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Bücher WAS VOM BUCHE

Bücher WAS VOM BUCHE ÜBRIG BLIEB Klaus Reichert: Wolkendienst • Verlag S. Fischer 2016 • 248 Seiten Wilde Himmelsbilder von Doris Conrads Das Buch, das mich schon ein Leben lang begleitet, kenne ich erst seit einem halben Jahr. Es hat den Titel „Wolkendienst“. Der Autor ist Klaus Reichert. Programmatisch der Untertitel: „Figuren den Flüchtigen“. Bereits in der Einleitung dachte ich: Wow, wie wunderbar – diese Zusammenführung von Menschenleben und Wolken! „Menschenleben und Wolken sind ihrer Natur nach verwandt: In ihrer Flüchtigkeit, ihrem Dahineilen, ihren großen und kleinen, plötzlichen und langsamen Veränderungen, in ihrer Helle und Schwärze, Heiterkeit und Verlorenheit, Fülle und lumpigen Schäbigkeit“. Oft habe ich bei der Arbeit das Gefühl, dass ich mir eine wilde, graue Putzwasserlauge herstelle, mit der ich meine wilden Himmelsbilder oder „Katastrophenwolken“, wie Klaus Reichert sie nennt, überhaupt erst entstehen lassen kann. „Über das ganze Gesichtsfeld breitet sich ein immer tiefer hängender schwarz-grauer Nimbus, eine Damoklesdecke. Wer hat sie verhängt, wann fällt sie nieder?“ „Gegen acht Uhr am Abend am Strand in Island. Die rote Sonne steht grell im Westen. Über uns, sehr hoch, eine Kumulusherde, die den Himmel stoisch abweidet. Das Verschwinden der Sonne lässt sich von Minute zu Minute verfolgen, und ich denke zugleich an die Drehung der Erde …“ Im Geschenk der Freundin: Altvetrautes neu gefunden. Doris Conrads Intensiv leuchtend wie auf manchen Caspar-David-Friedrich-Bildern. Im Buch auf dem Nachttisch kann ich immer wieder lesen, an Musik denken, zum Beispiel an Debussy. „Es liegt nah, dass Debussy sich wie die Maler, sich von Bewegungsphänomenen lenken ließ – Himmel, Wolken, Wasser, Wind.“ Ich war inzwischen dreimal in Island im Sommer, zum letzen Mal in diesem Winter – und ich habe keinen hinreißenderen Abendhimmel vor den teils mit Schnee bedeckten schwarzen Vulkanen entdeckt wie hier. Am Anfang meiner Wolken-Entdeckungsreisen aber stand Venedig, die Wolken über der Lagune. Und ich finde passend hierzu herrliche Tagebuchnotizen von Klaus Reichert: „Bei der Rückfahrt vom Lido über die Lagune ist der Himmel voller Cirrus unicus, hakenartige Pferdeschwanzwolken, die der Wind immer länger zieht und die auf Sturm deuten. Oder zum … Fischmarkt: „Das Gewimmel der Formen und Farben wie an einem stürmischen Himmel.“ Bei meinen Aufenthalten in Katalonien habe ich erfahren, dass die Katalanen ihre Abendhimmel auch liebevoll Sardinenschwarm-Himmel nennen. Die Wolkenstudien von Barbara Klemm im hinteren Teil des Buches haben mich an Spanien erinnert: In Katalonien habe ich die Schwarz-Weiß-Fotografie des Himmels für mich entdeckt. Hier finde ich sie wieder. „Wolkendienst“ von Claus Reichtert hat mich gefunden – vor einem halben Jahr. Dank des Geschenks einer lieben Freundin. Oder: In Wolkendienst habe ich ein Buch gefunden, in dem ich meine Auffassung von Malerei, von Kunst verblüffend wiederentdecke. So habe ich in diesem Buch Maler wie Caspar David Friedrich, Constable, Ruisdael, gefunden, Gedichte, Schriftsteller, die mich seit Jahrzehnten begleiten. Was bleibt? Botho Strauß: „Denn nur Geschöpfe der Fahrt sind wir, und unsere Gestalt eine Fluktuation. Milchblau“… Eine Serie von mrlife Jeder hat ein Leseerlebnis, an das er sich ein Leben lang erinnert. Das vielleicht sogar bei Abwägungen zwischen Tun und Lassen geholfen hat. Ein Leseerlebnis, das den Blick geschärft hat, wofür auch immer. In einer Serie wird mrlife von solchen Büchern und den dazu gehörenden Leserinnen oder Lesern berichten. Wir lassen uns die Geschichte erzählen, warum genau dieses Buch bei genau dieser Person diese nachhaltige Wirkung entfaltet hat. Foto:s Werner Ebert 42

Stadt und Land Einst lebten die Zück‘s in diesem Hauschmitts. Der dörfliche Hausname setzte sich gegen den Familiennamen durch, erklärt Sprachforscher Dr. Heinrich Dingeldein. Die Renaissance der Hausnamen von Ina Tannert Die charakteristische Benennung jedes Mitglieds einer Dorfgemeinschaft hat eine jahrhundertealte Tradition. „Hausnamen entstanden überall, immer dort, wo jeder jeden kennt. Sie waren informell und blieben immer gleich“, sagt Sprachwissenschaftler Professor Dr. Heinrich Dingeldein. Einzelne aus der Gemeinschaft wurden zur Unterscheidung nach charakteristischen, logisch abzuleitenden Ei- genheiten benannt. Ob nach dem Rufnamen der Eltern, Herkunft, Beruf, einer körperlichen Eigenart oder einem auffälligen Landschaftsbild der Haus- lage. Ein Schmoal hatte vielleicht nur ein sehr schmales Grundstück zur Verfügung oder war schmal gebaut. Der dörflichen Kreativität waren kaum Grenzen gesetzt. Namen der Stamm-Bewohner gingen auf die Häuser über und diese Namen zurück auf alle Bewohner und auch neue Besitzer. Diese Tradition erfährt heute eine zweite Renaissance. Die alten Namen werden erforscht und aufgeschrieben, auf hübschen Plaketten an die Hauswände gedübelt. Davon gibt es etwa in Hermershausen so einige. Dort lebte einst ein Schmied. Noch heute ist Schmitts der Hausname, den jeder im Ort kennt. Daneben die Deis, wohl abgeleitet von Dei, einem Flecken Land oder auch als Kurzform von Matthäus. Aber ist das eine Neubelebung dieser alten Werte? Nein, sagt Dingeldein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Eigentlich ist es ein Zeichen vom Ende dieser Tradition. Hausnamen wurden stets mündlich überliefert, eine ihrer stärksten Eigenschaften. „Wie beim Dialekt kam das immer spontan aus der Seele und war ein Zeichen von Zugehörigkeit“, erklärt der Sprachforscher. Die Namen zu dokumentieren war unnötig. Jeder in der Gemeinschaft wusste, wo dieses oder jenes Haus stand und wer darin lebte. Die Hausnamen dienten nicht nur der Orientierung, sie waren auch Merkmal eines Gemeinschaftsgefühls. Eine Art Status. Zumindest solange das Dorf Lebens- und Arbeitsmittelpunkt war. Das ist heute kaum mehr der Fall. „Heute ist die Dorfgemeinschaft infrage gestellt. Man braucht die Hausnamen nicht mehr, heute gibt es die offizielle Postanschrift“, sagt Dingeldein. Eine traurige Ironie klingt mit: Die mündliche Überlieferung war immer das Charakteristikum der Hausnamen – sie an die Häuser zu schreiben widerspricht dem ganzen System. „Wenn es das heute noch geben würde, bräuchte man die Schilder nicht“. Was heute als Trend gilt, kennzeichnet die Verlusterfahrung. Zahlreiche Schilder kennzeichnen eine Rückbesinnung auf die alten Hausnamen – ein Widerspruch in sich. 43