09/2017

Elternsein

Fritz + Fränzi

Fr. 7.50 9/September 2017

Cybermobbing

Wie Mitschülerinnen

das Leben von Laila, 14,

zur Hölle machten

Jesper Juul

Wie Eltern mit ihren

pubertierenden Kindern

umgehen sollten

Was die Seele stark macht

Resilienz


Lernende

gesucht!

Mehr dazu auf

concordia.ch

Bewährte Werte

Zuverlässig und sicher. Solide mit gutem Ruf. So wie die

CONCORDIA für Familienmitglieder aller Generationen.

Und für jene, denen Klasse wichtiger ist als Masse.

Ihre Gesundheit, bei der CONCORDIA in besten Händen.

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Editorial

Bild: Geri Born

Nik Niethammer

Chefredaktor

Liebe Leserin, lieber Leser

Neulich fragte ich unsere sechsjährige Tochter, wen sie im Kindergarten besonders

gerne mag. «Also der Paul und die Josefine sind nett, die Finja hat tolle

Spielsachen, und der Jonda kann mich sogar hochheben», kam es wie aus der

Pistole geschossen. Dann schaute sie mich mit grossen Augen an: «Und weisst

du, wen ich am liebsten mag? Mich!»

Es gibt wenige Dinge, die Eltern glücklicher machen, als wenn das Kind mit sich

und der Welt im Einklang ist. Wenn es zu Kindergeburtstagen eingeladen wird,

Freunde hat, nicht gehänselt oder gemobbt wird. Und wenn es auch schwierige

Momente meistert, mit Enttäuschungen, Frust und Niederlagen umzugehen

weiss. «Resilienz» nennt die Wissenschaft diesen besonderen Schutz der Seele.

Sie hilft uns, auch grosse Herausforderungen zu bewältigen, an schweren Krisen

nicht zu zerbrechen.

«Du könntest dich auch

einfach selber mögen.

Denk nur an all die Zeit, die

du mit dir verbringen musst.»

Jerry Lewis, US-amerikanischer Komiker,

Sänger und Schauspieler (1926–2017)

Die Resilienzforschung ist noch relativ jung; erst seit dem Zweiten Weltkrieg

befassen sich Forscher intensiv mit der Frage, wie wir gesund bleiben, was uns im

Umgang mit Belastungen schützt und wie wir Wohlbefinden

erlangen. Was man heute mit Sicherheit weiss: Resiliente Menschen

besitzen eine ausgeprägte Selbstwahrnehmung, sie

können ihre Gefühle regulieren, Probleme analysieren und

lösungsorientiert bewältigen. Insbesonere können sie negative

Gedanken vergleichsweise gut aushalten und ablegen; sie

fokussieren sich auf ihre Kräfte, sind in der Regel optimistisch

und wenig ängstlich.

Wir haben die Psychologen Fabian Grolimund und Stefanie

Rietzler gebeten, uns zu erklären, wie Kinder diese Widerstandskraft erwerben.

Und was Eltern dabei tun können. Die gute Nachricht: Resilienz ist lernbar.

Was die Seele stark macht – ab Seite 10.

«Der Weg zur inneren Stärke» ist auch Thema unserer nächsten Hausveranstaltung

im Kulturpark Zürich. Am 24. Oktober sind die Autoren dieses

Dossiers (und des Dossiers «Was Kinder stark macht» aus dem Frühjahr

2015) zu Gast – und Sie sind herzlich eingeladen.

Infos und Anmeldung: www.fritzundfraenzi.ch/resilienz

Ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen mit dieser Ausgabe – und lege Ihnen

diese drei Texte besonders ans Herz:

• «Die Eltern als Sparringspartner» von Jesper Juul – ab Seite 40.

• «Üben, wie man Frust erträgt» von Ruth Fritschi – ab Seite 46.

• «Wo Schule Freude macht» von Claudia Landolt – ab Seite 52.

Herzlichst – Ihr Nik Niethammer

850 Lehrstellen in 25 Berufen | www.login.org


Inhalt

Ausgabe 9 / September 2017

Viele nützliche Informationen finden Sie auch auf

fritzundfraenzi.ch und

facebook.com/fritzundfraenzi.

Psychologie & Gesellschaft

38

Armes, verwöhntes Einzelkind?

Zahlreich sind die Vorurteile über

Kinder ohne Geschwister. Was stimmt

und was ist längst überholt? Dazu:

vier Tipps für Eltern.

Augmented Reality

Dieses Zeichen im Heft bedeutet, dass Sie digitalen Mehrwert

erhalten. Hinter dem ar-Logo verbergen sich Videos und

Zusatzinformationen zu den Artikeln.

10

Dossier: Resilienz

10 Was die Seele stark macht

Warum meistern manche Menschen

Schicksalsschläge und andere

zerbrechen daran? Alles über diese

Widerstandskraft, Resilienz genannt.

Bild: Kate Parker

18 So stärken Sie das psychische

Immunsystem Ihres Kindes

Drei einfache und alltagstaugliche

Übungen für Eltern.

28 Wie kommt man als Familie durch eine

Lebenskrise?

Der Buchautor Georges Morand und seine

Kinder erzählen, wie sie die Zeit gemeistert

haben, als die Mutter die Familie verliess.

Cover

Das Foto stammt von

der US-Fotografin Kate

Parker. Es entsprang

der Idee, Mädchen

möglichst autark und

authentisch zu zeigen:

als starke Kinder, die

sie sind.

Bilder: Kate Parker, Herbert Zimmermann / 13 Photo, Samuel Trümpy / 13 Photo, Stephan Rappo / 13 Photo

4


32

52

68

Margret Bürgisser, warum sollten Paare sich

Familien- und Erwerbsarbeit egalitär teilen?

Ein Besuch in einer integrativen Klasse ohne

Prüfungen, Ufzgistress und Wettbewerb.

Cybermobbing: Eine Mutter berichtet, was

ihre Tochter und sie durchmachen mussten.

Erziehung & Schule

42 Interkulturelle Liebe

Verlieben sich die Kinder in einen

Menschen aus einem anderen

Kulturkreis, haben ihre Eltern nicht

selten Vorurteile.

46 Mit Frust umgehen

Kinder können lernen, Wünsche und

Bedürfnisse besser zu kontrollieren.

48 Da treffen sich Bücherwürmer

Ein Überblick über Veranstaltungen.

52 Wo Schule Freude macht

Eine Reportage über eine öffentliche

Schule ohne Hausaufgaben, Prüfungen

und Lehrmittel – und mit Kindern

mit besonderen Bedürfnissen.

62 Sackgeld

Wer bekommt wie viel?

Ernährung & Gesundheit

82 Was tun gegen Akne?

Tipps, um die Pickelplage

einzudämmen.

Digital & Medial

68 Cybermobbing

Eine Mutter beschreibt zusammen mit

ihrer Tochter, wie es ist, in Chats

gemobbt zu werden und sich nicht

mehr in die Schule zu trauen.

76 «Etwas mehr Geduld, bitte!»

Tiefere Frustrationstoleranz wegen

Smartphones? Was Eltern bei der

Medienerziehung beachten sollten.

80 Sicher im Internet

Über Inhalte im Netz, die wirklich

kindgerecht sind.

Rubriken

03 Editorial

06 Entdecken

32 Monatsinterview

Margret Bürgisser forscht über Paare,

die sich Erwerbs- und Familienarbeit

teilen.

40 Jesper Juul

Der Familientherapeut kennt einen

Kniff, wie Eltern mit pubertierenden

Kindern entspannter werden: sie als

«Austauschstudenten» betrachten.

49 Ellen Ringier

Warum der Satz «Ich weiss nichts,

macht nichts» abgrundtief falsch ist.

50 Fabian Grolimund

Wie es Eltern gelingt, ihre Zeit

konstruktiv einzuteilen.

64 Michèle Binswanger

Über das Smartphone und die iGen.

66 Leserbriefe

90 Eine Frage – drei Meinungen

Was tun, wenn die Tochter glaubt, der

Vater liebe die Kinder seiner neuen

Frau mehr als sie?

Service

86 Unser Wochenende …

… in Arosa

88 Verlosung

88 Sponsoren/Impressum

89 Buchtipps

Die nächste Ausgabe erscheint

am 5. Oktober 2017.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 20175


Entdecken

3 FRAGEN

Starten Sie

die aktuelle

Fritz+Fränzi-App,

scannen Sie diese Seite

und sehen Sie einen

Film-Beitrag über die

neuen Bergtrails.

Spätes Mutterglück

Frauen, die ihre Kinder spät –

ab Mitte 30 – bekommen haben,

sind die besseren Mütter, ergab

eine dänische Studie. Und dies

ausschliesslich wegen ihres

höheren Alters und der damit

einhergehenden psychischen

Reife, so die Forscher. Die 7-

bis 11-jährigen Kinder älterer

Mütter hatten demnach weniger

soziale, emotionale und Verhaltensschwierigkeiten.

Bei

den 15-jährigen Kindern fand

sich kein Unterschied. Befragt

wurden 4741 Mütter des Danish

Longitudinal Survey of Children

in Kopenhagen.

an Christina Hanke, Operations Manager von Foxtrail

«Kinder merken gar nicht, dass sie wandern»

Diesen Sommer eröffnete der Luzerner Veranstalter Foxtrail seine

ersten Bergtrails in der Lenzerheide. Christina Hanke von Foxtrail erzählt,

wie sich die Schnitzeljagd in den Bergen gestaltet.

Interview: Evelin Hartmann

Christina Hanke, was erwartet Familien auf den neuen Bergtrails?

Ziel ist es, den Fuchs in seinem natürlichen Revier, dem Wald

beziehungsweise den Bergen, zu jagen. Einmal auf einem grösstenteils

flach verlaufenden Trail rund um den Heidsee sowie auf einem etwas

anspruchsvolleren Bergtrail von Heidbüel hinab ins Tal. Natürlich nur

symbolisch, dafür aber mit vielen spannenden Aufgaben, die Teilnehmern

die Bergwelt näherbringen sollen.

Wo bekomme ich die Tickets?

Auf unserer Homepage sind die Trails beschrieben und buchbar. Die

Startunterlagen bekommt man per Mail zugeschickt. Die Tickets inklusive

Bus- und Bergbahntickets liegen dann im Tourismusbüro Lenzerheide

zum Abholen bereit.

Kinder sind meist keine begeisterten Wanderer. Wie wollen Sie diese

erreichen?

Das macht der Fuchs für uns. Auf den Trails gibt es so viel zu erleben und

zu entdecken, dass Kinder gar nicht merken, dass sie wandern. Da gilt es

zum Beispiel einen Wasserfall zu stoppen, um trockenen Fusses zu einer

Aufgabe zu gelangen. Den leichteren und kürzeren Trail um den Heidsee

empfehlen wir für Kinder ab 6 Jahren, den etwas anspruchsvolleren

Bergtrail ab etwa 7 beziehungsweise 8 Jahren. Die Trails sind übrigens

das ganze Jahr über begehbar.

www.foxtrail.ch

92 Prozent der Schweizer Eltern

setzen in der Erziehung auf disziplinierende

Massnahmen, zwei Drittel von ihnen auf

ein Computer- und Smartphoneverbot.

(Quelle: Studie, in Auftrag gegeben von der Credit Suisse, bei der 7200 Mütter

und Väter mit Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren befragt wurden.)

Die Käfer kommen

«Mama, wie heisst der Käfer da?» Eltern

stossen schnell an ihre Grenzen, wenn

es um die Benennung heimischerKäfer

geht. Um Kindern die Artenvielfalt in

unseren Wiesen und Wäldern

näherzubringen, geht der Verein

Coleoptera (lat. für Käfer) mit

Schulklassen oder auch kleineren

Privatgruppen regelmässig im Raum

Biel, Bern und Solothurn auf die Pirsch. An diesen

sogenannten Forschertagen untersuchen die Buben und Mädchen

zusammen mit einer Biologin, was in ihrer Umgebung so kreucht

und fleucht. Übrigens: Auch wenn die meisten Käfer im Frühjahr und

Sommer zu entdecken sind, ist die Biologin Lea Kamber noch bis

in die Herbstferien für Coleoptera im Einsatz.

Alle Infos auf www.coleoptera.ch

Bilder: ZVG

6 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 20177


Entdecken

Blitzschnell rechnen

243 minus 57 = 251. Oder etwa nicht? Viele

Schüler tun sich mit dem Rechnen schwer.

Was ihnen fehle, sei nicht selten das Verstehen.

Und um zu verstehen, müssten Kinder

die Vorstellung von Zahlen, Grössen und

Operationen selbst im eigenen Kopf aufbauen

oder konstruieren können, sagen die

Gründer von Mathiblitz, einem schweizweit

tätigen Nachhilfeinstitut. Seit beinahe

20 Jahren greifen deren Lehrkräfte rechenschwachen

Schülern unter die Arme –

wollen Ängste und Unsicherheiten abbauen

und dadurch die Freude an den Zahlen

wecken.

Alle Infos auf www.mathiblitz.ch

Tierisch schweizerisch Sagen wir mal, die Schweiz hätte ein offizielles

Nationaltier, so wie Australien das Känguru. Kuh, Murmeltier, Steinbock und Bernhardiner

wären wohl die Topkandidaten. Diesen vier Tieren widmet das Landesmuseum Zürich

jetzt die Ausstellung «tierisch schweizerisch». Lebensechte Tierpräparate, überraschende

Exponate und interaktive Erlebnisstationen laden zu einer Erkundungstour ein. Dabei

entdecken grosse und kleine Besucher Murmeltiere, die tanzen können, Bernhardiner, die

Leben retten, Kühe, die Königinnen werden, und Steinböcke, die auch auf den steilsten

Felsen klettern.

Alle Infos auf www.nationalmuseum.ch

«Bis ins Jahr 2025 werden die

Schülerzahlen in einigen Kantonen

historische Höchststände

erreichen, ohne dass die Politik

mehr Mittel zur Verfügung stellt. »

Stefan Wolter in einem Interview

auf www.aargauerzeitung.ch

Stefan Wolter ist Direktor

der Schweizerischen

Koordinationsstelle für

Bildungsforschung.

Das Okapi hat Husten

Welchen Berufswunsch haben Ihre

Kinder? Tierarzt beziehungsweise

Tierärztin? Dann sei ihnen dieses

Buch empfohlen: «Das Okapi hat

Husten. Geschichten aus dem Alltag

eines Zootierarztes». Dieses liebevoll

gestaltete Buch zeigt, wie im Zoo

Basel die Tiere gepflegt, umsorgt und geheilt werden –

und dass ihre Wehwehchen von unseren gar nicht so weit

entfernt liegen, etwa wenn der Elefant Zahnschmerzen

hat, der Hornrabe wegen grauem Star zum Augenarzt

muss oder eben, das Okapi Husten hat.

«Das Okapi hat Husten – Geschichten aus dem Alltag

eines Zootierarztes», Christian Wenker, Stefan Hoby

und Tanja Dietrich, Christoph Merian Verlag,

etwa 31.90 Franken

Bilder: ZVG, iStockphoto

8 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Rubrik

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 20179


10 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Der Weg zur

inneren Stärke

Manche Menschen pustet ein Lüftchen um, andere

trotzen Orkanen. «Resilienz» nennt die Wissenschaft jene

Widerstands fähigkeit, die Menschen Krisen meistern und

ein gutes Selbstwertgefühl bewahren lässt. Die gute

Nachricht: Diese Widerstands fähigkeit können Kinder

lernen. Doch wie geschieht das? Und was können Eltern

dafür tun? Eine Annäherung.

Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler Bilder: Kate Parker

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201711


Dossier

Die Bilder zu diesem Dossier stammen von

der Amerikanerin Kate T. Parker, die mit

ihrer Arbeit «Strong is the New Pretty»

bekannt wurde. Ihr gleichnamiges Buch

erscheint im Herbst. Parker lebt mit ihrer

Familie in Atlanta. www.kateparker.com

Hallo Stefanie …» sang

mein Grossvater je ­

weils aus voller Kehle,

wenn ich an der

Tür klingelte. So

fröhlich war er, egal, ob es sich dabei

um uns Enkel, den Briefträger oder

Kinder aus der Nachbarschaft handelte.

Jeder war willkommen und

wurde angesteckt von seiner unbändigen

Lebensfreude.

Als ich ihm erzählte, dass ich in

der Schule nun Französisch lerne,

antwortete er mir: «Ah, vous parlez

français, Mademoiselle!», und

sprach fliessend auf mich ein. Es

waren meist alltägliche Begebenheiten,

die Bruchstücke seiner Lebensgeschichte

zutage förderten.

Als ich erstaunt nachfragte, wo ­

her er Französisch könne, meinte er:

«Das ist eine lange Geschichte.» Er

strich sich über die Glatze mit vereinzelten

weissen Haarbüscheln, die

hügelig und vernarbt war von den

Granatsplittern, die sich nicht entfernen

liessen, und erzählte vom

Krieg und der Gefangenschaft: den

vielen Jahren, die er in Kriegsgefangenenlagern

an der italie­ >>>

Resiliente Kinder und

Jugendliche besitzen eine

ausgeprägte

Selbstwahrnehmung.

12

September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

13


Dossier

14 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Einem resilienten Kind geht

es nicht einfach schlecht:

es weiss, ob es traurig, wütend,

enttäuscht ist. Oder

einfach nur mies gelaunt.

>>> nisch-französischen Grenze

verbrachte, den Minenfeldern, die

sie räumen mussten, und den jungen

Männern in seiner Umgebung,

die durch Explosionen zu Tode

kamen, erfroren oder verhungerten.

Wann immer ich etwas zum Thema

Resilienz (siehe Box Seite 16) lese,

muss ich an ihn denken. An seine

Widerstandsfähigkeit, seinen Optimismus,

seine Besonnenheit und

seine Fähigkeit, sich über scheinbare

Kleinigkeiten zu freuen. Woher

nahm er diesen ungebrochenen

Lebenswillen und seine Fröhlichkeit?

Die Entstehung von Gesundheit

Seit dem Zweiten Weltkrieg befassen

sich Strömungen der Psychologie

mit der Frage, wie wir gesund bleiben,

was uns im Umgang mit Belastungen

schützt und wie wir Wohlbefinden

erlangen.

Der Erste, der sich mit der «Entstehung

von Gesundheit» auseinandersetzte,

war Aaron Antonovsky. Er

untersuchte Überlebende des Holocaust

und ging der Frage nach, warum

es einigen der Menschen, die die

Schrecken der Konzentrationslager

überlebten, gelang, trotz dieser

Erfahrungen ein zufriedenes Leben

zu führen. Seine Untersuchung zeigte,

dass diese Menschen die Welt als

verstehbar und sinnhaft und sich

selbst als wirksam wahrnahmen.

Einige Jahre später wurden viele

seiner Ergebnisse durch einen neuen

Forschungszweig bestätigt. Die Entwicklungspsychologin

Emmy Werner

startete 1955 gemeinsam mit

ihrer Kollegin Ruth Smith >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201715


Dossier

>>> eine bahnbrechende Untersuchung.

Sie begleitete den gesamten

Geburtsjahrgang 1955 der Insel

Kauai, insgesamt 698 Kinder, über

mehrere Jahrzehnte hinweg. Dabei

stellte sie fest, dass sich rund ein

Drittel der Kinder, die unter schwierigsten

Bedingungen aufwachsen

mussten, trotz aller Widrigkeiten

positiv entwickelte. Kinder, die trotz

grösster Armut, alkohol- oder drogensüchtiger

Eltern oder zerrütteten

Familienverhältnissen zu psychisch

gesunden Erwachsenen heranwuchsen,

bezeichnete sie als resilient.

Weitere Forscher schlossen sich dieser

Strömung an, führten eine Vielzahl

an Studien durch und fanden

mehrere Faktoren, die Kinder, Ju -

gendliche, aber auch Erwachsene im

Umgang mit Belastungen stärken.

Während diese Forschungsbereiche

der Frage nachgingen, wie wir

mit Stress und Belastungen umgehen

können, befassen sich die positive

Psychologie und die Glücksforschung

mit der Frage, wie wir ein

gelingendes Leben führen und unser

Wohlbefinden und unsere Gesundheit

steigern können.

Die Grundlage für ein zufriedenes

Leben

Aus dieser Forschungslandschaft

möchten wir Ihnen einige Ergebnisse

vorstellen, die es Ihnen erleichtern,

Ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten,

ihre Widerstandskräfte

zu stärken und die Grundlagen für

ein zufriedenes Leben zu legen.

Vorausschicken möchten wir

einen zentralen Befund der Resilienzforschung:

Fast jedes der resilienten

Kinder hatte zumindest eine

Ein resilientes Kind hat

zumindest eine erwachsene

Bezugsperson, die ihm Liebe

und Geborgenheit vermittelt.

Resilienz – die psychische

Widerstandsfähigkeit

Resilienz bezeichnete ursprünglich die

Beschaffenheit von Baustoffen, die nach

Krafteinwirkungen wieder in ihre Ursprungsform

zurückkehren, etwa ein Schaumstoffball, den

man zusammendrücken kann. In der

Psychologie versteht man unter Resilienz die

psychische Widerstandkraft. Resiliente

Menschen besitzen die Fähigkeit, schwierige

Lebensumstände, Krisen und Traumata zu

verkraften und trotzdem psychisch gesund zu

bleiben. Wie sich diese Fähigkeit entwickelt,

steht seit mehreren Jahrzehnten im Zentrum

der Resilienzforschung. Heute geht man davon

aus, dass sich Resilienz in einer komplexen

Wechselwirkung zwischen einem Kind, seinen

engsten Bezugspersonen und Umwelteinflüssen

entwickelt und sich im Laufe des Lebens auch

verändern kann.

erwachsene Bezugsperson, die ihm

Liebe und Geborgenheit vermittelte.

Häufig war dies ein Elternteil, oft

aber auch nähere Verwandte oder

eine Lehrperson. Die im Folgenden

beschriebenen Eigenschaften setzen

eine solche stabile Beziehung voraus

und entwickeln sich im Austausch

zwischen Kind, Bezugsperson und

Umwelt.

Selbstwahrnehmung und

Selbststeuerung

Bin ich mir meiner Gedanken und

Gefühle bewusst? Kann ich diese

ausdrücken und reflektieren? Resiliente

Kinder und Jugendliche besitzen

eine gut ausgeprägte Selbstwahrnehmung.

Es geht ihnen nicht

einfach schlecht: Sie wissen, ob sie

traurig, wütend, enttäuscht oder nur

mies gelaunt sind. Dadurch kennen

sie nicht nur sich selbst besser, sondern

können auch die Gefühle und

Stimmungen anderer besser «lesen»

und adäquat darauf reagieren.

Gleichzeitig können sie ihre

Gefühle regulieren. Dies bedeutet,

dass sie ihren Emotionen >>>

16


Dossier

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201717


Dossier

Drei Übungen, um

das psychische

Immunsystem Ihres

Kindes zu stärken

Seelische Widerstandsfähigkeit lässt

sich trainieren, ganz einfach im

Alltag.

1. Wenn dich etwas belastet, dann

schreib es auf

Was passiert, wenn jemand an fünf Tagen

für jeweils 15 Minuten beschreibt, was ihn

belastet, und dabei seinen Gefühlen

und Gedanken freien Lauf lässt?

Die Forschung zum expressiven Schreiben

zeigt: sehr viel!

Diese simple Übung verbesserte die

Stimmung und das Wohlbefinden. Darüber

hinaus konnten Forscher eine Menge

zusätzlicher Effekte feststellen, die man fast

nicht für wahr halten könnte, wenn sie nicht

so gut abgesichert wären: Eine Stärkung des

Immunsystems und weniger Arztbesuche

konnten sogar über ein Jahr nach der

Schreibwoche noch festgestellt werden.

Studierende, die am Experiment teilnahmen,

schrieben bessere Noten, und Arbeitslose

fanden rascher eine neue Stelle. Sogar bei

Depressionen und posttraumatischen

Belastungsstörungen konnten die Symptome

durch das Schreiben gelindert werden.

Während des Schreibens nehmen die

negativen Gefühle zu. Die positiven Effekte

lassen aber nicht lange auf sich warten.

Das expressive Schreiben ist eine wirksame

Möglichkeit, sich belastenden Erlebnissen

und Gefühlen mit voller Aufmerksamkeit

zuzuwenden und sie aktiv zu verarbeiten.

Es hilft dabei, einen anderen Umgang damit

zu finden oder mit schwierigen Episoden

abzuschliessen.

Probieren Sie es aus: Sie benötigen dazu

nicht mehr als einen Stift und ein Blatt

Papier oder den Computer. Kinder können

auch eine Zeichnung machen.

Was für eine lebensverändernde Erfahrung

das Schreiben eines Tagebuchs für

Jugendliche sein kann, zeigt das Beispiel

von Erin Gruwell.

Die junge Lehrerin unterrichtete an der

Wilson Classical High School in Kalifornien

eine Klasse von Jugendlichen, die aus

schwierigsten Familienverhältnissen

stammten. Viele waren bereits straffällig

geworden. Der Alltag der Jugendlichen war

gezeichnet von Bandenkriegen, Schiessereien

und Drogen. Die meisten hatten bereits

eine wichtige Bezugsperson durch Gewalt

verloren. Erin Gruwell nutzte unter anderem

das Tagebuchschreiben als Möglichkeit, den

Jugendlichen bei der Verarbeitung ihrer

Erlebnisse zu helfen. Wenn Sie sich und Ihre

Kinder oder Schüler/innen zum Tagebuchschreiben

inspirieren möchten, empfehlen

wir Ihnen das Buch «Freedom Writers: Wie

eine junge Lehrerin und 150 gefährdete

Jugendliche sich und ihre Umwelt durch

Schreiben verändert haben». Lesemuffel

könnten sich von der Verfilmung mit Hilary

Swank mitreissen lassen.

2. Begegnen Sie unnötigen Sorgen mit

einem psychologischen Kniff

Manchmal müssen wir mit wirklich

belastenden Ereignissen zurechtkommen.

Wir alle machen uns im Alltag aber auch

viele unnötige Sorgen, bei denen wir im

Nachhinein sagen müssen: «Da hätte ich

mich jetzt wirklich nicht so verrückt machen

müssen – die ganze Grübelei hätte ich

mir sparen können.»

18 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

>>> nicht ausgeliefert sind, sondern

Möglichkeiten kennen, um

ihre Gefühle zu beeinflussen.

Dadurch können Sie beispielsweise

trotz Wut im Bauch darauf verzichten,

ein anderes Kind zu schlagen.

Sie können ihre Ängste überwinden,

an einer Aufgabe bleiben, obwohl sie

keine Lust darauf haben, oder sich

selbst beruhigen.

Ein Kind kann diese Kompetenzen

eher erwerben, wenn es Erwachsene

um sich hat, die:

• über eigene Gefühle sprechen.

• ihm dabei helfen, seine Gefühle

auszudrücken.

• ihm einen kompetenten Umgang

mit Emotionen vorleben.

Die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen

und mit ihnen umzugehen,

Resiliente Kinder regulieren

ihre Gefühle. Sie sind ihren

Emotionen nicht einfach

ausgeliefert, sondern können

ihre Gefühle beinflussen.

entwickelt sich über viele kleine Alltagssituationen

hinweg: Nehmen wir

an, ein Kind wurde in der Schule von

einer Lehrperson ungerecht be handelt.

Es musste eine unpädagogische

Äusserung über sich ergehen lassen

oder wurde ungerecht benotet. Wie

wsähe eine Reaktion aussehen, bei

der ein Kind lernen kann, >>>

Nachts im Bett oder wenn wir uns müde,

ausgelaugt oder ängstlich fühlen, quälen uns

Sorgen, die wir in einem nüchternen Moment

kaum ernst nehmen würden. Dabei begleiten

uns negative Gedanken wie «Wenn ich das

nicht schaffe, bin ich der totale Versager»,

«Warum muss gerade mir das passieren?»,

«Das könnte ich nicht aushalten» oder

«Was ist, wenn xy passiert?». Bei genauerer

Betrachtung sind die meisten dieser

Gedanken übertrieben und einseitig. Aber

dennoch können sie uns zusetzen, uns

vom Schlafen abhalten und uns hilf- und

hoffnungslos machen.

Je nachdem, in welcher Stimmung wir über

eine schwierige Situation nachdenken, sieht

diese ganz anders aus. Sobald wir etwas

besser gelaunt sind, fällt uns plötzlich ein,

dass wir nicht so alleine, schwach und hilflos

sind, wie wir uns eben noch gefühlt haben.

Ein wirksamer psychologischer Kniff besteht

darin, sich im Gefühlsstrudel seine negativen

Gedanken aufzuschreiben und sich etwas

später – in einem neutralen oder positiven

Moment – damit auseinanderzusetzen.

Dies ist besonders lohnenswert bei Sorgen,

die uns und unsere Kinder immer wieder

befallen.

Und so gehen Sie vor: Schreiben Sie die

Sorgen, Selbstzweifel oder Befürchtungen,

die Sie oder Ihr Kind plagen, auf Karteikarten.

Nehmen Sie für jeden einzelnen

Gedanken eine neue Karteikarte. Wenn Ihr

Kind beispielsweise Gedanken äussert wie

«Mich mag eh keiner!», «Ich bin sowieso

zu blöd» usw. können Sie diese zu Papier

bringen. Hören Sie einfach nur zu, argumentieren

sie nicht dagegen. Schreiben Sie

die Gedanken für später auf.

In einem besseren Moment nehmen Sie

und Ihr Kind die Gedankenkärtchen hervor.

Ziehen Sie beide jeweils einen negativen

Gedanken und rücken Sie diesem zu Leibe.

Sicher werden Ihnen nun viele Argumente

einfallen, weshalb dieser Gedanke übertrieben

oder sogar falsch ist. Schreiben Sie

die Gegenargumente auf die Rückseite des

Kärtchens. Auf der Vorderseite stünde

zum Beispiel «Keiner mag mich», auf der

Rückseite die Namen der Menschen, die das

Kind gern haben, sowie die liebenswerten

Seiten des Kindes. Sie machen das Gleiche

für einen Ihrer Stressgedanken. Wenn Sie

das für zwei, drei Gedanken gemacht haben,

kommt die Herausforderung: Sie oder

Ihr Kind ziehen einen Gedanken und das

Gegenüber muss so rasch wie möglich

dagegen argumentieren. Mit etwas Übung

fallen uns die Gegenargumente in immer

schwierigeren Situationen ein, wodurch

Stress und Hilflosigkeit reduziert werden.

3. Starten Sie gut in den Tag

Die Frage «Worauf freust du dich heute?»

kann uns den ganzen Tag versüssen. Sie hilft

uns, auch kleine Glücksinseln im Alltag

auszumachen und diese auszukosten. Das

können ganz banale Dinge sein: der Schulweg

mit der besten Freundin, die Stunde bei der

Lieblingslehrerin, die Lieblingsserie, die heute

Abend im Fernsehen läuft. Gerade wenn Sie

oder Ihr Kind einen stressigen oder mühsamen

Tag vor sich haben, lohnt es sich, solche

Momente bereits im Vorfeld bewusst zu

machen. Damit verbessert sich automatisch

die Stimmung und man gewinnt mehr

Energie, um auch den unliebsamen Punkten

zu Leibe zu rücken. Manchmal merkt man

bei dieser kurzen Übung auch, dass zu wenig

schöne Momente auf einen warten und man

noch etwas mehr davon einbauen sollte. Mit

der Frage «Was würde den Tag heute besser

machen?» lassen sich auch graue Tage

aufpeppen.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201719


Dossier

>>> sein e Gefühle auszudrücken

und mit diesen umzugehen?

Der Resilienzforscher Klaus

Fröhlich-Gildhoff unterscheidet

drei Reaktionsmöglichkeiten, von

denen nur eine sinnvoll ist:

• Manche Eltern möchten das Kind

trösten, indem sie das Problem

als Bagatelle abtun: «Ist doch

nicht so schlimm.» Das birgt das

Risiko, dass das Kind sich nicht

ernst genommen fühlt. Vielleicht

vertraut es mit der Zeit den eigenen

Gefühlen nicht mehr oder

behält diese lieber für sich.

• Ähnlich ungünstig ist es, wenn

die Eltern von ihren eigenen

Gefühlen übermannt werden und

sich dadurch nicht mehr um das

Kind kümmern können. Dies

wäre beispielsweise der Fall,

wenn sie derart wütend werden,

dass sie das Ruder an sich reissen

und gleich die Lehrperson anrufen

oder in der Schule vorstellig

werden. Manchmal werden

dadurch Schwierigkeiten, die für

das Kind zuvor noch gut zu handhaben

schienen, durch die Eltern

derart aufgebauscht, dass sie

plötzlich unüberwindbar wirken.

• Hilfreich wäre, wenn die Eltern

dem Kind zunächst nur zuhören:

Was ist genau passiert? Wie hast

du dich dabei gefühlt? Sie können

dazu die Gefühle des Kindes spiegeln:

«Das hat dich sicher sehr

geärgert.»

Doch wie können wir in solchen

Situationen beim Kind bleiben,

anstatt uns in eigenen Gefühlen zu

verlieren? Vielleicht hilft es, wenn

wir unsere Emotionen mit dem Kind

teilen: «Das ärgert mich gerade

auch!» Beruhigend wirkt auch der

Gedanke, dass wir nicht gleich etwas

unternehmen müssen. Wir dürfen

uns darauf konzentrieren, für unser

Kind da zu sein, zuzuhören und mit

ihm gemeinsam zu überlegen, wie

es mit der Situation umgehen will.

Dabei wird sich zeigen, ob es überhaupt

weitere Hilfe von uns will und,

wenn ja, in welcher Form.

Sich um die Emotionen des Kindes

kümmern

Bei der Arbeit mit Eltern durften wir

immer wieder erfahren, dass es für

Kind und Eltern entlastend ist, wenn

sich Eltern zunächst ausschliesslich

um die Gefühle des Kindes kümmern

und nicht schon an eine

Lösung denken. Wenn wir starke

unangenehme Emotionen wie Ärger,

Wut, Enttäuschung oder Angst empfinden,

ist ein spezifischer Bereich

in unserem Gehirn aktiv: die Amygdala.

Wenn dieser Bereich feuert,

geht die Hirntätigkeit in unserem

präfrontalen Kortex, dem Sitz unseres

bewussten Denkens, zurück.

Genau diesen Bereich benötigen wir

jedoch, um uns eine Lösung zu überlegen.

In diesem Zustand werden

auch Ideen und Lösungsvorschläge

von aussen keinen Anklang finden:

Sie reden gegen eine Wand. Ganz

egal, ob es sich beim Gesprächspartner

um ein Kind oder einen Erwachsenen

handelt.

Eltern können ihr Kind in diesem

Moment aber fragen, was ihm jetzt

guttun würde, und ihm versichern,

dass sie gemeinsam mit ihm nach

einer Lösung suchen werden, sobald

es sich etwas besser fühlt: «Wir werden

etwas unternehmen. Aber jetzt

kochen und essen wir erst mal. Und

nach dem Essen überlegen wir uns,

was wir tun könnten.»

«Fabian, hast du Zeit für mich?»

Wenn meine Frau nach Hause

kommt und enttäuscht oder wütend

ist, schätzt sie es, wenn ich ihr eine

halbe Stunde konzentriert zuhöre

und vielleicht auch gemein-

Widerstandskraft ist

nicht angeboren. Sie

entwickelt sich, indem das

Kind sich mit seiner

Umwelt auseinandersetzt. >>>

20


Dossier

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201721


Dossier

22 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

>>> sam mit ihr überlege, wie sie

reagieren könnte. Ich hingegen

möchte kurz sagen können, wie es

mir geht – und dann bitte nicht darüber

sprechen müssen. Ein Glas Wein

und ein guter Film sind für mich

genau das Richtige, wenn ich frustriert

bin. Um eine Lösung kümmere

ich mich gerne am nächsten Tag, falls

das dann überhaupt noch nötig ist.

Was tut Ihnen gut, wenn Sie

gestresst sind? Was benötigt Ihr

Partner / Ihre Partnerin, wenn er

oder sie frustriert oder enttäuscht

ist? Was hilft Ihren Kindern, wenn

sie traurig sind? Je genauer einzelne

Familienmitglieder wissen, welche

Bedürfnisse die anderen haben, desto

besser können sie sich gegenseitig

unterstützen. Je besser ein Kind

weiss, was ihm guttut, desto leichter

kann es einen guten Umgang mit

schwierigen Gefühlen finden. Vielleicht

sorgen diese Fragen während

eines Ausflugs, einer Zugfahrt oder

einer Wanderung für spannenden

Gesprächsstoff?

Selbstvertrauen und Problemlösekompetenz

Widerstandskraft ist kein angeborenes

Merkmal. Sie entwickelt sich im

Laufe der Zeit, indem sich das Kind

mit seiner Umwelt auseinandersetzt.

Dabei erstarkt unser «psychisches

Immunsystem» nur dann, wenn es

ab und zu aktiviert wird, wenn Herausforderungen

da sind, die unsere

Widerstandskräfte mobilisieren.

Jedes Problem, mit dem ein Kind

konfrontiert wird, stellt auch eine

Möglichkeit dar, Fähigkeiten im

Umgang mit Problemen zu entwickeln,

Selbstvertrauen zu gewinnen

und sich als wirksam zu erleben. Hat

ein Kind eine Belastung erfolgreich

bewältigt oder ein Problem gelöst,

geht es gestärkt aus dieser Erfahrung

hervor. Nur so entwickelt es die realistische,

positive Erwartung, dass es

auch künftige Schwierigkeiten meistern

kann.

Was bedeutet das für uns als

Eltern oder Lehrpersonen? Studien

zur Resilienz haben immer wieder

gezeigt, dass die Bezugspersonen,

die für die resilienten Kinder prägend

waren, dem Kind nicht nur

Liebe und Wertschätzung entgegenbrachten,

sondern es auch herausforderten

und ihm etwas zutrauten.

Wenn ein Kind das Gefühl hat,

zu dumm zu sein oder etwas nicht

zu schaffen, dann benötigt es keine

«Du schaffst das!»-Parolen oder

jemand, der ihm alles abnimmt,

sondern Erwachsene, die die Unsicherheit

des Kindes aushalten können

und die Geduld aufbringen, mit

ihm nach einer Lösung zu suchen.

Auch hier ist es hilfreich, zunächst

die Gefühle des Kindes zu spiegeln:

«Das scheint dir im Moment wie ein

riesiger Berg» oder «Du kannst dir

gerade nicht vorstellen, dass du das

jemals können wirst».

Problemlösekompetenzen entwickeln

Kinder, wenn wir ihnen dabei

helfen, sich in Ruhe mit einer Aufgabe

auseinanderzusetzen: «Komm,

jetzt lesen wir die Aufgabe mal

durch», «Weisst du, was du machen

musst?», «Was hast du davon verstanden?».

Wir können ihm den aktuellen

Stand bewusst machen und ihm helfen,

Ziele und einen Plan zu entwickeln.

Vielleicht hat sich Ihre Tochter

heftig mit der besten Freundin zerstritten?

Eine wunderbare Möglichkeit,

soziale Kompetenzen zu trainieren

und die Erfahrung zu

machen, dass Konflikte lösbar sind.

Die Eltern könnten sagen: «Bei so

einem Streit hat man oft das Gefühl:

Das wird nie wieder gut. Weisst du,

ich glaube, für Amelie ist es genauso

schwierig wie für dich. Und ich

glaube, nach der ersten Wut würde

sie sich auch gerne wieder mit dir

vertragen. Wollen wir überlegen,

wie ihr das wieder hinbekommt?»

Problemlösekompetenzen und

Selbstvertrauen entwickeln Kinder

dann, wenn sie zwar Hilfe erhalten,

aber nur so wenig wie nötig – ganz

nach dem Motto von Maria >>>

Je besser ein Kind weiss, was

ihm guttut, desto leichter

findet es einen guten Umgang

mit schwierigen Gefühlen.

Literaturtipps

Für Forschungsinteressierte

• Resilienz. Widerstandsfähigkeit von

Kindern in Tageseinrichtungen fördern.

Von Dr. Corina Wustmann Seiler sowie

Dr. Wassilios E. Fthenakis (Hrsg.).

6. Auflage. Cornelsen Verlag 2004.

• Resilienz. Von Klaus Fröhlich-Gildhoff und

Maike Rönnau-Böse. 4. Auflage Auflage.

UTB GmbH 2015.

Biografien von resilienten

Persönlichkeiten

Viele Menschen, die Spuren hinterlassen

haben, mussten Schreckliches erleben:

Charles Chaplin wuchs in einem Armenhaus

auf, Anne Frank starb in einem KZ, Viktor

Frankl und Nelson Mandela mussten

Jahre der Gefangenschaft erdulden. Ihre

Geschichten inspirieren Jugendliche und

Erwachsene gleichermassen.

• Tagebuch. Anne Frank. Fischer

Taschenbuch Verlag 2011.

• Die Geschichte meines Lebens. Charles

Chaplin. Fischer Taschenbuch Verlag

1998.

• … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein

Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

Viktor E. Frankl. Kösel-Verlag 2009.

• Der lange Weg zur Freiheit. Nelson

Mandela. Fischer Taschenbuch Verlag

1997.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201723


Dossier

>>> Montessori «Hilf mir, es auf die Realität vorbereiten! Wenn reicher. Mit Optimismus ist kein

selbst zu tun».

Wann immer es Ihrem Kind

gelungen ist, ein Problem zu lösen,

können Sie mit ihm darüber sprechen,

wie es das geschafft hat. Damit

helfen Sie ihm, sich nützliche Strategien

bewusst zu machen und sich

diese für spätere Gelegenheiten zu

merken. Mit der Zeit fühlt es sich

für eine immer grössere Bandbreite

an Herausforderungen ge wappnet.

Der Umgang mit Problemen

beeinflusst jedoch nicht nur die

Selbstwirksamkeit, sondern prägt

auch die Persönlichkeit. Oftmals

bleibt uns angesichts der kleineren

und grösseren Widrigkeiten des

Lebens kaum etwas anderes übrig, als

uns in wichtigen Tugenden wie Ausdauer,

mentaler Stärke, Geduld oder

Hilfsbereitschaft zu üben.

Wir können mit Kindern und

Jugendlichen von Zeit zu Zeit einen

Blick zurück werfen auf diejenigen

Momente, an denen sie als Persönlichkeit

gewachsen sind. Oftmals

wird ihnen dabei bewusst, dass sie

bereits einige Hürden genommen

haben und mittlerweile mehr Kraft

und innere Stärke in ihnen steckt, als

sie vielleicht bisher angenommen

haben. Eine Möglichkeit, diese Reflexion

im Klassenverband anzuregen,

bietet die sogenannte Heldenreise,

die wir Ihnen auf Seite 26 vorstellen.

In unserer Kultur gelten Optimisten

oftmals als realitätsfremd und

naiv. Als wir in einem unserer Seminare

darüber sprachen, wie wichtig

es für Kinder sei, eine optimistische

Grundhaltung zu entwickeln, entgegnete

eine Mutter: «Das sehe ich

anders. Ich muss mein Kind doch

man vom Schlimmsten ausgeht und

sich innerlich darauf vorbereitet,

dass die Welt nun mal ungerecht ist

und dass andere Menschen einen

ausnützen wollen, wenn man zu nett

zu ihnen ist, ist man besser dran und

wird seltener enttäuscht!»

Letzteres ist definitiv nicht der

Fall. Menschen, die davon ausgehen,

dass die Welt schlecht ist, und tief im

Inneren bangen, dass eine düstere

Zukunft vor ihnen und ihren Kindern

liegt, sorgen schlussendlich

dafür, dass es ihnen selbst und ihren

Familien tatsächlich schlechter geht.

Wer dem Leben mit einer pessimistischen

Haltung gegenübertritt,

lenkt seine Aufmerksamkeit automatisch

auf alle Aspekte, die dieser

Einstellung entsprechen: auf das

«gemeine Kind» auf dem Spielplatz,

die Schulfreundin, die ein Geheimnis

ausplaudert, die rücksichtslosen

älteren Schüler, die einen Teil des

Pausenhofs für sich beanspruchen,

auf den ungerechten Lehrer, die

strenge Sporttrainerin.

Fit und glücklich dank Optimismus

All diese Erlebnisse werden zur

Bestätigung, wie schlimm und ungerecht

die Welt ist. Wer mit dieser

Brille durchs Leben geht, empfindet

negative Gefühle länger und stärker.

Und ihm entgehen die vielen

Momente, in denen andere Kinder

hilfsbereit, freundlich oder loyal

sind, die Lehrpersonen sich wertschätzend

auf das Kind einlassen und

die strenge Sporttrainerin durch klare

Regeln und Rückmeldungen dafür

sorgt, dass das Kind sich über Fortschritte

freuen kann. Momente, die

für positive Gefühle sorgen, geraten

in den Hintergrund, gleichzeitig werden

negative Gefühle wie Ärger,

Missgunst, Neid oder Enttäuschung

geschürt.

Die Forschung zeichnet ein deutliches

Bild: Menschen mit einem

gesunden Optimismus leben länger,

sind körperlich fitter, haben glücklichere

Beziehungen und sind erfolgblauäugiges

positives Denken ge ­

meint, sondern die Überzeugung,

dass das Leben lebenswert ist, viel

Schönes bereithält und sich Krisen

und Schwierigkeiten überwinden

lassen.

Doch wie können Familien optimistischer

werden? Bei dieser Frage

kommt man fast nicht an der Dankbarkeit

vorbei. Die bekannte Talkmasterin

Oprah Winfrey, die als

Kind in bitterer Armut aufwuchs

und sexuellen Missbrauch erleben

musste, schreibt dazu: Ein Dankbarkeitstagebuch

zu führen «war der

wichtigste Schritt, den ich in meinem

gesamten Leben gemacht habe.

Egal, was gerade in deinem Leben

vorgeht. Wenn du dich darauf konzentrierst,

was du hast, wirst du

letztlich immer mehr haben als

zuvor. Wenn du dich darauf konzentrierst,

was du nicht hast, wirst du

nie, nie, nie genug haben.»

Auch die Familie Morand (die Sie

im Interview auf Seite 28 kennenler­

Menschen mit einem gesunden

Optimismus leben länger, sind

körperlich fitter und haben

glücklichere Beziehungen.

24 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

nen) hat sich in ihrer schwierigen

Lebensphase aktiv darum bemüht,

ein Dankbarkeitsritual in der Familie

zu pflegen. Vor Weihnachten

wurde die Wohnung mit Zetteln

dekoriert, auf die George und seine

Kinder schrieben, wofür sie trotz

allem Schwierigen dankbar sind.

Wie können Familien

optimistischer werden? Zum

Beispiel durch die Einführung

eines Dankbarkeitsrituals.

Den Moment geniessen

Als Eltern können wir unsere Kinder

dazu anleiten, ab und zu innezuhalten

und den Moment zu geniessen.

Wir können uns gemeinsam mit

ihnen Zeit nehmen, um dankbar zu

sein für all das Gute, das uns manchmal

selbstverständlich erscheint.

Wenn wir selbst oder unsere Kinder

einen Schicksalsschlag oder eine

schwierige Lebenssituation bewältigen

müssen, ist es nicht leicht, optimistisch

in die Zukunft zu blicken.

Manchmal finden wir Trost und

neue Zuversicht in den Geschichten

von Menschen, die Ähnliches

durchmachen mussten.

Immer wieder stossen wir auf inspirierende

Biografien von Persönlichkeiten,

die sich trotz schwerer

Vergangenheit ein zufriedenes und

erfolgreiches Leben erkämpft haben.

Indem wir solche Beispiele mit

belasteten Jugendlichen teilen, vermitteln

wir ihnen ein wenig Hoffnung,

dass Unglück nicht zwangsläufig

von Dauer sein muss.

>>>

Stefanie Rietzler

Fabian Grolimund

sind Psychologen, leiten die Akademie

für Lerncoaching in Zürich und sind Autoren

der Bücher «Mit Kindern lernen»

sowie «Erfolgreich lernen mit ADHS».

www.mit-kindern-lernen.ch

www.biber-blog.com

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201725


Dossier

Mit Geschichten zu innerer Stärke

Ein Mittel, um Kinder in ihrer Resilienz zu fördern, ist die sogenannte «Heldenreise».

Eine Anleitung für Lehrpersonen. Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Jedes Kind bringt seine Ge ­

schichte mit ins Klassenzimmer.

Manche sind geprägt von

einem liebevollen Familienklima,

schulischen Erfolgserlebnissen

und stabilen Freundschaften.

Andere kämpfen an allen Fronten.

Der Lehrer Daniel Pennac schreibt

dazu in seinem Buch «Schulkummer»:

«Unsere ‹schlechten Schüler›

(jene, aus denen angeblich nichts

wird) kommen nie unbeschwert.

Was da die Klasse betritt, ist eine

Zwiebel: mehrere Schichten aus

Kummer, Angst, Sorgen, Groll, Wut,

ungestillten Begierden, zorniger

Resignation, die sich um einen Kern

schmachvoller Vergangenheit,

bedrohlicher Gegenwart und verbauter

Zukunft legen. Wirklich be ­

ginnen kann der Unterricht erst,

wenn dieses Gepäck abgestellt und

die Zwiebel geschält ist.»

Doch wie kann man als Lehrperson

dazu beitragen, dass Schüler/

innen ihren Rucksack für einen

Moment abstellen und sich auf den

Unterricht einlassen können? Und

wie stärkt man Kinder für den

Umgang mit schwierigen Situationen?

Eine Möglichkeit dazu bietet die

Heldenreise. Sie regt Kinder und

Jugendliche dazu an, Modelle für

den Umgang mit Krisen und Widrigkeiten

zu entdecken, und sensibilisiert

sie dafür, das Heldenhafte an

ihrer eigenen Lebensgeschichte auf­

Helden sind stark, loyal

und klug, aber es gibt auch die

andere, zweifelnde Seite.

zuspüren. Sie inspiriert zu Lösungen

und Tugenden wie Tapferkeit, Mut,

Ausdauer, Hilfsbereitschaft, Grosszügigkeit

oder Hingabe. Die Arbeit

am Thema Helden eröffnet die Möglichkeit,

Kinder in schwierigen

Situa tionen zu begleiten, ohne sich

als Lehrperson in der Rolle des Helfers

zu verlieren. Darüber hinaus

können sich die Schüler/innen austauschen,

einander besser kennenlernen

und sich gegenseitig eine

Hilfe sein, während ganz normaler

Unterricht stattfindet. Es gibt eine

Vielzahl an Möglichkeiten, die Heldenreise

in den Unterricht zu integrieren.

Eine Variante stellen wir

Ihnen nachfolgend vor.

1. Heldengeschichten sammeln

In einem ersten Schritt tragen die

Kinder Heldengeschichten zusammen.

Sie können dazu:

• einen Aufsatz über das Thema

«Wer ist für mich eine Heldin

oder ein Held?» schreiben;

• Figuren oder Bilder ihrer Lieblingshelden

aus der Realität, aus

Filmen oder aus Comics mitbringen;

• ihre Eltern oder Bezugspersonen

in terviewen, wer für diese aus

welchem Grund heldenhaft ist.

Es lohnt sich gerade bei jüngeren

Kindern, auch die Eltern oder Grosseltern

zu diesem Thema befragen zu

lassen. Andernfalls läuft man Gefahr,

dass sich die Beispiele auf Batman,

Spiderman & Co. beschränken. Die

Schüler/innen können der Klasse

ihre Helden vorstellen, indem sie

eine Passage aus einem Buch vorlesen,

wichtige Stationen aus dem

Leben in einem Kurzvortrag be ­

leuchten oder die wichtigsten Eigenschaften

auf einem Plakat oder

Steckbrief festhalten.

2. Das Heldenhafte herausarbeiten

Nachdem einige Heldinnen und Helden

vorgestellt und deren Geschichten

besprochen wurden, werden in

der Klasse Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.

Sie können sich dabei

an den folgenden Leitfragen orientieren:

• Was zeichnet eine Heldin bzw.

einen Helden aus?

• Wie ist eine typische Heldengeschichte

aufgebaut? Welchen

chronologischen Verlauf weist sie

auf? Welche Elemente gehören

dazu?

Meist stellen die Kinder zuerst das

Offensichtliche fest: Helden sind

stark, loyal, klug, mutig oder tapfer.

Langsam, oft auch durch Anleitung,

entdecken sie die anderen Seiten: Sie

merken, dass ihre Helden zu Beginn

unsicher sind, sich weigern, die

ihnen gestellte Herausforderung

anzunehmen, und immer wieder an

sich zweifeln. Es wird ihnen bewusst,

dass Helden nicht alleine stark sind,

sondern auf Gefährten und eine/n

Mentor/in angewiesen sind. Sie

erkennen, dass jemand nicht von

Anfang an ein Held ist, sondern sich

die charakteristischen Eigenschaften

in einem inneren und äusseren Ringen

erwirbt, indem er sich Herausforderungen

stellt, Verletzungen aus

der Vergangenheit überwindet, Versuchungen

widersteht – und dabei

über sich hinauswachsen muss.

3. Den Transfer ins eigene Leben

anregen

In einem dritten Schritt werden die

Schüler/innen dazu angeregt, sich

26 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


an diesen Modellen zu orientieren

und die Eigenschaften ihrer Heldinnen

und Helden zu verinnerlichen.

Jüngere Primarschulkinder können

sich mündlich oder schriftlich mit

Fragen befassen, die sie ihren Helden

näherbringen:

• Wo und wann habe ich schon einmal

Mut gezeigt bzw. Angst und

Zweifel überwunden?

• Wo habe ich mich schon einmal

durchgebissen, obwohl es schwierig

war und ich dachte: «Ich schaff

das nicht!»?

• Wann habe ich mich schon einmal

für andere oder für eine

Sache eingesetzt, die mir wichtig

ist?

• Wer sind für mich wichtige

«Gefährten» und «Mentoren»?

• Welche Situation ist für mich im

Moment schwierig? Was würde

mein/e Held/in tun?

Die Schülerinnen und Schüler

sollen erkennen können: Auch

ich habe heldenhafte Momente

in meinem Leben.

Das Ziel besteht darin, die Schüler/

innen erkennen zu lassen: Auch ich

habe heldenhafte Momente in meinem

Leben. Ich kann mit Herausforderungen

umgehen, Ausdauer,

Tapferkeit und Mut entwickeln und

darf mir Hilfe holen.

Jugendliche können ihre persönliche

Heldenreise schreiben. Dabei

orientieren sie sich an den Merkmalen

der Heldenreise, die im zweiten

Schritt herausgearbeitet wurde, und

überlegen sich: Wo bin ich mit einer

Herausforderung konfrontiert worden,

die Zweifel, Unsicherheiten,

Wut oder Scham in mir ausgelöst

hat? Gab es Gefährten, die mir in

dieser Situation beigestanden sind?

Welche Eigenschaften musste ich

entwickeln, um die Herausforderung

anzunehmen? Wie habe ich

diese Situation bewältigt? Wie kann

ich die dadurch entwickelten Eigenschaften,

Charakterstärken und

Fähigkeiten nutzen, um zukünftige

Schwierigkeiten zu meistern?

Dabei ist es wichtig, dass diese

Auseinandersetzung mit der eigenen

Geschichte als Schreib- und Reflexionsübung

verstanden wird und

nicht als Aufsatz, der bewertet wird.

Wichtig ist, dass die Schüler/innen

selbst entscheiden dürfen, ob und

wie viel sie davon mit der Klasse und

der Lehrperson teilen möchten.

Vorteil Volg : Post im Laden.

Da, wo

die Post

abgeht.

«

In der Post im Volg kann ich

auch an Randzeiten noch

meine Rechnungen bezahlen

und Sendungen abholen.

Cornelia Voggensperger, Bäuerin,

Hebamme und Volg-Kundin seit

Kindertagen

»

brandinghouse

Dank Volg bleibt die Post im Dorf – bereits mehr als

280 mal gibt es das bequeme Rundum-Paket: Briefe

und Pakete auf geben und abholen, bargeldlos Rechnungen

bezahlen, Bargeld beziehen. Und alles bei

­komfor tablen­Ladenöffnungszeiten!

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Volg .Im Dorf daheim.

In Schönenbuch BL zuhause.

September 201727


Dossier

«Damals konnte ich mir nicht vorstellen,

wie krisenfest Kinder werden können»

Nach 21 Jahren Beziehung bricht die Ehe von Georges Morand auseinander. Die

Scheidung stürzt die Familie in eine schwere Krise. Die Kinder, damals 14, 14, 16 und 19,

entscheiden sich, zusammenzubleiben und beim Vater zu wohnen. Im Interview erzählen

Vater und Kinder, wie sie damit umgegangen sind. Interview: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Die Morands

(von links):

Patric, Nadine,

Georges, Nicola

und Viola.

Georges Morand, wie haben Sie die

Trennung von Ihrer damaligen Frau

erlebt?

Georges Morand: Die Familie war

neben dem Beruf mein grosser

Traum. Ich musste Abschied nehmen

von diesem Traum und dem, was ich

mir für das Aufwachsen meiner Kinder

gewünscht hatte. Die ganze Situation

konnte ich kaum einordnen. Da

war so viel Wut, Trauer, Verzweiflung.

Ich war überfordert. Plötzlich

musste ich für mich einen Umgang

damit finden und mir gleichzeitig

überlegen, wie die Kinder das schaffen.

Ich musste ja auch 100 Prozent

weiterarbeiten und wusste nicht, wie

das alles gehen soll.

Sie haben sich viele Sorgen um die

Kinder gemacht?

Georges Morand: Ja. Ein zerbrochenes

Elternhaus ist immer schwer für

Kinder. Ich weiss, dass kein perfektes

Lebensumfeld nötig ist, aber ich

fand, dass unsere Trennung zu um ­

gehen gewesen wäre.

Für euch kam die Trennung ähnlich

überraschend?

Nadine: Ja. Mama und Papa haben

sich vor uns nie gestritten. In unse­

Bild: Salvatore Vinci / 13 Photo

28 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


em Umfeld waren sie oft ein Vorbild

für andere Paare. Ich war damals 19

und hatte eine sehr enge Beziehung

zu meiner Mutter und hätte nie

gedacht, dass sie sich einfach so neu

verlieben könnte. Ich glaube, deswegen

war es besonders tragisch, weil

meine Eltern vorher so ein gutes

Team waren.

Nicola: Ich kann mich noch genau

an den Tag erinnern, an dem wir

erfahren haben, dass Mama sich neu

verliebt hat. Das war ein riesiger

Schock. Nach dem emotionalen

Gespräch meinte mein Vater, dass er

uns für diesen Tag von der Schule

abmelde. Aber ich wollte trotzdem

hin, den Alltag normal weitermachen.

In der Schule habe ich gemerkt,

dass das nicht so einfach ist. Aber

wir hatten in den ersten Monaten alle

«Papa braucht

uns mehr als

unsere Kollegen

beim Feiern.»

die Hoffnung, dass unsere Eltern

wieder zusammenkommen und alles

wieder gut wird.

Viola: Als wir aber realisierten, dass

wir als gesamte Familie nicht zusammenbleiben

können, war es für uns

Kinder eine unfassbare Tragödie.

Wir haben viel geweint. Ich konnte

mir kaum vorstellen, was nun auf uns

zukommt, wie sich ein Zuhause ohne

unsere Mutter anfühlt und wann

wieder Normalität und der «Alltag»

einkehren.

Wie seid ihr damit umgegangen?

Patric: Für mich brach eine Welt

zusammen. Ich fiel in ein Loch, war

wütend und konnte es nicht verstehen.

Wir verloren einen Teil der

Familie, damit konnte ich nicht

umgehen.

Nicola: Am Anfang mussten wir alle

einfach funktionieren. Wie Papa

immer gesagt hat, waren wir jetzt

eine WG, und alle mussten mit anpacken.

Die Aufgaben im Haushalt

wurden aufgeteilt: kochen, Wäsche

machen, putzen.

Viola: Mein Zwillingsbruder Nicola

und ich haben sicher ein Stück weit

auf unsere Pubertät verzichtet.

Andere gingen am Wochenende aus,

wir wollten lieber daheim >>>

Publireportage

Heidis Heimat

entdecken

Dem Heidi-Mythos auf der Spur

Fotocredit: Heidiland Tourismus/Boris Baldinger

Besuch im Heididorf in Maienfeld.

«Vom freundlichen Dorfe Maienfeld

führt ein Fussweg durch grüne,

baum reiche Fluren bis zum Fusse

der Höhen, die von dieser Seite gross

und ernst auf das Tal herniederschauen».

Seit Johanna Spyri im Jahr

1880 ihr weltberühmtes Buch «Heidis

Lehr- und Wanderjahre» mit diesem

Satz begann, wird Maienfeld in der

Ferien region Heidiland mit Heidi in

Verbindung gebracht. Heute spazieren

Besucher gemütlich vom

Bahnhof Maienfeld durch die Gassen

des historischen Städtchens, vorbei

an einigen prächtigen Brunnen mit

erfrischendem Trinkwasser hoch

nach Rofels. Der friedliche Weiler mit

herr lichem Blick ins Tal ist Standort

des Heididorfes, welches das «Original

Heidihaus» (ein Wohnhaus mit

Einrichtung wie zu Heidis Zeiten),

Heidis Alphütte sowie echte Geissen

beheimatet. Ausserdem findet man

im Heididorf ein kleines Museum,

welches Johanna Spyri gewidmet ist,

sowie einen Dorf- und Souvenirladen

mit der kleinsten Poststelle der

Schweiz und dem Heididorf-Sonderstempel.

Im Restaurant Heidihof

können sich die Besucher stärken,

bevor es auf dem Heidi-Erlebnisweg

mit 12 Stationen in gut 1,5 Stunden

Gehzeit vom Heididorf hoch zur

Heidialp geht. Und wer schon einmal

den Ausblick von der Heidialp ins Tal

genossen hat, kann gut nachvollziehen,

weshalb sich Johanna Spyri

hier zu ihren Heidi-Romanen

inspirieren liess.

www.heidiland.com/heidi

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201729


Dossier

>>> sein. Wir dachten, Papa brauche

uns mehr, als unsere Kollegen

uns beim Feiern brauchten. Wir

mussten schneller erwachsen und

selbständig werden. Schlimm fanden

wir das aber nicht.

Georges Morand: Das war wiederum

meine Hauptsorge! Dass sie etwas

verpassen, weil sie zu viel Verantwortung

übernehmen wollen,

anstatt einfach jung zu sein und zu

pubertieren.

Nicola: Wir hatten immer diese

Angst: Schafft unser Papa das? Hält

er das durch? Da dachten wir, wir

müssen ihm möglichst viel abnehmen.

Was hat euch in dieser Krise am

meisten geholfen?

Nadine: Gespräche mit Freunden,

Ablenkung, Gott und unser Umfeld

unterstützten uns. Wir hatten

Freunde von meinen Eltern, die

sofort eingesprungen sind. Sie

haben uns zum Beispiel die Wäsche

gemacht und sogar monatlich etwas

zur Wohnungsmiete beigesteuert.

Dafür sind wir sehr dankbar!

Viola: Unsere Freunde haben sich

bewusst darum bemüht, dass wir

abgelenkt werden, Schönes erleben

und weg von zu Hause kommen.

Somit hatte auch unser Vater mal

etwas Ruhe und Zeit für sich. Das

hat mir viel Kraft gegeben.

«Es war schön, dass

die Kinder sich für

mich entschieden

hatten. Aber auch

schön schwer.»

Nicola: Für uns war auch die Vereinsmitgliedschaft

im Cevi (YMCA)

ein wichtiger Teil. Das hat uns ein

Fundament gegeben und auch

Ablenkung – mit Freunden etwas

erleben. Es war wie ein zweites

Zuhause.

Viola: Meine älteste Schwester Na ­

dine lernte in dieser Zeit ihren heutigen

Mann kennen. Auch er nahm

eine wichtige Rolle ein. Er gab

anfangs seine Wohnung für unsere

Mutter frei, damit sie ausziehen

konnte, und zog zu uns. Er wurde

schnell zu einem wichtigen Mitglied

der Familie.

Nadine: Er ist humorvoll und brachte

uns in dieser Zeit viel zum Lachen.

Oft hat er einzeln etwas mit uns

Geschwistern unternommen. Wir

gingen grillieren, Fussball spielen

oder setzten uns in den Golf und

fuhren durch die Gegend.

Wie war es unter euch Geschwistern?

Viola: Für uns war klar, wir möchten

als Geschwister zusammenbleiben

und bei Papa wohnen. Wir sind in

dieser Zeit zu einer unzertrennlichen

Einheit zusammengewachsen.

Wir konnten gemeinsam heulen

und wütend sein, aber auch lustige

Momente erleben. Das hat mir das

Gefühl gegeben, dass es weitergeht

und dass wir es schaffen.

Patric: Es ist ein Geschenk, dass wir

mit Papa ein Team waren und einander

geholfen haben. Es war wichtig,

zu wissen, dass wir diesen Zu ­

sammenhalt nicht verlieren.

Georges Morand: Die Küche wurde

in dieser Zeit sehr viel genutzt, ebenso

die Stube. Jeder suchte Nestwärme.

Stundenlang haben wir zu

Abend gegessen oder am Sonntag

gebruncht und geredet. Nicht nur

über schwierige Dinge, auch über

viel Schönes. Die Einzelzimmer

waren in dieser Zeit nicht so beliebt

(lacht).

Georges Morand, Sie waren voll

berufstätig, hatten vier Kinder zu

versorgen und eine Trennung zu

verarbeiten. Wie sind Sie damit

zurechtgekommen?

Georges Morand: Es war schön, dass

sich die Kinder für mich entschieden

hatten, aber auch schön schwer.

Ich wusste nicht, wie ich das alles

bewältigen sollte. Die Scheidung

habe ich als persönliches Scheitern

erlebt. Aber wir gaben unser Bestes,

und mehr und mehr gelang es uns,

wieder Boden zu gewinnen. Nach

zehn Monaten – als vieles wieder

rundlief – brach ich zusammen, hatte

eine Erschöpfung. Zehn Wochen

war ich krankgeschrieben, mit an ­

schliessender langsamer Aufbauphase.

Hilfreich war in dieser Zeit

die therapeutische Begleitung, um

die Situation aus mehr Distanz zu

reflektieren.

«Es gibt Menschen,

die haben viel

Schlimmeres erlebt

und haben es auch

geschafft.»

Was haben Sie in der Therapie

erfahren?

Ein wichtiger Gedanke, den ich aus

der Therapie mitgenommen habe,

war: «Sie sind nicht dafür verantwortlich,

Ihre Kinder vor jeglichen

Nöten zu schützen.» Ebenso waren

auch einige Männerfreundschaften

für mich sehr wichtig. Zudem habe

ich viel gelesen. In einem Buch stiess

ich auf die Sätz «Sie können an Ihrer

Scheidung wachsen» und «Auch

Ihre Kinder können an Ihrer Scheidung

wachsen». Das hat mir eine

neue Sicht eröffnet. Und schliesslich

war Tagebuch schreiben enorm hilfreich.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch von

einer Art Urvertrauen, das Sie in sich

tragen.

Ich meine dieses Gefühl: «Ich weiss

momentan zwar nicht, wie es weitergehen

soll, aber es geht weiter. Es

gibt Menschen, die haben viel

Schlimmeres erlebt und haben es

auch geschafft.» Woher ich dieses

Urvertrauen habe, weiss ich nicht.

Von meinen Eltern habe ich das

nicht mitbekommen. Aber schon als

Kind hatte ich etwas in mir, von dem

ich dachte, dass ich mir das nicht

nehmen und von niemandem kaputt

machen lasse. Es ist eine Art innerer

Bunker. Später habe ich bei Anselm

30 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Grün gelesen, dass man dies den

inneren Raum nennt – die Würde

des Menschen.

Gab es einen speziellen Wendepunkt

für euch?

Viola: Ich empfand es als Befreiung,

dass mit Papas neuer Partnerin nach

Jahren wieder jemand da war, der

die engste Bezugsperson in seinem

Leben sein konnte. Nicola und ich

spürten, dass wir das nun nicht

mehr abzudecken brauchten. So war

es leichter, wieder loszulassen. Dann

konnten wir auch endlich in Ruhe

pubertieren (lacht).

Patric: Mir war es sehr wichtig, dass

Mama und Papa beide glücklich

sind. Ich bin froh, dass es heute wieder

jemanden gibt, der in Papas

Herzen einen besonderen Platz hat.

Was würdet ihr anderen Familien

raten, die in einer Krise stecken?

Patric: Gebt einander Kraft, stützt

euch gegenseitig und schaut, dass

alle Beteiligten zu Freunden gehen

können und auch schöne Dinge

erleben können. Das gibt Halt.

Viola: Rückblickend hat es mir sehr

geholfen, dass unser Vater authentisch

war. Er zeigte offen seine

Gefühle, hat auch ab und zu geweint,

war wütend und hat uns offen ge ­

sagt, was er momentan verträgt und

was nicht. So wussten wir immer,

«Es bleibt viel

Gutes in

Kinderherzen

haften und wird

gespeichert.»

woran wir sind. Und er gab zu, wenn

er am Ende war und nicht mehr

konnte. Dadurch war es auch für

mich leichter, zu meinen Gefühlen

zu stehen und Schwäche zu zeigen.

Gleichzeitig wusste ich, es gibt auch

Platz, um Glücksgefühle auszudrücken.

Georges Morand: Den Kindern den

Rücken zu stärken, dass sie ausdrücken

können, was sie möchten und

was nicht. Mir war es wichtig, dass

wir alle ehrlich zu unseren Gefühlen

stehen können.

Viola: Es braucht die Akzeptanz

untereinander, dass jeder eine

schwierige Lebenssituation anders

verarbeitet. Den anderen zugestehen

können, dass es beim einen

länger dauert, bis er/sie bereit ist für

gewisse Schritte, und dass einen

gewisse Themen stärker beschäftigen

als andere.

Georges Morand: Dieser Respekt für

die Gefühle der anderen war immer

wichtig für uns. Es geht auch darum,

die Jahre davor zu würdigen; zu

merken, dass nicht alles kaputt ist,

dass so viel Gutes in Kinderherzen

haften bleibt und gespeichert ist.

Eine Scheidung schafft es nicht, all

das zu zerstören. Ich habe anfangs

so gefühlt, aber heute weiss ich es

besser.

>>>

Interviewpartner:

Georges Morand, 57, ist Theologe und Coach.

Nadine, 32, aktuell in Elternzeit und Mutter

zweier Kinder.

Patric, 30, wohnt und arbeitet als Gärtner in

der Stiftung Brunegg, die Wohn-, Arbeits- und

Ausbildungsplätze für Menschen mit einer

Behinderung anbietet.

Viola, 26, ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte.

Nicola, 26, ist Sozialpädagoge in Ausbildung.

Im nächsten Heft:

Digitale Schule

Bild: Salvatore Vinci / 13 Photo

Programmieren in der Primarschule, Vorträge am

Tablet in der Sek: die Schweizer Schulen werden

immer multimedialer. Wie verändert sich dadurch

das Lernen? Und wie viel digital ist zu viel? Mehr

dazu in unserem grossen Dossier im Oktober.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201731


Monatsinterview

«Es geht um die Qualität des

Zusammenlebens und nicht

um Geld und Karriere»

Seit 1993 begleitet Margret Bürgisser im Rahmen einer Studie Paare, die sich sowohl

die Erwerbsarbeit als auch die Kinderbetreuung gleichwertig teilen. «Egalitär»

nennt sie diese Rollenteilung und spricht von einem Erfolgsmodell. Die Soziologin

über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, den Verzicht auf Status und das

Gefühl des «Ungenügendseins». Interview: Evelin Hartmann Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Ein Familienquartier am Luzerner

Stadtrand. Zwischen den gepflegten

neuen Häusern spielen Kinder,

fahren Velo und Trottinett. Für die

Eltern stehen Bänke bereit. In der

obersten Etage eines dieser Häuser

wohnt Margret Bürgisser mit ihrem

Mann. Von ihrer Dachterrasse aus

kann sie die Kinder beobachten.

«Schön, dass Familien hier so viel

Raum haben», sagt die Soziologin,

und: «Wollen wir das Gespräch hier

draussen oder im Wohnzimmer

führen? Ich richte mich nach Ihnen.»

Margret Bürgisser, Sie haben die

Lösung für ein Problem gefunden,

dass viele Mütter und Väter umtreibt.

Wie lassen sich Beruf und Familie

besser vereinbaren?

Als Patentrezept für jeden Mann und

jede Frau würde ich meine Studienergebnisse

nicht bezeichnen. Aber

ja, meinen Erhebungen zufolge

er weist sich das «egalitäre» oder

partnerschaftliche Rollenmodell als

Weg zur besseren Vereinbarkeit von

Familie und Beruf und zum Erreichen

einer hohen Lebensqualität für

die ganze Familie.

Sie haben 28 Elternpaare aus der

Deutschschweiz in Abständen von

etwa zehn Jahren dreimal über ihre

Rollenteilung interviewt.

«Das Modell

gewährleistet, dass

die Hausarbeit –

das ungeliebte

Stiefkind – auf

beide Partner

aufgeteilt wird.»

gewählt, bei denen die Männer 50,

60 oder maximal 70 Prozent berufstätig

waren. Heute würde ich das

egalitäre Modell offener definieren.

Und wie?

Unter egalitärer Rollenteilung verstehe

ich eine Arbeitsteilung zwischen

Mutter und Vater, die in einem

ähnlich grossen Teilzeitpensum

berufstätig sind und sich die Verantwortung

für Berufsarbeit, Kinderbetreuung

und Hausarbeit gleichverantwortlich

teilen.

Im September erscheint Ihr Buch:

«Partnerschaftliche Rollenteilung –

ein Erfolgsmodell», die Quintessenz

Ihrer Erkenntnisse. Damit wollen Sie

jungen Eltern Mut machen, dieses

Modell zu leben. Worin liegen denn die

Vorteile?

Die partnerschaftliche Rollenteilung

bietet Eltern die Möglichkeit, sowohl

ihrem Beruf nachgehen zu können

als auch an der Entwicklung der Kinder

teilzuhaben. Und es gewährleis­

Als ich 1993 mit meinen Recherchen

begann, gab es nur sehr wenige Paare,

die solch ein Familienmodell

lebten. Um eine substanzielle Beteiligung

der Väter an Kinderbetreuung

und Hausarbeit zu gewährleisten, tet, dass die Hausarbeit – das un ­

habe ich bewusst diejenigen Paare geliebte Stiefkind – auf beide >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201733


Monatsinterview

>>> Partner aufgeteilt wird. Wenn

die Verantwortung für die Erwerbsarbeit

auf zwei Schultern ruht, verteilt

sich ausserdem das Risiko der

Existenzsicherung.

Das hört sich traumhaft an. In der Praxis

klagen aber vor allem Mütter, dass

sie sich zwischen Job und Familie zum

Teil bis zur Erschöpfung aufreiben.

Ich vermute, dass dieses Gefühl des

Unvermögens in der ersten Familienphase,

wenn die Kinder klein

sind, sehr verbreitet ist. Irgendwo

kommt immer etwas zu kurz. Man

hat als junge Mutter oder junger

Vater nun mal nur begrenzte Möglichkeiten

– unabhängig vom Familienmodell.

Wenn aber die Mutter

zu Hause bleibt, um einem Ideal zu

entsprechen, obwohl sie eigentlich

andere Ambitionen hätte, kann auch

das in ihr Gefühle des «Ungenügendseins»

auslösen.

Meines Erachtens liegt das Problem

auch darin, dass die meisten Paare die

Rollen trotz Berufstätigkeit der Frau

oftmals nicht wirklich teilen. Der Vater

arbeitet weiterhin 100 Prozent und die

Mutter trägt neben ihrem 50-Prozent-

Erwerbspensum zu Hause weiterhin

die Hauptverantwortung.

Paare mit jüngstem Kind unter drei

Jahren arbeiten in der Schweiz in

etwa gleich viel, nämlich die Frauen

71,7 und die Männer 71,4 Stunden

pro Woche. Das ist die Summe aus

Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung

und Hausarbeit. Der Unterschied

zwischen den Geschlechtern liegt

darin, dass die Arbeit der Männer

mehrheitlich bezahlte Erwerbsarbeit

ist und die der Frauen unbezahlte

Familienarbeit. Verständlicherweise

haben Frauen immer noch das

Gefühl, dass die Koordination von

Kinderbetreuung und Hausarbeit

mehrheitlich bei ihnen liegt.

Die Frau ist also so etwas wie die

logistische Schaltzentrale der Familie.

Genau. Von daher stimme ich Ihnen

zu, wenn Sie sagen, dass mehr Familienarbeit

an der Mutter hängen

bleibt als am Vater. Aber es hängt

eben von der Höhe der Arbeitspensen

ab. Arbeiten Mann und Frau

ähnlich viel, gleicht sich die Rollenteilung

in der Praxis an. Wenn ein

Vater (mindestens!) einen Tag pro

Woche zu Hause für alles allein verantwortlich

ist, vom Kochen übers

Waschen bis hin zur Kinderbetreuung,

fühlt er sich ebenso für den

häuslichen, familiären Bereich verantwortlich.

«Paare, die sich

gemeinsam

entwickeln, haben

stabilere

Beziehungen als

andere Paare.»

Aber in dem Fall bleibt nicht nur ein

Partner, sondern gleich beide hinter

ihren beruflichen Möglichkeiten

zurück.

Die von mir befragten Paare betonen

mehrheitlich, dass die Karriere für

sie nicht im Vordergrund stand. Verstehen

sie mich nicht falsch: Das sind

zum Teil hochqualifizierte Fachleute,

die sich als leistungs- und berufsorientiert

beschrieben haben. Doch

die Balance zwischen Familie und

Beruf war ihnen immer wichtig. Viele

Paare haben auch betont, dass sie,

als die Kinder klein waren, auf manches

bewusst verzichtet haben. Es

ging ihnen primär um die Qualität

ihres Zusammenlebens und nicht

um Geld und Karriere. Ich habe auch

festgestellt, dass Paare, die sich

gemeinsam entwickeln, stabilere

Beziehungen haben als andere Paare.

Die Scheidungsrate egalitär organisierter

Paare liegt unter dem schweizerischen

Durchschnittswert.

Verzicht ist bei diesen Familien demnach

ein Schlüsselbegriff.

Im Sinne von Verzicht auf Geld und

Status, ja. Nicht im Sinne von inhaltlicher

Weiterentwicklung im Beruf.

Bezeichnend ist, dass ein Grossteil

der Studienteilnehmer zu einem späteren

Zeitpunkt sein Arbeitspensum

aufgestockt hat und ein Viertel sogar

noch Karriere machen konnte. Das

partnerschaftliche Familienmodell

schliesst demnach eine – verzögerte

– berufliche Karriere nicht aus.

Ich stelle mir das aber auch nicht einfach

vor: Da hat man diese Ab -

machung und dann kommt ein tolles

berufliches Angebot. Halten diese

Beziehungen so etwas aus?

Das muss kein Beziehungskiller sein,

sofern man das gut miteinander aushandelt.

An meiner Studie hat beispielsweise

ein Paar teilgenommen,

das zusammen eine Grafikagentur

geführt hat, bis die Frau das Angebot

bekam, in einem Verlag eine Führungsposition

zu übernehmen. Ihr

Mann riet ihr, die Chance zu ergrei­

34 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


fen, und das Ganze hat sich gut entwickelt.

Allerdings waren ihre Kinder

schon grösser. Wichtig ist in

solchen Situationen, dass keiner den

Eindruck hat, der andere lebe auf

seine Kosten.

Sie sprachen es eben an: Bei Ihren

Studienteilnehmern handelte es sich

um qualifizierte bis hochqualifizierte

Fachkräfte. Welche Voraussetzungen

braucht es, dass das Modell funktioniert?

Zunächst einmal braucht es von beiden

Partnern den Willen, diese Rollenteilung

zu leben, sowie ein hohes

Mass an Organisations-, Verhandlungs-

und Konfliktfähigkeit. Man

muss auch akzeptieren können,

wenn der Partner etwas andere Vorstellungen

von Kindererziehung und

Ordnung hat. Auch die gerechte Verteilung

der Hausarbeit war bei manchen

Paaren immer wieder ein Zankapfel.

Ausserdem müssen die Rollen

stetig neu definiert werden: Wie geht

«Die Rollen müssen

stetig neu definiert

werden. Das ist

anstrengend, hält

die Beziehung aber

lebendig.»

es uns gerade als Paar? Als Familie?

Wie sieht es mit meinen Bedürfnissen

aus, wie mit deinen? Stimmt es

noch so für uns? Das ist mitunter

anstrengend, hält die Beziehung aber

längerfristig lebendig. Man bleibt im

Gespräch.

Welche wirtschaftlichen Faktoren spielen

eine Rolle?

Für Geringverdiener ist es sehr

schwierig, so zu leben, da oft beide

Partner voll arbeiten müssen, um die

Existenz zu sichern. Ein Teilzeitpensum

ist in solchen Fällen kaum möglich.

Das geht nur bei Paaren, bei

denen beide einen recht guten Lohn

verdienen. Ausserdem ist es schwierig

für selbständig Erwerbende, die

hochpräsent für ihre Kundschaft sein

müssen, und auch in Branchen, in

denen die Bereitschaft, Teilzeit zu

ermöglichen, gering ist. Aber die

Nachfrage steigt! Das Bundesamt für

Statistik hat 2013 junge Menschen

nach ihrem favorisierten Er - >>>

Margret

Bürgisser

plädiert für eine

egalitäre

Aufteilung der

Rollen zwischen

Eltern.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201735


Monatsinterview

>>> werbsmodell befragt. Ein

Grossteil der Befragten hat sich für

das partnerschaftliche Modell mit

beidseitiger Teilzeitarbeit ausgesprochen.

Aber die Realität sieht doch bei vielen

anders aus. Kaum ist das Baby auf der

Welt, finden sich viele Paare in einem

annähernd klassischen Rollenmodell

wieder. Warum das?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht weil

viele junge Männer immer noch denken,

sie müssten zwingend und

schnell Karriere machen. Oder weil

die Arbeitgeber zu wenig entgegenkommend

sind in Sachen Teilzeitarbeit.

Oder weil die Männer immer

noch nicht den Mut haben, sich für

eine Pensenreduktion starkzumachen.

Der Typus des Karrieremannes,

der bereit ist, im Job eine überdurchschnittliche

Leistung zu

bringen, ist immer noch das ideale

Männerbild, dem die Männer nacheifern.

Zu sagen: solange die Kinder

nicht zur Schule gehen, werde ich 80

Prozent oder sogar noch weniger

arbeiten, dazu fehlt vielen Männern

der Mut.

«Statistisch gesehen

stagniert das

egalitäre Modell

im niedrigen

Prozentbereich.»

Eine partnerschaftliche Rollenteilung

würde auch bedeuten, dass manche

Frauen mit ihren Pensen hochgehen

oder zumindest häusliche Verantwortung

an die Väter abgeben müssten.

Und dazu sind nicht alle Mütter bereit

– weil sie die Zeit mit den Kindern verbringen

wollen oder weil sie es auch

ganz schön finden zu Hause …

… dann sollen sie das so machen. Ich

bin dafür, dass die Leute das realisieren,

was sie sich wünschen. Wenn

dieses Modell für sämtliche Fami ­

lienmitglieder stimmt, ist das doch

auch eine Lösung. Ich bin überzeugt

vom partnerschaftlichen Modell –

unter bestimmten Rahmenbedingungen

–, aber ich bin keine Missionarin,

die es allen überstülpen will.

Statistisch gesehen stagniert das

egalitär e Rollenmodell seit Jahren im

niedrigen Prozentbereich.

Das stimmt und hat nicht zuletzt

auch politische Gründe. Es mangelt

an griffigen Fördermassnahmen.

Das 1996 in Kraft getretene Gleichstellungsgesetz

zielt fast ausschliesslich

auf Gleichstellungsmassnahmen

im Erwerbsbereich ab.

Was sinnvoll klingt.

Aber sehr einseitig ist. Bisher wurden

ausgewählte Fachstellen dabei

unterstützt, Mütter und Väter in

Sachen Vereinbarkeit von Familie

und Beruf zu beraten. 2016 hat der

Bundesrat jedoch entschieden, ab

2019 keine Finanzhilfen mehr an

Frauenberatungs- und Wiedereinstiegsfachstellen

zu zahlen. Wenn

junge Paare sich also beraten lassen

wollen, müssen sie diese Dienstleistung

künftig selbst bezahlen. Ab

2019 werden nur noch unternehmensbezogene

Projekte, welche der

Integration der Frauen in den

Arbeitsmarkt und der Gleichstellung

von Frau und Mann im Erwerbsleben

dienen, von Finanzhilfen profitieren

können. Die Gleichstellungspolitik

wird damit faktisch in den

Dienst der Wirtschaftspolitik ge ­

stellt.

Was braucht es Ihrer Meinung nach,

um mehr Paaren eine egalitäre Rollenteilung

zu ermöglichen?

Um Vätern den Weg in die Familienarbeit

zu ebnen, bieten sich verschiedene

Massnahmen an. Eine

davon ist die Förderung von Teilzeitarbeit

– auch für Männer in an ­

spruchsvollen Positionen. Eine

Chance wäre auch ein Vaterschaftsoder

Elternurlaub beziehungsweise

ein «Elterngeld» – analog dem deutschen

Vorbild. Die Diskussion über

die Zukunft der Familie sollte auch

weniger von wirtschaftlichen Interessen

und Kosten-Nutzen-Überlegungen

geleitet sein. Stattdessen

sollte sie auf die Frage fokussieren:

Welche Rahmenbedingungen brauchen

Eltern und Kinder in der heutigen

Zeit, um ein erfülltes Leben in

Sicherheit und Geborgenheit zu führen?

«Ich plädiere dafür,

dass Paare, wenn

sie Eltern werden,

das Wohl des

Kindes ins

Zentrum stellen.»

Sie selbst haben keine Kinder. Hätten

Sie das partnerschaftliche Modell im

Falle einer Familiengründung auch

gewählt?

Ja, das hätte ich mir gewünscht. Ich

plädiere dafür, dass Paare, wenn sie

Eltern werden, das Wohl des Kindes

ins Zentrum stellen – so wie es meine

Studienteilnehmer getan haben.

Das bedeutet aber nicht den Verzicht

auf berufliche Herausforderung und

Erfüllung.

In Ihrer letzten Befragung sind auch

die mittlerweile erwachsenen Kinder

zu Wort gekommen. Wie beurteilen

diese das Lebensmodell ihrer Eltern?

Mehrheitlich sehr positiv. Und auf

die Frage, welche Eigenschaften sie

an ihren Eltern jeweils bewundern,

wurden andere als die typisch ge ­

schlechtsspezifischen Eigenschaften

genannt. So schätzt man an der Mutter

insbesondere ihr Durchsetzungsvermögen,

ihre Power und ihre Zielstrebigkeit,

während die Väter für

ihre Sozialkompetenz, ihre Ruhe und

Ausgeglichenheit bewundert werden.

Das finde ich sehr spannend,

ebenso, dass drei Viertel aller Befragten

es – wenn sie einmal Kinder

haben – ebenso machen möchten

wie ihre Eltern. Das spricht doch klar

für dieses Modell.


Zur Person

Dr. phil. Margret Bürgisser ist

Soziologin und Inhaberin des Instituts

für Sozialforschung, Analyse und

Beratung ISAB (www.isab.ch) sowie

Buchautorin. Seit über 20 Jahren

forscht sie über sozialen Wandel,

Gleichstellung, die Vereinbarkeit von

Beruf und Familie, partnerschaftliche

Rollenteilung sowie andere Themen.

Margret Bürgisser:

Partnerschaftliche Rollenteilung –

ein Erfolgsmodell. Hep Verlag 2017.

Die Soziologin Margret Bürgisser im Gespräch mit Fritz+Fränzi-Autorin

Evelin Hartmann.

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201737


Psychologie & Gesellschaft

Armes Einzelkind?

Einzelkinder sind verwöhnt, haben Mühe, sich in einer Gruppe

einzufügen, und können nicht teilen. Und das, weil sie dies nicht mithilfe

von Geschwistern lernen konnten. Doch was ist wirklich dran an den

Vorurteilen über Einzelkinder? Eine Spurensuche. Text: Susan Edthofer

«Freunde bedeuten

für Einzelkinder oft

eine Art erweiterte

Familie.»

Mit dem Begriff Familie verbinden sich

traditionelle Vorstellungen, die vielfach

weit von der Realität entfernt

sind. Hartnäckig hält sich das Idealbild

eines Familiengefüges, das aus

Mutter, Vater und zwei bis drei Kindern besteht. Warum

ein Paar nur ein Kind hat, kann verschiedene Ursachen

haben. Möglicherweise sind es biologische Gründe, vielleicht

reichen die finanziellen Mittel nicht aus, um eine

grössere Familie zu ernähren. Oder die berufliche Verwirklichung

ist ebenso wichtig wie die Familie. Natürlich

spielt auch die Tatsache mit, dass Ehen geschieden

werden, bevor Geschwister zur Welt kommen.

Einzelkinder und ihr Ruf

Studien belegen, dass Einzelkinder nicht egoistischer

sind als andere Kinder. Für die Charakterbildung entscheidender

ist, welche Werte Eltern ihrem Kind vermitteln.

Dass Einzelkinder oft mehr Aufmerksamkeit

erhalten als Kinder mit Geschwistern, ist unbestritten.

Schliesslich müssen sich Einkindeltern bei der Erziehungsaufgabe

nur auf einen Sohn, eine Tochter fokussieren.

Das heisst aber nicht, dass diese Kinder deswegen

zu Egoisten werden. Nicht selten gewichten Einzelkinder

Freundschaften höher als materiellen Besitz und haben

keine Mühe, Dinge zu teilen. Wenn Eltern sich nicht

einig sind, befinden sich Einzelkinder schnell in einem

Loyalitätskonflikt. Fakt ist: Auch bei den Einzelkindern

gibt es unterschiedliche Persönlichkeiten, und das typische

Einzelkind existiert vor allem in unseren Vorstellungen.

Glückliche oder unglückliche Kindheit

Dass ein Kind inmitten von Geschwistern aufwächst, ist

noch kein Garant für eine glückliche Kindheit. Es gibt

Kinder, die gerne allein sind und das Fehlen eines Bruders,

einer Schwester nicht vermissen. Andere wiederum

wünschen sich nichts sehnlicher als ein Geschwister

oder fühlen sich trotz Geschwistern innerhalb der Familie

alleine. Freundinnen und Freunde bedeuten für Einzelkinder

oft eine Art erweiterte Familie. Wichtig ist,

Susan Edthofer ist Redaktorin

im Bereich Kommunikation

dass Eltern darin keine Bedrohung sehen

von Pro Juventute.

und nicht annehmen, dass dem Kind die

eigene Familie nicht genügt. Strategien,

welche Kinder selber entwickeln, helfen,

die Kindheit zu einer Wunschkindheit werden zu lassen:

Manchmal dienen Cousinen und Cousins als Geschwisterersatz.

Gewisse Kinder erschaffen sich zudem ein

imaginäres Zwillingsgeschwister, dem sie ihr Innerstes

anvertrauen und mit dem sie gemeinsam spannende

Abenteuer erleben.

Was Eltern von Einzelkindern tun können – vier Tipps

• Achten Sie darauf, dass Ihr Kind auch in der Freizeit oft mit anderen

Kindern zusammen sein darf. Zeigen Sie Verständnis, wenn Ihr Kind

zwischendurch auch gerne alleine sein möchte.

• Nehmen Sie auf Ausflüge Freundinnen und Freunde Ihres Kindes

mit. Lassen Sie Ihr Kind selber wählen, wen es mitnehmen möchte.

Gewähren Sie Ihrem Kind genügend Freiraum, damit es auch Zeit in

anderen Familien verbringen kann.

• Passen Sie auf, dass Ihr Kind nicht in einen Loyalitätskonflikt gerät,

wenn Sie sich als Eltern uneinig sind. Ihr Kind kann sich nicht mit

seinen Geschwistern zusammentun und opponieren und ist deshalb

noch stärker von Ihnen abhängig als Geschwisterkinder.

• Oft betrachten Einzelkinder ihre Freundinnen und Freunde als

erweiter te Familie. Freuen Sie sich, wenn Ihr Kind gut integriert ist,

und denken Sie nicht, es fühle sich in seiner Familie zu wenig wohl.

Pro Juventute Elternberatung

Bei Pro Juventute Elternberatung können Eltern und Bezugspersonen von

Kindern und Jugendlichen jederzeit telefonisch (058 261 61 61) oder online

(www.projuventute-elternberatung.ch) Fragen zum Familienalltag, zu

Erziehung und Schule stellen. Ausser den normalen Telefongebühren fallen

keine Kosten an. In den Elternbriefen und Extrabriefen finden Eltern

Informationen für den Erziehungsalltag. Mehr Infos: www.projuventute.ch

38 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Wir sind die Chefs –

von morgen.

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Für meine Lehre. Für meine Zukunft.

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Berufs laufbahn in einem spannenden Arbeitsumfeld. Entdecke auch du die

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Kolumne

Die Eltern als Sparringspartner

Warum es sinnvoll sein kann, seine pubertierenden Kinder als Austauschstudenten

zu betrachten, und wieso man ihnen dennoch Verantwortung übertragen sollte.

Jesper Juul

ist Familientherapeut und Autor

zahlreicher internationaler Bestseller

zum Thema Erziehung und Familien.

1948 in Dänemark geboren, fuhr er

nach dem Schulabschluss zur See, war

später Betonarbeiter, Tellerwäscher

und Barkeeper. Nach der

Lehrerausbildung arbeitete er als

Heimerzieher und Sozialarbeiter

und bildete sich in den Niederlanden

und den USA bei Walter Kempler zum

Familientherapeuten weiter. Seit 2012

leidet Juul an einer Entzündung der

Rückenmarksflüssigkeit und sitzt im

Rollstuhl.

Jesper Juul hat einen erwachsenen

Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter

Ehe geschieden.

E

in Leser schreibt: In den

letzten drei Monaten

stellten wir bei unserem

Sohn Mario, 12, eine

grosse Veränderung fest.

Er ist oft launisch und macht sowohl

uns als auch seinem achtjährigen

Bruder das Leben schwer.

Es geht rauf und runter. Wenn wir

die Wochenenden oder Feiertage

mit ein ander verbringen, kommt er

wieder zurück zu seinem alten

Selbst, aber sobald er in der Schule

und mit seinen Freunden zusammen

ist, wird er mürrisch und reagiert

nicht mehr auf uns Eltern.

Besonders schlimm ist es, wenn

er von seinen Freunden zurückkommt.

Wir glauben, dass er das

Gefühl hat, seine Freunde hätten viel

mehr Freiheiten als er: Sie würden

später ins Bett gehen, kauften sich

ständig Süssigkeiten und andere

Dinge vom Geld ihrer Eltern.

Wir versuchen, einige der Wünsche

von Mario zu erfüllen. Wir wissen

auch, dass wir ihn loslassen müssen,

aber er ist nie zufrieden und

Seien Sie für Ihren Sohn ein

Sparringspartner: Sie leisten

maximalen Widerstand und

richten minimalen Schaden an.

glücklich. Er sieht ständig das Negative,

nie etwas Gutes oder Positives.

Wenn etwas passiert, dann gibt er

immer den anderen die Schuld.

Seine negative Haltung uns und

seinem Zuhause gegenüber zermürbt

uns. Wir versuchen ganz ruhig mit

ihm zu reden, und oft scheint er zu

verstehen. Doch am nächsten Tag ist

er wieder ablehnend.

Mario ist beliebt bei den anderen,

aber er erlebt nicht so viel, mit dem

er sich rühmen kann, wie die anderen

Burschen in seiner Klasse. Wie

können wir uns Mario annähern

und ihn erreichen?

Jesper Juul antwortet

Was Sie beschreiben, ist das normale

Bild eines Zwölfjährigen in der

Pubertät. Er trifft auf neue Referenzen

in seinem Leben – auf Freunde –,

und es beginnen grosse Umbauarbeiten

in seinem Gehirn, das bis

jetzt immer zur Zufriedenheit aller

gearbeitet hat.

In den nächsten Jahren werden

sich sein Verhalten und sein Charakter

ändern. Nicht nur in Bezug

auf seine Stimmungen, sondern

auch in Bezug auf die Fähigkeiten,

die er vorher hatte. Die scheinen im

Moment verschwunden zu sein.

Betrachten Sie Ihren Sohn jetzt,

als wäre er ein Austauschstudent aus

einer «anderen Kultur», und lernen

Sie dabei, wie Sie mit ihm umgehen

können.

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

40 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Ihre Beschreibung erinnert mich an

eine Erfahrung, die ich bei einem

Ge spräch mit einer Patchworkfamilie

gemacht habe. Die Mutter stellte

ihre Familie vor und schloss mit

folgenden Worten über ihren elfjährigen

Sohn: «Er ist jetzt in einem

Alter, in dem ihm die Familie nicht

mehr so wichtig ist.»

Die Frau sass neben ihrem Sohn,

dem ein paar Tränen über die Wangen

rannen. Als ich ihn danach fragte,

sagte er: «Das ist nicht wahr,

Mama! Meine Familie bedeutet

immer noch sehr viel für mich. Ich

verbringe jetzt nur mehr Zeit mit

meinen Freunden!»

Ihr Sohn Mario sucht nun seine

eigene Art und Weise, um sich in

der Welt zurechtzufinden. Würde

ich ihn bitten, ein Abendessen für

die Familie zuzubereiten, würde er

wohl versuchen, ein guter Koch zu

sein und mit allem zu experimentieren,

was zur Verfügung steht, um

dieses Ziel zu erreichen.

Wenn aber seine Eltern sich ständig

einmischen und sagen, dass sie

so etwas niemals essen würden,

dann fühlt er sich bewertet. Er fühlt,

dass die Energie, die er einsetzt,

nicht geschätzt wird. Es wurde ihm

sozusagen eine Aufgabe erteilt, aber

nicht die Möglichkeit gegeben, für

deren Erfüllung auch verantwortlich

zu sein.

Der beste Weg für Sie als Eltern,

ihrem Sohn in seiner neuen Rolle

zu begegnen, ist, wenn Sie in die

Rolle eines Sparringspartners

schlüpfen. Das bedeutet, ihm eine

Art Trainingspartner zu sein, maximalen

Widerstand zu leisten und

minimalen Schaden anzurichten.

Er braucht jetzt Ihre Antworten

und Rückmeldungen, mit der traditionellen

Form der Erziehung in

Form von «Unterricht» ist es nun

vorbei. Er braucht ehrliches,

authentisches und persönliches

Feedback.

Je mehr Sie über seine neuen Versuche

und Möglichkeiten des

Menschseins richten und diese

bewerten, desto mehr wird er Ihren

Weg des Seins ablehnen.

Wenn wir das Bild mit ihm als

Koch für die Familie herbeiziehen,

so ist es nicht nur in Ordnung, sondern

es ist sogar sehr wichtig, zu

sagen: «Das hat mir nicht gefallen»

oder «Mmmh, das hat gut ge ­

schmeckt».

Das kann zu Konflikten führen,

aber es sind Konflikte, an denen beide

Parteien wachsen. Das wiederum

stärkt die Beziehung in beide Richtungen.

Wenn Sie glauben, dass Ihr Sohn

von Ihrer Erfahrung und Perspektive

profitieren kann, dann warten Sie

zuerst auf seine Einladung. Das

bedeutet, ihm zu vermitteln: «Ich

möchte mit dir über das reden, was

wir gestern zu essen bekommen

haben. Hast du Zeit?» Dabei müssen

Sie auch ein Nein aushalten können.

Sie haben nicht mehr automatisch

Zutritt zu seinem Bewusstsein und

nicht mehr seine Erlaubnis, jederzeit

alles sagen zu dürfen.

Ihre Zeilen, die Sie an mich

gerichtet haben, vermitteln mir den

Eindruck einer Familie mit zwei

engagierten, liebevollen und verantwortungsbewussten

Eltern, die

wunderbare Arbeit geleistet haben.

Vielleicht mit der Tendenz, ein

wenig «zu vernünftig» zu sein. Sie

werden Ihre wohlverdiente Belohnung

dafür bekommen – allerdings

wird es noch etwa zehn Jahre dauern,

bis Sie die Auszahlung erhalten

werden.

Bis dahin gibt es, ausser dass Sie

anwesend sind, nur eine Sache zu

tun: Lieben Sie Ihren Sohn so, wie

Sie werden die verdiente Belohnung

für Ihre wunderbare Arbeit als Eltern

bekommen – allerdings dauert es noch

etwa zehn Jahre bis zur Auszahlung.

er in seiner Einzigartigkeit ist, selbst

wenn das das Schwierigste ist. Das

ist es, was er wirklich braucht, um

das er aber nicht fragen kann. Sie

haben ihm das Vertrauen und die

Grundlage gegeben, die beste Person

zu sein, die er sein kann – auch mit

seinen Fehlern.

Haben auch Sie eine Frage an Jesper Juul,

die er persönlich beantworten soll?

Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an

redaktion@fritzundfraenzi.ch oder

einen Brief an: Schweizer ElternMagazin

Fritz+Fränzi, Dufourstrasse 97,

8008 Zürich

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen

in Zusammenarbeit mit

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201741


Erziehung & Schule

Grenzenlose Liebe?

Wenn sich zwei Menschen aus unterschiedlichen Kultur kreisen ineinander verlieben, stossen sie nicht

selten auf Vorurteile. Doch wie entstehen diese? Und wie können Vorurteile überwunden werden?

Text: Maximiliane Uhlich, Michael Ackert

Freya schwärmt schon lange

für Konstantin, 16. Als

die 15-Jährige erfährt,

dass es ihm ebenso er -

geht, ist sie überrascht

und glücklich. Als sie Konstantin

jedoch ihren Eltern als festen Freund

vorstellt, erlebt sie eine herbe Enttäuschung.

Dass Konstantin aus dem ehemaligen

Jugoslawien kommt und

bekennender Muslim ist, spielt für

Freya keine Rolle. Sie liebt ihn. Sie

selbst war als Diplomatentochter

viel in der Welt unterwegs, erst vor

zwei Jahren entschieden sich ihre

Eltern, zurück in die Schweiz zu

kommen. Dass sie nun gegen ihre

Beziehung sind, weil Konstantin

einer anderen Religion angehört, ist

für Freya ein Schock. Besonders

Freyas Mutter macht ihrer Tochter

klar, dass sie nichts gegen eine

romantische Beziehung habe, mit

der Beziehung zu Konstantin jedoch

nicht einverstanden sei. Was sie

ihrer Tochter jedoch nicht sagt, ist,

dass ihre Reaktion für sie selbst

überraschend ist. Als Mutter will sie

nur das Beste für ihr Kind. Der

Gedanke, ihrer Tochter in Sachen

Liebe etwas vorzuschreiben, er -

schreckt sie, doch fühlt es sich in

diesem Fall richtig an. Sie kennt

Konstantin nur flüchtig, von einem

ersten Treffen abgesehen, sind die

Eindrücke spärlich. Die Mutter vertraut

mehr ihrer Intuition. Ausserdem

ist ihr der Gedanke, dass ihre

Die Mutter kennt

Konstantin nur flüchtig.

Vertraut aber

ihrer Intuition.

Bild: © Thinkstock

42 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Enkelsöhne irgendwann beschnitten

werden könnten, sehr fremd.

Unsichtbare Mauern

Freya und Konstantin sind nur ein

Beispiel. Konstantin könnte auch

Yusuf oder Jamal heissen, dunkelhäutig

sein oder aus China kommen.

Vielleicht spräche er einen arabischen

Dialekt oder Swahili. Vielleicht

hätte sich die Familie von

Konstantin gegen seine Beziehung

mit Freya gestellt. Bei allen Kombinationen

bleibt, dass Stereotype

schnell zu Vorurteilen führen und

unsichtbare Mauern zwischen dem

«Wir» und «den Anderen» entstehen

(siehe Box Seite 45). Was Freya und

Konstantin erleben, kann verschiedene

Ursachen haben. Für das Paar

ist es in erster Linie eine schmerzhafte

Enttäuschung über das Unverständnis

für ihre Liebe. Ohne eine

bestimmte Absicht durchbricht ihre

Zuneigung zueinander die Grenze

zwischen dem «Wir» der Mutter und

«den Anderen». Nun stehen der

Partnerschaft Vorurteile im Weg.

Wie kann ein Umgang gefunden

werden, der auf beiden Seiten Verständnis

schafft?

Verschiedene Arten von Vorurteilen

Ausgrenzung oder Diskriminierung

findet entlang von (aus-)gedachten

gesellschaftlichen Grenzen meistens

zwischen einer Minderheit und

einer Mehrheit statt. Erkennbar ist

oft nur das abweisende Verhalten,

da die Meinungen, wenn überhaupt,

nur im Privaten offengelegt werden.

Dabei können das äussere Verhalten

und die innere Einstellung in unterschiedliche

Richtungen zeigen. Die

Sozialpsychologie unterscheidet

deshalb bei Diskriminierung verschiedene

Arten von Vorurteilen

(siehe Box Seite 45). Die Ungerechtigkeit

für Freya und Konstantin ist,

dass Freya als Diplomatentochter

die Erwartung hat, seitens ihrer

Eltern eine offene Haltung gegenüber

einem Partner wie Konstantin

zu treffen. Nun erlebt sie die Diskrepanz

zwischen der Einstellung

ihrer Mutter auf der Arbeit und im

Privaten, ihrem beruflichen Um -

gang mit der Vielfalt der Welt und

der Haltung gegenüber einem Mitglied

innerhalb der eigenen Familie.

Die Haltung der Mutter ist nachvollziehbar,

doch wie kommt es

dazu?

Menschen brauchen, um der

Komplexität der Umwelt Herr zu

werden, schnell verfügbare und einfach

strukturierte Informationen.

Ohne dass Personen es bewusst

bemerken, klassifiziert das Gehirn

die soziale Umwelt in Gruppen und

versieht sie mit einfach zugänglichen

Informationen – den Stereotypen.

Solche Stereotype sind hilfreich

und notwendig. Sie erlauben schnelle

Entscheidungen und geben

Sicherheit durch die empfundene

Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Sie

rechtfertigen und schaffen zum Teil

Anzeige

Menschen brauchen schnell

verfügbare und einfach

strukturierte Informationen.

jedoch auch die ungleichen Machtverhältnisse

in einer Gesellschaft.

Häufig passiert zudem, dass diese

«Filter» in der Wahrnehmung neue

Informationen über eine soziale

Gruppe nur in einer bestimmten

Weise interpretieren lassen.

Eine besondere Rolle spielen

dabei aussergewöhnliche Ereignisse,

wobei besonders auffällige Mitglieder

einer Gruppe das Bild prägen.

Die Mehrheit der Gruppe wird nicht

wahrgenommen, bekommt aber

dieselbe Bewertung. Einem solchen

Urteil zufolge werden auf der >>>

Sprachaufenthalte

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201743


Erziehung & Schule

Lassen Sie die eigenen

Vorurteile bewusst

hochkommen und überprüfen

Sie Ihre Emotionen.

>>> einen Seite alle Informationen

ausgeschlossen, die der eigenen

Meinung widersprechen, und auf

der anderen Seite bringen die Neuigkeiten,

die in das Muster passen,

Bestätigung für die eigenen Stereotypen.

Die Welt wird nach einem

einfachen und verfestigten Muster

wahrgenommen («stereo» kommt

vom Altgriechischen und bedeutet

«fest, steif, solide»).

Grenzen überwinden

Im sozialen Bereich kann sich etwa

ein gesellschaftliches Bild in «Wir»

und «die Anderen» verfestigen. Dass

Konstantin von Freyas Mutter nicht

als Teil der eigenen Gruppe wahrgenommen

wird, hat vielleicht mit

ihren persönlichen Erfahrungen in

der Vergangenheit zu tun. Vielleicht

hat sich die Mutter ihre Meinung

über die Gruppe «der Anderen» aus

den Medienberichten gebildet.

Sich einzugestehen, dass dies eine

Rolle spielt, ist ein erster Schritt.

Danach können viele weitere Schritte

erfolgen, die den Weg für einen

Abbau von Vorurteilen und Stereotypen

ebnen. Als Elternteil können

Sie ein Beispiel für die eigenen Kinder

sein, wenn Sie an den eigenen

Stereotypen arbeiten. In der Sozialpsychologie

haben sich über die Zeit

einige Empfehlungen herausgebildet,

die die unsichtbaren Grenzen

zwischen zwei Gruppen überwindbarer

machen. Hierzu zählen die

bewusste häufige und individuelle

Begegnung mit Gruppenmitgliedern

«der Anderen» in verschiedenen

Situationen. Lassen Sie dabei die

Vorurteile in Ihrem Bewusstsein

hochkommen. Dabei können Sie

Ihre eigenen Emotionen überprüfen.

Chancen und Risiken

Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie

Ihre eigenen Eindrücke über die

Begegnung mit den Menschen auf

sich wirken. Versuchen Sie nicht,

etwas «Typisches» zu finden oder

den Eindruck entstehen zu lassen,

dass gerade diese «Anderen» eine

Ausnahme sind und nicht zu der

Gruppe gehören, die Sie sonst be ­

fremdet. Somit gewinnen Sie neue

Erfahrung und können die Gedanken

und Gefühle Ihrer Kinder, die

solche Begegnungen im schulischen

Kontext einer multikulturellen Ge ­

sellschaft häufig erleben, aus einer

anderen Position besser nachvoll ­

ziehen.

Zum Schluss die Frage: Mit wem

konnten Sie sich in dieser Geschichte

am besten identifizieren? War es

Freya, Konstantin, das Paar oder

doch die Mutter? Alle drei haben mit

Hürden zu kämpfen. Was die Risiken

und die Chancen in solchen Situationen

sind, untersucht gerade eine

Forschungsgruppe am Institut für

Familienforschung und -beratung

an der Universität Freiburg zusammen

mit dem Institut für Empirische

Religionsforschung der Universität

Bern in einer Online-Studie (siehe

nächste Seite).

>>>

Maximiliane Uhlich

ist Psychologin und Doktorandin im

Forschungsprojekt «Interkulturelle und

interreligiöse Partnerschaften» am Institut

für Familienforschung und -beratung der

Universität Freiburg. Sie forscht über das

Funktionieren von Beziehungen.

Michael Ackert

hat Psychologie an der Humboldt-

Universität zu Berlin studiert. Er promoviert

zurzeit am Institut für Familienforschung

und -beratung der Universität Freiburg

zum Thema Wertetransformation in

interreligiösen Partnerschaften.

Ausbildung

Seniorenbetreuung

Infos unter www.ibk-berufsbildung.ch


Auf jeden Fall

bewegen!

Stereotyp und Vorurteil

• Stereotypen: Annahmen über eine soziale Gruppe. Sie

beinhalten Überzeugungen über typische Merkmale und

Verhaltensweisen der Gruppe, die entweder (teilweise)

zutreffen, aber auch gänzlich falsch sein können. Was

immer zutrifft, ist, dass sie übertrieben und bewertend

sind. Die Bewertung einer Gruppe aufgrund von

verbreiteten Annahmen führt schliesslich zu Vorurteilen.

• Vorurteile: Eine positive oder negative Bewertung einer

sozialen Gruppe und ihrer Mitglieder. Vorurteile führen

seltener zu bevorzugendem, oft zu benachteiligendem

Verhalten gegenüber einer Gruppe oder einem

Gruppenmitglied.

Arten von Vorurteilen

• Klassisches Vorurteil: Jemand ist gegen bestimmte

Menschen, äussert es öffentlich und verbirgt seine innere

Einstellung nicht. Dass dabei bestimmte Menschen

diskriminiert werden, ist dieser Person klar.

• Modernes Vorurteil: Jemand ist negativ eingestellt

gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen,

möchte dies jedoch nicht öffentlich zeigen. Er oder sie

verbirgt seine innere Einstellung und leugnet dabei

die Tatsache der Diskriminierung.

• Aversives Vorurteil: Jemand hat eine negative Einstellung

gegenüber einer bestimmten Gruppe Menschen,

sagt nach aussen jedoch, dass diese Menschen

diskriminiert werden und deshalb positiv gesehen werden

müssen. Er oder sie muss sich anstrengen, seine/ihre

innere Einstellung zu verbergen. Der Widerspruch

zwischen innerer und äusserer Einstellung wird in

diesem Fall als Aversion bezeichnet.

Studie: Ein Paar – zwei Religionen

In einem interdisziplinären Projekt untersuchen Psychologen

und Religionswissenschaftler, was zum Gelingen einer

interreligiösen oder interkulturellen Partnerschaft beiträgt

und welche Risiken zum Scheitern führen. In einer breit

angelegten Online-Umfrage werden individuelle und

paarpsychologische, religiöse sowie soziologische Aspekte

untersucht. Paare und Einzelteilnehmer bekommen ein

wissenschaftlich fundiertes Feedback zu ihren Angaben. Die

Studie wird vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert

und läuft ab sofort bis Ende 2018. Gesucht werden Paare,

die einen unterschiedlichen religiösen oder kulturellen

Hintergrund haben, oder Personen, die in einer solchen

Partnerschaft waren. Die Studie führen das Institut für

Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg

und das Institut für Empirische Religionswissenschaft der

Universität Bern duch. Mehr Informationen sowie den Link

zur Studie finden Sie unter: www.paare.unibe.ch.

«Nein, da steigst du jetzt nicht

hoch!» Ist Ihnen dieser Satz

auch schon über die Lippen

gekommen? Eltern sind oft ein

wenig besorgt, wenn ihre Kinder

spielend die Welt erkunden.

Dabei sind diese Erfahrungen so

wichtig, damit die kleinen

Entdecker lernen, Risiken einzuschätzen

und körperliche

Grenzen auszutesten. Natürlich

kann es zu kleinen Unfällen

kommen – mehr als eine Schürfung

gibt es meist aber nicht zu

verarzten. Deshalb zeigt Ihnen

der EGK-Ratgeber «Bewegung,

Spiel und Spass in der ganzen

Familie» nicht nur Bewegungstipps

für Grosseltern, Eltern

und ihre Kinder. Er zeigt auch,

wie Sie dem Forschungs- und

Entwicklungsdrang der Kleinen

gerecht werden.

Den Ratgeber «Bewegung, Spiel

und Spass in der ganzen

Familie» der EGK-Gesundheitskasse

erhalten Sie unter:

www.egk.ch/spiel-und-spass

Lukas Zahner

Departement für Sport,

Bewegung und Gesundheit

der Universität Basel

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201745


Erziehung & Schule

Üben, wie man

Frust erträgt

Viele Kinder reagieren auf Enttäuschungen und Niederlagen mit Wut

und Aggression. Wie Eltern und Lehrpersonen einem Kind helfen

können, seine Frustrationstolerenz zu verbessern und Bedürfnisse

und Wünsche besser zu kontrollieren. Text: Ruth Fritschi

«Kinder beim emotionalen

Lernen zu begleiten, ist

eine Herausforderung.»

Ruth Fritschi ist Mitglied der

Geschäftsleitung des Dachverbandes

Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH),

schulische Heilpädagogin und Lehrperson

Kindergarten.

Unser Erstklässler hat immer wieder Wutanfälle,

zu Hause und manchmal auch in

der Schule. Er ist viel aggressiver als sein

älterer Bruder. Wie können wir das in

den Griff bekommen?» Für viele Eltern

und Lehrpersonen eine bekannte Situation. Und eine

grosse Herausforderung.

Klar ist, dass nicht Sie als Eltern das in den Griff

bekommen sollen, sondern Ihr Sohn oder Ihre Tochter

selber. Aber natürlich müssen Sie, liebe Eltern, und wir

Lehrpersonen dem Kind dabei helfen. Dazu braucht es

erstens eine Grundhaltung, dass Konflikte gewaltfrei zu

lösen sind, und zweitens ein nicht wertendes Verständnis

dafür, wie die Wut zustande kommt. Alle Gefühle,

auch negative wie Ärger und Wut, sind berechtigt. Aber

die Form, wie sie ausgedrückt werden, soll zivilisiert

und fair sein. Das muss und kann man lernen.

Viele Kinder kommen nur sehr schlecht mit Kritik

und Misserfolgen zurecht. Sie reagieren mit Wut und

Aggressionen, wenn ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche

nicht null Komma plötzlich erfüllt werden. Mal

abwarten zu müssen oder hin und wieder enttäuscht zu

Alle Gefühle, auch negative wie

Ärger und Wut, sind berechtigt.

Aber die Form, wie sie ausgedrückt

werden, soll fair sein.

werden, weil das Gewünschte nicht zu bekommen ist,

halten sie nicht aus. Dies gehört im Kleinkindalter zum

normalen Entwicklungsprozess.

Bis zum Eintritt in die Primarschule sollte jedoch

jedes Kind eine gewisse Frustrationstoleranz aufgebaut

haben. Bei manchen Kindern geschieht dies ganz von

selbst, andere brauchen auf dem Weg zu einem «reiferen»

Umgang mit Frustrationen mehr Unterstützung.

Findet diese Entwicklung nicht statt, weil etwa Eltern

aus falsch verstandener Sorge ihrem Kind keine Enttäuschungen

zumuten wollen, wirkt sich das für das Kind

verheerend aus.

Was ist Frustrationstoleranz? Es ist die Fähigkeit, mit

Enttäuschungen umzugehen. Sie gehört neben anderen

Kompetenzen wie zum Beispiel Beziehungs- und Konfliktfähigkeit

oder auch Einfühlungsvermögen zum

Bereich der emotionalen Intelligenz. Emotionale Intelligenz

bedeutet, dass man seine Gefühle wahrnehmen

kann, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Und dass

man auch die Gefühle anderer erkennen und respektieren

kann.

Wie äussert sich geringe Frustrationstoleranz? Tisch

abräumen, Zimmer aufräumen, Flöte üben? «Keine

Lust.» Wenn Eltern solchem Verhalten der Harmonie

wegen immer wieder nachgeben oder sich ständig in

Endlosdiskussionen verstricken, kann das problematisch

werden. Das Kind lernt so, dass es mit seiner bockigen

Haltung Erfolg hat. Wie soll es wissen, dass ein

ähnliches Verhalten später in der Schule weniger Erfolg

verspricht und es bei den Mitschülerinnen und Mitschülern

und bei den Lehrpersonen nicht mit derselben

elterlichen Nachsicht rechnen darf? Mangelnde Frustrationstoleranz

äussert sich häufig auch beim Kontakt

46 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


mit anderen Kindern. Die Betroffenen spielen zwar

gerne mit Nachbarskindern und Freunden, aber nur

solange alles nach ihren Wünschen läuft. Ist dies nicht

der Fall, reagieren sie schnell aggressiv und verärgert.

Sie empfinden das Nichterfüllen ihrer Wünsche als so

starke Zumutung, dass sie sich gar nicht anders verhalten

können. In der Schule reden diese Kinder ständig

dazwischen, weil sie in jungen Jahren nicht gelernt

haben, dass sie jemanden nicht einfach unterbrechen

dürfen, sondern warten müssen, bis sie an der Reihe

sind. Und weil ihnen dieses unsoziale Verhalten bei

Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern

nur Misskredit beschert, spielen viele der betroffenen

Kinder den Klassenclown. Die Folge: Die Situation spitzt

sich weiter zu.

Die Kinder beim emotionalen Lernen zu begleiten,

ist für Eltern und Lehrpersonen eine Herausforderung.

Machen wir uns klar, dass es in der Erziehung nicht

darum geht, einem Kind Enttäuschungen zu ersparen.

Diese gehören zum Leben. Eltern können Kindern den

positiven Umgang mit Fehlern und Niederlagen vor

allem dadurch vermitteln, indem sie ihnen ein gutes

Vorbild sind. Denn Kinder wollen gross werden, und

sie wollen gross sein wie die Eltern. Sie beobachten

genau, wie die Eltern sich verhalten. So ist Erziehung

vor allem Selbsterziehung.

Tipps für Eltern

Fünf Tipps, wie Eltern ihrem Kind helfen können, seine

Frustrationstolerenz zu verbessern und mit Enttäuschungen

und Frustrationen besser umzugehen:

• Übergeben Sie Ihrem Kind Aufgaben wie Tisch

abräumen oder Wäsche zusammenlegen. Diese

Arbeit muss erledigt werden, bevor Ihr Kind spielen

darf. Gehen Sie auf wiederholtes Klagen nicht ein.

• Erfüllen Sie Ihrem Kind nicht jeden Wunsch sofort,

nur ein- oder zweimal in der Woche ein Glace oder

eine Kleinigkeit aus dem Supermarkt. Grössere Spielzeugwünsche

sollten nicht sofort erfüllt werden. Verweisen

Sie auf Weihnachten oder den nächsten

Geburtstag.

• Spielen Sie mit Ihrem Kind Gesellschaftsspiele und

lassen Sie es verlieren! Aus Mitleid die Regeln zu verändern

oder vom älteren Bruder zu erwarten, dass er

das schnell frustrierte Kind gewinnen lässt, hilft nicht

weiter.

• Loben und belohnen Sie positives Verhalten Ihres

Kindes. Für viele Kinder ist ein visuelles System hilfreich,

zum Beispiel ein Sternchen- oder ein Smiley-

Kalender. Wichtig ist, genau zu erklären, welches

Verhalten zu einem Sternchen führt und wann ein

erstes Ziel für eine Belohnung erreicht ist.

• Nehmen Sie das Gefühl Ihres Kindes, das hinter dem

«Ausflippen» steht, ernst. Erkennen Sie das Gefühl

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Sie müssen Ihrem Kind

klarmachen, dass das gezeigte

Verhalten nicht akzeptabel ist.

Zeigen Sie Alternativen auf.

an und erklären Sie, dass negative Gefühle zum Leben

gehören. Gleichzeitig müssen Sie klarmachen, dass

das gezeigte Fehlverhalten nicht akzeptabel ist. Zeigen

Sie Alternativen auf.

Zum Schluss wünsche ich Ihnen zu Hause und uns Lehrpersonen

im Schulalltag viel Ausdauer beim Begleiten

von Kindern, die beim emotionalen Lernen mehr Unterstützung

brauchen. Auch wenn ich die oben genannten

Punkte nur zu gut kenne und versuche, diese konsequent

umzusetzen, komme ich immer wieder in Situationen,

die ganz viel von mir abverlangen. Routiniertes Vorbild

sein gelingt oft, aber nicht in jedem Fall.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201747


In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post

Erziehung & Schule

Wo sich kleine und

grosse Bücherwürmer treffen

An verschiedenen Festivals und Veranstaltungen in der Schweiz können Kinder

gemeinsam Geschichten lauschen und in Büchern stöbern. Ein Überblick über die

wichtigsten Events der nächsten Wochen. Text: Johanna Oeschger

Abraxas-Festival, 4. und 5. November,

Zug

Am jährlich stattfindenden Zentralschweizer

Kinder- und Jugendliteraturfestival

entführt der Rabe Abraxas die

Besucher in die magische Welt der

Geschichten. Hier erleben Kinder aller

Altersstufen ihre Lieblingsautoren und

Buchstabenkünstler aus dem In- und

Ausland hautnah: An Lesungen und in

Workshops wird gemeinsam gelesen,

gesungen, gerätselt, gebastelt, gelacht

und gestaunt.

www.abraxas-festival.ch

Schweizer Erzählnacht, 10. November,

diverse Durchführungsorte

Jeweils am zweiten Freitag im November

laden verschiedene Bibliotheken, Buchläden,

Schulen und andere Institutionen

zum gemeinsamen Geschichtenerlebnis

ein. Dieses Jahr versammelt sich Klein

und Gross unter dem Motto «Mutig,

mutig!»: Kinder lauschen heldenhaften

Geschichten, bewältigen abenteuerliche

Lese-Parcours und schlafen vielleicht

sogar alleine auswärts.

www.sikjm.ch

Verschiedene Schreib- und

Lesever anstaltungen

• Eine Auswahl kleinerer Veranstaltungen

an diversen Standorten ist auf der

Website des Vereins Kinder- und

Jugendschaffende Schweiz aufgeführt:

www.autillus.ch.

• Im Rahmen des Projekts Buchstart veranstalten

Bibliotheken der ganzen

Schweiz erste Begegnungen mit

Büchern, Versen und Schrift für

Kleinkinder. Den aktuellen Veranstaltungskalender

finden Eltern unter

www.buchstart.ch.

Bild: Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

So gehts 2018 weiter

• Basler Bücherschiff: www.edubs.ch

• St. Galler Kinder- und Jugend literaturfestival:

www.stadt.sg.ch

• Schreibwettbewerb für 8- bis 18-Jährige:

www.schreibzeitschweiz.ch

• Digitaler Jugendwettbewerb: www.bugnplay.ch

Links direkt zu

den Veranstaltungen

finden Sie im Online-Artikel auf

www.fritzundfraenzi.ch.

Johanna Oeschger

ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin,

unterrichtet Deutsch und Englisch

auf der Sekundarstufe II und arbeitet

als Mediendidaktikerin bei LerNetz.

48 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Stiftung Elternsein

Ich weiss nichts, macht nichts

Ellen Ringier über die Gefahren, die Unwissenheit in sich birgt,

und die Bedeutung von Bildung.

Bild: Maurice Haas / 13 Photo

Dr. Ellen Ringier präsidiert

die Stiftung Elternsein.

Sie ist Mutter zweier Töchter.

Am 1. Mai 2003 erklärten die USA dem

Irak den Krieg. Wie sich später herausstellte,

aus einem falschen Grund. Denn

trotz intensivster Suche konnten keine

Massenvernichtungswaffen gefunden

werden. Fake News! Das Resultat dieses

Krieges und der anschliessenden Besetzung

des Landes heisst keineswegs

Befriedung. Bürgerkriegsähnliche

Zustände und die Expansion des Islamischen Staates

waren und sind bis heute die Folge. Einer US-Studie

der Washington University in Seattle zufolge starben

während des Krieges und der anschliessenden Besetzung

mindestens eine halbe Million Iraker!

In diesen Sommerwochen fand und findet ein

Duell zwischen zwei der grössten derzeit regierenden

Vollidioten statt: den Präsidenten von Nordkorea und

den USA. In Pjöngjang und Washington sitzen zwei

Männer an den Schalthebeln der Macht und auch am

Drücker zum Atomschlag, die ausschliesslich von

Irrationalität, dem Willen zum Machterhalt und

ihrem Ego getrieben werden und daher nicht zurückschrecken,

mit dem Einsatz von Atomwaffen zu drohen.

Das Unaussprechliche, nämlich ein Atomkrieg,

ist von einer virtuellen Möglichkeit zu einem denkbaren

Szenario geworden. Das jahrzehntelang währende

Gleichgewicht des Schreckens hat ausgedient, ein

Atomkrieg, ja ein dritter Weltkrieg, ist denkbar

geworden.

Nach dem Gedanken folgt bekanntlich das Wort,

und dann droht die Tat!

Präsident Donald Trump hat ein seit dem Zweiten

Weltkrieg auf der ganzen Welt gültiges Tabu geritzt.

Und das Aberwitzigste dabei ist, dass er auf die Unterstützung

aus Teilen der US-Bevölkerung zählen kann!

Dahinter steht ein bodenloses Unwissen vieler Bürger

der USA.

Weit weniger als die Hälfte der US-Bürger wusste

damals, wo sich der Irak auf der geografischen Weltkarte

befindet, geschweige denn, weshalb man gegen

dieses Land Krieg führen sollte!

Neulich hat die New York Times 1746 erwachsenen

US-Amerikanern eine Asienkarte vorgelegt. 36 Prozent

haben Nordkorea gefunden. Die restlichen 64

Prozent tippten auf China, Indien oder gar Australien,

alle asiatischen Länder hatten einen Treffer.

Wäre das Thema nicht so ernst, könnte man über

das Resultat dieser Umfrage lachen, wie wir es jeweils

taten, wenn Amerikaner die Schweiz mit Schweden

verwechselten: «You make good chocolate in

Sweden!» …

In einer Demokratie, auch in einer repräsentativen,

müssen die Bürger sich eine Meinung zu den anstehenden

Sachfragen bilden oder wenigstens Repräsentanten

wählen können, die sich in den verschiedensten

Materien auskennen, auch in Geografie und

Geschichte!

Wer die Schrecken des US-Atomangriffs auf Hiroshima

und die tödlichen Folgen nicht kennt, kann die

Tragweite eines atomaren Erstschlags gar nicht nachvollziehen,

der ahnt allenfalls, aber weiss nicht wirklich

um dessen Gefährlichkeit. Der redet dann von

und droht mit Atomkrieg, als handle es sich um «War

Games».

Fehlendes elementares Wissen macht alles denkbar

und alles möglich. Darum ist der beliebte Satz «Ich

weiss nichts, macht nichts» abgrundtief falsch! Im

Gegenteil: Mehr Wissen bringt bessere Entscheidungen.

Fürwahr ein Motto zum neuen Schuljahr, das

soeben begonnen hat!

STIFTUNG ELTERNSEIN

«Eltern werden ist nicht schwer,

Eltern sein dagegen sehr.» Frei nach Wilhelm Busch

Oft fühlen sich Eltern alleingelassen in ihren Unsicherheiten,

Fragen, Sorgen. Hier setzt die Stiftung Elternsein

an. Sie richtet sich an Eltern von schulpflichtigen Kindern

und Jugendlichen. Sie fördert den Dialog zwischen

Eltern, Kindern, Lehrern und die Vernetzung der elternund

erziehungsrelevanten Organisationen in der

deutschs prachigen Schweiz. Die Stiftung Elternsein

gibt das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi heraus.

www.elternsein.ch

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201749


Elterncoaching

«Mir wird alles zu viel»

Wie es Eltern gelingen kann, die ständige Verknappung

der Zeit zu stoppen.

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Autor («Mit

Kindern lernen»). In der Rubrik

«Elterncoaching» beantwortet

er Fragen aus dem Familienalltag.

Der 37-Jährige ist verheiratet

und Vater eines Sohnes, 4,

und einer Tochter, 1. Er lebt

mit seiner Familie in Freiburg.

www.mit-kindern-lernen.ch

www.biber-blog.com

Es ist sechs Uhr morgens.

Ich bin auf dem Weg zu

einer Lehrerfortbildung,

der ich noch den letzten

Schliff geben müsste.

Dummerweise muss ich auch noch

diesen Artikel hier zu Ende schreiben

und vor Seminarbeginn einreichen.

Zum Glück sind solche Last-

Minute-Aktionen viel seltener

geworden. Ich muss aber zugeben:

Als Vater von zwei Kindern alles

unter einen Hut zu bekommen, ist

manchmal ziemlich schwierig.

Eltern stehen heute unter einem

immensen Druck. Das Bundesamt

für Statistik zeigt einen klaren

Anstieg der Gesamtarbeitszeit: Mütter

von kleinen Kindern arbeiten

insgesamt 68 Stunden pro Woche,

die Väter 70. Bei den Vätern hat die

Arbeit im Haushalt und in der Kinderbetreuung

zugenommen, bei den

Frauen die Erwerbsarbeit. Die

Gleichstellung – ein wichtiges Ziel

– führt momentan dazu, dass Männer

und Frauen mehr zu tun haben,

weil beide den Anspruch haben,

alles zu sein und alles gut zu machen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen

und die Hektik in der

Arbeitswelt: Immer mehr soll von

immer weniger Menschen in immer

Wir fürchten den Verlust,

wenn wir auf eine neue,

interessante Möglichkeit

verzichten.

kürzerer Zeit erledigt werden. Wie

kommen wir da wieder raus? Wie

können wir dem täglichen Stress

begegnen? Durch einen Zeitmanagementkurs?

Yoga? Entspannungsübungen?

Das ist alles sinnvoll,

braucht aber dummerweise

– Zeit.

Machen Sie weniger!

Wenn wir über Stress klagen, denken

wir meist darüber nach, wie wir all

unserer Aufgaben Herr werden können.

Wir versuchen schneller zu

arbeiten, uns noch besser zu organisieren,

uns effektivere Arbeitsmethoden

anzueignen oder auf Erholung

und Schlaf zu verzichten.

Wirklich hilfreich ist nur: weniger

tun. Das klingt banal. Aber es ist

das Einzige, das uns langfristig aus

der Überforderung heraushilft. Und

es ist gleichzeitig eine Herausforderung,

die wir nur meistern können,

wenn wir uns darauf einlassen und

entschlossene Schritte unternehmen.

Mit etwas aufzuhören, etwas zu

reduzieren oder zu etwas Nein zu

sagen, fällt den meisten Menschen

schwer. Wir fürchten den Verlust,

wenn wir auf eine neue, interessante

Möglichkeit verzichten. Wir sehen,

wie sich eine Tür schliesst, und beeilen

uns, Ja zu sagen. Auch dann,

wenn wir hinterher fast in Arbeit

und Verpflichtungen ersticken.

Denn wenn wir Nein sagen, erteilen

wir nicht nur anderen Menschen

eine Absage, sondern auch unserem

eigenen Ehrgeiz, unseren Ansprüchen,

Zielen und Wünschen.

Wenn wir dies aber lernen, verschaffen

wir uns Luft und holen uns

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

50 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


unser Leben zurück. Wir machen

weniger, das dafür mit mehr Freude,

Ruhe und Qualität. Und wir können

die Zeit mit Menschen, die uns

wichtig sind, wieder geniessen, ohne

ständig an unsere To-do-Liste zu

denken.

Egal, ob Sie gefragt werden, ob

Sie dem Elternrat beitreten, ein politisches

Amt übernehmen, eine

Beförderung annehmen oder Ihrem

Kind ein zusätzliches Hobby ermöglichen

wollen: Erlauben Sie sich, auf

Zeit zu spielen. Wann immer Sie

zusagen möchten, könnten Sie von

nun an sagen: «Ich überlege es mir

und gebe dir morgen Bescheid»

oder «Das klingt interessant – ich

muss es aber zuerst mit meiner Partnerin,

meinem Partner besprechen».

Nehmen Sie sich diese Momente,

um die Vorteile und die Kosten

abzuwägen.

Denken Sie an die Kosten Ihrer

Zusage

Anfangs sehen wir oft nur die Vorteile

einer Zusage. Die Kosten

kalkulie ren wir zu wenig ein. Wir

unterschätzen den erforderlichen

Aufwand meist gewaltig. Und wir

führen uns nicht vor Augen, wozu

wir implizit Nein sagen, wenn wir Ja

sagen.

Unser Tag hat 24 Stunden. Wenn

wir Ja sagen zu einer neuen Aufgabe,

sagen wir automatisch Nein zu

etwas anderem: zu Zeit mit unseren

Kindern, dem Partner oder der

Partnerin, zu Erholung, Schlaf oder

einem Hobby. Oft geben wir die

wertvollsten Dinge her, um vermeintliche

Pflichten zu erfüllen

oder jemanden zufriedenzustellen,

der laut genug auftritt. Sich diese

Kosten im richtigen Moment

bewusst zu machen, kann uns die

nötige Courage verleihen, um uns

gegen fordernde Chefs und Kollegen

abzugrenzen, Kundenanfragen ab -

zulehnen oder eine schmerzhafte

Entscheidung zu treffen.

Brian Tracy hat einmal darauf

hingewiesen, dass es nur vier Mög-

lichkeiten gibt, sein Leben zu

ändern. Sie können:

1. mit etwas Neuem beginnen

2. etwas öfter tun

3. etwas seltener tun

4. etwas nicht mehr tun

Wenn die meisten Veränderungen

in Ihrem Leben darin bestehen,

etwas Neues hinzuzufügen oder sich

vorzunehmen, bestimmte Dinge

öfter zu tun, bauen sich zusehends

mehr Druck und Stress auf. Es

wächst das Gefühl, dass Ihr Leben

vom Wort «müssen» geprägt ist. Für

Erholung, Schönes und Geselligkeit

bleibt rasch weniger Raum.

Wann immer es uns zu viel wird,

können wir uns darauf konzentrieren,

im nächsten halben Jahr ausschliesslich

Ziele zu verfolgen, die

darin bestehen, bestimmte Dinge

seltener oder nicht mehr (selbst) zu

tun.

Ein Ziel könnte lauten, das

Arbeitspensum zu reduzieren oder

im nächsten Jahr keine Überstunden

mehr zu leisten. Vielleicht ist es

sinnvoll, ein Amt abzugeben, die

Mitgliedschaft in einem Verein zu

überdenken oder die Regel einzuführen,

dass an zwei Wochenenden

im Monat weder etwas unternommen

noch jemand eingeladen wird.

Eventuell reicht es auch schon, wenn

Sie alle Ziele und Projekte, die Sie

momentan verfolgen, auflisten –

und den Rotstift ansetzen. Wie wäre

es, wenn Sie ein halbes Jahr nicht

versuchen, abzunehmen oder mehr

Sport zu treiben? Wie würde es sich

auswirken, wenn Sie Ihre Ansprüche

im Haushalt eine Zeit lang bewusst

senkten?

Ziele schriftlich festhalten

Meist befürchten wir allerlei Widerstände,

wenn wir ein solches Ziel

verfolgen. Wir denken, dass es nicht

möglich ist, oder glauben, dass es

schwerwiegende Einbussen oder

Konflikte mit sich bringen wird.

Wenn es uns ernst genug ist, wir solche

Ziele schriftlich festhalten und

Eventuell reicht es schon, wenn

Sie alle Projekte, die Sie

momentan verfolgen, auflisten

und den Rotstift ansetzen.

etwas Denkarbeit investieren, lassen

sie sich genauso gut erreichen wie

andere Ziele. Es ist schade, wenn ein

Burnout notwendig ist, um das herauszufinden.

Kurztipps:

• Sagen Sie «Vielleicht» statt «Ja».

• Wägen Sie die Kosten vorsichtig

ab und machen Sie sich bewusst,

was zu kurz kommen wird, wenn

Sie zu einer Aufgabe oder einem

Amt Ja sagen.

• Nehmen Sie sich ab und zu Zeit,

um Ihr Leben auszumisten. Was

möchten Sie in Zukunft seltener

oder nicht mehr tun? Und wie

liesse sich das erreichen?

In der nächsten Ausgabe:

Hilfe, mein Kind ist ein Tagträumer.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201751


Erziehung Rubrik & Schule

Wo

Schule

Freude

macht

Eine ganz «normale» staatliche

Schulklasse in Wil, die so ganz

anders ist: Hausaufgaben sind

freiwil lig, auf Lehrmittel und

Arbeitsblät ter wird verzichtet, und

Prüfungsstress gibt es auch nicht.

Dies dazu in einer altersgemischten,

integrativen Kindergruppe. Wie geht

das? Ein Unterrichtsbesuch.

Text: Claudia Landolt Bilder: Samuel Trümpy / 13 Photo

52 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Rubrik

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201753


Céline ist voll dabei

– trotz ihrer

Sehbehinderung.

Für schriftliche

Arbeiten verwendet

sie ein Tablet.

54 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Sprachheilschule besuchen würde.

Sowie weitere sechs Kinder, die

anderswo separiert unterrichtet

würden. Hier jedoch gehören sie alle

dazu. Möglich ist dies, weil Achim

Arn Klassenlehrer und Heilpädagoge

zugleich ist und mit Darinka Egli

stets zusammen vor Ort sein kann.

Welche Schule ist

die beste? Eine

Schule, in der

die Kinder ihr

Potenzial entdecken

und entfalten können sowie

mit Freude lernen, sind sich Mütter

und Väter und auch Lehrpersonen

jeweils an Elternabenden einig.

Eine, in der «jedes Kind selbstbestimmt

in seinem Tempo und auf

seine Weise lernt», sagt etwa Remo

Largo*, der berühmteste Schweizer

Kinderarzt.

Nun sind alle Kinder verschieden,

lernen verschieden und stammen

aus ganz unterschiedlichen

Verhältnissen. Diesen unterschiedlichen

kindlichen Entwicklungsständen

wollen einige Schweizer

Schulen entgegenkommen. Sie

haben das Altersdurchmischte Lernen

(AdL) eingeführt – als pädagogische

Antwort auf diese sogenannte

Heterogenität.

Wir wollten wissen, wie der

Schulalltag in einer solchen Mischklasse,

die zudem integrativ geführt

wird, aussieht, und besuchten eine

von acht Klassen des Alleeschulhauses

in Wil. Die Schule gilt als

Vorzeigemodell und ist für ihr

Schulkonzept «Prisma» ausgezeichnet

worden. Darinka Egli und

Achim Arn sind dort Lehrpersonen

und unterrichten als Zweierteam

gemeinsam 21 Kinder im Alter von

sechs bis zehn Jahren – auch Kinder

mit besonderen Bedürfnissen.

Zum Beispiel Céline. Sie ist

schwer sehbehindert und damit das

Kind mit dem sichtbarsten Handicap.

Oder der heute so aufgeweckte

Tenzin, der im Kindergarten sehr

wenig sprach und ansonsten eine

Vom echten Leben lernen

Es ist Dienstagmorgen, 7.30 Uhr. Die

grosse Eingangstüre des Alleeschulhauses

mitten im Stadtzentrum von

Wil ist weit geöffnet. Nach und nach

trudeln die Kinder der Klasse Egli/

Arn im Klassenzimmer ein. Obwohl

der Unterricht erst um 8 Uhr anfängt,

sind die Lehrpersonen schon eine

halbe Stunde früher vor Ort – um

den Kindern einen individuellen

und ruhigen Schulstart zu ermöglichen

und den Eltern etwas Morgenstress

zu nehmen. So kommt es nicht

selten vor, dass manche sich im

Schulzimmer die Zähne putzen, sich

ein Buch schnappen oder an ihren

Aufgaben arbeiten.

Um 8 Uhr ertönt das Morgenlied

auf dem Klavier. Die Schule beginnt.

Heute steht ein Ausflug in den Wald

an. «Vom Baum zum Stuhl» heisst

das Thema. Ihre Entdeckungen

bebildern und beschreiben sie in

ihrem Arbeitsheft, dem sogenannten

Forschungsheft. Vorerst gilt es,

den 20-minütigen Fussmarsch in

den Wald zu bewältigen. Das gelingt

mit wenig Gedränge und Geschubse

– zu gross ist die Vorfreude. «Ich

finde es toll, dass wir so viel draussen

sind», bringt es Mehrin >>>

Was gefällt den Kindern an ihrer

besonderen Klasse/Schule?

«Ich finde es toll, dass wir freie

Tätigkeit haben, das macht

glaube ich sonst keine Schule.»

Lilija, 9

55


Erziehung & Schule

>>> auf den Punkt. Alle zwei

Wochen brechen die Mädchen und

Buben in den Wald auf. Im Rahmen

ihres Realienthemas haben sie sich

viele Wochen mit Bäumen beschäftigt,

sie zu unterscheiden gelernt,

verschiedene Keimlinge gesammelt

und in kleine Tontöpfe gepflanzt.

Diese stehen nun auf den Pulten

im Schulzimmer. «Wir pflegen sie

gut», erklärt uns Vleran unterwegs

ganz stolz. «In unserer Baumschule

haben wir viele Bäumchen. Wir pflegen

sie, bis sie gross genug sind, um

in den Wald ausgepflanzt zu werden.

Dies haben schon viele Schulklassen

vor mir so gemacht. Darum hat es

im Wald ganz viele grosse Bäume

aus unserer Klasse.» Heute geht es

also in den Wald, wo der Wiler Förster

Renaldo Vanzo bereits auf die

Kinder wartet. Er sucht an diesem

Tag mit ihnen die Bäumchen aus

ihrer Baumschule aus, die sie an

einer entfernt liegenden Lichtung

einpflanzen werden.

Keine Schulglocke, die erklingt,

kein Sehnen nach der Pause und

kein Pressieren auf den Zug. «Das

Leben findet draussen statt, das sollen

die Kinder miterleben», erklärt

Darinka Egli. So geht die Klasse

nicht nur regelmässig in den Wald,

sondern nutzt auch die Stadt als

Lernort. Zum aktuellen Thema

«Vom Baum zum Stuhl» besuchten

sie bereits eine Sägerei und eine

Schreinerei. «Kinder sollen Lebensstärke

entwickeln, das heisst, mit

beiden Beinen im Leben stehen. Das

bedeutet, dass sich Kindergarten

und Schule den echten Inhalten und

Situationen des Lebens stellen müssen»,

sagt Darinka Egli.

Einander helfen ist Programm

Wir spazieren zur Waldlichtung.

Ein Mädchen in gelber Regenjacke

greift nach meiner Hand. Es ist Cé ­

line. «Gehst du gerne in den Wald?»,

fragt sie mich. Und sagt dann in

einer Grosszügigkeit, wie sie nur

Kindern eigen ist: «Ich habe eine

Sehbehinderung – und dann habe

ich noch zwei Geschwister und bin

zehn Jahre alt, und du?» Ihre jüngere

Klassenkollegin Tijana hüpft

neben uns, munter wie Pippi Langstrumpf.

Zwischen zwei Sprüngen

und zahlreichen Entdeckungen

(«eine Schnecke!») berichtet sie mir

aus ihrer Welt: von ihrem Morgen,

ihrer Familie und ihrem baldigen

Geburtstag. Zwischendurch erklärt

sie Céline den Weg: «Jetzt musst du

nach rechts abbiegen.» Dass man

sich gegenseitig hilft, ist in dieser

Klasse Programm. Es bedeutet: «Ich

weiss, wo ich gebraucht werde, aber

auch ich brauche die anderen. Das

Erste stärkt das Kind, und das Zweite

gibt ihm Sicherheit», erklärt

Achim Arn. >>>

«Wenn sich ein Kind

wohlfühlt, kann ich

es als Lehrer auch

herausfordern»

Achim Arn ist Lehrer einer

integrativen und altersgemischten

Unterstufe in Wil. Für ihn muss

Schule ein Ort der Ermutigung sein.

Wie das möglich ist, erzählt er im

Interview.

Interview: Claudia Landolt

Herr Arn, gehen Ihre Schülerinnen und

Schüler gern zur Schule?

Ja, und genau deshalb zeigen sie grossen

Einsatz und tolle Leistungen. Leistung und

Freude sind keine Widersprüche, sondern

helfen sich gegenseitig.

Ihre Klasse ist eine besondere Lerngemeinschaft.

So arbeiten Sie beispielsweise

ohne Lehrmittel. Warum?

Das Leben und Lernen jedes Kindes ist

einzigartig. Es findet immer im Hier und Jetzt

«Ich finde die Spielzeit

sehr schön, danach kann

ich mich wieder

gut konzentrieren.»

Jonas, 9

Rechnen ist ja lustig!

Auch schüchterne

Kinder entwickeln

Spass an der

Mathematik ohne

Wettbewerb.

statt und lässt sich folglich nicht wiederholen.

Wir wollen mit den Kindern neue Wege

gehen und nicht ausgetretene Pfade. Das ist

spannender und nachhaltiger. Diese Wege

dokumentiert jedes Kind in seinem – zu

Beginn leeren – Forscherheft. So kommen in

drei Schuljahren gut und gerne über 20 sehr

individuelle Hefte zusammen. Ein echter

Schatz, auf den die Kinder sehr stolz sind!

Ganz «nebenbei» fördern wir damit nicht nur

das Rechnen, Schreiben, Lesen usw.,

sondern auch eigenständiges Denken.

Was stört Sie an üblichen Lehrmitteln?

Aus meiner Sicht orientieren sich die

Lehrmittel, Arbeitsblätter, Werkstattposten

usw. viel zu wenig an den Fragen und der

Erlebniswelt der Kinder. Das können sie auch

nicht, denn dazu sind die Kinder, ihre

Hintergründe und ihre Möglichkeiten viel zu

verschieden. Daneben verleiten Lehrmittel

auch zu einer Abarbeitungs- und Erfüllungsmentalität.

In Ihrer Klasse sind Kinder mit besonderen

Bedürfnissen. Alle sind immer voll dabei.

Es ist nicht nur normal, verschieden zu sein,

sondern richtig toll! Denn erst durch diese

unterschiedlichen Fähigkeiten und Hintergründe

wird das Von- und Miteinanderlernen

56 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Rubrik

in unserer Klasse so spannend. Um diesen

Umstand zu nutzen, arbeiten wir alle meist

an demselben Thema oder derselben

Aufgabe. Natürlich auf verschiedenen

Niveaus und mit verschiedenen Zugängen,

aber dennoch miteinander! Dabei merken

wir dann alle, wie schön es ist, andern zu

helfen, aber auch Hilfe annehmen zu können.

Das ist für mich gelebte Inklusion.

Bei Ihnen helfen alle Kinder einander ganz

selbstverständlich. Sie als Lehrperson

geben also Verantwortung ab.

Genau. Das geht aber nur, wenn man die

Grundhaltung des Miteinanders verinnerlicht.

Die Kinder sind mit mir gemeinsam für

das Lernen jedes Kindes unserer Klasse

verantwortlich. Das heisst aber, dass sie den

Unterricht auch mitgestalten dürfen. Diese

Haltung fordert gerade auch Kinder, die sehr

schnell lernen. Durch ihre Mithilfe habe ich

dann wiederum genug Zeit für ihre neuen

Lernschritte.

«Schwächere Kinder» ist ein Ausdruck,

den Sie bewusst vermeiden.

Schwäche klingt hier als Abwertung der

Leistung eines Kindes. Diese normative

Aussage wird niemandem gerecht, der sein

Bestes gibt, und ist hinderlich für das

Lernen. Dennoch ist es wichtig, dass jedes

Kind lernt, einen selbstbewussten Umgang

mit den eigenen Begrenzungen zu finden. Es

geht darum, zu den eigenen Grenzen stehen

zu können und sich mit der eigenen

Fehlbarkeit auseinanderzusetzen. Das

wiederum empfinde ich als Stärke.

In Ihrer Klasse gibt es keine Prüfungen.

Warum? Und wie ist das möglich?

Prüfungen und Noten orientieren sich an

einer Altersnorm und nicht am einzelnen

Kind. Das hat für viele Kinder und ihre

Lernbiografie negative Folgen. Deshalb

verzichten wir im Unterricht auf Prüfungen.

Als Klasse in einer öffentlichen Schule sind

wir jedoch gezwungen, halbjährlich

Zeugnisse abzugeben. Die dort enthaltenen

Noten basieren auf den Leistungen in den

Forschungsheften der Kinder und auf

Beobachtungen im Unterricht. Aber auch

gegenüber diesen Noten sind wir kritisch

und besprechen dies auch mit den Kindern

und Eltern.

Wie wirkt sich das integrative und

altersdurchmischte Lernen auf die spätere

Laufbahn Ihrer Schüler aus?

Zahlen und Statistiken dazu habe ich keine

– woher auch? Und allgemeine Aussagen

dazu zu machen, liegt mir fern, denn weder

Integration noch Altersdurchmischung

garantieren guten Unterricht und Schulerfolg.

Für die Kinder zählt einzig, was ihre

Lehrpersonen und das Umfeld mit ihnen

leben und lernen. Was ich zur Frage ganz

persönlich sagen kann, ist, dass mich und

unsere Klasse immer wieder ehemalige

Schülerinnen und Schüler besuchen. Ich

staune dabei immer wieder über den Weg,

den diese jungen Menschen gehen und

gegangen sind. Dass einige von ihnen Dinge

erreicht haben, welche ihnen viele nie zu getraut

hätten, freut mich dann umso mehr.

Zur Person

Achim Arn ist Primarlehrer und Heilpädagoge.

Er unterrichtet mit seiner Kollegin Darinka Egli

im Alleeschulhaus in Wil. Er hält Gastreferate

im Bereich der «inklusiven Didaktik». Er ist

verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201757


Erziehung & Schule

Schule mit Auszeichnung

Das Alleeschulhaus wurde 2006 für sein

Schulmodell Prisma mit dem Pestalozzi-Preis

ausgezeichnet. Prisma heisst: mit den Kindern die

Schule gestalten, nicht für sie. Praktisch geschieht

das beispielsweise im Gruppenrat (Klassenverbund)

und an der Prisma-Vollversammlung (ganzes

Schulhaus). Prisma ist eine geleitete öffentliche

Schule, unterrichtet nach dem kantonalen Lehrplan

und erfüllt sämtliche Vorgaben, auch die finanziellen.

Mehr Informationen: www.prisma-wil.ch

«Ich finde es toll, dass ich

etwas Neues lernen kann und

wir nach draussen gehen.»

Vleran, 10

>>> Auf der Lichtung zeigt der

Förster den Kindern, wie man korrekt

einen jungen Baum einpflanzt.

Wenig später graben sie zu zweit

mit einem Spaten ein Loch in den

Boden und schleppen schwere

Holzpfähle. Manche schwitzen, ziehen

ihre Jacken aus. Andere diskutieren,

wer welche Aufgabe hat.

Auch Céline läuft über den un ­

ebenen Waldboden, an der Hand

ihrer Kollegin Joy. Ab und zu schaut

Céline in den Himmel, als ob sie das

gefällige Blau, die schöne Stimmung

mit ihren Sinnen einfangen möchte.

«Viele unserer Kinder kannten den

Wald früher kaum und waren nur

selten in der Natur», weiss Achim

Arn.

Die Unterrichtsform der altersdurchmischten

Klassen und die des

integrativen Unterrichts haben

zahlreiche Kritiker. Die schwächeren

Kinder würden die schnelleren

bremsen. Die Lehrperson habe für

die Starken zu wenig Zeit und das

Unterrichtsniveau würde sinken,

befürchten etwa Eltern. Und auch

die Schwächeren hätten Probleme,

da sie das Gefühl hätten, nicht zu

genügen und am Rande zu stehen.

Pädagogen machen den Mehraufwand

in der Vorbereitung als auch

mangelnde personelle Ressourcen

geltend und hegen besonders in

Kernfächern wie Deutsch oder

Mathematik Zweifel, welche promotionswirksam,

also entscheidend

für den Übertritt in die nächste

Klasse sind.

Anderntags im Schulzimmer.

Rechnen sei ihr Lieblingsfach, erklären

uns mehrere Kinder voller Freude.

Warum? «Weil wir hier Rechnen

58 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Ein Schulzimmer

mit räumlicher

Förderung à la

carte: gross, hell

und mit vielen

Möglichkeiten

zum Zurückzug.

spielen. Das ist wie ein Rätsel lösen»,

sagt Leon. Zum Beispiel Subtraktion.

An diesem Morgen ge schieht

dies zuerst mit einer selbstgebastelten

Kegelbahn mit 7 oder 14 Kegeln,

die es mit dem Finger und mit Hilfe

einer Murmel wegzukicken gilt. Die

Anzahl gefallener Kegel wird von

der Startzahl 20 oder 40 subtrahiert.

Wer zuerst bei 0 ist, hat gewonnen.

Mehr als eine Stunde

hochkonzentrier t

Die Kinder entscheiden dabei selbst,

mit welcher Anzahl Kegel und mit

welcher Startzahl sie spielen wollen.

Achim Arn erfragt das so: «Welche

Anzahl Kegel ist gut für dich? Mit

welcher Startzahl möchtest du

üben?» Dann setzen sich zwei Kinder

zusammen, welche die gleiche

Herausforderung suchen, unabhängig

von ihrem Alter. Die Rechenaufgabe

wird ins Heft ge schrieben, der

Kegelpartner rechnet mit und korrigiert,

wo nötig. Nach einigen Runden

treffen sich die Kinder im Kreis

und geben sich Tipps, wie man fingerfertig

die Kegel trifft und vor

allem wie man die daraus entstehende

Rechnung schlau lösen kann.

Später rechnen die Kinder von

der Tafel, an der unzählige Rechnungen

verschiedenen Schwierigkeitsgrades

stehen. Auch hier wählen

sie selbst, welche Aufgaben zu

ihnen passen und sie fordern. Sie

entscheiden auch eigenständig, mit

welchen Hilfsmitteln (Finger, Klötze

oder iPad) sie die Rechnung lösen.

Mehr als eine Stunde sind alle Kinder

hochkonzentriert.

Dabei ist die Bandbreite sehr

gross: Ein siebenjähriger Junge rechnet

im Tausenderraum, während das

neunjährige Mädchen daneben bis

20 arbeitet. Beide sind mit grossem

Eifer dabei und helfen sich gegenseitig.

Bei Fragen wenden sie sich zu ­

erst an ihren Nachbarn, dann an

eine der beiden Lehrpersonen. Auch

Céline übt an ihrem iPad, mit einem

Programm, das das Duo Arn/Egli

eigens für sie entwickelt hat und ihr

«Es ist sehr cool, dass Lehrer nicht

alles alleine bestimmen, sondern

wir mitbestimmen dürfen.»

Lars, 7

das selbständige Arbeiten an den

Klasseninhalten ermöglicht. Am

Schluss der Stunde gibt es eine Feedbackrunde,

welche von einem Kind

geleitet wird. «Wie ging es dir beim

Arbeiten? Was hat dir geholfen? Wo

möchtest du weiterarbeiten?»

Mehrere Kinder melden sich und

geben so Auskunft über ihr Lernen.

Weniger rechenkompetente Kinder

sind ebenfalls unter ihnen. Sie alle

Anzeige

wollen über ihr Lernen Auskunft

geben. «Wir wollen nicht nur die

Kinder dort abholen, wo sie stehen,

sondern wollen, dass sie es selbst

wissen. Von dort aus können wir

gemeinsam überlegen, welche Lernschritte

für sie folgen könnten», sagt

Darinka Egli. Leistung sei, so doppelt

Achim Arn nach, nicht nur im

Verbund mit Wettbewerb denkbar,

sondern könne auch aus >>>

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201759


Rubrik

Gewonnen! Die

siebenjährige

Asya freut sich

über das richtige

Resultat beim

Kegel rechnen.

>>> Freude an der Sache heraus

entstehen.

Dabei ist die selbstgebastelte

Kegelbahn keine Ausnahme. In dieser

Klasse gibt es keine Lehrbücher,

Arbeitsblätter, Werkstätten oder

Wochenpläne. Gelernt wird am Thema

selbst, dokumentiert wird in

leeren Heften und geübt wird oft mit

Spielen. Immer gibt es Raum zur

Differenzierung.

Und tatsächlich: Es scheint, als ob

keines dieser Kinder zu kurz kommt,

jedem die Zeit geschenkt wird, die

es für seine Lernschritte braucht.

Während Da rinka Egli einer Gruppe

eine Aufgabe erklärt, kann sich

Achim Arn länger einem einzelnen

Kind widmen. Es muss ihn dringend

etwas fragen. «Es ist nett, dass du

«Mir gefällt, dass die Lehrer

nicht so streng sind und

niemandem Angst machen.»

Simon, 10

mir beim Rechnen geholfen hast»,

sagt das Mädchen später zu Achim

Arn.

Lernen im Rhythmus der Kinder

Damit die Kinder so konzentriert

arbeiten, wie sie es in der Mathematik

tun, braucht es einen Tagesrhythmus,

der ihnen entspricht. So treffen

sich die Buben und Mädchen täglich

im Morgenkreis. Auf dem kleinen

Holztischchen in der Mitte liegt ein

mehrteiliges Holzpuzzle, aus dem

sechs Kinder ein Stück herausnehmen

und etwas berichten dürfen. Sei

es von ihrem neuen Rucksack oder

einem Ausflug am Wochenende. Was

immer ein Kind beschäftigt, kann so

mit der Klasse geteilt werden.

So erzählt ein Knabe zum Beispiel,

dass er mit seinem Vater an der

Eröffnung einer Moschee gewesen

sei. Seine Klassenkollegen denken

nach, man sieht förmlich, wie es hinter

der Kinderstirn arbeitet. An ­

schliessend fragen sie: «Was ist eine

Moschee?», «Was machts du da?»,

«Hast du da auch gebetet?» und

«Sieht sie schön aus?».

Nach der darauffolgenden, etwa einstündigen

intensiven Arbeitsphase

gibt es den wohlverdienten Znüni.

Dieser wird nach dem Znünilied

gemeinsam im Stuhlkreis in der

Klasse eingenommen. Die Kinder

holen ihre Snacks aus dem Schulthek.

Es kommen Früchte zum Vorschein,

ab und an ein Darvida, manchmal

ein Sandwich. «Wenn wir wollen,

dass die Kinder gesund essen, weil

es zu ihrem Wohlbefinden beiträgt,

muss das gesunde Essen Bestandteil

des Alltags sein», sagt Darinka Egli.

Enge Ernährungsvorgaben gebe es

aber nicht, das Züni müsse einfach

gesund sein. Dies führe dazu, dass

die Schülerinnen und Schüler immer

wieder über ihr Znüni diskutieren,

ob etwas gesund sei oder nicht. So

lernen sie ein Stück weit, sich gesund

zu ernähren.

Nach der Zwischenverpflegung

wischt Tijana die Brösmeli vom

Tisch und reinigt mit dem Staubsauger

den Boden. Danach geht es hinaus

zum Aus toben und Spielen –

nicht ohne vorher besprochen zu

haben, was man vorhat, damit nie­

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60 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

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Erziehung & Schule

«Wir lachen einander nicht aus

und helfen einander.»

Joy, 9

mand sich langweilt oder allein

bleibt. «Das ge meinsame Znüni und

das Pausenkonzept wurde entwickelt,

damit Ernährung und Bewegung

genug Raum im Alltag haben»,

erklären die beiden Pädagogen. Auf

die Pause folgen oft Phasen des freien

Spielens und Lernens, des Sports

oder des Gestaltens.

Dass in dieser Klasse das Kind in

seiner gesamten Entwicklung im

Zentrum steht, wird schnell sichtbar.

Auch darin, dass von allen Kindern

der Klasse ein grosses Familienfoto

an der Wand hängt. Hier

gehören nicht nur alle Kinder, sondern

auch ihre Familien dazu. Die

Eltern sind auch ohne Vorankündigung

immer gern als Besucher in

der Klasse gesehen. Das sorgt für ein

gutes gegenseitiges Verständnis, was

bei den vielen nicht alltäglichen

Dingen in dieser Klasse wichtig ist.

Eine Mutter erzählt mir, dass

Konflikte innerhalb der Klasse nicht

an den Mittagstisch gelangen, sondern

in der Schule gelöst werden.

Die Sprachkultur schwappe auch auf

das Elternhaus über, erzählt sie.

«Häufiger als ‹Ich will› hören wir

nun ‹Ich hätte einen Vorschlag›.»

Manche Kinder empfinden diesen

Unterrichtsstil jedoch als «anstrengend,

weil ich da so viel selber denken

muss», sagt etwa eine Schülerin.

«Das empfinde ich aber als Kompli­

ment«, antwortet Achim Arn. «Selber

zu denken, ist nicht der einfachste

Weg. Doch nur wer alles

selber ausprobieren, prüfen und

erforschen will, wird echte Lebensstärke

entwickeln.»

>>>

* Remo Largo: Das passende Leben.

Zürich 2017, 170 Seiten.

Claudia Landolt

war sehr beeindruckt, wie harmonisch,

liebevoll und hilfsbereit die Kinder

miteinander umgehen. Und wie inspirierend

Lernen ohne Lehrmittel ist. Kegelrechnen

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Erziehung & Schule

Sackgeld –

wer bekommt wie viel?

Den Umgang mit Geld lernen ist wichtig – aber wie? Laut einer grossen Taschengeldstudie

sehen es Mütter und Väter klar als ihre Aufgabe, ihren Kindern den Umgang mit Geld

beizubringen. Diese sind sogar vernünftiger, als viele Eltern denken. Text: Florence Schnydrig Moser

Ab welchem Alter sollte

man seinen Kindern

ein Sackgeld

zahlen? Wie hoch

sollte dieses sein?

Und wie machen das andere Eltern?

Diesen und anderen Fragen ging

eine grosse Studie zum Thema

Taschengeld auf den Grund. Im Auftrag

von Credit Suisse und in

Kooperation mit Pro Juventute wurden

11 000 Mütter und Väter in der

ganzen Schweiz befragt.

Dabei wurde deutlich, wie wichtig

es Schweizer Eltern ist, ihren Kindern

einen verantwortungsbewussten

Umgang mit Geld beizubringen

Grafik 1 Grafik 2

Anteil der Eltern, die ihren Kindern Taschengeld geben

nach Sprachregion

100 %

50 %

86 %

89 %

72 %

41 %

11 %

43 %

0 %

5 – 7 Jahre

8 – 11 Jahre 12 – 14 Jahre

Deutsch Französisch

Anteil der Kinder, die Taschengeld erhalten

nach Geschlecht

100 %

50 %

72 % 81 % 84 % 85 %

28 % 43 %

0 %

5 – 7 Jahre

8 – 11 Jahre 12 – 14 Jahre

Mädchen Buben

Bild: Martin Barraud / Plainpicture Grafiken: Credit Suisse / sotomo

62 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


In Zusammenarbeit mit der Credit Suisse

– wichtiger noch als die Förderung

von Bescheidenheit oder Zielstrebigkeit.

Das sehe ich auch bei mir und

meinen eigenen Kindern. Obwohl

sie erst sechs und acht Jahre alt sind,

sollen sie schon jetzt ein Bewusstsein

für den Wert des Geldes entwickeln

und lernen, was Sparen bedeutet.

Damit bin ich nicht alleine: Die

meisten Eltern führen ihre Kinder

im Alter von sechs Jahren in die

Welt des Geldes ein – also dann,

wenn sie in die Schule kommen und

das Einmaleins lernen. Mit sieben

Jahren dürfen Kinder üblicherweise

das erste Mal selbst kleine Einkäufe

erledigen und mit zehn Jahren über

Geldgeschenke verfügen.

Das Sackgeld nutzen die meisten

Eltern als wichtiges Übungsfeld:

Kinder können so erste Erfahrungen

im Umgang mit Geld sammeln,

ohne in finanzielle Schieflage zu ge ­

raten. Deshalb erstaunt es wenig,

dass etwa die Hälfte aller Siebenjährigen

Sackgeld bekommt – zumindest

in der Deutschschweiz. Für die

Mehrheit der Kinder in der Romandie

gibt es erst mit dem Übertritt

in die Sekundarschule Sackgeld

(Grafik 1).

Grafik 3

Mittelwert des monatlichen Taschengelds (in Franken)

nach Alter des Kindes

50

40

30

20

10

0

5 5

6 7

11

14 17

5 J. 6 J. 7 J. 8 J. 9 J. 10 J. 11 J. 12 J. 13 J. 14 J.

Was überrascht: Mädchen erhalten

später Taschengeld als Buben. Besonders

bei den fünf- bis siebenjährigen

Kindern fällt der Unterschied

auf; so bekommt fast jeder zweite

Bub Sackgeld, bei den Mädchen nur

jedes dritte. Zumindest bei der Höhe

des Sackgeldes herrscht aber Ausgeglichenheit

(Grafik 2).

Die Höhe des Taschengelds hängt

vom Alter ab. Kinder zwischen fünf

und sieben Jahren erhalten im

Schnitt vier Franken pro Monat, bei

den Acht- bis Elfjährigen sind es

zehn und bei den Zwölf- bis Vierzehnjährigen

20 Franken (Grafik 3).

Zwei Drittel der Kinder können

frei über ihr Taschengeld verfügen

und selbständig entscheiden, wofür

sie das Geld einsetzen. Bemerkenswert

ist, dass die Kinder diese Freiheit

nicht ausspielen: Knapp die

Hälfte legt einen grösseren Teil des

Sackgelds zur Seite und beginnt mit

dem Aufbau eines kleinen Vermögens.

Natürlich haben Kinder auch

Konsumwünsche, für die gespart

wird: Häufig genannte Sparziele

sind der Computer, ein Töffli oder

Smartphone sowie Spielzeug wie

Lego. Oft gaben Eltern auch an, dass

23

39

48

ihre Kinder auf nichts Spezielles

sparen, sondern generell für die

Zukunft.

Als Mutter gefällt mir diese

Erkenntnis. Denn offensichtlich

sind unsere Kinder im Umgang mit

Geld vernünftiger, als wir gemeinhin

annehmen. Der richtige Umgang

mit Geld wird in unserer Familie

weiterhin Thema bleiben. Die Er ­

gebnisse der Taschengeldstudie

geben mir dabei Orientierung.

Florence

Schnydrig Moser

ist Leiterin von Products & Investment

Services bei der Credit Suisse und

Auftraggeberin der Taschengeldstudie.

Die grösste Taschengeldstudie der

Schweiz zeigt:

• Für die meisten Eltern ist das Sackgeld ein

wichtiger Teil der Finanzerziehung.

• In der lateinischen Schweiz hat

Finanz erziehung einen geringeren

Stellenwert und Sackgeld wird später

vergeben als in der Deutschschweiz.

• Sechs von zehn Kindern können frei über ihr

Sackgeld verfügen.

• Die Mehrheit der Mädchen erhält später

Sackgeld als Buben, später jedoch einen

ähnlichen Betrag.

Mehr Informationen finden Sie unter:

credit-suisse.com/taschengeldstudie

In der Viva Kids World der Credit Suisse finden

Eltern Tipps und Tricks für die Finanz erziehung.

Kinder entdecken Finanzthemen gemeinsam

mit der Viva-Kids-Bande.

credit-suisse.com/vivakidsworld

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201763


Kolumne

Im Haus der Zukunft

Michèle Binswanger

Die studierte Philosophin ist Journalistin und

Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen,

ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

Einer der schönsten Texte für Eltern ist Kahlil Gibrans Gedicht

«Über Kinder». «Eure Kinder sind nicht eure Kinder (…),

ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht

besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen», so heisst es.

Ich werde also niemals wissen, in welchem Zimmer meine

Kinder im Haus der Zukunft wohnen werden. Aber ich habe eine ganz

gute Vorstellung, was ihre Generation prägt: das Smartphone.

Meine Kinder gehören zur sogenannten iGen. Gemeint sind die Jahrgänge

von 1995 bis 2012, die mit Smartphones und sozialen Medien

aufgewachsen sind. Wie genau die digita le Revolution die Adoleszenz

verändert, hat Psycho logie professorin Jean M. Twenge kürzlich in

einem viel diskutierten Artikel dargelegt. Sie bezieht sich auf Statistiken,

die in Amerika erhoben wurden. Aber die Veränderungen dürften jede

durch Smartphones geprägte Gesellschaft betreffen.

Heutigen Teenagern, beobachtet Twenge, geht es in einigen Hinsichten

besser als vorherigen Generationen. Etwa bauen sie weniger Autounfälle

oder haben weniger Probleme mit Rauchen und Alkohol. Dafür

gehe es ihnen psychisch schlecht, denn Depressions- und Suizidraten

unter Teens seien explodiert. Die Teenager der iGen sind abhängiger von

ihren Eltern als frühere Generationen, sie gehen weniger alleine aus

dem Haus, sie daten weniger, lernen später Autofahren, haben weniger

Ferienjobs. Sexuell sind sie ebenfalls weniger aktiv. Was sie mit ihrer Zeit

anfangen, liegt auf der Hand: Sie liegen alleine im Bett – mit dem Smartphone.

In einer Zeit, in der meine Generation sich nichts sehnlicher

wünschte, als mit anderen Teenagern die Köpfe zusammenzustecken,

steckt die iGen ihren Kopf ins Smartphone. Und es macht sie un glücklich:

Je mehr Zeit Teenager am Handy verbringen, desto weniger glücklich

sind sie. Das betrifft Mädchen noch stärker als Buben, weil diese auch

öfter Opfer von Cyberbullying sind.

Das sind schmerzliche Beobachtungen. Allerdings beleuchtet Autorin

Twenge nur eine Seite der Medaille. Wenn ich mich an meine Jugend

zurückerinnere, hat die digitale Re volution doch auch positive Seiten.

Wie verzweifelt hätte ich mir in den Achtzigerjahren so etwas wie Spotify

gewünscht, um jene Musik zu finden, die ich hören wollte. Stattdessen

harrte ich Stunden um Stunden am Radio aus, um im richtigen Moment

auf Rec zu drücken – dann nämlich, wenn mein Song endlich gespielt

wurde. Mein Sohn kann heute mit dem Smartphone gleich selber Hits

produzieren. Meine These ist deshalb: Bringt ein Kind ein stabiles

soziales Fundament mit und hat es kreative Interessen, dann ist das

Smartphone mehr Segen als Fluch.

Allerdings weiss ich, wie süchtig das ewige Surfen in sozialen Medien

machen kann. Ich weiss zudem, wie schwer es Kindern manchmal fällt,

auf das Smartphone zu verzichten und etwas anderes zu tun. Aber mit

etwas Nachdruck kriegt man das hin. Solange man nicht zu bequem ist,

zu inter venieren – weil man selber dauernd ins Handy starrt –, gibt es

auch für die iGen Hoffnung. Denn auch sie hat Anrecht auf ein hübsches

und helles Zimmer im Haus der Zukunft.

Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

64 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Do sier

Der 9-jährige Emilio

hat Autismus. Rituale

bestimmen sein

Leben. Mehrmals am

Tag geht er in den

Wäscheraum und

beobachtet die

drehenden Trommeln.

wischen Tütensu pen

und Trockenobst fa se

ich Mut. Fast eine halbe

Stunde bin ich durch

mich nicht zu ste len traute.

die D-d-d …»

Ich begi ne zu schwitzen.

Silbe hat.

die ich nicht brauche.

Leserbriefe

«Menschen mit Autismus

brauchen unsere Unterstützung»

«Herzlichen Dank!»

(Dossier «Autismus», Heft 8/2017)

Das andere Kind –

leben mit Autismus

Eine Störung für die einen, eine Wesensart für die anderen

und eine Herausforderung für alle. Das ist Autismus.

Jedes hundertste Kind in der Schweiz ist davon betroffen.

Was heisst das für das Kind? Was für seine Eltern?

Und vor a lem: Wer hilft?

Text: Sarah King Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo

10 August 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi August 2017 1

In der August-Ausgabe Ihres ElternMagazins ist ein Porträt über

das Leben von Emilio veröffentlicht worden. Emilio ist mein Sohn.

Leben mit Autismus ist unser Alltag. Frau King hat eine wunderbare

Arbeit geleistet. Die Bilder haben mich sehr berührt.

Ich freute mich auch über Ihre Videopräsentation. Sie ist ein

wichtiger Beitrag zur korrekten Information. Mehr Verständnis

bringt auch mehr Toleranz. Für Ihren Beitrag möchte ich mich

herzlich bedanken. Ich habe viele Feedbacks bekommen von Eltern

und Selbstbetroffenen, die schwierige Lebenskonditionen haben.

Durch einen korrekten Zugang zur Öffentlichkeit fühlen sich die

Leute nicht mehr alleine. Sie wissen, dass ihr Leiden nicht umsonst

ist, dass sich der tägliche Kampf mit Alltag, Umfeld, Schule und

Institutionen lohnt und dass sie nicht still in der Verzweiflung

untergehen müssen.

Gerne leistete ich mit den 30 erhaltenen Exemplaren Ihrer

August-Ausgabe Aufklärungsarbeit. Geschäfte, Schulen, Ärzte,

Nachbarschaft und Gemeinde haben grosses Interesse gezeigt.

Denn Emilios Verhalten löst viele Fragen aus. Bezahlen an der

Kasse ist eine hohe Hürde. Unerwartete Bewegungen der anderen

Kunden sind für Emilio eine Herausforderung, ebenso Licht oder

Lärm. Die Benutzung der öffentlichen Toiletten ist seit dem

Aufkommen der Hochdruck-Handtrockner eine Odyssee; das laute

Geräusch und der Druck sind für sensible Autisten unerträglich.

Auch Bank, Kino und Post haben viele Fragen gestellt.

Die Blindenschule Zollikofen hat eine neue Lernumgebung

geschaffen und unterrichtet seit August sieben autistische

Knaben. Die Beschulung von Kindern mit ASS ist schwierig. Es fehlt

an geeigneten Schulen, Lerntools, Assistenzlehrern, Weiterbildungen

und oft auch an Verständnis. Kinder mit ASS passen nirgends

hin. Sie überfordern sowohl das Sonderschulsystem wie auch

Regelschulen. Viele Kinder müssen mit ständigen Schulwechseln

leben. Durch den ständigen Wechsel wird die soziale Integration

gestört. Viele Kinder entwickeln Selbstmordgedanken. Eltern

fühlen sich hilflos. Demnächst führt die Blindenschule einen

Info-Anlass durch, an dem ich gerne das Heft verteilen würde.

Wäre es möglich, weitere 50 Exemplare zu erhalten?

«Eine Autismus-Strategie ist nötig»

(Dossier «Autismus», Heft 8/2017)

«Autismus deutsche schweiz», die grösste Non-Profit-Organisation

zum Thema Autismus in der Schweiz, bedankt sich für das

vielseitige Dossier mit den eindrücklichen Porträts von Betroffenen.

Sie zeigen, dass eine Autismus-Strategie für die Schweiz

dringend nötig ist, damit die vielen ungelösten Themen angepackt

werden und alle Beteiligten die nötige Unterstützung bekommen.

Frühkindliche und andere Therapien etwa müssen für alle

zugänglich sein und die Schulen in ihren Bestrebungen, Inklusion

möglich zu machen, besser unterstützt werden. Zum Glück gibt es

positive Beispiele dafür, wie dies gelingen kann, und engagierte

Personen, die dies ermöglichen. Leider finden diese aber nur

selten den Weg in die Medien. Dies ist bedauerlich, da gerade

solche positiven Beispiele als Modelllösungen für Betroffene in

ähnlichen Situationen dienen können.

Menschen mit Autismus brauchen unsere Unterstützung, damit

sie in ihrem «Anderssein» mit möglichst wenig Stress und viel

Verständnis von ihrem Umfeld leben können. Das ist uns allen klar.

Gute Ansätze müssen in der Öffentlichkeit bekannt werden, damit

sie möglichst zahlreiche Nachahmer finden.

Regula Buehler

Geschäftsleitung autismus deutsche schweiz (per Mail)

«Stottern muss nicht sein»

(«Mein Stottern und ich», Heft 8/2017)

Wir hatten selber einen stotternden Sohn. Als er sieben Jahre alt war,

besuchten wir für zwei Wochen das Del-Ferro-Institut in Amsterdam,

und danach flogen wir ein Jahr lang ein Mal im Monat nach Deutschland,

Iserlohn, zur Nachsorge. Heute ist unser Sohn dreizehn Jahre alt

und stottert nicht mehr. Es war eine sehr intensive und sehr harte

Zeit, doch es hat sich gelohnt, und wir würden es sofort wieder tun.

Stottern muss nicht sein: www.stottern-delferro.de.

Erziehung & Schule

MEIN

STOTTERN

UND ICH

Etwa 80 000 Menschen hierzulande sto tern, oft so schwer,

dass ihr A ltag leidet – und manchmal ihre Lebensplanung. Die

Autorin Vivian Pasquet kämpft, seit sie fünf Jahre alt ist, gegen

den drohenden Bruch in ihrem Redefluss. Hier erzählt sie ihre

Geschichte. Text: Vivian Pasquet Bilder: Olaf Blecker

Z

den Supermarkt gelaufen.

An a len Regalen mehrfach entlang,

selbst bei Küchenro len und

Klopapier habe ich nachgeschaut.

Mit einer Frage im Kopf, die ich

Schlie slich spreche ich eine Verkäuferin

an. «Entschuldigung», sage

Das Wort steckt fest, zwischen vor-

«Die D-d-d-d …– Äpfel?» Die Mitlage,

ich fü l eine Tüte mit Äpfeln,

den und habe versprochen, Da teln Als ich auf die Strasse trete, fühle

ich mich wie eine Versagerin.

Ingrid Del Fe ro angerufen. Als ich

16 Jahre alt war, hat die Sprechtrai-

einem D anfängt und mehr als eine

ich und atme tief ein. «Wo finde ich

stück anderthalb Stunden am Bühse

die Zunge gegen den Gaumen. >>>

derem Gaumen und Zungenspitze.

Ich bin zum Abende sen eingela-

im Speckmantel vorzubereiten. Jetzt

habe ich nicht Hummus vorgeschla-

verfluche ich mich dafür. Warum ZWEI TAGE ZUVOR habe ich

gen, Salat oder Wackelpudding?

Sto terzeit befreit. In der Grund-

Egal was, Hauptsache nichts, das mit

Ich schlie se die Augen und pres-

arbeiterin führt mich zur Obstaus-

nerin mich aus meiner schlimmsten

schule ha te ich in einem Theater-

nenrand gekauert und einen

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi August 2017 59

Bruna Rausa (per Mail)

Karin Kauth (per Mail)

66 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Weil sich ihr Sohn

nach der Scheidung

nicht um seine

Tochter kümmern

ko nte, nahmen

Ines und Edi Schmid

ihr Enkelkind

Siriwan in Pflege.

«Die Partnerin meines

Exmannes akzeptierte

mich nicht als Mutter»

(Dossier «Pflegefamilien»,

Heft 6 –7/2017)

In guten

Händen

In der Schweiz leben rund 15 000 Kinder in

Pflegefamilien und Heimen. Wer sind sie?

Warum wachsen sie nicht bei Vater und Mutter

auf? Und wie fühlt sich das an: Eltern auf Zeit?

Eine Spurensuche.

Text: Be tina Leinenbach Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo

10 Juni/Juli 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Vielen Dank für den spannenden Artikel zum Thema Pflegefamilien.

Ich bin sehr froh, dass wir heute die Möglichkeit haben,

Kindern, die Unterstützung benötigen, diese unter anderem auch

in Pflegefamilien anbieten zu können.

Im Informationsteil – «Wie werden wir Pflegeeltern?» – bin ich

allerdings auf einen Punkt gestossen, der mich nachdenklich

stimmt. Und ich gehe davon aus, dass ich da sicher nicht alleine

betroffen bin: Pflegeeltern akzeptieren, dass Pflegekinder ein

Recht auf Umgang mit ihren leiblichen Eltern haben, und sind

fähig, eine wertschätzende Haltung gegenüber der Herkunfts ­

familie des Kindes einzunehmen.

Seit der Scheidung von meinem Exmann vor mehr als drei

Jahren hat mich seine Partnerin nie als Mutter der gemeinsamen

Kinder (14 und 11) akzeptiert. Sie hat sehr viel negativen Einfluss

auf die Kinder, in der Schule auf die Lehrer und vor allem auf die

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Juni/Juli 2017 1

Kommunikation zwischen uns als Erziehungsberechtigte

ge nommen, sodass ich gezwungen war, die Mithilfe von Behörden

in Anspruch zu nehmen, um diesem Verhalten ein Ende zu setzen.

Die Partnerin ist Heilpädagogin und hat keine Kinder. Aber sollten

nicht genau diese Personen im Grunde die Fähigkeit besitzen, eine

wertschätzende Haltung gegenüber der Herkunftsfamilie der

Kinder einzunehmen? Im Schulalltag klappt das ja normalerweise

auch.

Seit mein Exmann und ich das aber zumindest erst mal

mündlich mit dem Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz

geklärt haben, verläuft die Sache um so vieles angenehmer, und

zwar für alle.

S. Ramseier (per Mail)

Schreiben Sie uns!

Ihre Meinung ist uns wichtig. Sie erreichen uns über:

leserbriefe@fritzundfraenzi.ch oder

Redaktion Fritz+Fränzi, Dufourstrasse 97, 8008 Zürich

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201767


Digital & Medial

«Wenn es

wehtut,

lache ich»

Rauswurf aus dem Chat, beleidigende und bedrohliche

Textnachrichten: Cybermobbing hinterlässt keine blauen

Flecken, richtet aber bei betroffenen Kindern und

Jugendlichen viel Leid an. So auch bei der 14-jährigen Laila*.

Sie lässt ihre Mutter Renata Weiss* beschreiben,

wie sehr Eltern mitleiden.

Aufgezeichnet: Sarah King Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo

68 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201769


Digital & Medial

Mein Mann und ich

haben uns oft

gefragt: Was hätten

wir besser

machen können?

Wir haben alles versucht: reden,

schweigen, konfrontieren, vermitteln.

Nichts nützte. Wir konnten als

Eltern nur gemeinsam mit Laila

durch diese Hölle gehen.

Die Anfänge

Es begann in der Unterstufe. Laila

lud eine Schulkollegin nach Hause

ein. Die beiden Mädchen verbrachten

einen schönen Nachmittag. Am

frühen Abend gingen sie ins Kinderturnen.

Da drehte sich die Kollegin

plötzlich um, kickte Laila mit

dem Fuss in den Bauch und

beschimpfte sie vor den anderen

Kindern.

Das kann doch nicht sein, dachte

ich. Sie war den ganzen Nachmittag

so lieb und dann plötzlich ein umgekehrter

Handschuh. Daraufhin nahmen

wir mit ihren Eltern Kontakt

auf. Sie verstanden diese plötzliche

Attacke ihrer Tochter nicht und

redeten mit ihr. Ich spürte den

Schmerz. Es tut weh, wenn das eigene

Kind geplagt wird.

Laila: Eigentlich begann das Mobbing

schon früher. Aus organisatorischen

Gründen kam ich in eine neue

Klasse. Ich fand den Anschluss nicht,

weil alle schon in ihren Gruppen

waren.

Ich schenkte dem keine Bedeutung.

Dass etwas nicht stimmte,

merkte ich erst, als Laila ihren

Geburtstag nicht mehr feiern wollte.

Sie wurde auch nie an Geburtstagsfeste

eingeladen. Als später mein

Mann als Begleitperson auf eine

Schulreise eingeladen wurde, realisierten

wir, wie sehr unsere Tochter

in der Schule litt. «Ich erkannte

unsere Tochter nicht wieder», sagte

er, «Laila war so still. Und wenn sie

etwas sagte, hörte niemand zu.» Laila

ist eigentlich ein lebhaftes Kind.

Eine Weile ging sie an Gespräche

mit der Schulsozialarbeiterin. Nicht

lange. «Das macht alles nur noch

schlimmer», sagte sie. «Die anderen

Kinder lästern über mich.» Die Lehrer

sagten, sie könnten nichts tun.

Laila tat dann etwas. Sie wehrte

sich. Eines Tages schlug sie zurück,

als sie geschlagen wurde. Eine Lehrerin

intervenierte: Sie liess die Klasse

einen Kreis bilden, setzte Laila in

die Mitte und sagte: «Ich kann dich

nicht schützen, wenn du anderen

wehtust.» Sie war so blossgestellt.

Von da an entwickelte Laila ein neues

Muster: «Wenn es wehtut, lache

ich.»

Laila: Ich entschied mich, in der

Schule die Starke zu sein. Bis in die

sechste Klasse graute mir davor, morgens

in die Schule zu gehen. Nachts

heulte ich mich in den Schlaf. Das

wollte ich nicht mehr.

Mobbing rund um die Uhr

Kam sie dann nach Hause, war sie

umso wütender und niedergeschlagener.

Das nahm zu, als die Klasse

auch im privaten Familienalltag präsenter

wurde. Zunehmend nutzte sie

die sozialen Medien, um Laila zu

mobben.

Laila: Whatsapp, Instagram,

Snapchat. Mit Snapchat kann man

ein Bild für 24 Stunden hochladen,

das für alle Follower sichtbar ist. Man

kann auch Bilder aus einem privaten

Chat schicken, die nach zehn Sekunden

automatisch gelöscht werden.

Eines Tages sassen wir bei uns im

Garten, da sagte Laila: «Du, Mami,

jetzt haben sie mich gerade aus dem

Klassenchat rausgeworfen.» Sie rief

das Mädchen an und fragte nach

dem Grund. Die Antwort war kurz

und klar: «Dich hassen alle, darum

habe ich dich rausgeworfen.» Die

Lehrerin sagte, das sei ausser- >>>

«Dass etwas nicht stimmte,

merkte ich erst,

als Laila ihren Geburtstag

nicht mehr feiern wollte.»

Laila ging nicht

mehr gern zur

Schule. Aber auch

zu Hause

erreichten sie die

Beschimpfungen.

Via Smartphone.

70 September 2017


71


«Ich bringe unsere Tochter

unter die Wölfe.

So fühlte ich mich.»

>>> halb der Schule, da könne sie

nichts tun. Ich blieb beharrlich. Für

mich ist ein Klassenchat nicht

ausserhalb der Schule. Also bildete

die Lehrerin erneut einen Kreis und

setzte das Mädchen in die Mitte.

Laila: Es nützte nichts. Danach

waren alle in der Klasse gegen mich.

Ich wusste nicht, was tun, also ging

ich auf die Toilette und weinte.

Das Mobbing nahm zu. Auf Instagram

wurden Vergleichsspiele

gemacht: Laila versus ein anderes

Mädchen. Man kann verschiedenes

ankreuzen: wer mehr Style, den

schöneren Body oder die schöneren

Augen hat. Die Kreuze wurden selten

auf Lailas Seite gesetzt. Das

sehen viele Leute. Mir drehte es fast

den Magen um.

Laila: Dieselben Spiele gibt es auch

zu anderen Themen: Charakter, zum

Beispiel. Es ist grausam (lacht).

Eines sonntagabends erhielt sie

einen Anruf von einem Mädchen.

«Hey, Laila, es ist mega schlimm!

Meine Eltern lassen sich scheiden.

Ich brauche dich.» Laila war schockiert

und bat uns um Hilfe.

«Schreib, dass du für sie da bist»,

sagte ich. Laila tat es. Kurz darauf

erhielt sie eine Nachricht: «Es war

ein Witz. Du bist so doof, dass du

darauf reinfällst.» Laila lachte.

Solche Witze gehörten zu unserem

Alltag. Einmal schickte ihr ein

Junge ein Bild von einem kaputten

Fuss und täuschte vor, er sei auf dem

Notfall. Ein anderes Mal erhielt sie

eine Drohnachricht: «Geh und

schmeiss dich vor den Zug.»

Das haben wir in der Schule

gemeldet. Der Schulsozialarbeiter

riet, zur Polizei zu gehen. Darauf

verzichteten wir. Wir leben in einem

Dorf. Da wird viel geredet. Wir wollten

zuerst abwarten, ob noch weitere

solche Nachrichten kommen. Das

war ein Fehler von uns. Es kamen

keine Drohungen mehr, aber der

Terror setzte sich dennoch fort. Einmal

fuhr ich Laila in die Geigenstunde.

Zwei Mädchen grüssten

Laila freundlich. Kaum war sie im

Gebäude verschwunden, lachten die

Mädchen über Laila. Ich bringe

unsere Tochter unter die Wölfe. So

fühlte ich mich.

Nichts mehr spüren

Diesen Frühling ereignete sich

etwas. Laila hatte sich in einen Jungen

verliebt. Wir freuten uns mit ihr.

Ein glückliches Kind ist etwas vom

Schönsten. Das Glück währte so lange,

bis der Junge eine Nachricht von

72 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

einem Mädchen aus der Klasse

erhielt.

Laila: «Was findest du an dieser

Schlampe schön? Wenn du dich weiter

mit ihr abgibst, rede ich nicht

mehr mit dir.» Auf dem Pausenhof

erhielt ich den Befehl, nicht in die

Nähe dieses Jungen zu gehen. Ich

durfte nicht zu ihm hinschauen und

nicht an ihn denken.

Sie hielt sich daran. Dem Frieden

zuliebe. Sie hielt den Frieden selbst

dann bei, als sie stolperte und sich

den Ellbogen aufschlug. Die anderen

Kinder lachten. Laila lachte mit.

Als sie nach Hause kam, sah ich

schon von Weitem, dass etwas nicht

stimmte. Sie kam strahlend zur Tür

herein. Am Arm klaffte ein grosses

Loch. Überall war Blut. Ich war entsetzt.

Laila: Der Lehrer hat es abgewischt

und ein Papier draufgetan. Ich spürte

gar nichts.

Beim Zahnarzt war es, wo Laila

schliesslich zusammenbrach und

nicht mehr aufhörte zu weinen.

Auch ich war am Ende mit meinem

Latein und ging zum Lehrer. Der

Lehrer fiel aus allen Wolken. Das

Ausmass des Mobbings war ihm

nicht bewusst. Er hatte seine Klasse

bisher immer als Traumklasse

betrachtet. Am nächsten Tag konfrontierte

er die Schüler: «Laila geht

es schlecht. Wer denkt, er habe etwas

damit zu tun, bleibt sitzen. Die anderen

können rausgehen.»

Laila: Drei gingen raus. Alle anderen

blieben sitzen. Drei oder vier

waren die Anführer, die anderen Mitläufer.

«Der Lehrer war der Meinung,

dass Laila viel zu lieb ist.

Ich glaube, die Sache wuchs

ihm über den Kopf.»

Sie äusserten ihren Unmut darüber,

immer über Laila reden zu müssen.

Sie erklärten, alles nur lustig und

nicht ernst gemeint zu haben. Am

nächsten Tag schon blockierten sie

Laila erneut auf dem Handy. In meiner

Verzweiflung redete ich einer

Mutter auf die Combox: Bitte hilf,

dass dieses Blockieren aufhört. Sie

rief nie zurück.

Der Lehrer war der Meinung,

dass Laila viel zu lieb ist. Ich >>>

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September 201773


«Kinder brauchen

ein Bewusstsein

dafür, was sie

bewirken»

Digitale Medien eignen sich

besonders für Mobbing, weiss

Mobbingexpertin Christelle

Schläpfer. Im Interview erklärt

sie, wie Lehrer, Eltern und Kinder

mit Cybermobbing umgehen

können.

Interview: Sarah King

Frau Schläpfer, Sie bieten Beratungen

und Fortbildungen zum Thema

Mobbing und Cybermobbing an.

Was ist der Unterschied?

Cybermobbing ist anonymer, was

die Hemmschwelle senkt. Im klassischen

Mobbing sehe ich, was meine

Handlung beim Gegenüber auslöst,

und bin deshalb empathischer. Dieser

Mechanismus fehlt hinter dem Bildschirm.

Cybermobbing macht es

zudem möglich, rund um die Uhr Hassnachrichten

weltweit zu verbreiten.

Das Opfer kann sich diesen nicht

entziehen – weder zu Hause noch mit

einem Schulwechsel.

Manchmal senden Jugendliche und

Kinder Morddrohungen per Whatsapp.

Wann machen sie sich strafbar?

Drohungen sind nach schweizerischem

Strafgesetz eine Straftat –

zum Beispiel eine Morddrohung oder

Anstiftung zum Selbstmord. Viele

Kinder und Jugendliche sind sich

nicht bewusst, wie früh sie sich auf

strafbarem Terrain bewegen. Sie verwenden

bisweilen eine grobe Sprache

in digitalen Medien. Ausdrücke wie

«hey Alter» oder «du Schlampe»

sind oft freundlich gemeint. Dienen

sie als Beschimpfung, bewegen wir

uns bereits im strafbaren Bereich.

Oft wähnen sich Jugendliche auch in

Sicherheit, weil sie minderjährig sind.

Tatsächlich aber sind sie ab zehnjährig

strafmündig und unterstehen dem

Jugendstrafgesetz.

Wie gehen Eltern am besten vor, wenn

ihr Kind Opfer von Cybermobbing

wird?

Manche Kinder sagen nichts, aus

Angst, die Eltern könnten überreagieren

– zum Beispiel mit den

Eltern des Täters oder mit dem

Täter selbst reden. Das stachelt die

Mobbingdynamik noch mehr an. Die

erste Anlaufstelle ist in der Regel

die Lehrperson. Manchmal reicht es

schon, wenn diese die Klasse über das

Strafgesetz aufklärt. Bei Drohungen

und Verleumdungen rate ich aber,

die Polizei einzuschalten. Vielleicht

genügt vorerst eine Beratung durch

den Jugenddienst. Wer sich dann für

eine Anzeige entschliesst, muss diese

innerhalb von drei Monaten machen.

Beweismaterial kann zum Beispiel mit

Printscreen gesichert werden. Was

aber unter Sexting läuft, wie Nacktfotos

oder Pornos, darf man nicht

sichern, sonst macht man sich selber

strafbar.

Ist die Lehrperson bei Cybermobbing

verantwortlich? Whatsapp-Nachrichten

werden ja auch ausserhalb der

Schule verschickt.

Cybermobbing geht meist von Mitschülern

aus. Es ist die Lehrperson,

die täglich mit ihnen arbeitet. Sie ist

die Einzige, die das Mobbing auflösen

kann – egal, ob die Kommunikation

über das Handy läuft oder im Flur

stattfindet. Beliebt ist dabei der No-

Blame-Approach: Nicht Schuldige

werden gesucht, sondern eine ausgewählte

Gruppe von Schülern erarbeitet

eine Lösung Richtung Wiedergutmachung

(Das Schweizer ElternMagazin

Fritz+Fränzi berichtete in seiner September-Ausgabe

2016). Viele Lehrer

arbeiten immer noch mit Schuldzuweisung

und Sanktionen. Dadurch wird

ein Kind jedoch nicht sozialkompetent.

Welche Auswirkungen hat Cybermobbing

auf die Opfer?

Jugendliche können daran zerbrechen.

Die Leistungen sinken, so auch der

Selbstwert. Manche werden depressiv

oder gar suizidal. Das Allerwichtigste

für Mobbingopfer ist: nie alleine

bleiben! Das Kind soll sich trauen, die

Eltern einzubeziehen. Auch Die Dargebotene

Hand oder Pro Juventute sind

Anlaufstellen. Ausserdem braucht das

Kind dringend psychologische Unterstützung.

Wie können Eltern ihre Kinder vor

Cybermobbing schützen?

Manche Eltern verbieten Whatsapp

und andere Plattformen. Das senkt

zwar das Risiko für Mobbing, verhindert

es aber nicht. Mobber tauschen

sich trotzdem untereinander

aus. Auch Handy ausschalten nützt

nichts. Kaum schaltet das Kind das

Handy wieder ein, sieht es die Nachrichten.

Manchmal raten Eltern ihren

Kindern, sich zu wehren, vielleicht gar

mit körperlicher Gewalt. Davon rate

ich dringend ab. Wird es erwischt, ist

es doppelt Opfer. Den besten Schutz

bietet Aufklärung. Kinder brauchen ein

Bewusstsein dafür, was sie bewirken.

Zur Person

Christelle Schläpfer arbeitete 14 Jahre

als Gymnasiallehrerin, bevor sie sich mit

ihrer Firma edufamily® im Bereich

Elternbildung und Lehrerfortbildung

selbständig machte. Sie führt eine

eigene Beratungspraxis in Winterthur.

www.edufamily.ch

74 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

>>> glaube, die Sache wuchs ihm

über den Kopf. Wir vereinbarten ein

Gespräch mit dem Schulpsychologen,

der Schulsozialarbeiterin und

mit Laila. Der Schulpsychologe leitete

das Gespräch.

Laila: Am Anfang sagte er: «Wenn

du nicht mehr magst, zeigst du ein

Füchslein. So erkennen wir, dass du

eine Pause brauchst.» Er behandelte

mich wie eine Sechsjährige.

Eine Stunde lang versuchte der

Psychologe herauszufinden, was

unsere Tochter wünscht. Dann

klopfte mein Mann auf den Tisch:

«Wir versuchen zu erklären, was in

dieser Klasse mit unserer Tochter

Schlimmes geschieht. Wir denken

darüber nach, die Schule zu wechseln.»

Dann müssten wir uns an den

Schulleiter wenden, sagten sie. Wir

standen auf und gingen. Wir wussten

weder ein noch aus. Laila ging es

zunehmend schlechter.

Laila: Ich hatte abgenommen, war

böse gegen die Familie und tickte

wegen Kleinigkeiten aus. Oft stellte

ich mir die Frage, ob jemandem auffallen

würde, wenn ich nicht mehr da

wäre. Ich wollte nicht mehr sein.

Ich rief die Kinderärztin an. Sie

schrieb Laila krank. Mir gab sie

Schritt für Schritt vor, was ich tun

musste: psychologische Betreuung

für Laila und mich organisieren, den

Schulleiter informieren, eine neue

Schule suchen. Laila ging in Begleitung

des Schulleiters ein letztes Mal

in die Klasse, um Adieu zu sagen.

Neue Wege gehen

Sie geht nun auf eine Privatschule.

Instagram ist gestrichen. Zwischen

12 und 18 Uhr schaltet sie Whatsapp

aus. Nachts ab 21 Uhr ist das Handy

im Flugmodus.

Was mich frustriert, ist, dass alle

über Mobbing sprechen, aber keiner

weiss, wie damit umzugehen ist. Das

zumindest ist unsere Erfahrung.

Ich wünsche mir, dass etwas

geschieht. Darum möchte ich diese

Geschichte erzählen. Lehrer, Eltern

und Kinder sollen für das Thema

sensibilisiert werden. Das Wichtigste

ist nun aber, dass Laila durch diese

Situation gestärkt wird und ohne

langfristige Verletzungen ihre Schulzeit

beenden kann.

Laila: Im Moment bin ich noch

wütend und enttäuscht. Ich kann mir

aber vorstellen, dass ich irgendwann

wieder glücklich und fähig bin, meinen

alten Schulkolleginnen wieder zu

begegnen.

>>>

* Pseudonym, Name der Redaktion

bekannt

Anzeige

In der Mai-Ausgabe 2017 berichtete

Das Schweizer ElternMagazin

Fritz+Fränzi in einem Extra-Dossier

über das Thema Cybermobbing.

Sarah King

Die Psychologin und Autorin war beeindruckt

von Lailas Mut, durch ihr Erzählen die Gewalt

offenzulegen, die sich hinter dem Begriff

Mobbing verbirgt. Denselben Mut wünscht

sie allen, die im Moment noch lächeln, obwohl

ihnen nach Weinen zumute ist.

«Instagram ist nun gestrichen.

Zwischen 12 und 18 Uhr

schaltet sie Whatsapp ab.»

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201775


Etwas mehr Geduld, bitte!

Viele Kinder sind schlechte Verlierer – und begeistert von Smartphone

und Co. Dabei spricht einiges dafür, dass der Mediengebrauch die

Frustrationstoleranz bei Kindern noch weiter senkt. Was Eltern in

der Medienerziehung beachten sollten. Text: Kathrin Blum

Bild: iStockphoto

76 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

Der elfjährige David

wischt wütend die

Spielsteine vom Feld,

wenn er das Brettspiel

nicht gewinnt;

seine zwei Jahre jüngere Schwester

Sophia hingegen rauscht aus dem

Zimmer und knallt die Türe zu. Viele

Kinder sind schlechte Verlierer.

Und manche Eltern lassen den

Nachwuchs lieber gewinnen, als

dass sie sich mit dem Frust ihrer

Söhne und Töchter auseinandersetzen

– egal ob es dabei um das Würfelspiel

geht oder darum, wie viel

Zeit sie ihrem Smartphone widmen.

Dabei spricht einiges dafür, dass

eine intensive Smartphonenutzung

die Frustrationstoleranz von Kindern

und Jugendlichen senkt. Und

sie dadurch zu noch schlechteren

Verlierern werden.

Etienne Bütikofer wollte, dass seine

drei Kinder schon früh lernen,

mit Enttäuschungen umzugehen,

und ihre Frustrationstoleranz trainieren.

Deshalb hat der Dozent und

Medienpädagoge an der Pädagogischen

Hochschule in Bern sie nie

einfach gewinnen lassen. Genauso

hält er es für wichtig, dass die Kinder

lernen, Siege zu verkraften und nicht

überheblich werden, wenn sie ge ­

winnen.

Anzeige

Die Kinder verlernen, das

Verlieren auszuhalten –

und sich anzustrengen, um

etwas zu erreichen.

takt zu sein, oder darum, rund um

die Uhr Filme und Musik zu streamen:

«Mit dem Smartphone können

alle Bedürfnisse ganz schnell und

mit minimalem Aufwand befriedigt

werden», sagt Sara Signer. Die promovierte

wissenschaftliche Mitarbeiterin

für Medienbildung an der

Pädagogischen Hochschule Zürich

glaubt, dass die Kinder dadurch verlernen,

geduldig zu sein.

Das gezielte Warten zu trainieren,

hält Signer für äusserst wichtig, auch

wenn es für die Eltern herausfordernd

sei. «Ich provoziere das Warten

immer wieder», erklärt Signer,

die eine sechsjährige Tochter hat.

Dazu gehört für sie auch, dass Eltern

nicht alles stehen und liegen lassen,

wenn das Mobiltelefon bimmelt

oder piepst. «Viele unterbrechen

Gespräche oder ihr Tun und springen

sofort auf, wenn sich das Smartphone

meldet», beobachtet Signer.

Den meisten Erwachsenen sei nicht

bewusst, was sie ihren Kindern

damit vorleben. «Da steckt selten

eine böse Absicht dahinter, vielmehr

ist es doch so, dass auch viele Er ­

wachsene mit dem Smartphone

überfordert sind», sagt Signer.

Bütikofer hält den Eltern zugute:

«Als sie selbst Kinder waren, gab es

das noch nicht, sie haben das nicht

gelernt und müssen sich da selbst

erst einfinden.» Und er emp­ >>>

Kinder verlernen, geduldig zu sein

Bei Kindern, die heute aufwachsen,

ist der Spielpartner häufig virtuell,

die Spielkarten das Display. Das

sogenannte Gamen per Handy setzt

viele (Spiel-)Regeln ausser Kraft:

Wer verloren hat, klickt oder wischt

einmal und fängt einfach von vorne

an. «Es gab noch nie zuvor Spiele,

bei denen man so schnell auf null

zurückgehen konnte», sagt Etienne

Bütikofer. Dadurch verlernten Kinder,

das Verlieren auszuhalten – und

sich anzustrengen, um etwas zu

erreichen.

Nicht nur das Gamen trägt dazu

bei, die Frustrationstoleranz zu senken.

Ob es darum geht, immer und

überall mit den Freunden in Kon­

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi September 2017

Balance-Akt

Psychologische Beratung

für Kinder, Jugendliche und

Eltern am IAP

zhaw.ch/iap


Digital & Medial

Tipps für Eltern

• Vorbild sein und nicht selber ständig

am Smartphone kleben.

• Smartphoneregeln aufstellen, zum

Beispiel: Am Esstisch und nachts im

Kinder-/Jugendzimmer haben die

Geräte nichts verloren.

• Smartphonezeiten festlegen: Sara

Signer empfiehlt, dass Jugendliche

allerhöchstens die Hälfte der freien Zeit

ausserhalb der Schule mit Medien

verbringen – und in der anderen Zeit

mit Bewegung an der frischen Luft

einen Ausgleich schaffen sollten.

• Primarschulkinder sollten auf keinen

Fall mehr als 20 Minuten pro Tag am

Smartphone hängen.

• Kinder beobachten: Wie nutzen sie das

Smartphone und wie geht es ihnen

dabei? Ist das mobile Gerät Stoppuhr

beim Joggen oder Metronom beim

Klavierüben? Oder geht es einfach nur

um (sinnlose) Game-Apps?

• So spät wie möglich ein eigenes Gerät

für die Kinder anschaffen, frühestens

am Ende der Primarschulzeit, besser

erst ab 13, 14 Jahren.

• Eingreifen, wenn das Gefühl entsteht,

dass das Smartphone Aktivitäten wie

Sport, das Üben eines Instruments

oder Hobbys mit Freunden verdrängt.

• Das Smartphone sollte nie dazu

genutzt werden, ein Kind

ruhigzustellen, damit man selber seine

Ruhe hat.

• Das Warten und das Verlieren gezielt

mit Kindern trainieren – in der realen

Welt.

>>> fiehlt Eltern den Selbstversuch.

Seiner Meinung nach sollten

sie sich selbst ein paar Spiele herunterladen,

sie ausprobieren und sich

möglicherweise selbst dabei ertappen,

wie schwer man davon loskommt.

Das schadet langfristig

Unabhängig von den eigenen Erfahren

sollten Mütter und Väter ihre

Kinder beim Umgang mit dem

Smartphone genau beobachten, rät

Lehrer und Autor Philippe Wampfler.

Eltern sollten sich fragen: Was

passiert da, wie reagiert das Kind,

wenn es am Gerät sitzt? Und wenn

sie das Gefühl haben, dass die Kinder

auch eine halbe oder ganze Stunde

nach der Smartphonezeit noch

gereizt sind (weil sie zurück in die

virtuelle Welt möchten), sollten

Die Frustrationstoleranz muss

genauso trainiert werden

wie die Sprungkraft, um Hürden

überwinden zu können.

Mütter und Väter das Gespräch

suchen und den Kindern erklären:

«Das schadet euch langfristig!» Die

intensive Nutzung falle häufig mit

der Pubertät zusammen, deshalb sei

in vielen Fällen schwer zu sagen, ob

Entwicklungen und Verhaltensmuster

hormonell beeinflusst oder dem

Smartphone zuzuschreiben seien.

Wampfler glaubt: «Das Smartphone

kann etwas verstärken, das es

ohnehin schon gibt, aber reiner Auslöser

ist es wahrscheinlich selten.»

Mit Verweis auf eine Studie von Jon

D. Elhai aus dem vergangenen Jahr

erklärt Wampfler: «Ich gehe davon

aus, dass eine tiefe Frustrationstoleranz

zu einer intensiveren Smartphonenutzung

führt, sie umgekehrt

aber davon auch verstärkt wird.»

Zudem könne intensive Smartphonenutzung

eine Reihe psychischer

Probleme verstärken.

Klare Regeln einführen

Kindern die mobilen Geräte deshalb

komplett vorzuenthalten, hält

Wampfler jedoch für realitätsfern.

Er fordert allerdings klare Regeln:

«Die Smartphonenutzung muss

geübt und dosiert eingesetzt werden.»

Bütikofer findet es in diesem

Zusammenhang wichtig, dass «die

Absprachen auf Vertrauen basie-

ren». Einfach nur den Stecker zu

ziehen, also das WLAN zu blockieren,

hält er für eine Bankrotterklärung.

«Sprechen Sie mit Ihren Töchtern

und Söhnen von klein auf über

die Gefahren und das Suchtpotenzial

– und darüber, wie wichtig eine

hohe Frustrationstoleranz ist.» Letztere

müsse genauso trainiert werden

wie die Sprungkraft. Nur wer übe,

könne die Fähigkeit entwickeln,

Hürden zu überwinden. Und diese

Hürden wüchsen im Laufe des

Lebens.

Die Frustrationstoleranz sinkt

Genau diese Hürden werden es sein,

die Mädchen und Jungen dazu zwingen,

Frust, Enttäuschungen und

Rückschläge auszuhalten – in der

Schule, im Arbeitsleben, in Beziehungen.

Deshalb glaubt Sara Signer

auch nicht, dass eine dem Smartphone

geschuldete niedrigere Frustrationstoleranz

für ganze Generationen

in der Katastrophe endet. Die

Gesellschaft werde die Jugendlichen

dazu zwingen, sich zu integrieren,

glaubt Signer. Nur könnte das für

viele ein schmerzhafter und anstrengender

Prozess sein. Und daran sei

das Smartphone nicht unschuldig.

Einige Hirnforscher sind der

Überzeugung, dass Teile unseres

78 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Gehirns, die nicht genutzt und

gefordert werden, verkümmern. Der

Ulmer Professor Manfred Spitzer ist

einer der Experten, die befürchten,

dass ex zessive Smartphonenutzung

genau dazu führt. Müssen Jugendliche

also nicht lernen, Frust oder

Niederlagen zu verarbeiten und sich

selbst zu regulieren, sinkt die

Frustrations toleranz. Lutz Jäncke,

Professor für Neuropsychologie an

der Universität Zürich, erklärt, dass

man das an der Grösse des Frontalkortex

sogar se hen könne.

Die einen verteufeln das Smartphone,

manche warnen davor und

wieder andere sehen überhaupt keinen

Zusammenhang zwischen dem

Taschencomputer und einer sinkenden

Frustrationstoleranz. Ein Wissenschaftler,

der namentlich nicht

genannt werden möchte, meint dazu

etwa: «Warum sollte mangelnde

Frustrationstoleranz ausgerechnet

ein Problem von digitalen Medien

sein? Man könnte genauso gut argumentieren,

dass die permanente

Verfügbarkeit von Nahrung die

Frustrationstoleranz von Kindern

senkt, weil sie nicht mit der Enttäuschung

leben lernen, dass Papa heute

kein Mammut mit nach Hause

gebracht hat.»

>>>

Kathrin Blum

Die Journalistin war als Kind eine ganz

schlechte Verliererin und beobachtet

gespannt, wie sich die Frustrationstoleranz

bei ihren Töchtern entwickelt.

Das Smartphone sollte nie

dazu genutzt werden,

ein Kind ruhigzustellen, damit

man selber seine Ruhe hat.

Warum sind Online-Games auf dem

Smartphone so beliebt?

Vier mögliche Antworten von Medienpädagoge

Etienne Bütikofer:

• Mode und Gruppendruck, «alle machen es».

• Eltern nehmen sich zu wenig Zeit für die Kinder,

bieten ihnen keine Alternativen an und sind

teilweise froh, dass die Kinder beschäftigt sind

und nicht über Langeweile klagen.

• Keine oder nur wenige Geschwister und damit

weniger potenzielle Spielpartner.

• Verinselung der Freizeit, zu wenig freies Spiel.

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IN 25 BERUFEN


Digital & Medial

Sicher im Netz

Spielen, Videos schauen, im Internet surfen – dies

sind oft die ersten Tätigkeiten, mit denen sich Kinder

und Jugendliche ihre Online-Welten erschliessen.

Doch welche Inhalte im Netz sind wirklich

kindgerecht? Ein Überblick. Text: Michael In Albon

Was Kinder bei

ihren ersten

Schritten im

Netz erleben,

stellt die Weichen

für ihre Medienkompetenz.

Damit verbunden ist auch der

Umgang mit Risiken. Deshalb sollten

Eltern ihre Kinder beim Aufwachsen

mit digitalen Medien von

Anfang an begleiten.

Suchen und Lernen machen Spass

Das Internet ist voller Informationen.

Leider sind diese oft widersprüchlich

und nicht kindgerecht.

Hinzu kommt: Google zeigt bei einigen

beliebten Suchbegriffen von

Kindern belastende Inhalte und Bilder.

Auch Wikipedia enthält ungeeignete

Darstellungen für Kinder,

zum Beispiel bei Sexualthemen. Eine

altersgerechte Alternative sind Suchmaschinen

für Kinder: fragfinn.ch,

blinde-kuh.ch oder helles-koepfchen.ch.

Und klexikon.ch ist ein

gutes Kinderlexikon.

Bilder und Videos anschauen und

produzieren

Beiträge auf Youtube sind unterhaltsam,

erklären Sachverhalte eingängig

und unterstützen zum Teil auch

Lernprozesse. Sie können Kinder

aber auch dazu verführen, immer

weiter zu schauen, sie gar ängstigen

oder negativ beeinflussen. Filtern Sie

deshalb bei Youtube Videos mit einer

Inhaltswarnung aus. Im Browser:

Sicherer Modus (am unteren Seitenrand)

> An > Speichern. In Apps:

Einstellungen > Allgemein > Sicherer

Modus > Einschalten.

Bedenken Sie aber: Ein hundertprozentiger

Schutz ist auch das

nicht. Lassen Sie Ihr Kind Youtube

nicht allein nutzen. Zeigen Sie ihm,

worauf es achten kann und soll, um

gute Seiten von schlechten Seiten zu

unterscheiden. Dabei hilft Ihnen

auch die Swisscom-Checkliste: Sie

finden sie, wenn Sie im Suchfeld

«Swisscom gute Seiten schlechte Seiten»

eingeben.

Noch mehr Spass macht es

zudem, wenn Ihr Kind selbst kreativ

wird und eigene Filme und Fotos

erstellt und hochlädt. Wie’s geht,

lernt Ihr Kind auf redaktionell

betreuten Seiten – auf juki.de

(Videos) und knipsclub.de (Fotos)

zum Beispiel.

App-Spiele für die Kleinen

Apps sind unterhaltsam und oft kostenlos

– zunächst. Denn viele Spiele

ziehen den Spielern durch In- App-

Käufe schon bald das Geld aus der

Tasche. Man erhält dafür aber lediglich

virtuelle und keine bleibenden

Güter. Gute Filme und Serien für

Kinder ab vier zeigt die ZDFtivi-Mediathek.

Ebenfalls Geschichten und

Spiele für Kinder bietet «Unser Sandmännchen»:

mit dem Sandmann

Fussball spielen, eine Geschichte

anhören oder eine Folge sehen. Und

auf «Die Maus» kann Ihr Kind interaktiv

die Maus-Welt entdecken. Als

Eltern erhalten Sie auf app-tipps.net

Bild: jandrielombard

zudem Monat für Monat App-Empfehlungen.

Internet im Fernsehen

Seit Kurzem ist «Funk» am Start –

ZDF und ARD versuchen damit,

Menschen zwischen 14 und 29 abzuholen.

Vierzig junge sogenannte

«Creators» produzieren Videos und

Audiobeiträge für die sozialen Netzwerke

– massgeschneidert für Instagram,

Snapchat, Youtube und

Facebook. Gebündelt werden die

Inhalte auf einer eigenen Website

und in einer App. Für Eltern ist es

eine wunderbare Gelegenheit, in die

Welt von Jugendlichen einzutauchen.

Und es bietet Ihnen Themen

für eine Diskussion mit Ihrem Kind.

Michael In Albon

ist Beauftragter Jugendmedienschutz

und Experte Medienkompetenz von

Swisscom.

Auf Medienstark finden Sie Tipps und interaktive

Lernmodule für den kompetenten Umgang mit

digitalen Medien im Familienalltag.

swisscom.ch/medienstark

80 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Über 2’073’000 Personen lesen uns

wegen den erlebnisreichen Ausflugstipps.

Und Sie?

Die Schweiz liest das Migros Magazin. Lesen Sie mit!

Mehr als drei Millionen Leserinnen und Leser freuen sich jede

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Unterhaltung – mit allem Wissenswerten rund um Menschen,

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Für alle, die mitreden wollen.


Ernährung & Gesundheit

Waschen schützt vor Pickeln?

Schön wärs!

Fast alle Jugendlichen sind in der Pubertät von Akne betroffen. Während die einen

nur ein paar Mitesser auf der Nase haben, leiden andere an entzündlichen

Pusteln und Papeln, die Narben hinterlassen können. Der Akne-Spezialist

Severin Läuchli erklärt, was dagegen hilft. Interview: Susanna Steimer Miller

Illustration: iStockphoto

82 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Herr Läuchli, warum leiden vor allem

Jugendliche an Akne?

Für die Hautkrankheit sind zwei

Vorgänge im Körper verantwortlich.

Einerseits führt die steigende Produktion

von Sexualhormonen in der

Pubertät dazu, dass die Haut mehr

Talg herstellt. Talg ist wichtig, denn

diese fettreiche Substanz bildet einen

Film über der Haut und schützt sie

vor äusseren Einflüssen. Anderseits

neigen manche Menschen zur Bildung

von sogenannten Hornzellen

im Kanal der Talgdrüsen, die den

Talg nicht abfliessen lassen. In der

Folge verstopfen die Poren und es

entstehen Mitesser, die sich entzünden

können.

In der Werbung wird immer wieder von

Hautunreinheiten gesprochen. Ist

Akne die Folge mangelnder Hygiene?

Nein, keinesfalls. Die schwarze

Farbe der Mitesser kommt vom

Hautfarbstoff Melanin und von einer

Verfärbung des Talg-Hornpfropfes.

Sie hat also nichts mit Schmutz zu

tun. Jugendliche können Akne nicht

«Wenn beide Eltern

von Akne betroffen

waren, hat auch ihr

Kind ein erhöhtes

Risiko.»

durch häufige Hautreinigung verhindern.

Es reicht aus, wenn sie ihre

Haut einmal pro Tag mit einer Reinigungslotion

oder synthetischer

Seife waschen.

Welche Faktoren sind entscheidend

für die Entstehung von Akne?

Fast alle Mädchen und Jungen haben

in der Pubertät Mitesser oder Pickel.

Das Ausmass der Hornzellenbildung

und der Talgdrüsenaktivität wird

von den Genen gesteuert. Wenn beide

Elternteile in der Jugend von

Akne betroffen waren, hat auch ihr

Kind ein erhöhtes Risiko für diese

Hauterkrankung.

Manche Jugendliche versuchen sich

vor Akne zu schützen, indem sie zum

Beispiel auf Schokolade verzichten.

Bringt das tatsächlich etwas?

Über den Einfluss der Ernährung auf

die Akne wird viel spekuliert. Wir

wissen, dass eine Ernährung mit vielen

einfachen Kohlenhydraten und

grossen Mengen an Milchprodukten

die Entstehung von Akne be - >>>

Life-Domains

in Balance ?

Dies sind zuge lassene Arznei -

Selbsttest: Wie steht es um

mittel. Lassen Sie sich von einer

Fachperson beraten und lesen Sie

Ihre Life-Domain-Balance ?

die Packungs beilagen. Max Zeller

Söhne AG, 8590 Romanshorn

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi September 201783

www.zellerag.ch

www.zellerag.ch/a4

Natürlich aus

der Schweiz.


Ernährung & Gesundheit

>>> günstigen kann. Wissenschaftlich

nicht erwiesen ist hingegen der

Einfluss einzelner Nahrungsmittel

auf die Haut. Jugendliche müssen

also nicht auf Schokolade, Nüsse

oder Salami verzichten. Sinnvoll ist

aber sicher ein massvoller Konsum.

Wo bildet sich Akne?

Am häufigsten an Stirn, Nase, Kinn

sowie am V-förmigen Brust- und

Rückenausschnitt. Hier sind besonders

viele Talgdrüsen vorhanden.

Was kann Akne begünstigen?

Viele Jugendlichen versuchen, ihre

Pickel und Mitesser auszudrücken.

Das fördert die Entzündung des

umliegenden Hautgewebes, verzögert

die Abheilung und erhöht das

Risiko für Narben. Heute wissen wir

auch, dass bestimmte Medikamente,

wie zum Beispiel Kortison, hochdosierte

Vitamin-B-Präparate und

Anabolika Akne fördern. Auch stark

fettende Hautpflegeprodukte und

Rauchen begünstigen Akne.

«Die Produkte

entfernen beim

Abstreifen Haut.

Sie können die

Haut irritieren. Ich

rate davon ab.»

Blackhead-Strips sind bei jungen

Mädchen im Trend. Was halten Sie von

diesen Produkten, die Mitesser ausreissen

und porentiefe Reinigung

versprechen?

Die Produkte entfernen nicht nur die

oberste Schicht von Mitessern, sondern

beim Abstreifen auch zusätzliche

Haut. Sie können die Haut

irritieren. Zudem bilden sich die

Mitesser sofort wieder. Ich rate also

davon ab.

Was hilft denn bei Mitessern?

Sowohl bei den offenen Mitessern,

die man am dunklen Hornpfropf

erkennt, als auch bei den geschlossenen,

die sich als kleine, hautfarbene

Erhebungen manifestieren, helfen

Cremes und Gels mit Vitamin-

A-Säure, bei weniger ausgeprägten

Fällen ist auch Salicylsäure hilfreich.

«Antibiotika helfen

bei entzündlichen

Formen der Akne,

dürfen aber nur

eine begrenzte Zeit

eingesetzt werden.»

Wie behandelt man Akne, wenn mit

Eiter gefüllte Bläschen oder kleine

Knötchen auftreten?

Die in der Apotheke frei verkäuflichen

Cremes oder Gels mit Benzoylperoxid

wirken antibakteriell und

entzündungshemmend, helfen alleine

allerdings nur bei leichten Akne-

Formen. Bei Pusteln und Papeln

empfehlen wir eine Behandlung mit

Vitamin-A-Säure, auch Retinoid

genannt, welche leicht schälend

wirkt. Diese kann für schwerere Formen

auch gut mit Benzoylperoxid

oder einem Antibiotikum kombiniert

werden.

Und ansonsten?

Bei der schwersten Form von Akne,

bei der es zu ausgedehnten entzündlichen

Veränderungen mit grossen

Pusteln und zum Teil schmerzhaften

Knoten kommt, setzen wir meist den

Wirkstoff Isotretinoin ein – insbesondere,

wenn wir die Entwicklung

von Narben befürchten. Mädchen

dürfen aber während der Behandlung

auf keinen Fall schwanger

werden, weil die Substanz das Ungeborene

schädigt. Manchmal verschreiben

wir auch Antibiotika zum

Einnehmen. Diese wirken bei entzündlichen

Formen der Akne, dürfen

aber nur über einen begrenzten

Zeitraum eingesetzt werden, weil die

Bakterien bei längerer Anwendung

resistent werden können.

Was müssen Jugendliche bei der

äusserlichen Behandlung der Haut

beachten?

Wichtig ist, dass sie nicht nur die

Pickel damit eincremen, sondern alle

Hautstellen, an denen keine neue

Akne entstehen soll. Die Behandlung

braucht ein bisschen Geduld. Erste

Erfolge sieht man frühestens nach

vier Wochen. Vitamin-A-Säure-Präparate

bewirken, dass sich die Haut

schält und Schuppen bildet. Dadurch

können sich weniger Hornzellen bilden

und der Talg kann besser abfliessen.

Am Anfang einer Behandlung

sind Hautreizungen möglich. Es ist

wichtig, dass die Haut jetzt nicht

noch mehr durch Peelings oder Sonnenbestrahlung

gereizt wird.

Kann die Antibabypille bei Akne

helfen?

Ja, vor allem Präparate, die die Produktion

männlicher Hormone reduzieren.

Dadurch wird die Talgproduktion

gedrosselt. Oft tritt die Akne

dann aber wieder auf, wenn man die

Pille absetzen will.

>>>

Zur Person

Severin Läuchli, Dr. med., ist Privatdozent

und Oberarzt an der Dermatologischen

Klinik des Universitätsspitals Zürich.

Susanna

Steimer Miller

ist Chefredaktorin des Elternratgebers

«Baby & Kleinkind» und schreibt als Autorin

über Gesundheits- und Ernährungsthemen.

84 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Tipps bei Akne

Jugendliche, die an Mitessern und Pickeln leiden, sollten:

• ihre Haut nicht mit zu fettigen

Präparaten pflegen oder mit

pudrigen Kosmetika abdecken,

weil diese die Poren zusätzlich

verstopfen können, was Akne

fördert.

• ihre Haut einmal pro Tag sanft

mit einer Reinigungslotion

oder synthetischer Seife

waschen.

• auf Blackhead-Masken oder

Strips verzichten, weil sie die

Haut irritieren und die

Talgproduktion sogar

ankurbeln können.

• keine Sonnenschutzmittel

verwenden, die fetten. Besser

sind Gels mit dem Hinweis

«nicht komedogen». Ein

mässiges Sonnenbad kann die

Akne etwas verbessern.

• nicht an den Mitessern und

Pickeln herumdrücken, weil

sich dadurch die umliegende

Haut entzünden und sich

Narben bilden können.

Mitesser und Pickel sollten nur

von einer entsprechend

ausgebildeten Kosmetikerin

entfernt werden.

• aufs Rauchen verzichten.

• einen Hautarzt aufsuchen,

denn fast jede Akne lässt sich

behandeln. Die Beseitigung

von Aknenarben ist hingegen

schwierig.

So vielfältig ist

gluten- und laktosefrei.

Empfohlen durch

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September 201785


Unser Wochenende …

in Arosa

Hörnlihütte

Weisshorngipfel

Carmennahütte

Hörnliexpress

Ochsenalp

Erleben …

Prätschli

Weisshorn

Mittelstation

Scheidegg

Hotel Hohenfels

Sunstar Alpine Hotel

Prätschseen

Arosa

Litzirüti

Stausee

Isel

… Entdecken Sie Arosa auf dem Trottinett. Es gibt mehrere

Möglichkeiten für eine Tour, welche sowohl Kinder als auch

Eltern begeistert. Zum Beispiel von der Weisshorn-Mittelstation

aus über den Arlenwaldweg zurück ins Dorf. Oder via

Stausee Isel hinunter nach Litzirüti und mit der Rhätischen

Bahn zurück nach Arosa. Eine Trotti-Fahrt lässt sich auch mit

einer Wanderung verbinden: etwa ab dem Prätschli über den

Rot Tritt oder die Scheidegg zur Ochsenalp. Dort mieten Sie

sich ein «Trotti Taxi» für die Rückfahrt.

Trottinett-Miete bei Luzi Sport beim Bahnhof. 1 Trottinett inkl.

Helm: 18 Franken. Kinder unter 12 Jahren nur in Begleitung

Erwachsener. Weisshornbahn und RhB sind mir der Arosa Card

kostenlos. Ochsenalp-Trotti: Miete inkl. Helm (obligatorisch) für

eine Fahrt nach Arosa: Erwachsene und Kinder je 10 Franken,

ohne Restaurant-Konsumation je 16 Franken. Kinder unter

14 Jahren nur in Begleitung Erwachsener. arosa.ch/trottinett

… Auf den Themenwegen in und um Arosa werden Wandern

und Lernen spielerisch miteinander verbunden, zum Beispiel

auf dem Eichhörnliweg. Lesen Sie Ihren Kindern auf dem Weg

das wanderbare Bilderbuch «Mensch sein macht müde» vor

oder lösen Sie die Rätselaufgaben. Entlang des Glücksstein-

Trails können Sie Spannendes über Gesteine und Pflanzen

lernen. Der Naturkundeweg Isel bringt Ihnen die botanische

und geologische Vielfalt der Region näher. Anschliessend

locken im Welschtobel zahlreiche Feuerstellen zum Picknick.

arosa.ch/themenwege

Geniessen …

… Möchten Sie den Tag mit einer guten Stärkung beginnen?

Dann fahren Sie mit der Luftseilbahn von der Talstation in

Arosa auf den Weisshorngipfel auf 2653 m ü. M. und lassen

Sie es sich bei einem reichhaltigen Gipfel-Zmorga gut gehen.

Das 360°-Panorama-Restaurant bietet Ihnen eine atemberaubende

Aussicht. Falls Sie die frisch zugeführte Energie gleich

wieder einsetzen wollen, führt Sie eine leichte Höhenwanderung

in knapp zwei Stunden zur Hörnlihütte (2511 m ü. M.).

Mit dem Hörnliexpress erreichen Sie dann wieder Arosa.

Oder Sie wandern vom Weisshorn auf mittelschwerem Weg via

Carmennahütte ganz hinunter nach Innerarosa.

Weisshorngipfel, sonntags, bei jeder Witterung, bis 22. Oktober

2017. Bergfahrt aufs Weisshorn ab 9 Uhr, Gipfel-Zmorga von

9.20 bis 11 Uhr. Reservation bis 17 Uhr am Vortag. Kosten:

Erwachsene 28, Jugendliche (ab 13) 18, Kinder bis 12 Jahre 13,

bis 5 Jahre pro Altersjahr 1 Franken. Bahnfahrt gratis mit Arosa

Card. arosabergbahnen.com/experience/events

… Sind die Beine von den vielen Erkundungen schon schwer

und Sie möchten noch weitere Entdeckungen rund um Arosa

machen, könnte eine Pferdekutschenfahrt die Lösung sein.

Mit dem Zweispänner gehts gemütlich durch das Dorf und die

umliegenden Wälder.

Auskünfte zu den Pferdekutschen erhalten Sie beim Standplatz

am Bahnhof. Auch Reservationen können Sie da

vornehmen. Die Fahrten kosten zwischen 100 und 150 Franken

pro Stunde. Ab 18 Uhr wird ein Zuschlag von 25 Prozent

erhoben. Wartezeit kostet 50 Franken pro Stunde. arosa.ch/

rundumspferd > Pferdekutschen

Übernachten …

… An ruhiger Lage am Waldrand nahe dem Dorfzentrum

befindet sich das Sunstar Alpine Hotel (4 Sterne). Von hier

86 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Service

Unterwegs von der

Scheidegg Richtung

Oberer Prätschsee,

Blick vom

Weisshorngipfel, auf

dem Eichhörnliweg.

Bilder: Arosa Tourismus / Nina Mattli

haben Sie Ausblick auf die Berge und den Untersee. Bei der

Familienpauschale übernachten die Kinder (maximal zwei) bis

15 Jahre im Zusatzbett im Komfortzimmer der Eltern gratis.

Weiter in der Pauschale inbegriffen: Getränke aus der Minibar,

WLAN im gesamten Hotel, Benützung von Hallenbad (20 x

8 m), Sauna, Dampfbad und Fitness-Center.

Sunstar Alpine Hotel Arosa, Seewaldweg. Preisbeispiel für drei

Nächte, zwei Erwachsene mit zwei Kindern im Doppelzimmer:

999 Franken inkl. Frühstücksbuffet und 5-Gang- Wahlmenü am

Abend für die ganze Familie. Die Familienpauschale ist bis

22. Oktober 2017 gültig. parkhotel-arosa.sunstar.ch > Arosa >

Familienferien in Arosa

… Für Familien gut geeignet ist das Hotel Hohenfels

(3 Sterne). Es liegt zentral, und die verschiedenen Kombinationen

der Familienzimmer mit 3 bis 6 Betten wie auch das

Kinderspielzimmer sind ganz auf die Bedürfnisse der Eltern

und der Kinder ausgerichtet. Alle Zimmer im familiären

Ambiente haben Bad oder Dusche/WC, TV, Telefon und gratis

WLAN. Sie haben die Möglichkeit, Kleider zu waschen und zu

trocknen. Und Eltern steht die Sauna zur Verfügung.

Hotel Hohenfels, Poststrasse. Preisbeispiel für drei Nächte,

Eltern mit zwei Kindern, 10 und 14 Jahre alt: 1089 Franken inkl.

Halbpension; für die Eltern immer ein Doppelbett und für die

Kinder Kajüten-, Zusatz- oder Kinderbetten. Die Familienpauschale

ist in der Sommersaison 2017 gültig (bis 24. September).

hohenfels.ch/sommer/pauschalen

Gut zu wissen …

… In Arosa profitieren Übernachtungsgäste vom kostenlosen

All-inclusive-Angebot. Mit der Arosa Card sind die Arosa

Bergbahnen, die Rhätische Bahn zwischen Arosa und

Lüen-Castiel, der Ortsbus und zahlreiche Freizeitaktivitäten

wie etwa der Seilpark, das ChippinGolf oder das Strandbad

Untersee kostenlos.

Mehr Infos: arosa.ch/allinclusive

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201787


Service

Vielen Dank

an die Partner und Sponsoren der Stiftung Elternsein:

Finanzpartner Hauptsponsoren Heftsponsoren

Dr. iur. Ellen Ringier

Walter Haefner Stiftung

Credit Suisse AG

Rozalia Stiftung

UBS AG

Paradies-Stiftung für soziale Innovation

Impressum

17. Jahrgang. Erscheint 10-mal jährlich

Herausgeber

Stiftung Elternsein,

Seehofstrasse 6, 8008 Zürich

www.elternsein.ch

Präsidentin des Stiftungsrates:

Dr. Ellen Ringier, ellen@ringier.ch,

Tel. 044 400 33 11

(Stiftung Elternsein)

Geschäftsführer: Thomas Schlickenrieder,

ts@fritzundfraenzi.ch, Tel. 044 261 01 01

Redaktion

redaktion@fritzundfraenzi.ch

Chefredaktor: Nik Niethammer,

n.niethammer@fritzundfraenzi.ch

Verlag

Fritz+Fränzi,

Dufourstrasse 97, 8008 Zürich,

Tel. 044 277 72 62,

info@fritzundfraenzi.ch,

verlag@fritzundfraenzi.ch,

www.fritzundfraenzi.ch

Business Development & Marketing

Leiter: Tobias Winterberg,

t.winterberg@fritzundfraenzi.ch

Anzeigen

Administration: Dominique Binder,

d.binder@fritzundfraenzi.ch,

Tel. 044 277 72 62

Art Direction/Produktion

Partner & Partner, Winterthur

Bildredaktion

13 Photo AG, Zürich

Korrektorat

Brunner Medien AG, Kriens

Auflage

(WEMF/SW-beglaubigt 2016)

total verbreitet 101 725

davon verkauft 18 572

Preis

Jahresabonnement Fr. 68.–

Einzelausgabe Fr. 7.50

iPad pro Ausgabe Fr. 3.–

Abo-Service

Galledia Verlag AG Berneck

Tel. 0800 814 813, Fax 058 344 92 54

abo.fritzundfraenzi@galledia.ch

Für Spenden

Stiftung Elternsein, 8008 Zürich

Postkonto 87-447004-3

IBAN: CH40 0900 0000 8744 7004 3

Inhaltspartner

Institut für Familienforschung und -beratung

der Universität Freiburg / Dachverband Lehrerinnen

und Lehrer Schweiz / Verband Schulleiterinnen und

Schulleiter Schweiz / Jacobs Foundation /

Elternnotruf / Pro Juventute / Interkantonale

Hochschule für Heilpädagogik Zürich /

Schweizerisches Institut für Kinder- und

Jugendmedien

Stiftungspartner

Pro Familia Schweiz / Pädagogische Hochschule

Zürich / Elternbildung CH / Marie-Meierhofer-

Institut für das Kind / Schule und Elternhaus

Schweiz / Schweizerischer Verband

alleinerziehender Mütter und Väter SVAMV /

Kinderlobby Schweiz / kibesuisse Verband

Kinderbetreuung Schweiz

Jetzt

gewinnen!

September-Verlosung

Fritz+Fränzi verlost …

1 × 2-tägiger Erlebnisaufenthalt (2 Erw./2 Kinder)

9 × Familien-Tageseintritt ins Ravensburger Spieleland

Mehr unter: www.spieleland-feriendorf.ch

Wettbewerbsteilnahme auf www.fritzundfraenzi.ch/verlosung

Teilnahmeschluss: 4. Oktober 2017. Teilnahme per SMS: Stichwort FF RSL an 959 senden (30 Rp./SMS)

Ravensburger Spieleklassiker in XXL entdecken, actiongeladene

Abenteuer erleben sowie Käpt’n Blaubär und die Maus treffen:

Das Ravensburger Spieleland am Bodensee verspricht unvergessliche

Familienmomente. Inmitten schönster Natur laden

über 70 Attraktionen in acht Themenwelten zum Entdecken und

spielerisch Neues Lernen ein. Trefft eure TV-Lieblinge live und

übernachtet bei Maus & Co im neuen Feriendorf. So wird ein Aufenthalt

im familienfreundlichsten Themenpark Deutschlands zu

entspannten Kurzferien voller Spielspass. Zur Auswahl stehen

thematisierte Ferienhäuser und komfortable Forscherzelte oder

Stellplätze für das eigene Wohnmobil. Geöffnet ist das Feriendorf

bis 02.09. und in den Herbstferien vom 29.09. bis 15.10.2017.


Buchtipps

Über das endlos

scheinende

Eismeer fährt

Siri ihrer

entführten

Schwester

hinterher.

William Grill:

Die Wölfe von

Currumpaw

Ernest Thompson

Seton soll den

Wolf töten, der

die Farmer von

Currumpaw in Atem hält. Nachdem

er die Kraft dieses Tieres erlebt hat,

wird er überzeugter Naturschützer.

Grill hat der wahren Geschichte mit

eindrücklichen Farbstiftzeichnungen

ein Denkmal gesetzt.

NordSüd, 2017, Fr. 19.90,

ab 7 Jahren

Bilder:ZVG

Nach welchen ethischen Richtlinien handle

ich? Was bedeutet das für andere?

Zivilcourage oder moralische Werte können

in Kinder- und Jugend büchern ohne

erhobenen Zeigefinger vermittelt werden.

Das Richtige tun

Siri und die Eismeerpiraten

Es gebe Dinge, die man

tun müsse, selbst wenn

sie gefährlich seien, er ­

klärt Jonathan seinem

kleinen Bruder im Lindgren-Klassiker

«Die Brüder Löwenherz».

«Weil man sonst kein Mensch

ist, sondern nur ein Häuflein

Dreck.»

Frida Nilsson wird nicht umsonst

als Lindgren-Nachfolgerin gehandelt.

Wohl mag der Name etwas

gross sein für die schwedische Autorin,

doch macht sie in ihrem Abenteuerroman

«Siri und die Eismeerpiraten»

kein Hehl daraus, welchem

Vorbild sie nacheifert. Auch ihre

Heldin Siri zieht nämlich aus, weil

es Dinge gibt, die man tun muss,

selbst wenn sie gefährlich sind. Zum

Beispiel die kleine Schwester aus den

Händen des grässlichen Piraten ­

kapitäns Weisshaupt befreien. Keiner

der Erwachsenen auf der heimatlichen

Schäre im Eismeer bringt

dafür den Mut auf, also muss Siri die

Sache selbst in die Hand nehmen.

Auf ihrer abenteuerlichen Reise

erfährt sie vom Guten und Schlechten,

das im Menschen schlummert.

Sie freundet sich mit dem Schiffskoch

an, wird von einem Kapitän

betrogen, gerät an eine Wolfsjägerin

und kümmert sich um das verlassene

Baby einer Seejungfrau. Immer aber

bleibt sie ihrer Überzeugung treu:

Kein Lebewesen darf zu Schaden

kommen. Daran hält sie sich sogar

im Angesicht der Piraten und bringt

ihre Mission dennoch zu einem

glücklichen Ende.

Eine tief berührende Geschichte,

die sich zum Vorlesen mit der ganzen

Familie eignet.

Frida Nilsson:

Siri und die

Eismeerpiraten.

Aus dem

Schwedischen

von Friederike

Buchinger.

Gerstenberg,

2017, Fr. 21.90,

ab 10 Jahren

Was WÜRDEst

du tun?

Auf den doppelseitigen

Bildern

von Tobias

Krejtschi ist jeweils

eine Szene zu

sehen, in der die

Würde eines Menschen in Gefahr ist.

Wie gehst du mit dieser Situation

um? Ein Buch, das zum Nachdenken

über Respekt und den Umgang

miteinander einlädt.

Minedition, 2016, Fr. 14.90,

ab 5 Jahren

Die Königinnen

der Würstchen

Statt sich zurückzuziehen,

treten

drei Mobbingopfer

die Flucht nach

vorne an und

fahren mit den Velos nach Paris, um

sich für ihre Sache einzusetzen. Ein

mit viel Witz erzähltes Sommerabenteuer

von Clementine Beauvais.

Carlsen, 2017, Fr. 24.90,

ab 14 Jahren

Verfasst von Elisabeth Eggenberger,

Mitarbeiterin des Schweizerischen

Instituts für Kinder- und

Jugendmedien SIKJM.

Auf www.sikjm.ch/rezensionen sind

weitere B uch empfehlungen zu finden.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

September 201789


Eine Frage – drei Meinungen

Nach unserer Trennung vor zwei Jahren heiratete mein Exmann wieder.

Unsere Tochter, 13, die bei mir lebt, hat das Gefühl, dass ihr Vater die

Kinder seiner neuen Frau mehr liebt als sie. Sie ist kaum mehr fröhlich

und wird immer pummeliger. Wie kann ich ihr helfen?

Kathrin, 37, Chur

Nicole Althaus

Die Gefühle Ihrer Tochter

sind so verständlich wie

wohl fehlgeleitet. Sie muss

erst vieles verarbeiten, bis

die Eifersucht auf die neuen

Menschen im Leben ihres

Papas ihre Wahrnehmung

nicht mehr trüben. Dazu

kommt noch der Gefühlssturm

der pubertären Hormonumstellung. Versichern

Sie der Tochter, dass sie im Herzen ihrer Eltern

immer einen zentralen Platz haben wird, egal welche

Menschen dazukommen. Nehmen Sie sich Zeit,

gehen Sie zusammen wandern, radfahren, ins Kino.

Tonia von Gunten

Ihre Tochter sucht nach der

Trennung ihren neuen Platz

im Familien-Patchwork. Sie

muss die Liebe ihres Vaters

mit den Kindern seiner

neuen Partnerin teilen. Ein

schwieriger und schmerzvoller

Prozess, bei dem

Sie Ihre Tochter begleiten

können. Stehen Sie zu ihr und sorgen Sie für neue,

fröhliche Momente in Ihrem gemeinsamen Leben,

damit Ihre Tochter ihr Lachen wiederfindet.

Peter Schneider

Sie helfen ihr zunächst mal

dadurch, indem Sie sich

überlegen, ob an dem Gefühl

Ihrer Tochter vielleicht etwas

dran ist. Was nicht bedeutet,

dass Sie nun mit Ihrer

Tochter den Klub der von

Ihrem Exmann nicht mehr

Geliebten gründen. Aber es

ist auch nicht ratsam, Ihre Tochter dadurch zu trösten,

indem Sie eine richtige Wahrnehmung als falsch

bezeichnen. Die Tatsache, dass Ihr Exmann nicht nur

Sie, sondern damit auch Ihre Tochter hinter sich

gelassen hat, können Sie Ihrer Tochter nicht ausreden,

sondern allenfalls zu erklären versuchen.

Nicole Althaus, 48, ist Kolumnistin, Autorin

und Mitglied der Chefredaktion der «NZZ am

Sonntag». Zuvor war sie Chefredaktorin von «wir

eltern» und hat den Mamablog auf «Tagesanzeiger.

ch» initiiert und geleitet. Nicole Althaus ist Mutter

von zwei Kindern, 16 und 12.

Tonia von Gunten, 44, ist Elterncoach, Pädagogin

und Buchautorin. Sie leitet elternpower.ch, ein

Programm, das frische Energie in die Familien

bringen und Eltern in ihrer Beziehungskompetenz

stärken möchte. Tonia von Gunten ist verheiratet

und Mutter von zwei Kindern, 11 und 8.

Peter Schneider, 59, ist praktizierender

Psychoanalytiker, Autor und SRF-Satiriker («Die

andere Presseschau»). Er lehrt als Privatdozent

für klinische Psychologie an der Uni Zürich und

ist Professor für Entwicklungspsychologie an

der Uni Bremen. Peter Schneider ist Vater eines

erwachsenen Sohnes.

Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an:

redaktion@fritzundfraenzi.ch

Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo, Pino Stranieri, HO

90 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Mimo verlost 20 Bausets

für ein Vogelhaus.

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Teilnahmeschluss:

30. September 2017

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Fr. 7.50 9/September 2017

Cybermobbing

Wie Mitschülerinnen

das Leben von Laila, 14,

zur Hölle machten

Jesper Juul

Wie Eltern mit ihren

pubertierenden Kindern

umgehen sollten

Was die Seele stark macht

Resilienz

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