Aufrufe
vor 4 Monaten

xx-xx_mrlife33_FinalesDokument-DRUCK

Marburg Wie man lernt,

Marburg Wie man lernt, die Vergangenheit zu bewahren Archivschule Marburg ist zentrale Ausbildungsstätte für Archivare von Norbert Wiedemer Die Studierenden der Archivschule im Seminarraum. Archive sind Gedächtnisinstitutionen, die die Vergangenheit für zukünftige Generationen bewahren sollen. Sie sind Bestandteil des kulturellen Lebens und stehen allen Interessenten offen. Als Behörden oder private Einrichtungen sammeln sie Dokumente aus allen Epochen, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, und kümmern sich um deren Erhaltung. Für die Arbeit in Archiven sind Experten nötig, die in der Regel eine Ausbildung zum Archivar absolviert haben. Die Archivschule Marburg ist dafür die zentrale Ausbildungs- und Fortbildungseinrichtung in Deutschland. Daneben gibt es die Möglichkeit des „freien“ Studiums an der Fachhochschule Potsdam und – natürlich hat Bayern eine eigene Archivschule. Dr. Irmgard Christa Becker Zur Person: Die gebürtige Stuttgarterin studierte in Tübingen und Wien Geschichte und Französisch und schloss mit dem Magister der Philosophie ab. Im Rahmen des Archivreferendariats absolvierte auch sie die Marburger Archivschule. Es folgte die Promotion in Tübingen. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin organisierte sie eine große historische Landesausstellung über Vorderösterreich. Von 1999 bis 2010 war sie Leiterin des Stadtarchivs Saarbrücken. Seitdem leitet sie die Archivschule. Dr. Irmgard Christa Becker ist Mitglied in zahlreichen Gremien und wissenschaftlichen Vereinigungen und veröffentlicht regelmäßig Fachbeiträge. 24 Seit 1949 werden im Marburger Südviertel Archivare und Archivarinnen des höheren und gehobenen Dienstes ausgebildet. Zunächst war die Ausbildungsstätte Bestandteil des Staatsarchivs. 1994 kam es aus Gründen der Professionalisierung des Unterrichts zur Trennung: Mit fünf hauptamtlichen Dozenten sowie weiteren Stellen in der Verwaltung und der Bibliothek entstand eine selbstständige „kleine Hochschule“, die neben der Ausbildung Fortbildungskurse, Kolloquien und kleinere Fachtagungen anbietet. Gastdozenten erweitern mit ihren Vorträgen das Themenspektrum. Die Archivschule ist seit 2002 ein Landesbetrieb und dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst zugeordnet. Neben der Grundfinanzierung durch das Land erhebt die Archivschule kostendeckende Gebühren für ihre Leistungen. Die verwaltungsinterne Ausbildung wird von den jeweiligen Ausbildungsarchiven durchgeführt, die auch die Bewerbungen entgegennehmen. Die Auszubildenden werden zu Beamten auf Widerruf ernannt und erhalten „Anwärterbezüge“. Dr. Irmgard Christa Becker leitet die Archivschule, die sie während ihres Referendariats selbst besuchte: „Wir bilden Generalisten aus, die auf allen Gebieten fit sein müssen. Im Bereich der Fortbildung sind wir Marktführer und unterhalten außerdem die größte archivwissenschaftliche Fachbibliothek im deutschen Raum.“ Die Studierenden beschäftigen sich mit den Themen Haushalt, Personalmanagement, Verwaltungssteuerung, Betriebswirtschaft, Records-Management und Archivrecht. Sie informieren sich darüber hinaus über Rechts-, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte und verschaffen sich einen Überblick über Disziplinen der historischen Hilfswissenschaften wie Urkundenlehre, Schriftgeschichte, Wappen- und Siegelkunde oder Genealogie. Außerdem werden Sprachkenntnisse, vor allem in Latein und Französisch, vertieft. Besonders wichtig ist das Wissen über die Tätigkeiten, die im beruflichen Alltag auf ausgebildete Archivare warten: Im Rahmen der Überlieferungsbildung müssen sie zunächst entscheiden, welche Akten von Behörden oder Privatleuten in ein Archiv aufgenommen werden. Der Archivar bereitet seine Objekte so auf, dass sie von jedem Interessierten genutzt werden können, verschafft sich ei- Fotos: Norbert Wiedemer; Archivschule

Seminaratmosphäre in der Archivarausbildung. In idyllischer Umgebung: die Marburger Archivschule. Fotos: Norbert Wiedemer; Archivschule nen Überblick über den Inhalt und hält das Ergebnis in Titeln fest. Diese werden in Findbüchern – in Buchform oder online – veröffentlicht. Zur Bestandserhaltung zählen laut Dr. Becker Aspekte wie Lagerung, Verpackung sowie konservierende und restaurierende Maßnahmen. Zu den Aufgaben gehört außerdem die Öffentlichkeitsarbeit mit Ausstellungen, Führungen oder Vorträgen. An Bedeutung gewonnen hat die digitale Archivierung. So werden inzwischen auch handschriftliche und maschinenschriftliche Findmittel in digitale Form gebracht. Die Ausbildung für den gehobenen Dienst dauert drei Jahre und erfordert Fachhochschulreife oder Abitur. Nach zwölf Monaten praktischer Ausbildung folgen 18 Monate theoretische Ausbildung an der Archivschule mit abschließender Zwischenprüfung. Sechs weitere Monate Praxis und die abschließende Laufbahnprüfung beschließen die Ausbildung. Für den höheren Dienst, für den zwei Jahre Ausbildung vorgegeben sind, ist ein abgeschlossenes Studium nötig. Nach acht Monaten berufspraktischer Studien stehen zwölf Monate Fachstudium an der Archivschule an. Das Anfertigen einer Facharbeit und die archivarische Staatsprüfung beschließen diesen Ausbildungsgang. Viktor Bordzik (26) ist Studierender des 54. Fachhochschullehrgangs für den gehobenen Dienst. Der Bremer hat einen Bachelor- Abschluss in Geschichtswissenschaft und war be- reits im Staatsarchiv der Hansestadt tätig. In mehreren Praktika hat er sich bereits Kenntnisse angeeignet. Er fühlt sich in der Marburger Ausbildungsgruppe, die aus 21 Leuten besteht, sehr wohl. Sein Interesse gilt besonders der digitalen Archivierung. Für einen Job sieht er gute Perspektiven. Ein Arbeitsplatz im höheren Archivdienst ist das Ziel von Marion Baschin (36) aus Backnang. Sie hat nicht nur Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie studiert, sondern bereits ihre Dissertation über ein medizinhistorisches Thema absolviert. Das Archivwesen war schon immer eine Option für sie. Sie lobt die positive Atmosphäre In der elfköpfigen Gruppe der aktuellen Referendarsausbildung und hofft ebenfalls auf eine Beschäftigung. Dass die Chancen dafür nicht schlecht sind, bestätigt auch Dr. Becker: „Wir erleben zurzeit einen Generationswechsel. Dadurch gibt es Platz für neue Kräfte. Das Nadelör ist allerdings der Zugang zur Ausbildung.“ 25