Prinz-Prinzessin

kibu1960



Prinz und Prinzessin

Endlich kann man einmal Prinz oder Prinzessin sein! Usere kleinen Helden nehmen auch sogleich die Geschicke des Königreichs in die Hand. Einer uralten Prophezeihung entsprechend, stellen sich die Kinder einer bösen Hexe und deren Drachen.

Nach vielen, spannenden Erlebnissen, gelösten Rätseln und mit Hilfe eines Zauberschwertes stellen die Kinder schließlich fest, dass die Hexe Aglaja eigentlich keine böse Hexe ist.

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Lieber

Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie

dich behiiten auf allen deinen Wegen, dass

sie dich auf Hiinden tragen und du deinen

Fuss nicht an einen Stein stiisst.

Von Herzen Alberto

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Texte und Zeichnungen: lrmtraud Guhe

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Warner Rusmrholz

Goldistenstrasse 0

CH-8625 Gossau ZH

Telefon 044 972 22 20

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Es war einmal vor langer, ianger Zeit ein Kdnigreich, das

lag versteckt in einem sonnigen Tal hinter hohen Bergen,

und nur wenige wussten den Weg dorthin.

Der Kénig dieses Reiches hatte zwei Kinder, Prinz Werner

und Prinzessin Heike.

Prinzessin Heike und Prinz Werner hatten schon Viel fiber

Magie und Kréuterheilkunde, fiber das Leben und fiber die

Welt gelernt. Beide hatten auch Hunderte von Bfichern

fiber die geheimen Sprachen der Tiere verschlungen und

konnten inzwischen alle Tiere verstehen und mit ihnen

sprechen.

Und sie waren ganz hervorragende Reiter. Am liebsten

galoppierten siejeden Tag mit ihren Pferden fiber die

Wiesen des K6nigreiches und fibten ffir die Ritterspiele,

die jedes Jahr am Geburtstag des Kéjnigs stattfanden.

Vor 500 Jahren waren die Ritter des Kdnigreiches zurn

ersten Mal zum Wettstreit zusammengekommen. Damals

hatte der Hofzauberer, der der Berater des Kbnigs war,

bestimmt, dass dieses Turnierjedes Jahr stattfinden sollte.

Es sollte ein Fest sein, das das Gute feierte und das Bése

échtete. Er hatte prophezeit, dass groBes Unglfick fiber das

Kbnigreich hereinbrechen wfirde, sollte das Fest einmal

nicht stattfinden.

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F5

Der Zauberer hatte aber auch vorhergesagt, dass

irgendwann einmal eine bése Hexe versuchen wfirde,

dieses Turnier zu verhindern. Die Prophezeiung stand

auf einem Steinblock an der Schlossmauer. "Dreimal

wird sie es versuchen!" stand ganz unten auf diesem

Stein. Prinz Werner und Prinzessin Heike wurde es

jedesmal ein bisschen unheimlich, wenn sie das lasen.

Seit damals war nie ein Turnier ausgefallen. Der Tag des

Wettkampfes néherte sich, am Ende der Woche sollte

das Ereignis stattfinden. Die Kinder beendeten ihren

t'eiglichen Ritt, brachten ihre Pferde in den Stall und

liefen ins Schloss.

Dort bereiteten die Hofdamen den Ball vor, derjedes

Jahr am Abend vor dem Turnier veranstaltet wurde. Der

Ball und das Turnier fanden immer im Schlosspark statt.

Der war umgeben von einer hohen Mauer, in der sich

vier groBe Tore befanden. Nur durch diese Tore konnte

man die wunderschéne Anlage betreten.

Die G'artner hatten schon den Park fiir das Turnier

hergerichtet.

Nun polierten die Diener die silberne Ri’lstung, in der der

Kénig bei der Erb'ffnung auf den Turnierplatz reiten

wfirde. Nur mit dieser RuStung, die ein Symbol seiner

Kénigswfirde war, durfte der Kéiiig nach alter Tradition

das Turnier erb‘ffnen.

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Unter einer Glasglocke auf dem groBen Tisch in der Mitte

des Saales stand der mit kostbaren Edelsteinen besetzte

Pokal, der fiir den Sieger bestimmt war. Auch er war

geputzt worden.

Einige Hofdamen banden Papierblumen in

Seidengirlanden, andere sortierten Briefe. Denn nun

trafen per Boten die Antworten aller ein, die zum Ball

eingeladen waren. Prinzessin Heike und Prinz Werner

halfen beim Durchsehen der Botschaften. "Was ist denn

das?", rief Prinz Werner plétzlich und schiittelte sich. In

der Hand hielt er eine Pergamentrolle, die ganz

ffirchterlich qualmte und Stank.

”Die ist von der bésen Hexe Aglaja!", sagte Prinz Werner

erstaunt. Denn Aglaja war zum Fest nicht eingeladen

worden. Prinz Werner rollte den Brief auf und las vor:

"Ich verfluche dieses Fest! 1m selben Augenblick, in dem

dieser Brief verlesen wird, werden Vier Drachen

herbeifliegen und sich vor die Eingange zum Turnierplatz

setzen, so dass niemand mehr hineinkommt, far immer

und ewig. Und nur der wird den Bann brechen, der

Starker zaubern kann als ich! "

Erschrocken starrte Prinzessin Heike auf das Papier.

In der Luft hérte man ein Zischen, und Vier riesige

Drachen umflogen das Schloss. Dann lieBen sie

sich, jeder an einem Eingang, an der Mauer des

Schlossparks nieder.

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Die Schlosswachen versuchten vergeblich, sie zu

vertreiben. Die Drachen spuckten Feuer und

Rauch, und die Wachen mussten sich hustend

zurfickziehen.

Der Hofzauberer murmelte alle Sprfiche gegen Drachen,

die er kannte, aber nichts geschah.

Der Kénig und die Kdnigin liefen fassungslos aus dem

Schloss und starrten die fauchenden Drachen an. Sie

sahen gefahrlich aus, und wo ihr Feuerstrahl getroffen

hatte, war der Boden Véllig verbrannt. Und dann fiel dem

Kénigspaar die Prophezeiung ein und beide sahen sich

erschrocken an.

Prinz Werner murmelte: "Alles meine Schuld, weil ich

den Brief vorgelesen habe."

"Unsinn", sagte Prinzessin Heike. ”Das konntest du doch

nicht wissen.”

Traurig gingen die Kinder in den Stall zu den Pferden.

"Jetzt wird es kein Turnier geben, nicht dieses Jahr und

nie mehr! Die Drachen werden bleiben", sagte

Prinzessin Heike niedergeschlagen. Sie streichelte

ihrem Schimmel fiber das Fell. "Und Wir k6nnen

{ nichts machen. Gegen so einen Zauber kann ja nicht

mal der Hofzauberer etwas ausrichten",

murmelte Prinz Werner.

Nxé/ZZP/Z/ .

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Sie merkten nicht, dass die alte Stallkatze

herbeigeschlichen war und sie beobachtete. Die Katze

war so alt, dass sich niemand mehr erinnern konnte,

wie und wann sie eigentlich in den Stall gelangt war.

Sie gehérte einfach dazu, wie die Steine, aus denen der

kénigliche Stall gebaut war. Und sie sah aus, als wfisste

sie die Antwort auf alle Fragen dieser Welt. Aber sie

antwortete nie auf Fragen. Und auch mit den Kindern,

die ja eigentlich ihre Sprache konnten, hatte sie sich

noch nie unterhalten.

"Kann ich euch helfen7", maunzte sie plétzlich.

Der Schimmel wieherte erschrocken, und Prinz Werner

und Prinzessin Heike starrten die Katze wie versteinert

an.

Prinz Werner fand seine Sprache als Erster wieder

und sagte: "Ja — Vielleicht, aber wieso sprichst du?"

"Weil ich sprechen kann, es aber nur mache, wenn es

unbedingt nétig ist! Und im Augenblick scheint es mir

sehr nétigl", erklarte die Katze.

"WeiBt du denn, wie man diese Drachen besiegt?",

fragte Prinzessin Heike.

"Ich glaube, ich habe mal irgendwo gehc‘jrt, dass es da

eine Méglichkeit gibt, einen Drachenbann aufzuheben,

der von vier Drachen gleichzeitig ausgel‘jbt wird", sagte

die Katze. "Lasst mich nachdenken..."

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Die Katze machte die Augen zu und sah aus, als 0b sie

schliefe.

Nach einer sehr, sehr langen Zeit éffnete sie die Augen

und sagte:

”Offnet mit dem goldenen Schliissel die gléserne Truhe

in der Regenbogenhéhle.

i' Nehmt den Regenbogenring und werft ihn in den

; Brunnen im Inneren des diamantenen Berges. Aus dem

Wasserstrahl, der dann aus der Erde herausbricht, zieht

ihr das Schwert, das allen bdsen Zauber dieser Welt

besiegt. Ihr miisst die Drachen nur damit an ihrem linken

' Ohr beriihren. Dann werden sie zahm wie kleine

. Hiindchen. Aber nur ihr, niemand anders, kann diese

Magie ausfiben!"

Die Katze schwieg wieder und schlich an

ihren Schlafplatz hinter den Futters'acken.

' Die Leute erzéihlten sich spéiter, dass es das

einzige Mal war, dass man sie je hatte reden

”Was fiir ein Schliissel und was fiir eine

Regenbogenhéhle?", rief Prinzessin Heike ihr

hinterher. Aber die Katze gab keine Antwort.

Prinz Werner iiberlegte.

Er erinnerte sich, in einem seiner Vielen

, Bficher von einer Héhle mit diesem Namen

v-~ gelesen zu haben. "Ich weiB, wo sie ist!",

erklérte er Prinzessin Heike aufgeregt. "Sie liegt

im Siiden des Kénigreiches, an der groBen

Flussquelle!"

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Die Kinder erkléirten dem Kéjnig und der Kénigin, dass

sie unbedingt versuchen wollten, das zu tun, was die

Katze ihnen gesagt hatte. Erst wollten die Eltern sie nicht

gehen lassen. Prinzessin Heike und Prinz Werner redeten

den ganzen Abend auf sie ein und erkl'airten, dass das

wohl der einzige Weg sei, die Drachen zu besiegen. Der

Kénig IieB schlieBlich seine beste Kutsche fertig machen

und Vorréite fiir ein paar Tage hineinlegen.

Am néichsten Morgen spannten die Kinder den Rappen

des Kénigs ein und brachen sofort auf. Sie durchquerten

Viele Dérfer, und die Leute winkten ihnen zu, denn

Prinzessin Heike und Prinz Werner waren bei allen

bekannt und sehr beliebt. Ein paar Menschen, die sie

unterwegs trafen, hatten von den Drachen gehért und

schauten den Kindern besorgt hinterher. Kurz VOI‘ ,

Sonnenuntergang kamen sie an der Quelle des Flusses an.

Uber die Quelle spannte sich ein Regenbogen, hinter dem ,

man den Eingang zur Héhie sehen konnte. Prinzessin

Heike und Prinz Werner Iegten sich mfide zum Schlafen

auf die Kutschensitze.

Am néichsten Morgen, die Sonne

stand wieder am Himmel,

kletterten sie fiber

Wurzeln und Steine in die

Hijhle. Auch innen

gl‘einzte der Felsen in allen

Regenbogenfarben. In der

Mitte der Héhle stand auf

einem Stein ein gléisernes

Kéistchen.

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"Jetzt miissten wir nur den goldenen Schlflssel haben",

sagte Prinz Werner. Das Echo in der Hdhle trug seine

Stimme hin und her. Pldtzlich mischte sich eine andere

Stimme dazu: ”Den Schlfissel bekommt ihr niernals!"

Prinzessin Heike deutete auf den hinteren Teil der Hdhle:

"Schau!", fliisterte sie.

Ein dicker Zwerg init grflnem Hut und roter Jacke stand

dort mit verschrénkten Arrnen. Hinter ihm lag auf einem

Felsvorsprung der goldene Schliissel.

"Oh bitte”, sagte Prinzessin Heike, ”Wir brauchen diesen

Schliissel, sonst passiert etwas ganz Schlimmes!”

"Die Katze hat gesagt, das ist der einzige Weg!", ergénzte

Prinz Werner.

"1hr kennt die Katze? Die aus dem k6nig1ichen

Pferdestall?”, riefder Zwerg aus. Und als die Kinder

nickten, meinte er: "Warum habt ihr das niCht gleich

gesagt‘? Die Freunde der Katze sind auch meine Freunde!

Und sie hat wirklich mit euch gesprochen? Erstaunlich,

erstaunlich." Er nahm den Schliissel und half den Kindem,

das Késtchen zu éffnen.

Der Zwerg gab Prinz Werner den Regenbogenring. ”1hr

wisst, was ihr damit zu tun habt‘?", fragte er. Die

beiden nickten. "Aber wo ist hier ein

diamantener Berg?", fragte Prinzessin

Heike.

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Der Zwerg kratzte sich am Bart. "Am besten, ich fiihre

euch dorthinl”, erklarte er.

Sie verlieBen die Hdhle und kletterten am Ufer der Quelle

nach oben. Die Kutsche unten sah bald aus wie ein

winziges Spielzeug, und sie konnten die Wolken

beruhren. Ein gewundener Weg fiihrte noch héher hinauf.

SchlieBlich standen sie vor einer diamantenen Wand. Sie

schauten an dieser Wand hoch: Die schien kein Ende zu

nehmen.

”Wie bekommen Wir nur den Ring in den Brunnen‘? Dazu

miissen wir doch in den Berg?”, meinte Prinzessin Heike.

Der Zwerg wusste auch nicht weiter. Prinz Werner tastete

an der diamantenen Wand entlang. "Hier!", rief er. "Es

gibt einen Eingang! Hier hinter dem Busch!"

Die Kinder zwangten sich hindurch. Der Zwerg schaffte

es nicht: Sein Bauch war zu dick!

So waren die Kinder jetzt wieder auf sich allein gestellt.

"Hérst du?", fifisterte Prinz Werner. Prinzessin Heike

nickte. Da platscherte Wasser. Das war Vielleicht der

Brunnen! Sie fassten sich an den Handen und gingen

dem Gerausch nach.

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Es war unheirnlich hier

, 1/ drinnen AuBer dem Platschem war nichts

' zu horen. Das aber wurde lauter und lauter.

SchlieBIich sahen die Kinder, dass von oben aus der

unendlichen Hdhe des Berges Wasser nach unten fiel,

direkt in ein kreisrundes Loch im diamantenen Boden:

Sie hatten den Brunnen gefunden! Prinz Werner gab

Prinzessin Heike den Ring Sie warf ihn 1m hohen Bogen

in die Tiefe Mit einem Mal fing es unten an zu brodeln

und zu zischen. Eine Font‘ane schoss nach oben. In ihrer

Mitte wirbelte ein Schwert. Beide Kinder streckten die

Arme aus und fingen es zusammen auf.

”Juhu!", rief Prinzessin Heike. "Wir haben es!"

”Jetzt kénnen wir die Drachen besiegeni", jubelte

Prinz Werner. Sie liefen den Iangen Weg zuriick zum

Ausgang. D011 wartete geduldig der Zwerg und freute

sich, als er sah, dass die Kinder Erfolg gehabt hatten.

Er brachte sie wieder nach unten zu ihrer Kutsche und

winkte ihnen nach.

"Aber passt auf die Hexe aufl”, rief er ihnen hintcrher.

Denn auch er kannte die bése Aglaja und die

Prophezeiung. ”Machen wir, versprochenl", riefen

Prinzessin Heike und Prinz Werner.

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'rDie Fahrt mit der Kutsche ging flott voran, und die

Kinder drfickten die Daumen, dass die Hexe Aglaja so

bald nicht erfahren Wfirde, dass es ihren Drachen bald an

den Kragen ging!

Sie néiherten sich bei Einbruch der Dunkelheit dem

Schloss. Schon von weitem konnten Prinz Werner und

Prinzessin Heike den Feuerschein sehen, mit dem die

Drachen den Schlossgarten erleuchteten.

"Gut, dass ihr kommti”, rief die Kénigin und eilte ihnen

entgegen. "Die benehmen sich, als wollten sie nicht nur

das Turnier verhindern, sondern alles abbrennen, was

ringsumher steht!" Der Kénig und die Kdnigin gingen

mit den Kindern zu den fauchenden Drachen.

"Hoffentlich klappt esl”, murmelte Prinz Werner. Er und

Prinzessin Heike umfassten beide den Griff des

Schwertes und beriihrten mit ihm das linke Ohr des

ersten Drachen.

Sofort stiegen keine Rauchwolken mehr aus seine

Nasenléchern, nur noch ganz kleine Wélkchen, die sich

dann aber auch auflésten. Der Drache biickte sich. Nein:

Er schrumpfte! Er wurde kleiner und kleiner und reichte

Prinz Werner und Prinzessin Heike zum Schluss nur

noch bis zur Wade. Alle starrten ihn an.

. r, Er blickte hoch und machte ein

'V freundliches Gesicht.

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"Schnell, zu den drei anderen!", rief der Kénig

begeistert. Der Hofzauberer schfittelte den Kopf. So

etwas hatte er noch nie gesehen‘

Die Kinder machten es bei den drei anderen Draehen

genauso wie beim ersten. SChlieBlich standen da im

Schein der Fackeln, die an der Schlossmauer brannten,

Vier kleine Wesen, die eher an Dackel erinnerten als an

Drachen. Weil sie so friedlich und nett waren,

beschlossen Prinzessin Heike und Prinz Werner, sie mit

ins Schloss zu nehrnen, wo die ehemaligen Drachen sich

ein gemiitliches Pléitzchen auf einer Decke am groBen

Kamin suehten.

Da lagen sie nun und sahen fiberhaupt nicht mehr

bedrohlich aus.

Aber Prinz Werner und Prinzessin Heike

erinnerten sich an die Prophezeiung.

Vielleicht hatte Aglajaja noch nicht

aufgegeben. Sie legten das

Zauberschwert auf den

Kamin.

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Am néichsten Tag und an den folgenden Tagen waren nun w

alle wieder mit den Turniervorbereitungen beschéifiigt. Aus

allen Himmelsrichtungen reisten die Ritter des Landes

herbei und schlugen ihr Lager vor den Toren des Schlosses

auf. Sie fibten mit ihren Lanzen und Schwertern, wéihrend

rundherum alles mit Fahnen und Girlanden geschrniickt

wurde.

Ein Ritter, der ganz in Schwarz gekleidet war und den

niemand jemals zuvor gesehen hatte, bezog sein ebenfalls

schwarzes Zelt direkt an der Schlossmauer. Sein Gesicht

verbarg er immer unter seinem Helm.

Prinzessin Heike und Prinz Werner beobachteten ihn

und fragten sich, woher er wohl kéime.

Uber seinem Zelt, auf einen] Mauersims, saB ein

riesiger schwarzer Adler. SO einen Vogel hatten die

Kinder noch nie gesehen. Er war unheimlich.

Dann kam der Abend des groBen Balles. Prinz Werner

und Prinzessin Heike hatten sich ihre schénsten

Sachen angezogen und saBen neben dem Kénig

und der Kénigin, als die Géiste auf der Wiese

im Park zum Tanz Aufstellung nahmen.

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Gerade als die Musik zu spielen begann, horte man vorn

Schloss ein fiirchterliches Geschrei. "Der Pokal ist weg!

Der Pokal! "

Die Kinder sahen sich an: Aglaja hatte noch nicht

aufgegeben!

Alle liefen zum Schloss: Dort saB der schwarze Adler auf

einem der Tiirme und hielt in einer Kralle den Pokal. Er

offnete den Schnabel und stieB einen hohen Schrei aus.

Die Kinder konnten verstehen, was er schrie: "Herrin

Aglaja: Hier bringt dir dein Diener, was du wiinschst!"

"Schnell, das Zauberschwertl”, fliisterte Prinzessin

Heike. Prinz Werner nickte und holte es ganz schnell aus

dem Schloss. Als der Adler seine Fliigel ausbreitete und

iiber ihn hinwegflog, hob Prinz Werner das Schwert und

beriihrte mit seiner Spitze eine Feder des Adlers.

Der Pokal fiel zu Boden. Der Adler begann zu flattern,

und auch er wurde, genau wie die Drachen, kleiner und

kleiner. SchlieBlich war er nur noeh so groB wie ein

Rotkehlchen.

Er flog auf die Schulter von Prinz Werner und guckte so

verdutzt, class alle lachen mussten.

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3 (Mi

Prinz Werner hob den Pokal auf. Er war unversehrt. ”Zum

GIUekl”, dachte Prinz Werner. Denn ohne den

Siegerpokal h‘atte das Turnier nicht stattfinden k6nnen.

Den gesehrumpften Adler brachte Prinzessin Heike in den

hinteren Teil des k6niglichen Obstgartens, wo auch schon

Viele andere Vdgel in den alten Kirschb'eiurnen lebten.

Welche dritte Uberraschung hatte sich die bdse Hexe

Aglaja nun wohl noch ausgedacht? Der Ball ging nun

ohne Stdrungen weiter, und auch am néichsten Morgen

blieb alles friedlich. Vor dem eigentlichen Turnier

begannen die Wettkémpfe der Kinder. Auch Prinz Werner

und Prinzessin Heike nahmen am Ringstechen teil. Hier

gab es kleine Preise, wie Becher aus Zinn Oder

Blumenkréinze. Der Pokal war fi‘ir die erwachsenen Ritter

vorgesehen.

Deren Wettkémpfe begannen am Nachmittag. Die Kinder

setzten sich zur Kdnigin auf die Tribiine und warteten

darauf, dass der Kdnig in seiner silbernen Riistung einritt,

urn das Turnier zu erdffnen. Vorsichtshalber hatten Prinz

Werner und Prinzessin Heike das Zauberschwert an ihre

Sitzbank gelehnt.

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W0 blieb nur der Kénig? Die Zuschauer wurden unruhig.

Da kam ein Diener auf die Tribune gelaufen und flfisterte

der Kénigin etwas ins Ohr.

”Ach du meine Gfite!”, rief die Kénigin und wandte sich

zu den Kindern urn. "Jemand hat die silberne Ri‘rstung

zerstért!"

"JaI", rief der Diener. "Sie ist ganz kaputt und verbeult,

der Kénig kann sie nicht mehr anziehen. Wie soll er jetzt

das Turnier eréffnen?"

"AglajaV', sagten Prinz Werner und Prinzessin Heike

gleichzeitig. ”W0 ist die Rfistung?", fragte Prinzessin

Heike und nahm das Schwert in die Hand.

Der Diener fiihrte die Kinder hin: Die Rilstung lag

zertrfimmert auf dem Boden des Schlosssaales. Der

Kénig stand verzweifelt davor. Prinzessin Heike und

Prinz Werner berfihrten mit der Schwertspitze die

Ri‘lstung. "Ob das funktionier’fl", flI'isterte Prinz Werner.

"Abwarten", meinte Prinzessin

Heike. Tatséichlich begann die

RUstung, sich wieder

zusarnmenzufijgen, die

Beulen glétteten sich.

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In diesem Moment wurde die Saaltur aufgestoBen und der

schwarze Ritter kam mit groBen Schritten auf sie zu.

Seine schweren Sporen klirrten.

Mit donnernder Stimme rief er: "Aufliéren! Dieses

Turnier wird nie eréffnet werden! Ich habe die silberne

Rfistung zerstdrt und kann es auch ein zweites Mal tun!"

"Nein, auf keinen Falll”, riefen Prinzessin Heike und

Prinz Werner.

"Denkst du das Gleiche wie ich?", fliisterte Prinzessin

Heike. Prinz Werner nickte. ”Aglaja!”

Sie richteten die Schwertspitze auf den schwarzen Ritter

und beriihrten seine Riistung.

Mit ohrenbetéubendem Donnern flogen deren Einzelteile

quer durch den Saal.

Unter der RUstung kam eine diinne Gestalt mit vor Wut

verzerrtem Gesicht und wirren griinen Haaren zum

Vorschein: Die bése Hexe Aglaja! Noch einmal beriihrten

die Kinder sie mit dem Zauberschwert — und wie schon

zuvor die Drachen und der Adler begann auch Aglaja,

sich zu veréindern. Sie schrumpfte aber nicht ~ ihr Haar

legte sich in sanften griinen Wellen auf ihre Schultern,

ihre spindeldi‘irren Arme und Beine wurden ein wenig

dicker und rosiger, ihr verzerrtes Gesicht bekam einen

freundlichen Ausdruck: Sie l'eichelte!

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"Was ist denn passiert?", fragte sie. ”W0 bin ich?" Sie

konnte sich an nichts mehr erinnern. Nicht daran, dass

sie eine béise Hexe gewesen war, und auch nicht daran,

was sie alles getan hatte.

Der Kénig beschloss, auch zu vergessen, was sie getan

hatte. SchlieBlich war die RUstung wieder ganz, und das

Turnier konnte jetzt ungestért eréffnet werden.

"Ein Turnier?”, rief die neue Aglaja begeistert. "Das ist

ja toll! Kann ich da auch zuschauen?"

Sie war jetzt s0 nett und freundlich, dass alle

zustimmten.

Nun konnte der Kénig in seiner silbernen Rt'lstung

einreiten. Die Schlosswachen setzten die Trompeten an

den Mund und bliesen eine Fanfare. Der Kénig

rief: "Hiermit ist das Turnier erbffnet!"

Die Wettkampfe begannen und dauerten den

ganzen Tag. Der Sieger war ein junger Ritter

aus dem Norden. Er nahm den Pokal stolz aus

der Hand von Prinzessin Heike entgegen.

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Als es dunkel wurde, zi‘lndete Prinzessin Heike mit einer

Fackel das Festfeuerwerk an, das die kéniglichen Diener

vorher aufgebaut hatten. "Das ist das schénste Feuerwerk,

das wirjernals hatten!", meinte Prinz Werner. Prinzessin

Heike nickte.

Am friihen Morgen des n'achsten Tages brachen die Ritter

Wieder in ihre Heimat auf. Bald war es im Schloss wieder

so ruhig wie vorher.

Nur hatte das Schloss jetzt ein paar Einwohner mehr: Die

neue Aglaja und die Vier winzigen Drachen blieben und

wurden gute Freunde von Prinz Werner und Prinzessin

Heike. 0ft erzéihlten die Kinder ihren neuen

Spielkameraden die Geschichte von der sprechenden

Katze, vom Zauberschwert und vom schwarzen Ritter, und

Aglaja staunte, wie bése sie einmal gewesen war. Sie

schwor, nur noch Gutes zu tun, und kraulte den kleinen

Drachen den RUCken. SO lebten nun also alle gliicklich

zusammen im Schloss, und wenn sie nicht gestorben

sind, dann leben sie wohl noch heute dort.

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