Überfälle auf Sparkassen – Teil 2 - Unfallkasse NRW

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Überfälle auf Sparkassen – Teil 2 - Unfallkasse NRW

20

Gesundheitsschutz in Schule und Beruf

Überfälle auf SparkassenTeil 2

Ein Unterweisungsprogramm zur Prävention

psychischer Belastungen durch Raubüberfälle

Anwendbar auch auf Banken, Postfilialen, Spielbanken

und Kassenarbeitsplätze sonstiger Art

Jan Hetmeier, Wolfgang Korbanka, Werner W. Wilk


Herausgeber

Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV) Westfalen-Lippe

Salzmannstraße 156, 48159 Münster, Tel. 02 51/21 02-0

Konzept

PECON GmbH

Oberntorwall 23a, 33602 Bielefeld

Foliengestaltung und CD-Version

Trenta-design, Münster

Fotos

Sparkasse Münsterland-Ost/Kriminalpolizei Münster

Druck

E. Holterdorf GmbH & Co KG, Oelde

Bestellnummer

S 20 2006

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier


Jan Hetmeier, Wolfgang Korbanka, Werner W. Wilk

Überfälle auf SparkassenTeil 2

Ein Unterweisungsprogramm zur Prävention

psychischer Belastungen durch Raubüberfälle

Anwendbar auch auf Banken, Postfilialen, Spielbanken

und Kassenarbeitsplätze sonstiger Art

1


Inhaltsverzeichnis

Die Unterweisungsmodule – Fortsetzung aus Broschüre Nr. 20

Modul D: Das Überfallgeschehen 5

Merkblatt für Beschäftigte 21

Modul E: Der Opferschutz 22

Merkblatt für Beschäftigte 35

Modul F: Polizei und Justiz 36

Merkblatt für Beschäftigte 44

Modul G: Baulich-technische Prävention – Psychologische Aspekte 47

Merkblatt für Beschäftigte 59

Ergänzende Informationen und Arbeitsmaterialien – Fortsetzung aus Broschüre Nr. 20 61

Übersicht UVV „Kassen“ 62

Beurteilungsbögen zur Bewertung des Unterweisungsprogramms 66

Stichwortverzeichnis 73

Kontaktadressen 74

Autoren 75

Literaturempfehlungen 76

3


Modul D Überfallgeschehen

Das Überfallgeschehen

Folie Titelfolie:

Übersicht der Inhalte des Unterweisungspro-

gramms

Ziele dieser Folie:

Diese Folie dient dazu, den Teilnehmerinnen und

Teilnehmern (TN) einen Überblick über Inhalt und

Ziele des gesamten Unterweisungsprogramms

zu verschaffen und gleichzeitig zu verdeutlichen,

mit welchem Modul aktuell gearbeitet wird.

Ziele des Moduls D:

� Die Beschäftigten werden informiert, wie

Raubüberfälle ablaufen und welche Gefähr-

dungen dadurch entstehen. Ebenso sollen sie

eine Vorstellung von Raubüberfällen erhalten

und sich gedanklich mit diesen Ereignissen

auseinandersetzen.

Überfälle auf Sparkassen

- Unterweisungsprogramm zu § 25 UVV „Kassen“ -

Einleitung

Belastungen und Stress

Psychische Folgen von Raubüberfällen und deren Prävention

Psychologische Erste Hilfe nach Raubüberfällen

Das Überfallgeschehen

Opferschutz

Polizei und Justiz

Baulich-technische Prävention -Psychologische Aspekte

Hrsg.: Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe, Konzept PECON GmbH Modul D: Titelfolie

� Raubüberfälle stellen potenziell eine große

Gefahr, insbesondere für die körperliche

Unversehrtheit der Beschäftigten, dar. Durch

unpassendes Verhalten gegenüber dem Täter

kann die Überfallsituation leicht eskalieren.

Durch dieses Modul werden die Beschäftigten

darüber informiert, wie sie sich bei Raubüber-

fällen angemessen, d. h. Risiko minimierend

verhalten können.

� Durch die Vorgabe von konkreten Verhaltens-

regeln wird den Beschäftigten Sicherheit für

Situationen dieser Art gegeben.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 1:

Übersichtsfolie

Ziel dieser Folie:

Die TN sollen einen Überblick über das Modul D

erhalten.

Inhalte des Moduls D:

� Das Überfallgeschehen: Zahlen und Fakten

� Vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung

von Raubüberfällen (Überfallprävention), vgl.

auch Sicherheitsscheck / Gefährdungsbeurtei-

lung für Filialen gemäß Broschüre Nr. 20, Seite

70 ff.

Das Überfallgeschehen

Übersicht

Überfälle auf Banken und Sparkassen: Zahlen und Fakten

Vorbeugende Maßnahmen: Überfallprävention

Raubüberfälle als Extremstress-Situationen. Warum

„richtiges“ Verhalten so schwer fällt

Das Täter-Opfer-“Zusammenspiel“ bei Überfällen:

Grundlagen der Deeskalation

Verhaltensregeln für Überfälle

Mögliche psychische Auswirkungen von Überfällen und

Hilfsmöglichkeiten

Modul D: 1 von 16

5


6

Modul D Überfallgeschehen

� Die psychologischen Mechanismen bei Raub-

überfällen (Raubüberfälle als Extremstress-

Situationen)

� Verhaltensregeln für Überfälle

� Mögliche psychische Auswirkungen von Über-

fällen und Hilfsmöglichkeiten

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 2:

Zahlen und Fakten

Ziel dieser Folie:

Ziel ist es, den Beschäftigten einen Einblick über

das aktuelle Raubüberfallgeschehen in der

Bundesrepublik Deutschland zu geben. Dadurch

soll das reale Gefährdungspotential von Überfäl-

len verdeutlicht werden. Durch den Hinweis auf

die Zunahme von atypischen Überfällen sollen die

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch stärker für

Raubüberfälle sensibilisiert werden und zu einer

noch höheren Aufmerksamkeit bei der Überfall-

prävention motiviert werden.

Als Einstieg bietet sich hier auch das Einleitungs-

modul an, in dem weitere Zahlen und Fakten zum

Thema zu finden sind.

Das Überfallgeschehen

Ü berfä berf lle auf Banken und Sparkassen: Zahlen und

Fakten

Atypische Überfälle –Überfälle außerhalb der

Öffnungszeiten, z. B. durch Abfangen der Beschäftigten

–nehmen zu: Mittlerweile 15 % aller Überfälle

Bei typischen Überfällen (während der Öffnungszeiten)

sind kleine Geschäftsstellen häufiger Ziel als große

Ca. 60 % der Täter drohen mit Schusswaffen

In 3 % der Fälle wird geschossen

Ca. 65 % der Überfälle dauern zwischen 3 und 5 Minuten

Modul D: 2 von 16

Auf ein Problem soll hier besonders eingegangen

werden: Seit einigen Jahren beobachten die Poli-

zeibehörden ein verändertes Täterverhalten. Nur

noch 85 % der Überfälle geschehen während der

Öffnungszeiten. Die restlichen 15 % der Überfälle

finden außerhalb der Öffnungszeiten durch das

Abfangen der Beschäftigten beim Betreten bzw.

Verlassen der Geschäftsstelle statt. Diese Art von

Überfällen wird auch als atypisch bezeichnet. Ihr

Anteil lag in der Vergangenheit nahezu konstant

bei 5 %. Ziel der Täter ist es dabei, an die Hinter-

grundbestände zu gelangen. Damit einher geht

eine Veränderung in der Qualität der Überfälle.

Die Täter gehen zunehmend brutaler vor.

Dies ist insbesondere ein Problem in Geschäfts-

stellen, die nicht mit einer Einbruchmeldeanlage

(EMA) oder einer Fallensicherung ausgestattet

sind bzw. in denen die Tresore/Tresorräume nicht

zusätzlich gegen solche Übergriffe abgesichert

sind.


Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Das Überfallgeschehen

Vorbeugende Maß Ma nahmen

Arbeitsumgebung wachsam im Auge behalten

Verdächtiges unverzüglich melden und im

Kollegium kommunizieren

Soweit möglich, Kassenbereiche sowie Ein- und

Ausgänge aufmerksam beobachten

Beim Betreten und Verlassen von

Geschäftsräumen, Kassenarbeitsplätzen etc.

besondere Vorsicht walten lassen

Türen und Fenster geschlossen halten, wenn

darüber eine Bedrohung möglich ist

Das Überfallgeschehen

Vorbeugende Maß Ma nahmen

Das Überfallgeschehen

Vorbeugende Maß Ma nahmen

Modul D: 3 von 16

Zum Ende der Kassenstunden sind alle Zugänge

unverzüglich zu schließen

Außerhalb der Kassenstunden niemals Unbekannte

in die Geschäftsstelle lassen. Bei Ausnahmen

besonders vorsichtig beim Öffnen der Türen sein

Zeiten zu Beginn und zum Ende der

Kassenstunden und in der Mittagspause werden

von Tätern oft genutzt. Seien sie entsprechend

wachsam

Modul D: 4 von 16

Vereinbaren Sie mit ihren Kolleginnen und

Kollegen ein geheimes Warnsignal, denn der Täter

könnte schon in den Geschäftsräumen sein, wenn

Sie oder ein Kollege das Haus betreten

Prägen Sie sich die Lage der Alarmknöpfe und

Fußtasten genau ein. Jede Mitarbeiterin und jeder

Mitarbeiter sollte an jedem Ort des Gebäudes

wissen, wo der nächste Alarmmelder sitzt

Modul D: 5 von 16

Folien D 3 – D 5:

Vorbeugende Maßnahmen

Ziel dieser Folien:

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen prak-

tische Hinweise geliefert werden, was sie persön-

lich an ihrem Arbeitsplatz tun können, um die

eigene Sicherheit vor Raubüberfällen zu erhöhen.

Viele Überfälle lassen sich bereits im Vorfeld

verhindern, denn die meisten Täter suchen sich

ihre Ziele nach bestimmten Kriterien aus. Nur da,

wo es für sie lohnend erscheint, wo der geringste

Widerstand vermutet wird, begehen sie ihre

Taten. Was können Mitarbeiterinnen und Mitar-

beiter von Sparkassen tun, um die Täter bereits

im Vorfeld ihrer Tat abzuhalten? Die wichtigste

Regel für die Beschäftigten dabei lautet: Seien Sie

immer aufmerksam! Der Arbeitsplatz im Markt-

bereich ist ohne Zweifel mit einem gewissen Risi-

ko behaftet. Die Gefahr einen Arbeitsunfall zu

erleiden, ist deutlich erhöht gegenüber anderen

Arbeitsplätzen im Sparkassenbereich. Eine er-

höhte Aufmerksamkeit ist erforderlich, um das zu

verhindern. Man kann dies gut vergleichen mit

einer Autobahnfahrt. Bei Tempo 100 ist die

Unfallgefahr gering. Kleine Unaufmerksamkeiten

bleiben hier zumeist ohne Konsequenzen. Fährt

man jedoch mit Tempo 200 über die Autobahn,

so benötigt man ständig eine hohe Aufmerksam-

keit, um Unfälle zu vermeiden. Hier führen selbst

kleinste Unaufmerksamkeiten zu schweren Un-

fällen.

7


8

Modul D Überfallgeschehen

Für die Verhinderung von Überfällen ist es wich-

tig, dass dem potenziellen Täter klar gemacht

wird: Bei uns ist es schwer, an Geld zu kommen.

Solche Signale können ganz unterschiedlich sein.

Zum Beispiel, eine ausreichende Beleuchtung an

den Personaleingängen anzubringen. Oder die

Beseitigung von übermäßigem Grünwuchs in der

unmittelbaren Nähe der Filiale, so dass die nähre

Umgebung leicht einzusehen ist und keine

Verstecke entstehen.

Ein wesentlicher Punkt ist auch, Verdächtiges der

Polizei zu melden. Zum Beispiel verdächtige Fahr-

zeuge, Personen etc. Manchmal kommt es vor,

dass man auch Kunden im Verdacht hat. Aus

verständlichen Gründen fällt es hier schwer, einen

Verdacht auszusprechen. Die grundsätzliche

Regel bei Verdächtigungen lautet: Eine Meldung

immer dann machen, wenn es für das Verdächti-

ge keine vernünftige Erklärung gibt. Im Zweifels-

fall ist es angebracht, lieber einmal zu viel als

einmal zu wenig die Polizei zu informieren. Um

den Beschäftigten die Scheu vor den Meldungen

zu nehmen, bietet es sich an, bei der zuständigen

Polizeibehörde zentrale Ansprechpartner zu

haben und diese den Mitarbeiterinnen und Mitar-

beitern auch bekannt zu machen. Vorgesetzte

können sich bei der Polizei diesbezüglich an das

Kommissariat „Raubstraftaten“ wenden. Im

Zweifelsfall ist immer der Polizeiruf 110 zu

wählen.

Die in den Folien aufgelisteten vorbeugenden

Maßnahmen sollen Ideen geben, was jeder Mitar-

beiter und jede Mitarbeiterin ganz individuell dazu

beitragen kann, die Sicherheit vor Raubüberfällen

zu erhöhen. Die Auflistung erhebt keinen

Anspruch auf Vollständigkeit.

In Modul B „Die psychischen Folgen von Raub-

überfällen und Möglichkeiten zu ihrer Prävention“

finden sich weitere Folien zum präventiven

Verhalten „Vor, während und nach Raubüberfäl-

len“.

Vertiefende Hinweise zu dieser Thematik finden

Sie ebenso in der Broschüre Nr. 22 „Leitfaden

zur Erstellung der Gefährdungsbeurteilung von

Kreditinstituten“.


Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 6 + D 7:

Grad der emotionalen und körperlichen

Belastung von Täter und Opfer

Eskalationsstufe

Frustrationsstufe

Stressstufe

Neutrale Stufe

D 6 Täterverhalten – Tätermotivation und

D 7 Emotionale Verlaufskurve

Ziel dieser Folien:

Die Beschäftigten sollen sich bewusst machen,

dass Täter nur ein Ziel verfolgen: Bei möglichst

geringem Risiko eine möglichst hohe Beute zu

erzielen. Primäres Ziel des Täters ist es nicht, die

Beschäftigten zu schädigen.

Das Überfallgeschehen

T ä terverhalten - T ä termotivation

Das Verhalten des Täters ist ganz auf sein Ziel

ausgerichtet:

in möglichst kurzer Zeit

bei möglichst geringem Risiko

möglichst hohe Beute

zu erzielen

Das Eskalationsrisiko ist dann am größten, wenn sich

der Täter am Erreichen dieser Ziele gehindert fühlt

Deeskalation durch das Befolgen von Verhaltensregeln

(vgl. auch Folie 11)

Das Überfallgeschehen

Emotionale Verlaufskurve beim Ü berfall

Sehr hohe emotionale

Belastung,

eingeschränktes

Denkvermögen

Starke emotionale

Beteiligung, aber

überlegtes

Handeln möglich

Überlegtes

Handeln möglich

Modul D: 6 von 16

Affektschwelle

Überschreitung

führt zu Eskalation

Heftige emotionale

Reaktionen. Das Verhalten

ist kaum noch zu

Deeskalation

beeinflussen

Deeskalation

Tatverlauf

Modul D: 7 von 16

Situationen eskalieren, wenn bei den beteiligten

Parteien die Emotionen die Oberhand über das

Denken erhalten. Menschen reagieren dann nicht

mehr rational, also verstandesmäßig, sondern

allein aus dem aktuell dominierenden Gefühl,

bspw. aus Angst heraus. Folie D 7 zeigt den typi-

schen emotionalen Verlauf bei Menschen, die

sich in einer sich aufschaukelnden Stresssitua-

tion befinden. Die emotionale Verlaufskurve trifft

dabei sowohl für den Täter als auch für das Opfer

zu. Dazu ein Beispiel: Ein Täter betritt mit vorge-

haltener Waffe die Sparkassenfiliale und fordert

die Kassiererin auf, ihm „sofort alles Geld“ zu

geben (Täter: „Stressstufe“). Die Kassiererin

kann dem Täter das Geld nicht sofort aushändi-

gen, da es unter Zeitverschluss steht (Kassiererin

gerät von der „neutralen Stufe“ in die „Stressstu-

fe“) Weil er nicht mit einer verzögerten Geldaus-

gabe gerechnet hat, gerät der Täter unter Zeit-

druck. Weil sie es so gelernt hat, löst die Kassie-

rerin stillen Alarm aus. Wegen des starken Stres-

ses hat die Kassiererin jedoch Probleme, den

BBA zu bedienen. Je länger die Situation dauert,

desto stärker fühlt sich der Täter in die Enge

getrieben. Der Täter merkt, dass er das Geld nicht

schnell genug bekommen wird. Aber er hat schon

viel riskiert und will jetzt nicht aufgeben. Er steht

unter starkem Stress und treibt die Mitarbeiterin

weiter an (Täter: Frustrationsstufe). Doch bevor

die Mitarbeiterin an das Geld kommt, sieht der

Täter einen zufällig an der Filiale vorbeifahrenden

Streifenwagen. Der Täter gerät außer Kontrolle,

gibt einen Schuss auf die Kassiererin ab (Täter:

Eskalationsstufe). Der Täter hat die so genannte

„Affektschwelle“ überschritten. Jenseits dieser

Schwelle ist kein überlegtes Handeln mehr mög-

lich, der Täter reagiert rein emotional. Aus lauter

Frust kein Geld bekommen zu haben und Angst,

erwischt zu werden, feuert er auf die Kassiererin.

9


10

Modul D Überfallgeschehen

Eine Deeskalation der Überfallsituation wird am

besten verhindert, indem die Beschäftigten zügig

die Forderungen des Täters erfüllen. Dabei kann

es für die Kassierer und Kassiererinnen hilfreich

sein, den Täter als „Kunden“ zu betrachten. Ganz

so wie bei einem normalen Kunden wendet man

sich dem Täter zu und erfüllt seine „Wünsche“.

Wie die Beschäftigten, so steht auch der Täter

unter einem hohen Stress. Wenn der Täter merkt,

dass auf ihn eingegangen wird, ist die Wahr-

scheinlichkeit hoch, dass er ruhig bleibt. Je eher

der Täter das Geld bekommt, desto besser.

Bei bestimmten Kassensicherungssystemen

(z. B. Beschäftigtenbedienten Banknotenautoma-

ten, BBA) ist die schnelle Herausgabe von Geld

nicht möglich. Dies kann problematisch sein,

wenn die Täter keine Kenntnis von diesen Siche-

rungssystemen haben. Für den unwissenden

Täter bedeutet die verzögerte Geldausgabe eine

zusätzliche Störung und erhöht dessen Stress.

Deshalb ist es wichtig, dass die Beschäftigten

dem Täter alle ihre zusätzlichen Schritte erklären.

Im Zweifelsfall sollten sie den Täter um das „OK“

für ihre Handlungen bitten. Bei diesen Kassensi-

cherungssystemen ist es wichtig, potenzielle

Täter durch entsprechende sichtbare Sicherheits-

einrichtungen (Kameras etc.) bzw. Kennzeich-

nung der Geschäftsstelle mit entsprechenden

Piktogrammen abzuhalten.

Das Leben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

hat immer vorrang! Es muss den Beschäftigten

klar gemacht werden, dass ein Alarm immer nur

dann ausgelöst werden sollte, wenn die Beschäf-

tigten sicher sein können, dass der Täter dies

nicht mitbekommt. Im Zweifelsfall sollte der

Alarm erst ausgelöst werden, wenn der Täter die

Geschäftsstelle bereits verlassen hat. Weitere

Verhaltensregeln für Überfälle finden sich in den

Folien D 11 – D 14.


Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 8:

Geiselnahme

Ziel dieser Folie:

Geiselnahmen stellen eine besondere Bedro-

hungssituation für die Betroffenen dar. Dies gilt

besonders für lang andauernde Geiselnahmen.

Die TN lernen, dass es bei einer Geiselnahme

ähnliche Verhaltensgrundsätze gibt, wie bei

einem „normalen“ Überfall.

Die Geiselnahme ist eine besondere Form des

Überfalls. Man unterscheidet grundsätzlich

zwischen spontanen und geplanten Geiselnah-

men. Spontane Geiselnahmen entstehen häufig

aus einer eskalierenden Situation heraus. Der

oben unter D 7 beschriebene Fall ist ein gutes

Beispiel für eine solche Eskalation. Diese Geisel-

nahmen dienen dem oder den Tätern häufig als

letzte Möglichkeit einer ausweglos erscheinenden

Situation.

Das Überfallgeschehen

Geiselnahme

Lang andauernde Geiselnahmen sind selten

Verhalten bei Geiselnahmen:

Die Täter in ihrer Rolle als Geiselnehmer anerkennen und

bestätigen

Anweisungen der Täter befolgen

Keine Angriffe auf die Täter

Keine Fluchtversuche

Nicht mit den Tätern über den Sinn der Geiselnahme

diskutieren

Für alle Handlungen das „OK“ der Täter einholen

Modul D: 8 von 16

Geplante Geiselnahmen hingegen haben von

vornherein ein anderes Ziel: An die Hintergrund-

bestände der Geschäftsstelle zu gelangen. In

vielen Geiselnahmefällen fangen die Täter die

Beschäftigten beim morgendlichen Betreten der

Geschäftsstelle ab. Sobald alle Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter eingetroffen sind, werden die

Schlüsselträger gezwungen, den Tresor zu

öffnen. Nach kurzer Zeit ist die Geiselnahme in

der Regel beendet.

Spontane und länger andauernde Geiselnahmen

sind relativ selten, sie stellen jedoch für die

Beschäftigten eine besondere Belastungssitua-

tion dar. Das Bedrohungspotenzial wird durch

das drohende oder tatsächliche Eingreifen der

Polizei als wesentlich höher angesehen. Als

besonders belastend empfinden Opfer von

Geiselnahmen die lang andauernde, große Hilflo-

sigkeit, das Ausgeliefert sein.

In manchen Fällen kommt es bei Geiselnahmen

zu einer emotionalen Annäherung, einer Solidari-

sierung der Opfer mit den Tätern.

Merkmale dabei sind:

–Die Geiseln haben mehr Angst vor der Polizei

als vor den Tätern

–Die Geiseln hegen keine negativen Gefühle den

Tätern gegenüber

–Die Geiseln sind den Tätern dankbar, dass sie

ihnen das Leben zurück geschenkt haben

–Die Geiseln setzen sich im Nachhinein für die

Täter ein

Dieses Phänomen wird auch als so genanntes

„Stockholm-Syndrom“ beschrieben, weil es erst-

mals in Zusammenhang mit einer Geiselnahme in

11


12

Modul D Überfallgeschehen

einer schwedischen Bank in den 70er Jahren

beschrieben wurde. Der Syndrom-Begriff ist

dabei aber sehr unpassend und sollte nicht

verwendet werden. Statt vom Stockholm-

Syndrom zu sprechen, schlagen die Autoren den

Begriff des „Stockholm-Phänomens“ vor.

Als „Syndrom“ wird eine Ansammlung von

verschiedenen Symptomen zumeist im

Zusammenhang mit Erkrankungen bezeichnet.

Das in Stockholm von den Geiseln gezeigte

Verhalten ist aber keineswegs krankhaft, sondern

im hohen Maße natürlich und auf den Erhalt der

Gesundheit ausgerichtet. Erklärt wird das Verhal-

ten damit, dass Täter und Opfer in der Situation

der Geiselnahme sowohl gemeinsame Interessen

verfolgen als auch einen gemeinsamen Feind –

die Polizei – haben.

Die Beziehung ist dabei aber keine „echte“

zwischenmenschliche Beziehung. Die Aufnahme

einer Beziehung zu den Tätern ist eine reine

Schutzreaktion der Opfer. Die Opfer erkennen:

Nur dadurch, dass sie sich auf die Seite der Täter

stellen, erhalten sie dauerhaft eine Sicherheit vor

ihnen. Im Stockholmer Fall war zu beobachten,

dass dieses Prinzip auch für die Zeit nach dem

Überfall gilt. So kam es vor, dass die Opfer den

Tätern sogar Besuche im Gefängnis abstatteten.

Bei Geiselnahmen gelten für die Beschäftigten

ähnliche Verhaltensregeln wie bei „normalen“

Überfällen (vgl. Folien D 11 – D 14).

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 9:

Raubüberfälle als Extremstress

Ziel dieser Folie:

Die TN sollen lernen, dass Raubüberfälle bei den

Betroffenen in der Regel zu einem extremen

Stresserleben führen. Durch diese Folie soll den

Beschäftigten bewusst gemacht werden, dass

Menschen in solchen Extremstress-Situationen

schnell die Kontrolle über ihr eigenes Handeln

und Verhalten verlieren können. Die Mitarbeite-

rinnen und Mitarbeiter sollten darauf vorbereitet

werden.

Das Überfallgeschehen

Raubü Raub berfä berf lle als Extremstress- Extremstress Situationen

Warum „richtiges“ Verhalten so schwer fällt

Raubüberfälle stellen extreme Stress-Situationen für die

Betroffenen dar

Deeskalation

Menschen verlieren in extremen Stress-Situationen

oftmals die Kontrolle über ihr Denken und Handeln.

Raubüberfälle geschehen relativ selten. Und

Raubüberfälle sind immer wieder anders.

Das optimale Verhalten kann nur schwer trainiert werden!

Trotz aller präventiven Maßnahmen kann es zu

einem Überfall kommen. Die Sicherheit des eige-

nen Lebens und der anderen betroffenen Perso-

nen hängt dann, unter anderem, vom umsichti-

gen Verhalten jedes Einzelnen ab. Man sollte

nicht vergessen, dass der Täter unter äußerster

Anspannung steht und unberechenbar ist.

Modul D: 9 von 16

Raubüberfälle stellen Extremstress-Situationen

dar. In solchen Extremsituationen kommt es

häufig vor, dass Menschen nicht mehr die volle


Kontrolle über ihr eigenes Denken, Fühlen und

Verhalten besitzen. In Modul A, Folie A 15, wurde

dieses Phänomen bereits beschrieben. Wird die

Stressbelastung zu hoch, werden die gewohnten

Kontrollmechanismen des Menschen außer Kraft

gesetzt. Am ehesten kennt man diese mensch-

liche Reaktion von Prüfungssituationen. Die

Antwort auf eine Frage will einem partout nicht

einfallen, obwohl man sie eigentlich weiß. Der

Kopf ist plötzlich leer, man hat einen Black-out. In

Extremstresssituationen schalten der Körper und

die Psyche, bildlich gesprochen, das „Notpro-

gramm“ ein. Eine bewusste Steuerung des

Verhaltens ist dann entweder gar nicht oder nur

bedingt möglich. Das bedeutet auch, dass bei

einem Überfall Handlungsimpulse z. B. aus der

vorhandenen Wut heraus nicht mehr so gut

kontrolliert werden können. Häufig kommt es

dann zu so genannten Übersprungshandlungen

wie bspw. den Täter mit Gegenständen bewerfen,

Verfolgung des Täters gemeinsam mit einem

Kunden in dessen PKW etc. Menschen machen in

solchen Situationen Dinge, die gefährlich sind

und die sie bei „eingeschaltetem“ Verstand

niemals getan hätten. Hinweise, wie man es

schaffen kann, während des Raubüberfalls einen

„kühlen“ Kopf zu bewahren, werden auf nachfol-

gender Folie gegeben.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 10:

Tipps für den Stressnotfall

Ziel dieser Folie:

Die Beschäftigten sollen durch Tipps informiert

werden, wie sie ihr Verhalten in der Raubüberfall-

situation besser unter Kontrolle halten können

und dadurch einen Beitrag zur Deeskalation der

Situation leisten können.

Auf den kommenden Folien werden – als Kern

dieses Moduls – Regeln für das Verhalten bei

Raubüberfällen vorgestellt. Diese Verhaltensre-

geln können aber nur dann eingehalten werden,

wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu

physisch und psychisch auch in der Lage sind.

Um die eigene Anspannung möglichst niedrig zu

halten, kann man kurzfristig wirksame Entspan-

nungsmethoden anwenden.

Atmung

Das Überfallgeschehen

Tipps für den Stressnotfall

Ziel: Kontrolle von übermäßigen Emotionen wie Angst

und Aggression

Vor dem Überfall: Mentales Vorbereiten auf die konkrete

Situation: „Wie werde ich reagieren, wenn der Täter die

Waffe auf mich richtet?“

Während des Überfalls: Entspannung durch

Atmung

Gedanken lenken

Nach dem Überfall: Entspannung durch

kaltes Wasser

„Auszeit“ nehmen

Modul D: 10 von 16

Ein Faktor, der die Anspannung in Extremsituatio-

nen begünstigt und aufrecht erhält, ist die

Atmung. Man „vergisst“ sozusagen das Atmen.

Nicht umsonst spricht man von „den Atem anhal-

13


14

Modul D Überfallgeschehen

ten“ in besonders (an)spannenden Situationen.

Atmen Sie zur Entspannung deshalb regelmäßig

und bewusst tief aus.

Gedanken lenken

Manchmal ist es hilfreich, die negative Situation

durch eine positive Selbstinstruktion zu überla-

gern. Beispiele für solche förderlichen Gedanken

sind: „Ich bleibe ruhig“, „Ich habe mich unter

Kontrolle“ „Ich halte mich an die Verhaltensre-

geln, dann wird mir nichts passieren“, „In zwei

Minuten ist alles vorbei“ etc.

Kaltes Wasser trinken/„Time-out“

Sowohl der Körper als auch die Psyche streben

nach einem komfortablen inneren Gleichge-

wichtszustand im Sinne eines Wohlbefindens.

Während eines Raubüberfalls ist dieser Gleichge-

wichtszustand erheblich gestört. Nach dem Über-

fall, versuchen Körper und Psyche dieses Gleich-

gewicht wieder herzustellen. Diese Regulations-

mechanismen in Gang zu bringen, kann man

aktiv unterstützen. Zum Beispiel mit einem Glas

kalten Wassers. Wasser als wichtiges Stoffwech-

sel- und Regulationselement kann ein guter

Impuls von außen sein. Einen ähnlichen Effekt hat

die „Auszeit“ (Time-out). Manche Menschen stei-

gern sich regelrecht in das soeben Erlebte hinein

und verstärken dadurch unbewusst ihren Stress.

Durch das bewusste Herausgehen aus der Situa-

tion wird diese Verhaltenskette unterbrochen und

die Person hat die Möglichkeit, nach einiger Zeit,

die Situation neu zu bewerten.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Das Überfallgeschehen

Verhaltensregeln für Raubüberfälle

Kein Heldentum, kein Spielen auf Zeit!

Machen Sie zügig, was der Täter fordert

Keine zeitverzögernden Gespräche führen

Nehmen Sie an, dass die vorgehaltene Schusswaffe echt ist!

Der Täter steht unter einer extremen Stressbelastung und ist

unberechenbar

Nicht eingehen auf Forderungen kann Gewalt auslösen

Sobald wie möglich Alarm auslösen. Aber nur, wenn der

Täter es nicht wahrnehmen kann!

Das Drücken des Alarmknopfes liegt in Ihrem Ermessen.

Die Flucht ohne eigene Gefährdung beobachten! Wie?

Mit Wem? In welche Richtung?

Das Überfallgeschehen

Nach dem Überfall:

Hilfreiches Verhalten zur Täterergreifung

Sofort den Polizeiruf 110 wählen, wenn der Täter

´raus ist! Auch, wenn Sie bereits den Alarm

ausgelöst haben. Fordern Sie, wenn nötig,

notärztliche Hilfe an

Halten Sie die Leitung, nehmen Sie von ihren

Kolleginnen und Kollegen die Informationen über

die Flucht auf und teilen Sie das und eine

Täterbeschreibung der Polizei mit

Versuchen Sie, sich Besonderheiten des Täters

einzuprägen (besonderer Akzent, krumme Nase, auffällige

Schuhe, Winterkleidung im Sommer etc.) Merken Sie sich

nicht das Normale, sondern Abweichungen von der Norm!

Das Überfallgeschehen

Nach dem Überfall:

Hilfreiches Verhalten zur Täterergreifung

Versorgen Sie evtl. verletzte Kolleginnen und

Kollegen bzw. Kundinnen und Kunden

Beachten Sie auch den psychischen Zustand der

Betroffenen. Leisten Sie Psychologische Erste Hilfe (vgl.

Modul C)

Schützen Sie den unmittelbaren Tatort vor

Veränderungen

Schließen Sie die Geschäftsstelle ab

Modul D: 11 von 16

Modul D: 12 von 16

Modul D: 13 von 16


Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folien D 11 – D 14:

Verhaltensregeln bei Raubüberfälle

Ziel dieser Folien:

Oberstes Ziel für die Mitarbeiterinnen und Mitar-

beiter während eines Überfalls ist der Schutz der

eigenen Unversehrtheit. Es gilt, eine Eskalation

der Lage zu verhindern. Zwar verläuft jeder Raub-

überfall anders, aber es gibt bestimmte Gemein-

samkeiten. Durch das Einhalten von Verhaltens-

grundsätzen während der Überfallsituation

können die Beschäftigten aktiv einen Beitrag zur

Deeskalation leisten.

Das Überfallgeschehen

Nach dem Überfall:

Hilfreiches Verhalten zur Täterergreifung

Benachrichtigen Sie hausintern nur die Stelle, die

für die Abwicklung des Überfalls zuständig ist

Halten Sie Ihre Eindrücke vom Täter sofort

schriftlich fest. Jede/Jeder für sich alleine

Erteilen Sie keine Auskünfte an die Presse oder an

Außenstehende

Vorschnell gegebene Informationen erschweren die

Fahndung

Verhaltensregeln sind wichtig, weil sie den

Beschäftigten ein Stück Sicherheit in einer unsi-

cheren Situation verschaffen.

Modul D: 14 von 16

Die aufgeführten Verhaltensregeln stellen allge-

meine Empfehlungen dar. Sie wurden entwickelt

und erprobt von der Sparkasse Gütersloh und der

Kreispolizeibehörde Gütersloh in einem langjähri-

gen Projekt. Sie sind abgestimmt mit dem

Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Die

Verhaltensregeln dienen in erster Linie der Eigen-

sicherung und des Schutzes der eigenen Person.

Darüber hinaus haben Sie den Zweck, die Ergrei-

fung des Täters zu erleichtern.

Die Verhaltensregeln sind bewusst kurz formu-

liert. Die Verhaltensregeln stellen allgemeine

Vorschläge dar. Sie sind aus den Erfahrungen der

Polizei und der Sparkasse hervorgegangen. Sie

müssen immer auf die jeweilige Situation und

Besonderheiten eines jeden Instituts angepasst

sein!

Die Verhaltensregeln sind im Anhang noch

einmal als Merkblatt zu finden. Dieses Merkblatt

kann in den einzelnen Geschäftsstellen ausge-

hängt werden oder als Vorlage eines eigenen

Merkblatts dienen.

Regel Nummer 1

Kein Heldentum!

Sie gefährden sich und andere! Der Erhalt der

eigenen Gesundheit und der Unversehrtheit der

Kolleginnen und Kollegen hat oberste Priorität.

Dazu ist es hilfreich, dass sich die Beschäftigten

immer wieder bewusst machen, was sie tun

werden, beim nächsten Raubüberfall: Zügig das

machen, was der Täter fordert. Es sind lediglich

diese beiden Dinge, die die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter im Kopf haben müssen.

15


16

Modul D Überfallgeschehen

Regel Nummer 2

So früh wie möglich Alarm auslösen. Aber nur,

wenn der Täter es nicht wahrnehmen kann!

Der Polizei gelingt es eher Täter fest zu nehmen,

wenn sie möglichst früh vom Überfall erfährt. Es

kommt auf Sekunden an. Der Alarm sollte von

nicht unmittelbar bedrohten Beschäftigten, nicht

in der direkten Wahrnehmung des oder der Täter

stehenden ausgelöst werden und zwar besser

mehrfach als überhaupt nicht!

Bei jedem Handeln der Polizei haben das Leben

und die Gesundheit der Beschäftigten und

Kunden absoluten Vorrang vor dem Ziel, die

Straftäter fest zu nehmen.

Niemand muss befürchten, dass Polizeibeamte

aufgrund der Alarmauslösung in die überfallene

Geschäftsstelle stürmen. Einsatzfahrzeuge

werden vielmehr außerhalb der Sichtweite pos-

tiert und fahren ohne Martinshorn an, um keine

Panikreaktion, keine Geiselnahme zu provozieren.

Die Polizei geht bei jeder Alarmauslösung

zunächst davon aus, dass ein Überfall stattfindet

und sich Täter noch in der Geschäftsstelle befin-

den. Erst nach dem verdeckten Einsatz von Strei-

fenwagen im Umfeld der Geschäftsstelle und

einer angemessenen Wartefrist wird die Poli-

zeieinsatzleitstelle versuchen, telefonisch Kontakt

auf zu nehmen, um einen Fehlalarm aus zu schlie-

ßen.

Um jegliche Gefahr für die Beschäftigten und die

Kunden zu vermeiden, ist vor dem polizeilichen

Erscheinen vor oder in der Geschäftsstelle die

persönliche Kontaktaufnahme am „Kommunika-

tionspunkt“ festgeschrieben. Selbst wenn es

hinreichend Anzeichen gibt, dass die Gefahr

vorüber ist oder telefonisch mitgeteilt wird, dass

es sich um einen Fehlalarm handele, will die Poli-

zei zum Schutz der Beschäftigten ganz sicher

sein.

Es ist selbstverständlich, dass Sie die vorhande-

ne Sicherheitstechnik in ihrer Geschäftsstelle

kennen, insbesondere alle Alarmauslösemöglich-

keiten und dass darüber, und über die Geschäfts-

abläufe und Gepflogenheiten, zu Ihrer eigenen

Sicherheit nichts an Außenstehende geraten darf.

Regel Nummer 3

Die Flucht ohne eigene Gefährdung beobach-

ten! Wie? Mit wem? In welche Richtung?

Die von der Einsatzleitstelle in Richtung

Geschäftsstelle geführten Polizeibeamten haben

die Chance, schon bei der Anfahrt die Täter zu

entdecken, wenn sie über schnelle Informationen

verfügen. Um präzise Fluchtrichtungen an zu

geben, ist es hilfreich, die Straßen und Wege in

Sichtweite mit Namen zu kennen. Der Hinweis in

der akuten Fahndungsphase: „Der ist hier rechts

runter gelaufen und da hinten links in so einen

kleinen Weg abgebogen“, kann zu Missverständ-

nissen führen.


Regel Nummer 4

Sofort den Polizeiruf 110 wählen, wenn der

Täter ´raus ist, auch wenn sie bereits Alarm

ausgelöst haben! Fordern Sie nötigenfalls

notärztliche Hilfe an!

Sie brauchen nicht gesondert den Rettungsruf

112 zu wählen, wenn ärztliche Hilfe nötig ist.

Die Polizei weiß nicht, ob der oder die Täter die

Geschäftsstelle schon verlassen haben. Um keine

Schießerei, keine Geiselnahme zu provozieren,

warten die außer Sichtweite aufgestellten Polizei-

beamten zu ihrem Schutz auf die Information,

dass die Täter das Objekt verlassen haben.

In der Vergangenheit kam es immer wieder vor,

dass sich Beschäftigte ärgerten, dass die Polizei

nicht auftauchte, obwohl man doch den Überfall-

alarm ausgelöst hatte.

Erst nach geraumer Zeit und dem Einsatz von

Polizeikräften wird die Einsatzleitstelle versuchen,

in der Bank an zu rufen, um einen Fehlalarm aus

zu schließen.

Regel Nummer 5

Halten Sie die Leitung, nehmen Sie von ihren

Kolleginnen und Kollegen die Informationen

über die Flucht auf und teilen Sie das und eine

Täterbeschreibung der Polizei mit.

Wer den Polizeiruf 110 gewählt hat und die Infor-

mation: „Echter Alarm und Täter sind raus“ gege-

ben hat, sollte nicht einhängen. Jetzt bleibt viel

Zeit für wichtige Hinweise über die Anzahl der

Täter, die Bewaffnung, das Aussehen, Besonder-

heiten, das Fluchtmittel und die Fluchtrichtung an

die Polizei.

Die Leitstelle wird diese nach und nach über Funk

an die eingesetzten Polizeikräfte übermitteln. Je

schneller und besser diese informiert sind, desto

erfolgreicher können die ersten Fahndungsmaß-

nahmen sein.

Regel Nummer 6

Versorgen Sie evtl. verletzte Kolleginnen und

Kollegen und Kundinnen und Kunden

Bei Raubüberfällen geschieht es relativ selten,

dass Personen verletzt oder gar getötet werden.

Fast immer sind aber psychische Beeinträchti-

gungen gegeben, die akut so schwerwiegend

sein können, dass psychologische bzw. ärztliche

Versorgung nötig ist.

Bei Atemnot, Herzrasen und anderen Stress-

bedingten Symptomen die Betroffenen möglichst

aus dem Überfallbereich schaffen, für äußere

Ruhe sorgen und die Beruhigung fördern durch

wiederholtes Klarmachen: „Es ist vorbei, wir sind

alle in Sicherheit!“

Lassen Sie aber die verständliche Unruhe, die

Nervosität, Weinen und andere stressbedingte

Verhaltensweisen zu. „Nun beruhigen Sie sich

doch!“ und andere derartige Aufforderungen sind

nicht verständnisvoll und wirken wie ein Vorwurf.

17


18

Modul D Überfallgeschehen

Regel Nummer 7

Schützen Sie den unmittelbaren Tatort vor

Veränderungen!

Wenn es nicht unbedingt erforderlich ist, betreten

Sie nicht den Bereich, wo der oder die Täter evtl.

Spuren hinterlassen haben könnten. Schützen

Sie diesen vor Veränderungen, räumen Sie nicht

auf! Lassen Sie die von den Tätern verlorenen

oder weggeworfenen Gegenstände, häufig die

Maskierung, unberührt .

Der möglichst unveränderte Tatort kann Spuren

(Fingerabdrücke, Kleidungsfasern, Haare etc.)

aufweisen, die die Täter überführen können.

Sperren Sie deshalb diese Bereiche möglichst

großzügig ab. Zeugen, in aller Regel anwesende

Kunden, sollen das Eintreffen der Polizei abwar-

ten.

Regel Nummer 8

Schließen Sie die Geschäftsstelle ab!

Um den Tatort vor Veränderungen zu schützen

und die Überfallenen vor zusätzlichem Stress zu

bewahren sollen Kunden und Neugierige fern

gehalten werden. Auffällige Schilder mit dem Text

„Geschlossen wegen Überfalls“, die leicht an der

Eingangstür angebracht werden können, sollen

vorbereitet werden.

Regel Nummer 9

Benachrichtigen Sie hausintern nur die zentrale

Verwaltung, die für die Abwicklung des Über-

falls zuständig ist

Vorstand, Opferbetreuungsteam und Organisa-

tionsabteilung sollen frühzeitig nach der Polizei

informiert werden. Die Überfallenen stehen in der

Regel unter hoher psychischer Belastung. Es ist

nicht ihre Aufgabe, Alarmlisten ab zu arbeiten.

Das kann in der Telefon-Zentrale ruhig und

umfassend erfolgen.

Regel Nummer 10

Halten Sie Ihre Eindrücke vom Täter sofort

schriftlich fest! Jede/Jeder für sich allein!

Als außerordentlich hilfreich für die Ermittlung

oder den Ausschluss von Tatverdächtigen haben

sich schriftlich fixierte Beschreibungen des oder

der Täter herausgestellt. Notieren Sie zunächst

alles, was Ihnen besonders aufgefallen ist und

nehmen Sie erst dann den Täterbeschreibungs-

bogen, der strukturiert alle möglichen Merkmale

eines Menschen abfragt. Tauschen Sie sich nicht

vorher über die Täterbeschreibung aus, weil das

erfahrungsgemäß zu einer Vereinheitlichung der

unterschiedlichen Wahrnehmungen von Tatzeu-

gen führt.


Regel Nummer 11

Erteilen Sie keine Auskünfte an die Presse oder

an Außenstehende!

Die Öffentlichkeitsarbeit im Falle eines Raubüber-

falls obliegt dem Vorstand und der Polizei. Vorei-

lig mitgeteilte Umstände der Tatausführung oder

des geraubten Geldbetrages gefährden die Täter-

überführung. Geständnisse werden widerrufen

mit dem Hinweis, dass die in der polizeilichen

Vernehmung angegebenen Einzelheiten des

Tatverdächtigen keinen Beweis darstellen, weil ja

alles bereits in der Presse gestanden hätte.

Geben Sie auch keine telefonischen Auskünfte an

Unbekannte, selbst wenn sie sich als Amtsperso-

nen ausgeben. Verweisen Sie an die Polizeipres-

sestelle oder an den Vorstand.

Zusätzliche Informationen

In manchen Fällen verschaffen sich Täter Zugang

ins Gebäude und warten auf die Beschäftigten.

Deshalb sollte vor dem Betreten auf verdächtige

Anzeichen geachtet werden. Damit nicht die

gesamte Belegschaft nach und nach ‚in die Falle

tappt’, sind abgesprochene tägliche Rituale sinn-

voll, die durch optische Signale verdeutlichen,

dass alles in Ordnung ist (Gardine, Jalousie,

Blumenstandort u.a.).

Für den Fall, dass die Beschäftigten gezwungen

werden, Kolleginnen oder Kollegen anzurufen,

um sie z. B. mit ihren Schlüsseln in die

Geschäftsstelle zu bitten, ist es hilfreich, geheime

Warnsignale zu vereinbaren. Empfohlen wird die

nicht übliche Anrede des Angerufenen (Herr

Müller und Sie oder Claudia und Du).

In vielen Fällen haben Täter vor der Tat Geschäfts-

stellen beobachtet oder sogar betreten. Wenn

Ihnen etwas merkwürdig vorkommt, dann

machen Sie sich Notizen, insbesondere über

Fahrzeuge und Kennzeichen. Rufen Sie die Poli-

zeibeamten an, die Raubstraftaten bearbeiten

oder wählen Sie den Polizeiruf 110.

Wenn Sie Pflanzen, Weihnachtsbäume, Kunst-

gegenstände oder Werbematerial aufstellen,

dann achten Sie bitte darauf, dass nicht das

Wirkungsfeld der Kameras eingeschränkt wird.

Tipps und Tricks

Fahndungsblätter: Umgang damit einüben.

Bereithalten von Absperrband und Täterbeschrei-

bungsbogen/Zeugenmerkblatt.

Erstellen einer individuellen Überfallmappe/eines

Koffers.

Geschäftsstellen werden an geeigneten Merk-

punkten mit Größenangaben des Täters versehen.

Regelmäßige Sicherheitsbesprechungen (Aufga-

benzuweisung: Wer macht was nach dem Über-

fall, Nachlässigkeiten abstellen, Vorschläge für

mehr Sicherheit machen).

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20

Modul D Überfallgeschehen

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 15:

Mögliche psychische Folgen

Ziel dieser Folie

Zur Abrundung der Thematik sollen die Beschäf-

tigten auf die möglichen psychischen Folgen

hingewiesen werden.

Die möglichen psychischen Folgen von Raub-

überfällen werden ausführlich in Modul B des

Unterweisungsprogramms behandelt. Daher sei

an dieser Stelle lediglich auf dieses Modul

verwiesen.

Das Überfallgeschehen

Mögliche psychische Auswirkungen

Raubüberfälle führen bei den Betroffenen häufig zu

psychischen Verletzungen (Psychotraumata) und zu

starken Belastungsreaktionen

In einigen Fällen können langfristige psychische und

psychosomatische Gesundheitsstörungen auftreten

Es gibt bestimmte Warnsignale für eine langfristige

Erkrankung. Treten diese auf, sollte unbedingt

psychologische Hilfe in Anspruch genommen werden

Ausführliche Informationen zu dieser Thematik finden sich in

Modul B des Unterweisungsprogramms!

Modul D: 15 von 16

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie D 16:

Zusammenfassung

Das Überfallgeschehen

Zusammenfassung

Durch intensive Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen

lässt sich das Risiko für Raubüberfälle erheblich senken

Raubüberfälle verursachen bei den Betroffenen ein

hohes Stresserleben. Durch den Verlust der Kontrolle

über das eigene Verhalten können Überfallsituationen

eskalieren

Man kann den Verlauf von Raubüberfällen durch ein

täterorientiertes Verhalten „positiv“, d. h. deeskalierend

beeinflussen. Kein Heldentum!

Zur Ergreifung der Täter durch die Polizei können die

Betroffenen sehr hilfreich sein

Diese Folie fasst die Inhalte des Moduls D noch

einmal im Überblick zusammen.

Modul D: 16 von 16


Merkblätter

Merkblatt für Beschäftigtezum Unterweisungsprogramm nach § 25 UV „Kassen“

Modul D – Das Überfallgeschehen

Verhaltensregeln Raubüberfälle

Kein Heldentum, kein Spielen auf Zeit – Machen

Sie zügig, was der Täter fordert!

Frühestmöglich, vom Täter nicht wahrnehmbar,

den Alarm auslösen!

Die Flucht ohne eigene Gefährdung beobachten!

Wie? Mit wem? In welche Richtung?

Sofort den Polizeiruf 110 wählen, wenn der Täter

´raus ist, auch wenn Sie bereits den Alarm ausge-

löst haben! Fordern Sie nötigenfalls notärztliche

Hilfe an!

Halten Sie die Leitung, nehmen Sie von Ihren

Kolleginnen und Kollegen die Informationen über

die Flucht auf und teilen Sie das und eine Täter-

beschreibung der Polizei mit.

Versorgen Sie evtl. verletzte Kolleginnen und

Kollegen und Kundinnen und Kunden!

Schützen Sie den unmittelbaren Tatort vor Verän-

derungen!

Schließen Sie die Geschäftsstelle ab!

Benachrichtigen Sie hausintern nur die Zentrale.

Halten Sie Ihre Eindrücke vom Täter sofort

schriftlich fest!

Jede/Jeder für sich allein!

Erteilen Sie keine Auskünfte an die Presse oder

an Außenstehende!

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22

Modul E Opferschutz

Opferschutz

Folie Titelfolie:

Übersicht der Inhalte des Unterweisungspro-

gramms

Ziele dieser Folie:

Diese Folie dient dazu, den Teilnehmerinnen und

Teilnehmern (TN) einen Überblick über Inhalt und

Ziele des gesamten Unterweisungsprogramms

zu verschaffen und gleichzeitig zu verdeutlichen,

mit welchem Modul aktuell gearbeitet wird.

Ziele des Moduls E

Opferschutz im Zusammenhang mit Raubüber-

fällen auf Sparkassen findet auf verschiedenen

institutionellen Ebenen statt:

� Der betriebliche Opferschutz durch die jeweili-

ge Sparkasse

� Opferschutz durch den zuständigen Unfallver-

sicherungsträger

� Polizeilicher Opferschutz durch die örtliche

Polizeibehörde

� Staatlicher Opferschutz durch das zuständige

Versorgungsamt

Überfälle auf Sparkassen

- Unterweisungsprogramm zu § 25 UVV „Kassen“ -

Einleitung

Belastungen und Stress

Psychische Folgen von Raubüberfällen und deren Prävention

Psychologische Erste Hilfe nach Raubüberfällen

Das Überfallgeschehen

Opferschutz

Polizei und Justiz

Baulich-technische Prävention -Psychologische Aspekte

Hrsg.: Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe, Konzept PECON GmbH Modul E: Titelfolie

Der betriebliche Opferschutz – resultierend aus

den gesetzlichen Vorgaben des SGB VII, Arbeits-

schutzgesetz, UVV Kassen usw. – hat dabei den

höchsten Stellenwert. Hier wurden in den vergan-

genen Jahren von den Sparkassen gute Konzepte

zur Unterstützung der Beschäftigten nach Raub-

überfällen entwickelt. In Westfalen-Lippe wurden

die Sparkassen dabei durch den Gemeindeunfall-

versicherungsverband (GUVV) Westfalen-Lippe

in besonderer Weise durch spezielle Projekte zum

Thema „Psychologie als Baustein der Präven-

tion“, unterstützt.

Es kommt aber immer wieder vor, dass Mitarbei-

terinnen und Mitarbeiter die ihnen zur Verfügung

stehenden Angebote zur psychologischen und

sozialen Betreuung durch die Sparkasse nach

Überfällen nicht in Anspruch nehmen.

Die Gründe hierfür sind vielfältig: Häufig fürchten

die Betroffenen Nachteile für ihre berufliche

Karriere. Häufig ist es auch die Scham als hilfebe-

dürftig zu gelten, wenn die Hilfe durch das eigene

Haus in Anspruch genommen wird. Dadurch,

dass die Hilfe häufig auf kollegialer Ebene

erbracht wird, vor denen man diese „Schwäche“

noch weniger zugeben möchte, wird diese

Tendenz noch verstärkt.

Darüber hinaus existieren nicht in allen Sparkas-

sen funktionierende Systeme zur Betreuung von

Überfallbetroffenen. Hier ist der außerbetriebliche

Opferschutz die einzige institutionalisierte Hilfe,

die den Betroffenen zur Verfügung steht.


Ziele des Moduls sind:

� Die Beschäftigten sind informiert über die

verschiedenen Möglichkeiten des Opferschut-

zes, insbesondere über die außerbetrieblichen

(polizeilicher und staatlicher Opferschutz).

Hier werden die Rechtsgrundlagen vermittelt,

Ansprüche der Opfer von Gewalttaten erläutert

und die praktische Vorgehensweise der

zuständigen Behörden dargestellt.

� Die Beschäftigten sind motiviert, die ihnen

rechtlich zustehenden bzw. tatsächlich zur

Verfügung stehenden Hilfen auch in Anspruch

zu nehmen.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 1:

Übersichtsfolie

Ziel dieser Folie:

Die TN sollen einen Überblick über das Modul E

erhalten.

Opferschutz

Übersicht

Ganzheitlicher Opferschutz

Wenn es geschehen ist: Wie läuft der Opferschutz

konkret ab?

Betrieblicher Opferschutz

Opferschutz durch den GUVV Westfalen-Lippe

Polizeilicher Opferschutz

Staatlicher Opferschutz

Modul E: 1 von 8

Inhalte des Moduls E:

� Ganzheitlicher Opferschutz

� Wenn es geschehen ist: Welche konkreten

Hilfsmaßnahmen für die Opfer gibt es?

� Der betriebliche Opferschutz durch die

jeweilige Sparkasse

� Opferschutz durch den zuständigen Unfall-

versicherungsträger

� Polizeilicher Opferschutz durch die örtliche

Polizeibehörde

� Staatlicher Opferschutz durch das zuständi-

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 2:

ge Versorgungsamt

Ganzheitlicher Opferschutz

Ziele dieser Folie:

� Die TN lernen die ganzheitliche Sichtweise im

Opferschutz kennen

� Die TN erhalten einen kurzen Überblick über

die an dem ganzheitlichen Opferschutz betei-

ligten Institutionen

Opferschutz

Ganzheitlicher Opferschutz

Betrieblicher Opferschutz

Opferschutz durch den GUVV Westfalen-Lippe

Polizeilicher Opferschutz

Staatlicher Opferschutz

Ganzheitlicher Opferschutz bei Raubüberfällen auf

Sparkassen meint: Hilfen für Opfer durch alle beteiligten

Institutionen

Modul E: 2 von 8

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24

Modul E Opferschutz

Ganzheitlicher Opferschutz bei Raubüberfällen

auf Sparkassen meint: Schutz und Hilfen für

Opfer durch alle beteiligten Institutionen.

Bei kriminellen Gewalttaten stand vor nicht allzu

langer Zeit die Tat und damit der Täter immer im

Mittelpunkt des Interesses von Polizei und Justiz.

Polizeilicher- und staatlicherseits gab es keine

Regelung, wer sich um die gesundheitlichen und

materiellen Schäden der Opfer zu kümmern hatte.

In jüngerer Zeit hat ein Paradigmenwandel statt-

gefunden. Zunächst setzte der Staat Maßstäbe:

Mit dem Opferentschädigungsgesetz (OEG,

1976) und dem Opferanspruchssicherungsge-

setz (OASG, 1998) wurden die rechtlichen Grund-

lagen staatlicher Hilfen für die Opfer von Gewalt-

taten geschaffen. Dadurch wuchsen auch inner-

halb der Polizeibehörden die Ansprüche an einen

menschlicheren Umgang mit Gewaltopfern.

Opferschutz hat nicht nur staatliche und polizeili-

che Aspekte von Entschädigung. Im Sinne eines

ganzheitlichen Opferschutzes spielt der Arbeitge-

ber, der Betrieb , insbesondere für die Leistung

von konkreten Hilfen eine wichtige Rolle. Viele

Sparkassen haben in den letzten Jahren entspre-

chende Hilfs- und Betreuungskonzepte entwi-

ckelt. Sie werden darin von den Trägern der

gesetzlichen Unfallversicherung unterstützt. In

Westfalen-Lippe ist das der GUVV Westfalen-

Lippe.

Der Begriff des Opferschutzes entstammt dem

polizeilichen/staatlichen Bereich. So gibt es

bspw. das Opferschutzgesetz (1986) und bei der

Polizei Opferschutzbeauftragte (1999) mit einem

fest umrissenen Tätigkeitsfeld.

Viele der im Folgenden aufgeführten Maßnahmen

gehen weit über den reinen Schutz der Opfer

hinaus. Häufig steht die Verbesserung der Situa-

tion dabei im Vordergrund. Dies trifft in besonde-

rer Weise für die Maßnahmen der Sparkassen

und des GUVV Westfalen-Lippe zu. Im weiteren

Verlauf wird daher des öfteren auch von Opfer-

schutz und Opferhilfe die Rede sein.

Für alle, an der Aufarbeitung von Raubüberfällen

beteiligten Institutionen stehen heute zunehmend

die Betroffenen, die Opfer, im Zentrum des

Handelns.

Die konkreten Aufgaben und Maßnahmen der

verschiedenen Institutionen werden deshalb zum

besseren Verständnis anhand des typischen

Ablaufs infolge eines Raubüberfalls verdeutlicht.

Da aus den Bereichen „Betrieblicher Opferschutz“

und „Opferschutz durch den GUVV Westfalen-

Lippe“ bereits viele Informationen in den anderen

Modulen des Unterweisungsprogramms enthal-

ten sind, liegt der Schwerpunkt in diesem Modul

auf dem staatlichen bzw. polizeilichen Opfer-

schutz.


Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 3:

Wenn es geschehen ist...

Ziel dieser Folie:

Opferschutz

Wenn es geschehen ist...

Ihre Geschäftsstelle wurde überfallen:

Wie ihre Gesundheit geschützt und Ihre Interessen und

Ansprüche gewahrt werden

� Die Beschäftigten sollen die Aufgaben und

Möglichkeiten der verschiedenen, an der

Bearbeitung des Raubüberfalls beteiligten

Institutionen, kennen lernen.

Modul E: 3 von 8

Dazu sollen die TN sich vorstellen, dass sie

Betroffene (Opfer) eines Raubüberfalls auf ihre

Geschäftsstelle sind. Anhand des Ablaufs nach

dem Überfall werden die Aufgaben und Möglich-

keiten der einzelnen Institutionen vorgestellt.

Hinweis für den Referierenden: Beschreiben Sie

einen Überfall und binden Sie die TN mit ein.

Sagen Sie bspw. zu den TN: „Stellen Sie sich vor,

Ihre Geschäftsstelle wurde überfallen. Sie sind

betroffen. Was geschieht nun in der nächsten

Zeit zu ihrer Versorgung, wer ist daran beteiligt?“

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 4:

Opferschutz und Opferhilfen durch die Sparkasse

Ziel dieser Folie:

� Die Beschäftigten sollen die Aufgaben und

Möglichkeiten des Arbeitgebers im Rahmen

der Opferhilfe bzw. des Opferschutzes kennen

lernen

Betrieblicher Opferschutz durch die Sparkasse

– Hilfen durch den Arbeitgeber

Hinweis für den Referierenden: An dieser Stelle

kann das Konzept des eigenen Hauses zur

Betreuung von Überfallbetroffenen vorgestellt

werden. Viele Sparkassen in Westfalen-Lippe

haben mittlerweile entsprechende Hilfesysteme

aufgebaut. Im Laufe der letzten Jahre haben sich

dabei „Regelleistungen“ entwickelt. Gemeint

sind bewährte Hilfeleistungen, die mittlerweile in

den meisten Häusern zum Versorgungsangebot

gehören.

Opferschutz

Opferschutz und Opferhilfe durch die Sparkasse

Erste und weiterführende Hilfsangebote durch speziell

ausgebildete Kolleginnen und Kollegen (bspw. BÜB

Ausbildung von Laienhelfern)

Bereitstellung einer psychologischen Versorgung durch

Experten

Vorbereitung der Beschäftigten durch Schulungen

Zusammenarbeit mit GUVV Westfalen-Lippe und

Polizeibehörde

Modul E: 4 von 8

25


26

Modul E Opferschutz

Zu den konkreten Hilfen der Sparkassen gehö-

ren:

� Erste und weiterführende psychologische

Hilfsangebote durch speziell ausgebildete

kollegiale psychologische Ersthelfer, psycho-

soziale Notfallbetreuer oder von Laienhelfern

nach BÜB-Konzept des GUVV Westfalen-

Lippe

� Bereitstellung einer psychologischen Versor-

gung durch Experten

� Präventionsschulungen

� Zusammenarbeit mit GUVV Westfalen-Lippe

und Polizeibehörden

(S. auch Modul C „Psychologische Erste Hilfe“,

Folien C 20 und C 21)

Hintergründe

Der Arbeitgeber hat eine besondere Verpflich-

tung, die betroffenen Beschäftigten nach Raub-

überfällen zu unterstützen. Sie ergibt sich aus

seiner Fürsorgepflicht sowie aus dem Arbeits-

schutzgesetz, dem SGB VII und diversen Unfall-

verhütungsvorschriften. Danach hat der Arbeit-

geber alle geeigneten Maßnahmen für die Sicher-

heit und Gesundheit seiner Beschäftigten zu tref-

fen. Hierzu zählen auch Maßnahmen der „Ersten

Hilfe“ und somit auch der psychologischen

Ersten Hilfe.

Der Arbeitgeber hat aber auch ein besonderes

Interesse, sich um die Beschäftigten zu

kümmern. Die hohen psychischen Belastungen,

denen die Beschäftigten bei Raubüberfällen

ausgesetzt sind, können unter Umständen zu

schwer wiegenden Folgeerkrankungen führen.

Diese wiederum sind häufig verantwortlich für

eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit (vgl. auch

Modul B).

Es kommt immer wieder vor, dass Beschäftigte

sich ihrem Arbeitgeber nicht offenbaren wollen

und somit die ihnen zur Verfügung gestellten

Hilfsangebote nicht in Anspruch nehmen. Aufga-

be des Arbeitgebers im Rahmen der Betreuung

ist es daher, diesen Beschäftigten aufzuzeigen,

welche weiteren Hilfsmöglichkeiten außerhalb

der Sparkasse für sie bestehen. Es bietet sich an,

für solche Fälle ein Merkblatt vorzubereiten, aus

dem die wichtigsten Adressen und Ansprechpart-

ner der anderen hier genannten Institutionen

ersichtlich sind.


Das Modell der Westfälischen Provinzialversiche-

rung und der Lippischen Landes-Brandversiche-

rungsanstalt zur psychologischen Versorgung

nach Raubüberfällen

Sparkassen in Westfalen-Lippe steht seit April

2003 eine besondere Serviceleistung zur Verfü-

gung. Im Rahmen ihrer so genannten Raubüber-

fallversicherung bieten die Westfälische Provinzi-

alversicherung und die Lippische Landes-Brand-

versicherungsanstalt ihren Kunden eine kostenlo-

se Erstversorgung der betroffenen Beschäftigten

nach Raubüberfällen an. Die Versorgung der

Beschäftigten erfolgt durch speziell qualifizierte

Psychologen des betriebspsychologischen

Unternehmens PECON GmbH in Bielefeld. Die

Psychologen sind in der Regel innerhalb von drei

Stunden am Ort des Geschehens und betreuen

die Beschäftigten bei Bedarf in den nächsten 48

Stunden.

Dieses Angebot hat sich für den Arbeitgeber

bewährt und ist in den vergangenen Jahren

immer stärker in Anspruch genommen worden.

Eingebunden in eine betriebliche Gesamtstrategie

kann der Arbeitgeber durch Hinzuziehung von

professioneller Unterstützung seine Fürsorge-

pflicht im Rahmen der betrieblichen psychologi-

schen Ersten Hilfe in ausgezeichneter Weise

ergänzen.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 5:

Opferschutz und Opferhilfen durch den

GUVV WL

Ziel dieser Folie:

� Die Beschäftigten sollen die Aufgaben und

Möglichkeiten des Gemeindeunfallversiche-

rungsverband Westfalen-Lippe im Rahmen

der Opferhilfe bzw. des Opferschutzes kennen

lernen

Opferschutz und Opferhilfen durch den zustän-

digen UV-Träger (Gemeindeunfallversiche-

rungsverband Westfalen-Lippe)

Konkrete Hilfen

Die konkrete Hilfe für Betroffene durch den GUVV

Westfalen-Lippe läuft – zeitlich gesehen – parallel

zu den Hilfeleistungen der anderen Institutionen

ab.

Opferschutz

Opferschutz und Opferhilfe durch den GUVV

Westfalen- Westfalen Lippe

Aufgaben und Hilfen durch den GUVV WL:

Information und Aufklärung

Vermittlung von professioneller Hilfe

Übernahme von Behandlungskosten

Ggf. Rentenzahlungen

Modul E: 5 von 8

Der GUVV erhält entweder über die Sparkasse

direkt die berufsgenossenschaftliche Unfallanzei-

ge und somit Kenntnis über den Raubüberfall.

27


28

Modul E Opferschutz

Oder, sofern ein Arzt (Durchgangsarzt, Arzt des

eigenen Vertrauens...) aufgesucht wurde durch

dessen Arztbericht. Hierauf basierend nimmt der

GUVV Westfalen-Lippe unmittelbar Kontakt mit

dem oder der Betroffenen auf. In einem Schrei-

ben des zuständigen Sachbearbeiters bzw. der

zuständigen Sachbearbeiterin wird der betroffene

Beschäftigte über die möglichen Folgen von

Raubüberfällen und seinem Anspruch gegenüber

dem GUVV aufgeklärt. Erste Leistungen beziehen

sich bspw. auf die Vermittlung von Psychologi-

schen Psychotherapeuten und die Übernahme

der Beratungskosten. Der GUVV bleibt in Kontakt

mit dem Betroffenen. Sollten die ersten Maßnah-

men nicht die gewünschten Ergebnisse zeigen,

und sich der Gesundheitszustand als Folge des

Arbeitsunfalls des Beschäftigten nicht weiter

verbessert haben, werden weitere Maßnahmen

geplant und in Absprache mit dem Versicherten

durchgeführt. So kann es bspw. notwendig sein,

dass der Versicherte eine Behandlung in einer

speziellen Klinik benötigt. Sollten alle Rehabilita-

tionsmaßnahmen nicht erfolgreich sein und eine

andauernde Berufsunfähigkeit auftreten, gehört

zu den Leistungen des GUVV auch die Zahlung

einer Rente.

Hintergründe

Die gesetzliche Unfallversicherung (GUV) ist

neben der gesetzlichen Krankenversicherung, der

Rentenversicherung, der Arbeitslosenversiche-

rung und der Pflegeversicherung eine der fünf

Säulen unseres sozialen Sicherungssystems. Die

GUV wurde eingeführt, um bei Unfällen, die im

Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit gesche-

hen, die soziale Sicherung der Betroffenen zu

gewährleisten. Vielen ist die GUV nicht bekannt.

Der GUVV Westfalen-Lippe ist u. a. der zuständi-

ge Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für

die Sparkassen in Westfalen-Lippe.

Die Aufgaben der gesetzlichen Unfallversiche-

rung sind seit August 1996 im Sozialgesetzbuch

Sieben (SGB VII) geregelt. Gegenüber der

Reichsversicherungsordnung (RVO), die bis

dahin Rechtsgrundlage allen Handelns war und

sich weitgehend auf die Verhütung von Arbeits-

unfällen im klassischen Sinn beschränkte, wurde

der Begriff der „arbeitsbedingten Gesundheitsge-

fahren“ neu in das SGB VII eingefügt. Diese

gesetzliche Ergänzung bedeutet nunmehr, dass

die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung

bei beruflich bedingten Reaktionen auf schwere

Belastungsreaktionen, z. B. ausgelöst durch

einen Raubüberfall, wesentlich kooperativer bei

der Findung geeigneter Lösungen bemüht sind.

Auch die Frage nach der Übernahme von Kosten

für die psychotherapeutische Heilbehandlung

werden offener angegangen, vorausgesetzt, die

entschädigungsrelevanten Bedingungen sind für

die Anerkennung eines Arbeitsunfalls erfüllt. In

den meisten Fällen sind jedoch die versiche-

rungsrechtlichen Voraussetzungen dafür gege-

ben.

Psychische Gesundheitsschäden sind somit den

körperlichen Gesundheitsschäden – als Folge

eines Arbeitsunfalls – gleichgestellt. Alle

Maßnahmen zur Linderung oder Beseitigung von


Gesundheitsschäden, die unmittelbar mit diesem

Ereignis im Zusammenhang stehen, fallen unter

die Leistungspflicht des UV-Trägers. Die Leistun-

gen der Unfallversicherung nach Eintritt eines

Arbeitsunfalls beziehen sich in erster Linie auf

Maßnahmen zur Rehabilitation, also zur Wieder-

herstellung der Gesundheit des Betroffenen. Bei

einer dauerhaften Erwerbsunfähigkeit kommen

aber auch hier Rentenzahlungen in Frage. Die

Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung

gehen in der Regel weit über die staatlichen

Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz

oder der gesetzlichen Krankenversicherung

hinaus. Grund dafür ist, der im SGB VII festgeleg-

te Grundsatz, die Gesundheit der Beschäftigten

nach Arbeitsunfällen „mit allen geeigneten

Mitteln“ wieder herzustellen. Gesetzliche Kran-

kenkassen haben bspw. den Auftrag, mit „wirt-

schaftlich notwendigen Mitteln“ für die Gesund-

heit ihrer Versicherten zu sorgen.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Opferschutz

Polizeilicher Opferschutz

Die Polizei ist erster Ansprechpartner für Hilfen

außerhalb des Angebotes der eigenen Sparkasse

Opferschutzbeauftragte kümmern sich um die

Betroffenen

Leistungen des polizeilichen Opferschutzes sind:

Menschlicher Beistand und persönliche Betreuung

Begleitung und Unterstützung der Opfer bei Befragungen

Informieren über weiteren Ablauf und Maßnahmen

Vermittlung von Kontakten zu örtlichen professionellen

Hilfseinrichtungen des Opferschutzes

Hilfestellung beim Umgang mit Behörden (bspw.

Versorgungsamt)

Modul E: 6 von 8

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 6 – E 7:

Polizeilicher und staatlicher Opferschutz

Ziel der Folien:

� Die Beschäftigten sollen die Aufgaben und

Möglichkeiten der Polizei und anderer staat-

licher Institutionen im Rahmen der Opferhilfe

bzw. des Opferschutzes kennen lernen.

Polizeilicher und staatlicher Opferschutz – Wo

ist denn da der Unterschied?

Auf den ersten Blick ist die Unterscheidung

zwischen polizeilichem und staatlichem Opfer-

schutz nicht einfach zu treffen. Beides sind

Leistungen, die der Staat für die Opfer von Straf-

taten zur Verfügung stellt. Der polizeiliche Opfer-

schutz beinhaltet die operativen Schutz- und

Hilfsmaßnahmen. Der hier „staatlich“ genannte

Opferschutz meint die Organisation und Verwal-

tung der staatlichen finanziellen Hilfen durch die

zuständigen Versorgungsämter. Die wesentlichen

Unterscheidungsmerkmale sind in der folgenden

Tabelle aufgeführt.

Opferschutz

Staatlicher Opferschutz

Die Idee: Der Staat versorgt und schützt diejenigen

Bürger, die unverschuldet Opfer einer Straftat geworden

sind. Aus den dazu erlassenen Gesetzen ergeben sich:

Versorgungsleistungen (auf Antrag)

Kosten für Heilbehandlung

Ggf. Rentenzahlungen

Werden erbracht von den Versorgungsämtern

Schutzleistungen

Die Justiz wahrt die Opferrechte bei Strafverfahren

Die Justiz schützt die Opfer bzw. Zeugen in Strafverfahren

Modul E: 7 von 8

29


30

Modul E Opferschutz

Polizeilicher Opferschutz Staatlicher Opferschutz

Wer macht es? Kreispolizeibehörden bzw. – Versorgungsamt (Behandlungs-

Polizeipräsidien, vertreten durch kosten, Renten s. u.)

die Opferschutzbeauftragten – Justiz (Zeugenschutz)

Beginn ...unmittelbar nach der Tat ...auf Antrag

Konkrete Maßnahmen z. B.

– psychologische Erste Hilfe – Übernahme von Kosten für Heil

– praktische Hilfen behandlung

– Vermittlung professioneller – Rentenzahlung

– Hilfe (s. u.)

Ziel ...die Betroffenen in dieser Schutz der Opfer vor langaußergewöhnlichen

und andauernden wirtschaftlichten

komplexen Lage nicht allein und/oder gesundheitlichen Schäden

zu lassen. oder weiteren Gefahren durch

den Prozess

Dauer ...kurz, versteht sich als Ersthilfe ...nicht begrenzt, orientiert sich am

Gesundheitszustand der Opfer

Gesetzlicher Hintergrund – Grundgesetz – Opferschutzgesetz

– Polizeigesetze –Opferentschädigungsgesetz

– Erlasse, insbesondere – Opferanspruchssicherungsgesetz

Polizeidienstvorschriften – Zeugenschutzgesetz

– Opferrechtsreformgesetz – Gewaltschutzgesetz

Die Inanspruchnahme polizeilicher und/oder

sonstiger staatlicher Hilfen setzt nicht zwingend

eine Strafanzeige voraus.

Die Leistungen aus dem staatlichen Opferschutz

kommen aber nur dann zum Tragen, wenn

jemand als Privatperson Opfer einer Straftat

geworden ist (s. u.).

In Fällen beruflicher Art ist der jeweils zuständige

Unfallversicherungsträger die leistungserbrin-

gende Behörde.

Polizeilicher Opferschutz

Konkrete Hilfen

Wenn die betroffenen Beschäftigten in der Akut-

phase nach einem Überfall keine Hilfen durch die

Sparkasse oder dem Unfallversicherungsträger

annehmen möchten, so haben sie die Möglich-

keit, sich an die Polizei zu wenden. Dies kann

entweder direkt am Tatort oder auch im Laufe der

folgenden Zeit durch Kontaktaufnahme mit den

örtlich zuständigen Opferschutzbeauftragten der

Polizeibehörde geschehen.

Im Idealfall sprechen die ermittelnden Beamten

die Betroffenen schon von sich aus auf das


Thema Opferschutz an. Bei Übergriffen im priva-

ten Bereich, wie bspw. sexuell motivierte Gewalt-

taten, Einbruchdiebstähle, aber auch bei Verkehrs-

unfällen, ist dies mittlerweile obligatorisch.

Ansprechpartner für die Beschäftigten kann jeder

Polizeibeamte in der zuständigen Polizeibehörde

sein. Meistens wird aber der oder die Opfer-

schutzbeauftragte hinzugezogen. Die Opfer-

schutzbeauftragten sind auf diese Thematik

spezialisierte Polizeibeamtinnen und -beamte. In

Nordrhein-Westfalen gibt es mittlerweile in jeder

Kreispolizeibehörde bzw. in jedem Polizeipräsi-

dium Opferschutzbeauftragte.

Konkrete Hilfen sind bspw.:

–Menschlicher Beistand und persönliche

Betreuung im Einzelfall

–Begleitung und Unterstützung der Opfer bei

Befragungen durch die ermittelnden Polizeibe-

amten

–Informieren über weiteren Ablauf und Maßnah-

men

–Vermittlung von Kontakten zu örtlichen profes-

sionellen Hilfseinrichtungen des Opferschut-

zes (bspw. „Weißer Ring“)

–Hilfestellung beim Umgang mit Behörden

(bspw. Versorgungsamt)

Der polizeiliche Opferschutz versteht sich in

erster Linie als eine Ersthilfe. Nach der Informa-

tion und der persönlichen Stabilisierung werden

die Betroffenen in ein lokales Hilfe-Netzwerk

„übergeben“. In diesem Netzwerk sind verschie-

denste Institutionen, wie der „Weiße Ring“, städ-

tische Beratungsstellen, Frauenhäuser, Selbsthil-

fegruppen, Kliniken etc. zusammengeschlossen.

Hintergründe

Die Polizei nimmt eine Schlüsselrolle im Opfer-

schutz ein. Sofern nicht eine Versorgung durch

den Arbeitgeber statt findet, ist sie die erste Insti-

tution, die Kontakt mit den Betroffenen bekommt.

Dies gilt auch für Vernehmungen. Im Laufe der

Jahre ist die polizeiliche Opferhilfe immer profes-

sioneller geworden und die Betroffenen sind dort

in der Regel gut aufgehoben. Durch die Vermitt-

lung in das Hilfenetzwerk ist eine gute Weiterver-

sorgung sicher gestellt.

Staatlicher Opferschutz

Konkrete Hilfen

Der Grundgedanke beim staatlichen Opferschutz

ist die Berücksichtigung und Durchsetzung von

Interessen und Bedürfnissen der Opfer.

Die Hilfen auf staatlicher Ebene sind für die

Betroffenen des Überfalls erst zu einem späteren

Zeitpunkt relevant. Sie werden auf zwei Ebenen

geleistet:

Die Versorgungsämter sind für die Gewährung

von Leistungen zur Wiederherstellung der

Gesundheit und finanzieller Leistungen zustän-

dig. Gesetzliche Grundlage für die Versorgungs-

ämter ist u. a. das Opferentschädigungsgesetz

(s.u.). Leistungen werden nur auf Antrag

gewährt.

31


32

Modul E Opferschutz

Leistungen sind z. B.:

–Heil- und Krankenbehandlung

–Zahlung einer Rente, wenn eine dauerhafte

Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von

30% eingetreten ist

–Hilfe zur beruflichen Rehabilitation, Woh-

nungshilfe, Krankenhilfe, Altenhilfe

–Sterbegeld, Bestattungsgeld

–Hinterbliebenenversorgung für Witwen,

Witwer, Waisen, Eltern

Art und Umfang der Leistungen sind einzelfallab-

hängig.

Schmerzensgeld zählt nicht zu den Entschädi-

gungsleistungen.

Ebenso werden Sach- und Vermögensschäden

nicht erstattet. Für körperliche Hilfsmittel wie Bril-

len oder Kontaktlinsen und für Schäden am

Zahnersatz gelten Sonderregelungen.

In Nordrhein-Westfalen gibt es 11 Versorgungs-

ämter. Sie decken jeweils eine bestimmte Region

ab und sind zu finden in Aachen, Bielefeld, Dort-

mund, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Gelsenkir-

chen, Köln, Münster, Soest und Wuppertal. Dane-

ben existiert noch ein Landesversorgungsamt in

Münster.

Wichtig!

Allerdings kommen die Versorgungsämter als

Leistungserbringer zur Wiederherstellung der

Gesundheit für betroffene Beschäftigte nicht in

Frage. Ist jemand während der Arbeit Opfer eines

Raubüberfalls geworden, so gilt dies als Arbeits-

unfall. Alle notwendigen Leistungen müssen

dann vom zuständigen UV-Träger übernommen

werden. Die Versorgungsämter müssen mit dem

Arbeitgeber und dem zuständigen UV-Träger

zusammenarbeiten. Spätestens dann würde der

Vorgang im Unternehmen bekannt werden.

Die Justiz sorgt dafür, dass im Strafverfahren die

Rechte der Opfer gewahrt bleiben und Sie bei

ihren Aussagen geschützt werden, bspw. durch

spezielle Maßnahmen zum Zeugenschutz. Hierzu

zählt u. a. die psychologische Begleitung von

Zeugen während des Strafverfahrens (§ 48 Straf-

prozessordnung)

Die o. a. Mittel zur Durchsetzung der Bedürfnisse

und Interessen der Opfer ergeben sich aus

verschiedenen Gesetzen, die der Staat erlassen

hat. Ohne ins Detail zu gehen, werden hier die

wichtigsten aufgeführt und kurz erläutert.

Die Rechte der Opfer von Gewalttaten ergeben

sich aus dem:

� Opferentschädigungsgesetz

� Opferschutzgesetz

� Zeugenschutzgesetz

� Opferanspruchssicherungsgesetz

� Opferrechtsreformgesetz


Opferentschädigungsgesetz (1976)

Das Gesetz legt erstmals fest, dass Verbrechens-

opfer Anspruch auf staatliche Hilfe haben.

Ein Opfer im Sinne des Gesetzes ist eine Person,

die infolge eines vorsätzlichen, rechtswidrigen

tätlichen Angriffs gegen seine oder eine andere

Person eine gesundheitliche und/oder materielle

Schädigung erlitten hat. Dies schließt auch Straf-

taten mit ein, die nicht unmittelbar mit körper-

licher Gewalt in Verbindung stehen wie Bedro-

hung, Einbruchdiebstahl, Verkehrsunfälle und

natürlich auch Raubüberfälle auf Sparkassen

Die hieraus resultierenden Leistungen sind

bereits oben aufgeführt. Der Umfang der Versor-

gungen bestimmt sich nach den Vorschriften des

Bundesversorgungsgesetzes für die Opfer des

Krieges und ihrer Hinterbliebenen.

Opferschutzgesetz (1986)

Das Opferentschädigungsgesetz (s. o.) hatte dazu

geführt, dass Kriminalitätsopfer staatliche Versor-

gungsleistungen erhalten können. Die schlechte

Stellung der Opfer im Strafverfahren blieb damit

aber noch unberührt und unverbessert.

Das Opferschutzgesetz holte nun die Opfer aus

ihrer passiven Rolle des Opferzeugen in Straf-

prozessen heraus. Strafprozesse sind staatlich

geführte Prozesse. Gegenüber Zivilverfahren

(Prozesse zwischen Privatleuten) waren die Opfer

hier lediglich Zeugen und nicht Ankläger.

Das Opferschutzgesetz brachte den Opfern neue

Rechte im Strafprozess ein:

Zu diesen neuen Befugnissen zählen z. B. Anwe-

senheitsrechte, Akteneinsichtsrechte und die

Möglichkeit, einen so genannten Opferanwalt

hinzuziehen zu dürfen. Außerdem wurden die

Nebenklagemöglichkeiten erweitert. Ferner hat

das Opfer nun ein Recht darauf, eine Mitteilung

über den Ausgang des Verfahrens in schriftlicher

Form zu erhalten.

Zeugenschutzgesetz (1998)

Das Gesetz hat das Ziel, den Opferschutz weiter

zu verbessern. Das Gesetz wurde in erster Linie

für Zeugen gemacht, die in Fällen von organisier-

ter Kriminalität vor Gericht aussagen müssen

oder wollen und durch den möglichen öffent-

lichen Auftritt sich einer zusätzlichen Gefahr für

Leib und Leben gegenüber sehen. Durch das

neue Gesetz können Zeugen anonym bleiben.

Dies aber nur dann, wenn sie in ein Zeugen-

schutzprogramm aufgenommen wurden.

Bei Raubüberfällen trifft diese Regelung zumeist

nicht zu! Das bedeutet: Der gegnerische Anwalt

kann jederzeit durch Akteneinsicht Kenntnis über

die persönlichen Daten wie Name, Alter, Wohnort

erlangen. Die Wahrung der Identität bis zur

Gerichtsverhandlung ist dennoch möglich: Die

Betroffenen haben die Möglichkeit den Arbeitge-

ber bzw. die Geschäftstelle als Korrespondenz-

adresse anzugeben. Spätestens allerdings mit der

Vernehmung vor dem Richter muss die Identität

preisgegeben werden. Denn das Recht des Täters

zu erfahren, wer die Prozessbeteiligten sind, ist

höherwertig als das Recht des Opfers zur

Wahrung seiner Anonymität. Die Aufzeichnung

33


34

Modul E Opferschutz

von Vernehmungen auf Video kommt bei Straf-

verfahren zu Raubüberfällen in der Regel nicht

zur Anwendung.

Bei besonders schwerwiegender Bedrohung oder

Belastung eines Zeugen kann die Vernehmung im

Gericht als Ausnahme auch in Abwesenheit des

Angeklagten erfolgen.

Da das Zeugenschutzgesetz im Modul F „Polizei

und Justiz“ eine größere Rolle spielt, wird an

dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen und

auf die entsprechenden Abschnitte im Modul F

verwiesen.

Opferanspruchssicherungsgesetz (1998)

Das Gesetz beruht darauf, dass es sich bei den

Tätern eingebürgert hat, die Straftat oder sich

selber zu „vermarkten“. Das Gesetz räumt den

Opfern von Straftaten ein gesetzliches Pfandrecht

an solchen Honoraransprüchen von Tatbeteilig-

ten ein, die diese durch die Vermarktung der Tat

in Fernsehen, Rundfunk, Zeitschriften und

Zeitungen sowie anderen Medien, auch des

Buchverlagswesen erlangt haben.

In der Vergangenheit gingen die Opfer von Straf-

taten wegen Zahlungsunfähigkeit der Täter in der

Regel leer aus oder, weil die Verwertungserlöse

bereits anderweitig vollständig verwertet oder im

Vorfeld an „Dritte“ abgetreten worden waren. Das

Pfandrecht setzt keine rechtskräftige Verurteilung

des Täters voraus.

Opferrechtsreformgesetz (2004)

Das Opferrechtsreformgesetz ist gewissermaßen

die Fortschreibung des Opferschutzgesetzes. Die

Rechte von Opfern im Strafverfahren werden

durch das Gesetz noch weiter gestärkt:

–Mehrfache Vernehmungen der Opfer sollen

möglichst vermieden werden

–Die Möglichkeit, Schadenersatzansprüche

direkt im Strafverfahren geltend zu machen,

wird verbessert

–Die Opfer erhalten stärker als bisher Informatio-

nen über den Stand des Strafverfahrens sowie

über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten

Damit ist ein weiterer Schritt zur Abkehr von der

Sichtweise des Opfers als Zeuge und somit letzt-

lich als Beweismittel getan.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie E 8:

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Opferschutz

Zusammenfassung

Leistungen des ganzheitlichen Opferschutzes:

Sparkasse

Betreuung durch speziell geschulte Kolleginnen und Kollegen

Fürsorge in der Folgezeit

GUVV Westfalen-Lippe

Vermittlung professioneller Hilfe

Übernahme von Behandlungskosten

Ggf. Rentenzahlungen

Kreispolizeibehörde bzw. Polizeipräsidien

Beratung und Betreuung durch den Opferschutzbeauftragten bzw.

die Opferschutzbeauftragte

Versorgungsamt

Übernahme von Behandlungskosten

Ggf. Rentenzahlungen

Vor Gericht

Spezieller Zeugenschutz

Diese Folie fasst die Inhalte des Moduls E noch

einmal im Überblick zusammen.

Modul E: 8 von 8


Merkblätter

Merkblatt für Beschäftigtezum Unterweisungsprogramm nach § 25 UV „Kassen“

Modul E – Opferschutz

Schutz und Hilfen durch die eigene Sparkasse

Nach Raubüberfällen rücken die betroffenen

Beschäftigten immer mehr in den Blickpunkt der

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Während es

Anfang der neunziger Jahre kaum Konzepte für

eine Betreuung der betriebsinternen Opfer gab,

so ist heute mittlerweile das Angebot einer

psychologischen Betreuung der Betroffenen bei

den meisten Sparkassen und Banken obligato-

risch. Auch Ihre Sparkasse hat eine entsprechen-

de Vorsorge getroffen.

Sollten Sie aber die Ihnen zur Verfügung stehen-

den Angebote zur Betreuung durch Ihr Haus nach

Überfällen nicht in Anspruch nehmen wollen,

stehen Ihnen weitere, neutrale Hilfen zur Verfü-

gung.

Neutrale Hilfe: Opferschutz durch die Polizei

Der Staat hat die Aufgabe, die Opfer von Strafta-

ten zu schützen. Dazu hat er bei den örtlichen

Polizeibehörden Opferschutzstellen eingerichtet.

Dort gibt es die Opferschutzbeauftragten. Dies

sind auf diese Thematik spezialisierte Polizeibe-

amtinnen und -beamte. In Nordrhein-Westfalen

gibt es mittlerweile in jeder Kreispolizeibehörde

bzw. in jedem Polizeipräsidium Opferschutzbe-

auftragte. Im Idealfall sprechen die im Rahmen

des Überfalls ermittelnden Beamten Sie von sich

aus auf das Thema Opferschutz an. Ansonsten

nehmen Sie bitte selbst Kontakt mit Ihrer

örtlichen Polizeibehörde auf.

Die Leistungen der Opferschutzbeauftragten:

–Menschlicher Beistand und persönliche Be-

treuung im Einzelfall

–Begleitung und Unterstützung der Opfer bei Be-

fragungen durch die ermittelnden Polizeibeamten

–Informieren über weiteren Ablauf u. Maßnahmen

–Vermittlung von Kontakten zu örtlichen profes-

sionellen Hilfseinrichtungen des Opferschut-

zes (bspw. „Weißer Ring“)

–Hilfestellung beim Umgang mit Behörden

(bspw. Versorgungsamt)

Der polizeiliche Opferschutz versteht sich in

erster Linie als eine Ersthilfe. Nach der Informa-

tion und persönlichen Stabilisierung werden die

Betroffenen in ein lokales Hilfe-Netzwerk „über-

geben“. In diesem Netzwerk sind verschiedenste

Institutionen, wie bspw. der „Weiße Ring“, städti-

sche Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Klini-

ken etc. zusammengeschlossen.

Zögern Sie nicht, wenn Sie das Gefühl haben,

dass Sie Hilfe benötigen. Je eher die Hilfe

erfolgt, desto besser für Ihre Gesundheit und

Arbeitsfähigkeit.

Ihr erster Ansprechpartner ist die örtliche

Polizeibehörde. Fragen Sie nach dem Opfer-

schutzbeauftragten.

Für weitere Fragen:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Salzmannstraße 156, 48159 Münster

Tel. (02 51) 2102-0

35


36

Modul F Polizei und Justiz

Polizei und Justiz

Folie Titelfolie:

Übersicht der Inhalte des Unterweisungspro-

gramms

Ziele dieser Folie:

Diese Folie dient dazu, den Teilnehmerinnen und

Teilnehmern (TN) einen Überblick über Inhalt und

Ziele des gesamten Unterweisungsprogramms

zu verschaffen und gleichzeitig zu verdeutlichen,

mit welchem Modul aktuell gearbeitet wird.

Ziele des Moduls F:

Immer wieder kommt es vor, dass die Beschäftig-

ten sich nach Raubüberfällen kritisch über die

Ermittlungsmethoden und Befragungen zum

Tathergang äußern. Das Verhalten der ermitteln-

den Beamten erscheint den Beschäftigten häufig

unpassend, grob und unsensibel. Manche

Maßnahmen werden sogar als unverständlich

empfunden.

Überfälle auf Sparkassen

- Unterweisungsprogramm zu § 25 UVV „Kassen“ -

Einleitung

Belastungen und Stress

Psychische Folgen von Raubüberfällen und deren Prävention

Psychologische Erste Hilfe nach Raubüberfällen

Das Überfallgeschehen

Opferschutz

Polizei und Justiz

Baulich-technische Prävention -Psychologische Aspekte

Hrsg.: Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe, Konzept PECON GmbH Modul F: Titelfolie

Außerdem berichten Betroffene, die im Rahmen

der Strafverfolgung als Zeuge vor Gericht aussa-

gen müssen immer wieder von zusätzlichen

Belastungen. Diese entstehen zum einen

dadurch, dass das belastende Ereignis wieder ins

Gedächtnis gerufen wird. Zum anderen kommt es

bei den Verfahren auch zu Begegnungen mit den

Tätern. Auch versetzt es sie häufig in Sorge,

wenn sich plötzlich ein Entschuldigungsschrei-

ben des Täters im häuslichen Briefkasten befindet

und damit klar ist, dass der Täter Kenntnis über

die Privatadresse des Beschäftigten hat.

Mit dem Modul werden folgende Ziele verfolgt:

� Die Beschäftigten sind vorbereitet auf die Situ-

ation nach dem Überfall.

� Sie sind informiert über Aufgaben und

Maßnahmen von Polizei und Justiz im

Rahmen der Strafverfolgung

� Sie können die Maßnahmen und Vorgehens-

weise der Polizei und Justizbehörden besser

einordnen und entwickeln ein Verständnis für

das Vorgehen der Behörden.

� Häufig gestellte Fragen der Beschäftigten sind

beantwortet

Das Modul F steht in einem engen Zusammen-

hang mit dem Modul D „Das Überfallgeschehen“.

Es ist gewissermaßen dessen Fortsetzung.


Häufig gestellte Fragen von Beschäftigten

im Zusammenhang mit der Strafverfolgung:

Stürmt die Polizei bei Überfällen immer in die

Geschäftsstelle?

Warum kommt die Polizei nicht schneller?

Warum diese Befragung?

Warum wiederholte Befragungen?

Muss die Privatadresse angegeben werden?

Ist eine Gegenüberstellung mit dem Täter

notwendig?

Gab es schon Racheakte von Tätern gegen

Sparkassenbeschäftigte?

Antworten auf diese Fragen im Text

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie F 1:

Übersichtsfolie

Ziel dieser Folie:

� Die TN sollen einen Überblick über das Modul

F erhalten.

Polizei und Justiz

Übersicht

Während und nach dem Überfall:

Die Rolle und die Aufgaben der Polizei

Wie läuft ein Einsatz ab?

Häufig gestellte Fragen im Zusammenhang mit Einsätzen

Die Rolle und die Aufgaben der Justizbehörden

Staatsanwaltschaft

Vor Gericht: Ablauf des Verfahrens

Modul F: 1 von 5

Inhalte des Moduls F:

1. Rolle und Aufgaben der Polizei

2. Rolle und Aufgaben der Justizbehörden

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie F 2 – F 3:

Die Polizei

Ziel dieser Folie:

� Die TN sollen die Rolle und die Aufgaben der

Polizei kennen lernen.

Polizei und Justiz

Vorgehen und Rolle der Polizei

Vorgehen der Polizei bei Überfallalarm

Nach Eingang des Alarms erfolgt Rückruf der Polizei bei der

Geschäftstelle (kodierte Nachfrage)

Detaillierte Beschreibung der Geschäftstelle wird von der Polizei in

der vorliegenden Objektschutzkartei abgerufen

Alarm wird verschlüsselt an Streifenfahrzeuge weitergegeben

Streifenfahrzeuge nähern sich ohne Blaulicht und Martinshorn

Das zuerst eintreffende Fahrzeug bezieht eine vorgegebene

Beobachtungsposition (in der Objektschutzkartei festgelegt) .

Polizei und Justiz

Vorgehen und Rolle der Polizei

Fortsetzung: Vorgehen der Polizei bei Überfallalarm

Die Polizei betritt die Geschäftsräume erst, nachdem die

Täter sie verlassen haben

Dann erfolgt Kontaktaufnahme mit den Beschäftigten

(nach einem in der Objektschutzkartei vereinbarten Modus)

Modul F: 2 von 5

Polizisten in weiteren Einsatzfahrzeugen übernehmen

Fahndungsaufgaben

Gezielte Suche nach Verdächtigen im Nahbereich

Kontrolle von Ein- und Ausfallstraßen in einem definierten

Umkreis

Modul F: 3 von 5

Ein Überfall hat statt gefunden. Die Aufgaben der

Polizei beginnen mit dem Auslösen des Alarms in

der Geschäftsstelle durch die Beschäftigten.

37


38

Modul F Polizei und Justiz

Viele Beschäftigte gehen davon aus, dass die

Polizei in die Sparkasse stürmt und es zu einer

Schießerei kommt, während der Täter sich noch

in den Geschäftsräumen befindet. Sie fürchten

den telefonischen Rückruf der Polizei, bevor der

Täter die Sparkasse verlassen hat. Sie haben

Angst, dass der Täter ihnen anmerkt, dass sie

den Alarm ausgelöst haben, dass er dadurch

nervös wird und dafür Rache nimmt.

Das V orgehen der Polizei:

Der Alarm läuft in der Einsatzleitstelle der Polizei

auf. Vereinbarungsgemäß erfolgt daraufhin ein

Rückruf bei der Geschäftsstelle, um zu erfragen,

was dort passiert ist. Dies geschieht über eine

kodierte Nachfrage, die Auskunft darüber gibt, ob

es sich um einen Überfall oder ggf. um einen Fehl-

alarm handelt.

In beiden Fällen greifen die Beamten der Einsatz-

leitstelle auf die hinterlegte Objektschutzkartei der

betroffenen Geschäftsstelle zu, in der sie eine

detaillierte Beschreibung und Abbildung der GS

finden. Hierin sind alle wichtigen Daten wie

Einrichtungen, Zugänge zur Geschäftsstelle, Lage

des Tresors, Kassensicherungskonzept, Parkmög-

lichkeiten, Anzahl der Beschäftigten etc. enthalten.

Sie ermöglichen eine optimale Vorgehensweise bei

Einsätzen. Im Interesse der Beschäftigten und der

Sparkasse sollten die darin enthaltenen Daten

regelmäßig aktualisiert und ergänzt werden.

Der Alarm wird sodann unmittelbar verschlüsselt

über Funk an die Streifenfahrzeuge weitergegeben.

Die Annäherung an die Geschäftsstelle erfolgt

dabei grundsätzlich verdeckt, d. h. ohne Blaulicht

und Martinshorn, um sowohl Geiselnahmen zu

verhindern als auch die Sicherheit der Polizeibe-

amten nicht zu gefährden.

Das erste Fahrzeug, das am Tatort eintrifft, bezieht

dabei eine vorher festgelegte Position im Rahmen

der Objektsicherung. Die Beamten beobachten das

Objekt, um sicher zu gehen, dass der Täter die

Geschäftsstelle verlassen hat. Der Schutz der

Beschäftigten steht bei allen polizeilichen Aktivitä-

ten im Vordergrund.

Um Geiselnahmen oder sonstige Eskalationen

weitgehend zu vermeiden, betritt die Polizei die

Geschäftsräume erst, nachdem der Täter sie

verlassen hat. Die Kontaktaufnahme zwischen der

Polizei und den Beschäftigten am Tatort läuft nach

einem standardisierten Modus ab, der vorher

vereinbart wurde und ebenfalls Gegenstand der

Objektschutzkartei ist.

Die weiteren am Einsatz beteiligten Polizeifahrzeu-

ge übernehmen sofortige operative Fahndungsauf-

gaben: Gezielte Suche im Nahbereich nach

verdächtigen Personen und Schließen des ersten

Fahndungsringes. Sie positionieren sich dabei an

bestimmten Standorten und kontrollieren die Ein-

und Ausfallstraßen in einem definierten Umkreis.

Wissen sollte jeder, dass der gleiche Mechanismus

auch bei Fehlalarmen abläuft.

Da die Polizei bei einem Alarm davon ausgehen

muss, dass es ein echter ist, sollten die Beamten

der Objektsicherung möglichst schnell und

eindeutig durch einen Beschäftigten über die

tatsächliche Situation informiert werden.


Bei Alarmen über Telefon (110) sollte die Leitung

offen gehalten werden, damit die Einsatzleitung die

Chance des Mithörens hat.

Um die polizeilichen Maßnahmen möglichst

schnell in Gang zu setzen und auch mit Erfolg

abschließen zu können, zählt jede Sekunde. Der

Alarm sollte deshalb, wenn niemand gefährdet

ist, so früh wie möglich ausgelöst werden.

In der Regel werden bei einem Raubüberfall die

polizeilich-taktischen Maßnahmen allein über die

örtliche Einsatzleitstelle koordiniert. Das Landes-

kriminalamt wird nur dann um Unterstützung

gebeten, wenn das Fachdezernat „Raub“ dies für

erforderlich hält, z. B. bei kriminaltechnischen

Untersuchungen etc.

Durch ein entsprechendes Verhalten kann jeder

Beschäftigte dazu beitragen, die Situation bei

einem Raubüberfall so unkritisch wie möglich zu

gestalten. Hinweise finden sich dazu im Modul D,

„Das Überfallgeschehen“

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie F 4:

Polizei und Justiz

Die Justizbehörden- Justizbehörden Staatsanwaltschaft und Gericht

Staatsanwaltschaft und Gericht

Die Staatsanwaltschaft ist grundsätzlich die maßgebende

Behörde in allen Strafsachen. Als Strafverfolgungsbehörde

obliegt ihr die Leitung des Ermittlungsverfahrens sowie die

Erhebung und Vertretung der Anklage vor Gericht.

Die polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen

Ermittlungsergebnisse, basierend auf der Vernehmung des

Täters und der sonstigen unmittelbar Betroffenen

(Opfer/Zeugen), der Tatortauswertung und dergleichen,

münden in der Anklageschrift.

Modul F: 4 von 5

Die Justizbehörden – Staatsanwaltschaft und Gericht

Ziele dieser Folie:

� Die TN sollen die Rolle und Aufgaben der

Justizbehörden (Staatsanwaltschaft und

Gericht) kennen lernen.

� Die TN sollen den typischen Ablauf einer

Gerichtsverhandlung aus Sicht eines Zeugen

kennen lernen.

Wenn Sie z. B. Betroffener eines Raubüberfalls

waren, ist es wahrscheinlich, dass Sie nicht nur

durch die Polizei, sondern auch durch die Staats-

anwaltschaft oder, zu einem späteren Zeitpunkt,

durch das zuständige Gericht zum Tathergang

vernommen werden. Zum besseren Verständnis

der nun folgenden juristischen Verfahrensschritte

werden an dieser Stelle die wesentlichen Aufga-

ben der Justizbehörden – aus Sicht der Betroffe-

nen – in aller Kürze erläutert:

Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft ist grundsätzlich die

maßgebende Behörde in allen Strafsachen. Als

Strafverfolgungsbehörde obliegt ihr die Leitung

des Ermittlungsverfahrens sowie die Erhebung

und Vertretung der Anklage vor Gericht. Damit

besteht bei jedem Raubüberfall nach dem Legali-

tätsprinzip (§ 152 Strafprozessordnung) die

zwingende Pflicht einzuschreiten.

Wenn der vermeintliche Täter gefasst ist, wird von

der Staatsanwaltschaft das Vorverfahren eingeleitet.

Bei hinreichendem Tatverdacht erfolgt danach die

Eröffnung des Hauptverfahrens durch das Gericht.

Die polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen

Ermittlungsergebnisse, basierend auf der

Vernehmung des Täters und der sonstigen

39


40

Modul F Polizei und Justiz

unmittelbar Betroffenen (Opfer/Zeugen), der

Tatortauswertung und dergleichen, münden in

der Anklageschrift. Alle Beteiligten können –

abhängig vom Ermittlungsstand – mehrfach

sowohl von der Polizei als auch von der Staatsan-

waltschaft zur Sache vernommen werden. Dies

geschieht immer dann, wenn widersprüchliche

Aussagen zum Sachverhalt vorliegen.

Betroffene berichten nicht selten von dem

Phänom, dass ihnen bei Vernehmungen – wenn

auch nur Unterschwellig – eine Tatbeteiligung

unterstellt wird. Durch die Anschuldigungen

verstärken sich die psychischen Belastungen

verständlicher Weise. Daher sollte jeder Beschäf-

tigte auf solche Fragen vorbereitet sein und nicht

erst im Laufe der Vernehmung überraschend

damit konfrontiert werden.

Neben Auskünften über den Tathergang werden

die persönlichen Daten wie Name, Vorname,

Anschrift etc. im Vernehmungsprotokoll festge-

halten. Zur Wahrung der Identität kann jedoch

dem Betroffenen im Einzelfall gestattet werden,

statt des Wohnortes seine Dienstadresse, d. h. in

diesem konkreten Fall, die Adresse der betroffe-

nen Sparkasse oder, eine andere ladungsfähige

Adresse anzugeben.

Bitte beachten Sie bei Vernehmungen durch die

Staatsanwaltschaft aber auch durch die Polizei

die Dienstanweisung Ihres Hauses in Bezug auf

„Schweigepflicht – Auskunfterteilung“.

Entschuldigungsschreiben des Täters

In letzter Zeit häufen sich die Fälle, dass die

Täter aus der Untersuchungshaft Briefe an die

Opfer des Raubüberfalls schicken, um sich zu

entschuldigen. Das Motiv wird nicht immer

echte Reue sein, sondern eher einen besseren

Eindruck vor Gericht zu erzielen.

Für die Betroffenen ist es häufig völlig überra-

schend und unerklärlich, dass ein Entschuldi-

gungsschreiben des Täters an die Privat-

adresse gelangt, obwohl alle Maßnahmen zur

Wahrung der Identität vereinbart waren. Dies

ergibt sich aus folgenden Umständen:

Ist der Täter bspw. bei einem Raubüberfall

ermittelt und/oder sitzt er ggf. auch schon in

Untersuchungshaft, hat der Verteidiger des

Täters das Recht, die dem Gericht vorliegen-

den Akten in der Regel einzusehen. Somit

könnten die personenbezogenen Daten aus

den Ermittlungsakten über den Verteidiger an

den Beschuldigten weitergereicht worden

sein. Der Täter nutzt dieses Mittel oftmals als

eine Form der „Wiedergutmachung oder als

Reuebekenntnis“, um das Gericht – insbeson-

dere bei einem Geständnis – strafmildernd zu

stimmen.

So überraschend und belastend diese Täter-

briefe auch sind: Zu Übergriffen von Tätern

gegen Zeugen/Opfer ist es glücklicherweise

noch nie gekommen.


Eröffnung des Strafverfahrens

Nach Abschluss des staatsanwaltschaftlichen

Ermittlungsverfahrens werden die relevanten

Prozessakten dem Gericht zugeleitet. Das

Gericht, vertreten durch den zuständigen vorsit-

zenden Richter, beschließt die Eröffnung des

Hauptverfahrens, wenn nach den Ergebnissen

der Angeschuldigte einer Straftat hinreichend

verdächtig erscheint.

Ablauf des Hauptverfahrens und Zeugenverneh-

mung

Für die Zeugen des Überfalls beginnt das Verfah-

ren damit, dass sie eine Vorladung des Gerichtes

zur Aussage in der Verhandlung erhalten. Der

gerichtlichen Vorladung zur Hauptverhandlung

ist Folge zu leisten. Sollte aus Krankheitsgründen

ein Zeuge nicht Aussagen können, ist ein ärztli-

ches Attest notwendig. Dies gilt auch für übermä-

ßige psychische Belastungen für den Zeugen

durch die Verhandlung.

Die Hauptverhandlung beginnt mit dem Aufruf

der „Sache“. Der Vorsitzende stellt danach fest,

ob der Angeklagte und der Verteidiger anwesend

und die Beweismittel herbeigeschafft, insbeson-

dere die geladenen Zeugen und Sachverständi-

gen erschienen sind. Die Zeugen verlassen

danach den Sitzungssaal.

Der Vorsitzende vernimmt den Angeklagten über

seine persönlichen Verhältnisse. Darauf verließt

der Staatsanwalt die Anklage. Der Angeklagte

wird anschließend zur Sache vernommen. Hier-

nach folgt die Beweisaufnahme, die u. a. auch die

Vernehmung der Zeugen und der sonstigen

Beteiligten beinhaltet.

Die Vernehmung der Zeugen beginnt damit, dass

sie über Vor- und Zuname, Alter, Stand oder

Gewerbe und Wohnort sowie dem Tathergang

richterlich befragt werden. Im Laufe der Verneh-

mung werden in der Regel alle personenbezoge-

nen Daten den im Gerichtssaal anwesenden

zugänglich, also auch dem Täter. Zeugen müssen

diese Angaben vor Staatsanwaltschaft und

Gericht machen, vor der Polizei sind diese Anga-

ben immer freiwillig. Es werden Fragen zur Iden-

tifizierung der Täter und zum Tatablauf gestellt.

Nach Beendigung der Befragung wird der Zeuge

entlassen. Die Verhandlung ist in der Regel

öffentlich. Die Begleitperson zur psychologischen

Unterstützung (s. u.) sitzt während der Verhand-

lung im Zuschauerraum. Um auf die Befragung

durch den Richter vorbereitet zu sein, empfiehlt

es sich für die Betroffenen von Raubüberfällen,

sich bereits kurz nach dem Überfall entsprechen-

de Notizen zu machen. Dies ist auch sinnvoll, weil

die Verhandlung oft lange nach der Tat stattfindet.

Manchmal kommt es vor, dass geladene Zeugen

gar nicht aussagen müssen, wenn weder der

Richter, die Staatsanwaltschaft noch die Verteidi-

gung die Anhörung des geladenen Zeugen für

nötig erachten. Die entstandenen Auslagen

werden von der Gerichtskasse erstattet.

Damit ist das Strafverfahren für den Zeugen in

der Regel beendet.

41


42

Modul F Polizei und Justiz

Zeugenschutz

Es ist die Aufgabe des Staates, die Zeugen von Straftaten vor jeglichen Nachteilen durch die Rolle des

Zeugen vor Gericht zu schützen

Mit dem Inkrafttreten des Zeugenschutzgesetzes im Dezember 1998 wurden weitgehende Schutzmaß-

nahmen vorgesehen, wenn eine Befragung als Zeuge bevorsteht:

Aufnehmen der Vernehmung auf Video

Grundsätzlich kann jede Vernehmung eines Zeugen auf „Bild-Ton-Träger“ aufgezeichnet werden.

Videoaufzeichnungen sollen es den Opfern ersparen persönlich im Gerichtssaal aufzutreten, um star-

ke psychische Belastungen und Destabilisierungen zu vermeiden.

Sie ersparen es dem Opfer mehrfachen Vernehmungen in verschiedenen Instanzen ausgesetzt zu sein.

Sie können als Beweismittel mit in die Hauptverhandlung eingeführt werden, gerade wenn der Zeuge

nicht mehr zur Verfügung steht oder wie im ersten Fall, wenn die mit einem persönlichen Erscheinen

verbundenen psychischen Belastungen zu stark sein würden.

Angabe der Identität

Besteht Anlass zu Besorgnis, dass der Zeuge selbst oder eine andere Person durch die Angabe der

Identität oder des Wohn- und Aufenthaltsortes gefährdet wird, kann es dem Zeugen gestattet werden,

statt des Wohnortes seinen Geschäfts- oder Dienstort oder eine andere ladungsfähige Anschrift anzu-

geben oder Angaben über eine frühere Identität zu machen. Die Unterlagen über die wahre Identität

werden bei der Staatsanwaltschaft verwahrt. In besonders schweren Fällen erfolgt die vollständige

Aufnahme aller persönlichen Daten in die Strafakte erst nach dem Entfallen der Gefährdung, d. h. nach

Verurteilung des Angeklagten.

Bisherige Erfahrungen aus einer Vielzahl zurückliegender Strafprozesse haben gezeigt, dass Repres-

salien seitens des Täters gegenüber den Betroffen glücklicherweise nicht vorgekommen sind.

Einblick in die Prozessakten

Es besteht die Möglichkeit für die Opfer/Zeugen als Nebenkläger („neben der Staatsanwaltschaft“)

aufzutreten. Dies ermöglicht den Zeugen Akteneinsicht, die ihnen ansonsten verwehrt bliebe.

Der Verteidiger des Beschuldigten und der Opferanwalt erhalten Einblick in die Aufzeichnungen.

Werden die Aufzeichnungen nicht mehr benötigt, sind sie unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft voll-

ständig zu löschen, gelingt dies nicht, sind sie physisch zu zerstören.


Psychologische Betreuung

Die Vorstellung, den Tätern spätestens bei der

Gerichtsverhandlung wieder zu begegnen, macht

vielen Angst. Die Erinnerungen werden wach und

das führt bei vielen Opfern zu starken Stressreak-

tionen. Zur Stabilisierung der Psyche sollte nicht

nur unmittelbar nach der Tat, sondern auch in

allen Phasen des Ermittlungsverfahrens und

Strafverfahrens, d. h. bspw. bei Vernehmungen,

Zeugenaussagen vor Gericht etc. psychologi-

scher Beistand in Anspruch genommen werden.

Helfen können hier bspw. Kolleginnen und Kolle-

gen, die Erstbetreuer/innen der eigenen Sparkas-

se, Psychologen/innen oder die Opferschutzbe-

auftragten der zuständigen Polizeibehörde.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie F 5:

Zusammenfassung

Polizei und Justiz

Zusammenfassung

Für die Polizei hat die Unversehrtheit der Beschäftigten

bei Einsätzen höchste Priorität

Die Staatsanwaltschaft eröffnet das Verfahren gegen die

Täter und erhebt Anklage

Es kann vorkommen, dass Täter ein

Entschuldigungsschreiben an die Adresse des

Betroffenen richten

Vor Gericht kann es zur Konfrontation mit den Tätern

kommen

Die Beschäftigten können sich von einem Kollegen,

einem Psychologen o. ä. begleiten lassen

Die Folie fasst die Inhalte des Moduls F noch

einmal im Überblick zusammen.

Modul F: 5 von 5

43


44

Merkblätter

Merkblatt für Beschäftigtezum Unterweisungsprogramm nach § 25 UV „Kassen“

Modul F – Polizei und Justiz

Während des Überfalls

Das Vorgehen der Polizei

1. Der Alarm läuft in der Einsatzleitstelle der

Polizei auf.

2.Rückruf bei der Geschäftsstelle, um zu erfra-

gen, was dort passiert ist. Dies geschieht

über eine kodierte Nachfrage, die Auskunft

darüber gibt, ob es sich um einen Überfall

oder ggf. um einen Fehlalarm handelt.

3.Weitergabe des Alarms über Funk an die

Streifenfahrzeuge

4. Die Streifenwagen fahren zur Geschäftsstel-

le, ohne Blaulicht und Martinshorn

5. Die Einsatzbeamten beobachten das Objekt,

um sicher zu gehen, dass der Täter die

Geschäftsstelle verlassen hat.

6.Wenn die Polizei sicher ist, dass der Täter die

Geschäftsräume verlassen hat, betritt sie die

Geschäftsräume

7.Erste Befragungen: Aussehen des Täters,

Fluchtrichtung, Fluchtfahrzeug etc.

8. Ggf. wird zur kriminaltechnischen Untersu-

chung das Landeskriminalamt hinzugezogen

Der Schutz der Beschäftigten steht bei allen

polizeilichen Aktivitäten im Vordergrund!

Nach dem Überfall

Befragungen durch die Polizei und die Staats-

anwaltschaft

Als Strafverfolgungsbehörde leitet die Staatsan-

waltschaft das Ermittlungsverfahrens ein. Um

genaue Informationen zu erhalten, werden mögli-

cherweise auch die Zeugen des Überfalls von der

Staatsanwaltschaft oder von der Polizei befragt.

Neben Auskünften über den Tathergang werden

die persönlichen Daten wie Name, Vorname,

Anschrift etc. im Vernehmungsprotokoll festge-

halten. Zur Wahrung der Identität kann jedoch

dem Betroffenen im Einzelfall gestattet werden,

statt des Wohnortes seine Dienstadresse, d. h. in

diesem konkreten Fall, die Adresse der betroffe-

nen Sparkasse oder, eine andere ladungsfähige

Adresse anzugeben.

Dies verhindert, dass der Täter Kenntnis über

Ihren Wohnort bekommt.

Bitte beachten Sie bei Vernehmungen durch die

Staatsanwaltschaft, aber auch durch die Polizei,

die Dienstanweisung Ihres Hauses in Bezug auf

„Schweigepflicht – Auskunfterteilung“.

Wenn der vermeintliche Täter gefasst ist, wird

von der Staatsanwaltschaft das Vorverfahren

eingeleitet. Bei hinreichendem Tatverdacht erfolgt

danach die Eröffnung des Hauptverfahrens durch

das Gericht.


Als Zeuge vor Gericht

Nach Abschluss des staatsanwaltschaftlichen

Ermittlungsverfahrens werden die relevanten

Prozessakten dem Gericht zugeleitet. Das

Gericht, vertreten durch den zuständigen vorsit-

zenden Richter, beschließt die Eröffnung des

Hauptverfahrens, wenn nach den Ergebnissen

der Angeschuldigte einer Straftat hinreichend

verdächtig erscheint.

Psychologische Betreuung

Die Vorstellung, dem Tätern bei der Gerichtsver-

handlung zu begegnen, macht vielen Beschäftig-

ten Angst. Die Erinnerungen werden wieder wach

und das führt bei vielen Opfern zu starken Stress-

reaktionen. Zur Stabilisierung der Psyche sollte

nicht nur unmittelbar nach der Tat, sondern auch

in allen Phasen des Ermittlungsverfahrens und

Strafverfahrens, d. h. bspw. bei Vernehmungen,

Zeugenaussagen vor Gericht psychologische

Hilfestellung in Anspruch genommen werden.

Helfen können hier bspw. Kolleginnen und Kolle-

gen, die Erstbetreuer der eigenen Sparkasse,

Psychologen oder die Opferschutzbeauftragten

der zuständigen Polizeibehörde.

Ablauf des Prozesses und Zeugenvernehmung

Für die Zeugen des Überfalls beginnt das Verfah-

ren damit, dass sie eine Vorladung des Gerichtes

zur Aussage in der Verhandlung erhalten. Der

gerichtlichen Vorladung zur Hauptverhandlung

ist Folge zu leisten. Sollte aus Krankheitsgründen

ein Zeuge nicht Aussagen können, ist ein ärztli-

ches Attest notwendig. Dies gilt auch für übermä-

ßige psychische Belastungen für den Zeugen

durch die bevorstehende Verhandlung.

Die Hauptverhandlung beginnt mit dem Aufruf

der „Sache“. Der vorsitzende Richter stellt

danach fest, ob der Angeklagte und der Verteidi-

ger anwesend und die Beweismittel herbeige-

schafft, insbesondere die geladenen Zeugen und

Sachverständigen erschienen sind. Die Zeugen

verlassen danach den Sitzungssaal.

Der Vorsitzende vernimmt den Angeklagten über

seine persönlichen Verhältnisse. Darauf verliest

der Staatsanwalt die Anklage. Der Angeklagte

wird anschließend zur Sache vernommen. Hier-

nach folgt die Beweisaufnahme, die u. a. auch die

Vernehmung der Zeugen und der sonstigen

Beteiligten beinhaltet.

Die Vernehmung der Zeugen beginnt damit, dass

sie über Vor- und Zuname, Alter, Stand oder

Gewerbe und Wohnort sowie dem Tathergang

richterlich befragt werden. Im Laufe der Verneh-

mung werden in der Regel alle personenbezoge-

nen Daten den im Gerichtssaal anwesenden

zugänglich, also auch dem Täter. Zeugen müssen

diese Angaben vor Staatsanwaltschaft und

Gericht machen, vor der Polizei sind diese Anga-

ben immer freiwillig. Es werden u. a. Fragen zur

Identifizierung der Täter, zum Tathergang etc.

gestellt. Nach Beendigung der Befragung wird

der Zeuge entlassen.

Die Verhandlung ist in der Regel öffentlich. Die

Begleitperson zur psychologischen Unterstüt-

45


46

Merkblätter

zung (s. u.) sitzt während der Verhandlung im

Zuschauerraum. Um auf die Befragung durch den

Richter vorbereitet zu sein, empfiehlt es sich für

die Betroffenen von Raubüberfällen, bereits kurz

nach dem Überfall entsprechende Notizen zu

machen. Dies ist sinnvoll, weil die Verhandlung

oft lange nach der Tat stattfindet.

Manchmal kommt es auch vor, dass geladenene

Zeugen gar nicht aussagen müssen. Wenn weder

der Richter, die Staatsanwaltschaft noch die

Verteidigung die Anhörung des geladenen

Zeugen für nötig erachtet. Ihre Auslagen werden

von der Gerichtskasse erstattet.

Damit ist das Strafverfahren für den Zeugen in

der Regel beendet.


Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Folie Titelfolie:

Übersicht der Inhalte des Unterweisungspro-

gramms

Ziele dieser Folie:

Diese Folie dient dazu, den Teilnehmerinnen und

Teilnehmern (TN) einen Überblick über Inhalt und

Ziele des gesamten Unterweisungsprogramms

zu verschaffen und gleichzeitig zu verdeutlichen,

mit welchem Modul aktuell gearbeitet wird.

Ziele des Moduls G:

Die Beschäftigten sollen

� informiert werden über die Möglichkeiten und

maßgeblichen Regelungen zur baulich-techni-

schen Prävention

� die Systematik und die Wirksamkeit verschie-

dener Kassensicherungssysteme unter dem

Aspekt von Raubüberfällen kennen lernen

� informiert werden über die Notwendigkeit zur

Gefährdungsanalyse

Überfälle auf Sparkassen

- Unterweisungsprogramm zu § 25 UVV „Kassen“ -

Einleitung

Belastungen und Stress

Psychische Folgen von Raubüberfällen und deren Prävention

Psychologische Erste Hilfe nach Raubüberfällen

Das Überfallgeschehen

Opferschutz

Polizei und Justiz

Baulich- Baulich technische Prävention - Psychologische Aspekte

Hrsg.: Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe, Konzept PECON GmbH Modul G: Titelfolie

� erkennen, dass neben den technischen Aspek-

ten auch das eigene Verhalten zur Erhöhung

der Sicherheit beiträgt.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 1:

Übersichtsfolie

Ziel dieser Folie:

Die TN sollen einen Überblick über das Modul G

erhalten.

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Hintergrund: Die UVV „Kassen“ -Ziel der baulichtechnischen

Prävention

Verschiedene Kassensicherungssysteme und deren

Wirksamkeit

Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz

Der Faktor Mensch! Sicherheitswidriges Verhalten

Inhalte des Moduls G:

� Hintergrund: Die UVV „Kassen“ eine atypische

Unfallverhütungsvorschrift

� Die verschiedenen Kassensicherungssysteme

und deren Wirksamkeit

Übersicht

� Stellenwert der Gefährdungsbeurteilung nach

Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) für die Sicher-

heit der Beschäftigten einer Geschäftsstelle

� Der Faktor Mensch – Psychologische Aspekte

des Sicherheitsverhaltens

Modul G: 1 von 8

47


48

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 2:

Die UVV Kassen

Ziel dieser Folie:

Informieren der TN über:

� die wichtigsten Inhalte der UVV „Kassen“

–Ziele der UVV „Kassen“

–Bau und Ausrüstung

–Betrieb und Organisation

–Grenzen dieser rechtlichen Vorgaben

� den Stellenwert von Sicherungsmaßnahmen

Die UVV „Kassen“ ist die Basis jeglichen Sicher-

heitshandelns in Kreditinstituten. Ihr Ziel ist es,

das Leben und die Gesundheit der Beschäftigten

zu schützen.

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Sie wird auch als atypische UVV bezeichnet, weil

sie mit ihren Forderungen und Maßnahmen vor

Gefährdungen durch Angriffe anderer Menschen,

d. h. vor Tätern, schützen soll. Typische UVVen

schützen vor Gefährdungen, die aus den Arbeits-

bedingungen resultieren.

Die UVV „Kassen“

Die Unfallverhütungsvorschrift „Kassen“ wurde von den

gesetzlichen Unfallversicherungsträgern erlassen und ist

für Banken und Sparkassen rechtlich verbindlich

Ziel der UVV „Kassen“: Den Anreiz zum Raubüberfall

verringern

Die UVV „Kassen“ beschreibt die maßgeblichen

Rahmenbedingungen für Bau und Ausrüstung, Betrieb

und Organisation

Wesentlicher Baustein der UVV „Kassen“:

Kassensicherungssysteme!

Modul G: 2 von 8

Jeder, der sich mit der Sicherheitsthematik

befasst, sollte aber wissen, dass UVVen insge-

samt – und somit auch die UVV „Kassen“ – nur

das notwendige Mindestmaß an sicherheitsrele-

vanten Vorkehrungen festlegen. Die Sicherheits-

lücken, die selbst bei Einhaltung aller Vorgaben

aus der UVV „Kassen“ weiter bestehen bleiben,

sind durch die vorgeschriebene Gefährdungs-

beurteilung (vgl. Folie G 4) zu ermitteln und mit

geeigneten Maßnahmen zu schließen. Individuel-

le Lösungsansätze mit zusätzlichen Sicherheits-

anforderungen, die aus der konkreten Gefahren-

lage im Einzelfall resultieren, sind damit zwin-

gend vorgeschrieben.

Fragen also, ob sowohl das gewählte Kassensiche-

rungskonzept der Geschäftsstelle einschließlich

des inneren und äußeren Sicherheitsbereichs als

auch die sonstige Einrichtung den tatsächlichen

sicherheitstechnischen Erfordernissen entspricht,

sind in diesem Kontext zu beantworten. Ebenso

gehören im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung

die Gestaltungsmerkmale der externen Geldver-

sorgung und -entsorgung der Geschäftsstellen

dazu, selbst wenn gewerbliche Geldtransport-

unternehmen diese Dienstleistung ausführen.

Die Festschreibung eines schlüssigen Gesamt-

konzeptes – mit sinnvollen organisatorischen

und technischen Lösungen – hat höchste Prio-

rität erlangt, um die bestmöglichen Vorausset-

zungen für einen sicheren Betrieb eines Kreditin-

stitutes vorzusehen.


Unterlaufen den Verantwortlichen in diesem

Zusammenhang Fehler oder werden gar wichtige

Fragen hierbei außer Acht gelassen, kann dies zu

einem unkalkulierbaren Überfallrisiko beitragen.

Diese Problematik ist heute leider immer noch

nicht hinreichend bekannt.

Inhalte der UVV „Kassen“

Die Philosophie, mit der die UVV „Kassen“ das

Ziel, den Schutz des Lebens und der Gesundheit

der Beschäftigten, zu erreichen versucht ist: Das

Geld muss möglichst gut gesichert sein, damit

potenzielle Täter erst gar nicht auf den Gedanken

kommen, das Geld zu rauben. Die Hauptforde-

rung aus der Vorschrift an den Arbeitgeber ist

demnach, „...die Banknoten so zu sichern, dass

der Anreiz zu Überfällen nachhaltig verringert

wird“ (§ 7).

In weiteren Forderungen wird aufgezeigt, welche

konkreten Sicherungsmaßnahmen als adäquate

Lösung im Sinne dieser Vorschrift anzusehen

sind. Ebenso enthält die Vorschrift gesetzliche

Ausführungen über die bauliche Gestaltung und

Ausrüstung von Geschäftsstellen. Hierin wird

bspw. festgelegt, welche Meldeeinrichtungen

eingebaut werden müssen, um den Anreiz zu

Überfällen zu verringern (Überfallmeldeanlagen,

optische Raumüberwachungsanlagen, Einbruch-

meldeanlagen etc.) oder, wie Türen/Zugänge und

Fenster gesichert werden müssen. Ein Schwer-

punkt liegt auf dem Bereich „Bauliche Sicher-

heitsmaßnahmen im Kassenbereich“ (s. Folie

G 3).

Wie oder unter welchen Sicherheitsaspekten eine

Geschäftsstelle zu betreiben und zu organisieren

ist, ist ebenfalls Gegenstand der UVV „Kassen“.

Bspw. wird verlangt, dass die Beschäftigten

hinsichtlich der Sicherheitsaspekte regelmäßig zu

unterweisen sind. Darüber hinausgehend finden

sich Hinweise zum Umgang mit Alarmmeldeein-

richtungen.

Grenzen der UVV „Kassen“ – Der Faktor Mensch

Die in der UVV „Kassen“ vorgeschriebenen

baulichen, mechanischen oder elektronischen

Sicherungsmaßnahmen sind nur dann nützlich,

wenn sie auch entsprechend ihrer Bestimmung

benutzt werden. Der größte Risikofaktor ist

häufig nicht die mangelnde technische Ausrüs-

tung, sondern der Mensch! Deshalb beschäftigt

sich der zweite Teil dieses Moduls mit den

psychologischen Aspekten der „Banknotensiche-

rung“.

Einen Überblick der UVV „Kassen“ finden Sie

als Word-Datei auf der beiliegenden CD. Auf

der Startseite verweist ein Link auf „Informa-

tionen für Referenten“. Von dort aus gelangen

Sie unter „ergänzendes Arbeitsmaterial“ per

Link direkt zu der Übersicht.

49


50

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 3:

Kassensicherungssysteme

Ziel dieser Folie:

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Kassensicherungssysteme

Abwicklung der Geldgeschäfte hinter festen

Kassenaufbauten:

Durchschusshemmende Sicherungen

Kraftbetriebene Sicherungen

Durchbruchhemmende Sicherungen

Auszahlungen über Geldautomaten

Zentrale Geldversorgungseinrichtungen

BBA-Stellen

KBA-Stellen

Reine Automatenstellen

� Die TN sollen sich mit dem Kassensiche-

rungssystemen ihrer Geschäftsstelle ausein-

andersetzen und die Wirkungsweise und Risi-

ken des Systems kennen lernen.

Die Kassensicherungssysteme sind das Herz-

stück der UVV „Kassen“. Sie sind die entschei-

denden Elemente, die den direkten Zugriff auf das

Geld durch die Täter verhindern.

Modul G: 3 von 8


Rangfolge der Wirksamkeit alternativer Kassensicherungskonzepte

In der folgenden Abbildung sind die verschiedenen Systeme aufgeführt. Außerdem enthält die Abbildung

Einschätzungen über die Wirksamkeit der einzelnen Systeme.

Alternative

Kassensicherungskonzepte 1)

Klassische Geldgeschäfte hinter . . .

Abwicklung der Geldgeschäfte über Geldautomaten

Durchschuss hemmenden

Aufbauten

Durchbruch

hemmende Aufbauten

Kassenlandschaften ohne Aufbauten

§ 11 Vollabtrennung + + +

§ 11 Kassenbox 2) + (+) +

§ 15

§ 12 . . . Schirm in Verbindung mit

§ 14 Durchbruch hemmenden Aufbauten

+ + +

§ 13 Kraftbetriebene Sicherungen (+) + +

§ 11 Biometrische Schleuse zur Kassenbox + + + +

§ 14 Vollabtrennung +

§ 14 Kassenbox 2) +

§ 15

§ 14 . . . in Kombination mit einer ZTK + + +

§ 16

§ 17 Zentrale Geldversorgung

– Rohrpost/Transportautomat –

(+) (+) + +

§18 Standard-BBA + + +

§18 BBA-Plus

– Biometrie: 2 Mitarbeiter –

§18 ... erweiterte BBA-Plus

– Biometrie: 2 Mitarbeiter oder Mitarbeiter/Kunden

+ + +

§19 Kleinstzweigstelle mit KBA + + + +

§19 Kleinstzweigstelle mit KBA-Plus + + + +

§19 Beraterstelle mit GAA im SB-Bereich + + + +

§19 Automatenstelle

- Kunden-Self-Service -

Beschäftigtenzahlen

... bei 2 und mehr mit Blickkontakt

1 2-3 4-5 ab 6

Rangfolge

der

Wirksamkeit

Sicherung des

Geldes

Bemerkungen

keine geeignete Lösung für

2-Mann-Stelle

geeignet als Vollabtrennung /

Berater hinter Glasaufbauten

keine geeignete Lösung für

1-Mann-Stelle

optimale Lösung für alle

klassischen Kassenboxen

beachte: bei MA-Zahlen unter

6 muss die GS geschlossen

werden

beachte: bei MA-Zahlen unter

6 muss die GS geschlossen

werden

Kassenstelle kann auch

mittags mit 2 MA 3)

betrieben werden

bei BBA-Ausfall Geldgeschäfte

über Notkasse abwickeln

Wertbehältnisse sind in

biometrischer Erkennung

integriert

Wertbehältnisse sind in

biometrischer Erkennung

integriert

nicht alle Transaktionen

möglich / Ver- und Entsorgung

über externe MA 3)

nicht alle Transaktionen

möglich / Ver- und Entsorgung

über externe MA 3)

wichtig: Kennzeichnung

„Beschäftigte haben keinen

Zugriff auf Geld“

Problem der Ver- und Entsorgung

der Geldautomaten

beachten

1) Darüber hinausgehend sind Kombinationen bei größeren Geschäftsstellen / Filialen der Kassensicherungskonzepte

möglich. Ausgenommen: Prinzip „Kleinstzweigstelle / Dialog Banking“ nach § 19 UVV Kassen

Beachte : I. Die Kassensicherungen entfalten nur dann ihre gewünschte Wirkung, wenn die Hintergrundbestände

mindestens auf gleichem Sicherheitsniveau abgesichert sind.

II. Die Ver- und Entsorgung der Geldautomaten bleibt in dieser Betrachtung unberührt.

III. Absicherung der Nebenbestände über Tagestresore mit Zeitschloss

IV. White-Card: Nur anderes Medium für Geld

2) Kassenbox - Grundfläche mindestens 5 m 2 /

AP bei offener Decke, ansonsten mindestens 8 m 2

- Frischluftmenge 45 m 3 h

- Luftgeschwindigkeit 0,10 - 0,15 m/sec

3) Mitarbeiter/innen

Legende:+ geeignete Lösung

(+) nur eingeschränkt geeignete

Lösung

Bewertungsskala im Sinne des § 7 UVV „Kassen“

(+) (-)

Sehr empfehlenswert möglich, noch zulässig

51


52

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Didaktischer Hinweis: Der oder die Referierende

sollte hier Kassensicherungssysteme des eige-

nen Hauses vorstellen und hinsichtlich der

verschiedenen Konzepte diskutieren.

Nähere Erläuterungen zu den Vor- und Nachteilen

einzelner Kassensicherungssysteme finden Sie

voraussichtlich ab dem zweiten Quartal 2006 in

den neuen berufsgenossenschaftlichen Informa-

tionsschriften des Gemeindeunfallversicherungs-

verbandes Westfalen-Lippe.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 4:

Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzge-

setz

Ziel dieser Folie:

� Informieren der TN über das Mittel der

„Gefährdungsbeurteilung“ nach dem Arbeits-

schutzgesetz.

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz

Ziel der Gefährdungsbeurteilung: Sicherheit und

Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit verbessern

Sie ist für alle Arbeitsplätze vorgeschrieben

Die UVV „Kassen“ regelt die Gefährdungsbeurteilung speziell für

Kassenarbeitsplätze. Dies ist notwendig, weil Raubüberfälle eine

besondere Form der Gefährdung darstellen

Individuelle Lösungsansätze mit zusätzlichen Sicherheitsforderungen

im Einzelfall sind zwingend vorgeschrieben

Die Rahmenbedingungen des Geldtransports (intern/extern) müssen

berücksichtigt werden

Bei der Gefährdungsbeurteilung gilt es, neben der

UVV „Kassen“, eine zweite, übergeordnete

Rechtsvorschrift zu berücksichtigen: Das

Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG).

Modul G: 4 von 8

Seit knapp 10 Jahren haben die Vorstände der

Sparkassen nach dem ArbSchG umfangreiche

Beurteilungspflichten zu erfüllen, die die instituts-

und berufsspezifische Ermittlung und Beurteilung

der mit der Arbeit verbundenen Gefährdungen

und Belastungen betreffen. Die Betrachtung glie-

dert sich nach Gefährdungsfaktoren und

betriebsrelevanten Risikobereichen, getrennt in

fachlich-technische Faktoren, Organisations- und

Verhaltensaspekte. Der zu erbringende

Leistungsumfang steht dabei im direkten

Zusammenhang mit dem vorhandenen Risiko

und der Komplexität der zu leistenden Arbeit.

Das generelle Ziel bei dieser Betrachtung, die

auch als Gefährdungsbeurteilung nach §§ 3-5

ArbSchG in Verbindung mit § 3 UVV „Kassen“

bezeichnet werden kann, ist es, möglichst Gefah-

renfreiheit für die Beschäftigten herzustellen. Die

Vorstände sind also verpflichtet, die erforder-

lichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter

Berücksichtigung der tatsächlichen/besonderen

Umstände zu treffen, die die Sicherheit und

Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit

beeinflussen. Sie haben außerdem eine kontinu-

ierliche Verbesserung der Sicherheit und des

Gesundheitsschutzes anzustreben.

Für den Komplex „Sicherheit in Kreditinstituten“

gilt deshalb grundsätzlich, dass organisatorische

Ersatzmaßnahmen im Einzelfall keine Dauerlö-

sungen darstellen dürfen, d. h. dauerhaft werden

nur technische Maßnahmen im Rahmen der Risi-

kominimierung akzeptiert. Die globale Schutzziel-

forderung aus § 7 UVV „Kassen“, dass beim


Umgang mit Banknoten der Anreiz zu Überfällen

nachhaltig – mit allen wirksamen Mitteln – verrin-

gert werden muss, ist im Sinne des ArbSchG

wörtlich zu nehmen.

Das bedeutet für die Praxis: Durch die Gefähr-

dungsbeurteilung kann man erkennen, ob das für

die jeweilige Geschäftsstelle vorhandene Siche-

rungskonzept ausreichend ist, oder ob „nachge-

rüstet“ werden muss.

Tipp: In der Broschüre Nr. 22 finden Sie ausführ-

liches Material mit ergänzenden Erläuterungen

zur differenzierten Durchführung der Gefähr-

dungsanalyse.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 5:

Der Faktor Mensch – Sicherheitswidriges

Verhalten

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Der Faktor Mensch! Sicherheitswidriges Verhalten

Welche sicherheitswidrigen Verhaltensweisen

kennen Sie? Gegen welche Sicherheitsvorschriften

und -einrichtungen wird dabei verstoßen?

Warum verhalten sich Ihrer Meinung nach

Beschäftigte sicherheitswidrig?

Modul G: 5 von 8

Ziel dieser Folie:

� Selbst in Geschäftsstellen, die mit den

modernsten Sicherheitssystemen ausgestat-

tet sind, kommt es regelmäßig zu „erfolgrei-

chen“ Überfällen. Häufig begünstigt sicher-

heitswidriges Verhalten der Beschäftigten den

Erfolg der Täter. In diesem Abschnitt sollen

die TN lernen, dass nicht nur technische

Maßnahmen, sondern auch das Verhalten der

Menschen, sprich: Ihr eigenes Verhalten, eine

wichtige Rolle bei der Sicherheit in Sparkas-

sen spielt.

Hinweis für den Referierenden:

Zu Beginn dieses Abschnitts sollte zu einer

Diskussion angeregt werden. Dazu gibt es zwei

Leitfragen:

Erste Leitfrage: „Welche sicherheitswidrigen

Verhaltensweisen kennen Sie? Gegen welche

Sicherheitsvorschriften und -einrichtungen

wird dabei verstoßen?“

Nennungen der TN können dabei zur Visualisie-

rung auf ein Flip-Chart geschrieben werden.

Falls die TN bei der Nennung von sicherheitswid-

rigen Verhaltensweisen zurückhaltend sind,

können folgende Beispiele angesprochen

werden:

53


54

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Beispiele für sicherheitswidrige Verhaltens-

weisen in Sparkassen:

–Keil in der Tür der Kassenbox

–Befüllen der Geldautomaten bei geöffneten

Vorhängen oder in öffentlich zugänglichen

Bereichen während der Öffnungszeiten

–Sorgloses Betreten/Verlassen/Schließen

und Öffnen der Geschäftsräume

–Griffbereites Bargeld in unverschlossenen

Schreibtischschubläden für den Fall eines

Überfalls in BBA- oder KBA-Stellen

–Vorzeitiges Öffnen des Hauptverschlusses

von BBAen oder ZTKen vor Ende der

Öffnungszeiten der Geschäftsstelle, d.h. im

Beisein von Kunden (ggf. auch Tätern)

–Offener Geldtransport zwischen Banktresor

und Kasse

–Überhöhte griffbereite Bargeldbestände in

der Zahlmulde

–Übergeben/Annehmen großer Geldbeträge

an öffentlich zugänglichen Kassenboxen

–Beratung fremder Kunden außerhalb der

Öffnungszeiten in den Räumen der

Geschäftsstelle, wenn Kassenabschluss

noch nicht erfolgt ist

–Kassenboxen nicht ständig besetzt, da

Kassierer bzw. Kassiererinnen häufig Bera-

tungen außerhalb der Boxen durchführen

–Revisionsschlüssel für BBA/KBA/ZTK etc.

griffbereit in der Kundenhalle aufbewahrt

–Veränderung der Mindestverschlusszeiten

an BBA/KBA/ZTK

vgl. auch Teilaspekt 4 der Gefährdungsanaly-

se „Tätigkeiten/Betriebsregelungen“

Wie man sieht, gibt es viele Beispiele für sicher-

heitswidriges Verhalten der Beschäftigten.

Zweite Leitfrage: „Warum Verhalten sich Ihrer

Meinung nach Beschäftigte sicherheitswidrig?“

Auch hier sollten die TN mit einbezogen und um

ihre Einschätzung gebeten werden. Wieder

können die Nennungen aufgeschrieben werden.

Gründe, warum sich Menschen sicherheitswidrig

verhalten, gibt es viele. Aus Sicht der Arbeitspsy-

chologie lassen sich die Gründe für sicherheits-

widriges Verhalten in vier Kategorien einordnen.

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 6:

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Gründe für sicherheitswidriges Verhalten

Nicht Wissen

Mangelnde Kenntnis über Inhalte und Sinn von

Sicherheitsvorschriften

Nicht Wollen

Sicherheitsgerechtes Verhalten konkurriert mit Arbeitsaufgabe

Nicht Können

Belastungen und Stress

Nicht Müssen

Mangelhafte Arbeitsschutz- bzw. Sicherheitskultur

Gründe für sicherheitswidriges Verhalten

Modul G: 6 von 8

Hinweis für den Referierenden: Durch diese Folie

sollen die TN zum Nachdenken über ihr eigenes

Verhalten angeregt werden. Die in diesem Modul

enthaltenen Informationen stellen eine gute

Grundlage für eine tiefergehende Auseinander-

setzung mit der Thematik im eigenen Haus dar.


Vier Hauptgründe für sicherheitswidriges Ver-

halten in Sparkassen

1. Nicht wissen

Die Beschäftigten kennen die maßgebenden

Sicherheitsvorschriften nicht und somit auch

nicht die daraus resultierenden Maßnahmen.

2. Nicht wollen

Die Vorschriftenlage, die vorhandenen Sicher-

heitsmaßnahmen oder die besonderen Sicher-

heitseinrichtungen sind den Beschäftigten

bekannt. Menschen haben aber noch andere

Bedürfnisse als nur das Sicherheitsbedürfnis. Sie

wollen rechtzeitig Feierabend machen, von dem

Vorgesetzten, Kunden und Kollegen anerkannt

werden, ihre Leistung bringen, es bequem haben

etc. Viele Sicherheitsvorschriften konkurrieren mit

aktuellen Bedürfnissen der Beschäftigten und

werden daher bewusst und unbewusst umgangen.

Für dieses Verhalten von Menschen ist in erster

Linie ein psychologisches Phänomen verantwort-

lich: Menschen neigen systematisch dazu, Risi-

ken bzw. die Folgen ihrer Handlungen zu unter-

schätzen. Für viele Menschen gilt der Grundsatz:

„Mir wird schon nichts passieren“. Das führt

dazu, dass die Beschäftigten sich erst gar nicht

gefährdet fühlen. Ohne das subjektive Gefühl der

Bedrohung werden die Beschäftigten keinen

Gedanken an ihre Sicherheit aufbringen und sich

auch nicht sicherheitsgerecht verhalten.

Warum unterschätzen die Beschäftigten das Risi-

ko überfallen zu werden?

� Überfälle sind relativ seltene Ereignisse. Viele

Beschäftigte haben noch nie einen Raubüber-

fall miterlebt und kennen das Thema nur vom

Hörensagen. Es liegt nur eine geringe persön-

liche Betroffenheit vor.

� Die Beschäftigten haben mehr positive als

negative Erfahrungen gemacht: Die Beschäf-

tigten haben die Erfahrung von fünf, zehn,

oder möglicherweise sogar fünfzehn und

mehr Jahren ohne einen Überfall und haben

sich gewissermaßen daran gewöhnt, auch bei

Nichteinhaltung von Sicherheitsvorschriften

nicht überfallen zu werden. Je öfter ein sicher-

heitswidriges Verhalten ohne negative Konse-

quenzen bleibt, desto stärker verfestigt sich

das Verhalten. Es entstehen Gewohnheiten.

Nebenbei bemerkt: Der innerpsychische Prozess

der Risikowahrnehmung und Bewertung weist

erstaunliche Parallelen zur der im ArbSchG

vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung durch

den Unternehmer auf. Hier wie dort wird anhand

einer Einschätzung der Gefährdung einer Situa-

tion entschieden, welche Maßnahme bzw. Hand-

lung sinnvoll oder gefährlich ist. Letztlich durch-

zieht die „Gefährdungsbeurteilung“ unser ganzes

Leben: So setzt bspw. jede Überquerung einer

Straße ohne Fußgängerampel eine genaue Analy-

se der Situation voraus, bevor die Entscheidung

zum „Gehen“ oder „Stehen“ getroffen wird, Auto-

fahrer entscheiden vor jeder Kurve die Geschwin-

55


56

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

digkeit beizubehalten oder der Situation anzupas-

sen und Raucher überlegen sich regelmäßig, ob

die positiven Folgen des Zigarettenkonsums

wirklich schwerer wiegen als die des Nichtrau-

chens.

3. Nicht Können

Ein Modell zur Erklärung von sicherheitswidrigen

Verhaltensweisen, dass sich alleine auf das „nicht

wissen“ und „nicht wollen“ konzentriert, greift zu

kurz. Diese Annahme würde nämlich beinhalten,

dass menschliches Verhalten grenzenlos steuer-

bar ist. Tatsächlich aber ist der Mensch physiolo-

gischen Leistungsgrenzen ausgesetzt.

Diese machen sich besonders in Stresssituatio-

nen bemerkbar. Je stärker die Beschäftigten von

anderen Anforderungen wie bspw. Kundenge-

sprächen, Zeitdruck, unerwarteten Ereignissen

etc. in Anspruch genommen werden, desto stär-

ker lassen Konzentration und Aufmerksamkeit

nach. Dies führt dann dazu, dass die Beschäftig-

ten Fehlentscheidungen im Sinne eines sicher-

heitswidrigen Verhaltens treffen.

4. Nicht Müssen

Die bislang genannten Gründe sehen die Ursache

für das Fehlverhalten ausschließlich bei den

Beschäftigten selbst. Ein weiterer wesentlicher

Grund für nicht sicherheitsgerechtes Verhalten

der Beschäftigten liegt aber in der sozialen Umge-

bung der Beschäftigten. Die allgemeine Arbeits-

schutz- und Sicherheitskultur in der Sparkasse

spielt eine ebenso große Rolle bei der Entstehung

von sicherheitswidrigem Verhalten. Eine sicher-

heitsgerechte Unternehmenskultur zeichnet sich

aus durch:

–Regelmäßige Sicherheitsunterweisungen

–Betriebsanweisungen zu Sicherheitsfragen

–Vorbildliches Reden und Handeln der Vorge-

setzten

–Festlegung von Verantwortlichkeiten für Sicher-

heitsfragen jedes einzelnen Beschäftigten

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 7:

Förderung sicherheitsgerechten Verhaltens

Hinweis für den Referierenden: Hier bietet es sich

an, die TN zu beteiligen und sie Vorschläge

machen zu lassen, wie riskantes Verhalten abge-

stellt bzw. sicherheitsgerechtes Verhalten geför-

dert werden kann.

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Förderung sicherheitsgerechten Verhaltens

Nicht Wissen

Informationen, Schulungen, Unterweisungen

Übungen

Nicht Wollen

Übertragung von persönlicher Verantwortung

Nicht Können

Günstige Arbeitsbedingungen schaffen

Klare Vorschriften und Handlungsanweisungen

Nicht Müssen

Sicherheit als Unternehmensziel

Die Führungskraft als Vorbild

Modul D: 7 von 8


…bei „Nicht wissen“

� Vermittlung der Sicherheitsvorschriften durch

Schulungen und

� Unterweisungen (im Sinne der UVV „Kassen“)

� Einweisung vor Ort, Begehung der Sparkasse

� Übungen durchführen

…bei „Nicht wollen“

Unternehmen neigen dazu, sicherheitswidriges

Verhalten zu sanktionieren, d. h. unter „Strafe“ zu

stellen. Die angedrohten negativen Konsequen-

zen sollen die Beschäftigten von gefährlichen

Handlungen abhalten. Häufig führt der Zwang,

Sicherheitsvorschriften einzuhalten zu Trotzreak-

tionen.

Um Reaktanz zu vermeiden sollten die Mitarbeiter

bei der Umsetzung der Sicherheitsvorschriften

mit einbezogen werden. Sie müssen motiviert

werden sich um die eigene subjektive und objek-

tive Sicherheit zu kümmern. Das Einhalten der

Sicherheitsvorschriften dient zur eigenen Sicher-

heit und die der Kollegen und Kunden! Was kann

ich tun, damit ich meine eigene Sicherheit stärke?

Ziel ist es, die Eigenverantwortung der Beschäf-

tigten zu erhöhen. Dies geschieht am besten

durch:

� Übertragung von Verantwortung

� Persönliche Gespräche

Aufgabe der Führungskräfte ist es, die Einhaltung

der Vorschriften regelmäßig zu kontrollieren.

Wenn Mängel festgestellt werden, sollte es

zunächst zu persönlichen Gesprächen kommen:

Warum wurde die Regel nicht eingehalten? Haben

technische oder organisatorische Bedingungen

das sicherheitswidrige Verhalten gefördert?

…bei „Nicht können“

� Stress-Situation vermeiden durch psycho-

ergonomische Arbeitsgestaltung

� Stress in Entscheidungssituationen vermei-

den durch klare Handlungsstrukturen, Verhal-

tensregeln

…bei „Nicht müssen“

� Sicherheit als Unternehmensziel festschreiben

� Dienstvereinbarungen

� Betriebsanweisungen

� Vorbild sein als Vorgesetzter

� Dokumentation der Sicherheitsbemühungen

nach außen: Die Kunden sollen sehen, hier

wird sorgfältig mit Sicherheitsvorschriften

umgegangen (schafft Verbindlichkeit für die

Beschäftigten)

� Klare Verhaltensregeln in Sicherheitsfragen

(z. B. beim Umgang mit Kunden)

57


58

Modul G Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

Unterweisungsprogramm

zur Prävention

psychischer Belastungen

Hrsg:

Gemeindeunfallversicherungsverband

Westfalen-Lippe

Konzept:

PECON GmbH

Folie G 8:

Zusammenfassung

Baulich- Baulich technische Prävention – Psychologische Aspekte

Zusammenfassung

Baulich-technische Maßnahmen sind wichtige Mittel, um

den Anreiz für Raubüberfälle zu vermindern

Rechtlicher Hintergrund ist die

Unfallverhütungsvorschrift „Kassen“. Welche

besonderen baulich-technischen Maßnahmen getroffen

werden müssen, ergibt sich auch aus der

Gefährdungsbeurteilung

Der Mensch trägt zu der Sicherheit vor Überfällen genau

so bei wie technische Sicherheitsmaßnahmen

Diese Folie fasst die Inhalte des Moduls G noch

einmal im Überblick zusammen.

Modul G: 8 von 8


Merkblätter

Merkblatt für Beschäftigtezum Unterweisungsprogramm nach § 25 UV „Kassen“

Modul G – Baulich-technische Prävention: Psychologische Aspekte

Sicherheit vor Überfällen

Bauliche und technische Maßnahmen

Die überwiegenden Maßnahmen, mit der die

Sparkassen versuchen, Raubüberfälle zu verhin-

dern und damit die Gesundheit und das Leben

der Beschäftigten zu schützen, gründen sich auf

einer Idee: Das Geld muss möglichst gut gesi-

chert sein, damit potenzielle Täter erst gar nicht

auf den Gedanken kommen, das Geld zu rauben.

Diese Vorgaben macht auch der Unfallversiche-

rungsträger in der Unfallverhütungsvorschrift

(UVV) „Kassen“.

Dazu werden u. a. die verschiedensten Kassensi-

cherungssysteme entwickelt.

Der Faktor Mensch: Wie psychologische Phäno-

mene das Überfallrisiko erhöhen

Die in der UVV „Kassen“ vorgeschriebenen

baulichen, mechanischen oder elektronischen

Sicherungsmaßnahmen sind nur dann nützlich,

wenn sie auch entsprechend ihrer Bestimmung

benutzt werden. Der größte Risikofaktor ist

häufig nicht die mangelnde technische Ausrüs-

tung, sondern der Mensch! Die Sicherheitsvor-

schriften werden häufig umgangen. Dadurch

steigt das Überfallrisiko.

Zwar sind die vorhandenen Sicherheitsmaßnah-

men oder die besonderen Sicherheitseinrichtun-

gen den Beschäftigten bekannt. Menschen haben

aber noch andere Bedürfnisse als nur das Sicher-

heitsbedürfnis. Sie wollen rechtzeitig Feierabend

machen, vom Vorgesetzten, den Kunden und

Kollegen anerkannt werden, ihre Leistung brin-

gen, es bequem haben etc. Viele Sicherheitsvor-

schriften konkurrieren also mit aktuellen Bedürf-

nissen und werden daher bewusst und unbe-

wusst umgangen.

Für dieses Verhalten von Menschen ist in erster

Linie ein psychologisches Phänomen verantwort-

lich: Menschen neigen systematisch dazu, Risi-

ken bzw. die Folgen ihrer Handlungen zu unter-

schätzen. Für viele Menschen gilt der Grundsatz:

„Mir wird schon nichts passieren“. Das führt

dazu, dass die Beschäftigten sich erst gar nicht

gefährdet fühlen. Ohne das subjektive Gefühl der

Bedrohung werden die Beschäftigten keinen

Gedanken an ihre Sicherheit aufbringen und sich

auch nicht sicherheitsgerecht verhalten.

59


60

Merkblätter

Merkblatt für Beschäftigtezum Unterweisungsprogramm nach § 25 UV „Kassen“

Modul G – Baulich-technische Prävention: Psychologische Aspekte

Warum unterschätzen die Beschäftigten das Risi-

ko überfallen zu werden?

� Überfälle sind relativ seltene Ereignisse. Viele

Beschäftigte haben noch nie einen Raubüber-

fall miterlebt und kennen das Thema nur vom

Hörensagen. Es liegt nur eine geringe persön-

liche Betroffenheit vor.

� Die Beschäftigten haben mehr positive als

negative Erfahrungen gemacht: Die Beschäf-

tigten haben die Erfahrung von fünf, zehn oder

möglicherweise sogar fünfzehn und mehr

Jahren ohne einen Überfall und haben sich

gewissermaßen daran gewöhnt, auch bei

Nichteinhaltung von Sicherheitsvorschriften

nicht überfallen zu werden. Je öfter ein sicher-

heitswidriges Verhalten ohne negative Konse-

quenzen bleibt, desto stärker verfestigt sich

das Verhalten. Es entstehen Gewohnheiten.

Unser Tipp:

� Machen Sie die Aussage: „Sicherheit zuerst“

zur täglichen Handlungsprämisse

� Machen Sie sich die Gefahren eines Überfalls

regelmäßig bewusst: Ein kleiner Zettel an

ihrem Computerbildschirm mit der Aufschrift

„Sicherheit zuerst“ hilft Ihnen dabei.

� Fordern Sie Arbeitsbedingungen ein, die es

Ihnen ermöglichen, Sicherheitsbestimmun-

gen einzuhalten ohne dabei Ihre Aufgaben zu

vernachlässigen

� Fordern Sie eine Sicherheitskultur von Ihrem

Arbeitgeber ein.


Ergänzendes Arbeitsmaterial

Das beiliegende Arbeitsmaterial dient zur Vertie-

fung der Referierenden in bestimmte Themati-

ken. Das Material kann jedoch auch z. T. als

zusätzliches Material mit in die Unterweisung

eingebunden werden.

� Die UVV „Kassen“ in der Übersicht (zu Modul G)

Die kompletten Arbeitsmaterialien aus Teil 1

finden Sie ebenfalls auf dieser CD.

61


62

Prüfungen § 37


Betrieb und Organisation/Prüfungen

65


66

Beurteilungsbögen zum Unterweisungsprogramm

Schulungsmaßnahmen sind dann sinnvoll und

effektiv, wenn sie von den Anwenderinnen und

Anwendern sowie den Teilnehmerinnen und Teil-

nehmern angenommen werden und diese einen

Nutzen daraus ziehen können.

Dem Herausgeber und den Autoren ist es wichtig,

ein effektives Unterweisungsprogramm zu konzi-

pieren. Um zukünftig Stärken des Programms

auszubauen und Schwächen zu beheben, ist eine

Rückmeldung der Nutzerinnen und Nutzer über

das Programm unbedingt notwendig.

Daher wurden zwei verschiedene Beurteilungsbö-

gen zum Unterweisungsprogramm erstellt, die

Aufschluss über seine Effektivität geben sollen. Es

gibt einen Beurteilungsbogen für die Referieren-

den und einen Beurteilungsbogen für die Teilneh-

merinnen und Teilnehmer der Unterweisung.

Zur Einschätzung des Unterweisungsprogramms

bieten die Fragebögen folgende Möglichkeiten:

Durch Zustimmung bzw. Ablehnung vorgegebener

Antworten

Durch eine ausführliche persönliche Stellungnah-

me

Die Beurteilungsbögen sind – wie die Merkblätter –

entweder aus der Broschüre zu kopieren oder von

der CD aus zu drucken. Nach jeder einzelnen

Unterweisung sollte der für die Teilnehmenden

vorgesehenen Beurteilungsbogen ausgeteilt und

an Ort uns Stelle wieder eingesammelt werden. Die

Referentinnen und Referenten werden gebeten, die

Beurteilungsbögen an den GUVV Westfalen-Lippe,

Dezernat für Gesundheitsschutz und Erste Hilfe,

weiterzuleiten (Anschrift s. „Kontaktadressen/

Autoren“).

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit


Beurteilungsbögen

Beurteilungsbogen zum Unterweisungsprogramm „Überfälle auf Sparkassen

Version für Beschäftigte

Sehr geehrte Teilnehmerin,

sehr geehrter Teilnehmer,

uns interessiert Ihre Meinung zu diesem Unter-

weisungsprogramm. Ihre Rückmeldung hilft uns

dabei, das Unterweisungsprogramm für zukünfti-

ge Nutzerinnen und Nutzer zu optimieren. Wir

bitten Sie daher, diesen Beurteilungsbogen

auszufüllen. Der Referent bzw. die Referentin

wird den Bogen an uns weiterleiten. Ihre Beurtei-

lung erfolgt anonym.

Bei dem Beurteilungsbogen handelt es sich nicht

um einen Test, Sie können also keine falschen

oder richtigen Antworten geben. Uns interessiert

ausschließlich Ihre persönliche Bewertung des

geschulten Moduls. Bitte kreuzen Sie die für Sie

zutreffende Antwort an. Je weiter links Sie

ankreuzen, desto mehr stimmen Sie einer Aussa-

ge zu. Je weiter rechts Sie ankreuzen, desto mehr

lehnen Sie die Aussage ab.

Auf der Rückseite haben Sie die Gelegenheit, Ihre

Meinung frei zu formulieren und – positive wie

negative – Kritik zu äußern. Je mehr Anmerkun-

gen Sie machen, desto hilfreicher ist Ihre

Rückmeldung für uns.

67


68

Beurteilungsbögen

Die Bewertung erfolgt für das Modul _____________________________________________

(bitte Titel des Moduls angeben)

Aussagen zum Modul stimmt stimmt stimmt stimmt

1. Ich finde das behandelte Thema für

meine berufliche Tätigkeit interessant.

2. Ich halte es für wichtig, in meinem

Arbeitsbereich, über das behandelte

Thema Bescheid zu wissen.

3. Ich finde es sinnvoll, das Thema im

Rahmen der Sicherheitsunterweisungen

zu behandeln.

4. Die Inhalte waren verständlich.

5. Das Thema wurde praxisnah aufgearbeitet.

6. Die Ziele des Moduls sind deutlich

geworden.

7. Das Thema des Moduls ist praxisnah

aufgearbeitet.

8. Ich bin gut über das im Modul behandelte

Thema informiert.

9. Die Folien sind allgemein übersichtlich

und ansprechend gestaltet.

10. Der Text auf den Folien ist gut lesbar

(Schriftgröße, Schriftfarbe).

genau weit- weit- gar nicht

gehend gehend

nicht


An dieser Stelle haben Sie Gelegenheit, Ihre Meinung frei zu formulieren.

Was hat Ihnen gut gefallen, was weniger gut, was würden Sie verändern?

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit!

Bitte geben Sie den Beurteilungsbogen an den Referenten bzw. die Referentin zurück.

69


70

Beurteilungsbögen

Beurteilungsbogen zum Unterweisungsprogramm „Überfälle auf Sparkassen

Version für Referentinnen und Referenten

Sehr geehrte Referentin, sehr geehrter Referent,

uns interessiert Ihre Meinung zu diesem Unter-

weisungsprogramm. Ihre Rückmeldung hilft uns

dabei, das Unterweisungsprogramm für zukünfti-

ge Nutzerinnen und Nutzer zu optimieren. Wir

bitten Sie daher, diesen Beurteilungsbogen

auszufüllen und entweder anonymisiert oder

namentlich an unten stehende Adresse zu

versenden.

Im ersten Teil sind Aussagen zu dem unterwiese-

nen Modul im Speziellen und zum Unterwei-

sungsprogramm im Allgemeinen vorgegeben, die

Sie anhand der gemachten Erfahrungen beurtei-

len sollen. Bitte kreuzen Sie die für Sie zutreffen-

de Antwort an. Je weiter links Sie ankreuzen,

desto mehr stimmen Sie einer Aussage zu. Je

weiter rechts Sie ankreuzen, desto mehr lehnen

Sie die Aussage ab.

Am Ende des Beurteilungsbogens haben Sie die

Gelegenheit, Ihre Meinung frei zu formulieren

und – positive wie negative – Kritik zu konkreti-

sieren. Bitte füllen Sie den Fragebogen vollstän-

dig aus, denn dann ist Ihre Rückmeldung am

informativsten für uns.


Die Bewertung erfolgt für das Modul _____________________________________________

(bitte Titel des Moduls angeben)

1. Aussagen zum Modul stimmt stimmt stimmt stimmt

1. Das Modul ist relevant für die Thematik

„Raubüberfälle auf Sparkassen“.

2. Ich finde es sinnvoll, das Thema des

Moduls im Rahmen der Sicherheitsunterweisungen

(gesetzliche Vorgabe)

zu behandeln.

3. Ich halte es für wichtig, dass Beschäftigte

im Markt- bzw. Servicebereich über das

behandelte Thema informiert sind.

4. Die Inhalte des Moduls sind für die Beschäftigten

verständlich aufgearbeitet.

5. Ich bin über das im Modul behandelte

Thema gut informiert.

6. Die Ziele des Moduls sind deutlich

geworden.

7. Das Thema des Moduls ist praxisnah aufgearbeitet.

8. Die Erläuterungen zu den Folien sind verständlich

und hilfreich.

9. Die Folien sind allgemein übersichtlich

und ansprechend gestaltet.

10. Der Text auf den Folien ist gut lesbar

(Schriftgröße, Schriftfarbe).

genau weit- weit- gar

gehend gehend nicht

nicht

71


72

Beurteilungsbögen

2. Allgemeine Fragen zum Unterweisungs- stimmt stimmt stimmt stimmt

programm genau weit- weit- gar

1. Die Ziele des Projektes sind deutlich geworden.

2. Ich bin über das Unterweisungsprogramm

und die psychologischen Hintergründe

gut informiert.

3. Ich habe mich in der Broschüre gut zurechtgefunden.

4. Die CD ist einfach zu handhaben.

5. Die Bedienung der CD bzw. die Präsentation

des Moduls lief fehlerfrei.

6. Ich habe mich auf der CD gut zurechtgefunden.

3. Zum Schluss haben Sie Gelegenheit, Ihre Meinung frei zu formulieren

Was hat Ihnen gut gefallen, was weniger gut, was würden Sie verändern?

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit!

gehend gehend nicht

nicht

Bitte senden Sie diesen Bogen und die von den Beschäftigten ausgefüllten Bögen an den

GUVV W-L, Dezernat Gesundheitsschutz und Erste Hilfe, Salzmannstraße 156, 48159 Münster


Stichwortverzeichnis

Die Angaben beziehen sich auf die Erläuterungen der Folien der einzelnen Module, nicht auf die Folien

selbst.

Raubüberfall

� Verhaltensregeln D/17-21

� Hilfsmöglichkeiten für D/15-17

� vorbeugende Maßnahmen D/9, 10

� Täterverhalten D/11, 12

� Geiselnahme D/13, 14

Opferschutz

� ganzheitliche/beteiligte Institutionen E/24-27

� Hilfe durch den Arbeitgeber E/27-29

� Hilfe durch den GUVV WL E/29-31

� Polizeilicher und staatlicher Opferschutz E/31-34

� Wichtige Gesetze über die Rechte der Opfer von Gewalttaten E/35-36

Polizei und Justiz

� Rolle und Aufgaben der Polizei F/39-41

� Vorgehen während eines Überfalls... F/40-41

� Vernehmungen durch F/38-39

� Rolle und Aufgaben der Justizbehörden F/41-45

� Staatsanwaltschaft F/41-43

� Eröffnung und Ablauf des Strafverfahrens F/43

� Zeuge vor Gericht/...psychologische Betreuung F/43-45

� Entschuldigungsschreiben des Täters F/42

Baulich-technische Prävention – psychologische Aspekte

� UVV „Kassen“ G/50-51

� Kassensicherungskonzepte G/52-53

� Stellenwert der Gefährdungsbeurteilung G/54-55

� Der Faktor Mensch – Sicherheitswidriges Verhalten G/55

� Beispiele/Gründe für ... G/55-60

Modul/Seite (nicht Folie)

73


74

Kontaktadressen

Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV) Westfalen-Lippe

Dezernat „Gesundheitsschutz und Erste Hilfe“

Abt. „Verwaltung/Kommunale Betriebe“

Dipl.-Ing. Wolfgang Korbanka

Salzmannstraße 156, 48159 Münster

Tel. 02 51 / 21 02-212

Regionalteam Westfalen

(zuständig für den Regierungsbezirk Münster)

Salzmannstraße 156

48159 Münster

Tel. 02 51 / 21 02-0

Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (bdp)

Bundesgeschäftsstelle

Glinkastraße 5

10117 Berlin

Tel. 0 30 / 20 91 49-0

Fax 0 30 / 20 91 49-66

info@bdp-verband.org

www.bdp-verband.de

Psychotherapeutenkammern

Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)

Klosterstraße 64

10179 Berlin

Tel. 0 30 / 27 87 850

Fax 0 30 / 27 87 85-44

info@bptk.de

www.bundespsychotherapeutenkammer.org

Regionalteam Ostwestfalen

(zuständig für den Regierungsbezirk Detmold)

Königstraße 38

33330 Gütersloh

Tel. 0 52 41 / 909 00-0

Regionalteam Südwestfalen

(zuständig für den Regierungsbezirk Arnsberg)

Bissenkamp 12

44135 Dortmund

Tel. 0231 / 399 62-0

Landesgeschäftsstelle NRW

Am Schilken 31

58285 Gevelsberg

Tel. 0 23 32 / 96 22 00

Fax 0 23 32 / 96 22 01

bdp@psychologie-nrw

www.psychologie-nrw.de

Landespsychotherapeutenkammer NRW

Willstätterstraße 10

40549 Düsseldorf

Tel. 02 11 / 52 28 47-0

Fax 02 11 / 52 28 47-15

info@ptk-nrw.de

www.psychotherapeutenkammer-nrw.de


Autoren

Die Autoren

Jan Hetmeier

Diplom-Psychologe, langjähriger Mitarbeiter der

PECON GmbH. Seit 2004 beschäftigt bei der

Unfallkasse des Bundes. Arbeitsschwerpunkte:

Psychische Belastungen und Extrembelastungen

am Arbeitsplatz, Gesundheitsmanagement.

Kontakt: jan.hetmeier@uk-bund.de

Wolfgang Korbanka

Diplom-Ingenieur, Leiter der Abteilung „Verwal-

tung/Kommunalbetriebe“ des Gemeindeunfall-

versicherungsverbands Westfalen-Lippe, Leiter

des Sachgebietes „Kassen und Spielkasinos“ des

Bundesverbandes der Unfallkassen (BUK), Mit-

glied des Fachausschuss „Verwaltung“ des

Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenos-

senschaften, Mitglied des Arbeitskreises „Exper-

ten“ der Internationalen Vereinigung für Soziale

Sicherheit (IVSS) – Sektion „Erziehung und

Ausbildung zur Prävention“.

Anschrift: GUVV Westfalen-Lippe, Salzmann-

straße 156, 48159 Münster

Werner W. Wilk

Diplom-Psychologe, Psychologischer Psycho-

therapeut, Leiter des psychologischen Notdiens-

tes der PECON GmbH. Langjährige Erfahrungen

als Notfallpsychologe im Bereich Akutversorgung

nach Traumatisierungen und Extrembelastungen,

insbesondere für Beschäftigte von Sparkassen

und Banken. Leiter des Referates „Notfallpsycho-

logie“ im Deutschen Psychotherapeuten Verband

(DPTV), Mitglied der Deutschen Gesellschaft für

Psychotraumatologie (DeGPT) – Arbeitsgruppe

„Akuttrauma“, Mitglied in der Kommission

„Notfallpsychologie“ der ALLIANZ der psycho-

therapeutischen Berufs- und Fachverbände,

Mitglied der Fachgruppe „Notfallpsychologie“

des Berufsverbandes Deutscher Psychologen

(BDP), Vizepräsident der Deutsche Psychologi-

schen Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie

e.V., Hamburg (DPGG), verantwortlich für den

Bereich Notfallpsychologie.

Anschrift: PECON GmbH, Oberntorwall 23a,

33602 Bielefeld

Dank an die Mitwirkenden

Der Inhalt des Moduls „Das Überfallgeschehen“

wurde mit der Vorsitzenden des Personalrates

der Sparkasse Gütersloh, Claudia Möllers und

dem Kriminalhauptkommissar Dieter Jung der

Kreispolizeibehörde Gütersloh abgestimmt. Nutz-

bringende Hinweise zum Modul „Der Opfer-

schutz“ lieferte der Opferschutzbeauftragte des

Polizeipräsidiums Dortmund, Kriminalhauptkom-

missar Horst Paßkowski.

Ihnen allen gilt der besondere Dank für ihre

Mitwirkung.

75


76

Literaturempfehlungen für die Unterweisenden

Raubüberfälle – Psychische Folgen von Überfällen – Nachsorge

Alberternst, C.

Psychische Folgen von Banküberfällen auf Bank-

angestellte. Eine explorative Untersuchung.

Unveröffentlichte Diplomarbeit, TU Braun-

schweig, 1999.

Boer, C. de, Steffgen, G. & Bollendorf, C.

Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstö-

rung bei Bankangestellten nach einem Überfall.

Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin

34 (8), 315-319, 1999.

Dräger, W.

Statistik der Sparkassenüberfälle in Westfalen-

Lippe 2001.

Westfälisch-Lippischer Sparkassen- und Giro-

verband, 2001.

Drautzburg, Korbanka, Lünow & Werner

Arbeitsschutzmanagement in Sparkassen – AMS.

Deutscher Sparkassenverlag, 2005.

Fischer, G., Hermanutz, M. & Buchmann, K. E.

Effizienz einer speziellen psychologischen Bera-

tung von Opfern nach Banküberfällen.

Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin

34 (4), 150- 155, 1999.

Korbanka, W.

Raubüberfälle auf Kreditinstitute – Vergleich

zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen

Union.

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79


21 Gesundheitsschutz in Schule und Beruf

Überfälle auf Sparkassen

Lehrkonzept Betreuer/Betreuerin von

Überfall-Betroffenen (BÜB)

Ein Schulungsprogramm zur Betreuung von Betroffenen

nach Überfällen auf Sparkassen

Hedda Ribbert, Ingrid E. Josephs & Heiko Hungerige


Herausgeber

Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV) Westfalen-Lippe

Salzmannstraße 156, 48159 Münster, Tel. 02 51 2102-0

Redaktion

Wolfgang Korbanka, GUVV Westfalen-Lippe

Fotos

Sparkasse Münsterland Ost/Kriminalpolizei Münster

Druck

E. Holterdorf GmbH & Co KG, Oelde

Bestellnummer

S21.13, 1. Auflage 1/2006

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier


Hedda Ribbert, Ingrid E. Josephs & Heiko Hungerige

Überfälle auf Sparkassen

Lehrkonzept Betreuer/Betreuerin von

Überfall-Betroffenen (BÜB)

Ein Schulungsprogramm zur Betreuung von Betroffenen

nach Überfällen auf Sparkassen

Herausgegeben vom

Münster 2006


2 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Inhaltsverzeichnis

________________________________________________________________

1. Allgemeine Informationen ............................................................ 6

1.1 Hintergründe zum Lehrkonzept/ Schulungsmanual ..................... 6

1.2 Hinweise zur Vorbereitung der Bildung und Schulung eines

kollegialen Betreuungsteams........................................................ 8

1.3 Hinweise zum Umgang mit dem Schulungsmanual ..................... 10

________________________________________________________________

2. Die Schulungsmodule ................................................................... 12

2.1 Hinweise zur zeitlichen Strukturierung der Schulung .................. 12

2.2 Hinweise zur thematischen Strukturierung der Module .............. 13

2.3 Hinweise zum didaktischen Aufbau der Schulungsmodule ......... 15

M1/1 Begrüßung und Vorstellung/ Absprache und

Diskussion des Schulungsprogramms/ Einleitung ....................... 18

M2/1 Aktivierung und Konzeption (1):

Brainstorming zu Aufgaben/ Konzeption des BÜB-Einsatzes ......... 30

M3/1 Aktivierung und Konzeption (2):

Rollenidentifikation des Betreuers:

Das Überfallgeschehen aus verschiedenen Perspektiven................ 33

M4/1 Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht ................................................... 40

M5/1 Gesprächsmanagement (1):

Allgemeine Gesprächshaltung und Frageformen ............................ 53

M6/1 Aufgaben und Grenzen des BÜB (1):

Präsenzaufgaben/ Das aktuelle Gespräch ....................................... 69

M7/1 Aufgaben und Grenzen des BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen der Betreuungsaufgabe ........... 83

M8/2 Gesprächsmanagement (2):

Kommunikationsregeln im Umgang mit schwierigen

Konstellationen bei unterschiedlicher Betroffenheit/

Selbstunterstützung und Umgang mit der eigenen

Betroffenheit (Psychohygiene) ....................................................... 91


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 3

M9/2 Hintergrundinformation (2):

Wirkungen und Folgen der Überfallsituation ................................ 112

M10/2 Aufgaben und Grenzen des BÜB (3):

Das Nachgespräch ....................................................................... 133

M11/2 Hintergrundinformation (3):

Professionelle Hilfe – Der Weg zur Psychotherapie ..................... 143

M12/2 Abschließende Diskussion/ Feedbackrunde/ Evaluation ........... 152

________________________________________________________________

3. Ergänzende Informationen ............................................................ 156

Literaturhinweise .................................................................................... 156

Autorenhinweise ...................................................................................... 157

Kontaktadressen ...................................................................................... 158


4 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Vorwort

________________________________________________________________

Zum Berufsrisiko von Beschäftigten in Banken und Sparkassen gehört leider

auch der Raubüberfall. Nach einem solchen Überfall leiden nicht selten

die Beschäftigten unter länger anhaltenden psychischen Störungen durch

Traumatisierungen während des Geschehens. Der Gemeindeunfallversicherungsverband

(GUVV) Westfalen-Lippe hat sich mit dieser Problematik

auseinandergesetzt und 1996 erstmals Informationsseminare durchgeführt, die

sich ausschließlich dieser Problematik widmeten.

Der GUVV W-L, als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, betreut mit

Aufgaben zur Verhinderung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und

arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren, hat das Ziel Sparkassenträger in ihrer

Funktion als Arbeitgeber darin zu unterstützen, ihrer arbeitsvertraglichen

Fürsorgepflicht gegenüber den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als

auch dem „System Sparkasse“ nachkommen zu können.

Ein weiterer Schritt in der Auseinandersetzung mit diesem Thema stellt die

Broschüre des Projektes „Überfälle auf Sparkassen – Betreuung von Beschäftigten

nach Überfällen“ dar. Mit ihr verfolgt der GUVV W-L die Idee der sekundären

Prävention und somit der Vermeidung oder Minderung von überfallbedingten

psychischen Folgen.

Die Vertiefung der Fragen zu weiteren, auch primären Präventionsmaßnahmen in

diesem Gefahrenbereich erfolgte durch das Präventionsteam des GUVV

Westfalen-Lippe. Die Steuerung dieses Projektes beim GUVV W-L lag maßgeblich

bei Dipl.-Ing. Wolfgang Korbanka in Kooperation mit dem Unternehmen

PECON GmbH, vertreten durch die Diplompsychologen Jan Hetmeier und

Werner W. Wilk, entstand das zweiteilige Unterweisungskonzept „Überfälle

auf Sparkassen – ein Unterweisungsprogramm zur Prävention psychischer

Belastungen durch Raubüberfälle“. Diesem Unterweisungskonzept liegt die Idee

zugrunde, dass eine prophylaktische Erarbeitung des überfalltypischen

Aggressionsgeschehens die spätere Verarbeitung bzw. Integration bei den

betroffenen Beschäftigten erleichtert.

Mit dem vorliegenden Lehrkonzept soll die Thematik des Betreuungsgedankens

von Überfallbetroffenen im Rahmen der psychologischen Überfallnachsorge und

abzielend auf die sparkasseninterne Ersthelfer-Funktion unter dem Stichwort


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 5

„Hilfe von Mitarbeitern für Mitarbeiter“, vertieft werden. Diese weitere Ergänzung

erhält somit Unterweisungscharakter und beinhaltet auf anwenderfreundlicher

Modulebene die Umsetzung des bereits seit 1996 beim GUVV Westfalen-Lippe

vorgestellten Projektes „Weiterbildung Betreuer/in von Überfall-Betroffenen

(BÜB)“.

Wir danken der psychologischen Arbeitsgruppe (Dipl.-Psych. Dr. H. Ribbert;

Dipl.-Psych. Prof. Dr. I. E. Josephs; Dipl.-Psych. H. Hungerige) für die Erstellung

dieses Lehrkonzeptes.

Lothar Szych

Vorstandsvorsitzender Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe


6 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

1. Allgemeine Informationen

________________________________________________________________

1.1 Hintergründe zum Lehrkonzept/Schulungsmanual

Das vorliegende Schulungsmanual hat sich seit 1994 aus den Schulungsveranstaltungen

der Weiterbildung „Betreuer/ Betreuerin von Überfall-Betroffenen“

(BÜB) in stets enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Sparkassen entwickelt,

die ihren von Überfällen auf die Institution betroffenen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern eine sofortige, kollegiale Hilfe aus dem System für das System zur

Verfügung stellen wollen (vgl. dazu ausführlich Modul 1/1 ). Ein zu diesem Zweck

gebildetes und geschultes Betreuungsteam von Kollegen für Kollegen nimmt

Ersthelfer-Funktionen am Überfalltag (Präsenzaufgaben vor Ort) sowie in zeitlicher

Distanz zum Überfallgeschehen wahr (Erst- und Nachgespräche) und leistet somit

Unterstützung bei der sekundären Prävention möglicher psychischer Belastungsstörungen

nach der „Verletzung Überfall“.

Neben anderen effizienten Konzepten der Vor- und Nachsorge ist das bislang

offenbar „Attraktive“ dieser kollegialen Betreuungsidee: Die Sparkasse signalisiert

die klare Anerkennung des Überfallgeschehens als ein besonderes

berufsspezifisches Extremereignis, erkennt ihre Rolle als eigentliches „Ziel“ des

„Angriffs“ sowie als Arbeitsort und Arbeitgeber an und zeigt somit ein

systemisches Fürsorgeverständnis, bei dem Hilfe nicht nur „von außen“

organisiert und delegiert wird. Ein „Konkurrenzmodell“ zu Angeboten

professioneller Akuthilfe und ggf. psychotherapeutischer Weiterbehandlung kann

und will der kollegiale Ansatz „Betreuer/in von Überfallbetroffenen“ (BÜB) nicht

sein. Es gehört u.a. auch zu den Aufgaben der Betreuungspersonen, auf die

Möglichkeiten professioneller Hilfe zu verweisen, während sie gleichzeitig

Ansprechpartner der Betroffenen im Hause bleiben und bspw. auch für

organisatorische, kollegiale und arbeitsplatzbezogene Anliegen zur Verfügung

stehen.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 7

Wozu die Schulung den BÜB qualifizieren soll, zeigt Abbildung 1:

Einleitung

erster (und

weiterführender)

Hilfsmaßnahmen

„Institutionalisierung“:

Implementierung

und Bekanntmachung/

Förderung der

Akzeptanz

Eigenverantwortliche

Betreuung

und Unterstützung der

vonÜberfällen

betroffenen

Kollegen

BÜB

Evtl.

Vermittlung

weiterer

professioneller

psychologischer

Versorgung

Reflexion der

Betreueraufgabe/

„Psychohygiene“

Abb. 1: Wozu soll die Schulung den BÜB qualifizieren?

Wie bereits erwähnt, hat der Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV) Westfalen-

Lippe frühzeitig die Aufmerksamkeit seiner „Mitgliedssparkassen“ auf das Thema Vorund

Nachsorge im Umgang mit Überfall-Betroffenen gelenkt. So fanden zwischen 1996

und 2001 im Rahmen der Lehrgänge und Schulungen zum Gesundheits- und

Arbeitsschutz des GUVV 1½-tägige Informationsseminare zum „Einsatz von Überfall-

Betreuern in Sparkassen“ statt, um den teilnehmenden Sparkassen Gelegenheit zu

geben, sich über diesen Ansatz einer kollegialen Betreuung nach Überfällen sowohl zu

informieren als auch Konzeptualisierung und Zuschnitt für die eigene Institution zu

erarbeiten. Anfang 2002 konnte der GUVV Westfalen-Lippe die Broschüre zum Thema

„Überfälle auf Sparkassen: Betreuung von Beschäftigten nach Überfällen“ (Ribbert,


8 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Josephs & Hungerige, 2002) vorlegen. Diese Broschüre informiert umfassend über

Entstehung, Idee und Inhalte des kollegialen Betreuungskonzeptes und der

dazugehörigen Kurzschulung sowie über mögliche Folgeerscheinungen von Überfällen

und die Aufgaben eines hausinternen Betreuungsteams („BÜB“-Team).

In fortgesetzter Kooperation zwischen dem GUVV Westfalen-Lippe und der

psychologischen Arbeitsgruppe (Ribbert, Josephs, Hungerige) wurde als konsequenter

Schritt der Weiterentwicklung sekundärer Prävention und nach vielfältig positiver

Erfahrungsbilanz durch insgesamt 28 Sparkassen, die das „BÜB“-Konzept erfolgreich

umgesetzt haben, die Veröffentlichung der Inhalte der Weiterbildung zum „Betreuer von

Überfall-Betroffenen“ (BÜB) geplant. Das vorliegende Schulungsmanual kann als

anwenderfreundliches Lehrkonzept nun von den Sparkassen selbst zur Bildung und

Schulung eines „BÜB“-Teams genutzt werden.

1.2 Hinweise zur Vorbereitung der Bildung und Schulung

eines kollegialen Betreuungsteams

Bisher entstehen Konzeptüberlegungen zum Umgang mit Überfall-Betroffenen unter

Vor- und Nachsorge-Aspekten zunächst bei einem kleinen Kreis von Mitarbeitern

innerhalb einer Sparkasse. Diese bemerken oder erfahren entweder direkt Besorgnis

erregende Veränderungen an überfallenen Kollegen oder sind von ihrer Aufgabe her mit

Mitarbeiterfragen in unterschiedlicher Weise betraut. Dann stoßen sie zumeist

„irgendwie“ auf das Thema, nehmen u.a. Kenntnis von gesetzlichen Veränderungen im

Bereich Arbeitsschutz, von spezifischen Informationsveranstaltungen oder

verschiedenen Konzeptangeboten.

Wenn die Orientierungsphase abgeschlossen und entschieden ist, welches Konzept bzw.

welcher Fürsorge-Baustein zunächst angewandt werden soll, so wissen die meisten

Initiatoren, wie wichtig und schwierig es zum Teil sein kann, „im Hause“ (also in der

Sparkasse) ein ausreichendes Verständnis, Interesse und eine breite Akzeptanz für den

Themenbereich Überfall, Folgen, mögliche psychische Verletzungen/Arbeitsbeeinträchtigungen

sowie für die Versorgung der betroffenen Mitarbeiter zu bekommen.

Die Zustimmung und Befürwortung des „BÜB“-Konzeptes durch den Vorstand, die

unterschiedlichen Führungsebenen im Hause sowie die Markt- bzw.

Geschäftsstellenleiter, die schließlich ja auch selbst Betroffene werden können, ist

zentraler Bestandteil der effektiven Verankerung einer solchen Betreuungsmaßnahme.


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 9

An wen richtet sich also diese Schulung – und zwar sowohl in der Rolle der

Durchführenden (also des Schulungsleiters bzw. der Schulungsleiterin, im Folgenden:

SL) als auch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (TN) und somit künftigen

Betreuungspersonen (BÜB)?

Die Schulung richtet sich an alle,

� die kollegiale und verantwortliche Fürsorge für ihre Mitarbeiter tragen und

empfinden;

� die das Thema „Überfall“ und „Betreuung von Betroffenen“ auf eine breitere Basis

der Akzeptanz in ihrem Hause (Sparkasse) stellen wollen;

� die das Thema „psychische Verletzung als Arbeitsunfall“ z.B. in der Personalleitung,

als Sicherheitsbeauftragter oder Organisationsmitarbeiter vertiefend

erweitern müssen;

� die sich für den spezifischen Fürsorge-/Präventionsbaustein „Weiterbildung zum

Betreuer/zur Betreuerin von Überfall-Betroffenen“ (BÜB) interessieren;

� die selbst Betroffene von Überfällen wurden und ihre Erfahrungen und ihr Erleben

in Fürsorge-/Betreuungskonzepte einbringen wollen.

In der oben bereits erwähnten GUVV-Broschüre zum „BÜB“-Konzept (Ribbert, Josephs

& Hungerige, 2002) wird auf die Frage der Zusammenstellung des künftigen

Betreuungsteams, und somit der Schulungsteilnehmer, bereits eingegangen. An dieser

Stelle sei kurz zusammengefasst, dass sich die Anzahl der einsatzbereiten Betreuer

(BÜB) jeweils nach Größe (Gesamtanzahl der Mitarbeiter, Filialen) und regionaler

Ausdehnung des Geschäftsstellennetzes der Sparkasse richtet. Es handelt sich pro

Schulung um mindestens drei bis maximal 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von

den jeweiligen Initiatoren (bspw. Personal-/Organisationsabteilung, Personalrat, Sicherheitsbeauftragte,

Führungskräfte) auf die Teilnahme an diesem Konzept und der damit

verbundenen Schulung angesprochen werden. Eine größere Teilnehmerzahl ist schon

deshalb zu empfehlen, damit am „Tag X“ eines Überfalls, wie vorgesehen, zwei BÜB vor

Ort sein können und nicht Abwesenheit (durch Urlaub, Krankheit oder Auswärtstermine)

den effektiven Einsatz vereitelt. Eine größere Gruppe ermöglicht ggf. auch die Aufteilung

der Zuständigkeit für regionale Einsatzgebiete.

Die bisherigen Erfahrungen bestätigen, dass es sinnvoll sein kann, aus der Kenntnis der

unterschiedlichen Persönlichkeiten und Mitarbeiterstrukturen heraus, gezielt Personen

aus möglichst unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Positionen direkt auf eine solche

Aufgabe (und somit auf die Teilnahme an der Schulung) anzusprechen. Die


10 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Hauptaufgabe besteht – wie bereits erläutert – vor allem darin, die Anteilnahme und

Unterstützung der Sparkasse, in Vertretung durch ein kollegiales Betreuungsteam,

deutlich zu machen. Die Eignungskriterien für die BÜB-Aufgabe liegen somit schlicht in

zwischenmenschlichen und sozialen Kompetenzen (bspw. Kollegialität,

Vertrauenswürdigkeit und Akzeptanz, Gesprächs- und Kontaktfreudigkeit, Teamfähigkeit

u.a.). Nach der so getroffenen (Vor-)Auswahl vermitteln und/ oder vertiefen die

vielfältigen Schulungsmodule weitere Kenntnisse, Fähigkeiten und wichtige Bestandteile

der Ersthelfer-Rolle in ihren positiv unterstützenden Möglichkeiten und „gesunden“

Grenzen.

Die übersichtliche Gliederung und didaktische Aufbereitung des vorliegenden

Schulungsmanuals bietet einen raschen Überblick und eine „Volldeklaration“ über

Inhalte, Materialien und Einsatzmöglichkeiten der thematischen Module, die

allgemeinverständlich aufbereitet sind. Ein oder mehrere der Initiatoren (s.o.) können

somit, in Absprache und ohne lange Einarbeitungszeit, die Rolle des Schulungsleiters

bzw. der -leiterin selbstverantwortlich in enger Orientierung an dem Manual

übernehmen. Die Entscheidung, wer in der Sparkasse diese Aufgabe übernimmt oder

damit betraut wird, bzw. ob es sinnvoll ist, die Konzeptentwicklerinnen zur Schulung

hinzuzuziehen, bleibt dem jeweiligen Institut überlassen.

1.3 Hinweise zum Umgang mit dem Schulungsmanual

Vergleichbar dem Unterweisungsprogramm zur Prävention psychischer Belastungen

durch Raubüberfälle des GUVV Westfalen-Lippe (Hetmeier et al., 2003, 2004) sind auch

Teile dieses Lehrkonzeptes auf die Schulung mittels Computer ausgelegt. Im Anhang

befindet sich eine entsprechende CD-ROM, die die Schulungsmaterialen der jeweiligen

Module für die Präsentation am Bildschirm bzw. per LCD-Projektor (Beamer) oder zur

Fertigung von Vortragsfolien für die Overhead-Präsentation enthält. Die CD-Version

basiert auf dem Programm „Microsoft PowerPoint“ (Versionen 97; 2000).

Das vorliegende Manual kann nach der unverzichtbaren Lektüre der Allgemeinen

Hinweise mit der Beschreibung der Module 1 bis 12 als Schulungsgrundlage für die

Schulungsleiter genutzt werden. Der ausführliche Fließtext enthält übersichtliche, farbige

Markierungen zum gegebenen Einsatz der Präsentationsmaterialien, die den Vortrag

oder die Gruppenarbeit begleiten.

Diese Präsentationen zu den einzelnen Modulen bilden das inhaltlich logisch aufeinander

aufbauende Grundgerüst der jeweiligen Vorträge und können zudem als

Schulungsmaterial an die Teilnehmenden und als Informationsblätter (gekennzeichnet)


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 11

an die Betroffenen verteilt werden. Die Präsentationen können mit Rücksicht auf die

persönlich unterschiedlichen Darstellungsstile der Schulungsleiter auch für den

ansonsten freien Vortrag über ein Modul genutzt werden. Der Vorteil des Fließtextes liegt

in der sprachlich und optisch markierten Einarbeitung der Vortragsfolien auf dem

Hintergrund zusätzlicher inhaltlicher Ausführungen zum jeweiligen Stichpunkt sowie

didaktischer Durchführungshilfen. Die Schulungsleiter können somit zwischen teil- und

vollstrukturierter Vortragsform wählen.

Die Rückmeldungen der Durchführenden und auch der Teilnehmenden über das

vorliegende Schulungsmanual selbst sowie über die gemachte Schulungserfahrung und

den geschätzten Nutzen liefern wichtige Hinweise zur Weiterentwicklung und möglichen

Verbesserung des Lehrkonzeptes. In Modul 12/2 findet sich deshalb ein Bewertungsbogen

für die TN, die anonym ausgefüllt an den GUVV Westfalen-Lippe geschickt

werden können, damit die Anregungen entsprechend berücksichtigt werden können.

Wichtiger Hinweis:

Das vorliegende Schulungsmanual geht inhaltlich ausführlich auf die Thematik der unterschiedlichen

Folgen und Formen persönlicher Betroffenheit nach Überfällen ein.

Die detaillierte Auseinandersetzung mit diesen Themen kann bei bereits von Überfällen

betroffenen Beschäftigten zu plötzlich auftretenden Belastungsreaktionen führen, die mit

Aspekten der traumatischen Erinnerung an das Erlebte einhergehen können.

Bei der Zusammenstellung des künftigen BÜB-Teams als Teilnehmende der Schulung und auch

vor der Durchführung bestimmter Modul-Unterweisungen soll auf diesen Sachverhalt

ausdrücklich aufmerksam gemacht werden (Hinweise werden an entsprechender Stelle gegeben)!

Bereits diese Vorabinformation kann den betroffenen Teilnehmenden bei der gedanklichen und

gefühlsmäßigen Einordnung dieser belastenden Empfindungen hilfreich sein, zumal sie im Verlauf

der Schulung so rascher geäußert und die Teilnehmenden ggf. einer Unterstützungsmaßnahme

zugeleitet werden können.

Grundsätzlich spricht aus vielfältiger Erfahrung nichts dagegen, dass bereits überfallene

Beschäftigte zu BÜB werden; gerade die Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen der

Aufgaben und Grenzen des Betreuungseinsatzes fördert die realistische Selbsteinschätzung der

Teilnehmenden in Bezug auf ihre Helferrolle.


12 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

2. Die Schulungsmodule

________________________________________________________________

2.1 Hinweise zur zeitlichen Strukturierung der Schulung

Die Schulung besteht aus insgesamt 12 Schulungsmodulen ( M1/1 – M12/2) und

sollte möglichst an zwei aufeinander folgenden Tagen stattfinden (insgesamt 16

Stunden). Sofern die Schulung entsprechend dem Manual durchgeführt wird,

verteilen sich diese 12 Module im Verhältnis 7:5 über die beiden Tage.

Die zeitliche Reihenfolge der einzelnen Schulungsmodule ist prinzipiell festgelegt

und wird bestimmt durch didaktische und inhaltliche Überlegungen. Allerdings

können einige Bausteine in ihrer Reihenfolge variiert werden. Sofern dies möglich

ist, wird darauf bei der Beschreibung der Bausteine hingewiesen (s.u.). Eine

Verteilung der Schulungsmodule auf mehrere Tage, an denen die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter noch anteilig ihrer Beschäftigung nachgehen können, ist denkbar,

wobei die Schulungstage dann unbedingt aufeinander folgen sollten, um die

erneute Vertiefung in die Thematik nicht unnötig zu erschweren.

Mit jedem Modul sind spezifische Schulungsziele verknüpft; sie unterscheiden

sich daher hinsichtlich ihrer Dauer, der benötigten Materialien, der eingesetzten

Unterrichtstechniken und der Art der Durchführung sowie des Ausmaßes aktiver

Teilnahme und der möglicherweise auftretenden besonderen Gruppensituationen.

Tabelle 1 gibt eine Übersicht der 12 Schulungsmodule in ihrer zeitlichen Abfolge.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 13

Tab. 1: Chronologische Übersicht der 12 Schulungsmodule

Erster Schulungstag Zweiter Schulungstag

M1/1 � Begrüßung und Vorstellung

� Absprache und Diskussion des

Schulungsprogramms (Ziele,

Erwartungen, Vorschläge etc.)

� Einleitung (Rolle der Sparkasse,

Merkmale der Überfallsituation etc.)

M2/1 � Aktivierung und Konzeption (1):

Brainstorming zu Aufgaben/Konzeption

des BÜB-Einsatzes

M3/1 � Aktivierung und Konzeption (2):

Rollenidentifikation des BÜB:

Das Überfallgeschehen aus verschiedenen

Perspektiven

M4/1 � Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht

M5/1 � Gesprächsmanagement (1):

Allgemeine Gesprächshaltung

und Frageformen

M6/1 � Aufgaben und Grenzen des BÜB (1):

Präsenzaufgaben/ Das aktuelle Gespräch

M7/1 � Aufgaben und Grenzen des BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen der

Betreuungsaufgabe

M8/2 � Gesprächsmanagement (2):

Kommunikationsregeln im Umgang mit

schwierigen Konstellationen bei

unterschiedlicher Betroffenheit

� Selbstunterstützung und Umgang mit

der eigenen Betroffenheit

(Psychohygiene)

M9/2 � Hintergrundinformation (2):

Wirkungen und Folgen der

Überfallsituation

M10/2 � Aufgaben und Grenzen des BÜB (3):

Das Nachgespräch

M11/2 � Hintergrundinformation (3):

Professionelle Hilfe –

Der Weg zur Psychotherapie

M12/2 � Abschließende Diskussion

� Feedbackrunde/Evaluation

Zur raschen Orientierung über Struktur und Aufbau existiert für jedes Modul eine

Durchführungshilfe als Merkblatt, das in Form einer tabellarischen Übersicht u.a.

auch den Zeitaufwand pro Modul angibt.

2.2 Hinweise zur thematischen Strukturierung der Module

Thematisch lassen sich die 12 Module zu sechs größeren Schulungseinheiten

zusammenfassen (vgl. Abb. 2). Um den Überblick zu erleichtern, sollen diese im

Folgenden kurz beschrieben werden:

1. Einführung: Modul 1/1 dient dazu, Ziele und Erwartungen der TN abzuklären,

das Schulungsprogramm vorzustellen und eine kurze Einführung zu geben

[1. Tag].

2. Aktivierung und Konzeption: Die Module 2/1 und 3/1 haben zum Ziel, die TN

zu aktivieren: Sie sollen sich in das Thema einfinden und sich möglichst früh

aktiv an der Schulung beteiligen. Dies geschieht zum einen mittels eines


14 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Brainstormings zu möglichen Aufgaben und zur Konzeption des BÜB-Einsatzes

(M2/1), zum anderen durch eine Imaginationsübung , die dabei helfen soll, das

Überfallgeschehen aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen und

emotional nachempfinden zu können (M3/1) [1. Tag].

3. Information: Die Module 4/1, 9/2 und 11/2 vermitteln die für die Betreuungsaufgabe

notwendigen theoretischen Hintergrundinformationen. Dies geschieht

durch interaktive Kurzvorträge, in denen den TN Hintergrundwissen zu den

Themen Angst aus psychologischer Sicht (M4/1), Wirkungen und Folgen der

Überfallsituation (M9/2) und Professionelle Hilfe – Der Weg zur

Psychotherapie (M11/2) vermittelt werden soll [1. und 2. Tag].

4. Gesprächsmanagement: Für eine erfolgreiche Bewältigung der Betreuungsaufgabe

müssen den TN sowohl eine spezifische Gesprächshaltung als auch

Kompetenzen hinsichtlich der Gesprächsführung vermittelt werden. Hierbei

kann zum Teil an bereits vorhandene Gesprächsführungskompetenzen angeknüpft,

zum Teil müssen diese aber auch neu erarbeitet werden. Mit Modul 5/1

soll den TN einerseits diese spezifische Gesprächshaltung nahe gebracht

werden, andererseits sollen die entscheidende Bedeutung und Funktion von

Fragen für den Gesprächsverlauf verdeutlicht und verschiedene Frageformen

überblicksartig dargestellt werden. Modul 8/2 knüpft inhaltlich daran an und

orientiert sich an dem spezifischeren Ziel, Kommunikationsregeln und

-strategien im Umgang mit schwierigen Konstellationen bei unterschiedlicher

Betroffenheit der Gesprächspartner zu vermitteln. Ergänzend dazu werden

Hinweise zur Selbstunterstützung und zum Umgang mit der eigenen

Betroffenheit gegeben (Stichwort: Psychohygiene). Beide Module sind als

Zusammenfassung und Ergänzung des jeweiligen Diskussionsstandes der

Gruppe gedacht [1. und 2. Tag].

5. Aufgaben und Grenzen: In den Modulen 6/1, 7/1 und 10/2 werden Aufgaben

und Grenzen des BÜB-Konzeptes zur Diskussion gestellt. Hierzu gehören

einerseits die Vorstellung und Diskussion der zweiphasigen Struktur der

Betreuungsaufgabe (aktuelles Gespräch und Nachgespräch; M6/1 und M10/2),

andererseits die Frage, wie das BÜB-Konzept in der Institution verankert und

bekannt gemacht werden kann ( Institutionalisierungsbedingungen der

Betreuungsaufgabe ; M7/1). Die spezifischen Besonderheiten des aktuellen

Gesprächs und des Nachgesprächs werden im Rollenspiel intensiv erprobt und

eingeübt; die Einpassung des BÜB-Konzepts in die Betriebsstruktur wird

gemeinsam mit den TN erarbeitet [1. und 2. Tag].


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 15

6. Abschluss und Evaluation: Modul 12/2 lässt Raum für noch offene Fragen,

eine abschließende Diskussion und eine Feedbackrunde. Falls gewünscht, kann

eine Evaluation der zweitägigen Schulung durchgeführt werden [2. Tag].

Einführung ..............................

Aktivierung

undKonzeption ..............

Information..........

Gesprächsmanagement

.................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB .............

M4/1

Abschluss

undEvaluation..........................

M2/1

M5/1

M6/1

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M3/1

M8/2

M10/2

Abb. 2: Thematische Übersicht über die 12 Schulungsmodule

M11/2

2.3 Hinweise zum didaktischen Aufbau der Schulungsmodule

Jedes Schulungsmodul wird in diesem Manual ausführlich beschrieben:

� Zunächst werden Hinweise auf die entsprechen PowerPoint-Präsentationen

gegeben (Präsentation).

� Die Beschreibung beginnt stets zunächst mit einer Vorbemerkung, in der das

entsprechende Modul in den Gesamtzusammenhang eingeordnet bzw. der


16 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Zusammenhang mit anderen Modulen hergestellt wird. Ebenso werden an

dieser Stelle die jeweiligen Lernziele des Moduls genannt.

� Unter dem Stichwort Think! finden sich als nächstes auf dieses Modul

bezogene allgemeine Hinweise zur Haltung des SL zur Durchführung des

Moduls.

� Unter dem Stichwort Beschreibung werden schließlich Inhalte und

Vorgehensweise detailliert dargestellt. Wie bereits erwähnt, unterscheiden

sich jedoch die Module hinsichtlich der Methodik und damit auch

hinsichtlich des Ausmaßes der aktiven Beteiligung der TN. Dementsprechend

kann der Schwerpunkt der Beschreibung eines Moduls entweder auf der

praktischen Durchführung oder auf der inhaltlichen Präsentation liegen:

� Durchführung: Sofern es sich bei den Modulen um Übungen

(Aktivierung und Konzeption: M3/1), Rollenspiele (Aufgaben und

Grenzen: M6/1 und M10/2), Arbeit in Kleingruppen (z.B. Aktivierung

und Konzeption: M2/1) oder im Plenum (z.B. Aufgaben und Grenzen:

M7/1) handelt, werden Hinweise zur Durchführung gegeben.

� Präsentation: Bei einigen Modulen steht die Vermittlung von Hintergrundwissen

(Information: M4/1, M9/2 und M11/2) und Gesprächsführungskompetenzen

(Gesprächsmanagement: M5/1 und M8/2) mit

Hilfe von interaktiven Kurzvorträgen im Vordergrund.

Hierzu stehen dem SL jeweils PowerPoint-Präsentationen (PPP) zur

Verfügung. Diese enthalten jeweils in Stichworten oder kurzen Merksätzen die

zu vermittelnden Inhalte und sind im Manual ausführlich beschrieben. Bei der

Darstellung wurde Wert darauf gelegt, dass alle Stichworte und Merksätze

auch im Beschreibungstext auftauchen und leicht zu finden sind. Sie wurden

deswegen blau hervorgehoben. (Insbesondere bei den Präsentationen ist es

also notwendig, dass sich der SL zuvor in ausreichender Weise das Wissen

aneignet, das er vermitteln will!)

Zur schnelleren Orientierung und als Merkblatt für den SL wurde, wie bereits

erwähnt, jeder Modulbeschreibung eine Durchführungshilfe in Form einer

tabellarischen Übersicht angefügt. Darin sind die wichtigsten Informationen für

jedes Modul in übersichtlicher Form zu finden:


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 17

1) Ziele: Kurzbeschreibung der Lernziele des Moduls.

2) Dauer: Da die Beteiligung der TN unterschiedlich sein kann (Fragen,

Vorschläge etc.) und die Dauer eines Moduls auch davon abhängt, inwieweit

im Schulungsverlauf auf bestimmte Aspekte schon eingegangen wurde, kann

die Dauer nur aufgrund der bisherigen Erfahrungen geschätzt werden. Es

empfiehlt sich jedoch, die angegebene Zeitspanne nicht deutlich zu

überschreiten, um zeitliche Engpässe gegen Ende der Schulung zu vermeiden!

(Sollte der SL dennoch in Zeitnot geraten, kann er dies z.B. über die Anzahl der

durchgeführten Rollenspiele regulieren.)

3) Materialien: Angabe der für die Durchführung des Moduls notwendigen

Materialien:

� Im Manual und auf der CD (Präsentationen) enthaltene Materialien für SL

und TN;

� Sonstiges, z.B. Overhead-Projektor (OHP), Beamer, Flipchart, Stifte, leere

Folien etc.

4) Techniken: Angabe der eingesetzten Techniken, z.B. Brainstorming, Kleingruppenarbeit,

praktische Übungen, Rollenspiele, Plenumsdiskussion, Kurzvorträge

etc.

5) Bemerkungen: Besonderheiten, Hinweise und Tipps.

Es folgt nun die Beschreibung der einzelnen Module.


18 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Begrüßung und Vorstellung/

Absprache und Diskussion des

Schulungsprogramms/Einführung

Präsentationen

PPP M1/1-1 PPP M1/1-2 PPP M1/1-3

Vorbemerkung

Die Module 1/1, 2/1 und 3/1 stellen als Block

eine sukzessive Annäherung an das Thema

dar. Ziel ist, die TN zu aktivieren, zu motivieren

und zu sensibilisieren. Abgesehen von einer

kurzen Einführung in das BÜB-Konzept am

Ende dieses Moduls werden noch keine

Inhalte „vermittelt“, vielmehr werden Erwartungen,

Ideen und Vorstellungen der TN

„ermittelt“. Die TN werden dabei als aktive

Konzeptentwickler, nicht als passive Rezi-

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

pienten verstanden. Die SL verdeutlichen zu Beginn, dass es nicht gilt, einen

bereits fertigen Entwurf der Tätigkeiten des BÜB zu übernehmen und in der Folge

zu „trainieren“, sondern gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten, das auf die

spezifischen Bedürfnisse und Bedingungen innerhalb der jeweiligen Sparkasse

zugeschnitten ist (Stichwort: maßgeschneidertes Konzept vs. Konzept von der

Stange).

� Um dies zu gewährleisten, werden in Modul 1/1 die bisherigen Erfahrungen

mit Überfällen – besonders im Hinblick auf die Betreuung von überfallenen

Kollegen und Kolleginnen – gesammelt und durch einführende Hinweise

ergänzt. Diese beziehen sich thematisch (1) auf die Entwicklungsgeschichte

dieser Schulungsmaßnahme, (2) auf die Rolle der überfallenen Institution

Sparkasse und (3) auf allgemeine Merkmale der Überfallsituation (vgl. PPP

M1/1-3).

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M1/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 19

In den zwei zur Selbstreflexion anleitenden Modulen 2/1 und 3/1 sollen die TN „on

scratch“ und ohne weitere Experteninformation mögliche Aufgabenfelder und

Einsatzmodi des BÜB konzipieren:

� Dabei werden in Modul 2/1 Ideen für die Tätigkeiten des BÜB in einem

Kleingruppen-Brainstorming entwickelt.

� In Modul 3/1 werden die TN durch eine geleitete Imaginationsübung

emotional in die Rolle eines überfallenen Kollegen versetzt. Aus dieser Rolle

persönlicher Betroffenheit und den daraus resultierenden Bedürfnissen

heraus sollen sie ihre Erwartungen an den BÜB formulieren.

Es kann durchaus vorkommen, dass sich hier die aus Modul 2/1 resultierenden,

möglicherweise hoch gesteckten Erwartungen an den BÜB relativieren. Diese

relativ lange Phase des „Selbstbastelns“ (gerade in Modul 2/1 und Modul 3/1)

wird generell von den TN sehr positiv bewertet. Die SL müssen sich also im

Vorfeld keine Gedanken darüber machen, ob sie bei diesen Modulen - vielleicht im

Kontrast zu sonstigen Schulungen - zu wenig Informationen beisteuern und dies

bei den TN auf Kritik stößt. Im Gegenteil: Die TN sind in der Regel sehr positiv

überrascht, wie viel sie selbst schon an Ideen (aber auch an Fragen) mitbringen.

Think!

Bei der Durchführung des ersten Teiles von Modul 1/1 (Vorstellungsrunde) ist auf

folgendes zu achten:

� Erstens kann dieser Teil leicht „ausufern“, da die Möglichkeit besteht, dass

ausführlich Einzelfallgeschichten erzählt werden. Hier gilt es dann, auf

sensible Weise zu „bremsen“. Eine sensible Haltung der SL ist auch schon

deshalb notwendig, da die TN möglicherweise selbst schon einmal einen

Überfall erlebt haben oder betroffene Kollegen kennen. Sicherlich sollten hier

die Teilnehmer nicht „abgewürgt“ werden, vielmehr kann auf Folgemodule

verwiesen werden, in denen sie ihre Erfahrungen einbringen können. Die SL

sollten sich ggf. für die Offenheit der TN bedanken, aber nicht die eventuell

aufkommenden Emotionen vertiefen.

� Zweitens können evtl. Wünsche und Erwartungen geäußert werden, die zu

hoch gegriffen sind (z.B. „professionell“ handeln zu wollen, eindeutige

„Techniken“ und „richtiges“ Verhalten zu lernen). Hier ist es notwenig,

bereits im Vorfeld die Erwartungen zu senken. Es geht nicht um die


20 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Ausbildung zu Profis, sondern um ein Arbeiten mit bereits vorhandenen

Kompetenzen auf Laienebene. Ein Psychologiestudium mit nachfolgender

Therapieausbildung dauert insgesamt ca. 8 Jahre (siehe Modul 11/2). In

zwei Tagen ist also kein „Schnelldurchlauf“ zu leisten – und schon gar nicht

wünschenswert. Wichtig ist auch, bereits an dieser Stelle darauf

hinzuweisen, dass es kein eindeutig „richtiges“ Verhalten der BÜB gibt, bzw.

dass die Bewertungen von „richtigem“ und „falschem“ Umgang im Verlauf

der Schulung diskutiert werden müssen. Eine solche Relativierung der Rolle

und Aufgaben führt in der Regel bei den TN zu Erleichterung.

Durchführung

Zunächst begrüßen die SL die TN. Danach stellen sich die TN und SL in einer

Vorstellungsrunde vor. Dabei sollten die TN kurz auf folgende Fragen antworten:

� Wie heiße ich?

� Welche Funktion habe ich innerhalb der Sparkasse?

� Welche Erfahrungen (aus der Nähe oder Ferne) habe ich in der Sparkasse

mit Überfällen und dem weiteren Umgang mit betroffenen

Kollegen und Kolleginnen (positiv und negativ) gemacht?

� Welche Erwartungen und Wünsche richte ich an die Schulung?

Vor allem die Berichte über bisherige Erfahrungen mit Überfällen und dem

Umgang mit Betroffenen in der Folge sind hier wichtig. Die SL erfahren, wie die

jeweilige Sparkasse bislang reagiert hat (aktuell vor Ort, Umgang mit den

betroffenen Kollegen in der Folge), und können daraus ein „Stimmungsbild“

ableiten (was war gut, was weniger gut?). Dieses Stimmungsbild ist für die

weitere Entwicklung des BÜB-Konzeptes relevant. Deshalb sollten sich die SL in

diesem Teil, in dem viele Informationen gegeben werden, unbedingt Notizen

machen, da in späteren Modulen auf diesen Part zurückgegriffen wird.

Im Anschluss an dieses erste Kennenlernen stellen die SL das Programm kurz

vor. Die Vorstellung umfasst zwei Teilbereiche:

1. Generelle Einführung

2. Übersicht über den Schulungsablauf


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 21

1. Generelle Einführung

Hier wird kurz die generelle Struktur der Schulung verdeutlicht: Es gilt nicht, ein

fertiges Programm zu implementieren, sondern mit den TN gemeinsam ein auf

ihren Arbeitsplatz zugeschnittenes Betreuungskonzept zu entwickeln. Es geht um

Gestaltung, nicht um Reproduktion, also um „Maßschneidern“, nicht um „Kauf

von der Stange“. Diese Konzeption ist sowohl pragmatisch als auch motivational

begründet: Sparkassen variieren in ihren Strukturen, sodass es notwenig ist,

individuelle Zuschnitte zu gestalten. Motivational gesehen werden die TN in die

Rolle von Konzeptentwicklern versetzt und fühlen sich verantwortlich, woraus sich

eine hohe Mitarbeitsbereitschaft entwickelt. Selbstverständlich gibt es auch

vorgegebene Strukturen, die in der Schulung vermittelt werden. Diese beruhen auf

psychologischem Fachwissen und auf den langjährigen Entwicklungserfahrungen

im Hinblick auf das BÜB-Konzept.

2. Übersicht über den Schulungsablauf

Hier soll eine Präsentation ( PPP M1/1-1) auf möglichst übersichtliche Weise die

Struktur des Programms am ersten Schulungstag verdeutlichen. Zu Beginn des

zweiten Tages wird genauso verfahren ( PPP M1/1-2). Details verwirren an dieser

Stelle nur, es reicht ein grober Überblick ohne exaktes Zeitraster. Dabei werden

auch die Zeiten für die Mittagspause und die Rahmenzeiten festgelegt. Pausen

sollten nach Möglichkeit spontan ausgehandelt werden. Falls in der ersten Phase

des Moduls von den Teilnehmern geäußerte Wünsche im Programm auftauchen,

dann sollte schon an dieser Stelle darauf verwiesen werden.


22 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Erster Schulungstag

M1/1 Begrüßung und Vorstellung/

Absprache und Diskussion des Schulungsprogramms/Einleitung

� Gegenseitiges Kennenlernen, Abklären von Zielen und

Erwartungen; Berücksichtigen von Vorschlägen und Wünschen

� Information über die geplanten Schulungsinhalte/ Konsensfindung

� Einführung in das BÜB-Konzept

M2/1 Aktivierung und Konzeption (1):

Brainstorming zu Aufgaben/Konzeption des BÜB-Einsatzes

� Aktiver Einstieg in das Thema

� Explikation von „Vorüberlegungen“; Sammlung von Ideen

M3/1 Aktivierung und Konzeption (2):

Rollenidentifikation des Betreuers:

Das Überfallgeschehen aus verschiedenen Perspektiven

� Imaginationsübung mit verteilten Rollen

M4/1 Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht

� Interaktiver Kurzvortrag zu Erscheinungsformen und Bedeutung

der Angst sowie Entstehung, Aufrechterhaltung, Klassifikation und

Behandlung von Angststörungen

M5/1 Gesprächsmanagement (1):

Allgemeine Gesprächshaltung und Frageformen

M6/1

� Interaktiver Kurzvortrag

Aufgaben und Grenzen des BÜB (1):

Präsenzaufgaben/Das aktuelle Gespräch

� Sammeln von Präsenzaufgaben am Überfalltag

� Erarbeitung der ABC-Struktur des Erstgesprächs und intensives

Einüben in Rollenspielen

M7/1 Aufgaben und Grenzen des BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen der Betreuungsaufgabe

� Implementierung, Bekanntmachung, Förderung der Akzeptanz,

Bedingungen des Einsatzes etc.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 23

Zweiter Schulungstag

M8/2 Gesprächsmanagement (2):

Kommunikationsregeln im Umgang mit schwierigen Konstellationen

bei unterschiedlicher Betroffenheit

� Vermittlung von Kompetenzen für den Umgang mit schwierigen

Gesprächssituationen

Selbstunterstützung und Umgang mit der eigenen Betroffenheit

(Psychohygiene)

� Wie kann der Betreuer mit seiner eigenen Betroffenheit in und

nach einem Gespräch umgehen?

M9/2 Hintergrundinformation (2):

Wirkungen und Folgen der Überfallsituation

� Interaktiver Kurzvortrag zu psychischen Auswirkungen eines

Überfalls

M10/2 Aufgaben und Grenzen des BÜB (3):

Das Nachgespräch

� Erarbeitung der ABC-Struktur des Nachgesprächs und intensives

Einüben in Rollenspielen

M11/2 Hintergrundinformation (3):

Professionelle Hilfe – Der Weg zur Psychotherapie

� Professionelle Hilfe – Der Weg zur Psychotherapie

M12/2 Abschließende Diskussion

Feedbackrunde/Evaluation

� Möglichkeit der Evaluation (Fragebogen)


24 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Anschließend wird in Form eines Kurzvortrags eine erste orientierende Einführung

gegeben, die wie folgt strukturiert ist:

Tab. 2: Gliederung des Kurzvortrags „Einleitung“ (M1/1)

1. 12 Jahre Weiterbildung „Betreuer/in von Überfall-Betroffenen“ (BÜB):

Ein bewährtes Konzept zur Betreuung von Beschäftigten nach

Überfällen auf Sparkassen

2. Rolle der überfallenen Institution Sparkasse

3. Allgemeine Merkmale der Überfallsituation

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation ( PPP M1/1-3)

So wie die SL für das tiefere Verständnis des Betreuungskonzeptes in den Kapiteln

Allgemeine Informationen über Zielsetzung und Entwicklung der kollegialen

Betreuungsidee informiert wurden, ist es auch für die TN bedeutsam, im

Folgenden als Einführung einen knappen Überblick über die wichtigsten Themen

des Konzeptes zu bekommen.

Mit Rücksicht auf das nachfolgende Thema Brainstorming zu Aufgaben und

Konzeption des BÜB-Einsatzes (vgl. M2/1) sollte darauf geachtet werden, dass

nicht schon zu viele Ideen zum Aufgabenbereich vorweggenommen werden. Die

kurze Vorstellung der Folien, mit dem Verweis auf die schrittweise Vertiefung

durch die Bearbeitung der weiteren Module, soll an dieser Stelle genügen. Im

Übrigen kann der SL seine möglichen Kommentierungen zur nachfolgenden

Präsentation (PPP M1/1-3) inhaltlich mit Hilfe des o.g. Kapitels anreichern.

1. 12 Jahre Weiterbildung „Betreuer/in von Überfall-Betroffenen“ (BÜB): Ein

bewährtes Konzept zur Betreuung von Beschäftigten nach Überfällen auf

Sparkassen

Seit 1993 Entwicklung der sparkasseninternen Betreuungsidee

„Betreuer/in von Überfall-Betroffenen“ (BÜB):

� entstanden in direkter Zusammenarbeit mit verantwortlichen Beschäftigten

und Betroffenen

� weiterentwickelt mit den Betreuungsteams von bisher 28 Sparkassen und

deren individuellen Strukturen


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 25

Wichtigste Bestandteile dieser Idee/ Konzeption:

� Sensibilisierung von Sparkassenverantwortlichen für mögliche Beeinträchtigungen

der überfallenen Beschäftigten nach Raubüberfällen in den

Bereichen

� psychische Gesundheit – kurz- und langfristige Folgen

� Arbeitsverhalten/ Arbeitsklima – „systemische“ Folgen

� Würdigung des Überfallgeschehens als „ein besonderes berufsspezifisches

Extremereignis“ und Anerkennung eines erhöhten Fürsorgeverständnisses

der Institution Sparkasse – als das „eigentliche“ Angriffsziel des Überfalls –

gegenüber den betroffenen Beschäftigten

� Hilfsmaßnahmen im eigenen Hause werden in Form eines kollegialen

Betreuungsteams verankert und institutionalisiert (Ersthelfer; „Peer-Support-

System“)

� Weiterbildung von engagierten Beschäftigten zu hausinternen Betreuungspersonen

von Überfall-Betroffenen (Peers = BÜB)

Bewusstseinsbildung in der Mitarbeiterschaft:

� Das BÜB-Konzept ist ein Baustein sekundärer Prävention psychischer

Verletzungsfolgen.

� „Hilfe aus dem System für das System –

von Kollegen für Kollegen!“

Vorteile gegenüber externen Hilfsmaßnahmen:

Hauptaspekt:

BÜB sind ein „lebendiges“, kollegiales Zeichen des Fürsorgeverständnisses

der Sparkasse, die Hilfsmaßnahmen nicht nur „nach außen“ delegiert

� BÜB sind mit dem Berufsbild, den Abläufen und Besonderheiten der

Institution Sparkasse vertraut.

� BÜB können somit ggf. auf spezifische arbeits- und organisationsbezogene

Bedürfnisse der Überfallenen reagieren.

� BÜB können die Perspektive der Betroffenen ggf. durch eigene Überfallerfahrung

hilfreich begleiten.


26 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Das BÜB-Konzept stellt kein Konkurrenzmodell zur professionellen Hilfe dar – im

Gegenteil:

� BÜB können der Tabuisierung von weiterführenden Hilfsmaßnahmen günstig

entgegenwirken und Wege zur professionellen Hilfe bahnen.

Die Erfahrung zeigt, dass Sparkassen mit dem BÜB-Konzept (im Unterschied zur

alleinigen Notfall-Versorgung durch einen externen Psychologen) für die Dauer

einiger aktueller Gespräche auch noch auf spät auftretende Veränderungen/

Beschwerden der Betroffenen mit einem unkompliziert zu vereinbarenden BÜB-

Gespräch reagieren können, um darin ggf. professionelle psychotherapeutische

Hilfe anzuraten. Bei mehrfach Überfallenen ist eine zeitlich versetzte Reaktion

durch das „Abwarten“, wie der Überfall wohl „diesmal“ verarbeitet werden wird,

keine Seltenheit. Dann ist ein Zugehen auf die BÜB unkompliziert und kann bei

Bedarf zur rascheren Weiterleitung führen (vgl. dazu die Module 9/2 und 11/2).

2. Rolle der überfallenen Institution Sparkasse

Auch zur Erläuterung dieses Teils empfehlen wir, die Lektüre der Allgemeinen

Informationen zur Kommentierung hinzuzuziehen.

Die Sparkasse ist „ die Überfallene“:

� Betroffene Beschäftigte werden „stellvertretend“ und „dienstlich“ „für“ die

Institution überfallen.

� Der Überfall am Arbeitsplatz Sparkasse – Berufsrisiko und „Arbeitsunfall“

(Unfallmeldung an den GUVV).

� Die Sparkasse wird durch die Betroffenen vor der Polizei und vor Gericht

vertreten.

Die Sparkasse ist schließlich das eigentliche Ziel des Angriffs, mit ihrer Ware Geld.

Die betroffenen Mitarbeiter erleben diesen Angriff allerdings am eigenen Leibe,

ohne persönlich gemeint zu sein. Die Perspektive, nicht persönlich gemeint

gewesen zu sein, kann im Nachhinein eine hilfreiche Distanz zum Geschehen

herstellen. Die Chance zu dieser selbstschützenden und unterstützenden Einsicht

kann der Betroffene allerdings umso besser entwickeln, wenn ihn die „eigentlich“

überfallene Institution mit dem Ereignis und seinen Wirkungen nicht allein lässt.

Die Sparkasse kann z.B. durch Kollegen, die für das Thema Überfallnachsorge


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 27

sensibilisiert oder entsprechend geschult wurden, entscheidend zur günstigeren

Interpretation und Verarbeitung des Überfalls beitragen.

wichtig:

Die Sparkasse erkennt über den Einsatz von BÜB ihre Verantwortung für diese

„Vertretungsfunktionen“ der Beschäftigten an und nimmt stellvertretend durch

BÜB bspw.

� an der Begleitung von Zeugenaussagen teil (bspw. auf dem Polizeirevier; bei

Gericht),

� wirkt „fürsorglich“ an weiteren Sicherheitsmaßnahmen sowie

� bei eventuell notwendigen Arbeitsplatzveränderungen mit.

Selbstverständlich gehört die Begleitung der Überfall-Betroffenen zum Polizeirevier

und zur Gerichtsverhandlung ebenfalls zu den Nachsorge-Aufgaben. Ohne

die Repräsentanz der Sparkasse durch einen Begleiter an der Seite des

betroffenen Kollegen, der dabei erstmals wieder mit dem Täter und somit auch

seinem eigenen Erleben während der Tat konfrontiert wird, bekommen diese

„Zeugenaussagen“ sowie der gesamte Überfall doch noch den Charakter eines

„persönlichen“ Angriffs mit der unter Umständen anhaltenden Furcht vor dem

Täter als eine der Folgen.

Wichtiger Hinweis: Die BÜB sollten die Betroffenen darauf aufmerksam machen,

dass bei der Zeugenvernehmung durch die Polizei die Adresse der Sparkasse als

Hauptadresse für den Schriftverkehr angegeben werden soll, damit jegliche Post –

z.B. bzgl. der Zeugenladung bei Verhandlung des Täters – „die Überfallene“

(Sparkasse) erreicht!

3. Allgemeine Merkmale der Überfallsituation

Den Überfalltag wird man trotz aller Unterweisungen und des bekannten

Berufsrisikos als plötzlich und eben doch unerwartet und vom Ereignis selbst,

dem irgendwie gearteten Täter und seinen eigenen Gefühlen und Reaktionen her

„als überfallend“ erleben.

Neben der Plötzlichkeit des Geschehens wirken je nach Überfall auch noch

Bedrohungsformen wie der befremdliche Anblick einer Maskierung, die auf die

Betroffenen gerichtete Waffe, einschüchternder Stimmenlärm (laute Befehle,

Beschimpfungen, Drohungen) auf die Tagesverfassung jedes Einzelnen unter-


28 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

schiedlich ein. Somit ist der Überfall, unabhängig davon, ob er Sekunden oder

aber Stunden dauert, ob die Waffe geladen oder ungeladen war (was man

schließlich nicht ahnen kann) und ob der Täter mehr oder weniger bedrohlich

wirkte, stets eine unfreiwillige Konfrontation mit einem traumatischen, d.h.

verwundenden, erschütternden Ereignis. Insbesondere die eher allgemeine

Formulierung „Gefahr/Bedrohung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit“

macht deutlich, dass das Überfallgeschehen – auch wenn es für das Erleben

mancher Mitarbeiter zum Glück weniger gravierend und folgenlos bleibt – stets

den Charakter eines Angriffs hat, der starke Stressfaktoren beinhaltet.

Tabelle 3 verdeutlicht die Wechselwirkung zwischen Situation, Person und

Reaktion bei einem Überfallgeschehen:

Tab. 3: Merkmale des Überfalls und des persönlichen Erlebens

Merkmale

des Überfalls

� Überfälle sind unberechenbar;

sie geschehen plötzlich und

unvorbereitet

(eben „überfallartig“).

� Überfälle sind „unfreiwillig“ durch

den Zwang, in der Situation

verbleiben zu müssen.

� Überfälle im dienstlichen Kontext

sind eine akute Bedrohung

� der persönlichen Unversehrtheit

(Leib, Leben, Psyche)

� des eigenen Sicherheitsempfindens

� des gewohnten Berufsalltags

(Arbeitsunfall, Berufsrisiko?)

Merkmale

des persönlichen Erlebens

� Überfälle werden daher als

bedrohlich erlebt, unabhängig

vom „Ausmaß“ des Überfalls!

� Erleben von Ohnmacht,

Hilflosigkeit, Demütigung, Angst

und Kontrollverlust

� Individuelle Reaktionen – in der

Situation und danach – sind

unterschiedlich, vielfältig und

nicht berechenbar!


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 29

Begrüßung und Vorstellung/

Absprache und Diskussion des

Schulungsprogramms/Einführung

1. Gegenseitiges Kennenlernen

2. Abklären von Zielen und Erwartungen

3. Einführung in Konzept und Schulungsverlauf




Ziele Dauer

Materialien


ca. 30 Min.

für den SL für die TN sonstiges

PPP M1/1-1

PPP M1/1-2

PPP M1/1-3

� Vorstellungsrunde

� Kurzvortrag



� keine � Beamer/OHP

� Flipchart

Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

M1/1

Es empfiehlt sich, während der Vorstellungsrunde kurze Notizen zu machen, um Namen und

Funktionen der TN in der Sparkasse nicht zu vergessen.

Ebenso sollten die Wünsche und Erwartungen stichwortartig notiert werden, um darauf im

Laufe der Schulung (oder am Ende) zurückkommen zu können.


30 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Aktivierung und Konzeption (1):

Brainstorming zu Aufgaben und Konzeption des

BÜB-Einsatzes

Präsentation

PPP M2/1-1

Vorbemerkung

In diesem Modul geht es darum, in

Gruppenarbeit erste Ideen für den BÜB-Einsatz

zu sammeln und in den entsprechenden

Kleingruppen und im Plenum zu diskutieren.

Ausgangspunkt sind dabei das Wissen und die

Ideen der TN.

Think!

Wie auch in Modul 1/1 ist auch hier vor einer überhöhten Anspruchshaltung der

TN zu warnen. Die TN interpretieren die BÜB gelegentlich als „umfassende

Feuerlöscher“ oder als „allround gute Menschen“. So werden manchmal Ideen,

wie z.B. bei Tag und Nacht den Betroffenen zur Verfügung zu stehen, sie

nachgerade zum „Verarbeiten“ durch ein Gespräch anhalten zu wollen etc.,

geäußert. Die SL benennen die Problematik einer solch hohen Anspruchshaltung,

vertiefen das Thema jedoch an dieser Stelle nicht. Sie verweisen auf Folgemodule,

in denen das Thema ausführlich erörtert wird. Häufig relativiert sich diese

Anspruchshaltung bereits durch die Selbsterfahrungsübung in Modul 3/1.

Durchführung

Einführung ...............................

Aktivierung

und Konzeption ................

Information...........

Ziel dieses Moduls ist es, die TN für das Thema Betreuung von Überfall-

Betroffenen zu aktivieren. Sie sollen in Kleingruppen von jeweils zwei Personen

darüber nachdenken, welche Aufgaben die BÜB ihrer Meinung nach zu erfüllen

haben. Es wird eine Präsentation mit Fragen ( PPP M2/1-1) gezeigt und erläutert:

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M2/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 31

Aufgaben für die Kleingruppenarbeit:

1. Welche Aufgaben sollten die BÜB innehaben?

a) in der aktuellen Situation nach dem Überfall?

b) evtl. in (welchem?) zeitlichen Abstand zum Überfall?

2. Welche „natürlichen“ Kompetenzen/Eigenschaften (im Sinne von

„schon vorhanden“, „mitgebracht“) sind für die Betreuungsaufgabe

wichtig?

3. Welche Kompetenzen/Eigenschaften müssten noch erworben/

„geschult“ werden, um die Aufgabe zufrieden stellend (für die

Betroffenen und die BÜB) zu meistern?

Die TN erhalten die Fragen anschließend für die Kleingruppenarbeit noch einmal

als Kopie. Aufgabe ist es, die Fragen zu diskutieren; es müssen also nicht

unbedingt Antworten oder Lösungen gefunden werden. Jede Kleingruppe erhält

zwei leere Folien und Folienschreiber. In jeder Gruppe wird eine Person bestimmt,

die hinterher die Ergebnisse im Plenum vortragen soll. Die Kleingruppen ziehen

sich für ca. 15 Minuten zurück, um die Aufgaben möglichst ungestört zu

bearbeiten. Sofern es die Gegebenheiten erlauben, sollten die Kleingruppen

Gelegenheit haben, in getrennten Räumen zu diskutieren.

Anschließend werden die Ergebnisse (im Sinne von Ideen) im Plenum

hintereinander von den jeweiligen Sprechern und Sprecherinnen vorgestellt. Dabei

weisen diese automatisch auf Unterschiede, Übereinstimmungen und

Ergänzungen hin. Nach jeder Vorstellung ist Gelegenheit für eine kurze

Diskussion.


32 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Aktivierung und Konzeption (1):

Brainstorming zu Aufgaben und

Konzeption des BÜB-Einsatzes

1. Aktiver Einstieg in das Thema

2. Explikation von „Vorüberlegungen“

3. Sammlung von Ideen

Ziele Dauer

Materialien


ca. 30 Min.

für den SL für die TN sonstiges

� PPP M2/1-1 � Folien

� Folienschreiber

� PPP M2/1-1



Brainstorming in Arbeitsgruppen

Vorstellung der Folien im Plenum

� Diskussion


Techniken

Bemerkungen


Durchführungshinweise zu

Beamer/ OHP

� Flipchart

M2/1

Sofern es die Gegebenheiten erlauben, sollten die Kleingruppen Gelegenheit haben, in

getrennten Räumen zu diskutieren.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 33

Aktivierung und Konzeption (2):

Rollenidentifikation des BÜB:

Das Überfallgeschehen aus verschiedenen

Perspektiven

Präsentationen

PPP M3/1-1 PPP M3/1-2 PPP M3/1-3

Vorbemerkung

Ziel dieses Moduls ist es, einen emotionalen

Perspektivwechsel herzustellen. Es geht nicht

mehr darum, quasi emotional „kühl“ und rein

gedanklich die Aufgaben der BÜB zu

konzipieren (wie in Modul 2/1 ), sondern aus

der gefühlten Rolle der Betroffenen heraus

Wünsche und Vorstellungen an die BÜB zu

richten. Diese Sichtweise korrigiert häufig von

selbst die „großen“ Erwartungen, die im

Zusammenhang mit Modul 2/1 vorgebracht

wurden. Es wird in diesem Modul deutlich, dass Betroffene emotional sehr

unterschiedlich auf den objektiv gleichen Sachverhalt reagieren können und auch

unterschiedliche Bedürfnisse äußern. Ein wichtiges Lernziel besteht also darin zu

verdeutlichen, dass eine „objektive“ Sichtweise wenig hilfreich für das Verständnis

der subjektiven Sicht der Betroffenen ist.

Als Technik wird eine Imaginationsübung durchgeführt, in der sich die TN in

unterschiedliche Personen hineinfühlen, die einen Überfall erleben. Aus dieser

imaginierten Rolle heraus sollen sie anschließend unmittelbar ihre aktuellen

Gefühle und Bedürfnisse beschreiben.

Think!

Einführung ...............................

Aktivierung

und Konzeption ................

Information..........

Sofern sich in der Gruppe TN befinden, die bereits Betroffene eines Überfalls

waren, ist auf die emotionalisierende Wirkung dieser Übung hinzuweisen

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M3/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


34 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

(vgl. 1.3). Dies sollte mit der Bitte an die entsprechenden TN verknüpft werden,

die „Nähe zum Geschehen“ vorsichtig selbst zu regulieren und auf sich zu achten;

ggf. kann natürlich auch von einer Teilnahme an der Übung Abstand genommen

werden.

Durchführung

Zunächst wird den TN erklärt, dass in der Folge ein fiktiver Überfall imaginiert

werden soll, der in einer kleinen, schon mehrfach überfallenen Geschäftsstelle

stattfindet. Mehrere Personen sind dabei betroffen. Diese werden in ihrer Funktion

innerhalb der Sparkasse und in ihren sonstigen Lebenskontexten zunächst nacheinander

anhand von Kurzbeschreibungen vorgestellt. Eine Präsentation in

Stichworten dient dabei als Gedächtnisstütze für die TN und als Stichwortgeber

für die „Kurzbiographien“, die die SL anhand dieser Stichworte in narrativer Form

entwerfen ( PPP M3/1-1).

Achtung: Es ist nicht wichtig, alle angegebenen Informationen in die

Kurzbiographien einzubauen!


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 35

Beteiligte Personen an einem Überfall auf eine kleine

Geschäftsstelle einer Sparkasse

Geschäftsstellenleiter

Alter: 47; im Ort etabliert; verheiratet; Frau Hausfrau; Eigenheim; 18-jähriger Sohn; 12-jährige

Tochter; Schwiegervater im Haus; will sich beruflich nicht mehr verändern; durchschnittlich

zufrieden; übergewichtig; mit vertrauenerweckender Ausstrahlung; in letzter Zeit zunehmend

Herzbeschwerden, wobei keine organischen Ursachen zu finden sind; gute Kunden- und

Privatkontakte; engagierte Lebenseinstellung; gibt an, gelegentlich an Überfälle zu denken;

manchmal macht er sich über die Verbindung Herzbeschwerden-Überfall Sorgen.

Berater/Privatkundenberater (stellvertretender Leiter)

Alter: 42; seit drei Jahren geschieden; eigene Wohnung im Ort; 16-jähriger Sohn lebt bei

Mutter; derzeit Aufbauphase; ist mit „Krisen“ fertig; hält Herzbeschwerden seines

Vorgesetzten für rein psychosomatisch (als Folge der Überfälle); findet, dass sich

Vorgesetzter mehr zusammenreißen sollte; pflegt gute Kundenkontakte; verbal wendig.

Kundenbedienerin

Alter: 34; verheiratet; Mann Versicherungsangestellter; zwei Töchter (6 und 4); Eigenheim

im Ort; Schwiegereltern im Haus; Schwiegermutter Pflegefall; relativ viele Überlastungsempfindungen;

dennoch froh, berufstätig sein zu können; gutes Kundenverhältnis; schlank;

eher attraktiv, ohne auffällig zu sein; nach bisherigen Überfällen, über die sie ab und zu mit

Ehemann redet, ist hauptsächlich die Befürchtung geblieben, dass es demnächst noch zur

Geiselnahme kommen könnte; früher gerne und interessiert Krimis und Aktenzeichen XY

gesehen, inzwischen verstärken Erinnerungen an diese Sendungen ihr Unbehagen.

Kassierer

Alter: 39; verheiratet; nicht ortsansässig; Frau Grundschullehrerin; zurückhaltend; redet

wenig über sich und sein Leben, gilt aber als loyal und aufmerksam; mittelschlank;

sympathisch; unauffälliges Äußeres; beim letzten Überfall gab er an, nicht zum Drücken

des Alarmknopfes gekommen zu sein.

Azubi

Alter: 21; ledig; nicht ortsansässig; derzeit keine Freundin; fachlich auf dem Wege einer

guten Entwicklung; fit in Computerfragen; kann sein Wort machen; attraktiv.

Kundin

Alter: 58; verheiratet; 3 Söhne, wovon einer in ihrem Blumenladen im Ort mitarbeitet;

genießt Ansehen; gilt als patent; stämmig; der Laden ist seit dem frühen Tode ihres

Mannes und der schweren Last der Erziehung ohne finanzielle Sicherheit ihr stolzes

Lebenswerk; aus Angst vor Raub bringt sie ihre Einnahmen jeden Tag zur Sparkasse.


36 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Nachdem die unterschiedlichen Personen vorgestellt worden sind, entschließen

sich die TN für jeweils eine Rolle (das Geschlecht ist dabei natürlich variabel), aus

deren Sicht sie den danach imaginierten Überfall „miterleben“ sollen. Doppelbesetzungen

sind keinesfalls problematisch, sondern vielmehr wünschenswert, da

daraus gerade möglicherweise verschiedene Gefühle und Bedürfnisse der

Betroffenen in der Folge des Überfalls deutlich werden.

Der Raum wird abgedunkelt und die TN werden gebeten, sich bequem zu setzen

und die SL bei ihrem Vortrag nicht anzusehen, um sich ganz auf das Berichtete

konzentrieren zu können. Wer möchte, kann auch die Augen schließen.

Der Tathergang wird nun von den SL mit verteilten Rollen gelesen ( PPP M 3/1-2).

Die fett gedruckten Passagen (wörtliche Rede) sollten mit lauter Stimme vorgetragen

werden. Es ist unbedingt ratsam, den Vortrag des Szenarios vorher einzuüben.

Tathergang

Mittagszeit, kurz vor der Pause. Am Schreibtisch der Kundenbedienerin steht die

Kundin, die die Einnahmen ihres Blumenladens einzahlen will, was sie als feste

Aufgabe jeden Mittag macht. Diesmal bleibt sie ein paar Minuten über die

gewöhnliche Schließungszeit hinaus, da sie noch einen Moment mit der

Kundenbedienerin über deren kranke Schwiegermutter spricht.

Der Berater ist gerade dabei, seinen benachbarten Schreibtisch zu verlassen, um

zur Tür zu gehen und zuzuschließen.

Zur gleichen Zeit ist der Kassierer mit dem Sortieren einiger Belege in seiner etwas

altmodischen Kassenbox beschäftigt. Der Azubi sitzt am Computer an einem Tisch

hinter dem Berater, während der Geschäftsstellenleiter gerade aus seinem Zimmer

tritt, den Mantel über’m Arm, einen Gruß in das Gespräch mit der ihm bekannten

Kundin werfend – auf dem Weg zu einem dringenden Großkundengespräch.

Gerade als er die Tür öffnet, um den Weg über das hintere Treppenhaus zu nehmen,

der Kundenberater den Publikumseingang fast erreicht hat, die beiden Frauen

weiterhin ins Gespräch vertieft sind, der Kassierer über die Belege gebeugt ist und

der Azubi kurz von der Tastatur seines Computers aufschaut, stürmen zwei maskierte

Männer durch den Haupteingang. Einer der beiden rennt dabei fast den Berater um,

der ja auf dem Wege war, abzuschließen. Sofort wird der Berater direkt von der

Waffe, die der Täter bereits beim Stürmen mit beiden Händen und ausgestreckten

Armen hielt, auf Kopfhöhe bedroht, derweil der andere Täter sofort beim

Reinkommen laut „Überfall, alle nach vorne kommen und auf den Boden legen!“


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 37

schreit und ebenfalls in seinen nach vorne gestreckten Händen eine Pistole hält. Der

andere Täter brüllt den Berater an: „Hey, schließ zu, mach schnell und gib mir die

Schlüssel!“ und halb zu den anderen gewandt schreit er den Geschäftsstellenleiter

und den Kassierer an: „Los, los, los, kommt näher und legt Euch hin!“

Die Kundin wirft sich am schnellsten auf den Bauch und begräbt rasch ihre Tasche

unter sich. Die Kundenbedienerin, die nach kurzem Aufschrei die wenigen Schritte

um ihren Schreibtisch herum nach vorne stolpert, legt sich in die Nähe der Kundin.

Der eine Täter brüllt pausenlos weiter: „Kommt, kommt, kommt – und macht

keinen Blödsinn!“, bis auch der Geschäftsstellenleiter und der Azubi nach vorne

gekommen sind. „Legt Euch vor mich, hierher, wird's bald!“, brüllt der Täter,

der jetzt dem Berater nach dem Abschließen die Schlüssel weggerissen hat. „So,

jetzt leg Dich dazu, aber keinen Ton!“

Mit der Waffe kontrolliert er die nun sternförmig um ihn liegenden Personen,

derweil der andere Täter den aus der Kassenbox herauskommenden Kassierer

abfängt und ihn mit der Waffe bedroht.

Die Szene wird kurz unterbrochen durch den klagenden Aufschrei des

Geschäftsstellenleiters: „Mein Herz! Ich werde das nicht schaffen, ich brauche

meine Tabletten, so helft mir doch!“, worauf er in schnelle, unverständliche

Klagelaute ausbricht, in die der Berater einfällt: „Hör doch auf, Du machst doch

alles nur noch schlimmer, oh Gott, sei doch endlich still!“, während von der

Kundin, die zitternd über ihrer Tasche liegt, in der sich noch das einzuzahlende

Geld befindet, unterdrücktes Schluchzen und Wimmern zu hören ist. Die

Kundenbedienerin liegt neben ihr völlig reglos und stumm auf dem Boden mit

geschlossenen Augen. Vom Azubi ist auch nichts weiter zu vernehmen.

Der eine Täter brüllt weiter: „Macht jetzt kein Theater – und Du, komm mir nicht mit

Deinem Herzen!“, worauf er den unweit von ihm liegenden Geschäftsstellenleiter an

den Oberschenkel tritt, was diesen nach einem kurzen „Ach Gott!“ verstummen lässt.

Während vorne Ruhe einkehrt und alle reglos bleiben, hat in der Zwischenzeit der

andere Täter mit der Waffe den Kassierer wieder in Richtung Kassenbox gedrängt,

indem er brüllt: „Kannst Du Deinen Schrank dahinten alleine öffnen, oder

brauchen wir noch was? Aber denk dran, Du trägst die Verantwortung, wenn

nichts geschehen soll!“, wobei er ihm zur Bekräftigung seiner Drohung kurz den

Arm nach hinten dreht, sodass der Kassierer aufschreit und mit trockener,

räuspernder Stimme erwidert: „Es ist heute morgen schon mal aufgeschlossen

worden, ich hab' die Kombination“.


38 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Dann geht alles weiterhin rasend schnell. Direkt vorm Schalter wird das Geld vom

Kassierer in eine Plastiktüte geworfen, bevor beide kurz im hinteren Bereich

verschwinden, wo offensichtlich die Tresortür geöffnet und das weitere Geld in die Tüte

geworfen wird. Während im Kassenraum noch einmal das Wimmern der Kundin und ein

kurzes Aufstöhnen des Geschäftsstellenleiters zu hören ist, treibt der eine Täter den

Kassierer mit der Waffe – „Schnell, schnell!“ – wieder in den Kassenraum, schubst ihn

auf den Boden zu den anderen und flieht mit seinem Komplizen durch die Tür zum

Personalausgang, die eine Etage tiefer von innen zu öffnen ist und zur Querstrasse führt.

Nach dem Vortrag verteilen die SL an die TN ein Arbeitsblatt (PPP M3/1-3) mit der

kurzen und leise gesprochenen Bitte, darauf die eigenen Eindrücke stichwortartig

festzuhalten.

A) Fragen zur momentanen Befindlichkeit direkt nach dem Geschehen:

� Was beschäftigt mich im Augenblick am meisten?

� Was fühle ich in diesem Augenblick?

B) Fragen zum weiteren Verlauf der Situation:

� Was ist in diesem Augenblick für mich am wichtigsten?

� Was erwarte ich jetzt vom BÜB?

� Womit wäre mir jetzt am besten geholfen?

Im Anschluss daran werden die Ergebnisse dieser Übung der Reihe nach

vorgetragen. Im Falle von „Doppelbesetzungen“ werden diese gleich hintereinander

kontrastiert. In den meisten Fällen wird deutlich, dass es „den objektiven

Überfall“ mit einer eindeutigen Reaktion nicht gibt. Es werden unterschiedliche

Gefühle berichtet: nicht nur Angst, sondern auch Wut und Zorn, Hilflosigkeit,

vielleicht aber auch Aggression im Hinblick auf die „falschen“ Reaktionen der

Kollegen und Kolleginnen – oder gar ein Gefühl von neugieriger Anspannung.

Auch die Bedürfnisse, die an den BÜB gerichtet werden, sind unterschiedlich: Nicht

jeder will sofort sprechen. Der eine möchte alleine sein, die andere zusammen mit

vertrauten Personen. Mancher richtet auch rein praktische Bedürfnisse an den BÜB

(die Familie benachrichtigen, Kinderabholung organisieren, Getränke holen etc.).

Insgesamt wird also bei dieser Übung deutlich, dass a) Menschen sehr

unterschiedlich reagieren und b) die Erwartungen an den BÜB gar nicht so groß

sind, wie vielleicht aus Modul 2/1 herausklang.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 39

Aktivierung und Konzeption (2):

Rollenidentifikation des BÜB:

Das Überfallgeschehen aus

verschiedenen Perspektiven

Ziele Dauer

1. Aktivierung emotionaler Schemata: Herstellung von

„Nähe“ zum Überfallgeschehen und von Empathie mit

den Betroffenen

2. Demonstration und Explikation der Bandbreite

unterschiedlicher Gefühle, Wünsche, Erwartungen

und Bedürfnisse in Abhängigkeit von der jeweiligen

Perspektive




Materialien


ca. 20 Min.

für den SL für die TN sonstiges

PPP M3/1-1

PPP M3/1-2

PPP M3/1-3

� Rollenübernahme

� Imaginationsübung



� PPP M3/1-3 �

Techniken

Bemerkungen

Beamer/ OHP

� Flipchart

Wie jede Imaginationsübung sollte natürlich auch diese in einer ruhigen Atmosphäre

stattfinden.

PPP M3/1-2 wird nicht präsentiert, sondern von den SL vorgetragen!

Durchführungshinweise zu

M3/1


40 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht

Präsentation

PPP M4/1-1

Vorbemerkung

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass der

Vermittlung von notwendigem Hintergrundwissen

zur adäquaten Bewältigung der Betreuungsaufgabe

durch den BÜB drei eigenständige

Module gewidmet sind:

� Modul 4/1 befasst sich mit dem Thema

Angst aus psychologischer Sicht .

Einerseits ist Angst ein zentrales Element

jeder Überfallsituation, kann sich auch

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

noch in der Zeit nach dem Überfall in Verhalten und Erleben mehr oder weniger

leidvoll bemerkbar machen und führt manchmal bei einigen Betroffenen zur

Ausbildung einer sog. Angststörung. Andererseits hat Angst aber auch eine

wichtige Überlebensfunktion und ist deswegen nicht nur negativ zu bewerten.

Ziel dieses Moduls ist es daher, die TN mit einer psychologisch fundierten Sicht

der Angst vertraut zu machen, indem sie z.B. über biologische Funktionen der

Angst, psychologische Theorien der Entstehung einer Angststörung und

psychotherapeutische Methoden ihrer Behandlung informiert werden.

� Modul 9/2 ergänzt und erweitert die im Rahmen von Modul 4/1 gemachten

Ausführungen, indem es über Wirkungen und Folgen der Überfallsituation

informiert. Zum einen werden die Informationen zu den in Modul 4/1

erläuterten Angststörungen aufgegriffen, zu denen auch die sog. akute – sowie

die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gehören. Auf diese wird als

mögliche kurz- bzw. langfristige Folge des Überfallgeschehens an dieser Stelle

näher eingegangen. Zum anderen werden (im Gegensatz zu den bisher

erörterten Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen) auch die

Auswirkungen des Überfalls auf den Arbeitsbereich und das Arbeitsverhalten

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M4/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 41

der Betroffenen diskutiert. Dies können z.B. Veränderungen des Betriebsklimas

oder der Arbeitsmotivation sein. Ziele dieses Moduls sind also, einerseits die in

Modul 4/1 gemachten allgemeinen Ausführungen zu Angst und Angststörungen

um eine weitere, möglicherweise therapeutisch relevante, psychische

Auffälligkeit zu ergänzen, andererseits aber auch um mögliche Auswirkungen zu

erweitern, die zwar nicht unbedingt therapeutisch relevant sind, dennoch aber

das allgemeine Befinden in erheblicher Weise beeinflussen können.

� Modul 11/2 informiert zunächst über Formen professioneller Hilfe. Angesichts

der oft anzutreffenden Unklarheit darüber, welche Berufsgruppen eigentlich

psychotherapeutisch tätig sein können, scheint es dringend erforderlich, die

BÜB mit dem nötigen Hintergrundwissen auszustatten, um kompetent auf

Fragen der Betroffenen antworten zu können. Des Weiteren kann es eine große

Erleichterung für Hilfesuchende sein, zu wissen, wie sie den ersten Schritt zum

Psychotherapeuten oder zur Psychotherapeutin machen können und was dann

in der Therapie passiert. An dieser Stelle sollen die TN also darüber informiert

werden, wie der Weg zur Psychotherapie organisatorisch zu bewältigen ist. Die

dazu notwendigen Hintergrundinformationen für die BÜB sollen in diesem

Modul ebenfalls bereitgestellt werden.

Think!

Allgemeines Ziel von Modul 4/1 ist, die BÜB mit einer psychologischen Sicht der

Angst vertraut zu machen. Die im Folgenden näher beschriebenen Inhalte sollen

den BÜB in die Lage versetzen,

� ein tieferes Verständnis für die Problematik der Betroffenen zu entwickeln

(z.B. durch seine Kenntnisse über Phänomene der Angst oder über Entstehungsbedingungen

und Erscheinungsformen von Angststörungen);

� angemessen und „unaufgeregt“ reagieren zu können (z.B. auf heftige

Symptomschilderungen der Betroffenen, Weinen etc.; vgl. Modul 8/2);

� (bei Bedarf) kompetent informieren zu können (z.B. auf die Schilderung des

Betroffenen hin, er verstehe gar nicht, warum der bloße Anblick der

Sparkasse bei ihm schon Angst auslöse) und schließlich auch

� Verständnis zeigen zu können (vgl. Modul 5/1 ).

Letzteres, im Sinne eines Zeichens der Sorge und Fürsorge, ist, wie bereits

mehrfach erwähnt, ein zentrales Element der Rolle als BÜB.


42 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Die im Folgenden näher beschriebenen Inhalte sollten jedoch nicht dazu (ver)führen,

dass der BÜB die Aufgabe auf sich nimmt, „herausfinden“ zu wollen, ob tatsächlich

eine Angststörung vorliegt. Die hierzu erforderliche psychologische Diagnostik kann

im Rahmen der Betreuungsaufgabe nicht geleistet werden und muss entsprechend

ausgebildeten psychotherapeutischen Fachkräften überlassen werden. Es ist daher

notwendig, nochmals auf die Rolle der BÜB und ihre Aufgaben (vgl. die Module 6/1,

7/1 und 10/2) zu verweisen, um einer evtl. (Selbst-)Überforderung der TN frühzeitig

entgegenwirken zu können (vgl. auch die Module 1/1, 2/1 und 3/1).

Hinweis: Da im Rahmen dieses Manuals keine ausführliche Einführung in die

Psychologie der Angst gegeben werden kann, ist ggf. bei der Vorbereitung auf

andere Publikationen, die diese Thematik ausführlicher behandeln, zurückzugreifen.

Durchführung

Zur Gestaltung des Kurzvortrags bietet sich folgende Gliederung an:

Tab. 4: Gliederung des Kurzvortrags „Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht“ (M4/1)

1. Die drei Komponenten der Angst

2. Funktionen der Angst

3. Angeborene und erlernte Angstreaktionen bei Tieren und Menschen

4. Angst und Vermeidung: Die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst

5. Beispiel zu Angst und Vermeidung:

Angst als gelernte Reaktion bei der Kassiererin

6. Angststörungen

7. Therapeutische Maßnahmen bei Panikstörungen mit

Vermeidungsverhalten

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation ( PPP M4/1-1)

1. Die drei Komponenten der Angst

Bei genauerer Betrachtung des „Gesamtphänomens Angst“ wird schnell deutlich,

dass es sich eigentlich auf drei Phänomenbereiche bezieht: Angst hat eine


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 43

körperliche (z.B. Schwitzen, Zittern, weiche Knie etc.), eine gedankliche oder

kognitive (z.B. „Es ist alles vorbei!“) und eine behaviorale oder

Verhaltenskomponente.

Diese drei Komponenten der Angst sollen den TN zunächst verdeutlicht werden.

Dazu kann der SL das unten abgebildete „Angst-Dreieck“ auf das Flipchart

zeichnen und die TN bitten, im Rahmen eines kurzen Brainstormings Begriffe zu

nennen, die ihnen bei dem Wort „Angst“ spontan einfallen. Diese sammelt er dann

auf dem Flipchart und sortiert sie den jeweils entsprechenden Komponenten zu.

Die körperliche

Komponente

Phänomene der Angst

ANGST

DieVerhaltenskomponente

Abb. 3: Die 3 Komponenten der Angst

DieGedankenkomponente

Nach dem Sammeln und Zuordnen der Begriffe am Flipchart werden diese drei

Komponenten kurz beschrieben:


44 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

1.1 Die körperliche Komponente

� Unter intensiver Angst verstärken sich manche Körperprozesse

automatisch, ohne den Organismus zu schädigen (Herz-Kreislauf-System;

Magen-Darm-System).

1.2 Die Gedanken-Komponente

� Die wahrgenommenen körperlichen Veränderungen werden unter Angst als

bedrohlich erlebt.

1.3 Die Verhaltenskomponente

� Es besteht die Tendenz zur Flucht oder Vermeidung.

� In anderen Fällen werden als bedrohlich erlebte Situationen von manchen

Personen nur unter intensiver Angst und mit starken Beeinträchtigungen

(Anstrengung, Konzentrationsverlusten) oder mit Hilfsmitteln (z.B.

Tabletten) durchgehalten.

2. Funktionen der Angst

Im Anschluss daran wird mit den TN erarbeitet, wozu Angst sinnvoll sein kann,

d.h. welche Funktionen Angst eigentlich für Lebewesen hat. Ergänzend dazu kann

mit folgender Übersicht gearbeitet werden:

� Angst oder Furcht ist wahrscheinlich das grundlegendste Gefühl und ein

basales Reaktionssystem bei den meisten Lebewesen.

� Angst ist eine biologisch sinnvolle Reaktion mit hohem Überlebenswert

(Kampf/ Fluchtreaktion).

� Angst äußert sich im emotionalen Erleben, im Ausdruck und in vegetativen

Veränderungen.

� Angst dient als Gefahrensignal, dessen emotional-kognitive Bewertung als

„Bedrohung“ unmittelbar Verhalten steuern kann.

� Typische Angst-Verhaltensweisen sind:

� „Kampf“/Auseinandersetzung

� Flucht

� aktive oder passive Vermeidung


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 45

Angst und Vermeidung sind als Phänomene in vielen Verhaltensbereichen zu

beobachten:

� bei der Nahrungsaufnahme als Furcht vor neuer oder unbekömmlicher

Nahrung

� im Neugierverhalten als Furcht vor Neuem und Unbekanntem

� im Sexualverhalten als Furcht vor Versagen

� bei aggressivem Verhalten als Furcht vor Bestrafung

� bei Leistung, Macht und sozialen Motiven durch Nichterreichung oder

Behinderung von Zielen

3. Angeborene und erlernte Angstreaktionen bei Tieren und Menschen

Die Frage, inwieweit Angst angeboren oder im Laufe des Lebens erworben, also

erlernt wird, ist in der wissenschaftlichen Literatur ausführlich diskutiert worden.

Es besteht heute Einigkeit darüber, dass eine gewisse Bereitschaft (oder

Disposition ) zu ängstlichen Reaktionen wahrscheinlich angeboren ist, die

individuelle Ausprägung jedoch stets durch Lernerfahrungen modifiziert werden

kann. Dementsprechend lassen sich Beispiele für beide Aspekte finden:

Angeborene Angstreaktionen

� Bei vielen Tierarten lösen angeborene Bilder potentieller Feinde oder die

Verfremdung eines Artgenossen Angstreaktionen aus:

� Schlangen bei Schimpansen

� Greifvogelsilhouetten bei Vögeln

� Bei Menschen werden solche Phänomene mit in der Entwicklungsgeschichte

der Menschheit entstandenen Lernbereitschaften erklärt:

� Angst vor Schlangen oder Spinnen

� Angst der Kleinkinder vor Fremden („8-Monats-Angst“)


46 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Die gelernte Angstreaktion

� Anbindung (Konditionierung) von Angstreaktionen an bestimmte

Gegebenheiten der Umwelt

� Beispiel: „Der kleine Albert“

Klassische Konditionierung der emotionalen Reaktion „Angst“

beimAnblick einer Ratte

4. Angst und Vermeidung: Die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst

Im Folgenden wird mit den TN diskutiert, wie es zu einer Chronifizierung des

Angsterlebens kommen kann, d.h. zur Entstehung einer Angststörung.

Hierzu kann auf eine bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte

Theorie zurückgegriffen werden, die (trotz aller Modifikationen, die sie inzwischen

erfahren hat) bis heute ihre Aktualität nicht verloren hat: Die sog. Zwei-Faktoren-

Theorie der Angst .

Sie geht davon aus, dass es zu einer Chronifizierung der Angst kommen kann,

wenn zwei aus der psychologischen Grundlagenforschung bekannte Lerngesetze

miteinander kombiniert werden: Das sog. klassische Konditionieren und das sog.

operante oder instrumentelle Konditionieren. Was ist damit gemeint?

� Von einer klassischen Konditionierung spricht man dann, wenn ein bisher

neutrales Ereignis (z.B. die Kassiererin betritt die Kassenbox) mit einem stark

emotionalisierenden Ereignis (z.B. die Kassiererin wird in der Kassenbox mit

einer Waffe bedroht) zeitgleich gekoppelt wird. Es reichen hierbei oft wenige

zeitliche Koppelungen (bei extremen, traumatisierenden Ereignissen

manchmal sogar eine zeitliche Koppelung), um beide Ereignisse emotional

so miteinander zu verknüpfen, dass allein das bisher neutrale Ereignis

(Kassenbox betreten) ausreicht, eine Emotion (Angst) hervorzurufen, die

eigentlich zuvor durch das traumatisierende Ereignis (Bedrohung mit der

Waffe) ausgelöst wurde. Die bei dem traumatisierenden Ereignis ausgelöste,

natürliche und selbstverständliche Angst (die sog. unkonditionierte Reaktion)

wird daher in der Folge bereits beim bloßen Betreten der Kassenbox

ausgelöst und damit zu einer sog. konditionierten (Angst-)Reaktion.

� Während bei der klassischen Konditionierung zwei Ereignisse mehr oder

weniger zeitgleich auftreten müssen, charakterisiert das operante


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 47

Konditionieren die Beziehung zwischen einem Ereignis und den

nachfolgenden Konsequenzen. Diese können angenehm oder unangenehm

sein, oder aber auch darin bestehen, dass etwas Angenehmes oder

Unangenehmes wegfällt. Diese vier prinzipiell möglichen Konsequenzen

werden in der Lerntheorie als Belohnung, Bestrafung, Löschung und

Vermeidung bezeichnet.

Von Bedeutung ist nun, dass Vermeidung (ebenso wie Belohnung) die

Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, dass das zuvor gezeigte Verhalten erneut gezeigt

wird. Anders formuliert: Wer unangenehme Situationen vermeidet, wird dies

wahrscheinlich auch häufiger in Zukunft tun.

Die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst behauptet nun folgendes:

1. Ursprünglich neutrale Umstände werden aufgrund traumatischer Ereignisse

mit einer Angstreaktion gekoppelt. (Klassische Konditionierung)

2. Die Flucht oder (zukünftige) Vermeidung dieser Umstände (Situationen oder

Reize) führt dazu, dass der unangenehm bedrohliche Angstzustand nicht mehr

erlebt wird. Dieser Angstrückgang wird als so erleichternd und „belohnend“

empfunden, dass die Vermeidungsreaktion „gelernt“ und beibehalten wird.

(Operante Konditionierung)

5. Beispiel zu Angst und Vermeidung:

Angst als gelernte Reaktion bei der Kassiererin

Dies soll im weiteren Verlauf an einem konkreten Beispiel erläutert werden. Hierzu

werden die TN gebeten, die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst auf folgendes

Beispiel zu beziehen:

Die Kassiererin erlebt Wochen nach dem Überfall Angstzustände in engen

Räumen und fühlt sich besonders an ihrem kleinen Arbeitsplatz unerklärlich

angstvoll, sodass sie sich kaum noch in der Lage fühlt, die Kassenbox zu

betreten.

Sie vermeidet bald zunehmend, in engen, geschlossenen Räumen zu sein,

sodass es nicht mehr so häufig zu Angstempfindungen kommen kann.

Die nachfolgende Abbildung 4 kann zur Erklärung herangezogen werden:


48 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Kassiererin betritt

Kassenbox

(bislang neutraler Umstand)

Angst als gelernte Reaktion bei der Kassiererin

Bedrohung mit der

Waffe

(traumatisches Ereignis)

Kassiererin betritt

Kassenbox

(jetzt angstauslösend)

Enge Räume

Abb. 4: Angst als gelernte Reaktion

Vor dem Überfall

Während des Überfalls

Nach dem Überfall

normales Verhalten/

normale Gefühle

(keine Angst)

Angst

(normale, unkonditionierte

Reaktion auf Gefahr)

Angst

(konditionierte Reaktion)

Wie die Abbildung deutlich macht, kann es auch zu einer Übertragung des

Angsterlebens auf Situationen kommen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der

Kassenbox haben, wie z.B. Fahrstühle oder andere enge Räume. Dieses

Phänomen wird als Generalisierung bezeichnet und fördert die Entstehung von


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 49

Angststörungen erheblich (sofern die angstbesetzte Situation weiter vermieden

wird.).

Wie bereits erwähnt, führt eine Vermeidung (oder eine Flucht aus) der Situation

subjektiv zu einem deutlichen Rückgang des Angsterlebens, was als positiv erlebt

wird. Die Vermeidung wird somit positiv verstärkt, wie folgende Abbildung

deutlich macht:

Abb. 5: Die gelernte Vermeidung

6. Angststörungen

Die gelernte Vermeidung

Enge Räume Angstreaktion Flucht/Vermeidung Angstrückgang

Bis hierher ging es darum, zu erklären, wie Ängste erlernt werden und sich ggf.

als „Angststörung“ chronifizieren können. In einer Psychotherapie (vgl. Modul

11/2) wird im Rahmen der klinischen Diagnostik versucht, die verschiedenen

Angststörungen zu unterscheiden und zu klassifizieren, um sie adäquat behandeln

zu können. Hierzu kann auf zwei große Klassifikationssysteme zurückgegriffen

werden (DSM-IV und ICD-10), die sehr detailliert und konkret beschreiben, bei

welchen Symptomen welche psychische Störung diagnostiziert werden kann (und

sollte).

Die Qualifikation dazu erwerben Psychotherapeuten im Rahmen ihrer

mehrjährigen Psychotherapieausbildung, ergänzend zum Studium. Es kann daher

im Folgenden nicht darum gehen, die TN in die Lage zu versetzen, selbstständig

Diagnosen zu stellen oder auch nur eine „diagnostische Vorarbeit“ zu leisten.

Dennoch ist es zur eigenen Orientierung sinnvoll, zu den wichtigsten

Angststörungen über gewisse Grundkenntnisse zu verfügen. Hierzu reichen die

folgenden Anmerkungen. (Auf die sog. Posttraumatische Belastungsstörung

(PTBS) wird in einem späteren Modul (9/2) noch ausführlicher eingegangen. Es

genügt an dieser Stelle, lediglich darauf zu verweisen.)

� Häufigste Störungsgruppe in der Allgemeinbevölkerung

� In der klinischen Diagnostik werden im Wesentlichen 12 Angststörungen

unterschieden, unter anderem:


50 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Die Spezifische Phobie

� anhaltende Angst vor einem umschriebenen Objekt oder einer Situation

� kommt besonders häufig vor

� Panikattacken/ Panikstörung

� Abgrenzbare Episoden intensiver Angst oder Unbehagens mit oder ohne

Vermeidungsverhalten

� häufigster Behandlungswunsch

� Die Posttraumatische Belastungsstörung

Außerdem:

� Agoraphobie (Angst vor Plätzen oder Situationen, in denen Flucht schwer

möglich ist)

� Soziale Phobie (Angst vor bestimmten sozialen Situationen)

� Zwangsstörung (Zwangsgedanken, Zwangshandlungen)

u.a.

7. Therapeutische Maßnahmen bei Panikstörungen mit

Vermeidungsverhalten

Ebenfalls zur eigenen Orientierung (und um im Rahmen der BÜB-Aufgabe, auf

mögliche Fragen der Betroffenen reagieren zu können) sind folgende Hinweise zur

therapeutischen Behandlung von Panikstörungen mit Vermeidungsverhalten

hilfreich. Die Vorstellung kann vom SL mit Rückgriff auf das bisher Dargestellte

erfolgen, indem er die TN z.B. fragt, wie sie sich nach dem bisher Gehörten

möglicherweise die therapeutische Bearbeitung einer Angststörung vorstellen

könnten.

� Die derzeit wirksamsten Verfahren kommen zumeist aus dem Bereich der

Verhaltenstherapie.

� Diese Verfahren versuchen alle Komponenten der Angst (s.o.) in die

Behandlung mit einzubeziehen.

� Ziel ist, die gelernte Verbindung zwischen der gefürchteten Situation und der

Angstreaktion aufzulösen.


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 51

� Zwei mögliche Vorgehensweisen:

1. die Systematische Desensibilisierung

2. die Reizkonfrontation

� Bei der Systematischen Desensibilisierung soll sich der Klient schrittweise

der bedrohlichen Situation (zunächst nur gedanklich) nähern (in

Kombination mit Entspannungsübungen).

� Die Reizkonfrontation ist eine sorgfältig geplante Verhaltensübung, bei der

der Klient direkt mit der angstauslösenden Situation konfrontiert wird.

� Ziel dabei ist, dass der Klient erfährt, dass die Angst auftritt und

bewältigt werden kann.

� Natürlich ist es nicht Ziel der Therapie, die Angstbewältigung von

„objektiv“ bedrohlichen Situationen zu üben!


52 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Hintergrundinformation (1):

Angst aus psychologischer Sicht

Ziele Dauer

Die TN sollen mit einer psychologisch fundierten Sicht

der Angst vertraut gemacht werden, indem sie z.B. über

biologische Funktionen der Angst, psychologische

Theorien der Entstehung einer Angststörung und

psychotherapeutische Methoden ihrer Behandlung

informiert werden.

Materialien


ca. 30 Min.

für den SL für die TN sonstiges

� PPP M4/1-1 � keine � Beamer/OHP

� Flipchart

� Brainstorming


interaktiver Kurzvortrag

� Diskussion


Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

M4/1

Erfahrungsgemäß kann dieser Kurzvortrag Anlass zu längeren Diskussionen geben. Diese

sind natürlich erwünscht, sofern sie den Zeitrahmen nicht deutlich überschreiten. Falls

notwendig, kann auf bestimmte Teile des Vortrags auch verzichtet werden, z.B. auf das

Beispiel vom „kleinen Albert“ oder auf die Beschreibung von Angst und Vermeidung als

Phänomene, die in vielen Verhaltensbereichen zu beobachten sind.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 53

Gesprächsmanagement (1):

Allgemeine Gesprächshaltung und Frageformen

Präsentation

PPP M5/1-1

Vorbemerkung

Wie bereits erwähnt, umfasst das Thema

Gesprächsmanagement zwei Schulungsmodule:

� Modul 5/1 orientiert sich an zwei

Lernzielen: Zum einen soll den TN eine

allgemeine „innere Haltung“ für das

Betreuungsgespräch vermittelt und nahe

gebracht werden. Zum anderen soll die

entscheidende Bedeutung und Funktion

von Fragen für den Gesprächsverlauf

Einführung ...............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

verdeutlicht und verschiedene Frageformen überblicksartig dargestellt werden.

� Modul 8/2 knüpft inhaltlich daran an und orientiert sich an dem

spezifischeren Ziel, Kommunikationsregeln und -strategien im Umgang mit

schwierigen Konstellationen bei unterschiedlicher Betroffenheit der

Gesprächspartner zu vermitteln. Außerdem soll das Thema

Selbstunterstützung und der Umgang mit der eigenen Betroffenheit (also der

des BÜB) besprochen und reflektiert werden (Stichwort: Psychohygiene).

Beide Module sind als Zusammenfassung und Ergänzung des jeweiligen Diskussionsstandes

in der Gruppe gedacht (s.u.). Anders formuliert: Die Themen dieser

Module können und sollen vorrangig immer dann besprochen werden, wenn sie

als Diskussionspunkt oder Frage im Schulungsverlauf auftreten. Das explizite

Aufgreifen dieser Themen durch zwei Kurzvorträge (M5/1 und M8/2) des SL dient

daher lediglich dem Zweck, das bereits Besprochene zusammen zu fassen und zu

strukturieren sowie um bisher nicht behandelte Aspekte zu ergänzen.

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M5/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


54 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Think!

Ebenso wie das kundenorientierte Beratungsgespräch wird auch die Interaktion im

Rahmen der Betreuungsaufgabe nach Überfällen auf Sparkassen durch eine

spezifische „innere Haltung“ bestimmt. Diese innere Haltung zu finden und

einzunehmen bedeutet, auf bestimmte, aufgabenbezogene Fragen eine Antwort zu

wissen: Wie führe ich eigentlich dieses Gespräch? Welche Rolle nehme ich dabei

ein, als was sehe ich mich? Was sind meine Ziele? Was kann ich leisten? Wofür

bin ich in diesem Gespräch verantwortlich und wofür nicht? Wo liegen meine

Grenzen? Was müsste passieren, damit ich am Ende das Gefühl habe, ein „gutes

Gespräch“ geführt zu haben? Wie sähe ein „schlechtes Gespräch“ aus? Welche

Befürchtungen habe ich möglicherweise bezüglich des Gesprächsverlaufs? Was

könnte schlimmstenfalls passieren, und was tue ich, wenn es passiert?

Antworten auf diese und ähnliche Frage zu finden heißt, eine bestimmte

Gesprächshaltung einzunehmen. Das erste Ziel dieses Schulungsmoduls ist

daher, diese Gesprächshaltung zu vermitteln. Hierbei kann zum Teil an bereits

bestehende Kompetenzen der TN angeknüpft werden. So ist z.B. die Wertschätzung

des Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartnerin ein wichtiger

Aspekt der allgemeinen Gesprächshaltung, im Rahmen der Betreuungsaufgabe

ebenso wie im kundenorientierten Beratungsgespräch. Zum Teil existieren aber

auch Unterschiede zwischen diesen beiden Aufgabenbereichen: Anders als beim

Verkaufs- und Beratungsgespräch müssen beim Betreuungsgespräch keine

Lösungen präsentiert, keine Vorschläge gemacht werden. Der BÜB darf und soll

sich in gewisser Weise „zurücklehnen“, er muss keines der berichteten Probleme

„lösen“, keine schlechte Stimmung oder Sorge „wegmachen“. Es fällt uns im

Alltag nicht leicht, von Problemen zu hören, ohne sofort mit einem gut gemeinten

Ratschlag zur Hand zu sein. Genau dies ist aber ein wesentlicher Aspekt der zu

vermittelnden Gesprächshaltung: Es aushalten zu können, von Problemen zu

hören, ja danach zu fragen, sie zu sammeln und zu strukturieren, ohne sich sofort

verpflichtet zu fühlen, sie auch lösen zu müssen.

Aufgabe des BÜB ist es also, Fragen zu stellen, nicht Lösungen zu präsentieren

oder Ratschläge zu geben. Dementsprechend ist das zweite Ziel dieses

Schulungsmoduls, bereits bestehendes Wissen über verschiedene Frageformen

bei den TN zu reaktivieren und bezüglich der Betreuungsaufgabe zu präzisieren.

Nach den bisherigen Erfahrungen zeigen die TN zu Beginn der Schulung noch eine

gewisse (verständliche) Unsicherheit bezüglich der Aufgaben und Pflichten ihrer


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 55

neuen Rolle als BÜB. Diese ist oft verbunden mit überhöhten Ansprüchen an die

eigene Person und an das, was ein Betreuungsgespräch leisten kann. Deutlich

werden solche überhöhten Ansprüche z.B. an Fragen wie: Sollte ich nicht für

meinen Gesprächspartner, wenn es ihm schlecht geht, jederzeit verfügbar sein?

Sollte ich ihm nicht meine private Telefonnummer geben? Müsste es ihm nicht

nach dem Gespräch mit mir deutlich besser gehen? usw. (Die Antwort auf jede

dieser drei Fragen heißt natürlich: Nein!)

Um dieser Anforderungsüberfrachtung zu begegnen, ist es von besonderer

Bedeutung, frühzeitig und bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die oben

genannten Merkmale der allgemeinen Gesprächshaltung hinzuweisen und die

Bedeutung von Fragen (im Gegensatz zu Ratschlägen und Lösungen) im

Gesprächsverlauf zu betonen. Diese Aufgabe stellt sich erfahrungsgemäß während

der gesamten zweitägigen Schulungszeit; insbesondere am ersten Tag. Der SL

muss also jeweils prüfen (und – soweit es die Zeit erlaubt – mit den TN

diskutieren), ob die jeweils zur Diskussion stehenden Anforderungen und

Erwartungen der TN an sich selbst im Rahmen der Betreuungsaufgabe

angemessen und realisierbar sind. Da sich solche Diskussionen häufig ungeplant

ergeben, ist es unbedingt erforderlich, dass der SL selbst die Gesprächshaltung

verinnerlicht hat, die er vermitteln will, um spontan und angemessen reagieren zu

können.

Durchführung

Die im Rahmen dieses Schulungsmoduls mit Hilfe eines Kurzvortrags zu

vermittelnden Inhalte sind als Zusammenfassung und Ergänzung der oben

beschriebenen Aufgabe zu verstehen: Einerseits sollen im Zusammenhang mit

Gesprächsführung und -haltung stehende Diskussionspunkte gesammelt und

nochmals kurz zusammenhängend beschrieben werden. Andererseits sollen

wichtige Aspekte der Gesprächshaltung ergänzt werden, die bisher nur kurz oder

gar nicht zur Sprache gekommen sind, sowie ein Überblick der Vor- und Nachteile

spezifischer Frageformen gegeben werden.

Hierzu steht eine PowerPoint-Präsentation ( PPP M5/1-1) zur Verfügung, die im

Folgenden kurz beschrieben werden soll. Zur Gestaltung des Kurzvortrags bietet

sich folgende Gliederung an (vgl. Tab. 5):

Tab. 5: Gliederung des Kurzvortrags „Gesprächsmanagement (1) -

Allgemeine Gesprächshaltung und Frageformen“ (M5/1)


56 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

1 Allgemeine Gesprächshaltung

1.1 Zur Gesprächsinteraktion

1.2 Hinweise zum nonverbalen Verhalten

1.3 Zur Bedeutung von „Verstehen“ und „Verständnis“

1.4 „Leichter“ versus „schwerer“ Überfall?

2 Frageformen

2.1 Formale Fragen

2.2 Funktionale Fragen

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation ( PPP M5/1-1)

1. Allgemeine Gesprächshaltung

1.1 Zur Gesprächsinteraktion

Zunächst werden einige Hinweise zur Gesprächshaltung und allgemeinen

Gestaltung der Gesprächsinteraktion gegeben:

� Ihre Fragen sollen einen größeren Anteil am Gespräch haben als eigene

Ausführungen; Ratschläge sind zu vermeiden!

Auf diesen Aspekt wurde oben schon hingewiesen.

� „Aktives Zuhören“: Stellen Sie die Fragen zugewandt und mit Blickkontakt,

lassen Sie Ihren Gesprächspartner ausreden, hören Sie interessiert zu und

fragen Sie (bei Unklarheiten) gezielt nach!

Diese (eigentlich selbstverständlichen) „Grundregeln“ der Gesprächsführung

gelten natürlich auch für das Betreuungsgespräch. Sie sind von fundamentaler

Bedeutung, damit sich der Gesprächspartner bzw. die Gesprächspartnerin

geschätzt, akzeptiert und ernst genommen fühlt.

� Sympathien und Hierarchien haben Einfluss auf die Interaktion: Rücken Sie

die Rolle des BÜB in den Vordergrund der aktuellen Situation!

Bei der Überlegung, wer als BÜB in Frage kommt, sollte die berufliche Position

des potenziellen BÜB in der Hierarchie des Betriebes keine Rolle spielen. Dennoch


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 57

ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass in der konkreten

Betreuungssituation hierarchische Strukturen durchaus eine Rolle spielen können.

Ebenso ist es selbstverständlich, dass auch zwischenmenschliche Sympathien

und Antipathien für die Betreuungsaufgabe von Bedeutung sein können.

Hierarchie- und Sympathieeinflüsse lassen sich prinzipiell nicht vollständig

vermeiden. Sie können jedoch reduziert werden, indem die besondere Rolle des

BÜB in den Vordergrund der aktuellen Situation gerückt wird. Auf der nonverbalen

Ebene kann dies z.B. dadurch geschehen, dass dem Gespräch ein gewisser

formaler Rahmen gegeben wird. So ist es aus dieser Überlegung heraus

günstiger, das Gespräch in den Räumen der Sparkasse zu führen, als zusammen

in ein Café oder zu dem Betroffenen nach Hause zu gehen. Auf der verbalen Ebene

ist es oft hilfreich, eine eventuelle Rollenvermischung (z.B. Kollege – Kegelfreund

– Betroffener) direkt anzusprechen ( Wir kennen uns jetzt seit fünf Jahren und sind

auch privat gut befreundet – jetzt bin ich aber in meiner Funktion als BÜB hier). Es

ist daher nicht notwendig (und auch nicht wünschenswert!), sich vor einer

anstehenden Betreuungsaufgabe übermäßig darüber Gedanken zu machen, „wer

mit wem gut kann“! Sollte es jedoch ein BÜB dennoch aus angemessenen

privaten Gründen vorziehen, ein bestimmtes Gespräch lieber einer Kollegin oder

einem Kollegen überlassen zu wollen, ist dies jedoch zu respektieren. Es gilt in

diesem Zusammenhang die Devise: Jeder kann mit jedem ein Gespräch führen –

er muss es aber nicht.

� Lassen Sie sich nicht von (evtl. vielen) Fragen des Betroffenen unter

Antwortdruck setzen! Sie müssen nicht alles wissen! Sie sind in erster Linie

„da“, hören zu (und fragen nach)!

Manchmal kommt es vor, dass der Betroffene sich direkt mit einer Frage an den

BÜB wendet, die dieser unmöglich beantworten kann. So könnte er z.B. fragen:

Bei den Schwierigkeiten, die ich im Moment habe – sollte ich mich da nicht besser

versetzen lassen? Fragen dieser Art kann, muss und soll der BÜB nicht

beantworten! Wie ließe sich auch auf eine so weitreichende Frage eine einfache

Antwort finden? Es gehört daher zur allgemeinen Gesprächshaltung, sich von

Fragen nicht unter Druck setzen zu lassen. Dies ist nicht immer einfach,

insbesondere dann, wenn viele Fragen an den BÜB gestellt werden – was

allerdings nicht oft vorkommt. Aufgabe der BÜB ist also nicht, auf alle Fragen eine

Antwort zu wissen, sondern den Betroffenen durch interessiertes Zuhören und

gezieltes Nachfragen bei einer Klärung behilflich zu sein (ohne sie auch unbedingt


58 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

erreichen zu müssen!). Als allgemeine Strategie empfiehlt sich, die Frage an den

Betroffenen zurückzugeben oder die Vor- und Nachteile bspw. einer

Versetzungsidee zu bedenken sowie auch weitere Möglichkeiten (noch eine Zeit

abwarten, Urlaub beantragen etc.) zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist

jedoch der nächste Hinweis von großer Bedeutung:

� Bleiben Sie im Gespräch konkret, begrenzt und aktuell!

Betreuungsgespräche haben manchmal die Tendenz, allgemein zu werden,

auszuufern oder sich auf Ereignisse zu beziehen, die nicht unmittelbar mit dem

Überfall und der Zeit danach in Zusammenhang stehen. Dieser Tendenz gilt es

entgegenzuwirken. Allgemeinplätzen und Gesprächsfloskeln (zu denen jeder

neigt!) kann man am besten durch konkretes Nachfragen begegnen: Ich fühle

mich so lala; Mir geht’s so einigermaßen; Die Kollegen kommen mir so komisch

vor; Meine Kollegin ist irgendwie anders – was heißt das jeweils genau? Aufgabe

des BÜB ist hier, zu konkretisieren. Ebenso sollte er darauf achten, dass das

Gespräch nicht ausufert oder Episoden und Ereignisse zentral werden, die nur

indirekt (Mit diesem Kollegen hatte ich vor fünf Jahren schon einmal Probleme)

oder gar nicht ( Meine Ehe ist auch schon seit einiger Zeit sehr schwierig) mit dem

Überfallgeschehen in Verbindung stehen. Selbstverständlich ist es wichtig, solche

Hinweise zur Kenntnis zu nehmen, da die geschilderten Ereignisse Teile der

momentanen Gesamtbelastung des Betroffenen sind oder seinen können.

Dennoch sollten sie nur soweit berücksichtigt werden, als sie für die aktuelle

Situation nach dem Überfall von Bedeutung sind. Aufgabe der BÜB ist daher in

diesem Fall: das Berichtete zur Kenntnis nehmen, begrenzen und – falls möglich

und nötig – auf die aktuelle Situation und die nähere Zukunft zu beziehen.

� Machen Sie Ereignisse und Befinden ansprechbar, ohne diese zu vertiefen!

Die Welt ist komplex – und ebenso das Empfinden und Verhalten von Menschen.

Einerseits ist also darauf zu achten, den Eindruck zu vermitteln, dass komplexe

oder auch ungewöhnliche Ereignisse und Gefühle prinzipiell angesprochen werden

können. Andererseits kann es nicht darum gehen (nicht zuletzt auch wegen des

begrenzten zeitlichen Umfangs des Betreuungsgesprächs), jeden angesprochenen

Aspekt bis in den letzten Winkel hinein auszuloten. Aufgabe der BÜB ist also,

Raum zu geben, damit auch Ungewöhnliches und Problematisches angesprochen

werden kann, ohne dabei aber übermäßig in die Tiefe zu gehen. Dies ist auch


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 59

deswegen von Bedeutung, weil ein zu ausgeprägtes „Kreisen“ des

Betreuungsgesprächs um aktuelle Probleme der Betroffenen vermieden werden

soll: Das ausführliche Sprechen über ein Problem löst es in der Regel nicht. Das

Gespräch sollte also nur insoweit auf die gegenwärtige Situation und den „Ist-

Zustand“ ausgerichtet sein, wie es nötig ist, damit sich der BÜB einen Überblick

über die aktuelle Situation verschaffen kann. Stattdessen sollte es eher zukunfts-

und handlungsorientiert sein. Was das bedeutet, wird mit dem nächsten Hinweis

erläutert.

� Nehmen Sie eine zukunftsorientierte und auf Handlung ausgerichtete Haltung

ein!

Sowohl für das subjektive Wohlbefinden als auch für die konkrete Bewältigung

einer problematischen Situation ist es günstiger, die Handlungsorientierung der

betreffenden Person anzuregen und zu fördern. Dies bedeutet, dass das Gespräch

auf die Zukunft hin orientiert und auf die (nächsten) konkreten Handlungsschritte

der betreffenden Person ausgerichtet sein sollte. Die zukunfts- und

handlungsorientierte Haltung des BÜB kommt in erster Linie durch die Art seiner

Fragen zum Ausdruck (z.B. der Betroffene: Ich weiß, dass es mir heute Abend,

wenn ich allein bin, ganz dreckig gehen wird. – der BÜB: Was können Sie heute

Abend tun, damit es Ihnen etwas besser geht?). Fragen dieser Art implizieren eine

Lösung des Problems und werden daher auch als lösungsorientierte Fragen

bezeichnet. Im Zusammenhang mit den Frageformen (vgl. 2.2) wird darauf noch

weiter eingegangen.

1.2 Hinweise zum nonverbalen Verhalten

� Erst beobachten, dann kommentieren oder handeln!

Das nonverbale Verhalten eines Menschen, also seine Körperhaltung, Gestik oder

Mimik, lässt manchmal Rückschlüsse darauf zu, wie sich diese Person gerade

fühlt oder was sie denkt. Wird z.B. jemand rot, interpretieren wir dies oft als

Scham oder Verlegenheit. Es kann jedoch sein, dass sich diese Person gar nicht

schämt, sondern wütend wird. Körperhaltung, Gestik oder Mimik sagen also nicht

direkt etwas über eine Person aus – wir interpretieren sie! Diese Interpretation

kann richtig oder falsch sein, wichtig ist jedoch, dass wir dies nicht eindeutig

wissen können, solange wir nichts anderes als eben dieses nonverbale Verhalten


60 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

haben. Erst durch konkretes Nachfragen können wir überprüfen, ob unsere

Interpretation richtig war. Es ist daher wichtig, nonverbales Verhalten mit einer

gewissen Vorsicht und Zurückhaltung zu beurteilen: Also erst beobachten, dann

kommentieren oder handeln! Nonverbales Verhalten ist nie ein eindeutiger

Hinweis auf das, was in einer Person vorgeht; populärwissenschaftliche Bücher,

die diesen eindeutigen Zusammenhang manchmal behaupten, sind daher mit

Skepsis zu betrachten. Verschränkte Arme können bedeuten, dass die Person uns

nichts mitteilen möchte – vielleicht ist es aber auch nur einfach kalt im Raum oder

es handelt sich um eine Gewohnheitshaltung.

� Offensichtlich inkongruentes Verhalten ansprechen!

Manchmal hat man den Eindruck, dass das, was eine Person sagt, im Widerspruch

zu dem steht, wie sie sich verhält (inkongruentes Verhalten). Um ein extremes

Beispiel zu nehmen: Einer Person, die behauptet, es gingeihr ganz gut und der dabei

die Tränen über die Wangen laufen, glauben wir aus guten Gründen nicht. Verbales

und nonverbales Verhalten stehen zu offensichtlich im Widerspruch, sind

inkongruent . Es empfiehlt sich generell, inkongruentes Verhalten zugewandt, aber

direkt anzusprechen ( Sie sagen, es geht Ihnen gut, aber ich sehe Tränen in Ihren

Augen ...?). Wichtig ist jedoch, dass es sich dabei um offensichtliche Widersprüche

handelt, also solche, die deutlich beobachtbar sind. Keinesfalls sollte hinter jedem

Satz eine Inkongruenz vermutet werden! Es geht also nicht darum, mögliche

Widersprüche „aufzudecken“ oder zu „entlarven“; vielmehr gehört es zur Haltung des

BÜB, zunächst davon auszugehen, dass das, was der Gesprächspartner bzw. die

Gesprächspartnerin erzählt, auch der Wahrheit (des anderen) entspricht. Sollte dies

in wenigen Fällen nicht so sein, kann der BÜB sich in der Regel darauf verlassen,

dass er dies auch bemerken wird.

� Seien Sie in Ihrem nonverbalen Verhalten zugewandt: Gibt es ungewöhnliche

Gefühle zu sehen, schauen sie hin und nicht weg!

Belastende Situationen können höchst unterschiedliche Reaktionen bewirken, die

manchmal auch überraschend oder ungewöhnlich sein können. Manche

Menschen weinen, obwohl wir den Grund dafür nicht nachvollziehen können,

andere sprechen eher nüchtern und „gefühllos“ über Situationen, die uns als sehr

belastend oder dramatisch erscheinen. Was auch immer dem BÜB in Gesprächen

an Gefühlen begegnen wird, seine Aufgabe ist es, hin- und nicht wegzusehen,


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 61

zugewandt zu sein und nicht zu ignorieren. Es geht also darum, auch

ungewöhnlichen oder überraschenden Gefühlen Raum zu geben, nicht darum, sie

sofort „wegmachen“ zu wollen. Sollte also jemand in Tränen ausbrechen, ist es oft

am hilfreichsten, ein Taschentuch zu reichen.

� Beiderseitiges Schweigen kommt vor! Nehmen Sie es zunächst als Pause

zum Nachdenken und fragen Sie dann nach oder weiter!

Schweigephasen in Gesprächen werden oft als unangenehm und belastend erlebt;

wir neigen daher dazu, sie oft mit einer Feststellung oder Frage zu „füllen“. In

Schweigephasen passiert aber nicht nichts, vielmehr dienen sie in der Regel dazu,

Gefühle zu regulieren oder Gedanken zu ordnen, bevor das Gespräch weitergeht.

Ein wichtiger Aspekt der Gesprächshaltung ist daher, Schweigephasen aushalten

zu können. Man kann sich darauf verlassen, dass dies mit zunehmender

Erfahrung leichter wird, zumal hier nur von wenigen Sekunden oder (selten)

Minuten die Rede ist.

1.3 Zur Bedeutung von „Verstehen“ und „Verständnis“

Manchmal begegnet man der Meinung, man könne nur das „wirklich“ verstehen,

was man selbst erlebt habe. Ob das so stimmt, sei dahingestellt. Problematisch

an dieser Meinung ist, dass nicht zwischen Verstehen (im obigen Sinn) und

Verständnis zeigen unterschieden wird. Vielleicht „versteht“ man tatsächlich nur

das, was man selbst erlebt hat. Dennoch kann man aber Verständnis zeigen.

Darüber hinaus ist der Anspruch, nur selbst Erlebtes tatsächlich verstehen zu

können, völlig überzogen. Es wäre z.B. für Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen

fatal, wenn sie die über 100 psychischen Störungen, die sie behandeln,

alle selbst erlebt haben müssten, um Verständnis für ein Problem zeigen zu

können. Gleiches gilt natürlich auch für das Erleben eines Überfalls. Es gilt also:

� Vermitteln Sie Verständnis, auch wenn Sie natürlich nicht „dabei“ waren!

� Das Signal ist somit:

� Ich nehme wahr, wie es dem Anderen geht.

� Ich erschrecke nicht (z.B. über „ungewöhnliche“ Gefühlsäußerungen).

� Ich nehme mir Zeit und frage nach.

� Ich versuche zu ordnen und zu beruhigen.

� Ich zeige konkretes, problemorientiertes Interesse.


62 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Versuchen Sie nicht, die Gefühle des anderen „wegmachen“ zu wollen!

� Zeigen Sie Verständnis für Schuld- und Schamgefühle. Diese sind in einer

solchen Situation „normal“. Signalisieren Sie diese Botschaft mit dem

Hinweis, dass das Verhalten während eines Überfalls nicht geübt werden

kann!

Auf die Unterschiedlichkeit hinsichtlich der möglichen Reaktionen auf einen und

nach einem Überfall wurde schon in Modul 1/1 eingegangen (vgl. auch den

nachfolgenden Abschnitt).

1.4 „Leichter“ versus „schwerer“ Überfall?

� Der objektive Schweregrad des Geschehens sagt nicht viel über die

Reaktionen der Betroffenen aus:

� Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf unvorhergesehene,

bedrohliche Belastungen!

� Richtige und falsche Reaktionen gibt es nicht!

� Ein späteres Gesprächsanliegen des Betroffenen ist oft nicht aus der

aktuellen Situation abzuleiten! Man „darf“ überrascht werden!

2. Frageformen

In der Literatur wird oft zwischen funktionalen und formalen Fragen unterschieden

(z.B. Fisseni, 1997):

� Formale Fragen legen fest, in welcher Form der oder die Befragte Auskunft

über bestimmte Bereiche geben soll. Hier sind die Unterscheidungen offene

vs. geschlossene sowie direkte vs. indirekte Fragen von Bedeutung.

� Funktionale Fragen haben dagegen das Ziel, größere Einheiten des

Gesprächs zu steuern, indem sie die Richtung vorgeben, in der eine Antwort

erwartet wird. Hierzu gehören Kontakt- oder Einleitungsfragen, Überleitungs-

oder Übergangsfragen sowie Kontrollfragen. Ergänzend zu Fisseni (1997)

sollen hier auch lösungs-, ressourcen-, handlungs- oder zielorientierte

Fragen sowie zirkuläre Fragen eingeordnet werden.

Abbildung 6 zeigt die Fragetypen in einer Übersicht.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 63

1

2

3

4

5

Funktionale Fragen

Kontakt- und

Einleitungsfragen

Überleitungs- oder

Übergangsfragen

Kontrollfragen

lösungs-, ressourcen-,

handlungs- und

zielorientierte Fragen

zirkuläre Fragen

Artenvon Fragen

geschlossene

Fragen

1

offene

Fragen

Formale Fragen

Suggestivfragen

sindzuvermeiden!

direkte

Fragen

2

indirekte

Fragen

Abb. 6: Arten von Fragen (aus Hungerige, 2001, S. 59; modifiziert nach

Fisseni, 1997)

2.1 Formale Fragen

Geschlossene vs. offene Fragen. Diese dem Bereich der formalen Fragen

zugehörige Unterscheidung legt in gewisser Weise das „Format“ oder die Art und

Weise fest, in der die oder der Befragte antworten kann.

� Geschlossene Fragen lassen sich im Extremfall mit einem „Ja“ oder „Nein“

( Geht es Ihnen heute schlecht? – Nein.) bzw. mit einer kurzen

Tatsachenfeststellung ( Der wievielte Überfall war das? – Der zweite.)

beantworten. Sie legen generell eine knappe, informationsarme Antwort

nahe, „blockieren“ oft kurzfristig das Gespräch und ermöglichen keinen

Rückschluss darauf, welche Bedeutung die Antwort für den Befragten hat. Im

Allgemeinen sind sie daher für das Betreuungsgespräch ungeeignet. Hilfreich

sind sie jedoch dann, wenn gezielt eine spezifische Information erfragt

werden soll oder Unstimmigkeiten ausgeräumt werden sollen (geschlossene

Kontrollfrage).

� Offene Fragen (Wie werden Sie den weiteren Tag verbringen?) lassen

dagegen Raum für ausführlichere Antworten. Abgesehen von den


64 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

inhaltlichen Aspekten der Antwort, kann auch die von dem Gesprächspartner

bzw. der Gesprächspartnerin getroffene Auswahl eine wichtige Information

für den BÜB sein.

Direkte vs. indirekte Fragen. Direkte Fragen beziehen sich unmittelbar auf den

Aspekt, der erfragt werden soll (z.B. Haben Sie mit Ihrem Kollegen auch über Ihre

Schlafstörungen gesprochen?). Mit den geschlossenen Fragen haben sie gemein,

dass sie die mögliche Antwort begrenzen. Einerseits ist es für den

Gesprächsablauf von großem Nutzen, wenn Fragen von dem BÜB klar und direkt

gestellt werden. Andererseits legen solche Fragen auch eine gewisse

Antworttendenz in Richtung sozialer Erwünschtheit nahe, insbesondere dann,

wenn eher tabuisierte Themen angesprochen werden (z.B. Angst). Indirekte

Fragen stellen, wie offene Fragen, die Antwort frei ( Worüber haben Sie mit

Kollegen im Zusammenhang mit dem Überfall gesprochen?). Sie lassen daher

dem Betroffenen die Wahl, wie viel er von seinem privaten Bereich preisgeben

will. Allerdings geben sie ihm auch die Möglichkeit, zu bagatellisieren, zu

relativieren oder auf „Nebenschauplätze“ auszuweichen.

Tendenziell sollten Fragen immer eher direkt gestellt werden. Zum einen, weil es

die Transparenz der Gesprächssituation erhöht ( Was will der von mir?) und damit

förderlich für den Gesprächsverlauf ist, zum anderen, weil der Mut des BÜB, auch

problematische Themen direkt anzusprechen, Vorbildcharakter für den

Betroffenen hat. (Der Gesprächspartner wird von sich aus schon entscheiden, was

er erzählen will.) Indirekte Fragen sollten dagegen sparsam und gut überlegt

eingesetzt werden.

Suggestionen vermeiden! Suggestivfragen haben die Tendenz, bestimmte

Antworten zu provozieren ( Meinen Sie nicht auch, dass ..., Ist es nicht so, dass

...), und sind daher in der Regel wertlos. Auch wenn sich Suggestivfragen in

keinem Gespräch ganz vermeiden lassen, sollten explizite Suggestionen die

Ausnahme bleiben.

2.2 Funktionale Fragen

Kontakt- und Einleitungsfragen. Zu Beginn des Gesprächs (Gesprächsphase A)

ist für den Betroffenen noch unklar, was von ihm erwartet bzw. warum dieses

Gespräch eigentlich geführt wird. Kontakt- und Einleitungsfragen haben daher

eine „Eisbrecherfunktion“; sie sollen das Gespräch in Gang bringen und mögliche

Ängste oder Sorgen beim Gesprächspartner abbauen. Sie können für das


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 65

Betreuungsgespräch inhaltlich irrelevante Themen zum Inhalt haben oder den

Betroffenen ermuntern, seinerseits Fragen zu stellen, z.B.:

• Haben Sie vorab noch Fragen zu meiner Funktion als BÜB?

Überleitungs- oder Übergangsfragen. Soll von einem Thema zu einem anderen

gewechselt werden (z.B. während des Sammelns verschiedener akuter

Belastungen in Gesprächsphase B), eignet sich eine kurze Zusammenfassung des

bisher Gesagten:

• Sie haben gerade von den Schwierigkeiten erzählt, Ihrer Familie begreiflich zu

machen, wie Sie sich fühlen. Gibt es diesbezüglich auch Schwierigkeiten in

anderen Bereichen, z.B. mit den Kollegen?

Überleitungs- oder Übergangsfragen können in allen Phasen des Gesprächs eine

Rolle spielen.

Kontrollfragen. Diese haben die Funktion, Unklarheiten zu beseitigen, scheinbare

Widersprüche aufzuklären und tatsächliche Widersprüche zu hinterfragen:

• Mir ist noch nicht ganz klar geworden, ob das Problem darin besteht, dass Ihre

Kollegin tatsächlich schlecht über Sie gesprochen hat oder ob Sie das nur

vermuten?

• Vorhin sagten Sie, Sie brauchten unbedingt ein paar Urlaubstage. Jetzt sagen

Sie gerade, dass Sie unbedingt zum Dienst kommen wollen. Wie sehen Sie

das?

Zu den Kontrollfragen gehören im weiteren Sinn auch die sog. Sammelfragen. Sie

haben die Funktion, das Besprochene zusammenzufassen und bestimmte wichtige

Aspekte hervorzuheben. Sie dienen auch dazu, sich zu vergewissern, ob man alles

richtig verstanden und nichts Wichtiges vergessen hat, also auch dazu,

Verständnis zu zeigen. Beispiele hierfür sind:

• Um sicher zu gehen, dass ich Sie richtig verstanden habe, lassen Sie uns noch

einmal zusammentragen ... Können wir das so festhalten?

• Haben wir jetzt noch etwas nicht angesprochen oder etwas Wichtiges

übersehen?

Sammelfragen spielen insbesondere beim Abschluss des Gesprächs (also in

Gesprächsphase C; vgl. die Module 6/1 und 10/2) eine wichtige Rolle. Sie können

natürlich auch während des Gesprächs eingesetzt werden, um Zwischenergebnisse

festzuhalten.


66 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Lösungs-, ressourcen-, handlungs- und zielorientierte Fragen. Diese Fragen

haben die Funktion, den Fokus der Aufmerksamkeit von dem Problem auf

mögliche Lösungen des Problems zu verschieben. Dies können z.B. sein:

� Fragen nach Ausnahmen (also z.B. nach Situationen, in denen es dem/der

Betroffenen gut gegangen ist; oder nach Personen, mit denen die Interaktion

unproblematisch ist):

• Mit welchem Ihrer Kollegen können Sie noch am ehesten sprechen?

• Gab es Momente, in denen Sie sich nach dem Überfall in der Sparkasse

wieder sicher und wohl gefühlt haben?

� Fragen nach positiven Eigenschaften des/der Betroffenen, z.B.:

• Welche Eigenschaften von sich selbst haben Sie in Krisenzeiten als hilfreich

erlebt?

� Fragen nach bisherigen erfolgreichen Umgangsweisen mit der aktuellen oder

anderen Belastungssituationen (z.B. mit Freunden sprechen, spazieren gehen):

• Was tun Sie, wenn es Ihnen schlecht geht, damit es wieder besser wird?

• Was tun Sie, um sich in schwierigen Situationen zu unterstützen?

� Fragen nach Ressourcen des Betroffenen, an die angeknüpft werden kann oder

die ausgebaut und gefördert werden können (Unterstützung in der Familie, im

Freundeskreis etc.):

• Welche bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten könnten Sie jetzt

aktivieren?

• An wen können Sie sich wenden, wenn es Ihnen schlecht geht?

� Fragen nach ersten kleinen Schritten in die gewünschte Richtung:

• Was wäre die kleinste Veränderung, an der Sie spüren würden, dass sich

etwas positiv weiterentwickelt?

• Gibt es einen ersten Schritt, mit dem Sie das Verhältnis zu Ihrem Kollegen

verbessern könnten?

Zu den lösungs- und ressourcenorientierte Fragen gehören auch die sog.

Veränderungs- oder Unterschiedsfragen. Diese regen dazu an, Unterschiede im

Erleben genauer zu betrachten und damit dazu, selbst Fortschritte zu „entdecken“.

Sie sind vor allem in Gesprächsphase A (vgl. die Module 6/1 und 10/2)

vorherrschend. Beispiele hierfür können sein:

• Was hat sich in Ihrem Befinden seit dem Geschehen (oder seit dem letzten

Gespräch) verändert?

• Wie haben Sie es geschafft, dass es Ihnen nun ein ganzes Stück besser geht?


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 67

• Gibt es derzeit zusätzlich zum Überfallgeschehen noch andere Ereignisse, die

belastend hinzugekommen sind?

• Was wäre aus Ihrer Sicht der nächste, kleinste Schritt in eine für Sie hilfreiche

Richtung?

Fragen, die ganz allgemein eine Zukunfts- und Handlungsorientierung

ansprechen, können z.B. sein:

• Wie wird der Tag/die Woche für Sie weitergehen?

• Womit wäre Ihnen jetzt am meisten geholfen?

• Was können Sie jetzt Gutes für sich tun?

• Wie geht es Ihnen derzeit unter den Kollegen nach all diesen Erlebnissen?

Fragen dieser Art sollten vor allem in Gesprächsphase B überwiegen.

In welcher Gesprächsphase die einzelnen Frageformen in besonderer Weise

eingesetzt werden sollten, zeigt Tabelle 6. Damit soll natürlich nur deutlich

gemacht werden, in welcher Gesprächsphase welche Frageform schwerpunktmäßig

zum Einsatz kommt, und nicht etwa, dass sie ausschließlich in dieser

Phase verwendet werden sollte!

Tab. 6: Schwerpunkte einzelner Frageformen während des Gesprächs

(A) Einstieg (B) Beratungsphase (C) Abschluss

� Kontakt- und

Einleitungsfragen

� Überleitungs- oder

Übergangsfragen

� Veränderungs- und

Unterschiedsfragen

� Kontroll- (und Sammel-)

fragen

� Überleitungs- oder

Übergangsfragen

� Zukunfts- und

handlungsorientierte

Fragen

� Lösungs- und ressourcenorientierte

Fragen

� (Kontroll- und)

Sammelfragen

� Überleitungs- oder

Übergangsfragen

Die für eine Gesprächsphase besonders wichtigen Frageformen sind in der Tabelle

markiert. Ob die jeweiligen Fragen offen oder geschlossen bzw. direkt oder

indirekt gestellt werden, hängt von dem jeweiligen Ziel des Fragestellenden ab.

Entscheidungshinweise dafür finden sich oben im Text.


68 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Gesprächsmanagement (1):

Allgemeine Gesprächshaltung

und Frageformen

Ziele Dauer

1. Den TN soll eine allgemeine „innere Haltung“ für das

Betreuungsgespräch vermittelt und nahe gebracht

werden.

2. Die entscheidende Bedeutung und Funktion von

Fragen für den Gesprächsverlauf soll verdeutlicht und

verschiedene Frageformen überblicksartig dargestellt

werden.

Materialien


ca. 30-45 Min.

für den SL für die TN sonstiges

� PPP M5/1-1 � keine �



interaktiver Kurzvortrag

Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

Beamer/ OHP

� Flipchart

M5/1

Dieser Kurzvortrag soll bereits besprochene Themen aufgreifen, einbinden und teilweise

ergänzen. Es ist daher darauf zu achten, was bereits an anderer Stelle diskutiert wurde!


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 69

Aufgaben und Grenzen des BÜB (1):

Präsenzaufgaben/Das aktuelle Gespräch

Präsentationen

PPP M6/1-1 PPP M6/1-2

Vorbemerkung

Ist ein Überfall geschehen, so kommen die

BÜB zum einen unmittelbar, zum anderen

längerfristig zum Einsatz.

� Unmittelbar nach dem Überfall werden

Präsenzaufgaben vor Ort wahrgenommen.

Auch findet ein aktuelles Einzelgespräch

mit allen Betroffenen in

möglichst kurzem zeitlichem Abstand

(1-3 Tage) zum Geschehen statt. Diese

Aufgabenbereiche werden in Modul 6/1

Einführung ...............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

erarbeitet; das Gespräch wird in Rollenspielen eingeübt.

� In einem Abstand von 3 bis 5 Wochen findet ein Nachgespräch statt

( Modul 10/2).

Für beide Gespräche sind die jeweils vorgeschalteten Gesprächsmanagement-

Module (Modul 5/1 und Modul 8/2) relevant, in denen Gesprächshaltung,

Kommunikationsregeln etc. thematisiert werden. Zudem gelten für beide

Gespräche bislang erarbeitete Konventionen, die im vorliegenden Modul erläutert

werden. Auch gibt es für beide Gespräche strukturierende Kurzleitfäden . Diese

helfen zum einen, sich auf einen plötzlich erfolgenden Einsatz vorzubereiten, zum

anderen können sie während der Gespräche eine inhaltliche Orientierung bieten.

Mit dem Nachgespräch ist die Betreuungsaufgabe des BÜB offiziell beendet, mit

Ausnahme der Nachsorge im Sinne der Begleitung zu einer etwaigen

Gerichtsverhandlung, nachdem der Täter gefasst wurde und die Betroffenen als

Zeugen angehört werden.

Abbildung 7 zeigt die zeitliche Struktur der Betreuungsaufgabe im Überblick:

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ...........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M6/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


70 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Am Tag des

Überfalls

1-3 Tage nach

dem Überfall

3-5 Wochen nach

dem Überfall

6-8 Monate nach

dem Überfall

Evtl. Vermittlung

professioneller

psychologischer Hilfe

Präsenzaufgaben

(Ersthelferfunktion)

Erstgespräch

(verbindliches Einzelgespräch

vor Ort

Zwischen Erst- und

Nachgespräch kann der

Betroffene - bei Bedarf -

von sich aus Kontakt zum

BÜB aufnehmen.

Nachgespräch

(verbindliches Einzelgespräch

vor Ort)

...telefonische Nachfrage/

Ende der („Geh-Struktur“)

Betreuung

Betroffene können bei

konkreten Anliegen von

sich aus den BÜB erneut

kontaktieren.

Abb. 7: Die zeitliche Struktur der Betreuungsaufgabe


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 71

Think!

In Modul 6/1 kommt es erstmals zu praktischen Übungen im Sinne von

Rollenspielen. Erfahrungsgemäß reagieren manche TN etwas verschreckt auf

diesen Teil. In den bisherigen Schulungen wurde auf Ton- oder Videoaufzeichnungen

verzichtet, was bereits erheblich zur Entlastung der TN beiträgt.

Die SL sollten gerade bei den Rollenspielen vermitteln, dass es nicht um ein

Training von Expertenschaft gehen kann und soll, sondern vielmehr um

Anregungen zur Weiterentwicklung bereits mitgebrachter Kompetenzen und deren

Reflexion. (Aus diesem Grunde werden auch keine „Modellrollenspiele“ von den

SL präsentiert, da hieraus ein falscher Anspruch an Professionalität resultieren

könnte.) Die positive und negative Kritik der Rollenspiele, die in jedem Falle

konstruktiv sein sollte, wird in erster Linie von den anderen das Rollenspiel

beobachtenden TN geleistet. Die SL kommentieren in der Regel erst zum Schluss,

greifen aber auch in die Diskussion ein, wenn sie es für sinnvoll erachten.

Bei den Rollenspielen kommt es auch immer wieder zur Diskussion darüber, ob

man einen Betroffenen, der „offensichtlich“ nicht so sehr emotional bewegt ist, zu

weiterer „Verarbeitung“ des Geschehens anregen sollte, bzw. wie man überhaupt

zu gelungener Verarbeitung beitragen kann. Dabei wird das Verarbeitungskonzept

von den TN häufig normativ gehandhabt: Wer einen Überfall ohne große

psychische/ emotionale Beeinträchtigung übersteht, wer nach einem Überfall nicht

reden oder gar allein sein will, wem man einen Überfall nicht ansieht oder

anmerkt, der „verdrängt“ – sperrt sich also Verarbeitungsprozessen gegenüber.

Es gilt dann, so glauben viele TN, diese Menschen mit aller Kraft auf den

„richtigen“ Weg zu bringen, also Anzeichen „verdrängter“ Emotionen aufzuspüren

und die Betroffenen zum Reden zu bringen. Wer hingegen offensichtlich betroffen

ist, redet und Gemeinschaft sucht, der wird als jemand verstanden, der auf gutem

Wege ist, das Geschehen gelungen zu verarbeiten.

Indirekt wird damit eine Grenzlinie zwischen einer „normalen und gesunden“ und

einer „pathologischen“ Reaktion auf einen Überfall gezogen, wobei pathologisch hier

schlicht heißt, dass man eben nicht erwartungskonform auf einen Überfall reagiert.

Eine solche Sichtweise hat natürlich gravierende Einflüsse auf die Handlungsweise

der BÜB, aber auch auf die Beziehung zwischen den BÜB und den Betroffenen.

Außerdem bleibt zumeist unklar, was eigentlich genau hinter dem Konzept

„gelungener Verarbeitung“ steht. Hat man etwa dann eine negative Erfahrung

verarbeitet, wenn diese nach einer Zeit der emotionalen Auseinandersetzung


72 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

schlicht „weg“ und aus dem Leben ist? Steht dahinter die Hoffnung, dass, was

immer auch Negatives im Leben geschieht, die langfristige Lebenslinie als

ungebrochen positiv erlebt werden kann?

Die SL sollten an gegebener Stelle auf diese Problematik aufmerksam machen. Häufig

begegnen sie dann dem Erstaunen der TN, da diese sich bislang in ihrem Alltag noch

nicht mit dem Konzept des Verarbeitens reflektiert auseinandergesetzt haben.

Durchführung

Modul 6/1 gliedert sich in folgende Teile:

1. Präsenzaufgaben unmittelbar nach dem Überfall

2. Das aktuelle Gespräch: Bisherige Konventionen

3. Das aktuelle Gespräch: Sammeln von Ideen (in Kleingruppenarbeit)

zur Strukturierung und Durchführung des Gesprächs

4. Das aktuelle Gespräch: Vorstellung der bislang erprobten

Gesprächsstruktur (Präsentation des ABC-Kurzleitfadens)

5. Das aktuelle Gespräch: Einübung in Rollenspielen

1. Präsenzaufgaben unmittelbar nach dem Überfall

Unmittelbar nach Kenntnis des Überfalls sollten die entsprechenden BÜB

routinemäßig informiert werden (siehe Modul 7/1 ), um dann auf schnellstem

Wege zum Tatort zu gelangen. Es empfiehlt sich, dass in Abhängigkeit von der

Größe der Geschäftsstelle, immer mindestens zwei BÜB zum Überfallort fahren.

„Betroffene“ sind alle Anwesenden in der überfallenen Geschäftsstelle,

unabhängig davon, wie „nah“ sie dem Überfallgeschehen waren. Jeder hat ein

„Recht“ auf Zuwendung/ Betreuung; der Grad der Betroffenheit kann und „darf“

allerdings sehr unterschiedlich sein (bis hin zu keinem Betroffenheitsgefühl). Am

Tatort befinden sich aktuell viele Personen mit unterschiedlichen Rollen und

Funktionen. Die BÜB haben in dieser „akuten“ Phase somit zunächst „nur“

Präsenzaufgaben, die den betroffenen Kollegen Zuständigkeit für aktuelle

Unterstützung signalisieren sollen. Kommt es über die hilfreichen Präsenz-


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 73

aufgaben hinaus bereits zu ersten, ausführlichen Einzelgesprächen, so orientieren

sich diese am Gesprächsaufbau, der später in diesem Modul vermittelt wird.

In den Schulungen hat es sich etabliert, zunächst einmal in einem kurzen Brainstorming

Präsenzaufgaben am Flipchart zu sammeln. Diese können dann

gegebenenfalls anhand folgender Inhalte ergänzt werden:

� Beim Betreten der Stelle ist es sinnvoll, sich zunächst kurz in der BÜB-Rolle

vorzustellen (z.B. bei der Polizei oder unbekannten Personen), damit man a)

nicht bei der Betreuungsaufgabe behindert wird und b) auf diese Weise

Sachinformationen zum Tathergang nicht von den Betroffenen selbst

erfragen muss.

� Es erfolgt die Begrüßung aller Mitarbeiter/ Überfallbetroffenen mit Händedruck

und expliziter Vorstellung als BÜB.

� Um aktuelle Ansprechbarkeit, Reaktionsfähigkeit und aktuelle Bedürfnisse zu

erfragen, empfiehlt es sich, direkt auf jeden Betroffenen einzeln zuzugehen.

Die Frage nach dem Ablauf des Überfallgeschehens sollte dabei nicht an den

Betroffenen selbst gerichtet werden. Neuere Untersuchungen zur

Gedächtnisarbeit und Integration der Eindrücke bei Betroffenen von hoch

belastenden Ereignissen zeigen, dass ein sofortiges, detailliertes Abfragen,

Wiedergeben oder Berichten des eigenen Erlebens das

Selbstorganisationsprinzip dieser Strukturen oft zu früh „stören“ kann (Reddemann

& Sachsse, 1997; Lamprecht, 2001). Wenn die Betroffenen in der

aktuellen Phase nach dem Geschehen von sich aus darüber berichten wollen,

ist ein verständnisvolles Zuhören zunächst ausreichend und wichtig.

� Bei Dringlichkeit bzw. auf Wunsch sollte ärztliche Hilfe angefordert werden.

� Mit den einzelnen Betroffenen sollte geklärt werden, ob aktuell praktische/

organisatorische Unterstützung geleistet werden kann (z.B. Anrufe

ermöglichen oder organisatorische Telefonate tätigen).

� Die BÜB sind auch verantwortlich für die allgemeine Strukturierung und

Beruhigung der Situation bei Kenntnis der internen Abläufe (vor Helfer-Einsatz

nochmals technische Informationen über Abläufe nach Überfällen

vergegenwärtigen; Frage der Schließungsdauer an der Überfallstelle abklären).

� Die BÜB sollten auch eine „Logistik“ für Rückzugsmöglichkeiten bei

Ruhebedarf des Betroffenen ermöglichen (z.B. Versorgung mit Getränken im

Ruhe- oder Rückzugsraum).


74 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Möglicherweise lässt sich auch mit den Betroffenen, nach selbst berichteter

Befindlichkeit, die Reihenfolge der Befragung durch die Polizei mitbestimmen;

gegebenenfalls können die BÜB auch bei der Befragung präsent

sein (Abstimmung mit der Polizei). Die Zeugenaussagen, auf die die Polizei

vorrangiges Recht hat, finden zumeist vor Ort statt. Die Betroffenen sollten

die Adresse der Sparkasse als ihre Postadresse angeben!

� Bei Fahrten zur Zeugenaussage auf ein Polizeirevier sollten die BÜB die

Betroffenen begleiten.

� Abschirmung vor der Presse ist auch eine wichtige Aufgabe der BÜB. Kein

Betroffener sollte vorerst Aussagen vor der Presse machen, da diese sonst

nicht mehr als Zeugenangaben verwendbar sind.

� Die BÜB sollten bis zum Abschluss der Polizeibefragungen anwesend sein,

auch um Gelegenheit zu geben, über das Befragungserleben sprechen zu können.

� Schließlich gilt es, die Heimfahrt zu organisieren und Fragen bezüglich des

weiteren Tagesablaufs zu klären.

� Zum Schluss wird noch das aktuelle, ausführliche Einzelgespräch in den

nächsten (ein bis drei) Tagen angekündigt.

� Ein kurzer Befindlichkeits- und Eindrucksaustausch zwischen den BÜB

nach dem Einsatz (Stichwort: eigene Psychohygiene) ist empfehlenswert

(vgl. Modul 8/2).

2. Das aktuelle Gespräch: Bisherige Konventionen

Die TN werden zunächst einmal in Form einer Diskussion mit den bisherigen

Konventionen für die BÜB-Gespräche (aktuelles Gespräch und Nachgespräch)

vertraut gemacht. Hier stellen sich grundsätzlich zwei Fragen: Sollen die

Gespräche als Einzel- oder Gruppengespräche geführt werden? Sollen die

Gespräche verbindlich oder „freiwillig“ geführt werden?

Gruppengespräche haben zwei entscheidende Nachteile: Betroffene könnten

erstens große Schwierigkeiten haben, sich mit ihren Problemen zu „outen“ –

zumal dann, wenn andere Betroffene wenige bis keine Probleme in Folge des

Überfalls äußern. Zweitens sind Laienhelfer mit dem Monitoring einer

möglicherweise schwierigen Gruppendynamik überfordert. Daraus ergibt sich das

Fazit: Es werden Einzelgespräche durchgeführt.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 75

Sollte das Gespräch „freiwillig“, also nur bei explizit artikuliertem Bedarf durchgeführt

werden, so ist die Hemmschwelle hoch, tatsächlich um ein Gespräch zu bitten, da

damit ein öffentliches Eingeständnis von Problemen verbunden ist. Gerade wenn

mehrere Kolleginnen und Kollegen angeben, sie „brauchten“ kein Gespräch, hemmt

dies diejenigen, die eigentlich gerne mit dem BÜB reden wollen. Damit wird das BÜB-

Konzept quasi in sein Gegenteil verkehrt: Was genuin als Unterstützungs- und

Hilfsangebot gemeint war, wird zu einer zusätzlichen schwierigen Aufgabe für den

Betroffenen, da er befürchten könnte, sein Gesicht zu verlieren. Daraus ergibt sich

das Fazit: Es wird ein verbindliches Einzelgespräch mit allen Betroffenen geführt.

Auch für „unbetroffene Betroffene“ ist das Gespräch mit dem BÜB im Übrigen ein

freundliches Signal dafür, dass die Sparkasse Sorge für alle ihre Mitarbeiter trägt.

Kunden werden dabei in aller Regel nicht einbezogen, denn der BÜB setzt ein

Zeichen für die Angestellten und verfolgt damit explizit nicht die ansonsten

vorherrschende Kundenorientierung in Sparkassen.

Beide Gespräche (aktuelles Gespräch und Nachgespräch) sollten in dienstlichen

Räumen stattfinden, denn auch der Überfall selbst ist als „dienstlicher Unfall“ zu

verstehen. Der BÜB ist eine „dienstliche Institution“, kein privates Hilfsangebot.

Private oder andere öffentliche Räume (z.B. Café) unterstützen damit nicht in

angemessener Weise die Rollenstruktur des BÜB (vgl. auch Modul 5/1).

Die Gespräche orientieren sich strukturell an den bisher entwickelten und

gemeinsam erarbeiteten Leitfäden (siehe PPP M6/1-1 für das aktuelle Gespräch).

In der Regel sollten Erst- und Nachgespräch von derselben Person geführt

werden, es kann aber auch aus situationsbedingten Gründen (Urlaub, Krankheit

etc.) anders sein. Aus diesem letzten Grunde heraus kann es auch sinnvoll sein,

sich kurze Notizen zum Erstgespräch zu machen, um diese dann ggf. an einen

weiteren BÜB weiterzuleiten. Es können mehrere Betreuer an einem Einsatzort

parallel Gespräche führen. Dies ist sogar wünschenswert, denn es erleichtert den

späteren Erfahrungsaustausch und bietet Möglichkeiten der gegenseitigen

Unterstützung. Das aktuelle Erstgespräch dauert ca. 15 Minuten, das

Nachgespräch kann zwischen 15 bis 30 Minuten variieren.

3. Das aktuelle Gespräch: Sammeln von Ideen (in Kleingruppenarbeit)

zur Strukturierung und Durchführung des Gesprächs

Es werden neue Kleingruppen von zwei bis drei TN gebildet. Aufgabe jeder

Kleingruppe ist es, stichwortartig die Fragen und Themen für ein aktuelles


76 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Gespräch mit einem Anfang (A), einem Mittelteil (B) und einem Ende (C) zu

konzipieren. Grundszenario ist dabei ein ca. 10-minütiges Gespräch, das in einem

Raum der Sparkasse geführt wird. Die Kleingruppen erhalten jeweils Folien und

Folienschreiber. Es wird zu Beginn bestimmt, wer die Ergebnisse im Plenum

vorstellen wird. Nach ca. 15 Minuten treffen sich SL und TN wieder im Plenum.

Die Ergebnisse werden vorgestellt und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede

hin überprüft. Es werden in dieser Phase immer wieder neue und gute Ideen

geäußert. Aus diesem Grunde wird diese Aufgabe nicht übersprungen, um sofort

zu dem „erprobten“ Leitfaden überzugehen.

4. Das aktuelle Gespräch: Vorstellung der bislang erprobten

Gesprächsstruktur (Präsentation des ABC-Kurzleitfadens)

Aus den langjährigen Erfahrungen mit der Schulung resultiert ein kurzer Leitfaden

( PPP M6/1-1) 1

, der als Strukturierungshilfe für das erste, aktuelle Gespräch dient.

Die SL legen die entsprechende Folie auf und erläutern sie kurz. Sollten aus der

vorgeschalteten Gruppenarbeit zusätzliche Ideen generiert worden sein, werden

diese an entsprechender Stelle eingefügt.

1 Auch als Folienvorlage (FV) vorhanden (PPP M6/1-1-FV).


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 77

(A) Einstieg:

Exploration (Erkundung) des aktuellen Befindens/ „Stimmungsbild“

Fragen zum aktuellen Befinden und/ oder ersten Veränderungen seit dem Überfall

ohne festen Bezug zum Tathergang. Z.B. Fragen in Richtung auf:

� derzeitiges psychisches und physisches Befinden

� Unterschiede/ Veränderungen im Vergleich zum Befinden am Überfalltag

� den bisherigen Umgang/ das Bewältigungsverhalten (z.B. ob und mit wem

bislang gesprochen wurde, wie dies empfunden wurde)

(B) Beratungsphase:

Exploration von aktuellen Anliegen,

Wünschen, Bedürfnissen, Plänen

� handlungs-, ziel- und zukunftsorientiertes Fragen (z.B. auch zur

Arbeitsfähigkeit; zum sozialen Netz; zum weiteren förderlichen Tages- und

Wochenverlauf)

� überfallbezogene Problembereiche strukturieren helfen

� Ansatzpunkte für die Richtung von Bewältigungsideen und Ressourcen

vermitteln (innere und äußere Quellen der Unterstützung)

(C) Abschluss:

Kurze Zusammenfassung mit Verweis auf „Aktualität“ des

Ereignisses und somit „normale“ Reaktionsunterschiede

� strukturierte Zusammenfassung des Besprochenen mit Betonung der

Aktualität des Erlebens

� Hinweis auf das Nachgespräch (in ca. 3-5 Wochen)

� möglicherweise Empfehlung von professioneller psychologischer Hilfe bei

Bedarf

� telefonische Erreichbarkeit des BÜB bei Bedarf

� ggf. Betonung der (selbstverständlichen) Diskretion gegenüber der

Institution


78 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Die SL sollten bei der Besprechung des Leitfadens auf folgende Punkte hinweisen:

� Der Ablauf des Gesprächs ist dreiteilig. In einem ersten Teil wird das aktuelle

Empfinden des Betroffenen durch Fragen exploriert (Wie geht es Ihnen heute?

Wie haben Sie sich heute beim Betreten der Sparkasse gefühlt?). Der Tathergang

selbst wird nicht angesprochen, es sei denn, der Betroffene selbst ergreift die

Initiative. Mit anderen Worten: Der BÜB signalisiert keine „voyeuristische

Neugier“. Wichtig sind inder Folge Fragen zu Unterschieden und Veränderungen

im Erleben seit dem Überfalltag. Vergleichsfragen regen den Betroffenen zum

Nachdenken darüber an, wodurch sich mögliche Unterschiede ergeben haben

(Stichwort: Bewältigungsverhalten). Mit anderen Worten: Was hat der Betroffene

aktiv getan, dass es ihm besser geht? Wie haben ihm eigene (schon in anderen

Kontexten erprobtes Bewältigungsverhalten) oder externe (soziales Netzwerk)

Ressourcen dabei geholfen? Wie erklärt er sich ggf., dass es ihm schlechter oder

noch immer schlecht geht?

� Im zweiten Teil geht es um das Erfragen der aktuellen Anliegen und Wünsche

des Betroffenen. Zum einen wird exploriert, was der Betroffene in der nächsten

Zeit in unterschiedlichen Kontexten (privat, dienstlich) tun möchte. Zum

anderen wird geklärt, ob der Betroffene überfallbezogene Probleme hat und

erörtern möchte. Grundsätzlich sollte darauf verweisen werden, dass Probleme

unmittelbar nach einem Überfall „normal“ sind, ohne sie jedoch zugleich damit

„abtun“ zu wollen. Sollte es zu Problemen gekommen sein, so ist es Aufgabe

des BÜB, diese zu strukturieren (d.h. „den roten Faden“ finden) und gemeinsam

mit dem Betroffenen Lösungsansätze zu explorieren. Aufgabe des BÜB ist es

nicht, die Probleme für den Betroffenen zu lösen, z.B. durch voreiliges Erteilen

von Ratschlägen. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Sollte der Betroffene eine

Missstimmung im Arbeitsteam wahrnehmen, so gilt es ihn zu fragen, wie er

denkt damit am besten umgehen zu können und daraus gemeinsam mit ihm

einen Plan für sein weiteres Handeln zu entwerfen (z.B. Gespräch mit Kollegen

suchen, erst einmal abwarten etc.).

� Der letzte Teil dient vor allem dem Zweck, eine kurze Zusammenfassung des

Gesprächs zu geben. Welche Probleme wurden thematisiert, wie sehen die

Lösungswege aus, die der Betroffene in der Folge gehen will? Auch wird an

dieser Stelle noch einmal auf die Aktualität des Ereignisses hingewiesen: Es

ist ganz normal, unmittelbar nach dem Überfall Probleme zu haben. Es wird

auf das folgende Nachgespräch verwiesen und telefonische Erreichbarkeit in

der Zwischenzeit signalisiert. Sollte das Gespräch persönliche Problem-


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 79

bereiche thematisiert haben, ist der Verweis auf Diskretion notwendig. Falls

der Betroffene sehr problembeladen wirkt, empfiehlt sich ein Verweis auf

psychotherapeutische Hilfsangebote.

Für die anschließenden Rollenspiele wird der Leitfaden als Orientierungspunkt

weiterhin auf die Wand projiziert. Er soll dabei nicht akribisch abgearbeitet

werden, sondern lediglich an wichtige Fragebereiche erinnern (vgl. auch Modul

5/1 ).

5. Das aktuelle Gespräch: Einübung in Rollenspielen

Setting des Rollenspiels

In dieser Praxisphase sollen erste aktuelle Gespräche geübt werden. Die am

Rollenspiel Beteiligten sollten beim Gespräch möglichst natürlich an einem Tisch

über Eck (90 Grad) sitzen. Dabei wird darauf geachtet, dass die Zuschauer die

Beteiligten gut sehen können, auch sollte der BÜB einen freien Blick auf die

projizierte ABC-Folie ( PPP M6/1-1) haben. Der BÜB kann das Rollenspiel dabei

jederzeit unterbrechen, um sich am Leitfaden zu orientieren.

Den das Rollenspiel beobachtenden TN werden auf einem Handzettel kleine

Beobachtungsaufgaben ausgehändigt, die kurz gemeinsam besprochen werden

( PPP M6/1-2).

Beobachtungsaufgaben für die Rollenspiele

� Gibt es Unterschiede zu anderen/ gewohnten Gesprächen?

� Welche Richtung hat das Gespräch (an welcher Stelle) genommen?

� Unterschiede zwischen Anfang, Verlauf und Abschluss?

� Welche Intervention (Gesprächselement, Idee, Haltung, Handlung)

hat wohin geführt?

� Was fand ich gelungen (hilfreich), was hätte ich (an welcher Stelle)

anders gemacht?

� Kann eine Veränderung – verbal, gefühlsmäßig, auf Verhaltensebene –

beim Betroffenen während des Gesprächs beobachtet werden?

� Gab es Bemerkenswertes im nonverbalen Verhalten?


80 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Anhand der dort gestellten Fragen sollen sich die TN nach Möglichkeit während

des Rollenspieles kurze Notizen machen. Erfahrungsgemäß nutzen nicht alle TN

diese Möglichkeit strukturierter Beobachtung, sondern beobachten frei, was aber

nicht weiter problematisch ist.

Nachdem sich die entsprechenden Freiwilligen für das Rollenspiel gefunden

haben, wird das Rollenspiel durchgeführt, wobei es jeweils mit der Begrüßung

und Vorstellung (explizit in der BÜB-Rolle) beginnt. Die SL greifen dabei

(konstruktiv) dann ein, wenn der BÜB ins Stocken gerät oder das Gespräch eine

ihrer Meinung nach völlig falsche Wendung nimmt, was jedoch äußerst selten

vorkommt.

Am Ende des Rollenspieles bleiben beide TN auf ihren „Rollenplätzen“. Die

Auswertung erfolgt in vier Schritten:

� Zunächst hat der Betroffene die Möglichkeit, seine Eindrücke zu

beschreiben, was durch die Frage der SL „Wie geht es Ihnen in der Rolle des

Betroffenen?“ eingeleitet und im Anschluss sparsam weiter moderiert wird.

� Danach erhält der BÜB das Wort, um seine Sicht zu schildern.

� Im Anschluss daran werden die beobachtenden TN eingeladen, ihre Anmerkungen

beizusteuern. In der Regel gibt es hier viel Lob und Anerkennung,

alternative Herangehensweisen werden freundlich thematisiert. Falls Kritik zu

harsch geäußert wird, ist es Aufgabe der SL, einzugreifen. Dies ist jedoch im

Laufe der bisherigen Schulungsaufgaben selten passiert.

� Zum Schluss äußern sich gegebenenfalls die SL über das jeweilige Rollenspiel,

sollten noch neue Punkte zu thematisieren sein.

Im Anschluss kehren die Rollenspieler wieder auf ihre regulären Plätze zurück.

Inhaltliche Gestaltung der Rollenspiele

Es empfiehlt sich, gleich mehrere (ca. drei) Rollenspiele hintereinander zu üben.

Dabei hat sich folgende Reihenfolge bewährt, die aber nicht verpflichtend ist:

� Erstes Rollenspiel: Es wird bewusst mit einer Konstellation begonnen, die

schon aus Modul 3/1 (Imaginationsübung zu einem fiktiven Tathergang)

bekannt ist. Als Zeitpunkt wird der Tag nach dem Überfall bestimmt. Es hat

sich immer wieder bewährt, zunächst die Rolle des Kassierers spielen zu

lassen, da dieser beim Tresoröffnen mit einer Waffe bedroht wurde, sich also

in einer hoch bedrohlichen Situation befand. Die SL geben allerdings als

Rahmen vor, dass sich der Kassierer am Tag des aktuellen Gesprächs wieder


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 81

einigermaßen stabil fühlt, um das Einstiegsrollenspiel nicht zu schwierig zu

gestalten. Zwar plagen ihn noch Schuldgefühle, weil er sich verantwortlich

für die Geldherausgabe fühlt, doch hat er ansonsten noch am Abend des

Überfalls in familiärem Rahmen über das Geschehen reden können, was ihn

erleichterte. Generell gesehen handelt es sich also in dieser Situation um

einen Betroffenen, der psychisch nicht zu sehr beeinträchtigt erscheint,

jedoch neben Angst in der Überfallsituation auch in der Folge Schuldgefühle

entwickelt hat, weil er meint, möglicherweise etwas „falsch“ gemacht zu

haben. Gerade letztere Reaktion dürfte bei Überfällen im Kontext der

Sparkasse häufiger vorkommen und sollte daher explizit thematisiert werden.

� Zweites Rollenspiel: Als zweite Rollenspielsituation wird gerne auf den

Geschäftsstellenleiter aus Modul 3/1 zurückgegriffen. Zum einen hat er

gesundheitliche Probleme, zum anderen wird an seinem Beispiel ein

Hierarchieproblem deutlich: Er hat sich – seiner Meinung nach, vielleicht

auch nach Meinung der Kollegen – nicht korrekt in seiner Rolle als „Chef“

verhalten.

� Drittes Rollenspiel: Die dritte Rollenspielsituation kann ebenfalls aus dem

vorgegebenen Material bestückt werden. Häufig jedoch haben die TN

Wünsche, eine ganz bestimmte Rolle zu spielen oder im Spiel zu sehen.

Solche Wünsche sollten aufgegriffen werden. Die SL haben lediglich darauf

zu achten, dass die Rolle nicht von vornherein zu schwierig konzipiert wird.

Einschätzung der Rollenspiele

Die TN machen durch die Übungen die Erfahrung, dass die BÜB-Aufgabe nicht so

schwierig ist wie erwartet und gehen in der Regel durchaus gestärkt daraus

hervor. Wichtig ist, dass die SL immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht

„die“ Gesprächstechnik gibt, sondern dass es in erster Linie um eine Gesprächshaltung

geht. Auch sollte das Gespräch bewusst „niedrig gehängt“ werden: Es

geht nicht um Therapie oder Heilung, sondern vielmehr um ein fürsorgliches

Zeichen aus dem System für das System!


82 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Aufgaben und Grenzen des BÜB (1):

Präsenzaufgaben/

Das aktuelle Gespräch

Ziele Dauer

1. Absprache der Aufgaben und Grenzen des BÜB

hinsichtlich der Präsenzaufgaben und des aktuellen

Gesprächs

2. Erarbeitung der Gesprächsstruktur („ABC-Schema“)

für das aktuelle Gespräch

3. Einübung in Rollenspielen




Materialien


ca. 1-1½ Stunden

für den SL für die TN sonstiges

PPP M6/1-1

PPP M6/1-1-FV

PPP M6/1-2

� Plenumsarbeit

� Rollenspiele


� Folien

� Folienstifte

� PPP M6/1-2

Techniken

Bemerkungen


Durchführungshinweise zu

Beamer/ OHP

� Flipchart

M6/1

Je nach der noch zur Verfügung stehenden Zeit, kann die Anzahl der Rollenspiele variiert

werden.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 83

Aufgaben und Grenzen der BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen der

Betreuungsaufgabe

Präsentation

PPP M7/1-1

Vorbemerkung

Die Themen des Moduls 7/1 konkretisieren

den „passenden“ Zuschnitt der Betreuungsaufgabe

und somit den optimalen Einsatz der

BÜB für die jeweilige Sparkasse. Wie bei jeder

neuen Aufgabe/ Gruppierung, die innerhalb

einer Institution mit bereits vielen anderen

Aufgabenstrukturen implementiert werden

soll, lohnt sich die strategische Planung der

Bekanntmachung sowie der Umsetzung dieser

Maßnahme für das „eigene Haus“. Gerade weil

ein Überfall zu den zum Glück immer noch seltenen Geschehen in der Institution

zählt, sollte die Aufgabe der BÜB und ihre Einsatzmöglichkeiten möglichst klar

vorgestellt werden. Es ist sehr konstruktiv, mit den TN den bisherigen

organisatorischen Ablauf nach einem Überfall zu rekapitulieren, die Einordnung

der BÜB darin zu konzipieren und die weiteren notwendigen Schritte der Sensibilisierung

für das Thema Überfall und Nachsorge zu erarbeiten.

Dieses Modul verdeutlicht, dass das BÜB-Konzept keine Hilfsmaßnahme „von

außen“ darstellt, sondern dass es die hausinternen Abläufe sinnvoll um den Faktor

der kollegialen Unterstützung ergänzt.

Think!

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

Bei der Bearbeitung von Modul 7/2 – insbesondere bei der Vorstellung der

Abläufe am Überfalltag und der Menschenmenge, die sich bereits üblicherweise

am Überfallort befindet – kann es bei den TN entweder zu dem Eindruck kommen,

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ...........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M7/1

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


84 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

dass sie nicht „auch noch“ zu zweit ausrücken oder andere Anwesende

„wegorganisiert“ werden sollten. Hier sei auf die Erfahrung der bereits praktizierenden

BÜB hingewiesen: Gerade weil so viele Personen auf „ihre“ Weise und

mit unterschiedlichen Funktionen vor Ort sind (u.a. Revision, Orga, Sicherheitsbeauftragte,

leitende Mitarbeiter, Vorstand, Personalrat, Polizei, Spurensicherung,

Notdienste) macht es Sinn, dass die BÜB Präsenz zeigen und individuelle

Unterstützungsaufgaben am Überfalltag für die betroffenen Kollegen/

Kolleginnen wahrnehmen. Die BÜB berichten bspw. im Erfahrungsaustausch,

dass die anderen Mitarbeiter-/Berufsgruppen vor Ort inzwischen erleichtert auf

das Kommen der BÜB reagieren. Bei „den Leuten“ der Revision entstehe bspw.

nicht (mehr) der Handlungskonflikt (wie er zuvor häufig bestand), ob es in

Ordnung sei, der sachlichen Seite der Kassenaufnahme nachkommen zu „dürfen“

oder mehr Unterstützung der Betroffenen und Berücksichtigung ihrer aktuellen

Bedürfnisse bei ihrem Erscheinen Vorrang habe. Wenn die Polizei von dem

Konzept erfahre, sei das gesamte Klima bei den Zeugenaussagen oftmals

ausgeglichener.

Tab. 7: Gliederung des Moduls: Aufgaben und Grenzen der BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen der Betreuungsaufgabe (M7/1)

Fragen an die TN:

� „Wie verlaufen die bisherigen Informationswege und organisatorischen

Abläufe nach einem Überfall?“

� „ Wie sollen die BÜB in den Informationsweg der Sparkasse nach

einem Überfall eingebunden werden?“

1. Beispiel für die Einbindung der BÜB in den Informationsweg der

Sparkasse nach einem Überfall

2. Erreichbarkeit/Einsatzbereitschaft/„Grenzen“

3. Notwendige Wege/Schritte der Bekanntmachung und des

reibungslosen Einsatzes

4. Notwendige Kompetenzen der BÜB

5. Absprache über die Verteilung der anstehenden/beschlossenen

Institutionalisierungsaufgaben unter den TN


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 85

Durchführung

Wie in der Einführung beschrieben, geht es also darum, im nächsten Schritt mit

den TN konkret zu überlegen und Ideen zu sammeln, wie die BÜB in die

bestehenden organisatorischen Abläufe nach einem Überfall vor Ort integriert

werden können.

Vorab muss noch einmal deutlich werden, wer bislang von einem aktuellen

Überfall durch wen benachrichtigt wird. Die BÜB sollten am besten in die direkte

Informationskette integriert sein, um sich so schnell wie möglich abstimmen und

losfahren zu können. Der SL hat sich auf die folgende Interaktion mit den TN

vorbereitet, indem er sich über die bisherigen Informationswege nach einem

Überfall nochmals informiert, bzw. sein Wissen darüber aktualisiert hat.

Zunächst stellt er eine offene Frage nach dem bestehenden Vorwissen der

Teilnehmer, bspw.:

� „Wie verlaufen die bisherigen Informationswege und organisatorischen

Abläufe nach einem Überfall?“

Daraufhin erläutert er die bestehenden hausinternen Abläufe an der von ihm

vorbereiteten Flip-Chart-Seite zu der entsprechenden Frage und bittet die

Teilnehmer, dies mitzuschreiben. Im Folgenden sei beispielhaft der

Informationsweg beschrieben, der sich bei vielen Instituten ähnlich gestaltet, und

wie er auf dem Flip-Chart (keine Präsentation) dargestellt sein könnte:

1. Überfallene Kollegen lösen (zumeist direkt nach dem Geschehen) Alarm in

der Geschäftsstelle aus (bzw. melden sich telefonisch bei der Zentrale).

2. Alarm geht bspw. gleichzeitig bei der Polizeidienststelle und/ oder einer

Sicherheitsfirma und bei der Zentrale der Sparkassen-Hauptstelle ein.

3. Die Nachricht gelangt zuerst in die Telefonzentrale und/ oder in das

Vorstandssekretariat/ die Personalabteilung und wird von dort aus zumeist

an folgende Stellen gemäß eines Alarmplans weitergeleitet:

4. Weiterleitung der Überfallnachricht an (Reihenfolge besagt nichts), z.B.:

� Regional-/Filialleitung (abhängig von der Größe der Institution und nach

Zugehörigkeit der betroffenen Dienststelle)

� Organisationsabteilung, so diese mit den Sicherheitsaufgaben betraut

ist, bspw. die Kameraaufnahmen vor Ort auszuwerten

� Revision (Kassenaufnahme)


86 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Personalabteilung

� Personalrat

� Sicherheitsbeauftragten/Fachkraft für Arbeitssicherheit

� BÜB?

Es werden also recht zeitnah viele Funktionsbereiche der Sparkasse verständigt.

Zumeist telefoniert eine Person (Vorstandssekretariat/Personalabteilung oder

Zentrale/ Vermittlung) die entsprechenden Stellen an; dazu sollten in direkter Linie

auch die BÜB zählen.

Der SL stellt somit nun die Frage:

� „ Wie sollen die BÜB in den Informationsweg der Sparkasse nach einem

Überfall eingebunden werden?“

und sammelt dazu wieder stichwortartig Ideen am Flip-Chart.

Hier sei wieder beispielhaft erläutert, wie das Einbinden der BÜB in die

bestehenden Abläufe erfolgreich aussehen kann. Der SL sollte allerdings, passend

zu den hausinternen Abläufen, gemeinsam mit den Teilnehmern überlegen, wie

der geeignete Informationsweg für die BÜB aussehen könnte. Die nachfolgenden

Beispielpunkte stehen wiederum als Präsentation ( PPP M7/1-1) zur Verfügung.

1. Beispiel für die Einbindung der BÜB in den Informationsweg der

Sparkasse nach einem Überfall

� Die BÜB werden in den Alarmplan (Ablaufplan nach Überfällen) als

Funktion aufgenommen.

• Die BÜB sind ebenso als Gruppe mit den einzelnen Betreuungspersonen

im Telefonverzeichnis vermerkt.

Also: Zunächst wird der BÜB zumeist als Funktion in den Alarmplan

(Sicherheitsablaufplan) mit aufgenommen, um offiziell dort präsent zu sein. Die

Namen und dienstlichen Telefonnummern der einzelnen BÜB liegen dort und auch

im Telefonbuch der Sparkasse (Handbuch oder PC/Intranet) vor. Wenn die

Sparkasse über ein großes und verzweigtes Geschäftsstellennetz verfügt, sind

zumeist zwei der BÜB aus logistischen Gründen (rasche Erreichbarkeit) für eine

Region zuständig und deshalb auch im entsprechenden Verzeichnis nach der

Zugehörigkeit zu einer Region aufgeführt.


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 87

� Die BÜB werden zentral bei Einlaufen der Überfallmeldung von der

Telefonzentrale der Hauptstelle oder dem Vorstandssekretariat/der

Personalabteilung gemeinsam mit den anderen Funktionen verständigt:

• Die vorliegende Liste der BÜB im Alarmplan (oder aus dem

Telefonverzeichnis) wird so lange abtelefoniert, bis zwei Betreuungspersonen

erreicht sind.

� Bei Aufteilung nach Regional-/Zuständigkeitsbereichen wird mit der

Verständigung der dafür eingeteilten BÜB begonnen.

2. Erreichbarkeit/Einsatzbereitschaft/„Grenzen“

� Die BÜB sind grundsätzlich während der Dienstzeit erreichbar (bei

gleitenden Arbeitszeiten z.B. zwischen 7:30 und 18:30 Uhr)

� Die Betreuungsaufgabe ist kein Bereitschaftsnotdienst; es sollte allerdings

möglich sein, dass auch noch bis 18:30 Uhr von den erreichten BÜB eine

Entscheidung über einen Einsatz bei einem späten Überfall getroffen

werden kann.

� Bei solchen Späteinsätzen überwiegen die Präsenzaufgaben, die von

den BÜB geleistet werden, die zu später Uhrzeit noch dienstlich

erreichbar sind.

� Entscheidender ist in solchen Fällen die Vorbereitung des Einsatzes

am Folgetag. Um dies am Überfallabend gut vorzubereiten, ist es

hilfreich, wenn die BÜB untereinander die privaten Telefonnummern

austauschen.

� Im Falle einer Geiselnahme verfügen inzwischen fast alle

Polizeieinsätze über begleitende professionelle Polizei-Psychologen.

Die BÜB erfüllen nach dem Geschehen parallel dieselben Aufgaben

wie sonst auch und bieten in jedem Falle professionelle

Unterstützung an.

3. Notwendige Wege/Schritte der Bekanntmachung und des

reibungslosen Einsatzes

Hier arbeitet der SL wieder interaktiv mit den TN zusammen. Es geht darum,

Beiträge am Flip-Chart stichwortartig zu sammeln, die Ideen sowohl zur Akzeptanz


88 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

als auch zur Verbreitung der Maßnahme in der Institution sowie zum

reibungslosen Einsatz der BÜB zu bündeln. Die Präsentation wird somit auch als

eine Art beispielhafte Zusammenfassung bzw. Ergänzung erst nach der Flip-Chart-

Sammlung der TN präsentiert. Sie enthält die bislang häufig genannten und

wichtigsten Schritte, z.B.:

� Vorstandsvorlage zum BÜB-Konzept mit dem Ziel entsprechender

Akzeptanz

Es ist ausgesprochen bedeutsam, den Vorstand von der Wichtigkeit und den

Vorteilen der Maßnahme sowohl für die einzelnen betroffenen Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter als für auch für die betroffene Institution zu überzeugen. Zur

Erstellung eines eigenen Kurz-Textes über die Maßnahme kann die beim GUVV

Westf.-Lippe erschienene Broschüre (Ribbert, Josephs & Hungerige, 2002) oder

der Einführungsteil dieses Lehrkonzeptes herangezogen werden. Weitere Ideen

zur Bekanntmachung sind bspw.:

� Rundschreiben

� Vorstellung des BÜB-Konzepts bei Regional-/Filialleitertreffen von einer

ausgewählten Betreuungsperson

� Vorstellungspunkt bei Personalversammlungen

� Besuch mit Hinweis auf die Maßnahme bei den Geschäftsstellen/Filialen

durch die (jeweils zuständigen) BÜB

� Eintrag im Alarmplan/bei den Sicherheitsbelehrungen/im

Sicherheitshandbuch

� Telefoneintrag der BÜB z.B. als Rubrik „Betreuung nach Überfällen“ mit

dienstlichen Telefonnummern (Handbuch oder PC-Einträge)

� Eintrag im Intranet unter entsprechender Rubrik mit der Kennzeichnung

„BÜB“ (z.B. unter „Notsituationen“/„Mitarbeiterbetreuung“)

� Bericht über Gründung/Schulung des BÜB-Teams (z.B. auch mit Bild der

Gruppe) in der Mitarbeiterzeitung

4. Notwendige Kompetenzen der BÜB

� Sofortige Freistellung von den aktuellen Aufgaben für die BÜB sowie

eigenen Planungszeitraum für die Gespräche in der Nachsorge: Deshalb

muss auf Leitungsebene klar sein, dass der BÜB-Einsatz Priorität hat!


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 89

� Wenn keine Fahrzeuge zur Verfügung stehen, ist die Benutzung von Taxen

(Quittung) selbstverständlich.

� Einlass-Pflicht gegenüber den BÜB, wenn die überfallene Geschäftsstelle/

Filiale bei Ankunft bereits verschlossen wurde.

• Bei großen Sparkassen und geringerem Bekanntheitsgrad der Mitarbeiter

untereinander haben BÜB eine Art Ausweis oder Kurzschreiben entwickelt,

das – ähnlich wie ein Presse- oder Arztausweis – die BÜB-Rolle ausweist

(das dienstliche Namensschild kann auch schon ausreichen).

� Wenn nicht sowieso feststeht, dass die Geschäftsstelle nach einem

Überfall geschlossen bleibt, sollen die BÜB zur Entscheidung über eine

Schließung hinzugezogen werden.

Manche Institute ermöglichen auch die

� Entscheidung des BÜB über aktuelle Arbeitsfreistellung in Absprache mit

den Betroffenen und bei Rückmeldung an einen Personalreferenten

5. Absprache über die Verteilung der anstehenden/beschlossenen

Institutionalisierungsaufgaben unter den TN

Zum Abschluss dieser oft sehr konstruktiven Phase der Konsolidierungsideen zur

Betreuungsaufgabe ist es sinnvoll, wenn der SL mit den TN festlegt, wer sich

wann bereit findet, welche der Aufgaben zur Institutionalisierung zu übernehmen,

bspw. für die Anfertigung der Schreiben, das Besuchen von Sitzungen, das

Ansprechen von Kollegen, die am Alarmplan beteiligt sind und bzgl. der

Umsetzung der bisherigen Ideen zur Information über die Betreuungsmaßnahme.

Außerdem sollte der SL als Institutionalisierungsidee mit den TN noch folgendes

diskutieren:

� Viele Sparkassen beginnen auch über die systemische Wirkung eines

Überfallgeschehens auf die nicht überfallenen Kollegen und Kolleginnen

nachzudenken. Da Informationsweitergabe für die Mitglieder einer Institution

auch fürsorgliches Interesse aneinander signalisieren kann, informieren manche

Sparkassen ihre Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen über E-Mail (Intranet der

Sparkasse), dass ein Überfall stattgefunden hat und von Anrufen dorthin

zunächst aus Rücksicht abgesehen werden sollte. So in aller Kürze informiert zu

werden, ist sicherlich besser als von einem Überfall auf die „eigene“ Sparkasse

erst durch einen Regionalsender oder eine Nachbarin zu erfahren.


90 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Aufgaben und Grenzen des BÜB (2):

Institutionalisierungsbedingungen

der Betreuungsaufgabe

Ziele Dauer

1. Einbindung der BÜB-Aufgabe in den bestehenden

organisatorischen Ablauf nach einem Überfall

(hinsichtlich Informationsweg, Erreichbarkeit, Einsatzbereitschaft,

Kompetenzen u.Ä.)

2. Absprachen zur Bekanntmachung des BÜB-Teams

und Möglichkeiten der Sensibilisierung für das Thema

3. Absprache über die Verteilung der anstehenden

Aufgaben unter den TN

Materialien


ca. 45 Min.

für den SL für die TN sonstiges

� PPP M7/1-1 � keine �

� Plenumsarbeit

� Diskussion


Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

Beamer/ OHP

� Flipchart

M7/1

Dieses Modul sollte stets nach der ersten inhaltlichen Vermittlung der Betreuungsaufgaben,

aber nicht ganz am Ende der Schulung bearbeitet werden, da es die TN motiviert, sich

Aufgaben und Abläufe deutlicher vorzustellen und sich zunehmend als BÜB-Team wahrzunehmen.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 91

Aufgaben und Grenzen des BÜB (2):

Kommunikationsregeln im Umgang mit

schwierigen Konstellationen bei

unterschiedlicher Betroffenheit

Stichwort „Psychohygiene“:

Selbstunterstützung und der Umgang mit der

eigenen Betroffenheit

Präsentationen

PPP M8/2-1 PPP M8/2-2

Vorbemerkung

Modul 8/2 ist als Fortsetzung und Vertiefung

von Modul M5/1 konzipiert. Dort sollten

grundlegende Merkmale einer allgemeinen Gesprächshaltung

vermittelt und die Bedeutung

und Funktion unterschiedlicher Frageformen

veranschaulicht werden. Modul 8/2 knüpft

inhaltlich daran an, indem Hinweise für den

Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen

gegeben werden. Dies können z.B.

Situationen sein, in denen der Gesprächs-

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

partner sehr viel oder fast gar nichts sagt oder aber sehr stark emotional reagiert.

Die Art und Weise, in der der Betroffene während des Gesprächs auf die Fragen

des BÜB reagiert, beeinflusst natürlich wiederum die Reaktionen des BÜB. Etwas

griffiger ausgedrückt: Der BÜB kann von der (unterschiedlichen) Betroffenheit des

Betroffenen (unterschiedlich) betroffen sein. Er kann z.B. erleichtert sein, wenn

deutlich wird, dass der Betroffene das Überfallgeschehen ohne weitere Probleme

gut überstanden hat. Oder er kann besorgt reagieren, wenn er den Eindruck hat,

mit seinem Gesprächspartner nicht richtig „in Kontakt“ zu kommen oder ein eher

schleppendes Gespräch zu führen. Er kann verärgert sein, wenn der

Gesprächspartner z.B. die Gelegenheit nutzt, um über andere Kollegen oder

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M8/2

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


92 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Kolleginnen zu schimpfen. Und er kann schließlich auch selbst im eigentlichen

Wortsinn „betroffen“ reagieren, wenn der Gesprächspartner z.B. hoch

emotionalisiert ist, weint oder Schlimmes berichtet. Der Umgang mit dieser

eigenen Betroffenheit wird in der Psychologie unter dem Stichwort „Psychohygiene“

thematisiert.

Modul 8/2 beschäftigt sich also mit den folgenden zwei Fragen:

1. Wie kann der BÜB mit schwierigen Gesprächssituationen und -konstellationen

bei unterschiedlicher Betroffenheit der Gesprächspartner umgehen?

2. Wie kann der BÜB mit seiner eigenen Betroffenheit in und nach einem

Gespräch umgehen?

Dementsprechend verfolgt dieses Modul zwei Ziele:

� Zum einen sollen eben solche Kommunikationsregeln und -strategien

vorgestellt und erarbeitet werden, die hilfreich sind, um mit schwierigen

Gesprächssituationen umgehen zu können. Dies geschieht insbesondere mit

Blick auf die Besonderheiten, die sich durch die unterschiedlich ausgeprägte

Betroffenheit der Gesprächspartner ergeben können.

� Zum anderen sollen unter dem Stichwort „Psychohygiene“ Strategien zur

Selbstunterstützung und für den Umgang mit der eigenen Betroffenheit

gesammelt, besprochen und reflektiert werden.

Wie bereits in der Vorbemerkung zu Modul 5/1 bemerkt, dient auch dieses Modul

als Zusammenfassung und Ergänzung des jeweiligen Diskussionsstandes der

Gruppe. Sofern also im bisherigen Schulungsverlauf Fragen bezüglich schwieriger

Gesprächssituationen oder der eigenen Betroffenheit aufgeworfen wurden, ist es

günstiger, auf diese zunächst unmittelbar (aber nicht zu ausführlich) einzugehen

und sie dann im Rahmen dieses Moduls erneut aufzugreifen.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 93

Gesprächsmanagement (2):

Kommunikationsregeln im Umgang mit schwierigen

Konstellationen bei unterschiedlicher Betroffenheit

Think!

Es wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass Betroffene sehr

unterschiedlich auf das Überfallgeschehen reagieren können – und zwar sowohl

während des Überfalls als auch danach. Wie ein Einzelner reagiert, ist nur schwer

oder gar nicht vorherzusagen: Oft ist noch nicht einmal für den Betroffenen

absehbar, wie er reagieren wird, geschweige denn für den BÜB. Wie bereits in

Modul 5/1 (im Zusammenhang mit der Diskussion um „leichte“ vs. „schwere“

Überfälle) angesprochen, ist auch ein späteres Gesprächsanliegen des Betroffenen

oft nicht aus der aktuellen Situation ableitbar: Sowohl Betroffener als auch BÜB

können und dürfen in diesem Sinn „überrascht“ werden.

Schwierige Gesprächssituationen können sich daraus ergeben, dass sich der

Betroffene anders verhält als es vom BÜB erwartet wird. Diese nicht erfüllten

Erwartungen können dann auf Seiten des BÜB zu Erstaunen, Überraschung oder

auch Irritationen führen. Das ist es jedoch nicht , was eine Gesprächssituation

schwierig macht! (Im Gegenteil: Es wäre fatal und unrealistisch, anzunehmen,

dass sich solche Überraschungen im Gespräch vermeiden ließen!) Problematisch

wird es erst dann, wenn der BÜB nicht weiß, wie er mit der ungewöhnlichen

Äußerung seines Gesprächspartners umgehen soll. Der BÜB sollte weder ratlos in

Passivität versinken noch vorschnell aktiv werden, indem er z.B. mehrere

Lösungsvorschläge anbietet. Wie lässt sich dies aber erreichen?

Die beste Möglichkeit ist, verschiedene mögliche Gesprächsverläufe zu sammeln,

hilfreiche Umgangsweisen und Strategien zu entwickeln und diese dann im

Rollenspiel einzuüben. Dieses prophylaktische Vorgehen schützt nicht vor

Überraschungen – es erleichtert aber den Umgang damit. Die Bereitschaft und

Kompetenz, auf schwierige Gesprächssituationen angemessen reagieren zu

können, ist daher ebenfalls ein Aspekt der im Rahmen von Modul 5/1 bereits

diskutierten allgemeinen Gesprächshaltung: Hier wie dort bedeutet das „Verinnerlichen“

oder „Sich-Aneignen“ dieser Haltung, dass in spezifischen Gesprächssituationen

eher das eine als das andere Verhalten gezeigt wird, dass also z.B.

eher Fragen gestellt als Lösungen präsentiert werden oder auf schwierige


94 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Gesprächssituationen eher angemessen und kompetent als irritiert und ratlos

reagiert wird.

Die für dieses Modul zur Verfügung stehende PowerPoint-Präsentation ( PPP M8/2-1)

bietet eine Auswahl typischer Gesprächskonstellationen, die oft als schwierig oder

problematisch erlebt werden, sowie Hinweise für einen angemessenen Umgang damit.

Sie werden ebenfalls in Form eines Kurzvortrags vorgestellt, wobei zusätzliche oder

alternative Umgangsweisen im Plenum gesammelt und diskutiert werden können.

Der Schwerpunkt dieses Moduls liegt auf der prophylaktischen Reflexion schwieriger

Gesprächssituationen. Das aktive Einüben der verschiedenen Umgangsweisen kann in

die Rollenspiele zum Nachgespräch (vgl. Modul 10/2) integriert werden. (Es ist

allerdings unbedingt darauf zu achten, dass beim Üben des Nachgesprächs nicht

ausschließlich als schwierig vorgestellte Gesprächssituationen gespielt werden!)

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation ( PPP M8/2-1)

Exemplarisch wird im Folgenden auf diese, häufiger auftretenden Gesprächssituationen

eingegangen:

Wenn Ihr Gesprächspartner …

� einen emotional aufgelösten Eindruck macht (z.B. von Anfang an weint,

klagt oder schluchzt) ...

� sehr viel klagt und von Unmengen von Problemen und Schwierigkeiten

berichtet ...

� starke Stimmungsschwankungen hat oder eine Stimmungslage

ungewöhnlich ausgeprägt zu sein scheint …

� ziemlich unsicher, unentschlossen, zögerlich wirkt und nicht viel redet …

� alles „besser weiß“ und Ihnen gerne „wahre Infos“ über den Verlauf

geben möchte …

Wenn Ihr Gesprächspartner einen emotional aufgelösten Eindruck macht (z.B.

von Anfang an weint, klagt oder schluchzt) ...

� Trösten Sie nicht „ungefragt“ oder „übertrieben“ – fragen Sie besser nach!


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 95

Ist der Gesprächspartner offensichtlich in Gefühle verstrickt oder zeigt starke

Gefühlsausbrüche, ist es oft nicht hilfreich, vorschnell oder in besonderer Weise

trösten zu wollen. Bricht z.B. jemand schon zu Beginn des Gesprächs in Tränen aus,

ist einerseits für den BÜB meist noch völlig unklar, warum genau der Betroffene

weint. Vorschnell trösten zu wollen wirkt daher zumeist unangemessen. Andererseits

ist ein zu schnell ausgesprochener Trost oft nicht wirklich tröstend. Günstiger ist es,

zunächst aufrichtiges Interesse zu zeigen und behutsam aber gezielt nachzufragen,

was genau den Betroffenen zum Weinen gebracht hat. Zum einen kann der BÜB

dadurch für sich klären, was den Gefühlsausbruch eigentlich ausgelöst hat und sich

somit ein besseres Bild über die Gefühle und Gedanken seines Gesprächspartners

machen. Zum anderen wirkt nichts tröstender, als zu erleben, dass sich jemand

aufrichtig interessiert und Anteil nimmt. Der entscheidende Punkt ist also, wie

getröstet wird. Und Interesse zu zeigen ist oft der beste Trost!

� Erfragen Sie aktuelle Gedanken und momentane Bilder!

Heftige emotionale Reaktionen treten im Gespräch nicht ohne Grund auf. In der

Regel sind es bestimmte Gedanken ( Ich habe mich so hilflos gefühlt!) oder

„innere Bilder“ (also Erinnerungen oder Vorstellungen), die solche Reaktionen

hervorrufen. Dies kann einige Zeit brauchen, kann aber auch sehr schnell, fast

„automatisch“, geschehen. In jedem Fall ist es günstig, diese Bilder und Gedanken

im Gespräch zu erfragen, und zwar aus mehreren Gründen: Wie bereits erwähnt,

kann das gezielte Nachfragen dem BÜB dabei helfen, die momentane Gefühls- und

Gedankenwelt seines Gegenübers besser zu verstehen und gleichzeitig Trost für

den Betroffenen sein. Darüber hinaus hilft das Erfragen dem Betroffenen dabei,

sich über den Zusammenhang zwischen seinen Gedanken und seinem aktuellen

Befinden bewusst zu werden und ermöglicht ihm, in einem gewissen Sinn zu sich

selbst auf Distanz zu gehen: Der Betroffene erlebt sich nicht mehr einfach (nur)

als Weinender oder Verzweifelter, sondern betrachtet sich (auch) als jemand, dem

zuerst bestimmte Gedanken und Bilder durch den Kopf schießen und der dann

weint oder verzweifelt ist. Diese neue Perspektive hilft also auf lange Sicht dabei,

die eigenen Gefühle wieder besser kontrollieren zu können: Wenn ich nicht mehr

von meinen Gefühlen überflutet werde, sondern beobachten kann, wie sie

entstehen, dann habe ich vielleicht auch die Möglichkeit, sie zu beeinflussen.

� Versuchen Sie nicht, die Gefühle Ihres Gesprächspartners „wegmachen“ zu

wollen!


96 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Das soeben diskutierte Erfragen aktueller Gedanken und momentaner Bilder ist

lediglich ein Versuch, Änderungen anzuregen und damit Hilfe zur Selbsthilfe ;

keinesfalls hat es zum Ziel, aktuelle Gefühle des Betroffenen „wegmachen“ zu

wollen (vgl. Modul 5/1)! Sicherlich ist es auf längere Sicht ein wichtiges Ziel, eine

gewisse emotionale Stabilität zu erlangen (entweder aus eigener Kraft oder auch

gegebenenfalls mit psychotherapeutischer Unterstützung). Dennoch ist in der

aktuellen Gesprächssituation ein heftiger Gefühlsausbruch oft ein durchaus

angemessener Ausdruck für das Erlebte (und glücklicherweise auch

Überstandene) und muss nicht sofort „beseitigt“ werden. Vielmehr geht es in

erster Linie darum, die Gefühlsäußerungen des Gesprächspartners zu akzeptieren

und durch Fragen (s.o.) eine interessierte Anteilnahme zu zeigen.

� Lassen Sie sich nicht von Gefühlsausbrüchen mitreißen!

Starke Gefühle wirken oft ansteckend. Zeigt ein Betroffener großen Ärger, starke Wut

oder tiefe Trauer, besteht die Möglichkeit, dass sich der BÜB mitreißen lässt und

ebenfalls ärgerlich, wütend oder traurig wird. Prinzipiell ist dies nicht weiter schlimm:

Mitempfinden zu können ist etwas zutiefst Menschliches. Problematisch kann es aus

zwei Gründen werden: Erstens kann der BÜB so sehr emotional beteiligt sein, dass er

die Aufgabe vergisst, die er in diesem Gespräch hat: Für den vom Überfall

Betroffenen da zu sein und ihn (soweit möglich und nötig) zu unterstützen. Und

zweitens kann sich der BÜB in einem Ausmaß emotional engagieren, dass sein

eigenes Befinden deutlich darunter leidet. Damit ist aber niemandem gedient. Um es

ganz deutlich zu sagen: Mit-Empfinden bedeutet nicht Mit-Leiden, und schon gar

nicht, genau so zu leiden wie der Betroffene! Es ist daher – bei allem Respekt vor und

Verständnis für die emotionale Betroffenheit des Gesprächspartners – für den BÜB

wichtig, eine zugleich zugewandte, aber auch distanzierte Gesprächshaltung

einzunehmen und nicht in das „Stimmungsboot“ des Betroffenen zu steigen (vgl.

dazu auch die Hinweise zum Stichwort „Psychohygiene“). Diese innere Distanz ist

nicht immer leicht aufrecht zu erhalten, und es ist auch kein irreparables

Missgeschick, wenn der BÜB in dem einen oder anderen Gespräch tatsächlich so

ergriffen wird, dass er auch weinen muss. Dennoch sollte dies aus den oben

genannten Gründen eher die Ausnahme bleiben.

� Achten Sie auf nonverbales Verhalten: Schauen Sie hin und nicht weg!

Vgl. hierzu die Hinweise zum nonverbalen Verhalten in Modul 5/1 .


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 97

� Sind tröstende, körperliche Berührungen erlaubt?

Tröstende, körperliche Berührungen sind wegen der dabei auftretenden Vermischung

verschiedener Rollen (Kollege, BÜB, Bekannter, Freund etc.) grundsätzlich nicht

erlaubt. Es gibt aber vereinzelte Ausnahmen: So kann das Legen der Hand auf den

Unterarm bei starker emotionaler Belastung oder Verwirrung durchaus die Funktion

haben, den Betroffenen zu „erden“ und zu orientieren. Es ist darauf zu achten, dass

diese Form der Berührung vorher sprachlich angekündigt wird, damit sie vom

Betroffenen nicht als Übergriff erlebt wird!

Wenn Ihr Gesprächspartner sehr viel klagt und von Unmengen von Problemen

und Schwierigkeiten berichtet ...

� Lassen Sie sich von der Schilderung vieler oder komplexer Probleme nicht

„hypnotisieren“!

Gerade hoch emotionalisierte Personen neigen manchmal dazu, Probleme und

Schwierigkeiten in einer Fülle und Komplexität zu berichten, dass der noch

ungeübte BÜB nur sprachlos und mit offenem Mund in Ratlosigkeit verfallen kann:

Er ist wie „hypnotisiert“ und nicht mehr aktiv an der Gesprächsführung beteiligt.

Es geht also darum, diese aktive Rolle im Gespräch wiederzuerlangen (bzw. sie

sich erst gar nicht nehmen zu lassen). Dabei sind folgende Hinweise hilfreich:

� Denken Sie daran, dass Sie die geschilderten Probleme nicht lösen müssen!

Auf diesen Aspekt wurde bereits mehrfach eingegangen (vgl. Modul 5/1). In

diesem Zusammenhang sei nur darauf hingewiesen, dass die Schilderung sehr

vieler oder komplexer Probleme natürlich in besonderer Weise dazu führen kann,

dass sich der BÜB unter Druck gesetzt fühlt, irgendetwas tun zu müssen, um die

Probleme in den Griff zu bekommen. Selbstverständlich muss er das nicht – bei

einem Problem ebenso wenig wie bei 50 Problemen.

� Behalten Sie den Überblick: Sammeln, sortieren und ordnen Sie die

Probleme so weit wie möglich!

Sofern es dem BÜB gelingt, sich nicht für die Lösung aller Probleme verantwortlich

zu fühlen, verfügt er auch über die nötigen Kapazitäten, die vorgetragenen Probleme


98 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

zunächst lediglich zu sammeln, um sich einen Überblick über die akuten Belastungen

des Betroffenen zu verschaffen. In einem zweiten Schritt ist es oft sinnvoll, die

berichteten Probleme zu sortieren , z.B. danach, inwieweit sie unmittelbar mit dem

Überfallgeschehen und seinen Folgen in Verbindung stehen oder nur indirekt oder

gar nichts damit zu tun haben (vgl. den Hinweis: Bleiben Sie im Gespräch konkret,

begrenzt und aktuell! in Modul 5/1). In einem dritten Schritt können die mit dem

Überfall in Zusammenhang stehenden Probleme hinsichtlich ihrer subjektiven

Bedeutung für den Betroffenen geordnet werden. Sofern der Betroffene sich nicht in

der Lage fühlt, seine Probleme selbst in eine Rangreihe zu bringen, können auch hier

gezielte Fragen gesprächssteuernd eingesetzt werden, z.B.:

� Wenn Sie sich in diesem Moment eines dieser drei Probleme einfach

wegwünschen könnten – welches wäre das?

� Angenommen, Sie würden eines dieser Probleme nie loswerden

können. Welches würden Sie wählen?

Fragen dieser Art ermöglichen es, die Probleme zu identifizieren, die die größte

und die geringste Belastung mit sich bringen. Die übrigen Probleme können dann

zwischen diesen beiden Extremen eingeordnet werden.

� Bestätigen Sie Ihrem Gesprächspartner allgemein, wie sehr belastet er in

diesem Moment wirkt!

Für jeden Menschen, der sich akut belastet fühlt, ist es wichtig, dass der Andere auch

tatsächlich versteht und begreift, wie sehr er belastet ist. Dies ist oft der Grund dafür,

warum auch in alltäglichen Gesprächen so ausführlich, häufig und gern von

Problemen berichtet wird, die dann zumeist mit vielen Einzelepisoden und Anekdoten

verdeutlicht werden. „Problemtalk“ und „Anekdoteninflation“ sind also Strategien,

um dem Anderen verständlich zu machen, wie sehr man sich belastet fühlt: Sie sind

gewissermaßen Waffen im „Kampf um das Ohr des Nächsten“ (Milan Kundera). Es

ist also günstig, einer Person, die übermäßig klagt und von zahlreichen

Schwierigkeiten berichtet, das zu geben, was sie offensichtlich im Moment am

dringendsten benötigt: Ein eindeutiges Signal, dass man auch wirklich verstanden

hat! Dies kann mit einfachen Sätzen geschehen, z.B.:

� Wenn ich Ihnen so zu höre, habe ich den Eindruck, dass Sie im Moment

wirklich außerordentlich viel um die Ohren haben, und ich finde es

bewundernswert, dass Sie es trotzdem schaffen, weiter arbeiten zu

gehen und sich außerdem auch noch um die Familie zu kümmern!


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 99

Sätze dieser Art machen nicht nur deutlich, dass man wirklich begriffen hat, wie

schwierig die Situation im Moment ist, sondern bringen auch Anerkennung und

Wertschätzung dafür zum Ausdruck, dass der Betroffene trotz aller

Schwierigkeiten viele Lebensbereiche erfolgreich bewältigt (vgl. dazu auch die

Veränderungs- und Unterschiedsfragen in Modul 5/1). (Außerdem ist es günstig,

solche bestätigenden Aussagen durch Formulierungen wie im Moment, derzeit

oder jetzt zu relativieren und auf die gegenwärtige Situation zu beschränken:

Dadurch wird angedeutet, dass die Situation zwar im Moment schwierig ist, aber

bald besser werden kann.) Oft reichen solche einfachen Feststellungen aus, um

das Klagebedürfnis des Betroffenen deutlich zu verringern.

� Scheuen Sie sich nicht, höflich zu unterbrechen und strukturierend in das

Gespräch einzugreifen!

Teilweise kann es auch nötig sein, den Erzählfluss des Betroffenen höflich zu

unterbrechen und strukturierend in das Gespräch einzugreifen. Hierzu empfiehlt

es sich, bei der ersten Unterbrechung darauf hinzuweisen, dass man im folgenden

Gespräch von Zeit zu Zeit „einhaken“ wird, um das Berichtete besser zu verstehen.

Wenn Ihr Gesprächspartner starke Stimmungsschwankungen hat oder eine

Stimmungslage ungewöhnlich ausgeprägt zu sein scheint …

� Versuchen Sie, das Körper- und Ich-Gefühl beim Betroffenen

wiederherzustellen!

Das kann z.B., wie oben beschrieben, (nach vorheriger Ankündigung oder

Absprache) dadurch geschehen, dass der BÜB die Hand auf den Unterarm des

Betroffenen legt.

� Reden Sie „fest“ und „streng“, leisten Sie keine Überzeugungsarbeit!

Wie bereits erwähnt, ist es notwendig, weder in das „Stimmungsboot“ des

Betroffenen zu steigen, noch sich von den beobachteten Gefühlen „mitreißen“ zu

lassen. Ein „fester“ und „sachlicher“ Ton (der nicht unempathisch sein muss)

kann dabei hilfreich sein und unterstützt den Betroffenen zudem, sich zu „erden“.

Ebenfalls sollte nicht versucht werden, den Betroffenen davon zu „überzeugen“,

dass seine Stimmungsschwankunken „unangemessen“ oder „übertrieben“ sind.


100 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Leiten Sie zur Entspannung an!

Dies kann z.B. durch Sätze wie „Atmen sie bitte jetzt einmal tief durch!“ erreicht

werden.

� Aktivieren und vertiefen Sie die Gedanken und Gefühle nicht!

Versuchen Sie stattdessen, sachlich und handlungsorientiert zu bleiben (s.o.).

Wenn Ihr Gesprächspartner ziemlich unsicher, unentschlossen, zögerlich wirkt

und nicht viel redet …

Auch hier gilt wieder (s.o.):

� Versuchen Sie, Verständnis auszudrücken!

� Achten Sie verstärkt auf nonverbales Verhalten!

� Bleiben Sie handlungsorientiert!

Ergänzend hierzu ist auf Folgendes zu achten:

� Achten Sie besonders auf Zeichen von Anspannung und „Leistungsdruck“!

Diese können aus verschiedenen Gründen auftreten, z.B. auch deswegen, weil der

Betroffene noch nicht abschätzen kann, was ihn in dem Gespräch erwartet oder er

auch einfach „nicht viel zu berichten“ hat und sich durch die Gesprächssituation

„unter Druck gesetzt“ fühlt.

Eine Möglichkeit, mit Zeichen von Anspannung und „Leistungsdruck“ (oder auch

anderen nonverbalen Hinweisen) umzugehen, ist die folgende:

� „Spiegeln“ Sie Ratlosigkeit und Unsicherheit!

Damit ist gemeint, die im Gespräch wahrgenommenen (oft nonverbalen) Hinweise

freundlich und zugewandt zu thematisieren. Aus der Reaktion des Betroffenen lässt

sich dann fast immer ersehen, was genau ihn gerade unsicher oder ratlos macht.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 101

Da es darüber hinaus nicht Aufgabe des BÜB ist, den Betroffenen in jedem Fall

„zum Reden zu bringen“ (s.o.), gilt schließlich:

� Akzeptieren Sie Schweigephasen!

Dies fällt oft schwer, da sowohl im Alltag als auch im Kundenkontakt stets

versucht wird, Schweigephasen zu überbrücken und zu füllen. Schweigen kann

aber auch eine ordnende und klärende Funktion haben und dem Betroffenen dabei

helfen, sich zu sammeln. Bei ausgedehnten oder sehr oft vorkommenden

Schweigephasen bleibt zudem auch noch die Möglichkeit, diese behutsam zu

thematisieren („Spiegeln“, s.o.), ohne aber daraus eine „Redeverpflichtung“

abzuleiten! Schweigen ist nicht immer bedenklich!

Wenn Ihr Gesprächspartner alles „besser weiß“ und Ihnen gerne „wahre

Infos“ über den Verlauf geben möchte …

� Überhören Sie „freundlich“ die Kommentare über Kollegen!

� „Vergraulen“ Sie die betreffende Person nicht – aber bestätigen Sie sie auch

nicht in ihren Aussagen!

Theoretisch sind natürlich noch andere, „schwierige“ Gesprächskonstellationen

denkbar. Aus den bisher gemachten konkreten Hinweisen und den allgemeinen

Ausführungen in den Modulen 5/1 und 8/2 lässt sich jedoch eine „innere Haltung“

entwickeln, die auch den angemessenen Umgang mit überraschenden

Gesprächsverläufen ermöglichen sollte.


102 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Stichwort „Psychohygiene“:

Selbstunterstützung und Umgang mit der möglichen eigenen

Betroffenheit

Think!

Wie stets betont, „lebt“ diese Schulung und ihre gelungene Umsetzung davon, dass

den TN die Haltung in ihrer Rolle als BÜB gegenüber den Betroffenen und der

Gesamtsituation „Überfall“ deutlich wird: Die BÜB sind ein erstes Zeichen der Fürsorge

durch die überfallene Institution Sparkasse für ihre betroffenen Kollegen. Sie leisten als

erste und nachfolgend begleitende Ansprechpartner „vor Ort“ somit Hilfe zur

Selbsthilfe aus dem System für das System (Sparkasse). Abbildung 1 (vgl. 1.1) gibt

darüber einen Überblick und beinhaltet auch den wichtigen Aspekt der Reflexion dieser

Betreuungsaufgabe sowie unter dem Stichwort „Psychohygiene“ die damit verbundene

Selbstunterstützung der BÜB. Diese ist als Aspekt der notwendigen Selbstbeachtung

jeglicher Helfer zu betrachten, unabhängig davon, ob und wie betroffen man

selbst von dem Geschehen und/ oder den Reaktionen der Betroffenen reagiert.

� Die im Folgenden zunächst unter Punkt 1 gestellten Fragen zur Selbstunterstützung

und zum Umgang mit der eigenen möglichen Betroffenheit

sollen im Gespräch mit den TN die Aufmerksamkeit auf die eigene

Befindlichkeit vor, während und nach dem Betreuungseinsatz lenken.

� Unter Punkt 2 werden Faktoren erarbeitet und benannt, die den Umgang mit

der eigenen möglichen Betroffenheit erschweren können und unter

� Punkt 3 werden in einer sog. Selbstfürsorge-Checkliste , wie sie von

Fachautoren für Laien- und Profihelfer zusammengestellt wurde, unterschiedliche

„Selbsthilfe-Rezepte“ der Eigenfürsorge vorgestellt.

Die „Botschaft“ dieses Moduls lautet, dass Helfer, und somit eben auch die BÜB,

dann am Besten angemessene und wirksame Unterstützung leisten können, wenn sie

sich selbst auch hilfreich vor, während und nach einem Einsatz unterstützen. Die

Fragen und Inhalte wollen somit nicht problematisieren, sondern sensibilisieren,

damit die TN den Blick mit dem Gefühl der Berechtigung auf sich lenken und

beginnen, sich Fragen zu ihrem eigenen Befinden und den unterschiedlichen

Bedürfnissen zu stellen. Was der Einzelne dann für sich „befindet“, bleibt zumeist

dem eigenen Stil überlassen. Insbesondere die Hinweise der Selbstfürsorge-Liste

sollen lediglich Anregungen bieten. Ein wichtiger Bestandteil der Selbstfürsorge stellt

neben den regelmäßigen Kurztreffen der BÜB nach Überfällen auch der Erfahrungs-


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 103

austausch bzw. die Supervision des BÜB-Teams durch die Konzeptentwickler/innen

(Ribbert, Josephs & Hungerige, 2002) dar. 2

Tab. 8: Gliederung der Themen und Vortragsinhalte:

Stichwort „Psychohygiene“: Selbstunterstützung und Umgang mit

der möglichen eigenen Betroffenheit (M8/2)

1. Fragen zur Selbstunterstützung und zum Umgang mit der möglichen

eigenen Betroffenheit

2. Was trägt zu Problemen im Umgang mit eigenen Belastungsgefühlen bei?

3. Selbstfürsorge-Checkliste

Durchführung

Da es im Folgenden um die Auseinandersetzung mit bzw. den Zugangsweg zu den

eigenen Ressourcen und Selbsthilfe-„Rezepten“ der TN geht, wird zunächst die

Präsentation mit den entsprechenden Fragen gezeigt (und anschließend erst das

Material verteilt) und die Ideen dazu vom SL auf dem Flip-Chart notiert. Wie

besprochen (s.o.), geht es um Interaktion zwischen den TN und Moderation durch den

SL, der zunächst nicht bewertet, sondern um weitere Kommentare und Ideen „wirbt“.

1. Fragen zur Selbstunterstützung und zum Umgang mit der möglichen

eigenen Betroffenheit

Die erste Frage wird vom Leiter vorgelesen, während die nachfolgenden noch

verdeckt bleiben. Es wird zu jeder Frage eine kurze „Bedenkzeit“ gegeben, dann

Ideen gesammelt und in Stichworten die Beiträge am Flip-Chart notiert.

Vor dem Einsatz als BÜB:

� Was kann ich für mich tun, um trotz des plötzlichen „Überfallenwerdens“ von

der Nachricht des bevorstehenden Einsatzes so gestärkt wie möglich, wenn

vielleicht auch etwas aufgeregt, aufzubrechen?

2 Diese Supervision sollte – auch mit der Absicht einer regelmäßigen „Auffrischung“ von

Schulungselementen – von den SL je nach Bedarf des Teams bzw. ca. alle zwei Jahre angeregt

werden.


104 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Nachfolgende Erläuterungen bitte bei Bedarf erst nach der Ideensammlung an die

BÜB weitergeben, da diese Kommentierungen sonst vieles vorwegnähmen.

Da ein Überfall zum Glück nicht an der Tagesordnung ist, sind auch die BÜB in

gewisser Weise Überfallene des Geschehens. Die Nachricht vom Überfall und

somit vom bevorstehenden Einsatz platzt vielleicht gerade in ein wichtiges

Kundengespräch, eine Mitarbeiterbesprechung, eine dringende Schreibarbeit oder

überhaupt in einen persönlich schlechten Tag. Ist dieser so „schlecht“, dass der

BÜB – ohne dies mit „Lampenfieber“ zu verwechseln – zweifelt, ob er heute

„richtig“ für diese Aufgabe ist, sollte die Freiheit bestehen, für sich selbst unter

den BÜB-Kollegen Ersatz zu suchen. Bedenken Sie: Wer sich in eine unfreiwillige

Situation wie den Überfall zudem noch selbst hinein zwingt, dem fällt es u.U.

schwerer, für Bedürfnisse anderer offen zu sein. Es ist natürlich auch nicht nötig,

sich „optimal“ gerüstet zu fühlen, denn dann könnten auch professionelle Helfer

an schlechteren Tagen nicht hilfreich arbeiten. Es geht somit um die persönliche

Einschätzung, sich außerstande zu fühlen und dann fürsorglich anderweitig für die

BÜB-Dienste Sorge zu tragen. Die BÜB sind auch für solche Fälle als Team

konzipiert und bestehen ja eben nicht nur aus zwei Personen, von denen evtl. am

Tag X einer krank oder im Urlaub ist, sodass der letzte „muss“, ob er kann oder

nicht …

Wichtig ist, um gut zum Einsatzort zu gelangen (neben den Ideen, die die

Teilnehmer liefern), insbesondere die Gewissheit, zu zweit vor Ort sein zu können

(und zu sollen!) und evtl. zur gemeinsamen Einstimmung auch zusammen dorthin

zu fahren. Ansonsten ist es wichtig, nicht überhastet zu starten, vielleicht

nochmals einen kurzen Blick in die BÜB-Materialien zu werfen oder sich selbst

einfach „zu sammeln“ und darum zu wissen, dass es sich um ein erstes Zeichen

und Angebot von Unterstützung handelt und nicht um einen Rettungseinsatz!

� Was kann ich tun, um während des Einsatzes Kontakt zu meinem eigenen

Befinden zu halten – mich selbst noch zu spüren?

In der Hektik des Geschehens und bei der möglichen Vielzahl von Eindrücken ist

es bedeutsam, dass die BÜB „ganzheitlich“ auf sich achten, um selbst ruhiger und

konzentrierter sein zu können. Einen Blick dafür zu behalten, wie es einem selber

geht, und ob man selbst jetzt bspw. einen Schluck zu trinken, einen Biss in ein

Brötchen oder einen kurzen Moment Ruhe braucht, ist kein überflüssiger Luxus.

Nur „ganze“ Helfer leisten „ganze“ Unterstützung, auch wenn es immer wieder


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 105

erstaunlich ist, wie der Organismus in Akutsituationen auf bloßes Funktionieren

schalten kann. Dennoch: Es handelt sich hier nicht um einen Rettungseinsatz, und

es sollte Zeit sein, auch ein Stück für sich selbst zu sorgen, damit man für andere

sorgen kann.

� Was kann ich für mich tun, wenn während des Einsatzes nach einer Weile

möglicherweise eigene Überlastungsgefühle in den Vordergrund treten und

mich behindern?

Das wäre u.a. ein Zeichen, dass der BÜB sich bislang nicht „ganz“ mitgenommen

hat (siehe vorheriger Punkt) und sich nun eher von den Ereignissen

„mitgenommen“ fühlt. Tipps, die noch zusätzlich zu den Ideen der Teilnehmer

vom SL gegeben werden können: Kurz „aus dem Feld gehen“ (anderer Raum,

andere Tätigkeit), deutlich spürbar ausatmen, Aufmerksamkeit verlagern, sich die

Gefühle zugestehen, dem anderen BÜB mitteilen, dass man eine kurze Auszeit

braucht, etc. Gefühle von Betroffenheit „dürfen“ insbesondere bei dramatischen

Überfällen natürlich auch vor den zu Betreuenden, wenn auch eher als Mitgefühl,

gezeigt werden. Keiner verlangt vom BÜB, nur „cool“ zu bleiben, wenn die

Dramatik des Geschehens in den Vordergrund rückt. Gezeigte Gefühle, in die man

nicht versinkt (vgl. die Module 5/1 und 8/2, s.o.), können auch wieder Kräfte

freisetzen, sich dem Betroffenen erneut zuzuwenden.

� Was kann ich direkt am Ende des Einsatzes für mich tun, um eine

Überleitung vom „Diensteinsatz“ hin zu meinem Privatleben zu gestalten?

Ein zu ergänzender Punkt wäre, dass die beiden BÜB sich in jedem Falle noch kurz

über die wichtigsten Eindrücke oder vereinbarten Maßnahmen (z.B. Betroffene

nach Hause fahren; Gespräche mit den Betroffenen für die kommenden Tage

vereinbaren u.a.) vor dem „Aufbruch“ ins Privatleben austauschen oder

vereinbaren, dies am nächsten Tag zu tun.

� Wie verbringe ich die Zeit „danach“, wie geht mein Tag weiter, um zu

würdigen, dass er sowohl tägliche Arbeit als auch meinen Einsatz als BÜB

enthielt?

Wenn ein Überfall stattfindet wird davon zumeist der gesamte weitere Tag

bestimmt, z.T. auch noch bis in den Abend hinein, wenn der Überfall nachmittags


106 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

stattfand. Als wichtiger Punkt sollte hier von den TN erarbeitet werden, dass es

gut für die eigene Regeneration ist, sich danach nichts „Anspruchvolles“ oder gar

Belastendes mehr vorzunehmen. Jedenfalls sollten sich die BÜB danach nicht

nahtlos in einen, den Überfall ignorierenden Terminplan zwängen (lassen; vgl. 3.).

� Was ist, wenn mir noch Gedanken und Bilder vom Geschehen „nachgehen“?

Hier ist der Hinweis angebracht, dass der BÜB auch akute Belastungsgefühle und

noch „auftauchende“ Gedanken und Bilder in den nächsten Tagen haben darf.

Dies ist zunächst eine normale Reaktion auf etwas, was emotional belastend war.

Eine zu unterstützende oder professionell zu behandelnde Belastungsstörung

besteht, wie die meisten psychischen Störungen, zumeist aus Überreaktionen des

bekannten und normalmenschlichen Empfindens (vgl. Modul 9/2). Warum sollten

nicht auch die BÜB infolge der möglicherweise stundenlangen Beschäftigung mit

dem Überfallgeschehen kurzfristig Reaktionen erleben „dürfen“, die die innere

Beschäftigung mit dem Erlebten und Gehörten widerspiegeln? Wichtig ist es

allerdings, dies zuzulassen und sich ggf. selbst Unterstützung zu holen.

� Was (wer) tut mir gut, und was kann ich ansonsten nach einem

anstrengenden Tag gebrauchen?

Die TN führen hier persönliche Vorschläge und Ideen aus ihrem Umgang mit sich

selbst an. Die Frage dient dazu, eigene Vorstellungswelten bzgl. der eigenen

sozialen Kontakte zu aktivieren und so dem Thema Selbstunterstützung weiter

näher zu kommen.

Der SL trägt nun nach der einleitenden Frage, die zunächst Ideen der TN

berücksichtigen sollte, die nachfolgenden Punkte vor. Es handelt sich um eine

Zusammenstellung von Faktoren, die laut wissenschaftlichen Untersuchungen

auch bei professionellen Helfern zu Problemen im Umgang mit Gehörtem oder

Gesehenem in Belastungssituationen beitragen können. Hier sind die Faktoren auf

die spezifische Situation der BÜB als Zugehörige zum System Sparkasse

zugeschnitten.

2. Was trägt zu Problemen im Umgang mit eigenen Belastungsgefühlen bei?

Zunächst sollte der SL die TN dazu befragen und dann weiter referieren.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 107

� unrealistisch hohe Erwartungen an die „Erfüllung“ der Betreuungsaufgabe =

„Haltungsfehler“, sich nicht in erster Linie als hilfreiches Zeichen der

Institution zu sehen, sondern „helfen zu müssen“

� Erwartungen an sich selbst, gelassen reagieren zu müssen

Die eigenen Gefühle können einen selbst immer noch überraschen und es ist

leichter, dann ein Gefühl für das eigene Gefühl zu entwickeln. Am besten ein

verständnisvolles …

� eigene, derzeitig hohe Stressbelastung durch andere Umstände

Wer sich gerade selbst in einer Mehrfachbelastungssituation befindet, wer bspw.

gleichzeitig eine hohe Arbeitsbelastung, einen Hausbau und/ oder die Pflege/

Versorgung von Angehörigen zu bewerkstelligen hat, wird bereits zuvor einen

erhöhten Stresspegel erreicht haben (vgl. Hetmeier, Korbanka & Wilk, 2003).

� eigene traumatische Erfahrungen

Die BÜB mit eigener Überfallerfahrung können sich zum einen oft gut und

kompetent in die Vielfalt der unterschiedlichen Gefühle von Betroffenen einfühlen,

zum anderen können jedoch in der Betreuungssituation vor Ort und/ oder in den

Überfallschilderungen Hinweisreize liegen, die ggf. Symptome des Wiedererlebens

(u.a. Flashbacks) vom „eigenen“ Überfall aktivieren. Wenn man dieses Aufflackern

nicht fürchtet und zudem davon ausgeht, dass diese Symptome nur kurz „winken“

und dann wieder vorüberziehen, ist das ein guter Schutz vor Überbelastung.

Ehemalige Überfallbetroffene können bereits in der Schulung auf sich achten und

bemerken, ob sie dazu neigen, auf das Thema an sich zu stark und anhaltend zu

reagieren, um ggf. an ihren Erfahrungen zu arbeiten (vgl. Allgemeine

Informationen). In jedem Falle ist eine erhöhte Selbstfürsorge (s.u.) bei

ehemaligen Betroffenen in der Rolle des BÜB nützlich.

� ungünstige Bewältigungsstile (wenig Selbstfürsorge; wenig Selbstwerterleben;

Isolation; Süchte)

Der positive Gegensatz hilft, den Punkt zu veranschaulichen: Günstige

Bewältigungsstile meint die Art und Weise, wie eine Person sich bei Problemlagen

selbst unterstützt, für sich sorgt und ihre Gesundheit erhält. Dazu ist ein gewisses


108 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Maß an „Freundschaft mit sich selbst“ hilfreich. Dieses speist wiederum ein gutes

Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. All das, und der Zugang zu wichtigen

sozialen Kontakten, sind gute Schutzschilde und Lebensstilformen, die der

eigenen Person bei der Bewältigung von Problemen und Krisen helfen.

� Gefühl, nicht gut genug auf die Aufgabe vorbereitet zu sein

Hinterlässt die persönliche Umsetzung des BÜB-Konzepts den Eindruck, etwas nicht

verstanden zu haben oder mit der Anwendung in Bezug auf den eigenen Stil nicht

zurechtzukommen, dann schleichen sich Inkompetenzgefühle und auch Ablehnung

gegenüber der Anwendung ein. Wichtig ist, dass im BÜB-Team, welches sich

regelmäßig nach Einsätzen zum Gesamtaustausch der Erfahrungen treffen sollte, solche

Themen angesprochen und inhaltlich nach Bedarf vertieft oder aufgefrischt werden.

� Zögern, Rücksprache mit den BÜB-Kollegen zu nutzen und/oder Kontakt zum

Schulungsleiter/zu den Konzeptentwicklern aufzunehmen, um Supervisionsbedarf

anzumelden

Wie soeben erwähnt, sollte der Weg zu den eigenen BÜB-Kollegen im Falle von

Fragen und Problemen kurz sein. Der SL weist an dieser Stelle darauf hin, dass zur

Beratung und Hilfe für die BÜB die Entwickler/innen des BÜB-Konzeptes ebenfalls zur

Verfügung stehen und zu Treffen des BÜB-Teams eingeladen werden können.

... und z.T. erschwerend im Kontext des Berufsfeldes „Sparkasse“:

� Gefühle „an sich“ sind scheinbar immer noch kein relevant-anerkanntes

Thema im Wirtschaftssektor, sodass der Austausch über Befindlichkeiten

behindert werden kann.

Die Finanzwelt handelt eigentlich mit vielen, auch heftigen Emotionen, und sie lebt in

Form der Börse sogar davon, aber die Gefühle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

stehen meist nicht im Mittelpunkt – oft noch verstärkt dadurch, dass es sich zumeist

auf Leitungsebene um eine Männerdomäne handelt. Kurzum, dies macht die hier nun

mehrfach als möglichst kurz beschworenen Wege zueinander bei persönlichen

Betroffenheiten eben doch ein Stück länger. Das zu wissen, sollte eben nicht dazu

führen, sich damit „einfach“ abzufinden. In der modernen Managementwelt werden

Gefühlen und ihrem Ausdruck hier und da Platz eingeräumt. Trotz harter Finanzzeiten

spricht es sich eben doch herum, dass Zufriedenheit und Identifikation mit der


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 109

Institution z.B. durch ein gutes, mitarbeiterfreundliches und lebendiges Arbeitsklima

zustande kommt und sich bspw. positiv auf die Krankenstatistik auswirkt.

Zum Abschluss und eher im Sinne einer Vertiefung des bereits Zusammengetragenen

stellt der SL eine Art Selbstfürsorge-Checkliste vor, die von den BÜB

nach einem Einsatz genutzt und um eigene Vorschläge ergänzt werden kann. Die

Liste wird kurz mit den TN besprochen und ist nach bisheriger Auseinandersetzung

mit dem Themenschwerpunkt „Psychohygiene“ nun hinreichend selbsterklärend.

3. Selbstfürsorge-Checkliste

Wichtigster Punkt zu Beginn jeder selbstfürsorglichen Maßnahme ist:

� … sich selbst überhaupt zu ermöglichen, den Blick auf die eigenen

Bedürfnisse zu richten, d.h. Bewusstsein, Raum und Zeit dafür zu schaffen!

Somit kann Selbstunterstützung individuell sehr unterschiedlich sein. Die

genannten Ideen dienen als Anregungen.

� Physische Selbstfürsorge

Den Sinnen Signale von Entspannung/ Umschalten geben, z.B.:

� Bewegen (Spazierengehen, Laufen, Haus-/Gartenarbeit u.a.)

� Duschen, Baden (sich reinigen), Eincremen (sich spüren)

� Musikhören, -machen

� Ausruhen/sich ausstrecken/dehnen

� (langsam und „gut“) essen und trinken

� Psychologische Selbstfürsorge

Bewusstsein für das „Recht“ der eigenen Bedürfnisse schaffen, z.B.:

� sich Zeit für eigene Gedanken/Selbstreflexionen nehmen

� sich wieder die guten Möglichkeiten und „Grenzen“ der BÜB-Aufgabe

verdeutlichen

� Selbstanerkennung geben mit der Konsequenz, sich auch „etwas

Gutes“ zu gönnen

� persönliche Ressourcen aktivieren ( was kann ich gut/was tut mir gut)

� Selbstunterstützung durch Gespräche mit anderen und auch BÜB-Kollegen

� ggf. Supervision einfordern

� Nein-sagen-können bei zusätzlichen Aufgabestellungen (dienstlich u. privat)


110 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Emotionale Selbstfürsorge

Für eigene gute Gefühle sorgen (und sie sich „gönnen“), z.B.:

� Zeit mit anderen verbringen, mit denen man gerne zusammen ist

� Spielerischen Raum geben (z.B. Spiele machen; mit Kindern spielen;

Erheiterndes lesen/ hören/ betrachten; lachen; tanzen)

� sich gute/wohltuende Erinnerungen/Erfahrungen vergegenwärtigen

� Geistig-spirituelle Selbstfürsorge

Geistige „Nahrung“ zur Vertiefung von Erfahrungen oder zum Umschalten

auf andere wichtige Erfahrungen „zu sich nehmen“, z.B.:

� Zeit in/mit der Natur verbringen

� inspirierende (weiterbildende) Literatur lesen

� den, wie auch immer gearteten, eigenen Glauben bzw. die eigenen

Werte pflegen

� Arbeitsplatz- oder berufliche Selbstfürsorge

Während der Arbeit sich selbst und die eigenen Bedürfnisse „mitnehmen“, z.B.:

� Pausen während des Arbeitstages bewusster einbauen

� Den Körper nicht nur sitzen und stehen lassen, sondern sich auch mal

dehnen, strecken, bewusster um sich blicken

� Das Thema Überfall und BÜB-Funktionen unter anderen Arbeitsthemen

einordnen und „dort“ nach dem Einsatz „ablegen“ können

� Achtsamkeit – Ausgeglichenheit

Alltäglichen Abläufen ab und zu mehr aktuelle Wahrnehmung widmen, um

sich besser „sammeln“ zu können, z.B.:

� nicht immer alle Dinge/Informationen parallel verarbeiten, sondern sich

gelegentlich bspw. nur auf eine Routinetätigkeit „ganz“ konzentrieren

(„bewusst“ z.B. gehen, stehen, fühlen, schmecken, riechen, um sich

blicken, lauschen, Dinge sortieren u.a.)

� bewusster atmen und dabei den Leib (Bauch) spüren

� sich um Ausgeglichenheit und „Frieden“ mit sich und anderen bemühen


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 111

Gesprächsmanagement (2):

Kommunikationsregeln im Umgang

mit schwierigen Konstellationen bei

unterschiedlicher Betroffenheit

Selbstunterstützung und Umgang mit

der eigenen Betroffenheit

(Psychohygiene)

Ziele Dauer

1. Vorstellung von Kommunikationsregeln und -strategien,

die hilfreich sind, um mit schwierigen Gesprächssituationen

umgehen zu können

2. Erarbeitung und Sammlung von Strategien zur Selbstunterstützung

und für den Umgang mit der eigenen

Betroffenheit



Materialien


ca. 45 Min.

für den SL für die TN sonstiges

PPP M8/2-1

PPP M8/2-2

� Kurzvortrag

� Plenumsarbeit

� Diskussion


� keine �

Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

Beamer/ OHP

� Flipchart

M8/2

Die beiden Teile dieses Moduls ( Gesprächsmanagement (2) und Psychohygiene) können –

in Abhängigkeit vom bisherigen Schulungsverlauf, von der noch zur Verfügung stehenden

Zeit und der Aufnahmefähigkeit der TN – zusammenhängend oder getrennt vermittelt

werden. So kann der Umgang mit der eigenen Betroffenheit bei Bedarf auch am Ende des

ersten Tages (im Zusammenhang mit den Institutionalisierungsbedingungen der Betreuungsaufgabe;

vgl. Modul 7/1 ) oder am zweiten Tag im Anschluss an die Besprechung des

Nachgesprächs (vgl. Modul 10/2) thematisiert werden.


112 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Hintergrundinformationen (2)

Wirkungen und Folgen der Überfallsituation

Präsentation

PPP M9/2-1

Vorbemerkung

Eine wichtige Aufgabe des Moduls 9/2 ist

zuerst weiterhin den Begriff der

unterschiedlichen Betroffenheit sowie vorab

zu klären, wer aus Sicht der Betreuung

„überhaupt“ zu den Betroffenen zu zählen ist.

Nachdem in Modul 4/1 Angst als Phänomen

und als das grundlegende Gefühl in Gefahrensituationen

beschrieben wurde, knüpft Modul

9/2 an diese Betrachtungen an und vertieft die

Einführung ...............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

Informationen zu den dort erläuterten Angststörungen, zu denen u.a. auch die

sog. akute sowie die Posttraumatische Belastungsstörung zählen. Diese werden

als mögliche kurz- und langfristige Folgen des Überfallgeschehens für die

psychische Gesundheit der Betroffenen im Folgenden als Hintergrundinformationen

für die TN beschrieben.

Des Weiteren soll verdeutlicht werden, dass zu den Wirkungen des Überfalls als

Angriff auf das gesamte System Sparkasse nicht allein mögliche Folgen für die

psychische Gesundheit der Betroffenen resultieren können, sondern auch

„Störungen“ im Arbeitsbereich, bspw. durch Veränderungen im Betriebsklima

unter den Betroffenen, in der Motivation an diesem Arbeitsplatz sowie im

Arbeitsverhalten. Es wird hervorgehoben, dass gerade bei diesen möglichen

Problembereichen die Kenntnisse und eigenen Erfahrungen der BÜB als

Angehörige derselben Institution Sparkasse äußerst hilfreich sein können, um

gezielte kollegiale Unterstützung zu leisten.

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ..........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M9/2

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 113

Think!

Es gilt für den SL zu beachten, dass die TN ein tieferes Verständnis für diese

Belastungsreaktionen bekommen, ohne sich, wie im Verlauf der Darstellung nochmals

erwähnt, dafür verantwortlich zu fühlen, die Anzeichen solcher Störungen beim

Betroffenen „herausfinden“ (sprich: diagnostizieren) zu müssen. Auch hier bleiben die

BÜB in der Rolle derer, die allenfalls ihre Besorgnis äußern und weitere professionelle

Behandlungswege benennen können. Um dieses Zeichen der Sorge und somit Fürsorge

angemessen geben zu können, dienen die nachfolgenden Informationen der

Differenzierung des Eindrucks und der Nachfragemöglichkeiten. Dies umfasst auch die

Betonung, dass Betroffene in der aktuellen Situation nach dem Überfall (und auch noch

eine begrenzte Zeit danach) psychische Belastungsreaktionen auf das Überfallereignis

haben „dürfen“ ohne sofort als ein Behandlungsfall betrachtet zu werden.

Nachfolgend wird ein Überblick über die Themen dieses Moduls gegeben, die

möglichst zusammenhängend und in lebhafter Interaktion mit den TN anhand der

Vortragsfolien und Abbildungen besprochen werden sollten.

Tab. 9: Gliederung des Kurzvortrags: Hintergrundinformation (2)

Wirkungen und Folgen der Überfallsituation:

Die resultierende psychische Belastung (M9/2)

1. Wer zählt zu den Betroffenen des Überfallgeschehens?

1.1 Individuelle psychische Reaktionen als Folge äußerer und innerer

Faktoren

2. Mögliche akute/ kurzfristige Folgen des Überfallgeschehens und die

Bedeutung „erster Hilfe“

3. Mögliche langfristige Folgen des Überfallgeschehens und die

Bedeutung „erster Hilfe“

3.1 Überblick: Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

3.2 Bedeutung „erster Hilfe“ durch Betreuungspersonen (BÜB) bei

möglichen langfristigen Folgen (PTBS)

4. Mögliche kurzfristige oder langfristige Wirkungen auf das Selbsterleben,

Arbeitsverhalten und das kollegiale Team der Betroffenen

5. Mögliche (klimatische) Veränderungen im Arbeitsteam nach einem

Überfallgeschehen und die hilfreiche Rolle der BÜB


114 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Durchführung

1. Wer zählt zu den Betroffenen des Überfallgeschehens?

Die Frage stellt sich den BÜB bspw. bei der Entscheidung, mit welchem

betroffenen Kollegen am Überfallort zuerst gesprochen werden sollte. Wie bereits

in den Hinweisen zum aktuellen Gespräch (vgl. Modul 6/1) ausgeführt, gehen die

BÜB zunächst auf jeden Kollegen und Anwesenden in der Geschäftsstelle

begrüßend zu und stellen sich in ihrer betreuenden Rolle vor, sodass auch die

anwesenden Polizisten erfahren, dass kollegiale Betreuung geleistet wird. Die BÜB

müssen nicht „raten“, wer mehr oder weniger betroffen sein könnte, sondern

gehen auf alle zu und klären ab, welche aktuelle Unterstützung notwenig ist.

Als allgemeine Regel gilt:

„Betroffene“ des Überfallgeschehens sind

� alle Anwesenden in der Geschäftsstelle – auch die Mitarbeiter, die gerade im

Pausenraum/ Besprechungszimmer oder in ihre Arbeit vertieft waren und

„kaum“ etwas „mitbekommen“ haben sowie Kunden

Gesprächserfahrungen der BÜB zeigen, dass auch indirekt betroffene Kollegen

unterschiedliche Betroffenheiten zeigen können. Wenn man bspw. nicht sieht, aber

hört, was in der Kassenhalle vor sich geht, können die „inneren“ Vorstellungen und

Bilder davon oft noch schrecklicher ausgemalt und erlebt werden als von den

Betroffenen, die „mit ihren eigenen Augen“ sehen, was geschieht. Das menschlich

wichtige Gefühl, Kontrolle auch über gefährdende Situationen haben zu wollen,

reagiert z.T. ohnmächtiger, wenn wir nicht mitverfolgen können, was geschieht (z.B.

wenn Betroffene gezwungen sind, mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden zu

liegen und „nur“ die z.T. brutalen Stimmen zu hören).

Mitarbeiter, die „nichts mitbekommen“ haben, sind dennoch Teil der vom Überfall

betroffenen Institution (des „Tatorts“) und können auch innere, bedrohliche und

belastende Vorstellungen und Bilder vom berichteten Geschehen entwickeln.

� abwesende Betroffene, deren Arbeitsplatz vom Überfall betroffen wurde,

während sie an dem Überfalltag abwesend waren (Urlaub, Krankheit,

anderweitiger Arbeitseinsatz, Pause u.a.)


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 115

Beim Erfahrungsaustausch des BÜB-Teams 3 wird regelmäßig berichtet, dass

Kollegen der überfallenen Geschäftsstelle, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls

nicht dort befanden (bspw. aus Urlaubs- oder Krankheitsgründen), sich u.U. an

einen „eigenen“ erlebten Überfall unangenehm erinnert fühlen oder das

schicksalhaft-ohnmächtige Gefühl entwickeln, diesmal „Glück“ – aber eben im

gemeinsamen „Pech“ – gehabt zu haben. Sie können sich sogar schuldig fühlen,

den anderen in dieser Situation nicht nahe gewesen zu sein. In den Gesprächen

geht es – wie in den Modulen 6/1 und 10/2 ausgeführt – ja nicht darum, den

Mitarbeitern Betroffenheit „zu vermitteln“, wo sie nicht erlebt wird. Es geht darum

zu zeigen, dass man das Ereignis als eine Bedrohung für alle Mitarbeiter, und

nicht nur als einen Störfall für das System Sparkasse, begreift, die Würdigung und

Beachtung, hier durch den Einsatz des BÜB-Teams, verlangt.

� indirekt Betroffene, „beorderte“ Mitarbeiter, die den vom Überfall betroffenen

Arbeitsplatz, bzw. dessen Funktionen, direkt nach dem Geschehen vertreten

müssen (so die Stelle nicht geschlossen bleibt)

Auch bei diesen „Stellvertretern“ der „eigentlich“ Betroffenen nach der

Versehrung des Ortes durch den Überfall (z.B. die überfallene Kassenbox), können

sich höchst unangenehme, auch bedrohliche Gefühle einstellen. Nicht selten

sollen sie auch noch neugierigen oder auch Anteil nehmenden Kunden nach

Öffnung der Stelle wiederholt Auskunft zum Geschehen geben oder müssen sich

die unterschiedlichsten Kommentare anhören. Es „kostet nichts“, hier als BÜB

einen Tag später zumindest telefonisch nachzufragen, wie es der Person in dieser

Rolle ergangen ist, die der Überfall ihr überfallartig beschert hat.

� „die Sparkasse“ als die „Überfallene“ (Institution)

Immer wieder lohnt der Hinweis, dass die Sparkasse die eigentlich Überfallene ist,

auch wenn sie schlecht personifiziert werden kann. Dies den persönlich

betroffenen Mitarbeitern nochmals zu verdeutlichen, kann helfen, eine stabilere

innere Grenze z.B. zwischen sich und dem Täter zu ziehen, der einen zwar

persönlich angebrüllt haben mag, aber dessen eigentliches Angriffsziel man nicht

war und persönlich mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht werden wird.

3 Ein bestehendes BÜB-Team sollte ca. alle zwei Jahre einen Erfahrungsaustausch unter der

Supervison des SL und eines Mitglieds der Konzeptentwicklerinnen durchführen, um die

Betreuungseinsätze sowie das Konzept und das Selbstverständnis der BÜB zu reflektieren.


116 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Wenn Betroffene bspw. ihre Ladung als Zeugen im Gerichtsverfahren gegen den

gefassten Täter erhalten, ist es ja sozusagen „Pflicht“ der Sparkasse, eine

institutionelle Begleitung zu stellen.

„Betroffenheit“ äußert sich individuell unterschiedlich auf der Ebene von:

� Erleben

� Verhalten

� Bedürfnissen und Erwartungen

( während des Geschehens und nach dem Geschehen)

Hier dienen die Stichwortbeschreibungen nur dazu, die Ebenen der möglichen

Veränderungsbereiche vorzustellen. Es kann darauf verwiesen werden, dass im

Folgenden (auf allgemeine Weise unter Punkt 4) darauf spezifischer eingegangen wird.

Betroffene können bspw. während des Geschehens unterschiedliche Handlungsimpulse

bekommen (bspw. fliehen, sich verbergen, angreifen wollen). All diese

Gefühle entspringen der Aufregung und Energetisierung des gesamten Organismus in

einer Bedrohungs- und Angstsituation (vgl. Modul 4/1). Spätere Erwartungen nach

dem Geschehen können sich deshalb nach „innen“ und „außen“ richten: Der eine

erwartet „sofort“ mehr Schutz von der Institution (z.B. durch die Sicherheitssysteme),

der andere mehr Zuwendung und Verständnis von den Kollegen; ein weiterer will erst

einmal in Ruhe gelassen werden oder denkt an Versetzung.

1.1 Individuelle psychische Reaktionen als Folge äußerer und innerer

Faktoren

In Abbildung 8 geht es um das Zusammenwirken von Situations- und

Personenmerkmalen auf die individuelle psychische Reaktion der Betroffenen des

Überfallgeschehens. Die Graphik ist soweit selbsterklärend. Essei lediglich ausgeführt,

dass bei den Personenmerkmalen Gedanken und Gefühle während des Überfalls

gemeint sind, wie oben bereits kurz angesprochen, und dass in dem Gesamtgefühl

starker Aufregung durch Bedrohung sowohl passive Ohnmachts-, und sogar

Todesgefühle und -erwartungen als auch aktive Angriffs- oder Rachegefühle

vorkommen können. Dabei werden oft Erinnerungen berichtet, bei denen die

Betroffenen das Gefühl hatten, dass ihr ganzes bisheriges Leben wie ein Film vor ihnen

abgelaufen sei. Bisherige Bewältigungsstrategien bei „Stress“ weisen darauf hin, dass

jeder über unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungen verfügt, wie „Stress“ von


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 117

der eigenen Person „verpackt“ wird. Es kann im Gespräch mit den Betroffenen eine

Hilfe sein, an die bisher gelungenen „Methoden“ der Selbsthilfe in Krisen anzuknüpfen

oder nach neuen gemeinsam zu suchen (vgl. die Module 6/1 und 10/2).

Situationsmerkmale

(äußere Faktoren)

- Dauer des Überfallgeschehens?

- direkte/indirekte Beteiligung?

- räumliche Nähe?

- verbale Gewaltanwendung?

- körperliche Gewaltanwendung?

- Waffengebrauch?

- Mitbetroffene?

- Geiselnahme?

...

individuelle psychische

Reaktionen

Personenmerkmale

(innere Faktoren)

- aktuelles körperliches Befinden

- psychische Tagesform

- Gedanken und Gefühle

während des Überfalls

- frühere (Überfall-)Erfahrungen

- bisherige Bewältigungsstrategien

bei „Stress“

...

Abb. 8: Individuelle psychische Reaktionen als Folge innerer und

äußerer Faktoren

2. Mögliche akute/kurzfristige Folgen des Überfallgeschehens und die

Bedeutung „erster Hilfe“

Im Folgenden werden verschiedene, zumeist kurzfristig erlebte Belastungsreaktionen

erläutert. Die Stichworte sind bis auf einige Zusatzbemerkungen selbsterklärend. Die

Betonung liegt im Vortrag – wie stets – darauf, dass die genannten Symptome nicht

für alle Betroffenen und schon gar nicht gleichermaßen zutreffen.

Anzeichen/Symptome einer akuten Belastungsstörung :

Dies ist die offizielle Bezeichnung einer vorübergehenden psychischen Störung

nach Extrembelastungen in der Fachsprache der Psychiater und Psychologen (zu

Berufsbildern vgl. Modul 11/2).


118 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Akute Belastungsreaktionen stehen in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang

zum Überfall.

� Akute Belastungsreaktionen beinhalten zunächst (direkt und/oder einige Tage

bzw. Wochen nach dem Geschehen) individuell unterschiedlich ausgeprägt

� „Angst“ als normale Reaktion auf eine Bedrohung und somit

� „Stress“ für den ganzen Organismus „Mensch“

� „belastende Gefühle und Empfindungen“ (z.B. auch körperlich) wie

Unruhe, Schreckhaftigkeit, Überaktivität und/ oder Rückzug,

Betäubtheit, Wut, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit,

Unkonzentriertheit und Erschöpfung in unterschiedlichen Formen

Dies sind durchaus angemessene Reaktionen auf eine seelisch-körperliche

Erschütterung. Betroffene mit solchen akuten Belastungssymptomen sollten sich

„erlauben“ (dürfen), diese Reaktionen zu „haben“, zu „zeigen“ und nicht sofort

unterdrücken, bewältigen bzw. „im Griff haben“ zu müssen. In Modul 2/1 (Think!)

wird darauf hingewiesen, wie überaus funktional und rein leistungsorientiert unsere

Vorstellungen vom „Verarbeiten“ einer Belastung sein können. Jeder Mensch hat

eigene „Selbstreparatur-Rezepte“ und nach einer Erschütterung der ganzen Person

darf man „durcheinander“ sein und muss auch Zeit bekommen, sich (selbst wieder)

zu sammeln. Deshalb gilt stets, dass die BÜB auf die Aktualität des Geschehens

hinweisen, sich als Helfende zur Verfügung stellen, aber auch die Natürlichkeit und

Normalität kurzfristiger Belastungsreaktionen betonen.

Es können also sowohl in der Überfallsituation als auch noch kurz danach

insbesondere die wahrgenommenen körperlichen Veränderungen im Zuge der

Angstentwicklung als bedrohlich erlebt werden, ohne dass der Organismus von

diesen sich verstärkenden Körperprozessen geschädigt wird (vgl. Modul 4/1 ).

� Die Anzeichen/ Symptome beginnen in der Regel nach 24 bis 48 Stunden

abzuklingen und sind gewöhnlich nach ca. drei Tagen nur noch gering

ausgeprägt, wobei sie in einigen Fällen auch bis zu vier Wochen bei

mittlerem Schweregrad anhalten können.

An dieser individuell unterschiedlichen Zeitspanne wird noch einmal deutlich,

warum das Nachgespräch 3 bis 5 Wochen nach dem aktuellen Gespräch von den

BÜB geführt werden sollte. Es kann sich über diesen Zeitraum zeigen, ob die


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 119

Selbstheilungskräfte das Befinden der Betroffenen wieder stabilisiert und normalisiert

haben oder ob Beschwerden längerfristig anhalten und mehr Lösungsideen

benötigt werden (Beratung/Behandlung; vgl. Modul 10/2).

Die Bedeutung „erster Hilfe“:

� Akute Belastungsreaktionen sind zumeist durchaus angemessen und bedürfen

nicht unbedingt sofortiger professioneller Behandlung, klingen jedoch

nachweislich besser ab, wenn die Betroffenen „erste Hilfe“ in Form von

individueller Ansprache, Würdigung und Unterstützung erfahren.

Hier wird nochmals die Wirkung der Hilfe aus dem System für das System

hervorgehoben. Die BÜB können aus dem Kontext derselben Institution heraus

rasch aktuellen Beistand, Verständnis und praktische Hilfe leisten. Dies ist kein

Konkurrenzmodell zur professionellen Hilfe, an die auch bei kurzfristigen

Belastungsreaktionen weiterempfohlen werden kann. Die Sparkasse in ihrer

Fürsorgepflicht kann beides tun: sich durch den Einsatz der BÜB „innen“

verantwortlich zeigen und mit der Empfehlung professioneller Hilfe ein ergänzendes

Angebot von „außen“ machen.

3. Mögliche langfristige Folgen des Überfallgeschehens und die Bedeutung

„erster Hilfe“

� Wenn die bei der akuten Belastungsreaktion beschriebenen Symptome nicht

abklingen, kann sich eine psychische Störung von Krankheitswert mit

professionellem Behandlungsbedarf, die sog. Posttraumatische Belastungsstörung

(PTBS) entwickeln.

Hier kann sich der Vortrag ebenfalls fast wortgetreu an der Präsentation

orientieren. Wie schon bei der Erläuterung der kurzfristigen Folgen betont, ist die

Haltung wichtig, dass nun Fach- und Erfahrungswissen als Hintergrundinformation

4 , und nicht zur Diagnosestellung durch die BÜB, weitergegeben wird

(vgl. hierzu auch Modul 4/1).

� Diese Posttraumatische Belastungsstörung kann allerdings auch mit

verzögertem Beginn nach einem traumatischen Ereignis, hier dem Überfall,

4 Vgl. hierzu auch Bundesverband der Unfallkassen (Hrsg.) (2005).


120 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

auftreten und sich, zur Verwunderung und Besorgnis der Betroffenen („Was

ist denn jetzt mit mir los?“), erst nach Wochen oder sogar Monaten im

Erleben und Verhalten der Betroffenen zeigen.

Nicht immer entwickelt sich eine PTBS aus einer vorausgehenden, nicht bewältigten,

akuten Belastungsreaktion. In einigen Fällen kann nach Wochen oder sogar Monaten

das Überfallgeschehen in Form der vom Gedächtnis nicht gänzlich „eingearbeiteten“

Furcht- und Entsetzensgefühle sowie der dazugehörigen Bildern „auftauchen“ und dann

plötzlich zu nachfolgenden Beschwerden führen. Dabei bringen spezifische Auslöser, die

mit der Überfallsituation in Verbindung stehen, solche späten Wiedererlebenseffekte „ins

Rollen“, sodass sich die Betroffenen, die schon glaubten, gar nicht mehr an den Überfall

denken zu müssen, „wie in einem falschen Film fühlen“ – vergleichbar denen, die die

ungeordneten Bilder von Beginn an nicht loswerden können.

Zumeist können Betroffene mit den Ausprägungen einer PTBS nicht alle Symptome als

solche benennen. Betroffene erleben und berichten eher eine Verdichtung von sich

bedrohlich zusammenbrauenden körperlichen und seelischen Veränderungen, die sie

oft nicht klar einordnen, manchmal auch nicht mehr dem Überfallgeschehen

ursächlich oder auslösend zuschreiben können. Im Gespräch wirken sie eher ratlos

gedrückt und berichten, sich „einfach nicht mehr wie früher“ zu fühlen.

� Die Posttraumtische Belastungsstörung als Reaktion auf ein extrem

traumatisches Ereignis kann sich aus unterschiedlichen Perspektiven der

Betroffenheit heraus entwickeln:

� direktes persönliches Erleben

Beispiel: Das Erleben aus nächster Nähe oder mit direktem Handlungsbezug wie

bspw. bei Kassierern, die oft mit einer Waffe bedroht werden und das Geld

herausgeben müssen, oder wie in der Rolle der bedrohten Geisel, die direkt mit

der Waffe bedroht wird, während die anderen darauf reagieren müssen und somit

auch unter direktem Handlungsdruck stehen.

� Beobachtung oder Miterleben

Beispiel: Das Erleben erfolgt ohne direkte Handlungsbeteiligung, aber unter

direkter Beobachtung bzw. direktem Miterleben der Situation wie es bspw.

Betroffenen ergehen kann, die weiter vom Zentrum des Geschehens entfernt sind,

die Hände heben müssen oder auf den Boden gezwungen wurden. Dazu zählt bei

einem „Minutenüberfall“ auch die Rolle der Betroffenen, um die sich der Täter


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 121

nicht kümmert, aber die bei Beobachtung des Überfalls entscheiden müssen, dass

sie „nichts machen“, um den Verlauf nicht weiter zu gefährden.

� Mitteilung/ Erfahrenhaben

Bei extremen Ereignissen, die bei anderen (zumeist nahe stehenden) Personen

auftraten und die Todes-, Verletzungs- und Bedrohungscharakter beinhalten, kann

sich ebenfalls eine solche Belastungsstörung entwickeln.

In jedem Falle sollten die Mitteilungen vom Überfall sowohl die Angehörigen der

Betroffenen als auch die anderen Betriebsangehörigen in einem sensiblen

Nachrichtenstil erreichen. Am besten ist es, wenn man Betroffenen die Gelegenheit

bieten kann, zunächst selbst mit den Angehörigen zu sprechen, da für diese nichts

beruhigender ist als die „Original“-Stimme der Betroffenen selbst. Auch nicht

betroffene Kollegen sollten nicht zuerst über das Radio oder von Außenstehenden

vom Überfall auf eine „ihrer“ Geschäftsstellen erfahren, da sie sich ja „irgendwie“ mit

den Kollegen verbunden fühlen können – und sei es auch nur über die gemeinsame

Zugehörigkeit zur Institution. Die Sparkasse schuldet ihren Mitgliedern auch die

Mitteilung solcher institutioneller Ereignisse (vgl. Modul 7/1 ).

� Die unterschiedlichen Belastungssymptome spiegeln intensive, anhaltende

Furcht, Hilflosigkeit und Entsetzen als Reaktion auf das erlebte Trauma

(griechisch: „Verletzung“; „Wunde“) wider.

� Charakteristische Symptome, die aus der Konfrontation mit dem traumatischen

Ereignis resultieren und vorher nicht vorhanden waren, sind:

In Folgenden werden nur die Hauptmerkmalsgruppen von Symptomen benannt

und in der Präsentation näher erläutert.

� anhaltendes Wiedererleben des Traumas auf unterschiedliche Weise

Damit sind alle „unfreiwilligen“ Erinnerungsformen an das Ereignis gemeint, d.h.

Betroffene werden davon gedanklich und gefühlsmäßig „überfallen“, können nicht

mehr einfach „ab-“ oder „umschalten“ und fühlen sich wie aktuell in der

traumatischen Situation, obwohl diese vorbei ist. Ohne hier ausführliche,

wissenschaftliche Erklärungen zu geben, lässt sich kurz berichten: Die

Erkenntnisse der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema Trauma

zeigen, dass unter starker Schreck-, Furcht- oder auch Schmerzeinwirkung


122 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

sowohl das Abspeichern unserer Gefühle (Emotionen) und der situativen Inhalte

sowie deren zeitliche Abfolge als auch das Abrufen des Erlebten aus dem

Gedächtnis anders beeinflusst wird als im „ungestressten“ Zustand der

Informationsverarbeitung.

� anhaltende Vermeidung von Reizen (Auslösern), die inhaltlich mit dem

Trauma verbunden sind, oder eine Abflachung der allgemeinen

Reagibilität

� anhaltende psychische und körperliche Symptome eines ständigen

inneren „Alarmzustandes“

Mit der erlebten und eingespeicherten Schreck-/Furchtreaktion und der damit

verbundenen Angst- bzw. Alarmbereitschaft sind also alle Beschwerden bei einer

PTBS verbunden: Die „verletzte“ Erinnerung mit ihren Wiedererlebenseffekten, die

Vermeidungsreaktionen, weil die Person und ihr gesamter Organismus verhindern

will, sich noch mal so zu fühlen, wie in der Gefahr, und die körperlichen, zwar

zunächst nicht schädlichen, aber unangenehmen Empfindungen, die mit der Angst

einhergehen (vgl. Modul 4/1).

� Die Posttraumatische Belastungsstörung tritt nach Überfällen auf Kreditinstitute

im Vergleich zur akuten, wieder abklingenden Belastungsreaktion

bei den Betroffenen seltener auf.

Nach bisherigen Analysen sind die akuten Belastungsreaktionen (vgl. 2.1) nach

Raubüberfällen auf Sparkassen/Banken typischere Folgen als die Entwicklung

einer PTBS, die stets ein extremes Belastungsereignis voraussetzt, auch wenn der

individuelle Reaktionsspielraum einer Person hier ebenfalls ein entscheidender

Faktor ist. Dieser Befund mag u.a. damit zusammenhängen, dass der Anteil der

„objektiv“ dramatisch verlaufenden Überfälle (z.B. mit Geiselnahme, Verletzten,

Todesfolgen) an der Gesamtheit der Überfallereignisse bislang glücklicherweise

immer noch gering ist (Balsfulland, 1996). Eine Rolle spielt auch das Wissen um

die Möglichkeit, „dienstlich“ überfallen zu werden, selbst wenn dies nicht täglich

präsent sein kann und soll.


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 123

3.1 Überblick: Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Zentrale Anzeichen (Symptome) für die Erkrankung an einer

Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS):

� wiederholtes Erleben des Traumas (hier Überfall) in sich aufdrängenden,

unausweichlichen Erinnerungen oder Wiederinszenierung des Ereignisses im

Gedächtnis (Schreckensbilder, Gedanken oder Wahrnehmungen), in

belastenden Tagträumen („flashbacks“) oder (Alp-)Träumen

Weitere typische Symptome:

� Andauerndes Gefühl von Betäubtsein/Rückzug und emotionaler Stumpfheit;

(unfreiwillige) Gleichgültigkeit gegenüber anderen und/oder Teilnahmslosigkeit

gegenüber der Umgebung, Lustlosigkeit und/oder Interessenverlust

� Anhaltende Vermeidung von Aktivitäten, Situationen und Reizen, die

Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten (was wiederum zum

Anstieg von Leiden führt)

Andere „gewöhnliche“ Begleitsymptome:

� Ständige Übererregtheit mit Wachsamkeitssteigerung, übermäßiger

Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlaflosigkeit

� Stimmungsstörungen im Zusammenhang mit begleitenden Angst-/

Panikgefühlen, depressiver Stimmungslage, Schuldgefühlen (z.B. wegen des

eigenen Überlebens oder vermeintlicher Fehlreaktionen) oder dem Gefühl

einer eingeschränkten, „überschatteten“ Zukunft

Seltene Symptome

(aber möglich, z.B. bei mehrfacher „Überfall-Erfahrung“):

� Dramatische, akute Ausbrüche von Angst, Panik oder Aggression, ausgelöst

durch plötzliche Erinnerung und/oder Wiederholung des Traumas

Zeitlicher Rahmen:

� Das Störungsbild dauert länger als einen Monat an und bildet sich zumeist

innerhalb der ersten 6 Monate nach dem Trauma (doch selten mehr als 6

Monate danach) aus.

Wichtig:

� Diese Belastungsstörung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden

oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen.

Tab. 10: Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)


124 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

3.2 Bedeutung „erster Hilfe“ durch Betreuungspersonen (BÜB) bei

möglichen langfristigen Folgen (PTBS):

Im Folgenden wird zusammengefasst, was die BÜB durch die aktuelle Anwesenheit

und in den aktuellen und nachfolgenden Gesprächen an hilfreicher Unterstützung

leisten können.

Erste Hilfe bezogen auf die möglichen psychischen Verletzungen nach einem

traumatischen Ereignis (hier: Überfall) kann:

� der negativen Entwicklung von einer zunächst akuten hin zu einer

chronischen Belastungsstörung (PTBS) entgegenwirken

� Informationen über das Störungsbild für die Betroffenen bereit- und in den

Zusammenhang mit dem Überfallereignis stellen, d.h. somit ein

� Erklärungsmodell für die Beschwerden anbieten, was zunächst beruhigend

wirken kann

Es ist wichtig für Betroffene, Hintergrundinformationen darüber zu bekommen,

dass sich solche Symptome zunächst im „normalen“ Maß entwickeln können. Das

ermöglicht ihnen, sich auch bei Verschlechterung des Befindens nicht sogleich für

„empfindlich“, „schwach“ oder beginnend „verrückt“ zu halten. Wer ein

Erklärungsmodell vorübergehender psychischer Erschütterung nach einem

solchen Geschehen auf sich anwenden kann, dem fällt es oft leichter, seine

Selbstheilungskräfte zu aktivieren oder sich eher helfen bzw. behandeln zu lassen.

� im Nachgespräch (der weiteren Nachsorge) Entwicklungen im Befinden seit

dem Überfall und ggf. Problemlösungen gemeinsam herausarbeiten

Das verbindliche Nachgespräch (vgl. Modul 10/2) stellt ebenso wie der 6 bis 8

Monate nach dem Geschehen vereinbarte Telefontermin eine wichtige nachsorgende

Gelegenheit dar, auch auf zeitverzögerte Reaktionen und Bedürfnisse

der Betroffenen einzugehen (vgl. 3.) und vor allem ein Zeichen zu setzen, dass

individuelle Bewältigung keine „festen“ Zeiten einzuhalten braucht.

� über professionelle, psychotherapeutische Hilfe informieren

� ggf. Kontakt zu professionellen Behandlern (Psychotherapeuten) vermitteln

Wie auch in den Rollenspielen zum Nachgespräch vorgesehen, sollen die TN für

die Möglichkeit, eine Psychotherapie zu empfehlen, selbst für dieses z.T. noch


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 125

gesellschaftlich tabuisierte Thema mehr sensibilisiert werden (vgl. Modul 11/2).

Hier sei kurz erwähnt, dass eine zumeist von spezialisierten Psychologen

durchgeführte, traumaspezifische Psychotherapie zum Ziel hat, das Erlebte wieder

besser in ein geordnetes Erinnerungsvermögen zu integrieren, sodass die

Wiedererlebenseffekte abklingen, die Erwartungsangst nachlässt und sich die

Symptome der erhöhten Alarmbereitschaft wieder beruhigen sowie die negativen

Auswirkungen auf die Stimmung und das Selbstbild wieder zurückbilden können.

Das geschieht zumeist auf der Ebene von Gesprächen und Vorstellungsübungen,

aber auch von (begleiteten) Verhaltensübungen, wenn Betroffene bspw. nach dem

Geschehen beim Betreten der Geschäftsstelle, in der sie weiterhin arbeiten wollen,

anhaltende Vermeidungsängste entwickeln, die sie trotz eigener

Überwindungsversuche daran hindern, die Räumlichkeiten aufzusuchen oder in

ihnen zu verbleiben (vgl. Modul 4/1). Die BÜB empfehlen zur Auswahl – am

besten auf einer zuvor erstellten Liste befindlich – spezialisierte Psychotherapeuten.

In Vorgesprächen können sich Betroffene dann entscheiden, mit

wem sie zusammenarbeiten möchten. Auch die Dauer der Behandlung und

letztlich deren Fortschritte in der Therapie bestimmen die Betroffenen selbst (vgl.

Modul 11/2).

Erste Hilfe kann und muss bspw. eine PTBS nicht vollständig erkennen oder

gar anhand von Checklisten diagnostizieren. Aufgabe der BÜB ist und bleibt es:

Es soll deutlich werden und bleiben, dass BÜB keine Arbeitsfähigkeitsprüfung

leisten müssen, zumal professionelle psychotherapeutische Behandlung immer

nur angeraten und selbstverständlich nicht von den BÜB „verordnet“ werden

kann. Außerdem, wie in der Vorstellung der Nachgespräche ( Modul 10/2)

beschrieben, gibt es in der Problematik der Folgen ja noch andere Themen und

Problemfelder als die therapeutisch zu behandelnden, deshalb ist es wichtig:

� „offen“ für Eindrücke vom Verhalten und Erleben der Betroffenen zu sein.

� Gezielte Fragen zu Veränderungen/ Verschlechterungen im Erleben und

Verhalten sowie der eigenen Besorgtheit der Betroffenen zu stellen.

� Sorge und Fürsorgegefühle für das (mitgeteilte) Befinden zum Ausdruck zu

bringen und

� die Notwendigkeit der Selbstfürsorge (z.B. von Behandlung) zu betonen

(s.o.).


126 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Wie bereits in Modul 5/1 und Modul 8/2 erwähnt, kommt bei den TN immer

wieder die Frage auf, wie man sich verhalten soll, wenn Betroffene auf einen

selbst belasteter wirken als diese von sich berichten (können). Neben der Leitlinie,

dass es nicht darum geht, jemanden „öffnen“ zu müssen, damit er „besser

verarbeitet“, gehört es zur „echten“ Betreuung, seinen persönlichen Eindruck auch

authentisch benennen zu können. Dies gelingt oft in Form von Formulierungen der

Sorge um den anderen, dessen Anblick man – anders als von der Person selbst

geschildert – in einer bestimmten Weise wahrnimmt.

4. Mögliche kurzfristige oder langfristige Wirkungen auf das Selbsterleben,

Arbeitsverhalten und das kollegiale Team der Betroffenen

Im folgenden Abschnitt werden nochmals – und deshalb nicht weiter auszuführen

– die häufigsten Beschwerden und Symptome offenbar (zunächst) belasteter

Betroffener aufgeführt, unabhängig davon, ob sie im Rahmen einer akuten oder

chronischen Belastungsstörung zu sehen sind.

Betroffene erleben und berichten Gefühle erhöhter

� Schreckhaftigkeit und Unruhe (teilweise verbunden mit Symptomen des

Wiedererlebens)

� körperliche und seelische Anspannung/ Verspannung

� Erschöpfbarkeit

� Vorsicht/Misstrauen

� Rückzugstendenz

� Reizbarkeit/Stimmungsschwankungen

� Entfremdung (vom alten Selbstbild und von anderen)

� u.a.

Im Folgenden soll der Blick des BÜB mehr auf die Auswirkungen von geschilderten

Erlebensstörungen auf das Arbeitsverhalten gelenkt werden, so dieses

berichtet oder beobachtet wird:

Betroffene berichten Verhaltensveränderungen bei ansonsten routinierter Arbeit in

Zusammenhang mit dem o.g. Erleben:

� „Flüchtigkeitsfehler“ (z.T. verbunden mit feinmotorischen „Zittrigkeiten“)


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 127

Verbunden mit einer oft steigenden Wachsamkeit und somit Anspannung der

Betroffenen geht bspw. der Blick öfter zur Tür oder dorthin, wo laute Geräusche

herkommen, wie dies beim Überfall erlebt wurde. In diesem Zusammenhang

berichten z.B. Kassierer und/oder Berater eine leichte, vorher nicht gekannte

Zittrigkeit beim Bearbeiten von Belegen oder der Herausgabe von Scheinen.

� Verzögerungen in Entscheidungsabläufen bei erhöhter Vorsicht

Der oftmals berichtete Anstieg von Vorsicht und Anspannung kann sich (auch hier

wie immer individuell verschieden) auf das bisherige Tempo bei Abläufen und

Entscheidungen auswirken. Einige werden persönlich weniger risikofreudig und

wollen „nichts (mehr) falsch machen“. Letzteres ist ein typisch menschlicher Zug:

Obwohl man selbst für ein Unglück, ein zufälliges Missgeschick, eine Katastrophe

oder eben einen Überfall „nichts kann“ und keinerlei Schuld am Zustandekommen

trägt, wollen Menschen ihr Schicksal „rückwärts“ reparieren, ja sogar oft

ungeschehen machen. Fortan versuchen sie durch mehr Vorsicht oder Umsicht

(deshalb geht der Blick bspw. häufig zur Tür der Geschäftsstelle) die Kontrolle über

das zu behalten, was sie nicht kontrollieren können (nämlich, dass zur Tür vielleicht

wirklich wieder ein Täter hereinkommt, ohne dass sie ihn sofort erkennen oder etwas

gegen dessen Absicht „machen“ können, Geld rauben zu wollen).

� Konzentrationsschwächen durch gleichzeitiges Beherrschen des veränderten

Erlebens

Jeder weiß, wie anstrengend es sein kann, mehrere Themen gleichzeitig „im Kopf“

haben zu müssen. Die Aufmerksamkeit – also auch die Steuerung der

Informationsverarbeitung und deren Prozesse – ist geteilt bzw. verteilt. Wenn so

belastete Betroffene gleichzeitig ihrer Tätigkeit nachgehen und bspw. währenddessen

Wiedererlebenseffekte – z.B. kurze Flashbacks – haben, geht ein Teil der Gedanken

und Gefühle „dahin“, ein Teil versucht sie bereits im Ansatz loszuwerden oder

wegzudrängen, und ein anderer Teil regt sich darüber auf, dass „so etwas“ überhaupt

wieder erlebt wurde und hält sich ggf. für „verrückt“. Ebenso kann es sein, dass man

kein Wiedererleben hat, sondern noch über Reste des eigenen Erlebens und

Verhaltens, über die Kollegen oder die Täter unwillkürlich weiter grübelt (s.u.). Das

alles kostet Konzentration, wobei natürlich auch ansonsten immer parallele

Denkprozesse stattfinden. Die genannten Beispiele zeigen nur, was seit dem Überfall

„noch“ dazu gekommen und somit belastend sein kann.


128 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

� Belastungsschwächen bei parallelen, routinierten Aufgaben

Dies kann mit dem oben ausgeführten „Parallelspuren“ des Denken und Fühlens

zusammenhängen. Die allgemeine Erschöpfbarkeit wird größer und zeigt sich

dann auch bei parallelen Aufträgen und Aufgaben. Das Gefühl, an der Belastungsgrenze

zu leben, sodass „nichts mehr dazu kommen darf“, verstärkt sich.

� Dünnhäutigkeit im Umgang mit Kollegen und Kunden

Es muss kaum betont werden, dass diese Art von Belastungserleben sich nicht

nur auf die Arbeits- sondern auch auf Kommunikationsprozesse und den

zwischenmenschlichen Kontakt auswirken kann. Wer sich aus o.g. Gründen

zunehmend zusammenreißt, um seine Arbeit möglichst so gut wie „vorher“ zu

schaffen und zudem vielleicht sich selbst und anderen nicht weiter als verändert

auffallen will, der wird empfindsamer (was in Kontakten sogar positiv sein kann),

aber auch empfindlicher und kränkbarer.

� Grübelneigung mit ständiger Selbstüberprüfung

Wie bereits oben besprochen, sind nicht nur Wiedererlebenseffekte für die Gedanken

und Gefühle „aufdringlich“. Es gibt auch Betroffene, zumeist wenn sie

während des Überfalls in einer „handelnden“ Position waren (Geld rausgeben,

Tresor öffnen/ AKT bedienen, Tür abschließen, stillhalten müssen), denen ihr

Verhalten mit der Frage, ob es richtig oder falsch war, ob es mehr den

Sicherheitsvorschriften hätte entsprechen müssen, immer wieder durch den Kopf

geht. Auch hier herrscht das oben erwähnte, typisch menschliche Bedürfnis, die

Situation im Nachhinein kontrollieren zu wollen, um der tiefer gefühlten Ohnmacht

etwas „Vernünftiges“ entgegenhalten zu können. Wie bei den Rollenspielen (vgl.

die Module 6/1 und 10/2) am Beispiel des „zweifelnden Kassierers“ ausgeführt,

kann der BÜB hier beruhigend wirken, ohne Zweifel ausräumen zu müssen.

� Zunehmende Zweifel an der Tätigkeit in einer Geschäftstelle und der

Auseinandersetzung mit dem anhaltenden Überfallrisiko, bzw. wachsender

Entschluss, sich versetzen zu lassen

Gerade mehrfach Überfallene können in Zweifel geraten, ob sie weiterhin „an der

Front“ stehen und ihr Berufsrisiko (er)tragen können und wollen, evtl. auch mit


Ribbert, Josephs & Hungerige L EHRKONZEPT BÜB 129

einem weiteren Überfall rechnen zu müssen. Hier kann es Aufgabe der BÜB sein,

mit den Betroffenen zu sortieren, ob die Zweifel eher aus dem Gefühl der o.g.

quälenden, oder auch „nur“ lästigen, Anzeichen und Symptome von Störungen

genährt werden oder aus der nunmehr gewachsenen und im Verlauf der

bisherigen „Überfall-Erfahrung“ entwickelten Haltung, das Berufsrisiko Überfall

nicht mehr tragen zu können und zu wollen. Auch bei diesen Konflikten gilt es, die

Betroffenen eher anzuregen, darüber kollegial und lösungsorientiert nachzudenken

und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, um diese zu begleiten.

5. Mögliche (klimatische) Veränderungen im Arbeitsteam nach einem

Überfallgeschehen und die hilfreiche Rolle der BÜB

Aus den bisherigen Ausführungen geht hervor, dass es nicht nur gesundheitliche

Folgen sein können, die auf das Team der betroffenen Geschäftsstelle einwirken

können. Neben diesen Folgen psychischer Verletzung werden nach Überfällen

nicht selten „klimatische“ Veränderungen im Team erlebt. Bei eher harmonischen

Arbeitsgruppen sind nach einem solchen Geschehen die gegenseitige

Unterstützung, Loyalität und der Zusammenhalt („In-einem-Boot-Gefühl“) oft eine

Zeit lang positiv erhöht. Es kann aber, nicht nur bei „schwierigen“ Teams, nach

einem Überfall zu Missverhältnissen im kollegialen Kontakt kommen, die dann die

Arbeitseffizienz der Gruppe beeinträchtigen. Beispielsweise können unerwartete

oder für den jeweiligen Kollegen untypische Verhaltensweisen während des

Überfalls das kollegiale Gleichgewicht nach dem Ereignis ins Wanken bringen.

Darunter finden sich beispielsweise spontanes Zeigen heftiger Gefühle (z.B. durch

Schreien, Schimpfen oder Weinen) ebenso wie unerwartete Distanziertheit,

Verschlossenheit oder plötzliche unfreiwillige Handlungsdurchbrüche, die wie

falsches Heldentum (z.B. den Täter anzugreifen, Hinterherlaufen, Widerstand

bieten) oder aber wie „schwaches“ Verhalten (Klagerufe, Flehen,

Weglauftendenzen) unter starker Angst aussehen können. In Folge solcher

Eindrücke berichten Betroffene gelegentlich von aufkommenden Spannungen

untereinander. Diese können aus dem gezeigten und beobachtbaren Verhalten

resultieren und sich in Scham, Unsicherheit, Schuldgefühlen oder -zuweisungen

bis hin zu offenem Ärger und Konflikten äußern. Somit kann das Klima einer

Geschäftsstelle nach einem Überfall „Minus- und Plusgrade“ entwickeln, die die

Präsentation in Stichworten wiedergibt.


130 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

„minus“:

− Wechselseitiges Schuldempfinden und -zuweisungen

− Rollenunsicherheit

− Misstrauen/Ärgermotivation

− Spannungen (diffus)

„plus“:

+ erhöhte gegenseitige Unterstützung

+ Integration persönlicher Unterschiede (im Umgang mit Überfallerleben)

+ Konzentration auf aktuelle, gemeinsame Arbeitsziele und -werte

+ gestärkter Teamgeist

Die Bedeutung „erster Hilfe“ bei Team-Problemen nach Überfällen:

Auch in diesen betriebsklimatischen Konfliktfällen kann ein teamfremder aber zur

Sparkasse gehörender Kollege (BÜB), vertraut mit dem hierarchischen Gefüge

sowie mit dem Aufgabenfeld und -verständnis, sehr hilfreich sein und mit diesen

Insiderkenntnissen nicht „einfach“ durch einen außen stehenden Profi in diesen

hilfreichen Funktionen ersetzt werden.

Vorteil der Rolle als „BÜB“:

„außerhalb“ des Teams – „innerhalb“ der Institution:

� Zuhörer der einzelnen Betroffenen (mit Schweigepflicht); kann auf deren

Wunsch (!) fungieren als

� persönlicher „Coach“, vertraut mit institutionellen Abläufen und

Zusammenhängen

� Vermittler (bei Anliegen)

� Mediator (z.B. bei Konflikten und Streitfällen)

Hier sei auch noch einmal daran erinnert, dass die BÜB in der Regel keine

Gruppengespräche führen (vgl. Modul 6/1 ). Mit den Betroffenen kann deshalb

umso individueller angeregt und besprochen werden, ob und mit wem diese ggf.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 131

sprechen möchten und ob die BÜB dazu vielleicht einen Anstoß geben oder

einfach konkrete Gesprächswünsche weitergeben, d.h. bei entsprechender Stelle/

Person ankündigen sollen, so dies die Betroffenen nicht selber machen möchten.

Daraus ergeben sich dann die oben aufgeführten unterschiedlichen Funktionen

eines „Coaches“, Vermittlers oder Mediators.


132 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Hintergrundinformation (2):

Wirkungen und Folgen der

Überfallsituation

Ziele Dauer

Informieren der TN über kurz- und langfristige Folgen

der Überfallsituation für die psychische Gesundheit

und das Arbeitsverhalten

Materialien


ca. 30 Min.

für den SL für die TN sonstiges

� PPP M9/2-1 � keine � Beamer/OHP

� Flipchart

� Kurzvortrag

� Diskussion


Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

M9/2

Unter Berücksichtigung der bereits in anderen Modulen gegebenen Hinweise und der noch

zur Verfügung stehenden Zeit, kann dieses Modul entsprechend ausführlich oder gekürzt

behandelt werden.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 133

Aufgaben und Grenzen des BÜB (3):

Das Nachgespräch

Präsentationen

PPP 10/2-1 PPP 10/2-2

Vorbemerkung

Das Nachgespräch ist ein wichtiger Baustein

innerhalb der BÜB-Aufgaben. Es findet in einem

Abstand von ca. 3 bis 5 Wochen nach dem

Überfall statt, da es sich gezeigt hat, dass

innerhalb dieses Zeitraumes mehr Deutlichkeit

über einen eher problemlosen oder eher

problematischen Umgang mit den Folgen des

Überfalls herrscht (siehe hierzu auch Modul

9/2). Mit anderen Worten: Während aktuelle

Probleme unmittelbar nach dem Geschehen

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ...............

Information ..........

M10/2

„normal“ sind, sollte deren Persistenz über einige Wochen hinweg Anlass zur

systematischen Suche nach Lösungswegen und Bewältigungsmöglichkeiten sein.

Auch gibt es Betroffene, die erst „verzögert“ auf den Überfall reagieren, im aktuellen

Gespräch also noch relativ unbelastet und wenig auffällig wirkten. Diesen Betroffenen

bietet das Nachgespräch die Möglichkeit, diese neu entstandenen Probleme mit dem

BÜB zu thematisieren. Sollten sich bestimmte massive Probleme durch den Überfall

ergeben haben, bietet das Nachgespräch auch die Möglichkeit, explizit auf

therapeutische Hilfe zu verweisen und darüber zu informieren.

Für das Gespräch gelten die schon in Modul 6/1 dargestellten Konventionen. Der

Fokus dieses Moduls liegt auf der Erarbeitung und Einübung von

Gesprächsabläufen in Rollenspielen. Zum Nachgespräch wurden zwei kurze,

orientierende Leitfäden erstellt (vgl. PPP 10/2-1 und PPP 10/2-2). Der erste geht

von einem eher unproblematischen, der zweite von einem eher problematischen

Verarbeiten des Überfallgeschehens aus. Die Grenzen zwischen beiden Verläufen

sind dabei fließend.

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ...........................

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


134 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Think!

Allgemein gelten auch hier die Denkanstösse, die bereits in Modul 6/1 gegeben

wurden. Darüber hinaus befürchten die TN manchmal, dass sich die Nachgespräche

schwieriger als die aktuellen Gespräche gestalten könnten, weil sich in

der Folge möglicherweise verstärkt überfallbezogene Probleme ergeben haben.

Glücklicherweise jedoch stellt eine anhaltend problematische Verarbeitung eines

Überfalls eher die Ausnahme als die Regel dar. Selbst im Falle eines problematischen

Verlaufs sind die BÜB nicht gehalten, Problemlösungen zu präsentieren.

Auch sollte den TN deutlich vermittelt werden, dass sie keinesfalls

professionell im Sinne einer psychotherapeutischen Rolle handeln müssen oder

sollen, zumal sie auf professionelle Hilfe stets verweisen können. Diese Hinweise

tragen dazu bei, den TN mögliche Ängste oder Überforderungsgefühle zu nehmen.

Durchführung

Modul 10/2 gliedert sich in folgende Teile:

1. Das Nachgespräch: Sammeln von Ideen (in Kleingruppenarbeit) zur

Strukturierung und Durchführung des Gesprächs

2. Das Nachgespräch: Vorstellung der bislang erprobten

Gesprächsstruktur (Präsentation des ABC-Kurzleitfadens)

3. Das Nachgespräch: Einübung in Rollenspielen

4. Das Nachgespräch bei eher problematischem Umgang mit den

Folgen des Überfalls

1. Das Nachgespräch: Sammeln von Ideen (in Kleingruppenarbeit)

zur Strukturierung und Durchführung des Gesprächs

Es werden neue Kleingruppen von 2 bis 3 TN gebildet. Aufgabe jeder Kleingruppe

ist es, stichwortartig die Fragen und Themen für ein Nachgespräch mit einem

Anfang (A), einem Mittelteil (B) und einem Ende (C) zu konzipieren.

Grundszenario ist dabei ein ca. 5- bis 10-minütiges Gespräch, das in einem Raum

der Sparkasse geführt wird. Die TN sollen bei der Planung davon ausgehen, dass

schon sehr früh im Gespräch deutlich wird, dass sich für den Betroffenen


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 135

grundsätzlich keine problematischen Folgen durch den Überfall ergeben haben; es

handelt sich also um ein „einfaches“ Gespräch.

Die Kleingruppen erhalten jeweils Folien und Folienschreiber. Es wird zu Beginn

bestimmt, wer die Ergebnisse im Plenum vorstellen wird. Nach ca. 15 Minuten

treffen sich SL und TN wieder im Plenum. Die Ergebnisse werden vorgestellt und

auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin überprüft. Da in dieser Phase immer

wieder neue und gute Ideen geäußert werden, wird diese Aufgabe nicht

übersprungen, um sofort zu dem „erprobten“ Leitfaden überzugehen.

2. Das Nachgespräch: Vorstellung der bislang erprobten

Gesprächsstruktur (Präsentation des ABC-Kurzleitfadens)

Aus den langjährigen Erfahrungen mit der Schulung resultiert ein kurzer Leitfaden

( PPP M10/2-1), der als Strukturierungshilfe für ein Nachgespräch dient, in dem

schon zu Beginn deutlich wird, dass sich keine gravierenden Folgen durch den

Überfall ergeben haben. Die SL legen die entsprechende Folie auf und erläutern

sie kurz. Sollten aus der vorgeschalteten Gruppenarbeit zusätzliche Ideen

generiert worden sein, werden diese an entsprechender Stelle eingefügt.

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation (PPP M10/2-1)

Regeln und Thesen für das Nachgespräch. Bereits bei A ist erkennbar, dass

bislang keine überfallspezifischen Probleme aufgetreten sind.


136 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

(A) Einstieg:

Exploration (Erkundung) des aktuellen Befindens/„Stimmungsbild“

Fragen zum aktuellen Befinden und/ oder zu Veränderungen seit dem Überfall.

Fragen in Richtung auf:

� derzeitiges psychisches und physisches Befinden

� Unterschiede/ Veränderungen seit dem Überfalltag (körperlich, psychisch,

im sozialen Kontakt, am Arbeitsplatz)

� den bisherigen Umgang/ das Bewältigungsverhalten (z.B. ob und mit wem

bislang gesprochen wurde, wie dies empfunden wurde)

� Beschäftigungen, Gedanken, Umstände, die eine bislang positive

Bewältigung möglich gemacht haben (u.U. Frage nach Anregungen aus

bisheriger „Selbsthilfeerfahrung“)

Fragen:

(B) Beratungsphase:

Exploration von aktuellen Anliegen,

Wünschen, Bedürfnissen, Plänen

� derzeitige Wichtigkeit von Themen oder Anliegen bzgl. des Überfallgeschehens

(auf Bezug achten, nicht allgemein werden)

� Verständnis/ Stimmung unter den Kollegen seit dem Überfallgeschehen (nur

in Bezug auf persönliches Erleben, kein Interview)

(C) Abschluss:

Positive Zusammenfassung

� Besprochenes positiv und lösungsorientiert zusammenfassen (u.U. Verweis

auf Diskretion)

� Hinweis auf kurze telefonische Nachfrage bzgl. des Befindens ca. 6-8

Monate später

� Ende der Betreuungstätigkeit betonen (Stichwort: „geordneter Rückzug“)

� Hinweis auf Begleitung bei Zeugenaussagen vor Gericht


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 137

Der Ablauf des Gesprächs ist dreiteilig. Die SL sollten bei der Besprechung des

Leitfadens auf folgende Punkte hinweisen:

� In einem ersten Teil wird das aktuelle Empfinden des Betroffenen durch

Fragen exploriert (Wie geht es Ihnen heute – X Wochen nach dem Überfall?).

Wichtig sind in der Folge Fragen zu Unterschieden und Veränderungen im

Erleben seit dem Überfalltag – im körperlichen, psychischen und sozialen

Bereich, vor allem aber auch am Arbeitsplatz. Zudem sollte erfragt werden,

welches Bewältigungsverhalten der Betroffene bislang gezeigt hat und zu

welchen Ergebnissen dies führte.

� Im zweiten Teil geht es um das Erfragen der aktuellen Anliegen und

Wünsche des Betroffenen an den BÜB. Hier wird geklärt, ob der Betroffene

noch überfallbezogene Probleme hat und erörtern möchte. Sollte es zu

Problemen gekommen sein, so ist es Aufgabe des BÜB, diese zu strukturieren

(„den roten Faden“ finden) und gemeinsam mit dem Betroffenen

Lösungsansätze zu explorieren. Aufgabe des BÜB ist es nicht , die Probleme

für den Betroffenen zu lösen, z.B. durch voreiliges Erteilen von Ratschlägen.

Hier sollte auch Platz sein für die Frage nach möglichen Erwartungen der

Betroffenen an die Sparkasse als überfallene Institution und Arbeitgeber, so

es bspw. Kritik oder Vorschläge bzgl. der Sicherheitsstandards oder damit

einher gehender technischer und organisatorischer Maßnahmen gibt (bspw.

haben Betroffene nach Überfällen den Wunsch nach der Möglichkeit des

sofortigen Sichtschutzes geäußert, da bis dato keine Jalousien/ Vorhänge

vorhanden waren, um vor neugierigen Blicken oder gar fremden

Kameraaufnahmen zu schützen).

� Der dritte Teil dient vor allem dem Zweck, nach einer kurzen Zusammenfassung

des Gesprächs vorerst das Ende der offiziellen Betreuungstätigkeit

zu betonen („geordneter Rückzug“), aber auch darauf zu verweisen, dass

noch eine telefonische Nachfrage bzgl. des Befindens in ca. 6 bis 8 Monaten

und ggf. auch eine Begleitung bei Zeugenaussagen vor Gericht erfolgen wird.

Sollte das Gespräch persönliche Problembereiche thematisiert haben, ist der

Verweis auf Diskretion notwendig.

Für die anschließenden Rollenspiele bleibt PPP M10/2-1 als Orientierung präsent. 5

Der kurze Leitfaden soll nicht akribisch umgesetzt werden, sondern lediglich an

wichtige Frage bereiche erinnern (vgl. auch Modul 5/1 und Modul 8/2).

5 PPP M10/2-1 ist auch als Folienvorlage vorhanden (PPP M10/2-1-FV).


138 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

3. Das Nachgespräch: Einübung in Rollenspielen

Grundsätzlich gilt für die übenden Rollenspiele dieselbe Verfahrensweise wie

schon für das aktuelle Gespräch beschrieben. Deshalb wird hier noch einmal die

Lektüre von Modul 6/1 empfohlen.

Thematisch gesehen lässt sich in einem ersten Rollenspiel gut auf den schon im

aktuellen Gespräch erörterten Kassierer (aus Modul 3/1) zurückkommen. Dieser,

so schildern die SL, hat einige wenige Probleme nach dem Überfall entwickelt,

diese jedoch in der Zwischenzeit gut lösen können. Als Problembereich eignet

sich zu Übungszwecken eine Mischung aus körperlichen, psychischen und

sozialen Problemen, die jedoch alle nicht gravierend sind (z.B. Schlafstörungen zu

Beginn; nach dem Überfall Ängste beim Betreten der Sparkasse; anfängliche

Befürchtung, die Kollegen könnten denken, er habe sich beim Überfall „falsch“

verhalten).

Für ein zweites Rollenspiel werden die TN um eigene Ideen zur Rollenkonstellation

gebeten.

4. Das Nachgespräch bei eher problematischem Umgang mit den Folgen

des Überfalls

Sollte es relativ früh deutlich werden, dass sich schwerwiegendere Probleme aus

dem Überfall ergeben haben, hat das Nachgespräch eine etwas veränderte

Struktur und wird auch zwangsläufig von längerer Dauer sein. Zur Erläuterung

zeigen die SL die entsprechende Präsentation ( PPP M10/2-2). 6

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation (PPP M10/2-2)

Regeln und Thesen für das Nachgespräch. Bereits bei A ist erkennbar, dass

das Überfallgeschehen problematisch verarbeitet wurde.

6 Auch diese ist als Folienvorlage vorhanden (PPP M10/2-2-FV ).


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 139

(A) Einstieg:

Exploration (Erkundung) des aktuellen Befindens/„Stimmungsbild“

Fragen zum aktuellen Befinden und/ oder zu Veränderungen seit dem Überfall.

Fragen in Richtung auf:

� derzeitiges psychisches und physisches Befinden (bei körperlichen

Problemen Frage nach ärztlicher Abklärung)

� Unterschiede/Veränderungen seit dem Überfalltag (körperlich, psychisch, im

sozialen Kontakt, am Arbeitsplatz)

� den bisherigen Umgang/das Bewältigungsverhalten (z.B. ob und mit wem

bislang gesprochen wurde, wie dies empfunden wurde)

� Beschäftigungen, Gedanken, Umstände, die sowohl problematisch als auch

hilfreich waren

1. Teil:

Exploration des Hauptproblems

und erste Lösungsansätze

(Handlungsorientierung)

1. Teil:

(B) Beratungsphase:

2. Teil:

Hauptanliegen und erste

Bewältigungsschritte anhand von

Lösungsalternativen

� Auslotung von Problembedingungen: Situationen, Zeitpunkte, Frequenz,

Intensität, Belastungsstärke (nicht vertiefen, sondern Informationen

sammeln und ordnen)

� eigene Ursachenhypothesen des Betroffenen erfragen

� Frage nach zusätzlichen Stressfaktoren (z.B. weitere belastende Ereignisse

seit dem Überfall)

� bisherige Thematisierung (mit wem? wie oft?)

� Sammeln von Lösungsideen (bisherige Erfahrungen mit dem Problem,

bisherige Lösungsversuche, Erinnerungen an geglückte Versuche und deren

Bedingungen)

2. Teil:

� Vor- und Nachteile ausgewählter Lösungsansätze erörtern

� u.U. Lösungsalternativen aufzeigen, z.B. auch das Thema Psychotherapie

ansprechen


140 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

(C) Abschluss:

Zusammenfassung der Hauptproblematik

und der bisherigen Lösungswege

� bisherige und neue Lösungswege betonen

� u. U. Bewältigungsschritte chronologisch aufzeigen

� hauptsächlich aus dem gemeinsam erarbeiteten Material schöpfen (keine

Ratschläge)

� ggf. Absprachen treffen

� Rolle des BÜB betonen, d.h. „nur“ Hilfe zur Entscheidungsfindung

� Hinweis auf kurze telefonische Nachfrage bzgl. des Befindens ca. 6-8

Monate später

� Ende der Betreuungstätigkeit betonen (Stichwort: „geordneter Rückzug“)

� Hinweis auf Begleitung bei Zeugenaussagen vor Gericht

Die Unterschiede zum eher unkomplizierten Nachgespräch liegen vor allem im

diesmal zweischrittigen mittleren Teil (B):

� Hier werden im ersten Schritt zunächst noch einmal die im ersten Teil

genannten Probleme aufgeführt. Der Betroffene gibt an, welches Problem für

ihn am drängendsten ist, also das „Hauptproblem“ darstellt. Für dieses Problem

werden in der Folge die Problembedingungen eruiert (wann? wo? wie oft? wie

stark?). Auch gilt es zu klären, welche eigenen Verursachungshypothesen der

Betroffene hat, denn diese geben häufig auch Aufschluss im Hinblick auf

mögliche Lösungsansätze. Die Frage nach zusätzlichen Stressfaktoren im Leben

des Betroffenen erleichtert es dem BÜB, das Problem angemessen

einzuordnen. Auch sollte hier nach der bisherigen Thematisierung und

Besprechung des Problems gefragt werden. Folgend werden Lösungsansätze in

einem Brainstorming gesammelt. Falls es sich bei dem Problem um ein schon

aus anderen Lebenskontexten bekanntes handelt, stellt sich die Frage, wie

früher damit – erfolgreich oder erfolglos – umgegangen wurde.

� Im zweiten Schritt gilt es, die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen

Lösungsansätze systematisch auszuloten. In manchen Fällen ist es ratsam,

explizit auf psychotherapeutische Hilfe zu verweisen. Gegebenenfalls wird

der Mittelteil mehrfach „durchlaufen“, wenn der Betroffene mehr als ein

Problem thematisieren möchte.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 141

Auch der Schlussteil (C) dieses Nachgesprächs gestaltet sich länger. Dabei

versucht der BÜB, chronologisch den Lösungspfad in Form einer strukturierten

Zusammenfassung des Gesprächsprozesses nachzuzeichnen. Gegebenfalls werden

Absprachen über weitere Schritte getroffen (z.B. ein gemeinsames Gespräch

mit dem Chef, an dem auch der BÜB teilnimmt). Hier empfiehlt sich ganz

besonders der Verweis auf Diskretion.

In der Folge wird – gemäß den Wünschen der TN – der Kontext für ein Rollenspiel

bestimmt. Dabei sollte die Thematisierung psychotherapeutischer Hilfe als

Bestandteil des Rollenspiels eingebaut werden.


142 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Aufgaben und Grenzen des BÜB (3):

Das Nachgespräch

1. Sammlung von Konzeptionsideen für das

Nachgespräch

2. Einübung des Nachgesprächs in Rollenspielen





Ziele Dauer

Materialien


ca. 50 Min.

für den SL für die TN sonstiges

PPP M10/2-1

PPP M10/2-2

PPP M10/2-1-FV

PPP M10/2-2-FV

� Kleingruppenarbeit

� Rollenspiele


� Folien

� Folienschreiber

Techniken

Bemerkungen

Durchführungshinweise zu

M10/2

Bei den Rollenspielen sollte darauf geachtet werden, dass die Rollenspieler für die übrigen

TN gut sichtbar sind und gleichzeitig einen freien Blick auf die projizierten Leitfäden haben.


Beamer/ OHP

� Flipchart


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 143

Hintergrundinformationen (3):

Professionelle Hilfe –

Der Weg zur Psychotherapie

Präsentation

PPP M11/2-1

Vorbemerkung

In großen Teilen der Bevölkerung herrscht

einerseits große Unklarheit darüber, was

Psychotherapie eigentlich ist bzw. welche

Berufsgruppen psychotherapeutisch tätig

sind. Andererseits ist der Weg zum

Psychotherapeuten häufig mit Ängsten

verknüpft; Halbwissen, Vorurteile, falsche

Vorstellungen und oft auch Unwissenheit

verhindern nicht selten, dass Menschen

psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Einführung ..............................

Aktivierung

und Konzeption ..............

Information ..........

Die Frage, was Psychotherapie „eigentlich“ ist, kann im Rahmen dieses Manuals

nicht umfassend beantwortet werden. Im Laufe der Geschichte dieses inzwischen

über 100 Jahre alten Berufszweigs haben sich eine Vielzahl von Schulen (z.B.

Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, Familientherapie

etc.) herausgebildet, die diesen Begriff sehr unterschiedlich definieren würden.

Dennoch teilen inzwischen die meisten Psychotherapeuten die Ansicht,

Psychotherapie in erster Linie als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu betrachten.

Auch wenn die Frage also in allgemeiner Form nicht beantwortet werden kann,

sollte deutlich geworden sein, wie ein therapeutisches Vorgehen in Bezug auf die

möglicherweise dem Überfallgeschehen folgenden Angst- und Belastungsreaktionen

aussehen kann (z.B. in Modul 4/1, wo auf psychotherapeutische

Methoden der Angstbehandlung eingegangen wird).

Um das Verständnis für Psychotherapie im Allgemeinen noch weiter zu erhöhen,

muss jedoch ferner geklärt werden, welche Berufsgruppen eigentlich psychotherapeutisch

tätig sein können. Hier herrscht ein großes Durcheinander an Begriffen:

Therapeut, Psychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut, Psychologe,

M4/1

Gesprächsmanagement

..................

Aufgaben und

Grenzen des BÜB ..............

M2/1

M5/1

M6/1

Abschluss

und Evaluation ...........................

M11/2

M1/1

M9/2

M7/1

M12/2

M3/1

M8/2

M10/2

M11/2


144 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Psychiater, Neurologe, Psychoanalytiker usw., um nur einige zu nennen. Hierauf

wurde bisher nicht eingegangen; eine Orientierung scheint aber unbedingt

notwendig, um Menschen den ersten Schritt in die Therapie zu erleichtern.

Der Einsatz von sog. Notfall-Psychologen am Überfalltag wird neuerdings von der

Versicherung der Sparkassen, der Provinzial, angeboten. Einen kurzen Überblick zu

geben, was die Spezialisierung im Bereich Psychotraumatherapie für den spezifischen

Umgang mit Betroffenen bedeutet, soll ebenfalls Ziel dieses Moduls sein.

Ebenso kann es eine große Erleichterung für Hilfesuchende sein, zu wissen, wie

sie konkret den ersten Schritt zum Psychotherapeuten machen können und was

dann (sozusagen „rein organisatorisch“) passiert. Muss zunächst ein Arzt

aufgesucht werden? Wer zahlt die Therapie? Wie lange dauert eine Therapie in der

Regel? Auch hier herrscht noch oft Informationsbedarf.

Think!

Ein Hinweis zur Haltung des (jeweiligen) SL:

Es ist offensichtlich, dass der Schwerpunkt dieses Moduls auf der Informationsvermittlung

liegt, weshalb die nachfolgenden Ausführungen zu den Unterpunkten 2 bis 4

vollständig als Merkblätter ( PPP M11/2-1)für die TN, und ggf. die Betroffenen,

ausgegeben werden können. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es ebenfalls

Aufgabe des SL ist, den Teilnehmern Psychotherapie als modernes

Dienstleistungssystem nahe zu bringen, das selbstverständlich in Anspruch genommen

werden kann, ohne gleich als „verrückt“, „krank“ oder „durchgeknallt“ zu gelten. Diese

Selbstverständlichkeit psychotherapeutischer Leistungen und ihrer Inanspruchnahme

sollte der SL in seiner Haltung zum Ausdruck bringen. Es ist daher von Vorteil, wenn er

selbst psychotherapeutischen Maßnahmen grundsätzlich positiv gegenüber steht.

Durchführung

Der Kurzvortrag gliedert sich in folgende Teile:

1. Psychotherapeutische Berufsfelder

2. Vorgehensweisen im Bereich Psychotraumatherapie

3. Inanspruchnahme eines Notfall-Psychologen

4. Der Weg zur Psychotherapie


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 145

Beschreibung der PowerPoint-Präsentation (PPP M11/2-1)

1. Psychotherapeutische Berufsfelder

Die nachfolgende Abbildung (Abb. 9) gibt einen komplexen Überblick über die

verschiedenen Studien- und Ausbildungswege, die zum Beruf des Ärztlichen oder

Psychologischen Psychotherapeuten (PP) führen. Nur diese vollständigen

Berufsbezeichnungen sowie die Titelführung als Diplom-Psychologe weisen den

nach den Richtlinien des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) ausgebildeten

und anerkannten Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten aus, da die

bloße Bezeichnung „Psychotherapeut“ oder „Psychologe“ nicht rechtlich

geschützt ist und somit auch von „Laien“ geführt werden kann. Die Psychotherapeuten,

die bspw. Diplom-Pädagogik studiert haben, können nur zum

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) ausgebildet und nur mit

dieser Bezeichnung zugelassen werden.

Als was sich später ein Therapeut bezeichnet, der Auffälligkeiten im Denken,

Erleben und Verhalten von Menschen behandelt, also „psychotherapeutisch“ tätig

ist, hängt im Wesentlichen von zwei Entscheidungen ab, die er im Laufe seines

Lebens trifft: der Wahl des Studiums und der Wahl der psychotherapeutischen

Zusatzausbildung.

Bislang gibt es im Vergleich zu Medizinern mehr Diplom-Psychologen, die

psychotherapeutische Leistungen in ihren Psychotherapiepraxen anbieten, was

u.a. mit der klinisch-psychotherapeutischen Orientierung im Studium sowie evtl.

mit dem frühen Berufswunsch, Psychotherapeut werden zu wollen und deshalb

von Anfang an Psychologie zu studieren, zusammenhängen kann. Der Anschluss

an die Kassenärztliche Vereinigung (KV), und somit die Abrechnungsform über

alle Kassen, ist mit dem medizinischen Versorgungssystem identisch (z.B.

Praxisgebühr; Überweisungen; Versicherungskarte).


146 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Medizin

(mind. 6 Jahre)

Ärztl. Vorprüfung/

Ärztl. Prüfung

Approbation

(Arzt ohne

Gebietsanerkennung)

Psychotherapeutische Berufsfelder

evtl.

Dr.

med.

Fachärztliche

Weiterbildung

(seit 1924; 2-6 Jahre)

„Facharzt“ (FA)

u.a.:

FA Psychiatrie und Psychotherapie

FA Psychosomatische Medizin und

Psychotherapie

FA Kinder- und Jugendpsychiatrie

und -psychotherapie

Studium

Psychologie

(mind. 4 Jahre,

i.d.R. 6 Jahre)

Vor-Diplom/

Haupt-Diplom

evtl.

Dr. phil.,

Dr.rer.nat.

Dipl.-

Psych.

Psychotherapeutische

Weiterbildung (PP/KJP)

(seit 1999 [PsychThG]; mind. 3 Jahre)

Anerkannte Verfahren:

- Verhaltenstherapie (VT)

- Psychoanalyse (PA)

- Tiefenpsychologische Verfahren

Approbationals ...

Psychologischer

Psychotherapeut

(PP)

(nur Psych.! )

Abb. 9: Psychotherapeutische Berufsfelder

Pädagogik,

Soziologie

etc.

Diplom, Magister

etc.

evtl.

Dr. phil.,

Dr. päd.

Dipl.-

Päd.

etc.

Kinder- u.

Jugendlichenpsychotherapeut

(KJP)

(Psych. + Päd. etc.)


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 147

2. Vorgehensweisen im Bereich Psychotraumatherapie

In den letzten Jahren ist der Bedarf an spezifisch ausgebildeten Psychotherapeuten,

die sowohl in akuten psychischen Notfällen als auch in der

psychotherapeutischen Nachsorge und Behandlung gezielte Methoden der

Unterstützung, Klärung und Bewältigung im Umgang mit Traumatisierten

anwenden können, sehr gestiegen.

Bekannte Beispiele für den Einsatz von sog. Notfall-Psychologen und

Psychotraumatologen sind die Betreuung der Unfallopfer des Zugunglücks von

Eschede, die Versorgung der Betroffenen durch das Amok-Attentat eines Schülers

in Erfurt und bspw. verschiedene Geiselnahmen, wie im Fall des „Geiseldramas

von Gladbeck“, sowie nach Natur- und Umweltkatastrophen (z.B. auch bei

Einsätzen in Begleitung des Technischen Hilfswerks, bspw. bei

Hochwasserkatastrophen an Oder und Elbe).

Die Spezialisierung erfolgt durch Zusatzausbildungen unterschiedlicher

Institutionen, wobei der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und

Psychologen (bdp) als Dachverband bspw. über eine eigene Fachgruppe,

Ausbildungsmöglichkeiten und auch Adressenlisten eines überregionalen

Versorgungsnetzes verfügt. Die Zusammenarbeit mit universitären Instituten zur

Traumaforschung und unterschiedlichen Psychotherapeuten-Verbänden garantiert

inzwischen einen hohen Standard in der Versorgung von Trauma-Opfern.

Im Bereich Psychotherapie gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die jeweilige

Problematik sowie die Therapieziele des Patienten zu bearbeiten. Die beiden

derzeit von den Krankenkassen zugelassenen „großen“ Therapierichtungen sind

die analytische bzw. tiefenpsychologische Psychotherapie sowie die

Verhaltenstherapie. Ohne hier auf die Entwicklung und Inhalte dieser

unterschiedlichen Verfahren eingehen zu wollen, sei für die Spezialisierung im

Bereich Psychotraumatherapie erwähnt, dass die derzeit wirksamsten Therapiebestandteile

nach Anwendung gezielter Methoden der Krisenintervention im

Akutfall inzwischen therapieschulenübergreifend vergleichbar sind. Bei der

Behandlung von Angststörungen im Zusammenhang mit dem Überfallgeschehen,

bei denen Betroffene z.B. unterschiedliche Situationen zu vermeiden beginnen,

haben sich die Verfahren der sog. Kognitiven Verhaltenstherapie (vgl. Modul

4/1 ) als Mittel der Wahl durchgesetzt. Dies wird von einer sehr großen Anzahl

wissenschaftlicher Studien belegt und gilt inzwischen weitgehend als Konsens.


148 L EHRKONZEPT BÜB Ribbert, Josephs & Hungerige

Die drei anerkannten Psychotherapieschritte bei der Traumatherapie bestehen

zunächst, unter aktiver Mitarbeit der Patienten, aus (1) Methoden zur

Stabilisierung des psychischen Gesamtzustandes und (2) der Traumabearbeitung,

die u.a. den Umgang mit den belastenden Erinnerungen an das als traumatisch

Erlebte erleichtern helfen soll. In der sog. Reintegrationsphase (3) besteht die

Aufgabe u.a. darin, mögliche durch das Trauma verursachte seelische und

körperliche Verluste und Verletzungen in die persönliche Biographie und

Selbstsicht der Trauma-Betroffenen zu integrieren (vgl. Modul 9/2) .

3. Inanspruchnahme eines Notfall-Psychologen

Seit 2003 haben die Sparkassen die Möglichkeit, über die Provinzial, die

Versicherung der Sparkassen, im Akutfall einen sog. Notfall-Psychologen

anzufordern. Dieser wird von einer notfallpsychologischen Zentrale aus dem

bestehenden Versorgungsnetz in der jeweiligen Region verständigt und im Laufe

des Überfalltages vor Ort erscheinen, um Krisenintervention anzubieten. 7

Notfallpsychologe und BÜB-Team können parallel im Einsatz sein, da – wie im

Schulungsmanual ausführlich dargelegt – die Aufgaben und Zielsetzungen der

externen gegenüber der internen Betreuung unterschiedlich sind und so auch auf

die Betroffenen wirken. Der Vorteil einer internen Betreuungsmaßnahme wie der

vorliegenden ist sicherlich die langfristige Möglichkeit der Überfall-Betroffenen,

auch noch nach „langer“ Zeit Ansprache und Informationen durch die

hausinternen Betreuungspersonen zu haben – um so mehr, wenn sich die Folgen

gar nicht auf psychisch-gesundheitliche Störungen beziehen, sondern bspw. auf

arbeitsklimatische, betriebsinterne Veränderungen nach dem Überfallgeschehen.

4. Der Weg zur Psychotherapie

Die Suche nach einem geeigneten Ärztlichen oder Psychologischen

Psychotherapeuten, der auf Angststörungen und/ oder Psychotraumatherapie

spezialisiert sein sollte, wird derzeit durch Empfehlungen des GUVV Westfalen-

Lippe, der Sparkassenversicherung Provinzial sowie durch Informationsdienste

7 Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat im Sommer 2004 eine Kommission zur

Definition verbindlicher Standards für Notfallpsychotherapie, Notfallpsychologie und

Psychologische Erste Hilfe einberufen.


Ribbert, Josephs & Hungerige LEHRKONZEPT BÜB 149

der Psychologenverbände 8 erleichtert. Im besten Falle sollten bei solchen

Empfehlungen keine langen Wartezeiten entstehen, womit man ansonsten leider

bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz heutzutage rechnen muss. Viele

Sparkassen treffen deshalb mit ausgewählten Psychotherapeuten aus ihrer Region

Sondervereinbarungen, um zumindest therapeutische Vorgespräche rasch zu

ermöglichen.

Solche Vorgespräche sind notwendig, um sich seitens des an Psychotherapie

interessierten und somit künftigen Patienten ein Bild von der Therapieplanung und

der möglichen Zusammenarbeit mit dem Therapeuten machen zu können. Von

den Therapeuten werden in Vorgesprächen nochmals die Beschwerden

diagnostiziert und mögliche Therapieziele mit dem künftigen Psychotherapie-

Patienten definiert sowie über geeignete Methoden der Behandlung informiert.

Vorgespräche bei unterschiedlichen Therapeuten sind bei der Wahl des

Geeigneten durchaus üblich, da es sich ja um eine Art vertrauensvoller Zusammenarbeit

handeln sollte (insgesamt genehmigen die Kassen/ Versicherungen zzt.

5 Vorgespräche als sog. „probatorische Sitzungen“).

Die Kosten einer Psychotherapie übernimmt nach Arbeitsunfällen, zu denen aus

versicherungstechnischer Sicht das Überfallgeschehen mit der Folge „psychischer

Verletzung“ zählt, der Gemeindeunfallversicherungsverband (GUVV), wenn die

diagnostizierten Beschwerden des Betroffenen in direktem ursächlichem

Zusammenhang mit dem Überfall stehen. (Im Übrigen verdeutlicht diese

Zuständigkeit auch nochmals die Notwendigkeit der „Unfallmeldung“ an den

GUVV, die nach jedem Überfall von allen Betroffenen erstellt werden muss, um

auch spätere Behandlungs- oder auch Rentenansprüche und deren Kostenübernahme

geltend machen zu können.)

Ein Psychotherapieanliegen ohne diesen arbeitsrechtlichen Zusammenhang wird

vom Psychotherapeuten der Wahl im Verlauf der Vorgespräche beantragt und von

der jeweiligen Krankenkasse, bislang ohne Zuzahlung der Patienten, bewilligt. Die

Vorlage der Versichertenkarte (Chip-Karte) sowie eine Überweisung zum

Psychotherapeuten und/ oder die Entrichtung der Praxisgebühr entsprechen

inzwischen dem gewohnten Verfahren im Gesundheitsversorgungssystem der

Krankenkassen.

8 Zum Beispiel der Psychotherapie-Informations-Dienst (PID), ein Internet-Suchdienst des

bdp, der Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten kostenlos an Hilfesuchende in ihrer

Umgebung vermittelt (www.psychotherapiesuche.de).


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Dauer und Frequenz einer Psychotherapie umfassen im Rahmen einer sog.

Kurzzeittherapie 25 bis 30 Sitzungen, die je nach Methodik ein- bis zweimal

wöchentlich für die Dauer von durchschnittlich 50 Minuten stattfinden. Bei

vereinbarten (Verhaltens-)Übungen kann ein Therapietermin auch länger dauern

und außerhalb der Praxis verabredet werden (bspw. zur Bearbeitung von

belastenden Problemen oder Ängsten bzgl. bislang vermiedener Situationen und

Orte).

Eine Therapie kann selbstverständlich die von der Krankenkasse bewilligte

Stundenzahl, die zunächst nur als Richtwert gilt, bis zur Zielerreichung der

Anliegen (Bewältigung/ Heilung) unterschreiten. Ebenso kann die Therapie per

Antrag verlängert werden, um Therapieerfolge zu stabilisieren oder weitere zu

erreichen. Ein Patient kann auch von sich aus die Therapie vorzeitig beenden oder

den Wunsch nach Verlängerung äußern. Psychotherapie versteht sich somit auch

als Dienstlei