SPORTaktiv Magazin August 2017

Sportaktiv.Magazin

pfeilgerade mit dem Luftstrom durchs

Gartentürchen gelaufen, und alle haben

sich gefragt, wie ich das treffen konnte.

ICH HÖREAN

DEN SCHUHEN

UNDAM

SCHNAUFEN,

OB MEIN PARTNER

20 METER

ÜBER MIR PIAZT,

GRÄTSCHT

ODER EINEN

QUERGANG HAT.

Knie durchstrecken, 15 Prozent Körpergewicht

nach rechts vorne … sonst

fallen wir um. Das nennt sich Propriorezeption.

Bei mir ist diese Wahrnehmung

natürlich besonders gut ausgeprägt,

beim Spazierengehen nehme ich jeden

Kanaldeckel, jede Neigung des Asphaltes

mit meiner Fußsohle ganz genau auf.

Was ist noch gut ausgeprägt?

Ich habe ein ziemlich mieses Namensgedächtnis,

kann mich aber nach Jahren

daran erinnern, wo sich mein Partner

nach welcher Länge ausgegebenen Seils

befindet. Wenn ich eine Route gescannt

habe, dann kenne ich sie. Ein neuer

Kletterpartner ist schon mal von den

Socken, wenn ich ihm zurufe, dass er

jetzt nach links greifen soll, weil da ein

schöner Untergriff kommt.

Funktioniert dieses Scannen nur über

deinen Tastsinn?

Aber nein! Mein Gehirn weiß ja nicht,

dass ich blind bin, also macht es sich

ein Bild aus dem, was mir an Sinnen

zur Verfügung steht. Das sind immerhin

noch vier. Und ich verfüge über

mehr Ressourcen, denn Bilder brauchen

Rechenleistung und Speicherplatz. Diese

Kapazität steht mir extra zur Verfügung.

Ich höre an den Schuhen und am

Schnaufen, ob mein Partner 20 Meter

über mir piazt, grätscht oder einen

Quergang hat. Jede Kante, jede Felsformation

bringt Verwirbelungen mit sich,

so kann ich aus jedem Luftzug Informationen

generieren. Als Bub bin ich

Hast du auch so etwas wie einen siebten

Sinn?

Das will ich nicht behaupten, aber

nennen wir es Intuition. Die führt

dazu, dass ich nicht immer allen einfach

hinterhersteige. Bilder sind oberflächlich

und trügerisch. Meine Wahrnehmung

kann man mit einer auf Parametern basierenden

Modellrechnung vergleichen.

Ähnlich wie beim Wetterbericht.

Apropos … wie war denn das Wetter

am 21. Mai 2017 um 7.20 Uhr?

Da stand ich auf dem Gipfel des Mount

Everest, und das Wetter war großartig.

War das der Augenblick deines

Lebens?

Am Tag danach war ich kritisch, weil ich

dort oben so hautnah den Tod gespürt

habe, so weit weg von der Erde, als stünde

ich im Vorhof zum Himmel. Aber

heute beflügelt es mich. Bergsteigerisch

war es nicht die Welt, da habe ich schon

andere Sachen bewältigt, aber symbolisch

war es die größte Sache meines

Lebens. Meine Eltern haben den kleinen

Jungen ohne Augenlicht in die weite

Welt gelassen, und dieser Weg führte

mich auf den physikalisch höchsten

Punkt unseres Planeten. Ich bin sehr

gläubig und habe mit dem lieben Gott

einen Pakt geschlossen: Wenn er mich

lebendig runterlässt von diesem Berg,

dann werde ich die Botschaft in die

ganze Welt posaunen.

Ist es diese Botschaft, dass du den

Sehenden die Augen öffnen möchtest,

so wie der Titel deiner Vortragsreihe

lautet?

Die Botschaft ist, dass Sehen für mich

Realisieren heißt. Jeder Mensch ist verschieden,

deshalb sollten wir versuchen,

die anderen zu verstehen … und nicht

ständig auf unsere eigene Perspektive

hereinfallen.

Foto: www.dachsteinschuhe.com

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