thema 2/17

Ingenieurkammer.Bau.NRW

Thema will ein Reflexions- und Inspirationsmedium sein. Wir begeben uns damit bewusst ein wenig weg vom Ingenieurwesen, wechseln munter Kontexte und schlagen Bögen zu gesellschaftsbindenden Bereichen wie Wissenschaft und Kunst. Diesmal geht es um: den Ingenieur und sein Selbstbewusstsein.

Ingenieurkammer-Bau

Nordrhein-Westfalen

Zeitung der

Ingenieurkammer-Bau NRW

thema:

2.17

SELBST & BEWUSSTSEIN

Thema will ein Reflexions-und Inspirationsmedium sein. Wir begeben uns damit

bewusst ein wenig weg vom Ingenieurwesen, wechseln munter Kontexte und

schlagen Bögen zu gesellschaftsbildenden Bereichen wie Wissenschaft und Kunst.

Diesmal geht es um: den Ingenieur und sein Selbstbewusstsein.

Selbstbewusstsein:

eine Mischung aus Selbstreflexion

und Selbstvertrauen.

Selbstherrlichkeit:

eine eingedickte, verschließende,

einsam machende, ungesunde Form

des Selbstbewusstseins.

Selbstmisstrauen:

die Fähigkeit, sein Selbst stets

und immer wieder zur Disposition

zu stellen. Laster oder Gabe?

Dass Menschen unterschiedlich selbstbewusst sind – profan. Dass ganzen

Professionen pauschal mehr oder weniger Selbstbewusstsein zugeschrieben

wird – normal. Aber warum ist das so? Ist das wahr? Und was ist überhaupt

Selbstbewusstsein?

Selbstbewusstsein hat zwei Dimensionen. Einerseits versteht man darunter

das Erkennen der eigenen Persönlichkeit, das durch Reflektieren und Sichinfrage-Stellen

herbeigeführt wird. Nur wer sich die Frage „Wer oder was

bin ich?“ regelmäßig stellt und nach Antworten danach sucht, kann „sich

seiner selbst bewusst“ genannt werden.

Zum anderen beschreibt Selbstbewusstsein etwas, das im Englischen „selfconfidence“

oder „self-assurance“ heißt. Dahinter stecken Begriffe wie Vertrauen,

Zuversicht, Gewissheit, Sicherheit. Ein selbstbewusster Mensch verspürt

Vertrauen, Zuversicht, Gewissheit und Sicherheit in so ausgeprägter

Form, dass er angstlos in die Zukunft schaut und geht.

Selbstbewusstsein ist also eine Mischung aus Selbstreflexion und Selbstvertrauen.

Es geht im Kern darum, von seinen Fähigkeiten und von seinem

Wert als Person überzeugt zu sein.

Fähigkeit reicht nicht, sie muss auch dargestellt werden

Als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft müssen wir (zu etwas) fähig und

kompetent (in etwas) sein. Das ist klar. Fähigkeit allein reicht in der durchmedialisierten

Gesellschaft von heute aber lange nicht, sie muss auch dargestellt,

neudeutsch: performt werden.

Selbstbewusstsein –

ein Update


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

QUELLEN UND LINKS

Brewer’s Dictionary of modern

Phrase & Fable, 2nd Edition.

Weidenfeld & Nicolson, London 2006

Bröckling, Ulrich/Krasmann,

Susanne (Hrsg.): Glossar der

Gegenwart. Suhrkamp, Frankfurt

am Main 2004

Dr. Rainer Hegenbart (Hrsg.):

Wörterbuch der Philososphie.

Humboldt Taschenbuch, München

1984

Franz Kafka: Brief an den Vater.

Reclam Verlag, Stuttgart 1995

Andreas Urs Sommer: Die Kunst,

selber zu denken. Eichborn, Frankfurt

am Main 2002

Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der

Entscheidungen. Fischer Taschenbuch,

Frankfurt am Main. 3. Auflage,

2014

John Updike: Selbst-Bewusstsein.

Erinnerungen. Rowohlt, Hamburg,

3. Auflage, 2010

Shaun Usher (Hrsg): Lists of Note.

Heyne Verlag, München 2014

brainyquote.com

ingenieur.de

sueddeutsche.de

wikipedia.de

Bewegen wir uns dazu einmal in den Entertainmentsektor, um eine Performance-Meisterin

bei der Arbeit zu betrachten. Stefani Joanne Angelina

Germanotta, besser bekannt als Lady Gaga, darf man die Queen der Selbstund

Vollinszenierung nennen. Bei ihr ist die Darstellung weit wichtiger

als die primäre Leistung (Musik/Komposition), ja die Darstellung ist zur

eigentlichen Leistung geworden. Alles dreht sich vorrangig um ihre bizarren

Bühnen-Outfits: eine goldene Körperrüstung mit Maschinengewehr-BH,

ein Auftritt als überdimensionale Zahnfee oder als blutiges Kotelett. Von

Lady Gaga kann man viel über Selbst, Wert und Inszenierung lernen: „Ich

kann den ganzen Tag Hits schreiben, aber wen interessiert das? Ich könnte

in einem Jahr verschwinden, und die Leute würden sich nicht wundern,

aber wenn ich nackt in einer Seifenblase übers Publikum schwebe, dann

werden sie das bestimmt nicht vergessen.“

Ingenieure stehen für Sein statt Schein

Mit dieser extremen Art der Selbstinszenierung und Scheinweltkonstruktion

haben Ingenieure wenig am Hut. Sie haben gar keine Zeit dafür. Denn das

Primäre bleibt für sie primär – das Erkennen und Lösen von echten Problemen,

das Entwickeln von lebensrelevanten Ideen, Lösungen, Konstruktionen.

Dabei orientieren sich Ingenieure an vom Zeitgeist gerade eher vernachlässigten

Werten wie: Sorgfalt, Akribie, Rationalität, Ernsthaftigkeit. Ingenieure

können ihre Leistung eben nur bringen, sie können Qualitätsgaranten

nur sein, wenn sie gewissenhaft und gründlich sind, wenn sie Dinge, Menschen,

Kontexte ernst nehmen und viel Zeit und Gehirn in echte Probleme

und ihre Lösungen investieren.

Das Nachrichtenportal ingenieur.de bestätigt diese Haftung ans Echte übrigens

auf charmante Weise. Es hat jüngst „10 Gründe, einen Ingenieur zu

lieben“ veröffentlicht. Gründe wie „Die Auswahl ist groß, es gibt 1,6 Millionen

davon in Deutschland“ (Grund 3), Ingenieure können gut erklären

(Grund 8), sind flexibel (Grund 4), planvoll (Grund 6), konstruktiv und

kreativ (Grund 5). Grund 7 bringt es auf den Punkt: „Ingenieure stehen für

Sein statt Schein.“

Supertugend Selbstdisziplin

Das spezielle Selbstbewusstsein der Ingenieure gründet also auf speziellen

Werten und Tugenden. Zu diesen zählt auch eine stark unterschätzte Superqualität:

Selbstdisziplin.

Ein Selbstdisziplinfanatiker erster Güte war und ist z. B. James Dyson, geb.

1947 in Norfolk, einer Intellektuellenfamilie entstammend. Wohin man

auch guckt im Stammbaum: lauter Lehrer, Priester, Altphilologen. Es ist

augenfällig: In der Dyson-Familie wird traditionell lieber theoretisiert als

hergestellt. James aber studiert – dezent rebellisch – Produktdesign und verliebt

sich in Technik. Er wird der erste Dyson, der etwas „Echtes“ produzieren

will. 15 Jahre oder 5126 Prototypen lang experimentiert Dyson in einer

kleinen Werkstatt an seiner großen Idee herum: Er will der Welt einen

Staubsauger ohne Beutel schenken (der nach dem Prinzip des Fliehkraftscheiders

funktioniert). Zu dieser Zeit des Radikaltüftelns ist er schon verheiratet

und Vater von drei Kindern. Die Familie hungert, und seine Frau

muss die Kleidung für alle fünf selbst nähen, hält aber fest zu ihrem charmant

besessenen James.

Der 5127. Prototyp bringt endlich den Durchbruch, der beutellose Sauger

wird ein Welterfolg. Heute ist James Dyson, der Eigensinnige und Super-

Disziplinierte, berühmter als Daniel Düsentrieb. Er leitet ein Unternehmen

mit 3.600 Mitarbeitern (davon 600 Ingenieure) und widmet sich weiter echten

Problemen (so gilt seine Aufmerksamkeit seit einiger Zeit dem „Digitalmotor“,

der Neuerfindung des Elektromotors).

Man kann sagen: James Dyson verkörpert die Idee des Ingenieurs als eigenwilliger

und disziplinierter Problemerkenner und -löser, der sich nicht um

Scheinwelten und Spektakel kümmert, sondern um die großen und kleinen

wichtigen Dinge des Lebens und Fortschritts.

Kein Ding ohne ING.

Überträgt man das gesunde Selbstbewusstsein eines James Dyson auf die

Profession des Bau-Ingenieurs, klingt das so:

Ohne uns Ingenieurinnen und Ingenieure läuft, geht und steht gar nichts.

Ohne uns Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen gäbe es keine Messehallen,

keine Häuser, keine Fluchtwege, keine Fahrradständer, keinen

Kreisverkehr, keine Brücken, keine Bahnstrecken, keine Kläranlagen, keine

Deiche, keine Operationssäle, keine Entlüftungsschächte, keine Erdgasverflüssigungsanlagen,

keine Flughäfen, keine Formel-1-Strecken.

Wir haben überall unsere Gehirne und Hände im Spiel. Wir sind es, die die

Welt um und für uns (mit)bauen. Bei aller Bescheidenheit.


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Andrea Wilbertz im Doppelinterview mit der Ärztin Dr. med. Christine Bienek, Chefärztin für

Innere Medizin und Geriatrie bei den Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel und dem Bauingenieur

Dipl.-Ing. Torsten Schröder, Leiter des Tiefbauamtes der Stadt Kempen. Über Werte, Stärke und

das Image.

Man muss der

Überzeugung folgen

Was macht eine exzellente Ärztin, einen exzellenten Ingenieur aus?

Bienek: Menschlichkeit. Ärzte sollten nicht nur Mediziner sein. Ein Arzt ist mehr. Er sollte als Mensch

auf Menschen zugehen und sie komplex wahrnehmen können.

Schröder: Die technische Kompetenz immer vorausgesetzt: Ingenieure sollten erkennen, was der

Auftraggeber genau will. Auch bei einer Stützkonstruktion können Nuancen wichtig sein, um das

Optimum herauszuholen und damit alles sicher bleibt. Wir müssen beraten können. Aber wir müssen

auch die Grenzen des Machbaren erkennen. Also auch mal nein sagen.

Bienek: Das ist für uns Ärzte nicht viel anders. Tumorpatienten zum Beispiel wollen – nachvollziehbar

– oft auch die letzte theoretische Möglichkeit nutzen. Wir sollten als Ärzte aber im Blick

behalten, dass wir nicht Unmögliches versuchen zu erfüllen. Auch wir müssen nein sagen können.

So schwer es auch fällt.

Aktives Zuhören – gerade in meinen Fachbereichen Innere Medizin und Geriatrie – ist

dabei ein ganz wichtiger Wert. Zeit verliere ich nicht, wenn ich zuhöre. Zeit fehlt mir,

wenn ich nicht gut zuhöre und immer wieder Zweifel und neue Fragen beim Patienten

aufkommen.

Braucht es eine ganz besondere persönliche Stärke, so klar die eigenen Werte zu verfolgen?

Es klingt nach einer hohen Zufriedenheit. Was führt zu dieser Überzeugung?

Schröder: Wenn ich lerne, dass das, was ich tue, anerkannt und akzeptiert ist, dann

werde ich als Persönlichkeit stark.

Bienek: Ja, dann bin ich aus mir heraus selbstbewusst. Dann kann ich auch schwierigen

Situationen angemessen gegenübertreten.

Schröder: Dann kann ich dieses Selbstbewusstsein nach außen tragen und meine Positionen

gut vertreten. Aber auch andere Positionen zulassen.

Was sind aus Ihrer Sicht schwierige Situationen? Wann brauche ich als Arzt diese

persönliche, wertegebundene Stärke. Wann brauche ich sie als Ingenieur?

Bienek: Wenn Sie einem Patienten schlechte Nachrichten übermitteln müssen, dann

müssen auch Sie diese Situation aushalten, das Maß und die Geschwindigkeit der Information

steuern können. Wenn Sie selbst unsicher sind, werden Sie eher aus der Situation

fliehen. Kurz, knapp, sachlich informieren und möglichst schnell den Raum verlassen

wollen. Es braucht eigene innere Stärke, es braucht dem Menschen zugewandte Werte,

um die Situation behutsam und in Ruhe meistern zu können. Ich nehme häufig Assistenzärzte

mit in solche Gespräche. Daran können sie lernen und erfahren, dass es gut

ist, zu bleiben, zu sprechen und zuzuhören.

Welche Werte sind es, die für Sie als Ärztin, für Sie als Ingenieur wichtig sind? Sind die Werte

unterschiedlich zu Ihren privaten Werten?

Schröder: Die Werte kann man nicht voneinander trennen. Berufliche und private Werte sollten

eine Einheit sein. Ich wollte als Kind schon immer zeichnen, tüfteln. Ich war zufrieden, wenn meine

Burg aus Bausteinen stand und gut aussah. Natürlich habe ich mich auch gefreut, wenn andere sie

bewundert haben. Aber es war eigentlich nicht wichtig. Mir reichte, dass ich es geschafft hatte. Es ist

mein Selbstverständnis, dass ich das, was ich mache, aus Leidenschaft tun muss. Mit innerer Überzeugung,

mit fachlicher Kompetenz, nicht für den Applaus. Vielleicht ist das auch die Basis, um klare

Entscheidungen treffen zu können.

Bienek: Ja, das sehe ich ähnlich. Die Werte, die Überzeugungen, die ich als Ärztin verfolge, verfolge

ich auch als Privatperson. Schon immer. Es ist mir wichtig, mit meiner Familie zu leben, dass dort

viel gesprochen und vor allem auch zugehört wird. Nicht anders ist es für mich in meinem Beruf.


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Schröder: Als Ingenieur in einer kleineren Stadt ist es oft ähnlich. Da geht es nicht um Leben und

Tod. Ganz klar. Aber doch oft um Veränderungsprozesse, die gerade ältere Bürgerinnen und Bürger

schnell verunsichern können. Die Straße wird gesperrt, die Bushaltestelle verlegt etc. Da ist es wichtig,

dass wir zuhören, aber auch klar bleiben in unseren Aussagen. Das können Sie nicht, wenn Sie

nicht von dem überzeugt sind, was und wie Sie es tun.

Ärztin und Ingenieur scheinen sich einig in Werten und Kompetenz. Woher kommt es dann, dass

der Arzt auf Partys immer gleich konsultiert wird, beim Ingenieur aber gerne schnell das Thema

gewechselt wird?

Schröder: Ich denke, beide Berufe sind in der Gesellschaft hoch angesehen. Aber wir Ingenieure

beschäftigen uns originär ja mit toten Dingen – Stahl, Beton, Gebäude, Kanäle etc. Wir sind oft

Spezialisten für Dinge, die eher dem Wissen eines Nerds zugeschrieben werden. Das

finde ich nicht falsch. Aber die emotionale Betroffenheit der Menschen ist da halt nur

selten gegeben. Unsere „Babys“ sind unsere Bauwerke. Wir freuen uns, wenn die Kreuzung

funktioniert wie geplant. Aber all diese „Dinge“ sprechen nicht über uns. Und

wenn alles läuft, spricht nicht mal der Anwohner drüber.

Bienek: Das ist sicher der Unterschied. Unsere Patienten sprechen mit Freunden und

Bekannten über den Arzt. Und wir bekommen direkte Rückmeldung vom Patienten,

ob gut oder schlecht. Und eines noch: Menschen vertrauen uns sehr vieles, sehr Persönliches

an. Dies und die persönliche Betroffenheit des Patienten machen vielleicht

den Unterschied.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weltüberlegenheit.

Fitness.

Reinlichkeit.

Drei Listen mit

Werten,

Qualitäten,

Tugenden

Die zehn charakterlichen

Qualitäten des Hermann Kafka

Franz Kafka, der Weltklasseautor,

visionäre Zweifler und unglückliche

Sohn, schrieb seinem Vater

Qualitäten zu, die ihm selbst total

fremd waren und blieben (im

berühmten „Brief an den Vater“).

Hier sind sie:

Weltüberlegenheit

Stimmkraft

Appetit

Redebegabung

Gesundheit

Selbstzufriedenheit

Ausdauer

Geistesgegenwart

Menschenkenntnis

eine gewisse Großzügigkeit

Die elf persönlichen Werte

des Steve Pavlina

Steve Pavlina ist ein sogenannter

„professioneller Persönlichkeitsentwickler“,

der seine persönlichen

Werte alle 3–6 Monate überarbeitet.

Hier sind seine aktuellen elf:

Klarheit/Fokus

Gesundheit/Vitalität/Fitness

Frieden

Bindung/Einfühlsamkeit

Intelligenz/Vernunft

Ehre/Ehrlichkeit

Mut

Spaß/Humor

Exzellenz/Können

Einfluss/einen Unterschied machen

Wachstum

Die dreizehn Tugenden

des Benjamin Franklin

Benjamin Franklin war später

in seinem Leben Wissenschaftler,

Komponist, Verleger, Autor,

Businessman und Politiker. 1726,

als er gerade 20 war, schrieb er die

folgenden dreizehn Tugenden auf,

an die er sich zu halten gedachte,

um ein möglichst fehlerloses, sittlich

vollkommenes Leben zu leben.

Mäßigung

Stille

Ordnung

Entschlossenheit

Genügsamkeit

Fleiß

Aufrichtigkeit

Gerechtigkeit

Moderation

Reinlichkeit

Gelassenheit

Keuschheit

Demut


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Eine Kunst:

sich selbst absolut

super finden

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Großes Selbstwertgefühl drückt sich gern in großen Gesten

aus, also in markanten Körperbewegungen, durch die wir

mit anderen kommunizieren. Hier sind drei der größten:

Daumen hoch!

Performt von Gaius Julius Cäsar, um 100 v. Chr.

Zunge raus!

Performt von Albert Einstein (1951)

To Di World!

Performt von Usain Bolt (2008–2017)

Rom, Circus Maximus, zwei Gladiatoren in der Arena, einer

verliert. Der Unterlegene winselt um Gnade, der Schiedsrichter

wendet sich an den Veranstalter der Spiele, Gaius Julius

Cäsar, der das Urteil fällt, aber nur wenn ihm danach ist.

Manchmal überlässt er die Entscheidung auch dem Plebs auf

der Tribüne. In unserer Vorstellung fällen Cäsar und/oder

die Zuschauer nun das Todesurteil, wenn sie mit dem Daumen

nach unten zeigen. Da es in der römischen, vorchristlichen

Vorstellungswelt den Begriff Himmel (Reich der Guten)

und Hölle (Reich der Bösen) nicht gibt, ist es aber

ebenso wahrscheinlich, dass ein Todesurteil per Daumen

nach oben – als Symbol für die Entfernung von Mutter Erde

– ausgedrückt wird. Die Experten für „Gestik des Altertums“

streiten sich noch. Eins ist aber klar: Der hochgestreckte

Cäsar-Daumen ist eine große Geste der Macht.

An seinem 72. Geburtstag ist Albert Einstein in Princeton

privat mit Freunden unterwegs, als sich ein Fotografen- und

Reporterrudel bildet und nach gut verkaufbaren Fotos und

knackigen Statements lechzt. Einstein wird der Trubel zu viel,

der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit streckt der versammelten

Presse die Zunge raus – und wird natürlich dabei

abgelichtet. Später verschickt er das Motiv selber als Grußkarte,

denn er gefällt sich gut als frecher Albert. Die rausgestreckte

Zunge verdeutlicht seine Haltung gegenüber der engstirnigen

Wissenschaft und gegenüber dem berüchtigten Senator

McCarthy, der damals Jagd auf allerlei Prominente macht und

sie auf „unamerikanische Umtriebe“ durchleuchtet. Einstein

wird mit dieser großen Geste der Unangepasstheit zum exemplarischen

Anti-Spießer.

Usain St. Leo Bolt, 32, Jamaikaner, sensationeller Sprinter.

Größe: 195 Zentimeter, Beinlänge: 110 Zentimeter (von der

Sohle bis zur Hüfte), Schrittlänge: bis zu 295 Zentimeter. Achtfacher

Olympiasieger, elffacher Weltmeister, Weltrekordhalter

über 100 Meter (9,58 Sek.) und 200 Meter (19,19 Sek.).

Schnellster auf Erden (bis August 2017), Blitz auf zwei Beinen.

Mindestens so berühmt wie für seine Siege ist Bolt für seine

Sieger-Pose: die zum Himmel gereckten, ausgestreckten Zeigefinger,

mit einem angewinkelten und einem ausgestreckten

Arm. Sie erinnert an klassische antike Statuen und heißt im

englischsprachigen Raum „Lightning Bolt“ oder „To Di World

pose“. Tatsächlich hat der tanzaffine Usain sie wohl dem jamaikanischen

Dancehall-Reggae entfremdet, dort ist sie Bestandteil

des Tanzes „To Di World“ (Jamaikanisch für „to the world“).

Bolt zeigt die Pose zum ersten Mal 2008, bei den Olympischen

Spielen in Beijing. Eine große Geste des Sichselbstfeierns.


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Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

John Updike

„Jegliche Zimperlichkeit

wurde aus mir

herausgehänselt.“

Hier sei auf eine schonungslose und dabei unterhaltsame Selbstbespiegelung hingewiesen: auf John

Updikes Autobiografie „Selbst-Bewusstsein“. Er rechnet darin mit den eigenen Unzulänglichkeiten,

Peinlichkeiten und Prägungen ab. Er erinnert sich aber auch an Schönes, Erhabenes und Wegweisendes.

Zum Beispiel an die Maximen seines Großvaters: „Halte dich außer Reichweite des Leids auf.

Unterdrücke den Geist nicht. Vergrabe dein Pfund nicht in der Erde, sondern wuchere mit ihm.“ Und

daran, dass die Aufgabe des Selbst ist, „sich in Übereinstimmung, ja in jubelndem Einklang mit dem

ungeheuren kosmischen Anderen zu bringen: sagen wir, sich des Weges vom Briefkasten zurück zum

Haus zu freuen“.

John Updike

Selbst-Bewusstsein

Erinnerungen

Rowohlt, Hamburg

3. Auflage, 2010


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Ohne Ingenieurinnen und Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen

gäbe es keine Messehallen, keine Häuser, keine Brücken,

keine Bahnstrecken, keine Kläran lagen, keine Deiche, keine Flughäfen

und keine Ampeln. Ingenieurinnen und Ingenieure

haben überall ihr Gehirn und ihre Hände im Spiel. Sie gestalten

wesent liche Bereiche des Lebens.

Die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen (IK-Bau NRW)

unterstützt ihre Mitglieder umfassend. Sie fördert den Ingenieurnachwuchs.

Sie sorgt für Qualität. Sie schärft das Bewusstsein für

hochwertiges Bauen. Und einiges mehr.

Drei Kammern in einer

Die IK-Bau NRW ist das Dach für mittlerweile mehr als 10.000 Beratende Ingenieure, sonstige Beratende

Ingenieure, Öffentlich bestellte Vermessungsingenieure, selbstständig oder gewerblich tätige,

angestellte oder beamtete Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen. Sie übernimmt für ihre Mitglieder

u. a. Aufgaben wie diese:

Als Aufsichtskammer verleiht und schützt sie konsequent die Berufsbezeichnung „Beratender Ingenieur“,

anerkennt staatlich anerkannte Sachverständige und ist ermächtigt, Sachverständige öffentlich zu

bestellen und zu vereidigen.

Als Dienstleistungskammer übernimmt sie für Mitglieder die rechtliche Erstberatung in allen Fragen

der Berufsausübung und im Rahmen von Vergabeverfahren; außerdem vertritt sie die Interessen der

Mitglieder, z. B. gegenüber den Institutionen des Landes NRW.

Ohne

Ingenieurinnen und

Ingenieure

läuft, geht und steht

gar nichts

Als Kammer für Baukultur fördert sie das Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder,

indem sie ihre Berufsausübung überwacht und sie verpflichtet, sich regelmäßig fort- und weiterzubilden.

Alles Gute für den Ingenieur

Die Kammer tut auch ganz pragmatisch Gutes für ihre Mitglieder: Sie trägt z. B. ihren Teil dazu bei, sie

durch eine zusätzliche Altersversorgung sozial abzusichern. Und sie sorgt für eine prägnante, interessante

Darstellung des Inge nieurberufs in der Öffentlichkeit. Sie macht öffentlich klar, wie faszinierend

und wichtig Ingenieurleistungen sind.

Einladung zur Horizonterweiterung

Seit 1995 gehört die Ingenieurakademie West e. V. als Fortbildungswerk zur IK-Bau NRW. Sie ist der

Ort für fachliche wie persönliche Horizonterweiterung. Hier bilden sich Mitglieder (aber auch andere

interessierte Ingenieure) regelmäßig fort und weiter. Das Akademieangebot umfasst jährlich mehr als

160 Lehrgänge, Seminare und Veranstaltungen zu unterschiedlichsten baupraktischen und baurechtlichen

Themen (von der Energieeinsparverordnung über Kosten- und Leistungsrechnung im Ingenieurbüro

bis zur Rhetorik erfolgreicher Verhandlungsführung). Außer dem veranstaltet die Ingenieurakademie

regelmäßig Tagungen, um die Wissensvermittlung und den Gedankenaustausch unter

den am Bau Beteiligten zu fördern. In der Akademie sind alle richtig, die sich im Bauwesen stärker,

weiter und tiefer qualifizieren möchten.


2.2017 thema: Selbst & Bewusstsein

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

STADT TEIL ― HABE

Ein Bürgerprojekt und eine Fachtagung

der Ingenieurkammer-Bau NRW und Partnern

Die Tagung „Infrastruktur für unsere Zukunft“ beleuchtet die fachliche Seite der Ingenieurthemen

ebenso wie die Bedeutung eines gemeinsamen Handelns von Experten, Zivilgesellschaft und (politischen)

Entscheidern.

Wir werden uns mit den modernen Ansprüchen an Planungsprozesse befassen: Welche Rolle haben die

jeweils am Planungsprozess Beteiligten – Ingenieure, Zivilgesellschaft und Politik und Verwaltung?

Wie können Planungs- und Bauprozesse förderlich gestaltet werden? Diese Fragen werden in einem

Impulsreferat aufgeworfen und in einem Praxisbeispiel veranschaulicht.

FACHTAGUNG

INFRASTRUKTUR

FÜR UNSERE ZUKUNFT

14. SEPTEMBER 2017

120 Bürgerinnen und Bürger – vom Grundschulkind bis zum Senior – haben nach einem großen Informations-

und Erfahrungstag eigene Verkehrskonzepte erarbeitet. Auf der Tagung werden wir nicht

nur ihre Ideen und Konzepte kennenlernen, sondern ebenso deren Erfahrungen mit dem Planungsprozess

und ihre Erkenntnisse, was es bedeutet, so aktiv in städtische Planung eingebunden zu sein.

Im letzten Teil der Tagung befassen wir uns in zwei Workshops mit Wegen und Lösungen für energetische

Konzepte für Gebäude und mit Anforderungen bei der Entwicklung von Verkehrsräumen im

Sinne von Smart City. Dazu haben wir Referenten aus unterschiedlichen fachlichen und gesellschaftlichen

Zusammenhängen eingeladen, um die Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

www.stadtteilhabe.de und für die Ansicht der Bürgerprojekte www.abstimmen.stadtteilhabe.de

Wenn Sie mehr über uns und den Beruf des Bauingenieurs erfahren

möchten, besuchen Sie uns doch:

www.ikbaunrw.de und www.kammer-der-moeglichkeiten.de

Die Thema als E-Magazin und als PDF-Download finden Sie unter

www.ikbaunrw.de

Die Initiative für den Ingenieurberuf finden Sie unter dieser Adresse:

www.kein-ding-ohne-ing.de

HERAUSGEBER

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen, Zollhof 2, 40221 Düsseldorf,

T 0211-1 30 67-0, E-Mail info@ikbaunrw.de, www.ikbaunrw.de

VERANTWORTLICH

Dr. Wolfgang Appold, Hauptgeschäftsführer der Ingenieurkammer-Bau NRW

REDAKTION

IK-Bau NRW, Andrea Wilbertz; Kröger Schulz

INHALTLICHES KONZEPT, GESTALTERISCHES KONZEPT UND AUSARBEITUNG

Kröger Schulz und Büro Grotesk

DRUCK UND VERARBEITUNG

druckhaus köthen, Köthen

ABBILDUNGEN

Illustration Titel: iStock yuoak; Foto Interview: Samuel Becker;

Illustration Gesten: Büro Grotesk; Foto John Updike: akg images;

Illustration Fachtagung: iStock DrAfter123

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