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Cruiser im Sommer 2017

Cruiser im Sommer Es ist nun ja so: Fast in jedem Coming Out Film gehen die Protagonisten früher oder später BADEN! Das machen sie wirklich und fast immer. Warum ist dem so? Unser Autor versucht unser Sommerthema mehr oder weniger wissenschaftlich anzugehen und kommt zu erfrischenden Erkentnisen. Ausserdem: Mario Puntillo, der tapfere Schneider und weitere spannende Portraits. ​ Kein Sommer ohne unser Gewinnspiel: Dieses Jahr hatten wir supermässige Wettbewerbspreise. Die letzten sind nun an die glücklichen Gewinner verteilt. Danke fürs Mitspielen!

Cruiser im Sommer

Es ist nun ja so: Fast in jedem Coming Out Film gehen die Protagonisten früher oder später BADEN! Das machen sie wirklich und fast immer. Warum ist dem so? Unser Autor versucht unser Sommerthema mehr oder weniger wissenschaftlich anzugehen und kommt zu erfrischenden Erkentnisen.

Ausserdem: Mario Puntillo, der tapfere Schneider und weitere spannende Portraits.



Kein Sommer ohne unser Gewinnspiel: Dieses Jahr hatten wir supermässige Wettbewerbspreise. Die letzten sind nun an die glücklichen Gewinner verteilt. Danke fürs Mitspielen!

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cruiser<br />

DAS<br />

<strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CHF 7.50<br />

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GAY-MAGAZIN<br />

Slippery Subjects:<br />

Warum in Coming-<br />

Out-Filmen so<br />

oft gebadet wird<br />

Porno<br />

Spielraum für Diversität?<br />

Trans*<br />

Fotografischer Annäherungsversuch<br />

Altern mit HIV<br />

Sterben war gestern<br />

Super-<strong>Sommer</strong>-Wettbewerb<br />

Wettbewerbspreise,<br />

die dich umhauen


3<br />

gaycity.ch<br />

Editorial<br />

Liebe Leser<br />

Diese Ausgabe kommt mit einem Poster: Ganz in der bekannten «Bravo»-Tradition werden wir künftig<br />

den guten alten «Starschnitt» wieder einführen. Unser Superheld ist die neue erste Figur der<br />

#undetectable Kampagne der AIDS-Hilfe Schweiz. Bis es dann aber zum «Starschnitt» kommt,<br />

dauert es noch einige Monate. Länger dauert es auch, bis wir nach dieser Doppelnummer «<strong>Sommer</strong>»<br />

wieder zurück sind. Und damit die cruiserlose Zeit keine glücklose ist: Wir haben auf der Rückseite des Posters unseren<br />

Knaller-<strong>Sommer</strong>wettbewerb, mit Preisen, die schlichtweg umwerfend sind. Genauso umwerfend wie unsere Hauptgeschichten:<br />

Wir gehen der Frage nach, warum in Coming-out-Filmen so oft gebadet wird (Leute, es ist die <strong>Sommer</strong>ausgabe!) und<br />

wagen uns ans diffizile Thema «Porno». Das wird aber ganz züchtig, dafür hochspannend betrachtet. Viel Spass be<strong>im</strong> Lesen<br />

und bis zum 1. September!<br />

Herzlich; Haymo Empl Chefredaktor<br />

inhalt<br />

4 <strong>Sommer</strong>thema Slippery Subjects<br />

8 Portrait Mario Puntillo<br />

21 Kolumne Mirko!<br />

22 Portrait Wolfgang Ohlert<br />

Where to go in the little big city<br />

10 Special <strong>Sommer</strong>poster<br />

11 Special Wettbewerb<br />

25 Serie Homosexualität in<br />

Geschichte und Literatur<br />

28 Forschung HIV und Alter<br />

2<br />

1<br />

4<br />

3<br />

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CRUISER MAGAZIN PRINT<br />

ISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269 (1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000)<br />

Herausgeber & Verleger Haymo Empl, empl.media<br />

Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch<br />

Chefredaktor Haymo Empl | Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl<br />

Bildredaktion Haymo Empl, Nicole Senn. Alle Bilder mit Genehmigung der Urheber.<br />

Art Direktion Nicole Senn | www.nicolesenn.ch<br />

Agenturen SDA, DPA, Keystone<br />

Autor_Innen Vinicio Albani, Anne Andresen, Yvonne Beck, Haymo Empl, Andreas Faessler,<br />

Benjamin Hampel, Birgit Kawohl, Andreas Lehner, Moel Maphy, Martin Mülhe<strong>im</strong>, Michi Rüegg,<br />

Nathan Schocher, Alain Sorel, Peter Thommen<br />

Korrektorat | Lektorat Birgit Kawohl<br />

Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch<br />

Christina Kipshoven | Telefon +41 (0) 31 534 18 30<br />

WEMF beglaubigte Auflage 11 539 Exemplare<br />

13 news National & International<br />

16 Kolumne Michi Rüegg<br />

17 Porno Spielraum für Diversität?<br />

20 Kultur Buchtipp<br />

Druck Druckerei Konstanz GmbH<br />

Wasserloses Druckverfahren<br />

REDAKTION UND VERLAGSADRESSE<br />

<strong>Cruiser</strong><br />

Clausiusstrasse 42, 8006 Zürich<br />

redaktion@cruisermagazin.ch<br />

Telefon 044 586 00 44 (vormittags)<br />

30 Ratgeber Dr. Gay<br />

31 Kolumne Peter Thommen<br />

32 Flashback <strong>Cruiser</strong> vor 30 Jahren<br />

33 Marktplatz Kleinanzeigen<br />

Haftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende<br />

Angaben auf www.cruisermagazin.ch<br />

Der nächste <strong>Cruiser</strong> erscheint am 1. September <strong>2017</strong><br />

Wir vom <strong>Cruiser</strong> setzen auf eine grösstmögliche Diversität in Bezug auf Gender und Sexualität<br />

sowie die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum Eingriffe<br />

in die Formulierungen unserer Autor_Innen in Bezug auf diese Bereiche. Die von<br />

den Schreibenden gewählten Bezeichnungen können daher zum Teil von herkömmlichen<br />

Schreibweisen abweichen. Geschlechtspronomen werden entsprechend <strong>im</strong>plizit eingesetzt,<br />

der Oberbegriff Trans* beinhaltet die entsprechenden Bezeichnungen gemäss<br />

Medienguide «Transgender Network Schweiz». Um es kurz zu machen: Im <strong>Cruiser</strong><br />

schreiben die Menschen als solche.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


4 Slippery<br />

Subjects<br />

Slippery<br />

Subjects<br />

5<br />

Warum Kino-Coming-outs öfters<br />

baden gehen<br />

Eine Untersuchung von<br />

über 160 Coming-out-<br />

Filmen bringt Erstaunliches<br />

zu Tage: In jedem<br />

dritten Film gibt es<br />

mindestens eine Szene,<br />

in deren Verlauf eine<br />

oder mehrere der<br />

Hauptfiguren schw<strong>im</strong>men<br />

gehen. Warum<br />

eigentlich?<br />

von Martin Mühlhe<strong>im</strong><br />

C<br />

oming-out-Filme gibt es mittlerweile<br />

viele, und entsprechend unterschiedlich<br />

kommen sie daher: leichtfüssigkomisch<br />

wie der britische Klassiker<br />

Beautiful Thing (1996), eher nachdenklich<br />

wie das brasilianische Kleinod Seashore<br />

(2015), bisweilen auch zutiefst tragisch – so<br />

<strong>im</strong> israelischen Drama Du sollst nicht lieben<br />

(2009), das in der ultraorthodoxen Gemeinde<br />

in Jerusalem spielt.<br />

Angesichts solcher Unterschiede erstaunt<br />

es umso mehr, mit welcher Regelmässigkeit<br />

uns Coming-out-Filme Jungs oder<br />

Männer zeigen, die – alleine, zu zweit oder in<br />

Gruppen – schw<strong>im</strong>men gehen. Nun könnte<br />

man das natürlich als Zufall oder Nebensächlichkeit<br />

abtun. Bei genauerem Nachdenken<br />

zeigt sich allerdings, dass sich gleich<br />

mehrere Gründe für diese erstaunliche Häufigkeit<br />

finden lassen.<br />

Nackte Haut ohne allzu viel Sex<br />

Eine erste, nur scheinbar oberflächliche Erklärung<br />

ist, dass (halb)entblösste Körper<br />

sich nicht bloss auf der Leinwand, sondern<br />

auch auf Filmpostern und DVD-Covern äusserst<br />

gut machen. Schw<strong>im</strong>mszenen bieten<br />

ein perfektes Alibi für das Zeigen von nackter<br />

Haut: Sex sells, wie es so schön heisst.<br />

Warum «Alibi»? Weil man – gerade bei<br />

Filmen mit jungen Protagonisten – aufpassen<br />

muss: «Sex sells» mag zwar zutreffen,<br />

aber allzu explizite Sexszenen können<br />

schnell mal zu hohen Altersfreigaben führen.<br />

Dies wiederum möchten Filmemacher<br />

in der Regel vermeiden: Filme, die erst ab 18<br />

freigegeben sind, lassen sich nämlich weniger<br />

einfach vermarkten. Auf Amazon.de<br />

zum Beispiel werden Filme mit Altersfreigabe<br />

18 nur an nachweislich volljährige Personen<br />

verkauft – und gerade für Comingout-Filme,<br />

die sich auch an ein junges Publikum<br />

richten, ist dies sicher kein wünschenswerter<br />

Effekt.<br />

Filme, die erst ab 18<br />

freigegeben sind, lassen<br />

sich nämlich weniger<br />

einfach vermarkten.<br />

Schw<strong>im</strong>mszenen bieten hier eine perfekte<br />

Kompromisslösung: Man kann nackte<br />

Haut filmisch ansprechend inszenieren, dabei<br />

aber allzu heisse Techtelmechtel tugendhaft<br />

vermeiden (beispielsweise, indem der<br />

Wasserspiegel <strong>im</strong>mer über der Gürtellinie<br />

bleibt, wie <strong>im</strong> niederländischen Film Jongens,<br />

2014). Um das Rezept knapp zusammenzufassen:<br />

Man nehme eine grosszügige<br />

Portion feuchter Erotik, eine vorsichtige Prise<br />

Sex – und um H<strong>im</strong>mels Willen kein Körnchen<br />

Porno.<br />

Eingetaucht ins Triebleben<br />

Man täte den lesBischwulen FilmemacherInnen<br />

aber unrecht, wenn man ihre erzählerischen<br />

Entscheidungen allein auf finanzielles<br />

Kalkül reduzieren wollte. Es gibt<br />

nämlich auch ästhetisch-symbolische Gründe,<br />

die Schw<strong>im</strong>mszenen für das Genre interessant<br />

machen.<br />

Da wäre zunächst die Funktion des<br />

Wassers als Symbol für das Unbewusste.<br />

Dieses Unbewusste, so weiss man spätestens<br />

seit Sigmund Freud, hat viel mit der Triebnatur<br />

des Menschen zu tun – und so erstaunt es<br />

nicht, dass Hauptfiguren auf der Suche nach<br />

ihrer sexuellen Identität sozusagen symbolisch<br />

in die Tiefen des Unbewussten eintauchen<br />

müssen, um ihr gleichgeschlechtliches<br />

Begehren zu entdecken.<br />

Figuren in der Schwebe<br />

Darüber hinaus hat die Filmwissenschaftlerin<br />

Franziska Heller in ihrem Buch über die<br />

Filmästhetik des Fluiden (2010) gezeigt, dass<br />

schw<strong>im</strong>mende Figuren <strong>im</strong>mer wieder als<br />

«schwebende Körper» inszeniert werden: oft<br />

in Zeitlupe und seltsam herausgelöst aus<br />

dem sonst zielstrebig voranschreitenden<br />

Erzählprozess. Dieser Schwebezustand wiederum<br />

ist eine wunderbare visuelle Metapher<br />

für die Phase kurz vor dem Coming-out:<br />

Man ist nicht mehr der oder die Alte, aber<br />

auch noch nicht ganz in der neuen Identität<br />

angekommen. Ein Film macht das Schweben<br />

sogar explizit zum Thema: In Kinder Gottes<br />

aus dem Jahr 2010 zeigt Romeo dem neurotisch-verklemmten<br />

Johnny, wie befreiend<br />

das «Floating» <strong>im</strong> Meer sein kann.<br />

Neben der Inszenierung von Schwebezuständen<br />

und dem Wasser als Symbol für<br />

das Unbewusste ist drittens das Motiv von ➔<br />

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CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


6 Slippery<br />

Slippery 7<br />

Subjects<br />

Subjects<br />

Ohne zu viel zu verraten: Sie bleiben nicht am Beckenrand … (Szene aus Heute gehe ich allein nach Hause)<br />

Es gibt mehrere Gründe, die Schw<strong>im</strong>mszenen für Coming-Out-Filme attraktiv machen – und<br />

gerade deshalb sind sie so überraschend häufig.<br />

Tod und Wiedergeburt zu erwähnen. Das<br />

christliche Taufritual ist eines von vielen religiösen<br />

und mythischen Beispielen, in denen<br />

das Ein- und Wiederauftauchen aus<br />

dem Wasser als Zeichen für den Tod einer<br />

alten und die Geburt einer neuen Identität<br />

steht. Dieses Bild passt auch bestens zu Coming-out-Filmen:<br />

Wenn beispielsweise der<br />

noch ungeoutete Protagonist in <strong>Sommer</strong>sturm<br />

(2004) nach einem Streit mit seinem<br />

besten Heterofreund ins düstere Wasser<br />

springt, sieht das beinahe aus, als ob er er-<br />

trinken würde: ein symbolischer Tod. Als er<br />

dann zum Glück doch wieder auftaucht,<br />

wartet am Ufer bereits eine Gruppe schwuler<br />

Jungs, bei denen er eine neue He<strong>im</strong>at findet<br />

– als sozusagen frischgeborener Homo.<br />

ten lassen Familie, Schulkameraden und<br />

überhaupt alles Vertraute hinter sich, um irgendwo<br />

<strong>im</strong> Wald oder an einem abgelegenen<br />

Strand jenen Teil ihrer selbst ausleben können,<br />

den konservative Geister gern als widernatürlich<br />

bezeichnen: gleichgeschlechtliches<br />

Begehren. Die idyllische Umgebung solcher<br />

Schw<strong>im</strong>mszenen suggeriert nun aber, ganz<br />

<strong>im</strong> Gegenteil, dass Homosexualität weder<br />

verwerflich noch dekadent ist, sondern sich<br />

natürlich-harmonisch in eine schöne, unverfälschte<br />

Welt einfügen lässt.<br />

Der springende Punkt ist nun nicht zu<br />

behaupten, dass alle genannten Aspekte bei<br />

jeder einzelnen Coming-out-Schw<strong>im</strong>mszene<br />

relevant seien. Bei best<strong>im</strong>mten Filmen mag es<br />

pr<strong>im</strong>är um nackte Haut gehen, andere betonen<br />

vielleicht das Thema Natürlichkeit, und<br />

eine dritte Gruppe konzentriert sich womöglich<br />

auf schwebende Körper oder das Motiv<br />

von Tod und Wiedergeburt. Uns interessiert<br />

hier aber nicht der filmische Einzelfall, sondern<br />

die Häufigkeit von Schw<strong>im</strong>mszenen innerhalb<br />

eines ganzen Filmgenres. Und diese<br />

Häufigkeit lässt sich nun gut erklären: Gerade<br />

weil Schw<strong>im</strong>mszenen aus vielen verschiedenen<br />

Gründen attraktiv sind, kommen sie <strong>im</strong>mer<br />

und <strong>im</strong>mer wieder vor.<br />

Zwei Typen von Coming-out<br />

Dies lässt sich am besten zeigen, wenn man<br />

zwei Untergruppen von Coming-out-Filmen<br />

unterscheidet. Auf der einen Seite stehen Filme<br />

wie Get Real (1998) oder Der he<strong>im</strong>liche<br />

Freund (2014), in denen die Hauptfiguren<br />

noch auf der Suche nach der eigenen sexuellen<br />

Identität sind. Auf der anderen Seite ha-<br />

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Natürlich schwul<br />

Eine vierte Funktion von Schw<strong>im</strong>mszenen<br />

hat mit einem rhetorischen Gegensatzpaar zu<br />

tun. Viele Filme stellen der einengenden sozialen<br />

Umgebung ihrer Hauptfiguren die freie<br />

und befreiende Natur gegenüber. Protagonisben<br />

wir Geschichten wie Was du nicht sagst<br />

(2012), sie handeln von schwulen Protagonisten,<br />

die ein Doppelleben führen: Man(n)<br />

lebt bereits mit einem Freund, die Familie<br />

weiss aber bisher noch nichts – und nun<br />

droht sich das plötzlich zu ändern.<br />

Um es gleich vorweg zu sagen:<br />

Schw<strong>im</strong>mszenen gibt es in beiden Untergruppen.<br />

Die Häufigkeit unterscheidet sich allerdings<br />

deutlich. Während Filme über das Coming-out<br />

nur in einem von zehn Fällen eine<br />

Schw<strong>im</strong>mszene beinhalten, liegt der Anteil<br />

bei Geschichten über die sexuelle Selbstfindung<br />

bei beinahe 50 % – und ist somit rund<br />

fünf Mal höher. Dies wiederum fügt sich bestens<br />

ins entworfene Gesamtbild ein: Die Symbolik<br />

von Tod und Wiedergeburt passt nicht<br />

wirklich zum schwulen Mann mit Doppelleben,<br />

aber hervorragend zum Thema Selbstfindung;<br />

und da Filmhelden aus dieser Gruppe<br />

tendenziell noch sehr jung sind, spielt die<br />

Angst vor hohen Altersfreigaben mit Blick auf<br />

das Zielpublikum eine grössere Rolle, während<br />

es bei der anderen Gruppe um «reifere»<br />

Themen geht und man deshalb dem eher älteren<br />

Publikum die eine oder andere Sexszene<br />

durchaus zumuten kann.<br />

Spielen mit filmischen Motiven<br />

Und wie geht es in Zukunft mit Schw<strong>im</strong>mszenen<br />

weiter? FilmemacherInnen haben in der<br />

Regel ein gutes Gespür für Konventionen und<br />

Genreklischees. Wir dürfen uns also auf Filme<br />

freuen, die dieses häufige Coming-out-<br />

Motiv augenzwinkernd variieren oder auch<br />

direkt parodieren. Und wir Zuschauer dürfen<br />

Schw<strong>im</strong>mszenen gibt es in<br />

beiden Untergruppen.<br />

natürlich auch ein wenig mitspielen: Man organisiert<br />

eine Gruppe eingeweihter Freunde,<br />

wählt einen beliebigen Coming-out-Film –<br />

und versucht dann vorauszusagen, ob und<br />

wann es zu einer Schw<strong>im</strong>mszene kommt.<br />

Top, die Wette gilt!<br />

<strong>Sommer</strong>, rüchtchen und hopp hopp,<br />

zur Erfrischung ins ip op!<br />

DIENSTAGS BIS SAMSTAGS AB 18.30 UHR<br />

Martin Mühlhe<strong>im</strong> (39)<br />

wuchs <strong>im</strong> Kanton St. Gallen auf und studierte<br />

an der Universität Zürich (UZH) Englisch,<br />

Geschichte und Filmwissenschaft. In seiner<br />

Doktorarbeit beschäftigte er sich mit dem<br />

Thema He<strong>im</strong>at in der englischsprachigen<br />

Literatur. Seit 2004 arbeitet er am Englischen<br />

Seminar der UZH und interessiert sich neben<br />

queeren Themen auch für Genre- und<br />

Erzähltheorie. Darüber hinaus liegen ihm<br />

Themen wie Migration und strukturelle<br />

Ungleichheit am Herzen – politisch ebenso wie<br />

akademisch. Seit 2016 lebt er in einer<br />

Beziehung, die ihn unter anderem zum<br />

Portugiesischlernen motiviert.<br />

E<br />

W H C S<br />

T<br />

H C A N R E Z I<br />

MONTAG,<br />

31. JULI <strong>2017</strong><br />

GEÖFFNET.


8 <strong>Cruiser</strong> zu Besuch bei …<br />

<strong>Cruiser</strong> zu Besuch bei … 9<br />

Mario Puntillo<br />

Mario Puntillo<br />

«Ich mache keine<br />

Wegwerfmode»<br />

Mario Puntillo ist Schneider aus Leidenschaft. Das sieht man seiner Mode<br />

an – und an seinen Schneiderkursen kann man diese auch erleben.<br />

Mario Puntillo in seinem Verkaufsgeschäft in Zürich, welches auch Platz für sein Atelier bietet.<br />

Von Haymo Empl<br />

D<br />

as Ladenlokal ist Atelier und umgekehrt:<br />

Mario Puntillo steht hinter<br />

seinem grossen Pult, welches auch<br />

als Verkaufstresen fungiert und überlegt<br />

sich, wie er seine Kollektionen auf die Frage<br />

«Wie würdest du diese charakterisieren?»<br />

beschreiben soll. Die Antwort liefert er<br />

schliesslich nicht verbal, sondern er zeigt auf<br />

seine Bilder, die <strong>im</strong> Ladenlokal an der Badenerstrasse<br />

in Zürich hängen. Die Models<br />

sind nicht die 17-Jährigen Hungerhaken wie<br />

sonst bei Designern üblich, sondern attraktive<br />

Menschen, denen man ansieht, dass sie<br />

schon halbwegs begriffen haben, wie das Leben<br />

funktioniert. Es sind starke Persönlichkeiten.<br />

Eine Zeitung versuchte sich in der<br />

Beschreibung seiner Werke einst mit dem<br />

Wort «evolutiv». «Organisch wachsend»<br />

würde es ebenso treffend beschreiben. Mario<br />

Puntillo tut sich <strong>im</strong> Gespräch mit dem <strong>Cruiser</strong><br />

bei der Beschreibung seiner eigenen<br />

Mode schwer, weder lässt sich seine Mode<br />

noch seine Person einfach schubladisieren.<br />

Er und seine Designs sind eher als Gesamtkonzept<br />

zu beschreiben und zu verstehen; es<br />

geht eine schon fast rührende Bescheidenheit<br />

von seiner Person aus. Seine Zurückhaltung<br />

entspricht ergo so gar nicht dem Klischee<br />

des schrillen Designers, wie dies von<br />

den Medien sonst gerne transportiert wird.<br />

Nähen, nähen, nähen<br />

Seine Mode ist tragbar, raffiniert und nur auf<br />

den ersten Blick schlicht. Da sind Taschen in<br />

den Jacken, in denen sich auch was verstauen<br />

lässt, klassische Linien werden durchbrochen<br />

und jede Naht ist ein Qualitätsbeweis.<br />

Günstig sind die Kleider nicht – aber letztendlich<br />

amortisiert sich der Preis, denn die<br />

Die Mode von Mario Puntillo wirkt nur auf den ersten Blick schlicht. Bei genauerem Hinsehen<br />

sind es raffinierte Schnitte mit vielen Details.<br />

Mode von Mario Puntillo ist gedacht, um<br />

über viele Jahre getragen werden zu können.<br />

«Das entspricht auch dem Bedürfnis meiner<br />

Kunden», erklärt der Schneider. «Die meisten<br />

können mit der Wegwerfmentalität<br />

nichts anfangen. Diesbezüglich hat sowieso<br />

ein Umdenken stattgefunden», stellt der<br />

48-Jährige fest. «Immer mehr Leute setzen<br />

wieder auf Beständiges und haben von dem<br />

Massenkonsum genug.» Seine Kollektionen<br />

können nach Bedarf auch einem veränderten<br />

Modeempfinden angepasst werden, er<br />

spricht daher auch <strong>im</strong>mer von «Basics», die<br />

er kreiert und verkauft. Es ist eine One-<br />

Man-Show, wobei die «Show» schon länger<br />

nicht mehr Thema ist. «Ich habe mich weitestgehend<br />

von Modezirkus verabschiedet.»<br />

Mario erklärt: «Es gab und gibt in diesem<br />

Geschäft schon <strong>im</strong>mer die eine Fraktion, die<br />

an den grossen Modeschauen in Paris und<br />

Mailand präsentiert und die andere – die<br />

wesentlich grössere – sind Leute, die hart arbeiten<br />

und sich sehr viele Gedanken zum<br />

Produkt machen.» Mario Puntillo zählt sich<br />

zu den letzteren. Das heisst: Sein Handwerk<br />

verstehen, sich vom Alltag inspirieren lassen<br />

und nähen, nähen, nähen. Das setzt grosses<br />

Können voraus. Der gelernte Industrieschneider<br />

hat sich dieses Wissen <strong>im</strong> eigenen<br />

Atelier über die Jahre on the Job angeeignet.<br />

Aber: «Als Industrieschneider lernt<br />

man natürlich bereits in sehr kurzer Zeit alles,<br />

was man wissen muss, es ist eine solide<br />

Grundlage für sämtliche späteren Tätigkeiten<br />

in diesem Beruf. Sein Wissen wiederum<br />

gibt der Schneider selbst auch weiter – Mario<br />

bietet unter dem Namen «Piccoli Eroi» in<br />

seinem Kurslokal auch Schneiderkurse an.<br />

«Ich wurde <strong>im</strong>mer wieder danach gefragt,<br />

und daher habe ich mich dann vor einigen<br />

Jahren entschlossen, mein Fachwissen weiterzugeben»,<br />

erklärt der gebürtige Italiener.<br />

In seinen Kursen lehrt er zuerst die Basics.<br />

«Bei den Frauen wurde dieses Wissen früher<br />

von der Mutter an die Tochter weitergegeben,<br />

aber das ist ja schon länger nicht mehr<br />

der Fall und daher beginne ich meistens<br />

ganz von vorne», so Mario. Es sind aber bei<br />

weitem nicht nur Frauen, die seine Kurse besuchen.<br />

«Ich habe auch <strong>im</strong>mer wieder Männer<br />

in meinen Klein-Kursgruppen, egal ob<br />

Homo oder Hetero.» In den meisten Fällen<br />

sind es Hobbyschneider oder solche, die es<br />

noch werden wollen – in allen Altersgruppen<br />

und auf allen Niveaustufen.<br />

«Piccoli Eroi» heisst auf Deutsch<br />

«Kleine Helden». Der Name passt: «Es ist<br />

für die meisten zuerst eine ziemliche Herausforderung,<br />

manche waren noch gar nie<br />

an einer Nähmaschine. Wenn meine Teilnehmer<br />

dann ihr erstes, selbstgemachtes<br />

Stück in den Händen halten, fühlen sie sich<br />

effektiv wie kleine Helden.» Und verstehen<br />

so ganz nebenbei auch, dass das Schneiderhandwerk<br />

eine wahre Kunst ist. Eine Kunst,<br />

die man aber erlernen kann.»<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


10 <strong>Sommer</strong>-Poster<br />

<strong>Sommer</strong>-Special 11<br />

#undetectable<br />

Wettbewerb<br />

Die Superhelden<br />

sind da!<br />

Diesem <strong>Cruiser</strong> liegt ein Poster bei: Der «Mr. #undetectable»<br />

ist ein Superheld – mit einer klaren Botschaft.<br />

Der grosse <strong>Cruiser</strong>-Super-<strong>Sommer</strong>-Wettbewerb auf unserem Poster!<br />

Trage alle Zahlen auf dem beiliegenden Poster in der richtigen Reihenfolge ein; diesen Code gibst du auf<br />

www.cruisermagazin.ch/sommer ein. Wenn du den Code korrekt online eingetippt hast, kannst du deinen Lieblingswettbewerbspreis<br />

auswählen und mit etwas Glück gewinnst du diesen. Du erfährst sofort, ob du gewonnen hast.<br />

Und das sind die Preise:<br />

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Von Andreas Lehner<br />

D<br />

ie Kampagnen und Aktivitäten der<br />

Aids-Hilfe Schweiz werden nicht <strong>im</strong><br />

dunklen Kämmerchen entwickelt.<br />

Alles,was passiert, stammt aus der Strategiegruppe<br />

MSM. Das ist eine bunte Schar<br />

von Vertretern und Vertreterinnen aus unterschiedlichen<br />

Organisationen. Als wir <strong>im</strong><br />

letzten Herbst zusammensassen und die<br />

Kampagnen für dieses Jahr besprachen,<br />

wurde einhellig klar, dass wir eine eindeutigere<br />

Grafik und noch klarere Botschaften<br />

brauchen.<br />

In Deutschland arbeiten die Präventionsorganisationen<br />

gerne mit richtigen Menschen.<br />

Aber wie können wir das in der kleinen<br />

Schweiz tun? Wir denken, dass die<br />

Population der Männer, die Sex mit Männern<br />

haben, bei ungefähr 85 000 Personen<br />

liegt und damit ca. einem Zehntel der entsprechenden<br />

Männer in unserem deutschen<br />

Nachbarland entspricht.<br />

Auf der Suche nach Männern, die für<br />

unsere Kampagne Paten stehen, wurde relativ<br />

schnell klar, dass das ein schwieriges Unterfangen<br />

sein wird. Zwar haben wir riesige<br />

Fortschritte gemacht, nicht zuletzt unsere<br />

Kampagne #undetectable hat viel verändert.<br />

So haben wir verschiedene Männer getroffen,<br />

die kein Problem damit haben, <strong>im</strong><br />

schwulen Umfeld offen mit ihrem HIV-Status<br />

umzugehen. Aber in einer Printkampagne?<br />

Wo durch irgendwelche Zufälle auf einmal<br />

Oma, Opa oder Eltern den eigenen Sohn<br />

sehen? Lieber nicht.<br />

Da wir aber doch näher an unsere Zielgruppe<br />

kommen wollten, entwickelten wir<br />

die Superhelden.<br />

Bis jetzt kennen wir Starman und Mr.<br />

#undetectable. Die Superkraft von Starman<br />

ist das Erkennen von sexuell übertragbaren<br />

Infektionen. Mit seiner Brille kann er Geschlechtskrankheiten<br />

entdecken und den<br />

Leuten die Behandlung erklären. Denn diese<br />

Geschlechtskrankheiten können ohne Symptome<br />

verlaufen und übertragen sich, auch<br />

wenn Kondome getragen werden. So denken<br />

die Männer, dass alles in Ordnung sei, dabei<br />

geben sie munter Syphilis, Tripper oder<br />

Chlamydien weiter. Deshalb hat Starman <strong>im</strong><br />

Mai zum kostenlosen Test auf diese drei<br />

Krankheiten aufgerufen. Mit einem überwältigenden<br />

Erfolg.<br />

Die Pride <strong>2017</strong> in Zürich war eine der<br />

grössten Prides in Zürich überhaupt. Letztes<br />

Jahr haben wir da mit der Botschaft «#undetectable<br />

– HIV positiv. Nicht ansteckend.»<br />

angefangen. Es war eine schlichte typografische<br />

Lösung. Dieses Jahr haben wir Mr. #undetectable<br />

eingeführt. Ein junger Mann, der<br />

dank seines Superhelden-T-Shirts die Kraft<br />

hat, zu seiner HIV-Infektion zu stehen und<br />

die Angst davor zu überwinden. Ziel dieser<br />

Kampagne ist, die gesellschaftlichen Vorbehalte<br />

HIV-positiven Menschen gegenüber zu<br />

verkleinern. Auch die Gefühle, die viele<br />

HIV-Positive in sich selber tragen, sollen<br />

dank Mr. #undetectable min<strong>im</strong>iert werden.<br />

Ein Befreiungsschlag für alle. Denn ansteckend<br />

sind Menschen, die denken, sie seien<br />

negativ, in Wirklichkeit aber mitten in der<br />

sogenannten Pr<strong>im</strong>oinfektion sind. In dieser<br />

Phase – meist dauert sie ungefähr drei Monate<br />

– wird das HI-Virus am einfachsten<br />

übertragen. Ein Mann, der nicht auf PrEP ist<br />

und kein Kondom verwendet, kann sich<br />

be<strong>im</strong> ersten Mal Ficken anstecken.<br />

So ist die Superheldenfamilie auf zwei<br />

angewachsen. Wie viele noch kommen?<br />

#undetectable<br />

Das wissen wir nicht. Was wir aber wissen:<br />

Für die HIV-Testkampagne <strong>im</strong> Oktober/<br />

November kommt der dritte ins Spiel. Vom<br />

Auftritt her wird er eher älter sein, woher er<br />

kommt, ist noch gehe<strong>im</strong>. Denn Diversität<br />

ist uns auch bei unserer Superhelden-<br />

Truppe wichtig.<br />

Diesem Heft liegt ein Poster von Mr.<br />

#undetectable bei. Zum Aufhängen, zum<br />

Verschenken oder für die Lieblingsbar. Damit<br />

wollen wir das Spiel der Superhelden beginnen.<br />

Man darf gespannt sein, was noch<br />

alles kommt.<br />

Das Ziel all dieser Aktivitäten ist eine<br />

befreite Sexualität. Keine Angst, viel Respekt<br />

und Neugierde. Jeder so viel wie er mag. Mit<br />

so wenigen Problemen wie möglich.<br />

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12 Aktuell<br />

News 13<br />

PrEp-Studie<br />

National & International<br />

PREP: Oft fehlt die medizinische<br />

Kontrolle.<br />

Wer in der Schweiz auf den bekannten Dating-Apps unterwegs ist, hat<br />

<strong>im</strong> Januar sicher die Umfrage zur HIV-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)<br />

des Universitäts-Spitals Zürich bemerkt. Das Echo hat überrascht.<br />

Von Benjamin Hampel<br />

W<br />

ährend knapp drei Wochen haben<br />

fast 2500 Männer an der Umfrage<br />

teilgenommen. Dies zeigt, wie gross<br />

das Interesse der Community an dem Thema<br />

zu sein scheint. Die Hälfte der Teilnehmer will<br />

in den nächsten Monaten mit der PrEP beginnen<br />

und sich so vor einer HIV-Infektion schützen.<br />

Von denen, die bereits PrEP einnehmen,<br />

sind viele nicht unter medizinscher Kontrolle<br />

und riskieren somit Ihre Gesundheit.<br />

Was ist PrEP?<br />

HIV-PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe) bezeichnet<br />

ein Medikament, das täglich eingenommen<br />

gegen eine HIV-Infektion schützt.<br />

Grosse Studien haben gezeigt, dass PrEP, wenn<br />

sie richtig eingenommen wird, <strong>im</strong> Schutz gegen<br />

HIV mindestens genauso effektiv ist wie<br />

ein Kondom. Die Einnahme scheint relativ sicher<br />

zu sein, wenn sie medizinisch überwacht<br />

wird. In keiner Studie kam es zu grösseren<br />

Komplikationen durch die Einnahme des Medikamentes,<br />

wenn die Anwender alle drei Monate<br />

zu einer medizinischen Kontrolle gingen.<br />

Die meisten Studien wurden mit dem Medikament<br />

Truvada (Tenofovir disporxil fumarat/<br />

Emtricitabin) durchgeführt. Truvada ist in der<br />

Schweiz offiziell nicht zur Prophylaxe, sondern<br />

nur für die Therapie von HIV zugelassen. Es<br />

kann aber als sogenannte Off-Label-Anwendung<br />

von Ärzten verschrieben und auch medizinisch<br />

begleitet werden. Das bedeutet, dass<br />

der Arzt bei der Verschreibung nach dem aktuellen<br />

Wissensstand handelt, auch wenn das<br />

Medikament nicht zugelassen ist. Das Medikament<br />

muss dann allerdings vom Patienten<br />

selbst bezahlt werden. Durch die relativen<br />

hohen Kosten von Truvada (CHF 899.30 pro<br />

Monat) bestellen viele User deutlich billigere<br />

Generika online. Viele sparen sich dabei<br />

auch gleich den Gang zum Arzt. Dies ist risikoreich,<br />

da Truvada Nebenwirkungen hervorrufen<br />

kann, die nicht sofort bemerkt werden.<br />

Zudem können Resistenzen des Virus<br />

entstehen, falls es trotz einer unentdeckten<br />

HIV-Infektion eingenommen wird. Und bei<br />

Onlinebestellungen <strong>im</strong> Internet weiss man<br />

selten, was man wirklich erhält.<br />

Andere sexuell übertragbare Krankheiten<br />

(STI) werden durch die PrEP nicht geschützt<br />

und können ebenfalls ohne Symptome<br />

verlaufen. In Ländern, in der PrEP<br />

zugelassen ist, erfolgen daher dre<strong>im</strong>onatige<br />

ärztliche Kontrollen, inklusive Testung auf<br />

andere STI. Dies ist auch in der Schweiz durch<br />

die Eidgenössische Kommission für sexuelle<br />

Gesundheit (EKSG) empfohlen.<br />

Warum die Umfrage?<br />

In vielen Ländern (USA, Norwegen, Frankreich,<br />

Südafrika, Israel …) wird PrEP von den<br />

Krankenkassen bezahlt und ist mittlerweile<br />

fester Bestandteil der jeweiligen Präventionsstrategien.<br />

Dort, wo die PrEP weit verbreitet<br />

ist, beobachtet man einen deutlichen Rückgang<br />

der HIV-Neudiagnosen. Hierzulande<br />

scheinen Politik und manche HIV-Spezialisten<br />

der PrEP nur wenig Bedeutung zuzuschreiben.<br />

Schweizer Schwule, die sich mit<br />

Hilfe der PrEP gegen eine HIV-Infektion<br />

schützen wollen, sehen sich gezwungen, dies<br />

in Eigeninitiative durchzuführen. Die Umfrage<br />

will aufdecken, dass hier eine Entwicklung<br />

stattfindet, deren sich die sich Politik<br />

und Medizin annehmen muss.<br />

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Umfrage<br />

– Die Hälfte aller Teilnehmer möchte <strong>im</strong><br />

nächsten halben Jahr eine PrEP einnehmen<br />

und fast 80% können sich das in der<br />

Zukunft vorstellen.<br />

– Von den 82 Teilnehmern, die sagten, dass<br />

sie bereits gegenwärtig eine PrEP einnehmen,<br />

gaben nur 78% an, dabei medizinisch<br />

überwacht zu werden. 9% von ihnen hatten<br />

in den letzten 12 Monaten keinen HIV-<br />

Test durchgeführt.<br />

Was bedeutet das?<br />

Die Ergebnisse zeigen, dass dringender<br />

Handlungsbedarf besteht. PrEP wird in der<br />

Schweiz zunehmen, egal ob sie zugelassen<br />

wird oder nicht. Wer PrEP ohne die empfohlenen<br />

Kontrollen einn<strong>im</strong>mt, riskiert seine<br />

Gesundheit. Beratungsstellen wie die Checkpoints<br />

und HIV-Behandler haben auf diese<br />

Entwicklung reagiert und bieten nun<br />

PrEP-spezifische Sprechstunden an. Hier<br />

wirst Du selbstverständlich auch beraten<br />

und begleitet, wenn Du die Medikamente<br />

aus dem Internet beziehst oder einfach nur<br />

mehr über PrEP erfahren willst. Adressen<br />

für Beratungsstellen in Deiner Nähe findest<br />

Du unter www.drgay.ch.<br />

Benjamin Hampel (38)<br />

ist Arzt am Universitäts-Spital Zürich und leitet<br />

dort die PrEP-Sprechstunde. Hier geht es zur<br />

kompletten Umfrage: http://onlinelibrary.wiley.<br />

com/doi/10.1111/hiv.12521/full<br />

NEWS<br />

Beunruhigende weltweite Zunahme des Drogenkonsums<br />

Der illegale Handel mit Opium und Kokain<br />

n<strong>im</strong>mt nach Angaben der Vereinten Nationen<br />

deutlich zu. So hat nach längerem Rückgang<br />

die Anbaufläche für die Koka-Pflanze in<br />

Südamerika in den vergangenen Jahren um<br />

30 Prozent zugelegt. Dies geht aus dem jüngst<br />

erschienenen Weltdrogenbericht der Vereinten<br />

Nationen (UN) hervor.<br />

Zugleich sei wegen einer besseren Ernte<br />

die Opium-Produktion binnen Jahresfrist<br />

um 30 Prozent auf 6380 Tonnen geklettert.<br />

Gerade in Nordamerika steige offenbar die<br />

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möblierte 3-Z<strong>im</strong>merwohnung<br />

<strong>im</strong> oberen Stockwerk des Hauses MADIVA ob Brissago<br />

als Ferienwohnung oder zur Dauermiete mit komplett<br />

neuen Möbel, Geschirr und allem, was man so braucht.<br />

Parkplätze befinden sich direkt vor dem Haus. Hunde,<br />

Katzen sind willkommen. Kosten: Fr. 1‘250.– netto.<br />

Zahl der Heroinsüchtigen. Auch in Europa<br />

bleibt der Drogenhandel ein Milliardengeschäft.<br />

Experten gehen davon aus, dass allein<br />

in Europa Drogen <strong>im</strong> Schwarzmarktwert<br />

von 20 bis 30 Milliarden Euro verkauft werden.<br />

Das Darknet, ein abgeschirmter Bereich<br />

des Internets, spiele dabei eine <strong>im</strong>mer bedeutendere<br />

Rolle, heisst es in dem Bericht.<br />

250 Millionen Menschen greifen demnach<br />

weltweit zu illegalen Rauschgiften. 29,5<br />

Millionen hätten schwere Krankheiten wie<br />

Hepatitis C und Tuberkulose oder seien<br />

Die gleiche Wohnung <strong>im</strong> unteren Stockwerk des Hauses<br />

wird vom Eigentümer und dessen Freund belegt. Besichtigung<br />

auf Anfrage. Gleichgeschlechtliche Paare bevorzugt.<br />

Anfragen sind an Ueli zu richten: 079 420 57 46<br />

HIV-infiziert. Nur jeder sechste Kranke werde<br />

angemessen behandelt. Mindestens 190 000<br />

Menschen sterben den Angaben zufolge jedes<br />

Jahr vorzeitig wegen ihrer Drogensucht.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


14 News 15<br />

News<br />

National & International<br />

National & International<br />

Ein frischer und schwuler Premier für das neue Irland<br />

Lila Festival in den Startlöchern<br />

Leo Varadkar: Jung, schwul, konservativ:<br />

Der neue irische Premier Leo Varadkar ist<br />

gleich in zweierlei Hinsicht ein Pionier.<br />

Zum einen ist der Chef von Irlands konservativer<br />

Fine-Gael-Partei mit seinen 38 Jahren<br />

der bisher jüngste Premierminister seines<br />

Landes. Zum anderen ist er auch der<br />

erste offen schwule Taoiseach, wie der Regierungschef<br />

auf Irisch heisst. Noch bis<br />

1993 waren <strong>im</strong> katholisch geprägten Irland<br />

homosexuelle Beziehungen strafbar. Als<br />

Sohn eines indischen Einwanderers und einer<br />

irischen Mutter gilt Varadkar als Mann<br />

des Wandels, der die Interessen der progressiven<br />

Stadtbevölkerung vertritt. Dies<br />

hat er schon in seinem vorherigen Amt als<br />

Sozialminister deutlich gemacht.<br />

Varadkar interessierte sich schon früh<br />

für Politik. Noch während seiner Schulzeit<br />

an einer Privatschule in der Nähe von Dub-<br />

lin wurde er Mitglied der konservativen Partei<br />

Fine Gael und blieb auch als Student am<br />

Trinity College Dublin politisch engagiert.<br />

Varadkar wurde 2004 in West Dublin<br />

in den Rat gewählt und wurde drei Jahre<br />

später, <strong>im</strong> Alter von nur 28 Jahren, Parlamentsabgeordneter<br />

für den Wahlkreis. Mit<br />

seinem Ehrgeiz und seinem furchtlosen Auftreten<br />

machte der wortgewandte Politiker<br />

bald die Parteigrössen auf sich aufmerksam.<br />

2011 wurde Varadkar zum Verkehrsminister<br />

ernannt. Von 2014 bis 2016 war er Gesundheitsminister.<br />

Ab Mai 2016 hatte er das Sozialressort<br />

inne. Seine politische Ausrichtung<br />

bezeichnet er selbst als «sozial- und wirtschaftsliberal»<br />

– links in sozialen Fragen,<br />

rechts, wenn es um die Wirtschaft geht. Als<br />

Aktivist unterstützte Varadkar 2015 die erfolgreiche<br />

Kampagne für die Homo-Ehe in<br />

Irland. Seine Anhänger hoffen, dass er sich<br />

auch für eine Lockerung des strengen Abtreibungsrechts<br />

einsetzen wird.<br />

Die Milchjugend schafft mit lila. das erste<br />

Kulturfestival für LGBT-Menschen in der<br />

Schweiz. Wir sind die Jugendorganisation<br />

für lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle<br />

Jugendliche und für alle dazwischen und<br />

ausserhalb. Sich selbst bezeichnet die Milchjugend<br />

wie folgt: «Wir sind ein bunter Haufen<br />

toller Menschen, denen es egal ist, wie Du<br />

aussiehst, was Du machst, ob Du Mann oder<br />

Frau oder etwas dazwischen bist, wen und<br />

wie Du liebst oder woher Du kommst. Wir<br />

sind alle falsch(-sexuell) in den Augen mancher<br />

Moralist_innen und genau das macht<br />

uns alle so richtig». Nun ja. Wir vom <strong>Cruiser</strong><br />

finden Falschsexuell falsch – aber zurück<br />

zum Festival Lila: das erste Kulturfestival der<br />

Schweiz, das sich an junge und junggebliebene<br />

LGBTQ-Menschen richtet und auf drei<br />

Bühnen mit Musik, Tanz und Performance<br />

gefeiert wird: Internationale Acts, Dragqueens,<br />

Poetry Slam und mehr wird dich<br />

überraschen. Unser Festivalgelände liegt in<br />

Wittnau <strong>im</strong> wunderschönen Fricktal. Tickets<br />

sind auf starticket.ch erhältlich.<br />

Das Niederdorf erhält <strong>im</strong> September seine «Zürcher Ballade» zurück<br />

In den 60er-Jahren, als das Zürcher Niederdorf<br />

in den warmen Monaten in einen kulturellen<br />

<strong>Sommer</strong>schlaf zu fallen drohte, sorgte<br />

der Theaterproduzent Edi Baur mit einer<br />

Schar Schauspieler für einen Theateranlass<br />

der Extraklasse. Ruedi Walter, Margrit Rainer,<br />

Jörg Schneider, Ines Torelli, Inigo Gallo,<br />

Paul Bühlmann und weitere rechneten auf<br />

der Freilichtbühne an der Trittligasse meist<br />

liebenswürdig mit der Obrigkeit ab und liessen<br />

das vergangene Jahr musikalisch und<br />

kabarettistisch Revue passieren. Bis heute<br />

hat die aus der «Zürcher Ballade» stammende<br />

Niederdorfhymne «I de Mitti vo de City»<br />

überlebt.<br />

Der Unterhaltungskünstler und Amtsvorsteher<br />

Christian Jott Jenny lässt den Anlass<br />

am selben Ort unter dem Namen «Trittligass»<br />

auferstehen. Der eigens dafür<br />

gegründete Verein Neue Zürcher Balladen<br />

arbeitet bereits seit zwei Jahren am Vorhaben.<br />

Vereinspräsident ist der ehemalige Regierungsrat<br />

Dr. Markus Notter. Auf der<br />

Bühne an der Trittligasse stehen Christian<br />

Jott Jenny und sein Staatsorchester sowie<br />

Walter Andreas Müller, Heidi Diggelmann,<br />

Barbara Baer, Samuel Zünd, Reto Hofstetter<br />

und Cabaret-Rotstift-Legende Jürg Randegger.<br />

Letzterer wirkte bereits <strong>im</strong> Original<br />

1964 mit. Das neue Stück schrieb der in der<br />

Altstadt lebende und arbeitende Autor Jeremias<br />

Dubno. Er schliesst dort an, wo die<br />

«Zürcher Ballade» in den 60ern aufhörte,<br />

und schreibt eine unterhaltende Musikrevue,<br />

welche die aktuellen Themen der Stadt<br />

auf lustige und anregende Art und Weise<br />

aufn<strong>im</strong>mt. Während Ruedi Walter sich über<br />

die aufke<strong>im</strong>ende «High Society» auslassen<br />

konnte, werden nun Themen wie Gentrifizierung,<br />

Verkehrsüberlastung und das zur<br />

Beliebigkeit tendierende Überangebot <strong>im</strong><br />

Bereich Kultur ins aktuelle Stück einfliessen.<br />

Am selben Ort wie vor knapp 60 Jahren entsteht<br />

ein kleines, aber feines Freilichttheater<br />

mit 280 Sitzplätzen. Gespielt wird von Mittwoch<br />

bis Sonntag bei schönem Wetter. Montag<br />

und Dienstag sind als Ergänzungsdaten<br />

vorgesehen, sollte es wider Erwarten dann<br />

doch einmal regnen.<br />

Freilichtspiel «Trittligass»<br />

30. August bis 16. September <strong>2017</strong>,<br />

Trittligasse Zürich<br />

Vorverkauf/Infos: www.trittligass-ballade.ch<br />

und www.ticketino.ch<br />

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CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


16 KOLUMNE<br />

Porno 17<br />

MICHI RÜEGG<br />

Spielraum für Diversität?<br />

Die lieben kleinen verdammten<br />

Rotznasen<br />

Die schwule Community wird sich grundlegend<br />

verändern, sobald die Heterosexualität das Monopol<br />

aufs Kinderkriegen abgibt. Ein Grund zur Freude?<br />

Mitnichten, findet Michi Rüegg.<br />

Identitätsstiftung durch<br />

Gay-Pornos<br />

Pornographie scheint in der Gay Community eine andere Rolle zu spielen, als es<br />

bei Heterosexuellen der Fall ist. Was ist der Grund für das entspannte Verhältnis<br />

der Schwulen zur Pornographie?<br />

VON Michi Rüegg<br />

I<br />

ch fliege nicht mehr allzu oft in der<br />

Weltgeschichte umher. Vor allem, weil<br />

Fliegen heutzutage eine Zumutung ist.<br />

Soeben bin ich nach Berlin gereist. Mit einem<br />

Nachmittagsflug. Wie bei allem, was an<br />

einem Nachmittag stattfindet, war die Kinder-<br />

und Seniorendichte <strong>im</strong> Flieger enorm.<br />

Kaum hatten sie Platz genommen, stellten<br />

die Senioren ihre Sitzlehnen zurück, schlossen<br />

die Augen und begannen zu sabbern. Die<br />

Kinder hingegen kreischten während der gesamten<br />

Flugzeit vor sich hin. In der Ankunftshalle<br />

kletterten sie aufs Gepäckband.<br />

Wie schön, dass wir schwulen Männer<br />

derzeit noch von Nachwuchs unbelastet<br />

sind. Bei den Lesben hat sich das Kinderkriegen<br />

ja schon eingebürgert. Es wird nicht<br />

mehr lange dauern, da werden auch schwule<br />

Paare Kinder haben. Die Weichen dafür sind<br />

gestellt. Als ich mir mit Anfang Zwanzig<br />

mein Gay-Leben zusammenz<strong>im</strong>merte, war<br />

für mich klar, dass Kinder darin nicht vorkommen<br />

werden. Fragt man heute schwule<br />

Teenager, tönt das anders: Mol, aso ich will<br />

scho en Maa und Chind. Mal ganz davon abgesehen,<br />

dass zwei Väter keinen Mutterschaftsurlaub<br />

bekommen, werden noch weitere<br />

Probleme die schwulen Familien plagen.<br />

Denn hat unsereins erst einmal Söhne<br />

und Töchter, entstehen Betreuungspflichten.<br />

Man kann nicht mehr einfach tun und lassen,<br />

was man will. Vor allem wird das Spontansein<br />

erschwert. Andererseits tun sich<br />

auch neue Märkte auf. So ist davon auszugehen,<br />

dass Schwulensaunas künftig eine Kinderspielecke<br />

anbieten müssen. So, du mümmelst<br />

hier ganz lieb mit Leon und Paula,<br />

während der Papi drüben ein bisschen fummeln<br />

geht. Auch Gayclubs könnten solche<br />

Angebote ins Programm aufnehmen. Bald<br />

schon werden wir an den Hedonistenstränden<br />

von Sitges und Ibiza kleine Kinder in<br />

Dsquared-Badehöschen sehen, die Sandburgen<br />

bauen.<br />

Was tun mit Anne<br />

Catherine und Carl<br />

Johann, während<br />

man dem gepflegten<br />

Chemsex frönt?<br />

Schwierig wird das Online-Dating. Hat<br />

man auf Grindr erst einen kernigen Top oder<br />

einen anschmiegsamen Bottom ausgemacht,<br />

kommt die Frage: Was tun mit Anne Catherine<br />

und Carl Johann, während man dem<br />

gepflegten Chemsex mit einem muskulösen<br />

Latino frönt? Hat man nicht zufällig eine<br />

nette ältere Nachbarin, bei der man die Gofen<br />

deponieren kann, ist man auf Hilfe von<br />

aussen angewiesen. Ich arbeite derzeit an einer<br />

App, einer Art Grindr für Notfallbabysitter.<br />

Man schaut <strong>im</strong> Umkreis, ob irgendjemand<br />

freie Zeit hat und kann dann die<br />

Person zu sich bestellen, ihr die Kids übergeben<br />

und sie zum Spielplatz schicken. Bezahlt<br />

wird via Kreditkarte, wie bei Uber. Vielleicht<br />

liesse sich der Service sogar mit Grindr verlinken,<br />

und auf Knopfdruck kommt irgendwer<br />

sitten.<br />

Es empfiehlt sich auch, die Dildo- und<br />

Accessoires-Sammlung gut zu verstauen. Es<br />

ist zwar ein lustiger Anblick, wenn so ein<br />

kleiner Wurm mit einem Doppeldong<br />

Schlange-<strong>im</strong>-Urwald spielt, aber gelangen<br />

solche Bilder nach aussen, steht bald einmal<br />

die Kesb auf der Matte und bezweifelt die Erziehungsfähigkeit.<br />

Vor allem aber sollten schwule Paare<br />

vor der Anschaffung von Kindern daran<br />

denken, dass die Scheidungsrate bereits bei<br />

Heteros sauhoch ist und man ja irgendwie<br />

auch an die Kosten denken sollte, die eine<br />

Trennung verursacht. Ich sage nur: Internate<br />

sind ja auch nicht grad günstig.<br />

Es stehen Veränderungen an, doch die<br />

Community wird auch mit denen umzugehen<br />

wissen. Ein positiver Effekt der anstehenden<br />

Kinderwelle: Wir werden uns nicht<br />

mehr von unseren Heterofreunden entfremden,<br />

kaum haben deren Frauen geworfen.<br />

Kennt man, nicht? Wir treffen die ehemals<br />

beste Freundin oder den ehemaligen Superkumpel<br />

– doch deren Welt dreht sich nur<br />

noch um das röchelnde kleine Teil, das sie in<br />

einem sündhaft teuren ergonomischen Tragbett<br />

mit sich rumschleppen. Jööö, lueg, er<br />

hät kötzlet!<br />

Ich persönlich werde dem schwulen<br />

Kinderkriegen folgendermassen begegnen:<br />

Geld sparen und nur noch First-<br />

Class-Fliegen. Rücklehne zurückwerfen.<br />

Sabbern.<br />

Von Nathan Schocher<br />

D<br />

ie enge Verbundenheit der Gay Community<br />

mit Pornographie hat ihre<br />

Wurzeln in der Stigmatisierung der<br />

Homosexualität. Die Strafbarkeit und Verfolgung<br />

der Homosexualität führte dazu,<br />

dass sich Schwule lange Zeit nur <strong>im</strong> Verborgenen<br />

treffen konnten. So bildete sich bei<br />

Schwulen eine Subkultur heraus, die best<strong>im</strong>mte<br />

ästhetische Codes entwickelte.<br />

Diese den Heterosexuellen <strong>im</strong> Allgemeinen<br />

unbekannten Codes bezweckten einerseits,<br />

dass Schwule auf Partnersuche einander<br />

leicht erkennen konnten. Andererseits hatten<br />

sie den Effekt eines Community Building,<br />

gemeinsame Codes schweissen eine<br />

Szene, dessen Mitglieder sich <strong>im</strong> Alltag<br />

nicht zueinander bekennen dürfen, zusammen.<br />

So entstand eine schwule Identität, die<br />

sich stark über ästhetische Merkmale definiert.<br />

Welche Rolle spielt nun schwule Pornographie<br />

in der Hervorbringung dieser<br />

Identität?<br />

Idealisierte Männlichkeit<br />

Pornographie hat einen transgressiven Charakter,<br />

das heisst, sie bietet dem Begehren, das<br />

die sexuellen Normen der Gesellschaft überschreitet,<br />

eine Plattform. Da Pornos zeigen,<br />

was sich Menschen he<strong>im</strong>lich wünschen, zeigen<br />

schwule Pornos natürlich eine ganze ➔<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


18 Porno<br />

Porno 19<br />

Spielraum für Diversität?<br />

Spielraum für Diversität?<br />

Palette idealisierter Männlichkeiten und,<br />

ebenfalls wichtig, detaillierte schwule Sexualpraktiken.<br />

Dies ist deshalb nicht banal, weil<br />

Wissen über schwule Sexpraktiken in der Öffentlichkeit<br />

kaum zirkuliert, ausser als Diffamierung.<br />

Nun könnte man einwenden, auch<br />

heterosexuelle Pornographie zeige idealisierte<br />

Frauenbilder und Praktiken, über die man in<br />

der Gesellschaft nicht offen spricht. Der Unterschied<br />

liegt jedoch darin, dass für heterosexuelle<br />

Männer Pornographie nur die verborgene<br />

Seite ihrer Sexualität repräsentiert, sie<br />

leben <strong>im</strong> Alltag eine durch best<strong>im</strong>mte Normen<br />

sanktionierte Form der Sexualität und<br />

überschreiten deren Grenzen <strong>im</strong> Gehe<strong>im</strong>en<br />

durch Pornographie. Da für Schwule aber der<br />

gesamte Bereich ihrer Sexualität von der heterosexuell<br />

geprägten Gesellschaft zur Unsichtbarkeit<br />

verurteilt ist, entwickeln sie ein<br />

ungebrochenes Verhältnis zur Pornographie.<br />

Schwule Pornos stellen demnach wie<br />

best<strong>im</strong>mte Saunas, Parks oder Darkrooms<br />

eine Parallelwelt dar, wo Männer für sexuelle<br />

Praktiken verfügbar sind, die in der Gesellschaft<br />

tabuisiert werden. Sie bilden eine<br />

Fantasiewelt, wo schwules Begehren keinen<br />

gesellschaftlichen Einschränkungen unterliegt.<br />

Damit vermitteln Pornos eine virtuelle<br />

He<strong>im</strong>at für schwule Identität.<br />

Im Bereich der Schwulenpornos lässt<br />

sich eine Parallelität zum Kampf der Schwulenbewegung<br />

um gesellschaftliche Akzeptanz<br />

erkennen. Nachdem in den Schwulenpornos<br />

der 60er-Jahre noch ein eher<br />

zufälliges Durcheinander von Looks, Körpern<br />

und Praktiken herrschte, setzte in den<br />

80ern eine Normierungswelle ein. Die hat<br />

mit dem Aufkommen der VHS-Kassetten zu<br />

tun, das aus einem szeneinternen Untergrundphänomen<br />

eine Massenware machte,<br />

die sich jedermann diskret nach Hause bestellen<br />

konnte. Schwule Pornographie erlangte<br />

also eine viel grössere Verbreitung<br />

zeitlich parallel zum vermehrten An-die-Öffentlichkeit-Treten<br />

der Schwulen <strong>im</strong> Rahmen<br />

der Schwulenbewegung.<br />

Schwule Pornos und einschlägige Chatforen: Beides sind Parallelwelten.<br />

Porno & AIDS<br />

Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Ausbreitung<br />

von Aids. Auf der politischen Ebene<br />

hat die Aidspanik und die sie begleitende<br />

Stigmatisierung der Schwulen zu einem<br />

Strategiewechsel innerhalb der Schwulenbewegung<br />

geführt. Um die <strong>im</strong> wörtlichen Sinne<br />

tödliche Stigmatisierung zu bekämpfen,<br />

mussten die Schwulen ihre Anliegen vermehrt<br />

an die breite Öffentlichkeit tragen, ihr<br />

Privatleben öffentlich machen. Dieser Gang<br />

an die Öffentlichkeit hatte eine gewisse Normalisierung,<br />

aber auch Normierung dessen<br />

zur Folge, was als schwule Identität lebbar<br />

war, da ein Teil der schwulen Subkultur diesen<br />

Gang an die Öffentlichkeit nicht mitmachen<br />

konnte oder wollte. Kulturell hatte die<br />

Aidspanik bei den Schwulen einen verstärkten<br />

Schönheits-, Körper- und Fitnesskult zur<br />

Folge, da man bestrebt war, gegenüber der<br />

Schwule Pornos stellen<br />

demnach eine Parallelwelt<br />

dar, wo Männer für sexuelle<br />

Praktiken verfügbar<br />

sind, die in der Gesellschaft<br />

tabuisiert werden.<br />

tödlichen Bedrohung der Aidskrankheit das<br />

gesunde und unversehrte Aussehen des Körpers<br />

zu betonen. Sexuell hatte die Aidspanik<br />

einen Aufschwung der Masturbation zur<br />

Folge, da die Frage nach safen sexuellen<br />

Praktiken längere Zeit ungeklärt war. Entsprechend<br />

stieg auch die Bedeutung der Pornographie<br />

für Schwule nochmals an.<br />

Der All-American-Boy (hier <strong>im</strong> Bild Jeff Styker), der mit seiner jugendlichen properen Fitness die Schwulenpornographie der 80er-Jahre<br />

dominiert hatte, macht seit den 90er-Jahren wieder einer grösseren Vielfalt an Looks und Praktiken Platz.<br />

Spielraum für Diversität<br />

Der All-American-Boy, der mit seiner jugendlichen<br />

properen Fitness die Schwulenpornographie<br />

der 80er-Jahre dominiert hatte, macht<br />

seit den 90er-Jahren wieder einer grösseren<br />

Vielfalt an Looks und Praktiken Platz. Insbesondere<br />

das Aufkommen des Internets macht<br />

es nochmals leichter, auf den jeweiligen Geschmack<br />

zugeschnittene Pornographie zu finden.<br />

Parallel hatte die Schwulenbewegung in<br />

Sachen gesellschaftliche Anerkennung erste<br />

Erfolge zu verzeichnen, die den Normierungsdruck,<br />

der auf den Schwulen lastet, wieder ein<br />

wenig lockert. Ein von der Schwulenbewegung<br />

vermitteltes offizielles Bild von schwuler Identität<br />

und schwulen Beziehungen besteht zwar<br />

fort, doch daneben gibt es wieder mehr Spielraum<br />

für Diversität. Mit der Entwicklung von<br />

Medikamenten, die eine HIV-Infektion zu etwas<br />

machen, das sich managen lässt, und dem<br />

Erlangen eines rechtlichen Status für homosexuelle<br />

Beziehungen, kommt es dann in den<br />

Nullerjahren des 21. Jahrhunderts in der<br />

Schwulenpornographie zum Tabubruch, indem<br />

erstmals seit Mitte der 80er wieder<br />

schwule Pornos produziert werden, in denen<br />

die Darsteller keine Kondome verwenden.<br />

Heute macht die sogenannte Bareback-Pornographie<br />

einen grossen Teil des Markts für<br />

schwule Pornographie aus. Nachdem Safer-Sex-Kampagnen<br />

jahrelang unsafe Sexpraktiken<br />

<strong>im</strong> realen schwulen Sexleben bekämpft<br />

hatten, erstaunt ihr Auftauchen in der Fantasiewelt<br />

der Pornographie nicht.<br />

Hypermännlich & hypersexuell<br />

Schwule Pornographie macht also sexuelle<br />

Akte, die in der Gesellschaft stigmatisiert<br />

sind, sichtbar und präsentiert diese als lustvoll.<br />

Dies hat einen bestärkenden Effekt auf<br />

schwule Männer. Gleichzeitig prägt die Hypermännlichkeit<br />

und Hypersexualität der<br />

Schwulenpornos die Gay Community derart<br />

stark, dass ein abschreckender Effekt auf<br />

Schwule, die diesen ästhetischen Standards<br />

nicht entsprechen, wahrscheinlich ist.<br />

Ein Beispiel hierfür: Auf Datingsites<br />

präsentieren sich Schwule in Form von Profilen.<br />

Dazu müssen sie sich anhand von Kategorien,<br />

die aus der schwulen Pornographie entlehnt<br />

sind, selber beschreiben und einstufen.<br />

Dabei geht es sowohl um<br />

äusserliche Merkmale wie<br />

auch um sexuelle Vorlieben,<br />

Praktiken und Fetische.<br />

Dabei geht es sowohl um äusserliche Merkmale<br />

wie auch um sexuelle Vorlieben, Praktiken<br />

und Fetische. Dazu müssen die Profile mit<br />

Bildern versehen werden, die sich stark an die<br />

Ästhetik der Schwulenpornos anlehnen. Wer<br />

sich dem nicht unterwerfen möchte, kann sich<br />

zwar bei diesen Sites anmelden, er bleibt jedoch<br />

für die Suchfunktionen und Ratings des<br />

Portals weitgehend unauffindbar, seine Sichtbarkeit<br />

ist deutlich eingeschränkt. Körperlich<br />

Behinderte etwa oder Übergewichtige, für die<br />

ja vielleicht solche Portale besonders wichtig<br />

wären, werden so bereits durch die Vorgaben<br />

der Sites unsichtbar gemacht.<br />

Zusammenfasend lässt sich sagen, dass<br />

das Überschreiten der Einschränkungen<br />

durch die heterosexuell dominierte Gesellschaft<br />

in der schwulen Pornographie offenbar<br />

schwule Identität bestärken kann. Damit geht<br />

jedoch das Problem einher, dass in diesem bestärkenden<br />

Effekt das eigentlich Transgressive<br />

der schwulen Pornographie wieder verlorengeht,<br />

<strong>im</strong> Überschreiten der Grenzen der sexuellen<br />

Identität werden neue Grenzen gezogen.<br />

Damit hat schwule Pornographie ebenso normierende<br />

Effekte wie heterosexuelle Mainstreampornographie.<br />

Hoffnung machen hier die<br />

Exper<strong>im</strong>ente der sogenannten Post-Pornographie,<br />

die bewusst auf eine Vielfalt von Körpern,<br />

Schönheitsidealen, Geschlechtern und<br />

sexuellen Orientierungen setzt, um herrschende<br />

Normierungen aufzubrechen.<br />

Nathan Schocher<br />

Schocher promoviert in Philosophie an der<br />

Universität Zürich und ist Mitglied des<br />

Graduiertenkollegs am Zentrum Gender<br />

Studies der Universität Basel. Er arbeitet als<br />

Programmleiter für Menschen mit HIV bei der<br />

Aids-Hilfe Schweiz.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


20 Kultur<br />

KOLUMNE 21<br />

Buchtipp<br />

Mirko<br />

Ein Gefangener<br />

der Schuld<br />

Während es mittlerweile Dutzende schwule Romane gibt, ist das Thema schwul<br />

als Musl<strong>im</strong> in der Literatur noch stark unterrepräsentiert. Saleem Haddad packt<br />

mit seinem Roman «Guapa» ein heisses Eisen an.<br />

LGBTIQ – Was sollen diese Buchstaben<br />

miteinander?<br />

Mirko kommt während der Pride ins Grübeln und<br />

fragt sich, was uns so verbindet.<br />

Von Birgit Kawohl<br />

D<br />

er hierzulande noch unbekannte Saleem<br />

Haddad (*1983) ist so etwas wie<br />

ein Weltbürger. Als Sohn einer irakisch-deutschen<br />

Mutter und eines libanesisch-palästinensischen<br />

Vaters verbrachte er<br />

seine Kindheit und Jugend in Jordanien,<br />

Kanada und Grossbritannien. Mittlerweile<br />

arbeitet er für Ärzte ohne Grenzen vor allem<br />

<strong>im</strong> Nahen Osten. Insofern ist er sicherlich<br />

prädestiniert, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen,<br />

das heutzutage <strong>im</strong> arabischen<br />

Raum ein ganz wichtiges ist: Wie gehe<br />

ich als Musl<strong>im</strong> damit um, schwul zu sein?<br />

Rasa, ein 27-jähriger Araber, der in einem<br />

nicht näher benannten Land des Nahen<br />

Ostens als Übersetzer arbeitet, merkt<br />

schon als Kind, dass er irgendwie anders ist<br />

als die anderen Jungs in seiner Umgebung.<br />

Die Situation ist in einer Kultur, in der<br />

Schwulsein <strong>im</strong>mer noch sanktioniert und<br />

verachtet wird, sowieso schon schwierig.<br />

Für Rasa wird alles aber noch schl<strong>im</strong>mer,<br />

als zunächst seine Mutter verschwindet<br />

und ca. ein Jahr später sein Vater an Krebs<br />

stirbt. Da ist er zwölf und wird fortan von<br />

seiner allseits präsenten Teta (Grossmutter)<br />

aufgezogen, die sehr strenge Regeln an alle<br />

Formen von Schicklichkeit und Anstand<br />

anlegt. Eib (Schande) wird für ihn zum<br />

Marker allen Tuns. Und dass Homosexualität<br />

eib ist, ist ihm sofort klar. Sein Körper<br />

wird für ihn zum Gefängnis, die verbotenen,<br />

schwulen Gedanken dürfen nicht nach<br />

aussen dringen.<br />

In der Hoffnung, die Freiheit zu finden,<br />

geht er für sein Studium in die USA, doch da<br />

passiert etwas, das ihn zu einer anderen Art<br />

von Aussenseiter stempelt: 9-11. Jetzt ist er in<br />

der Freiheit und steckt doch in einem – politisch-ideologischen<br />

– Gefängnis aus Vorurteilen.<br />

Rasa ist hin- und hergerissen zwischen<br />

seiner Herkunft und seiner Sexualität. Als er<br />

dann nach seiner Rückkehr – er wohnt bei<br />

seiner Grossmutter – die Liebe seines Lebens<br />

trifft, scheint sich vieles für ihn zu ändern.<br />

Verwoben mit diesen privaten Dramen<br />

des Protagonisten, der alles aus der Ich-<br />

Perspektive schildert, sind die Ereignisse,<br />

die wir zumeist unter dem Begriff «Arabischer<br />

Frühling» zusammenfassen. Die jungen<br />

Araber versuchen eine Befreiung und<br />

stossen <strong>im</strong>mer wieder an die Grenzen der<br />

Systeme, sei es die Politik oder die Religion.<br />

Hier stellt sich be<strong>im</strong> Leser die Frage, warum<br />

der Autor seine Handlung in einem fiktiven<br />

Land ansiedelt. Dies n<strong>im</strong>mt diesem natürlich<br />

die Schwierigkeit, die Ereignisse ganz<br />

genau recherchieren und akkurat wiedergeben<br />

zu müssen. Andererseits bekommt die<br />

Geschichte von Rasa damit auch etwas Allgemeingültiges,<br />

könnte sie doch in eigentlich<br />

jedem musl<strong>im</strong>isch geprägten Land passiert<br />

sein. Dem Leser wird damit auf jeden<br />

Fall ein quasi hautnaher Einblick in eine<br />

vom Islam best<strong>im</strong>mte Kultur gewährt, den<br />

man so nur selten erhält.<br />

Haddad ist mit «Guapa» ein spannender,<br />

gut geschriebener Roman gelungen,<br />

der uns ein wenig die Augen öffnet für das<br />

Dilemma, in dem auch bei uns viele Musl<strong>im</strong>e<br />

stecken.<br />

Buchtipp<br />

Saleem Haddad: Guapa. Albino Verlag<br />

Preis CHF 23.90<br />

ISBN 9783959850841<br />

VON Mirko<br />

I<br />

ch, letschti so «Hey Alte, hättsch mi direkt<br />

aagredt, statt dis Schwanzfoto per<br />

Message geschickt, hätten wir schnell<br />

<strong>im</strong> WC-Wage chönne ficken.»<br />

«D Schwiiz wär weniger schön ohne<br />

uns Balkanjungs.»<br />

«Für mich ist die Pride zallererscht eine<br />

grosse Salamiparty. Ja sorry, ich ha mir’s au<br />

nöd usgsuecht, dass ich so eifach bi.»<br />

Züri ist das gelobte Land für Schwule,<br />

han i gläse. Wahrschiinlich flüged’s darum<br />

die ganz Ziit uf Berlin und Sitges und weiss<br />

ich woane. Nirgends kommt man so einfach<br />

weg und irgendwo anders hin als in Zürich.<br />

Liit halt guet, so zmitzt <strong>im</strong> schwule Europa<br />

und mit eigetem Flughafe. Aber wie kann<br />

Züri das gelobte Land sein, wenn man es do<br />

nöd ushaltet und ständig weg muess?<br />

Wahnsinnig viel läuft halt in Zürich<br />

ausser an der Pride nicht. Aber dann hat’s<br />

Typen zum Abwinken. Billig ist’s aber auch<br />

da nicht. Als ich auf dem WC sass, ich ha ja<br />

5 Franke zahlt und ich wollte was für de<br />

Cash, dachte ich: E Rieseufwand, die Pride,<br />

und die machen das all Jahr wieder und werden<br />

nicht bezahlt, nur damit d Bitches dann<br />

reklamieren chönned wägem Büchsebier für<br />

7 Stutz, wenn sie unter dem riesigen Schattenzeltdach<br />

– shit, das het ja es Vermöge<br />

koschtet – stehen. Und was mached’s, wenn<br />

sie nöd über d Priise jammeret? Fotos posten<br />

und Grindr abchecken? Hey Alte, hättsch mi<br />

direkt aagredt, statt dis Schwanzfoto per<br />

Message geschickt, hätten wir schnell <strong>im</strong><br />

WC-Wage chönne ficken. Aber so isch’s mir<br />

zdumm gsi. An der Pride will ich Diversity<br />

in Reality.<br />

Am Umzug hät’s nöd so viel Diversity<br />

gäh soundmässig. Balkan Beats letztes Jahr<br />

han i fresh gfunde – oder händ alle LGBTI-<br />

GIQs den gleichen Musikgeschmack und<br />

wenn ja, warum? Mängmol am Umzug hat<br />

An der Pride will ich<br />

Diversity in Reality.<br />

mein Schädel nicht nur wegen der krassen<br />

Sonne brummt: Pride ist mir zu kompliziert.<br />

Muss ich alles verstehen, was da abläuft?<br />

Müssen mama und tata das verstehen? Ich<br />

ha denn dänkt, sie müend mi eifach in Rueh<br />

loh. Mehr will ich nicht. Jede macht, wie er’s<br />

guet findet. Aber d Details will ich lieber nöd<br />

wüsse. Respect halt, das langet. Dafür muss<br />

man nicht viel wissen.<br />

Was weiss ich über Pride? Es gibt sie<br />

jedes Jahr und überall e bitz. Es geht um Diversity,<br />

gleiche Rechte und dieses Jahr ging’s<br />

um Flüchtlinge. Gueti Sach. Meine Eltern<br />

sind ja auch quasi geflüchtet vorem Wahnsinn<br />

<strong>im</strong> Balkan, als niemand wusste, ob das<br />

Abschlachten je wieder aufhört. Aber ich ha<br />

nöd gwüsst, was und wie’s mit de Pride isch.<br />

Bi froh gsi um de Spruch a de Brugg bi de<br />

Polizei, dass Stonewall Riots wäge de<br />

schwarze Transe usbroche sind. Ich ha’s nöd<br />

checkt, aber denn googlet. Ich lehre gärn dezue.<br />

Man kann auch viel wissen und kei Respekt<br />

haben. Es het gnervt, dass üs da bi<br />

dere Brugg e Frau aagschraue het vo Kapitalismus<br />

und so. Mini Eltere sind <strong>im</strong> antikapitalistischen<br />

Jugoslawien aufgewachsen und<br />

das isch jo äbe nöd guet usecho, süsch wären<br />

wir nicht hier. Ok, d Schwiiz wär weniger<br />

schön ohne uns Balkanjungs. Alles hat seine<br />

guten Seiten. Wäg dem Spruch über die<br />

schwarze Transe: Ja sorry, dass z Züri weisse<br />

Frauen und Männer an der Pride mitlaufen,<br />

aber mit nur schwarze Transleute wär’s es<br />

bitz leer. Hat halt hier nicht so viele davon.<br />

LOL. Mehr Jugos und so, aber die, die da<br />

schrieen von der Seite, die sahen weder nach<br />

Jugo noch nach schwarzen Transmenschen<br />

aus. Respect, enand sii loh, wie mer sind,<br />

isch für alle nöd <strong>im</strong>mer einfach. Ah, übrigens:<br />

Respect für die Dadsters von Gaysport,<br />

3 Stund in der heissen Sonne hüpfen,<br />

hey, ich hätt mir de Fuess verknackst i de<br />

Tramschiene oder süsch schlapp gemacht,<br />

und ich bin ja mindestens es Vierteljahrhundert<br />

jünger als die.<br />

Aber was bliibt? Was haben wir gemeinsam?<br />

Es hat schreiende Alternativen<br />

und Polizisten bei uns. Die chönnd scho mal<br />

nöd zäme. Und für mich ist die Pride zallererscht<br />

eine grosse Salamiparty. Ja sorry,<br />

ich ha mir’s au nöd usgsuecht, dass ich so eifach<br />

bi. Es bleibt wenig gemeinsames mit all<br />

den LGBTQIs, ausser dass wir Respect wollen<br />

und Respect können wir untereinander<br />

schon mal e bitz üebe.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


22 Portrait<br />

Portrait 23<br />

Wolfgang Ohlert<br />

Wolfgang Ohlert<br />

Wann ist ein Mann ein Mann und wann<br />

ist man(n) eine Frau?<br />

Nicht Mann, nicht Frau - dazwischen: Über Transgender wird viel gesprochen.<br />

So viel, dass Transgender fast wie Trend klingt. Doch wie oft kommen wir<br />

Transmenschen wirklich nahe? Der Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert tut es.<br />

Von Haymo Empl & Laura Lewandowski (dpa)<br />

D<br />

urch seine Kamera will Joseph Wolfgang<br />

Ohlert den Menschen sehen, wie<br />

er ist. Mann. Frau. Irgendwas dazwischen.<br />

Klick. W<strong>im</strong>pernschlag. Klick, klick.<br />

Die dürren Schultern des Models kippen nach<br />

vorne. Shot. Frauen aus Hochglanzmagazinen<br />

könnten es nicht besser. Posieren. Ohlert<br />

ist zufrieden. Wie <strong>im</strong>mer, wenn er das Gefühl<br />

hat, dass seine Fotos die Identität eines Menschen<br />

widerspiegeln.<br />

«Du bist, wer du bist, und so fotografiere<br />

ich dich», sagt der 25-jährige Ohlert. Er<br />

porträtierte schon Menschen in vielen Teilen<br />

der Welt. Paris, New York, San Francisco.<br />

Das Resultat nach rund zwei Jahren Arbeit:<br />

293 Seiten, etwa 80 Fotos und ein Buch <strong>im</strong><br />

Selbstverlag mit dem Titel: «Gender as a<br />

Spectrum». Es ist ein Buch über Transgender.<br />

Über Leute, die jenseits der klassischen<br />

Zweiteilung in Mann und Frau leben. «Nur<br />

weil du einen Schwanz hast, bist du nicht automatisch<br />

ein Mann», sagt Ohlert.<br />

©Bild: Juergen Ostarhild<br />

Wer bin ich eigentlich?<br />

Und damit wären wir bei der Frage, die sich<br />

der Fotograf auch für sich schon stellte: Wer<br />

bin ich eigentlich? Was unterscheidet einen<br />

Mann von einer Frau? Nehmen wir «Kaey»:<br />

1979 geboren als Dennis Klein, mit einem<br />

Penis. Kaey sieht sich selbst als Frau, sie liebt<br />

Männer. Trans eben. In Berlin arbeitet sie als<br />

Redaktorin be<strong>im</strong> «Siegessäule Magazin»,<br />

eine Art deutschem Pendant zum <strong>Cruiser</strong>.<br />

Die 37-jährige Kaey interviewte die Porträtierten<br />

für Ohlerts Buch. Das Ziel der beiden:<br />

den weniger bekannten «Betroffenen»<br />

eine St<strong>im</strong>me zu geben. Und sicher auch sich<br />

selbst weiter auf die Spur zu kommen. Denn<br />

das ist mitunter gar nicht so einfach, wenn<br />

man nicht weiss, «wie viele es da draussen<br />

sonst noch gibt». Denn: Verlässliche Zahlen<br />

über Transmenschen <strong>im</strong> deutschsprachigen<br />

Raum lassen sich nicht finden, für die<br />

Schweiz existieren nicht einmal Anhaltspunkte.<br />

Ableiten lässt sich eine Zahl vielleicht<br />

von den registrierten Operationen. Im<br />

Jahr 2014 legten sich 1051 Menschen in<br />

Deutschland auf den Operationstisch, um<br />

ihre Genitalien angleichen zu lassen. Längst<br />

nicht alle wollen diesen Schnitt/Schritt tun,<br />

auch Kaey nicht. Der Eingriff sei zu schwer,<br />

das Risiko, dass etwas schiefgehe, zu hoch.<br />

Ausserdem sagt sie: «Ich persönlich fühle<br />

mich <strong>im</strong>mer als Frau, trotz Penis.» Und trotz<br />

1,90 Meter Körpergrösse, trotz tiefer St<strong>im</strong>me.<br />

Auf Brüste spart Kaey dennoch. Die<br />

Hormone, die sie von 2011 an zwei Jahre genommen<br />

habe, hätten nicht viel gebracht.<br />

Wie verhält man sich dem anderen gegenüber,<br />

bei dem man nicht sicher sagen<br />

kann, ob «sie» oder «er» dort steht? Nicht ➔<br />

Kaey sieht sich selbst als Frau und interviewte die Portraitierten in Wolfgang Ohlerts Buch.<br />

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CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


24 Portrait<br />

Serie 25<br />

Wolfgang Ohlert<br />

Homosexualität in Geschichte und Literatur<br />

Schwule Elitetruppen<br />

demütigen Sparta<br />

Mehr oder weniger versteckt findet sich das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte,<br />

der Politik, in antiken Sagen und traditionellen Märchen – aber auch<br />

in Wissenschaft, Technik, Computerwelt. <strong>Cruiser</strong> greift einzelne Beispiele heraus,<br />

würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische Zusammenhänge<br />

und wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie und da auch neue oder<br />

zumindest aufgefrischte Erkenntnisse. In dieser Folge: Soldaten, auf die zuhause<br />

keine Frau wartet …<br />

… und andere zurückhaltend.<br />

Im Buch kommen diversere Protagonisten zu Worte – manche sind schräg und schrill …<br />

wenige hätten Angst, bei einem Gespräch ins<br />

Fettnäpfchen zu treten, sagt Fotograf Ohlert.<br />

Auch er entspricht nicht unbedingt der Norm.<br />

Ein schöner Mann ist er, dennoch kann es irritieren,<br />

wenn er seine Haare mal blau gefärbt<br />

trägt oder blau lackierte Fingernägel hat und<br />

be<strong>im</strong> nächsten Mal die Mähne abrasiert ist.<br />

Auch er als Schwuler wusste über Transgender<br />

nicht <strong>im</strong>mer so viel wie heute.<br />

«Ich gehöre nicht zu denen»<br />

Sein auffälliges Äusseres, seine sexuelle Orientierung,<br />

das Künstlerdasein – diese Dinge<br />

haben bewirkt, dass Ohlert häufig nachdachte<br />

über die Ausgrenzung von Minderheiten.<br />

Trotzdem – oder gerade deshalb –<br />

versteht er, dass die Begegnung mit einem<br />

Transmenschen befremdlich sein kann. Früher<br />

habe er selbst zu denen gehört, die sagten:<br />

«Ich bin stolz darauf, schwul zu sein. Ich<br />

gehöre nicht zu denen.»<br />

Nach Dutzenden Porträts und noch<br />

viel mehr Bekanntschaften mit Transmenschen<br />

fragt Ohlert heute Sachen wie: «Warum<br />

fühlst du dich angegriffen, wenn jemand<br />

sein Geschlecht selbst best<strong>im</strong>men will?»<br />

Früher habe auch er oft nicht gewusst,<br />

wie er den Dialog starten sollte. Doch man<br />

müsse sich einfach auf die Leute einlassen.<br />

Das könne mit der s<strong>im</strong>plen Frage beginnen:<br />

«Wie möchtest du angesprochen werden?<br />

Das sagt alles. Das ist respektvoll.»<br />

Buch<br />

Gender as a Spectrum: 304 Seiten (ISBN-13:<br />

978-3000504082)<br />

Das Buch von Joseph Wolfgang Ohlert kann<br />

direkt über seine Webseite bestellt werden:<br />

Euro 48.—plus Euro 16.—für den Versand in<br />

die Schweiz.<br />

josephwolfgang.ohlert.de<br />

©Bilder: J.W. Ohlert<br />

VON ALAIN SOREL<br />

E<br />

liteeinheiten in Armeen: Es gibt sie<br />

heute, es gab sie früher. Wir hören<br />

<strong>im</strong>mer wieder von Einsätzen der<br />

amerikanischen Navy SEALs oder des britischen<br />

Special Air Service. Im Altertum<br />

hatte auch das griechische Theben eine<br />

ganz besondere Sondertruppe.<br />

Hyppolitos versorgt eine Wunde von<br />

Andromachos, die sich dieser be<strong>im</strong><br />

Kampftraining zugezogen hat. Er desinfiziert<br />

sie, indem er ein mit einem Brei aus<br />

Honig und Schafgarbe bestrichenes<br />

Rindenstück auf die verletzte Stelle am<br />

Oberschenkel von Andromachos heftet.<br />

Keine Spritze, kein Antibiotikum in ➔<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


26 Serie<br />

Serie 27<br />

Homosexualität in Geschichte und Literatur<br />

Homosexualität in Geschichte und Literatur<br />

Nur für Gays<br />

Bei der «Heiligen Schar» war eine gleichgeschlechtliche<br />

Veranlagung Bedingung, um<br />

aufgenommen zu werden. Erwünscht waren<br />

Männer-Paare, zwischen denen es glühte vor<br />

Leidenschaft. Männer-Paare wie Hyppolitos<br />

und Andromachos.<br />

Führende Offiziere Thebens hatten die<br />

Einheit geschaffen, und die Absicht dahinter<br />

funktionierte. Die schwulen 150 Soldatenpaare<br />

taten alles füreinander, sie beschützten<br />

sich in der Schlacht gegenseitig und wollten<br />

unbedingt über den Feind triumphieren,<br />

weil jeder auch persönlich etwas zu verlieren<br />

hatte – den Geliebten. Weil sie hochmotiviert<br />

waren, profitierte davon die ganze Armee<br />

und letztlich die He<strong>im</strong>at. Die Mitglieder<br />

dieser verschworenen Einheit standen <strong>im</strong><br />

Kampf Seite an Seite, Rücken an Rücken, beherrschten<br />

Schwert und Speer. Im Unterschied<br />

zur regulären Armee waren sie Berufssoldaten.<br />

Schwur auf schwulen Halbgott<br />

Nicht von ungefähr hatten sich Thebens Offiziere,<br />

darunter neben dem Befehlshaber<br />

Epaminondas auch der Feldherr Pelopidas,<br />

bei der Gründung der Truppe einen Helden<br />

aus der griechischen Mythologie zum Vorbild<br />

genommen: Herakles, der Sage nach ein<br />

Sohn der Stadt. Der Halbgott, Sohn des Göttervaters<br />

Zeus, hatte einen jungen Neffen,<br />

Iolaos, mit dem er eine Liebesbeziehung unterhielt.<br />

In zahlreichen Schlachten waren sie<br />

ein unschlagbares Gespann, fein aufeinander<br />

abgest<strong>im</strong>mt, deckte doch Iolaos als Wagenlenker<br />

den Herakles. Es verwundert deshalb<br />

nicht, dass Herakles Schutzpatron der<br />

um das Jahr 378 v. Chr. gegründeten Truppe<br />

wurde und die Männer auf ihn einen heiligen<br />

Schwur leisteten.<br />

Der Konflikt zwischen Sparta und Theben<br />

schwelte jahrelang. Sparta versuchte die<br />

ganze Zeit über, Theben kleinzuhalten; dieses<br />

wollte Böotien unter seiner Führung einigen.<br />

Es kam zu ersten Scharmützeln. Mit<br />

der «Heiligen Schar» fühlte sich Theben<br />

nach und nach <strong>im</strong>stande, auf dem Schlachtfeld<br />

die endgültige Entscheidung herbeizuführen.<br />

Der Tod setzte mancher<br />

Liebe ein brutales Ende.<br />

Sieg in der Schlacht, Gefahr für die<br />

Liebe<br />

Am 5. August 371 v. Chr. prallen die beiden<br />

Heere bei Leuktra aufeinander. Sparta hat<br />

etwa 10 000 Mann aufgeboten, die böotische<br />

Seite rund 6000. Doch die geringere Anzahl<br />

wird durch die Strategie des Epaminondas<br />

wettgemacht, der das Überraschungsmoment<br />

der Schiefen Schlachtordnung einsetzt.<br />

Er macht mit seinen Sondereinheiten, darunter<br />

auch der «Heiligen Schar», nicht den<br />

rechten Frontabschnitt besonders stark, wie<br />

nach der klassischen Phalanx-Taktik üblich,<br />

sondern den linken. Damit bringt er Unruhe<br />

in die nach der traditionellen Methode aufgestellten<br />

Reihen der Spartaner. Diese wanken<br />

und lösen sich später auf. König Kleombrotos<br />

von Sparta fällt, und damit ist die<br />

Niederlage seines Stadtstaates besiegelt. Theben<br />

ist die neue Supermacht.<br />

Viele der Gay-Paare der «Heiligen<br />

Schar» kehrten aus Schlachten wie jener bei<br />

Leuktra nicht mehr zurück. Der Tod setzte<br />

mancher Liebe ein brutales Ende. Im Roman<br />

von Adamson ist es Hyppolitos, der nach dem<br />

Sieg über Sparta wie versteinert am Lager von<br />

Andromachos sitzt, dem einer der Feinde<br />

eine schwere Brustwunde zugefügt hat. Während<br />

er über ihn wacht, wird ihm einmal<br />

mehr bewusst, wieviel ihm der Freund bedeutet.<br />

Wenn es nur nicht zu spät ist für sie.<br />

Echte Navy Seals. Im Gegensatz zu unserer Geschichte <strong>im</strong> Artikel ist hier Homosexualität nach wie vor ein Tabu.<br />

©Bild: U.S. Department of Defense<br />

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Tablettenform, denn wir sind in der Welt<br />

des Altertums. Die Natur muss heilen.<br />

Die beiden jungen Männer sind Soldaten,<br />

die für Theben kämpfen – die wichtigste<br />

Stadt der mittelgriechischen Landschaft<br />

Böotien. Andromachos soll möglichst<br />

schnell wieder gesund werden, denn die Zeichen<br />

stehen in diesem Schicksalsjahr 371 v.<br />

Chr. auf Krieg. Auf Krieg mit dem mächtigen<br />

Sparta, das unter den griechischen<br />

Stadtstaaten eine Vormachtstellung einn<strong>im</strong>mt.<br />

Aber Hyppolitos sähe den Freund<br />

auch aus andern Gründen lieber heute als<br />

morgen wieder in Topform. Andromachos<br />

und er lieben sich, und jede Beeinträchtigung<br />

des einen erfüllt den andern mit Sorge.<br />

Sex muss warten<br />

Andromachos ist aber nicht so schwer verletzt,<br />

als dass ihn die helfenden Hände seines<br />

Geliebten am Oberschenkel nicht beinahe<br />

um den Verstand gebracht hätten. Er bedeutet<br />

Hyppolitos unmissverständlich, dass er<br />

sich zu ihm legen solle. Aber Hyppolitos<br />

bleibt für einmal kühl und denkt für beide.<br />

Es ist jetzt keine Zeit für Sex. Ihr Befehlshaber<br />

Epaminondas erwartet sie. Die Elitetruppe,<br />

in der Hyppolitos und Andromachos<br />

dienen, muss sich auf den Einsatz gegen<br />

Sparta vorbereiten.<br />

Weil sie hochmotiviert<br />

waren, profitierte davon<br />

die ganze Armee und<br />

letztlich die He<strong>im</strong>at.<br />

Die zwei sind die fiktiven Hauptfiguren<br />

<strong>im</strong> hochspannenden Roman «Geliebter<br />

Söldner» von Phil Adamson, in dessen Buch<br />

die «Heilige Schar» <strong>im</strong> Blickpunkt steht: eine<br />

militärische Sondereinheit der Thebaner.<br />

Diese Truppe ist kein Phantasieprodukt von<br />

Adamson. Es hat sie in der Antike tatsächlich<br />

gegeben.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


28 Forschung<br />

Forschung 29<br />

HIV & Alter<br />

HIV & Alter<br />

Sterben war gestern:<br />

Altern mit HIV<br />

Dank moderner Medikamente haben HIV-Patienten eine fast ebenso<br />

hohe Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Aber wie altert man<br />

mit diesen Medikamenten?<br />

Von Stéphane Praz & Haymo Empl<br />

I<br />

nsgesamt verlängerte sich die Lebensspanne<br />

der nach 2008 behandelten<br />

Aids-Kranken um zehn Jahre, wie aus<br />

einer Studie in der Fachzeitschrift «The<br />

Lancet HIV» hervorgeht. Heisst also, dass<br />

an AIDS erkrankte Menschen, die ihre Behandlung<br />

2008 oder später begonnen haben,<br />

lange und gesund leben können. Für<br />

die Studie werteten die Forscher der britischen<br />

Universität Bristol Daten von mehr<br />

als 80 000 HIV-Patienten aus Europa und<br />

den USA aus. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse<br />

seien wichtig, um Risikopersonen<br />

zu Aids-Tests zu ermutigen, erklärten<br />

die Wissenschaftler. Dennoch steht die<br />

Krankheit <strong>im</strong> Verdacht, den «Alterungsprozess»<br />

zu beschleunigen. Daher: Altern<br />

HIV-positive Menschen schneller? Wenn<br />

ja: alle? Auch in der Schweiz wird diesbezüglich<br />

geforscht.<br />

Rund um das Thema «HIV und Alter»<br />

sind noch viele Fragen offen. Nun will die<br />

Studie «Metabolismus und Aging», kurz<br />

M+A, zu fundierten Erkenntnissen gelangen.<br />

Wie das gelingen soll und welche Herausforderungen<br />

sich dabei stellen, erklärt<br />

Studienleiterin Helen Kovari <strong>im</strong> Interview.<br />

Frau Kovari, wie funktioniert die<br />

«Metabolismus und Aging» Studie?<br />

Helen Kovari: Das Prinzip ist einfach: Wir<br />

messen bei tausend HIV-Patienten, die<br />

mindestens 45 Jahre alt sind, verschiedene<br />

Werte wie Knochendichte, Nierenfunktion<br />

sowie die geistige Fitness. Zwei Jahre später<br />

führen wir dieselben Tests nochmals durch<br />

und sehen dann, bei welchen Patienten die<br />

Leistungen am stärksten abgenommen haben,<br />

also der Alterungsprozess am schnellsten<br />

fortschreitet. Bei 400 Patienten messen<br />

wir zusätzlich, ob Verengungen oder Verkalkungen<br />

der Herzkranzgefässe vorliegen<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong><br />

und wie rasch diese innerhalb der zwei Jahre<br />

fortschreiten. Diese Werte vergleichen<br />

wir mit einer Kontrollgruppe HIV-negativer<br />

Personen.<br />

Was ist das Spezielle an dieser Studie<br />

<strong>im</strong> Vergleich zu bisherigen Studien?<br />

In der M+A-Studie untersuchen wir verschiedene<br />

Organe gleichzeitig und über längere<br />

Zeit. So können wir diverse Befunde miteinander<br />

verknüpfen. Zum Beispiel werden wir<br />

untersuchen, ob Verkalkungen der Herzkranzgefässe<br />

einhergehen mit Abnutzungserscheinungen<br />

an den Knochen oder mit vorzeitig<br />

auftretender Demenz. Zudem wird die<br />

Studie <strong>im</strong> Rahmen der Schweizerischen<br />

HIV-Kohortenstudie SHCS (vgl. Box) durch-<br />

geführt. Die SHCS ist <strong>im</strong> internationalen Vergleich<br />

eine besondere Kohorte. Sie repräsentiert<br />

die HIV-positive Bevölkerung sehr gut,<br />

da sie drei Viertel aller HIV-Patienten in der<br />

Schweiz umfasst: sowohl Frauen als auch<br />

Männer, Personen, die sich über Drogenkonsum<br />

angesteckt haben, über homosexuellen<br />

Geschlechtsverkehr oder über heterosexuellen<br />

sowie Migrantinnen und Migranten.<br />

Warum untersuchen Sie Patienten ab<br />

45 Jahren?<br />

Mit 45 Jahren können sich auf Organebene<br />

bereits Veränderungen zeigen. Das ist von<br />

Person zu Person aber unterschiedlich. Dass<br />

wir die Grenze bei 45 Jahren zogen, hat letztlich<br />

auch praktische Gründe. Hätten wir die<br />

Schwelle bei 60 gesetzt, dann hätten wir viel<br />

weniger Patienten einschliessen können. Ein<br />

bedeutender Vorteil dieser Studie ist die<br />

grosse Zahl an Teilnehmern sowie deren Zusammensetzung,<br />

die repräsentativ ist für die<br />

HIV-positiven Personen in der Schweiz. Das<br />

wird sich in den Resultaten spiegeln.<br />

Liegen bereits Resultate vor?<br />

Nein. Die erste Testreihe wurde erst <strong>im</strong><br />

Spätsommer 2016 bei allen Teilnehmern<br />

abgeschlossen.<br />

Wie geht eine solche Untersuchung vonstatten?<br />

Für alle Tests bei einem Studienteilnehmer<br />

benötigen wir einen ganzen Tag. Wir nehmen<br />

Blut- und Urinproben (nüchtern) ab,<br />

messen die Knochendichte, fahren eine koronare<br />

Computertomografie und erfassen<br />

mittels neuropsychologischer Testung die<br />

geistige Fitness. Bei der Verlaufsuntersuchung<br />

nach zwei Jahren führen wir zusätzlich<br />

ein Interview zu den Ernährungsgewohnheiten<br />

durch.<br />

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Damit festgestellt werden, ob Menschen<br />

mit HIV schneller altern als die Allgemeinbevölkerung,<br />

muss mit einer<br />

negativen Kontrollgruppe verglichen<br />

werden …<br />

Für die Herzkranzgefässe-Untersuchung<br />

haben wir eine HIV-negative Kontrollgruppe.<br />

In dieser erfassen wir zusätzliche<br />

Informationen wie Risikofaktoren für<br />

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medikamenteneinnahme,<br />

körperliche Tätigkeit<br />

und weitere Informationen.<br />

Doch für die gesamte M+A-Studie<br />

haben wir keine HIV-negative Kontrollgruppe.<br />

Das wäre logistisch und finanziell<br />

eine grosse Herausforderung. Zudem wäre<br />

es grundsätzlich schwierig, eine geeignete<br />

Vergleichsgruppe zu finden.<br />

Werden Sie die Frage, ob HIV das Altern<br />

beschleunigt, beantworten können?<br />

Ich hoffe es. Unsere Resultate werden ein<br />

wichtiger Mosaikstein sein zur umfassenden<br />

Beantwortung dieser Frage.<br />

Helen Kovari<br />

ist Oberärztin mit erweiterter Verantwortung<br />

an der Klinik für Infektionskrankheiten und<br />

Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich.<br />

Als HIV-Spezialistin ist sie sowohl in der<br />

Betreuung von Patienten wie in der Forschung<br />

tätig. Im Rahmen der Schweizerischen<br />

HIV-Kohortenstudie leitet sie zurzeit zwei<br />

Studien, die sich mit dem Alterungsprozess<br />

HIV- positiver Personen sowie dem Einfluss<br />

von HIV auf die Leber beschäftigen.<br />

* Das Interview ist in ausführlicher Form in den «Swiss Aids<br />

News» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nachzulesen.<br />

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30 RATGEBER<br />

KOLUMNE 31<br />

Dr. Gay<br />

Thommen meint<br />

Dr. Gay<br />

Das<br />

G-Wort<br />

DR. GAY<br />

Dr. Gay ist eine Dienstleistung der Aids-Hilfe<br />

Schweiz. Die Fragen werden online auf<br />

www.drgay.ch gestellt. Ein Team von geschulten<br />

Beratern beantwortet dort deine Fragen,<br />

welche in Auszügen und anonymisiert <strong>im</strong><br />

«cruiser» abgedruckt werden.<br />

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40 Jahre, April 1977 – <strong>2017</strong><br />

lesen | schreiben | weiterbilden<br />

Rheingasse 67 | 4005 Basel<br />

Telefon 061 681 31 32<br />

VON Vinicio Albani<br />

Ist Urintrinken gefährlich?<br />

Ich trinke jeden Tag den Urin<br />

meines Mannes. Wir finden das<br />

beide richtig geil. Dabei macht er<br />

mir meistens direkt in den Mund<br />

und ich trinke alles. Meine Frage:<br />

Kann das für mich schädlich sein?<br />

Karl (33)<br />

Hallo Karl<br />

Das Trinken von Urin ist bezüglich HIV<br />

ungefährlich. Du solltest aber auf den Urin<br />

deines Mannes verzichten, wenn er krank<br />

ist (z.B. Harnwegsinfekt oder Blasenentzündung),<br />

um eine mögliche Infektion zu<br />

vermeiden. Sexuell übertragbare Infektionen<br />

(STI) die über Urin übertragen werden<br />

können, sind Hepatitis B (und unter Umständen<br />

auch A), sowie Tripper. Ich rate dir,<br />

dich gegen Hepatitis A und B <strong>im</strong>pfen zu<br />

lassen. Wende dich dafür am besten an den<br />

Checkpoint: mycheckpoint.ch.<br />

Alles Gute, Dr. Gay<br />

Das Kondom ist abgerutscht.<br />

Was jetzt?<br />

Ich hatte vor ein paar Tagen eine<br />

Risikosituation und bin total<br />

verunsichert. Be<strong>im</strong> Analverkehr ist<br />

das Kondom abgerutscht und ich<br />

habe es erst knapp eine Minute<br />

später bemerkt. Ich war dabei der<br />

Aktive. Mein Sexpartner sagte, er<br />

hätte vor etwa zwei Monaten<br />

ungeschützten Sex mit jemandem<br />

gehabt, der HIV-positiv ist, aber<br />

unter der Nachweisgrenze liege.<br />

Wie hoch ist das Risiko, dass er<br />

sich da angesteckt hat? Und wie<br />

hoch ist mein Risiko?<br />

Patrick (29)<br />

Hallo Patrick<br />

Unfälle können passieren. In deinem Fall<br />

ist das Kondom abgerutscht und du hast<br />

weniger als eine Minute ohne Kondom gefickt.<br />

Ungeschützter Analverkehr gilt als<br />

hohes HIV-Risiko. Ein wichtiger Faktor für<br />

die Risikoeinschätzung ist aber auch die<br />

Dauer der Exposition. Je länger sie dauert,<br />

desto höher das Risiko. In deinem Fall war<br />

die Dauer kurz. Dennoch war es ein Risiko.<br />

Wenn du Klarheit möchtest, empfehle ich<br />

dir einen HIV-Test machen zu lassen. Dieser<br />

ist bereits 15 Tage nach Risiko möglich.<br />

Wende dich für Test und Beratung am besten<br />

an den Checkpoint (mycheckpoint.ch).<br />

Analverkehr ohne Gummi mit einer<br />

HIV-positiven Person, welche unter wirksamer<br />

Therapie ist und bei der keine HI-<br />

Viren <strong>im</strong> Blut nachweisbar sind, ist sicher.<br />

Sogar sicherer als ein Kondom, weil eben<br />

Kondompannen ausgeschlossen sind. Der<br />

«Schutz durch Therapie» gilt als Safer Sex.<br />

Mehr zum Thema #undetectable findest du<br />

auf drgay.ch/undetectable.<br />

Alles Gute, Dr. Gay<br />

Seit geraumer Zeit gibt es Wörter, die mit Tabus belegt worden sind.<br />

Sie werden mit den Anfangsbuchstaben abgekürzt: n- f- mf-.<br />

Ähnlich der sexuellen Variationen bei den Buchstabenmenschen.<br />

VON PETER THOMMEN<br />

D<br />

as «P-Wort» kennen fast alle und<br />

damit wird <strong>im</strong>mer wieder eifrig Politik<br />

gegen Schwule gemacht. Aber<br />

das G-Wort ist den meisten unbekannt.<br />

Dabei leben wir in einer Kultur, die sich<br />

mit älteren Männern nicht nur wegen der<br />

Rente schwertut. Der Monotheismus gebietet<br />

uns sogar, einen uralten Gott zu «lieben»<br />

und «keinen anderen neben ihm» zu<br />

haben.<br />

Ich konnte nie etwas Sexuelles mit älteren<br />

Männern anfangen und habe <strong>im</strong>mer Verständnis<br />

für die jüngeren und respektiere deren<br />

Orientierung zu ihrer Altersgruppe.<br />

Allerdings habe ich mich <strong>im</strong>mer auch mit älteren<br />

Männern unterhalten und mich notfalls<br />

auch abgegrenzt. Klar kann ich nur mit wenigen<br />

Älteren diskutieren – weil die meisten<br />

sind für mich irgendwo mit 30 oder 40 «stehen<br />

geblieben». Aber das ist mein Problem!<br />

Zufällig bin ich kürzlich auf der Seite<br />

des Sissymagazins in einer Filmbesprechung<br />

folgenden prägnanten Worten begegnet:<br />

«Und dann treten auch noch zwei alte Männer<br />

als Widerständige einer Zeit auf, die<br />

nicht mehr ihre ist. Alte schwule Männer,<br />

die ‹grausam› aus der jungen queeren Szene<br />

verbannt sind, wie es Filipe und Marcio sagen,<br />

aber eben auch Vorreiter jener Rechte<br />

sind, die die Jungen in Brasilien geniessen.»*<br />

Die queeren Falschsexuellen beklagen<br />

sich <strong>im</strong>mer mal wieder über gegenseitige<br />

Ausgrenzungen. Aber über die Ausgrenzung<br />

der Alten innerhalb der eigenen Buchstabenreihen<br />

verlieren sie kein Wort! Amen.<br />

Nicht jeder Geronto-Sex ist<br />

auch eine Gerontophilie<br />

Zufällig kam heute ein junger Mann<br />

mit farbigem Teint in den Buchladen herein,<br />

scheu schaute er sich um und bemerkte lapidar:<br />

Bücher. Um ihn nicht einfach «hängen»<br />

zu sehen, fand ich in ein Gespräch und er<br />

sagte schnell, er finde sich nicht zurecht. Ich<br />

antwortete ihm, in den Jahren Anfang 20 sei<br />

das nicht selten. Er hat Erfahrungen mit<br />

Frauen, aber es zieht ihn <strong>im</strong>mer mal wieder<br />

sexuell zu älteren Männern. (Da war ich übrigens<br />

froh, ihm nicht schon die Jugendgruppe<br />

empfohlen zu haben.)<br />

Aber <strong>im</strong> Ernst: Was tut ein junger<br />

Mann, wenn er <strong>im</strong>mer wieder spürt, dass die<br />

Anwesenheit Älterer ihn irgendeine Wärme<br />

spüren lässt, die <strong>im</strong> gesellschaftlich vorgege-<br />

benen Konzept nicht vorkommt? Zufällig ist<br />

er <strong>im</strong> allgemeinen «Heterokuchen» an zwei<br />

oder drei Männer geraten, die seine Bedürfnisse<br />

erwiderten. Aus diesen engen Grenzen<br />

in der ganzen gesellschaftlichen Weite suchte<br />

er zusätzliche Möglichkeiten. Wenn er<br />

sein Bedürfnis gestillt hatte, interessierte ihn<br />

der Partner nicht mehr weiter.<br />

Die Gaysauna ist aktuell am idealsten für<br />

seine Annäherungen an Männersex. Doch wie<br />

er das in sein Leben integrieren kann, bleibt<br />

offen. Frauen sind nicht interessiert, ihre Männer<br />

mit anderen Männern zu teilen …<br />

Nicht jeder Geronto-Sex ist auch eine<br />

Gerontophilie (das «G-Wort»). So wie nicht<br />

jeder Männersex auch eine Männerliebe ist<br />

oder wird. Und dies kann auch nicht mit der<br />

Öffnung der Ehe geregelt werden. So sind<br />

und waren Schwule schon <strong>im</strong>mer ein Medium<br />

zwischen den «Falsch-» und den «Richtigsexuellen».<br />

Von den anderen Buchstaben<br />

ganz zu schweigen.<br />

Das G-Wort gibt es auch bei den Heterosexuellen,<br />

zwischen Männern und Frauen.<br />

Da kommt allerdings die Fortpflanzung<br />

dazu, die durch das Alter Grenzen setzt bei<br />

den Frauen.<br />

* «Das Nest» von Filipe Matzembacher und Marcio<br />

Reolon, BR 2016, dt. Untertitel, Ed. Salzgeber Berlin.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


32 Flashback<br />

Marktplatz 33<br />

<strong>Cruiser</strong> vor 30 Jahren<br />

Kleinanzeigen<br />

Flashback<br />

<strong>Cruiser</strong> feiert sein<br />

30-jähriges Bestehen.<br />

Daher blicken wir<br />

während des ganzen<br />

Jahres an dieser Stelle<br />

auf die alten Ausgaben<br />

zurück. Dieses Mal:<br />

Der Tod des Alexander<br />

Ziegler.<br />

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Von Haymo Empl<br />

N<br />

ach der Premiere seines Stückes<br />

«Kokain oder der einsame Kampf<br />

des Philipp Neukomm» <strong>im</strong> Juli<br />

1987 schluckte Alexander Ziegler Schlaftabletten,<br />

um sein Leben zu beenden. Man<br />

fand ihn <strong>im</strong> Zürcher Kammertheater tot<br />

auf. Die Schweizerische Nachrichtenagentur<br />

SDA fasste am 12. August 1987 zusammen:<br />

«Laut dem Polizeisprecher fand eine<br />

Putzfrau am Nachmittag die Leiche in einem<br />

Buero des Kammertheaters Stok, in<br />

dem derzeit Zieglers jüngstes Stück ‹Kokain›<br />

läuft.» Es sei eine gerichtsmedizinische<br />

Untersuchung angeordnet worden, die<br />

Klarheit bringen solle, deren Ergebnisse<br />

aber voraussichtlich erste Ende Woche vorlägen.<br />

Der <strong>Cruiser</strong> trauerte seinerzeit mit<br />

einigen Ziegler-Texten. Dieser hier stammt<br />

nicht aus dem <strong>Cruiser</strong>-Archiv, sondern aus<br />

demjenigen von Peter Thommen:<br />

m<br />

sauna<br />

Mit unseren<br />

Revisionsarbeiten<br />

sorgen wir dafür,<br />

dass deine<br />

Lieblingssauna auch<br />

in Zukunft so<br />

schön bleibt, wie<br />

sie ist.<br />

Jeder schöne<br />

schnauz<br />

braucht etwas<br />

Pflege…<br />

… deshalb bleIbt das MOustache aM<br />

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CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


34 xxx<br />

XXX 35<br />

xxx<br />

XXX<br />

Wir wünschen einen<br />

schönen <strong>Sommer</strong>!<br />

Die Redaktion vom <strong>Cruiser</strong> verkriecht sich nun für die <strong>Sommer</strong>pause. Wir sind<br />

ab 1. September wieder zurück am Start und freuen uns auf viele spannende<br />

und queere Geschichten.<br />

Anne Andresen<br />

Tanzt dieses Jahr jedes<br />

Wochenende auf einer<br />

anderen Hochzeit und<br />

wird sich anschliessend in<br />

einem Haus am Meer davon<br />

erholen.<br />

Yvonne Beck<br />

Yvonne wird sich diesen<br />

<strong>Sommer</strong> ihrem neuen Urban<br />

Gardening Projekt widmen<br />

und in ihrer alten He<strong>im</strong>at<br />

Berlin einige laue <strong>Sommer</strong>nächte<br />

geniessen.<br />

Haymo Empl<br />

Wird hart an seinem Teint<br />

arbeiten und hernach über<br />

die faltige Haut jammern.<br />

Andy Faessler<br />

Wird sich in Thailand darin<br />

üben, keinen Sonnenbrand<br />

zu bekommen. Die Pläne<br />

für danach sind noch<br />

nicht geschmiedet.<br />

Dr. Gay<br />

Vinicio Albani wird sich<br />

mental und musikalisch<br />

vom <strong>Sommer</strong> inspirieren<br />

lassen und chillige <strong>Sommer</strong>tracks<br />

produzieren.<br />

Birgit Kawohl<br />

Trainiert ihr Gehirn bei<br />

«Familien Duell» auf «RTL<br />

plus» und filmt sich mit der<br />

GoPro be<strong>im</strong> Abtauchen in<br />

der Adria.<br />

Moel Maphy<br />

Wird sich in den Glarneralpen<br />

<strong>im</strong> Käsemachen<br />

versuchen, ein Seminar ist<br />

gebucht! Alleine unter<br />

Heteros …<br />

Mirko<br />

Cruist zwischen Kroatien<br />

und der Wohnung seiner<br />

Eltern in Dietikon und weiss<br />

noch nicht genau, wann er<br />

wo mit wem sein wird.<br />

Michi Rüegg<br />

Geht campen in Südfrankreich<br />

und macht sich am<br />

Canal du Midi auf die Suche<br />

nach einer verschollenen<br />

Cousine.<br />

Nicole Senn<br />

Hat sommertechnisch keine<br />

grossen Pläne und hält in<br />

Zürich Stellung.<br />

Alain Sorel<br />

Bunkert sich ein gegen die<br />

Sonne und versucht, an<br />

kühlen Orten lesend die<br />

grosse, die schreckliche<br />

Hitze zu überdauern.<br />

Peter Thommen<br />

Wird mit seiner Schwester<br />

Zugs- und Schiffsausflüge<br />

machen und ab- und zu <strong>im</strong><br />

Internet nachschauen, ob<br />

die Welt sich weiterdreht.<br />

Anastasiya Udovenko<br />

Geht baden. Und zwar so<br />

richtig – mit Partner und<br />

nach Süditalien.<br />

CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong> CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>


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CRUISER <strong>Sommer</strong> <strong>2017</strong>

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