Leseprobe Magazin Frank&Frei 03/2017
Magazin für Politik, Wirtschaft und Lebensstil
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DAS HEFT ZUR<br />
WAHL <strong>2017</strong><br />
Hintergründe<br />
Analysen<br />
Interviews<br />
Ausblicke<br />
MAGAZIN FÜR POLITIK, WIRTSCHAFT UND LEBENSSTIL<br />
A, D: € 8,50<br />
Zeitenwende<br />
ANDREAS<br />
UNTERBERGER<br />
KARIN<br />
KNEISSL<br />
LOTHAR<br />
HÖBELT<br />
WERNER<br />
REICHEL<br />
In den Demokratien<br />
sind die Krisensymptome<br />
nicht zu<br />
übersehen<br />
Wer nicht fromm den<br />
Losungen der EU-Institutionen<br />
folgt, riskiert<br />
den Pranger<br />
Wesentlich ist:<br />
Es gibt eine deutliche<br />
Mitte-Rechts-<br />
Mehrheit<br />
Ohne mediale Erhöhung<br />
schrumpfen SPÖ<br />
und Grüne auf ihr Normalmaß
Anzeige
BRIEF DES HERAUSGEBERS<br />
Schwieriger als<br />
die Arbeiten des Herakles<br />
Eines der unsympathischsten<br />
Wesensmerkmale der Politik ist<br />
es, mit großen Ankündigungen<br />
zu hantieren und dies meist so lange,<br />
bis das Gegenteil bewiesen ist oder<br />
schlichtweg alle Chancen auf Verbesserung<br />
vergeben sind. Von Wahlperiode<br />
zu Wahlperiode übertreffen sich die Berufspolitiker<br />
mit Versprechungen zur<br />
positiven Veränderung dessen, was sie<br />
Jahre zuvor selbst angerichtet haben.<br />
Tatsächlich werden partielle Verbesserungen<br />
nur um den Preis der Verpfändung<br />
der Zukunft erreicht. Eines der<br />
grundlegenden Übel ist die Realherrschaft<br />
der Oligarchien, die sich völlig<br />
frei in einem formalen demokratischen<br />
Rahmen bewegen, der lediglich zur<br />
Legitimation dient. Demokratie existiert<br />
am Papier, realiter herrscht ein<br />
starkes Netz an Bindungen zwischen<br />
wirtschaftlichen Interessen, politischen<br />
Funktionsträgern und geostrategischen<br />
Voraussetzungen. Dies gilt im Kleinen<br />
genauso wie im Großen, lediglich die<br />
Dimension des Geldes und der Einsatz<br />
der Mittel steigt proportional zur Einflussmächtigkeit<br />
der Akteure.<br />
Für das kleine Österreich im europäischen<br />
Verbund gilt dies umso mehr, als<br />
der Durchsetzung von Eigeninteressen<br />
innerhalb der Europäischen Union de<br />
jure enge Grenzen gesetzt sind. De facto<br />
bestehen allerdings auch für kleinere<br />
Staaten Möglichkeiten, vitale Eigeninteressen<br />
zu schützen und mit Vehemenz<br />
zu vertreten. Die Visegrád-Staaten sind<br />
dafür ein beredtes Beispiel. Trotz massiver<br />
Anfeindungen und Drohungen von<br />
Seiten der EU-Führung schlagen diese<br />
Staaten in der Frage der Migration einen<br />
vom EU-Dogma der offenen Grenzen<br />
völlig abweichenden Kurs ein. Die<br />
offensichtliche Wirksamkeit dieser Politik<br />
gibt ihnen bis dato Recht. Nun stehen<br />
in Österreich Wahlen vor der Tür, die<br />
tatsächlich von einem einzigen Thema<br />
geprägt sind, das alle anderen ihrer Priorität<br />
beraubt, alles geradezu aufsaugt<br />
und sich einverleibt: eben die – derzeit<br />
vor allem Europa betreffende – Migration<br />
von völlig kulturfremden Menschen<br />
in ein offenes Sozialsystem.<br />
Die Hauptakteure in den wahlwerbenden<br />
Gruppen sind sich dieses Umstands<br />
bewusst, sogar Grüne wie Peter<br />
Pilz haben längst begriffen, dass es<br />
künftig nicht mehr um die Glaubhaftmachung<br />
der vermeintlich richtigen<br />
Moral geht, sondern um die Bewahrung<br />
des westlich-abendländischen Lebensstils,<br />
einer fruchtbaren Kultur und<br />
einer in Rechtsnormen vertrauenden<br />
europäischen Gesellschaft. Die Nationalratswahlen<br />
vom 15. Oktober <strong>2017</strong><br />
werden die Weichen für das Überleben<br />
oder Nichtüberleben einer österreichischen<br />
Gesellschaft stellen, so wie wir<br />
sie heute noch kennen. Allerdings wird<br />
die neue Regierung, egal welche Couleurs<br />
sich zusammenfinden werden,<br />
Probleme zu bewältigen haben, gegen<br />
die sich die zwölf legendären Aufgaben<br />
des Herakles vergleichsweise einfach<br />
darstellen. In Österreich existiert nicht<br />
nur ein Stall des Augias, sondern eine<br />
ganze Armada von Einrichtungen, die<br />
ausgemistet und teilweise abgeschafft<br />
gehören. Die Hydra namens Bürokratie<br />
hat weit mehr als neun Köpfe, die<br />
stymphalischen Vögel in den linken Redaktionsstuben<br />
der Mainstreammedien<br />
Christian Günther, Herausgeber<br />
werden ihre Pfründe bis zum Umfallen<br />
verteidigen und die gescheiterte Integration<br />
der kulturfremden Migranten<br />
der zweiten und dritten Generation<br />
wird das österreichische Sozialsystem<br />
in einer Weise zertrümmern, wie der<br />
kretische Stier die griechischen Landstriche.<br />
Um gleich im Genre zu bleiben,<br />
die kommende Regierung wird<br />
Protagonistin einer griechischen Tragödie<br />
sein, egal was sie anpackt, sie<br />
wird die Konsequenzen zu erleiden<br />
haben. Schlägt diese Regierung einen<br />
radikalen, neuen Weg des Gestaltens<br />
ein, sprich geht sie die herakleischen<br />
Aufgaben an, so wird sie den vollen<br />
Widerstand der sterbenden, linken Sozialschmarotzerkaste<br />
erleben, versucht<br />
sie einfach dort weiterzumachen, wo<br />
ihre Vorgängerinnen aufgehört haben,<br />
dann werden die moslemischen Parallelgesellschaften<br />
innerhalb von drei bis<br />
fünf Jahren die öffentliche Ordnung so<br />
weit erschüttert haben, dass die autochthone<br />
Bevölkerung ihren Schutz selbst<br />
organisieren muss. Was dies bedeutet,<br />
kann am Beispiel der Geschichte des<br />
Libanon abgelesen werden. Fazit: Das<br />
Land braucht einen Herakles.<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17<br />
3
EDITORIAL<br />
Zeitenwende<br />
Im aktuellen Heft dreht sich alles<br />
um die Nationalratswahl am 15.<br />
Oktober. Deshalb vorweg eine<br />
Entschuldigung an unsere Leser in<br />
Deutschland, für die diese Ausgabe<br />
ausnahmsweise nicht ganz so spannend<br />
ist. Für alle Abonnenten außerhalb<br />
Österreichs gilt deshalb, dass wir<br />
Ihnen dieses Heft gratis zusenden.<br />
Damit verlängert sich ihr Abo um eine<br />
Ausgabe. Zeitenwende ist der Titel<br />
und der rote Faden, der sich durch die<br />
dritte Ausgabe von Frank&<strong>Frei</strong> zieht.<br />
Diese Wende ist schon jetzt, wenige<br />
Wochen vor der Wahl, überall im Land<br />
zu spüren. Es liegt etwas in der Luft.<br />
Und dabei geht es nicht so sehr um<br />
die wöchentlichen Umfrageergebnisse,<br />
die die Zeitenwende ankündigen. Auch<br />
wenn sie Menschen, die sich nicht im<br />
politischen Koordinatensystem links<br />
verorten, mit freudiger Erwartung erfüllen.<br />
Wenn es die Grünen tatsächlich<br />
nicht mehr ins Parlament schaffen sollten,<br />
dann wäre das ein sehr deutliches<br />
Zeichen. Es wäre das Ende eine Ära,<br />
die Mitte der 1980er Jahre begonnen<br />
hat. Diese Partei hat wie keine andere<br />
die letzten Jahrzehnte geprägt, ihr<br />
ihren Stempel aufgedrückt, auch wenn<br />
sie nie in einer Bundesregierung war.<br />
Es wäre ein Schlussstrich unter all<br />
die krassen Fehlentwicklungen, die<br />
sich zu einem die Gesellschaft zersetzenden<br />
Gebräu vermengt haben. Es ist<br />
bezeichnend, dass sich einer der wichtigsten<br />
Proponenten dieser Bewegung,<br />
der ehemalige „Revolutionäre Marxist“<br />
Peter Pilz, jetzt wo der Karren tief im<br />
Dreck steckt, absetzt und auf „Heimat“-Retter<br />
macht. Ein Wendehals. Die<br />
Folgen der grünstichigen, neosozialistischen<br />
Politik, die viele andere Parteien,<br />
nicht zuletzt die ÖVP, mitgetragen<br />
und in großen Teilen übernommen<br />
haben, sind mittlerweile so katastrophal<br />
und unübersehbar, dass selbst<br />
Werner Reichel, Chefredakteur<br />
die Mainstreammedien scheitern, sie<br />
den Bürgern als noch akzeptabel anzudrehen.<br />
Weshalb sich immer mehr<br />
Vertreter dieser Politik überhastet aus<br />
dem Staub machen. Nachdem Eva Glawischnig<br />
das Handtuch geworfen hat,<br />
hat auch Michael Häupl seinen Rückzug<br />
angekündigt. Beide hinterlassen<br />
politische Trümmerfelder.<br />
Die meisten Österreicher haben die<br />
Nase voll, von der „alternativlosen“<br />
linken Wir-müssen-Politik. Immer<br />
mehr Bürger erkennen, dass wir nicht<br />
„müssen“, was uns die linken Priester<br />
der politischen Korrektheit täglich<br />
vorbeten. Nein, wir müssen nicht das<br />
Klima „retten“, die Unterschiede zwischen<br />
Männern und Frauen verleugnen,<br />
die Grenzen und unsere Geldbörsen<br />
noch weiter öffnen und Millionen<br />
von Menschen aus der Dritten Welt bei<br />
uns aufnehmen und sie und ihre Nachkommen<br />
versorgen. Das Geschäftsmodell<br />
linker Politik, die moralische<br />
Erpressung, hat sich angesichts ihrer<br />
katastrophalen Folgeschäden totgelaufen.<br />
Es ist zu einem Stimmungsumschwung<br />
gekommen. Am 15. Oktober<br />
wird von den Bürgern der Auftrag erteilt<br />
werden, diese selbstzerstörerische<br />
Politik zu beenden und endlich mit<br />
den Aufräumarbeiten zu beginnen. Die<br />
schweren Schäden, die diese neosozialistische<br />
Politik in den vergangenen<br />
Jahren in unserem Land verursacht<br />
hat, müssen rasch behoben werden.<br />
Viele von ihnen sind allerdings irreparabel.<br />
Es wird am Wahlsieger, also mit<br />
höchster Wahrscheinlichkeit an Sebastian<br />
Kurz, liegen, diesen Auftrag umzusetzen.<br />
Ein schwarz-rotes Weitergewurschtel,<br />
egal wie der SPÖ-Chef nach<br />
der Wahl auch heißen mag, will kaum<br />
noch jemand. Es wäre fatal und würde<br />
auch unserem demokratischen System<br />
große Schäden zufügen. Da würde es<br />
auch nicht helfen, wenn die SPÖ Verteidigungsminister<br />
Doskozil zu ihrem<br />
neuen Chef macht. Denn dieser vertritt<br />
nur einen Flügel der SPÖ. Es würde zu<br />
Konflikten und Machtkämpfen mit dem<br />
vor allem in Wien beheimateten ultralinken<br />
Flügel kommen. Und eine Regierung<br />
mit einer zerrissenen und tief<br />
gespaltenen SPÖ braucht Österreich<br />
derzeit so dringend wie einen Kropf.<br />
Diesen „Change“, den immer mehr<br />
Menschen in diesem Land wollen und<br />
das Land auch dringend braucht, hat<br />
sich schon bei der Bundespräsidentenwahl<br />
angekündigt. Damals konnte<br />
er aber durch die gewaltigen Anstrengungen<br />
all jener Kräfte, die gut vom<br />
derzeitigen politischen System leben,<br />
noch knapp verhindert werden.<br />
Diesmal wird es nicht mehr gelingen.<br />
Auch wenn jene, die jetzt um ihre<br />
guten Posten und Einkommen fürchten,<br />
und das sind Hunderttausende,<br />
mit allen Tricks und Mitteln versuchen<br />
werden, diesen Wechsel zu verhindern.<br />
Dazu gehören auch die Medien.<br />
Viele von ihnen fürchten um ihre<br />
Zukunft, wenn die Genossen nicht<br />
mehr an den Schalthebeln sitzen,<br />
weshalb viele von ihnen jeden journalistischen<br />
Anspruch aufgegeben<br />
haben und ganz offen und ungeniert<br />
Propaganda betreiben. Allein, es wird<br />
nichts nutzen. Zumal die von der linken<br />
Umverteilungspolitik abhängigen<br />
Medien, NGOs, Vereine und Institutionen<br />
noch kein Rezept gegen ihren<br />
Niedergang gefunden haben und des-<br />
4 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17
EDITORIAL<br />
halb versuchen, mit ihren ranzigen<br />
Strategien den Klassenfeind zu diskreditieren.<br />
So wie die fallenden Blätter<br />
den Herbst ankündigen, so kündigen<br />
die Nazi-Vorwürfe von SPÖ-nahen<br />
Vereinen gegen die FPÖ, die heiße<br />
Phase des Wahlkampfes an. Bloß,<br />
auch die einstige Wunderwaffe, die<br />
Faschismus-Keule, hat sich abgenutzt.<br />
Die Österreicher wollen Veränderung,<br />
wollen endlich klare Antworten und<br />
konkrete Maßnahmen, die Zeiten der<br />
Politik der schönen Worte und leeren<br />
Phrasen sind vorbei. Sehr zum Leidwesen<br />
von SPÖ-Chef Christian Kern,<br />
der ein Meister in dieser Disziplin ist.<br />
Deshalb ist der Titel dieser Ausgabe<br />
„Zeitenwende”. Wir haben mit vielen<br />
Menschen über die aktuellen Situationen<br />
und Entwicklungen gesprochen.<br />
Sie finden diesmal viele Interviews in<br />
Frank&<strong>Frei</strong>. Etwa mit Lothar Höbelt,<br />
Andreas Khol oder Karl Schlögl. Von<br />
den Spitzenkandidaten haben wir nur<br />
mit FPÖ-Chef Heinz Christian Strache<br />
gesprochen. Das lag aber nicht an unserem<br />
Unwillen, sondern an den Kandidaten<br />
selbst. Christian Kern, genauer<br />
gesagt sein Pressesprecher, hat ein<br />
Interview ebenso abgelehnt wie Ulrike<br />
Lunacek. Die Grünen meinten gar zu<br />
einem unserer Journalisten, man wolle<br />
in diesem Heft nicht vorkommen.<br />
Das kann man sich in einer Demokratie<br />
aber leider nicht aussuchen. Auch<br />
Matthias Strolz von den NEOS zierte<br />
sich und ein Interview mit Sebastian<br />
Kurz kam ebenfalls nicht zustande.<br />
Aus welchen Gründen auch immer.<br />
Das bedeutet nicht, dass dadurch die<br />
Qualität und der Informationsgehalt<br />
dieses <strong>Magazin</strong>s gemindert würden,<br />
wir wollten allen Politikern ein Podium<br />
geben. Unser feines <strong>Magazin</strong><br />
spielt bei der Wahlentscheidung natürlich<br />
kaum eine Rolle, im Gegensatz<br />
zu den großen Playern am heimischen<br />
Medienmarkt, wie ORF, Österreich<br />
oder Profil. Aber wie gesagt, wir erleben<br />
eine Zeitenwende, die auch die<br />
heimische Medienlandschaft umkrempeln<br />
wird. Wir sind guter Dinge.<br />
Frank&<strong>Frei</strong> wird seine erfolgreichen<br />
Weg fortsetzen.<br />
Verlag für Bücher und Zeitschriften
INHALT<br />
RUBRIKEN<br />
NATIONALRATSWAHL <strong>2017</strong><br />
3<br />
BRIEF DES HERAUSGEBERS<br />
Schwieriger als<br />
die Arbeiten des Herakles<br />
08<br />
JÜRGEN POCK<br />
Des Kanzlers Kardinalfehler<br />
32<br />
WALTER SONNLEITNER<br />
Das Wahlkaleidoskop <strong>2017</strong><br />
4<br />
EDITORIAL<br />
Zeitenwende<br />
14<br />
ANDREAS UNTERBERGER<br />
Demokratie: Wenn ein System in die<br />
Krise kommt<br />
39<br />
NATIONALRATSWAHL <strong>2017</strong><br />
Alle Parteien und Listen im Überblick<br />
18<br />
ANDREAS ZEPPELZAUER<br />
BENJAMIN ZEPPELZAUER<br />
Im Gespräch mit FPÖ- Bundespartei- und<br />
Klubobmann Heinz-Christian Strache<br />
40<br />
46<br />
MARGIT EISEN<br />
Kampf der Geschlechter<br />
WERNER REICHEL<br />
Im Gespräch mit Andreas Kohl<br />
24<br />
ANDREAS TÖGEL<br />
Wer nur zwischen Pest und Cholera<br />
wählen darf, hat im Grunde keine Wahl<br />
48<br />
ANDREAS ZEPPELZAUER<br />
BENJAMIN ZEPPELZAUER<br />
im Gespräch mit Karl Schlögl<br />
28<br />
WERNER REICHEL<br />
Interview mit Prof. Lothar Höbelt<br />
6 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17
INHALT<br />
54<br />
58<br />
ANDREAS UNTERBERGER<br />
SPÖ-Torschlusspanik:<br />
Versoge sich, wer kann<br />
KARIN KNEISSL<br />
EU-Frömmigkeit führt nicht zur<br />
EU-Reform<br />
74<br />
80<br />
DANIEL WITZELING<br />
FABIO WITZELING<br />
Soft Skills – Soft Kills<br />
Kommt es aufs Kaliber an?<br />
MARKUS M. GORTISCHNIG<br />
It's the demography, stupid!<br />
98<br />
100<br />
FRANZ JOSEF TOPOREK<br />
Der bessere Macron<br />
MAGDALENA STROBL<br />
Sanierungsbedürftig<br />
AUTOREN<br />
60<br />
WERNER REICHEL<br />
Weil's um was geht<br />
84<br />
PINA NUEBERG<br />
Die Kunst ist frei –<br />
ist sie das?<br />
100<br />
BILDNACHWEIS,<br />
IMPRESSUM<br />
64<br />
ANDREAS ZEPPELZAUER<br />
BENJAMIN ZEPPELZAUER<br />
im Gespräch mit<br />
Daniela Holzinger-Vogtenhuber<br />
90<br />
CHRISTIAN FREILINGER<br />
Welche Partei soll ich wählen?<br />
66<br />
KONRAD WEIß<br />
Der Kampf gegen Rechts und die konservativen<br />
Kollaborateure<br />
94<br />
EVA MARIA MICHELS<br />
Sebastian Kurz, Emmanuel Macron:<br />
Zwei politische „Wunderkinder“,<br />
das gleiche Ziel?<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17<br />
7
WAHL <strong>2017</strong><br />
Des Kanzlers<br />
Kardinalfehler<br />
Im Umgang mit der politischen Realität unterlaufen Christian<br />
Kern und seinem Kampagnenteam regelmäßig gravierende<br />
Fehler, die den Empörungspegel nicht nur parteiintern<br />
steigen lassen. Selten hat ein Kanzler so intensiv an seinem<br />
Imageschaden gearbeitet, noch bevor der Wahlkampf<br />
so richtig begonnen hat.<br />
– Jürgen Pock –<br />
Die Liste seiner Fehler ist lang.<br />
Und je näher der Urnengang<br />
rückt, desto voller wird das<br />
Verzeichnis seines Versagens. Kurz<br />
vor der vorgezogenen Nationalratswahl<br />
Mitte Oktober drängt sich für das<br />
interessierte Österreich der Verdacht<br />
auf, die Kanzlerpartei, angeführt von<br />
Christian Kern, arbeite entweder vehement<br />
an ihrer Selbsttötung oder zeige<br />
letzte Zeichen von Hybris. Im Tal<br />
der roten Krise angekommen, sucht<br />
die fragile Altpartei nun panisch nach<br />
Rettungsversuchen, um den schlechten<br />
Umfragewerten zu trotzen. Sogar<br />
innerhalb der SPÖ ist die Zukunftsangst<br />
mittlerweile genauso groß wie<br />
die Ratlosigkeit. Sie weiß um ihr Ablaufdatum<br />
und nähert sich diesem mit<br />
großen Schritten. Vom Hochsitz sozialdemokratischer<br />
Überheblichkeit aus<br />
sah man dem systematischen Wählerschwund<br />
seit Kreiskys politischer<br />
Hegemonie mit ungläubigen Augen<br />
zu. Die Partei nahm die negativen Entwicklungen<br />
mit einem Schulterzucken<br />
hin und setzte ihre Kernwählerschaft<br />
als selbstverständlich voraus. Zudem<br />
hatte sie jahrzehntelang Zeit, die<br />
wichtigsten institutionellen Knotenpunkte<br />
des gesellschaftlichen Koordi-<br />
8 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17
WAHL <strong>2017</strong><br />
1. Mai 2016, Rathausplatz: Abgesang auf die heimische Sozialdemokratie<br />
natensystems mit ihrem Weltbild zu<br />
besetzen. Der österreichischen Sozialdemokratie<br />
ging es zu gut.<br />
Harakiri auf offener Bühne<br />
Mit rot gefärbten Schaltstellen des<br />
Staates, der Wirtschaft, der Universitäten<br />
im Rücken erhoffte sich die<br />
Arbeiterpartei eine Perpetuierung der<br />
goldenen Zeiten. Es kam allerdings<br />
anders als gedacht. Selbst der permanente<br />
Import neuer Wähler, teuer<br />
erkauft mit Steuergeld, konnte die<br />
schlechten Ergebnisse nicht kompensieren.<br />
Der Status als Volkspartei ging<br />
schrittweise verloren. Die Sozialdemokratie<br />
wurde von der Realität in die<br />
Zange genommen. Die Zukunft sah<br />
düster aus. Das öffentliche Pfeifkonzert<br />
der eigenen Basis gegen Werner<br />
Faymann am Tag der Arbeit markierte<br />
schließlich Harakiri auf offener Bühne.<br />
Falls die Sozialdemokratie zu diesem<br />
Zeitpunkt noch lebte, war schwer<br />
zu erkennen, wie oder warum.<br />
Der rote Zeremonienmeister<br />
So wurde ein neuer Hoffnungsträger<br />
für die arg gebeutelte Partei gesucht<br />
und gefunden. Sein Name: Christian<br />
Kern. Seine Ansage: „Wenn wir<br />
dieses Schauspiel weiter liefern, ein<br />
Schauspiel der Machtversessenheit<br />
und der Zukunftsvergessenheit, dann<br />
haben wir nur noch wenige Monate<br />
bis zum endgültigen Aufprall“. Die<br />
Presse reagierte mit Lobeshymen<br />
auf diese reflexive Höchstleistung<br />
im Rahmen der ersten Pressekonferenz.<br />
Kerns New Deal geisterte im<br />
Anschluss landauf, landab durch die<br />
Leitartikel. Selbstbewusst stellte der<br />
SPÖ-Kanzler das Ende der politischen<br />
Rituale und Inhaltslosigkeit in Aussicht<br />
und fütterte die Medien mit absehbaren<br />
Allgemeinplätzen. Der rote<br />
Aufwind war spürbar. Christian Kern<br />
holte die SPÖ in Umfragen aus dem<br />
Allzeit-Tief. Der Absturz ins Bodenlose<br />
schien gebannt. Eine Trendwende<br />
kündigte sich an. Es folgte die Grundsatzrede<br />
in Wels. Und ein theatralischer<br />
Auftritt Kerns vor versammelter<br />
Mannschaft. Von Lichteffekten,<br />
Elvis-Klängen und Szenenapplaus begleitetet,<br />
begann die One-Man-Show.<br />
Mit der pfiffigen Marketingmasche<br />
namens Plan A landete der Kanzler<br />
wieder in den Kommentarspalten.<br />
Kraft medialer Hilfe wurde so vor<br />
lauter Hype um die Person Kern die<br />
Realität vergessen.<br />
Falscher Zauber<br />
Rote Parteistrategen und nach Inseratengeld<br />
gierende Medienmacher<br />
wurden nicht müde, die sinnstiftende<br />
Erzählung vom politischen Quereinsteiger<br />
und Erfolgsmanager Kern aufzusagen.<br />
Den pedantischen Einwand,<br />
dass der gebürtige Simmeringer über<br />
den roten VSStÖ zur SPÖ gefunden hat<br />
und dort als Büroleiter und Pressesprecher<br />
des damaligen Klubobmanns der<br />
Parlamentsfraktion diente, lassen wir<br />
manierlich beiseite. Die Tatsache, dass<br />
ihn die Parteikarriere schließlich in Betriebe<br />
spülte, die mehrheitlich oder zur<br />
Gänze in Staatseigentum stehen, darf<br />
aber der Vollständigkeit halber erwähnt<br />
werden. Die Posten beim Verbund und<br />
bei den Bundesbahnen als Evidenz<br />
für privatwirtschaftliche Expertise zu<br />
nennen, fällt in die Kategorie Wunschdenken<br />
ohne Beleg. Zunächst hielt der<br />
Zauber des Neuen noch an. In der fiktiven<br />
Kanzlerfrage konnte der Regierungschef<br />
seine Mitbewerber deutlich<br />
abhängen. Auch die SPÖ gewann nach<br />
der Welser Show dazu und machte<br />
Terrain gut. Als der telegene Mann im<br />
Maßanzug mit guten Manieren und<br />
Medienerfahrung sein Amt antrat, waren<br />
Beobachter versucht, seinen<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17<br />
9
Plan A-Präsentation in Wels: Als Kern noch als linker Heilsbringer und Hoffnungsträger gehandelt wurde<br />
unschuldig anmutenden und mit<br />
Ernst vorgetragenen Worten Glauben<br />
zu schenken. Sein Stil und seine Show<br />
versprühten jede Menge Optimismus.<br />
Kern redete mit viel Pathos. Einige im<br />
Land dachten, allein durch sein Erscheinen<br />
seien die Probleme gelöst oder wenigstens<br />
beiseitegeschoben.<br />
Ein Faible für Fettnäpfchen<br />
Doch dem war nicht so. Der Zauber verflog<br />
schneller als erwartet, die markigen<br />
Sprüche des Kanzlers entpuppten sich<br />
als Glückskeks-Botschaften, als Sprechblasen<br />
voll mit rhetorischen Klischees<br />
der ärgsten Dürftigkeit. Rasch wurden<br />
zuhauf vorhandene Schwachstellen<br />
und interne Stümpereien sichtbar. Die<br />
Vorschusslorbeeren verwelkten bereits.<br />
Sein Team produzierte in maßgeblichen<br />
Momenten Fehler, rivalisierende<br />
Gruppen innerhalb der Partei lieferten<br />
sich peinlich zur Schau getragene Flügelkämpfe<br />
und ein sichtlich überforderter<br />
SPÖ-Chef hüpfte in jedes sich ihm<br />
bietende Fettnäpfchen. Der mittlerweile<br />
nicht mehr ganz so neue Bundeskanzler<br />
hat sich selbst entzaubert. Bei<br />
der Bevölkerung und beim Boulevard.<br />
Christian Kern hat das Rad der Unglücksgöttin<br />
eigenmächtig angestoßen<br />
und damit seinen eigenen Absturz eingeleitet.<br />
Aber der Reihe nach. Eigentlich<br />
lief alles nach sozialdemokratischem<br />
Skript. Nach der Präsentation von Plan<br />
A vor vollem Stadttheater konnte sich<br />
der Kanzler über konstant steigende<br />
Beliebtheitswerte freuen. Selbstinszenierung<br />
war für die SPÖ bereits die halbe<br />
Miete auf dem Weg nach oben. Und<br />
gerade inmitten der Aufstiegseuphorie<br />
kam der Stein des Scheiterns ins Rollen.<br />
Man musste nicht SPÖ-Insider sein,<br />
um zu wissen, dass der Kanzler hinter<br />
Kulissen mit Neuwahlen liebäugelte,<br />
wollte er seine Popularität nicht durch<br />
den dauernden Koalitionskrach gefährden.<br />
Zudem sollte so die Volkspartei am<br />
falschen Fuß erwischt und Sebastian<br />
Kurz als ÖVP-Spitzenkandidat verhindert<br />
werden. Aber anstatt Neuwahlen<br />
auszurufen, begnügte sich die SPÖ mit<br />
einem Ultimatum. Kern reagierte ungeschickt,<br />
verspielte politisches Kapital.<br />
Ängstlich verschlief er die einzig gangbare<br />
Option. Der politische Eiertanz<br />
ging somit in die nächste Runde.<br />
Mut zur Mutlosigkeit<br />
Ende Jänner <strong>2017</strong> arbeiteten die Parteigremien<br />
von SPÖ und ÖVP an einem<br />
gemeinsamen Arbeitsprogramm. Der<br />
nächste Neustart wurde ausgerufen,<br />
ein neuer Pakt sollte besiegelt werden.<br />
Und dann kam der große Auftritt von<br />
Wolfgang Sobotka. Kanzler Kern verlangte<br />
für das neue Regierungspaket<br />
die Unterschriften von allen Ministern.<br />
So wollte der Regierungschef die nicht<br />
vorhandene koalitionäre Einigkeit symbolisieren.<br />
Einzig der Innenminister<br />
verweigerte demonstrativ seine Signatur.<br />
Unterschrieben hat er dann doch.<br />
Ein Hauch von Demütigung hing dennoch<br />
in der Luft. Der Innenminister<br />
hat den Kanzler vorgeführt, der Kanzler<br />
reagierte einmal mehr kraftlos und<br />
führungsschwach. Wieder scheiterte er<br />
an fehlender Courage, nochmals fehlte<br />
ihm der Mut zum Risiko. Natürlich<br />
war das Arbeitsübereinkommen der<br />
SPÖ-ÖVP-Regierung reine Makulatur.<br />
Die Koalition war heillos zerstritten. Gegenseitige<br />
Schuldzuweisungen waren<br />
an der Tagesordnung. Des einen Freud,<br />
war des anderen Leid. Sorgfältig geplante<br />
Provokationen einzelner Parteiprimaten<br />
verleiteten den Bündnispartner zu<br />
nervösen Reaktionen. Die Koalition präsentierte<br />
sich als Politposse par excellence.<br />
Inmitten der Dauerturbulenzen<br />
trat am 10. Mai ÖVP-Vizekanzler Reinhold<br />
Mitterlehner vor die Kameras und<br />
verkündete seinen Rücktritt. Betroffene<br />
Gesichter. Auch bei der SPÖ. Während<br />
er tags zuvor noch gegen hartnäckige<br />
Rücktrittsgerüchte zu argumentieren<br />
versucht und einen parteiinternen Konsens<br />
beschworen, ja gar erfleht hatte,<br />
fügte er sich schlussendlich doch in<br />
sein längst bekanntes Schicksal.<br />
Kopflos und konfus<br />
Der Ruf nach Neuwahlen war seit<br />
langem omnipräsent, nun bot sich<br />
für Kern die ideale Gelegenheit, eine<br />
Schneise zu schlagen und für Klarheit<br />
zu sorgen. Das Koalitionsende war die<br />
10 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17
WAHL <strong>2017</strong><br />
Mutlose Reaktionen<br />
auf die Provokationen<br />
von Innenminister<br />
Sobotka<br />
Nächste Abfuhr<br />
für Kern: Brandstetter<br />
statt Kurz als Vizekanzler<br />
einzig logische Konsequenz. Doch der<br />
zaudernden Kanzler reagierte wie ein<br />
kopfloses Huhn, das reflexhaft durch<br />
den Hof läuft, ehe es endgültig umfällt.<br />
Die Zeit für Sebastian Kurz war gekommen.<br />
Jeder im Land wusste es. Nur der<br />
Kanzler wusste nicht, damit umzugehen.<br />
Denn er wollte weiterarbeiten,<br />
klebte fest am Kanzlersessel. Er hat<br />
darauf gepocht, mit der ÖVP weiterzuregieren,<br />
obwohl es klar war, dass die<br />
Volkspartei dafür nicht zu haben war.<br />
Nach der unmissverständlichen Abfuhr<br />
durch Sebastian Kurz hat Christian<br />
Kern ultimativ gefordert, dass der<br />
neue ÖVP-Parteichef auch Vizekanzler<br />
wird. Stattdessen setzte dieser ihm Justizminister<br />
Wolfgang Brandstetter zur<br />
Seite. Die nächste Abfuhr für Kern. In<br />
der Stunde der Bewährung hat sich der<br />
Kanzler unterlegen gezeigt und jede<br />
Orientierung verloren. Wie verzweifelt<br />
die Sozialdemokraten sind, lässt<br />
sich anhand der unfassbaren PR-Peinlichkeiten<br />
sehen, die den Kanzler seit<br />
Monaten begleiten. So verkleidete sich<br />
der Slim-fit-Kanzler im Rahmen einer<br />
roten Online-Kampagne als Pizzabote<br />
und besuchte hungrige Familien, unter<br />
anderem auch ein SPÖ-Mitglied, wie<br />
bekannt wurde. Professionalität und<br />
Glaubwürdigkeit sehen anders aus.<br />
Die SPÖ schoss sich mit der paradoxen<br />
Pizza-Aktion ein kommunikatives Eigentor<br />
der Sonderklasse. Ein paar Wochen<br />
später veröffentlichten die roten<br />
Spindoktoren mit Blick auf die bereits<br />
fixierten Neuwahlen ein Wahlkampfvideo,<br />
das Einblicke in das Privatleben<br />
des Kanzlers ermöglichte. Das durchschaubare<br />
Narrativ der Homestory, die<br />
einen über einstige Jugendträume sinnierenden<br />
Christian Kern mit offenem<br />
Familienalbum zeigte, akzentuierte<br />
die völlige Hilflosigkeit der Kampagnenführung.<br />
PR-Peinlichkeiten nehmen kein Ende<br />
Der Kern-Bonus hat sich zum Kern-<br />
Malus gewandelt. In der entscheidenden<br />
Phase seiner Kanzlerschaft hat<br />
Kern versagt und musste mitansehen,<br />
wie Kurz, unaufgeregt und geräuschlos,<br />
an ihm vorbeizog. Die Kanzlerpartei<br />
hatte dem nichts entgegenzusetzen. Im<br />
Gegenteil. Wenige Wochen vor der Wahl<br />
fielen die Sozialdemokraten komplett<br />
auseinander. Internen Rückhalt gab es<br />
keinen, die Reihen hinter Kern zeigten<br />
sich lückenhaft und boten Angriffsfläche<br />
ohne Ende. Die innere Zerrissenheit<br />
endete im Fiasko: Der schwelende<br />
Konflikt zwischen Mitarbeitern des<br />
Bundeskanzleramts und der SPÖ-Parteizentrale<br />
eskalierte, es kam sogar<br />
zu Handgreiflichkeiten. Etwas später<br />
verabschiedete sich der SPÖ-Wahlkampfmanager<br />
Stefan Sengl nach nicht<br />
einmal zwei Monaten im Team. Mit<br />
der blanken Angst im Nacken holte<br />
sich die rote Spitze auch noch Rat vom<br />
Ex-BZÖ-Abgeordneten Stefan Petzner<br />
und wurde mit der Affäre um den verhafteten<br />
SPÖ-Berater Tal Silberstein in<br />
absolute Schockstarre versetzt. Die Sozialdemokratie<br />
ist mit ihren stümperhaften<br />
Aktionen und PR-Peinlichkeiten<br />
zu einer Karikatur ihrer selbst geworden.<br />
Zudem würzte man die misslungene<br />
öffentliche Meinungspflege mit<br />
einer ordentlichen Prise Heuchelei. Die<br />
SPÖ formulierte einen Kriterienkatalog<br />
und einigte sich darauf, einen wichtigen<br />
Teil ihrer Geschichte zu begraben.<br />
Die höchsten Gremien formulierten<br />
rote Grundwerte, an denen sich künftig<br />
alle potentiellen Koalitionspartner<br />
orientieren müssen. Soll heißen: Die<br />
SPÖ kippte die Vranitzky-Doktrin und<br />
ihren damit verbundenen hypermoralisierenden<br />
Anspruch, die Republik gegen<br />
die bösen Blauen zu verteidigen. In<br />
dem Moment, da die eigene Fehlbarkeit<br />
deutlich spürbar wurde, öffneten sich<br />
also auch innerhalb der SPÖ demokratiepolitische<br />
Schranken. Aber mit der<br />
alleinigen Absicht, zu retten, was noch<br />
zu retten ist.<br />
Klassenkämpfer Kern<br />
Die unstillbare SPÖ-Sehnsucht nach<br />
politischem Selbstmord fand auch<br />
nach Kerns Sommerurlaub ihre Fortsetzung.<br />
Von der davoneilenden ÖVP<br />
zu einem vorzeitigen Kampagnenstart<br />
gezwungen, präsentierte der Kanzler<br />
Anfang August seine grelle Klassenkampf-Kampagne.<br />
Mit mehr als<br />
missglückten Slogans wie „Holen<br />
Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17<br />
11
Vorwärts in die Vergangenheit: Klassenkampf-Nostalgie statt neuer Konzepte<br />
Sie sich, was Ihnen zusteht“ klammert<br />
sich die Sozialdemokratie stur an<br />
gescheiterte Rezepte und tut so, als<br />
gäbe es die alten Klasseneinteilungen<br />
noch. Der Kanzler stellt sich in eine<br />
Reihe mit jenen vergangenheitsseligen<br />
Genossen, die sich die Welt von<br />
vor 1970 zurückwünschen, eine Welt<br />
des unaufhörlichen Aufstiegs für alle.<br />
Die mäßig inszenierten Sujets sind<br />
eine offene Einladung zur Neiddebatte,<br />
angeführt von einer Partei, die<br />
stets die andere Seite des politischen<br />
Spektrums als Hetzer diffamiert. Die<br />
Roten suchen ihr Heil im Gestern<br />
und begreifen nicht, dass die Sorgen<br />
der Mehrheit ganz andere Ursachen<br />
haben. Zum Beispiel illegale Massenmigration<br />
und den damit verbundenen<br />
Kriminalitätsanstieg. Die Genossen<br />
haben sich selbst überlebt, die<br />
Sozialdemokratie passt nicht mehr in<br />
die heutige Zeit. Der anfängliche Zuspruch<br />
für Kern war nichts anderes<br />
als ein Kokettieren mit dem Neuen,<br />
dem vermeintlich Hoffnungsvollen.<br />
Aber nach einer schier endlosen Fehlerkette,<br />
bestehend aus unfassbaren<br />
PR-Pannen, Handgreiflichkeiten, einem<br />
heuchlerischen Kriterienkatalog<br />
sowie obsoleten Umverteilungsfantasien,<br />
bricht das SPÖ-Kartenhaus in<br />
Sebastian Kurz profitiert von seinem „Wahlkampfhelfer“ Christian Kern<br />
sich zusammen. Der Vorsprung der<br />
Volkspartei ist nicht nur das Ergebnis<br />
einer professionell aufgezogenen<br />
Kampagne mit türkisem Anstrich,<br />
sondern ist auch aus der miserablen<br />
Überzeugungsarbeit der SPÖ erwachsen.<br />
Sebastian Kurz braucht wahrlich<br />
nicht viel mehr zu tun, als in Ruhe abzuwarten.<br />
Der beste Wahlkampfhelfer<br />
für die Volkspartei ist die Sozialdemokratie.<br />
Die sozialdemokratische Partei<br />
steht vor einem Scherbenhaufen. Sie<br />
zeigt sich überfordert von der lang erprobten<br />
Selbstüberschätzung und diskreditiert<br />
sich nicht erst seit kurzem<br />
durch ihre maßlose Eitelkeit und Realitätsverlust.<br />
Hinzu kommt, dass die<br />
Partei vor allem mit sich selbst kämpft.<br />
Nicht nur die Bundes-SPÖ versinkt im<br />
Chaos, auch die rote Hochburg Wien<br />
zieht nach. Mit dem Wegfall der von<br />
Flügelkämpfen zerriebenen Wiener<br />
SPÖ scheint der Untergang so gut wie<br />
besiegelt. In den Augenwinkeln des<br />
Bundeskanzlers sieht man Panik sitzen.<br />
Es ist nicht ausgeschlossen, dass<br />
die Sozialdemokraten unter ihrem<br />
Hoffnungsträger Christian Kern am<br />
15. Oktober das historisch schlechteste<br />
Ergebnis erzielen.<br />
12 Frank&<strong>Frei</strong> <strong>03</strong> / 17
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