Ein Journalist, länger in Haft als in Freiheit. Christian Friedrich ...

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Ein Journalist, länger in Haft als in Freiheit. Christian Friedrich ...

Autor: Blümcke, Martin.

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Titel: Ein Journalist, länger in Haft als in Freiheit. Christian Friedrich Daniel Schubart.

Quelle: Wolfgang Wunden (Hrsg): Freiheit und Medien. Beiträge zur Medienethik (Band

4). Frankfurt am Main 1998. S. 227-234.

Verlag: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags und des

Herausgebers.

Martin Blümcke

Ein Journalist, länger in Haft als in Freiheit.

Christian Friedrich Daniel Schubart

Die Verwirrung ist perfekt und hält bis heute an. Da schreibt ein Häftling auf der

Landesfestung Hohenasperg nördlich von Ludwigsburg, dem württembergischen

Staatsgefängnis Nummer eins und bis heute Krankenhaus im Strafvollzug, ein kurzes

launiges Gedicht, das er auch vertont: Die Forelle. Später liest in Wien Franz Schubert

diese Verse und findet eine eigene Melodie, die die Forelle berühmt gemacht hat.

Es ist unbestreitbar, sollte aber keine Anregung für Nachahmer sein: In seiner mehr als

zehnjährigen Haft schuf Schubart die Werke, die die Zeiten überdauert haben. Da er auf

Befehl des Herzogs Karl Eugen keine Schreibutensilien besitzen durfte, “diktirte ich dies

mein Leben durch eine dike Wand in die Feder. Da mir das Schreiben aufs strengste

verboten war, so verbarg ich dies mein Leben mehrere Jahre unter dem Boden.” Ein

Mithäftling in einer benachbarten Zelle notierte also, was ihm Schubart zurief.

Die Fürstengruft wurde als erstes seiner Kerker-Gedichte 1781 gedruckt, im Frankfurter

und im Leipziger Musenalmanach. Hier einige der zahlreichen Strophen, die im Zeitalter

absolutistischer Herrschaft vom Kaiser bis hinunter zum letzten Reichsfreiherren

ungeheures Aufsehen erregten. Der Dichter hatte die Verse auf der Festung einem

Soldaten diktiert:

Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,

Ehmals die Götzen ihrer Welt!

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Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer

Des blassen Tags erhellt!

Die alten Särge leuchten in der dunkeln

Verwesungsgruft, wie faules Holz;

Wie matt die großen Silberschilde funkeln,

Der Fürsten letzter Stolz!

An ihren Urnen weinen Marmorgeister,

Doch kalte Tränen nur, von Stein,

Und lachend grub vielleicht ein welscher Meister

Sie einst dem Marmor ein.

Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,

Die ehmals hoch herabgedroht,

Der Menschheit Schrecken! denn an ihrem Nicken

Hing Leben oder Tod.

Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,

Die oft mit kaltem Federzug

Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,

In harte Fesseln schlug.

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Am Schluß spielt Schubart auf sein eigenes Schicksal an: Ohne Anklage, ohne

Gerichtsverfahren und Verurteilung war er auf dem Hohenasperg eingekerkert. Ende

Januar 1777 war der Publizist, der mit seiner Familie in der freien Reichsstadt Ulm lebte,

unter einem Vorwand nach Blaubeuren gelockt worden, auf württembergisches

Territorium. In der Order Herzog Karl Eugens an den Klosteramtmann Scholl heißt es:

“Dieser ... Mann hat es bereits in der Unverschämtheit so weit gebracht, daß fast kein

gekröntes Haupt und kein Fürst auf dem Erdboden ist, so nicht von ihm in seinen

herausgegebenen Schriften auf das freventlichste angetastet worden, welche Seine

Herzogliche Durchlaucht ... auf den Entschluß gebracht, dessen habhaft zu werden, um

die menschliche Gesellschaft von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu

reinigen.

Am 11. Mai des Jahres 1787 eröffnete dann Herzog Karl Eugen anläßlich einer

Truppenparade dem Häftling fast beiläufig, er sei nun frei. Nach zehn Jahren und mehr

als drei Monaten. Kurz zuvor waren Schubarts Kaplieder herausgekommen. Um seine

mehr als aufwendige Hofhaltung und seine zahlreichen Schloßbauten in Stuttgart, auf der

Solitude und in Hohenheim zu finanzieren, hatte Seine Durchlaucht geruht, ein Regiment

mit 3 200 Soldaten an die Holländisch-Ostindische Kompanie zu verkaufen, die sie in das

Land am Kap der guten Hoffnung an der Spitze Südafrikas entsenden wollte.

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Das nebenstehende Ölgemälde von August Friedrich Oelenhainz (1745-1804) zeigt den

50jährigen Schubart. Dessen Sohn Ludwig schrieb später in einer Biographie über den

Vater: “In der That nahm seine Lust zur Bewegung in eben dem Verhältniß ab, als seine

Körpermasse zunahm. ( ... ) Ich fand ihn im Herbste 1790 so stark, aufgedunsen, und roth

im Gesichte, daß ich beym Eintreten ins Zimmer über seinen Anblik erschrack.”

Schubarts Abschiedslied für das “Kap-Regiment” wurde rasch ungeheuer populär, und

keine 30 Jahre später nahmen Achim von Arnim und Clemens Brentano das Gedicht als

Volksgut in ihre Sammlung Des Knaben Wunderhorn auf.

Auf, auf! Ihr Brüder, und seid stark!

Der Abschiedstag ist da!

Schwer liegt er auf der Seele, schwer!

Wir sollen über Land und Meer

Ins heiße Afrika.

Am 24. März 1739 wird Christian Friedrich Daniel Schubart in Obersontheim geboren, in

einer Miniatur-Residenz der Grafen von Limpurg im schwäbisch-fränkischen Grenzsaum

südöstlich von Schwäbisch Hall. Er ist also sechs Jahre jünger als Wieland, zehn und 20

Jahre älter als Goethe und Schiller. Bald nach dem ersten Geburtstag des Sohnes zieht

die Familie nach Aalen um, in eine kleine freie Reichsstadt auf der Ostalb, wo der Vater

Präzeptor, Lehrer an der Lateinschule, und städtischer Musikdirektor wird. Hier hat der

junge Schubart den “derben deutschen Ton” gelernt, wie er in seiner Autobiographie

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mitteilt, im täglichen Umgang mit den Reichsstädtern und ihrer “donnernden

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schwäbischen Mundart”. Mit acht Jahren übertrifft er bereits seinen Vater im Klavierspiel,

dem 12jährigen vermittelte ein preußischer Werbeoffizier den Messias, die Verse des

Hamburger Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock.

Im Alter von 19 Jahren soll Schubart in Jena evangelische Theologie studieren, aber auf

seiner Reise dorthin bleibt er in Erlangen hängen, wo ihn “eine lustige

Studentengesellschaft” aufhält. “Von Leidenschaft gepeitscht, braußt' ich unter meinen

Freunden sinnlos einher, ohne Ordnung, ohne Klugheit, ohne Fleiß, ohne Sparsamkeit,

häufte Schulden auf Schulden und ward von meinen Glaubigern ins Karzer geworfen,

worinn ich vier Wochen lag.” Nach Hause zurückgekehrt, betätigt sich Schubart als

Aushilfe im Predigt- und Organistendienst, bis er 1763 nach Geislingen an der Steige

berufen wird, ein Städtchen, das zum Gebiet der freien Reichsstadt Ulm gehörte. Hier ist

er als Lehrer an der deutschen und lateinischen Schule angestellt, und zu dem mäßigen

Gehalt gehören auch noch Aufgaben als Prediger und Organist.

Ein Jahr später heiratet er in die bürgerliche Führungsschicht ein, indem er die Ehe mit

Helene Bühler, Tochter des ulmischen Oberzollers, eingeht. Damit ist der Konflikt

zwischen dem ungezügelten Genie und den Vorstellungen der bürgerlichen Welt

vorherbestimmt. Er verstärkt sich noch, als im September 1769 Herzog Karl Eugen

Schubart in seiner Residenzstadt Ludwigsburg die angesehene Stelle eines Organisten in

der evangelischen Stadtkirche und Musikdirektors überträgt. “Mein steter Umgang mit

deutschen und welschen Virtuosen war beständiger Ölguß in mein ohnehin schon wild

loderndes Feuer. Ich wurde immer kälter gegen Tugend und Religion, las Freigeister,

Religionsspötter, Sittenverächter und Bordellscribenten – und theilte – o meine gröste,

heiseste, schwerste Sünde, – die mir Höllenqual im Kerker machte – theilte das Gift

wieder mit, das ich einsog. Spöttereien und Zoten wurden mir daher so geläufig, daß ich

sie oft, wie die Kröte ihren Schaum ausgurgelte. ( ... ) Mein Weib versank in düstre

Schwermuth, weinte, seufzte stumm gen Himmel; ihr redlicher Vater hohlte sie und meine

Kinder ab.”

Der hochbegabte Musikus fühlt sich als Hofmann und erliegt dem galanten Hofleben. Er

wird als Ehebrecher gefangengesetzt und des Landes verwiesen. Er zieht nach Heilbronn,

Mannheim, Schwetzingen und München, wo er stets als Klaviervirtuose brilliert, aber

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vergeblich auf eine Anstellung hofft, obwohl Kurfürst Karl Theodor von seinem Spiel und

seinem Esprit beeindruckt ist.

Die nächste Station seines unsteten Wanderlebens ist Augsburg, eine paritätische

Reichsstadt mit katholischem und evangelischem Bevölkerungsanteil. Hier lernt er den

Buchhändler und Verleger Konrad Heinrich Stage kennen, der gerne eine periodische

Zeitschrift herausgeben möchte. Die beiden werden sich handelseinig, und am 31. März

1774 erscheint die erste Nummer der Deutschen Chronik, später Teutschen Chronik. Ein

Jahr, nachdem der Dichter Christoph Martin Wieland seinen Teutschen Merkur begründet

hat; zwei Jahre später wird August Ludwig Schlözer, Professor in Göttingen, einen Neuen

Briefwechsel historischen und politischen Inhalts herausbringen, seit 1782 unter dem Titel

Staats-Anzeigen, eine Art Nachrichtenmagazin mit Fakten und Hintergrundinformationen,

ein aufklärerisches Periodikum gegen geheime Kabinettspolitik. Das Erzeugnis des

35jährigen Christian Schubart ist eher ein den Lauf der Dinge sehr persönlich

referierendes Journal, das seinen Schwerpunkt immer im damaligen Reichskreis

Schwaben hat. Die Texte sind fast ausschließlich von ihm selbst verfaßt und im

vertraulichen Gesprächston gehalten. Die Deutsche Chronik bringt Mitteilungen aus

Politik, Literatur und den schönen Künsten “in freimütigster Weise”. Am 2. Juli 1774 rückt

er in sein Blatt ein: “Ein verzweifelter Entschluß ist's, in unsern hiperkritisehen Tagen, ein

Wochenblat zu schreiben, das bey der zahllosen Menge anderer noch Leser finden soll.

( ... ) Beynahe scheint's in Deutschland, nach der itzigen Verfassung unmöglich zu seyn,

eine gute politische Zeitung zu schreiben.” Später entschuldigt er sich bei seinen Lesern,

daß sie ,auch in diesem Jahre von Schlittenfahrten und Galatägen an den höchsten Höfen

nicht unterhalten werden”. An anderer Stelle heißt es: Feste, Jagden, Galatäge, Opern,

Komödien, Soldatenmusterungen, mystische Audienzen – dies ist alles, was wir jahraus

jahrein von den Höfen der Großen hören. Das übrige, was wir gern wissen möchten,

gehört unter die Rubrik von Staatsgeheimnissen.”

Das Papier der Chronik, damals ein erheblicher Kostenfaktor, ist auf Schubarts Wunsch

besonders stark, damit seine Zeitung durch etliche Hände gehen kann. Denn er will nicht

für eine elitäre Minderheit schreiben, sondern sich an die große Menge wenden. Im

Frühjahr 1775 erreicht die Auflage 1600 Exemplare; Schlözer kommt mit seinem Staats-

Anzeiger auf 4000. Diese Zahl kann Schubart auch eine Zeit lang vorweisen, und zwar

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nach seiner Entlassung vom Hohenasperg, als er seine Zeitschrift Schubarts

Vaterländische Chronik nennt. Der Herausgeber zählt sich damit stolz zu den wenigen

Zeitungsschreibern des 18. Jahrhunderts, die von ihrem Produkt leben können. Zu

Süddeutschland als dem wichtigsten Absatzgebiet kommen aber auch Abonnenten in den

Zentren wie Petersburg, Berlin, Amsterdam, Paris, London, Zürich und Wien.

Kaum ist die Nummer 1 seiner Chronik auf dem Markt, da hat er auch schon Ärger mit der

Obrigkeit, mit dem katholischen Bürgermeister von Kuhn. In einer Ankündigung an das

Publikum läßt er einen reisenden Deutschen nach einem Englandbesuch reden: “O

England, von deiner Laune und Freiheit nur diesen Huth voll!” Bürgermeister von Kuhn

sieht dadurch die öffentliche Ordnung gefährdet. Nach der neunten Ausgabe der

Deutschen Chronik verbietet er deren Druck in Augsburg, der Verleger weicht deshalb in

die nächste Reichsstadt aus: nach Ulm.

In den nächsten Nummern greift Schubart in bester aufklärerischer Manier mehrmals den

gerade vom Papst aufgelösten Jesuitenorden an, der mehr geschadet als genutzt habe.

Später mokiert er sich über den Pater Gaßner, der als Wunderheiler durch die

katholischen schwäbischen Lande zieht. Die Folge: Im Januar 1757 wird Schubart aus

Augsburg ausgewiesen, und er zieht nach Ulm, in eine Stadt “mit Resten altdeutscher

Kraft und Freisinns”. Hier ist er, bis auf wenige Ausnahmen, unbehelligt von der Zensur

und dem Magistrat der selbständigen Reichsstadt. Dennoch hat sich Schubart im Verlauf

seiner journalistischen Tätigkeit etliche Feinde gemacht. Einer davon, Herzog Karl Eugen

von Württemberg, läßt ihn am 23. Januar 1777 in Blaubeuren verhaften. Vielleicht hat er

erfahren, was Schubart kurz zuvor an Baltasar Haug nach Stuttgart geschrieben hatte: “Ihr

Herzog ist hier durchpassiert und war ungemein gnädig. Er hat einen hiesigen

Patriciersohn in die Sklavenplantage [gemeint ist die Hohe Karlsschule, d.A.] auf der

Solitude aufgenommen. Seine Donna Schmergalina [gemeint ist Franziska von

Hohenheim, Mätresse des Herzogs und später seine zweite Ehefrau, d.A.] saß neben

ihm. Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als das Glimmen einer Lichtputze,

die glimmt und stinkt.”

Nach mehr als zehn Jahren wird – auf Drängen Preußens – ein geschwächter, ein

gedemütigter und vorsichtiger Mann entlassen, in dessen Augen noch genialischer Trotz

blitzt. Der Herzog ernennt ihn zum Hofdichter und Theaterdirektor, und er erlaubt ihm,

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ohne Zensur seine Chronik wieder zu gestalten. Doch die Vermehrung politischer

Nachrichten führt zunehmend zu Beschwerden außerwürttembergischer Obrigkeiten. Als

Schubart im Herbst 1787 Nürnberg als eine “durch Aristokraten niedergebeugte, in

Schulden, Mutlosigkeit und verächtliche Stille gesunkene Stadt” charakterisiert, befiehlt

Herzog Karl Eugen nach einem Protest aus der fränkischen Reichsstadt einen Widerruf

und droht mit dem Verbot der Zeitschrift. Später verfolgt der Herausgeber mit Sympathie

den Gang der Französischen Revolution, ohne sich zu stark aus dem Fenster

hinauszulehnen. In Schubarts letztem Lebensjahr häufen sich die offiziellen

Beschwerden, und am 7. Mai 1791 ergeht ein herzogliches Dekret, das die Zensurfreiheit

aufhebt.

Vier Jahre sind Schubart nach seiner Entlassung aus der Haft noch bis zu seinen Tod am

10. Oktober 1791 vergönnt. Kommt ein Besucher, so beklagt sich seine Frau, der volle

Gläser schätzt, so ist er sein Mann. Im Adler trifft er sich gern mit dem Dachdeckermeister

Bauer und anderen Kumpanen, die geistreich reden und aus dem Stegreif dichten, um

kräftig das Glas zu heben. Bezahlt wird nach der Anzahl der Korken, die sich in den

Taschen von Schubart und Bauer angesammelt haben. Begraben wird Christian Friedrich

Daniel Schubart nach seinem raschen Tod auf dem Stuttgarter Hoppenlau-Friedhof nahe

der heutigen Liederhalle. Dort ist sein Grab noch erhalten.

Seine Auffassung des Journalistenberufs hat er im Neujahrswunsch auf das Jahr 1775 so

formuliert: “Gib mir weit mehr ungestümmes Feuer in Busen, daß die Wahrheit nicht kalt,

wie Wasser von der Felsenwand, sondern heiß siedheiß wie Lava am Vesuve von mir

herabströme! Wills alsdann nicht achten, wenn der Dümmling wider mich schreyt, wenn

der Fanatismus mich angrinzt, die Schüler des Aberglaubens in den Hüllen der Nacht auf

mich lauren; – ist's nur wahr, ist's nur vaterländisch, was ich geredt habe.”

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung

außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des

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