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Johannes Maria Becker:

Johannes Maria Becker: Der Mann für den Frieden Privatdozent Dr. Johannes M. Becker, Spezialist für Friedensforschung, auf dem heimischen Balkon. von Günter Gleim Woran ist ein Mann für den Frieden zu erkennen? Hat er die bekannte Friedenspfeife dabei? Hat er Engelsflügel? Wer Johannes Maria Becker gegenübersitzt, merkt schnell, dass solche Erwartungen zu banal sind. Also – wie geht das nun mit dem Frieden machen? Mit Frieden halten? Johannes M. Becker streicht nachdenklich über seinen grauen Bart, blickt über die Blumen seines Balkons in der Frankfurter Straße in den Spätsommerhimmel, atmet tief ein und sagt dann unerwartet kurz: „Den Ball flach halten.“ Gedanklich wendet man diese Formel auf bestehende oder drohende Kriege an – und merkt, dass da was dran ist. Allemal für die Kampfhähne in den USA und Nordkorea könnte das der 10 entscheidende Tipp sein. Auch die Geschichte bestätigt diese Philosophie. Allein beim Ersten Weltkrieg wurden viel zu viele „Bälle“ viel zu hoch gespielt, um im Bild zu bleiben. Zurück zu diesem großen Mann, der nachdenklich mit eindringlich blauen Augen vor sich guckt und seinen Bart streicht. Friedensforscher. Was sind das für Leute? Johan Galtung, der fast 90-jährige Mathematiker und Politologe aus Oslo hat 1959 das erste Institut für Friedensforschung gegründet. „Ein guter Freund“, sagt Johannes Becker. Der im vergangenen Jahr verstorbene Hans Nicklas von der Uni Frankfurt. Auch ein lieber Freund vom Marburger Friedensforscher. Alles ältere Herren; alle im Ruhestand. Johannes M. Becker geht diesen Herbst Fotos: Günter Gleim

Marburger Köpfe Fotos: Günter Gleim auch in Rente. Und was wird dann aus dem Frieden? Blicken wir zurück: Johannes Maria Becker ist am 29. April 1952 in Marienheide als 6. Sohn einer erzkatholischen Familie zur Welt gekommen. Zwei Brüder starben früh; die anderen drei waren eine Kindheit und Jugend lang „vorneweg“. Seine drei älteren Brüder haben allen Blödsinn gemacht, bevor der Kleine sich daran versuchen konnte. Lange war er klein und pummelig. Konnte aber ordentlich draufhauen – stark war er immer. Der Friedensforscher ist noch nicht zu sehen. Mit 16 war er plötzlich groß. War der Center in der Basketballmannschaft und der Kontrabassist im Schulorchester. Dass er die A-Lizenz als Basketballtrainer hat, erzählt er heute noch gern. Und die Musik ist ein Teil seines Lebens geblieben. Mit 16 begann sein politisches Denken; mit angeregt durch einen Bruder, der in Marburg studierte. Johannes wollte auch studieren. Am liebs- ten bei Wolfgang Abendroth. Wie damals üblich, musste der jun- ge Abiturient 1971 den Wehrdienst ab- Vorbehaltlos l e i s t e n . Was macht analysieren nun ein junger po- litisierter 19-Jähri- ger, der später mal verhandeln. Friedensf o r s c h u n g zum Zen- und trum seiner be- ruflichen Laufbahn machen wird? Tausende verweigerten da- mals den Militär- dienst; arbeiten lieber als Zivis in gemeinnützigen Einrichtungen. Johannes Becker begann damals seinen Marsch durch die Institutionen. Er verpflichtete sich für zwei Jahre, wurde Reserveoffizier, nach Wehrübungen später gar Major. Major der Reserve. Das konnte und kann Johannes Becker auch im Rückblick gut begründen: Bei Willi Brandt will er damals gelernt haben, dass der Osten wohl Gegner war, aber nicht mehr Feind. So lässt sich selbst eine waffenstarrende Bundeswehr in der Tendenz als Verteidigungsarmee begreifen. So war es ihm ein Leichtes, sich das als Staatsbürger in Uniform mal genauer anzuschauen. 1973 das Studium in Marburg: Politik, Geographie und Sportwissenschaften. Abendroth lebt mittlerweile in Frankfurt. In Marburg unterrichteten seine wichtigsten Schüler: Kühnl, Fülberth, Deppe, Boris. Bei denen und bei anderen studiert Johannes Becker und examiniert dann als Politologe bei Reinhard Kühnl. Der große Schreck kam nach dem Studium: Er will bei Wilfried Freiherr von Bredow über das deutsch-französische Verhältnis in der Sicherheitspolitik promovieren. „Ich kann aber kein Französisch“, muss er kleinlaut zugeben. „Dann lernen Sie´s halt. Gehen Sie nach Paris“, empfiehlt sein Doktorvater lapidar. Nach drei Jahren war aus Johannes Becker Dr. Johannes Becker geworden, und tipp topp Französisch konnte er auch. Sicher ein Meilenstein in der Karriere. Nach der Promotion 1985 habilitierte er fünf Jahre später über die Sicherheitspolitik Frankreichs unter François Mitterrand. Schon früh schrieb Johannes Becker über das Fahrrad. Natürlich über einen politischen Aspekt – über das Fahrrad in der Verkehrs-Kultur der Bundesrepublik. Als eine Art Entzauberung der Automobilität sah er damals vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen. Vielleicht hat er damit auch zu Ansätzen einer Konfliktregelung zwischen Auto und Fahrrad beigetragen. Und was bringt ein Friedensforscher seinen Studenten bei? Für diese Erläuterung richtet sich Johannes Becker etwas auf im Stuhl: „Die Studierenden lehren, Konflikte ohne Vorurteile zu analysieren und dann nach gewaltfreien Regelungs- und Lösungswegen zu suchen.“ Es sei von „großer Wichtigkeit“, in der Beurteilung von Konflikten unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, löst er die Formel vom Ball Flachhalten didaktisch auf. Als Geschäftsführer des Zentrums für Konfliktforschung im Büro an der Ketzerbach. Die 90er Jahre waren auch privat bedeutsam: Ehefrau Angelika brachte einen Sohn zur Welt: Benjamin Bruno Jonas Jakob Becker. „Wir konnten uns nur schwer auf einen Namen einigen.“ Heute nennen ihn alle Ben. Ben ist studierter Fitnesstrainer in Frankfurt. 11