: „Gehe ich

Die Co-Autorin NEIVEIN HADDAD ist 25 Jahre alt, kommt aus Syrien, hat

dort Medien und Kommunikation studiert und beim Syrisch-Arabischen

Roten Halbmond gearbeitet. Seit zwei Jahren ist sie in Österreich und

absolviert derzeit ein Arbeitstraining beim Arbeiter-Samariterbund. In

Zukunft möchte sie auf der Uni Wien Publizistik studieren.

oder bleib ich? Wenn ich gehe, mit wem?

Wie? Schaffe ich es? Was wenn ich nicht

rauskomme? Aus dieser Angst baut der

Traum auf. Ein sehr quälender Prozess

für die Betroffenen. Die Entscheidung

verfolgt einen, denn man lässt bei der

Flucht immer etwas zurück – vor allem

Menschen“, erklärt Baer.

DIE TRIGGER SIND ÜBERALL

Von Menschen handelt der zweite große

Albtraum, der so vielen Geflüchteten den

Schlaf raubt: Sie erreichen ihre Liebsten

oder ihr Ziel nicht. Die syrische Musikerin

Oscar träumt, dass sie nach Syrien

zurück muss, um Lebensmittel zu kaufen.

„Nachdem ich alle Produkte gekauft

habe, sagt mein Mann zu mir ‚Treffen wir

uns in Jaramana‘ (Anm. d. Red. etwa

10km von Damaskus). Doch zu diesem

Treffen kommt es nicht, denn ich erreiche

ihn nie und bleibe ganz alleine.“ Die

23-Jährige meint, diese Träume hätten

“keine große Wirkung auf ihr tägliches

Leben”. Tagsüber ist Oscar mit ihrem

einjährigen Baby voll beschäftigt – Alltag

und Verpflichtungen lenken sie ab. Doch

Dinge, die ihre Angst entfachen könnten,

sogenannte Trigger, sind überall um sie

herum. Baustellen erinnern an Schutt

und Asche, Sirenen oder Flugzeuggeräusche

sind Geräuschkulisse des Krieges

und ein Wasserhahn kann schnell zum

Rauschen des Mittelmeeres werden. An

sich hat das einen evolutionären Sinn,

erläutert Baer. Wenn der Mensch im

Busch das Fauchen eines Säbelzahntigers

gehört hat, dann wusste er, er muss

rennen – Flucht ist hier eine Schutzreaktion,

um die Existenz zu sichern. Geflüchtete

sind dem „Fauchen

des Säbelzahntigers“,

den Triggern, jedoch konstant

ausgesetzt. Aber

man weiß doch, dass

der Wasserhahn keine

/ POLITIKA / 13


Zakarya Ibrahem, 27, träumt nachts von Soldaten, die sein Haus in Syrien stürmen.

Gefahr darstellt? Prinzipiell schon, doch

das Traumagedächtnis spielt Erlebtes

eben nicht ganz genau nach, sondern

nur ähnlich. Der äußere Anlass mag nicht

real sein, die Angst der Betroffenen aber

umso mehr, denn das Erlebnis fühlt sich

exakt so an, als ob es im Hier und Jetzt

geschehen würde. Bei manchen äußert

sich die Reaktion auf die Trigger in einer

sofortigen Panikattacke, bei manchen

eben als Albtraum in der Nacht.

Krieg ist eine

Bedrohung des

Herzens. Und das

Herz vergisst nicht.

EXISTENZÄNGSTE UND

SUIZIDGEDANKEN

Die dritte große Art von Albträumen

Geflüchteter ist jene am Rande eines

Abgrunds zu stehen oder in einen

Abgrund zu fallen. „Krieg ist eine existenzielle

Wunde, wo es um Sein- oder

Nichtsein geht, man fühlt sich ‚aus dem

Leben geworfen‘“, erläutert Baer. Mit

Existenzängsten kommen die Menschen

über die Grenze und legen diese auch

lange nicht ab. Manche haben gerade in

dieser Anfangsphase verstärkt Albträume,

weil so vieles neu, ungewohnt

und beängstigend ist. Andere haben

die Albträume aber erst, wenn sie alles

Bürokratische erledigt haben und richtig

angekommen sind. Baer veranschaulicht:

„Wenn das vorbei ist, hat die Seele Zeit

sich zu melden. Krieg ist eine existenzielle

Bedrohung des Herzens und das

Herz vergisst nicht.“

Diese Albträume haben nicht nur

Geflüchtete aus Syrien. Vor allem aus der

Betreuung ex-jugoslawischer Geflüchteter

kennt Udo Baer ähnliche Erzählungen:

„Die Trigger sind vielleicht anders,

aber das Traumagedächtnis funktioniert

gleich.“ Bei manchen Menschen mit

Fluchterlebnissen kommen die Albträume

erst, wenn sie über 60 sind und die Kraft

zur Kontrolle nachlässt. Doch auch wenn

das Trauma früher erkannt wird, kann die

Wartezeit für einen Therapieplatz lange

dauern: „Bis dahin sind viele depressiv,

Alkoholiker, halten sich für verrückt, sind

suizidal oder bringen sich sogar wirklich

um“, erzählt Baer und nennt die vorherrschende

Situation unmenschlich. Für den

Journalisten Zakarya ist die Realität viel

frustrierender, als ein Albtraum es je sein

könnte. Die Lösung sieht er im Ende des

Krieges. „Seit fünf Jahren habe ich meine

Familie nicht gesehen und das kann

noch zehn Jahre dauern. Der Traum hört

auf, wenn die Person ihr Ziel erreicht.

Meine Albträume werde ich also los sein,

wenn ich meine Familie sehe.“ ●

14 / POLITIKA /


EXPERTENMEINUNG: Wie bekommt man die Albträume weg?

Dr. Udo Baer, deutscher

Therapeut, Kriegstraumata

sind eine seiner

Schwerpunkte

Besteht die Chance auf Heilung?

Es ist ein langer Prozess, denn das

Trauma sitzt tief. Das Schlimmste ist das

Alleinsein. Wird man alleine gelassen,

kann die Wunde nicht heilen. Wenn

man sich das Bein bricht, braucht man

eine Schiene, Medikamente, ein gutes

Buch, einen guten Film und Leute, die

einem buchstäblich wieder auf die Beine

helfen – erst dann kann das Bein heilen.

Der Knochen wächst zusammen und

vielleicht tut es manchmal beim Wetterwechsel

weh. Geflüchtete werden aber

alleine gelassen und dann passiert folgendes:

Es wächst vielleicht zusammen,

aber es tut bei jedem Schritt weh. Alte

Ängste kommen hoch und der Organismus

erinnert: „Es kann immer wieder

etwas passieren.“

Was können Betroffene tun?

Gemeinsames Tun ist der wichtigste

Schritt zur Besserung – und zwar Dinge

tun, die weit vom Krieg entfernt sind.

Geflüchtete können einander gut Trost

spenden, da sie nachempfinden, was

der/die andere durchgemacht hat. Doch

auch jene, die keine Flucht durchmachen

mussten, können viel bewirken. Man

kann das Trauma nicht einfach wegradieren

– wenn es kommt, muss man

darüber reden, einander zuhören und

gemeinsam weinen. Darüber hinaus auch

Dinge tun, die einen stärken und Spaß

machen wie Singen, Tanzen, Malen oder

Kochen. Die Devise lautet: Würdigen,

was ist und neue Erfahrungen sammeln,

die nicht schmerzhaft sind. Auch mit

kreativen Stärkungsgruppen konnten wir

Erfolge erzielen, in dem „alte“ Geflüchtete

mit „neuen“ darüber reden, was

sie getröstet hat und wie sie darüber

hinweggekommen sind. Das sogenannte

„imagery rehearsal“ ist auch eine Möglichkeit.

Hierbei stellen sich die Betroffenen

ihren Albtraum untertags in allen

Einzelheiten vor, nur nimmt der Traum

hier ein gutes Ende.

Gehen die Albträume jemals weg?

Ich bin selbst aus der DDR geflüchtet

und träume noch immer einmal im Monat

davon, meine Frau nicht erreichen zu

können. Die Albträume gehen vermutlich

nicht ganz weg, aber sie kommen nicht

mehr so oft und nicht so machtvoll.

BUCHTIPP:

Udo Baer und

Gabriele Frick-Baer:

Flucht und Trauma –

Wie wir traumatisierten

Flüchtlingen wirksam

helfen können.

Erschienen 2016 beim

Gütersloher Verlagshaus,

erhältlich um

17,99 Euro

Entgeltliche Einschaltung, Foto: Johannes Zinner

Jörg, 32

Angestellter und

Gemeinderat

Muna, 38

Anwältin und

Staatssekretärin

Michael, 67

Biologe und

Bürgermeister

Zukunft

Nina, 35

Politikwissenschafterin

und Gemeinderätin

/ MIT SCHARF / 15

www.spoe.wien/zukunft


„Und wie erkennt man

eine Jungfrau?“

Selbstbefriedigung macht krank, Kondome sind verpönt

und heiraten wollen sie nur eine muslimische Jungfrau:

In einer Flüchtlingseinrichtung in Vorarlberg zeigt

sich der sexualpädagogische Aufklärungsbedarf bei

männlichen Jugendlichen aus Afghanistan. Auch was die

Übertragung von sexuellen Krankheiten betrifft.

Von Delna Antia, Fotos: Dragan Tatić

Selbstbefriedigung ist schädlich.“ Sie verursacht

Rückenschmerzen, strapaziert die Beine und

man bekommt davon eine Sehschwäche. Wahrscheinlich

kann man keine Kinder mehr zeugen,

wahrscheinlich werden die Kinder behindert.

„Aber“, räumt Faruk * diplomatisch ein, „es kann sein, dass es

für Österreicher anders ist.“

Faruk ist mutig. Mit rotem Kopf und ganz ins Eck der

Couch gedrückt redet der 17-jährige Afghane mit mir, einer

jungen Frau, über Sexualität. Zwischen Boxsack und Hantelbank

sitzen wir uns im Freizeitkeller der Flüchtlingsunterkunft

für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gegenüber – kurz

„UMFs“ genannt. Und wir haben noch dazu Publikum: Der

Fotograf ist anwesend, der Dolmetscher natürlich auch und

Dagmar Welte nimmt Teil, die Leiterin des „Haus Jonas“ in

Vorarlberg, die auf ihren Schützling aufpasst. Faruk ist der

Einzige der dort untergebrachten 29 männlichen Jugendlichen,

der sich zu einem Interview über Sex bereit erklärt

hat. Dass es ihm unangenehm ist, versteht sich von selbst.

Er schwitzt. Zudem ist Ramadan und draußen herrschen

Temperaturen von 34 Grad. Aber er ist auch neugierig. „Was

willst du wissen?“, fragt er mich grinsend und herausfordernd.

Nun, vieles. Allerdings wird mir Navid, der Dolmetscher,

nach dem Interview zu verstehen geben, dass Faruk

nicht immer ehrlich sein konnte. Sexualität ist in Afghanistan

total tabuisiert. Darüber zu reden ist schandhaft. „Um Himmels

Willen“, hatte Faruk gerufen, als ich ihn fragte, ob er

mit Freunden über Sex reden würde, „Natürlich nicht!“ Das

Gegenteil kann er schwer zugeben. Die Scham ist zu groß –

vor allem in Anwesenheit einer Frau.

An die erdrückende Scham erinnert sich auch der junge

Dolmetscher Navid selbst zu gut. Er war 14, als er aus

Afghanistan nach Österreich kam. Heute ist Navid 27, studiert

Softwareentwicklung und Wirtschaft, arbeitet nebenbei

als Dolmetscher in den Sprachen Dari/Farsi, Paschtu und

Urdu. „Wenn ich damals als Jugendlicher mit meinen Schwestern

im Bus saß und wir an einem Plakat mit einer halbnackten

Frau vorbeifuhren, dann habe ich mich in Grund und

Boden geschämt.“ Heute steht Navid dem Thema bewusst

offen gegenüber. Er ist einer jener zwei Dolmetscher, die bei

dem Pilotprojekt der Caritas Vorarlberg und dem Ehe- und

Familienzentrum der Diözese Feldkirch übersetzen: den

verpflichtenden, sexualpädagogischen Workshops für die

männlichen „UMFs“.

Navid stammt selbst aus Afghanistan, er besitzt selbst

Fluchterfahrung und er ist ein junger Mann – genau deswegen

ist er für die Rolle des Dolmetschers so geeignet, erklärt

mir Cornelia Neuhauser von der Flüchtlingshilfe der Caritas

Vorarlberg. „Denn der Erfolg steht und fällt mit den Dolmetschern.“

Neuhauser hatte mir am Telefon von dem Projekt

16 / POLITIKA /


Bildhafte und bunte

Aufklärung per Plüsch-

Modell: Das männliche

Geschlechtsorgan, hier

erigiert und beschnitten.

„Was kann ich gegen Rückenschmerzen nach der

Selbstbefriedigung tun?“, „Wie wird eine Frau

schwanger?“ so lauten Fragen der jungen Männer

/ POLITIKA / 17


erzählt. Aus Eigeninitiative, also

ohne Auftrag des Landes, hat

die Organisation entschieden,

für unbegleitete minderjährige

Flüchtlinge sogenannte sexualpädagogische

Workshops einzuführen

– und zwar verpflichtend.

„Unsere Erfahrungen zeigen,

dass sich der Wissensstand der

Jugendlichen zu diesem Thema

bei null befindet, es gibt kaum

bis gar kein Bewusstsein über die

eigene Geschlechtlichkeit und die

eigene Anatomie. Ein über alle

Maßen tabuisiertes Thema in dieser

Zielgruppe, ein Tabu, das uns

gelingen muss zu durchbrechen,

wollen wir die Integration erfolgreich

bewältigen!“, so Neuhauser.

Sie sieht eine große Verantwortung

zur sexuellen Aufklärung der

Jugendlichen, als auch eine „Verantwortung

unserer Gesellschaft“

gegenüber – was die Vermeidung

von Übergriffen betrifft ebenso

wie gesundheitliche Aspekte.

Und Neuhauser lädt Biber nach

Vorarlberg ein.

WIE ENTSTEHT EIN KIND?

So kommt es, dass wir mit Faruk auf dem Sofa sitzen. Ich

möchte von ihm wissen, ob er den Sexual-Workshop einem

Freund empfehlen würde. „Unbedingt“, sagt er. „Jeder sollte

diesen Kurs besuchen.“ Für ihn war besonders das Modell

des weiblichen Geschlechtsorgans von Interesse. Weil es

so bildhaft ist. In seiner Heimatstadt in Afghanistan sei er

zwar in Fortpflanzungsbiologie unterrichtet worden, aber

ganz anders – oberflächlich. „Wie ein Kind entsteht, wie es

zur Befruchtung kommt“, all das erfuhr Faruk so richtig erst

vor ein paar Monaten hier in Vorarlberg, kurz vor seinem 18.

Geburtstag. Damit scheint er zu bestätigen, was Gerüchte

schon länger vermuten lassen: „Die Flüchtlinge kennen sich

nicht aus!“ Doch man muss unterscheiden, sagt Neuhauser,

„Es gibt einen eindeutigen Unterschied, vor allem zwischen

Syrern und Afghanen. In Vorarlberg haben wir hauptsächlich

Jugendliche aus Afghanistan, viele

aus sehr ländlichen Gegenden und mit

geringem Bildungsstand. Sie sind zum Teil

Primär-Analphabeten, d. h. sie wurden

auch in ihrer Heimat nicht alphabetisiert.

Viele Syrer hingegen können neben Arabisch

sogar Lateinisch lesen und schreiben.“

Dieser Bildungsunterschied spiegelt

sich im Wissen um Sexualität wider. Im

Haus Jonas in Vorarlberg sind ausschließlich

junge Männer aus Afghanistan untergebracht,

zwischen 15 und 18 Jahre alt.

Bestens qualifiziert: Dolmetscher Navid ist

jung und selbst Afghane

Drei Frauenbilder: Die

Mutter, deren Wort

gilt, die europäische

Frau, mit der man Sex

haben kann und die

muslimische Jungfrau,

die geheiratet wird.

„Weil im Alltag Sexualität so ein

tabuisiertes Thema ist, haben sie

keine Ahnung von ihrem eigenen

Körper.“ Geschweige denn von

dem des anderen Geschlechts.

„Sie wissen nicht, dass eine Erektion

eine Erektion ist. Sie haben

keine Ahnung von Menstruation,

Samenerguss, ja, wie eine Frau

schwanger wird.“

Dass aber gerade der eigene

Körper beschäftigt, bestätigt

das große Interesse am Thema

Selbstbefriedigung. So erzählt

Günter Schedler, der Sexualpädagoge

und Trainer der Workshops,

den wir am Abend vorher in

Bregenz treffen, dass die Jugendlichen

hierzu die meisten Fragen

stellen. „Sie haben Angst, dass

Selbstbefriedigung schädlich ist

und sie schauen mich ungläubig

an, wenn ich ihnen sage, dass es

nicht so ist, sondern im Gegenteil

sogar gesund ist.“ Schedler ist

53, Gymnasiallehrer für Kunstund

Werkerziehung, er arbeitet

seit 18 Jahren nebenberuflich

als Sexualpädagoge und Supervisor bei Sexualthemen. Die

Arbeit mit Flüchtlingen ist für ihn allerdings relativ neu. Er

ist sich bewusst, dass er es hier mit einer Zielgruppe mit

besonderen Belastungen zu tun hat, mit jungen Männern, die

traumatisiert sind und die Erfahrungen auf der Flucht gesammelt

haben, über die sie nicht reden können. Auch sexuelle.

Gleichzeitig bestätigt er: „Sie wissen oft nicht, wie Kinder

entstehen! Selbstbefriedigung, Homosexualität, überhaupt

Sex sind große Tabus.“ Österreichische Burschen würden

sich in dem Alter viel besser auskennen, „weil wir hier viel

offener untereinander reden. Bei Muslimen spielt die Religion

eine große Rolle. Es ist wie bei uns vor 75 Jahren, als Krieg

herrschte und Homosexuelle verfolgt wurden.“ So erleben

die Jugendlichen heute in Österreich einen Kulturschock.

Cornelia Neuhauser erzählt, dass es eine Art „Absolution“

des Imam aus Vorarlberg brauchte, damit die Jugendlichen

überhaupt bereit waren am Sexualunterricht teilzunehmen.

Weil ihnen diese Workshops so „sündhaft“

schienen und das Sträuben groß war, hatte

das Haus Jonas den Imam eingeladen,

der die Jugendlichen beruhigte. Sobald

sie dann einmal im Kurs saßen, stellten sie

neugierig Fragen. „Was kann ich gegen die

Rückenschmerzen tun?“, hatte ein Bursche

Schedler gefragt. Für den Trainer sei es

in solchen Situationen ganz wichtig klar

zu stellen, dass Selbstbefriedigung nicht

schädlich ist, dass die Burschen die Märchen

vom Blindwerden und den behinder-

18 / POLITIKA /


Man muss mehrmals hinsehen,

um die Vagina zu erkennen:

Mit geradezu „kindlichen“

Modellen wird jungen Männern

die Befruchtung erklärt.

„Sie wissen nicht, dass eine

Erektion eine Erektion ist.

Sie haben keine Ahnung von

Menstruation, Samenerguss,

ja, wie ein Kind entsteht,“

Cornelia Neuhauser/Caritas.

/ POLITIKA / 19


ten Kindern vergessen sollen und

dass sie vor allem über Sex & Co

reden dürfen. Allerdings nimmt

er auch so skurrile Phänomene

wie „Rückenschmerzen“ ernst.

„Wen ein schlechtes Gewissen

plagt und wer vielleicht kurz vorm

Abspritzen aufhört, bei dem können

sicherlich Verspannungen im

Rücken auftreten.“ Das schlechte

Gewissen und das Bewusstsein,

eine Sünde begangen zu haben,

sind so präsent wie belastend.

Auch Navid, der junge Dolmetscher,

weiß das. „Wenn jemand

von etwas überzeugt ist, gerade

auch religiös, dann entsteht ein

Gewissenskonflikt“, erklärt er. Für

die Jugendlichen ist das schwer

zu lösen.

Das lockere Klima, der Humor,

die Offenheit in den Workshops

helfen da natürlich. Schedler ist

es in seinem Unterricht wichtig,

nicht zu beurteilen. Das Lehrmotto

lautet: „vergleichen und

gegenüberstellen“, d.h. wechselseitig

zur Kenntnis zu nehmen,

dass Gesetze, Kultur und Praxis in der alten und neuen

Heimat anders sind, dass es in Österreich aber nun einmal

so ist. Zum Beispiel, dass hier Homosexualität erlaubt ist –

ein weiteres schwieriges Tabuthema. Homosexualität ist im

Islam verboten. „Die Scham und Gefahr geächtet zu werden

ist sehr groß bei den jungen Männern“, berichtet er. „Wobei

schwul zu sein als aktiver Part irgendwo noch okay ist, aber

nicht als passiver Part.“ Denn der passive Part ist auch

immer der weibliche Part, daher die Abwertung. Womit wir

beim nächsten Thema sind: Frauen.

SIE SOLLTE JUNGFRAU SEIN!

Im Gemeinschaftsraum frage ich Faruk, ob er eine Freundin

hat. „Nein“, schüttelt er den Kopf. Ob er gern eine hätte?

„Ja!“, nickt er errötend. „Und sollte sie Jungfrau sein?“ –

„Ja!“ Warum? Die Antwort fällt länger

aus. Es sei besser, weil eine Jungfrau in

der afghanischen Kultur und Familie hoch

angesehen ist. Weil Sex vor der Ehe im

Islam verboten ist. „Hattest du denn schon

einmal eine Freundin hier in Österreich?“,

frage ich ihn. Faruk nickt lächelnd und

beschämt zugleich. Höchstwahrscheinlich

hatte er wohl auch Sex mit dieser Freundin.

„Wer will die Freiheit nicht leben?!“, kontert

er mir schließlich, als ich wissen will, wie

er mit dem Kulturunterschied, mit den

Möglichkeiten hier in Österreich umgeht.

Welche Nationalität seine Freundin hatte,

Günter Schedler, Sexualpädagoge

und Supervisor

Gerade Mädchen

sind kulturellverhaftet:

Wenn ihre

Menstruation einsetzt,

meinen sie sterben zu

müssen, selbst vor der

Hochzeit werden sie

nicht aufgeklärt.

erfahre ich nicht. Aber seine

Freunde im Haus Jonas waren

meistens mit Österreicherinnen

zusammen. Oder mit Türkinnen.

Eine afghanische Freundin hatte

bisher keiner von ihnen.

Auch Schedler, der Sexualpädagoge,

berichtet von dieser

Aufteilung. „Natürlich wollen die

jungen Männer sexuelle Erfahrungen

sammeln. Aber die wollen

sie mit österreichischen bzw.

europäischen Mädchen machen.

Heiraten würden sie diese Frauen

nicht.“ Im Grunde hätten sie drei

Frauenbilder, erklären mir Cornelia

Neuhauser und Dagmar Welte

von der Caritas. Die Mutter, deren

Wort gilt, die europäische Frau,

mit der man Sex haben kann

und die muslimische Jungfrau,

die geheiratet wird. Das Thema

Frauen interessiert in den Workshops

mindestens so brennend

wie das der Selbstbefriedigung.

Wie spricht man eine Frau an?

Wie beginnt man eine Beziehung?

Wie ticken Frauen? Und natürlich

wollen sie gute Liebhaber sein, so Schedler. „Am liebsten

hätten sie eine Gebrauchsanweisung.“ So weit so normal,

könnte man meinen, ist ja auch bei einheimischen Jugendlichen

(beiden Geschlechts) nicht anders. Jedoch beschäftigt

die geflüchteten Männer eine Frage zusätzlich und besonders:

Wie kann man feststellen, dass eine Frau jungfräulich

ist? „Sie möchten unbedingt eine Jungfrau“, erzählt Navid,

der Dolmetscher. Und was antwortet ihr als Kursleiter

darauf? „Wir sagen: Vertrauen haben.“ Das Hinterfragen

dieses Wunsches steht also nicht im Raum, da es in den

Workshops nicht um die Beurteilung von kulturellen Werten

gehe. „Das Frauenbild ist seit der Kindheit geprägt und das

kann man schwer in einem Jahr bzw. einem Kurs ändern“,

so Schedler. Daher erklärt er ihnen, wie es in Österreich läuft

und dass hier nicht die Religion vorschreibt, sondern sexuelle

Selbstbestimmung gelebt wird. „Wir erklären,

dass Frauen bei uns im Bikini ‚normal‘

sind. Dass sie nicht angegafft werden. Die

Jugendlichen versuchen das anzunehmen.

Aber oft sind die Frauen für sie trotzdem

Huren und Schlampen.“ Schedler zuckt mit

den Schultern, er weiß, dass er in dreimal

drei Stunden Kurseinheit schwer gegen die

Macht der Religion ankommen kann. Und

weil es trotzdem und natürlich zu Kontakt

zwischen den afghanischen Burschen und

den einheimischen Mädchen kommt, ob

am Bodensee, der Promenade, im Park

oder der Stadt, leistet er Präventionsarbeit:

20 / POLITIKA /


Er klärt über Kondome und Geschlechtskrankheiten auf, zwei

weitere Tabus.

EIN OFFIZIELLER

HEPATITIS-FALL

Als Dagmar Welte das erste Mal einen Korb am Herren-WC

mit Kondomen aufstellte, brach dort große Empörung aus.

„Das geht nicht!“, hieß es. „Das beschmutzt unser Zuhause!“

Also wurde der Korb entfernt und durch eine niedliche,

kleine Schachtel mit Herz ersetzt, die auf dem Sims über den

Pissoires steht. Harmloser könnte man Kondome wahrlich

nicht an den Mann bringen. In den sexualpädagogischen

Workshops soll diese Berührungsangst abgebaut werden.

„Wir appellieren an die Vernunft!“, so Schedler. Denn die

wenigsten wissen von Sexualkrankheiten, haben von HIV

oder Hepatitis gehört. Hier sieht vor allem die Caritas ihren

Auftrag, so Neuhauser. „Denn wir wissen nicht, welche

Krankheiten die Jugendlichen haben und die Jugendlichen

wissen nicht, dass es sie gibt, wie man sie bekommt und

was chronisch bzw. nicht heilbar bedeutet.“ Wenn die Flüchtlinge

nach Österreich kommen, durchlaufen sie zwar meist

die sogenannte „Gesundheitsstraße“ (einen gesundheitlichen

Grund-CheckUp), allerdings sei fraglich, ob in der Schwerpunktphase

der Fluchtbewegung zwischen 2015/16 diesen

alle durchlaufen haben. Zudem werden keine Screenings von

HIV oder Hepatitis B/C gemacht, bemängelt Neuhauser.

Einen Hepatitis-Fall hatten sie schon im Haus Jonas.

Ein Bursche wurde mit Malaria ins Krankenhaus geliefert.

Dort entdeckte man dann „zufällig“, dass er auch Hepatitis

C hat und informierte die Betreuung von der Caritas. Der

17-Jährige darf nun nicht mehr in der Küche arbeiten, eine

Aufgabe, die im Haus Jonas normalerweise alle Jugendlichen

übernehmen. Schwierig sei, so Dagmar Welte, dass

er kein Bewusstsein über die Tragweite seiner Krankheit

besitzt, über die Ansteckungsgefahr. Das Wissen, infiziert

zu sein, reicht nicht. „Man muss ständig dran bleiben, die

Wiederholung ist wichtig. Und: Wir wissen nun von einem

offiziellen Fall, die inoffiziellen sind uns nicht bekannt.“

Also veranstalten sie regelmäßig „Gesundheitstage“, an

denen Mitarbeiter der Aidshilfe

vorbeikommen. Einmal ließen

sich daraufhin 21 Jugendliche

freiwillig testen, zuletzt waren es

nur vier. „Manche kamen stolz

zu uns und sagten, dass ihr Test

negativ war. Aber grundsätzlich

erfahren wir natürlich nicht, wie

die Testergebnisse ausfallen.“ Die

Aidshilfe weist daraufhin, dass

Geschlechtskrankheiten unter

Flüchtlingen nicht häufiger vorkommen

als bei Einheimischen.

Wer sich jedoch testen lässt und

wer positiv sein sollte, der erhält

von der Aidshilfe kostenlose

Beratung.

Oft stecken sich Flüchtlinge

Herzchen-Box im

Männerklo: Harmloser

könnten Kondome

nicht an den Mann

gebracht werden.

WAS IST DRAN?

AFGHANEN UND VERGEWALTIGUNGEN

Die Zahlen für 2016 zeigen eindeutig: Die meisten

Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen waren Österreicher.

Von 899 angezeigten Vergewaltigungen

(nach §201) wurden letztes Jahr 56% von Österreichern

begangen. „Hier gibt es eindeutig ein verzerrtes

Bild in den Medien“, so die Presseabteilung

des Bundeskriminalamts. Allerdings fallen die Afghanen

dennoch statistisch auf. Trotz ihrer relativ geringen

Anzahl, mit Ende 2016 leben 45.259 Afghanen in

Österreich, sind sie die auffälligste Ausländergruppe:

8,2% der angezeigten Vergewaltigungen sollen 2016

von Afghanen begangen worden sein. Im Vergleich:

Nur 2,2 % der Tatverdächtigen sind Syrer, bei einer

relativ gleichen Anzahl mit 41.672. Sowie 7,2 % der

Tatverdächtigen sind Türken, allerdings leben mehr

als doppelt so viele Türken in Österreich (116.838).

auf der Flucht an oder in den Camps im Iran oder der Türkei,

wo sie oft Jahre ausharren. Manche jungen Männer prostituieren

sich auch, um die Flucht bezahlen zu können. Oder sie

wurden in ihrer Heimat missbraucht. Viele haben allerdings

auch einfach untereinander sexuelle Kontakte, wenn „es“

nicht anders möglich ist. Auf das Thema der sexuellen

Gesundheit reagieren sie jedoch abwehrend. Sie besitzen

einen hohen „Verdrängungsmechanismus“, so Neuhauser.

Gerade deswegen sei das Thema der Verhütung so wichtig.

Denn dass sie sexuelle Kontakte haben, auch und vor

allem mit österreichischen Mädchen, ist Tatsache. Bloß stellt

sich die Frage, ob ein infizierter

Jugendlicher Kondome benützt,

wenn er selbst unheilbar krank

ist und ohnehin ein schlechtes

Frauenbild besitzt.

So ist natürlich die Aufklärung

der Mädchen die andere

Seite der Medaille. Doch was die

geflüchteten Mädchen betrifft,

haben Caritas und Co, hier viel

schwereren Zugriff – gerade weil

die meisten „begleitet“ sind und

dadurch „kulturell verhaftet“.

„Die Mädchen verschwinden im

Familienkontext, sobald sie nicht

mehr schulpflichtig sind. Also

mit 16 Jahren. Die Eltern lassen

sie oft nicht mehr raus, sie

/ POLITIKA / 21


Die Gesichter hinter dem Pilot-Projekt: Dagmar

Welte und Cornelia Neuhauser von der Caritas

werden jung verheiratet oder sind stets in Begleitung von

Vater oder Bruder. Und die Erlaubnis, sexualpädagogische

Workshops besuchen zu dürfen, wird kaum erteilt.“ Für

Cornelia Neuhauser ist die Integrationsvereinbarung daher

in dieser Hinsicht eine gute Sache: dass zumindest durch

verpflichtende Werteschulungen und Deutschkurse ein

Bewusstsein geschaffen wird. Doch was die Sexualpädagogik

betrifft, reicht das natürlich nicht. Denn die Mädchen

und jungen Frauen sind genauso ahnungslos und unaufgeklärt

wie die Burschen. Wenn ihre Menstruation einsetzt,

wissen sie nicht, wie ihnen geschieht und meinen, sterben

zu müssen. In der Familie findet keine Aufklärung statt,

selbst bevor sie heiraten. Wie die jungen Männer haben

sie weder eine Ahnung vom anderen Geschlecht noch vom

eigenen. Dabei ist das Bedürfnis, mehr wissen zu wollen,

vorhanden. Die Caritas war überrascht, als eine Gruppe

geflüchteter Frauen sie bat, mehr zum Thema Sexualität

und Schwangerschaft zu erfahren.

Was bewirken also Kurse wie die Sexual-Workshops

in Vorarlberg? Faruk auf dem Sofa scheint einerseits froh,

anhand des plüschigen Vaginamodells, das mehr einem

Ikeapolster als einem Geschlechtsorgan gleicht, über die

weiblichen Funktionen aufgeklärt worden zu sein. Aber

was das Thema Selbstbefriedigung betrifft, bleibt er

beharrlich – egal was Günter Schedler und Navid sagen.

„Ich glaube ihnen nicht, dass es nicht schädlich ist.“ Er

lächelt und ich merke: Nichts zu machen. Wir verabschieden

uns. Im Aufstehen fragt der Fotograf dann noch, der

von Faruk kein Foto machen darf, wie es für den jungen

Mann hier am Bodensee im Sommer ist. Mit all den leicht

bekleideten Mädchen, jetzt vor allem auch im Bikini. Faruk

schaut ernst. „Es ist schwer. Die Verführung ist immer

da.“ ●

* Name von Redaktion geändert

SEXUALPÄDAGOGISCHE

WORKSHOPS IN ÖSTERREICH

Im März 2016 startete die Caritas Vorarlberg gemeinsam

mit dem Ehe- und Familienzentrum der Diözese

Feldkirch das Pilotprojekt der verpflichtenden sexualpädagogischen

Workshops für unbegleitete, minderjährige

Flüchtlinge. In drei Einheiten je drei Stunden

werden die Jugendlichen in den Bereichen sexuelle

Aufklärung, Gesundheit und Prävention sowie Aufklärung

über kulturelle Werte und die Gesetzeslage

in Österreich unterrichtet. Die Workshops leiten

ausgesuchte, erfahrene männliche (!) Sexualpädagogen

plus „geeignete“ Dolmetscher: d.h. in diesem

Fall jung, mit afghanischen Wurzeln und Fluchterfahrung.

Zudem klärt im Schlussteil eine weibliche

Juristin über die Gesetzeslage auf (z.B. in welchem

Alter sexueller Kontakt oder Ehe erlaubt sind) – und

gibt zusätzlich Einsicht in die weibliche Perspektive,

etwa wie es sich als Frau anfühlt „angegafft“ oder

„begrapscht“ zu werden. Derzeit befinden sich die

Initiatoren in der Evaluationsphase des Projekts. Eine

Fortführung sowie Workshops auch für Mädchen und

junge Frauen ist angedacht.

Auf Bundesebene gibt es laut Auskunft des ÖIF

(Österreichischer Integrationsfonds) keine Verpflichtung

zu sexualpädagogischen Maßnahmen bei

Geflüchteten. Allerdings gibt es in Wien seitens der

MA11 eine Auflage für Einrichtungen, in denen unbegleitete

Minderjährige über 14 Jahre leben. Sie sind

zu einem sozialpädagogischen Konzept verpflichtet,

das unter anderem auch Aspekte der Sexualpädagogik

beinhalten muss. Seit ca. 1,5 Jahren wird so ein

Konzept auch von Einrichtungen verlangt, in denen

unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge betreut werden.Die

Umsetzung wird durch die MA11 kontrolliert

und überprüft.

„SEXUELLES UNWISSEN WIRD HÄUFIG IN HYPER-

SEXUELLES VERHALTEN und Aggressivität übersetzt.

Männer, die sich souverän in ihrem Körper

bewegen und ihre Bedürfnisse kommunizieren

können, fassen Frauen viel seltener ungefragt zwischen

die Beine. Souveräne Männer können ein Nein

aushalten, ohne sich herabgesetzt zu fühlen. Wer

den eigenen Körper kennt, versteht, dass der Körper

des Anderen seine Grenzen hat. Ich bin für eindeutige

Formulierungen: Vergewaltigung und sexuelle

Belästigung werden als das benannt, was sie sind:

als Gewaltakt und Straftat. Keiner kann sagen, er

habe es nicht gewusst,“ so die Autorin eines Artikels

der Zeit („Das Problem mit dem Penis“ 2/2017), die

in einer kleinen deutschen Stadt Sexual-Workshops

für geflüchtete Männer anbietet.

22 / POLITIKA /


GASTKOMMENTAR

„An der Integration der Frau zeigt sich

oft die Einstellung ihres Mannes“

Von Franz Wolf, Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds

Felicitas Mater

Vor etwa 100 Jahren gab es in Afghanistan ein Gesetz,

das Männern und Frauen die gleichen Rechte in der Ehe

gewährte. Frauen konnten einer Arbeit nachgehen und die

Pflicht, das Kopftuch zu tragen, wurde aufgehoben. 2017

herrscht dort ein Männersystem, das Frauen kaum Raum

für Freiheit gibt. In vielen anderen muslimischen Ländern

ist Ähnliches der Fall. Und aus diesen Ländern sind in den

letzten Jahren viele Menschen nach Österreich gekommen.

Allein aus Afghanistan und Syrien haben in den letzten drei

Jahren rund 83.000 Menschen einen Asylantrag in Österreich

gestellt. Nun ist vieles für sie neu, vor allem auch die

persönliche Freiheit und die damit verbundene Eigenverantwortung.

AUF ANDEREN KONTINENT GEKOMMEN –

IM SELBEN KULTURSYSTEM GEBLIEBEN

In Österreich gibt es per Gesetz Gleichberechtigung zwischen

Mann und Frau in Beruf und Familie. Eine Vielzahl von

Angeboten, von Sprachkursen über Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten,

ebnen den Weg zu einem eigenständigen

Leben. Diese Chance wird aber oft nur zögerlich ergriffen.

Oft befinden sich Frauen, die nach Österreich gekommen

sind, in einer schwierigen Situation: Sie sind in ein anderes

Land, sogar auf einen anderen Kontinent gekommen, aber

dabei im alten Kultursystem geblieben. Sie können dieses

oft nur schwer verlassen und ihr Potenzial in Österreich

nur zögerlich ausschöpfen. Das zeigt sich auch auf dem

Arbeitsmarkt: Syrerinnen und Afghaninnen waren 2016

mit 84% bzw. 56% besonders häufig arbeitslos. Natürlich

ist es auch eine Frage der Zeit. Aber selbst bei Frauen

mit türkischem Migrationshintergrund, die also oft schon

selbst in Österreich geboren sind, verfügen 7 von 10 nur

über einen Pflichtschulabschluss als höchste Bildungsstufe,

ihre Erwerbstätigenquote liegt nur knapp über 40%. Diese

Frauen müssen stärker ermutigt und unterstützt werden, ihre

eigenen Wege in Österreich zu gehen. Aber wie stehen dazu

die Familie und das eigene Umfeld?

FRAUEN HABEN MEHR ZU VERLIEREN ALS MÄNNER

Selbstverständlich gibt es Männer, die ihre Frauen und

Töchter bei der Integration in Österreich unterstützen, sie

zu Sprachkursen, Ausbildungen und zur Berufstätigkeit

ermutigen. Doch es gibt auch jene Männer, die verhindern,

dass Frauen eigenständig sind – und damit unabhängig.

Sie wollen an Traditionen, Religion und Kultur und an einem

Helden- und Versorgermythos festhalten, die in einer modernen

Gesellschaft so nicht haltbar sind. An der Integration

der Frau zeigt sich oft die Einstellung ihres Mannes. Werte

und Regeln des Zusammenlebens, etwa die Gleichberechtigung

von Mann und Frau, sind der Kern der Werte- und

Orientierungskurse des ÖIF. Frauen und ihren Männern ist

das gleichermaßen zu vermitteln. In Vertiefungskursen mit

frauenspezifischen Schwerpunkten und Programmen wie

„Mentoring für MigrantInnen“ werden Frauen zu ihren konkreten

Bildungschancen informiert und bei der Teilnahme auf

dem Arbeitsmarkt unterstützt.

Wer nicht erkennen will, unter welchen Bedingungen

viele Frauen in Österreich leben, wie es um ihre Bildung und

Beschäftigung steht, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit.

Zunehmend setzen sich wieder starke Frauen für dieses

Thema ein. Es sind noch zu wenige und sie brauchen mehr

Unterstützung. Manche von ihnen sind lebensbedrohlichen

Anfeindungen von patriarchalen Strukturen ausgesetzt. Man

darf nicht vergessen, dass Frauen beim Thema Integration

mehr zu verlieren haben als Männer. Wir müssen sie dabei

unterstützen, sich aus unverschuldeter Unmündigkeit zu

lösen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen

und ihre Chancen zu nutzen. ●

/ POLITIKA / 23


„Wie eine Allergie“

Aus Henrik* wurde Hannah*: Warum

eine Direktorin ein Transgender-Kind

nicht an ihrer Schule haben wollte.

Von Alexandra Stanić (Text und Fotos)

24 / POLITIKA /


Hannah * ist ein fröhliches und offenes Kind.

Sie hat wachsame, neugierige Augen und

hört aufmerksam zu. Ihr langes blondes Haar

reicht ihr fast bis zur Hüfte. Hannah hat einen

großen Freundeskreis, klettert gerne, liebt

Biologie und ihren Hund Luna. Die Zehnjährige mag es, sich

zu verkleiden und zu singen. Mit sechs Jahren stellt sie ein

Theaterstück mit gleichaltrigen Kindern ohne die Hilfe von

LehrerInnen auf die Beine und führt es in der Schule auf.

„Wenn Hannah nicht zu Hause ist, ist es bei uns ruhig wie

im Kloster“, sagt Andrea * über ihre Tochter. Hannah wächst

behütet mit ihren Geschwistern auf und begeistert sich

schnell für Dinge – wie das in diesem Alter oft der Fall ist. Sie

unterscheidet sich kaum von anderen Mädchen. Es gibt nur

einen Unterschied: Hannah wurde als Bub geboren.

Im Herbst 2016 bewirbt sie sich für die Montessori

Schule „MOKIWE“ in Brunn am Gebirge in Niederösterreich.

Nachdem ihr Stiefvater Peter * einen Hospitationstag absolviert

hat, darf Hannah im Dezember einen Vormittag lang

schnuppern. Sie mag die Schule, weil die Lernumgebung

ruhig und entspannt ist. Sie versteht sich auf Anhieb mit

den LehrerInnen, die Schule ist zu Fuß erreichbar und den

großen Garten mag sie besonders – Hannah verbringt ihre

Freizeit am liebsten draußen. Umso größer ist ihre Freude,

als sie die Zusage für die alternative Schule bekommt. Auch

die Direktorin und die LehrerInnen sind sehr zufrieden mit

Hannah und glauben, dass sie gut in die Schule passen wird

– nicht umsonst geben sie ihr einen der wenigen Plätze in

der Privatschule.

OFFIZIELL EIN MÄDCHEN

2012 wurde die Lehreinrichtung im Bezirk Mödling eröffnet,

sechs bis 15-Jährige werden dort unterrichtet. Das Ziel der

alternativen Schulform ist es, auf die individuellen Bedürfnisse

des Kindes einzugehen. Ein eigener Lernrhythmus

soll gefunden werden, PädagogInnen treten dabei in den

Hintergrund und unterstützen SchülerInnen bei der Selbstständigkeit.

„Wir fanden das Konzept gut für Hannah“, so

ihre Mutter, die von Beruf Psychologin und Sonder- und

Heilpädagogin ist. „Zudem haben wir uns speziell von einer

Montessori-Schule Weltoffenheit erhofft.“

Weltoffenheit für ihr Kind, das transgender ist. Hannah

wurde bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen,

sie identifiziert sich jedoch als Mädchen. Sie trägt Röcke und

Kleider, hat hüftlange Haare und einen weiblichen Namen.

„Sie ist auch auf dem Papier ein Mädchen, wir haben eine

Personenstandsänderung vollzogen“, erklärt Andrea. Den

Personenstand muss man ändern, um offiziell im gelebten

Geschlecht anerkannt zu werden. Dazu

braucht es das Statement einer transkundigen

Fachperson aus Psychotherapie,

klinischer Psychologie oder Psychiatrie. Bei

Kindern müssen zudem die leiblichen Eltern

zustimmen. Mit diesem Gutachten kann man

„Wenn Hannah nicht

zu Hause ist, ist es

bei uns ruhig wie

im Kloster.“

Hannah ist ein aufgewecktes Kind, das am

liebsten draußen in der Natur ist.

beim Standesamt (in Wien die MA26, in den Bundesländern

die Bezirkshauptmannschaft) die Personenstands- und Vornamensänderung

einreichen. Seit 2014 verläuft diese Prozedur

in allen Bundesländern gleich. Geburtsurkunde, E-Card,

Personalausweis: Hannah ist auch rechtlich ein Mädchen.

Als sie vier Jahre alt ist, bemerkt ihre Mutter schon,

dass sie sich eher für „Mädchensachen“ interessiert. Es

begann mit Hello Kitty-Socken. Dann wünscht sich Hannah,

damals noch Henrik * , ein Kleid. Andrea schränkt sie bei ihrer

Entwicklung nicht ein, Hannah stößt nie auf Gegenwehr. Bald

darauf malt sie sich als Prinzessin, spielt lieber mit Mädchen

als mit Burschen, verkleidet sich und behängt sich mit

Schmuck. Sie experimentiert immer öfters mit weiblichen

Namen und trägt nur noch Kleidung für Mädchen. Jahre

vergehen. „Wenn ich mit Hannah auf dem Spielplatz war und

dann nach Henrik gerufen habe, wurde ich von allen Müttern

neugierig angesehen“, erinnert sich Andrea. „Mit der Zeit

haben wir dann eine Namensänderung in Betracht gezogen,

weil wir das für sinnvoll hielten.“ Hannah durfte mitentscheiden,

wie sie heißen sollte. Ob bei den Pfadfindern, beim Reiten

oder in ihrer alten Schule: Nie wurde sie aufgrund ihrer

Transidentität mit Problemen konfrontiert.

Deswegen rechnet auch niemand mit dem,

was als Nächstes folgen wird.

Die Zehnjährige plant, was sie in ihre

neue Schule anziehen wird, freut sich

besonders auf Biologie und auf die Aus-

/ POLITIKA / 25


„WIE EINE ALLERGIE“

Das Gespräch dauert gerade einmal fünf

Minuten, so Andreas Einschätzung. „Die

Direktorin hat uns gesagt, dass sie über

Hannah nachgedacht und sich entschieden

hat, den Vertrag von ihrer Seite zu kündigen“,

gibt die 40-Jährige das Gespräch wider. Der

Lehrer, dem sie sich an dem Elternnachmittag

anvertraut haben, ist ebenfalls anwesend. „Ihm war die

Situation sichtlich unangenehm“, so Andrea. Mehr Zeit zum

Reden möchte sich die Direktorin nicht nehmen. Das Thema

sei für sie abgeschlossen. Der am 12. Jänner unterschriebene

Vertrag wird mit Ende Mai gekündigt. Eine schriftliche

Kündigung erhalten sie anfangs nicht – bis zu meinem Telefonat

mit der Direktorin am 22. Juni.

Als ich in der Schule anrufe, stellt die Direktorin lediglich

klar, dass sie die „Unehrlichkeit der Eltern“ nicht toleriere.

Ein dreiviertel Jahr sei Hannahs „Besonderheit“ verschwiegen

worden, dabei hätte man ihr rechtzeitig Bescheid geben

müssen. Auf die Frage, warum Hannahs Geschlechtsidentität

so wichtig sei, antwortete sie mir, dass man darüber informiert

werden müsse, das sei „wie eine Allergie.“ Daraufhin

beendete sie aufgebracht das Telefonat. Auf Nachfrage im

Bildungsministerium wird schnell klar, dass die Argumentation

der Schulleitung keinerlei rechtliche Basis hat. Es ist nicht

verpflichtend, das Transgender-Sein anzugeben – weder bei

öffentlichen noch privaten Schulen.

Hannah lebt seit sechs Jahren als Mädchen.

wahl der Mathebücher. „Sie war sehr stolz auf sich, weil

sie wusste, dass nur wenige Kinder aufgenommen werden“,

so Andrea. Alles scheint nach Plan zu verlaufen. Im

Jänner 2017 wird der Schulvertrag unterzeichnet, die 500

Euro Aufnahmegebühr bezahlt. Ende März werden Andrea

und ihr Lebensgefährte Peter zu einem Elterninformationsnachmittag

eingeladen. „Am Ende haben wir einem Lehrer

mitgeteilt, dass Hannah als Bub geboren wurde“, erinnert

sich die 40-Jährige. „Der Lehrer hat sich für unsere Offenheit

bedankt und betont, dass das nichts ändert, und dass

er sich über eine bunte Gruppe freut.“ Etwa zwei Wochen

später wurden die Eltern wieder zu einem Gespräch gebeten,

an dem die Direktorin und eine andere Lehrerin teilnahmen.

„Die Lehrerin wollte sich nur vergewissern, ob irgendetwas

zu beachten ist“, erinnert sich Andrea. „Nachdem das nicht

der Fall ist, weil Hannah seit vielen Jahren ohne Probleme als

Mädchen lebt, war sie beruhigt.“ Hier könnte die Geschichte

von Hannahs Schulantritt eigentlich aufhören. Aber Andrea

und Peter wurden ein weiteres Mal in die Schule bestellt.

„Zudem haben wir

uns speziell von

einer Montessori-

Schule Weltoffenheit

erhofft.“

LANDESSCHULRAT HAT KEIN

WEISUNGSRECHT

Ähnlich wie die Direktorin ist auch der Landesschulrat in

Niederösterreich kurz angebunden. Man hätte keinerlei

Einfluss auf die Entscheidung der Schulleitung, selbst wenn

der Kündigungsgrund ein diskriminierender gewesen ist,

da es sich um einen privatrechtlichen Vertrag handelt. Das

Bildungsministerium bestätigt das: Der Landesschulrat sei

für öffentliche Schulen zuständig, kann damit rein juristisch

betrachtet Privatschulen oder Statutschulen wie es Montessori-Schulen

sind, keine Weisung erteilen. Statutschulen sind

Privatschulen, die keiner öffentlichen Schulart entsprechen.

Ob eine Montessori-Schule den Vertrag mit einem Kind

auflösen kann, weil es transgender ist, kann auf Nachfrage

im Bildungsministerium nicht beantwortet werden. Es handle

sich dabei um eine rein privatrechtliche Angelegenheit.

Grundsätzlich gilt bei Privatschulen: Die Auswahl der

SchülerInnen nach dem Bekenntnis und nach der Sprache

sowie die Geschlechtertrennung sind zulässig. Das bedeutet,

dass Kinder, die zum Beispiel muslimisch sind oder wie Hannah

transgender, aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder

ihrer Geschlechtsidentität von privaten Schulen ausgeschlossen

werden können.

Noch am selben Abend meines Telefonats mit der Direktorin

erhalten Hannahs Eltern eine E-Mail mit der Kündigung

und der Information, dass die Aufnahmegebühr rückerstattet

wird. Die schriftliche Begründung der Vertragsauflösung ist

ähnlich wie die mündliche: Viel zu spät sei die Schule über

Hannahs „Besonderheit“ in Kenntnis gesetzt worden. Zudem

wäre es von der Direktion als zielführend

erachtet worden, „das Thema mit den

Kindern unter Beiziehung von Fachleuten

ausführlich zu besprechen und zu erklären.“

Das Verschweigen der Thematik gegenüber

den MitschülerInnen bzw. eine unprofessionelle

Beschäftigung mit diesem Thema

werde von der Schulleitung gerade bei

26 / POLITIKA /


Die Zehnjährige ist nie auf Gegenwehr gestoßen und konnte sich frei entwickeln.

Kindern dieses Alters als fahrlässig erachtet, so steht es im

Schreiben.

Hannah und ihre Eltern gehen sehr offen mit ihrer Trans-

Identität um. Freunde, Familie und Bekannte wissen, dass sie

als Bub geboren wurde. Ein behutsamer Umgang mit diesem

Thema und das Gespräch mit Fachpersonen wäre ab Herbst,

also mit Beginn von Hannahs Schulbesuch möglich gewesen,

wurde von der Direktion aber nicht in Betracht gezogen.

Warum nicht?

„DIE SIND ABER KOMISCH“

Hannahs soziales Umfeld hat kein Problem mit ihrer Trans-

Identität. Selbst ihre Großeltern, die oft eher konservativ

sind, freunden sich schnell mit dem Gedanken an, statt eines

Enkels eine Enkelin zu haben. Auch bei Gleichaltrigen sei das

kaum ein Thema, erzählt ihre Mutter Andrea. „Kinder haben

mit dem immer am wenigsten ein Problem“, fasst es Sexualtherapeut

und Gründer der Beratungsstelle Courage Johann

Wahala zusammen. „Alles, was ein menschliches Phänomen

ist, ist Kindern zumutbar“, so Wahala. „Über Transidentitäten

in der Schule zu sprechen ist eine Erweiterung ihres Wissens

und ihrer Wahrnehmung der Lebensrealität.“

Jetzt gerade sind Sommerferien. Mit ihrer Wunschschule

hat es für Hannah nicht geklappt, traurig ist die Zehnjährige

deswegen aber nicht. Als sie erfahren hat, warum ihr Vertrag

gekündigt wurde, reagierte sie folgendermaßen: „Die sind

aber komisch. Dann will ich aber eh nicht in so eine Schule

gehen.“ Damit zeigt sie mehr Reife, als so manch ein

Erwachsener. ●

*Namen von der Redaktion geändert

Das sagt der Experte:

„WELCHE BOTSCHAFT IST DAS

AN DAS KIND?“

Wir haben bei Sexualtherapeut, Pädagogen und Gründer der

Beratungsstelle Courage Johann Wahala nachgefragt, was er

zu Hannahs Vertragsauflösung sagt. „Im besten Fall hätte die

Direktorin das Kind willkommen geheißen und Hilfe von außen

geholt, wenn der Schule die Erfahrung fehlt, weil sie noch nie

ein Transgender-Kind hatten“, so Wahala. „Man hätte mit Klasse

und Schule darüber reden können, dass es unterschiedliche

Geschlechtsidentitäten gibt.“ Mit Unterstützung von SexualpädagogInnen

hätte man sexuelle Bildung weitergeben können.

Ein offener Umgang sei das Beste für das Kind. Die Frage, die

sich bei der Vertragsauflösung stellt, so Wahala, ist: „Welche

Botschaft ist das an das Kind? ‚So wie du bist, bist du nicht ok

und deswegen nehmen wir dich nicht auf!’“ Anders könne das

ein Kind gar nicht erleben. Das „Unehrlichkeits“-Argument der

Direktorin könne man zudem nicht ernst nehmen. „Man gibt

den Eltern einfach im Nachhinein den pädagogischen Fehler.“

Es ändere nichts, ob bzw. wann die Mutter es angegeben

habe. „Ein Kind nicht aufzunehmen, weil es transgender ist,

ist gegen jegliche Kinderrechtskonvention“, so Wahala. „Es ist

pädagogische Gewalt gegen das Kind und die Familie.“ Der

Psychotherapeut stellt klar: „Es gibt in unserer Gesellschaft

unterschiedliche geschlechtliche Identitäten und wenn das

eine Schule nicht akzeptiert, dann gehört ihr die Schulgenehmigung

mit sofortiger Wirkung entzogen.“ Dass der Landesschulrat

kein Weisungsrecht hat, kommentiert er mit der

Frage: „Ja, aber wer gibt der Schule denn das Schulrecht?!“

/ POLITIKA / 27


„Keine Basis

mit der FPÖ“

Etwas mehr als zwei Prozent der Schüler

in Wien sind Flüchtlingskinder – diese

sind aber höchst ungleich verteilt. SPÖ-

Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky

über ein unfaires Schulsystem und seine

„0,0 Prozent“ Gemeinsamkeit mit der FPÖ.

Von Simon Kravagna, Foto: Marko Mestrović

BIBER: Herr Czernohorszky, wie viele

Schulen haben Sie denn schon so

besucht?

JÜRGEN CZERNOHORSZKY: Ich glaube

es waren so 83 Schulen.

Ihre Lieblingsschule bisher?

Selbst wenn ich eine hätte, würde ich es

nicht sagen. Es gibt wirklich viele tolle

Schulen.

Gut, aber welche Schule hat Ihnen in

letzter Zeit besonders gut gefallen?

Die Volksschule Kindermanngasse im

17. Bezirk zum Beispiel. Oft merkt man

schon, wenn man in eine Schule rein

geht, ob dort mit Freude gelernt wird

oder nicht.

Und welche Schule war besonders

schlecht?

Es gibt Schulen, wo bei den Kindern

anfangs große Sprachdefizite vorhanden

sind oder viele die Schere oder den Stift

noch nicht halten können. Gerade dort

sind aber oft besonders tolle Lehrer-

Teams im Einsatz, die eben Unterstützung

brauchen. Ab Herbst helfen zum

Beispiel 14 neue SchulpsychologInnen

mit.

Viele Politiker haben ihre Kinder in einer

Privatschule. Wie ist das bei Ihnen?

Meine beiden Töchter gehen in öffentliche

Schulen direkt in unserem Wohnumfeld.

2,3 Prozent der Wiener Schüler sind

Flüchtlingskinder. Ein Problem?

Die Flüchtlingskinder für sich genommen

sind kein besonderes Problem. Die

Herausforderungen sind in jenen Schulen

groß, in denen insgesamt bereits sehr

viele Kinder eine besondere Betreuung

brauchen. Viele davon sind Neue Mittelschulen.

Ist das fair?

Das ganze Schulsystem in Österreich ist

nicht fair, weil Kinder mit 10 Jahren in

verschiedene Modelle gedrängt werden.

Wir können keine AHS zwingen, ein

Flüchtlingskind zu nehmen. Die können

immer sagen, dass ein Kind nicht ‚gut’

genug ist. Es gibt aber auch Gymnasien

in Wien - wie die AHS Anton Krieger

Gasse - die sich wirklich sehr um Flüchtlingskinder

bemühen.

Im Herbst wird gewählt und Kanzler Kern

signalisiert mit einem „Kriterienkatalog“,

SCHULTYP SCHÜLER INSGESAMT FLÜCHTLINGE IN %

Volksschule 74179 2639 3,56%

Neue Mittelschule 31955 1523 4,77%

Polytechnische Schule 2512 122 4,86%

Sonderschule 4352 69 1,59%

Berufsschule 20396 45 0,22%

AHS 62787 515 0,82%

BMHS 27316 173 0,63%

SUMME 223497 5086 2,28%

Quelle: Stadtschulrat Schuljahr 2016/2017, Kalkulation Jakob Kukla

dass auch eine Koalition mit der FPÖ

möglich ist.

Der Kriterienkatalog ist in Ordnung. Nur

nach außen wird das jetzt leider oft als

inhaltliche Öffnung der SPÖ in Richtung

FPÖ verstanden. Es gibt aber keine Basis

mit der FPÖ und ich sehe es auch als

wichtige Aufgabe, noch klarer zu sagen,

was uns trennt.

Wie viel Prozent an inhaltlicher Überschneidung

mit der FPÖ gibt es?

Ich möchte dies am Beispiel des Integrationsbereichs

in Wien beantworten. Egal,

was wir beschlossen haben, die FPÖ hat

im Gemeinderat „Nein“ dazu gesagt. Die

Zustimmung der FPÖ zu unserer Politik

war bisher konkret 0,0 Prozent. Die

FPÖ möchte erst Integration verhindern,

um später zu sagen, sie funktioniert

nicht. Das ist ein Politikzugang, der eine

Zusammenarbeit nicht möglich erscheinen

lässt. ●

28 / POLITIKA /


ENTGELTLICHE SCHALTUNG DES BMF

STEUERGUTSCHRIFT

KOMMT AUTOMATISCH

ANTRAGSLOSE ARBEITNEHMERVERANLAGUNG: WIE UND WANN DU

AUTOMATISCH GELD ZURÜCKBEKOMMST, ERFÄHRST DU HIER.

BMF/Colourbox

Jeder, der in Österreich

angestellt ist und über

einer bestimmten Einkommensgrenze

liegt, zahlt für

gewöhnlich Lohnsteuer. Wenn man

nun aber nicht ein ganzes Jahr gearbeitet

oder Job gewechselt hat, kann

es vorkommen, dass man im Laufe

des Jahres zu viel Lohnsteuer bezahlt

hat. Daher ist es ratsam, eine Arbeitnehmerveranlagung

zu machen.

Dank einem neuen Service des

Finanzministeriums kommt die Gutschrift

unter bestimmten Voraussetzungen

von alleine.

Wann bekomme ich die

automatische Gutschrift?

Diese Voraussetzungen sind notwendig,

um zu viel einbehaltene

Lohnsteuer automatisch ohne Antrag

zurück zu erhalten:

Du hast bis Ende Juni 2017 keine

Arbeitnehmerveranlagung für 2016

beantragt.

Du hast 2016 nur lohnsteuerpflichtige

Einkünfte bezogen.

Du hast 2015 und 2016 weder

Werbungskosten noch Sonderausgaben,

außergewöhnliche

Belastungen oder etwa den Alleinverdiener-

oder Alleinerzieherabsetzbetrag

geltend gemacht.

Gute Nachrichten vom Finanzamt

Alle, die für die automatische Gutschrift

in Frage kommen, erhalten in

der zweiten Jahreshälfte des heurigen

Jahres einen Info-Brief. Das Finanzamt

bittet dich darin, deine Kontodaten

bekannt zu geben oder zu überprüfen

und mögliche Änderungen zu melden.

Stimmen die Kontodaten, musst du

nichts weiter tun. Du bekommst einen

Bescheid und die Steuergutschrift wird

auf dein Konto überwiesen.

Weitere Infos zur antragslosen Arbeitnehmerveranlagung

auf:

www.bmf.gv.at/aanv

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MEINUNG

Ösi statt Parallelgesellschaft

Von Ahmad Massoud Omar

Setzt euch ruhig neben mich!

Von Ammar Alabd Alhamid

„Die wollen sich nicht integrieren! Die leben in einer Parallelgesellschaft!“,

das hör ich schon an jeder Ecke, egal ob ich in der

Schlange beim McDonald’s stehe oder mir einen Frappuccino

beim Starbucks hole. Vorurteile sind üblich und halten sich hartnäckig.

Problematisch wird’s, wenn dieses Schubladendenken in

jeder Situation dominiert. Klar, Sündenböcke gibt’s immer, doch

diese besonderen Einzelfälle dürfen die Gesellschaft nicht in

ihrer Wahrnehmung beeinflussen. Schaut her, ich bin das Vorzeigebeispiel

eines integrierten bemühten Flüchtlings.

Meine Integration beginnt im steiermärkischen Hartberg. Dort

engagierte ich mich ehrenamtlich und wartete auf meinen

Asylbescheid. Ich war als Dolmetscher in diversen Institutionen

tätig. Nebenbei lernte ich in einem Gymnasium Deutsch und

übersetzte dort für SchülerInnen, die so wie ich Flüchtlinge sind.

Das hilft mir viel mehr, als wenn ich nur von einem Deutschkurs

zum anderen sprinten würde. Nicht falsch verstehen, „learning

by doing“ ist mindestens so wichtig wie beim Deutschkurs zu

sitzen, allerdings – wie ich finde – eine Spur effizienter. In meiner

Freizeit spiele ich mit meinen österreichischen Freunden Schach

und Volleyball. Afghanische Bekannte sucht man vergeblich in

meiner Facebook-Freundesliste. Meine Integration ist mir wichtiger

als alles andere.

Nachdem mein Bachelorabschluss in Journalismus aus meiner

alten Heimat Afghanistan anerkannt wurde, beschloss ich an

der Uni Wien den Master zu machen. Mit einem lachenden und

weinenden Auge nahm ich Abschied von meinen Freunden aus

Hartberg. An Wien bewundere ich, dass so viele unterschiedliche

Kulturen nebeneinander leben, die nur im Miteinander

etwas voneinander lernen können – so wie ich von meinen

österreichischen Freunden und umgekehrt. Ihnen habe ich es zu

verdanken, dass ich die Strophen von „I am from Austria“ kenne.

Der Preiselbeermarmelade beim Schnitzel gab ich auch eine

Chance. Nur so gelingt Integration, ohne Vorurteile dem Anderen

gegenüber. Heute sehe ich mich als waschechten Ösi und die

chronisch grantigen Gesichter mancher U-Bahn-NutzerInnen

sind mir mittlerweile schon „blunzn“ (völlig egal).

Ahmad ist 32, aus Kabul, ist studierter Journalist und ergatterte

ein Arbeitstraining beim ÖIF. Nächstes Ziel: Bücher zum Thema

Zusammenleben & Integration in Europa schreiben.

Es ist ein leidiges Spiel mit den Sitzplätzen in den Wiener Öffis:

Entweder man überlegt sich schon beim Einsteigen, ob es

wirklich notwendig ist, sich für zwei Stationen wie eine Sardine

zwischen die anderen Fahrgäste zu drängen, oder man kommt

sich vor, als hätte man den menschenleeren Bus während einer

Probefahrt erwischt.

Eine Situation gibt es aber, die ich ganz und gar nicht verstehe.

Nicht selten passiert es mir, dass ich auf einem Zweier- oder

Viererplatz sitze, bei dem noch mindestens ein anderer Sitzplatz

frei ist. Wenn dann Leute in den vollbesetzten Bus einsteigen

und lieber stehen und Kurve für Kurve darauf aufpassen müssen,

dass sie ihren Soja-Latte von Starbucks nicht auf dem Boden

verteilen, anstatt sich einfach neben mich zu setzen, finde ich

das lächerlich.

Aber das war nicht immer so. Anfangs war ich noch sehr traurig

darüber. Ich habe oft gesehen, dass Leute neben mir Hunde

gestreichelt haben, weil die ja ach so süß waren, aber die Augen

verdrehten, als ich Ihnen einen Sitzplatz neben mir angeboten

habe. In Kombination mit meinen Startschwierigkeiten, wie der

schwierigen deutschen Sprache oder dem Fehlen jeglicher sozialer

Kontakte, habe ich öfters darüber nachgedacht, Österreich

wieder zu verlassen.

Zum Glück habe ich in meiner neuen Heimat aber auch sehr

viele positive Erlebnisse machen können. Deshalb bin ich irgendwann

darüber hinweggekommen, dass sich einige einfach zu gut

sind, um sich auf neue Menschen einzulassen. Das Ganze hat ja

auch Vorteile: Ich habe so immer genügend Platz und kann es

mir in den Öffis gemütlich machen. Versteht mich nicht falsch:

Natürlich würde ich mich weiterhin freuen, wenn sich die Wienerinnen

und Wiener neben mich setzen, ohne die Stirn zu runzeln.

Aber dazu zwingen kann ich sie schließlich nicht.

Also, ihr lieben Mitmenschen: Setzt euch doch ruhig mal her, ich

beiße nicht! Und bis es soweit ist, finde ich es weiterhin chillig,

mich so ausbreiten zu können.

Ammar ist 35, kommt aus Damaskus und hat dort

Medienwissenschaften studiert und in der Filmproduktion

gearbeitet. Seit 2014 ist er in Österreich und möchte auch hier

gerne wieder in der Filmproduktion oder im Fernsehen arbeiten.

Marko Mestrović

30 / MIT SCHARF /


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/ MIT SCHARF / 31


GASTKOMMENTAR

„Zurück wohin?“

Warum die EU lieber die Entwicklungshilfe erhöht und Investitionen

in Afrika fördert, als Panzer zu schicken: Der frühere Journalist und

heutige EU-Vertreter Jörg Wojahn über die Flüchtlingskrise.

Es ist Wahlkampf. Und wie schon bei so vielen

österreichischen Wahlkämpfen zuvor, setzen Politiker

auf Ausgrenzung. Die aktuellen Variationen

des Themas „die Ausländer!“ heißen „Flüchtlingsströme“

und „Dumpinglöhner aus dem Osten“.

In beiden Fällen zeigen alle Finger auf die EU. Die

solle dies oder jenes tun. Am besten auch das,

was hierzulande verabsäumt wurde.

Die gute Nachricht ist: Die EU tut tatsächlich

was. Sie sendet vielleicht keine Panzer an den

Brenner. Sie kümmert sich aber darum, dass

Menschen sich erst gar nicht auf den gefährlichen

Weg durch die Sahara und über das Meer

machen. Schon südlich von Libyen sorgen wir in

Auffanglagern für die Menschen und helfen vielen

von ihnen, in ihre Heimat zurückzukehren. In Libyen

unterstützen wir die Küstenwache, um Männer,

Frauen und Kinder von seeuntauglichen Booten

zu holen und sicher zurück ans Ufer zu bringen.

In Europa selbst helfen wir dabei festzustellen,

wer ein Recht auf Schutz hat. Damit nicht nur die

Länder an den Außengrenzen die Last tragen,

fordert die EU auch Solidarität von den Staaten

ein, die nicht direkt betroffen sind. Diejenigen

Menschen, die kein Bleiberecht haben, bringen

die nationalen Behörden mit EU-Unterstützung

zurück.

Zurück wohin? Anders als manche Regierungen,

die sich später über die Flüchtlingsströme

wunderten, hat die EU die Entwicklungshilfe

nie zurückgefahren. Im Gegenteil, wir bauen sie

weiter aus und richten sie noch mehr darauf aus,

Menschen das Bleiben in ihrer Heimat zu erleichtern.

Dazu gehört auch, mehr private Investoren

nach Afrika zu bringen, denn Arbeitsplätze lassen

sich nicht allein mit staatlichen Mitteln schaffen.

GLEICHER LOHN FÜR GLEICHE ARBEIT

Auch in Österreich selbst entstehen derzeit

wieder viel mehr Arbeitsplätze. Der Aufschwung

kommt damit hoffentlich den Flüchtlingen zugute,

die wir hier integrieren wollen. Er kommt aber

auch allen anderen zugute. Das Land profitiert

damit einmal mehr von der EU-Mitgliedschaft.

Dennoch versuchen manche, Neid gegen

andere EU-Bürger zu schüren, die vorübergehend

hierzulande arbeiten. Wenn aber Österreich seit

Jahrzehnten die Freiheiten einer grenzenlosen

EU erfolgreich nutzt, darf es dann nicht Grenzen

hochziehen, wenn auch andere diese nutzen

möchten.

Das darf natürlich nicht bedeuten, dass sie

das ausnutzen. Daher kämpfen wir als EU für das

Prinzip «gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen

Ort». Denn auf einer österreichischen Baustelle

sollen gleiche Bedingungen für alle Arbeiter

gelten, nicht Lohndumping. Auch hier kann nur

Europa dafür sorgen, dass alle Regierungen das

verstehen und durchsetzen. Genau wie in der

Flüchtlingskrise gilt: Nur durch Solidarität kommen

wir voran!

Jörg Wojahn ist Vertreter der Europäischen

Kommission in Österreich.

bereitgestellt

32 / POLITIKA /


RAMBAZAMBA

„Life Goals“

Foto von Kay von Aspern


6

UNTERSCHIEDE

ZWISCHEN SYRISCHEN UND

ÖSTERREICHISCHEN BEZIEHUNGEN

TAYER BENSHI, 32, hat in Damaskus sechs Jahre lang als Radiomoderator

und Programmmanager bei einem großen syrischen

Sender gearbeitet. Er hat Anglistik studiert und spricht dementsprechend

perfekt Englisch (und jetzt natürlich auch Deutsch).

34 / RAMBAZAMBA /


Vor ungefähr zwei Jahren bin ich nach

Österreich gekommen und habe viele

Dinge festgestellt, die mir neu waren.

Aber erst als meine Freunde, Bekannte

und ich begonnen haben österreichische Frauen

kennenzulernen, wurde mir klar, wie unterschiedlich

das Liebesleben in Syrien und hier abläuft.

Von Tayer Benshi und Jelena Pantić, Foto: Marko Mestrović

1

LIEBE IST

FAMILY BUSINESS

In österreichischen Beziehungen haben

zwei Personen Entscheidungsrecht: die

beiden, die zusammen sind. Sonst sollte

sich eigentlich niemand einmischen. Bei

syrischen Familien ist das ganz anders,

denn “Liebesgeschichten und Heiratssachen”

sind Familienangelegenheiten.

Deshalb halten viele syrische Paare

ihre Beziehung geheim, bis sie wissen,

dass es etwas Ernstes wird. Doch auch

nachdem das Paar sich füreinander

entschieden hat, geht der richtige

Entscheidungsprozess erst los. Denn

jetzt wird abgewogen, ob der Partner

für Sohn oder Tochter die richtige Partie

ist. Da muss man durch, denn ohne den

Segen des Familienrates, keine Ehe.

2

NIEMAND WOHNT

ZUSAMMEN

Während es für österreichische Paare

ganz normal ist, nach einer gewissen

Zeit zusammen zu ziehen, ist das in

Syrien überhaupt kein Thema. So etwas

wie “in wilder Ehe leben” ist überhaupt

nicht üblich. Zusammengezogen wird

dort nach der Hochzeit. Punkt.

3

KONSTANTER

KONTAKT

Bei einer syrischen Frau musst du dich

mindestens fünf Mal am Tag melden,

sonst glaubt sie, du bist nicht an ihr

interessiert. Ich habe einmal eine Ex-

Freundin nur zwei Mal an einem Tag

angerufen und sie wollte gleich mit

mir Schluss machen. Ich war entsetzt,

aber sie war felsenfest überzeugt: „Du

nimmst das nicht ernst genug!” Bei

österreichischen Frauen habe ich diese

Erfahrung gar nicht gemacht, ganz im

Gegenteil. Die haben ihr eigenes Programm

und wollen eigentlich ihre Ruhe.

4

EIFERSUCHT GEHÖRT

EINFACH DAZU

Wie das ständige Melden gilt auch

Eifersucht als eine Geste der Zuneigung

in syrischen Beziehungen. Es ist

ganz normal, dass der/die Partner/in

sich beim Treffen dein Handy schnappt

und WhatsApp und Facebook durchforstet,

um zu schauen, mit wem du

geschrieben hast. Viele syrische Männer

speichern ihre “Schreibfreundinnen”

deshalb unter männlichen Namen in den

Kontakten ein. Aber Achtung: Diesen

Trick kennen die Frauen schon und

rufen an.

5

NIX MIT

LOCKER FLOCKIG

In Syrien ist es normal jemanden in der

Öffentlichkeit anzusprechen, an der

Busstation, im Café oder im Einkaufszentrum.

In Österreich wird das als

bisschen komisch angesehen, wenn

fremde Menschen versuchen einander

in der Öffentlichkeit kennenzulernen.

Deshalb benutzen hier viele Flirting

Apps wie Tinder, um unter neue Leute

zu gelangen. Meine Freunde erzählen

mir, dass die meisten Frauen, die sie

so kennenlernen nur Spaß und nichts

Ernstes wollen. Höchstens Freundschaft

plus. Natürlich gibt es auch viele österreichische

Frauen, die etwas Ernstes

suchen. Aber es ist schwierig sie zu

überzeugen, denn sie denken viel an

ihre Zukunft und wollen einen Mann, der

ihnen etwas bieten kann. Die Kriterien

für etwas Ernstes sind: guter Job, eigene

Wohnung, gleiche Hobbys etc. Sie

sind einfach sehr vorsichtig und haben

Angst vor dem Ungewissen. In Syrien

ist das anders: Wenn syrischen Frauen

ein Mann gefällt, geben sie ihm mehr

Chancen, sich zu beweisen. Auch über

das Materielle hinaus. Es muss nicht

alles passen. Sie mögen abenteuerliche

Liebe. One Night Stands oder “Spaß-

Beziehungen” sind dennoch selten.

6

JUNGFRÄULICHKEIT

Während das für österreichische

Männer und Frauen kein großes Thema

ist, ist es in Syrien umso wichtiger. Vor

allem Frauen bemühen sich stark, ihre

Jungfräulichkeit vor der Ehe zu behalten.

Das hat übrigens nicht nur mit dem

muslimischen Glauben zu tun, sondern

ist eine kulturelle Sache. Auch Christinnen

achten darauf.

/ RAMBAZAMBA / 35


S UGAR

MAMAS

UND IHRE FLÜCHTLINGE

Für diese Geschichte

wurden alle Fotos

nachgestellt.

36 / RAMBAZAMBA /


Sie wollen Sex mit ihnen

- im Gegenzug gibt es

Geld und Geschenke.

Ältere Frauen und

junge gut aussehende

Flüchtlinge – ein

Abhängigkeits verhältnis.

Von Melisa Erkurt und Bilal Albeirouti

Fotos: Susanne Einzenberger

In meiner Heimat war ich ein

Mann, hier bin ich nichts“, sagt

Hasan* nüchtern. Der 24-jährige

Iraker ist vor drei Jahren

nach Österreich geflohen. In

seiner Heimat war er professioneller

Bodybuilder, in Österreich fühlt er sich

wie ein Niemand, wie ein Kleinkind. Vor

acht Monaten spricht ihn eine Frau um

die Fünfzig in der Bar an: „Du bist so

sexy, willst du mit zu mir?“, fragt sie ihn

nach ein paar Drinks. Hasan geht mit zu

ihr, sie haben Sex – aus einer gemeinsamen

Nacht werden mehrere. Eigentlich

teilt sich Hasan eine Zwei-Zimmer-

Wohnung mit acht anderen Flüchtlingen.

Als Linda * ihm anbietet, zu ihr zu ziehen,

zögert er nicht. Was hat er schon zu

verlieren?

Mit der Flüchtlingswelle 2015 kamen

viele junge Männer nach Österreich. In

ihrer Heimat hatten sie Job, Wohnung,

Geld, eine Freundin – in Österreich stehen

sie vor dem Nichts. „Es ist schwer

hier eine Freundin zu finden, viele junge

Frauen fürchten sich vor Flüchtlingen“,

sagt Hasan. Auch deshalb lassen sich

Männer wie Hasan auf Beziehungen mit

älteren österreichischen Frauen ein – die

den Flüchtlingen eine Bleibe, Geld und

Geschenke geben und im Gegenzug Sex

mit den gutaussehenden jungen Männern

einfordern. Ein Deal,

von dem beide etwas

haben, so wirkt es zumindest

auf den ersten Blick.

„Ich habe Linda nach

der Miete gefragt, doch

sie meinte, es sei ihre Eigentumswohnung,

ich brauche nichts zu zahlen, sondern

mich nur um ihren Hund kümmern,

während sie in der Arbeit ist“, erzählt

Hasan weiter. Wenn Linda von der Arbeit

heimkommt, geht Hasan ins Fitnessstudio.

„Doch Linda wollte nicht, dass ich in

dem Fitnessstudio trainiere, dort wären

so viele Frauen und Ausländer, sagt sie.“

Also meldet sie ihn in einem exklusiveren

Fitnessstudio an und zahlt 120 Euro im

Monat für sein Training. „Sie hat mich

dann immer zum Training gefahren und

in einem Café unter dem Fitnessstudio

auf mich gewartet. Dann sind wir wieder

zusammen nachhause gefahren.“

ALLES HAT

SEINEN PREIS

Hasan fühlt sich nach über einem halben

Jahr mit Linda eingeschränkt, ausgenutzt:

„Sie will viermal am Tag Sex mit


Sie möchte nicht,

dass ihr Umfeld von

mir erfährt, sie will

nur Sex von mir,

sonst nichts.


mir, ich bin eine Sexmaschine für sie,

mehr nicht.“ Natürlich könnte er einfach

gehen, aber durch Linda hat er die

schönen Seiten des Lebens kennengelernt.

Mit ihr hat er das erste Mal Sushi

probiert und teuren Wein getrunken. Sie

bezahlt seinen Fitnessstudio-Vertrag,

seine Kleidung, Sportausrüstung und

seine Handyrechnung. Manfred Buchner

vom Männergesundheitszentrum (MEN)

kennt den Grund, wieso Hasan bleibt: „Es

herrscht eine große Abhängigkeit. Nicht

Co-Autor BILAL ALBEIROUTI, 35, absolvierte Publizistik auf der Universität

in Damaskus und Sportjournalismus. Er schrieb für das arabischsprachige

Wochenmagazin „Reyadia“ und plante ein eigenes Magazin. Kurz vor dem

Erstdruck im Juni 2013 musste der Junior-Verleger seine Heimatstadt

Damaskus verlassen. Sein Arbeitstraining absolviert Bilal bei biber.

nur psychisch, sondern auch materiell.

Vielen dieser Männer droht die Obdachlosigkeit,

der Verlust eines Bezugspunktes,

wenn sie gehen.“ Der Präsident

des österreichischen Bundesverbands

für Psychotherapie Peter Stippl sieht

darin auch die Angst vor dem materiellen

Verzicht: „Das Hineinschnuppern

in eine für diese Männer in absehbarer

Zeit sonst kaum realisierbare luxuriöse

Welt macht es für sie schwer, das hinter

sich zu lassen.“ Peter Stippl macht aber

auch klar, dass Männer wie Hasan keine

klassischen Opfer sind, da sie jederzeit

gehen könnten: „Die Männer werden

materiell verführt und nicht vergewaltigt.

Es handelt sich hier aber sehr wohl um

Missbrauch, der immer dann stattfindet,

wenn Not und große materielle

Unterschiede zur Befriedigung sexueller

Bedürfnisse der Reichen eingesetzt

werden.“

Der materielle Luxus hat seinen

Preis: „Seit zwei Monaten habe ich keine

andere Person neben Linda getroffen.

Sie will, dass ich nur ihr allein ständig zur

Verfügung stehe“, sagt Hasan. Dass sie

ihn liebt, glaubt Hasan nicht. „Sie möchte

nicht, dass ihr Umfeld von mir erfährt,

sie will nur Sex von mir, sonst nichts“,

ist er sich sicher. Damit ihre Freunde

nicht von Hasan erfahren, verreist sie

mit ihm mehrmals nach Italien, Kroatien

und Ungarn. Als mein Kollege Bilal Hasan

fragt, ob er sich mit ihm treffen möchte,

um ihm diese Geschichte zu erzählen,

muss Hasan zuerst Linda fragen – „wie

ein Kleinkind“, sagt Bilal. Linda selbst

möchte sich nicht mit uns treffen, um

uns ihre Sicht der Dinge zu schildern.

Wie lange Hasan noch bei Linda bleiben

will, weiß er selbst nicht. Er hatte etliche

Male vor zu gehen, doch er ist bis heute

geblieben.

ANGST UND TRÄNEN

Als mein 35-jähriger Kollege Bilal aus der

biber-Flüchtlingsakademie erzählt, dass

auch er Freunde und Bekannte hat, an

die sich ältere österreichische Frauen

rangemacht haben, frage ich in unserem

biber-Flüchtlingskurs

nach. Viele von den

geflüchteten Männern

haben mehrere Geschichten

über Treffen mit

älteren österreichischen

/ RAMBAZAMBA / 37


Frauen zu erzählen, die sie eingeladen

haben und sich im Gegenzug Sex mit

den jungen Flüchtlingen erhofften.

Durch ihre Kontakte treffe ich Tarek * .

Ich treffe ihn in der Erwartung eine

Geschichte wie die von Hasan zu hören,

über seine Beziehung mit einer älteren

österreichischen Frau, einer Sugar

Mama, die ihn „ausgehalten“ hat. Doch

Tareks Geschichte zeigt, dass es sich bei

dieser Art von Beziehung nicht immer um

einen fairen Deal handelt, dass der sozial

Stärkere am Ende eben doch das Sagen

hat und dieses Abhängigkeitsverhältnis

gefährliche Auswüchse annehmen kann.

Tarek ist ein gutaussehender, kräftiger

Mann, der Krieg und Flucht überlebt

hat. Er trifft sich mit mir, aber ich muss

ihm versprechen, weder seinen, aber

vor allem nicht den Namen der Frau zu

erwähnen – Tarek hat Angst. Während

unseres Gesprächs kämpft er mehrmals

mit den Tränen. Er schämt sich dafür, er

will sie zurückhalten, unterbricht seine

Erzählung mehrmals, weil seine Stimme

zittrig wird. Zu frisch sind noch die Erinnerungen

an Petra * .

MAMAS JUGENDLIEBE

Tarek und Petra lernen sich 2015 im

Deutschkurs kennen. Er ist 26, aus

Aleppo geflohen und wohnt in einem

Heim für Asylwerber in Kärnten. Sie ist

51 und gibt Tarek und anderen Flüchtlingen

ehrenamtlich Deutsch-Unterricht.

Als Petra fragt, ob Tarek zu ihr, ihrem

Mann und ihrer 20-jährigen Tochter ziehen

möchte, freut sich Tarek. Er ist mit

seinen zwei jüngeren Brüdern, einer 17,

der andere 20, nach Österreich geflohen,

sonst hat er hier niemanden. Er sieht

Petra als eine Art Mutter-Figur, denkt, sie

und ihre Familie seien eine dieser großzügigen

Familien, die einem Flüchtling

helfen wollen, von denen es 2015 einige

gibt. Doch Petra wird im Lauf der Zeit

immer anhänglicher. „Einmal hat sie mir

gesagt, dass ich sie an ihre Jugendliebe

erinnere.“ Da spürt Tarek, dass Petra

nicht etwa Muttergefühle für ihn hegt,

sondern mehr will. „Als ich schließlich

gesagt habe, dass ich ausziehen möchte,

hat Petra gedroht, wenn ich ausziehe,

dafür zu sorgen, dass mein 17-jähriger

Bruder abgeschoben wird.“ Tarek bleibt,

er hat auch nicht genug Geld, um sich

eine eigene Wohnung zu leisten. Das

Geld, das er eigentlich durch seine

Schwarzarbeit in ihrer Firma bekommen

sollte, zahlt ihm Petra nur in Form von

Geschenken wie Kleidung aus. „Es ist

nicht im Sinn des sozial Stärkeren, der

diesen Vorteil egoistisch einsetzt, dass

der andere den sozialen Vorsprung aufholt“,

erklärt Peter Stippl Petras Verhalten.

KEINE CHANCE

Doch nach fast einem Jahr kann Tarek

nicht mehr. Er bittet Petras Mann um

Hilfe bei der Wohnungssuche. „Petras

Mann war selten zuhause, er hat nicht

mitgekriegt oder wollte nicht mitkriegen,

was da vorgeht“, sagt Tarek. Tatsächlich

findet er eine Wohnung in Wien für

Tarek – doch auch dort kommt er nicht

zur Ruhe.

Petra hat einen Zweitschlüssel,

besucht ihn wöchentlich in der Ein-Zimmer-Wohnung,

bringt Alkohol und Cannabis

mit und möchte, dass Tarek mit ihr

trinkt und raucht. Tarek weigert sich und

schläft am Küchenboden, Petra ruft ihn

die ganze Zeit zu sich ins Bett. „Ich habe

sie anfangs wie eine Mutter gesehen, ich

konnte nicht glauben, was sie da macht“,

erzählt Tarek. Sie kauft ihm einen Fernseher

für die Wohnung, bietet ihm an,

ihm ein Auto zu kaufen. Doch Tarek lehnt

ab, er weiß, was sie damit bezwecken

möchte, er will nicht mehr abhängig

von ihr sein und borgt sich Geld von

Freunden, die er in Wien kennenlernt,

um die Kaution für eine neue Wohnung

hinterlegen zu können. Doch auch dort

lässt ihn Petra nicht in Ruhe. Irgendwie,

Tarek kann sich nicht erklären wie, macht

sie ihn ausfindig und kontaktiert seine

neue Vermieterin, erzählt ihr erfundene


Ich habe sie anfangs

wie eine Mutter

gesehen, ich konnte

nicht glauben, was sie

da macht.


Horror-Storys über Tarek, in der Hoffnung,

sie würde ihn raushauen und Tarek

müsste wieder bei ihr leben. Zum Glück

glaubt die Vermieterin Petra nicht. Noch

heute schickt Petra ihm Pakete per Post,

schreibt ihm E-Mails. Er zeigt mir eine

dieser E-Mails, in der sie ihn anfleht, sie

zu besuchen. Ich sage Tarek, dass er sie

anzeigen soll, dass das Stalking ist. Doch

Tarek winkt ab: „Ich bin ein Flüchtling

und sie ist Österreicherin, keine Chance.

Ich will einfach nur meine Ruhe.“

GESCHENKE FÜR SEX

Der 22-jährige Afghane Behar * ist noch

viel jünger als Hasan und Tarek, als er

seine erste Bekanntschaft mit einer

älteren Frau macht. Damals ist er 17 und

neu in Österreich. Sie ist 33 und lädt ihn

nach der Party zu sich nach Hause ein.

Bei ihr zuhause zeigt sie Behar einen

Porno, dann haben sie Sex miteinander.

Von seinem 16-jährigen Freund, ebenfalls

ein afghanischer Flüchtling, weiß

er, dass das scheinbar normal ist. Sein

Freund hat ihm erzählt, dass ihn öfters

ältere österreichische Frauen zum Sex

einladen, dafür gibt es Geschenke und

ein bisschen Taschengeld.

Ein paar Monate später landet Behar

nach einer Sportverletzung im Krankenhaus,

seine behandelnde Ärztin findet

Gefallen an ihm und fragt ihn, ob er

die Nacht nicht bei ihr verbringen will.

Behar geht mit. Bei ihr Zuhause geht

die 40-Jährige duschen und stellt sich

danach nackt vor Behar: „Na, gefällt

dir mein Körper?“, fragt sie ihn. Die

zwei haben Sex miteinander. Was sich

wie eine klischeehafte Männerfantasie

anhört, ist für Behar, der als Model

durchgehen könnte, nichts Ungewöhnliches,

er wird oft von Frauen umgarnt.

Heute ist Behar 22, hat eine 19-jährige

Freundin und arbeitet als Kellner. Ab

und zu trifft er sich trotzdem mit älteren

Frauen, sie würden ihm Geld und teure

Geschenke geben, damit kann er dann

bei seiner Freundin, die nichts von

den anderen Frauen weiß, punkten.

Psychotherapeut Peter Stippl sieht in

dieser Form der sexuellen Beziehung

eine Gefahr: „Wenn für Liebe und Sex

bezahlt wird, ist das immer Missbrauch,

der psychische Folgen haben kann, wie

das Abwerten von Frauen und steigender

Aggression ihnen gegenüber“, so

38 / RAMBAZAMBA /


Sex und Zärtlichkeiten im

Tausch gegen ein bisschen

Luxus - eine Win-Win -

Situation, oder?

/ RAMBAZAMBA / 39


Wenn Frauen für Sex bezahlen ist das noch immer ein großes Tabu, über das lieber nicht gesprochen wird.

Stippl. „Für diese Männer ist das doppelt

erniedrigend, weil sie aus einer Kultur

kommen, in der der Mann das Sagen hat

und jetzt müssen sie auf einmal einer

Frau folgen“, so Stippl. Dass auch Frauen

Männer für Sex benutzen und bezahlen

können, das weiß Behar nicht, so etwas

gibt es in seiner Kultur nicht.

DARÜBER SPRICHT

MAN NICHT

Aber nicht nur in Behars Kultur, auch in

Österreich ist das noch immer ein großes

Tabu: Während meiner Recherche finde

ich nur schwer einen Psychologen, der

sich zu diesem Thema äußern möchte

– „Wir sind für Ihre Anfrage nicht der

richtige Ansprechpartner“, heißt es von

Institutionen, die mit Flüchtlingen zusammenarbeiten.

Auch eine Mitarbeiterin

einer Flüchtlingsorganisation zeigt sich

bei meinen Recherche-Anfragen kritisch:

Wir würden über „ein marginales Thema

mit maximalem Hinguckwert“ berichten.

Ich muss zugeben, sie verunsichern

mich. Ich möchte die vielen Helferinnen,


Sie möchte nicht,

dass ihr Umfeld von

mir erfährt, sie will

nur Sex von mir,

sonst nichts.


die Großartiges leisten nicht mit diesem

Artikel in Verbindung bringen. Aber nicht

darüber schreiben, obwohl diese Männer

ihre Geschichten mit uns geteilt haben?

Manfred Buchner vom Männergesundheitszentrum

und Psychotherapeut Peter

Stippl warnen davor, dieses Thema totzuschweigen:

„Es ist wichtig, dass man

über dieses Tabu spricht“, sagt Buchner

von MEN VIA. „MEN VIA“, ein Projekt

des Männergesundheitszentrums, das

Männer als Betroffene von Menschenhandel

unterstützt, war mit einem Fall

eines jungen afrikanischen Flüchtlings,

der von einer Frau Mitte Vierzig zum

Sex gezwungen und drei Wochen bei ihr

zuhause eingesperrt wurde, beschäftigt.

„Es herrscht oft große Scham als Mann

sexuell von einer Frau ausgebeutet worden

zu sein, das entspricht nicht unseren

Männlichkeitsvorstellungen“, so Manfred

Buchner von MEN, deshalb sei es wichtig,

dass wir darüber berichten.

WIN-WIN, ODER?

Dabei ist es nicht einmal etwas Neues,

dass Frauen genauso wie Männer Geld

gegen Sex tauschen. „Der Unterschied

ist, diese Frauen wollen nicht wie manche

Männer zwanzig Minuten mit jemandem

ins Auto verschwinden und Sex

haben, es muss netter verpackt sein“,

erklärt Stippl. „Seit der Mensch reflektieren

kann, werden soziale und materielle

Vorteile zur Erfüllung sexueller Begierden

benutzt – von beiden Geschlechtern. Mit

den Flüchtlingen kommen nun viele Männer

ins Land, die arm und sozial schwach

40 / RAMBAZAMBA /


sind. Wenn „Verbotenes“ leicht beschaffbar

ist, fallen Schranken und Tabus“, so

Stippl. Wenn Frauen diejenigen sind, die

für Sex zahlen, wird das Ganze tabuisiert:

„Frauen werden als sexuell keuscher

gesehen, ihnen wurde oft ein ungerechtfertigter

Heiligenschein verliehen“, so

Stippl.

Wenn das Ganze schon in Österreich

so ein Tabu ist, wie ist das erst für

die Flüchtlinge, die aus patriarchalen

Strukturen stammen? Ich hätte nie von

diesen Beziehungen erfahren, wäre

es in dem Umfeld meiner geflüchteten

Kollegen nicht ein Thema. Drei Schicksale

hatten Platz in dieser Geschichte,

mit sechs Männern haben wir für die

Story gesprochen – an die Sugar Mamas

ranzukommen gelang uns nicht. Mein

syrischer Kollege hätte mir dafür – ohne

extra suchen zu müssen – noch locker

mindestens fünf Männer vermitteln

können. In der Flüchtlings-Community

sind die Sex-Beziehungen mit älteren

österreichischen Frauen bekannt – und

solange sie tatsächlich einvernehmlich

geführt werden, sollte eigentlich nichts

dagegen sprechen. Doch ist es wirklich

eine Win-Win-Situation? Psychotherapeut

Stippl spricht von asymmetrischen

Beziehungen, Kritiker nennen Sugarbaby-

Beziehungen längst Prostitution. Aber

wenn die Sugarbabys nicht klassisch

hübsche junge Frauen sind, sondern arabische

und afghanische Männer und die

Sugardaddys Sugar Mamas sind, werden

dann noch immer dieselben Maßstäbe

angewendet? ●

*

Die gekennzeichneten Namen wurden von

der Redaktion geändert.

Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt.

Bist du eine Sugar Mama und möchtest

uns deine Sicht schildern, schreibe

bitte erkurt@dasbiber.at

Bist auch du in so einer

Situation wie Tarek und

brauchst Hilfe?

Dann wende dich an MEN:

Tel: 0699 174 82 186

kfj.via@wienkav.at

www.men-center.at/via

Facebook: MEN VIA

Mit einer App die Stadt im Griff.


WENN MISSVERSTÄNDNISSE

WEH TUN…

Es kann so teuer werden wie schmerzhaft: Wer in

Österreich die Sprache oder die Kultur nicht ganz

durchdrungen hat, findet sich manchmal in höchst

„unpässlichen“ Situationen wieder.

Von Bilal Albeirouti, Lajla Asujeva, Aladin Nakshbandi, Sandro Nicolussi & Johanna Gudella

Illustrationen: Georg Wagenhuber

Deutsche Sprache, schmerzliche

Sprache! Das mussten

die drei Redakteure aus der

biber-Flüchtlingsakademie

am eigenen Leib erfahren. Denn wenngleich

die meisten sprachlichen Hoppalas

ohne Folgen bleiben, können manche

Missverständnisse kräftig ins Auge

gehen. Wobei nicht einmal nur Sprachbarrieren

schuld sind, wenn plötzlich

das Handy nicht mehr dir gehört oder

du öffentlich beschimpft wirst, sondern

auch tiefgreifende Kulturunterschiede.

Lest selbst, welche Erfahrungen die drei

Redakteure und ihre Bekannten hier in

Österreich gemacht haben.

„JAJA, ZIEHEN SIE MIR

RUHIG DEN ZAHN!“

Als ich ganz neu in Österreich war,

habe ich mich sehr bemüht, Deutsch zu

lernen. Nach vier Monaten konnte ich

einfache Sätze verstehen und auch ein

bisschen kommunizieren. Ich war darauf

sehr stolz und habe so oft wie möglich

Deutsch gesprochen. Dann war ich beim

Zahnarzt. Mit der Zahnärztin habe ich

selbstverständlich auch Deutsch geredet.

Sie hat mich dann irgendetwas gefragt

und ich habe lächelnd bejaht, obwohl

ich nicht ganz verstanden habe, was sie

von mir wollte. Doch was das war, spürte

ich im nächsten Moment: Mein Zahn war

weg! Ich habe geschrien und sie gefragt,

warum sie das gemacht hat. Ihre Antwort

war nur: „Ich habe Sie doch gefragt, ob

ich den Zahn ziehen soll?!“ Seit diesem

Tag spreche ich mit Ärzten nur noch

Englisch.

GRÜN IST NICHT

IMMER PISTAZIE

In Österreich besuchte ich das erste

Mal in meinem Leben ein japanisches

Restaurant. Zu meinem Essen habe

ich eine kleine Platte mit grüner Paste

bekommen. „Hmmm, Pistaziencreme“,

dachte ich mir. Weil ich Pistazien liebe,

nahm ich sofort die ganze Portion auf

einmal in den Mund. Als kurz darauf

mein Kopf explodierte, wurde mir schlagartig

bewusst, dass es sich nicht um

Pistaziencreme handeln konnte. Ich habe

zunächst das ganze Wasser der Welt

ausgetrunken und mich dann aufklären

lassen: Aha, Wasabi also. Jetzt kenne ich

mich aus und bin sehr vorsichtig, wann

immer grüne Paste serviert wird.

„ICH ZAHL!“

In der syrischen Kultur ist es normal, bei

einem gemeinsamen Restaurantbesuch

um die Rechnung zu streiten. Meistens

endet das hingebungsvolle „Ich zahle!

Nein, ich zahle!“-Theater damit, dass

die Rechnung irgendwie aufgeteilt wird.

Also jeder einen Zehner oder Zwanziger

einfach dazu gibt. Als ich allerdings mit

einer Gruppe österreichischer Freunde

in einem Restaurant war, wir waren zu

acht, und es irgendwann Zeit wurde, die

Rechnung zu verlangen, lernte ich, dass

dies hier nicht so läuft. Als ich nämlich

ganz nach alter Manier rief „Ich zahle!“,

hatte keiner etwas dagegen einzuwenden.

Im Gegenteil, alle haben sich sofort

bedankt. Und Tatsache, als der Kellner

kam, zeigten sie auf mich: „Er zahlt.“ Ich

zückte meine Geldbörse – und leerte sie

42 / RAMBAZAMBA /


komplett. Als ich ein paar Tage später

mit zwei Freunden wieder essen ging,

lernte ich eine wichtige Österreich-Lektion:

Hier gibt es so etwas wie getrennte

Rechnungen. Das habe ich mir seither

gut eingeprägt.

„HALTET DEN DIEB!“

In Tschetschenien ist es ganz normal,

dass man älteren Menschen beim

Tragen schwerer Sachen hilft, insbesondere

Frauen. Das basiert nicht

auf Freiwilligkeit, sondern ist eher ein

gesellschaftliches „Muss“ – und es

passiert ungefragt. Dementsprechend

wollte mein Mann, kurz nachdem wir in

Österreich ankamen, einer älteren Dame

auf der Straße, die sich offensichtlich mit

schweren Taschen abschleppte, helfen.

Er ist selbstverständlich zu ihr hingegangen

und hat ihr die Taschen abgenommen.

Gerade, als er ihr erklären wollte,

dass er ihr beim Tragen hilft und wo es

hingehen soll, fing sie schon an zu rufen:

„POLIZEI, POLIZEI!“ Mein Mann ließ die

Taschen sofort stehen und hat geschaut,

dass er weg kommt.

BITTEN STATT BETTELN!

Als wir grade erst ein paar Tage im

Flüchtlingslager von Traiskirchen waren,

wollten wir mit den Öffis zu unserem

Anwalt fahren. Übrigens gut gekleidet

und schön hergerichtet. Am Bahnhof

angekommen haben wir uns sehr über

die Ticketautomaten gewundert – aus

meiner Heimat kennen wir so etwas

nicht. Wir waren sehr überfordert und

wollten einen Mann, der in der Nähe

stand, um Hilfe bitten. Mit dem Geld in

der Hand sind wir zu ihm hin und haben

ihn nett gebeten, zwei Tickets zu kaufen.

Dieser fing jedoch sofort an zu schreien:

„Warum sollte ich euch zwei Tickets

kaufen? Das gibt es ja nicht, nur am

Betteln.“ Sogar später, als er an einem

anderen Bahnsteig stand, hat er noch

wenig schmeichelhafte Dinge zu uns

rüber geschrien. Zum Glück war eine

Gruppe Schülerinnen in der Nähe, die

uns geholfen haben, die Tickets zu lösen.

„ICH SCHENK DIR

MEIN HANDY.“

Wenn in Syrien jemand dein Handy

bewundert, ist es üblich zu antworten:

„Hier, du kannst es gerne nehmen.“ Das

ist aber nur Ausdruck der Freude über

das Kompliment. Niemals würde das

Gegenüber das Handy tatsächlich an

sich nehmen. Er lehnt natürlich höflich

ab. Das kann drei- bis viermal hin und

her gehen, aber am Ende bleibt dein

Handy immer deins. Denn jeder kennt die

Spielregeln.

Dass diese Regeln allerdings in Österreich

unbekannt sind, hat ein syrischer

Bekannter kürzlich erlebt – er ist immer

noch geschockt. Denn als eine Freundin

zu ihm sagte, dass sie sein neues Handy

so schön findet und er aus Gewohnheit

antwortete, dass sie es doch nehmen

kann – nun, da tat sie es. Die Freundin

hat sich das Handy einfach eingesteckt,

sich bedankt und ist gegangen.

NARKOSE STATT PILLE!

Als ein syrischer Bekannter eines Tages

mit richtig schlimmen Bauchschmerzen

zu kämpfen hatte, ging er zu seinem

Hausarzt. „Du brauchst eine Koloskopie“,

sagte der ihm. Der Arzt reichte

dem Freund einen Zettel, mit dem er

zur Ordinationshilfe gehen sollte – der

Freund dachte, es sei sicher ein Rezept

für irgendein Medikament. Koloskopie

klang in seinen Ohren nach Medizin. Die

Dame schickte ihn jedoch ins Krankenhaus.

Er ging dort hin, ohne sich groß

Gedanken zu machen. Vor Ort allerdings

wurde ihm langsam klar, dass der Zettel

wohl doch kein Rezept für ein Medikament

beinhaltete. Aber was dann? Nun,

nachdem er von der Narkose aufwachte

und sich auf einmal im Krankenbett

wiederfand, war er entsetzlich verwirrt.

Er hatte ein Blackout und begann mit

der Krankenschwester und dem Arzt auf

Arabisch zu sprechen. Kein deutsches

Wort brachte er mehr heraus. Erst als

zwei seiner Freunde ins Krankenhaus

kamen, beruhigte er sich. Sie klärten das

Missverständnis auf: Er hatte eine Darmspiegelung.

Ach ja, seither sind seine

Schmerzen wie weggeblasen. ●

/ RAMBAZAMBA / 43


KARRIERE & KOHLE

Studieren statt Saunieren

Von Alexandra Stanić

MEINUNG

Einfach mal

chillen

Es ist noch gar nicht so lange her,

da habe ich hier hinausposaunt,

dass es möglich ist, beruflich sehr

viele Dinge gleichzeitig zu machen.

Voller Überzeugung habe ich munter

drauflos getippt, dass man sich bloß

nicht von Hatern unterkriegen lassen

soll. Das alles stimmt. Was ich aber

nicht bedacht habe, ist, dass man

manchmal auch einen Gang zurückschalten

muss. Ich selbst habe in

meiner Schulzeit verabsäumt, gute

Noten zu schreiben und eine Vorzeigeschülerin

zu sein. Manchmal

habe ich das Gefühl, als wollte ich

das auf der Karriereleiter nachholen.

Dabei vergesse ich, dass beruflicher

Erfolg nicht alles ist und man lernen

muss, nein zu sagen. Dabei mag der

finanzielle Faktor vielleicht eine Rolle

spielen, aber Geld allein macht nicht

glücklich und eine tolle Karriere allein

ist auch nicht das Geheimrezept für

ein glückliches Leben. Übernimmt

man sich, bringt einem all der Erfolg

nämlich nichts. Es warat wegen

der Life-Work-Balance!

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3

FRAGEN AN:

Harald Maier

stellvertretender Geschäfts führer

und Leiter für Marketing und Fundraising

bei CARE Österreich.

von Johanna Gudella

Wie können wir im

Alltag bessere

Menschen werden?

Oft sind es die kleinen

Dinge, die wir

tun, die für andere

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machen. Das

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44 / KARRIERE /


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„AM GLÜCKLICHSTEN

SIND DIE FRISEURE“

Europa, erst ein Traum, dann eine schwierige

Realität für geflüchtete Medienmenschen.

Von Livia Klingl, Fotos: Marko Mestrović

Sie hatten alle ein Leben, ein privates in

großen Familien sowieso, aber auch ein

Berufsleben. Die 50-jährige Kopftuch

tragende tschetschenische Journalistin, der über

50-jährige Familienvater und Kommunikationsmanager

aus Syrien, erst recht der 32-jährige syrische

Moderator und Star einer Radio-Talkshow, die

iranische Fotografin und einige andere Syrer aus

der Medienbranche. Jetzt sitzen sie in Wien und

versuchen wieder Fuß zu fassen in ihren Berufen,

irgendwie.

Im Rucksack ihre Vergangenheit in Syrien,

einem mitunter recht glorifizierten Land, das aus

hiesiger Sicht eine arme, rigide Diktatur war, ehe

der Schießkrieg begann, ihre Gewalterfahrungen,

ihre Flucht. Und nun haben sie ihre Erfahrungen

mit dem Aufwachen aus einem Traum, dem Traum

von einem Europa, in dem es viel leichter sein

würde für die Fremden aus anderen Kulturkreisen,

anderen Lebensformen, einer anderen Verwaltung

als es sich in der Wirklichkeit zeigt.

WEN MUSS MAN BESTECHEN?

„Wir haben in Syrien auch eine Bürokratie, aber ich

hätte nie gedacht, dass die hier noch viel massiver

sein würde“, sagt einer. Für eine Österreicherin, die

fünf Mal in Syrien war und sich gegen Vertreter der

dortigen Staatsbeamten mitunter nur im Brüllton

durchsetzen konnte, eine nicht ganz nachvollziehbare

Beobachtung. Die kleine Journalistengruppe

und ich, wir einigen uns lachend darauf, dass es in

Syrien oder dem Irak leichter war, weil man wusste,

46 / KARRIERE /


wen man bestechen musste. Hier wisse man nicht,

wie umgehen mit den Vertretern des Verwaltungsapparats,

die nicht alle den Eindruck erweckten, als

würden sie ihren Job lieben und die Gesetze kennen.

Unterschiedliche Personen erzählten einem

unterschiedliche Dinge, die man als Flüchtling zu

erfüllen habe und man wisse nie, wer

eigentlich recht hat, sagt einer und

schildert seine Odyssee durch die

Ämter.

HIER BIN ICH DREI JAHRE ALT

Ob die für einen Geflüchteten mitunter

so quälenden Zusammentreffen

mit einer Amtsperson am Charakter

des Österreichers oder des Syrers liegen,

man weiß es nicht. Was die Art,

Flüchtlinge zu verwalten und sie nicht

einfach wie etwa im Libanon, in Jordanien,

in der Türkei ein neues Leben

probieren zu lassen, angeht, trifft

aber sicher zu, was ein 35-jähriger

syrischer Medienmann so zusammenfasst:

„Seit drei Jahren bin ich

in Österreich und ich bin drei Jahre

alt.“ Alles, außer gehen, müsse man

neu lernen, von der Sprache über die

Gesten, die hier anderes bedeuten

als im Herkunftsland, bis zur Pünktlichkeit.

Nicht zufällig gibt es ja den

Spruch in der arabischen Welt: Ihr

habt die Uhr und wir haben die Zeit.

Dass Flüchtlinge quasi entmündigt

und wie Kinder behandelt werden,

sowohl vom Staat als auch mitunter

von privaten HelferInnen, diese

Geschichte können viele erzählen. So

wenig sich der Staat bis vor kurzem

etwa für die Fähigkeiten der Neuzuzügler

interessierte, so sehr können

es mitunter Private übertreiben. Im

Amerikanischen nennt man das Überbehüten

„pampern“, also Windeln

anziehen, wovon dringend abzuraten

ist, weil es nur zu nervenaufreibenden Enttäuschungen

auf beiden Seiten führt.

REDEN, DAMIT DIE ÖSTERREICHER SICH

ENTSPANNEN

Manch Unwohlbefinden bei einem Geflüchteten

ist auch schlicht dem Umstand geschuldet, dass

man eben fremd in einem fremden Land ist. „Wenn

ich in Syrien schlecht behandelt wurde, dachte

ich nicht, dass es Rassismus ist. Wenn ich hier

schlecht behandelt werde, denke ich das sehr


Alles,

außer

gehen,

muss

man

neu

lernen.


wohl“, sagt einer der Medienleute. Ein anderer

meint, es käme darauf an, wie man aussieht. „Und

ob man Deutsch kann“, fügt er lachend hinzu.

Das Wort Rassismus, meinen mehrere Geflüchtete,

hätten sie erst in Europa kennengelernt. Einer

wirft ein, es sei nicht Rassismus, es sei die Angst

vor Flüchtlingen. Es gebe Leute, die

Probleme mit der Religion haben,

andere mit der Herkunft der Menschen.

Andere wiederum hätten nicht

Angst vor Gewalt, sondern Angst um

ihre Kultur. „Als Syrer in Österreich

sollte man viel mit Österreichern

reden, damit sie sich entspannen“, ist

sowohl Taktik als auch Hoffnung auf

Verbesserung des angespannten Verhältnisses

zwischen Alteingesessenen

und Neuankömmlingen eines seinerseits

recht gelassenen Grafikers.

Einer meint, die Österreicher

würden ihr Verhalten nach dem

Land richten, aus dem ein Fremder

angeblich kommt. „Wenn ich sage,

ich komme aus Beirut, dem früheren

Paris des Libanon, sind alle sehr

offen. Wenn ich Syrien sage, dann

nicht. Ich habe mit so etwas nicht

gerechnet. Ich dachte, es wäre attraktiv,

wenn man aus einer anderen

Kultur ist und ein bisschen anders

aussieht. Aber dem ist nicht so.“

Einer der Syrer hatte in Dubai

gearbeitet, wo 200 Nationen mit-,

aber jedenfalls nebeneinander leben.

Daher sei es für ihn ganz normal, dass

es Menschen verschiedener Religionen

und Kulturen gibt. Er glaubt

nicht mehr, dass er in Österreich mehr

soziale Beziehungen haben wird als

die, die er knüpfen konnte, denn die

Leute seien nicht so offen wie erwartet.

Glücklich sei er dennoch, allein

schon weil seine Familie, vor allem

seine Kinder, in Sicherheit sind.

GEH AUF DEM MARKT ARBEITEN

Der Traum von Europa, er war auch geprägt von

der Medienwelt in den Herkunftsländern der

Geflüchteten. Ein Syrer erzählt, sein Bild von Europa

sei gewesen: Sehr menschlich, aufgeschlossen,

multikulti und dass man leben könne wie man wolle.

„Das stimmt wohl, aber anders als wir dachten.“

Er hat damit gerechnet, dass seine Expertise anerkannt

wird, dass der Staat ihm anfangs mit raschen

Deutschkursen und beim Studium unter die Arme

/ KARRIERE / 47


greifen würde und er dann dank seiner Qualifikation

einen gut dotierten Job findet und über die

Steuern das österreichische Investment in ihn quasi

zurückzahlt. Die Wirklichkeit: Erst irgendeine einfache

Arbeit finden und Deutsch lernen, dann erst

studieren und dann endlich eine gute Arbeit haben

und weit mehr Steuern zahlen, als

wenn man nur einen Hilfsarbeiterjob

hat. „Mir zum Beispiel hat das AMS

gesagt, vergiss deine Filmarbeit, geh

auf den Markt arbeiten.“ Das war vor

fast zwei Jahren. In der Zwischenzeit

mag sich dieses Nichtausnützen von

Qualifizierungen durch Verbesserungen

beim AMS geändert haben,

zumindest ein bisschen.


Als Syrer in

Österreich

sollte man

viel mit

Österreichern

reden, damit

sie sich

entspannen.


BESSER ALS 100

DEUTSCHKURSE

Einigkeit herrscht, dass bei der Integration

jede ehrenamtliche Tätigkeit

besser sei als 100 Deutschkurse, denn

dann käme man mit Österreichern

zusammen und nicht nur mit anderen

Flüchtlingen und einer einzigen

Lehrkraft.

Trotz aller Schwierigkeiten im

Alltag und in der Organisierung eines

neuen Lebens scheint es jedenfalls

in dieser Gruppe so zu sein, dass die

Neuzuzügler weit mehr Vertrauen in

den Staat Österreich haben, als in

die Moschee, bei der viele einfachere

Flüchtlinge, insbesondere Afghanen

andocken, die sich in Wien verloren

vorkommen. So schwer es auch sei,

mit einem arabischen Familiennamen

eine Wohnung zu finden, erst recht

eine Arbeit, diese Gruppe Geflüchtete

setzt auf den weltlichen Weg. Und

auf Geduld. „Am glücklichsten sind

die Friseure“, lacht ein junger Grafiker

und erklärt nach einer Kunstpause:

„Die können sofort arbeiten, wenn

sie als Flüchtlinge anerkannt sind. Die

brauchen die Sprache nicht so sehr

wie wir.“

Alle betonen sie, sie seien nicht

wegen irgendeiner finanziellen Unterstützung

nach Europa gekommen. „Wir haben ein

sicheres Land gesucht. Mit Chancen auf Arbeit. Wir

sind da, um das Leben noch einmal zu lernen und

ordentliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden.“

Nach mehreren gemeinsam verbrachten Stunden

kristallisiert sich heraus, wer von den Geflüchteten

dauerhaft zufrieden in Österreich werden

dürfte und wer eher nicht, wer sich leicht tut bei

der Eingliederung in die neue Gesellschaft und wer

seelisch im Herkunftsland geblieben ist und sich

zum Beispiel täglich daran reibt, dass Frauen mit

Kopftuch auch in der Metropole Wien nicht unbedingt

gern gesehen sind.

NUR EINER MÖCHTE SOFORT

ZURÜCK

Manche werden nicht in ihrer

ursprünglichen Branche arbeiten können,

haben aber das Einsehen, dass

es andere Verdienstmöglichkeiten

und Karrierechancen gibt, etwa in der

Flüchtlingshilfe. Nur einer ginge sofort

nach Hause zurück, wenn es denn

möglich wäre. Alle anderen wollen

hier wieder auf die Beine kommen,

und es ist wohl weniger eine Frage

des Alters oder Geschlechts, als

des Charakters, ob das besser oder

schlechter gelingen wird.

Die Tschetschenin ist sogar glücklich

geworden in Österreich. Sie habe

ihre Karriere, ihre Verwandten und

ihren Zukunftstraum zurücklassen

müssen und einen unbekannten Weg

in ein unbekanntes Land genommen,

sei aber auf durchwegs hilfsbereite

Menschen gestoßen, vom ersten

Kontakt mit einer österreichischen

Familie in Gutenstein weg. Nach der

Anerkennung zog sie mit ihrer Familie

nach Wien „ins Herz Europas. Dass

ich da bin, ist ein Traum. Ich dachte,

meine Träume seien vorbei, als ich

meine Heimat verlassen musste. Aber

heute kann ich mit großer Freude

sagen, dass ich hier meinen Traum

wiedergefunden habe und dass ich

sogar nach 17 Jahren wieder im

Journalismus gelandet bin. Österreich

ist ein besonderes Land, das anderen

Menschen eine zweiten Lebenschance

gibt und ihnen hilft, ihren Traum zu

verwirklichen.“

DANKE ÖSTERREICH

Die Tschetschenin hat mir ihre Erfahrungen in

Österreich - als einzige aus der Gruppe - schriftlich

geschickt, auf Deutsch. Die letzten beiden Wörter

ihres Textes lauten: Danke Österreich! ●

48 / KARRIERE /


Wie viel

hat Ihre Meinung?

2

Ausgaben

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> Österreichs unabhängiges Nachrichtenmagazin

> investigativ, fundiert und meinungsbildend

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/ MIT SCHARF / 49


Selbermacherin

Ein Laden in den

Kinderschuhen

Seit Juni hat Wien Favoriten ein neues Baby-Mekka:

La Luna. Das Geschäft von Sittika Berhayat ist ein

Mix aus Babysachen-Boutique und Fotostudio - eine

Mischung, die es so noch nicht gibt.

Von Johanna Gudella

Foto: Susanne Einzenberger

Ausgerechnet im Zehnten?

„Ja“, lacht Sittika, „Favoriten

ist ein Trend-Ghetto-Bezirk

mit einer großen türkischen Community.“

Und genau diese macht bisher die

Hauptkundschaft im „La Luna“ aus. In

der Community hat sich die Besitzerin

Sittika Berhayat schon einen Namen

als Fotografin gemacht. Zum Glück

gibt es bei türkischen Familien viel zu

feiern, zum Beispiel den ersten Zahn

des Babys – und das kann Sittika dann

gleich fotografisch festhalten. Auch

viele Trends kommen direkt aus der

Türkei, irgendwie sei man dort immer

einen Schritt voraus, erklärt sie. „Was

es bisher in Österreich gab, entsprach

nicht dem türkischen Geschmack und

50 / KARRIERE /


den Ansprüchen“, fügt Sittika hinzu. Die

Produkte in ihrem Laden kommen nicht

alle aus der Türkei, es gibt Holzuhren

aus Dänemark und Artikel aus Polen -

überall da her, wo Sittika schöne und

hochwertige Babysachen findet.

GEBALLTE FRAUENPOWER

Noch steht die Wienerin mit türkischen

Wurzeln alleine im Laden, aber sie

bekommt Unterstützung von den Frauen

ihrer Familie: Ihre Tochter, Schwägerin

und Cousine helfen im Hintergrund

tatkräftig mit. Natürlich dürfen auch

die Männer nicht die Füße hochlegen.

Sittikas Bruder ist eine große Unterstützung

bezüglich der Bürokratie und Organisation

und ihr Vater hilft handwerklich

mit: So wird in den nächsten Tagen eine

Maschine geliefert, mit denen man die

Namen der Kinder aus Holz ausschneiden

kann. Auch sonst wird viel selbst

gemacht: Es gibt personalisierte Kissen,

Decken, Schultüten und Taschen, alles

mit Namen bestickt.

ZWEITES STANDBEIN

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist

der 39-jährigen nicht leicht gefallen.

Von ihrem Können war sie überzeugt

und hat auch von Familie und Freunden

genug Bestätigung bekommen, aber

die bürokratischen Hürden haben ihr

Angst gemacht. „Zum Glück hat mir mein

Bruder da sehr geholfen, er ist schon

seit einigen Jahren selbstständig. Ohne

Familie hätte ich das nicht geschafft.“

Zuerst war der Plan, lediglich ein Fotostudio

zu eröffnen, die Babysachen sind

Sittikas zweites Standbein. Babys waren

schon immer ihre Lieblingsmodels, denn

„ganz kleine Babys zicken nicht, man

muss sie nur in die richtige Position

bringen, und davon bekommen sie nichts

mit.“ Langweilig wird Sittika nicht, sie

hat viele Ideen, was sie noch produzieren

und verkaufen möchte – nicht nur

im Geschäft selbst, sondern irgendwann

auch online. Ihre Tarot-Legerin hat

Sittika prophezeit, dass sie schon in zwei

Jahren ihr zweites Geschäft eröffnen

wird – sie hat also gute Karten für die

Zukunft. ●

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der WKO-Wien

kann man bei einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die

die Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein kann man

sich auch schon eigenständig

online informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen, Amtswege

oder Finanzierungs- und

Förderungsmöglichkeiten: Auf der

Website kommt man mit wenigen

Klicks zu allen wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacherin-Serie ist eine

redaktionelle Kooperation von das

biber mit der Wirtschaftskammer

Wien.

DER ERSTE

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Das WK Wien-Servicepaket ist randvoll mit Unterstützung, Beratung und

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SERVUS ÖSTERREICH,

DARF ICH BEI DIR STUDIEREN?

Gehörst du zu den Geflüchteten, die sich im komplizierten Studien-Dschungel Österreichs verfahren

haben? Du willst in Österreich anfangen zu studieren oder ein bereits begonnenes Studium fortsetzen?

Wir haben die wichtigsten Punkte rund um Studium, Mindestsicherung und Abschlüsse zusammengefasst,

damit dir auf deinem Weg zu Bachelor, Master oder Doktor nichts mehr im Weg steht.

Von Aladin Nakshbandi und Sandro Nicolussi

WAS KANN ICH IN

ÖSTERREICH ÜBERHAUPT

ALLES STUDIEREN?

WELCHE VORAUSSETZUNGEN

MUSS ICH ERFÜLLEN?

Generell kannst du mit dem Status Asylwerber,

subsidiär Schutzberechtigter und

Konventionsflüchtling in Österreich studieren

– die Studiengebühren werden dir

erlassen, solange du die Mindeststudienzeit

nicht um mehr als zwei Semester

überziehst. Wenn dein Bachelor-Studium

also normalerweise sechs Semester dauert,

zahlst du ab dem neunten Semester

Studiengebühren, lass dir also nicht zu

viel Zeit. Die Hauptvoraussetzungen,

um in Österreich studieren zu können,

sind ein Reifezeugnis (in Österreich auch

Matura genannt), das den österreichischen

Standards entspricht und deutsche

Sprachkenntnisse von mindestens

B2-Niveau. Geförderte Sprachkurse

werden vom AMS und ÖIF angeboten.

Falls euer Reifezeugnis nicht ausreicht,

gibt es die Möglichkeit, Ergänzungskurse

in sogenannten Vorstudienlehrgängen

zu machen. Dort werden meistens auch

die nötigen Deutschkenntnisse erworben.

Die Dauer ist abhängig von euren

Vorkenntnissen. Pro Semester kostet ein

solcher Vorstudienlehrgang (zum Beispiel

beim OEAD oder der VHS) ungefähr 450

Euro. Währenddessen kannst du auch

schon als Gasthörer die Vorlesungen an

einer Uni besuchen, aber keine Prüfungen

ablegen.

Die zwei häufigsten Hochschuleinrichtungen

sind Universitäten und Fachhochschulen

(FHs). In der Universität

kannst du dir deine Prüfungen und

Einheiten selbst einteilen, was einiges an

Zeitmanagement-Skills benötigt, aber dir

auch mehr Freiheiten lässt. FHs dagegen

sind eher wie eine Schule, an denen

der Unterricht nach einem Stundenplan

abläuft. Zusätzlich dazu gibt es pädagogische

Hochschulen und Privatuniversitäten,

letztere sind aber selbst zu

zahlen. Die Studienfächer sind geradezu

unbegrenzt. Egal ob Pferdewissenschaftler,

Mikrobiologe oder Zahnarzt, deiner

Fantasie sind bei der Studienwahl fast

keine Grenzen gesetzt.

KANN ICH MEIN BEREITS

BEGONNENES STUDIUM IN

ÖSTERREICH FORTSETZEN?

Wenn du bereits ein Studium begonnen

hast, kannst du das unter den oben

genannten Voraussetzungen in Österreich

weiterführen. Es ist auch möglich,

dass dir Teile deines bisherigen Studiums

angerechnet werden. Dafür ist die

jeweilige Studienprogrammleitung deines

Studiums zuständig. Am besten machst

du dir telefonisch einen Termin aus und

gehst dann persönlich hin. Achtung: Die

Aufnahme in Masterstudiengänge ist um

einiges schwieriger als bei Bachelorstudiengängen.

VERLIERE ICH MEINEN

ANSPRUCH AUF

MINDESTSICHERUNG UND

GRUNDVERSORGUNG?

Als Studierender verlierst du in Österreich

generell deinen Anspruch auf eine

bedarfsorientierte Mindestsicherung

(BMS). Es gibt zwar die Möglichkeit,

neben manchen Studien beim AMS

gemeldet zu sein und die Mindestsicherung

zu beziehen, aber das sind seltene

Ausnahmefälle.

Wenn du während deines Asylverfahrens

studierst und Grundversorgung empfängst,

ändert sich an deinem Grundversorgungs-Status

durch dein Studium

nichts. Egal, ob du dabei in einem Quartier

unterkommst oder schon eine eigene

Unterkunft gefunden hast.

Außerdem kannst du als subsidiär

Schutzberechtigter und als anerkannter

Asylberechtigter in Österreich arbeiten

gehen und dir so etwas neben dem

Studium dazuverdienen. Üblicherweise

handelt es sich dabei um sogenannte

10-Stunden-Jobs.

52 / KARRIERE /


HAB ICH EIN RECHT AUF

STUDIENBEIHILFE ODER

STIPENDIEN?

Die Studienbeihilfe ist eine Förderung,

die finanziell schwache Studierende

beantragen können. Eine Antragsstellung

ist auch Asylwerbern und Asylberechtigten

möglich. Die Höhe richtet sich

nach Einkommen, Familienstand und

Familiengröße, was aber nicht heißt,

dass du extra in Österreich eine Familie

gründen musst. Um ein Stipendium zu

erhalten, solltest du deine Prüfungen

rechtzeitig und gut bestehen und nicht

nachlässig werden. Außerdem muss

das Studium vor dem Erreichen des 30.

Lebensjahres begonnen werden. Die

verschiedenen Arten der Studienbeihilfen

und Stipendien findest du unter dem

Link in der Biber-Infobox – dort kannst du

auch gleich die Formulare herunterladen

oder einen Online-Antrag stellen. Genaue

Beratung zu den verschiedenen Stipendien

gibt’s auch beim ÖIF, der euch während

der Antragsstellung unterstützt.

DIE WICHTIGSTEN LINKS:

Verschiedene Hochschulen in Wien:

www.wien.gv.at/bildung/hochschulen/hochschulen.html

Voraussetzungen zum Studium:

studentpoint.univie.ac.at/zulassung

Spezielle Angebote für Flüchtlinge:

uniko.ac.at/projekte/more

oead.at/de/nach-oesterreich/oead4refugees/asylberechtigte-und-subsidiaerer-schutz

Mindestsicherung / Grundversorgung:

wohnen.fsw.at/grundversorgung

www.ams.at/service-arbeitsuchende/bedarfsorientierte-mindestsicherung

Studentenjobs:

unijob.at

studentjob.at

Nostrifizierung:

www.nostrifizierung.at

Studienbeihilfe / Stipendien:

www.stipendium.at

studienpraeses.univie.ac.at/stipendien

Service und Beratung:

www.oeh.ac.at

studentpoint.univie.ac.at/servicesfaqs/servicestellen/studienservicecenter

wirhelfen.univie.ac.at

studieren.at

studyinaustria.at

ICH BIN EH SCHON DOKTOR,

KANN ICH GLEICH HIER

ARBEITEN?

Um beispielsweise als Arzt oder Jurist

in Österreich tätig zu werden, musst

du deinen akademischen Grad nach

Österreich übertragen lassen. Diesen

Vorgang nennt man Nostrifizierung. Als

Asylberechtigter und subsidiär Schutzberechtigter

kannst du eine Anerkennung

deines akademischen Abschlusses

beantragen, wenn dies für die Ausübung

deines Berufes in Österreich nötig ist. Für

die Nostrifizierung musst du einen Antrag

an einer österreichischen Universität,

Fachhochschule oder Pädagogischen

Hochschule einreichen, die ein vergleichbares

Studium anbietet. Dort wird dann

überprüft, ob dein Studium inhaltlich

mit einem österreichischen Studium

vergleichbar ist. Falls du noch zusätzliche

Prüfungen ablegen musst, kannst

du diese als außerordentlicher Student

ablegen. Für Nostrifikanten gibt es keine

Altersgrenze!

Berufsreifeprüfung:

Starten Sie durch!

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/ KARRIERE / 53


MEINUNG

„Bitte pünktlich kommen,

du bist hier in Österreich!“

Von Aladin Nakshbandi

Ehrenamtliche Arbeit ist besser

als hundert Deutschkurse

Von Ahmad Massoud Omar

„Bitte pünktlich kommen, du bist hier in Österreich!“ Das

kommt mir vor allem dann zu Ohren, wenn ich einen

Deutschkurs besuche oder einen Termin beim Arzt wahrnehmen

muss. Daraus schließe ich, dass in zahlreichen

Situationen ohne weiteres davon ausgegangen wird, dass

ich ganz gewiss zu spät kommen werde. Dabei bemühe

ich mich sogar sehr, seitdem ich in Österreich lebe, einige

Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt zu erscheinen, sei

es nun bei Behördengängen oder bei diversen Meetings.

Ausnahmen werden nur dann toleriert, wenn es einen

triftigen Grund gibt. Das ist natürlich nicht immer leicht, vor

allem für jemanden wie mich, der fünf Kinder zu Hause hat.

Die Pünktlichkeit geht im allmorgendlichen Stress gerne mal

unter. Lustig sind dann immer meine Uni-Kollegen, wenn

ein Café-Treffen ansteht: „Komm rechtzeitig, Aladin“, sagen

sie. Dabei sind genau sie die notorischen Zuspätkommer –

Stichwort: akademische Viertelstunde.

Vor allem am Bahnhof merke ich die Wichtigkeit von

Pünktlichkeit. Jede Minute wird die Durchsage gemacht:

„Achtung! Zug verspätet sich.“ Jedes Mal bricht hektische

Panik aus. Dass man nicht alle in einen Topf werfen soll,

ist klar. Mir stellt sich dennoch die Frage, ob Pünktlichkeit

eine kulturelle Sache ist. Das betrifft vor allem Menschen,

die – wie auch ich – von einer Kultur zur anderen wechseln

und sich mit kulturellen Unterschieden konfrontiert sehen.

In meiner Heimat Syrien gilt es gar als unhöflich, punktgenau

zu erscheinen. Das vermisse ich manchmal. Ja klar ist

Pünktlichkeit gut, in Österreich aber viel zu übertrieben. Ob

ich jetzt fünf Minuten früher oder später dran bin, sollte man

öfters mit einem kleinen Augenzwinkern betrachten. Ich bin

keine Maschine, ein wenig mehr Gelassenheit wünsche ich

mir von meiner neuen Heimat schon. Entspannt euch, Leute!

Aladin ist 51, kommt aus Syrien und ist seit fünf

Jahren in Österreich. Er hat 20 Jahre lang in der

Kommunikationsbranche gearbeitet. Er möchte in seiner

beruflichen Zukunft gerne als Brücke zwischen Österreich

und Nahost fungieren. Sein Arbeitstraining absolviert Aladin

derzeit beim Presseclub Concordia.

Als ich nach Österreich kam, beherrschte ich weder die

deutsche Sprache, noch die Rechtschreibung. Deshalb

habe ich von Anfang an eine Integrationsstrategie entwickelt,

um die Sprache und Kultur in Österreich schnellstmöglich

zu erlernen. Ich habe mich zuerst bei der Caritas

und später auch beim Landeskrankenhaus und der Polizei

als Dolmetscher beworben. Dort habe ich ehrenamtlich

Sprachen wie Farsi, Dari und Paschtu auf Englisch übersetzt

– auch in Fällen von anderen Flüchtlingen.

Dadurch kam ich auch oft in Kontakt mit der deutschen

Sprache. Im Laufe der Zeit und durch meine ehrenamtlichen

Tätigkeiten konnte ich viele Menschen kennenlernen,

die mir weitere Möglichkeiten vermittelten. Ich

war zum Beispiel Mitglied im Schachklub und habe auch

oft Volleyball gespielt, wo man mit anderen Leuten ins

Gespräch kommt. Man lernt einfach viel mehr, wenn man

sich außerhalb der Standard-Deutschkurse mit Menschen

aus Österreich unterhält. Dabei spielt die Körpersprache

der Menschen, mit denen man spricht, eine große Rolle.

So kann man viele unbekannte Wörter zuordnen und

verstehen.

Klar, man muss das Ganze mit einem Deutschkurs kombinieren.

Vor allem wegen der Rechtschreibung. Aber

trotzdem habe ich das Gefühl, dass mir meine Dolmetscher-Tätigkeit

um einiges mehr gebracht hat. Anstatt

nur zuhause rumzusitzen und auf meine Deutschkurse zu

warten, konnte ich einen Einblick in die österreichischen

Grundwerte erlangen und hatte eine geregelte Tagesstruktur.

Auch die Entwicklung von Soft-Skills funktioniert

nur, wenn man auch Kontakt mit Menschen außerhalb von

Seminarräumen und Lehrerzimmern hat. Als ich nach zwei

Jahren in Österreich meinen Asylbescheid bekommen

habe, konnte ich beim AMS gleich mit einem B2-Deutschkurs

starten und konnte A1 und A2 überspringen.

Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, sich ehrenamtlich

zu engagieren. Es ist bei jeder ehrenamtlichen Arbeit ein

gutes Gefühl, Österreich wieder etwas zurückzugeben.

Mein Motto ist dabei: “Wollen ist Können!”

Marko Mestrović

54 / MIT SCHARF /


WENN GENUSS

slow

low

schonend vorgegart

COOKED

zart und saftig

VON SPAR

schonend

bei Niedertemperatur

vorgegart

das schnell e

slow-food

raff iniert mariniert

Der Pull ed Meat Klassiker:

Pull ed Pork Burger

Weckerl, Pita-Brot oder Burger

Bun aufschneiden, auf

die untere Hälfte gleichmäßig

Kraut bzw. Coleslaw-Salat

verteilen, das Pulled

Pork darüber geben

und z.B. mit Zwiebel-,

tomaten-, Gurkenscheiben

und Salat

garnieren.

Exklusiv bei:

/ MIT SCHARF / 55


MEINUNG

Ein neues Lebensgefühl

Von Lajla Asujeva

Ich habe keine Brüder, Oida!

Von Asoo Khanmohammadi

Nachdem ich mich vor gut 18 Jahren von meinem Beruf

und meiner Karriere im Journalismus verabschieden musste,

wusste ich, dass es sehr schwierig wird, wieder in diesem

Bereich Fuß zu fassen. Dreimal habe ich versucht, in einen

Kurs reinzukommen, der den Berufseinstieg für mich erleichtern

sollte – dreimal wurde ich abgelehnt. Aber das Schicksal

hatte, wie so oft, noch ein Ass im Ärmel: Ich bekam die Zusage

beim Journalismus- und Kommunikationskurs von Biber

teilzunehmen. Nach anfänglicher Freude überkamen mich

sehr bald große Zweifel: Reicht mein Deutsch aus? Gelingt

es mir nach 18 langen Jahren wieder zurück in den Journalismus

zu finden? Zwei Wochen habe ich kaum geschlafen,

aber bereits am ersten Tag im Kurs waren meine Ängste wie

weggewischt.

Bereits im Stiegenhaus des ÖIF, in dem der Kurs hauptsächlich

stattfand, roch es bei unserer Ankunft nach frischem

Kaffee und dank der netten Atmosphäre fühlten wir uns

willkommen. Es war großartig, nach so langer Zeit wieder

Journalismusluft zu schnuppern. Ich fühlte mich zurückversetzt

in der Zeit. Der Kurs war toll organisiert: Wir haben

verschiedene Zeitungen in Wien besucht, an Redaktionssitzungen

teilgenommen und viele Journalisten kennengelernt.

In diesen vier Monaten habe ich vergessen, dass ich als

Flüchtling nach Österreich gekommen bin. Ich war mit den

anderen Journalisten auf Augenhöhe, wir waren alle vom

Fach, vollwertige, ausgebildete Journalisten. Zweifellos kann

ich sagen, dass mir der Kurs ein neues, schönes Lebensgefühl

geschenkt hat. Bald lesen wir hoffentlich die ersten Artikel

von den Kursteilnehmern in österreichischen Zeitungen.

Vielen Dank Biber, dafür, dass ich wieder Selbstbewusstsein

habe und für die schöne Zeit mit den netten Kollegen und

Kolleginnen. Danke für die lustige Zeit und den Running Gag,

dass wir uns jedes Mal - nach jeder noch so kleinen Kleinigkeit

- bedanken. Danke Gott, danke Biber, danke Alex, danke

Simon – und danke an meinen Kollegen Bilal, durch den wir

diesen Witz als Erinnerung an den Kurs haben.

Lajla Asujeva (50) kommt aus Tschetschenien und hat in

St.Petersburg Journalismus studiert. In ihrer Heimat hat sie

im Staatsfernsehen als Moderatorin gearbeitet.

Könntet ihr bitte mit den Vorurteilen aufhören, dass ich

als „arme Muslima“ nichts darf und nichts kann? Dieses

Klischeedenken haben übrigens nicht nur Rassisten, sondern

beinahe alle Menschen, auch die sogenannten Linken und

Intellektuellen. Ich merke, immer wenn ich in einen Heurigen

gehe und eine Schweinestelze bestelle, dass Menschen

überfordert sind von dem Gedanken, dass ich einen „normalen“,

europäischen Lebensstil lebe. Sie wissen plötzlich nicht

mehr, wie sie mit mir umgehen sollen. Nicht alle Frauen, die

aus dem Nahen Osten kommen, sind zwangsläufig gläubig

oder tragen ein Kopftuch. In Österreich haben die Frauen

Rechte, die sie im Iran nicht haben und ich weiß diese sehr

zu schätzen.

Es baut sich ein enormer Druck auf: Auf der einen Seite

wünscht man, sich integrieren zu können, die Kultur nicht

nur kennenzulernen, sondern auch aufzunehmen und auf

der anderen Seite gilt es Dinge zu tun, die im Iran ausnahmslos

verboten waren und hier Gewohnheiten sind. Ich bin

aufgewachsen unter der Angst und dem Terror des Regimes.

Ich breche durch meinen hiesigen Lebensstil die dortigen

Regeln. Ich versuche, Klischeedenken zu durchbrechen und

den Menschen zu zeigen: Es geht auch anders.

Trotzdem nervt es mich, dass ich ständig mit diesen Vorurteilen

leben muss. Weil ich dunkle Haare und Augen habe,

halten die Menschen Abstand und Männer haben Angst vor

meinen Brüdern und Cousins, wenn sie mich in einer Bar

ansprechen – ich habe übrigens keine Brüder und auch sonst

niemanden in der Familie, der euch umbringt, wenn ihr Blickkontakt

mit mir aufnehmt. Ich kann doch selber entscheiden,

wie ich lebe, deshalb bin ich nach Österreich gekommen.

Asoo Khanmohammadi wurde 1980 im Iran geboren,

studierte dort Fotografie und ist zurzeit an der Universität

für angewandte Kunst in Wien. Sie hat mehrere Kunstpreise

gewonnen und hatte bereits Soloausstellungen im Iran, in

Österreich, Deutschland, Belgien und England. Die Themen

Frauen und Geschlecht ziehen sich wie ein roter Faden

durch ihren künstlerischen Werdegang. Asoo absolviert ihr

Arbeitstraining als Fotografin beim Wochenmagazin Falter.

Marko Mestrović

56 / MIT SCHARF /


Willkommen

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/ MIT SCHARF / 57


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„AM

WICHTIGSTEN

SIND UNS DIE

WIEN

Stadt der

Bildung

KINDER.“

Schulleiterin Astrid

Pany hat für jedes

Kind ein offenes Ohr.

Fotos: Susanne Einzenberger


Im Herzen von

Floridsdorf steht einer

der fünf Bildungscampus-Standorte

in

Wien. Seit fünf Jahren

lernen und spielen nun

dort Kinder von null

bis zehn Jahren. Eines

verbindet die Kinder

und ihre PädagogInnen

dabei besonders:

Der Spaß am gemeinsamen

Lernen und

Großwerden.

Gemeinsam mit der Freizeitpädagogin schreibt sich die Hausübung gleich leichter.

Susanne Einzenberger

Bildung von Anfang an

Wenn Kinder fröhlich

durch die Gänge flitzen,

die Direktorin bei ihrem

Besuch im Klassenzimmer herzlich

umarmt wird und man die ganze Zeit

das Gefühl hat, dass die Kinder gerne

hier sind, dann befindet man sich sehr

wahrscheinlich am Bildungscampus

Donaufeld. Das merkt man auch, wenn

man durch den Gebäudekomplex

spaziert. Überall wird getobt, gelernt,

gespielt und gelacht. Ob am Hartplatz

auf dem Dach der Bildungseinrichtung,

im weitläufigen Garten oder im

Kinderatelier.

Im Bildungscampus Donaufeld

werden die Kinder von Anfang an

von hochqualifizierten PädagogInnen

begleitet. Die neuartige Idee der Stadt

Wien trägt bereits erste Früchte. Der

Campus Donaufeld wurde im Kindergarten-

und Schuljahr eröffnet und

weitere Bildungscampus-Standorte

sind in Planung. Der sechste Standort

soll im September in der Attemsgasse,

Donaustadt, eröffnet werden. In Summe

sollen bis 2023 14 Standorte in

Wien entstehen. Das System funktioniert

deshalb so gut, weil sich Kindergarten

und Schule zu einer engen

Zusammenarbeit verschrieben haben.

“Am wichtigsten sind uns die Kinder

und der soziale Kontakt, den sie hier

aufbauen können. Menschen sind nun

mal keine Einzelwesen”, erklärt Astrid

Konzett-Rauscher, die Leiterin des

Kindergartens. Sie führt den Bildungscampus

zusammen mit der Schulleiterin

Astrid Pany und die beiden sind

ein eingespieltes Team. Die gleiche

Stimmung, die unter den Schul- und

Kindergartenkindern herrscht, nimmt

man auch unter den PädagogInnen

wahr.

Und das Konzept scheint aufzugehen:

Die Kinder spielen in der sogenannten

“bewegten Pause” nicht nur

mit den Kindern aus ihrer eigenen

Klasse, sondern auch mit Kindern aus

anderen Bildungsbereichen. Damit

das wuselnde Durcheinander für das

Betreuungspersonal überschaubar

bleibt, geht der erste Sprint aber

immer zur Orientierungstafel im Erdgeschoss.

Dort kennzeichnet jedes Kind

mit einem eigenen Button seinen Aufenthaltsort

und von da aus strömen

sie los in die verschiedenen Bereiche

des rund 9.800 Quadratmeter großen

Areals. Rund 100 LehrerInnen,

Kindergarten- und FreizeitpädagogInnen

begleiten und unterstützen die

340 Volksschulkinder sowie die 170

Kindergartenkinder.

PATENKLASSEN

Rund um den Bildungscampus befinden

sich zahlreiche Neubauten, aus

denen auch viele der Kinder täglich in

den Kindergarten oder in die Schule


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WIEN

Stadt der

Bildung

Fotos: Susanne Einzenberger

Joghurt, Obst und Gemüse – Die Kinder werden täglich

mit einer gesunden Jause versorgt.

kommen. Der Bildungscampus Donaufeld

verbindet damit die Bildungsinfrastruktur

mit einer attraktiven

Wohngegend für Familien. Das freut

auch die Eltern, denn auch sie werden

immer wieder in den Bildungsalltag

eingebunden. Zum Beispiel bei den

Motopädagogik-Einheiten, die für die

Kindergartenkinder zweimal die Woche

im Turnsaal stattfinden. Gemeinsam

mit einer Schulklasse werden

dabei Lerninhalte wiederholt und auf

altersgerechte Art und Weise vermittelt.

“Ich kann gar nicht sagen, was

die Kinder am liebsten machen. Es ist

wirklich für jeden was dabei. Aber man

merkt schon, dass sie sich immer sehr

auf bewegtes Lernen freuen“, sagt

Vanessa Gach, die Klassenlehrerin der

2C.

Die Kindergartenkinder kommen

täglich mit den VolksschülerInnen in

Kontakt. So halten die Volksschulkinder

zum Beispiel Referate vor den

Kindergartenkindern. Außerdem hat

jede Kindergartengruppe eine eigene

Patenklasse. Mit dieser werden

gemeinsame Ausflüge unternommen,

gemeinsame Koch- und Backnachmittage

in der eigenen Kinderküche veranstaltet

oder Vorlesestunden in der

hauseigenen Bibliothek abgehalten.

Patenklassen haben auch die

Integrationsklassen, von der es in

jeder Schulstufe eine gibt. In den

Integrationsklassen werden Kinder

mit Beeinträchtigungen und speziellen

Bedürfnissen unterrichtet und auch

hier wird darauf geachtet, dass der

Kontakt zu den Kindern der anderen

Klassen niemals zu kurz kommt. So

können auch die Patenklassen davon

profitieren: Für die blinden Kinder

beispielsweise ist nahezu alles in

Brailleschrift markiert, die so auch die

sehenden Kinder erlernen können.

Das zieht sich von Beschriftungen von

Räumen bis hin zu den persönlichen

Buttons an der Orientierungstafel.

Genauso im Mittelpunkt steht die

Sprachförderung, die nicht mittels

Sprachkurse, sondern durch Lernen

im Kontext vonstatten geht. Dabei

lernen die Kinder zum Beispiel während

einem ihrer Backnachmittage die

englische Sprache, bei denen Josh,

ein englischsprachiger Pädagoge, der

die ganze Zeit mit den Kinder Englisch

spricht. Mangelnde Deutschkenntnisse

sind an ihrer Schule kein Problem,

versichert Schulleiterin Astrid Pany:

„Die Kinder erlernen bei uns Deutsch

im Kontext, zum Beispiel beim Turnen,

Spielen oder Kochen.“

Doch auch die gute Durchmischung

von Kindern vieler Sprachen trägt

dazu bei, dass hier jedes Kind Deutsch

kann. “Man sollte sich überlegen, wie

man eine so gute Durchmischung, wie

wir sie hier haben, in allen Schulen

schaffen kann“, wünscht sich Pany.

Außerdem wünscht sie sich eine

gemeinsame Schule für alle und mehr

ganztägige Schulen.

VORTEILE EINER

GANZTAGS BETREUUNG

Die Schulkinder würden vom System

der Ganztagsschule doppelt

profitieren: “Erstens bringen unsere

PädagogInnen im Freizeitbereich den

SchülerInnen die Inhalte pädagogisch

sinnvoll bei und zweitens können wir

durch die viele gemeinsame Zeit mit

den Kindern ein viel persönlicheres

Verhältnis aufbauen”, führt Astrid

Konzett-Rauscher fort. In der ganztägigen

Schulform werden Lern- und

Freizeiteinheiten miteinander verschränkt

und wechseln einander ab.

Ein jeder Wiener Bildungscampus


Spiel, Spaß und Bewegung werden am Campus groß geschrieben.

wird darüber hinaus als Ganzjahresschule

betrieben. Mit den

PädagogInnen, die während des

Schuljahrs im Freizeitbereich tätig

sind, wird auch eine Betreuung

in den Ferien und an schulfreien

Tagen angeboten. Das ist vor allem

dann wichtig, wenn beide Elternteile

berufstätig sind und ihr Kind

auch trotz Sommerferien in guten

Händen wissen wollen.

Im Großen und Ganzen verbindet

der Bildungscampus Wien

Donaufeld Freizeit, Spaß und Lernen

in einem gut dachten Konzept,

das die Kinder so schonend wie

Ein Teil des großen Gartens - viel Platz für Bewegung

möglich auf einem guten Weg im

Alter von 0 bis 10 Jahren begleitet,

um den Eltern eine Entlastung

und allen voran den Kindern die

bestmögliche Bildung zu bieten.

Kindergarten und Schule wachsen

in Bildungscampus-Standorten

zusammen. Dieses Ziel wurde

im Bildungscampus Donaufeld

erreicht. Astrid Konzett-Rauscher

sagt lächenlnd: “Manchmal kommt

es vor, dass die Kinder am Abend

gar nicht gehen wollen. Das zeigt

uns dann, dass wir auf dem richtigen

Weg sind.”

KEIN

BAUPLATZ?

KEIN

PROBLEM!

Wo aufgrund von Platzmangel

keine Bildungscampusse

errichtet werden

können, findet die Stadt

Wien eine sinnvolle Lösung:

Die sogenannten Bildungsgrätzl.

Nicht überall im Stadtgebiet findet sich genug

Platz, um einfach so einen Bildungscampus

zu errichten. Trotzdem ist es der Stadt Wien

ein Anliegen, den Kindern bestmögliche

Übergänge zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen

zu ermöglichen. In den

Bildungsgrätzeln werden Kindergärten, Volksschulen

und Neue Mittelschulen in räumlicher

Nähe zueinander verknüpft und die Übergänge

zwischen den Bildungseinrichtungen

erleichtert. In Wien sind an rund 90 Standorten

Volksschule und Neue Mittelschule nahe

beisammen, an 20 Standorten befindet sich

auch ein Kindergarten in unmittelbarer Nähe.

Das neueste Beispiel ist das Bildungsgrätzl

Schönbrunn, mit dessen Eröffnung auch das

Logo der Bildungsgrätzl präsentiert wurde, mit

dem von nun an alle Kooperationen gekennzeichnet

werden. Im Bildungsgrätzl Schönbrunn

arbeiten der Kindergarten Dadlergasse,

die Ganztagsvolksschule Reichsapfelgasse,

die Wiener Mittelschule Kauergasse und das

Oberstufenrealgymnasium Henriettenplatz

eng zusammen. Dabei sind manche Lehrpersonen

auch stufenübergreifend tätig.

Erstmals gibt es im Bildungsgrätzl Schönbrunn

auch die Möglichkeit, vom Kindergarten bis

zur Matura einen Spanischkurs zu besuchen.

Ermöglicht wurde dies durch die enge

Zusammenarbeit der verschiedenen Bildungseinrichtungen.

„Die Kommunikation zwischen

den InstitutionsleiterInnen funktioniert hervorragend

und die gemeinsamen Schulfeste

kommen gut bei den Kindern und Eltern an“,

fasst Gottfried Ellmauer, Direktor des BORG

Henriettenplatz, zusammen. „Dieses Konzept

hat Zukunft. Wir hoffen jedenfalls, dass noch

viele Grätzl nachziehen werden.“


BEZAHLTE ANZEIGE

SOMMER IN WIEN

Von Bubblesoccer bis Open Air-Kino:

Der Sommer in Wien bietet für jeden etwas.

Ob Yoga, Spanisch oder Blogger-Workshops:

Über 1200 VHS-Kurse können im Sommer

zum halben Preis gebucht werden.

Auch ausgefallenere Sportarten können ausprobiert werden.

Fotos: Susanne Einzenberger

RAUS AUS DER

HITZE – REIN INS

KLASSENZIMMER!

Jaja, wir wissen eh, dass ihr in den

Sommerferien lieber draußen seid, als

euch in ein Klassenzimmer zu setzen.

Aber vielleicht ändert sich das bald?

Von 1. Juli bis 31. August gilt nämlich

die Summercard der Wiener Volkshochschulen,

die nur schlanke 34

Euro kostet. Mit dieser Karte könnt ihr

1.200 ausgewählte Sommerkurse im

Angebot um den halben Preis besuchen.

Dabei lernt ihr zum Beispiel, wie

ihr eure Geschichten durch gezieltes

Storytelling in euren Blogs spannender

machen und damit eure Followerzahl

explosionsartig erhöhen könnt, wie

man mit dem Smartphone richtig

gute Fotos schießt oder was eine

gute Bewerbung braucht, damit euch

euer Wunscharbeitgeber mit Handkuss

empfängt. Aber auch klassische

Kurse, die vom Flamenco-Tanzkurs bis

zu Sprachkursen aller Kenntnisstufen

reichen, könnt ihr mit der Sommercard

besuchen. Ihr seht also, dass das

Kursangebot breit gefächert ist. Das

genaue Kursprogramm findet ihr unter

www.vhs.at

WIEN MIT DEM

GEWISSEN X-TRA

Die etwas Jüngeren (6 –13 Jahre)

unter euch können sich im Sommer

auf ganze neun Wochen Ferienspiel

freuen! Dabei könnt ihr zum Beispiel

an mehreren Tagen im Rathaus eure

eigene Stadt planen und diese dann

auf eure Weise erkunden. Ob ihr lieber

MarktstandlerIn auf einem Flohmarkt

seid oder als ReporterIn durch die

neue Stadt jagt, ist völlig egal. Auch

Jobs wie PolitikerIn oder TaxifahrerIn

kannst du problemlos ausprobieren

und dein selbstverdientes Geld kannst

du dann in der Rathaus-Bank anlegen.

Falls du dich lieber spielerisch

betätigst, kannst du in der wienXtra

Spielebox in der Albertgasse deine

eigenen Let’s plays produzieren und

dich selber beim Spielen von den

unterschiedlichsten Videospielen

filmen und dich mit deinen Freunden

messen. Und auch die Detektive unter

euch können in der Spielebox ihre

Fähigkeiten unter Beweis stellen. Beim

Room Escape kommt es darauf an,

knifflige Aufgaben zu lösen und sich so

schnell wie möglich aus den Geheimräumen

zu befreien.

Näheres unter www.ferienspiel.at

und www.spielebox.at


St. Balbach Art Production, Christoph Liebentritt, August Lechner

Das höchste Open-Air-Kino der Stadt zeigt Klassiker, Kultfilme und Publikumserfolge aus aller Welt.

CHILLEN WIE

EINE WILDSAU

Vor allem die Parks in Favoriten und

Ottakring haben im August Hochbetrieb!

Deshalb wird die Wiener

Parkbetreuung in den verschiedensten

Parks Station machen. Am 7. August

trifft man sich zum Beispiel im Erlachpark

in Favoriten, um dann unter dem

Motto “Chillen wie eine Wildsau” einen

gemeinsamen Ausflug in den Lainzer

Tiergarten zu unternehmen. Wenn ihr

es lieber gemütlich habt, ist euch der

karibische Tag am Yppenplatz in Ottakring

ans Herz gelegt. Dort könnt ihr

unter Palmen fancy alkoholfreie Cocktails

ausprobieren und euch in der

Sommerhitze den karibischen Vibes

hingeben. Das Sommerprogramm-

Abschlussfest findet am 8.September

in Form eines Straßenfestes in der

Krichbaumgasse in Meidling statt.

Neben verschiedenen Kreativstationen

findet ihr dort auch eine Open

Stage, auf der ihr eure verborgenen

Talente präsentieren und damit die

anderen Besucher begeistern könnt.

Alle Infos zu Aktionen in Parks in

eurer Nähe findet ihr unter

www.parkbetreuung.wien.at

WIENS HÖCHSTES

OPEN AIR-KINO

Die Cineasten unter euch können sich

über die Sommermonate beim höchsten

Open Air-Kino Wiens die Augen

eckig schauen. Bereits zum 14. Mal

wird das Dach der Hauptbücherei beim

Urban Loritz-Platz heuer zum Kino

unter freiem Himmel umfunktioniert.

Bis zum 3. September könnt ihr euch

zwischen Klassikern wie „Fight Club“

oder „Léon – der Profi“ oder modernen,

aber nicht weniger sehenswerten

Filmen wie „Die Migrantigen“ oder

„T2 – Trainspotting“ entscheiden.

Denn die Devise lautet: Ein Abend, ein

Film. Somit überschneiden sich eure

Lieblingsstreifen auch garantiert nicht.

Perfekt für Kurzentschlossene: Reservierungen

sind beim Kino am Dach

nicht notwendig, Tickets gibt’s eine

Stunde vor Vorstellungsbeginn direkt

bei der Abendkassa. Schnell solltet

ihr dafür trotzdem sein, denn auf dem

Dach haben nur genau 249 Leute

Platz. SchülerInnen und Studierende

dürfen sich sogar über ermäßigten Eintritt

freuen! Detailierte Programminfos

findet ihr unter www.kinoamdach.at

WIEN

Stadt der

Bildung

BUBBLESOCCER UND

SPRAYWORKSHOPS

Auch die Wiener Jugendzentren

treibt es im Juli und August nach

draußen. Egal, ob in nahegelegenen

Siedlungen oder Parkanlagen, im

Garten des Jugendzentrums oder

bei organisierten Ausflügen zu weiter

entfernten Zielen: Diesen Sommer ist

für jeden etwas dabei. Bubblesoccer,

Sprayworkshops, Fußballturniere und

gemeinsame Grillfeste sind dabei

nur ein Teil der angebotenen Aktivitäten.

Falls ihr gerne etwas mit einem

Jugendzentrum unternehmen würdet,

das nicht auf den Websites aufgelistet

ist, könnt ihr eure Vorschläge jederzeit

einbringen. Partizipation wird groß

geschrieben und falls ihr nicht gerade

ein Raumschiff bauen wollt, können

eure Wünsche sicherlich berücksichtigt

werden. Schau einfach rein unter

www.jugendzentren.at


TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

NES is Back –

alright!

Mit dem Nintendo Classic Mini

machen die Japaner ernst und

bringen die nächste Retro-Konsole

raus. Ab dem 29. September

gibt’s 21 Spieleklassiker direkt

am neuesten LED-Fernseher und

damit unkompliziert in jedem

Wohnzimmer. F-Zero und Final

MEINUNG

Reizüberflutung

Auf Spielemessen wie der Electronic

Entertainment Expo (E3) oder der

Gamescom werden die neuesten Blockbuster

vorgestellt.

Dabei entsteht selbst

für hartgesottene

Fans eine Art Reizüberflutung:

EA wird

mit Battlefront 2 die

Herzen der Star Wars

Fans rocken, Ubisoft

polarisiert mit der

Thematik von FarCry

5 und Nintendo bringt mit Super Mario

Odyssey den liebenswerten Installateur

zurück. Mit Wolfenstein

II von Bethesda

kehren wir in eine finstere

Zeit zurück und

mit The Last of Us 2

kommt eine weitere

Fortsetzung ins Haus.

Im Oktober, auf der

Game City, werden

alle Titel auch hierzulande

zum Ausprobieren

bereit stehen. Eines ist also gewiss:

Die spannenden und unterhaltsamen

Games gehen uns nicht aus.

bezeczky@dasbiber.at

Fantasy III bilden mit Zelda: A Link

to the Past wirklich eine Verbindung

in die Vergangenheit.

Der Stachel

des Skorpions

Ab November ist die Xbox X (alias

Scorpio) in Österreich erhältlich.

Viele 4k-Titel wie Forza 7

Motorsport oder State of Decay 2

werden zum Launch bereit stehen.

Die Einstiegshürde mit 499,99 Euro

liegt aber recht hoch…

KOMMANDO

ZURÜCK!

Einmal den Befehl über das

Föderationsraumschiff zu

haben, das ist der Traum

eines jeden Trekkies. Mit

Ubisofts Star Trek: Bridge

Crew wird das möglich. Als

Kapitän geben wir in der

virtuellen Realität Befehle,

als Boardingenieur halten

wir das Schiff zusammen

– wir können in alle

klassischen Rollen des Star

Trek Universums schlüpfen.

Doch wie viele bisherige

VR Titel, ist Star Trek:

Bridge Crew ein inhaltliches

Leichtgewicht. Wir hoffen

auf inhaltliche Updates!

Nintendo, Ubisoft, Microsoft, Marko Mestrović

64 / TECHNIK /


IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

HERAUSGEBER & CHEFREDAKTEUR:

Simon Kravagna

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

STV. CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia

CHEFIN VOM DIENST:

Jelena Pantić

CHEFREPORTERIN:

Melisa Erkurt

LEKTORAT: Christina Gaal

MARKETING: Adam Bezeczky, Andrea Grman

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger, Simon Kravagna

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH

Quartier 21, Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528

redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at

abo@dasbiber.at

INTERNET: www.dasbiber.at

ONLINECHEFIN:

Alexandra Stanić

KOLUMNIST/INNEN:

Ivana Cucujkić, Todor Ovtcharov

FOTOCHEF:

Marko Mestrović

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Aleksandra Tulej, Artur Zolkiewicz, Susanne

Einzenberger, Dragan Tatić, Ammar Alabd

Alhamid, Aladin Nakshbandi, Ahmad

Massoud Omar, Neivein Haddad, Asoo

Khanmohammadi, Bilal Albeirouti, Lajla

Asujeva, Thayer Benshi, Ayham Youssef,

Sandro Nicolussi, Suzana Milic, Johanna

Gudella, Mine Celik, Livia Klingl

ÖAK GEPRÜFT 2. HJ 2016:

Druckauflage 85.000 Stück

verbreitete Auflage 78.650 Stück

DRUCK: mediaprint

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

LAYOUT: Dieter Auracher

wgkk.at

www.wgkk.at

Sie werden im Urlaub krank? Kein Grund zur Sorge!

Mit der blauen Seite Ihrer e-card (Europäische

Krankenversicherungskarte EKVK) sind Sie in den meisten

europäischen Ländern krankenversichert.

Achtung: In der Türkei gilt die e-card nicht!

Hier brauchen Sie einen Auslandsbetreuungsschein.

Nähere Informationen unter

www.wgkk.at/auslandsbetreuungsschein


MEINUNG

Lieb Dich – denn

die Welt ist ein Idiot

Das Fotoshooting wurde letztlich abgedruckt.

Aber genannt werden wollte

keiner. Der Fotograf nicht, das Styling

nicht, die Designer nicht. Denn es

handelte sich um ein sexy Shooting

für Unterwäsche, wobei nicht sexy das

Problem war, sondern die Trägerin: ein

Plus-Size-Model. Keiner wollte in Verbindung

gebracht werden mit „etwas“, das

Größe 36 überschreitet. Diese Geschichte

erzählt die Chefredakteurin der australischen

Cosmopolitan im Film „Embrace“.

Wer den Film nicht gesehen hat, sollte

das dringend nachholen, denn er zeigt,

wie krank unsere Welt ist – und vor allem

macht. Mädchen mögen ihren Körper

nicht. Mädchen sagen, dass sie zu

dick sind, zu fett, dass sie sich nicht

nackt im Spiegel anschauen. Dass

sie sich fürchten, jetzt, in der Bikini-

Saison. Und das Schlimmste: Männer

(und Frauen!) bestätigen ihre Angst –

wie jede Werbung an jeder Ecke. Das

Ganze macht bei Prominenten keine

Ausnahme: Beyoncé, hochschwanger,

wurde „ge-fatshamed“ und

zuletzt sogar Queen Rihanna. Was

soll man zu all dem sagen, außer:

Rebelliere! Lieb dich. Ideale sind

Konstrukte und du bist echt.

antia@dasbiber.at

LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt.

Von Delna Antia

INSTA-TIPP

Fake-Posts

Imre Cecen klärt auf

Instagram über Wahrheit

und Falschheit von Bildern

auf: Etwa mit Hilfe ihres

Popos. Damit zeigt der

Insta-Star: Nicht alles ist

echt, was rund ist. Und

Imre macht klar: Richtiges

Posing ist die halbe Miete

für ein sexy Bikini-Foto.

Ein guter Ansatz: Unretuschierte

Desigual-Bikini-Kampagne

Haar-Tipp

BIRKE & VERA

Ein Zufallskauf bei Müller und

seither Dauergäste auf meinem

Badewannenrand: Das Aloe Vera

Shampoo und der Conditioner

„Nordic Birch“ vom dänischen Label

Urtekram. Natur pur und schäumt

kräftig. Mein Geheimtipp!

FRISUR-HINWEIS

Cut dem Undercut

Wie das Magazin Bento berichtete, wurden

in der syrischen Provinz Idlib Flugblätter verteilt,

die verkündeten, dass die Lieblingsfrisur

der jungen, syrischen Männer – nämlich der

Undercut – von nun an verboten ist. Unter

anderem. Alle Frisuren, die weder Glatze

noch „gleichlanges Haar“ sind, stehen jetzt

auf der roten Liste. Auch auf Instagram verbreitete

der IS diese Nachricht. Dort verpackt

er das Verbot bewusst cool und jugendlich

mit hellblauem Flyer und rotem Balken.

Dieser Insta-Style wird übrigens „Jihadi

Cool“ genannt, eine Art Kriegspropaganda

zur besseren Verbreitung von Botschaften im

Social Media. Doch die jungen Syrer aus Idlib

bleiben unbeeindruckt: Der Undercut wird

weiter geschnitten und gestylt. „Ich trage,

was ich will“, sagt einer.

Desigual, Marko Mestrović, Urtekram, bereitgestellt, instagram.com

66 / LIFESTYLE /


MANN & BODY

Du bist,

was du isst

Von Artur Zolkiewicz

Tipp

Besser schlafen

Wenn Du besser schlafen

willst, solltest Du keinen

Kaffee nach 14 Uhr und

nicht mehr als 1-2 alkoholische

Getränke am Abend

trinken. Diese können

nämlich den erholsamen

Tiefschlaf hindern.

YOU

ARE

Marko Mestrović, pixelio.de

MEINUNG

Warum man den Medien

in Sachen Diät nicht

immer glauben sollte

„Fleisch verursacht Krebs“ oder „Kokosöl

ist ungesund“ sind Themen, die in den

letzten Monaten international von vielen

führenden Medien aufgegriffen wurden.

Die wenigsten hinterfragten die sensationell

klingenden Schlagzeilen.

Ich bin der Meinung, dass man mit solchen

Statements ganz vorsichtig umgehen

sollte. Es stimmt zwar, dass diese Informationen

nicht aus dem Daumen gesaugt

wurden, sondern auf Studien basieren,

die zu diesen Schlüssen gekommen sind.

Dabei darf aber nicht vergessen werden,

dass es zu jeder Studie immer mindestens

eine andere Studie gibt, die genau den

Gegenfall beweist. Ein Statement, welches

wie eine sensationelle Erfindung klingt, ist

daher oft nur ein Teil der Wahrheit. Diese

vereinfachte Darstellung einer Information

führt bei vielen Menschen zur Verwirrung.

Ich sage nicht, dass man den Medien nicht

glauben sollte. Ich bin aber der Meinung,

dass man den Informationen, die von

den Medien übertragen werden, kritisch

gegenüber stehen sollte.

Ich versuche solche Informationen immer

genauer zu recherchieren und erst dann

eine Entscheidung zu treffen, ob ich vielleicht

ein gewisses Lebensmittel reduzieren

bzw. aus meiner Ernährung ganz

streichen sollte.

zolkiewicz@dasbiber.at

Zahl

des Monats

10.000

Schritte täglich senken

das Risiko, an Altersdiabetes,

Herzinfarkt und

Krebs zu erkranken.

FUN FACT

In der App “Zombies, Run!”

rennt man beim Lauftraining

vor virtuellen Zombies davon.

AT

HOME

BABY

FM4.ORF.AT

@RADIOFM4

/ LIFESTYLE / 67



Ich bin stark und

ich schaffe das!


Ismail Noori, 18

68 / RAMBAZAMBA /


AFGHANISTAN,

SACHERTORTE UND

KICKBOXEN

Ismail Noori ist aus Afghanistan geflüchtet, kein

volles Jahr in Österreich und hat bereits eine fixe

Lehrstelle im Hotel Sacher und ist Staatsmeister

im Kickboxen. Die unglaubliche Geschichte eines

jungen Mannes mit eisernem Willen.

eine einzige Niederlage. Ismail kämpft in

der Gewichtsklasse von 60 Kilogramm,

da es bei der Meisterschaft aber keinen

Kampfpartner für ihn gab, kämpfte er

in der 65kg Klasse und siegte. Umso

beeindruckender macht den Sieg die

Tatsache, dass Ismail an Asthma leidet,

das in manchmal in die Knie zwingt.

Deshalb verlässt er das Haus nicht ohne

sein Asthmaspray. Beim Kämpfen hat er

schon eine Strategie ausgearbeitet: zwei

Minuten kämpfen, 15 Sekunden Pause,

in der Pause zwei bis drei Mal inhalieren.

Dann klappt es auch mit der Staatsmeisterschaft.

Ich habe zu meinem Vater gesagt:

‚Papa, ich will nach Österreich!’

Er fragte mich, wo das sei. Ich

sagte: ‚Ich zeig es dir, wenn ich

dort bin.‘” Zu dem Zeitpunkt ist

Ismail Noori 17 Jahre alt und macht sich

nach Österreich auf, um dem Grauen

Afghanistans zu entkommen. Circa acht

Monate später hat er eine fixe Lehrstelle

als Koch im Hotel Sacher und ist Staatsmeister

im Kickboxen. Aber eins nach

dem anderen.

KÜCHENHILFE MIT 9

Bereits mit sieben Jahren hat Ismail

begonnen als Putzkraft in einem Restaurant

zu arbeiten. Mit neun bat er seinen

Chef, ihn in der Küche aushelfen zu

lassen. Ismail hatte seinen Traumjob

gefunden: Er wollte Koch werden. Dass

er im Jahr 2016 über 2500 Menschen im

Flüchtlingsheim Traiskirchen bekochen

wird, hat er sich damals nicht ausmalen

können.

Heute kocht der 18-Jährige in kleinerem

Rahmen, hauptsächlich für seine

„österreichischen Eltern“ und deren

11-jährigen Sohn, mit denen er gemeinsam

im fünften Bezirk lebt und die ihn

tatkräftig unterstützen. Im Interview

spricht Ismail oft von seiner

Mutter und seinem Vater,

stellt nach unserer Verwirrung

aber klar, dass das

seine „österreichische Mutter

und sein österreichischer

Von Jelena Pantić und Ayham Youssef, Foto: Marko Mestrović

Vater” seien. Vor ihnen äußert Ismail

den Wunsch im Hotel Sacher zu arbeiten.

Also macht sich seine Austromama

Felicitas mit ihm ans Werk, eine Spitzenbewerbung

zu schreiben. Zur Recherche

gehen die beiden direkt ins Hotel Sacher,

Kaffee und Sachertorte kurbeln schließlich

den Schreibfluss an. Die Vorbereitung

hat gefruchtet: Ismail überzeugt

beim Bewerbungsgespräch und darf ab

August eine fixe Lehrstelle in seinem

Traumbetrieb antreten. Die nächsten

drei Jahre wird er dort ausgebildet und

erhofft sich „ein toller Koch zu werden”.

Deutsch kann Ismail auf B2 Niveau und

Österreich zugehörig fühlt er sich sowieso:

„Ich fühle mich nicht als Flüchtling,

ich bin Österreicher.”

MEISTER TROTZ ASTHMA

Ismails zweite große Leidenschaft ist

das Kickboxen. Fünfmal die Woche für

je zwei Stunden trainiert er im Shinergy

Studio im achten Bezirk mit seinem

Trainer Ronny. Und das sehr erfolgreich,

denn seit zwei Monaten darf er sich stolz

mit dem Titel „Staatsmeister im Kickboxen”

schmücken. Insgesamt kann “Isi”

bereits drei Goldmedaillen und einen

Gürtel sein Eigen nennen - und das ohne

Der Co-Autor AYHAM YOUSSEF ist 25 und seit sechs Jahren als

Fotograf tätig. In seiner Heimat Syrien war sein Spezialgebiet

Kriegsfotografie und er hat auch zwei Dokumentarfilme

gedreht. Seit 2015 ist er in Österreich und absolviert nun sein

Arbeitspraktikum bei der Tageszeitung Der Standard.

ASYLBESCHEID

& FREUNDIN

Doch manchmal holt die dunkle Seite der

Realität den Überflieger auf den Boden.

Seine Familie ist immer noch in Afghanistan,

seine Mutter hat Ismail seit zwei

Jahren nicht gesehen. Seinem jüngsten,

zweijährigen Bruder ist er noch nie

begegnet. Von seinen Eltern und seinen

fünf Geschwistern getrennt zu sein, fällt

ihm schwer, aber er hält sich über Wasser:

„Ich bin stark und ich schaffe das.”

Der Sport hilft ihm dabei. Am liebsten

würde der Kickboxer für den Titel des

Europameisters oder sogar Weltmeisters

antreten. Was ihn davon abhält ist die

Tatsache, dass er keinen fixen Asylbescheid

hat und daher nicht ausreisen

darf. Beim Kickboxen lässt Ismail alle

seine Aggressionen raus und wirkt

dadurch sehr sanftmütig und ausgeglichen.

„Zu Hause und auf der Straße bin

ich kein Kickbox-Staatsmeister, sondern

einfach nur Ismail. Ich würde niemandem

außerhalb des Ringes auch nur ein Haar

krümmen. Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen,

ich habe viele Tote gesehen.

Ich habe genug von Krieg und Gewalt”,

erzählt er ruhig.

Neben seinem fixen Asylbescheid

fehlt Ismail eigentlich nur noch eine

Freundin. Welcher Religion oder Nation

sie angehört, sei ihm völlig egal, sie soll

nur nett sein und ein großes

Herz haben. Spätestens nach

der Lehre hätte Ismail gerne

eine Freundin, „aber vielleicht

passiert es auch früher,

wer weiß das schon.” ●

/ RAMBAZAMBA / 69


MEINUNG

Kunst

ohne

Museum?

Stell dir vor, du kannst dir alle

Kunstwerke dieser Welt ansehen

und musst nicht einmal dein Wohnzimmer

verlassen. Google macht’s

möglich. Ich kannte bis vor kurzem

die “Art and Culture” App nicht, jetzt

nutze ich sie regelmäßig. Die Vision:

Zugang zu Kunst und Kultur für

alle, überall. Eine Gigapixel Kamera

nimmt hunderte oder tausende sehr

hochauflösende Bilder vieler Kunstwerke

aus Museen weltweit auf. Die

Software setzt sie dann zu einem

Gigapixelbild zusammen - so kann

man an Details heranzoomen, die in

echt so gar nicht zu erkennen sind.

Auch eine 360 Grad Funktion gibt es,

um ganze Räume am Smartphone zu

sehen. Ein weiterer Vorteil: Man kann

sich Kunstwerke in Ruhe am Handy

anschauen, ohne dass Menschenmassen

einem das eigene Tempo

durcheinander bringen. Ersetzt das

einen Museumsbesuch? Nein, natürlich

nicht, denn die Begegnung mit

dem Original ist und bleibt ein besonderes

Erlebnis. Aber es ist eine spannende

Ergänzung. Nutzt ihr die App?

pantic@dasbiber.at

KULTURA NEWS

Verstaubte Museen sind

Schnee von gestern.

Von Jelena Pantić

FOTOCONTEST

Sag mal, wo ist eigentlich

dein #NeoÖsterreich? Poste

Fotos von Orten, Menschen,

Dingen, die für dich das

neue Österreich darstellen

und nimm damit an unserem

Fotocontest mit der Albertina

teil! #NeoÖsterreich läuft bis

8.10. – die GewinnerInnen werden

auf Social Media gepusht

und kommen in die biber

Oktober Ausgabe! Mehr Infos

auf www.dasbiber.at

ROMANTIC COMEDY

À LA SAUDI

Wetten, ihr habt noch nie eine

saudi-arabische Liebeskömodie

gesehen? Dann habt ihr mit “Barakah

meets Barakah” die Möglichkeit

dazu! Barakah ist Ordungsbeamter

und Wannabe-Schauspieler aus

ärmlichen Verhältnissen. Die schöne

Bibi ist Model, IT-Girl und Vloggerin

und Tochter eines reichen Paares

mit Eheproblemen. Sich ineinander

verlieben war einfach, die junge Liebe

ausleben eher weniger. Geschickt

Tipp

WIENER

WORTSTÄTTEN

Wiener Wortstätten ist ein interkulturelles

Autorentheaterprojekt, das

in Wien lebende AutorInnen pusht,

deren Muttersprache nicht Deutsch

ist, die aber auf Deutsch schreiben.

www.wortstaetten.at

MAVIBLAU

ist ein deutschsprachiges Online-

Magazin mit Hauptsitz in Istanbul,

das sich mit Geschichten, Ereignissen

und Begegnungen zwischen

der Türkei und der deutschsprachigen

Welt im Bereich von Kunst,

Kultur und Gesellschaft beschäftigt.

www.maviblau.com

umgehen die beiden das saudische

System von Tradition, Etikette und

Religionspolizei. Eine Liebeskomödie

von Regisseur Mahmoud Sabbagh

mit Hisham Fageeh und Fatima

Al Banawi in den Hauptrollen, die

schon bei der Berlinale 2016 ausgezeichnet

wurde. Hisham Fageeh

kennen vielleicht manche von euch

aus seiner YouTube Bob-Marley-Parodie

«No Woman, No Drive».

Ab 18. August 2017 in den Kinos.

Marko Mestrović, Filmladen Verleih

70 / KULTURA /


IMMER

WIDER

BRAV!

Das 40 Jahre

Mit freundlicher Unterstützung der

Fest.

FALTER Fest.

22.9.2017

Ottakringer Brauerei

falter.at/fest

/ MIT SCHARF / 71


Die

Syrer

kommen

Fast unbemerkt haben sich tausende Syrer in Österreich einen

Lebensraum geschaffen – so wie vor Jahrzehnten die türkischen

Zuwanderer. Werden die neuen Migranten sich schneller

integrieren? Das Magazin profil nahm mit 15 Redakteuren aus der

biber Flüchtlingsakademie einen Reality Check vor.

Von: Clemens Neuhold (profil) und 15 Redakteuren aus der biber Flüchlingsakademie

Dieser Artikel erschien im Mai 2017 im profil.

72 / INSIDE AUT /


Schade, dass es noch keine syrische

Fleischerei gibt“, sagt Nivin Al Haddad

im syrischen Supermarkt Hammoud am

Wiener Brunnenmarkt. „Warte noch eine

Woche“, sagt der junge Besitzer und zeigt

auf einen Stand gegenüber. Er lebt seit neun Jahren in

Österreich und ist stolz darauf, mit welchem Tempo sich

seine Landsleute hier ausbreiten. Bisher war der Brunnenmarkt

türkisch dominiert. Doch im inneren Sektor

hat das syrische Falafel dem Döner-Kebab bereits den

Rang abgelaufen. Kichererbsen, Minze, Mango-Sauce

und Rote Bete in dünnes Brot gewickelt – das ist neu.

Seit 2015 strömten Zigtausende Syrer ins Land,

die meisten landeten in Wien, so wie Nivin. Der Markt

in Wien Ottakring ist – im doppelten Sinne – zu ihrem

Lebensmittelpunkt geworden. In prall gefüllten Ständen

finden sie die für ihre Küche typischen Zutaten wie

Mutabbal (Melanzani-Paste), Foul (Bohnen), das dünnzähe

arabische Brot oder Kichererbsen in allen Varianten.

„Man spricht Arabisch“: Es sind solche Schilder, die

mit ihren geschwungenen Schriftzeichen die Arabisierung

des Marktes augenfällig illustrieren.

Relativ unbemerkt schufen sich Syrer ihre eigenen

Lebensinseln in Österreich – so wie Jahrzehnte zuvor

Türken. In beiden Fällen handelt es sich großteils um

sunnitische Muslime. Auf Märkten oder in Moscheen

kreuzen sich ihre Wege. Syrer kaufen in Etsan-Supermärkten

Halal-Fleisch, Türken beschäftigen Syrer in

ihren Restaurants. In Moscheen beten sie Seite an

Seite, auf den Märkten sind sie Konkurrenten. Der Großteil

der Türken hat sich in einer muslimisch-türkischen

Parallelwelt eingerichtet. Deutschkurs-Brunnenmarkt-

Wohnung-Moschee-Shisha-Bar – so sieht auch die

Lebensrealität vieler Syrer aus. Auf den ersten Blick

spricht wenig dafür, dass die Zuwanderer aus dem

Nahen Osten stärker in der heimischen Gesellschaft

aufgehen werden als Türken. Auf den zweiten Blick

schon mehr.

FACHKRAFTPROBEN

Der 35-jährige Bilal Albeirouti arbeitete in seiner Heimat

als Sportjournalist, der 24-jährige

Kurde Mamo Issa als Kameramann

und Schnitttechniker, der 35-jährige

Chaouki Koujan als Grafiker. Sie sind

drei von 15 Flüchtlingen, die sich in

der biber Flüchtlingsakademie fit für

den heimischen Arbeitsmarkt machen

wollen und an dieser Story mitarbeiteten.

Sie stammen aus Damaskus

und bringen von dort ein höheres

Bildungslevel mit als einst türkische

Gastarbeiter aus ihren anatolischen

Dörfern. Ein Kompetenzcheck des

Arbeitsmarktservice AMS ergab, dass

62 Prozent der Syrer entweder Matura

„Ich bin 51 Jahre alt.

Um für eine österreichische

Zeitung zu

schreiben, muss ich

zuerst das höchste

Deutsch-Niveau

erreichen.“

SYRER AUF

DEM ARBEITS-

MARKT

ARBEITSLOS: 13.000

DAVON IN SCHULUNG: 7000

ANGESTELLT: 3000

SELBSTÄNDIG: 211

oder sogar Studium vorweisen konnten. Unter Österreichern

mit türkischem Migrationshintergrund haben 60

Prozent der 25- bis 64-jährigen Menschen nur Pflichtschulabschluss.

Das reichte in den 1960er-Jahren als

Eintrittsticket für den Arbeitsmarkt. Für die Flüchtlinge

von heute jedoch bedeutet selbst Fachwissen keine

Jobgarantie.

75 Prozent der Syrer in Österreich sind derzeit

arbeitslos oder in Schulung und leben von Sozialhilfe.

Auch die „biber“-Mitarbeiter wissen nicht, ob sie jemals

in ihrer alten Branche Fuß fassen

werden. „Das ist meine letzte Chance.

Sonst geh ich ins Hotel oder an die

Tankstelle“, sagt Bilal. Der Syrer

Aladin Nakshbandi hat am meisten

Zeitungserfahrung innerhalb der Gruppe:

„Ich bin 51 Jahre alt. Um für eine

österreichische Zeitung zu schreiben,

muss ich zuerst das höchste Deutsch-

Niveau erreichen.“

PREISKAMPFZONE

Auf dem Brunnenmarkt interviewen

sie auf Arabisch Landsleute,

die nicht mehr in der AMS-Statistik

/ INSIDE AUT / 73


AUSBILDUNG

SYRISCHER

FLÜCHTLINGE

25 % STUDIUM

37 % MATURA

24 % PFLICHTSCHULE

12 % GRUNDSCHULE

2 % KEINE SCHULBILDUNG

aufscheinen. 211 Syrer sind offiziell als Selbstständige

gemeldet. Sie haben den Markt in eine Preiskampfzone

verwandelt. „Türken verkaufen zu Fixpreisen,

wir senken die Preise, um mehr zu verkaufen“, sagt

der syrische Greißler Mohamed Lababidi. Seine

Landsleute bieten Falafel-Rollen plus Getränk ab

1,80 Euro an, das salzige Jogurt Ayran ab 50 Cent.

Polnische Eier kosten 2,40 Euro pro 30 Stück. Zuvor

lag der niedrigste Preis bei ebenfalls nicht gerade

hühnerfreundlichen 3,50 Euro. „Sogar Fäuste sollen

einmal geflogen sein“, erzählt man sich am letzten

österreichischen Würstelstand mit neuerdings

arabischen Nachbarn. Ein Kellner eines türkischen

Restaurants beäugt die Menschentraube vor einem

der neuen Stände und schüttelt den Kopf. „Wir

kamen mit nichts, haben uns das hier aufgebaut.

Sie haben die Taschen voller Scheine, weil sie Geld

vom Staat bekommen. Und sehen Sie sich diese

Dosen-Wirtschaft an!“ Ähnlich grantig haben wohl

einst österreichische Marktleute auf die Ankunft der

Türken reagiert. „Syrer spielen mit Preisen. Doch gut

für die Kunden“, meint Redakteur Ammar Jalali.

Nicht jeder hat nach der Flucht das nötige

Kleingeld für einen syrischen Imbissstand oder ein

Restaurant. Manchen reicht die eigene Küche und ein

Internet-Zugang. Es gibt syrische Frauen, die über

„Social-Media-Restaurants“ auf Bestellung Originalgerichte

in einer Qualität kochen, die man selbst in

syrischen Restaurants schwer findet.

MAN SPRICHT AUCH DEUTSCH?

Der Verkäufer Lababidi genießt es, Einheimischen

syrische Spezialitäten zu empfehlen, und hat damit

Freunde gewonnen. Andere Syrer bewegen sich noch

immer in einer rein arabischen Welt. Meist macht die

Sprache den Unterschied aus. „Die Voraussetzungen

sind heute vollkommen andere. Wir haben unser Angebot

an Deutschkursen massiv ausgebaut, weil wir die

Fehler von früher vermeiden wollen“, sagt Integrationsminister

Sebastian Kurz (ÖVP).

„Wir warteten drei Jahre auf unseren Asylstatus und

fünf auf einen Deutschkurs. Der Unterschied zu früher

ist wirklich gigantisch“, erzählt Redakteurin Lajla Asujeva.

Die 50-jährige Tschetschenin erinnert ihre syrischen

Kollegen daran, wie privilegiert sie im Vergleich zur

tschetschenischen Flüchtlingswelle vor über zehn

Jahren sind. Den türkischen Gastarbeitern wiederum

fehlte einst das Geld oder die Zeit für Deutschkurse.

Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ), die wegen ihrer

palästinensischen Wurzeln mit den Redakteuren auch

Arabisch smalltalkt, sagt: „Bisher haben Flüchtlinge

bis zum ersten Sprachkurs viel zu viel Zeit verloren. Ab

September müssen sie ein Integrationsjahr durchlaufen.“

Während Redakteur Aladin sich in Richtung

C1-Sprachlevel quält, gibt seine Tochter bereits

Nachhilfe in Mathematik. Er ist vor fünf Jahren mit

fünf Kindern nach Österreich ausgewandert. Bildung

Vor dem Markt bringt Mai Nayef, die seit 2 Jahren im Land ist, ihre

Kinder in den Islam-Kindergarten.

74 / INSIDE AUT /


ist vererbbar. Das kann sich auf die

Integration der zweiten und dritten

Generation der Syrer positiv auswirken.

Die Türken wurden durch ihr Erbe

gelähmt. Noch in der dritten Generation

ist die Zahl der ungebildeten

Hilfskräfte hoch – und mit 20 Prozent

auch die Arbeitslosigkeit unter türkischstämmigen

Menschen im Land.

Ein Job ist nicht der einzige Gradmesser

für Integration. 75 Prozent

der Austro-Türken votierten für das

Verfassungsreferendum von Präsident

Recep Tayyip Erdoğan. Seither ist das

Gefühl der Entfremdung zwischen Türken und Österreichern

so groß wie nie. „Im Unterschied zu Türken haben

wir keinen Führer“, sagt Bilal; das könne hilfreich für die

Integration sein. Allerdings bewundern viele Syrer die

Stärke des türkischen Herrschers. Andere bezeichnen

Alexander Van der Bellen als „unseren Präsidenten“.

DAS NEUE GESICHT DES ISLAM

Mit der Flüchtlingswelle stieg die Zahl der Muslime in

Österreich von 600.000 auf 700.000 und damit die

Angst vieler Österreicher vor einer Erosion der heimischen

Werte. Der gebürtige Syrer Tarafa Baghajati,

Obmann der Initiative muslimischer Österreicher, meint:

„Syrien ist in seiner Geschichte auf Diversität und Pluralität

aufgebaut, seit Tausenden von Jahren.“

Redakteurin Shahade erinnert sich: „Ich lebte mit

Juden, Christen, Aleviten und verschiedenen Arten von

Muslimen in einem Haus und wusste nicht einmal, ob

mein Nachbar Christ war.“ Der syrische Flüchtling Aho

Barsum hat die Frage Moslem oder Christ erst im Libanon

und in Österreich kennengelernt. „Bei uns in Syrien

war die Frage unerwünscht.“

Bei einer Befragung der Österreichischen

Akademie der Wissenschaften unter 400 syrischen

Flüchtlingen stuften sich 36 Prozent als gar nicht

oder eher nicht religiös ein. 60 Prozent meinten, eher

religiös, und nur drei Prozent, streng religiös zu sein.

Fundamentalisten wollen das ändern. Der Politologe

Thomas Schmidinger schildert, wie österreichische

Ableger der Muslimbrüder versuchen, Einfluss auf

Flüchtlinge zu nehmen. Sie warnen vor den Abgründen

der westlichen Welt und fädeln die Kontakte

geschickt ein. „Sie gaben uns Gratis-Deutschkurse.

In der Pause mussten wir beten, und das Rauchen

war verboten“, erzählt ein Syrer über die etwas

andere Willkommenskultur im Hinterhof.

In der „biber“-Akademie sind alle religiösen

Spektren vertreten. Nach dem Aufschrei über die

Kopftuch-Aussage von Alexander Van der Bellen

(„Alle Frauen bitten, aus Solidarität ein Kopftuch

zu tragen“) diskutieren wir über die Skepsis der

Österreicher gegenüber konservativen Muslimen:

Aladin meint, das Kopftuch sei religiöse Pflicht und

„Ich lebte mit Juden,

Christen, Aleviten

und verschiedenen

Arten von Muslimen in

einem Haus und wusste

nicht einmal, ob mein

Nachbar Christ war.“

klar aus dem Koran abzuleiten; Amr

entgegnet, es sei bloß Ausdruck der

Kultur; Bilal wiederum erzählt von

seiner Schwester, die kein Kopftuch

trägt, aber fünf Mal am Tag zu Allah

betet. „Eine Frage, 15 Ansichten, das

ist Syrien“, sagt Shahade. Sie will ihr

Kopftuch trotz „böser Blicke“ in der

U-Bahn weiter tragen.

SAUDISCH ODER NUR

ARABISCH?

Welchen Einfluss auf die Integration

der Syrer hat die größte Moschee

Österreichs, das Islamische Zentrum nahe der Donauinsel?

Seit der Flüchtlingswelle platzt sie aus allen Nähten.

Wie der Brunnenmarkt ist sie erste Anlaufstelle für

Syrer, denn auch hier spricht man Arabisch. Obwohl die

Moschee über 2000 Gläubige fasst, beugen sich vor der

Moschee die Zuspätgekommenen im Regen Richtung

Mekka. Drinnen stehen Männer dicht gedrängt Schulter

an Schulter. Ein bulliger Ordner bringt mit strengem

Gestus die Zehenspitzen auf Linie. Frauen beten abgetrennt

in einem anderen Trakt. Ein ägyptischer Imam mit

durchdringendem Blick predigt von der erhöhten Kanzel

über die Pflicht zu arbeiten, der bosnisch-stämmige

Imam übersetzt Teile auf Deutsch. „Ein guter Moslem

ist nicht faul. Er muss fleißig sein. Brennholz sammeln

ist besser als betteln.“ Das Thema ist nicht zufällig

gewählt. Das AMS hat beim Eingang einen Beratungsstand

aufgebaut.

In den 1970er-Jahren von Saudi-Arabien finanziert,

wird das Islamische Zentrum heute von der Islamischen

Weltliga erhalten. So steht es in der „Islam-Landkarte“,

Riyads Falafel: Kichererbsen, 7 Gewürze und 2 Kräuter faschiert, Minze,

Rote Bete, Mango-Sauce.

/ INSIDE AUT / 75


ISLAM

DER

SYRER

Ein ägyptischer Imam predigt über die Pflicht zu arbeiten, in der

Vorhalle hat das AMS einen Stand installiert.

2,8 % STRENG RELIGIÖS

61,7 % EHER RELIGIÖS

19,4 % EHER NICHT RELIGIÖS

16,1 % GAR NICHT RELIGIÖS

einem Überblick über österreichische Moscheen und

Vereine: „Über ein internationales Netzwerk aus Bildungseinrichtungen,

Moscheen und Kulturzentren propagiert

die Islamische Weltliga die erzkonservative wahhabitische

Ausprägung des Islam.“ Der bosnisch-stämmige Imam

versichert nach der Predigt: „Wir vertreten keine saudische

Ideologie. Das wäre bereits aufgefallen. Wir arbeiten mit

dem Verfassungsschutz zusammen.“ Beim Ausgang der

Moschee hängen Folder, die islamische Schulen in Wien

empfehlen. Betont prominent zeigen sie kleine Mädchen

mit Kopftuch. Eine Stunde nach der Predigt hat sich die

Menge zerstreut. Männer und Frauen finden sich vor der

Gebetshalle zu einer Trauung ein, zwei Frauen tragen

Niqab. Diese Vollverschleierung ist ab Herbst in Österreich

in der Öffentlichkeit verboten. Im Islamischen Zentrum

werden den neuen Muslimen alle Facetten des Islam

vorgelebt.

„Laut Islam sollst du fleißig, hilfsbereit, ehrlich und gut

zu den Armen sein. Wer hält sich in unseren islamischen

Heimatländern bitte daran?“, findet Amr das Thema

Religion in Österreich überbewertet. „Die Österreicher

sind eigentlich viel mehr Muslime als wir.“ Alle stimmen

ihm zu. ●

DIE KOOPERATION ZWI-

SCHEN PROFIL & BIBER

15 Medienschaffende – vorwiegend aus Syrien,

aber auch aus Afghanistan, Tschetschenien oder

dem Iran – haben ihre berufliche Erfahrung nach

Österreich mitgebracht und absolvieren einen

Medienkurs bei biber. In dieser Story betätigen sich

Flüchtlinge als Journalisten.

Für ihr profil-Gastspiel führten sie – gecoacht von

profil-Redakteur Clemens Neuhold – Interviews auf

Märkten oder in Moscheen, recherchierten Zahlen,

Daten, Fakten zur Integration, drehten Videos,

besuchten Politiker wie Muna Duzdar, fotografierten,

bauten Grafiken. Ihre Sichtweisen über Österreich,

Islam, Integration flossen ein. biber schult in

seiner Akademie Migranten journalistisch und vermittelt

sie im Anschluss an Medien oder verwandte

Branchen. Ziel ist es, die Stimme der in heimischen

Medien stark unterrepräsentierten Migranten zu

stärken. Der Flüchtlingslehrgang ist die logische

Weiterentwicklung dieser Idee.

76 / INSIDE AUT /


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„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov

Literaturanmache

Ich war neulich beim Slawistik-Sommerfest.

Aufgelegt hat mein Freund DJ Bate

Gojko und die Party lief mit voller Kraft.

Eine Party wie jede andere. Viele Menschen,

laute Musik und haufenweise Leute, die da sind,

um sich zu betrinken und nach neuen Liebesabenteuern

zu suchen. Eine Situation, die jeder

kennt. Wenn man aber Philologinnen beindrucken

will, tut man es am besten mit zeitgenössischer

Literatur. Die Klassik hilft aber auch, da

deren Kenntniss zeigt, dass man ein „Kenner“

ist.

Ich habe einen Freund, der bei solchen Partys

Mädchen immer mit dem Satz „Was hältst du

von James Joyce?“ ansprach. Danach folgte

ein langes Gespräch über die Kraft des Unterbewusstseins.

Und es war mehr als klar, wohin

„die Kraft des Unterbewusstseins“ führte – zur

kleinen Wohnung meines Freundes. Es war

komisch, aber er hatte mit James Joyce immer

Erfolg, ganz egal, ob die Dame ihn kannte oder

nicht. Einmal versuchte er Joyce mit Orhan

Pamuk zu tauschen. Zu dieser Zeit hatte der türkische

Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur

erhalten. Es stellte sich heraus, dass die Mädchen

weniger auf Orhan Pamuk reagieren, der

Name war ihnen zu exotisch und sie beendeten

das Gespräch rasch. Deshalb kam er zurück zu

Joyce, da war ihm der Erfolg sicher.

In einer kleinen Musikpause auf dem Slawistik-

Sommerfest lausche ich dem Gespräch von

einem Jungen und einem Mädchen am Tisch

nebenan. Etwas in ihrem Gespräch kommt mir

bekannt vor. Sie sprechen weder über Joyce,

noch über Orhan Pamuk. Der Junge erzählte

dem Mädchen....von einer meiner Biber-Kolumnen.

Das Mädchen lachte und es schien so, als

wäre der Typ auf dem richtigen Weg.

Es erfüllte mich mit Stolz. Irgendwie reihte ich

mich zusammen mit klassischen Schriftstellern,

selbst wenn es in der Anmache von einem

zufälligen Typen war. Bis jetzt dachte ich, dass

nur meine Mama meint, dass diese Kolumnen

lesenswert wären und jetzt hörte ich meine

Worte in dem Mund eines Unbekannten. Die

Musik wurde wieder laut und ich hörte nicht

das Ende der Geschichte, ich sah nur wie sich

der Junge immer mehr zum Mädchen lehnte.

Vielleich gibt es doch einen Sinn diese Kolumnen

weiterzuschreiben, selbst wenn es nur für

die zwei ist.

Bald gingen die beiden irgendwohin und ich

blieb da mit der lauten Musik und mit meinem

schon warmen Bier. ●

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