RADAR Nr. 2, August 2017

christophmerianstiftung

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung zum Schwerpunkt Kulturförderung. Wer kann, was soll und auf welche Weise in Basel gefördert werden? Die neuen Strategien der Abteilung Kultur der Christoph Merian Stiftung zeigen wir anhand von drei Beispielen (ManaBar, Holzpark Klybeck, tohuwabohu - Haus für Kosmopolitisches) auf und legen dar, was das noch mit Kultur und dem Zweck der Stiftung zu tun hat.

In der News-Beilage des Magazins steht die Entwicklung des Freilagers zum Stadtquartier im Fokus. Drei Protagonisten kommen zu Wort, die den Wandel des Dreispitz Basel und Münchenstein aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben und erleben.

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung

Und was hat das

noch mit Kultur zu tun?

Nr. 2 August 2017


Editorial

Inhalt

Was hat

die CMS auf dem

Radar?

Die erste Ausgabe von RADAR, dem Magazin der

Christoph Merian Stiftung, ist auf ein erfreuliches

Echo gestossen. Wir haben viele positive Feedbacks

erhalten. Das macht uns Mut, auf dem eingeschlagenen

Weg weiterzugehen, um Ihnen, liebe Leserin,

lieber Leser, aufzuzeigen, was die Christoph Merian

Stiftung aus welchen Gründen tut.

Hatten wir in der ersten Nummer die sozialen

Handlungsfelder mit der Präsentation unserer Bedarfsanalyse

auf dem Radar, geht es heute im

Schwerpunktthema um die Kulturförderung. Wer

kann, was soll und auf welche Weise gefördert

werden – das sind Fragen, die uns täglich beschäftigen

und umtreiben. Nathalie Unternährer und

Christoph Meneghetti legen dar, wie sie versuchen,

bei der Entwicklungs- und Projektförderung im

Bereich Kultur neue Wege zu gehen.

Die CMS operiert stets in zwei Bereichen: einerseits

natürlich im Bereich der Umsetzung des Stiftungszwecks,

d.h. im Förderbereich, andererseits als

Marktteilnehmerin im unternehmerischen Umfeld,

denn die Stiftung muss ihren Gewinn selbst erwirtschaften.

Sie tut letzteres vorab im Liegenschaftsmarkt.

Dabei kommt dem fünfzig Hektaren grossen

Dreispitz ein grosser Stellenwert zu. Über die laufenden,

spannenden Entwicklungen im Transformationsgebiet

informieren wir mit dem ‹Dreispitz-

Info›-Bulletin. Die letzte Ausgabe vom Juni 2017

finden Sie auf der Website www.dreispitz.ch oder

Sie können gedruckte Exemplare bei uns bestellen.

In der jetzigen RADAR-Ausgabe geht es für einmal

nicht um den planerischen Blick in die Zukunft,

sondern um einen durchaus selbstkritisch gedachten

Rückblick. Im Mittelpunkt der Reportage von

Tilo Richter steht die Frage, wie der Prozess der

Urbanisierung im Freilager-Quartier vonstattenging

und wie ihn drei Protagonisten hautnah erlebt

haben.

Christoph Niemann

Nachdem wir im RADAR Nr. 1 Porträts des Fotokünstlers

Claudio Rasano gezeigt haben, steht

diesmal die Kunstform des Cartoons im Vordergrund.

Anlass dafür ist die Ausstellung

‹Christoph Niemann. That's How!› im Cartoonmuseum

Basel, die noch bis zum 29. Oktober

2017 gezeigt wird.

Der Illustrator, Künstler und Autor Christoph

Niemann ist ein Meister der Metapher, der

Komplexes und Vielschichtiges mit reduzierten,

oft minimalistischen Mitteln in bestechend

klare, elegante, poetische und humorvolle Bilder

giessen kann. Ob flüchtige Skizze oder aufwendige

Illustrationen und Animationen – alle Werke

dieses grossen Zeichners sind unmittelbar packende

Umsetzungen einer brillanten Idee. Zu

den Auftraggebern des gefragten Illustrators

gehören Zeitungen und Zeitschriften wie ‹The

New Yorker›, ‹Time›, ‹Wired› und das ‹The New

York Times Magazine›, aber auch Institutionen

und Firmen, darunter das Museum of Modern

Art, Google und Herman Miller.

Wir danken Christoph Niemann, dass wir

sechs Arbeiten aus der Publikation ‹Sunday

Sketching› auswählen und verwenden durften.

5 Gesellschaftliche Relevanz

ist zentral

Die CMS fördert nicht mehr nach

Sparten, sondern unterstützt

interdisziplinäres Kunstschaffen.

Was heisst das konkret?

7 Was das alles noch mit Kultur

zu tun hat: drei Förderbeispiele

7 Die ManaBar

8 Der Holzpark von Shift Mode

11 Das Projekt ‹tohuwabohu›

12 Aktive Teilhabe am Kulturleben

ist Lebensqualität

Die CMS fördert mit Kultur im Sinne

ihres Stifters das «Wohl der Menschen».

13 Das Freilager-Quartier

als urbanes Experiment

Drei Interviews mit drei Protagonisten.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.

16 Was kreucht, was fleucht da?

Der GEO-Tag in den Merian Gärten.

Dr. Beat von Wartburg, Direktor

16 Wohnen ohne Hindernisse

Im CMV ist ein Buch mit gelungenen

Umbau-Beispielen erschienen.


«… einen Gegenstand auszuwählen und so

lange anzustarren, bis durch einen ungewohnten

Winkel oder speziellen Lichteinfall etc. eine

neue Bedeutung entsteht …»

Christoph Niemann

Aus ‹Sunday Sketching› (Abrams Books / Knesebeck) von Christoph Niemann


Aus ‹Sunday Sketching› (Abrams Books / Knesebeck) von Christoph Niemann


Schwerpunkt

UND WAS HAT DAS

NOCH MIT KULTUR

ZU TUN?

Neue Impulse

für die Kulturförderung

der CMS

NU Die Kulturförderung der Schweiz wurde in den letzten zwanzig

Jahren ausgebaut, professionalisiert und strukturiert. Für jede

Kultursparte, für jeden Lebensabschnitt der Kulturschaffenden und

für jeden gesellschaftlichen Trend wurden und werden unterschiedliche

Fördermöglichkeiten und Fördergefässe geschaffen. Bund,

Kantone, Gemeinden, Pro Helvetia, private Stiftungen und Migros

Kulturprozent ergänzen sich, sprechen sich ab und ermöglichen

damit ein aufeinander abgestimmtes, föderalistisches Fördersystem.

Auch die Förderpolitik der CMS bewegte sich in diesem Kontext. Die

Stiftung vergab staatsähnlich unbefristete Betriebsbeiträge an

Institutionen und unterstützte einzelne Gesuche nach traditionellen

Sparten wie Literatur, Kunst, kulturelles Erbe. Die Frage, ob dies

angesichts der sich stets wandelnden Gesellschaft noch richtig war,

stellte sich immer dringender.

Im Vergleich zum Kanton hat die CMS ein vergleichsweise kleines

Kulturbudget. Der Kanton Basel-Stadt gibt jährlich ca. CHF 130

Mio. aus, die CMS ca. CHF 6 Mio. (inkl. operative Engagements). Die

beschränkten Ressourcen der Stiftung erweisen sich als wertvolle

Chance, da die CMS im Gegensatz zum Staat keine ‹Grundversorgung›

sicherstellen muss, gezielt und mit grösstmöglicher Hebelwirkung in

(befristete) Projekte investieren und damit Akzente setzen kann. Als

unabhängige Stiftung kann sie ihre Kulturförderung ohne politischen

Rechtfertigungsdruck ausüben. Darum ist es ihr auch möglich,

Risiken einzugehen und auf innovative Projekte zu setzen, deren

Ausgang ungewiss ist oder die noch nie erprobte Methoden verwenden.

Mit ihren schlanken Entscheidungsstrukturen kann eine Stiftung

wie die CMS zudem flexibler und schneller reagieren als staatliche

Institutionen.

Das neue Leitbild der CMS 2015 verpflichtet die Stiftung auch zu

einer neuen Kultur-Förderstrategie, die einerseits ihren obengenannten

Stärken und Eigenheiten und andererseits der Entwicklung des

Kulturlebens und seinen Auswirkungen auf die Kulturproduktion

Rechnung trägt. Denn auch die ‹Kultur› und das Kulturverständnis

haben sich in den letzten Jahren verändert. Kulturelle Relevanz entsteht

immer weniger in den klassischen Sparten, sondern in der

interdisziplinären Verflechtung. Bildende Kunst trifft auf Theater,

Kulturschaffende engagieren sich sozial, das Urban-Gardening-

Projekt tut sich mit dem klassischen Orchester zusammen. Die Kulturschaffenden

werden zu Allroundern; es entstehen spartenübergreifende

Projekte, bei denen alle alles machen: die Produktion, die

Werbung und das darüber Schreiben. Auch auf der Publikumsseite

gibt es kein eindimensionales Zielpublikum mehr. Alle interessieren

sich für alles. Am Dienstag ist Klassik angesagt, am Donnerstag

Heavy Metal, und am Samstag wird eine Ausstellung besucht.

Zudem wird das Publikum zu ‹Experten des Alltags› und ist mit

seinem Wissen Teil der Kulturproduktion.

Der schnelle Wandel von Ideen und Strukturen verlangt nach

Projekten und nicht nach Institutionen – in der Folge auch ein Umdenken

auf Förderseite: etwa die Bereitschaft, Fördergelder in ein

Vorhaben zu investieren, das vielleicht nur fünf Jahre lang Bestand

hat. Schliesslich werden Kulturschaffende zunehmend zu Unternehmern;

die Grenzen zwischen reinen Kulturprojekten und Kreativwirtschafts

projekten verschwimmen. Die Kunstschaffenden bewegen

sich weg von institutionalisierten hin zu unternehmerischen Strukturen

und verknüpfen ihre künstlerische Vision mit einer unternehmerischen.

Die stiftungsinterne Analyse hat gezeigt, dass die bisherigen

Fördergefässe der CMS der aktuellen Entwicklung im Kulturbereich

nicht mehr gerecht wurden. Seit Anfang 2016 fördert die CMS deshalb

nach Themen und nicht mehr nach Sparten und hat eine zusätzliche

Entwicklungsförderung initiiert.

Was heisst das konkret? Die CMS unterstützt interdisziplinäres

Kulturschaffen. Nicht per se, sondern abhängig vom Mehrwert,

der entsteht, wenn sich verschiedene Bereiche zusammentun. Die

CMS unterstützt Projekte, die das Publikum miteinbeziehen, die den

Austausch zwischen Amateuren und Professionellen oder zwischen

Publikum und Kulturschaffenden pflegen. Dabei setzt die CMS auf

den Austausch auf Augenhöhe. Die gesellschaftliche Relevanz der

Projekte ist dabei zentral. Die CMS gibt Pionierprojekten, die noch

nicht Erprobtes wagen, eine Chance. Mit der Entwicklungsförderung

unterstützt die Stiftung nicht nur mit Geld, sondern unterstützt

Kulturschaffende auch mit Manpower, durch Coachings, Beratungen,

Projektmanagement etc.

Was das alles noch mit Kultur zu tun hat und was das konkret

bedeutet, zeigen die folgenden drei Beispiele.

5


Aus ‹Sunday Sketching› (Abrams Books / Knesebeck) von Christoph Niemann


Schwerpunkt

ZAUBERENERGIE FÜR DIE SPIELKULTUR

Die ManaBar

In Basel sollen sich spielfreudige Menschen bald nicht nur virtuell begegnen

können. In der ManaBar* soll gemeinsam gegamt, gespielt, gegessen,

getrunken und diskutiert werden. Mit dem Projekt wollen vier junge Männer

die Game-Kultur pflegen, aufklären, informieren und Generationen zusammenbringen.

scy Sie heissen ‹Barlord›, ‹ManaBear›, ‹Ephesus666› und ‹Berry Buh›

in der globalen Gamer-Community. Im realen Leben sind die vier

jungen Männer, alle um die dreissig Jahre alt, hauptberuflich: Gamedesigner

und Leistungssportler (Tom Barylov), Gymnasiallehrer und

in der Gastronomie erfahren (Fernando Studer), selbstständiger

IT-Spezialist und selbsterklärter «Vollblut-Nerd» (Christian Schlauri),

Sozialarbeiter und Medienpädagoge (Maximilian Schäfer). 2015

haben sie den Verein für Aufklärung über Internet und Spielkultur

(VAISk) gegründet und bilden den Vorstand. Der Verein, der heute

schon medienpädagogische Projekte realisiert, beratend für das

Basler Erziehungsdepartement tätig war und erfolgreich Public

Viewings zu internationalen Gamer-Meisterschaften im Gundeldinger

Feld durchgeführt hat, will in Basel etwas ganz Neues wagen.

In ihrer ManaBar mit integriertem Gastrobetrieb soll sich künftig

die regionale Gamer-Community ganz real und nicht nur virtuell

treffen, über die Attraktivität einzelner Spiele diskutieren und Spielwettbewerbe

bestreiten. Hier wollen die vier aber auch medienpädagogische

Projekte mit Jugendlichen durchführen, Symposien, vor

Gefahren im Internet warnen und das Suchtpotenzial ansprechen,

aufklären, älteren Generationen die Faszination von Games erklären

und auch den Quartier-Jassclub integrieren. Denn auch ältere Spielformen

wie Jassen oder die neuen ‹Pen and Paper›-Spiele ohne

Computer gehören für die Initianten zur Spielkultur.

Ähnliche Projekte gibt es bereits im Ausland. Nicht aber diese

spezielle Kombination. Für ihr Projekt ist die Gruppe derzeit auf der

Suche nach geeigneten Lokalitäten. Ihr potenzielles Publikum ist

gross. Aktuelle Schweizer Statistiken gibt es nicht; 2008 ging eine

Untersuchung der Fachhochschule Nordwestschweiz davon aus, dass

in vierzig Prozent der Schweizer Haushalte eine Spielkonsole von

mindestens einer Person genutzt wurde. Allein auf den Kanton Basel-

Stadt heruntergebrochen wären das schon vor zehn Jahren mindestens

40 000 Gamer gewesen (http://www.pegi.info/ch/index/

id/1376/media/pdf/256.pdf). Seither ist die Gamer-Gemeinde

gewachsen. Dazu kommen die ‹Pen and Paper›-Spielenden, traditionelle

Spielfreudige und das Publikumspotenzial der angrenzenden

Region.

Spielen sei eine uralte Kulturtechnik, sagt Fernando Studer, Computerspiele

aber etwas ganz Besonderes. Nicht nur Kultur im weitesten,

sondern sogar Kunst im engeren Sinne: «Für mich sind gute Computerspiele

heute die höchste Kunstform überhaupt.» Sie kombinierten

mit ausgeklügelter IT-Technik geradezu virtuos ganz verschiedene

Kunstformen: das gekonnte Storytelling einer guten Geschichte,

Bilder und Animation, Musik und Geräusche. «Im Gegensatz zu den

traditionellen Kultursparten wird das ‹Publikum› ausserdem interaktiv

und emotional miteinbezogen und wird durch seine Mitwirkung und

den Austausch mit Mitspielenden Teil eines Gesamtkunstwerks, eines

kulturellen Prozesses.»

In den USA und Deutschland sind Computerspiele als Kulturform

längst anerkannt. Seit 2008 schon ist der entsprechende

Verband neben den traditionellen Kunstsparten im Deutschen

Kulturrat vertreten. In der Schweiz hinke man hinterher, sagt

Maximilian Schäfer, der Know-how aus der deutschen Szene mitbringt.

«Vielleicht auch deshalb, weil man hier aus der politischen

Tradition heraus im Zweifel auf Sicherheit und Vertrautes und damit

eher auf die konventionellen Kultursparten setzt.» Umso mehr hat

sich der Verein darüber gefreut, dass die CMS das Projekt als Kulturprojekt

und nicht als soziales Projekt unterstützt, was es darüber

hinaus selbstverständlich auch sei.

Die CMS unterstützt den Verein in der Startphase mit 15 000

Franken. Davon hat sie 6000 Franken an eine Auflage geknüpft, über

welche die vier sehr glücklich sind: Sie erhalten dafür vom ebenfalls

von der CMS unterstützten Basler Verein Startup Academy drei

Jahre lang Ausbildung und Know-how für die Lancierung ihres Projekts

und Unterstützung beim wichtigen Networking. 2018 möchten

die Initianten die ManaBar eröffnen.

Mehr über das Projekt auf www.manabar.ch

* Den Namen für die ManaBar haben die Initianten von jenem ‹Mana› abgeleitet,

das in Computerspielen die ‹Zauberenergie› ist, die Spielende mit Spielpunkten

‹tanken› müssen, um in den Spielen erfolgreich agieren zu können.

«Wir haben die ManaBar unterstützt, weil das Projekt sich mit einem wichtigen

Spektrum der Gegenwartskultur auseinandersetzt: der Spielkultur. Sie lässt sich nicht

in einer einzigen Sparte fassen, und Akteure verschiedener Disziplinen beschäftigen

sich mit dem Thema. Mit Schnittstellen zu Bildender und Darstellender Kunst, Musik, Film

und Soziokultur ist Game-Kultur aber mehr als nur eine interdisziplinäre Modeerscheinung.

Einerseits ist die Game-Kultur mit ihren alten und neuen Ausformungen

in Spiel, Entwicklung und Cosplay eine Kulturtechnik schlechthin. Andererseits

reagiert ManaBar auf eine gesellschaftliche Realität und schafft einen sozialen Raum

für eine Community, die sonst nur allein in den eigenen vier Wänden agiert.»

Nathalie Unternährer, Leiterin der Abteilung Kultur der CMS

7


Schwerpunkt

ZWISCHENNUTZUNGEN SETZEN

ENERGIE UND KREATIVITÄT FREI

Unterstützung für den Holzpark von Shift Mode

Seit die Hafen- und Stadtentwicklung

Klybeck-Kleinhüningen ins Stocken geraten

ist, beleben zahlreiche Gruppen

mit Zwischennutzungen die Brachen

des Hafenareals an der Uferstrasse. Die

CMS unterstützt den Verein Shift Mode

bei der Realisierung von Kulturprojekten

und der Verbesserung der Infrastruktur

in ihrem Holzpark Klybeck auf dem

ehemaligen Migrol-Areal.

scy «Kultur ist mein Leben», sagt die 44-jährige Kommunikationsfachfrau

Katja Reichenstein. Zusammen mit ihrem Mann Tom

Brunner und Kurt Schuwey hat sie seit dem Rückbau des Migrol-

Areals 2014 mit dem gemeinnützigen Verein Shift Mode der Brache

zusammen mit vielen anderen Engagierten Leben eingehaucht.

Nebenberuflich, ohne Lohn, in Tausenden von Freizeitstunden. Die

Zwischennutzung auf Zeit sei genau das Spannende: «Gerade weil

sie nicht für die Ewigkeit ist, setzt sie viel Energie und Kreativität frei.»

Wo einst riesige Tankanlagen standen, finden heute Konzerte,

Theater, Lesungen und Workshops statt. Es gibt Gastronomie, Ateliers

und Werkstätten, Kultur- und Naturprojekte, einen Abenteuer-Spielplatz

für Kinder und eine Boulebahn. Insgesamt fünfzehn Projekte

auf rund 12 500 Quadratmetern, die von Shift Mode verwaltet und

selbst oder von Partnern bewirtschaftet werden. Auf dem ehemaligen

Esso-Areal weiter nördlich tut sich Ähnliches. Dort unterhält der

Verein I_Land die Trendsporthalle, Bars, Begegnungs- und Kulturorte.

Das Nebeneinander verschiedenster Aktivitäten war nicht

immer konfliktfrei und hat im Sommer 2014 nach der polizeilichen

Räumung eines Teils des von Autonomen besetzten Wagenplatzes

zwischen Migrol- und Esso-Areal wochenlange Debatten ausgelöst.

In der Politik, den Medien, zwischen Wagenplatz-Besetzern und Shift

Mode – und bis heute zwischen Shift Mode und ehemaligen

Besetzern der Alten Stadtgärtnerei in der angrenzenden Wohngenossenschaft

Klybeck. Alles in allem ein komplexes Gerangel um

Stadtentwicklung, Gentrifizierung und Freiräume – im Vakuum der

sogenannten 3Land-Planung, die seit Jahren nicht vom Fleck kommt.

Nicht vom Fleck kommt auch, weil zahlreiche Parteien in die Transformation

des ehemaligen Industrieareals involviert sind: drei Länder,

die Schweizerischen Rheinhäfen und der Kanton Basel-Stadt mit

mehreren Departementen.

In diesem Planungsvakuum hat der Kanton den Verein Shift

Mode als wichtigen Kulturveranstalter und Partner längst anerkannt,

mit ihm einen Vertrag abgeschlossen, ihm 2014 eine Starthilfe von

250 000 Franken gewährt und ihn bei der befristeten Vermietung von

Räumen an die Kunstmesse Scope unterstützt. Seither sind drei Jahre

verstrichen und die 3Land-Planung liegt noch in weiter Ferne. Der

Holzpark wird inzwischen ganzjährig bespielt und beherbergt auch

Grossanlässe wie das von Terre des hommes organisierte Kultur-

Festival Imagine letzten Juni – mit 25 000 Besucherinnen und Besuchern

an einem einzigen Wochenende. Der Kanton hat zwar auf

seiner Website stolz auf den Anlass hingewiesen. Weiter engagieren

will er sich aber nicht.

Die CMS hat Shift Mode in diesem Jahr 250 000 Franken für

den Weiterbetrieb zugesprochen. Rund die Hälfte davon ist für die

Verbesserung der Infrastruktur und für Sicherheitsmassnahmen

vorgesehen (Arealbewirtschaftung, bessere Beleuchtung, Sanitäranlagen,

Wege, Begrünung und Wintertauglichkeit); die andere Hälfte

für Kommunikation, Vermittlungsarbeit, Kulturprojekte und das

Hafenradio, das ab Winter 2017 auf Sendung gehen wird. Bis mindestens

2019 ist der Betrieb damit gesichert, und der Verein rechnet

mit Zuwendungen auch von anderen Stiftungen. Was danach

geschieht, ist noch ungewiss. Ende dieses Jahres verhandelt der

Verein mit dem Kanton über eine Verlängerung des Areal-Nutzungsvertrags

bis 2024.

Nicht Teil der Unterstützung durch die CMS sind die von Shift

Mode geplanten Holzhallen, gegen deren Bau die Wohngenossenschaft

Klybeck Einsprache erhoben hat und das Verfahren möglicherweise

bis vor Bundesgericht weiterziehen will.

«Die CMS unterstützt Shift Mode, weil der Holzpark ein imperfekter Ort ist, an

dem Kulturveranstaltungen, Gastronomie, Kreativwirtschaft, Handwerk und Freizeitgestaltung

ihren Platz haben. Das Unfertige, die Praxis des Selbermachens und

der Experimentiercharakter lassen einen Ort entstehen, an dem sich die unterschiedlichsten

Menschen wohlfühlen. Kultur wird hier als Pflege des Lebensraums,

als Beleben und Bewohnbarmachen und als Plattform für Verständigung und

Austausch praktiziert.»

Christoph Meneghetti, Projektleiter der Abteilung Kultur der CMS

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Aus ‹Sunday Sketching› (Abrams Books / Knesebeck) von Christoph Niemann


Aus ‹Sunday Sketching› (Abrams Books / Knesebeck) von Christoph Niemann


Schwerpunkt

WELT ALS HEIMAT

FÜR ALLE

Das Projekt ‹tohuwabohu›

scy Das 1912 von Rudolf Sandreuter erbaute ehemalige Getreidesilo

wird schon bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. In zwei Jahren

soll das Silo nach einem Umbau zum Mittelpunkt des neuen Stadtviertels

und ein neues soziokulturelles Zentrum werden. Nicht irgendeines,

sondern ein sehr spezielles. Die sechs jungen Leute, die das

Projekt derzeit vorbereiten und auch betreiben werden, nennen sich

Verein für Kosmopolitisches. Der Name ist Programm. «Die Idee des

Kosmopolitischen – die Welt als Heimat für alle – ist unsere Inspiration»,

heisst es in ihrem Positionspapier.

Vordergründig kosmopolitisch ist die im Silo geplante Herberge

für Gäste aus aller Welt. Unter ‹kosmopolitisch› versteht der Verein

aber weit mehr als nur internationale Gäste in einem Hotel: nämlich

«die Vision einer Welt, in der wir alle Gäste sind». Unabhängig von

Herkunft, Sozialisierung, körperlichen und geistigen Fähigkeiten und

materiellem Vermögen sollen im Haus für Kosmopolitisches niederschwellig

möglichst viele am gesellschaftlichen und kulturellen Leben

teilhaben, aktiv mitwirken und sich austauschen können. Inklusion,

die gleichberechtigte Teilhabe an kulturellen und gesellschaftlichen

Prozessen, ist für die Gruppe denn auch ein zentraler Begriff und ein

grosses Anliegen. Auch deshalb, weil sie bewusst unterschiedliche

Zielgruppen im neuen Quartier ansprechen und in Projekte integrieren

will: Menschen mit Behinderung der abilia-Einrichtungen gleich

nebenan, Kinder der Kitas, Kunstschaffende der Ateliers, junge

Menschen der Wohnungen für Studierende, Mieterinnen und Mieter

der Genossenschaftswohnungen und Flüchtlinge, die im geplanten

Bistro Zur Bleibe und beim Unterhalt des Areals mitwirken werden.

Neben der Herberge und dem Bistro ist ein grosser Offener

Salon geplant: ein öffentliches ‹Wohnzimmer›, in dem auch Quartierfeste,

Kinoabende, Workshops und Ausstellungen stattfinden können.

Erste Ideen gibt es auch für die zahlreichen Projekträume, die

vermietet werden sollen: eine Gemeinschaftswerkstatt, eine Hausbibliothek,

ein Tanzraum, Künstlerateliers, eine Reparaturwerkstatt

für Kinder, ein Secondhand-Kleiderladen und und und. Das alles auf

einer Nutzungsfläche von rund 2000 Quadratmetern.

Auf dem Areal Erlenmatt Ost entsteht

zurzeit ein neues Stadtquartier. Bis 2019

werden dort über 500 Menschen leben.

Im alten Getreidesilo realisiert eine

Gruppe von jungen Leuten das Haus

für Kosmopolitisches, das Projekt ‹tohuwabohu›.

Sie sind als Sieger aus dem

Umnutzungswettbewerb der Stiftung

Habitat hervorgegangen und wollen im

Sommer 2019 ein neues soziokulturelles

Begegnungszentrum eröffnen.

«Bei meinen vielen Reisen hat mich die internationale Hostel-Kultur

inspiriert. Das ‹Daheimsein› auf Zeit an einem interkulturellen

Begegnungsort», sagt Etienne Blatz, einer der sechs im Vereinsvorstand,

alle um die dreissig Jahre alt. Blatz hat wie Livia Matthäus

und Luca Varisco im innovativen Hyperwerk, dem Institute for Postindustrial

Design der Fachhochschule Nordwestschweiz, studiert. Zu

den Studien- und Forschungsprojekten zu kosmopolitischen Fragestellungen

und Gesellschaftsutopien kamen neue Ideen hinzu. Die

Gruppe erweiterte sich um die Soziologin und Sozialarbeiterin Salome

Bay, die soziokulturelle Animatorin Anna Sollberger und den Betriebswirtschaftsstudenten

Nicolai Jakob. Die Gruppe machte sich auf die

Suche nach einem Ort für ihre Vision, gründete einen Verein, bewarb

sich bei der Stiftung Habitat und erhielt den Zuschlag.

Die CMS hat den Verein im Rahmen ihrer Entwicklungsförderung

für die Startphase mit 50 000 Franken unterstützt. Davon können sich

die Vorstandsmitglieder, die in unterschiedlichsten Sparten jobben,

ein minimales Honorar für die umfangreichen Vorbereitungsarbeiten

auszahlen. Dazu gehören auch Abklärungen bei Fachstellen und

professionelles Know-how, das sich die Gruppe für ihr Projekt bei

externen Beratungsfirmen eingekauft hat.

Mehr über das Projekt ‹tohuwabohu› auf www.thwbh.ch

«Wir unterstützen das Projekt innerhalb unserer Entwicklungsförderung,

d.h. mit Geld und mit einer engen inhaltlichen Begleitung. Uns überzeugt die Zielsetzung

des Projekts: ein vielkultureller und sozialer Begegnungsort, der Raum

für Eigen initiative, Quartieraustausch und eine Plattform für künstlerische und soziale

Initiativen aus der Bevölkerung bietet. Es geht dabei nicht um kuratierte Hochkultur,

sondern um eine Kultur, die in der Begegnung und im Prozess des gemeinsamen

Machens entsteht. Wie man die Vision des Kosmopolitischen realisiert und eine Heimat

schafft, wo alle willkommen sind? Wie die Zusammenarbeit mit den Zielgruppen

und anderen Institutionen gelingen kann? Wir wissen es nicht, wollen es aber mit dem

Verein für Kosmopolitisches herausfinden. Das Projekt ist mehr als ambitioniert,

hat eine utopische Seite und kann auch scheitern, denn wie finanziert man langfristig

so ein Engagement? Aber dieses Risiko nehmen wir in Kauf.»

Nathalie Unternährer, Leiterin der Abteilung Kultur der CMS

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Schwerpunkt

KULTURFÖRDERUNG

OHNE

SCHUBLADENDENKEN

Wirksame Förderung

ist ein

Lernprozess

cme Nach der alten CMS-Strategie, die verschiedene Kultursparten

förderte, wären die drei hier vorgestellten Projekte nicht unterstützt

worden. Von vielen anderen Kulturstiftungen und -ämtern werden

sie es auch heute noch nicht. Sie fallen zwischen Stuhl und Bank, weil

oftmals die Kulturförderung der Realität hinterherhinkt.

Die traditionellen Kultursparten sind bekannt und deshalb

einfach zu kommunizieren. Sie bieten ein übersichtliches Raster für

Förderentscheide – definierte Sparten mit daraus resultierenden

Produktionen und Produkten, die greifbar, sichtbar, hörbar sind. Doch

Kultur umfasst heute nicht nur Bücher, Theaterstücke und Konzerte,

es gibt unsichtbare, weniger bewusste Aspekte von Kultur, die deshalb

nicht weniger wichtig sind: Werte, Prozesse, Regeln, Kommunikation.

Dieses Spektrum ist schwieriger einzugrenzen und zu fördern.

Wie also auswählen, was gefördert werden soll? Die CMS will

mit ihrer Förderpolitik erreichen, dass möglichst viele Menschen

aktiv an Kultur teilhaben. Denn die Stiftung ist überzeugt davon, dass

dies zur Lebensqualität und zur Orientierung in einer komplexen

Umwelt beiträgt. Die drei hier vorgestellten Projekte besitzen

unabhängig davon, zu welcher Sparte sie gehören, wichtige Qualitäten.

Sie bieten Möglichkeiten zur Teilhabe am kulturellen Leben und

bauen Schwellen ab. Sie bieten Gelegenheiten für identitätsstiftende

und gemeinschaftsbildende Prozesse. Sie beziehen Amateure mit ein,

pflegen den Austausch mit dem Publikum und schaffen so Werke von

besonderer (auch künstlerischer) Qualität. Sie beschäftigen sich mit

gesellschaftlich relevanten Themen und arbeiten interdisziplinär.

Am Aspekt des Einbezugs und Austauschs lässt sich beispielhaft

zeigen, wie sich diese Art von Kulturförderung effektiv niederschlägt.

So zeigen die Teilnehmerzahlen der von der Stiftung im Jahr 2016

geförderten Projekte, dass die CMS mit ihren Beiträgen an Kulturprojekte

und -institutionen Menschen über 17000 Mal eine aktive

Teilhabe am Kulturleben ermöglicht hat. Sie haben Werke erschaffen,

die Kuratierung einer Ausstellung mitgestaltet, mit Künstlern zusammen

einen Roboter programmiert, gemeinsam ein Theaterstück

geschrieben und vieles mehr. Dabei hängt diese neue Teilhabe weniger

von Sparten ab als von den Vermittlungsleistungen und vom Ort: ob

ein Projekt in einem städtischen Entwicklungsgebiet stattfindet und

welche Kooperationen dabei eingegangen werden.

Was hat das alles noch mit Kultur zu tun? Und an welche Kultur

denken wir dabei? Wenn die CMS ihre Förderentscheide nicht mehr

an den traditionellen Kultursparten ausrichtet, verliert sie zwar eine

einfache Möglichkeit, unter den zahlreichen Gesuchen auszuwählen.

Sie eröffnet damit aber auch einen Diskurs darüber, welches Kulturschaffen

welche Wirkung auf die Menschen in Basel hat. Sie ist somit

wieder ganz nah beim Stiftungsgründer und seinem Testament.

Christoph Merian war zwar kein begeisterter Theatergänger, Kunstförderer

oder Konzertbesucher, aber er hat den späteren Sachwaltern

seiner Stiftung mit sorgfältig gewählten Worten («Förderung des

Wohles der Menschen») die Aufgabe übertragen, zu jeder Zeit neu

herauszufinden, was «das Wohl fördern» in der jeweiligen Zeit

bedeutet. Nur wenn eine Förderstiftung offen dafür ist, Unbekanntes

kennenzulernen und Neues zu wagen, passt ihre Förderung zu den

sich verändernden Bedürfnissen der Menschen in der Gegenwart.

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News

DAS FREILAGER:

VOM PIONIER- ZUM ALLTAGSQUARTIER

Der jüngste

Wandel aus drei

Perspektiven

tri Der Strukturwandel verändert die Bedürfnisse von

Industrie, Logistik und Gewerbe, und damit wandelt

sich auch der Dreispitz. Heute ist er eines der grössten

urbanen Transformationsgebiete der Schweiz. Im

Pionierquartier – im Freilager – sind in Nachbarschaft

zum verdichteten Wirtschaftspark Dreispitz neue

Wohnungen und Bildungseinrichtungen, Kultur-,

Dienstleistungs- und Freizeitangebote entstanden.

Der Prozess von der Pionierbesiedlung zum

Stadtquartier, die Ansiedlung von Gewerbe und

Wohnen, von Kultur und Bildung war ein Wagnis. Denn

vieles lässt sich planen, ein funktionierendes Zusammenleben,

ein konfliktfreies Neben- und Miteinander

aber nur bedingt. Die CMS war sich der Risiken

bewusst, welche die Urbanisierung eines bisherigen

Industrieareals barg. Deshalb betrieb sie in der

Pionierphase die sogenannte Drehscheibe, eine

Anlaufstelle für Mieter und Mieterinnen, Baurechtsnehmer,

Gewerbetreibende, für Kulturschaffende,

Kultur- und Bildungsinstitutionen.

In der Zwischenzeit neigt sich die Pionierphase

ihrem Ende entgegen, im Freilager herrscht Alltag, und

die Nutzerinnen und Nutzer organisieren sich selbst

(in der IG Freilager). Früher durch Tore verschlossen,

ist der Dreispitz mittlerweile flächendeckend geöffnet,

ist zum öffentlichen Raum geworden, und die CMS

kann ihre Allmend-Aufgaben, die anderswo hoheitliche

Aufgaben sind, schrittweise reduzieren. Zeit für einen

Rückblick auf den Urbanisierungsprozess im Freilager.

Im Folgenden kommen drei Dreispitz-Protagonisten

zu Wort, die den Wandel des Areals nicht nur

unterschiedlich lang, sondern vor allem aus denkbar

verschiedenen Perspektiven erlebt haben und erleben.

Dabei haben alle drei ihren ganz eigenen individuellen

Beitrag dazu geleistet, den Dreispitz zu verändern. Die

Gespräche zeigen, wie sich der von der Christoph

Merian Stiftung in Gang gesetzte und von vielen Partnern

getragene Wandel eines Logistik- und Gewerbegebiets

zu einem Stück Stadt im Alltag widerspiegelt.

Mario Felix war bis zu seiner Pensionierung Ende

April vierzig Jahre auf dem Areal tätig – wohl kaum ein

anderer kennt den Dreispitz so gut wie er. Christine

Kämpf war bis April 2017 als CMS-Mitarbeiterin der

‹Drehscheibe› vor Ort Vermittlerin zwischen der Stiftung

und den Nutzerinnen und Nutzern. Und der Bühnenautor

und Schriftsteller Guy Krneta gehört schon seit

einigen Jahren zu jenen Dreispitz-Umnutzern, die

durch ihr Engagement dazu beitragen, diesem Stadtquartier

einen neuen Charakter zu geben.

«Für mich

ist das eine weltoffene

Stadt»

Mario Felix

Mario Felix, Sie sind im April

2017 in Pension gegangen – nach

vierzig Jahren auf dem Dreispitz.

Erzählen Sie bitte vom Beginn

Ihrer Arbeit hier!

Reingeschlittert bin ich durch eine Ausschreibung

der Basler Freilager AG. Nach sechs Jahren

Ausbildung war ich Heizungsmonteur und Heizungszeichner.

Dann kam 1974 die erste Ölkrise –

für zwei Lehren in dieser Branche eine ganz

schlechte Zeit … Also musste ich jobben: Maler-

und Metallarbeiten, als Handlanger, ich habe

immer etwas gearbeitet. Ende September 1976

kam das Vorstellungsgespräch hier im Freilager,

mit Direktor und Vizedirektor. Sie wollten mir in

zwei, drei Wochen Bescheid geben. Ich aber sagte,

dass ich nur bis zum nächsten Tag auf einen

Bescheid warte. Am nächsten Morgen um 10 Uhr

bekam ich den Anruf – und habe am 4. Oktober

angefangen.

Was war damals Ihre Aufgabe

im Freilager?

Ich war Lagerarbeiter. Jeder Lagerarbeiter der

Freilager AG musste eine Ausbildung haben, da

gab es Maurer und Elektriker oder einen Sanitär,

als Heizungsmensch passte ich gut dazu. Das

Freilager war ja zolltechnisch Ausland, mit Mauer

umgeben. Den Dreispitz kannte man einigermassen,

aber das Zollfreilager war abgeriegelt.

Autoverlad Zollfreilager, 1947

Dreispitzverwaltung mit Lokomotiven, 1926 (an der heutigen Dornacherstrasse 400)

13


News

Terrasse zum Freilager-Platz mit historischem Verladekran, 2014

Mobiler Pocket-Park auf dem Dreispitz, 2013

Stimmt es, dass das Areal eine

Zeit lang von bewaffnetem

Zollpersonal gesichert wurde?

In der ersten Zeit hat es viele Grenzwächter hier

gegeben, und die waren bewaffnet, das habe

ich noch erlebt. Die Leute mussten den Ausweis

zeigen, wenn sie ins Freilager wollten.

Wie sah Ihr erster Arbeitstag

aus?

Am frühen Montagmorgen war meine erste Aufgabe,

an der Florenz-Strasse 7, dort wo jetzt die

Post ist, den Stacheldraht auf der Mauer zu ersetzen.

Wie viele Angestellte beschäftigte

die Freilager AG damals?

Wir waren etwa zwölf Lagerarbeiter, und im Büro

kamen noch sechs Personen hinzu. Doch bald

wurden es weniger. Wir hatten damals viele

eigene Lager, andere waren an Logistikfirmen

und Spediteure vermietet. Unsere Räume waren

immer begehrt, weil bestimmte Unternehmen

hier sein mussten für die Verzollung ihrer Waren.

Wie hat sich Ihre Arbeit dann

verändert?

Nach ungefähr vier Jahren ging unser damaliger

Hofmeister, und ich übernahm seinen Posten.

1989 starb unser Prokurist Herr Egli. Der damalige

Direktor kam auf mich zu und fragte, ob ich ad

interim die Leitung übernehmen könne. Dann

bin ich vom Lager ins Büro gewechselt. Das war

gut für mich, ich weiss nicht, wie ich jetzt aussehen

würde, wenn ich all die Jahre im Lager

geblieben wäre … Der neue Direktor Willy Rüthemann

sagte uns 1990: «Herren, passt auf, ihr

seid alle so um die vierzig Jahre alt. Ihr arbeitet

nicht bis zu eurer Pensionierung im Freilager,

das wird es irgendwann nicht mehr geben.» Er

war der erste Chef, der nicht von den SBB kam –

Rüthemann kam von der Danzas und war an der

Ausarbeitung des neuen Zollgesetzes beteiligt.

Der nächste wichtige Schritt kam am 14. August

1994, als das Freilager geöffnet wurde.

Sie hatten vor allem mit LKW

zu tun, wie sah es bei der Bahn

aus?

Auch die Bahn brachte immer weniger Waren

ins Freilager. Camions und Container waren auf

dem Vormarsch und die grossen Spediteure

rückten noch näher an die Autobahn, heute

zum Beispiel in Pratteln.

Wie hat sich das Freilager durch

die Öffnung verändert?

Bis dahin kannten wir alle Leute, die hier gearbeitet

haben. Mit der Öffnung wurde der Kreis viel

grösser, Speditionen hatten ihre Mitarbeiter auf

dem Areal und es wurde alles etwas öffentlicher.

Nicht mehr genutzte Räume wurden ab 1994

auch an Künstlerinnen und Künstler vermietet.

Nachdem das Stücki-Areal aufgehoben wurde,

fehlten denen die bezahlbaren Ateliers. Hier

konnten sie zu einem guten Preis einfache Räume

bekommen, nicht perfekt, nicht saniert, dafür

günstig.

Wie wurden die Künstlerinnen

und Künstler in dieser vom

Gewerbe geprägten Umgebung

aufgenommen?

Viele taten sich sehr schwer mit ihnen. Es ist ja

auch ein ‹anderes Völkchen›. Aber ich habe es sehr

gut gehabt mit ihnen. Immer noch! Sie kamen

immer auf mich zu, und wir haben gemeinsam

eine Lösung für ihre Probleme gefunden. Ich

finde es sehr interessant, mit einem Künstler zu

sprechen. Es sind ganz normale Menschen, aber

irgendwann, irgendwie heben die ein wenig ab.

Ich habe dann gesagt, du bist mir zu hoch,

komm wieder runter!

2008 hat die Stiftung das

Areal übernommen. Was waren

die ersten Aktivitäten der

Stiftung?

Die CMS hat früh erkannt, dass sie das Freilager

übernehmen kann, um vorhandene Gebäude zu

erhalten und Platz für neue Gebäude schaffen.

Und die HGK suchte schon damals einen neuen

Standort. So kam das restliche Freilager-Personal

zur CMS – für uns ein Glücksfall. An den Veränderungen,

die ich begleiten durfte, hatte ich

grosse Freude!

Was hat sich am stärksten

verändert?

Früher musste man den Ausweis zeigen, um ins

Freilager zu kommen, und alles stand voller

Container und Camions. Heute sitzen bei schönem

Wetter alle auf dem Platz oder in den Pocket-

Parks und arbeiten am Laptop – eine ganz andere

Welt! Der grosse Platz bekommt ein Gesicht,

und ich hoffe sehr, dass die Leute, die jetzt hier

wohnen, sich einbringen im neuen Quartier.

Im Freilager-Quartier ist die

Transformation am deutlichsten

erkennbar. Wo noch?

Der LKW-Verkehr beim Freilager hat extrem

abgenommen, weil das Freilager und Speditionen

wie Danzas, Lamprecht und Weitnauer nicht

mehr hier sind. Bonatrans ist noch da, auch Fiege

und der Fruchthandel, aber das ist kein Vergleich

mehr zu früher. Zugenommen haben die Fahrten

der Kleintransporter. Ich denke, das pendelt sich

alles ein. Ruhe wie auf dem Land wird man hier

nie haben, es soll ja ein lebendiges Stück Stadt

sein. Was noch fehlt hier ist ein Laden, um am

Samstagmorgen frische Gipfeli und eine Flasche

Milch kaufen zu können.

Ist das Areal anonymer

geworden, weil hier mehr

Menschen zugange sind?

Siebzig Prozent der Leute würden wohl sagen,

es sei anonymer geworden. Aber ich meine, es

kommt immer darauf an, wie man in den Wald

hineinruft. Ich habe mit allen einen Umgang

gefunden, für mich ist das eine weltoffene Stadt.

«Urbanisierung

ist für

alle Neuland»

Christine Kämpf

Christine Kämpf, das Angebot

der ‹Drehscheibe› endete im

April 2017. Wie haben Sie den Weg

der ‹Drehscheibe› begleitet?

2014 wollte die Abteilung Soziales mit einem

‹Quartierkiosk› vor Ort die Entwicklungen möglichst

eng begleiten. Gemeinsam haben wir die

Idee aufgenommen, und so entstand die ‹Drehscheibe›

im Blechspitz. Für mich hiess dies fünfzig

Prozent Quartierkoordination und fünfzig

Prozent Dreispitz-Marketing. Die wichtigste

Entscheidung war, meinen Arbeitsplatz ins

Quartier zu verlegen. Nur hier konnte ich spüren,

was die Leute bewegt. Wenn es hier Baulärm

gab, dann habe ich das ‹im Auge des Orkans›

selbst mitbekommen.

Wie haben Sie Ihre Aufgabe

auf dem Dreispitz selbst

interpretiert?

Ich habe mich vor allem für die Kommunikation

verantwortlich gefühlt. Zu Beginn war ich die

Schnittstelle für die Entwickler am Hauptsitz

der Stiftung und den Leuten hier auf dem Dreispitz.

Das sind zwei verschiedene Welten, zwei

Sprachen, die da gesprochen werden. Wo ich

zuvor zwischen zwei Parteien vermittelt habe,

musste ich nun zwischen zehn oder mehr

vermitteln. Wichtig war, dass wir als Stiftung,

d.h. als Grundeigentümerin und als Arealbewirtschafterin,

auf dem Areal weiterhin eine

Stimme haben – vor allem neben den neuen

Nutzerinnen und Nutzern. Natürlich gab es

Grabenkämpfe, bevor jeder seine Rolle eingenommen

hat. Mit der Hochschule für Gestaltung

(HGK) gibt es einen starken Player am Freilager-

Platz. Das ist für kleinere Institutionen wie das

Haus der elektronischen Künste (HeK) neben

der Bereicherung auch eine Herausforderung.

14


News

Was heisst das im

Dreispitz-Alltag?

Das HeK hat einen öffentlichen Auftrag und

möchte auf dem Dreispitz gesehen werden.

Also stand die Forderung nach einer eigenen

Signaletik im Raum. Die Zeit der Transitlager-

Baustelle war auch problematisch, weil das HeK

hinter Baucontainern ‹verschwand›. Baupläne

sind eben nur zweidimensional, in der Realität

sieht es dann ganz anders aus.

Ein Problem der verschiedenen

Perspektiven?

Ich habe viel gelernt über die Bedürfnisse

einzelner Nutzer. Auch darüber, wie jemand das

Areal betrachtet, ob er hier wohnt oder hier

arbeitet. Ich habe verschiedene Standpunkte

eingenommen, um Argumente besser nachvollziehen

zu können. In Sitzungen musste ich mitunter

verschiedene Interessen vertreten. Meine

Arbeitgeberin war natürlich die Stiftung. Und

trotzdem habe ich manchmal aus der Perspektive

der Nutzer argumentiert – das war nicht immer

einfach.

Wie sind Sie mit diesen teils

konträren Erwartungshaltungen

umgegangen?

Die Nutzerinnen und Nutzer des Freilagers sahen

in mir eine Ansprechperson für ihre Probleme

auf dem Areal und haben von mir Lösungen

erwartet. Dabei musste ich zuerst wahrnehmen,

wo es Reibungen gibt.

Welche Rolle nehmen die neuen

Nutzer in diesem Dialog ein?

Kaum jemand bringt Erfahrungen mit, wie man

urbanes Leben in Gang bringen soll, es ist für

alle Neuland. Am Anfang waren viele blockiert,

meinten, es sei nichts erlaubt und alle Ideen

würden durch Vorschriften gebodigt, weil bei

jeder etwas lauteren Veranstaltung die Polizei

komme. Aber das Ganze ist ein anhaltender

Lernprozess, in dem sich beide Seiten angenähert

haben.

Und wie steht es um die neuen

Bewohnerinnen und Bewohner

im Helsinki Dreispitz, im Oslo

Nord, H7 und im Transitlager?

Ich meine, die Mieterinnen und Mieter der rund

150 Wohnungen, die in den letzten zwei Jahren

bezogen wurden, fühlen sich momentan eher

benachteiligt. Sie sind zwar eine grosse Nutzergruppe,

aber ihnen fehlt bisher die Stimme. Ich

habe mich stark für diese neue Klientel engagiert,

und auch von ihrer Seite gibt es jetzt Ideen und

Kraft, das Freilager weiter zu beleben. Natürlich

birgt dieser neue Aspekt auch neues Konfliktpotenzial.

Als es zum Beispiel den Wunsch gab,

einen Basketballkorb auf dem Platz zu montieren

oder eine Bocciabahn anzulegen, erinnerte die

HGK daran, dass es hier um den Campus der

Künste mit grossem Anspruch an Design und

Ästhetik gehe. Das waren genau die Situationen,

in denen das Verhandeln wieder neu beginnen

musste und mir meine Ausbildung zur Mediatorin

zugutekam.

Was bringt dieser

Transformationsprozess

den Beteiligten?

Am Beginn der Transformation war die HGK als

‹flagship› ein wichtiger Katalysator. Inzwischen

profitiert auch sie von ihrem Umfeld. Es kommen

andere Besucher und damit Sichtweisen aufs

Areal. Der Schritt zur Gleichberechtigung aller

Nachbarn ist noch nicht vollzogen. Gerade mit

dem Transitlager hat die HGK jetzt ein neues

Gegenüber erhalten – mit Gewerbe, mit Kultur,

mit Wohnungen – und damit auch neue und

berechtigte Ansprüche an die Nutzung des

Freilager-Platzes. Die bisherige Dominanz der

Künste wird positiv ergänzt.

Die ‹Drehscheibe› wurde

Ende April 2017 geschlossen.

Wer übernimmt künftig

die Moderation?

Einen Teil der administrativen Aufgaben wird der

Betrieb Dreispitz übernehmen, der in der Depotwerkstatt

an der Frankfurt-Strasse domiziliert

ist. Die Schliessung der ‹Drehscheibe› ist auch

ein Zeichen nach aussen: Jetzt müsst ihr euch

selbst organisieren, ihr müsst die neue Nutzung

gestalten und Gemeinsamkeiten finden. Das

wird mit mehr Aufwand verbunden sein als

bisher, aber der Prozess wird sich schnell zum

Guten wenden. In der Zwischenzeit hat sich

bereits eine Interessengemeinschaft gebildet.

Damit können die Nutzerinnen und Nutzer und

die Anwohnerinnen und Anwohner gegenüber

der CMS, der Gemeinde Münchenstein oder

dem Kanton Basel-Stadt gemeinsam Ansprüche

formulieren. Jetzt lenkt die CMS nicht mehr,

sondern die Beteiligten selbst lenken das öffentliche

Leben im Freilager. Unsere Zügel waren am

Anfang sehr straff, vielleicht zu straff, jetzt lassen

wir sie lockerer.

«Mir gefällt es,

wenn die Welten

aufeinanderprallen»

Guy Krneta

Guy Krneta, wie sind Sie aufs

Dreispitz-Areal gekommen?

Ich habe ein Schreibatelier gesucht und bei der

CMS angefragt. Für mich als Autor mit Kindern

ist das Atelier ein wichtiger Arbeits- und Rückzugsort.

Hier schreibe ich vor allem, Organisatorisches

erledige ich von zu Hause aus. Mein

erstes Schreibatelier in Basel war im Hirscheneck,

später fand ich eine Schreibstube im GGG-Atelier

am Rhein, die war zeitlich befristet. Als es dort

zu Ende ging, Anfang 2013, habe ich bei der CMS

angefragt. Zu der Zeit wurde der Blechspitz an

der Oslo-Strasse (heute: Freilager-Platz) frei.

Nebenan, wo heute das Helsinki Dreispitz von

Herzog & de Meuron steht, war eine Brache.

Wenn ich aus dem Fenster schaute, blickte ich

auf eine riesige leere Bühne. Ich schaute zu, wie

gegraben und dann Stock um Stock gebaut

wurde.

Wie sind Sie mit dem Baulärm

ringsum umgegangen?

Baulärm stört mich nicht beim Schreiben,

schwieriger ist es mit Musik, weil die rhythmischen

Strukturen den eigenen Textrhythmus

blockieren. Der Blick aufs entstehende Gebäude

jedenfalls war beeindruckend. Luigi Pirandello

beschreibt im Vorwort zu seinem Theaterstück

‹Sechs Personen suchen einen Autor› eine ähnliche

Situation: Er schreibt sein Stück, und vor

seinem Fenster errichten Bauarbeiter ein Haus.

Er kommt mit dem Stück voran und sie mit dem

Haus ebenso. Bei mir war’s anders, ich hatte

das Gefühl, die bauen sehr schnell und ich

arbeite sehr langsam … Als würden sie mir jeden

Tag beweisen wollen, was man mit seiner Zeit

alles anstellen kann.

Wo haben Sie gearbeitet, als der

Blechspitz umgebaut wurde?

Ich war dann für ein Jahr an der Venedig-Strasse

22/24, zusammen mit der Feuerwehr. Dieses

Haus habe ich mal Nathalie Unternährer von

der CMS gezeigt, weil ich hoffte, man könnte es

vielleicht zum Jugendliteraturlabor umfunktionieren.

Es würde sich sehr gut für Schreib- und

Workshop-Arbeit mit Gruppen eignen. Ausser

donnerstagabends, da trifft sich hier die Feuerwehr.

Einmal, als ich in meinem Schreibraum

sass, drang Rauch herein. Die Feuerwehr machte

eine Brandübung, von der ich nichts wusste,

und nebelte das Gebäude ein! Das war so absurd,

ich mit dem Laptop in diesem Rauch. Das

hätte gleich eine Geschichte geben können. Mir

gefällt es, wenn die Welten aufeinanderprallen.

Sie hatten immer mal wieder

Ideen für neue Literaturorte.

Es gab mal ein Treffen im Literaturhaus, wo

vonseiten der Autoren ein Atelierhaus für Schreibende

gewünscht wurde. Beat von Wartburg

nahm unseren Vorschlag auf, es folgte nach einer

sanften Renovation die Ausschreibung für den

Blechspitz. Doch dann gab es zu wenige Bewerbungen.

Meine Enttäuschung ist, dass ich im

‹Autorenhaus›, das nun anders genutzt wird, nun

doch wieder allein bin, ohne Austausch mit anderen.

Offenbar arbeiten die meisten Schreibenden

zu Hause.

Sie hätten gern beides,

die Ruhe zum Arbeiten und die

Nähe zu anderen?

Ja, Ruhe zum Arbeiten und dann die zufälligen

Begegnungen – sich austauschen, zusammen

etwas ausprobieren, Veranstaltungen planen,

Dinge angehen, die man allein vielleicht nicht

machen würde.

Welche Rolle spielt für Sie

der Austausch mit anderen

Kreativen?

Als Bühnenautor bin ich es gewohnt, mit anderen

Kunstsparten zusammenzuarbeiten, das macht

einen grossen Teil meiner Arbeit aus.

Wie stark wirkt das räumliche

Umfeld auf Ihre Arbeit zurück?

Wenn man schreibt, versucht man immer, sich

zu öffnen. Einerseits öffnet man sich für die

eigenen Erinnerungen, damit die Dinge ‹durchdrücken›.

Andererseits ist man offen für Äusseres

– ich beobachte und reflektiere. Was mich in

dieser Umbauphase faszinierte, waren die unglaublich

schnellen Veränderungen. Man war

wie im Auge des Orkans.

Bekommt Zeit eine andere

Bedeutung durch dieses sich

wandelnde Umfeld?

Ja, die Dynamik ringsum kann aber auch etwas

Bedrückendes haben. Die anderen bringen so

viel zustande …

Oslo Night, 2014

AM 23. SEPTEMBER IST OSLO NIGHT!

Samstag, 23. September, ab 14 Uhr

Kann der Dreispitz Nährboden

für kreatives Arbeiten sein?

Ja, das ist er ja längst. Es gibt vielleicht noch

zu wenige Berührungspunkte zwischen den Akteuren.

Klar, man ist auch verschieden. Das HeK

macht wenig Live-Veranstaltungen. Nachts bin

ich oft der Einzige auf dem Gelände. Doch die

Bildschirme des HeK laufen Tag und Nacht,auch

wenn niemand schaut. Mich befremdet das

manchmal. Schön wäre, wenn es eine Beiz gäbe,

die lange offen hätte und auf den Platz hinaus

stuhlen würde.

Wie beurteilen Sie die Rolle

der grossen Player im Freilager-

Quartier, etwa der Hochschule

für Gestaltung und Kunst?

Für die HGK habe ich grosse Sympathien, auch

wenn wir wenig miteinander zu tun haben. Ich

habe selber ja nie Kunst studiert, aber ich hätte

es mir gewünscht. Ich würde gerne ab und zu mit

Studierenden etwas machen. Bei der Oslo Night

gibt es die beiden Grossen, HeK und HGK. Die

Werbung für den Anlass ist stark von deren Aktivitäten

geprägt, die Literatur ist da ein bisschen

rausgefallen. Womöglich braucht es mehr Zeit,

damit das besser greifen kann.

Worauf hätten Sie denn am

meisten Lust?

Ich habe mir immer vorgestellt, hier eine Literaturreihe

zu machen, Lesungen zu organisieren,

etwa in der Cucina des Atelier Mondial. Es gibt

ja solche Atelier- und Kulturorte, an denen der

Austausch wunderbar funktioniert, etwa im

Berner Kulturzentrum ‹Progr›. Vielleicht gibt es

irgendwann einen interdisziplinären Ort in Basel,

an dem Leute zusammenkommen, nebeneinander

produzieren, miteinander auftreten und

veranstalten, zusammen streiten und sich gegenseitig

aber wertschätzen. Auf dem Kasernenareal

könnte so etwas entstehen und eben auch auf

dem Dreispitz.

An der sechsten Ausgabe der Oslo Night kann man den Dreispitz im Kultur- und Partymodus erleben.

Akteure des Freilager-Quartiers werden sich am 23. September von 14 Uhr bis tief in die Nacht nicht nur

selbst präsentieren, sondern laden alle Gäste zu Ausstellungen, Performances, Lesungen, Workshops,

Kurzfilmen und zum Draisinenrennen ein.

Mehr Informationen unter www.oslonight.ch und www.draisinenrennen.ch

15


News

EINE ZWEI

MILLIMETER GROSSE

SENSATION

Der GEO-Tag

der Natur in den

Merian Gärten

HINDERNISFREI

WOHNEN

Eine neue,

zukunftsweisende

Publikation im CMV

Überraschende Grundwasserbewohner,

ein singender

Südländer, eine zwei Millimeter

grosse Sensation und eine

provisorische Zahl von 1060

gefundenen Tier-, Pflanzen-,

Pilz- und Flechtenarten –

der erste GEO-Tag der Natur

am 16. und 17. Juni in den

Merian Gärten war ein voller

Erfolg.

aba, leg Das erste Staunen liess nicht lange auf

sich warten: Schon beim Eindunkeln am Freitagabend

kündigte ein lautes Zirpen unterhalb der

Villa Merian den ersten aussergewöhnlichen

Fund an und sorgte gleichzeitig für ein wenig

Ferienstimmung. Die Südliche Grille (Eumodicogryllus

bordigalensis) ist nämlich üblicherweise

im Mittelmeerraum zu Hause – und jetzt auch in

den Merian Gärten.

Während die Grille von dem warmen und

trockenen Wetter profitierte, waren andere Tiergruppen

in kühlen Bodenspalten versteckt und

nur schwer auffindbar. Dafür kam das Publikum

bei strahlender Sonne auf seine Kosten. Stündlich

führten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

durch die Gärten und forderten dazu

HERBSTGARTENZEIT

Der Pflanzenmarkt vor dem Winter

Sonntag, 24. September, 10–17 Uhr

auf, sich in die Existenz von Schnecken hineinzuversetzen,

erklärten, wie Fledermäuse jagen,

oder berechneten, wie viel Kilo Ameisen sich in

einem Bau aufhalten.

Daneben widmeten sich die Expertinnen und

Experten ihrer Hauptaufgabe, nämlich mit Fangnetz,

Lupe und Fotoapparat die einheimische

Flora und Fauna aufzuspüren. Neben wohlbekannten

Arten wie Kohlmeise oder Löwenzahn

waren auch zahlreiche besondere Funde dabei.

So zum Beispiel die unscheinbaren Höhlenflohkrebse,

Bewohner von Grundwasser und daher

kaum je zu sehen. Oder der Rüsselkäfer (Amalorynchus

melanarius), der sich von Brunnenkresse

ernährt und im Wassergraben auf der Schafweide

nachgewiesen wurde; ein anderer seltener

Leere Beete im Winter – Fehlanzeige! Der Herbst ist nochmals Pflanzzeit.

ProSpecieRara und die Merian Gärten laden erstmals zum Anlass rund ums Thema

Herbstgärtnern ein. Lassen Sie sich vor Ort inspirieren und holen Sie sich das

nötige Wissen sowie praktische Tipps bei den Fachleuten. Nutzen Sie die Gelegenheit,

sich mit Obstbäumen, Gemüse- und Kräutersetzlingen sowie Beerensträuchern

für Ihren Garten oder Balkon einzudecken.

Programm unter www.herbstgartenzeit.ch

Rüsselkäfer fand sich auf der frisch gefällten

Blutbuche im Englischen Garten. Und nicht

zuletzt die Sensation des Tages, weil erst der

zweite Nachweis in der Schweiz: Xylographus

bostrichoides, der Zahnschienen-Schwammfresser,

ein winziger Käfer (ca. 2 mm lang), der in einem

Baumpilz lebt.

Die vielen Einzeleindrücke liefern wertvolle Erkenntnisse

über die gesamten Gärten. So zeigten

die Funde, dass in den Merian Gärten warme und

trockene Landschaften dominieren. Sensible Arten

in den Trockenwiesen zeugen von der jahrelangen,

fachgerechten Pflege dieser Bereiche.

Gleichzeitig deutet das Fehlen von typischen

Waldarten – zum Beispiel bei Ameisen, Flechten

und Schwebfliegen – darauf hin, dass die Gehölzflächen

keinen richtigen Waldcharakter haben.

Zwar ist dies bei den kleinen Baumbeständen

kaum überraschend, dennoch ein wichtiger Denkanstoss

für den zukünftigen Umgang mit Unterwuchs,

Baumzusammensetzung und Totholz.

Nicht zuletzt hat der GEO-Tag der Natur eindrücklich

gezeigt, wie wichtig kleinste Lebensräume

sind. Der Wassergraben in der Schafweide

stellte sich als wertvolles Habitat heraus, die

kaum beachteten Quellen beherbergen eine

spezialisierte Fauna, sogar ein einzelner Totholzstamm

kann zu einem wertvollen Lebensraum

werden.

Nach anstrengenden 24 Stunden beginnt für

einige Forscherinnen und Forscher die Hauptarbeit

erst jetzt: Viele Arten können nur unter dem

Mikroskop genau bestimmt werden. Ende Sommer

erwarten wir die endgültige Artenliste, welche

weitere wertvolle Erkenntnisse für die Biodiversitätsstrategie

der Merian Gärten liefern wird.

Zukunftsweisend umbauen

Hindernisfrei wohnen

Pro Infirmis, Institut Architektur

der Fachhochschule Nordwestschweiz (Hg.)

200 Seiten,

ca. 140 meist farbige Abbildungen und Pläne,

gebunden, 22 × 29,5 cm

ISBN 978-3-85616-842-1

CHF 38.–/EUR 36.–

erscheint Ende September

nlo Wohnen ist ein Grundbedürfnis aller Menschen.

Die Bereitstellung von hindernisfreien

Wohnbereichen für Menschen, die mit einer

Behinderung leben, gehört somit zu den sozialen

Verpflichtungen unserer Gesellschaft. Um im

Bereich der Wohngestaltung die Inklusion von

Menschen mit einer Behinderung voranzutreiben,

braucht es einen regen Austausch zwischen

Betroffenen und Wohnraumgestaltern. Die Fachorganisation

für Menschen mit einer Behinderung

ProInfirmis hat nun in Zusammenarbeit

mit dem Institut Architektur der Fachhochschule

Nordwestschweiz eine Publikation realisiert, in

welcher konkrete Umbaubeispiele für hindernisfreies

Wohnen detailliert vorgestellt werden.

Die fünfzehn Umbauprojekte aus der ganzen

Schweiz umfassen sowohl historische als auch

neuere Bauten und sind mit Fotos, Steckbrief,

Massnahmenkatalog und Plänen von Fachautoren

vergleichend dokumentiert. Das Buch

möchte anhand konkreter Beispiele mit unterschiedlichen

Ausgangslagen und Lösungswegen

einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über den

nachhaltigen Umgang mit dem Baubestand

leisten. Bereits 2010 ist im Christoph Merian

Verlag unter dem Titel ‹Weiterbauen› ein Buch

über Wohnlösungen für Wohnen im Alter erschienen.

In Kooperation mit der Age Stiftung

wurden bauliche Möglichkeiten, Nutzungsvarianten

und Wohnszenarien für ältere Menschen

an Umbaubeispielen aufgezeigt. Die beiden Publikationen

richten sich an Planerinnen, Architekten,

Baubehörden sowie direkt Betroffene und deren

Umfeld.

Texte: Alexandra Baumeyer, aba (Leiterin Vermittlung & Kommunikation Merian Gärten), Dr. Lisa Eggenschwiler, leg (Leiterin Grundlagen Natur & Gartenkultur

Merian Gärten), Nora Lohner, nlo (Praktikantin Kultur), Christoph Meneghetti, cme (Projektleiter Kultur), Dr. Tilo Richter, tri (Redaktor Basler Stadtbuch),

Nathalie Unternährer, NU (Leiterin Kultur), Dr. Beat von Wartburg (Direktor CMS) sowie Sylvia Scalabrino, scy, Basel

Redaktion: Toni Schürmann, tsc (Stabsstelle Kommunikation)

Gestaltung und Bildredaktion: Beat Keusch Visuelle Kommunikation, Basel — Beat Keusch, Angelina Köpplin-Stützle, Vanessa Serrano

Korrektorat: Dr. Rosmarie Anzenberger, Basel

Bildbearbeitung: mustera, Basel — Andreas Muster

Druck: Gremper AG, Basel/Pratteln

Auflage: 3500 Exemplare; erscheint dreimal jährlich (April, August, Dezember)

Bildnachweis: Christoph Niemann (Cover, S. 3 –10), Archiv der Christoph Merian Stiftung (S. 13), Kathrin Schulthess (S. 14, 15, 16), Merian Gärten (S. 16)

St. Alban-Vorstadt 5

Postfach

CH-4002 Basel

T + 41 61 226 33 33

www.cms-basel.ch

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