Heimat-Rundblick Nr. 121, Sommer 2017

Druckerpresse

Geschichte, Kultur und Natur aus der Region Wümme, Hamme, Weser.

Sommer 2017

Einzelpreis € 4,50

2/2017 · 30. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 121

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE · KULTUR · NATUR

I N H A L T

unter anderem:

Auch Reptilien brauchen Freunde

Fritz Mackensen „Dr. h. c.“

Jürgen Christian Findorff in Osterholz

Antiqua sidewendige

Die Karte!

113 Jahre Arbeit für Heimat

und Umwelt

Rundgang durch Verden

Umstellt und entstellt

I N H A L T


Anzeigen

Bestellcoupon

Ja, ich möchte den HEIMAT-RUNDBLICK abonnieren.

Zum Jahresvorzugspreis von € 18,– einschl. Versand.

Datum

Unterschrift

Siebdruck

Digitaldruck

Außenwerbung

Wilbri GmbH

Gutenbergstraße 11

28 865 Lilienthal

Tel. 04298-2706 0

www.wilbri.de

Name / Vorname

Straße / Hausnummer

PLZ / Ort

Bezahlung:

Überweisung auf Kto. 1 410 007 528

Kreissparkasse Lilienthal (BLZ 291 523 00)

IBAN: DE27 2915 2300 1410 0075 28 · BIC: BRLADE21OHZ

Abbuchung von meinem Konto Nr.

Bank:

IBAN:

p Offsetdruck p Digitaldruck p Werbetechnik

p Fensterbeschriftung

p Fahrzeugbeschriftung

p Schild-/ Lichtreklame

p Teil-/ Vollfolierung

p Großformatdruck

p Glasdekorfolie

p Banner

p Roll-Up

p Pylon

p und vieles mehr...

Mit freundlicher Genehmigung der Firma Carl Fiedler · www.glaserei-fiedler.de

Redaktionssitzung

Die nächste Redaktionssitzung findet statt am

22. Juli 2017, 15.00 Uhr,

im „Kahnschifferhaus“,

Unterm Berg 31 in 28777 Bremen-Rekum.

Gewerbegebiet Moorhausen · Scheeren 12 · 28865 Lilienthal

Lilienthal Tel.: 0 42 98 / 3 03 67 · Bremerhaven Tel.: 0471 / 4 60 53

info@langenbruch.de · www.langenbruch.de

Anmeldungen werden erbeten

bis zum 12. Juli 2017 unter

Tel. 04298 / 46 99 09 oder info@druckerpresse.de


Aus dem Inhalt

Aktuelles

Jürgen Langenbruch

Redaktionssitzung Seite 6

Jürgen Langenbruch

Lesenswert:

„Vergesst ja Nette nicht“ Seite 7

Johannes Rehder-Plümpe

Die Karte! Seite 18 – 19

Rudolf Matzner

Pferde – Dom – Störtebecker Seite 21 – 23

Wilko Jäger

Umstellt und entstellt Seite 24 – 25

Manfred Simmering

Ein großer Bioland-Betrieb Seite 26 – 27

Heimatgeschichte

Prof. Dr. Jürgen Teumer

Vor 100 Jahren:

Fritz Mackensen „Dr. h. c.“ Seite 4 – 5

Harry Schumm

Zwei Kuhhörner geben Rätsel auf Seite 5

Wilhelm Berger

Jürgen Christian Findorff

in Osterholz Seite 10 – 13

Harald Steinmann

Antiqua sidewendige Seite 14 – 15

Rudolf Matzner

Sengstacke –

Schicksal einer Familie Seite 16 – 17

Kultur

Johannes Rehder-Plümpe

113 Jahre Arbeit für Heimat

und Umwelt Seite 20

Natur

Maren Arndt

Auch Reptilien brauchen Freunde Seite 8

Serie

Jan Brünjes

Lach- und Torfgeschichten Seite 9

Peter Richter

Fast vergessen Seite 7

Bauernregeln Seite 24

‘n beten wat op Platt Seite 25

Redaktionsschluss für die nächste

Ausgabe: 15. August 2017

Titelbild:

Ringelnatter · Foto: Maren Arndt

Liebe Leserinnen

und Leser,

wenn Sie 3000 Jahre in die Vergangenheit

reisen würden, könnte das durchaus

gesundheitliche Folgen durch

unfreiwillige Kontakte mit Auerochsen

nach sich ziehen, wie Sie auf Seite 5

erfahren können. Völlig ungefährlich

sind heutige Kontakte mit der Blindschleiche,

dem Reptil des Jahres 2017

(S. 8). Jürgen Teumer informiert Sie

über die Verleihung der Doktorwürde

ehrenhalber an Fritz Mackensen, den

Gründer der Künstlerkolonie Worpswede,

der in späteren Jahren aufgrund

seiner Neigung zum Nationalsozialismus,

mit der er in Worpsweder Künstlerkreisen

allerdings kein Alleinstellungsmerkmal

hatte, in die Kritk geraten

war. Nicht nur für die Freunde des

Plattdeutschen gibt es wieder Lachund

Torfgeschichten. Wilhelm Berger,

Experte für historische Karten aus unserer

Gegend, macht Sie mit der ersten

Karte des Fleckens Osterholz bekannt,

Johannes Rehder-Plümpe stellt die

inzwischen durch die Medien gegangene

Karte Bremens aus dem Jahre

1748 vor. Harald Steinmann berichtet

von der „Antiqua sidewendige“, was

keinesfalls eine Schrifttype ist.

Rudolf Matzner erzählt von Hermann

Sengstacke und seinen Nachkommen,

geb. 1815 in Marßel, der auf ungewöhnliche

Art seine spätere Frau erwerben

konnte und es in den USA zu gewissem

Wohlstand gebracht hat. Weitere

Themen: Geschichte des „Vereines für

Niedersächsisches Volkstum“, ein Rundgang

durch die Reiterstadt Verden, die

Problematik der Windkraftanlagen in

unserer Heimat, die Hofmolkerei Dehlwes

in Lilienthal sowie eines Rezension

eines lesenwerten Buches über den Bremer

Judenreferenten Bruno Nette.

Leserreise 2017

In diesem Jahr steht die Residenzstadt

Celle auf unserem Reiseplan, die 2017 das

725. Jubiläum feiert.

Wir starten am Samstag, den 9. September

2017 ab Parkplatz Druckerei Langenbruch,

Scheeren 12, 28865 Lilienthal

um 7.30 Uhr gen Süden.

Nach der Ankunft steht eine eineinhalbstündige

Altstadtführung auf dem

Programm. Im Anschluss pausieren wir bei

einem gemeinsamen Mittagessen in

einem Restaurant in der Altstadt.

Eine ca. einstündige Schlossführung

beginnt dann um 14.15 Uhr. Anschließend

besteht die Möglichkeit, auf eigene Faust

Ich wünsche Ihnen eine angenehme

und vielleicht auch nachdenklich

machende Lektüre. Vielleicht werden

Sie auch mal aktiv - durch Verfassen von

Artikeln, durch Teilnahme an unseren

Redaktionssitzungen - und durch politische

und soziale Betätigung?

Ihr Jürgen Langenbruch

Impressum

Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag UG

(haftungsbeschränkt), Scheeren 12, 28865 Lilienthal,

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67, E-Mail

info@heimat-rundblick.de, G eschäftsführer: Jürgen

Langenbruch M.A., HRB Amtsgericht Walsrode 202140.

Redaktionsteam: Wilko Jäger (Schwanewede),

Rupprecht Knoop (Lilienthal), Dr. Christian Lenz (Teufelsmoor),

Peter Richter (Lilienthal), Manfred Simmering

(Lilienthal), Dr. Helmut Stelljes (Worps wede).

Für unverlangt zugesandte Manuskripte und Bilder wird

keine Haftung übernommen. Kürzungen vorbehalten. Die

veröffentlichten Beiträge werden von den Autoren selbst

verantwortet und geben nicht unbedingt die Meinung

der Redaktion wieder. Wir behalten uns das Recht vor,

Beiträge und auch Anzeigen nicht zu veröffentlichen.

Leserservice: Telefon 04298/46 99 09, Telefax 04298/3 04 67.

Korrektur: Helmut Strümpler.

Erscheinungsweise: vierteljährlich.

Bezugspreis: Einzelheft 4,50 €, Abonnement 18,– € jährlich

frei Haus. Bestellungen nimmt der Verlag entgegen;

bitte Abbuchungsermächtigung beifügen. Kündigung

drei Monate vor Ablauf des Jahresabonnements.

Bankverbindungen: Für Abonnements: Kreissparkasse

Lilienthal IBAN: DE27 2915 2300 1410 0075 28,

BIC: BRLADE21OHZ.

Für Spenden und Fördervereins-Beiträge: Kreissparkasse

Lilienthal, IBAN: DE96 2915 2300 0000 1221 50,

BIC: BRLADE21OHZ, Volksbank Osterholz eG, IBAN:

DE66 2916 2394 0732 7374 00, BIC: GENODEF1OHZ.

Druck: Langenbruch, Lilienthal.

Erfüllungsort: Lilienthal, Gerichtsstand Osterholz-Scharmbeck.

Der HEIMAT-RUNDBLICK ist erhältlich:

Bremen: Böttcherstraße/Ecke Andenkenladen

Worpswede: Buchhandlung Netzel, Aktiv-Markt, Philine-

Vogeler-Haus (Tourismus-Info), Barkenhoff.

noch einiges zu entdecken oder in einem

der nahegelegenen Cafés zu entspannen.

Um ca. 17.30 Uhr Treffen zum Buseinstieg

und Abfahrt in Richtung Lilienthal.

Ankunft ist um ca. 19 Uhr.

Anmeldeschluss für diese Reise ist der 4.

August 2017 unter Tel. 04298/469909,

Stichwort: Leserreise.

Die Kosten belaufen sich auf EUR 40,00

pro Person (incl. Eintritt und Führungen).

Essen und Getränke zahlt jeder selbst.

Wir bitten um Zahlung von € 20,00 pro

Person als Anzahlung auf das Konto des

Druckerpresse Verlages UG, KSK Osterholz,

IBAN: DE 27 2915 2300 1410 0075 28,

Stichwort: Leserreise 2017, vielen Dank.

Wir freuen uns auf rege Teilnahme. Sonniges

Herbstwetter ist bestellt.

Das Planungsteam

RUNDBLICK Sommer 2017

3


Vor 100 Jahren: Fritz Mackensen „Dr. h. c.“

Erinnerung an ein besonderes Jubiläum in Worpswede

Nein, es ist noch nicht das Jubiläum der

Ortsgründung Worpswedes, dessen hier

im Folgenden gedacht werden soll. An dieses

wichtige Ereignis, viele werden es wissen,

wird ja erst im kommenden Jahr erinnert,

genau am 21. Juli 2018. Hier soll es

um etwas vergleichsweise weniger Spektakuläres

gehen, was aber für Worpswede

dennoch nicht ganz unwichtig ist und deshalb

erwähnt werden soll.

Vor 100 Jahren, und zwar am 21. Mai

1917, wurde einem Einwohner Worpswedes

eine seltene Auszeichnung und Ehre

zuteil: Er wurde per Urkunde mit einem

Doktorgrad ehrenhalber (Dr. h.c.) seitens

der Philosophischen Fakultät der Georg-

August-Universität zu Göttingen ausgezeichnet.

Der Ausgezeichnete war der

Gründer der Worpsweder Künstlerkolonie

Fritz (eigentlich: Friedrich) Mackensen.

Fortan durfte er sich Dr. h.c. Fritz Mackensen

nennen, Doktor der Philosophie und

Magister der Freien Künste.

Bereits mit vielen Preisen

und Titeln bedacht

Zu dieser Zeit war Mackensen schon

längst mit manchen Preisen und Titeln versehen

worden, darunter natürlich die

Große Goldene Medaille im Münchner

Glaspalast im Jahre 1895, die den Ruf der

Worpsweder Malerkolonie begründete.

Daneben war er bereits mit weiteren

Medaillen in Gold und Silber für einzelne

seiner Werke dekoriert worden. Unter den

Preisen muss der Villa-Romana-Preis der

Deutschen Akademie in Florenz hervorgehoben

werden, den er im Jahre 1908

erhielt. Im akademischen Bereich hatte er

sich schon seit 1908 Verdienste als Professor

an der Großherzoglichen Kunst(hoch)-

schule in Weimar erworben, der er dann

schließlich ab 1910 bis Anfang 1919 sogar

als Direktor vorstand.

Dass gerade die Georgia Augusta in Göttingen

Fritz Mackensen auszeichnete,

hatte selbstverständlich mit seinen besonderen

Leistungen und seiner überregionalen

Anerkennung als Künstler und akademischer

Lehrer zu tun. Es war aber auch ein

Zeichen der Verbundenheit mit dem verdienten

Landeskind aus dem kleinen

Flecken Greene, der damals zum Herzogtum

Braunschweig-Lüneburg gehörte und

der nicht allzu weit entfernt von der Universitätsstadt

liegt.

Dass der Urkundentext in der Originalversion

in lateinischer Sprache abgefasst

wurde, hängt mit der akademischen Tradition

zusammen. Dieser Umstand ergab

allerdings für diesen Beitrag hier die

Schwierigkeit, eine möglichst genaue

Abb. 1: Die Originalurkunde für Dr. h.c. Fritz

Mackensen vom 21. Mai 1917 (lateinisch: DIE XXI

MENSIS MAII A MCMXVII)

Quelle: Universitätsarchiv Göttingen

Übersetzung anzufertigen. Die dafür erforderliche

Schwerstarbeit leistete und bewältigte

in hervorragender Weise Pastor Gottfried

Ostermeier aus Greene. Jürgen Sander,

der engagierte 1. Vorsitzende des Heimatvereins

in Greene, übermittelte mir

beide Fassungen, also das Original und die

Übersetzung.

Die Passage, in der Mackensens Verdienste

gewürdigt werden, lautet (in der Übersetzung)

wörtlich:

„Vor fast dreißig Jahren hatte er mit der

Glut einer jugendlichen Seele die öden und

sumpfigen Gründe Niedersachsens liebevoll

in sein Herz geschlossen und hat die schlichte

und stille Anmut dieser Landschaft, den

urwüchsigen Charakter und die ernsten Sitten

der Bewohner als erster in hervorragenden

Gemälden dargestellt.

In der versammelten Gemeinschaft der

Künstler möge er den Namen Worpswede für

immer lebendig erhalten und möge sich nicht

allein Malern, sondern auch Geschichtsschreibern

in diesem Teile Deutschlands als

gewichtiger Autor erweisen, auf dass sie

bestrebt sein mögen, die ernste und männliche

Kunst tief im Vaterlande allein zu verwurzeln.“

Die Urkunde enthält neben dem Namen

des Geehrten weitere Namen. Dass im

Kopf Wilhelm II., „Kaiser der Deutschen

und König von Preußen“, herausgehoben

wird, gehört zu den Gehorsamspflichten,

denen die Untertanen, natürlich auch

Institutionen wie die Universitäten nachzukommen

hatten. Bedeutsamer aber ist die

Erwähnung der übrigen Personen, die in

der Urkunde genannt werden. Ich habe

mich im Internet bei Wikipedia über sie

und ihre Vita ein wenig kundig gemacht

und dabei gelernt, dass es sich um hoch

angesehene Wissenschaftler gehandelt

hat.

Dabei fand ich zu Prof. Robert von Hippel

(1866-1951), dem damaligen Rektor

der Universität Göttingen, dass dieser Jurist

seinerzeit als einer der bedeutendsten

deutschen Strafrechtler galt, der sich u.a.

um die Resozialisierung entlassener

Straftäter besonders verdient gemacht hat,

ein Gebiet, das sicher in unsere Zeit hineinwirkt.

Weiterhin erwähnt wird Prof. Heinrich

Maier (1867-1933), der als damaliger

Dekan der Philosophischen Fakultät die

Urkunde unterschrieb und Fritz Mackensen

überreichte. Maier galt als herausragender

Wissenschaftler und lehrte seit

1911 in Göttingen das Fach Philosophie.

Großes Ansehen soll er sich als Neukantianer

erworben haben.

Und schließlich wurde mit Bedacht das

Datum des 21. Mai 1917 gewählt. Denn

auf den Tag genau 100 Jahre vorher, also

am 21. Mai 1817, war eine der zentralen

Persönlichkeiten der akademischen Philosophie

des 19. Jahrhunderts geboren worden,

nämlich der in der Urkunde erwähnte

Hermann Lotze (1817-1881). Prof. Lotze,

von seiner Ausbildung her Philosoph und

Mediziner, vertrat ab 1844 in Göttingen

das Fach Philosophie – übrigens auf einem

Lehrstuhl, den ab 1833 bis zu seinem Tod

der berühmte Johann Friedrich Herbart

(1776-1841) innegehabt hatte.

Abb. 2: Prof. Dr. Hermann Lotze, Ordinarius für

Philosophie (Foto übernommen aus: Wikipedia)

4 RUNDBLICK Sommer 2017


Dass gerade dieses Datum und diese

Person in den Bezug zur Künstlerpersönlichkeit

von Fritz Mackensen gestellt

wurde, könnte m.E. damit zu tun haben,

dass Prof. Lotze auch eine besondere Nähe

zur Kunst aufwies. Zwei seiner wissenschaftlichen

Publikationen befassten sich

nämlich mit Themen, die jedem Künstler

naheliegen, und zwar „Ueber den Begriff

der Schönheit“, Göttingen 1845, und

„Ueber Bedingungen der Kunstschönheit“,

Göttingen 1847. In einem Gedenkbeitrag

zum 100. Geburtstag Lotzes wurde

deshalb auch darauf hingewiesen, dass

„Lotzes Empfänglichkeit für Kunst und

Dichtung … ihn zur Philosophie geführt

(hatten)“ (Becher 1917, S. 325).

Als Künstler unbestreitbar

Verdienste erworben

Wir wissen alle, dass Fritz Mackensen

sich tief in die Ortschronik Worpswedes

eingeschrieben und sich als Künstler und

(akademischer) Lehrer unbestreitbare Verdienste

erworben hat. Wir wissen aber

auch, dass seine Lebensumstände, seine

Haltung und nicht zuletzt die politischen

Rahmenbedingungen ihn in eine Lage

geführt haben, die mit erheblichen Schatten

behaftet ist. Dies ist die Tragik seines

Lebens.

Prof. Dr. Jürgen Teumer

Literatur

- Becher, Erich: Hermann Lotze und seine

Psychologie. In: Ztschr. Die Naturwissenschaften

5 (1917) 20, S. 325-334

- Lotze, Hermann: Ueber den Begriff der

Schönheit. Göttingen 1845

- ders.: Ueber Bedingungen der Kunstschönheit.

Göttingen 1847

Zwei Kuhhörner geben Rätsel auf

Fundspuren eines Auerochsen in Seehausen

Grasberg. Es mag schon seltsam

erscheinen, wenn aus der hiesigen Moorgegend

von vermutlichen Fundspuren

eines Auerochsen, dem Urtier des Rindes,

die Rede sein soll. Die meisten Moorbauern

sind wegen eventuellen Funden beim

Torfstich kaum an die Öffentlichkeit getreten.

Sie machten selten Gerede davon -

eben wie es die Art eines echten Niedersachsen

ist. Wenn sie jedoch Interesse zeigten,

haben sie den Fund dem örtlichen

Schullehrer davon in Kenntnis gesetzt, der

ihn entgegennahm und auch in schulischer

oder gar privater Verwahrung nahm.

Die Schulchronik Seehausen berichtet

bedauerlicherweise über diesen Fund

nichts.

Fund dem Schulmeister

gemeldet

Der Auerochse. 2 )

Im Jahr 1925 fand der Sohn des Landwirts

Meier in Seehausen 1 ) beim Torfstechen

zwei „Kuhhörner“. Er meldete dies

dem örtlichen Schulmeister, der es somit in

der Tageszeitung publizierte. In diesem

kleinen Artikel wird erwähnt, dass die beiden

Hörner in drei Meter Tiefe und 10 Zentimeter

über dem Sand im Abstand von 2

- 3 Metern gefunden wurden. Das eine

Horn wäre noch vollständig, während von

dem anderen nur noch die Spitze erhalten

war. Außerdem haben die Fundstücke

infolge der langen Moorvegetation die

schwarzbraune Färbung der unteren

Moorschicht angenommen. „Das Moor in

der Nähe der Hörner wies auffallend an

Wagenschmiere erinnernde Stellen auf“.

Diese Moorschicht nennt sich Klipp, der in

seiner Substanz kaum noch vegetabile

Spuren aufweist. Im nassen Zustand ist er

schmierig, in trockener Masse dagegen

nahezu hart wie Kohle.

Von der Form, Länge und dem Durchmesser

der Hörner sowie eventuellen Knochenresten

finden sich im Artikel keine

Angaben.

Tier hat vor ca. 3000

Jahren gelebt

Auch wenn aus den bisherigen Ausführungen

noch kein eindeutiges Resultat

folgen kann, so lassen sich doch einige

Eckpunkte setzen: Allgemein wird angenommen,

dass eine intakte Moorvegetation

pro Jahr um 1 Millimeter an Mächtigkeit

zunimmt. Bei einer Höhe von 3 Metern

wäre es somit etwa 3.000 Jahre her, wo das

Tier gelebt hat. Es ist fraglich, ob zu dieser

Zeit im norddeutschen Raum bereits

Hausrinder gehalten wurden, die zu damaliger

Zeit von kleinerer, kräftiger und wilder

Statur waren, als wir sie heute kennen.

Auch waren es sicher keine ausgewachsenen

Auerochsen. Sie würden wegen ihrer

überaus großen Hörner im Artikel sicher

Erwähnung gefunden haben. Waren es

dann zwei junge, noch naturgemäß völlig

verwilderte Auerochsen-Rinder, die im

Zweikampf teilweise ihre Hörner eingebüßt

haben?

Für die phantasievolle Dichtung ist zu

diesem Thema noch reichlich Stoff vorhanden.

Somit belasse ich es bei den bisherigen

Ausführungen. Vielleicht bringen

diese Zeilen unter Fachkreisen mehr Licht

ins Dunkel der Vergangenheit.

Harry Schumm

1) Seit dem 1. März 1974 Ortsteil der

Gemeinde Grasberg.

2) Quelle: NABU Waldeck-Frankenberg

RUNDBLICK Sommer 2017

5


Redaktionssitzung

Panorama-Blick über den „Lilienhof“

Foto: Maren Arndt

Am 8. April 2017 fand die aktuelle

Redaktionssitzung des Heimat-Rundblicks

im „Lilienhof“ in Lilienthal-Worphausen

statt. Herausgeber Jürgen Langenbruch

hatte das Vergnügen, als Gäste unseren

Landtagsabgeordneten, Herrn Axel Miesner,

den Vorsitzenden der „Worphüser Heimotfrünn“,

Herrn Hinrich Tietjen, und

Herrn Herbert A. Peschel von der

Geschichtswerkstatt Burg-Hagen zu

begrüßen.

Herr Tietjen weihte uns in die 40-jährige

Geschichte der „Heimotfrünn“ und die 30-

jährige des „Lilienhofes“ ein.

Gerade kurz zurück lag die Ausstellung

„30 Jahre Heimat-Rundblick“ im Kreishaus

Die Teilnehmer der Redaktionssitzung in angeregter Unterhaltung

Foto: Maren Arndt

Osterholz, die recht erfolgreich verlaufen

ist - vielen Dank an alle Beteiligten.

Leserreise 2017 führt

nach Celle

Nach Rückschau und Themensammlung

für die Ausgabe 121 wurde noch die

Leserreise angesprochen, die am 9. September

nach Celle stattfinden wird - um

rege Beteiligung wird gebeten.

Nach lebhafter Diskussion, bei der es

auch um das Vogelmuseum in Osterholz-

Scharmbeck ging, schauten sich alle noch

einmal in den historischen Räumen um

und traten den Heimweg an.

Jürgen Langenbruch

Hinweisschild zum Lilienhof Foto: Helmut Stelljes Spieker Foto: Helmut Stelljes

Bäuerliche Gerätschaften Foto: Helmut Stelljes Eines der Gebäude Foto: Helmut Stelljes

6 RUNDBLICK Sommer 2017


Lesenswert

Bernhard Nette

„Vergesst ja Nette nicht“

Der Bremer Polizist und

Judenreferent Bruno Nette

VSA. Verlag Hamburg 2017

ISBN 978-3-89965-763-0

344 Seiten, broschiert

Bernhard Nette, geboren 1946 in Hamburg,

1968-73 Studium der Geschichte

und Germanistik in Hamburg, 1978-2011

Lehrer, 1995-2010 Mitglied des Landesvorstands

der GEW Hamburg, 1994-1997

Chefredakteur der „hlz“, der Zeitung der

GEW Hamburg.

Nette beschreibt zunächst seine Erinnerungen

an seinen Großvater Bruno Nette,

bei dem er 1952 - damals als Sechsjähriger

- einige Tage verbracht hat. Beim Besuch

der Bremer Böttcherstraße 1987 fällt ihm

in einer Buchhandlung das Buch „Bremen

im 3. Reich“ von Inge Marßolek und René

Ott in die Hände. Hier erfährt er, dass sein

Großvater Gestapo-Beamter und Bremer

Judenreferent gewesen ist.

Zur Erinnerung: die Nazis verboten den

Juden die Benutzung von Parkbänken,

Kinobesuche, Schwimmbäder, das Autofahren,

Telefonieren und Radiohören.

1938 kam es zum Verkauf jüdischen

Grundbesitzes, 1939 zur Zwangsabgabe

aller Gegenstände aus Gold, Silber und Platin,

1941 wurden sämtliche Vermögen eingezogen.

Bruno Nette will mehr wissen, er spricht

mit seinem Vater, er sucht die Orte der Vergangenheit

auf; das „Haus des Reichs“

(heute Sitz der Finanzsenatorin) in der

Contrescarpe - errichtet von Gustav Karl

und Friedel Lahusen („Nordwolle“, Delmenhorst),

1934 von der Reichsfinanzverwaltung

übernommen, wo 1947 das Verfahren

gegen Bruno Nette vorbereitet

wurde.

Bernhard Nette recherchiert im Staatsarchiv,

erfährt einiges über die Transporte

von Juden nach Minsk (1941) und Theresienstadt

(1942-45), die Wohnorte seines

Großvaters; ab 1923 Weißenburger

Straße 19, 1928 Ruhrstraße 13 (Klein-

Mexiko). 1932 verließ er seine Frau und

zog in die Manteuffelstraße 31, danach in

die Kimmstraße 1 in Vegesack.

Der Werdegang Bruno Nettes wird

nachverfolgt vom Bremer Schutzmann

zum Unteroffizier eines Husaren-Regiments.

1915 bekommt er das Eiserne

Kreuz II. Klasse, wird Mitglied der Geheimen

Feldpolizei und 1940 auch der

Gestapo und Bremer Judenreferent. Sein

Enkel Bernhard steht vor dem Polizeihaus

am Wall, damals Gestapozentrale, vor der

Ostertorwache, dem Gefängnis, in dem

viele „Staatsfeinde“ gefoltert wurden -

heute ist es das Wilhelm-Wagenfeld-Haus

und bietet Kultur vom Feinsten.

Die Deportation von 700 Menschen aus

Bremen und Wesermünde nach Minsk

überleben 20. Einer von Ihnen, Richard

Frank, fasste die Ereignisse 1948 zusammen,

in dem er die unglaubliche Grausamkeit

der SS und der Gestapo-Beamten

schildert (im Buch S. 192). 1942 geht die

Deportation nach Theresienstadt - 1949

erzählt Bruno Nette, dass er diesen Ort für

ein Altersheim für Juden gehalten hat.

Nach dem Krieg wird Bruno Nette als

„Hauptschuldiger“ belastet, die erste Verhandlung

findet 1949 im Spruchgericht

statt - Am Wall 158, dem inzwischen abgebrannten

Textilhaus Harms.

Hochspannend sind die Vorkommnisse

und Urteile, die aus dem „Hauptschuldigen“

nach mehreren Prozessen einen

„Minderbelasteten“ herauswaschen - seinerzeit

leider kein Einzelfall.

Dieses Buch ist dem zeitgeschichtlich

Interessierten und allen, für die über die

Ereignisse in der Zeit des deutschen

Faschismus kein Gras wachsen kann und

darf, besonders zu empfehlen. Mir fehlt

allerdings ein kleiner Hinweis auf die Vorbereitung

des Holocaust durch die Jahrhunderte

lange Verfolgung, Erniedrigung

und Ermordung der Juden durch die christliche

Kirche und ihre Machthaber.

Fast vergessen …

Jürgen Langenbruch M.A.

Stimmungsbilder aus Moor und Heide im Spiegel der Dichtkunst

Der Dichter, Redakteur und Schriftsteller

Franz Diederich (geb. 2. April 1865, gest.

28.Februar 1921) veröffentlichte u.a. in

den Gedichtbänden „Worpsweder Stimmungen“

und „Die weite Heide“ eindrucksvolle

Lyrik (siehe „Heimat-Rundblick

Nr. 120, Seite 31).

Auch die folgenden Gedichte zeigen sein

Können und seine Liebe zur Heimat.

Am Weyerberg

Linnenweiß im Sonnenglänzen

ziert den Berg des Kirchleins Wand,

laubumwölkt, aus grünen Kränzen

schimmert weit sie übers Land.

Regungslos am Bergessaume

schläft die Mühle flügelstill,

träumt im sonntagstiefsten Traume,

den kein Hauch zerwehen will.

Auf den Wiesen dunkle Kühe,

einsam fern um fern ein Haus,

durch die atemlose Frühe

zieht ein Boot zur Kirchfahrt aus.

Zwischen blütengelben Triften

blaue Wasserlinien ruhn,

tirilierend aus den Lüften

klingt der Lerche Loblied nun.

Spuren

Altdunkles Kraut und gilbendes Gras, -

hier zog ein Weg – lang ist das her.

Die Zeit schlich weiter und vergaß,

wer einst hier Spuren grub, tief und schwer.

Verwuchert ruht der alte Weg,

der ganz dem struppigen Kraut verfiel.

Ein Pfahl starrt grau zermorscht und schräg

einst wusst und wies er wohl sein Ziel.

Nun buscht die Wildnis. Wetterflug

hat jede Schrift vom Pfahl verspült,

einst war ein Ziel, in schwerem Zug

tief durch die Einsamkeit gewühlt.

Peter Richter

Foto: Helmut Stelljes

RUNDBLICK Sommer 2017

7


Auch Reptilien brauchen Freunde

Blindschleiche ist Reptil des Jahres 2017

Die Blindschleiche – Reptil des Jahres 2017

Lieblich singende Vögel, bunte Schmetterlinge,

putzige Eichhörnchen oder auch

glitzernde Libellen stehen ganz oben auf

der Rangliste der beliebtesten Tierarten.

Doch auch Reptilien und Amphibien

gehören zur viel beschriebenen Artenvielfalt

dazu und müssen inzwischen sogar

streng geschützt werden. Ihre Lebensräume

schwinden dramatisch.

Reptil des Jahres:

die Blindschleiche

Das Reptil des Jahres wird von der Deutschen

Gesellschaft für Herpetologie und

Terrarienkunde (DGHT) und mehreren

Partnerorganisationen ausgewählt. In diesem

Jahr ist es die Blindschleiche. Die

Blindschleiche sieht einer Schlange zwar

ähnlich, gehört aber zur Gruppe der

Echsen. Auch der Name täuscht, blind ist

diese kleine Schleiche ganz sicher nicht.

Sie lebt versteckt im Laub und findet sich

in fast allen Landschaftstypen zurecht. Wer

sie im naturnahen Garten hat, kann sich

freuen, sie vertilgt auch Schnecken. Die

Blindschleiche ist lebendgebärend. Die

jungen Blindschleichen sind silbrig, sehr

klein und sofort auf sich allein gestellt.

Ringelnattern sind harmlos

Die Ringelnatter dagegen ist eine

echte Schlange und gehört, wie der Name

schon sagt, zu den Nattern. Sie ist selten

geworden. Wer sie zu Gesicht bekommt,

Ein Ringelnatterbaby

sollte sich glücklich schätzen und keine

Furcht haben. Ringelnattern sind harmlos.

Anfassen sollte man sie dennoch nicht, da

die Schlangen bei Gefahr ein Sekret absondern

können, das extrem furchtbar stinkt.

Den Geruch wird man so schnell nicht wieder

los. Es ist ihre Art, Feinde abzuwehren.

Bei großer Gefahr kann sich die Ringelnatter

totstellen. Im Straßenverkehr hilft ihr

das allerdings wenig. Ringelnattern sind

leicht zu erkennen an ihren hellgelben

Flecken im Nacken und den runden

schwarzen Augen, die blau aussehen können,

wenn die Schlange vor einer Häutung

steht. Hat man Ringelnattern im Garten,

gelten sie seit Jahrhunderten als Glücksbringer.

Ein Gartenteich und am besten

auch noch ein Komposthaufen, das zieht

Die Kreuzotter

Kreuzotter mit anderer Färbung

diese Schlangen magisch an. Im warmen

Kompost legt die Ringelnatter gern ihre

Eier ab, die dann von Sonne und warmer

Komposterde ausgebrütet werden. Um die

geschlüpften Jungen kümmert sich die

Ringelnatter nicht.

Kreuzotter ist leicht giftig

Die Kreuzotter gehört zu den Vipern.

Sie ist im Gegensatz zur Ringelnatter leicht

giftig. Auch diese schöne Schlange ist in

unserer Region sehr selten geworden. Ihre

Rückzugsgebiete liegen in den verbliebenen

Naturschutzzonen, wie z.B. im Huvenhoopsmoor,

im Hamberger Moor und im

Hagener Königsmoor. Von den Ringelnattern

unterscheiden sie sich an dem Zick-

zackband, das über ihren Rücken läuft.

Kreuzottern variieren in den Farben von

braun bis schwarz. Ihre rötlichen Augen

haben eine schlitzförmige Pupille und verleihen

der Kreuzotter ein grimmiges Aussehen.

Die Furcht vor Schlangenbissen ist

eher unbegründet, da die Kreuzotter sehr

scheu ist und bei Störungen flieht. Heutzutage

muss man sich mehr Sorgen um

den Bestand der Schlangen machen, als

von ihnen gebissen zu werden. Kreuzottern

brüten ihre Eier im Mutterleib aus.

Ihre Nachkommen sind ungefähr bleistiftgroß

und sogleich nach der Geburt selbstständig.

Text und Fotos: Maren Arndt

8 RUNDBLICK Sommer 2017


Lach- und Torfgeschichten

Eeten un Drinken holt Liev un Seel tohoop

Ik bin in de 50iger un 60iger Johrn up

usen Buernhoff an de lüttje Reeg in

Düwelsmoor upwussen. Mien Grootvadder

weer noch een „Jan vom Moor“ mit

een egen Torfschipp dat in'n Konol an'n

Torfmoor leeg. He arbeit uck noch als

Strohdachdecker. Mien Vadder un de

ganze Fomilie moken de Buer'e un späten

Torf von April bit Mai un Juni. Dorno fung

de Hau'etied an. Mien lüttje Swester un ik

sünnt dor so mit grootworn, dat weern

harte Tieden,- ober uck wunnerschön. Ik

will se nich missen.

Wenn ik dor ober nodenk, fallt mie woller

ne'e Anekdoten in. Wie kömen middags

klock 12 ut de School, denn güngt bie

Mama un Oma an'n Kökendisch um us

Eten to vortilgen, je no de Johrestied geef

dat Suppen un Eenpott, Brotkantuffeln mit

Ei, Knipp un Swattbrot, Melksuppen un

foken uck Pannkoken. Den muchen wie

in'n Torfpott un up'n Konol. Dor wor toer's

nee veel bie snakt, de beiden Torfmoker's

„eten wat obern Dumen“, dat heet se

sneern mit eer Messer jümmer Schieben

von Brot, Mettwurst un Schinken af un

schöben de in'n Mund, dorto hölen se uck

de Kruken oberkopp vor'n Hals un drunken

„Kaffee“. De „Kaffee“ weer ober bloot

swatten „Muckefuck“, een Kaffee ut Roggen

un Zichorien, wie holen emm von

Martin Schoster, den „Lindes“ in de blauwitten

Tuten. Papa geef us Kinner jeder

een Himbeerbontje.

No'n Eten kneep Papa sick een Beendhalm

af un töög emm dör de Piep, dorno

stick he den Toback an un smök. Opa harr

keen Piep, de smök korte Stumpen von

„Dieterle Dunkel“. Den wor lacht un vortellt:

„Na, wie weert von dag in'ne School?

Wat mokt Mama un Oma? Uck de beste

Pause güng vorbie, meist heppt wie noch

Iesenpott vull utgepollte gröne Arfen mit

„griesen Jung's“, dat sünnt Klüten ut Bookwetenmehl.

De Suppen weer mit dicken

gestriepten Speck kookt. De harr noch

jümmer ünnern Böön up de Deel an de

Speck spiel'n in'n Rook hungen. De Rook

weer nich oberall henkomen, de swatten

Brummer harr'n Eier afleggt un de Speck

fung an to leven. He muss wech! De grote

Pott stünnt bie'n Buern up'n Disch, al harrn

eer'n Teller un Leepel vor sick. Se falten de

Hann un de Buer seggt: „Jesu, sei unser

Gast und segne was du uns bescheret hast.

Amen!“ He nööm den groten Sleef un röör

de Suppen ornlich no links um,- den no

rechts un höl dorjegen. De Sleef is rund

vull mit de witten Speckwürmer, een poor

zappelt noch. Rin bie den Buern in'n Teller

un dat schmatzen fangt an. Dreemol mok

he sien Teller leddig, for emm een Festmohl:

„Geit runner wie Öl“, meen he. De

1953 – Hof Brünjes, Teufelsmoor 41. Opa Jan, Oma Adeline, „Klein Jan“ mit

Mama Alwine, Papa Hinrich mit den Pferden „Hans“ und „Liese“

Foto: Jan Brünjes

1958 – Pfadfinder, Papa Hinnerk und Jan beim Torfaufladen am Kanal beim

Torfstich

Foto: Jan Brünjes

an'n leevsten, so fein mit Zucker oder

Röbensirup. So feinet Eten, wie Fleesch un

Broden mit Sosse un Solot geef dat Sonndags,

vorher noch frische Höhnersuppe un

achterher Griesspudding mit Brummelbeersaft.

Dat geef noch eeniges mehr, ik

kann dat nu nich al uptellen.

No usen Middag, de gau goon muss,

harr Oma den Etenketel, de Kaffeekruken

un den Brotkorfal packt. Eener von us, oder

uck wie beide, morschieren dormit los den

Weg hoch no'n Torfmoor. Dor töben us

Papa un Opa al, hungrig un dorstig von de

Arbeit in'n Torf, up us. Disse Middagstieden

in Moor up de Torfkant mit Papa un

Opa kann ik nich vorgeten, de Kukuck

roopt, de Vogels sungen, de Gnidden un

Fleegen brummen un dat Woter gluck's

een beten hulpen un Torf umdreiht. „ Dormit

de annere Siet uck natt weern kann“,

lach Opa. No'n tied lang sünnt wie den mit

Korf un Ketel woller no Huus dudelt, dat

geef jo soveel to Kicken an'n Weg. To de

Tied is jo noch veel vortellt worn, de Lü'e

un de Kinner snaken tohoop. Up dat jümmer

al stimmt hett, weet ik nee. Dat weer

in'n Sommer bie een Grootbuern an den

langen Middagsdisch, al seten dor umto,

de Fomilie, de Kinner, Mägde un Knechte

un de Daglöhner. De ole Buer seet too'n

Koppenn an den groten Disch. Dat weer

een hitten Dag in'ne Hau'etied, al sweten

vor sick hen. De Buer weer mit sien Eten,

un dat for sien Lü'e, nee so krür's un genau.

Al'ns wat dor weer un wech muss, kööm

up's Disch. Nu geef dat een gewaltigen

annern Lü'e an'n Disch töben jümmer bit

de Buer ornlich tolangt harr un de Pott

blank fischt weer. Se langen jümmer vorsichtig

an'n Pottrand un nömen uck nich

to veel. Dorto geef dat Buernbrot ut'n

Backoben, dor langen se al düchtig hen.

De Buer seggt jümmer: „Blieft mie wech

mit dat ole dröge Brot, dat kaut sick slecht

un rüüscht swor dör mien Hals.“ He harr

uck bloot's noch een Tähn un sien Bitt

weer blank. Dorum eet he an'n leevsten

so'n beten lichte Schonkost!

Johann (Jan) Brünjes

RUNDBLICK Sommer 2017

9


Jürgen Christian Findorff in Osterholz

Erste Karte des Fleckens aus dem Jahre 1756 Teil 2

Zunächst muss auf einen Fehler im

ersten Teil (Heft 120) hingewiesen werden.

Durch ein Versehen ist auf S. 24 eine

falsche Karte eingefügt worden. Es handelt

sich dabei um eine Karte mit dem Titel

„accurater Plan von einen Theil des Mohr-

Anbaues und streitigen Gräntz-Scheidung

am Weiherdam“. 24 ) Sie ist von Findorff signiert

und mit dem Hinweis versehen „aufgemessen

den 29. Aug. 1758“. Weyerdamm

war damals eine eigenständige

Siedlung in der Hamme-Niederung östlich

von Osterholz und wird zu einem späteren

Zeitpunkt noch einmal Gegenstand der

Betrachtung sein.

Der Mühlengraben verläuft südlich dieser

Ansiedlung in Richtung Hamme. Hier

nun die richtige Karte des alten und neuen

Mühlengrabens – von Findorff 1755 als

erste Kartierung in Osterholz erstellt.

Bauliches Erbe

der Klosterzeit

Vorzeitliche Funde (steinzeitliche Gräber)

lassen auf eine frühe Anwesenheit von

Menschen am Osterholzer Geestrand

schließen. Doch eine Erschließung in

geschichtlicher Zeit ist erst relativ spät

erfolgt und steht im Zusammenhang mit

der Gründung des Klosters St. Marien im

Jahre 1182. So lässt sich vermuten, dass

der Kernbereich des Fleckens Osterholz

seine Entstehung der unmittelbaren Nähe

dieses Benediktinerinnen-Klosters verdankt.

Ab wann sich dort Bauern angesiedelt

haben und ob seitens des Klosters eine

planmäßige Ansiedlung erfolgt ist, lässt

sich nicht belegen.

Am Ende der Klosterzeit jedenfalls hat es

einen Bereich des Klerus mit seinen diversen

Bauten gegeben und daneben einen

dörflich-bäuerlichen mit – wie es Urkunden

der Zeit aussagen – Wohnhaus und

Scheune.

Situation des alten und neuen Mühlen-Grabens, NLA Stade Karten Neu Nr. 12932

Nach der Donation an den Landgrafen

Friedrich von Hessen-Eschwege hat das

Kloster noch bis zu seiner Auflösung im

Jahre 1650 existiert.

In den gut 100 Jahren seitdem hat es bei

Gebäuden und Funktionen einen erheblichen

Wandel gegeben, zumal durch den

Funktionsverlust auch zahlreiche Gebäude

überflüssig geworden waren. Mag sich die

Landgräfin Eleonora Catharina auch als

Nachfolgerin der Domina gesehen und

deren Wohnräume genutzt haben, so war

es dennoch mit dem klösterlichen Leben

vorbei, wenn auch die Klosterdamen auf

Wunsch noch zeitlebens Wohnrecht in

Anspruch nehmen konnten.

An Gebäuden überlebten Kirche und

Armenhaus. Predigerhaus und Haus des

Kantors mit Schulräumen sind neueren

Datums. Von dem umfangreichen Gebäudebestand

des Klosters ist vieles verfallen

und abgerissen. 25 ) Man kann davon ausgehen,

dass der Zustand bereits unter den

Wirrnissen des 30-jährigen Krieges stark

gelitten und sich davon nicht wieder erholt

hat. Beibehalten wurde noch der Kirchhof

als Begräbnisplatz; um die Kirche herum

verteilen sich 12 aufrecht stehende steinerne

Gruftplatten als Andenken an verstorbene

Klosterangehörige. 26 ) Es sind in

der Mehrzahl weibliche Personen, derer

gedacht wird. Dabei dokumentieren

umfangreiche Wappentafeln die adelige

Herkunft der Kloster-Jungfrauen. Auch

wenn es sich um besonders begüterte

Angehörige gehandelt hat, lässt sich die

St.-Marien-Kirche und Martin-Luther-Haus

St.-Marien-Kirche, Grabplatten am Nordschiff

10 RUNDBLICK Sommer 2017


adelige Herkunft als durchaus charakteristisch

bezeichnen.

Eine Besonderheit stellt dabei der

Gedenkstein für einen Pfarrer des Klosters

namens Bernhard dar, der 1599 im 61.

Lebensjahr gestorben ist. 27 ) Über Pastoren

erfährt man sonst nichts; in den zahlreichen

Urkunden über Verkäufe, Schenkungen

usw. tauchen sie nicht auf, nur jeweils

die Priorin und der Propst.

Hier also nun einmalig der Name eines

Pastors zu einer Zeit, in der sich das Kloster

längst der Lehre Martin Luthers angeschlossen

hatte. Rübberdt schreibt dazu:

„Bereits unter dem greisen Propst Widebrügge

werden einige Nonnen … schon

heimlich zum Luthertum geneigt haben …

Als der als Lutheraner bekannte Domdechant

Dr. [Joachim] Hincke im Jahre 1550

zum Propst … gewählt und bestätigt

wurde, fielen die letzten Schranken. Wir

dürfen das Jahr 1550 daher als das der

Reformation in Osterholz ansehen … Die

erste evangelische Domina des Klosters

war … Jutta Frese, im Amte schon seit dem

Jahre 1521.“ 28 )

Osterholz als Amtssitz

Etwas versetzt gegenüber dem

ursprünglichen Klosterbereich findet man

die Gebäude, die durch Bedienstete des

Amts Osterholz als Arbeits- und Wohnräume

genutzt wurden. Dazu gehören das

Haus des Amtmanns mit Nebengebäuden,

das Gerichts- und Gefangenenhaus sowie

das Haus des Haus-Voigts.

Einen Amtmann hatten bereits die

Schweden nach dem Tode von Eleonora

Catharina eingesetzt. der als oberster Verwalter

und Richter für den Amtsbezirk

zuständig war. Als Richter unterstand er

unmittelbar der Kammer in Hannover und

übte die Untergerichtsbarkeit aus. Amtmann

1756 war Conrad Friedrich Meiners.

Zu seiner Entlastung wurde ihm ein Amtschreiber

an die Seite gestellt. Amtmann

(Erster Beamter) und Amtschreiber (Zweiter

Beamter) waren i. d. R. studierte Juristen,

hatten dieselben Aufgaben und

ergänzten sich gegenseitig. 29 ) Amtschreiber

wurden oft – am selben oder einem

anderen Amt – zu Amtmännern befördert.

Auf-Riss der Herrschafl. Förster-Wohnung, NLA Stade Karten Neu Nr. 13061/8

Als erster Osterholzer Amtschreiber wird

1727 Anton Friedrich Meiners genannt. 30 )

Zu den ranghohen Beamten zählte auch

der Förster in Osterholz. Entsprechend

wurde ihm ein ansehnliches Dienst- und

Wohngebäude zur Verfügung gestellt.

Als Gehender bzw. Reitender Förster

unterstand er der Direktion von Bremervörde

31 ) und hatte seine Offizialwohnung

etwas abseits des Kerns am Hohen Tore (in

der Findorff-Karte – HRB Nr. 120, S. 22 –

der Buchstabe I) in der Nähe des Klosterholzes.

Die von Findorff gefertigten Risse

zeigen ein teilunterkellertes Wohnhaus mit

beheizbaren Stuben und Kammern, daneben

ein separates Stallgebäude, in dem

auch der Wagen des Försters untergebracht

werden konnte. Beide Gebäude als

Fachwerkbauten errichtet. 32 ) Das ehemalige

Wohnhaus existiert noch heute in der

Hohetorstraße.

Das Vorwerk

Der Bereich des Vorwerks lag etwas

westlich des engeren Klosterbereichs und

stellte den Wirtschaftshof des Klosters dar,

in dem in erster Linie die erhaltenen Naturalabgaben

der zinspflichtigen Hofstellen

gelagert werden konnten, um sie dann

Klosterplatzschule, ehem. Wohnhaus des Amtmanns

RUNDBLICK Sommer 2017

Ehem. Forsthaus in der Hohetorstraße

11


dem klösterlichen Haushalt zuzuführen

oder anderweitig zu verwerten. In welchem

Maße Verkäufe getätigt wurden,

lässt sich nicht sagen.

An Gebäuden bestanden um 1530 das

Lange Haus, das als Viehhaus (vehus)

diente, und das Kurze Haus als Kornhaus

(kornhus). Ferner diente das Vorwerk auch

als Wohnort und Schlafstatt für das Klosterpersonal,

das damals 19 Personen

umfasste. Darunter waren Knechte,

Mägde, Hirten, Fischer und Jäger. 33 )

Diese in den Händen von Laienbrüdern

und -schwestern liegende Eigenwirtschaft

trug nicht unerheblich zu den Einnahmen

des Klosters bei. Erträge sollen dabei v. a.

durch die Kolonisation der Hammewiesen

erwirtschaftet worden sein. 34 ) Eine gewisse

Mithilfe ist auch durch die angesiedelten

Hofleute erfolgt, zu deren Dienstpflichten

oft ein Tag Arbeit pro Jahr im Moor gezählt

hat.

Zu einem traditionellen Frauen-Kloster

gehörte aber auf jeden Fall auch ein Garten,

in dem Gewürz- und Heilkräuter gezogen

wurden. Dieser wäre aber eher innerhalb

der Klostermauern zu vermuten.

Eine erste Beschreibung des Geländes

liegt aus dem Jahre 1718 vor. Darin heißt

es: „Das Vorwerck hat 17 Hauser und westwerts

ein kleines Holtz, wie auch 3 große

so genandte Hünensteine,…“ 35 )

In der Findorff-Karte (dort mit B bezeichnet)

sind es deutlich weniger Gebäude, die

sich auf dem Special-Plan der Ambtschreiber

Wohnung… 36 ) detaillierter erkennen

lassen.

Das südliche Gebäude (im Plan mit A

gekennzeichnet) wird als Ambtschreiber-

Wohnung bezeichnet und enthält mehrere

Stuben und Kammern. Der ungleichmäßige

Grundriss verrät zwei Bauphasen.

Die nach vorne hin liegenden Räume a – h

gehören zu dem Teil, der „ao. 1753 neu

Findorff-Haus auf dem Museumsgelände. Am Versatz beginnt nach links hin der durch Findorff vorgenommene

Anbau.

erbauet“ wurde. Der hintere, schmalere

Teil ist unterkellert und „vor etwa 40 Jahr

erbauet.“ Er könnte also möglicherweise

zu Beginn der hannoverschen Zeit entstanden

sein. Bewohnt wurde das

Gebäude von Johann Friedrich Heinrich

Cordemann und seiner Familie. Er war von

1750 – 1760 Amtschreiber in Osterholz. 37 )

Über den Hof gelangte man zu einem

länglichen Gebäude nahe der Straße (im

Plan B). Dieses wird als Scheure des Vorwerks

benannt. Neben der zu erwartenden

Lagerung von Korn – ein Kornboden befindet

sich im südlichen Drittel – besitzt es

noch weitere Funktionen, so u. a. eine

Stube für den Schreiber, eine Kammer für

den Knecht, einen Torfraum sowie Stallungen

für Pferde und Kühe.

Außerdem finden sich auf dem Gelände

noch ein Backhaus (C) in der Nähe des

Hauptgebäudes, ferner ein Schweinestall

(D) sowie der Abtritt (G).

Gut 100 Jahre nach Auflösung des

Klosters deuten die Befunde auf eine weiterhin

betriebene Bewirtschaftung dieses

Bereichs, der aber durch die Einrichtung

von Wohn- und Arbeitsräumen für den

Amtschreiber eine zusätzliche, neue Ausrichtung

bekommen hat.

Eine eindeutige Zuordnung zu der

Gebäudestruktur um 1530 erscheint

schwierig. Von der Größe her könnte das

im Plan mit B bezeichnete Gebäude das o.

g. Lange Haus sein. Das Kurze Haus wäre

dann möglicherweise ein Bau, der nicht

direkt auf dem Gelände des Vorwerks

stand, aber mit dazu gerechnet worden ist.

Der Special-Plan derer Herrschaftl.

Gebäude – HRB Heft 120, S. 23 – verzeichnet

hinter der Kirche und dem sog. Süster-

Kirchhof (T) eine Vorwercks Scheure (B), in

der sich zu Findorffs Zeiten Schreibstube

(a), Backhaus (b), Knecht-Stube (c), Pferdeställe

(d) und Futter-Kammer (e) befanden.

Vorwerks-Scheure mit Pferdestall. NLA Stade Karten

Neu Nr. 13061/3, Abb. B.

Special Plan der Ambtschreiber Wohnung …, NLA Stade Karten Neu Nr. 13061/5

Auf dem in der Gegenwart bislang als

Museumsgelände genutzten Areal ist von

den genannten Gebäuden nur noch das

sog. Findorffhaus vorhanden. Das Gelände

wird teilweise von einer Mauer mit Ziegeln

im Klosterformat umgeben. Von dieser

Mauer ist in der Karte sowie im Plan noch

nichts zu entdecken; sie muss also jünger

sein. Auch entspricht der Grundriss des

12 RUNDBLICK Sommer 2017


Geländes nicht dem heutigen. Gut erkennbar

sind in der Karte hingegen die das

Amtschreiberhaus flankierenden Gärten,

die auch im Plan deutlich werden (F). Nach

vorne hin schließt sich an das Gebäude ein

Hofplatz (E) an.

Der Flecken

Alle in der Findorff-Karte hellrot gezeichneten

Gebäude werden von den Osterholzer

Einwohnern als Wohn- bzw. Wirtschaftsgebäude

genutzt. In einer Aufstellung

für das Jahr 1753 finden wir die Zahl

von 59 Feuerstellen. 38 ) Die meisten dieser

Wohnstätten erstrecken sich in einer Reihe,

z. T. Doppelreihe, von West nach Ost entlang

einer Straße bzw. eines Weges, der im

O endet. Im mittleren Teil ist der Weg – die

heutige Findorffstraße – alleeartig mit Bäumen

bestanden.

Die angrenzende Gemarkung wird landwirtschaftlich

genutzt, wobei die Geestbereiche

überwiegend vom Ackerbau, die

Niederungsflächen im S und O durch

Grünlandnutzung geprägt werden.

Trotz dieser landwirtschaftlichen Ausrichtung

ist bei der Siedlung nie von einem

Dorf die Rede, sondern sie wird als Flecken

bezeichnet oder auch als Freier Damm.

Freie Dämme finden wir sonst bei Rittergütern,

die über ihre bei der Burg wohnenden

Untertanen die Gerichtsbarkeit

besaßen, wie z. B. Sandbeck oder Meyenburg.

Nun war Osterholz kein adeliger Sitz,

besaß aber die Gerichtsbarkeit über die

direkt dem Kloster unterstehenden

Bewohner. 39 ) Die Freiheiten für die Bewohner

gingen über dieses eigene Gericht –

die Sprache – aber noch hinaus und umfassten

etliche Privilegien, wie man anhand

eines Bittschreibens etwa aus den

1730/40er Jahren erahnen kann. 40 ) Darin

heißt es u. a.: „Ein freyer damm rührt …

von freyheit her, die Osterholtz … von

uhralten Zeiten genoßen hat. … daß er

frey ist von Einquartirungen, Krieges-

Führen und anderen dergleichen oneribus

publicis … Der Ursprung solcher freyheit

ist ohne Zweiffel alhier bey uns von denen

ehemahligen Klosterlichen Zeiten herzuhohlen,

und fölglich wird sie sehr alt seyn.“

Und alle neuen Bewohner, die sich „successive

nach und nach“ angesiedelt

haben, hätten sogleich diese Freiheiten

genossen, die auch nicht mit der Säkularisierung

beseitigt, sondern unter Eleonora

Catharina beibehalten worden seien.

„Diese gottseelige Fürstin hat Osterholtz

nicht nur bey aller ihrer Freyheit gelaßen,

sondern hat auch dieselbe auf alle Art

unterstützet und erneuert, so daß wir

unter derselben in Ruhe und Frieden gelebet…“

Auch habe nach deren Tod die

schwedische Regierung diese Freiheiten

nicht angetastet; jetzt scheinen diese aber

bedroht zu sein, so dass nun das Bittgesuch

erfolgt: „…unser allergnädigster

RUNDBLICK Sommer 2017

König 41 ) und Landes-Vater viel zu gnädig

ist, daß er solche hergebrachte Freyheiten

und immunitäten uns nehmen solte,

davon wir merkmahl genug tag täglich vor

augen haben, indem er uns ein freye Kirche,

Klock und Orgel giebet, und unsern

Predigern und Schulbedienten aus s. Herrschaftlich

Registern salaviren läßt, unsere

Kirche in bar unterhält nebst Pfarrhaus und

Schulbedienten Wohnung…“

Die Hofstellen

und ihre Inhaber

Wenn auch die Anfänge im Dunkeln liegen,

so ist doch davon auszugehen, dass

die ersten Siedler in einer unmittelbaren

Abhängigkeit vom Kloster standen. Das

Kloster wurde bei seiner – zweiten – Gründung

im Jahre 1185 durch Erzbischof Hartwig

mit umfangreichen Ländereien ausgestattet,

viele davon in größerer Entfernung.

Von besonderer Bedeutung war

dabei die Übereignung des erzbischöflichen

Hofes in Scharmbeck. „…übergaben

… den Hof Schyrenbicke … mit allen seinen

zugehörigen Gebäuden, bebauten

und unbebauten Aeckern, Pächtern …,

Hofräumen, Kämpen, Wiesen, Weiden,

Wäldern, Jagden, Fischereien, Vogelfängen,

Gewässern, auch den herabfließenden

zum Mahlen dienenden Gewässern

…“ 42 ) Auch die Scharmbecker Kirche wird

unterstellt; die Aufzählung weiterer Ländereien

nimmt noch einmal einen großen

Raum ein.

Ob zu dem erzbischöflichen Hof auch

Landbesitz in Osterholz gehörte, wird

nicht gesagt, die Klostergründung machte

jedoch nur dann Sinn, wenn Landbesitz

hierfür zur Verfügung gestellt und

großflächig gesichert wurde. So ist es vielleicht

nicht abwegig anzunehmen, dass

von den erwähnten Pächtern auch einige

in Osterholz lebten und an der Kultivierung

des Landes beteiligt wurden.

Aus späterer Zeit weiß man, dass das

bewohnte und bewirtschaftete Land dem

Kloster gehörte und vom Nutzer zu einem

festgelegten Kaufpreis erworben werden

musste, und zwar jedes Mal, wenn ein

Wechsel des Stelleninhabers erfolgte, auch

bei Übernahme durch den Sohn. Weitere

Verpflichtungen waren mit dem Stellenantritt

verbunden. Eine Hilfe war hingegen

die Unterstützung beim Hausbau, indem

das Kloster das benötigte Bauholz aus dem

Klosterholz bereitstellte.

Die Beziehungen zwischen Kloster und

Stelleninhaber wurden vertraglich geregelt,

wobei dieses kein explizites Meierecht

war, diesem aber nahe kam.

Die Zahl dieser als Hofleute bezeichneten

Bewohner wuchs auf 10 an. Neben

diesen 10 alten Hofleuten existierten die

15 kleinen alten Hofleute. 43 )

Wilhelm Berger

Anmerkungen

24

) Anm. 1 – 23 s. HRB 1/2017, S. 25. Die Weyerdamm-Karte

befindet sich im NLA Stade

unter Karten Neu Nr. 13018.

25

) Für das Jahr 1521 ließ sich folgender Gebäudebestand

rekonstruieren: Kloster mit Kirche

(kerken), Badehaus (staven), Arbeitshaus

(werckhus), Küsterei, Küche, Frauenhaus,

Schule, Kemenate, verschiedenen Kammer,

Hospital (sekenhus), Abtritt (sprackhus) und

Speisesaal bzw. Remter (reventer). Quelle:

Konrad Elmshäuser, Das Inventar der Jutta

Frese von 1521; in: Stader Jahrbuch 2015,

S. 261

26

) Eine akribische Untersuchung der Grabplatten

mit ihren teilweise kaum noch zu entziffernden

Inschriften findet sich bei Ursula Siebert,

Steinerne Zeugen unserer Kultur;

Osterholz-Scharmbeck 1986. Über Osterholz

handeln die S. 129 – 163.

27

) ebd., S. 133, 142, 143

28

) Rudolf Rübberdt, Geschichte des Nonnenklosters

und der evangelischen Kirchengemeinde

zu Osterholz; Teil 4, in: HB

8/1935, S. 31. Es gibt ferner sehr deutliche

Hinweise, dass lutherisches Gedankengut

bereits in den 1520er Jahren Eingang gefunden

hat.

29

) H.-C. Sarnighausen, a. a. O.; S. 368, 369

30

) ebd., S. 371. Die Funktion hat es offensichtlich

bereits in schwedischer Zeit gegeben.

Jedenfalls bezeichnet Segelken (s. Anm. 34)

den Inhaber der 1. Hofstelle – Johann Märtens

– als Amtsschreiber für die Jahre 1692

und 1705 (S. 117); d. h. er hat diese Stellung

über viele Jahre innegehabt.

31

) Karl Lilienthal, Forstwirtschaft im alten Amte

Osterholz; in: HB 7/1939, S. 25, 26. Ein

umfassendes Bild über das Forstwesen und

die Dienstränge wird für die Zeit um 1800

entworfen: Bodo Steinert, Ihn gab es wirklich,

den „Reitenden Förster“ Jürgen Ludewig

Schmidt; in: HRB 1/1992, S. 20 – 22.

32

) NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061/8

33

) K. Elmshäuser, a. a. O.

34

) Johann Segelken, Osterholz-Scharmbecker

Heimatbuch; Osterholz-Scharmbeck, 3.

Aufl. Osterholz-Scharmbeck 1967, S. 86

35

) Georg von Roth, Geographische Beschreibung

der beyden Herzogthümer Bremen

und Verden; Teilabdruck in: HB 1/1937, S.

1 – 3.

36

) NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061/5

37

) H.-C. Sarnighausen, a. a. O., S. 374, 375

38

) J. Segelken (1967), S. 114

39

) Wilhelm Berger, Fürstliche Zeiten (III); in:

HRB 2/2015, S. 16

40

) Kr.-Arch. OHZ, a. a. O., Dok. 3. Das Schreiben

ist undatiert, dürfte nach 1732 verfasst

worden sein.

41

) Zu der Zeit war Kurfürst Georg August als

Georg II. König von England.

42

) H. Köker, Aus der Gründungszeit des

Klosters zu Osterholz; Teil 1, in: HB 2/1927,

S. 6

43

) Die Geschichte der Hofleute soll hier nicht im

Einzelnen referiert werden. Verwiesen sei auf

die ausführlichen Darlegungen bei Segelken

(1967), S. 115 – 128.

13


Antiqua sidewendige

Nur wenig beachtet wurde bisher die

Bezeichnung „antiqua sidewendige“, die

auf zwei Karten aus der Zeit vor der Gründung

des Klosters Lilienthal zu sehen ist.

Aus Richtung Borgfeld kommend zeigt

sich ein Weg, der den Verlauf der heutigen

Hauptstraße nimmt. Einmal führt er um

das „Hohe Land“ herum, eine Erhebung in

Höhe der Bahnofstraße und dem Klepperhof

bis zur Einstmannstraße, um dann wieder

den Weg der jetzigen Hauptstraße zu

nehmen. Auf der zweiten Karte folgt die

sidewendige der Richtung der Hauptstraße

bis Höhe Falkenberger Kreuz, um

sich dort zu verzweigen. Die eine Seite

folgt dem Dünenzug über Heidberg, Seebergen,

in Richtung Ottersberg. Vom

Abzweig in Falkenberg in Richtung Osterholz

ist der Verlauf über Frankenburg,

Moorkampstraße und St. Jürgen zu ersehen.

Es muss sich, vom lateinischen Wort

antiqua abgeleitet, um einen Verkehrsweg

von sehr hohem Alter handeln. - Eine

umfassende Eindeichung dieses Bereiches

wird erst auf einer anderen Karte für das

Jahr 1329 datiert.

Kloster Lilienthal existierte

seinerzeit noch nicht

noch als Alte Wörpe von „Kutscher Behrens“

zur Höge und geht dort in das Kirchenfleet

über, vorbei an der Kirche St. Jürgen

Richtung Hamme in Höhe Ritterhude.

In alten Zeiten verlor sie sich bei der Höge

in den Blänken, um dann in einem großen

Bogen die Wümme zu erreichen. An ihrem

Ufer ist ein Weg zu erkennen, der als

Fußweg diente, vorwiegend jedoch als

Treidelpfad genutzt wurde. - Der Name

„Linenpad“ (Leinenpfad) eines eingetragenen

hiesigen Flurstückes ist eine Erinnerung

an die harte Arbeit der Frauen, die auf

diesem Weg neben der Wörpe das Boot

gegen die Strömung zogen („treidelten“),

während der Mann das kleine Schiff mittels

einer Stange vom Ufer wegdrückte.

Binnendeich

Vor der Gründung des Klosters Lilienthal (1232)

Die Wörpe hat ihr Quellgebiet etwa 10

km süwestlich von Zeven, nimmt dann

ihren Verlauf über Wilstedt nach Trupe,

denn (das Kloster) Lilienthal existierte zur

Zeit der antiqua sidewendige noch nicht.

Die an beiden Flussufern der Wörpe gelegenen

Grünflächen in Grasberg wurden

bereits von den Tarmstedter und Wilstedter

Bauern landwirtschaftlich genutzt,

bevor die Kirche zu Grasberg 1789 eingeweiht

wurde. Die Wörpe verläuft heute

Sidewendige ist ein

niedriger Deich

Das Wort siedewendige ist eine im

Bereich der Weser- bis zur Elbmarsch sehr

häufig vorkommende Bezeichnung. Mit

kleinen Abweichungen in der Schriftform

ist die Bedeutung nahezu gleich: Eine Sietwende

ist ein niedriger Deich, der im Bin-

14 RUNDBLICK Sommer 2017


Tafel am Ende der Südwenje beim Siel in die

Wümme

nenland und meistens zwischen den

Gemarkungen zweier Orte liegt, durch

den verhindert wird, dass das Binnenwasser

nach einem weiter entfernten Deichbruch

sozusagen von hinten ins Land

fließt. Sietwenden sind besonders an der

Unterelbe häufig. (Wikipedia)

Hieraus ist zu ersehen, dass es sich um

einen niedrigen Deich handelte, der aber

auch als Weg benutzt wurde. Und nicht

nur das: „Das Oberblockland enthält: a.)

die Wetterung, deren Eingesessene sich bis

an den Wummen Deiche von dem Kuhsiel

bis an der Südwenje (Sietwenje) angebauet

haben;“ – „Mitten in der Landschaft

verläuft ein kleiner Deich, die „Sietwende“.

Er bildet die Grenzlinie zwischen den Harden

Everschop und Eiderstedt und wird

von der B202 bei Hemminghörn geschnitten.

Dieser Deich ist als Fußweg benutzt

worden, wenn sich die Ratleute der drei

Harden bei Hemminghörn auf ihrem Versammlungsplatz

trafen; aber er war nicht

als Fußweg geplant, sondern er sollte die

beiden Harden schützen. Wenn eine Harde

bei Sturmflut unter Wasser stand, sollte das

Wasser nicht auch noch die andere Harde

überschwemmen. Gedacht war diese Sietwende

als eine Art Zwischendeich. Sie

wurde 1435 auf Anordnung des Herzogs

von Schleswig gebaut. („Das Eiderstedter

Alphabet" / Claus Heitmann / Heimatbund

Landschaft Eiderstedt)

Siedwenje (Sidwendige) nennt man

nämlich einen Binnendeich, welcher zur

Abwehr des Binnenwassers dient. Über

diese Bedeutung kann kaum ein Zweifel

obwalten. - „Sidwendige agger“ wird

schon 1313 der Damm genannt, welcher

das Wangerland vom Harlingerland trennt.

(Bremisches Jahrbuch, Band 3, S. 170)

RUNDBLICK Sommer 2017

„Der Huntefluss hatte auch seine

Tücken. Die Windungen im Flussbett, an

denen sich Sandbänke bildeten, waren in

jener Zeit ein Gefahrenpunkt für die Schifffahrt.

Außerdem sorgten die Krümmungen

für Stauungen und gefährliche

„Küsel“ (Strudel) und Wirbelströme.

Dadurch entstanden auch Schäden am

Deich. Beladene Segelschiffe mussten

daher ihre Fracht im Bereich der Fährbucht

(Brunsfähr) auf flachgehende Boote umladen.

Diese erreichten dann im Treidel-Verfahren

den Oldenburger Hafen. Der südlichste

Punkt der Hunteschlinge heißt

noch heute „Südwendung“.

Der davon weiter südliche liegende Hof

heißt darauf bezogen „Südwenje-Hof“, er

wurde bereits 1433 erwähnt.“ (Bürgerverein

Wüsting, Harry und Herbert Heinemann,

Werner Mahlstede) - Diese Schilderung

des Hunteverlaufes entspricht nicht

nur in etwa dem uns bekannten Schlängeln

der Wümme durch das Blockland:

Man meint das heimatliche Bild gedanklich

vor sich zu sehen, als folge man dem

Verlauf des Blocklander Deiches mit dem

Fahrrad.

Bisher gibt es keine andere Deutung als

die Übersetzung von sidewendige/sietwenje

in niedrig. Doch in der ehemaligen

Ortsbezeichnung Nordsiede an der

Wümme, wird die siede als Seite erkannt,

was auch seine Berechtigung hat, denn die

Nebendeiche zweigten fast rechtwinklig

vom Hauptdeich ab, wie auch bei der Hunteschlinge

geschildert! Die Gaststätte

„Nordseite“ hat bis heute den Namen des

Deichteiles erhalten, an welchem der Weg

vom Wümmedeich in die Strecke von

Marßel über Ritterhude nach Osterholz-

Scharmbeck einschwenkt .

Gezeiten wurden

für Fahrten genutzt

Die Gezeiten, Ebbe und Flut, waren

genau bekannt, auch deren Dauer in unserem

Bereich. So werden die in unserem

Bereich siedelnden Menschen die Zeit des

auflaufenden Wassers genutzt haben, um

Ziele im Hinterland Teufelsmoor und darüber

hinaus zu erreichen. Von Trupe waren

es nach Wilstedt ca. 15 km. Doch die Männer

hatten ihre Boote sicher auf dem Heidberg

„geparkt“, um dort das Einsetzen des

auflaufenden Wassers abzuwarten. Um

1780 wurde in Dannenberg ein Boot

geborgen, dessen Alter nach der C14-

Methode auf das Jahr 200 n. Chr. festgelegt

wurde.

Der Faktor Zeit spielte bei den Menschen

damals eine mehr als untergeordnete

Rolle. Im Winter war das Eis ein Verbündeter,

um nicht nur die nähere Umgebung

kennenzulernen. Die Menschen

waren mit der Natur eng verbunden, lebten

auch im Winter mit ihr. So legten sie

die Strecken zurück, die sie an einem Tag

Boot Dannenberg: Der Boden ist sehr flach gearbeitet,

so konnte das Boot auch bei geringer Tiefe

über das Wasser gleiten.

bewältigen konnten, oder richteten sich

auf ein Verbleiben über Nacht ein. Entweder

in der freien Natur oder in einer sich

bietenden Unterkunft. Diese Gelegenheit

ergab sich oder war bereits eingeplant.

Das Teufelsmoor war ihnen kein Buch mit

sieben Siegeln!

Zur Zeit der sidewendige gab es in Trupe

nicht nur einen Hof, der ohnehin auf einer

Warf gestanden hätte; dieser Deich und

Verkehrsweg hatte seinen Wert für einen

weitaus größeren Bereich, wie man aus seinem

Verlauf erkennt. Als Ergebnis darf man

drei Gründe nennen, die seine Notwendigkeit

ausmachten: Der Binnendeich, um

eindringendes Wasser zu teilen und zu

trennen; der Fußweg, auf dem man das

Gebiet passieren konnte, von dem aus

Frauen die Boote treidelten; die erkennbare

Grenzlinie zwischen Trupe und der

„Gemeinen Borgfelder Weide“, die von

den Anwohnern beider Seiten und durchziehenden

Fremden als Verkehrsweg

genutzt wurde. Letzteres macht die

Gründe für den Standort eines Klosters

deutlich: Es bot den Durchreisenden

Unterkunft, Sicherheit und Verpflegung.

An dieser Stelle soll abschließend noch

einmal daran erinnert werden, dass beim

Standortwechsel des Klosters Lilienthal der

Umzug nicht aus Wollah (nahe Lesum)

erfolgte, sondern Wolda als Altenwalde

(kurz vor Cuxhaven) anzusehen ist. Als

Wallfahrtsort konnte man in der dortigen

Kirche einen Splitter vom Kreuz Jesu Christi

als Reliquie vorweisen. Die Nähe zum

größten Königshof im Erzbistum Bremen

bot dem Kloster weitere Einnahmen aus

der Versorgung von Besuchern und Reisenden.

Wolda als Altenwalde, so ist es

mehrfach im Urkundenbuch des Klosters

Neuenwalde nachzulesen!

Harald Steinmann

Quellen:

Lilienthal gestern und heute, Band 1, Wilhelm

Dehlwes, 1977

D. Fliedner, Marschhufensiedlungen nördlich

von Bremen vor 1350, 1970

Hans-Heinrich Meyerdierks, Moorhausen, als

Deichgräfe

15


Sengstacke – Schicksal einer Familie

Der amerikanische Präsident Bill Clinton und Bremen-Marßel

Gewiss eine zunächst rätselhafte Überschrift.

Unter normalen Umständen ist ein

Kondolenzschreiben des amerikanischen

Präsidenten Bill Clinton zum Tode eines

bedeutenden Menschen für uns in Bremen

nicht besonders erwähnenswert. In diesem

Fall jedoch handelt es sich um den am 28.

Mai 1997 verstorbenen Zeitungsverleger

John H.H. Sengstacke, dessen familiäre Bindungen

bis nach Marßel in unserem Ortsamtsbereich

Burglesum zurückreichen.

Kämpfer für die

afroamerikanische

Gemeinschaft

Der Burgdammer Walter Schnier hat

seine umfangreichen Recherchen seitenlang

schriftlich festgehalten und dabei

herausgefunden, dass John H.H. Sengstacke

zu den großen amerikanischen Zeitungsbossen

gehörte, der von Präsident

Bill Clinton als entschlossener Kämpfer für

die afroamerikanische Gemeinschaft

bezeichnet worden ist.

Die Anfänge in Marßel gehen zurück in

die Zeit um das Jahr 1700 und beginnen

mit einem Hofplatz Marßel Nr. 21, früher

Nr. 15. Erwähnen wir die ersten Hofbesitzer

in Marßel, deren Reihenfolge mit Heinrich

Piper, Johann von Harten, Johann

Heinrich Dierksen und Conrad Schmidt

beginnen. Und hier taucht erstmals der am

6.1.1815 geborene Hermann Sengstacke

auf, der vermutlich ein entfernter Verwandter

der Familie Schmidt war. Dieser

Hermann Sengstacke, der dem Familiennamen

nach gut nach Bremen passen

würde, war als junger Mann zur See gefahren

und schließlich in Savannah wegen des

freundlichen Klimas an Land gegangen. Er

gründete ein kleines Kaufmannsgeschäft,

stellte später zwei Angestellte ein und

hatte ein gesichertes Auskommen.

Und jetzt - Hermann Sengstacke ist noch

Junggeselle - beginnt die Geschichte interessant

zu werden. Eines abends bummelte

er über den Sklavenmarkt, wo gerade

junge afrikanische Frauen und Männer eingetroffen

waren und von Händlern zum

Kauf angeboten wurden. Die Kundschaft

prüfte Muskeln und Zähne, doch Hermann

Sengstackes Blick fiel auf eine junge Frau

namens Tama. Er spürte ihr Schamgefühl

und war doch angerührt von ihrer Erscheinung.

Spontan gab er ein Gebot ab und er

kaufte sie.

Die beiden heirateten im Jahre 1847 in

Charleston, wo Ehen zwischen Weißen

und Schwarzen damals schon möglich

waren. Sie bekamen einen Sohn, John Hermann

Henry, und wenig später, 1849

wurde die Tochter Mary Elisabeth geboren,

doch Tama verstarb bei der Geburt

des zweiten Kindes.

Hermann Sengstacke buchte in seiner

Hoffnungslosigkeit eine Reise nach Bremen

und brachte seine beiden Kinder zu

den Eheleuten Cord und Adelheid Schmidt

nach Marßel. Später lebten sie im Hause

des Sohnes Conrad Schmidt und dort

müssen sie auch mitbekommen haben,

wie im Jahre 1862 die ersten Personenund

Güterzüge von einer schnaufenden

Dampflokomotive gezogen, hinter

Schmidts Haus nach Geestemünde fuhren.

Hermann Sengstacke erteilte seiner amerikanischen

Bank einen Dauerauftrag,

sodass für den Unterhalt der Kinder

gesorgt war.

John H.H. Sengstacke

war sehr begabt

Die Familie Schmidt nahm ihre Aufgabe

sehr ernst und sie kümmerten sich vorbildlich

um die Erziehung der Halbwaisen. Es

ist überliefert, dass John H.H. Sengstacke

sehr begabt war und seine Veranlagung

von den Pflegeeltern nach besten Kräften

unterstützt und gefördert wurde. Sie

schickten ihn nach Bremen in die Lateinschule

und ermöglichten ihm in kultureller

Hinsicht den Besuch von Museen, Konzertund

Theater-Veranstaltungen. Darüber

30. Mai 1997

Übersetzung:

Weißes Haus Washington

Herrn Robert Sengstacke

2400 South Michigan Avenue

Chicago, Illinois 606l6

Lieber Robert,

Hillary und ich waren tief betrübt, vom Tode Ihres Vaters zu erfahren,

und mit unserem Herzen sind wir bei Ihnen.

John Sengstacke war ein entschlossener und visionärer Führer, ein Pionier

im Zeitungsgeschäft, der Afro-Amerikanischen Volksgruppe mit grimmigem

Eifer verpflichtet. Als Besitzer und langjähriger Herausgeber des

Chicago Defender half er, eine Familienzeitung in eines der einflußreichsten

afro-amerikanischen Presseorgane in Amerika zu verwandeln.

Ihr Vater war ein Streiter für Gerechtigkeit und Gleichheit, indem er

seine Fähigkeiten und seine Energie ganz darauf verwandte, ein besseres

Leben für Millionen seiner amerikanischen Mitbürger zu erreichen.

Während seines ganzen Lebens und seiner Karriere, sowohl im privaten

Sektor als auch im öffentlichen Dienst, strebte er danach mitzuhelfen,

daß Amerika sein Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und gleichen

Chancen für alle einhält. Sein Tod ist nicht nur ein großer Verlust für Sie

und Ihre Familie, sondern auch für unsere Nation insgesamt.

Wir hoffen, die liebevolle Unterstützung durch Ihre Familie und

Freunde wird Ihnen eine Stütze während dieser schweren Zeit sein, und

wir behalten Sie in unseren Gedanken und Gebeten.

Herzlich

gez. Bill Clinton

16 RUNDBLICK Sommer 2017


hinaus ist zu lesen, dass Hermann Henry

fünf Sprachen beherrscht haben soll.

Mary Elisabeth blieb

in Deutschland

Bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres

floss das Unterhaltsgeld für die Kinder aus

Amerika. Während John Sengstacke 1869

nach Savannah zurückreiste, um das Erbe

seines inzwischen verstorbenen Vaters

anzutreten, blieb seine Schwester Mary

Elisabeth im Lande ihrer weißen Vorfahren,

wo sie am 18.12.1917 68-jährig verstarb.

Obwohl der Vater Hermann Sengstacke

nicht wieder geheiratet hatte, war von den

für die Kinder vorgesehenen 60 000 Dollar

nur noch 10 % vorhanden. Der große

Anteil war zuvor in die Taschen der Nachlassverwalter

geflossen.

John H.H. Sengstackes schwarz-weiße

Abstammung war nur schwach ausgeprägt,

denn das Erbgut seines Vaters wirkte

dominierend. Im Land der unbegrenzten

Möglichkeiten kam man ihm jedoch so

lange freundlich entgegen bis sich herausstellte,

dass er eigentlich ein Mulatte war,

der nicht die gleichen Rechte hatte wie ein

Weißer. Trotz besonderer Fähigkeiten

hatte er große Schwierigkeiten bei der

Arbeitssuche. Um unabhängig zu sein,

gründete er ein kleines Textilgeschäft, das

„Sengstackes Store“. Da dieses Unternehmen

glücklos verlief und wieder aufgegeben

werden musste, trug sich John H.H.

Sengstacke mit dem Gedanken, Amerika

abermals zu verlassen und nach Deutschland

zurückzukehren. Die quälenden

Zukunftsängste, bedingt durch seine Hautfarbe,

ließen kaum Hoffnungen auf eine

bessere Zeit aufkommen. Das änderte sich,

als er die junge Witwe Flora Abbot kennenlernte,

die ebenfalls dunkelhäutig war,

wie seine Mutter. Flora Abbot hatte aus

erster Ehe den am 28.11.1869 geborenen

Sohn Robert. Bei der Eheschließung am

26.07.1874 adoptierte John H.H. Sengstacke

den damals fast fünfjährigen Jungen,

der den Namen Sengstacke-Abbot

erhielt.

John H.H. wurde Mitglied

der Baptistengemeinde

Die Arbeitssituation jedoch hatte sich in

der ersten Zeit der jungen Ehe nicht sonderlich

verbessert. Tätigkeiten als Deutschlehrer

für Töchter wohlhabender Familien

endeten wieder, sobald seine Abstammung

bekannt wurde. Das änderte sich

erst, als John H.H. Sengstacke Mitglied der

Baptistengemeinde wurde. Baptisten hielten

als unabhängiges Volk zusammen, und

so stieg er auf und wurde Missionar und

Prediger. Er machte nun die Sache der

unterdrückten Minderheit zu seiner eigenen.

Es war sicher seinen Fähigkeiten zuzuschreiben,

dass man in dieser Religionsgemeinschaft

ihm den Titel „Doctor of Divinity“

des Bethany College verlieh.

Sein Adoptivsohn bekam noch sieben

Halbgeschwister, vier Schwestern und drei

Brüder. Dennoch kümmerte sich John H.H.

Sengstacke mit besonderer Hingabe um

den Adoptivsohn Robert, indem er dessen

Talente und Begabungen förderte.

Robert Sengstacke-Abbot gründete im

Jahre 1905 in Chicago zunächst den Zeitungsverlag

„Chicago Defender“, eine Zeitung

für die schwarze Bevölkerung. Bis zu

seinem Tod 1940 hinterließ er ein Imperium

von 14 Zeitungen in den Vereinigten

Staaten von Amerika.

Der Neffe von Robert Sengstacke-

Abbot, ein Sohn seines Halbbruders Alexander,

war bereits 20 Jahre in dem Unternehmen

tätig. Die drei Ehen des Zeitungsgründers

waren kinderlos geblieben und

so erfüllte der direkte Enkelsohn des in

Marßel aufgewachsenen John H.H. Sengstacke

das Vermächtnis, die Zeitungsverlage

fortzuführen. Zufälligerweise trug er

auch den Vornamen seines Großvaters.

Eine der ersten schwarzen

Millionäre Amerikas

Zurück zu Sengstackes Zeitungsuntermehmen.

Sie selber gehörten als „The

Black Aristocrates“ zu den ersten

schwarzen Millionären Amerikas. Der erste

im Weißen Haus zugelassene Korrespondent

kam aus dem Zeitungsverlag Sengstacke.

Mitglieder der Familie Sengstacke

wurden zu bestimmten Anlässen von den

amerikanischen Präsidenten ins Weiße

Haus eingeladen. Mit ihren Zeitungen leisteten

sie Öffentlichkeitsarbeit für die

gesamte Nation. Ihre Leitidee war „Versöhnung

zwischen Schwarzen und

Weißen“. So war auch die Freundschaft zu

dem Träger des Friedensnobelpreises, dem

Pfarrer Martin Luther King (1929 – 1968)

zu verstehen, der sich als Kämpfer für die

Bürgerrechte der Farbigen in den USA von

den radikalen Elementen distanzierte.

Als am 28. Mai 1997 das Familienhaupt,

John H.H. Sengstacke, 85-jährig verstarb,

wurde die hier lebende Verwandtschaft,

die Nachkommen von Mary Elisabeth

geborene Sengstacke, umgehend benachrichtigt.

Außer Zeitungen mit den Nachrufen

erhielten sie ein Programm des großen

Memorial-Gottesdienstes. Es war einleitend

mit dem hier abgedruckten Kondolenzschreiben

des amerikanischen Präsidenten

Bill Clinton versehen.

Robert Sengstacke, geboren am

29.05,1943, ein Urenkel des in Marßel aufgewachsenen

John H.H. Sengstacke, ist

derzeitiger Chef des großen Zeitungsunternehmens.

Dieser Aufsatz konnte nur geschrieben

werden, weil Walter Schnier in akribischer

Kleinarbeit - wie ein Puzzle zusammengesetzt

- sich um die Aufarbeitung dieses

Themas und gegen das Vergessen bemüht

hat. Mit gleicher Genauigkeit wie seine

drei Bücher über Burgdamm sind seine

umfangreichen Nachforschungen über

dieses Auswandererschicksal geführt worden.

Darüber hinaus bieten die hier nicht

erwähnten Aufzeichnungen, die zwar im

Zusammenhang stehen, viel Stoff für weitere

Berichte.

Deshalb, ein herzliches „Dankeschön“

an Walter Schmer für das hier zum Teil ausgewertete

Ergebnis seiner Forschungen,

aber auch ein Dank an die Nachkommen

von John H.H. Sengstacke, die mit Auskünften

und Unterlagen behilflich waren.

Es hat mir Freude gemacht, diesen

Bericht zu schreiben.

Rudolf Matzner

Leserbrief

Im Nachgang zu unserem Beitrag im

letzten HEIMAT-RUNDBLICK über Siegfried

von Vegesack erhielten wir ein

Gedicht von Walter Heinrich aus

Aumund von dem baltendeutschen

Schriftsteller, das wir unseren Lesern

gerne zur Kenntnis bringen möchten:

Zwischen Staub und Sternen

Zwischen Staub und Sternen

wanderst ewig du

einem dunklen, fernen

unbekannten Ziele zu.

Staub an deinen Füßen,

das Gesicht bestaubt, –

doch am Himmel grüßen

Sterne über deinem Haupt.

Wirst du ewig kleben

an der Erde Schoß?

Oder dich erheben

zu den Sternen hell und groß?

Werden wir vergehen

wie im Herbst das Laub, –

oder auferstehen

einst aus Dunkelheit und Staub?

Wandern wir im Kreise

ewig um den Kern?

Wohin geht die Reise

zwischen Staub und Stern?

Von dem Ziel, dem fernen,

fern, wie am Beginn, –

werden wir je lernen

den verborgnen Sinn?

Zwischen Staub und Sternen

wandern wir dahin …

von Siegfried von Vegesack

geb. 20. März 1888

gest. 26. Januar 1971

RUNDBLICK Sommer 2017

17


Die Karte!

Präsentation in der Welterbestätte Bremer Rathaus

Unglaublich, am Sonntag, den 4.Juni 2017

gab es in Bremen mit mehr als 5200 Besuchern

zum „13. Welterbetag“ *) der

UNESCO, einen Ansturm auf das Rathaus. „In

weitem Bogen windet sich die Schlange über

den Grasmarkt, die Obernstraße hinunter bis

hinter Karstadt. Stundenlang stehen viele an,

um ein Stück Bremen zu ergattern“, schrieb

der Weser-Kurier. Das Rathaus lud zum Anlass

des 70. Jahrestages der Wiedergründung

Bremens nach dem Zweiten Weltkrieg zu

einem Tag der offenen Tür. Es gab nicht nur

Führungen durch den Ratskeller und das Rathaus,

mit Blick in Güldenkammer und Kaminsaal,

sondern auch ein kleines Stück Kupferblech

von der alten Dachbedeckung des Bremer

Rathauses und die Präsentation der Karte

„Bremen und sein Landgebiet von 1748“.

Diese Karte ist die einzige von einst vier

Exemplaren und konnte Anfang des Jahres

vom Leiter des Bremer Staatsarchivs Konrad

Elmshäuser erworben und somit für Bremen

dauerhaft gesichert werden. Die Karte zeigt

Bremen mit seiner Kernstadt und seine ländlichen

Gebiete. Diese zeichnete und kolorierte

Johann Daniel Heinbach vor 270 Jahren

in den Maßen 106,5 x 75,5 Zentimeter. Im

Rathaus gab es von der historischen Karte

hochwertige Nachdrucke, einmal in einer

kleinen Variante und einmal annähernd in

Originalgröße.

Grundriss der Kaysserlichen Freyen Reichs- und

Ansee Stadt Bremen an der Weser, sambt deren

District oder denen sogenannten vier Gohen,

als dem Ober-Viehland, Nieder-Viehland, Hollerland

und Werderland, wie auch dem Gericht

Borchfeld.

So dann der Weser Strohm, worinnen alle

Schlachten, Ufern, Insulen, Fluvia, Sandbänke

und gleichen klärlich angedeutet werden von

Hemelingen bis zu der Stadt Haven Vegesack.

Im gleichem die Gräntz Pfähle, und benachbarte

angräntzente Dörfer.

Auch in einer jeden Gohgrafschafft liegende

Herrn Vorwerker.

In Abriss gebracht von Johann Daniel Heinbach,

Feurwercker

Die Karte: Bremen und sein Landgebiet

(1748)

Die Karte zeigt die Stadt Bremen und ihr

Landgebiet nach der mit dem 2. Stader Vergleich

von 1741 erreichten endgültigen

Unabhängigkeit. Für Bremen war damit ein

seit dem Mittelalter geführter Kampf, zuerst

gegen die Erzbischöfe, dann gegen Schweden

und Hannover, um seine staatliche

Unabhängigkeit beendet. „Das 1741

bestätigte und () von Heinbach kartierte Bremer

Territorium sollte danach weitgehend

ungeschmälert bis ins 20.Jahrhundert ()

erhalten bleiben.“ Somit ist die Karte von

1748 „ein bedeutendes Zeugnis zur Entwicklung

des Staatsgebietes der Freien Hansestadt

Bremen“ (Elmshäuser).

Die Karte ist nach Südwesten und nicht

nach Norden ausgerichtet. Das war damals

noch nicht üblich und setzte sich erst nach

Einführung der Trigonometrierung ab 1760

durch. 1790 erfolgte die erste trigonometrische

Vermessung des bremischen Landgebietes

durch den Bürgermeister Christian

Abraham Heineken (1752-1818) und Senator

Johann Gildemeister (1753-1837).

Die Karte ist eine aufwendige Kartierung

des Bremer Territoriums. „Heinbachs Plan

der Stadt mit der Darstellung der vier Gohe

und der angrenzenden Dörfer ist farbig und

detailreich ausgeführt. Außerhalb des Bremer

Gebietes skizziert die Karte hingegen nur

grob die „angräntzente Dörffer“ und den

Verlauf von Straßen und Gewässern.“ Der

Plan ist detailfreudig, anschaulich, Häuser

und Vorwerke sind schematisch wiedergegeben,

die Kirchen im Landgebiet nach der realen

Gestalt ihrer Türme. Zu entdecken sind

Brücken, Schanzanlagen, Befestigungen,

Landwehren, in Burg die „Bremer Burg“, die

Zolltürme „Zum Kattenthurm“ und „Zum

Wartthurm“, ebenso die frühen Gewerbebetriebe

vor der Staephanivorstadt mit Reeperbahn,

Tran- und Ziegelbrennereien, die Kuhhirtenhäuser

in der Pauliner Marsch und auf

dem Werder, Landmarken im Umland wie

die „Munte“, Dammsiel, Kuhsiel, der

„Hodenberg“.

„Historisch bemerkenswert () sind in dem

Plan von 1748 () vor allem die 76(!) eingezeichneten

Landgüter (Vorwerke), die Bremer

Bürgern gehörten, () mit genauer

namentlichen Nennung der Eigentümer. () In

Johann Daniel Heinbach

(1694-1764)

Heinbachs Familie stammt aus dem

hessischen Dorf Heimbach, er selbst

wurde 1694 in Marburg an der Lahn

geboren. Er erlernte den Beruf des Gärtners

und war danach in den Parks und

Gärten in Kassel tätig. In den 1720er Jahren

kam Heinbach nach Bremen und trat

1727 als Artillerist in den bremischen

Militärdienst ein. Infolge seiner Kunstfertigkeit

Karten und Ansichten zu zeichnen,

weniger seine militärischen Fähigkeiten,

brachten ihn in den Rang eines Bombardiers

und 1734 in den des Feuerwerkers.

Nach seinem Diensteintritt begann Heinbach

mit der Zeichnung von Abrissen

(topographische Pläne) und erstellte eine

Kartierung der Bremer Militärbezirke, die

Darstellung von Abschnitten der Bremer

Befestigungswälle mit den zugehörigen

Revieren der Bürgerkompanien. 1731

übergab er dem Rat der Stadt Bremen

zwei „Abrisse, worin die Notice der Compagnien

dieser Stadt sambt allen Häusern

und Gebäuden, accurat befindlich ist“.

Die Karten zu den „Bürgerkompagnien“,

die er von 1730 bis 1733 erstellte, sind

sein umfangreichstes Kartenwerk zum

Bremer Stadtgebiet. 1734 lieferte Heinbach

dem Rat einen „Abriss der ganzen

Stadt“, einen großformatigen Stadtgrundriss

von Bremen. Danach begann er

mit der Kartierung der vier Gohe im Bremer

Landgebiet und stellte die Arbeiten

bis 1747 fertig. Diese Karte ist ein Höhepunkt

des zeichnerischen Gesamtwerks

von Heinbach, das Karten, Stadtansichten

und Gebäudeskizzen umfasst und „das

uns Bremen im 18.Jahrhundert lebendig

und detailfreudig vor Augen führt.“ Zwischen

1743 und 1764 zeichnete Heinbach

viele „Prospecte“, Ansichten von

öffentlichen Gebäuden, Kirchen, Toren,

Brücken und Brunnen. Hervorzuheben als

besonders originell und aussagekräftig ist

als kolorierte Federzeichnung ein Stadtplan

von 1751, in dem die Vorstädte einbezogen

sind.

„Die Arbeiten Heinbachs () beschränken

sich stets auf die Stadt Bremen und ihr

Landgebiet. () Sie besitzen beachtlichen

kulturgeschichtlichen und topographisch-historischen

Wert, da Heinbach

bemüht ist, alles Wichtige gegenständlich

aufzunehmen“ (Elmshäuser). Heinbachs

Zeichnungen sind eine zuverlässige und

unersetzliche Bildquelle und wichtige

Zeugnisse der Zeitgeschichte.

Johann Daniel Heinbach starb im September

1764 in Bremen.

18 RUNDBLICK Sommer 2017


Die bremischen

Bürgerkompanien

Seit dem Mittelalter musste im Kriegsfall

jeder wehrfähige Bremer Bürger zur Verteidigung

der Stadt zur Verfügung stehen.

Die wehrfähigen Bürger organisierten sich

in den vier Kirchspielen der Stadt, in Unser

Lieben Frauen, St.Ansgarii, St.Martini und

St.Stephani. Diese Bürgerwache war die

älteste bürgerliche Organisation zur Verteidigung

der Stadt, war zuständig für die

Bewachung der Stadtmauern und Stadttore,

aber auch für die Brandbekämpfung.

Für Einsätze außerhalb der Stadtmauern

warb man Freiwillige an oder setzte angeworbene

Truppen (Söldner) ein.

Diese Organisation der Bürgerwache

erwies sich zum Ende des 16.Jahrhunderts

als mangelhaft und ab 1605 war die Verbesserung

der Verteidigungsbereitschaft

der Stadt für den Rat von großer Bedeutung.

Die Befestigungen Bremens wurden

durch moderne Bastionen gestärkt, eine

neue Wachtordnung erlassen und die Bürgerwache

neu organisiert. Man führte ein

Kompaniesystem ein, stellte Bürgerkompanien

auf, teilte die Stadt in Kompaniebezirke

ein. Diese waren weiterhin sogleich

Brandwache und bildeten städtische

Steuereinheiten.

Die Neugliederung umfasste 20 etwa

gleich große Kompanien, unterteilt in

jeweils 9 oder 10 Rotten zu 8 bis 12 Mann.

Die Kompanien waren auf die vier Kirchspiele

der Stadt verteilt und hatten dort ihre

Quartiere. In den Vorstädten wurden

eigene Kompanien aufgestellt, 1637 die

erste Vorstädter Kompanie und 1664 die

vierte. 1683 folgte als fünfte Kompanie die

erste außenhalb der Landwehr. Auch parallel

zur Besiedlung der Neustadt auf dem linken

Weserufer erfolgte ab 1638 die Aufstellung

von Bürgerkompanien. 1691 waren es

in der Bremer Neustadt fünf Kompanien.

Für die Bremer Kompaniebezirke hat

Heinbach erstmals genaue Pläne angefertigt.

Die Karten zu den „Bürgerkompagnien“

sind sein umfangreichstes Kartenwerk.

den Bremer Führungsschichten lässt sich das

Bestreben, Landgüter zu erwerben und

bewirtschaften zu lassen, bis in das Mittelalter

zurückverfolgen. Im 14.Jahrhundert hatte

der Rat ein Gesetz durchgesetzt, nach welchem

kein Bürger ein innerhalb einer Meile

von der Stadt gelegenes Erbgut an jemand

anders als an bremische Bürger verkaufen

dürfte. () Heinbachs Karte zeigt deutlich, dass

das Landgebiet damals nicht nur territorial zu

Bremen gehörte, sondern auch schon lange

grundherrlich von den führenden Familien

der Stadt beherrscht wurde, die ihre Vorwerke

teils über Generationen besaßen und

vererbten.“ (Elmshäuser)

Heinbach stellte 1748 mehr als ein Exemplar

der Karte her, es gibt Hinweise auf mehrere

Ausfertigungen, die jedoch im Zweiten

Weltkrieg verloren gingen. Ein Exemplar

gelangte früh in den Besitz der Familie des

Bürgermeisters Christian Abraham Heineken

und überstand den Krieg auf dem Landgut

Heineken in Oberneuland. Im Januar 2017

gelangte diese Karte aus Privatbesitz zur Versteigerung

ins Auktionshaus Sotheby´s in

London. Das Staatsarchiv Bremen bemühte

sich vorab um den Erwerb. Der Plan konnte

dank der Karin und Uwe Hollweg Stiftung

erworben und für Bremen gesichert werden

und befindet sich nun in der Kartensammlung

des Staatsarchivs.

Johannes Rehder-Plümpe

*) Welterbetag: 1972 hat die UNESCO die „Welterbekonvention“,

das „Übereinkommen

zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der

Welt“, verabschiedet. Inzwischen haben 193

Staaten dieses unterzeichnet. Es ist das international

bedeutendste Instrument zum

Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes.

Die UNESCO-Liste verzeichnet 1.052 Naturund

Kulturstätten, davon 41 in Deutschland,

u.a. in Bremen das Rathaus und der Roland.

– Konrad Elmshäuser: Die Karte Bremen und

sein Landgebiet (1748) von Johann Daniel

Heinbach (1694-1764), Schriften des Staatsarchivs

Bremen, Band 56, Bremen 2017

– Staatsarchiv Bremen: Die Karte Bremen und

sein Landgebiet (1748), Karte 58 x 42, verkl.

Repro + Text auf der Rückseite, Bremen 2017

Die bremischen Gohe

Auf der Karte „Bremen und sein Landgebiet

von 1748“ sind die bremischen Gohe

zu sehen. Diese waren die Grundlage der

bremischen Landgebietsverwaltung und

unterteilten das Landgebiet um die Stadt

Bremen außerhalb der Altstadt, Neustadt

und Vorstadt. Nach einer Neugliederung

des Bremer Gebietes 1598 gab es vier

Distrikte (Gohe): Mit dem Werderland und

dem Holler- und Blockland zwei auf dem

rechten Weserufer und mit dem Oberviehland

und dem Unterviehland zwei auf dem

linken Weserufer. Dazu kam das Gericht

Borgfeld mit einem eigenen Gerichtsbezirk.

In den Gohen übten Gohgräfe unterstützt

von Vögten die Verwaltung und

Gerichtsbarkeit aus. Die Gliederung des

Landgebietes in Gohe bestand bis zur Franzosenzeit.

In den Jahren 1811-1813 hob

die französische Besatzung die Gohe auf

und änderte die Verwaltungsstruktur. Nach

der Befreiung wurde die französische Kommunalverwaltung

aufgehoben, die alte

Verwaltungsstruktur jedoch nicht wieder

eingeführt. Die Verwaltung des bremischen

Landgebietes links und rechts der Weser

übernahmen nach 1815 zwei Landherren,

der Landherr am rechten Weserufer und

der am linken Weserufer. Später wurde für

das Landgebiet nur noch ein Landherr eingesetzt.

Dienstsitz der Landherren war das

Landherrnamt in der Stadt Bremen.

– Staatsarchiv Bremen: Grundriss der Kaysserlichen

Freyen Reichs- und Ansee Stadt Bremen

an der Weser, Bremen und sein Landgebiet

(1748) Johann Daniel Heinbach, Karte 90 x

64 (4x gef.), Repro ~ i.d. Originalgröße, Bremen

2017

Zweiter Stader Vergleich

von 1741

In der Geschichte werden zwei politische

Einigungen als „Stader Vergleich“ benannt,

die in Stade, dem damaligen Verwaltungssitz

des Herzogtums Bremen, ausgehandelt

und abgeschlossen wurden. Der 1. Stader

Vergleich fand 1654 zwischen Bremen und

Schweden statt, der 2. Stader Vergleich

1741 zwischen Bremen und dem Kurfürstentum

Braunschweig-Lüneburg (Hannover).

Im 1. Stader Vergleich einigten sich nach

kriegerischen Auseinandersetzungen im

November 1654 das Königreich Schweden

und die Stadt Bremen. Bremen musste

Schweden in den Landgebieten die landesherrlichen

Rechte überlassen, behielt aber

Vegesack und Blumenthal. Jedoch blieb der

„Reichsstand von Bremen“ offen.“ Schweden

erkannte die „Reichsunmittelbarkeit“

von Bremen nicht an. Nach weiteren

erfolglosen Feldzügen gegen Bremen

geschah dieses 1666 im „Frieden zu

Habenhausen“. Schweden erkannte darin

die Unabhängigkeit der Stadt Bremen an.

1715 ging das Herzogtum Bremen an

das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg,

später Kurfürstentum Hannover über.

Kurhannover stellte erneut die Reichsunmittelbarkeit

der Stadt Bremen in Frage. Ab

1733 verhandelten Bremen und Kurhannover

über die Landeshoheit der ländlichen

Gebiete um die Stadt Bremen und einigten

sich im August 1741 auf die Anerkennung

der Reichsunmittelbarkeit von Bremen.

Dafür erhielt das hannoversche Herzogtum

Bremen die Landeshoheit und das Kontributionsrecht

(Abgaben und Steuern) von

Teilen des Werderlandes (Grambke, Burg,

Mittelsbüren, Oslebshausen), des Blocklandes

(Wasserhorst, Wummensiede) und von

der Vahr. Bremen behielt in diesen Gebieten

das Kirchenpatronat und die Gerichtsbarkeit.

Mit dem 2.Stader Vergleich erreichte

Bremen die volle Anerkennung seiner

„Reichsstandschaft“ und damit die Souveränität

in seinem Landgebiet. Der mit dem

Kurfürstentum Hannover, dem späteren

Königreich Hannover, ausgehandelte Vergleich

bedeutete für Bremen einen territorialen

Verlust, erhielt jedoch die Anerkennung

seiner staatlichen Unabhängigkeit

und Landeshoheit und seinen Status als

Freie Reichsstadt.

Mit der Neuordnung des Deutschen Reiches

durch den „Reichsdeputationshauptschluss“

von 1803 erlangte Bremen einige

der 1741 verlorenen Dörfern wieder

zurück.

RUNDBLICK Sommer 2017

19


113 Jahre Arbeit für Heimat und Umwelt

Geschichte des „Vereins für Niedersächsisches Volkstum von 1904“*)

Dieser Verein wurde im November 1904

in Bremen gegründet und benannte sich

nach dem damals übergeordneten Begriff

Niedersachsen. Das Land Niedersachsen

gab es noch nicht. Bremens Nachbarn

waren die preußische Provinz Hannover

und das Großherzogtum Oldenburg.

In der Zeit um 1900 fand infolge der

Industrialisierung ein beängstigender Ausverkauf

von Natur, Tradition, Kunst und

Kultur statt, bürgerliche und bäuerliche

Werte verblassten und verschwanden.

Dem galt es entgegenzuwirken, „die

Heimat im weitesten Sinne vor zerstörenden

Eingriffen zu schützen“, die Heimatschutzbewegung

entstand.

Am 30. März 1904 gründete sich in

Dresden der „Bund Heimatschutz“ als

reichsweiter Verband der regionalen Heimatschutzorganisationen.

Der Zweck

wurde „im Schutz der deutschen Heimat

in ihrer natürlichen und geschichtlich

gewordenen Eigenart“ gesehen. Dazu

zählte Denkmalpflege, das Landschaftsbild

einschl. der Ruinen, die überlieferte ländliche

und bürgerliche Bauweise, die einheimische

Tier- und Pflanzenwelt sowie die

geologischen Eigentümlichkeiten, die

Volkskunst auf dem Gebiete der beweglichen

Gegenstände, die Sitten, Gebräuche,

Feste und Trachten.

Einer der ältesten Naturschutzorganisationen

1914 benannte sich der Verband in

„Deutscher Bund Heimatschutz“ um,

1937 in „Deutscher Heimatbund“ und

1998 in „Bund Heimat und Umwelt in

Deutschland (BHU)“. Der BHU ist somit

eine der ältesten deutschen Naturschutzorganisationen.

Vor der Gründung eines diesbezüglichen

Bremer Vereins fand am 24./ 25.Sept.

1904 das „Niedersächsische Trachtenfest“

in Scheeßel statt. Mit Vorträgen, Ausstellungen

und Festaufführungen sollte

gezeigt werden, welche Ausdrucksformen

des bäuerlichen Lebens vom Aussterben

bedroht waren. Initiiert hatte dieses Fest

die „Niedersachsenrunde von 1900“,

„eine illustre Honoratiorenrunde zur Heimatpflege,

die auch heute noch besteht“

(Tacke) und die sich der „“Pflege niedersächsischer

Kulturgeschichte und niedersächsischer

Art“ verschrieben hatte.

Nach dem Erfolg des Festes in Scheeßel

gründete sich am 9. Nov.1904 in Bremen

der „Verein für Niedersächsisches Volkstum“.

Beteiligt waren 28 Männer, darunter

Hans am Ende, Artur Fitger, Johann Focke,

Eduard Gildemeister, Otto Modersohn,

Ernst Müller-Scheeßel, Christian Roselius,

Hugo Schauinsland, Heinrich Vogeler. Darüber

hinaus bekundeten 26 weitere ihre

schriftliche Zustimmung. Heinrich Vogeler

lieferte das erste Logo des Vereins, das bis

1960 Bestand hatte.

Vorsitzer wurde Emil Högg, Direktor des

Gewerbemuseums, sieben Arbeitsgruppen

konstituierten sich: Architektur und

Baupflege / Kunstgewerbe / Landschaftspflege,

Schutz des Landschaftsbildes / Sitten,

Trachten und Gebräuche, Erhaltung

und Neubelebung / Schutz der Tier- und

Pflanzenwelt / Urgeschichte und Altertumskunde

/ Volkskunde, Sprache und Literatur.

Arbeit in Architektur

und Baupflege sowie

Landschaftspflege

Die Arbeit in den ersten Jahren des Vereinsbestehens

lag zum einen in der Architektur

und Baupflege, zum anderen in der

Landschaftspflege, da in diesen Bereichen

die Eingriffe in die Umwelt am augenscheinlichsten

waren. Bauberatung, Baudenkmalpflege,

Meisterkurse für Bauhandwerker,

Bauunternehmen und Baumeister,

heimatkundliche Sammlungen und Forschungen

wurden zu einem wichtigen

Betätigungsfeld. So hat der Verein u.a.

beim Bau des „Lloydgebäudes“, von Kaufund

Warenhäusern an der Obernstraße,

des „Ratscafes“ (das heutige „Deutsche

Haus“) mitgewirkt. Es wurden viele geborgene

Teile abgebrochener bremischer

Häuser wiederverwendet und wieder eingebaut.

Wilhelm Tacke beschreibt anschaulich,

detailreich, belegt mit vielen Fotos und

Dokumenten in einem ausführlichen

ersten Abschnitt „Der Anfang“ die

Geschichte und das Wirkens des Vereins in

den Anfangsjahren ab 1904 bis zum

Beginn der 1930er Jahre. Besonders

gewürdigt werden die Verdienste der

jeweiligen Vorsitzer und einzelner Mitglieder

im Vorstand. Wobei die Nähe zur Heimatschutzbewegung

in diesen Jahren

mehr als deutlich wird, hingegen die

Berührungspunkte zur Völkischen Bewegung

nur punktuell Beachtung erfahren.

So fällt auch der nächste Abschnitt „Nazizeit

und Entnazifizierung“ gegenüber dem

Text zu den Anfangsjahren „etwas dünn

aus“. Jedoch erscheint hier die Quellenlage

spärlich zu sein, was auch in den Fußnoten

deutlich wird.

Dafür liefert der nächste Abschnitt „Die

Nachkriegszeit“ wieder „mehr Stoff“ und

jeder der vier (oder fünf ?) Vorsitzer in der

Zeit bis zum heutigen Tage bekommt eine

umfangreiche Würdigung, so auch im letzten

Kapitel „Verschiedenes“.

Der Anhang gibt eine Übersicht über die

Vorsitzer, Geschäftsstellen, Publikationen

des Vereins von der Gründung bis heute

und lädt mit den 163 Fußnoten zur weiteren

Recherche ein.

Johannes Rehder-Plümpe

*) Wilhelm Tacke, Geschichte des „Vereins für

Niedersächsisches Volkstum von 1904

e.V.“

Jahrbuch des Vereins für Niedersächsisches

Volkstum -Bremer Heimatbund- 2016

2. verbesserte Auflage 79. Jahrgang, 2017,

Heft 144, Selbstverlag, Bremen 2017

Inhalt

Der Anfang S. 3

Nazizeit und Entnazifizierung S. 35

Die Nachkriegszeit S. 49

Der Vorsitzer Dr.Otto Carlsson S. 49

Der Vorsitzer Karl Dillschneider S. 54

Der Vorsitzer Wilhelm Klocke S. 59

Der Vorsitzer Wilhelm Tacke 1994 - S. 63

Verschiedenes S. 68

Anhang S. 72

Die Vorsitzer 1904 – 1994

Geschäftsstellen des Vereins 1921 – 2016

Publikationen des Vereins …

- Jahresberichte des Vereins … 1905 – 1910

- Niedersächsisches Jahrbuch 1911 – 1941

- Mitgliedsbriefe 1947 – 1952

- Mitteilungsblätter 1953 – 1956

- Mitteilungen des Vereins … 1957 – 1998

- Heimat und Volkstum-Niedersächsisches

Jahrbuch 1954 – 2016

Fußnoten S. 76

Bildernachweis S. 79

20 RUNDBLICK Sommer 2017


Pferde – Dom – Störtebecker

Ein Rundgang durch die alte Reiterstadt Verden an der Aller

Panoramaansicht von Verden

Wie oft fährt man auf der Autobahn an

der von Bremen etwa 40 km entfernten

Kreisstadt Verden vorbei, ohne sich deren

geschichtlicher Bedeutung bewusst zu

sein. Natürlich weiß man, dass der Pferdesport

diesen Ort weit über seine Grenzen

bekannt gemacht, doch das ist bei weitem

nicht alles, was Verden zu bieten hat.

Schon in den Jahren 300 bis 800 nach Chr.

sollen die ersten Bewohner nachweisbar

im Verdener Raum, die Chauken, hier

friedlich sesshaft geworden sein. Karl der

Große machte die Siedlung „Ferdie“ an

der Aller um 800 zum Sitz eines Bistums,

dem König Otto III 985 das Markt-, Münzund

Zollrecht verlieh. Am 12. März 1259

wurde Verden durch bischöfliches Privileg

das Stadtrecht nach bremischem Vorbild

zugestanden. Konrad I gilt als erster Fürstbischof

dieser Stadt, doch schon ab 849

regierte im Hochstiftsbereich die weltliche

Macht. In den folgenden Jahren wuchs die

Stadt aus zwei Siedlungen zusammen: Der

Norderstadt mit Rathaus und St. Johanniskirche

und der Süderstadt als geistiges

Zentrum und den Dom.

Königin Christina von

Schweden verbot

Hexenprozesse

Vom 11. Jhdt. bis 1648 bestand das

Fürstbistum Verden als eigenständiges Territorium,

in dem die Bischöfe, und später

die lutherischen Rechtsnachfolger als

Reichsfürsten herrschten. Das Erzbistum

Bremen und das Bistum Verden fallen nach

Verhandlungen durch den Westfälischen

Frieden 1648 an Schweden und das

bedeutet auch das Ende des Bischofsamtes

und des Domkapitels Verden. Die nun folgende

Umbenennung der beiden Bistümer

in „Herzogtümer Bremen und Verden“

war ohne weitreichende Bedeutung.

Die schwedische Königin Christina veranlasste,

dass die seit 1300 stattfindenden

Hexenprozesse verboten werden. In Verden

fallen 63 Frauen und 4 Männer den

Verurteilungen, teils durch Folter, aber

auch durch Verbrennungen, zum Opfer.

Der Name Verden an der Aller hat sich

durchgesetzt, weil im deutschen Raum der

Name Verdun für die französische Stadt

gebräuchlicherweise mit Verden verwechselt

wurde.

Nach dieser geschichtlichen Einleitung

wird es Zeit, sich einem schreibenden

Stadtführer anzuvertrauen. Wir beginnen

am spätbarocken Rathaus, das 1729

erbaut und 1732 durch die Kaufmannschaft

feierlich eingeweiht wurde. In den

Jahren 1874/1875 wurde das Gebäude

umgebaut und 1905 bekam das Rathaus

einen Turm und einen zusätzlichen Westflügel.

Hinter dem Rathaus befindet sich die

Bürgerkirche St. Johannis. Sie gilt als ältester

sakraler Backsteinbau im norddeutschen

Raum. Erbaut wurde diese Kirche

um 1150. Den Turm ziert seit 1697 eine

Das Rathaus von Verden

barocke Turmhaube. Die Barockkanzel

stammt aus dem Jahr 1598.

Störtebecker soll

wohltätige Spuren

hinterlassen haben

Foto: Pixabay.com

Und wer kannte ihn nicht, den sagenumwobenen

Seeräuber Klaus Störtebecker,

der der Sage nach, hier in Verden

wohltätige Spuren hinterlassen haben soll.

Darüber hat Cornelia Dressler in einer Broschüre,

die im Dom erworben werden

kann, Folgendes aufgeschrieben:

„Alljährlich, am Montag nach Lätare -

drei Wochen vor Ostern - werden vor dem

Rathaus Brot und Heringe an die Bevölkerung

verteilt. Der Sage nach drückte Störtebecker

sein Gewissen immer mal wieder,

worauf er sieben Fenster für den Verdener

Dom stiftete. Und er wollte den Armen der

Stadt etwas Gutes tun mit Hilfe von Heringen

und Roggenbrot.

Foto: Pixabay.com

RUNDBLICK Sommer 2017

21


Der Verdener Dom

Die Mär, Störtebecker stamme aus Verden

und habe diese Spuren hinterlassen,

will nicht verstummen. Die früheste

Angabe über die Lätare-Spende findet sich

in einem Verdener Rechnungsbuch von

1602. Da war der Spender bereits 200

Jahre tot. Aber das kümmert in Verden niemanden.

Denn andernfalls müsste Verden

auf zwei werbewirksame Veranstaltungen

verzichten: das Störtebeckers Heringsessen,

zu dem man illustre Gäste bittet und

dessen Erlös wohltätigen Zwecken dient,

und die Lätare-Spende. Und seit einigen

Jahren hat man die Spendenmenge verdoppelt.

Nicht, weil die Zahl der Bedürftigen

größer wurde, sondern weil es den

Leuten einfach Spaß macht, etwas von

Störtebecker geschenkt zu bekommen.“

Die Stiftung von 7 Domfenstern durch

Störtebecker ist sehr zweifelhaft und auch

die Lätarestiftung geht höchstwahrscheinlich

auf einen Domvikar zurück, der 1453

eine Speisung für Bedürftige stiftete. Dennoch

hat man dem Klaus Störtebecker im

Stadtzentrum unübersehbar ein Denkmal

gesetzt.

Und von hier gehen wir durch die

„Große Straße“. Das ist in Verden die Fußgängerzone

und eine schöne Einkaufsstraße.

Jeweils dienstags lädt hier der Obstund

Grünmarkt zum Einkauf ein. Auch für

einen Klönschnack ist so ein Marktbetrieb

gut geeignet. Dabei sollte man nicht vergessen,

entlang der zum Dom führenden

Straße die vielen unterschiedlichen Hausgiebel

zu betrachten.

Es soll 28 Brunnen in der

Innenstadt gegeben haben

In der „Großen Straße“ treffen wir auf

einen Brunnen, der bei Arbeiten in der

Fußgängerzone wieder entdeckt worden

ist. Früher soll es 28 Brunnen in der Innenstadt

gegeben haben.

Am Ende der „Großen Straße“ erhebt

sich seit 1490 der Verdener Dom in seiner

heutigen Gestalt. Bevor man vom Lugenstein

aus den Kirchenraum betritt, überquert

man einen freien Platz, der diesen

außergewöhnlichen Namen führt. Der

Überlieferung nach war der „Lugenstein“

ein ehemaliger Gerichtsplatz der Sachsen,

dem germanischen Volksstamm, der bis

zum achten Jahrhundert den Weg zum

Christentum noch nicht gefunden hatte,

aber auch nicht finden wollte. Diese den

heidnischen Germanen wichtige Stätte

war für die christlichen Franken unter

König Karl wohl als richtiger Ort gewählt

um das Kreuz aufzurichten.

Der Dom – ein Verdener

Wahrzeichen

Blick in den Verdener Dom

Foto: Pixabay.com

Foto: Pixabay.com

Der Verdener Dom ist eines der Wahrzeichen

der Stadt Verden. Der romanische

Turm wurde bereits um 1151 im Stile

norditalienischer Architektur errichtet. Die

erste Domeinweihung fand i. J. 1323 statt

und i. J. 1490 wurde das Gotteshaus nach

mehreren vorausgegangenen Bauabschnitten

zum zweiten Mal geweiht. Zuvor

standen hier vier Vorgängerkirchen, die

zwei ersten wurden aus Holz und die folgenden

aus Stein errichtet.

Berühmt ist der Hallenumgangschor

von 1490, der zu den ältesten seiner Art in

Deutschland gehört. Der Dom, als Hallenkirche

errichtet, hat mit der Turmhalle eine

Länge von 77 m und von Wand zu Wand

eine Breite von 24 m. Die Höhe bis zum

Dachfirst beträgt 35,65 m. Gemessen an

der relativ kleinen Stadt Verden hat der

Verdener Dom eine beachtliche Größe.

Dieser Kirchenbau diente der Bevölkerung

nicht nur für sonntägliche Gottesdienste,

sondern er entsprach auch dem Repräsentationsbedürfnis

des Verdener Bischofs.

Bemerkenswert ist die wunderbare

Akustik, die besonders bei Chorgesängen

tief beeindruckt.

Glocken stammen

aus Ostpreußen

Der Verdener Dom besitzt zwei Leihoder

auch Patenglocken genannt und

beide stammen aus Ostpreußen. Die

größte der beiden Glocken war früher in

der Steindammer Kirche in Königsberg. Sie

war die älteste Kirche in Ostpreußens

Hauptstadt und sie war dem Hl. Nikolaus

geweiht. Sie wurde 1721 gegossen und

hat ein Gewicht von 18 Ztr. Die zweite

Glocke kommt aus Engelstein bei Angerburg

in Ostpreußen und ihr Gewicht ist

mit 13 Ztr. angegeben. Beide Glocken

gelangten vor Ende des Krieges per Schiff

von Königsberg nach Hamburg, wo sich

ein Glockenlager befand. 1952 erhielten

sie ihren Platz im Geläut des Domes. Durch

glückliche Umstände entgingen sie dem

Schicksal des Einschmelzens für Kriegszwecke.

Die Legende vom

steinernen Mann …

Und dann ist da noch die Legende vom

steinernen Mann: „Es war einmal ein

Küster des Doms, der Kirchengelder veruntreut

und durchgebracht haben soll. Als

er nun vor dem Bischof Rechenschaft ablegen

sollte, schwor er, dass der Teufel ihn

holen solle, wenn er solches getan hätte.

Sofort erschien der Satan, packte den

Küster und wollte mit ihm durch die Dommauer

hinausfahren, doch seine „Beute“

blieb in der Mauer stecken und verwandelte

sich zu Stein. Zu finden ist der steinerne

Mann im Innenhof des Doms an der

Außenmauer des nördlichen Seitenschiffs.“

… erzählten früher Handwerksmeister

ihren neu

eingestellten Mitarbeitern

Der Sage nach gingen früher Handwerksmeister

mit neueingestellten Mitarbeitern

zum steinernen Mann, um zu zeigen,

was passiert, wenn jemand nicht ehrlich

ist. Handwerksburschen, die sich

andernorts um eine Anstellung bemühten

und sagten, zuvor in Verden gearbeitet zu

haben, wurden nach dem steinernen

22 RUNDBLICK Sommer 2017


Mann befragt und daran möge man sich

erinnern.

Die Reformation beeinflusste ab 1568 in

Verden das kirchliche Leben. Der Verdener

Dom trägt den Namen Maria und Cäcilia.

Im Jahre 1476 gründete Bischof

Berthold von Landsberg das Benediktinerinnen-Kloster

Mariengarten in der Norderstadt.

Später zogen in die Klosteranlage

die Jesuiten ein, sodass die Nonnen in das

Kloster Frankenberg verlegt wurden.

An der Ostseite des Domplatzes befindet

sich seit 1928 ein Reiterdenkmal, das an

das 2. Hannoversche Ulanen-Regiment

erinnern soll, das von 1873 - 1886 in Verden

in Garnison einquartiert war. 1994

endete nach 346 Jahren in Verden die Zeit

als Garnisonstadt. Unmittelbar hinter dem

Dom befindet sich die St. Andreaskirche.

Das Goldmanngrab auf dem Verdener Friedhof

Foto: Rudolf Matzner

Man geht davon aus, dass sie ursprünglich

die Hauskapelle des Bischofs war. Dieser

Kirchenbau wurde etwa um 1200 errichtet.

Zwölf Geistliche wurden hier eingesetzt,

die dem Bischof bei der Betreuung

seines Bistums helfen sollten. Diese Stiftskirche

hatte den Zweck, den Ruhm und

das Ansehen der eigentlichen Kathedrale

zu erhöhen, wie es in der Stiftsurkunden

von 1220 heißt.

Goldmanngrab soll immer

am 10. Mai geschmückt

werden

Wir verlassen den Dombezirk und besuchen

das Goldmanngrab. Dem Vermächtnis

nach hat i. J. 1821 der Vater des bei

einem Jagdunfall ums Leben gekommenen

20-jährigen Franz Goldmann bestimmt,

dass alljährlich am 10. Mai das Grab seines

Der „Sachsenhain“ bei Verden

Sohnes von einer unbescholtenen,

tugendhaften Braut geschmückt werden

solle. Dieses Ritual findet als gehegte Tradition

auch heute noch statt; vorausgesetzt

dass sich durch eine Braut dieses Vermächtnis

auch erfüllen lässt. Man kann nur

hoffen, dass ausser dem Blumenstrauß

vom Bürgermeister die Zinsen von dem

zweckgebundenen Kapital als Salär für

eine Braut noch lange reichen möge. Die

Stadtväter sollten dafür sorgen, dass dieser

schöne Brauch weitergepflegt werden

kann.

782 sollen 4500 Sachsen

hingerichtet worden sein

Foto: Rudolf Matzner

Dem Bericht nach soll Kaiser Karl i. J. 782

in der Nähe von Verden ein grausames

Blutgericht an den besiegten Sachsen vollzogen

haben. Nach den fränkischen Annalen

sollen dort 4500 Sachsen hingerichtet

worden sein. In neuerer Zeit wird jedoch

diese Zahl angezweifelt. Man vermutet

einen Übermittlungsfehler, und einige

Historiker argwöhnen sogar, dass sich in

der schriftlichen Überlieferung ein Schreibfehler

eingeschlichen habe. Aus dem lateinischen

Wort „delocatio“, was Umsiedlung

bedeutet, sei irrtümlich „decollatio“,

gleichbedeutend mit Enthauptung,

geworden. Dann wären die Sachsen also

ihres heidnischen Glaubens wegen nicht

getötet, sondern in eine andere Gegend

verschleppt worden. Der Ort des umstrittenen

Geschehens, der Sachsenhain, ist

heute ein idyllisches Wandergebiet. Die

4500 Findlingsblöcke, die dort den Waldweg

säumen, sollen an die vermeintlich

grausame Bluttat erinnern.

Doch es wäre sträflich, würde man in

einem Bericht über Verden die Bedeutung

als Pferdezuchtgebiet und Sitz der Pferdeausbildungs-

und Absatzzentrale des Verbandes

Hannoverscher Warmblüter-

Hengstkörung, die Pferderennen und Reitturniere

nicht in gebührender Weise

erwähnen. Hier finden jährlich mehrere

Pferdeauktionen statt.

Seit etwa 1830 wird in Verden Pferdezucht

betrieben. 1933 wurde mit viel

Pomp das Rennbahngelände eingeweiht

und mit den Tribünen ist die Anlage bis

heute beispielhaft. Zahlreiche prominente

Reiterinnen und Reiter haben in der Vergangenheit

Verdens Ruf und Ansehen als

hervorragende Reiterstadt gefestigt.

Vor dem Deutschen Pferdemuseum

steht als Bronzedenkmal die Nachbildung

des Trakehnerhengstes Tempelhüter.

Ursprünglich vor dem Landstallmeisterhaus

beim Gestüt in Trakehnen stehend,

wurde es nach dem Krieg nach Moskau

abtransportiert. Durch eine großzügige

Spende eines wohlhabenden Mannes

konnte eine Nachbildung angefertigt und

1974 den Verdenern anvertraut werden.

Welche deutsche Kleinstadt hat wohl

mehr zu bieten als die Reiterstadt Verden

an der Aller, die sogar einen bemerkenswerten

Dom hat, in dem nachweisbar 48

katholische Bischöfe, gefolgt von 4 evangelischen

Bischöfen, das kirchliche Leben

der Stadt bestimmt haben? – Ein Blick in

die Vergangenheit bereichert unser Wissen.

Möge dieser Aufsatz dazu dienen, Verdens

Vergangenheit so wahrzunehmen,

wie es diese niedersächsische Stadt verdient

hat.

Rudolf Matzner

Quellenangabe:

Stadtführer Verden

Broschüre „Verdener Dom“

HB Bildband Niedersachsen

Broschüre „Historisches Verden“

Broschüre „Kleine Stadt – viele Kirchen“

Broschüre „Das historische Geläut im Verdener

Dom“

Wikipedia – Verden Aller

Eigenes Zeitungsarchiv

Persönliche Gespräche mit Ortskundigen

RUNDBLICK Sommer 2017

23


Umstellt und entstellt

Eine äußerst „windige“ Sache

Die reich gegliederte Natur- und Naherholungslandschaft

rund um Meyenburg

droht zu einem minderwertigen Industriegelände

zu verkommen.

Von gigantischen

Industriekolossen umringt

Fakt ist, dass aktuell bereits 23 Windenergieanlagen

(WEA) im Meyenburger

Umfeld unübersehbar auf dem Hügelland

der Geest und zur Osterstader Marsch hin

mit ihren Flügelkreuzen rotieren. Weitere

17 sollen noch hinzu kommen. Damit

wäre das bis dato noch recht beschauliche

Bauerndorf von mittlerweile gigantischen

Industriekolossen regelrecht umringt.

Wohl für jeden Heimatfreund und

Naturliebhaber mutet dieser Umstand

bedrohlich und alarmierend an.

„Warum habt ihr diese Entwicklung nur

zugelassen und euch nicht rechtzeitig

gewehrt, wie anderenorts auch?“ wird

man häufig gefragt. Und wir Meyenburger

müssen eingestehen, dass wir diese Möglichkeit

gutgläubig und auch rücksichtsvoll

verschlafen haben. Weshalb sich in der

Dorfgemeinschaft und in den Nachbardörfern

Aschwarden und Uthlede erst jetzt

der Unmut über diesen folgenschweren

Eingriff regt, mag Außenstehende tatsächlich

verwundern. Warum hat hier eine bürgerliche

Einflussnahme so lange auf sich

warten lassen?

Unter dem Eindruck des verheerenden

Unfalls von Fukushima und der bedrohlichen

Nähe zum KKW Esensham gab es in

der hiesigen Bevölkerung einen breiten

Konsens zum Umdenken und zum Ausbau

alternativer Energien. Ein ländliches

Grundvertrauen in die Fürsorge der Kommunalpolitik

und in die absichernde Verantwortung

behördlicher Genehmigungen

herrschte vor. So wurde leider erst zu

spät offenkundig, welche Priorität Grundeigentümer

als Antragssteller und die

Vor der Windkraft …

überaus präsenten Betreiberfirmen in

Genehmigungsverfahren genießen. Man

gewinnt den Eindruck, dass über

Raumordnungsbedingungen und Gesetzestexte

hinweg entschieden wird. Zumindest

im Blick auf Meyenburg kam man sich

vor wie beim Kartenspiel „Schwarzer

Peter.“ Bei verdeckten Karten spielte das

Glück Schicksal. Und dieses traf ausgerechnet

eines der in seiner Struktur erhaltenswürdigsten

Dörfer unserer Region mit

seiner landschaftlichen Vielfalt am Geestrand

zur Osterstader Marsch. In anderen

Gemeinden, wo auch WEA geplant waren,

hatte man wohl rechtzeitig „Wind“ von

der Sache bekommen und den

„Schwarzen Peter“ schnell noch weiterschieben

können. So zum Beispiel in Neuenkirchen.

Als bekennender Meyenburger, der über

nahezu fünf Jahrzehnte das Dorfleben in

Bildern und Texten festhält, spüre ich

angesichts dieser gravierenden Veränderungen

im vertrauten heimatlichen

Umfeld eine tiefe Resignation und Traurigkeit.

War diese über eine lange Zeit vermutlich

irreparable Maßnahme zum

Wohle einer Energiewende wirklich notwendig?

Welche Not sollte mit diesen entstellenden

Veränderungen denn tatsächlich

gewendet werden?

Vor der Windkraft –

Nach der Windkraft

Als passionierter Landschaftsfotograf

konnte ich mir in all den Jahren eine

umfangreiche Fotothek anlegen. Überall

zwischen Geest und Weserstrom sind mir

Orte eigen, wo ich je nach Tages- und Jahreszeit

meine Bildideen fotografisch

umsetze. Jetzt muss im Archiv eine harte

Zäsur erfolgen.

Ordner 1: Vor der Windkraft

Ordner 2: Nach der Windkraft

Ich vermag mir einfach nicht vorzustellen,

dass diese genormten Giganten einen

ähnlichen Gefühlswert bekommen, wie

etwa ein Kirchturm, eine Baumgruppe

oder eine Windmühle. Das abendliche

Bauernregeln

Juli – August – September

Juli

Langer Julisonnenschein

wird der Ernte nützlich sein.

Wenn gedeihen soll der Wein,

muss der Juli trocken sein.

August

Regen im August

ist des Waldes Erquickungslust.

Wenn's im August ohne Regen abgeht,

das Pferd sicher vor leerer Krippe steht.

September

Der September

ist des Herbstes Maien.

Viel Eicheln im September,

viel Schnee im Dezember.

24 RUNDBLICK Sommer 2017


Wolkentheater am Marschenhimmel gen

Westen mit seinen schier unerschöpflichen

Formen und Farben wird in Zukunft zu

einer Kulisse herabgestuft, deren natürliche

Größe und Schönheit ständigen

Störungen ausgesetzt sein wird.

Ich kann es mir nicht verkneifen, nachfolgend

meinem Unbehagen mit einem

literarischen Befreiungsschlag Ausdruck zu

geben. Frei nach Mörikes Gedicht „Septembermorgen“

verfasste ich folgende

Zeilen:

Im Nebel ruhet das Bruchfeld.

Noch träumen Fleet und Wiesen.

Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,

den großen Himmel ganz verstellt,

windkräftig die verdrehte Welt

in warmem Gelde fließen.

Was nur, frage ich mich immer wieder,

mag die Entscheidungsträger im Landkreis

und in der Gemeinde bewogen haben,

diese negativ nachhaltige Entwicklung für

Meyenburg zu befürworten?

Man musste doch wissen, dass bereits

mit dem Bau der A 27 ein harter Einschnitt

in das Landschaftsgefüge im Osten des

Dorfes erfolgte. Hinzu kamen die Gebietsansprüche

der Bundeswehr. Durch den

Niedergang der bäuerlichen Landwirtschaft,

die über Generationen das Bild

einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft

prägte, traten großflächig Agrarbetriebe

an ihre Stelle. Vor allem sind es riesige

Maismonokulturen, Biogas-Anlagen

und ständiger Grünschnitt bei ganzjähriger

Stallhaltung des Milchviehs, die unserer

Umgebung augenfällig zusetzen. Das

Wirtschaftswegenetz leidet mehr und

mehr unter überdimensionierten Agrarfahrzeugen.

Und nun noch zu allem Überfluss

das „Abenteuer“ Windkraft!

Bei allem Verständnis für die Bevorzugung

einer sauberen Energie bleibt die

Feststellung, dass kein einziger Haushalt

mit Windstrom sicher versorgt werden

kann. Es sei denn, man verzichtet auf Kühlschrank

und Gefriertruhe. Momentan

haben Windräder in Deutschland einen

durchschnittlichen Ertrag von unter 20 %

vom Nennwert. So gesehen ist der ehrgeizige

Autarkie-Plan des Landkreises OHZ

eine Augenwischerei. Mit Windstrom kann

kein einziges Windrad hergestellt werden.

Unter diesen Aspekten erscheint das aktuelle

Geschehen in Meyenburg zutiefst fragwürdig.

Bevorzugt werden einige wenige Profiteure,

zu denen auch die Gemeinde

gehört. Eine große Anzahl von Verlierern

bleibt aber schlichtweg auf der Strecke.

Der versprochene Stromrabatt von 15 %

misst sich an einem hohen Tarif, den

ohnehin nur noch wenige Einwohner zahlen.

Private Immobilien werden eine deutliche

Wertminderung erfahren. Ein „Wiedergutmachungsprogramm“

zur Verbesserung

der örtlichen Infrastruktur und Förderung

von Kindergarten, Schule und Vereinen

steht zur Zeit nicht zur Debatte. Die

Attraktivität Meyenburgs als Naherholungsziel

wird vermutlich durch den allgegenwärtigen

„Windkraftgürtel“ spürbar

eingeschränkt.

Als ich kürzlich mit einem jungen Landwirt

über seinen erheblichen Zugewinn

durch Windkraftanlagen plauderte, klopfte

mir dieser schließlich sich verabschiedend

auf die Schulter und meinte: „Nun gönn“

mir das doch! Wir wollen doch alle Wachstum

und Wohlstand.“ Ich dachte später

noch lange über diese beiden Begriffe

nach, die so weich über die Lippen gehen

und gleichermaßen oft genug eine so

harte Ursache für das Elend in der Welt

sind.

Den redlichen Landwirten gönne ich von

Herzen den Zugewinn über die Windkraft,

stehen sie doch oft genug mit dem Rücken

‘n beten wat

op Platt

Redensarten unserer

engeren Heimat

Zum äußerlichen Gebrauch, sä de

Aftheker, do steek he'n Rood achtern

Speegel.

All' Doog wat Neets, sä de Katt, do

verbrenn se sick de Tung an hitte

Melk.

Wo nu hinut, sä de Voss, do seet he in

de Fall'.

Dor hebbt wi Gott's Wort swatt op

witt, sä de Buur,do seet de Pastor op'n

Schimmel.

De Bookweten is nich eh'r seker, as he

in'n Mogen is, sä de Buur, do full em

de Pankoken in de Asch'n.

Gluck mutt'n hebb'n, sä de Snieder, do

pedd he sick de Nodel, de he söchde,

in'n Foot.

De is mi to old, sä de Voss, do flög de

Hahn up'n Appelboom.

(aus „Heimatbote“, Osterholz, 1926)

Peter Richter

zur Wand und blicken in eine „milchige“

Zukunft. Eigentlich würde ich mir aber

wünschen, dass man sie wieder als „Raumpfleger

der Nation“ ansehen könnte, weil

sie unsere Kulturlandschaft mühevoll

bewirtschaften und gestalten, um bei fairen

Preisen für ihre Produkte liebevoll zur Sache

gehen können. Doch dazu wird, ähnlich

wie bei der Energiewende ein radikales

Umdenken nötig sein, das wir auf keinen

Fall wieder verschlafen dürfen.

Schließen möchte ich mit einem Text

von Rainer Maria Rilke:

Der Mensch, von sich aus, zerstört so vieles,

und etwas wiederherzustellen, ist ihm

nicht gewährt, - dagegen hat die Natur alle

Macht der Heilung, man darf sie nur nicht

belauschen oder unterbrechen wollen. -

Dies scheint mir immer noch das Wunderbarste

des Lebens, daß oft das Plumpe

und Grobe irgend eines Eingriffs, daß eine

offenkundige Verstörung zum Anlaß werden

kann, eine neue Ordnung in uns anzulegen.

Dies ist ja die vorzüglichste Leistung

der Lebenskraft, daß sie sich das Böse in

Gutes auslegt und recht eigentlich

umkehrt.

… nach der Windkraft.

Text und Fotos: Wilko Jäger

RUNDBLICK Sommer 2017

25


Ein großer Bioland-Betrieb

Wo gesunde Nahrung aus ökologischem Anbau hergestellt wird

Wenn man den großen Hof betritt, fällt

das Auge auf große Edelstahltanks. In

ihnen wird die tägliche Milch zur Weiterverarbeitung

gekühlt. Neben den Tanks

befinden sich die Stallungen für ca. 240

glückliche Kühe. In einer einzigartigen Haltung

haben sie einen Liegeplatz und einen

Fressplatz pro Kuh. Wenn sie in ihren

Boxen stehen oder liegen zum Fressen,

hört man eine Geräuschkulisse der Zufriedenheit.

Es wird Silage und Grünfutter

gefüttert. Aber auch acht zertifizierte Bauern

liefern Biomilch zur Hofmolkerei Dehlwes.

Dehlwes schafft seinen eigenen Kreisdem

nicht bewusst ist, dass in seiner Nähe

ein Betrieb existiert, der Bio-Nahrung produziert,

aber auch 42 Festangestellte hat –

und ein guter Steuerzahler für die

Gemeinde ist.

Aber der Reihe nach: Als Gerhard und

Elke Dehlwes in den 90er Jahren beschlossen,

den Kunden Vorzugsmilch in Flaschen

anzubieten, ahnten sie überhaupt nicht,

welche Dimensionen ihr Betrieb noch einmal

annehmen würde. Anfangs wurde

nach der Abfüllung der Flaschen die Milch

in Schläuche abgefüllt. Der Handel wurde

aufmerksam und der Kundenkreis immer

untergebracht. In der Halle wird Sahne

von der Milch getrennt und die Biomilch in

der modernen Anlage in Tetra-Verpackungen

abgefüllt. In einem separaten Raum

findet die Sahne-Schichtkäse-Herstellung

statt. Nebenan rundet ein Hochregallager

zur schnellen Auslieferung der rund 20

Artikel die Auslieferung ab.

Hofladen gehört

zum Betrieb

Zum Betrieb der Bio-Hofmolkerei Dehlwes

gehört auch ein angenehm gestalteter

Blick auf die Milchtanks

Die Familie präsentiert einen reifen Käse

lauf. Die Silage wird selbst hergestellt. Hinter

den Stallungen ist Grünland, so weit

das Auge reicht. Auch dorthin dürfen die

Kühe, bis das Gras abgefressen ist. Zur einzigartigen

Haltung gehört es auch, dass

Kälber von guten Kühen bis zur Milchgabe

großgezogen werden.

Guter Steuerzahler

für Lilienthal

Es soll ja wohl noch den einen oder

anderen Mitbürger in Lilienthal geben,

größer. Heute beliefern 9 LKW als Regionalvermarktung

nur in den Lebensmitteleinzelhandel

der Regionen Bremen, Hannover

und Hamburg.

Schweift der Blick über den Hof, entdeckt

man eine große Halle. Hier ist das

Revier von Schwiegersohn Thomas, der als

Landwirtschaftsmeister das technische

Gerät pflegt und repariert.

Neben dem offenen Kuhstall steht das

Schmuckstück des gesamten Betriebes:

Die Abfüll-, Lager- und Abfertigungshalle.

Auch das Büro und Sozialräume sind dort

Hofladen. Soll doch die Bevölkerung aus der

näheren und weiteren Umgebung Anteil

haben an diesem Betrieb, der in seiner Konzeption

einmalig in Norddeutschland ist.

Dort ersteht man Backwaren vom

Mühlen-Bäcker, Bio-Obst, -Gemüse,

-Getreide und andere Dinge, die man zur

gesunden Ernährung braucht. In Lilienthal

existiert die Kaffeerösterei De Koffiemann.

Auch deren Kaffee kann man kaufen. Aber

zwei Dinge sind hier der Clou. Einmal der

Wandschrank, gefüllt mit den wunderbaren

Produkten, die in der Hofmolkerei herge-

Glückliche Kühe mit viel Platz

Milch- und Sahne-Abfüllung

26 RUNDBLICK Sommer 2017


Hochregallager

Großzügiger Verkaufsraum im Hofladen

stellt werden. Zum anderen fällt der Blick

durch eine Scheibe. Hier kann man, wann

es immer so weit ist, der Käseproduktion

zuschauen. Einmalig. Die Tochter Mareike,

Käse-Meisterin, stellt eigenen Hofkäse her.

Zum Betrieb des Hofladens gehört auch

ein fahrbarer Hühnerstand. Die Hühner

laufen frei auf bester Klee- und Kräuterwiese

und versorgen auch den Laden mit

frischen Eiern.

Im Landkreis Osterholz gibt es vier Melkhüser.

Und eines – wie schön – steht bei

Dehlwes vor der Tür an der Straße Trupe.

So mancher Wanderer und Radwanderer

hat sich schon mit einem Glas Milch oder

einem Joghurt aus der Hofmolkerei

erfrischt. Es ist vom 1. April bis zum 31.

Oktober geöffnet.

Text: Manfred Simmering

Fotos: Erwin Duwe

Die Hühner haben sehr viel Auslauf

Lesenswert

Beliebt: das Melkhus

Björn Bischoff

Worpswede

Das Künstlerdorf A–Z

168 Seiten, 178 Abbildungen

Taschenbuch, Format 14 x 20 cm

9,90 Euro

ISBN 978-3-95494-113-1

Das Künstlerdorf im Teufelsmoor ist

weltbekannt für seine Alten Meister. Doch

Worpswede samt der einzigartigen Landschaft

umzu hat auch im 21. Jahrhundert

nichts von seiner faszinierenden Anziehungskraft

verloren. Seit über 125 Jahren

gibt es hier eine aktive Kunst- und Kulturszene,

in der sich Künstlerinnen und Künstler,

Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker

niederlassen, um in diesem

besonderen Umfeld schöpferisch tätig zu

sein.

Im ersten Teil dieses Reiseführers erhält

der Leser von A bis Z allgemeine Informationen

über Worpswede. Vorgestellt werden

neben Galerien und Museen (Alte

Molkerei, Große Kunstschau, Kunsthalle,

Museum am Modersohn-Haus, Torfschiffswerft

u.v.a.) viele Sehenswürdigkeiten u.a.

Bacchusbrunnen, Bahnhof, Barkenhoff,

Bertelsmann-Haus, Brünjeshof, Buddha,

Das Kreative Haus, Diedrichshof, Findorff-

Denkmal, Haus im Schluh, Hoetger-

Ensemble (u.a. mit dem »Kaffee Verrückt«),

Käseglocke, Mackensen-Eiche,

Mühle, Niedersachsenstein, Weyerberg,

Zionskirche.

Im zweiten Teil des Buches gibt es neben

den Porträts der Alten Worpsweder

Meister umfassende Informationen zur

aktuellen Kunstszene mit den entsprechenden

Kontaktmöglichkeiten (Rufnummern,

E-Mails, Homepages etc.) zu zahlreichen

zeitgenössischen Künstlern.

RUNDBLICK Sommer 2017

27

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine