Matthias Steup: Gute Musik! Böse Musik? - Eine Bewertung aus biblischer Sicht.

betanienverlag

Beeinflusst Musik die Menschen oder ist sie neutral und nur eine Frage des Geschmacks? Hat sie immer einen positiven Einfluss oder kann sie auch schädlich sein? Welche Musik gefällt Gott und welche nicht? Hat die heutige sogenannte Lobpreismusik möglicherweise etwas gemein mit der Beschwörungsmusik heidnischer Rituale? Ist Rock- und Popmusik zum Lob Gottes geeignet? Was unterscheidet den jüdischen bzw. christlichen Gottesdienst von altgriechischen Götterritualen?

Diese und ähnliche Fragen werden in diesem Buch behandelt. Es öffnet uns die Augen für Dinge, die wir bisher vielleicht noch nicht so gesehen haben.

Matthias Steup ist Oberstudienrat und hat Musik und Englisch studiert und unterrichtet. Während seines Studiums der vergleichenden und historischen Musikwissenschaft beschäftigte er sich viel mit der Musik Bachs und der Rockmusik. Er war von 1976 bis 2001 Posaunenwart beim Gnadauer Posaunenbund. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt im Siegerland.

Matthias Steup

Gute Musik!

Böse Musik?

Eine Bewertung aus biblischer Sicht


Gute Musik! – Böse Musik?

Matthias Steup

Eine Bewertung aus biblischer Sicht


2., erweiterte Auflage 2017

© 2015, 2017 by Matthias Steup, Neunkirchen

Verlag: Betanien Verlag

Imkerweg 38 | 32832 Augustdorf

Kontakt info@betanien.de | Shop www.cbuch.de

Umschlaggestaltung: Sara Pieper

Satz & Notengrafik: Matthias Steup

Druck: Druckhaus Nord, Bremen

ISBN: 978-3-945716-42-7


VORWORT

Ich wollte alle Künste, sonderlich die Musik, gern

sehen im Dienste deß, der sie gegeben und geschaffen

hat. Die Religion der Christen ist eine fröhliche

Religion; denn Gott hat unser Herz fröhlich gemacht

durch seinen Sohn. Wer solches mit Ernst glaubt, der

kann’s nicht lassen, er muß fröhlich und mit Lust

davon singen und sagen, daß es Andere auch hören

und herzukommen. 1

Und ich urtheile grade aus, bedenke mich auch nicht

zu behaupten, daß nach der Theologie keine Kunst

der Musik gleichzusetzen sey. 2

Martin Luther

Musik ist etwas Wunderbares. Musik ist eine Gabe Gottes. Er

hat uns die Fähigkeit zum Musizieren gegeben. Wir dürfen nicht

nur singen und spielen – jeder nach seinen Möglichkeiten – wir

sollen singen und spielen, denn er will es so. Musik ist nicht

schmückendes Beiwerk im Gottesdienst, sie ist fester Bestandteil.

Das Lob Gottes steht gleichwertig neben Predigt, Gebet und

Opfer.

1 Martin Luther u. a.: Dr. Martin Luther’s Gedanken über die Musik: Zur Beförderung

des Kirchengesangs aus dessen Werken gesammelt, und mit Anmerkungen

und Beilagen begleitet. Berlin: E.S. Mittler, 1825, S. 22.

2 Martin Luther zitiert nach Johann Immanuel Müller: Dr. Martin Luther’s

Verdienste um die Musik, nebst einem Verzeichnisse der von demselben componirten

geistlichen Lieder. Erfurt 1817, S. 22-23.

5


Was ist Gottesdienst? Zum einen ist er die sonntägliche Versammlung,

in der Gläubige zusammenkommen. Sie singen Lieder,

verfolgen aufmerksam verschiedene Beiträge anderer Gemeindeglieder

(beispielsweise Lesungen oder Chorlieder), hören

eine Predigt und geben einen gewissen Geldbetrag in die Kollekte.

Zum anderen gehört auch das tägliche Leben des Gläubigen

zum Gottesdienst. Das ganze Leben eines Christen soll Gott

dienen.

Gottesdienst soll Gott loben und sein Evangelium bekannt

machen. Loben und Verkündigen geschieht nicht nur durch das

Wort, sondern auch durch Musik.

Jedoch – nicht jede Art von Musik ist für die Verwendung im

Gottesdienst geeignet.

„Hoppla“, wird jetzt mancher denken, „Was ist denn das?“

Müssen wir nicht die Leute mit dem Evangelium erreichen?

Müssen wir dabei nicht versuchen, ihren Geschmack zu treffen,

sie locken und so für die Sache Jesu begeistern? Sollten wir nicht

alles tun, um so viel Menschen wie möglich zu retten?

Bei diesen Fragen fällt auf, dass der Mensch im Zentrum der

Aufmerksamkeit steht, nicht Gott. Christen, die Nichtchristen

erreichen möchten, fragen sich oft, was bei diesen am besten ankommt.

Sollten sie sich nicht erst einmal fragen, was Gott will?

Ist dieser barmherzige, gnädige Gott nicht so unendlich viel größer

als der Mensch? In der Bibel, besonders im Alten Testament,

gibt es genügend Beispiele, wo Menschen in vermeintlich guter

Absicht gehandelt haben, ohne vorher Gott nach seinem Willen

zu fragen. 3 Trauen wir es Gott noch zu, dass er allein durch

sein Wort wirkt, ohne einen besonderen Köder als zusätzliches

Lockmittel?

Führen gute Absichten wirklich immer zu den gewünschten

Ergebnissen? Kommen mehr Menschen zu echtem Glauben an

3 In 4.Mose 14,39–45 wird berichtet, dass das Volk Israel nach Kanaan

hinaufziehen wollte, nachdem es seine Sünde der Auflehnung gegen Mose und

Aaron bereut hatte. Sie treten in guter Absicht in Aktion, trotz Moses Warnung.

Ihr eigenmächtiges Handeln endet in einer vernichtenden Niederlage durch

die Amalekiter und Kanaaniter.

6


Jesus Christus, wenn man die Botschaft mit Popmusik vermittelt

und umrahmt?

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass Musik nur ein Gefäß oder

ein Träger einer Botschaft sei. Nein, Musik ist nicht Gefäß für

einen Inhalt, sie ist Inhalt, sie ist wie eine gute oder schlechte

Nahrung für die Seele, sie kann sogar Gift für die Seele sein. Die

Wirkung von Musik geschieht meist unbewusst. Sie spricht die

Seele des Menschen an, viel unmittelbarer als es Worte können.

Das Thema ist spannend. Im folgenden Buch soll versucht

werden, den Willen Gottes in Bezug auf die Musik zu ergründen.

Da wir heute Gott nicht persönlich fragen können wie die

Propheten des Alten Testaments, müssen wir auf seine einzige

vorliegende Willensbekundung zurückgreifen, die Bibel. Es ist

hochinteressant, herauszufinden, was sie uns in Bezug auf die

Musik sagt.

Das vorliegende Buch kann man von vorne nach hinten lesen.

Man kann die einzelnen Kapitel auch in beliebiger Reihenfolge

lesen, da sie in sich abgeschlossene Themen behandeln. Die

Querverweise in den Fußnoten geben Seiten an, auf denen ein

Begriff zum ersten Mal erläutert wurde. So kann man immer

noch einmal nachlesen, wenn man etwas vergessen hat.

In diesem Buch werden viele Musikbeispiele erläutert. Leider

ist es aus verschiedenen Gründen nicht möglich, diese dem

Leser etwa in Form einer CD zur Verfügung zu stellen. Man

findet jedoch fast alle Musikbeispiele bei der Internetplattform

„Youtube“. Sobald ein Musikbeispiel in diesem Buch zum ersten

Mal erwähnt wird, werden entsprechende Suchbegriffe für „Youtube“

in einer Fußnote angegeben, so dass der Leser sie leicht

finden kann.

Ich versuche, Sachverhalte möglichst verständlich darzustellen.

Sollte es dennoch vorkommen, dass der Leser den einen

oder anderen Satz nicht versteht – schließlich hat nicht jeder

Musikwissenschaft studiert – ist das für das Gesamtverständnis

nicht weiter schlimm. Die folgende Strategie hat beim Lesen

schwieriger Texte schon oft geholfen: Erst einmal, einfach weiterlesen!

7


Zur Erstellung dieses Buches habe ich folgende gemeinfreie 4

Software verwendet:

• Das Textsatzprogramm „MiKTEX“,

• das Notensatzprogramm „Lilypond“,

• das Vektorgrafikprogramm „Inkscape“.

Alle Programme können frei heruntergeladen werden.

November 2015, Matthias Steup

ERGÄNZUNG ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Die zweite Auflage dieses Buches enthält ein weiteres Kapitel

(Kapitel 5), welches die unterschiedlichen Haltungen Zwinglis

und Luthers zur Musik darstellt. Diese beiden Reformatoren

haben die Art, wie Christen über Musik im Gottesdienst denken,

nachhaltig beeinflusst. Bei der Darstellung ihrer Standpunkte

lässt es sich nicht vermeiden, dass neben Musikalischem auch

Theologisches betrachtet werden muss.

In Kapitel 8 wurden zwei weitere Lieder aufgenommen, „Vergiss

es nie“ von Jürgen Werth und „Die Gott lieben, werden sein

wie die Sonne“ von Peter Strauch.

Im gesamten Buch wurden an verschiedenen Stellen Gedanken

hinzugefügt.

Mein besonderer Dank gilt Roland Sckerl, Bernhard Kaiser

und Benedikt Peters, die mir wertvolle Hinweise lieferten. Des

Weiteren möchte ich mich bei meiner Frau bedanken, die mich

beim Korrekturlesen tatkräftig unterstützte.

August 2017, Matthias Steup

4 Vergl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinfreiheit

8


INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG 13

1.1 Kann man Musik überhaupt beurteilen? . . . . . . 13

1.2 Kriterien zur rechten Verwendung von Musik . . 14

1.3 Wie man Musik richtig beurteilt . . . . . . . . . . . 16

1.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

2 WAS DIE BIBEL ÜBER MUSIK SAGT 19

2.1 Musik in christlichen Versammlungen . . . . . . . 19

2.2 Der Auftrag Gottes: Singet und spielet ihm . . . . 20

2.3 Wie Gott gelobt werden will . . . . . . . . . . . . . 21

2.3.1 Lob als Spiegel von Gottes Taten . . . . . . 21

2.3.2 Tägliches Lob . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

2.3.3 Qualitätsbewusstes Lob . . . . . . . . . . . 25

2.4 Musik soll nüchtern sein . . . . . . . . . . . . . . . 26

2.5 Musik ist ewig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

2.6 Musik ist Ausdruck des Glaubens . . . . . . . . . 26

2.7 Musik ist Ausdruck der Dankbarkeit . . . . . . . . 27

2.8 Musik ist Ausdruck der Freude . . . . . . . . . . . 27

2.9 Musik kann befreiend sein . . . . . . . . . . . . . . 27

2.10 Rockmusik in der Bibel? . . . . . . . . . . . . . . . 28

2.11 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

3 WIE MUSIK ZU UNS SPRICHT UND UNS BEEINFLUSST 31

3.1 Woraus besteht Musik? . . . . . . . . . . . . . . . . 32

3.2 Sprache und Musik drücken Inhalte aus . . . . . . 33

3.3 Musik ist nicht wertneutral . . . . . . . . . . . . . 33

3.4 Die Musik gesprochener Sprache . . . . . . . . . . 36

3.4.1 Betonung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

9


Inhaltsverzeichnis

3.4.2 Rhythmus und Klangfarbe . . . . . . . . . 37

3.4.3 Alliterationen und Assonanzen . . . . . . . 40

3.4.4 Musikalische Elemente in der Bibelübersetzung

Martin Luthers . . . . . . . . . . . 41

3.5 Wort und Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

3.6 Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . . . . . 45

4 AUSSAGEN VON MUSIK – ABENDLÄNDISCHE MUSIK 47

4.1 Johann Sebastian Bach . . . . . . . . . . . . . . . . 47

4.1.1 Die evangelisch-lutherische Musikauffassung

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

4.1.2 Predigt in Tönen . . . . . . . . . . . . . . . 48

4.1.3 Musik macht etwas Abstraktes real . . . . 57

4.1.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 57

4.2 Ludwig van Beethoven . . . . . . . . . . . . . . . . 59

4.2.1 Absolute Musik . . . . . . . . . . . . . . . . 59

5 LUTHER UND ZWINGLI 67

5.1 Zwingli und die Musik . . . . . . . . . . . . . . . . 67

5.1.1 Zwinglis Neuplatonismus . . . . . . . . . . 71

5.1.2 Zwinglis Verbindung von Musik und Sünde 82

5.2 Luther und die Musik . . . . . . . . . . . . . . . . 82

5.2.1 Luther und „weltliche“ Musik . . . . . . . 87

5.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

6 AUSSAGEN VON MUSIK – ROCK- UND POPMUSIK 93

6.1 Trance, Ekstase, Hypnose . . . . . . . . . . . . . . 95

6.1.1 Erzeugung von Trance: Verlust von Orientierung

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

6.1.2 Kognitiver Verarbeitungsanspruch . . . . . 102

6.1.3 Aktives und passives Hören . . . . . . . . . 104

6.1.4 Glaube, Trance, Ekstase . . . . . . . . . . . 104

6.2 Eskapismus, Daseinsflucht . . . . . . . . . . . . . . 107

6.3 Trancemusik – geschichtliche Hintergründe . . . . 112

6.4 Auflösung von Ordnung – Rebellion . . . . . . . . 115

6.5 Wirkungen auf das Gehirn . . . . . . . . . . . . . . 116

10


Inhaltsverzeichnis

6.6 Außermusikalische Elemente . . . . . . . . . . . . 120

6.7 Die Stimme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

6.8 Primärkomponenten, Sekundärkomponenten . . . 125

6.9 Musik und Gefühl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

7 GUTE MUSIK – BÖSE MUSIK 129

8 BEISPIELE FÜR MUSIK DES FRIEDENS UND REIZMUSIK 135

8.1 Musikalische Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . 135

8.2 Rolling Stones: I’m Alright . . . . . . . . . . . . . . 137

8.2.1 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 138

8.3 Chuck Berry: Roll Over Beethoven . . . . . . . . . 138

8.3.1 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 141

8.4 Jürgen Werth/Paul Janz: Vergiss es nie . . . . . . . 141

8.5 Die Gott lieben, werden sein . . . . . . . . . . . . . 143

8.6 Albert Frey: Jesus, berühre mich . . . . . . . . . . 144

8.6.1 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 148

8.7 Taizé Kommunität: Laudate Dominum . . . . . . . 148

8.8 Ich danke meinem Gott . . . . . . . . . . . . . . . . 149

8.9 Über alles andere (deutsche Version) . . . . . . . . 151

8.9.1 Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152

8.9.2 Melodie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

8.9.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . 155

8.10 Du meine Seele singe . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

8.10.1 Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157

8.10.2 Melodie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159

8.11 Die Gnade unsers HErrn . . . . . . . . . . . . . . . 163

9 SCHLUSS 167

LITERATUR 168

STICHWORTVERZEICHNIS 177

11


KAPITEL 1

EINLEITUNG

1.1 KANN MAN MUSIK ÜBERHAUPT BEURTEILEN?

Heutzutage wird kaum noch darüber nachgedacht, welche Musik

zum Lob Gottes und zur Verkündigung des Evangeliums

geeignet ist. Vielleicht gibt es noch hier und da Menschen, die

sich mit dieser Frage beschäftigen, jedoch ist sie für die breite

Masse der Gläubigen zweitrangig. Es hat in der Vergangenheit

etliche Auseinandersetzungen um diese Frage gegeben, es gab

leidenschaftliche Plädoyers sowohl für als auch gegen bestimmte

Musikrichtungen. Beide Seiten führten dafür viele Gründe

an. Betrachtet man jedoch die Argumente, die für oder gegen

eine Musikrichtung ins Feld geführt wurden, so wird klar, dass

die meisten von ihnen nicht die Eigenschaften der Musik selbst

sowie deren Wirkungen untersuchen, sondern eher die Musiker

und deren Lebenswandel und die Textinhalte der Lieder. So

wird beispielsweise von Gegnern der Rockmusik darauf hingewiesen,

dass Rockmusiker oft okkult gebunden sind und dass

nicht wenige von ihnen ein ausschweifendes und überaus sündiges

Leben führen. Ähnliche Argumente gibt es auch gegen

Komponisten klassischer Musik. Als Argument gegen die Musik

Wolfgang Amadeus Mozarts wird etwa angeführt, dass er Freimaurer

gewesen sei. Befürworter christlicher Rockmusik weisen

auf das Glaubensleben und die Integrität der Musiker hin. Dieses

legitimiere auch ihre Musik. Bei dieser Herangehensweise

wird jedoch die Musik mit ihren jeweiligen spezifischen Merkmalen

außer Acht gelassen. Ist Musik wertneutral oder hat sie

13


Kapitel 1 Einleitung

Eigenschaften, die sie an sich wertvoll, wertlos oder gar schädlich

machen? Ist ein Choral nicht mehr geistliche Musik, wenn

er von einem Ungläubigen gesungen wird? Wird Heavy Metal

zu guter Musik, wenn er von einer Band gespielt wird, die aus

lauter Christen besteht? Übertragen wir einmal diese Fragen

auf einen alltäglichen Lebenszusammenhang: Wenn wir beim

Bäcker Brötchen kaufen, dann fragen wir nicht danach, ob diese

von einem gläubigen oder ungläubigen Bäcker gebacken worden

sind. Es kommt uns darauf an, dass die Brötchen und deren

Zutaten von guter Qualität sind. Gute Brötchen sind gut, egal

ob sie von einem gläubigen oder ungläubigen Bäcker gebacken

worden sind. 1

Es ist auch nicht wichtig, auf welchen Instrumenten Musik

gespielt wird. Manche verteufeln zum Beispiel das Schlagzeug.

Gut, man könnte gegen das Schlagzeug einwenden, dass es sehr

laut ist und bei unsachgemäßem Gebrauch das Gehör schädigt.

Das trifft aber auch auf andere Musikinstrumente zu. Das Schlagzeug

oder die E-Gitarre sind nicht per se böse. Ein Messer, zum

Beispiel, ist auch nicht an sich böse. Man kann mit ihm Tomaten

schneiden oder einen Menschen ermorden. Es wird durch das

gut oder böse, was man mit ihm macht. Das trifft auch auf die

Musikinstrumente zu. Ein Instrument ist nicht an sich gut oder

schlecht, sondern das, was man auf ihm spielt.

Dieses Buch soll helfen, Musik anhand ihrer selbst zu beurteilen.

Musik hat objektiv beschreibbare Eigenschaften und Wirkungen.

Sie sagt etwas aus. Sie kann Inhalte vermitteln, die direkt

ins Unterbewusstsein gehen. Sie beeinflusst den Menschen. Wie

das geschieht, soll im Folgenden untersucht werden.

1.2 KRITERIEN ZUR RECHTEN VERWENDUNG VON MUSIK

Die Bibel gibt uns Kriterien, wie wir Gott loben – und wie wir

singen und spielen sollen. Manche dieser Kriterien passen viel-

1 Vergl. Walter Kohli: Rockmusik und christliche Lebenshaltung. Genf: Verlag

„Das Haus der Bibel“, 1981, S. 146.

14


1.2 Kriterien zur rechten Verwendung von Musik

leicht nicht in das Denken unserer Zeit. Der Maßstab für richtiges

Denken und Handeln darf jedoch nicht der Zeitgeist sein, sondern

allein das Wort Gottes. Dieses Wort sagt Einiges über Musik

aus, das für uns neu und interessant sein mag, aber schon seit

tausenden Jahren von Gott offenbart ist.

Die folgenden Thesen bilden die Diskussionsgrundlage des

Buches und sollen im Verlauf desselben anhand der Bibel und

musikwissenschaftlicher Erkenntnisse begründet werden.

1. Musizieren ist ein Gebot Gottes. Wir dürfen nicht nur, wir

sollen Gott mit Gesang, Instrumentalmusik und Dichtung

ehren. Gott will nicht, dass unsere Gottesdienste steif und

freudlos sind. Sie sollen Ausdruck von echter Freude sein.

Was eignet sich dazu besser als Musik?

2. Die Freude der Welt ist eine andere als die Freude der

Kinder Gottes.

3. Die Bibel gibt uns klare Anweisungen wie die Musik sein

soll, die Gott gefällt.

4. Nicht jede Art von Musik ist zum Lob Gottes geeignet, sie

muss bestimmten Leitlinien folgen. Diese Leitlinien lassen

sich aus Gottes Wort ableiten.

5. Musik sagt etwas aus – unabhängig von Text oder Programm.

Sie ist nicht Gefäß für eine Botschaft, sie selbst ist

Botschaft. Sie wirkt, sie ist nicht wertneutral.

6. Musik hat objektiv beschreibbare Eigenschaften und Wirkungen.

Die Beurteilung von Musik ist nur am Rande eine

Frage des Geschmacks.

7. Die uns heute in allen Lebenszusammenhängen begegnende

und beherrschende Rock- und Popmusik ist zum Lob

Gottes weitgehend ungeeignet. Wir sollten sie im Alltag

wie auch im Gottesdienst – wenn möglich – vermeiden. Es

gibt eine wahre Fülle von guter Musik als Alternative.

15


Kapitel 1 Einleitung

Vielleicht mag jetzt der eine oder andere Leser die Stirn runzeln

und sich fragen, wie man so etwas behaupten kann. Ich

möchte diese Behauptungen nicht nur einfach aufstellen, sondern

auch begründen. Das geht nicht in einem Satz, man muss

schon in die Tiefe gehen.

1.3 WIE MAN MUSIK RICHTIG BEURTEILT

Um einen Gegenstand oder Sachverhalt zu verstehen, muss man

ihn erst einmal genau beschreiben. Die Beschreibung einer Sache

öffnet in vielen Fälle die Tür zum Verstehen dieser Sache.

Dies ist immer auch dann eine gute Methode, wenn eine Frage

strittig ist. Man sollte sich nicht darüber streiten, wie man

eine Sache subjektiv wahrnimmt, sondern wie sie objektiv ist.

Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ein Schokoriegel 11% Zucker

enthält, dann brauche ich nicht mehr darüber zu streiten, wie

ich den Schokoriegel persönlich wahrnehme. Ich habe nur eine

objektive Eigenschaft des Schokoriegels beschrieben. Jeder wird

einsehen, dass zu viel davon bei nicht ausreichender körperlicher

Betätigung ungesund ist. Dann stellt sich in der Regel auch

die Einsicht ein, dass dieser Schokoriegel, welchen ich aufgrund

seines Geschmacks und Aussehens mag, vielleicht doch nicht so

gut für mich ist. Das Urteil über eine Sache sollte nicht nur von

der persönlichen Wahrnehmung abhängen, sondern auch von

einem gründlichen Wissen über diese Sache. Der gläubige Christ

weiß darüber hinaus, dass er beim Urteil über gut und schlecht

nicht die letzte Instanz ist. Er weiß, dass es einen Gott gibt, der

Maßstäbe setzt.

1.4 ZUSAMMENFASSUNG

Musik wird oft als wertneutral angesehen. Sie ist angeblich Trägerin

oder Verpackung des Wortes oder eine schöne Beigabe

zum Gottesdienst, die zwar wünschenswert, jedoch nicht unbedingt

notwendig ist. Das stimmt aber nicht. Das vorliegende

16


1.4 Zusammenfassung

Buch soll auch ein Versuch sein, den wahren Stellenwert der

Musik in unseren Gottesdiensten und Versammlungen bewusst

zu machen.

In den folgenden Ausführungen sollen Eigenschaften der Musik

und deren Eignung für Gottesdienst und Verkündigung des

Evangeliums im Mittelpunkt stehen. Es soll im Wesentlichen

nicht untersucht werden, ob Musik gut oder böse ist, weil sie

von gläubigen oder ungläubigen Musikern gemacht wird oder

weil ihr ein guter oder schlechter Liedtext zugrunde liegt. Die

zentrale Frage soll sein, ob und wie verwendete Musik Gott ehrt

und sein Wort unterstreicht.

17


KAPITEL 2

WAS DIE BIBEL ÜBER MUSIK SAGT

2.1 MUSIK IN CHRISTLICHEN VERSAMMLUNGEN

In den Versammlungen von Christen spielt Musik eine wesentliche

Rolle. Bei den sonntäglichen Stunden von Pietisten werden

Choräle und Lieder gesungen. In Jugendstunden werden neue und

ältere Jugendlieder gesungen. In charismatischen Gottesdiensten

werden Anbetungslieder gesungen. Zu Beginn eines Gottesdienstes

der evangelischen Kirche spielt der Organist ein Präludium

von Bach. Jugendliche besuchen ein Konzert mit christlicher Popmusik.

In evangelischen und katholischen Gottesdiensten wird

gemeinsam eine Liturgie gesungen. In einem freikirchlichen Gottesdienst

kommt eine Violinsonate von Telemann zu Gehör. Diese

Aufzählung verdeutlicht die Vielfalt christlicher Musik und

christlicher Versammlungen unter unterschiedlichen organisatorischen

Dächern. Es ist jedoch nicht möglich, die eine oder andere

Musikrichtung einer bestimmten Glaubensrichtung zuzuordnen.

Diese Glaubensrichtungen unterscheiden sich oft in wichtigen

Fragen (zum Beispiel Kindertaufe, freier oder unfreier Wille des

Menschen, die Rolle Marias, die Stellung eigener Werke etc.),

hinsichtlich der Musik bei ihren Veranstaltungen kann aber viel

Gemeinsames gefunden werden. Die Frage nach der richtigen

Musik ist für die meisten Christen nicht etwas, das sie trennt. 1

1 Dies ist nicht immer so. Der Autor kennt eine Gemeinde, in der es zu einer

Spaltung kam, weil eine Rockband des Jugendkreises in den sonntäglichen

Gottesdiensten spielen wollte.

19


Kapitel 2 Was die Bibel über Musik sagt

Man sollte die Auseinandersetzung um diese Fragen nicht scheuen.

Ein Christ geht nicht verloren, weil er Rockmusik hört. Er

sollte sich dennoch fragen lassen, ob sein Verhalten Jesus gefällt

und ob diese Musik den Heiligen Geist dämpft. 2 Er sollte sich

auch darüber klar werden, welche geistigen Mächte (Wirkungen)

hinter dieser Musik stehen. Veranstalter von Jugendevangelisationen

sollten sich fragen, ob Predigten, die in die von Rockmusik

aufgeheizten Gemüter der Jugendlichen gehen, die Frucht

bringen können, die der Heilige Geist wirken möchte.

2.2 DER AUFTRAG GOTTES: SINGET UND SPIELET IHM

Singet und spielet ihm; dichtet von allen seinen Wundern!

(1.Chr 16,9)

In diesem Vers – und in vielen anderen 3 – wird der Gemeinde

aufgetragen, Gott mit Lied und Dichtung zu loben. Singen und

spielen ist nicht etwas Optionales. „Singet und spielet ihm“ ist

ein Imperativ. Diese Aufforderung ist gleichzusetzen mit der

Aufforderung das Evangelium zu predigen, zu taufen oder das

Abendmahl zu halten. Hier wird deutlich, dass die Musik im

Leben der Gemeinde und des Gläubigen keine Nebensache ist.

Sie hat denselben Stellenwert, wie Predigt, Abendmahl und Taufe.

Gott selbst hat es durch sein Wort angeordnet. Daraus folgt

ebenso, dass es falsch ist, Musik als etwas Fleischliches abzutun,

das die Gemeinde vom Wesentlichen abhält. 4 Musik soll

nicht nur Beiwerk zum Gottesdienst sein, sondern als Lob Gottes

gleichberechtigt neben anderen Elementen in ihm stehen. Dies

ist im traditionellen evangelischen Gottesdienst mit Orgelspiel,

Liturgie und mehreren Gemeindeliedern bereits verwirklicht.

2 Vergl. 1.Thess 5,19.

3 Vergl. 4.Mose 21,17, Ri 5,10, 1.Chr 16,23, Ps 33, Ps 57, Ps 68,5, Ps 68,33,

Ps 81,2, Ps 92, Ps 96, Ps 98, Ps 105,2, Ps 147,7, Ps 149,1, Ps 150, Jes 23,16, Jes 42,10,

Jer 20,13, Eph 5,19, Apg 16,25–26, Jak 5,13.

4 Vergl. S. 82

20


2.3 Wie Gott gelobt werden will

In vielen pietistischen Gemeinschaftsstunden könnte hingegen

durchaus mehr Musik vorkommen.

Eine der wichtigsten Funktionen der Schöpfung Gottes ist es,

ihn zu loben. 5 Jeder kann erkennen, wie gut diese Schöpfung gemacht

ist. Wir genießen sie, indem wir uns in der Natur erholen,

von den Bergen fasziniert sind oder das Meer bestaunen. Der

Naturwissenschaftler erkennt noch mehr als der Laie, wie komplex

und genial die Natur geschaffen ist. Es ist ein besonderes

Privileg des Menschen, dass er dies erkennen kann und selbst

schöpferisch tätig werden darf, um zum Lob Gottes beizutragen.

Die Begabung dazu ist zwar unterschiedlich, aber doch erstaunlich

groß. Wir dürfen Begabungen nicht kleinreden, weder bei

uns selbst noch bei anderen. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes

geschaffen. In dieser Ebenbildlichkeit hat er die Fähigkeit zu

schöpferischem Tun. Diese Fähigkeit ist zwar nur ein äußerst

schwacher Abglanz dessen, was Gott schaffen kann, aber sie

kann dennoch Großes hervorbringen. Man denke nur einmal

an technische Errungenschaften oder große Kunstwerke. Die

Fähigkeit, Neues zu gestalten, unterscheidet den Menschen vom

Tier.

2.3 WIE GOTT GELOBT WERDEN WILL

2.3.1 LOB ALS SPIEGEL VON GOTTES TATEN

Musik soll zum Lob, zur Verherrlichung und zum Ruhm von

Gottes Taten dienen. Musik kann an Gott gerichtet sein, sie kann

aber auch an den Menschen gerichtet sein. Dies muss näher erläutert

werden. Wir kennen die Begriffe „Geistliche Musik“ und

„Weltliche Musik“. Hier haben wir einen Begriff (geistlich) und

seinen Gegenbegriff (weltlich). Die Begriffe „Geistliche Musik

und „Weltliche Musik“ sind allerdings nicht deckungsgleich mit

den Begriffen „geistlich“ und „weltlich“ in der Bibel. Ein großer

Teil der „weltlichen“ klassischen Musik kann durchaus als ein

5 Vergl. Ps 8,2 und Ps 148.

21


Kapitel 2 Was die Bibel über Musik sagt

Spiegelbild der Größe Gottes betrachtet werden. Große Werke

der klassischen Musik werden leider oft zum Anlass genommen,

die Größe des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt

auf den hinzuweisen, der den Menschen geschaffen und dazu

begabt hat, Großes zu schaffen. Die Bibel hat einen weiteren

Gegenbegriff zu „geistlich“, nämlich „fleischlich“. So wäre es

im biblischen Sinne richtiger, von geistlicher und fleischlicher

Musik zu reden. Was ist der Unterschied zwischen geistlich und

fleischlich? Vergleiche dazu Tabelle 2.1, S. 23.

Die Gegenüberstellung in dieser Tabelle macht deutlich, dass

Musik auch dann geistlich sein kann, wenn sie nach dem Fachverständnis

nicht zu dem Bereich der geistlichen Musik gehört,

etwa ein Sinfoniesatz von Ludwig van Beethoven. Die Ordnung

eines solchen Sinfoniesatzes, aber auch das Ungewöhnliche, Unvorhergesehene

in ihm, das nicht aus der Ordnung herausfällt,

sondern diese erweitert und auf eine höhere Ebene führt, hat ihr

Spiegelbild in der Schöpfung. Sie bietet mit ihrer Ordnung und

Ungewöhnlichkeit immer wieder Anlass dazu, Gott zu loben.

Um zu beurteilen, was geistlich und fleischlich ist, könnte man

sich folgende Frage stellen: „Würde das auch Gott gefallen?“ 6 Bei

der Beantwortung dieser Frage darf man nicht vergessen, dass

Gott dem Menschen nahezu unendlich viele Freiheiten gegeben

hat und nur wenige Einschränkungen. Zu diesen Einschränkungen

gehört allerdings auch: „Welche aber Christo angehören, die

kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden“ (Gal 5,24).

Was bedeutet es, zu loben, zu verherrlichen und zu rühmen?

Es heißt, dass die Taten und Werke Gottes beschrieben und entsprechend

ihrer Größe und Qualität gewürdigt werden. Eine

Musik, die Werke Gottes beschreibt, muss die gleichen Prinzipien

und Wesensmerkmale aufweisen, die diesen Werken eigen

sind. Um dies näher zu erläutern, möchte ich ein Denkmodell

von Walter Kohli vorstellen, das in dieser Beziehung hilfreich ist.

Er zeigt einige Grundzüge der Schöpfungsordnung Gottes auf.

6 Grundlagen zur Beantwortung dieser Frage bietet natürlich sein geoffenbartes

Wort, die Bibel.

22


2.3 Wie Gott gelobt werden will

geistlich

fleischlich

Gottes Vollkommenheit menschliche Unvollkommenheit

(„Fleischlichkeit“)

primär auf das ausgerichtet,

was Gott gefällt

vom Urteil Gottes abhängig

(„Das, was Gott gut findet“)

erhoben sein

primär auf das ausgerichtet,

was Menschen gefällt

vom Urteil von Menschen abhängig

(„Das, was Menschen

gut finden“)

berauscht sein

Selbstbeherrschung Gier, „fleischliche Lüste“

(Gal 5,24)

Frieden

Ordnung

Ausgewogenheit

Uneinigkeit, Zwietracht

Unordnung

Unausgewogenheit

Tabelle 2.1: Gegenüberstellung „geistlich“ – „fleischlich“

23


Kapitel 2 Was die Bibel über Musik sagt

Eine Musik, die diese Schöpfungsordnung beschreibt, nennt er

Musik des Friedens“. Wie sieht das konkret aus?

Der lebendige und allwissende Schöpfergott hat das

Universum geschaffen. Er ist nicht ein Gott der Unordnung,

sondern des Friedens. Gottes Ordnung in

der Schöpfung können wir zum Teil durch eigene

Beobachtung der Natur erkennen. Die Naturgesetze

sind ein Ausdruck dieser Ordnung. Die Bibel gibt

uns weitere Anhaltspunkte und beschreibt vor allem

Gottes Schöpfungsordnung für den Menschen in seinem

Verhältnis zum Mitmenschen und zu Gut und

Böse. Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern

seine Ordnung schafft FRIEDEN. 7

Musik zum Lobe Gottes ist ausgewogen und geordnet.

2.3.2 TÄGLICHES LOB

Singet dem HERRN, alle Lande; verkündiget täglich

sein Heil! (1.Chr 16,23)

Das Lob durch Gesang (und Instrumentalmusik) soll eine tägliche

Übung sein. Nicht nur Israel soll daran beteiligt sein, sondern

„alle Lande“. Hier wird schon im Alten Testament angedeutet,

dass einmal auch die Heidenvölker am Heil Gottes teilnehmen

dürfen.

. . . redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen

und geistlichen Liedern, singet und spielet dem

HERRN in eurem Herzen . . . (Eph 5,19)

Das tägliche Lob Gottes durch Musik muss nicht immer real

ausgeübt werden, es genügt auch, „im Herzen zu singen und zu

spielen.“ Ein singendes und spielendes Herz ist ein frohes Herz.

7 Kohli: Rockmusik, S. 98.

24


2.3 Wie Gott gelobt werden will

2.3.3 QUALITÄTSBEWUSSTES LOB

Singet ihm ein neues Lied; machet’s gut auf Saitenspiel

mit Schall. (Ps 33,3)

Lobsinget, lobsinget Gott; lobsinget, lobsinget unserm

König! Denn Gott ist König auf dem ganzen

Erdboden; lobsinget ihm klüglich! (Ps 47,7–8) 8

Das Lob durch Musik soll gut gemacht sein. Gott hat den Menschen

begabt. Jeder soll – natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten

– gut Musik machen. Das darf nicht zu einer Überforderung

führen, an der der Musizierende zerbricht, schließlich ist es

eine Freude, Gott zu loben. Andererseits darf er nicht vergessen,

an wen seine Musik gerichtet ist.

Dieser Gedanke ist heute leider nicht mehr sehr weit verbreitet.

Muss Gott nicht mit unserem armen, schwachen Lob hier

auf Erden zufrieden sein? Sicher, angesichts der Größe Gottes

ist selbst das, was die größten Komponisten geschaffen haben,

arm und schwach. Aber muss das Lob auch nach menschlichen

Maßstäben arm und schwach sein? Wie viele Lieder gibt es, die

weder textlich noch musikalisch viel Substanz enthalten. Gebietet

es nicht die Ehrfurcht vor dem heiligen Gott, dass man sich

im Rahmen seiner Möglichkeiten Mühe gibt? Es gibt unzählige

christliche Lieder, die kurz populär waren und dann in der

Versenkung verschwunden sind. Das gilt nicht nur für Lieder

der letzten vierzig Jahre, sondern auch für solche der letzten 500

Jahre.

8 Die traditionelle Lutherübersetzung gibt hier den Sinn des Urtextes genauer

wieder als die Elberfelder Übersetzung. Im hebräischen Text steht, man

solle Gott ein Gedicht oder Lehrgedicht singen. Der Begriff „Lehrgedicht“ geht

im Hebräischen auf ein Verb zurück, welches soviel bedeutet wie „etwas geschickt/gekonnt/kunstvoll/versiert/professionell/wie

ein Experte machen“.

25


Kapitel 2 Was die Bibel über Musik sagt

2.4 MUSIK SOLL NÜCHTERN SEIN

Qualität ist nicht nur eine Frage danach, wie gut oder schlecht

etwas ist. Sie fragt auch nach der Wirkung einer Sache. Wenn Musik

dazu geeignet ist, einen Zuhörer mehr oder weniger in Trance

zu versetzen, dann ist zu fragen, ob sie Gott gefällt. Bestimmte

Arten von Musik gehen nicht mit der biblischen Aufforderung

an Christen konform, nüchtern und wachsam zu sein. Darauf

wird im weiteren Verlauf des Buches noch eingegangen werden.

Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher,

der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe

und sucht, welchen er verschlinge. (1.Petr 5,8)

2.5 MUSIK IST EWIG

Und sie sangen ein neues Lied vor dem Stuhl und

vor den vier Tieren und den Ältesten; und niemand

konnte das Lied lernen denn die hundertvierundvierzigtausend,

die erkauft sind von der

Erde. (Offb 14,3)

Auch in der Ewigkeit wird es Musik geben. Weil es im Himmel

Dinge gibt, „die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat,“

können wir uns nicht vorstellen, wie sie klingen wird. Es gefällt

Gott, dass er sowohl auf der Erde als auch im Himmel durch

Musik gelobt wird.

2.6 MUSIK IST AUSDRUCK DES GLAUBENS

Da glaubten sie an seine Worte und sangen sein Lob.

(Ps 106,12)

Im 106. Psalm wird erwähnt, wie Gott das Schilfmeer trocken

legte, damit das Volk Israel hindurchziehen konnte. Aufgrund

dieses Machtbeweises ihres Gottes glaubt das Volk. Ein Ausdruck

des Glaubens ist ihr Lobgesang.

26


2.7 Musik ist Ausdruck der Dankbarkeit

2.7 MUSIK IST AUSDRUCK DER DANKBARKEIT

Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm

eine Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten

ihr nach hinaus mit Pauken im Reigen. Und

Mirjam sang ihnen vor: Laßt uns dem HERRN singen,

denn er hat eine herrliche Tat getan; Roß und

Mann hat er ins Meer gestürzt. (2.Mose 15,20–21)

Die Prophetin Mirjam ist so voller Freude, dass sie ein Lied zur

Pauke anstimmt, welches die Frauen des Volkes Israel mitsingen.

Dieses Lied drückt nicht nur Freude, sondern auch Dankbarkeit

darüber aus, wie mächtig Gott gehandelt hat.

2.8 MUSIK IST AUSDRUCK DER FREUDE

Gott fährt auf mit Jauchzen und der HERR mit heller

Posaune. (Ps 47,6)

Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals

sage ich: Freuet euch! (Phil 4,4)

Gott freut sich. Deshalb sollen auch wir Christen uns freuen.

Musik soll Freude machen, sowohl beim Hören als auch beim

eigenen Musizieren. Nicht jeder ist ein professioneller Musiker.

Nicht jeder kann gut singen oder musizieren. Das soll aber keinen

davon abhalten, es zu tun. Gerade Chorleiter dürfen ihre

Sänger und Musiker nicht derart überfordern, dass ihnen das

Singen und Musizieren nicht mehr Freude macht. Das entbindet

sie jedoch nicht davon, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten

Mühe zu geben.

2.9 MUSIK KANN BEFREIEND SEIN

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und

lobsangen Gott; und die Gefangenen hörten ihnen

27


Kapitel 2 Was die Bibel über Musik sagt

zu. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so

daß die Grundfesten des Gefängnisses erschüttert

wurden; und alsbald öffneten sich alle Türen, und aller

Bande wurden gelöst. (Apg 16,25–26, Elberfelder

Übersetzung)

Paulus und Silas, in einer hoffnungslosen Lage, gefoltert und

schwer verletzt, beten und singen. Die Mitgefangenen hören

zu. In diesem Moment greift Gott ein und befreit sie alle. Gott

hört Gebet. Gott hört unseren Lobgesang. Unser Singen und

Beten geht nicht an seinen Ohren vorbei. Wenn er es für richtig

hält, greift er ein, um seinem Namen Ehre zu machen. Es ist

nicht leicht, Loblieder zu singen, wenn man auf dunkle Wege

geführt wird. Es ist aber tröstlich zu wissen, dass Gott immer

unser Singen und Beten hört.

Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand gutes

Muts, der singe Psalmen. (Jak 5,13)

2.10 ROCKMUSIK IN DER BIBEL?

Da nun Josua hörte des Volks Geschrei, daß sie jauchzten,

sprach er zu Mose: Es ist ein Geschrei im Lager

wie im Streit. Er antwortete: Es ist nicht ein Geschrei

gegeneinander derer, die obliegen und unterliegen,

sondern ich höre ein Geschrei eines Singetanzes. 9

Wie hat die Musik wohl geklungen, als die Kinder Israel um das

goldene Kalb tanzten? Es ist zwar nicht ganz einfach, diese Frage

zu beantworten, aber es gibt einige Schlüsselwörter in diesen

Versen, die Einiges verraten. Josua hört ein Jauchzen (hebräisch

rêa’: lärmen, schreien, krachen (wie Donner)). Er meint, das Geschrei

(hebräisch qôl: Stimme, Geschrei, Schall, Donner, Blöken)

einer kriegerischen Handlung zu hören. Mose weist ihn darauf

hin, dass es sich aber weder um das triumphale Schreien von

9 2.Mose 32,17–18.

28


2.11 Zusammenfassung

Überlegenen noch um das ängstliche Schreien von Unterlegenen

handelt, sondern dass es nichts weiter als Singen und Tanzen

war. Eines ist sicher: Es gab eine Menge Krach. Es hörte sich

chaotisch an, wie der Lärm einer Schlacht. Es war aber nicht

der Lärm einer Schlacht, es war nur ein lärmender Tanz. Die

Musik dazu war Lärmmusik oder Schreimusik. Welcher Geist

beseelte die tanzenden Israeliten in diesem Moment? 10 War es

der gute Geist Gottes oder der jegliche Ordnung niederreißende

Geist Satans? War die Musik geordnet oder chaotisch? Hatte sie

vielleicht Ähnlichkeit mit Rockmusik? Ich denke, es ist sinnvoll,

einmal über diese Fragen nachzudenken.

2.11 ZUSAMMENFASSUNG

• Das Lob Gottes ist nicht etwas, das in das Belieben des

Christen gestellt ist. Gott verlangt, dass er gelobt wird. Er

verlangt, dass das mit Musik und Dichtung geschieht.

• Gott will nicht irgendwie gelobt werden. Das Lob soll mit

Überlegung und Verstand, gekonnt und kunstvoll geschehen.

• Die Schreimusik der Israeliten am goldenen Kalb lobte

Gott nicht.

• Loben darf nicht dem Gebot der Nüchternheit widersprechen.

• Singen und Musizieren gibt es nicht nur hier auf der Erde,

sondern auch in der Ewigkeit.

• Gott loben ist ein Ausdruck des Glaubens und der Dankbarkeit.

• Gott loben macht Freude.

10 Vergl. S. 85.

29


KAPITEL 3

WIE MUSIK ZU UNS SPRICHT UND UNS

BEEINFLUSST

Ist Musik nur eine (schöne) Verpackung für Text? Ist sie nicht an

sich wertneutral? Wird sie nicht erst durch den darunter gelegten

Text zu geistlicher oder weltlicher Musik? Kann Musik ohne

Text überhaupt etwas aussagen? Können nur gläubige Musiker

wahre geistliche Musik machen? Diese Fragen werden immer

gestellt, wenn es darum geht, ob bestimmte Musikrichtungen

zur Gemeinde Jesu gehören oder nicht. Um diese Fragen richtig

beantworten zu können, ist es unerlässlich, zu verstehen,

wie Musik überhaupt wirkt und was sie aussagt. Wenn man

Musik nur aufgrund der ihr zugrundeliegenden Texte oder der

Personen, welche sie ausüben, beurteilt, dann geht man an der

eigentlichen Sache vorbei. Die eigentliche Sache ist die Musik

selbst.

Zu viele Betrachtungen über die Rockmusik gehen nur auf

die Texte der Lieder oder das Leben der Musiker und deren

Überzeugungen ein. Man nimmt oft fälschlicherweise an, dass

nur der Text gut sein müsse. Die Musik sei ohnehin nur ein

Träger des Textes. Sicherlich, man muss schon Zweifel haben,

wenn Musiker einer Band dem Satanskult zugeneigt sind, oder

wenn Texte ihrer Lieder rassistische Gedanken übermitteln. Aber

zu einem begründeten Urteil über deren Musik tragen solche

Ansätze nicht viel bei. Man kann nichts für oder gegen eine

Musik vorbringen, wenn sich das Urteil nur auf Personen oder

Dinge stützt, die zwar mit der Musik verbunden, aber nicht die

31


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

Musik selbst sind. Dazu ist es notwendig, zu wissen, wie Musik

wirkt und was sie aussagt.

3.1 WORAUS BESTEHT MUSIK?

Musik besteht aus strukturierten Tönen oder Klängen. Dies trifft

nicht nur auf Musik zu, auch Sprache besteht aus Tönen und

Klängen. Auch wenn man es nicht glaubt, Sprache und Musik

haben akustisch viele Gemeinsamkeiten. Wenn man sich Klangspektren

von Musik und Sprache anschaut, so stellt man große

Ähnlichkeiten fest. Es ist oft unmöglich, nur aufgrund eines

Klangspektrums zu beurteilen, ob es sich bei dem zugrundeliegenden

Schallereignis um Musik oder Sprache handelt.

Töne (Klänge, Laute) können aufgrund von vier Eigenschaften

unterschieden werden:

1. Tonhöhe (Klanghöhe)

2. Tonlänge (Klanglänge)

3. Tonstärke (Klangstärke)

4. Tonfarbe (Klangfarbe)

Diese vier Begriffe spielen in der Analyse von Musik und Sprache

eine wichtige Rolle.

Von diesen vier Klangeigenschaften hat die Klangfarbe eine

wichtige Funktion bei der Sprache. Verschiedene Konsonanten

und Vokale unterscheiden sich in ihren Klangfarben und Geräuschanteilen.

Ihre Abfolge ergeben Einheiten wie Wörter und

Sätze. In der Musik sind es dagegen eher Tonhöhe und Tonlänge,

die im Vordergrund stehen. Jedoch spielen auch die jeweils

übrigen Klangeigenschaften eine wichtige Rolle, sowohl in Sprache

als auch in Musik. Deshalb sind sie sehr eng miteinander

verwandt.

Im Folgenden soll untersucht werden, wie Musik und Sprache

Inhalte ausdrücken. Dazu ist die Kenntnis der vier Ton- oder

Klangeigenschaften notwendig.

32


3.2 Sprache und Musik drücken Inhalte aus

3.2 SPRACHE UND MUSIK DRÜCKEN INHALTE AUS

Sprache und Musik übermitteln Botschaften. Sie werden bewusst

oder unbewusst aufgenommen. Gesprochene Sprache ist meist

unmittelbar verständlich. Musik hingegen ist eine Sprache, die

zwar spricht und Inhalte vermittelt, bei der es aber nicht sofort

möglich ist, zu formulieren, was sie gerade ausdrückt. Die

Wirkung von Musik entzieht sich in der Regel unserer Aufmerksamkeit.

Dennoch wirkt sie. Wir sind uns nur nicht immer ihrer

Inhalte und Wirkungen bewusst. Das ist vielleicht auch das Gefährliche

an böser Musik. Sie wirkt unmerklich. Musik geht oft

direkt in die Seele. Sie nimmt nicht den Umweg durch den Verstand

(das bewusste Denken). Wir sind jedoch dem Einfluss der

Musik ausgesetzt. Deshalb ist es nützlich zu wissen, was Musik

mit uns macht.

3.3 MUSIK IST NICHT WERTNEUTRAL

Andreas Malessa hat ein aufschlussreiches Buch über die Geschichte

der christlichen Popmusik geschrieben. Er ist sozusagen

ein „Insider“ der christlichen Popmusik, weil er als Teil des Duos

„Arno und Andreas“ einen wichtigen Abschnitt dieser Geschichte

mitgeschrieben hat. Darüber hinaus kannte und kennt er viele

Musiker der christlichen Popmusikszene. Andreas Malessa behauptet,

dass Musik an sich wertneutral sei:

Die Bezeichnung „christliche Popmusik“ ist strenggenommen

absurd und enthält mindestens zwei Widersprüche:

Musik als solche kann weder „christlich“

noch „unchristlich“ sein; sie ist zunächst eine objektiv

freie Kunstform, der weitgehend weltanschauliche

Wertneutralität zugestanden werden muss. „Popmusik

im Dienste der christlichen Verkündigung“ wäre

ein besserer Begriff, . . . 1

1 Andreas Malessa: Der neue Sound, Christliche Popmusik – Geschichte und

Geschichten. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1980, S. 10.

33


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

Eine ähnliche Argumentation wird von Steve Volke 2 gebraucht:

Ob es dabei ’rauf oder ’runter geht, ob vorne ein Baßoder

Violinschlüssel steht, ist für den Wert dieser

Musik völlig unerheblich. 3

Der Titel eines Buches von Hans Arved Willberg, „Streit um

Töne“ 4 , suggeriert, dass Töne nichts sind, um das es sich zu

streiten lohnt, weil es eben nur Töne sind, denen man nicht zu

viel Bedeutung zumessen sollte. Töne haben aber sehr wohl

eine große Kraft, wie wir noch sehen werden. In eine ähnliche

Richtung geht eine Argumentation von Peter Strauch, der zwar

viele schöne Lieder geschrieben hat 5 , sich aber der Wirkungen

von Musik nicht ganz im Klaren zu sein scheint. Die Zeitschrift

ideaSpektrum zitiert ihn, wie folgt:

Schon der alttestamentliche König David habe Lieder

zum Lob Gottes geschrieben: „Das muss in unserer

Zeit nicht abreißen.“ Dabei sei es wichtig, sich nicht

auf eine bestimmte Musik festzulegen: „Die unterschiedlichsten

Stilarten sind gerade gut genug, um

Gott zu loben.“ Entscheidend sei, dass der Inhalt der

Lieder „wirklich echt ist“. Die meisten Hörer hätten

eine hohe Sensibilität dafür, ob Musik von Personen

stamme, „die das leben, was sie glauben“. 6

Strauch vertritt die Meinung, dass alle Stilarten von Musik zum

Lob Gottes geeignet seien. Dass es auf den Inhalt, also den Text,

2 Steve Volke ist Direktor von „Compassion Deutschland“, einer Organisation,

die sich weltweit für arme Kinder einsetzt.

3 Steve Volke: Background, MUSIKerLEBEN. Gießen, Basel: Brunnen Verlag,

1988, S. 12.

4 Hans-Arved Willberg: Streit um Töne: die Christen und die Rockmusik. Gießen,

Basel: Brunnen Verlag, 1991.

5 Vergl. die Darstellung zu seinem Lied „Die Gott lieben, werden sein wie

die Sonne“ ab S.143.

6 ideaSpektrum: „Altpräses: Musik überzeugt nur, wenn sie echt ist“. In:

idea e.V. (Hg.): ideaSpektrum (2015), H. 18. S. 14.

34


3.3 Musik ist nicht wertneutral

ankommt, impliziert, dass die Musik selbst keinen Inhalt hat.

Was dabei am Inhalt des Textes „echt“ oder „unecht“ sein soll,

bleibt unklar. Strauch bindet die Qualität der Musik nicht an das

Können des Musikers, sondern an seinen Glauben. Verändert

sich ein- und dieselbe Musik, wenn sie von einem Gläubigen

statt von einem Ungläubigen vorgetragen wird? Es ist sehr fragwürdig,

wenn man meint, dass es auf den Glauben oder die

Einstellung eines Musikers ankomme. Für einen Musiker kommt

es zuerst darauf an, ob er sein Instrument oder seine Stimme

richtig beherrscht, so wie es beim Bäcker nicht darauf ankommt,

ob er gläubig oder ungläubig ist, sondern ob er Brötchen backen

kann. Der Geist der Musik liegt in erster Linie nicht im ausübenden

Musiker, sondern in den Noten. 7 Ein Riff der Heavy-Metal-Band

„Deep Purple“ bleibt ein Riff dieser Band, egal ob er von gläubigen

oder weltlichen Musikern aufgeführt wird. Er behält seine

Wirkung. Das Gleiche gilt für einen Choral von Johann Sebastian

Bach.

Musik ist nicht wertneutral. Malessa, Volke und Strauch stellen

einfach Behauptungen auf, ohne deren Richtigkeit zu begründen.

Sie ignorieren, dass Musik immer etwas aussagt und wirksam

ist. Aussagen von Musik sind nie wertneutral, im Gegenteil, sie

können und müssen bewertet werden. Das soll im Folgenden

nachgewiesen werden. Dazu werden zunächst einige Beispiele

für die Musik der Sprache 8 analysiert. Wenn man versteht,

wie musikalische Elemente der Sprache wirken und Botschaften

übermitteln, dann versteht man auch, dass Musik allein wirkt

und Botschaften übermittelt. Diese Beispiele sollen helfen, Aussagen

gesungener und gespielter Musik zu verstehen, die im

weiteren Verlauf des Buches behandelt wird.

7 Man könnte auch sagen, dass der Geist der Musik nicht aus dem Musiker,

sondern aus den Noten kommt. Es ist seine Aufgabe, diesen Geist herauszufinden

und richtig wiederzugeben. Er muss die Musik somit richtig interpretieren.

8 wohlgemerkt, Musik der Sprache, nicht – Sprache der Musik.

35


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

3.4 DIE MUSIK GESPROCHENER SPRACHE

In den folgenden Abschnitten wird dargelegt, wie musikalische

Elemente von Sprache (Veränderungen von Tonhöhe, Lautstärke,

Farbe und Dauer von Silben) 9 Botschaften übermitteln, die nur in

diesen musikalischen Elementen enthalten sind. Dies wird dem

Leser helfen, die Ausführungen der folgenden Kapitel, in denen

es um Botschaften geht, die durch gesungene und gespielte

Musik übermittelt werden, besser zu verstehen.

3.4.1 BETONUNG

Nehmen wir einmal den Vornamen Peter und stellen uns vor,

dass dieser Peter von einer ihm vertrauten Person, etwa seiner

Mutter, angeredet wird. Die beiden Silben des Vornamens können

unterschiedlich betont 10 werden, sie können unterschiedlich

lang gesprochen werden, sie können mit unterschiedlicher Lautstärke

gesprochen werden und sie können mit unterschiedlich

gefärbter Stimme artikuliert werden. Bei diesem Beispiel werden

Pe - ter Ruf Vorwurf Frage

Tonhöhe hoch - tief hoch - tief tief - hoch

Tonlänge lang - kurz lang - lang lang - kurz

Tonstärke stark stark mittelstark

Tonfarbe fast singend aggressiv angenehm

bewusst die musikalischen Termini 11 der vier Ton- beziehungsweise

Klangeigenschaften 12 verwendet.

Es wird deutlich, dass gesprochene Sprache zusätzliche Bedeutung

durch musikalische Elemente bekommt. Jeder verbindet

9 Siehe S. 32

10 Eine betonte Silbe wird höher gesprochen als eine unbetonte.

11 Fachbegriffe.

12 Vergl. S. 32.

36


3.4 Die Musik gesprochener Sprache

mit dem Tonfall von etwas Gesagtem Inhalte, die in den eigentlichen

Worten nicht enthalten sind. Statt „Tonfall“ sollte man

besser „Musik der Sprache“ sagen. Der im obigen Beispiel angesprochene

Peter merkt an der Stimme seiner Mutter, ob sie

verärgert ist oder ob sie sich in irgendeiner Notlage befindet, in

der sie seine Hilfe braucht. Diese Botschaft wird nicht allein mit

dem Wort „Peter“ übermittelt, sondern mit den musikalischen

Parametern, die mit dem Sprechen dieses Namens verbunden

sind.

Nun könnte man einwenden, dass dies alles nicht auf geschriebene

Sprache zutrifft, da sie doch auf Papier steht, ohne einen

Laut von sich zu geben. Dieser Einwand lässt außer acht, dass

wir den Worten beim Lesen unwillkürlich musikalische Parameter

beifügen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: „Peter“, schrie

seine Mutter, „ich bin ausgerutscht“. Keiner stellt sich in seinem

Inneren vor, dass die Mutter in dieser Situation mit einer Roboterstimme

spricht. Nicht nur gesprochene, auch geschriebene

Sprache enthält Musik, weil wir diese Musik beim Lesen mit

unserem „inneren Ohr“ hören.

3.4.2 RHYTHMUS UND KLANGFARBE

„Das reimt sich und was sich reimt, ist immer gut.“

Dieser Ausspruch stammt von keinem Geringeren als dem Pumuckl

aus den Geschichten Meister Eder und sein Pumuckl 13 von

Ellis Kaut.

Wir haben einen großen Schatz an Chorälen und Glaubensliedern,

die viele Reime und andere Ausdrucksmittel dichterischer

Kunst enthalten. Viele Gläubige haben durch sie reichen Segen

erfahren. Diese dichterischen Mittel üben eine starke Wirkung

aus. Sie tragen zum besseren Verständnis des Inhalts bei. Sie

helfen auch, dass man sich die in ihnen vermittelten Glaubensgrundsätze

besser merken kann.

2001.

13 Ellis Kaut: Meister Eder und sein Pumuckl. Bielefeld: Bertelsmann Verlag,

37


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

Wie alles Nützliche können auch Reime missbraucht werden.

Reime und andere sprachliche Figuren können eine starke Wirkung

haben. Diese sprachlichen Figuren werden mit Hilfe eines

Teils der vier Grundelemente der Musik, Klanghöhe, Klanglänge,

Klangstärke und Klangfarbe, gebildet. 14

Sprache transportiert auf eine Art und Weise Bedeutung, die

dem Hörer oder Sprecher in den meisten Fällen kaum bewusst

ist. Im Wartezimmer eines Zahnarztes liest man mitunter den

Spruch: „Gesund beginnt im Mund.“ Die meisten Menschen

werden dieser Aussage zustimmen, ohne weiter über die Gründe

nachzudenken. Was macht diesen Spruch so einleuchtend?

Es ist der Reim und der Rhythmus des Satzes. Die zweite Silbe

von „Gesund“ und das Wort „Mund“ haben gleiche Vokale. 15

Außerdem haben beide Silben die Buchstaben „nd“ gemeinsam.

Der ganze Satz besteht aus sechs Silben, von denen je zwei einen

Jambus 16 bilden. Die Betonungen in diesem Satz ergeben

somit einen gleichmäßigen Rhythmus. Was ist an der Aussage

„Gesund beginnt im Mund“ sachlich richtig? Es ist unstrittig,

dass Mundgesundheit überaus wichtig für die menschliche Gesundheit

im Allgemeinen ist. Aber, warum beginnt Gesundheit

im Mund? Warum beginnt sie nicht bei Lebensgewohnheiten,

bei ausreichender Bewegung oder bei der Ernährung? Warum

ausgerechnet im Mund? Hier wird deutlich, dass diese Aussage

inhaltlich nicht zutrifft. Die Aussage, dass Mundgesundheit

wichtig ist, trifft hundertprozentig zu, dass aber Gesundheit im

Mund beginnt, ist eine willkürliche Behauptung, die sachlich

nicht zu belegen ist. Dieses Beispiel macht deutlich, welche Überzeugungskraft

Verse und Reime haben können. Auch diese sind

musikalische Elemente von Sprache. Eine logische Abfolge von

Klangfarben (Reimen) und Rhythmen wird in Korrelation zu einem

Inhalt gesetzt. Die musikalische Logik wird unbewusst auf

14 Siehe S. 32.

15 Vokale sind nichts anderes als unterschiedliche Klangfarben der menschlichen

Stimme.

16 Als „Jambus“ bezeichnet man zwei aufeinanderfolgende Silben von denen

die erste leicht, die zweite schwer ist, z. B. Verstand, Ersatz.

38


3.4 Die Musik gesprochener Sprache

den Inhalt einer Aussage übertragen. Etwas, das klanglich, also

musikalisch, logisch ist, erscheint auch inhaltlich logisch. Dieses

Beispiel zeigt, dass Musik etwas unmittelbar in die Seele transportiert,

ohne dass es vorher durch unser bewusstes, kritisches

Denken gefiltert worden ist.

Denken wir einmal über folgende Verse nach:

• „Das Evangelium ist nicht Drohbotschaft, sondern Frohbotschaft.“

Paulus sagt, dass das Gesetz ein Zuchtmeister auf

Christus hin ist. 17 Gesetz (Drohbotschaft) und Evangelium

(Frohbotschaft) sind notwendig, um zum Glauben zu kommen.

Jesus selbst droht denen ewige Verdammnis an, die

nicht an ihn glauben. 18 Dieses Beispiel zeigt, dass Evangelium

auch Drohbotschaft sein kann. Der Reim lässt eine

Aussage logisch erscheinen, die bei näherem Hinsehen

nicht zutrifft.

• „Loben zieht nach oben, Danken schützt vor Wanken.“ Loben

und Danken sind zwei der wichtigsten Äußerungen des

Glaubenslebens eines Christen. Gott loben richtet den Blick

von uns weg auf unseren Herrn im Himmel. Wenn wir

dankbar sind, dann sind wir mit dem zufrieden, was wir

haben. Vor allem sollen wir dafür dankbar sein, dass wir

von ihm zu ewigem Leben erwählt worden sind.

Wodurch gewinnt dieser Satz, „Loben zieht nach oben,

danken schützt vor Wanken“ seine Überzeugungskraft?

Die meisten von uns werden darin übereinstimmen, dass

sie nicht über den tieferen Sinn, ja über die Richtigkeit

dieser Aussage nachgedacht haben. Sie überzeugt ganz

einfach, weil sie als Reim formuliert ist. Was zieht uns nach

oben? Ist es unser Loben oder werden wir nicht vielmehr

von Gott gezogen? Was bedeutet „Nach oben ziehen“? Ist

17 Gal 3,24.

18 „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht

glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über

ihm“ (Joh 3,36).

39


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

das nur ein psychologischer Vorgang oder ist dafür nicht

viel mehr notwendig, nämlich Jesu Tod und Auferstehung,

der für uns den Weg „nach oben“ frei gemacht hat? Loben

ist etwas Gutes und Wichtiges. Aber zieht es uns wirklich

nach oben?

Wer oder was schützt uns wirklich vor Wanken? Ist es

das Danken? Noch einmal, Danken ist ungemein wichtig

und ein Ausdruck lebendigen Glaubens. Aber schützt es

wirklich vor Wanken? Ist es auch hier nicht wieder Gott

selbst, der uns festhält und bewahrt?

Reime und Rhythmen bereichern unsere Sprache. Sie helfen,

Aussagen zu verstehen. Sie können jedoch auch missbraucht

werden, wie die Beispiele oben zeigen. Reime oder regelmäßige

Sprachrhythmen gaukeln eine gewisse Plausibilität vor. Damit

können unwahre Aussagen leicht „unter das Volk“ gebracht

werden.

Reime können eine starke Überzeugungskraft haben. Durch

ihre unmittelbare Wirkung verhindern sie oft ein tieferes Nachdenken

über Aussagen, die uns in Reimform begegnen.

3.4.3 ALLITERATIONEN UND ASSONANZEN

„Mars macht mobil – bei Arbeit, Sport und Spiel.“ Dieser bekannte

Werbeslogan gewinnt seine Plausibilität nicht nur durch den

enthaltenen Reim, sondern auch durch die Tatsache, dass die

Anfangskonsonanten der Wörter Mars, macht, mobil sowie Sport

und Spiel gleich sind. Hierbei handelt es sich um Alliterationen.

Die Worte „mobil“ und „Sport“ und „Spiel“ enthalten gleiche

Vokale (o – i). Diese Sprachfigur nennt man Assonanz. 19

Alliterationen und Assonanzen haben eine ähnlich überzeugende

Wirkung wie Reime. Sie machen Sprache plausibel und

können dazu missbraucht werden, Falsches überzeugend klingen

zu lassen. Man kann durchaus geteilter Meinung darüber

19 von lateinisch assonare = „anklingen“; aus lateinisch ad = „zu an“ und

sonare = „klingen“ .

40


3.4 Die Musik gesprochener Sprache

sein, ob eine aus Fett und Zucker bestehende Kalorienbombe

wie ein Marsriegel die Mobilität eines Menschen erhöht.

Aus dem bisher Gesagten könnte der Eindruck entstehen, dass

solche Sprachfiguren hauptsächlich missbraucht würden. Das

ist natürlich nicht der Fall. Alliterationen sind zum Beispiel beliebte

Sprachfiguren in Geschichten (und Fernsehsendungen)

für Kinder. Denken wir an das „KIKANINCHEN“, an „Paulchen

Panther“ oder „Bob der Baumeister“. Diese Alliterationen

machen Kindern einfach Spaß.

3.4.4 MUSIKALISCHE ELEMENTE IN DER BIBELÜBERSETZUNG

MARTIN LUTHERS

Gute Bibelübersetzungen sind nicht einfach nur Übersetzungen,

sie zeichnen sich auch sprachlich durch eine gewisse künstlerische

Qualität aus. Dies trifft ganz besonders auf die Übersetzung

Martin Luthers zu. Das Alte Testament war im hebräischen

Grundtext nicht einfach nur Sprache als Mittel der Mitteilung,

sie war zugleich auch Kunstwerk. Das Alte Testament wurde

nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen. 20

Einige Beispiele sollen zeigen, wie genial, einzigartig und nach

Meinung des Autors bisher unübertroffen die Übersetzung Luthers

ist. Zwei Stellen sollen dies verdeutlichen. An diesen Stellen

gebraucht Luther Alliterationen und Assonanzen, um den

Worten größere Kraft und Eindrücklichkeit zu verleihen.

• „. . . ihr werdet finden das Kind

in Windeln gewickelt

und in einer Krippe liegen.“ 21

Hier wird mit dem Buchstaben „i“ eine Assonanz gebildet,

die die Dreiteiligkeit der Aussage sozusagen musikalisch

macht. Insgesamt kommt das „i“ neun Mal vor, nämlich

20 Vergl. Suzanne Haïk-Vantoura: The Music Of The Bible Revealed. Hg. v. John

Wheeler. Übers. v. Dennis Weber. Berkely, San Francicsco: Bibal Press u. King

David’s Harp, Inc., 1991.

21 Lk 2,12.

41


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

in jedem Teil drei Mal. Das „i“ befindet sich jedes Mal auf

einer betonten Silbe. Die regelmäßige und strukturierende

Assonanz vermittelt ein Gefühl von ausgelassener Freudigkeit.

Die Übersetzung der „Guten Nachricht“, „Ihr werdet

ein neugeborenes Kind finden, das liegt in Windeln gewickelt

in einer Futterkrippe“, gebraucht zwar auch Assonanzen, jedoch

nicht rhythmisch strukturiert wie bei Martin Luther.

• „Du kannst mich rüsten mit Stärke zum Streit;

du kannst unter mich werfen, die sich wider mich

setzen.“ 22 Sprachfigur

„Du kannst“

„-i – ch“

„St“, „w“

„e“

unterstrichen

Wortwiederholung

Assonanz („-i“), Konsonanz („– ch“)

Alliteration („st“, „w“)

Assonanz („e“)

Assonanz („i“)

Auch dieses Beispiel zeigt die hohe künstlerische Qualität

der Übersetzung Luthers. Das Lob Gottes durch David

wird hier mit sprachlich-musikalischen Mitteln bereichert.

Sie spiegelt die Größe und Herrlichkeit Gottes wider. Zum

Vergleich sei der Vers aus der Elberfelder Übersetzung von

1905 und der Bibel „Die gute Nachricht“ zitiert. Diese Übersetzungen

haben auch ihre Vorzüge. Ihnen fehlt jedoch der

unmittelbar wirkende künstlerische Ausdruck der Sprache

Luthers: „Und du umgürtetest mich mit Kraft zum Streit, beugtest

unter mich, die wider mich aufstanden“ (Elberfelder). „Du

gabst mir die Kraft für diesen Kampf, du brachtest die Feinde in

meine Gewalt“ (Die gute Nachricht).

22 2.Sam 22,40.

42


3.4 Die Musik gesprochener Sprache

Exkurs 23

Heutige Bibelübersetzungen – auch wenn sie beanspruchen,

„modernes Deutsch“ zu gebrauchen – enthalten keine andere

Sprache als die Martin Luthers. Er hat die deutsche Sprache,

wie sie auch heute noch gesprochen wird, mit seiner Bibelübersetzung

gewissermaßen „erfunden“. Dazu schreibt Hanns Lilje:

Die Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit des geschichtlichen

Phänomens Martin Luther wird daran

erkennbar, daß niemand auf der Welt deutsch spricht,

schreibt oder liest, der nicht von Luthers geistigem

Erbe angerührt wäre, welchem kirchlichen Bekenntnis

er auch angehört. Denn wenn es auch eine Übertreibung

wäre, Luther den Vater der modernen deutschen

Schriftsprache zu nennen, so steht doch fest,

daß Deutsch, nämlich die hochdeutsche Schriftsprache,

ohne ihn nicht zu denken ist. Es ist fraglich, ob

wir ohne ihn schon im Anfang des 16. Jahrhunderts

eine gemeinsame Literatursprache bekommen hätten,

die gleichermaßen in Ober- und Mitteldeutschland

wie in Niederdeutschland verstanden wurde –

das Lutherdeutsch seiner Bibelübersetzung. Hier war

nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern eine

gemeinsame geistige Worterfahrung gegeben. Denn

während sich der Oberdeutsche und der Niederdeutsche

durch das gesprochene Wort und ihre völlig

verschiedenen Dialekte nicht ohne Schwierigkeiten

gegenseitig verständlich machen konnten, während

die Gelehrten untereinander Latein sprachen und

schrieben, wie es auch Luther tat, wenn er sich als

23 Im folgenden Abschnitt geht es nicht direkt um das Thema dieses Buches.

Man kann ihn also getrost überspringen. Es ist dennoch nützlich zu wissen,

welche Bedeutung Luther für die Entwicklung der deutschen Sprache hat, um

die Bedeutung seiner Bibelübersetzung richtig einschätzen zu können.

43


Kapitel 3 Wie Musik zu uns spricht und uns beeinflusst

Fachgelehrter äußerte, lag hier eine unmittelbar zugängliche

Worterfahrung vor. 24

In seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“, die Thomas

Mann anlässlich seine 70. Geburtstags im Jahre 1945 hielt, bestätigt

er Luthers Bedeutung für die deutsche Sprache:

Er hat nicht nur durch seine gewaltige Bibelübersetzung

die deutsche Sprache erst recht geschaffen, die

Goethe und Nietzsche dann zur Vollendung führten,

. . . 25

Es zeigt sich, wie einzigartig Luthers Bibelübersetzung ist. Wir

haben heute eine Fülle neuerer Übersetzungen, die zum Teil eine

Bereicherung für das Forschen in der Schrift sind. Hinsichtlich

der literarisch-künstlerischen Qualität bleibt die Übersetzung

Luthers bis jetzt jedoch unübertroffen. 26

3.5 WORT UND MUSIK

Musikalische Elemente der Sprache wie Reime, Alliterationen etc.

können dazu missbraucht werden, Inhalte am kritischen Bewusstsein

vorbei direkt in die Seele zu bringen. Dies kann aber

auch durch die Verbindung von Sprache mit Musik erreicht werden

und wird häufig in der Werbung genutzt. Ein gesungener

Werbeslogan (etwa zu einer Schokolade, die „die zarteste Versuchung

ist, seit es Schokolade gibt“) dringt viel tiefer in die Seele

24 Hanns Lilje: Martin Luther. Hamburg: Furche-Verlag H. Rennebach KG,

1964, S. 7.

25 Karl Heinrich Peter: Reden die die Welt bewegten. Stuttgart: Cotta, 1961 (Das

moderne Sachbuch, Band 9), S. 454.

26 Der Autor besuchte einmal ein Konzert des bekannten Liedermachers

Wolf Biermann. In diesem Konzert sprach der Sänger lange und ausführlich

über die Lutherbibel. Er sagte, dass er oft denke, dass Luthers Übersetzung

die Originalsprache der Bibel sein müsse, obwohl er natürlich wisse, dass dies

nicht zutreffe. Er ist ein großer Bewunderer der Sprachgewalt Luthers, obwohl

er sich zum Atheismus bekennt.

44


3.6 Zusammenfassung und Ausblick

ein als ein nicht gesungener. Musik kann einem Text mehr Überzeugungskraft

verleihen als ihm selbst innewohnt. Die Struktur

und Logik einer Melodie, die der Hörer im Augenblick des Hörens

unmittelbar fühlt, verbindet sich für ihn unbewusst mit

dem Inhalt des gesungenen Textes. Dieser erscheint dadurch gefühlsmäßig

plausibel und harmonisch. Melodien prägen sich oft

leichter ein als Worte. Deshalb bleiben Worte, die mit Melodien

verbunden sind, länger und tiefer im Gedächtnis haften.

3.6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Es sind bei weitem nicht alle sprachlichen Figuren behandelt,

worden, die mit Hilfe musikalischer Parameter Bedeutung übermitteln.

Die vorangegangenen sollten nur exemplarisch sein, um

zu verdeutlichen, dass Sprache und Musik untrennbar miteinander

verbunden sind. Musikalische Elemente der Sprache sagen

etwas, das nicht unmittelbar in den Silben und Worten enthalten

ist.

In den nächsten Kapiteln sollen Beispiele der Musik Bachs und

Beethovens, der Rockmusik sowie christlicher Choräle und Lieder

betrachtet werden. Es soll gezeigt werden, was die jeweilige

Musik aussagt.

45


KAPITEL 4

AUSSAGEN VON MUSIK – ABENDLÄNDISCHE

MUSIK

4.1 JOHANN SEBASTIAN BACH

4.1.1 DIE EVANGELISCH-LUTHERISCHE MUSIKAUFFASSUNG

Musik spielt nach Luther eine herausragende Rolle im Gottesdienst.

Sie kommt gleich nach der Predigt und soll „Gottes Wort

in Tönen verkündigen“. Der Musikwissenschaftler Friedemann

Otterbach erläutert Luthers Auffassung zur Musik im Gottesdienst

(er gebraucht dabei einige Zitate Luthers):

Laut den lutherischen Bekenntnisschriften ist der

sonntägliche Gottesdienst dazu angelegt, „Gottes

Wort zu lernen, also daß dieses Tages eigentlich Ampt

sei das Predigtamt ümb des jungen Volks und armen

Haufens willen“. Luther hatte so einerseits besonderes

Gewicht gelegt auf die Verkündigung von Gottes

Wort im Gottesdienst, auf die Predigt. Auf der anderen

Seite gab er, wie aus seinen Tischreden hervorgeht,

‚nach der Theologia der Musica den nähesten Locum

und höchste Ehre‘. Beides gehört zusammen: Wort

und Musik sind im Luthertum aufeinander bezogen,

weil die Musik geeignet ist, Gottes Wort in besonderer

Weise, nämlich in Tönen, zu verkünden. Aus

der nur dem Menschen gegebenen Verbindung der

Stimme (vox) mit der Sprache (sermo) folgerte Luther,

47


Kapitel 4 Aussagen von Musik – Abendländische Musik

die Menschen sollten Gott mittels des Wortes und der

Musik loben. ‚Die Noten machen den Text lebendig‘,

sie intensivieren die Aussagekraft der Worte. Gemäß

der lutherisch-reformatorischen Auffassung legt die

geistliche Vokalmusik den Text aus; sie erklärt ihn

(explicatio textus). Insofern ist sie gewissermaßen Exegese,

Auslegung des Textes, eine „Predigt in Tönen“

(praedicatio sonora). Nach Luther „predigte Gott das

Evangelium durch die Musik“, [. . . ] 1

Johann Sebastian Bach war ein großer Anhänger der Theologie

Luthers. Er betrachtete Musik als ein Mittel, das Gott ehren soll.

Dazu gehört, dass Musik „predigt“.

Zusammenfassung

1. Musik ist geeignet, Gottes Wort in besonderer Weise zu

verkünden.

2. Gott soll mittels des Wortes und der Musik gelobt werden. 2

3. Musik intensiviert die Aussagekraft des Wortes.

4. Musik erklärt den Text und legt ihn aus.

5. Sie ist somit „Predigt in Tönen“.

4.1.2 PREDIGT IN TÖNEN

Ein Beispiel Johann Sebastian Bachs soll zeigen, wie Musik den

Text auslegt.

1 Friedemann Otterbach: Johann Sebastian Bach: Leben und Werk. Stuttgart:

Pilipp Reclam jun., 1982, S. 54.

2 Vergl. S. 41

48


4.1 Johann Sebastian Bach

Eingangschor der Johannespassion

Johann Sebastian Bach hat in seinem Leben mehr als eintausend

Werke geschaffen. Jedes davon ist in seiner Genialität unübertroffen.

Man kann so etwas nur leisten, wenn man von Gott mit

den notwendigen Gaben ausgerüstet ist. Bach war ein extrem

fleißiger Mensch. Er schrieb mehrere Passionsmusiken, von welchen

die Johannespassion näher betrachtet werden soll. Der Text

der Johannespassion ist wörtlich dem Johannesevangelium nach

der Übersetzung Martin Luthers entnommen. Dazu kommen

Choräle von Martin Luther, Michael Weiße, Martin Schalling,

Johann Heermann und Paul Gerhardt sowie Dichtungen eines

unbekannten Dichters. Der Eingangschor der Passion hat den

folgenden Text:

Herr, unser Herrscher,

dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist.

Zeig uns durch deine Passion,

daß du, der wahre Gottessohn,

zu aller Zeit,

auch in der größten Niedrigkeit,

verherrlicht worden bist.

In den ersten zwei Zeilen wird Christus als ein Herrscher angeredet,

der überall berühmt ist. Man versetze sich in die Zeit

der Könige und Kaiser zurück, wie sie in prunkvollen Kutschen,

gezogen von edlen Pferden, vor ihrem Palast vorfuhren, von einem

begeisterten Volk umjubelt der Kutsche entstiegen und von

einer Abordnung uniformierter Diener zum Gebäude geleitet

wurden. Wenn Jesus wiederkommt, wird er mit großer Macht

und Herrlichkeit kommen, die unsere Vorstellungen noch weit

übertreffen wird. Was aber haben die ersten beiden Zeilen dieses

Textes mit dem Leiden und Sterben Christi zu tun? – Eigentlich

nichts.

Wenn man überlegt, wie dieser Text sinnvoll vertont werden

könnte, kommt einem die prächtige Musik von Georg Friedrich

Händels Oratorien in den Sinn, strahlendes Dur, reiche melodi-

49


Kapitel 4 Aussagen von Musik – Abendländische Musik

Abbildung 4.1: Eingangschor Johannespassion, Takte 1-2

sche Ornamente und eine vielfältige Instrumentierung. Bachs

Musik kommt aber seltsam anders daher. Sie fängt relativ verhalten

an (siehe Abbildung 4.1). 3 Die Musik passt nicht zu dem, was

man sich nach erstmaligem Lesen des Textes vorstellen würde.

Er scheint nicht in die Passionszeit zu passen, die von ihrer Stimmung

eher traurig und nachdenklich ist. Die Musik trifft diese

Stimmung schon eher. Wir haben hier ein Beispiel für „Predigt

in Tönen“.

Wie bei allen Vokalwerken Bachs werden auch hier die sogenannten

„musikalisch-rhetorische Figuren“ gebraucht. Otterbach

definiert sie wie folgt:

Diese Figuren sind Tonverbindungen, welche den

Sinn des Textes, seine Begrifflichkeit, Bildhaftigkeit

und seine affektiven 4 Inhalte mit musiksprachlichen

Mitteln darlegen. 5

In dem Notenbeispiel (Abbildung 4.1) finden wir folgende musikalisch-rhetorische

Figuren:

Circulatio In den ersten zwei Takten des Eingangschors der

Johannespassion fällt die kreisende Sechzehntelbewegung auf,

die sogenannte „Circulatio“ (siehe Abbildung 4.2, S. 51). Sie ist

ein „[. . . ] Abbild der Vollkommenheit (Kreis als Sinnbild des

3 Suchbegriffe bei Youtube: „Bach - St John Passion - best selection (reference

recording : Eugen Jochum)“ oder „Johann Sebastian Bach - Herr Unser

50

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