Pas de Deux für einen Sozialstaat

svenholly

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Pas de Deux für einen

Sozialstaat

oder:

Der Hund von Socialville


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Pas de Deux für einen Sozialstaat

oder: Der Hund von Socialville. Ein Textkonvolut.

Holly N., Mitwirkung: Sönke Neuwöhner, Erol Alexandrov, Anne O. Poncet

Inhalt:

Pas de Deux für einen Sozialstaat 2

TEIL 1: SIGNALE, oder: Der Hund von Socialville 3

TEIL 2: WARTERAUM, oder: Denn sie wissen nicht, wem sie helfen… 8

TEIL 3: SOZIALDÄMMERUNG, oder: Im Zwielicht der Kassen 12

TEIL 4: VARIATIONEN 2, oder: Bild des jungen Empfängers als Erfolgsmensch19

TEIL 5: UTOPIA, oder: Mini-Zimmer mit Aussicht 24

VOM WARUM UND WIE 31

Keinen verderben lassen

auch nicht sich selbst

jeden mit Glück zu erfüllen

auch sich, das

ist gut.

Bertolt Brecht

Bilder von der Erstaufführung für zwei Sprecher und zweiTänzer im Dock 11, Berlin, Mai 2016;

Tanz: Anne O. Poncet/Erol Alexandrov; Fotos Holly N.


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TEIL 1: SIGNALE, oder: Der Hund von Socialville

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CHOR

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Wie geben wir, warum?

Wir geben uns,

zu unsrem Vorteil. Der eine sagt,

So einfach ist das nicht,

denn uns ist nicht zu helfen.

Im Garten welken Blumen.

Sie brauchen Wasser,

so sie nicht Unkraut sind.

Garantiert ist der Sozialstaat uns

in einfachster Form

vom Grundgesetz.

1

Das Geld der Steuerzahler zahlt

des Menschen Status

würdige Bedingungen,

für Bürger wie für andere;

so die Zeitung. 2

Der Staat steht in

utopischer Pflicht.

Geholfnen ist dabei,

je Fähigkeit, je Kraft,

Beschäftigung auch zumutbar;

so das Gesetz

3.

Finde ich nicht gut, ich

habe immerhin studiert

und muss nicht alles machen.

Der Mensch hat: Herrenmensch studiert?

“Jeder nach seinen Fähigkeiten,

jedem nach seiner Leistung”. 4

Sozial sind manche Tiere auch.

Schreien, kriegt das eine

mehr als das andre. Klagen

gegen Gott und Hüter,

neigen, wie wir,

zur Ungleichheitsaversion.

So lebt man denn

als Gleicher unter Gleichen

wie ein Tier?

1

Artikel 20.1, Grundgesetzes Bundesrepublik Deutschland: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“

2

Berliner Zeitung, 7.7. 2014

3

SGB II, § 10

4

Verfassung der DDR von 1968, ABs. 1, Kap. 1, Art. 2,3


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Da wir Herdentiere sind,

vorausschauend, verallgemeinernd

bringt uns Gleichheit

einen Fortpflanzungsvorteil.

Das Wir gewinnt. 5

Redete einer oben nicht

von Menschenwürden?

Um Menschenwürde

zu erhalten, heißt es, muss

man sich der Lust enthalten… 6

Man darf sich nie

der Lust enthalten. Sowas

schadet dem BSP.

Ich soll also im Jobcenter

das Gewicht meiner Not

ermessen und mich

zu Markte treiben lassen?

Ein arbeitsloses Paar, so der

Wirtschaftsteil, steht

in Abhängigkeit vom Staate besser da,

als wenn einer arbeite zum Mindestlohn.

Denn neben Geld winken Vergünstigungen

für Kultur- und Wirtschaftskonsum.

Und ohne fleißig beriebenem Konsum wären

Supermärkte wie Theater: Leer…

Der Sozialstaat, erdacht

von oben, hat nur ein Ziel:

Der Revolution

Wohlstandsbauch und Riegel vorzuschieben.

Sozialen Frieden zu gewähren.

Der Sozialstaat basiert

auf dem humanistischen

Menschenbild, oder dem Hilfsgebot

der Religion. Den Schwachen

hilft der Herr.

Humanitär ist der Mensch;

der Staat ist ein

Kontrollkonstrukt

das gibt, um zu profitieren.

5

nach: P.K.Dick, Do Androids Dream of Electric Sheep

“Frage: Und was muss man tun, um sich diese Würde, die uns als Menschen zuteil wird, zu bewahren? Cicero: Die Lust ist der Vorzüglichkeit des

6

Menschen nicht würdig genug, so dass es nötig ist, sie zu verachten und zurückzuweisen.” (Cic.off. I,106); siehe auch Schiller, Über Anmut und Würde,

1793: “Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.”


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Der Sozialstaat hier ist

fehlgeleitet; er fordert keinen

zur Arbeit an sich selbst.

So bleibt Mensch bei seinen Leisten. Und

seinen Vorurteilen.

So kommen Leute hierher

und können ihre Kultur

von Vorgestern erhalten,

im Sozialbiotop der

Abhängigen.

Jeder handelt nach seiner Natur:

Das heißt, er tut, was ihm wohltut. 7

Der Staat muss uns

attraktive Angebote machen,

das wir uns was verdienen.

Im Sozialgesetzbuch steht, es sind

Anreize zur Aufnahme und Ausübung einer

Erwerbstätigkeit zu schaffen. 8

Fordern und fördern

ist das altbackne Schlagwort hier. 9

Dann lieber

ein geringes Bürgergeld

als ständig gefordert,

gefördert und

gestaltet zu werden. Ich

bin doch nicht

Sozialstaats Kunstwerk.

Bürgergeld ist ein Trick

von denen oben, damit

weniger sie

geben müssen. 10

Auch Schönheit ist

Kapital. So ist erwiesen, dass

der Schöne uns

vertrauenswürdig ist.

11

Wir

sind nicht gleich; und wer sich weniger

um sein Bild im Spiegel

der Nächsten kümmert, ist suspekt.

7

G. Büchner, Dantons Tod, Erster Akt, Sechste Szene

8

SGB II, §1

9

siehe http://www.heise.de/tp/artikel/22/22924/1.html: „Die ALGII-Gesetzgebung … stand unter dem Motto "Fördern und Fordern". Die bisher bei der

Vermittlung außen vor gelassenen Sozialhilfeempfänger sollten Arbeitssuchenden gleichgestellt werden (sowohl finanziell als auch in Bezug auf die

Vermittlung von Arbeit)- das bisher zeitaufwändige Verfahren der Beihilfebewilligung für vielerlei Anlässe sollte durch Regelsätze, die diese Kosten bereits

anteilig enthalten, obsolet werden. Doch was wurde aus den hehren Zielen? Sind Sozialhilfeempfänger jetzt besser gestellt und werden sie, wie es

verlautbart wurde, nicht nur gefordert sondern auch gefördert? Zeit für ein paar Entzauberungen.“

10

siehe http://www.wilsons-island.net/2008/01/05/mindestlohn-oder-buergergeld/: „Ein Grund für das Aufgreifen der Idee einer Grundsicherung durch die

Neoliberalen ist, dass diese Form des Bürgergelds die Unternehmer-Einkommen erhöht und die Kosten auf die Bürger verlagert (…) Gehälter und Löhne

würden um den Betrag des Grundeinkommens gekürzt werden.“

11

nach: Pierre Bourdieu, Einführung, Shurkamp


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CHOR

Wer schön ist kriegt, selbst unbekannt,

für kleine Liebestat Kredit. Besitzt

soziales Kapital.

Man wird verwaltet. Entmündigt.

Von anderen verwertet. Ist abhängig.

Es gibt, hört man, solche, die

das System verlassen, doch:

Sicher ist das nicht.

Was nicht demokratisch ist.

Was ist das Arbeitsamt überhaupt?

Hat in jeder Scheißstadt

Gebäude, größer als das Ritz,

und verwaltet Leute, die

der Staat für Tätigkeiten ausgebildet hat,

die nicht benötigt werden.

Die wissen doch, dass

die Leute nicht werden werden, was

sie werden wollen. Wozu das dann?

Sie sagen dir: Das reicht nicht,

davon kannst du nicht leben.

Hier hast du. Aber

wir zahlen dir nicht

das schöne Leben, sondern:

Deinen Coach.

So helfen wir. Und helfend

nimmt der Staat

und nimmt im Nehmen

uns die Not zu geben. Wir wollen helfen.

Dem Dankbaren, der,

Geholfen, besser wird.

Doch dem entgegen steht:

Das Anspruchsdenken

der Kunden unsrer Sorge.

Besser werden,

sagen diese,

lohnt sich nicht. Und

wenn besser werden

sich nicht lohnt

ist uns

nicht zu helfen.


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TEIL 2: WARTERAUM, oder: Denn sie wissen nicht, wem sie helfen…

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Der Mensch

muss besser werden. Er

ist unser Ideal, im Idyll des sozialen

Friedens wollen wir

Ruhe finden, die wir - noch -

kaum haben. Die Welt

beunruhigt uns, und

nach einem Tag

des Schuften, Kultivierens, Hurens

sind wir aufgerufen,

Sorge zu tragen, Steuern zu zahlen.

Und nicht zu knapp!

Ja: jeder hat das Recht

am Konsum der Welt sein Teil zu haben.

Doch es gibt Regeln.

Sonst gibt es nichts.

Im Kommunismus hat der Professor soviel gekriegt

wie der Busfahrer, und fühlte sich verarscht.

Hat lang studieren, kriegt aber nur so viel wie jemand,

der nur eine Lehre hat.

Ist das nicht egal? Sollte, wer von dem

lebt, was er gerne tut, sich nicht glücklich schätzen?

Der Sozialstaat hilft nicht nur dem

Einzelnen in der Not, sondern

arbeitet für die Gemeinschaft.

Im Sozialstaat leben vielen

vom vermeintlich interesselosen Verteilen.

Sozialleistungsdienste, Kunstförderung, Entwicklungshilfe

kämpfen um ihre Pfründe.

“Der Souverän will das Volk nach seinen Begriffen glücklich machen, und wird Despot;

das Volk will sich den allgemeinen menschlichen Anspruch auf eigene Glückseligkeit

nicht nehmen lassen, und wird Rebell.“ 12

Wir reden hier nicht über Glück,

sondern über Geld. Verbriefte Ansprüche.

Man kann sagen: Es ist zum Wohle der Gemeinschaft,

wenn alle gleich am Wohlstand partizipieren.

Der Lohn eines genügsamen und rechtschaffenen

Arbeiters muss notwendig, also gottgewollt,

für dessen Lebensunterhalt genügen. 13

12

I. Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, 1793

Leo XIII, Rerum Novarum, 1891, §38; und auch: “Wenn also die Sozialisten dahin streben, den Sonderbesitz in Gemeingut umzuwandeln, so ist klar, wie

13

sie dadurch die Lage der arbeitenden Klassen nur ungünstiger machen. Sie entziehen denselben ja mit dem Eigentumsrechte die Vollmacht, ihren

erworbenen Lohn nach Gutdünken anzulegen, sie rauben ihnen eben dadurch Aussicht und Fähigkeit, ihr kleines Vermögen zu vergrößern und sich durch

Fleiß zu einer besseren Stellung emporzubringen“


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Ich bin für Bürgergeld, einfach weil

ich nicht möchte, dass

jemand gegängelt wird.

Jeder bedürftige Mensch

bekommt eine Gewisse Summe zum Unterhalt.

Aber viele sagen: Man wird als Empfänger

schlecht behandelt, erniedrigt.

Besonders wenn man von Anderswo kommt, also

nicht einzahlendes Herdenmitglied ist.

Den Menschenrechten fühlen wir uns

wohl alle verpflichtet?

“Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie

Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung,

ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen sowie das Recht auf

Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung.” 14

Viele, die psychotherapeutische

Hilfe brauchen, haben

Probleme mit dem Einkommen. 15

Nicht, weil sie keine Arbeit haben, sondern,

weil sie nicht genug verdienen. Weiter

abhängig bleiben.

Der Staat sollte Arbeit fördern,

die den Selbstwert fördert.

Das Streben nach Reichtum scheint

unnötig. Reich ist, wer in einer

relativ sicheren Welt der Möglichkeiten

lebt, nicht, wer sich aufwendig

vor dem Nächsten schützen muss.

Den Gedanken, Reiche

sollen reich und verantwortlich sein und Arme

arm und vor ihrem Scherbenhaufen stehen, den

finde ich nett, ist radikal. Macht aber

keinen glücklich. Was

Armut und Reichtum sind

weiß ich nicht.

Vom Gefühl her möchte ich, dass alle Menschen

ein Minimum haben, den Kopf frei haben für Dinge, die sie

wollen. Selbst wenn es schreckliche oder

dumme Dinge sind.

14

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dez. 1948; Rechtsverbindlich durch den Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und

kulturelle Rechte, Art. 11, 1966; 1973 ratifiziert von der BRD, seit 1976 in Kraft.

siehe http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt/wahnvorstellungen-depressionen-aengste-und-hartz-iv-sanktion-statt-verstaendnis-psychisch-

15

kranke-ueberfordern-jobcenter_id_3449949.html


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CHOR

Wer Hilfe braucht, dem

soll geholfen werden.

Wir sind füreinander da.

Mit vollem Herzen

garantieren wir

dabei kategorisch uns

das Netz des Lebens selbst,

das Bismarck einst

mit Donnerstimme zärtlich angemahnt,

um deutschen Mütterchen über 70,

derer es damals 4 gebückte gab,

das schwere Los zu lockern. 16

Der kleine Mann, gebot er,

soll auch zum Sparen eine Kasse haben,

und seine Mühe soll

in einen sanften Abend fließen.

So erträumte er

die Golden Girls.

Heute sind die Mütterchen Legion, und

gehen Hand in Hand

mit herbstgoldnen Männlein,

bildungsfernen Nachbarn und

taubenäugigen Fremden

aus fernen, zedernbestanden Landen.

Vor dieser geballten Not stehen wir

wie einst Rom

vor Hannibal.

1889 wurde auf Betreiben Otto von Bismarcks das Gesetz zur Alters- und Invaliditätsversicherung eingeführt; alle Arbeiter bis 70 Jahre wurden

16

mitgliedspflichtig, eine Rente erhielt man ab 70 Jahren. Das damalige Deutsche Reich wurde zum wichtigen Vorläufer des modernen Sozialstaats. In

Deutschland betrug die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer etwa 50 Jahre. Eine Witwenrente war dabei übrigens nicht vorgesehen, sondern

eine Rückzahlung der eingezahlten Beiträge bei Tod vor dem Versicherungsfall. Hinterbliebenen- und Sozialversicherungen entstanden aber in den

Berufsverbänden, also „von unten“. Siehe: http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/rentenpolitik/142673/ein-historischer-rueckblick


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TEIL 3: SOZIALDÄMMERUNG, oder: Im Zwielicht der Kassen

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Es wird erzählt

im Irgendwo erwarten

uns reife Früchte

an übervollen Bäumen.

Für manche gibt es das.

Warum nicht für

uns? Wir fühlen uns wohl, wo

die Raunen, die

Anspruch auf mehr

haben; ihr Anspruch färbt auf

uns ab, denn: Wir sind sozial.

Doch glaubt nicht wir

wären ein Chor. Wir sind eigen. Wir verachten

Mainstream, bedecken unsre Körper

mit den Zeichen der Ächtung,

sind solidarischen mit

uns, den Erben der Welt. 17

Glaubt dies: Wir freuen uns

über das Glück anderer,

fühlen Unruhe dort, wo

Unglück ist. Besitzen

sensus communis, und applaudieren

der Schönheit der Moral; 18

jedoch in Grenzen.

Unter meinen kargen, fernen Olivenbäumen,

nannte man Reisende

aus dem reichen, fernen Sozialstaat,

die sich nach von der Last,

geholfen zu werden,

erholen kamen,

Zuckermenschen.

Denn unter kargen Olivenbäumen

musste, wer sich

erholen will, malochen.

Das Amt sagt:

Hungern darf der Mensch.

Am Rande sein, von wenig leben.

Nur so treibt’s ihn zum Erfolg.

Verdächtig ist er, sein

Regelbedarf ein Luxus,

den er mit Trug vermehrt. 19

17

siehe auch: http://www.salzburg.com/nachrichten/welt/chronik/sn/artikel/jugendforscher-hipster-sind-die-elite-von-morgen-170560/ und Norman Mailer:

„The White Negro“.

18

nach Farncis Hutcheson (1694-1746): public sense, or sensus communis, "a determination to be pleased with the happiness of others and to be uneasy

at their misery“; moral sense, or "moral sense of beauty in actions and affections, by which we perceive virtue or vice, in ourselves or others"

Seit Januar 2016 beträgt der Regelbedarf 404€/Monat; 2005 wurde er, in einem inzwischen als verfassungswidrig eingestuften Verfahren, erstmals auf

19

345 € für Westempfänger (331 € Ost) ermittelt. Siehe: http://www.hartziv.org/regelbedarf.html


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Und wenn du ehrlich bist

springt der Hund

von Socialville

dich an, wie einen

blut’gen Knochen.

Wer nicht lügt, wird zernagt.

Mir wurde für einen Job

geringes Geld versprochen,

das ich vom fernen Arbeitgeber

lange nicht bekam.

Das Amt sagte,

das ist deine Sache.

Vertrauen gibt es

von oben nicht.

Warum auch?

Der Arme ist verdächtig.

Der Grund ist klar.

Er raubt und nimmt

vom Tisch die Krumen. Doch zurück

zum Fall: Hier ist

der Arbeitgeber Schuld.

Wer Kunde beim Sozialstaat ist

braucht eine dicke Haut.

Besser ists,

nichts zu verdienen.

Das hält dich

frei vom Verdacht derer,

in deren Ermessensspielraum

du hilflos liegst.

Recht gibt es nur für die,

die einen eigenen Spielraum haben.

Ich möchte aber glauben:

Unser soziales Netz, das

im Großen und Ganzen doch

über alle Netze geht in der Welt, greift…

Das System, in dem wir leben,

versucht, gerecht zu sein. Um gerecht zu sein

missachtet der Staat die

Freiheit des Individuums, spannt es

in eine Beurteilungsmaschine ein… 20

Die Arbeitslosenversicherung errang 2004 den Big Brother-Award: “Hartz IV/ALG II stellen einen Generalangriff auf den Sozialstaat dar… Mit dem Antrag

20

sind gravierende Eingriffe in informationelle Selbstbestimmung, Persönlichkeitsrechte, Privat- und Intimsphäre der Antragsteller verbunden” https://

www.bigbrotherawards.de/2004/.gov/


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Nimmt ihm die Selbstwirksamkeit, die dem,

der der Hilfe nicht entkommt,

nur im Betrugsversuch winkt.

Man wird kompetent in der Sache, kann

den Sozialstaat durch sich selbst besiegen.

Einer meiner Fälle ist

ein junger Mann, der den Staat, respektlos,

“Opferstaat” nennt. Er sagt, die

müssen mir ja geben. Tun

will er nichts.

Da haben wir Glück.

Ist es denn besser,

sich vom Amt ficken zu lassen?

JEMAND Und dann Hecken zu schneiden

oder Windeln zu wechseln?

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Weil die sonst dir die Hilfe kürzen?

Ich finde die Haltung, man hätte ein Recht

auf Leistung ohne Gegenleistung

kindisch.

Wer Leistungen

einfach so empfängt macht sich

zum Kind des Staates.

Kapitalismus funktioniert nur,

wenn die Leute Kaufkraft haben.

Deswegen beteiligen vernünftige Unternehmer

Arbeiter am Gewinn.

Ich finde, jeder sollte für gleichen Zeitaufwand

gleich entlohnt werden. Kapitalrenditen

und Verwertungsrechte

sollte es nicht geben.

Du spinnst doch. Ohne Anreiz

leistet doch keiner was!

Verwechseln wir hier nicht

den Wunsch nach gerechter Verteilung

mit dem nach Erhebung?

Und vergessen, das einfach Not vermieden werden soll?

Man muss Initiative zeigen.

Nur dastehen und Hilfe brauchen,

das reicht nicht.


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Man muss seinen Sachbearbeiter überzeugen.

Sowas funktioniert nur für Deutsche.

Bedürftige müssen der Norm entsprechen, das

ist eben so; wer das nicht kann

ist arm dran.

Die Welt ist ungerecht, doch Leistung soll sich lohnen.

Laut einer DIW-Studie 2012

ist dieses das Land der Eurozone

mit der größten Ungleichverteilung beim Vermögen.

Das asozialste Land.

Nach Studien schätzen Menschen

ihre eigene Lebensqualität schlechter ein,

wenn die Reichen reicher sind, egal

wie gut es ihnen, ärmer doch reicher

als andere, geht… 21

Nach einer Veröffentlichung des DIW von 2015 besitzen die reichsten 10 % der

Deutschen etwa 70 % der Privatvermögen… 22

Arm ist, wer weniger hat.

Die Einstellung der Gesellschaft

zum Arbeitslosen ist negativ. Dir

wird vermittelt: Du bist ein Versager.

Vermittelst du dir das nicht selbst?

Manche Hilfe bewirkt eine Anspruchsreduktion, die

mit einer Traumatisierung einhergeht. 23

Die konservativ-religiös veranlagte Seite

denkt: Der Arme ist Schuld,

der Reiche muss helfen.

Anderswo ist die Einstellung der Leute

positiver. Die Reichen zahlen mehr Steuern.

Man hat ein vertrauensvolles Verhältnis zur

herrschenden Klasse.

Der herrschenden Klasse,

ob Kapitalisten, Sozialisten oder

religiöse Maskulinisten,

war noch nie guter Rat.

21

Burkhauser, De Neve, Powdthavee: Top Income and Human Well-Being around the World, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, 2016, http://

ftp.iza.org/dp9677.pdf

22

Christian Westermeier/M. Grabka, Große statistische Unsicherheit beim Anteil der Top-Vermögenden in Deutschland, http://www.diw.de/documents/

publikationen/73/diw_01.c.496886.de/15-7-3.pdf; Laut der Huffington Post gehört man zu den reichsten 10 %, wenn man mehr als € 217.000 in

Vermögenswerten besitzt, http://www.huffingtonpost.de/2014/02/27/vermoegen-deutschland-ungleichverteilung_n_4864775.html

siehe Süddeutsche, 8. Januar 2015; hier auch: „Das Hartz-IV-System ist ein unglaublich rigides Armutsregime. Deutschland lebe über seine Verhältnisse,

23

heißt es immer. In Wahrheit geben sich immer mehr Menschen mit immer weniger zufrieden - in einer Gesellschaft die ansonsten immer reicher wird: http://

www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zehn-jahre-hartz-iv-immer-den-staat-im-nacken-1.2293478-3


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Ich glaube, wo es weniger Sozialstaat gibt

sind Leute eher bereiter,

in etwas zu investieren, an das sie glauben…

Du meinst, weniger Sozialstaat ist besser?

Das wir bessere Reiche brauchen?

Mehr Crowdfunding statt

Sozialfunding?

Ich verlange

das Unmögliche. Wer Geld hat

soll Verantwortung

für das Ganze übernehmen.

Ich finde es besser,

wenn wir alle

die Verantwortung für uns

und dann für die Gemeinschaft

übernehmen, statt dies den

Golden Boys zu überlassen.

In Anderswo

gibt man privat mehr.

Ich kann zum Reichen gehen,

mich auf sein Sofa setzen,

sagen: Das will ich tun.

Der Reiche sagt:

JEMAND Toll. Hier ist Geld.

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Hier dagegen fragt man erst

nach Ausbildung und Lebenslauf.

Du findest es also gut

wenn ein Reicher sagt:

Mach mal.

Ist es denn anders

wenn hier ein Gremium

das Geld der Allgemeinheit verteilt?

Die Reichen könnten mich

doch fördern, mir ermöglichen,

gut zu sein.

Um Status geht es hier auch. „Gut“

ist, wer einen hohen Status hat.

Viel verdient, leistet, gibt.

Wer oben ist, will oben bleiben.

Ich glaube nicht, dass es den Menschen

besser macht, wenn er wenig Geld hat,

obwohl das oft so dargestellt wird.


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Ich arbeite in der Sozialbetreuung und habe

Klienten, die Jobs machen, aber

nicht aus Harz 4 kommen.

Sie sind chancenlos, und da

funktioniert das System nicht. Lehre ist:

Halte ruhig, nimm, was du kriegst. Das

macht nicht glücklich.

Eigentlich gibt der Staat viel.

Aber viele fühlen sich abgehängt,

und verachtet uns und ihn

deswegen.

Wir sind verwirrt. Es gibt

Menschen, die halten von Geburt

berechtigt sich zu Konsum und Selbstverwirklichung.

Nehmen an, durchfinanziert, erhoben zu sein,

aufgerufen nur zur Pflege ihres Talents

sei ein Menschenrecht.

Andere pochen auf das Recht,

über die Maßen zu akkumulieren.

Doch warum jemand mehr

als ein einstelliges Vielfaches

des Grundbedarfs verdienen soll

ist uns, gelinde, schleierhaft.

Wir wollen, das die Dinge

einfach sind, denn:

Das Einfache ist

das Siegel des Wahren. 24

24

lateinischer Leitsatz: "simplex sigillum ven", zu lesen u.a. im Physikhörsaal der Universität Göttingen


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TEIL 4: VARIATIONEN 2, oder: Bild des jungen Empfängers als

Erfolgsmensch

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Wer sind Wir?

Wir wollen

teilen, was wir haben,

wertgeschätzt werden für das Gold

unserer Kehlen und Gedanken,

belohnt für Studium und Anstrengung,

für Leidenschaft für Schwache.

Doch nicht mit

unserem Glück prahlen.

Wir wollen, einfach gesagt,

das geliebte Zentrum unsrer Welt sein,

liebend zu Gericht sitzend.

Die Leinwand der Welt

als Künstler bemalen.

Das Arbeitsamt sollte uns

das Aufsteigen ermöglichen, gibt

uns aber das Gefühl:

Du kannst das nicht.

Arbeitsamt frisst Selbstwertgefühl.

Hilfe tut sowas auf Dauer.

Viele Leute kommen hierher, um

selbstständig zu existieren und

trotzdem Kunst zu machen.

Wer hierher kommt, merkt schnell:

Du kannst hier leben, und bequem,

aber kaum erfolgreich werden.

Dann gehn sie wieder.

Meine Utopie wäre

eine wertebasierte Gesellschaft.

Aber eben nicht Geldwertbasiert.

Die Ärzteschaft beispielsweise

verändert sich durch

die wirtschaftliche Logik, die sie, gezwungen,

zu ihrer Logik macht.

Die Renditen von Arbeit und Kapital

werden nicht gut verteilt.

Man sollte

von guter Arbeit

gut leben können. Mehr nicht.

Reich bleibt, wer reich ist. Der Garant

des Reichtums wie der Bildung und Befähigung

ist die Geburt. Kurz:

Arbeit lohnt sich nicht.


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Man darf nicht arbeiten

und dann kaum davon leben können.

Das darf kein Staat sich leisten.

Was wäre mit staatlich

garantierter Arbeit?

Was, wenn ich

nicht arbeiten will? Ich

bin Künstler

und gebe auf andere Art.

Schaffen wir nicht alle das Kunstwerk Welt?

Die Leute werden

systematisch demoralisiert,

damit sie besser funktionieren.

Das entspricht nicht meiner Erfahrung…

Ich habe durchaus Büros

mit gutem Betriebsklima erlebt.

Das wird gemacht,

damit die Leute funktionieren.

Emotional habe ich

wenig Verständnis für Leute,

die keinen Bock haben,

mit einem möglichen Job

Geld zu verdienen,

aber trotzdem eine Anspruchshaltung haben.

Wir leben hier wie im Knast.

Leute mit Ausbildung empfinden,

sie haben keine Chancen.

Früher musste man arbeiten. Das

war Faschismus.

Nicht arbeiten war keine Option.

Die gibt es heute, ansatzweise.

Und ist ein hohes Gut.

Arbeit ist zweckentfremdete Tätigkeit.

Du wirst vom Dritten

ausgebeutet. Reich

werden Leute wie wir nicht.

Ich habe Kunst gemacht,

für die Gesellschaft. Habe

argumentiert:


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Macht, was ihr wollt!

Das machten sie: Arbeiten. Denn

sie waren Arbeiter.

Sie wollten schuften, saufen…

…und zu Hause eine Frau, und TV.

Helden der Arbeiterklasse eben.

Über mich haben sie

gelacht. Doch nach nebenan

wollte ich auch nicht.

Musiker von dort sagten,

sie müssten nebenher malochen.

Hier schleicht sich etwas ein.

Es wird gesagt, dass

Akademiker oder Künstler

besser sind; befreit

von der Not niedriger Arbeit.

Freigestellt zum Schaffen

für die Schönheit.

Ich denke, Leute bringen sich

weniger ein, wenn sie gefordert werden.

Es wird schnell gesagt: Wenn man

dem Menschen gibt, dann tut er nichts.

Das glaube ich nicht.

Ich lebe hier schon lange, habe früher

Hilfe vom Staat erhalten.

Da starb meine Mutter, ich flog

nach Hause. Laut Gesetz hätte ich

dem Arbeitsamt meine Abwesenheit

im Voraus melden müssen.

Als ich zurückkam wurde ich

zum Amt bestellt. Mir sagte der Bearbeiter,

ich hätte, laut Gesetz, Betrug verübt. Er fragte,

warum ich gegangen sei. Ich erklärte es.

Da unterschrieb er ein Papier, sagte,

die Sache sei geregelt. Er verstand. Es war eine

persönliche, gute Erfahrung - nicht,

was ich erwartet hatte.

Menschen helfen, die in Not sind, ist

ein Impuls jenseits befohlener Strukturen.


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JEMAND

CHOR

Den wir dem Staat übergeben haben.

Die Politik will

das Primat der Wirtschaft;

wir verstehen, unser Glück

hängt vom Wachstum ab,

das, mächtiger Bauch,

uns auch im Darben noch ernährt.

Doch wollen wir

helfen; wollen

geben, wollen

für unsre Hilfe, für das,

was wir uns geben

auch Lohn erhalten,

engagieren uns für andere

für Nachbarschaft und für Kultur;

wer gibt, soll kriegen, wer kriegt,

der ernte

gerechten Lohn, denn

nur der Lohn für etwas Gutes

ist gerecht. Doch beißt

sich hier der Esel der

sozialen Willens

nicht in den eignen Schwanz?


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TEIL 5: UTOPIA, oder: Mini-Zimmer mit Aussicht

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Helfen wir, sichern

wir unser eignes Umfeld, oder

arbeiten wir an einer Utopie?

Angesprochen geben wir

den lockren Euro her;

wenn Kinder aus dem

brennenden Haus flehen

rufen wir die Feuerwehr.

Und wenn in fernen Landen

Schüsse fallen

schauen wir Politiker

komisch an. Doch

all dies ist nichts im Vergleich

zum Streben zur Schönheit

die sich auch im Sozialen

zeigen mag,

und zum Instinkt der Rebellion

gegen die, die mehr haben. Denn wir leiden

an unsren Unterschieden.

Vor kurzem las ich

die Geschichte eines Menschen,

mir ähnlich in Gestalt, der durch die Straßen ging:

Da hielt ihm ein Bettler seinen Hut hin, mit einem dieser unvergleichlichen Blicke, die

Throne stürzen würden, wenn der Geist die Materie bewegen könnte.

Zur gleichen Zeit vernahm ich die Stimme des guten Engels, oder Dämons, der mich

überall hin begleitet. Sie flüsterte mir folgendes zu: „Nur der ist einem anderen gleich,

der es beweist, und nur der ist der Freiheit würdig, der sie zu erobern vermag.“

Sofort stürzte ich mich auf den Bettler. Mit einem Faustschlag schloss ich ihm ein

Auge, das so dick wurde wie ein Ball. Ich schlug ihm zwei Zähne aus und brach mir

einen Fingernagel. Da ich, zart von Geburt, mich nicht stark genug fühlte, den Alten

rasch niederzustrecken, packte ich ihn mit einer Hand am Rockkragen und mit der

anderen an der Gurgel und begann, ihn heftig gegen die Wand zu stoßen.

Ich muss gestehen, dass ich vorsorglich die Gegend gemustert und mich vergewissert

hatte, dass ich mich außerhalb der Reichweite eines Polizisten befand.

Nachdem ich den Bettler durch einen Fußtritt zu Boden gestreckt hatte ergriff ich einen

dicken Ast und schlug mit der Energie von Köchen, die ein altes Beefsteak

weichklopfen, auf ihn ein.

Plötzlich - Oh Lust des Philosophen, der die Vortrefflichkeit seiner Theorie bestätigt

sieht! - sah ich den Greis sich erheben. Mit hasserfülltem Blick, der mir ein gutes Omen

schien, warf er sich auf mich, schlug mir die Augen blau, brach mir vier Zähne aus,

prügelte mich windelweich. - Ich hatte ihm Stolz und Leben wiedergegeben.


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Darauf gab ich ihm zu verstehen, das ich die Unterredung für beendet hielt. Ich erhob

mich mit der Befriedigung eines Sophisten und sagte: „Mein Herr, Sie sind mir gleich!

Tun Sie mir die Ehre an und teilen Sie mit mir meinen Geldbeutel!“ 25

Wir sollten in einer Gesellschaft

ohne krasse Einkommensunterschiede

leben, belohnt durch

Freiheit, erfülltes Leben, Sicherheit.

Straßenbahnfahrer, Manager, alle

sollten etwa dasselbe Einkommen haben. 26

Die jüdisch-christliche Religion ist

das Grundbrummen unserer Kultur. Und in dem

brummt die Belohnung für das Besser-Sein kräftig mit.

Wer nicht besser ist, wird verwaltet,

um besser einst zu werden.

Vielleicht wäre es besser, wenn man die Menschen

alleine lässt. Respektvoller.

Was hat den Hilfe

mit Respekt zu tun?

Wer nennt Hilfe etwas,

das schuldig macht?

Der Staat sollte so wenig wie möglich

in unser Leben eingreifen. Was man nicht selbst wählt,

worin man geleitet wird, das

geht nicht in den eigenen Charakter über,

das bleibt fremd. 27

Auch wenn es uns zum Vorteil ist? Sind wir blind?

Der Reichtum der Gesellschaft scheint,

statt auf alle gleich verwendet,

auf Höhergestellte, Schamanen, Empfänger

von Boni und deren Bezahldates konzentriert.

Und den Betrug, der all dies möglich

macht, schultert zu allem Überfluss

das Publikum des Überflusses

28.

Um zum Grundeinkommen zu kommen sollte man

Harz 4 ohne Auflagen, also Schikanen, zahlen.

25

Nach: Charles Baudelaire, Assommons les pauvres!, in: Le Spleen de Paris, Gedicht XLIX

26

siehe K. Marx, Kapital I, MEW 23, 184: “Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem Wert jeder anderen Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch

Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit.”

27

Nach W. V. Humboldt, „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“, Kapitel III: Sorgfalt des Staats für das Wohl der

Bürger, S. 37 (Reclam)

nach Thomas Paine, Rights of Man: „Civil government does not exist in executions; but in making such provision for the instruction of youth and the

28

support of age, as to exclude, as much as possible, profligacy from the one and despair from the other. Instead of this, the resources of a country are

lavished upon kings, upon courts, upon hirelings, impostors and prostitutes; and even the poor themselves, with all their wants upon them, are compelled to

support the fraud that oppresses them.“ (Wikisource, Part 2.7, 1792)


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Aber wenn das System

schon jetzt nicht funktioniert…

Wer sagt, dass es nicht funktioniert? Es gibt keine Unruhen,

es werden keine Polizisten erschossen.

Es funktioniert ausgezeichnet.

“Wenn es heißt, in gleicher Ehre steht der Gemeine wie der Edle‘, werden sich die

Gebildeten ärgern, als verdienten sie es nicht, bloß gleich viel wie die anderen zu

besitzen und darum werden sie sich oft verschwören und Aufstände machen.” 29

Einst hat die Familie sich

um die Familie gekümmert. Gleiche unter Gleichen.

Aber dann wollte man Freiheit. Mobilität.

Aus der Enge der Gleichen weg.

Früher hatte in meinem Land

die Kirche die Macht. Einer wollte

Hilfsgelder für junge Mütter einführen.

Das lehnte die Kirche ab, sagte: Lasst

diese jungen Mütter zu uns kommen.

Sie wusste: Eine soziale Politik würde die Macht

der Kirche brechen.

Ist das jetzt, mit Blick auf die “Industrienation”, anders?

Die Macht hat jetzt die Wirtschaft

Ich dachte immer, dass jeder

auf den eigenen Füßen stehen möchte.

Das stimmt wohl nicht.

Es sollte minimale Hilfsleistungen geben,

ein zu 100 % kostenloses Bildungsangebot sowie

kostenlose medizinische Dienste, ein garantiertes

Mini-Zimmer…

Die Leute brauchen Anleitung, wollen

an die Hand genommen werden,

bestehen auf ihren Status,

wollen Garantien…

Utopia ist immer nur so gut wie seine Bürger.

Die Aspekte Gerechtigkeit und Freiheit stehen

in dauerndem Konflikt.

Unser System

versucht eine Balance, auch, um die

Demütigung zu vermeiden,

zur Familie zurück zu kriechen.

29

Aristoteles, Pol. 1267 a 39–41


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JEMAND:

Dass muss alles viel gerechter sein, oder:

Gerade meine Freiheit wird beschnitten.

Ich finde Opferhaltungen schwierig,

sie zeigen oft einen unreifen Geist, der meint:

Die Welt hat mir ein Leben zu bieten.

Die hat dir aber

kein Leben zu bieten, sondern du musst dir,

irgendwie, ein Leben gestalten.

Das Leben ist keine Entität, die auf dich zukommt, und auch

der Staat ist das besser nicht.

Er sollte immer

mit Produkt des Einzelnen sein.

Darüber reden wir - über die Utopie

eines Staates, aus der Natur, der Welt gerissen.

ganz und gar nicht gottgegeben.

Utopische Menschen

bräuchten keine Hilfsleistungen.

Irgendwo steht in der griechischen

Grund-Buchstabensuppe unserer Kultur:

Ein Bürger ist einer, der sich um sein Auskommen

nicht sorgen muss. und nur der kann

an der Demokratie teilnehmen.

Entsprechend sollte

der Staat dafür sorge tragen, das wir uns nicht

um den Absturz ins Nichts sorgen. Statt

Sozialhilfe Demokratiebefähigung.

Erst kommt das Fressen,

dann kommt die Moral. Eine

zutiefst bürgerliche Weltsicht.

Das Wir an sich, das wissen wir,

ist irgendwie fremd, irgendwie miefig,

irgendwie schlecht.

Fast jeder Anspruch ist übermäßig,

jedes Geben beleidigend,

denn das unselige Gegenüber muss nehmen.

Die Quelle der Gier ist

die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Vor

dem Scheitern an der Welt. 30

30

http://www.seele-und-gesundheit.de/psycho/gier.html


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Hilfe brauchen zeigt uns,

das wir an der Welt gescheitert sind.

JEMAND Doch Scheitern ist Teil des Werdens. 31

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Teil der Kunst. Teil des Lebens;

und wer sein Leben nicht in den Griff kriegt

der bleibt Dilettant und hat nichts zu sagen. 32

„Kunst ist in unserer Gesellschaft etwas geworden,

das nur Gegenstände betrifft. Von Experten, nämlich

Künstlern, gemacht wird.“ 33

Und die Geben nicht, sondern Nehmen

Kunst aus unser aller Leben.

„Die Kunst, das Leben zu meistern, ist

die Grundbedingung zu allen weiteren

Äußerungen“. 34

Menschen durch die Garantie eines komfortablen

Lebens die Verantwortung für das eigene Streben nach Glück,

Erfüllung, Interesse zu nehmen wäre eine Entmündigung. Aber

freie medizinische Versorgung, freie Bildungsmöglichkeiten,

garnatierte Minimalversorgung, das entmündigt niemanden…

Wir sind bösartig.

Raffgierig.

Wollen nur unseren Vorteil, von Natur aus.

Was, richtig angewandt, völlig OK ist. 35

Aber deshalb ist das Nehmen und Geben, das

Mitgestalten in der Demokratie so schwierig.

Aber ich bin dafür.

Manche glauben ja

trotz Aufklärung und naturwissenschaftlicher

Grundbildung, es gäbe eine höhere Macht, die sich

hauptberuflich um unser Wohlbefinden kümmert. 36

Die gibt es, nur ist das eben

der bürokratische Wohlfahrtsstaat. Und dem

traut keiner.

31

siehe Epiktet, „Diatriben“: „So wie Holz das Material des Zimmermanns ist, ist das Material der Lebenskunst das Leben jedes einzelnen“

32

Paul Klee, Tagebuch: „Die Kunst, das Leben zu meistern, ist die Grundbedingung zu allen weiteren Äußerungen“

33

Michel Foucault: „Zur Genealogie der Ethik“ (Interview, 1983)

34

Paul Klee, Tagebuch

35

siehe Oscar Wildes Aphorismus: „Die Selbstsucht besteht nicht darin, daß man lebt, wie man will, sondern daß man von anderen verlangt, sie sollen

leben, wie man will.“

36

siehe Gruber, Oberhummer, Puntigam, „Science Busters“,Goldmann 2013, S. 157


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Den Sozialstaat hochzuhalten

wurde in die Wiege uns gelegt. Doch

der Weisheit letzter Schluß

ist dieser nicht. Sitzt irgendwo

ein unglückliches Kind

in seinem Kot und

isst sein magres Brot mit Tränen,

garantiertend unser Glück? 37

Viele sagen Ja, doch

dem drehen wir den Rücken zu

und drängen nach Utopia:

Wir wollen an uns arbeiten; doch noch

ist die Statue unserer Freiheit

nicht gegossen

38. Sie mag

zum Klumpen uns geraten. Doch:

Es soll sich jeder

befähigt fühlen.

Teilhaben an der Diskussion.

Sein Leben in Freiheit gestalten.

Ausbildung sollte frei sein,

Elitenförderung ein lächerliches Bild

an einer fremden Wand. Reichtum

in Maßen herrschen; die Verteilung

holprig, doch nie steil sein,

und medizinische Leistungen,

hier stimmt der

Begriff, von allen für alle

bezahlt sein. Und wichtig ist:

Uns

ist nicht zu helfen.

37

U. K. Le Guin, Those Who leave Omelas behind

38

G. Büchner, Dantons Tod, Erster Akt, Erste Szene


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VOM WARUM UND WIE

Am Anfang dieses Projekts stand ein Freund, der sich ständig über das Sozialamt beschwerte. Kein Abend

verging, an dem er sich nicht die Seele aus dem Leib kotzte, um es so drastisch zu beschreiben wie es war,

sich über die schlechte Behandlung, über die Beleidigung, mit der „das Amt“, stellvertretend für den Staat

und die Gesellschaft, ihn, ja, belästigte, so er die benötigte Hilfe zum Überleben in unserem Land erhalten

wollte. Und da unser Land auch meines ist hielt ich erst mal dagegen. Er musste etwas falsch verstanden

haben. Es musste etwas falsch gelaufen sein. Vielleicht liefen Dinge aufgrund sprachlicher Probleme schief

(sein Deutsch ist gut, aber trotz der Jahrzehnte des Ansässigseins nicht perfekt), vielleicht waren es

Missverständnisse, oder er hatte einfach Pech mit seinem Sachbearbeiter. Auch andere stimmten ein, wir

wurden zum üblichen, den deutschen Sozialstaat verteidigenden Chor - denn: „Wo gibt es denn sonst so

etwas auf der Welt. Woanders ist es schlimmer.“ Oder sollte es „hier“ schlimmer sein als sonstwo?

Da ich der Meinung bin, dass jeder, der in einem Land über längere Zeit Steuern zahlt (egal welcher Höhe),

in einem Land das Wahlrecht hat oder auch nur ohne allzu großen Aufwand aufgrund eines langjährigen Teil-

Seins haben könnte (egal, ob dafür ein fernes Wahlrecht aufgegeben werden müsste) eine Mitverantwortung

für das Wesen dieser Entität trägt, wollte ich es doch genauer wissen. Ist unser Sozialstaat, ein, wie mir

langsam schien, mir unbekanntes Wesen, vielleicht halb Florence Nightingale, halb Staatsmonster oder, hm,

böser Schäferhund der Schafstaatsbürger?

Nachdem ich in der Wikipedia und im Gesetzestext etwas nachgelesen habe, ein trockenes Unterfangen,

interviewte ich Freunde und Bekannte. Solche, die Harz IV erhalten; solche, die aufstocken, solche, die

Steuern zahlen; solche, die als Sozialarbeiter arbeiten; Künstler, Ärzte, Andere. Eingeborene und

Zugewanderte dessen, was der lokalen Folklore zufolge der beste (und älteste) Sozialstaat der Welt ist.

Ich sollte hier noch anmerken, dass meine Gesprächspartner sicherlich keinen repräsentativen Schnitt durch

die deutsche Bank abgeben. Es waren insgesamt etwas über 20 Personen, alle mit Wohnsitz in Berlin.

Freunde und Bekannte. Meine Welt eben.

Das sich ergebende Textkonvolut war: Seltsam. Glücklich mit dem Sozialstaat war: eigentlich Keiner. Dann

doch zufrieden die, die außer dem abstrakten Geben des Steuerobolus nichts mit ihm zu tun hatten, und auch

jene, die ihn als Helfer in der Not oder Unterstützer ihrer Kinder kennengelernt hatten. Diskutiert wurde

meist auch, und ohne gültiges Ergebnis, was denn ein Sozialstaat eigentlich sei. Ein perfides, von Bismarck

befohlenes Ruhighaltungskonzept, eine Art Gemütlichkeitszwangsjacke, das die eigentlich revolutionären

deutsch-internationalen Massen betäubt, oder ein eher von unten durch Arbeiter, durch Gewerkschaften und

Sozialisten gestaltetes Konzept des Zusammenwirkens; war es in der BRD so, in der DDR anders? Auch

Kants Kritik am Wohlfahrtsstaat (kurz: Kein Staat sollte elternhaft fürsorglich sein) trat auf. Und: Woanders

ginge es mir besser. Da würde ich keine Sozialkrücke brauchen. Mir wurde schnell klar: das sich hier

entwickelnde Projekt konnte nur aus Wortmeldungen bestehen - nicht aus meiner Meinung, auch nicht aus

meiner Meinung dessen, was ich für logisch oder OK halte. Sondern aus Texten, die umeinander Kreise

drehen.

Der Tanz ist eine andere Geschichte, oder dieselbe. Ich kenne viele Tänzer, von denen auch viele

(inzwischen, denn die besoldete Berufung des professionellen Tänzers ist oft kurz) Hilfe vom Amt erhalten.

Da erschien es logisch, Menschen, die sich mit der untersuchten Sache hautnah auskennen, zu bitten, in ihrer

Sprache etwas dazu zu sagen. Idee war es, eine Art Lesung durch thematische statt nur tänzerisch-ästhetische

Tanzeinlagen zu unterbrechen; eine Textüberflutung mit eher sinnlichen Anregungen zu verbinden und so

Resonanzböden zu eröffnen. Das Projekt war geboren, und wir sprachen mit den Verantwortlichen im

Dock 11, einem Raum für zeitgenössischen Tanz in Berlin, über eine Möglichkeit zur Aufführung. Wir

merkten an, dass wir nicht daran interessiert waren, den Status Quo einfach in den Grund zu reden oder

tanzen; zu sagen, wie es so oft geschieht, hier wird einfach nicht genug gegeben; sondern sozusagen eine

Bestandsaufnahme wagen und zudem versuchen wollten, ein oder mehrere Warums für den Sozialstaat oder,

allgemein, für den Wunsch zu Helfen zu finden. Die durch den Raum schwirrenden Begriffe auf tönerne,

bleierne oder behände Füße zu stellen. Uns über die Ungleichheitsaversion bei Tieren zu wundern. Die

Galapagosinseln des sozialen Impulses zu finden. Und eine Verbindung zum Anspruch der Schönheit des

Tanzes herzustellen, schließlich strebt man ja seit der klassischen Philosophie zum „richtigen Leben“, dessen

Garant oft genug das Geben scheint. Das Dock 11 zeigte sich an unseren, zu jenem Zeitpunkt vielleicht sogar

noch etwas wirren, Ideen interessiert, gab uns eine Spielplatzgarantie und schlug vor, dass wir Förderung

beantragen sollten; eine geringe Entlohnung für den Aufwand und das nötige Geld für Bühnenbild und

Technik sollten schon drin sein, die krasse Selbstausbeutung unnötig. Wir beantragten also.


Was sich als Fehler erwies. Nicht nur waren die selbst für Miniförderungen erforderlichen, hochsurrealen

Rechnereien und bürokratischen Anforderungen mehr als lästig, sondern auch die Wartezeit lang, und das

Ergebnis die logistisch herausfordernde Fördersumme von 0 Euro. Verloren hatten wir dabei über ein Jahr,

jede Menge nerven und zahlreiche Seiten Papier, gewonnen vielleicht einen Aspekt der ebenso simplen wie

schwierigen Einsicht „Uns ist nicht zu helfen“.

Glücklicherweise hielt das Dock 11 weiter zu uns; wir zogen zwar, gewissermaßen gezwungener- aber eben

auch realistischerweise, in einen kleineren Saal um, die Möglichkeiten waren geringer, aber ohne Förderung

oder wirtschaftlich unabhängigen Hintergrund ist das eben so; kein Geld, weniger Zeit, weniger Pomp, aus

Sicht der meisten vielleicht auch weniger Qualität. Katzentisch des Kulturbetriebs, wenn man so will. Aber

das Projekt ging weiter, als Improvisorium vielleicht, aus stur interessiertem Willen vielleicht, aber dennoch.

Wie das so ist mit dem Warten, man verfällt in eine abwartende Haltung, wartet mit den Dingen, die man tun

könnte, und erwartet, tatenlos, ein Reh im Licht des dahinsausenden Förder-Lkws, das Ende des Wartens. Als

unsere Förderhoffnung glücklich überfahren war ging es, nach getroffener Entscheidung, im jetzt eben noch

engeren Rahmen des Möglichen weiterzumachen, erst mal darum, das Textkonvolut irgendwie in eine Form

zu bringen. Dabei wurde schnell klar, dass Klartext nicht unbedingt die beste Art der Präsentation war. Der

war verletzt, eitel, behäbig, vorsichtig und zuweilen (oder hin und wieder) beschwipst. Am liebsten sollte der

Text aber doch erstmal ohne Zorn, Pathos, Verletzung und Dankbarkeit dastehen. Also in irgendeiner

Abstraktion. Naturgemäß kamen historische und politische Texte hinzu, sowie Zeitungsfetzen; das alles

sollte, halbwegs geordnet, den Kopf des Betrachters (oder Lesers) in Schwingung versetzen; in seine

eigenen, natürlich. Vorgeben wollten wir nichts.

Das Vorgeben ist ohnehin ein schweres Unterfängen; wenn man mit direkter Sprache, mit direkten Aussagen

arbeitet werden die benutzten Begriffe schnell schwammig; jeder hat eine andere Perspektive, jeder benutzt

die Begriffe leicht anders, sieht die Dinge anders. Das wird schon an dem Spannungsfeld zwischen dem

positiven Helfen und der negativen Annahme einer Anspruchshaltung klar. Zwischen der angenommenen

Befähigung zur Teilhaben an der Kultur und dem Fördern und Fordern durch einen dann doch, sozusagen

künstlerisch, gestaltenden Staat. Zwischen der Freiheit des Einzelnen und dem Anspruch der Gesamtheit,

von der der Einzelne dann ein problematisches Teil wird; im Konvolut.

Doch deutlich ist zu sagen: Um Hilfe geht es hier nicht; um Wollen und das Warum des Helfens schon eher.

Dann auch noch um das Wie. Das praktisch keiner, auch kein Staat, etwas selbstlos tut ist ohnehin ein

Gemeinplatz; das wir alle, besonders die künstlerisch beflissene Seite, für unser Geben (unsere

Selbstlosigkeit, eben dem, was wir der Gemeinheit geben - was alles mögliche sein kann) auf jeden Fall eine

Gegenleistung erwarten - auch das ist keine Überraschung. Aber wo, fragt man sich, bleibt da die Utopie?

Und das, worum es eigentlich geht. Die Art, wie wir unser Zusammenleben gemeinsam gestalten wollen.

Falls wir das wollen. Die Art, wie wir uns aus der Natur lösen.

Während dieser Zeit erlebte ich den Gang eines anderen Freundes zu den Ämtern mit. Aus Not, und in Not.

Mein Freund litt unter durchaus schweren, ihn einschränkenden psychischen Problemen. Hat, auf Anraten

seines Arztes, seine Arbeitsstelle aufgeben. Aber genau dafür ist unser System ja, so sagt man, da: Es fängt

die auf, die Hilfe brauchen. Stütze. Um wieder hoch zu kommen. Wirklich? Trotz des Anspruchs auf ALG 1,

trotz deutscher Geburt (die oft als Vorteil bei der Hilfevergabe angeführt wurde) und trotz eines bestehenden

Attests wurde die... nennen wir es: Hilfswürdigkeit meines Freundes immer wieder angezweifelt, unter ein

Mikroskop gestellt. Erst von der Agentur für Arbeit, dann vom Jobcenter. Trotz ständiger freundlicher

Beteuerung von den menschlichen Sachbearbeitern, das wäre ja alles klar, da ist ja das Attest. Doch dann

kam, immer wieder, der kalte Schrieb. Sie haben ihre Notlage selbst verschuldet. Wir müssen ihre Interessen

gegen die der Allgemeinheit abwägen. Sie müssen nun dies und jenes anbringen und sind gesperrt, sie warten

ja schon mehrere Monate auf unsere Entscheidung, auch ihre Schuld, Rückzahlung gibt es nicht. Sie haben

sich Geld geliehen? Ihre Schuld. Sie hätten zum Jobcenter gehen müssen. Ich wurde Zeuge, ja, der

Zermalmung im Namen des größeren Interesses der Gemeinschaft, erlebte, wie aus einem die Zähne

zusammenbeissendem Optimismus Rückzug wurde. Klar war aber auch, dass hier die Amtsbeamten einfach

überfordert waren. Es war ja nicht wirklich ihre Entscheidung, und sie kannten sich mit diesen Dingen ja

nicht aus.

Anders einige der Menschen, mit denen ich darüber sprach. Man müsse eben so und so mit dem Amt

umgehen. Dann klappt das auch mit dem Antrag. So und so darf man nicht sein. Plötzlich stand das Bild des

erfolgreichen Bittstellers vor mir. Ein frankensteinsches Monster aus Überzeugungskraft, Willensstärke und


Organisationstalent. Schlimm nur, dass manche Menschen dieser, hm, Monsterschablone nicht entsprechen

können. Irgendwie sah ich in meiner inneren youGlotze die beliebte Sendung DSDS - Deutschland such den

Sozialstar - in der ein blonder Beamter (Peter Buuh) breit grinsend überzeugenden Antragstellern

verkündete, sie seien ein Traum, während alle, die weder Paradiesvögel noch Antragskünstler waren, ohne

Abendessen ins Bootcamp der Versager mussten.

Ich beschloss im Fall meines oben erwähnten Freundes, mich irgendwie zu beschweren. Ganz einfach zu

sagen: So könnt ihr jemanden mit einem entsprechenden Attest doch nicht abschmettern, etc. Auch hier war

die Erfahrung nicht positiv. Ich wurde abgewimmelt, verwiesen, und am Ende wurde mir gesagt, ich könne

mich ja leider nicht beschweren, da ich nicht betroffen sei. Ich sei nicht der Fall. Das aber stimmt nicht. Wir

alle, die wir den Staat ausmachen, als Empfänger, Einzahler oder Mitexistierer, sind betroffen. Sind der Fall.

Denn ein Teil unseres Wesen ist es, wie wir Menschen behandeln. Uns behandeln. Fremde behandeln.

Menschen, die kein frankensteinsches Selbstbewusstsein haben. Menschen, die fliehen. Menschen, die nicht

schick sind wie Underdogs, sondern einfach nur schlecht dran.

Auch das sei gesagt, nicht überall waren die Türen völlig zu. Es gab durchaus positive Reaktionen. Klar

wurde aber, das hier ein System - man erinnert sich an die alten, polar geführten „Systemdiskussionen“ aus

den 80ern - statt die Menschlichkeit herrscht.

Der Text unseres Textkonvoluts hatte inzwischen mehr Gestalt angenommen. Er fügte sich in Abschnitte,

leicht thematisch angeordnet, aus der Welt der Ideen und Statistiken kamen Elemente hinzu. Tanz und Musik

nahmen gemeinsam Gestalt an; beispielsweise wurde aus einer fast spontanen 45-Sekunden-Idee durch

Wiederholung eine brauchbare Untermalung für einen Tanz De Deux über das Warten. Das

existenzialistisch-sozialabhängige Dahingesetztsein. Ein Chor kam dazu, irgendwie. Die Unsicherheit des

Wir wollte im Konvolut gehört werden, brach sich Bahn, forderte einen eigenen Text, da das Wir eine

abweichende, chargierende Meinung oder Haltung zu haben schien. Auch der Chor zitiert und oszilliert. Und

zittert dabei. Weil er nicht wirklich weiß, was er will.

Und was er denken soll. Zuweilen kam der Traum vom Auswandern, vom besseren Leben in Übersee auf.

Weil man da eben erfolgreich sein würde. Weil die Gesellschaft dort durchlässiger wäre. Im Privatutopia.

Deutschland, der Sozialstaat, ist eben auch ein Status Quo-Staat. Was du mit Abschluss der Ausbildung

erreicht hast ist der Stein, auf dem du baust. Quereinstiege, nicht in der Disziplin gewachsene Ideen, nicht

geradlinig gewachsene Karrieren oder Lebenswege sind nicht erwünscht. Ist das so? Wahrscheinlich, denn

das ist Teil des Wunsches nach Sicherheit, der Garantie einer stabilen Gesellschaft. Die ihre Schattenseiten

hat. In einem Gespräch mit einem US-Amerikaner ging es um die von vielen in Deutschland lebenden

Personen noch immer nicht umgesetzte oder durchgefühlte Gleichstellung von Männern und Frauen.

Kulturkolorit, wenn man es böse sagen will. Für ihn war klar: In den USA passiert das nicht; die Existenz ist

meist hart, besonders Neuankömmlinge müssen sich anpassen, um zu überleben. Der deutsche Sozialstaat, so

sein Fazit, schafft Biotope für Ansichten von Vorgestern. Vielleicht.

Die Suche nach einer Basis, einem soliden, nachvollziehbaren Grund für die Verteilung des Reichtums, die

Absicherung der Existenz, wenn man so will, jenseits des Rechts des zeitweilig Stärkeren war durchaus ein

Teil des Projekts, der Absicht. Am nächsten an eine solide Basis kam dabei für mich Thomas Paine mit

seinem Essay „Agrarian Justice“ (kurz: Der zivilisierte oder zivilisierende Mensch hat die Zivilisation/Kultur

so hinzubauen, das sie dem in die Zivilisation geborenen Menschen eine Minimalauskunft sichert, ganz so,

wie es die Natur durch die Produktion von Beeren etc. vor der als wunderbar, befreiend und richtig

verstanden Zivilisation tat und soll sich davor hüten, schon aus Stolz, den Menschen in das Loch am Rande

fallen zu lassen).

Tatsächliche Aussagen, Forderungen am Ende des Konvoluts? Diese könnten einfacher nicht sein. Ein

geringes, aber bedingungsloses Grundeinkommen, also Überleben in der westlichen Welt ohne jeden

Komfort, aber auch ohne jede Schikane, gepaart mit Mindestlohn und einer entsprechenden Deckelung der

Miet- und Lebensmittelpreise, freie Bildungsmöglichkeiten und freie medizinische Versorgung. Utopisch und

lyrisch schön wäre dann noch eine Begrenzung des Reichtums nach oben. Und natürlich freie Aufführungsund

Probemöglichkeiten und die nötig Zeit dafür - statt der Förderung von Exzellenzen, wie man das heute

so nennt. Denn Foucaults Einsicht, dass die zeitgemäße Profi-Kommerzialisierung der Kunst aus Künstlern

Diebe macht, ist ernst zu nehmen. Denn Publikum kann man wirklich nur zeitweise sein wollen.

Wie auch immer, als Schlusswort bleibt nur zu sagen: Uns ist nicht zu helfen.

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