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wir 2 / 2017

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Magazin der<br />

Stiftung Liebenau Teilhabe<br />

wichtig. informativ. regional.<br />

2|<strong>2017</strong><br />

Schwerpunkt<br />

Sexualität: (K)ein<br />

besonderes Bedürfnis


2<br />

inhalt<br />

editorial<br />

3 Leitartikel<br />

3 Termine<br />

4 Neue Marke Stiftung Liebenau<br />

4 Liebenauer Konzerte<br />

4 Mobil durch Fahrradspende<br />

5 Langjährige Mitarbeiter geehrt<br />

6 Das neue Bundesteilhabegesetz<br />

Förderverein Stiftung Liebenau Teilhabe<br />

7 Spielend lernen<br />

Schwerpunkt:<br />

(K)ein besonderes Bedürfnis<br />

8 Liebe, Lust und Leidenschaft<br />

9 Interview: Liebe ist zentrales Thema<br />

11 Als Paar fachlich begleitet<br />

12 Eltern erhalten fachlichen Rückhalt<br />

13 Interview: Welten treffen zusammen<br />

14 Prävention stärkt alle<br />

16 Berühren, Kuscheln und Umarmen<br />

17 Fachtag: Thema stößt auf Interesse<br />

Fachlich – menschlich – gut<br />

20 Protestaktionen vielerorts<br />

21 Ein sicheres Zuhause in Gastfamilien<br />

22 Schwieriger Bewohner findet Ruhe<br />

23 FSJ/BFD: Sprungbrett in den Beruf<br />

24 Ein Füllhorn voller Tätigkeiten<br />

26 Inklusion findet in Gemeinde statt<br />

27 Nachrufe<br />

28 Die Liebenau Teilhabe im Überblick<br />

28 Impressum<br />

Titelfoto: Beziehungen sind wichtiger Teil<br />

des Lebens. Foto: Stephan Becker<br />

Jörg Munk<br />

Geschäftsführer<br />

Liebe Leserin, lieber Leser,<br />

lange Zeit wurde Menschen mit Behinderung Sexualität abgesprochen. Dabei<br />

ist sie Teil einer jeden Persönlichkeit, wie der ehemalige Vorstand der Stiftung<br />

Liebenau, Monsignore Dr. h. c. Norbert Huber schon verhältnismäßig früh erkannt<br />

hat. Menschen mit Behinderung haben wie die meisten anderen ebenso<br />

den Wunsch nach Nähe, Beziehung, Zugehörigkeit und nach einer eigenen<br />

Familie. Nur langsam ändert sich in diesem Bereich die Einstellung sowohl in<br />

der Gesellschaft, als auch in Einrichtungen der Hilfen für Menschen mit Behinderung.<br />

Die Liebenau Teilhabe nimmt sich dieses Themas aktiv an, indem<br />

sie Bewohnerinnen und Bewohner ernst nimmt, die notwendigen Kenntnisse<br />

vermittelt und versucht, jeden und jede auf ihrem eigenen Weg zu begleiten.<br />

Aufgeklärte Persönlichkeiten, die wissen, was sie wollen und was nicht, sind<br />

nicht zuletzt auch besser vor Missbrauch geschützt. Allerdings ist uns auch<br />

bewusst, dass in dem Feld der Sexualität von Menschen mit Behinderung noch<br />

viel zu tun ist.<br />

In der vorliegenden Ausgabe widmen <strong>wir</strong> uns daher diesen Aspekt. Sie erfahren,<br />

wie sich bereits der frühere Vorstand in den 1960er und 1970er Jahren mit<br />

seinen Fachkräften dem Thema angenähert hat. Junge Frauen oder Eltern mit<br />

einer Einschränkung haben heute die Möglichkeit in Gastfamilien ein Zuhause<br />

zu finden: Die fachliche und familiäre Begleitung macht es ihnen möglich, mit<br />

ihrem eigenen Kind zusammenleben und es selbst großziehen zu können. Auch<br />

vor welchen Hindernissen sich Menschen mit einer Behinderung sehen, die im<br />

stationären Bereich gerne als Paar zusammenleben möchten, beleuchten <strong>wir</strong>.<br />

Der gut besuchte Fachtag Mitte Mai zeigte uns, dass das Thema Sexualität von<br />

Menschen mit Behinderung auf großes Interesse stößt und dass <strong>wir</strong> uns auf dem<br />

richtigen Weg befinden.<br />

Jörg Munk


3<br />

termine<br />

Leitartikel<br />

Die „Wahl“ der Teilhabe<br />

Mitte März war im französischen Fernsehen die junge Mélanie Ségard als<br />

Wetterfee zu sehen: Miss Météo in pinkfarbener Bluse, schwarzem kurzen<br />

Rock, dezent gepudert und geschminkt. Eine adrette Erscheinung. Leidlich<br />

durchschnittlich war das Frühlingswetter, das sie dennoch souverän vorhersagte.<br />

Dafür erhielt sie viel Zuspruch und Lob. Mélanie Ségard hat Trisomie 21.<br />

Ihr großer Wunsch ging in Erfüllung: einmal das Wetter im Fernsehen anzusagen.<br />

Die Eltern, der Bruder, das Wetter-Team: alle unterstützten sie bei diesem<br />

Anliegen. Ein Happy End für die Frau. Teilhabe der besonderen Art.<br />

Im Alltag ist Teilhabe nicht so deutlich zu erkennen. Sie ist das selbstständige<br />

Leben und Einkaufen, wo man will, die aktive Teilnahme im Verein, Ausgehen<br />

mit Freunden, der Kirchgang und folglich die Zeit, die man mit anderen<br />

verbringt und gestaltet. Herausragend sind dann Gelegenheiten wie Wahlen:<br />

die Teilhabe an der Demokratie per se.<br />

Rund 80 000 Menschen in Deutschland ist das Recht, zur Wahlurne zu gehen,<br />

aber verwehrt. Der diskriminierende Umstand sollte schon im Betreuungsrecht<br />

von 1992 geändert werden: Grundsätzlich sollte es kein Wahlverbot geben. Allerdings<br />

machten die Verfassungsrechtler da nicht mit, sahen sie doch die Ernsthaftigkeit<br />

des Wahlrechts gefährdet. Man einigte sich darauf, dass Menschen,<br />

die „in allen Angelegenheiten“ – also Aufenthaltsbestimmung, Gesundheitsfürsorge,<br />

Vermögenssorge – vertreten werden, vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben.<br />

Meist sind es geistig behinderte oder psychiatrisch erkrankte Menschen,<br />

bei denen aufgrund der umfassenden Betreuung davon ausgegangen <strong>wir</strong>d, dass<br />

sie hilflos und nicht in der Lage sind, an einer Wahlhandlung teilzunehmen.<br />

Verena Bentele sieht das anders. Die Beauftragte der Bundesregierung für die<br />

Belange von Menschen mit Behinderungen plädiert für eine Gesetzesreform.<br />

Gleichberechtigt sollen alle ein Recht auf aktives und passives Wahlrecht<br />

bekommen, und damit an der demokratischen Gestaltung unserer Gesellschaft<br />

teilhaben können. Um dieses Recht dann überhaupt in Anspruch nehmen zu<br />

können, müssten parallel auch Barrieren abgebaut werden. Und das muss über<br />

die Zugänglichkeit der Wahllokale hinausgehen und unter anderem auch die<br />

Informationsbeschaffung beinhalten.<br />

Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben den Wahlausschluss schon<br />

abgeschafft. Ob eine Reform vor der Bundestagswahl im Herbst zeitlich noch<br />

reicht, bleibt eher fraglich. Aber ein Happy End wäre auch bei diesem Thema<br />

zu wünschen.<br />

Anne Oschwald, Redakteurin<br />

8. Juli <strong>2017</strong><br />

Fußballturnier<br />

Liebenau<br />

9. Juli <strong>2017</strong><br />

Sommerfest Liebenau<br />

16. Juli <strong>2017</strong><br />

Liebenauer Konzert<br />

Liebenau<br />

21. Juli <strong>2017</strong><br />

Sommerfest AIP Wangen-Schauwies<br />

13. und 14. September <strong>2017</strong><br />

Seminar: Mein Leben als Frau (S. 15)<br />

Leutkirch<br />

16. September <strong>2017</strong><br />

Sommerfest Rosenharz<br />

24. September <strong>2017</strong><br />

Erntedankfest-Gottesdienst<br />

Liebenau<br />

15. Oktober <strong>2017</strong><br />

Liebenauer Konzert<br />

Liebenau<br />

1. November <strong>2017</strong><br />

Allerheiligen mit Gräberbesuch<br />

Liebenau<br />

9. November <strong>2017</strong><br />

Martinsfeier<br />

Liebenau, Hegenberg<br />

21. November <strong>2017</strong><br />

Ev. Gottesdienst Buß- und Bettag<br />

Rosenharz<br />

3. Dezember <strong>2017</strong><br />

Beginn der Herbergsuche<br />

Rosenharz<br />

10. Dezember <strong>2017</strong><br />

Beginn der Herbergsuche<br />

Hegenberg<br />

17. Dezember <strong>2017</strong><br />

Liebenauer Konzert<br />

Beginn der Herbergsuche<br />

Liebenau<br />

Weihnachtsmarkt<br />

Rosenharz<br />

24. Dezember <strong>2017</strong><br />

Krippenfeier<br />

Hegenberg, Liebenau, Rosenharz<br />

25. Dezember <strong>2017</strong><br />

Festgottesdienst<br />

Hegenberg, Liebenau, Rosenharz<br />

31. Dezember <strong>2017</strong><br />

Jahresschlussandacht<br />

Rosenharz


4<br />

Markenauftritt Stiftung Liebenau<br />

Die „<strong>wir</strong>“ in neuem Gewand<br />

Nach einem umfangreichen Markenprozess hat sich die<br />

Stiftung Liebenau seit Januar ein neues Gesicht gegeben.<br />

Zugrunde lag eine ausführliche markensoziologische<br />

Analyse, bei der es um die Wesensmerkmale der einzelnen<br />

Tochtergesellschaften ging. Allen gemeinsam ist<br />

dabei, dass bei der Stiftung Liebenau jeder Mensch in<br />

seiner Ganzheit angenommen und in seiner Individualität<br />

wahrgenommen <strong>wir</strong>d, mit dem Ziel, dem Einzelnen das<br />

bestmögliche Angebot zu unterbreiten. Dabei werden die<br />

Gesellschaften von den gleichen Werten geleitet, nämlich<br />

christlich begründeter Menschlichkeit, fundierter Fachlichkeit<br />

und nachhaltigem Wirtschaften. Um diesen inneren<br />

Zusammenhalt zu verdeutlichen, wurde die Marke<br />

Stiftung Liebenau als Dachmarke gestärkt. Das zeigt sich<br />

nun auch im Namen der ehemaligen St. Gallus-Hilfe, die<br />

jetzt Liebenau Teilhabe heißt. Und das spiegelt sich auch<br />

künftig an unserem Magazin wider. „<strong>wir</strong>“ bleiben weiterhin:<br />

„wichtig.regional.informativ.“<br />

Anne Luuka<br />

Stiftung Liebenau<br />

Liebenauer Konzerte<br />

LIEBENAU – Teilhabe an Kultur: Darum soll es bei den<br />

„Liebenauer Konzerten“ gehen. Erstmalig veranstaltet die<br />

Stiftung Liebenau in diesem Jahr diese inklusive Konzertreihe.<br />

Sie richtet sich in besonderem Maße an Menschen mit<br />

Behinderung und Teilhabebedarf, eingeladen ist aber jeder,<br />

der Freude an guter Musik hat. Der Eintritt ist frei.<br />

Bereits an Christi Himmelfahrt startete die Konzertreihe<br />

mit Kaffeehausmusik von „Café Pikant“ – von klassischer<br />

Unterhaltungsmusik über Rock bis hin zu Jazz. Abwechslungsreich<br />

<strong>wir</strong>d es auch bei den weiteren Gästen, die in<br />

Liebenau spielen werden: Die Preisträger von „Jugend<br />

musiziert“ (16. Juli; ab 16 Uhr), der Akkordeonist Ulrich<br />

Schlumberger (15. Oktober; ab 16 Uhr) sowie das Adventskonzert<br />

mit der Mädchenkantorei Stuttgart (17. Dezember,<br />

ab 18 Uhr) komplettieren das bunt gemischte Programm.<br />

Bewegung und Mobilität für Kinder und Jugendliche<br />

Schüler können in die Pedale treten<br />

HEGENBERG/RAVENSBURG – Zweiräder für die Don-Bosco-Schule:<br />

Sechs nagelneue Mountain-Bikes standen in<br />

Meckenbeuren für die Jungfernfahrt in Richtung Hegenberg<br />

bereit. Finanziert wurden die Räder durch eine 2.500-Euro-Spende<br />

der Ravensburger Firma EBZ. Der Ravensburger<br />

Verein „Radfahren für Kinder“ stockte die Summe mithilfe<br />

der Einnahmen einer Sternfahrt auf 3.000 Euro auf.<br />

Außerdem bot das Meckenbeurer Fahrradgeschäft Saikls die<br />

schicken Zweiräder zu Sonderkonditionen an.<br />

„Wir wollen unser Bewegungsprofil weiter schärfen“,<br />

erklärt Schulleiter Wolfgang Közle den pädagogischen<br />

Hintergrund. Dazu gebe es die verschiedensten Angebote<br />

– von Outdoor-Tagen über Schneeschuhwanderungen bis<br />

eben hin zu Radtouren. Auch die Verkehrserziehung steht<br />

in der Don-Bosco-Schule auf dem Stundenplan. „Neben<br />

dem Bus ist das Fahrrad für unsere Kinder und Jugendlichen<br />

das Hauptverkehrsmittel“, weiß Schulsozialarbeiterin<br />

Conny Gerson, die zusammen mit den Lehrern Ramona<br />

Rankel und Rudolf Fischer das Verkehrssicherheitstraining<br />

organisiert. Ob für diesen Zweck oder auch für die motorische<br />

Förderung: „Der Bedarf an Fahrrädern bei uns ist<br />

groß“, so Konrektor Michael Keßler. Umso mehr freue er<br />

sich nun über die Spendenaktion und das Engagement von<br />

Radfahren für Kinder.


5<br />

Langjährige Mitarbeiter geehrt<br />

Stolz auf das persönliche Engagement<br />

LIEBENAU – Für 93 Mitarbeiter der Liebenau Teilhabe<br />

war ihr Dienstjubiläum ein Tag zum Innehalten. Gerade<br />

in Zeiten der Veränderung und der gesetzlichen Neuerungen,<br />

seien die langjährigen Mitarbeiter Brückenbauer<br />

zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sagte<br />

Geschäftsführer Jörg Munk.<br />

Jörg Munk nahm das Jubiläum zum Anlass, auf 40 Jahre<br />

Behindertenhilfe zurückzublicken. „In dieser Zeit hat sich<br />

vieles verändert. Soziale Arbeit ist ein Spiegel gesellschaftlicher<br />

Entwicklungen.“ Die Jubilare würden in einem<br />

gesellschaftlichen Umfeld arbeiten, in dem soziale Aufgaben<br />

ihren Platz und ihre Bedeutung hätten. „Gleichzeitig<br />

können Sie stolz sein. Dass es so ist, wie es ist, hat viel<br />

mit Ihrem Engagement und Ihrer Arbeit an der Basis zu<br />

tun.“ Als Teil der Stiftung Liebenau würden die Mitarbeiter<br />

täglich ihren konkreten Beitrag für Mitmenschlichkeit und<br />

eine aktive Zivilgesellschaft leisten. Aktuell befinde man<br />

sich mitten in einem Wandlungsprozess. „Das spüren <strong>wir</strong><br />

alle.“ Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes sieht<br />

Munk als Chance und Herausforderung zugleich: eine<br />

stärkere Orientierung an den Fähigkeiten und Bedürfnissen<br />

jedes einzelnen Menschen sowie eine am individuellen Bedarf<br />

orientierten Unterstützung. „Auf diesem Weg nehmen<br />

<strong>wir</strong> unsere Mitarbeiter mit all ihren Talenten mit“, betonte<br />

er und nannte die christliche Grundhaltung, Verlässlichkeit,<br />

Pioniergeist und Fachlichkeit in Verbindung mit modern<br />

gedachter Fürsorge.<br />

Im Namen der Mitarbeitervertretung gratulierte Bernd Wiggenhauser<br />

den Jubilaren. „Wir arbeiten nicht nur, um Geld<br />

zu verdienen. Wir haben hier Anteil an einer großartigen<br />

Sache und unsere Arbeit gibt uns ganz viel zurück.“<br />

Claudia Wörner<br />

20 Jahre: Monika Amann, Marianne Birkenmaier, Bernd<br />

Breiter, Natalina Costa, Maria Depfenhart, Wolfgang Ehmann,<br />

Doris Endreß, Susanne Englert, Andrea Feibel, Klaus<br />

Felder, Arnold Fuchs, Irmgard Gebhart, Susanne Glöckler,<br />

Stefan Haider, Bianca Heinle, Jutta Kling, Ingeborg Markert,<br />

Christian Müller, Manuela Öhler, Mirjam Reger-Heise,<br />

Markus Schaal, Klaus-Peter Schulz, Stefan Schwendinger,<br />

Rosa Sperle, Rozalia Steib, Monika Straub, Dieter Witzemann.<br />

93 Mitarbeiter der Liebenau Teilhabe feierten im Hofgut Hügle in<br />

Bottenweiler ihr Dienstjubiläum. Foto: Wörner<br />

25 Jahre: Christine Barth, Waltraud Baur-Viertel, Emilia<br />

Bohl, Joachim Bucher, Thomas Bürkle, Heiderose Bürkle,<br />

Sylvia Christberger, Irmgard Demmler, Irene Figilister, Olaf<br />

Fischer, Christina Gaupp, Carla Gitschier, Richard Gorski,<br />

Susanne Hartleb, Martina Hengge, Petra Hillebrand, Ruth<br />

Hofmann, Heidrun Homeister, Necmiye Kalyoncu, Uwe<br />

Keßler, Hildegard Kohler, Danuta Marczak, Ulrike Metzger,<br />

Andjelka Oschmann, Matthias Rueckgauer, Brigitte Sauter-Notheis,<br />

Anatoli Schepeta, Bernhard Schrapp, Gerlinde<br />

Schuster, Hans-Peter Strobel, Sylvia Unseld, Gerlinde<br />

Walka, Christine Weber, Irmgard Windbühler, Markus<br />

Wursthorn.<br />

30 Jahre: Barbara Ackermann, Sylvie Besnard, Armin<br />

Büchele-Gerster, Melanie Fisel, Bernd Klee, Petra Menner-Knörle,<br />

Walter Reichenberger, Andrea Sauter-Martin,<br />

Elke Schätzle, Heinz Silbereis, Roland Steinbeck, Sybille<br />

Zenker.<br />

35 Jahre: Lucia Adam, Gisela Burkhardt, Margarete<br />

Crönert, Sylvia Daiber, Barbara Deiringer, Theresia Horcher-Tradowsky,<br />

Ingeborg Noll, Bruno Ott, Margarete<br />

Pfister, Ulrich Schleicher, Joachim Schurrer, Ferdinand<br />

Schwarzer, Hermann Sprenger, Peter Thurn, Thomas Vetter,<br />

Helmut Zeiler.<br />

40 Jahre: Anna Beck, Ursula Frenzel, Angelika Lukes,<br />

Ingrid Renz, Rita Rothmund.


6<br />

Das neue Bundesteilhabegesetz<br />

Was <strong>wir</strong>d anders?<br />

§Zu Beginn dieses Jahres ist das im Vorfeld kontrovers<br />

diskutierte Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft getreten.<br />

Für Menschen mit Assistenzbedarf, Mitarbeitende,<br />

Einrichtungen und Kostenträger werden sich damit in den<br />

kommenden Jahren einige grundlegende Veränderungen<br />

ergeben. Die Umsetzung des neuen Leistungsgesetzes <strong>wir</strong>d<br />

schrittweise bis 2020 erfolgen. Der Gesetzgeber hat zudem<br />

beschlossen, die Umsetzung wissenschaftlich begleiten zu<br />

lassen. Gerade bei einem derart umfangreichen, neuen Gesetz<br />

ist das wichtig. Mit dem BTHG sind nach wie vor viele<br />

Fragen verbunden. Doch zeichnen sich bereits auch heute<br />

erste Vorstellungen und Chancen für die von der Stiftung<br />

Liebenau begleiteten Menschen und Mitarbeitenden in den<br />

Diensten und Einrichtungen ab.<br />

Menschen mit Assistenzbedarf werden in Zukunft bessere<br />

Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.<br />

In Zukunft werden diejenigen, die staatliche Leistungen<br />

beziehen, mehr von ihrem Einkommen und Vermögen<br />

zurücklegen können als bisher. Einkommen und Vermögen<br />

von Ehe- oder Lebenspartnern werden nicht mehr<br />

herangezogen. Durch das neue Budget für Arbeit eröffnen<br />

sich zudem für Einzelne bessere Übergänge und Chancen<br />

auf dem regulären Arbeitsmarkt.<br />

Worum geht es beim neuen BTHG darüber hinaus? Zentraler<br />

Gedanke ist eine konsequent personenorientierte<br />

Ausrichtung von Wohn- und Assistenzangeboten. Dieses<br />

neue Bild folgt dem Inklusionsgedanken und stellt die<br />

individuellen Rechte der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt.<br />

Soweit dies möglich ist, werden die Förderung<br />

der Persönlichkeit des Einzelnen und die Unterstützung in<br />

seinem sozialen Umfeld zum Leitbild der Assistenz. Individualität<br />

soll über flexiblere Wohn-, Assistenz-, Arbeits- und<br />

Freizeitangebote führen. Klar ist jedoch auch, dass es für<br />

Menschen mit hohem Assistenzbedarf künftig besonderer<br />

Unterstützungsstrukturen und -angebote bedarf.<br />

Wie will der Gesetzgeber das erreichen? Hierzu kommt es<br />

zu einer Trennung der von den Diensten und Einrichtungen<br />

der bisherigen Eingliederungshilfe erbrachten fachlichen<br />

Leistungen, von Leistungen zum Wohnen und dem<br />

Lebensunterhalt. Im Sinne des Inklusionsgedankens soll<br />

wie bei jedem auf finanzielle Unterstützung angewiesenen<br />

Bürger die Finanzierung des Wohnens und des Lebensunterhaltes<br />

eine Grundsicherungs- beziehungsweise Sozialhilfeleistung<br />

sein. Die Eingliederungshilfe konzentriert<br />

sich auf Fachleistungen der Assistenz- und Teilhabe. Diese<br />

orientieren sich am individuellen Bedarf und sollen unabhängig<br />

davon gewährt werden, wo der behinderte Mensch<br />

wohnt. Fixe Gesamtleistungspakete im Sinne der stationären<br />

Vollversorgung in spezialisierten Institutionen werden<br />

somit aufgelöst, den Betroffenen mehr Freiheit hinsichtlich<br />

der Wahl des Wohnorts und der Wohnform ermöglicht<br />

sowie flexible Leistungskombinationen eröffnet.<br />

Gerade dieser Umbau hat zu zahlreichen offenen Fragen<br />

auf Seiten aller Beteiligten geführt. Denn neben den hiermit<br />

verbunden Umstellungen in der Verwaltung, führen<br />

diese Veränderungen in der Summe auch zu neuen Rollenbildern:<br />

Klienten werden zu Mietern mit Assistenzbedarf<br />

und Mitarbeitende noch stärker zu Assistenzbegleitern in<br />

enger Zusammenarbeit mit den Kostenträgern.<br />

Die zukünftig noch stärker personenzentrierte Weiterentwicklung<br />

dieser Strukturen und der Begleitung von Menschen<br />

mit Assistenzbedarf ist ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.<br />

Er <strong>wir</strong>d sich in der Praxis daher Schritt für<br />

Schritt in Zusammenarbeit der Beteiligten vollziehen. Die<br />

verschiedenen Angebote im Verbund der Stiftung Liebenau<br />

zeichnen sich bereits heute durch eine hohe Durchlässigkeit<br />

aus: von den gemeindeintegrierten, stationären<br />

und ambulanten Assistenzangeboten, den interdisziplinär<br />

arbeitenden Kompetenzzentren über die spezialisierte<br />

Fachklinik, hin zu differenzierten Schul-, Bildungs- und<br />

Arbeitsmöglichkeiten und familienunterstützenden Hilfen.<br />

Diese vorhandene Inklusionskompetenz stellt eine<br />

gute Ausgangsgrundlage und Chance für die gemeinsame<br />

Weiterentwicklung der Angebote und Dienstleistungen im<br />

Lichte des neuen BTHG dar.<br />

Ulrich Dobler<br />

Stabsstelle Politik und Internationales<br />

Ulrich Kuhn<br />

Stabsstelle Sozialpolitik<br />

Stiftung Liebenau


7<br />

Kinder vertiefen sich leicht in<br />

das Spiel mit dem Pertra-Bausatz:<br />

Sie schulen damit ihr<br />

Wahrnehmungsvermögen.<br />

Foto: Kranz<br />

Förderverein St. Gallus unterstützt Frühförderung<br />

Sicher durch den Raum<br />

MARKDORF – Der kleine Max (Name geändert) ist<br />

vertieft in sein Tun. Er nimmt verschiedene Klötzchen<br />

und baut damit eine Straße auf dem großen Brett vor<br />

sich. Damit Kinder die räumliche Wahrnehmung lernen,<br />

nutzt die Frühförderstelle in Markdorf der Stiftung Liebenau<br />

Teilhabe den Pertra-Bausatz. Der Förderverein<br />

St. Gallus der Liebenau Teilhabe (ehemals Förderverein<br />

der St. Gallus-Hilfe) hat die Ausstattung gefördert.<br />

Beim Spiel werden bei Kindern die Funktionen des Körpers<br />

sowie das visuelle und räumliche Wahrnehmungsvermögen<br />

geschult: Sie bekommen ein Gespür dafür, wo links und<br />

rechts, wo vorne und hinten ist, was sich neben oder hinter<br />

ihnen befindet. Auch die Koordination von Auge und Hand<br />

<strong>wir</strong>d spielerisch gestärkt: in der Bewegung, beim Malen<br />

oder beim Schneiden von Papier.<br />

Mit dem Fördermaterial Pertra lässt sich die kindliche<br />

Wahrnehmung verstärkt fördern und schulen. Pertra steht<br />

für Perzeptions-Training. Sinneszellen und -organe erhalten<br />

beim Spiel Reize. Ist die Straße von Max fertig, bekommt er<br />

ein Auto, um darauf zu fahren: ein Ansporn, den „Straßenbau“<br />

zu vollenden. In der Therapie werden auch Dinge wie<br />

Ziel oder Start eingebaut. Zum Beispiel kann Max – wie im<br />

Alltag – mit der Mama dann zum Laden fahren, der sich<br />

beispielsweise oben links im Brett befindet, oder zur Schule,<br />

die unten rechts ist. Die Zusammenhänge müssen für<br />

das Kind Sinn machen, daher werden Alltagszenen nachgespielt,<br />

was den meisten Kindern Spaß macht.<br />

Für mehr Lebensqualität<br />

Der Förderverein St. Gallus unterstützt die Ausstattung der<br />

Frühförderstelle mit Pertra. Durch das Engagement möchte<br />

er Menschen mit Behinderung eine hohe Lebensqualität<br />

bieten. Häufig tragen die Spenden dazu bei, ganzheitliche<br />

Entwicklung, selbstbestimmte Lebensführung und Teilhabe<br />

am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.<br />

Mitglied im Förderverein können alle werden, die mithelfen<br />

wollen, die Ziele der Liebenau Teilhabe voranzubringen.<br />

Aber auch Kommunen, Pfarrgemeinden, Firmen,<br />

Vereine und Gruppen sind als Mitglied willkommen.<br />

Die Mitglieder setzen ihren Jahresbeitrag selbst fest. Der<br />

Mindestbeitrag beträgt 36 Euro. Die gesammelten Mittel<br />

werden ausschließlich für gemeinnützige Zwecke verwendet.<br />

Die Gemeinnützigkeit des Vereins ist vom Finanzamt<br />

Friedrichshafen anerkannt. Mitgliedsbeiträge und Spenden<br />

sind steuerlich abzugsfähig.<br />

Nähere Informationen:<br />

Susanne Aggeler<br />

susanne.aggeler@stiftung-liebenau.de<br />

Telefon 07542 10-2007<br />

www.stiftung-liebenau.de/helfen-und-spenden/<br />

stiften-und-foerdern/<br />

Spendenkonto: Förderverein St. Gallus<br />

Volksbank Friedrichshafen<br />

BIC: GENODES1VFN<br />

IBAN: DE29 6519 0110 0023 3860 02


8 Sexualität: (K)ein besonderes Bedürfnis<br />

Sexualität von Menschen mit Behinderung – ein besonderes Bedürfnis?<br />

Liebe, Lust und Partnerschaft<br />

Liebe, Lust, Partnerschaft und Familie gehören für die<br />

meisten von uns zu den Vorstellungen von einem erfüllten<br />

Leben. Für Menschen mit Behinderung allerdings<br />

sieht die Realität oft anders aus. Sehr häufig müssen<br />

sie auf die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse verzichten,<br />

bleiben Wünsche nach Partnerschaft oder gar<br />

Familie unerfüllt. Dafür aber sind sie weitaus häufiger<br />

als Menschen ohne Behinderung von sexueller Gewalt<br />

betroffen.<br />

Zugegeben, in den vergangenen Jahren hat sich manches<br />

zum Besseren entwickelt. Dazu beigetragen haben ein<br />

gesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Toleranz und die<br />

Erkenntnis, dass Menschen mit Behinderung ein Selbstbestimmungsrecht<br />

haben. Und nicht zuletzt haben auch<br />

zuverlässige Möglichkeiten der Empfängniskontrolle zu<br />

einer entspannteren Haltung geführt. Das strikte Tabu,<br />

mit dem die Sexualität behinderter Menschen belegt war,<br />

existiert so nicht mehr. Längst gibt es gemischtgeschlechtliche<br />

Wohngemeinschaften, zunehmend auch sexualpädagogische<br />

Angebote, Singlepartys und Partnervermittlungen.<br />

Paare sind keine Seltenheit mehr, wenngleich ihr Zusammenleben<br />

in einem gemeinsamen Haushalt, vor allem<br />

im stationären Bereich, nicht unbedingt an der Tagesordnung<br />

ist. Glücklich, wer zu einer Beziehung fähig ist und<br />

tatsächlich auch den Deckel zum Topf findet. Immerhin<br />

kann dann Sexualität erlebt, im besten Fall auch genossen<br />

werden. Nicht selten aber fehlen elementare Kenntnisse<br />

über den eigenen Körper, erst recht über den des Partners<br />

oder der Partnerin. Wo Informationen und Erfahrungen fehlen,<br />

blüht die Fantasie. Oder man sucht nach verfügbaren<br />

Modellen und findet sie zum Beispiel im Fernsehen oder in<br />

Pornovideos.<br />

Woher aber kommen brauchbare Informationen? Welche<br />

Rolle spielen sexuelle Aufklärung, Erotik, Lust, weibliche<br />

und männliche Identität in der alltäglichen Assistenz? Ist es<br />

übertrieben zu sagen, dass – wenn das Thema überhaupt<br />

auf den Tisch kommt – es vor allem um biologische Funktionen<br />

und Empfängnisverhütung geht? Wie Lust erlebt<br />

werden kann, allein oder zu zweit, <strong>wir</strong>d da weitestgehend<br />

ausgeblendet. Solche intimen Themen anzusprechen,<br />

empfinden <strong>wir</strong> zu Recht als grenzwertig: Sie berühren<br />

die Privatsphäre des Gegenübers und auch die eigene.<br />

Indem <strong>wir</strong> aber nicht darüber reden, behindern <strong>wir</strong> den<br />

Zugang zu einem wesentlichen Bereich des Lebens. Noch<br />

schwieriger <strong>wir</strong>d es bei Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf.<br />

In ihrem Erleben geht es selten um eine<br />

partnerbezogene Sexualität. Lustvolle Stimulation bezieht<br />

sich vor allem auf den eigenen Körper und ist keineswegs<br />

auf genitale Zonen beschränkt, schließt diese Zonen aber<br />

natürlich mit ein. Nur – wie geht Stimulation wenn der<br />

ganze Körper fast ständig bekleidet und zudem noch in Inkontinenzmaterial<br />

verpackt ist? Und wie kann da Assistenz<br />

geleistet werden, ohne dass Mitarbeitende sich grenzverletzend<br />

verhalten oder sich gar dem Verdacht des Missbrauchs<br />

aussetzen? Ein echtes Dilemma!<br />

Schon Ende der 90er Jahre hat Joachim Walter* sexuelle<br />

Grundrechte für Menschen mit Behinderung formuliert.<br />

Der heute emeritierte Professor für Sozialpsychologie sieht<br />

sie als Recht auf:<br />

• Privatheit und eigene Intimsphäre<br />

• ein individuelles Sexualleben und eigene sexuelle<br />

Identität<br />

• physische und psychische Unversehrtheit<br />

• Sexualpädagogik und Sexualberatung<br />

• eigene Kinder<br />

• sexualfreundliche institutionelle Bedingungen<br />

• Eigensinn (Freiheit der Person) in der Sexualität<br />

An diesen Rechten gemessen <strong>wir</strong>d deutlich, dass in mancher<br />

Hinsicht noch ein weiter Weg vor uns liegt. Entscheidend<br />

dabei ist, dass die Sexualität von Menschen mit<br />

Behinderung nicht (mehr) als ein besonderes Bedürfnis<br />

betrachtet <strong>wir</strong>d. Besonders sind eher die Umstände, unter<br />

denen Menschen mit Behinderung häufig leben. Durch<br />

ihren Unterstützungsbedarf gibt es immer andere, die mitmischen.<br />

Die nach bestem Wissen und Gewissen begleiten<br />

und dabei – ob sie es wollen oder nicht – beeinflusst sind<br />

vom eigenen Moralempfinden, den eigenen Vorstellungen,<br />

was Sexualität sei und wie man sie zu praktizieren habe.<br />

Ausschalten lässt sich das nicht, aber reflektieren: Wer sich<br />

der eigenen Prägung bewusst ist, kann sich der Erkenntnis<br />

öffnen, dass es im Bereich der Sexualität, wie in allen<br />

anderen Lebensbereichen auch, höchst vielfältige Varianten<br />

gibt und geben darf.<br />

Ruth Hofmann<br />

* Joachim Walter: Sexualität und geistige Behinderung, 1996


9<br />

Menschen mit Behinderung haben – wie alle anderen –<br />

das Bedürfnis nach Sexualität. Foto: zum goldenen lamm<br />

(aus dem Film „Be My Baby“)<br />

Sexualität als Teil eines selbstbestimmten Lebens<br />

Liebe ist ein zentrales Thema<br />

Das Thema Sexualität von Menschen mit Behinderung<br />

wurde in der Stiftung Liebenau schon ungewöhnlich<br />

früh thematisiert. Vordenker in Deutschland war in<br />

den 60er Jahren der ehemalige Vorstand Monsignore<br />

Dr. h. c. Norbert Huber. Für ihn war bereits damals klar,<br />

dass Menschen mit einer geistigen Behinderung unabhängig<br />

vom Geschlecht von klein auf miteinander leben,<br />

arbeiten und lernen sollten.<br />

Herr Monsignore Huber, wie kam es, dass Sie Sexualität<br />

von Menschen mit Behinderung so früh thematisiert<br />

haben?<br />

Nach meiner Priesterweihe arbeitete ich in einem Internat<br />

mit Buben im Alter von ungefähr 10 bis 16 Jahren. Natürlich<br />

beschäftigten die sich mit ihren heranwachsenden Körpern.<br />

Über Dinge, die die Sexualität angingen, hat zu der<br />

Zeit aber niemand gesprochen. Missbrauch etwa erwächst<br />

aber gerade aus solch einer Atmosphäre des Schweigens.<br />

Nach meinem Psychologie-Studium hatte ich den Auftrag<br />

mich bei einer Vortragsreihe zum Thema sexuelle Erziehung<br />

zu informieren. So hatte ich das Thema präsent, als<br />

ich 1968 nach Liebenau kam.<br />

Wie war die Situation in Liebenau?<br />

In Liebenau war das Thema Sexualität von Menschen mit<br />

geistiger Behinderung – wie in allen Einrichtungen in jener<br />

Zeit – so gelöst, dass Frauen unter sich und Männer unter<br />

sich waren. Beim Wohnen, in der Kirche, bei der Arbeit.<br />

Sexualität von Menschen mit Behinderung war also im<br />

Grunde genommen kein Thema.<br />

Was veranlasste Sie, sich mit dem Thema dann auseinanderzusetzen?<br />

Wir starteten mit den Fachleuten in der Stiftung Liebenau<br />

die grundsätzliche Diskussion: Was ist eigentlich mit<br />

Menschen mit Behinderung? Wie können sie am gesellschaftlichen<br />

Leben teilhaben? Die Antworten konnten<br />

nur lauten: Menschen mit Behinderung sind Menschen<br />

mit allen Bedürfnissen, die andere auch haben. Sie sind<br />

förderungsfähig, sie können sich entwickeln und entfalten.<br />

Unsere Diskussion drehte sich nicht nur um das Erlernen<br />

von Fertigkeiten, sondern auch um die Selbstbestimmung,<br />

die das Thema Sexualität einschloss. Egal ob behindert oder<br />

nicht: Liebe ist ein zentrales Thema.<br />

Sexualität wurde lange immer mit dem Ziel der Eheschließung<br />

gesehen. Die Ehe ist ein rechtlicher Status. Da Men-


10<br />

Monsignore Dr. h. c. Norbert Huber,<br />

ehemaliger Vorstand der Stiftung Liebenau.<br />

Foto: Oschwald<br />

schen mit Behinderung oft die Zustimmungsfähigkeit dafür<br />

nicht haben, stellte sich in der Folge die Frage: Wozu dann<br />

überhaupt Sexualität? Wir kamen zur Antwort, dass sie der<br />

Gesamtentfaltung und Entwicklung des Menschen dient.<br />

Erhielten Sie Impulse von außen?<br />

In den Jahren 1969/1970 reiste ich in die ‚gelobten<br />

Länder‘ der Behindertenhilfe Holland und Schweden. Vor<br />

allem Schweden hatte das Thema schon aufgegriffen. In<br />

Stockholm habe ich Gregor Katz getroffen, mit dem ich<br />

mich austauschte. Er war damals Chefarzt für Kinder- und<br />

Jugendpsychiatrie im Bezirkskrankenhaus Stockholm-Danderyd.<br />

Später entstand unsere gemeinsame Veröffentlichung<br />

„Geschlechtserziehung bei geistig Behinderten“. Die schlug<br />

damals Wellen – bis nach Rom. (lacht)<br />

Wie platzierten Sie das Thema dann im Alltag?<br />

Der erste Schritt war, die Trennung zwischen Männern und<br />

Frauen aufzuheben. In den einzelnen Häusern gab es dann<br />

Frauen- und Männergruppen. Die Aufhebung galt auch für<br />

die Werkstatt. Und ebenso beim Einsatz der Mitarbeiterinnen<br />

und Mitarbeiter. Als <strong>wir</strong> 1971 mit der Ausbildung<br />

zum Heilerziehungspfleger starteten, gehörte das Thema<br />

Sexualität zum Lehrstoff. Als 1976 das Kinderdorf Hegenberg<br />

gebaut wurde, haben <strong>wir</strong> die Wohnhäuser gleich<br />

durchmischt.<br />

Mit welchen konkreten Anliegen kamen Menschen<br />

mit Behinderung damals zu Ihnen?<br />

Ich nenne ein Beispiel: Ende der 1970er Jahre stand ein<br />

junger lernbehinderter Mann vor mir. Er sagte, er kenne ein<br />

Mädchen, das wolle er heiraten. Später hab ich die beiden<br />

dann auch getraut. Aber zuvor stellten sich natürlich viele<br />

Fragen: Kann man das machen? Wie macht man das? Wie<br />

begleitet man die Menschen, wenn es Probleme gibt?<br />

Wenn eine Frau mit Behinderung schwanger war, war es<br />

natürlich ein Problem. Wir haben immer versucht diesen<br />

Frauen behilflich zu sein. Damals hat man stark dafür<br />

plädiert, das Kind zur Adoption freizugeben. Heute gibt es<br />

Formen der Begleitung, damit die Mütter die Kinder selbst<br />

aufziehen können.<br />

Ihr Fazit?<br />

Der Weg, den man eingeschlagen hat und beschreitet, ist<br />

ein sinnvoller Weg. Das Thema Sexualität ist verknüpft mit<br />

der individuellen Gesamtentwicklung und einem soweit als<br />

möglich selbstbestimmten Leben. Ich habe in meiner Zeit<br />

als Vorstand einige Paare getraut oder gesegnet. Die Beziehungen<br />

waren oft geprägt von einer Freundschaft, einer<br />

engen Bindung und der Fürsorge füreinander.<br />

Die Fragen stellte Anne Oschwald.<br />

Geschlechtserziehung bei geistig Behinderten;<br />

Norbert Huber, Gregor Katz; 1975;<br />

Herausgeber: Verband katholischer Einrichtungen<br />

für Lern- und geistig Behinderte, Freiburg<br />

Sexualität und Partnerschaft geistig Behinderter;<br />

1982; Herausgeber: Verband Katholischer Einrichtungen<br />

für Lern- und Geistigbehinderte, Freiburg<br />

„Zugewandt“ - Norbert Huber – Direktor und Vorstand<br />

der Stiftung Liebenau 1968 – 1996;<br />

Heike Schiller; 1996; Lambertus-Verlag


11<br />

Schritt für Schritt in ein gemeinsames Leben<br />

Zusammenleben als Paar braucht fachliche Begleitung<br />

MARKDORF – Petra Essers und Michael Petroschka<br />

leben in Markdorf als Paar in einem Zweizimmerappartement,<br />

so selbstständig wie möglich. Dies war nicht<br />

immer so. Beide haben lange Zeit in Hegenberg in<br />

verschiedenen Wohngruppen der Liebenau Teilhabe gelebt<br />

und sich erst in Markdorf kennen- und auch lieben<br />

gelernt. Vom Beginn ihrer Beziehung vor zehn Jahren bis<br />

heute hat sich manches getan.<br />

Petra Essers und Michael Petroschka sind schon viele Jahre ein<br />

Paar. Seit kurzem leben sie gemeinsam in ihrer eigenen Wohnung.<br />

Foto: Oschwald<br />

Zunächst haben Petra Essers und Michael Petroschka im<br />

Haus in unterschiedlichen Wohnungen gewohnt und mussten<br />

ihre Beziehung noch häufig auf die Bedürfnisse und<br />

Notwendigkeiten innerhalb ihrer Wohngemeinschaften anpassen.<br />

Es war nicht ohne weiteres möglich, sich jederzeit<br />

zu besuchen und das Zusammenleben nach den eigenen<br />

Bedürfnissen zu gestalten. Als sich für Michael Petroschka<br />

die Möglichkeit ergab, ein Einzelappartement zu beziehen,<br />

griff er nach dieser Chance. Nach und nach zog Petra<br />

Essers bei ihm ein. Konflikte waren durch die beengten<br />

Räumlichkeiten allerdings vorprogrammiert. Dann wurde<br />

das Appartement vergrößert, sodass die beiden zum Wohnraum<br />

noch zusätzlich ein separates Schlafzimmer erhielten.<br />

Dies ermöglicht, sich auch zurückziehen zu können.<br />

Seit April des vergangenen Jahres leben sie nun offiziell als<br />

Paar zusammen. Ihre Wohnung haben Petra Essers und Michael<br />

Petroschka individuell nach eigenem Geschmack eingerichtet.<br />

Um Etliches im Alltag kümmern sich die beiden<br />

selbst. Petra Essers erklärt: „Das Einkaufen ohne Erzieher<br />

macht Spaß. Aber im Geschäft muss ich darauf achten, dass<br />

mein Freund nicht rumschreit. Und manchmal ist es für ihn<br />

schwer, wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre und<br />

er alleine bleiben muss.“<br />

Durch die neue Lebenssituation haben auch Themen wie<br />

Frau sein, beziehungsweise Mann sein nochmal mehr<br />

Bedeutung bekommen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen<br />

Rolle, die Übernahme von Verantwortung fällt nicht<br />

immer leicht, strengt an, zeigt auch mal die Grenzen. Eingefahrene<br />

Rollenbilder werden in Frage gestellt und führen<br />

immer wieder zu Auseinandersetzungen und Konflikten.<br />

Intensive Begleitung<br />

Damit die beiden ihren Alltag gut bewältigen können,<br />

bedarf es der intensiven Unterstützung. Hierfür sind die<br />

Mitarbeiter wichtige Ansprechpartner. Zusätzlich steht dem<br />

Paar eine Fachkraft als Bezugsbetreuerin mit drei Stunden<br />

pro Woche zur Seite. Sie hilft bei der Klärung von Konflikten<br />

und leistet Unterstützung bei der Haushaltsplanung.<br />

Die individuellen Bedürfnisse und Wünsche des Paares<br />

stehen dabei im Vordergrund.<br />

Den Alltag gestaltet das Paar mittlerweile sehr selbstbestimmt<br />

und eigenständig. Unter der Woche gehen beide<br />

zur Arbeit, die freie Zeit ist geprägt von Hausarbeit wie<br />

einkaufen gehen oder Ordnung schaffen. An den Wochenenden<br />

gestalten sie ihre Freizeit oft mit einem befreundeten<br />

Paar aus Markdorf. Ausflüge, der Gang ins Café oder ins<br />

Wirtshaus und Besuche von Kirchen- und Gemeindefesten<br />

gehören dann zur Normalität. Michael Petroschka: „Wir<br />

können hinfahren, wo es uns gefällt, zum Beispiel auf die<br />

IBO-Messe. Auf Feste gehen <strong>wir</strong> alleine, ohne Erzieher.<br />

Und wenn Pfarrer Hund Hilfe beim Kirchenfest braucht,<br />

helfen <strong>wir</strong> gerne.“<br />

Wichtig ist den beiden, dass sie zusammen als Paar in einer<br />

eigenen Wohnung leben können, mit all den Freuden und<br />

Schwierigkeiten, die Paare eben miteinander erleben.<br />

Michael Metzger


12<br />

Martina Breske und ihr Sohn Jannick leben zusammen:<br />

Möglich macht das die Unterstützung der Gastfamilie und<br />

der Fachkräfte von Betreuten Wohnen in Familien.<br />

Foto: Hofmann<br />

Begleitete Elternschaft im Betreuten Wohnen in Familien<br />

Gastfamilie unterstützt junge Mutter<br />

BODNEGG – Was, wenn Menschen mit Behinderung<br />

Eltern sind? In aller Regel brauchen sie Unterstützung,<br />

erst recht, wenn das Kind, wie im Fall des kleinen<br />

Jannick, umfangreiche gesundheitliche Beeinträchtigungen<br />

hat. Das Betreute Wohnen in Familien (BWF) der<br />

Liebenau Teilhabe organisiert diese Hilfen im Rahmen<br />

der Begleiteten Elternschaft.<br />

Jannick sitzt auf dem Schoß seiner Mutter. Gemeinsam<br />

betrachten sie ein Buch. Jannick klopft immer wieder leicht<br />

auf ihren Arm, irgendetwas will er ihr sagen, so scheint es.<br />

Er zeigt auf verschiedene Bilder, sie benennt die Gegenstände.<br />

Laut Augenarzt ist Jannick praktisch blind, aber<br />

niemand, der die Szene beobachtet, käme auf diesen Gedanken.<br />

Auch allein schaue ihr Sohn mal ein Buch an, sagt<br />

Martina Breske, „dann aber nur auf die Schnelle.“ Ganz<br />

offensichtlich ist es der enge Kontakt, der die Sache für ihn<br />

erst attraktiv macht.<br />

Jannick ist sechseinhalb Jahre alt. Er leidet an einer seltenen<br />

Form der Epilepsie, die bei Kleinkindern auftritt und<br />

mehrfache Behinderungen mit sich bringt. Jannick ist nicht<br />

altersgemäß entwickelt, er spricht nicht und kann fast<br />

nichts sehen. Mit seiner Mutter wohnt er seit sechs Jahren<br />

im Rahmen des Betreuten Wohnens in Familien (BWF) in<br />

der Einliegerwohnung der Familie Pfender in Bodnegg.<br />

Martina Breske hat eine Lernbehinderung. Nachdem die<br />

Krampfanfälle bei Jannick begonnen hatten und die Situation<br />

für sie schwierig wurde, ist sie zu den Pfenders gezogen.<br />

Hier bekommt sie die notwendige Unterstützung. Anfangs<br />

war nicht klar, was mit Jannick los ist. „Die Ärzte“, so<br />

Martina Breske, „haben alle etwas anderes gesagt. Wenn<br />

man alleinerziehend ist, ist das schwer: Wie gehe ich mit<br />

dem Kind um?“ Heute kann sie auf die Hilfe der Gastfamilie<br />

zählen. Gesundheit ist ein großes Thema! Birgit Pfender<br />

begleitet die beiden zu den vielen notwendigen Arztterminen<br />

und ist auch in den Kontakt zur Schule eingebunden.<br />

Martina Breske ist gelernte haus<strong>wir</strong>tschaftliche Helferin<br />

und halbtags berufstätig. Das ist möglich, weil Jannick bis<br />

zum Nachmittag in der Schule ist. In den Ferien müssen<br />

zusätzliche Hilfen organisiert werden, zum Beispiel durch<br />

den Familienunterstützenden Dienst der Liebenau Teilhabe.<br />

Diese Organisation übernimmt Regine van Aken, Mitarbeiterin<br />

des BWF, die von Anfang an mit der Begleitung<br />

betraut ist. Früher, so sagt sie, habe die Mutter stärker<br />

die Nähe zur Gastfamilie gesucht, mit der Zeit aber sei sie<br />

eigenständiger und sicherer geworden. Dennoch ist Unterstützung<br />

nötig. Jannick ist zwar ein fröhlicher, lieber Junge,<br />

aber manchmal eben auch „bockig“, vor allem, wenn er<br />

sich nicht verständlich machen kann. Es kommt schon mal<br />

vor, dass sich die Gastmutter situationsbedingt einmischen<br />

muss, auch wenn das nicht immer willkommen ist.<br />

Jannick und seine Mutter verbringen viel Zeit zu zweit.<br />

Jannick geht gern auf den Spielplatz, kann von sich aus<br />

aber kaum Kontakt zu anderen Kindern aufnehmen. Martina<br />

Breske benötigt zuweilen Anregungen, wie sie sich mit<br />

ihrem Sohn beschäftigen kann. Sie waren schon zusammen<br />

im Feriendorf in Langenargen und vergangenes Jahr zur<br />

Mutter-Kind-Kur im Allgäu.<br />

Manchmal, das berichtet Regine van Aken, denke Jannicks<br />

Mutter darüber nach, mit ihrem Kind ambulant betreut in<br />

einer eigenen Wohnung zu leben. Für den Moment habe<br />

sie sich aber noch dagegen entschieden, denn die Gastfamilie<br />

gibt Rückhalt. „Lieber noch ein bisschen bleiben.“<br />

Ruth Hofmann


13<br />

Gastfamilien ermöglichen das Zusammenleben mit dem eigenen Kind<br />

Zwei Welten treffen aufeinander<br />

RAVENSBURG – Menschen mit einer Behinderung haben<br />

wie andere auch den Wunsch nach Normalität und<br />

Erwachsensein sowie nach einer eigenen Familie. In der<br />

Gesellschaft <strong>wir</strong>d dieses Thema aber nach wie vor mit<br />

einem Tabu belegt. Fachkraft Regine van Aken berichtet<br />

über ihre Arbeit: Sie begleitet junge Frauen beziehungsweise<br />

Paare mit einer Behinderung, die mit ihrem Kind<br />

in einer Gastfamilie leben.<br />

Frau van Aken, dass Menschen mit Behinderung Mutter<br />

oder Vater werden, geschieht nicht allzu häufig.<br />

Warum ist das so?<br />

Ein Grund liegt sicherlich in der Sichtweise, dass geistige<br />

Behinderung vererbt <strong>wir</strong>d und aus diesem Grund Menschen<br />

mit einer geistigen Behinderung keine Eltern werden<br />

dürfen. Es halten sich Mythen wie die Vererbung einer<br />

geistigen Behinderung oder dass diese Eltern ihre Kinder<br />

vernachlässigen oder missbrauchen. Unterstellt <strong>wir</strong>d behinderten<br />

Menschen auch, dass sie eine mangelnde elterliche<br />

Kompetenz zeigen und kein Verantwortungsgefühl<br />

für ihre Kinder erlernen können.<br />

Wie oft steht hinter der Schwangerschaft der konkrete<br />

Wunsch nach einem Kind?<br />

In den 15 Jahren, die <strong>wir</strong> als Fachdienst nun die sogenannte<br />

„Begleitete Elternschaft“ anbieten, wurden <strong>wir</strong> fast<br />

ausschließlich mit Anfragen von jungen alleinstehenden<br />

Frauen konfrontiert, die schwanger wurden oder bereits<br />

ein Kind hatten. Manchmal gab es einen ausgesprochenen<br />

Kinderwunsch, manchmal war er unausgesprochen und<br />

manchmal war die Schwangerschaft unbeabsichtigt. Jedoch<br />

war für alle Frauen klar, dass sie das Kind behalten wollten.<br />

Welche Reaktionen im Umfeld erfahren Betroffene?<br />

Den Frauen ist bewusst, dass sie mit negativen Reaktionen<br />

im Umfeld rechnen müssen. Aus diesem Grund sprechen<br />

sie nicht offen über ihren Kinderwunsch. Sie befürchten,<br />

dass sie nicht ernst genommen werden oder man sogar<br />

versucht, ihnen ihren Wunsch auszureden. Eine Schwangerschaft<br />

<strong>wir</strong>d dann oft lange verheimlicht. Schwangere<br />

Frauen stoßen in ihrem Umfeld häufig auf Hilflosigkeit und<br />

Unverständnis.<br />

Bekommen Menschen mit<br />

Behinderung unweigerlich<br />

behinderte Kinder?<br />

Es gibt keinen kausalen Zusammenhang<br />

zwischen einer geistigen Regine van Aken begleitet<br />

als Fachkraft Gastfamilien,<br />

die Mütter oder Eltern<br />

Behinderung der Eltern und einer<br />

geistigen Behinderung der Kinder. mit einer Einschränkung<br />

und ihr Kind aufgenommen<br />

haben. Foto: privat<br />

Allerdings kann das familiäre Klima<br />

ein Risiko für eine kindliche Entwicklung<br />

bergen. Untersuchungen zeigen, dass ohne ausreichende<br />

Unterstützung der Eltern die Kinder oftmals<br />

deutliche Entwicklungsverzögerungen vor allem im<br />

sprachlichen Bereich zeigen.<br />

Welche Besonderheiten in der Erziehung müssen die<br />

Eltern meistern?<br />

Wie die meisten jungen Mütter benötigen sie eine Begleitung<br />

in den ersten Lebensmonaten, um die Bedürfnisse des<br />

Kindes verstehen zu lernen. Besonders <strong>wir</strong>d die Begleitung<br />

dadurch, dass sie mehr Erklärungen und Wiederholungen<br />

sowie Unterstützung darin benötigen als andere Mütter.<br />

Weiterhin brauchen sie auch Unterstützung im Erkennen<br />

der Entwicklungsschritte des Kindes und dem adäquaten<br />

Reagieren auf diese sich stetig verändernden Schritte.<br />

Ernährung, Körperpflege, Förderung der kindlichen Entwicklung,<br />

Regeln, Grenzen sind ebenfalls wiederkehrende<br />

Themen. Diese müssen immer wieder angesprochen und<br />

wenn sie durch die junge Mutter nicht umgesetzt werden,<br />

durch andere Menschen ausgeglichen werden.<br />

Welche Anforderungen stellt die Begleitung von Mutter<br />

mit Kind in einer Gastfamilie an Sie?<br />

Für mich heißt dies ein hohes Maß an Engagement und<br />

Zeit. Man muss sich vorstellen, dass hier zwei Welten aufeinander<br />

prallen, die davor keine Berührung miteinander hatten.<br />

Eine junge Frau, deren Lebenssituation sich durch das<br />

Kind völlig verändert hat, kommt in die fremde Familie. Sie<br />

muss sich zunächst in ihre neue Rolle einfinden, und dann<br />

zusätzlich noch in völlig neue familiäre Strukturen. Meine<br />

Aufgabe ist es, diese beiden Welten miteinander bekannt zu<br />

machen und unterstützend da zu sein, Verständnis füreinander<br />

zu entwickeln und entstehende Konflikte anzugehen.<br />

Die Fragen stellte Ruth Hofmann.


14<br />

Stärkung und Prävention durch thematische Angebote<br />

Begleitende und aufklärende Einzel- und Gruppenarbeit<br />

HEGENBERG – Kinder, Jugendliche und sogar erwachsene<br />

Menschen mit einer Behinderung gelten als<br />

besonders gefährdet, Opfer von Grenzverletzungen zu<br />

werden. Eine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit,<br />

die Abhängigkeit von Mitarbeitern bei Alltagsroutinen,<br />

aber auch häufig erlebte Zurückweisung und Ausgrenzung,<br />

<strong>wir</strong>ken nachhaltig auf ihr Selbstvertrauen und ihre<br />

Belastbarkeit. Um ihre Persönlichkeit zu stärken hat die<br />

Liebenau Teilhabe besondere Angebote entwickelt.<br />

In einer Gruppenrunde erzählt eine junge Frau: „Ich finde<br />

es total blöd, dass die in Facebook so Sachen über mich<br />

schreiben, die überhaupt nicht stimmen.“ Ziemlich ratlos<br />

und ausgeliefert <strong>wir</strong>kt sie dabei. „Du musst den Eintrag bei<br />

Facebook melden. Am besten mit deiner Erzieherin“, lautet<br />

die Ermutigung einer anderen Teilnehmerin. Ihre Widerstandkräfte<br />

müssen gezielt gefördert werden. Sie hat das<br />

Recht sich zur Wehr zu setzen und Beschwerde einzulegen.<br />

Dazu braucht es Zeiten und Räume, in denen so etwas<br />

gezielt geübt werden kann. In der Liebenau Teilhabe gibt<br />

es dazu projektorientierte oder feste Gruppen, in denen die<br />

Teilnehmer ihre Persönlichkeit stärken können. Besonderes<br />

Augenmerk <strong>wir</strong>d hierbei auch der geschlechterorientierten<br />

Begleitung zuteil. In der „YoungManPowerGroup“ beschäftigen<br />

sich männliche Jugendliche intensiv mit Fragen des<br />

Heranwachses und sozialen Umgangs miteinander. Für<br />

Zafer und Andreas ist klar: „Jungs haben Spaß an Action-Spielen<br />

und körperlicher Auseinandersetzung.“ Dafür,<br />

dass die Spielregeln in der Gruppe unbedingt eingehalten<br />

werden, sind alle verantwortlich. In den gemeinsamen<br />

Gesprächsrunden können Alltagsprobleme mit einem gewissen<br />

Abstand besprochen und Alternativen ausprobiert und<br />

durchgespielt werden.<br />

Ein anderes Projekt für erwachsene Frauen heißt: „Wir sind<br />

Frauen und das ist toll!?“ Frage- und Ausrufezeichen sind<br />

bewusst gesetzt: Was sind meine Vorlieben, was mag ich<br />

überhaupt nicht? Wie stelle ich mir eine gute Partnerschaft<br />

vor? Und das Ausrufezeichen: Ich habe das Recht „Nein“<br />

zu sagen und will nur zulassen, was mir gefällt. Prävention<br />

bedeutet viel mehr als reine Aufklärung. Gemeint ist<br />

die sensible Suche nach den Berührungspunkten und den<br />

Grenzen, den eigenen und denen des Gegenübers und die<br />

Anerkennung und Beachtung der geschlechtlichen Besonderheiten.<br />

„Das Beste war der Film ‚Alles steht Kopf‘“.<br />

Da ging es um Gefühle und Chaos im Kopf“, beschreibt<br />

Sharline ihre Eindrücke aus einer Mädchengruppe. „Wir<br />

haben uns danach darüber unterhalten, wieso Jungs manchmal<br />

komisch oder aggressiv reagieren.“ Der Austausch mit<br />

anderen Mädchen bietet den Heranwachsenden Entlastung:<br />

„Ich bin nicht die Einzige, die es so wahrnimmt.“ Auch<br />

<strong>wir</strong>ken Ratschläge oder Ideen anderer Mädchen für das<br />

eigene Verhalten authentischer und können leichter angenommen<br />

werden als die von Mitarbeiterinnen.


15<br />

Einzel- und Gruppenangebote der Liebenau Teilhabe stärken die<br />

Persönlichkeit der jungen Männer und stärken sie gegenüber<br />

Grenzüberschreitungen. Foto: Becker<br />

Begünstigende Faktoren<br />

Abhängigkeitsverhältnisse und viele Hierarchien begünstigen<br />

Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch. Schutzkonzepte<br />

und bessere Meldewege helfen, dies zu verhindern.<br />

Nachhaltig <strong>wir</strong>ken sie aber erst, wenn sich auch die<br />

Haltungen und Einstellungen der handelnden Mitarbeiter<br />

und Leitungsverantwortlichen ändern. Ein wichtiger Aspekt<br />

ist daher die dauerhafte Verankerung von verlässlichen<br />

Mitsprachegremien, Beschwerdewegen und Vertrauenspersonen:<br />

Besonders schwer ist allerdings für viele der erste<br />

Schritt, nämlich sich überhaupt zu trauen, etwas zu hinterfragen<br />

und für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.<br />

„Wir begegnen uns in den Gemeinsamkeiten, wachsen an<br />

unseren Unterschieden“, sagte die Familientherapeutin<br />

Virginia Satir im Hinblick auf die zwischenmenschliche<br />

Kommunikation. Das Spiel mit den Unterschieden und die<br />

Arbeit an den Grenzen muss stetig wiederholt und reflektiert<br />

werden.<br />

Um tiefgreifende verletzende und missbräuchliche Erfahrungen<br />

von Menschen mit Behinderung zu verhindern<br />

oder zu bearbeiten, braucht es stabilisierende geschützte<br />

Einzelangebote. Die dafür zur Verfügung stehenden Plätze<br />

in psychotherapeutischen Praxen sind äußerst gering.<br />

Passende und qualifizierte Angebote innerhalb der Liebenau<br />

Teilhabe stehen dafür, dass auch Menschen mit<br />

Behinderung befähigt werden, sich gegen Angriffe und<br />

Grenzüberschreitungen zu wappnen, wie die junge Frau in<br />

Facebook.<br />

Stephan Becker<br />

Angebote zur Prävention von sexuellem Missbrauch<br />

Männergruppe<br />

In der Gruppe in Rosenharz werden<br />

körper- und erlebnisorientiert Themen<br />

bearbeitet, die Männer bewegen: Mann<br />

und Aggression, Mann und Sexualität,<br />

Mann und Vater bzw. väterliche Begleiter,<br />

Beziehung Mann-Frau, die Männerarchetypen<br />

Krieger und Liebhaber sowie Mann<br />

und Körper.<br />

roland.steinbeck@stiftung-liebenau.de<br />

Wir sind Frauen und das ist toll!?<br />

Gruppenangebot in Rosenharz für Frauen,<br />

um sich und ihren Körper besser kennenzulernen.<br />

Die Frauen wollen miteinander<br />

reden, lachen und neue Erfahrungen<br />

sammeln. Dabei werden Fragen zur Geschlechterrolle,<br />

körperlichen Prozessen,<br />

der Beziehungsgestaltung und Schwangerschaft<br />

bearbeitet.<br />

gerlinde.walka@stiftung-liebenau.de<br />

conny.mandzukic@stiftung-liebenau.de<br />

Von Liebe, Sex und solchen Sachen<br />

Kursangebot zu allen Fragen bezüglich<br />

Sexualität: Liebe, Lust und Leidenschaft;<br />

Körper und Empfängnisverhütung; Beziehung<br />

und Partnerschaft; also alles, was<br />

man schon mal wissen wollte.<br />

ruth.hofmann@stiftung-liebenau.de<br />

Mein Leben als Frau<br />

Wir reden über unsere Erfahrungen: Was<br />

tut mir gut? Was macht mir Angst? Was<br />

will ich und was will ich nicht? Was kann<br />

ich machen, wenn jemand mich schlecht<br />

behandelt?<br />

rosa.burgmaier@stiftung-liebenau.de<br />

ruth.hofmann@stiftung.liebenau.de<br />

(Anmeldung)<br />

(Nächster Termin: Dienstag, 13. und<br />

Mittwoch 14. September <strong>2017</strong>, Leutkirch)<br />

YoungManPowergroup –<br />

Die Möglichkeit, Kraft und Energie für die<br />

eigene gute Entwicklung einzusetzen<br />

Eine Gruppe für Jugendliche in Hegenberg:<br />

Räume und Grenzen bewusst<br />

wahrnehmen; schöne Begegnungen und<br />

missachtete Grenzen beleuchten. Was gefällt<br />

mir, was tut mir gut? Was interessiert<br />

mich, was stößt mich ab? Männerbilder,<br />

Frauenbilder, Transsexualität, Homosexualität.<br />

Allgemeine sexuelle Aufklärung;<br />

Sexualität zwischen Strafe und Einfühlen.<br />

stephan.becker@stiftung-liebenau.de<br />

hubert.gaertner@stiftung-liebenau.de<br />

Mädchengruppe<br />

Ein Angebot für Mädchen in Hegenberg,<br />

sich gemeinsam zu treffen, Spaß zu haben<br />

und neues zu entdecken. Fragen auszu<br />

tauschen, die jede Einzelne schon lange<br />

mal stellen wollte, und zu hören, was<br />

andere darüber denken. Es gibt Raum, um<br />

Konflikte und Verletzungen zu bearbeiten,<br />

die eigene Identität als Mädchen zu festigen<br />

und Wissen zu erlangen.<br />

dorothea.wehle-kocheise@<br />

stiftung-liebenau.de<br />

Weitere Angebote:<br />

Fürsprecherinnen<br />

Gisela Vetter<br />

Irmgard Sailer<br />

Kerstin Rupp<br />

fuersprecher@stiftung-liebenau.de<br />

Heimbeiratsvertreter<br />

gabi.luhr@stiftung-liebenau.de<br />

dorothea.wehle-kocheise<br />

@stiftung-liebenau.de<br />

rosa.burgmaier@stiftung-liebenau.de<br />

Vertrauensmitarbeiter Kinder-Jugend<br />

jonathan.wolf@stiftung-liebenau.de<br />

ulrike.metzger@stiftung-liebenau.de<br />

kol12@stiftung-liebenau.de (Tanja Bless)<br />

kol02@stiftung-liebenau.de<br />

(Dagmar Fischer)<br />

Wir schauen – auch bei uns – hin.<br />

Telefon-Hotline für Zeugen und Opfer:<br />

0800 4300400


16<br />

Nina de Vries ist Sexualassistentin für Menschen mit Behinderung<br />

Berühren, Kuscheln und Umarmen<br />

Die meisten Menschen haben ein Bedürfnis nach<br />

Berührung und Zärtlichkeit, nach sinnlichen, sexuellen<br />

Erfahrungen. Für Menschen mit komplexeren Behinderungen<br />

bleiben diese Wünsche aber oft unerfüllt. Aktive<br />

Sexualassistenz ist eine Dienstleistung, die helfen kann,<br />

wo der Mangel an erotischem Körperkontakt zur Belastung<br />

<strong>wir</strong>d. Nina de Vries ist Sexualassistentin und gibt<br />

Einblicke in ihre Arbeit.<br />

Sexualassistentin<br />

Nina de Vries.<br />

Foto: privat<br />

Frau de Vries, wer sind die Menschen,<br />

mit denen Sie als Sexualassistentin<br />

arbeiten?<br />

Ich arbeite mit Menschen mit meist<br />

schwerer kognitiver Behinderung, mit<br />

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen,<br />

häufig in Kombination mit<br />

einer kognitiven Behinderung und mit<br />

Menschen mit Demenz.<br />

Wie kam es dazu, dass Sie sich der Personengruppe<br />

von Menschen mit Behinderung zugewendet haben?<br />

Ich habe in den neunziger Jahren Tantra/erotische Massagen<br />

angeboten und da kamen auch Anfragen von Menschen<br />

mit Körperbehinderung. Etwas später durch verschiedene<br />

Fernsehsendungen über meine Arbeit wurden auch Angehörige<br />

und Professionelle, die Menschen mit kognitiven<br />

Behinderungen begleiten, auf mich aufmerksam und ich<br />

fing an, immer mehr mit diesen Menschen zu arbeiten.<br />

Was alles gehört zu Ihrem Angebot, was nicht?<br />

Ich biete an: Massage, Hautkontakt, Kuscheln, Halten,<br />

Umarmen, Berühren – auch gegenseitig, wenn jemand das<br />

möchte. Keinen Geschlechtsverkehr und keinen Oralkontakt.<br />

Wer tritt mit Ihnen in Verbindung, wer engagiert Sie<br />

und aus welchen Gründen?<br />

Ich werde angerufen oder bekomme eine Mail von Angehörigen<br />

(meist die Mutter), Einrichtungsleitungen, Pflegedienstleitungen.<br />

Es geht meist um Menschen, die mit so<br />

genanntem herausfordernden Verhalten auf sich aufmerksam<br />

gemacht haben. Aggression, Autoaggression, Übergriffe.<br />

Oder bezüglich Menschen, wo beobachtet <strong>wir</strong>d, dass<br />

sie nicht selber herausfinden, wie sie masturbieren können,<br />

dies aber versuchen und wollen.<br />

Wie merken Sie, welche Formen des Körperkontaktes<br />

gewünscht werden, wenn ein Kunde es nicht<br />

sagen kann?<br />

Alle Menschen, mit denen ich arbeite, können klar signalisieren,<br />

was sie wollen und was sie nicht wollen. Sie nehmen<br />

keine falsche Rücksicht. Und nur solchen Menschen<br />

kann man aktive Sexualassistenz anbieten. Wenn jemand<br />

das nicht deutlich angeben kann, muss man abbrechen oder<br />

gar nicht anfangen. Dann passt vielleicht eher so was wie<br />

basale Stimulation.<br />

Was macht eine gute Sexualassistenz aus?<br />

Eigenschaften, die vorhanden sein sollten sind: die Bereitschaft,<br />

die eigene Haltung, Motivation und Herangehensweise<br />

transparent zu machen, die Fähigkeit, geduldig und<br />

kreativ mit dem Umfeld zu arbeiten, wenn es um Menschen<br />

mit kognitiven Behinderungen geht. Humor, das<br />

heißt sich nicht zu ernst zu nehmen, und Neugier. Das<br />

Wissen darum, dass <strong>wir</strong> diese Arbeit an erster Stelle für<br />

uns machen, weil <strong>wir</strong> da lernen, entdecken und kreativ<br />

sein können, und nicht für „den armen Behinderten“. Ein<br />

Helfersyndrom ist nicht angebracht. Es muss eine Auseinandersetzung<br />

mit der eigenen Sexualität und den eigenen<br />

Beziehungen stattgefunden haben. Dankbarkeit, diese<br />

Arbeit machen zu dürfen, statt Dankbarkeit von Kunden<br />

oder dem Umfeld zu erwarten.<br />

Wohin kann man sich im Bedarfsfall wenden? Mit<br />

welchen Kosten muss man rechnen?<br />

Unter dem Suchbegriff „Sexualassistenz – Sexualbegleitung<br />

Deutschland“ findet man im Internet viele Adressen. Die<br />

Kosten variieren. Meine Preise liegen bei 90 Euro für eine<br />

Stunde in meinen Räumen, zwischen 120 und 130 Euro für<br />

einen Heimbesuch, je nachdem, wie groß die Entfernung<br />

ist. Wenn die Arbeit sinnvoll erscheint, ich Lust darauf<br />

habe und die finanziellen Mittel nicht in dem Maß vorhanden<br />

sind, mache ich individuelle Preise.<br />

Die Fragen stellte Ruth Hofmann.


17<br />

Fachtagung: (K)ein besonderes Bedürfnis? Menschen mit Behinderung und Sexualität<br />

Vom Tabuthema zum Menschenrecht<br />

RAVENSBURG – Ist Sexualität von Menschen mit Behinderung<br />

ein besonderes Bedürfnis oder nicht? Eine<br />

zweitägige Fachtagung der Stiftung Liebenau in Ravensburg<br />

beleuchtete dieses Thema und die damit verbundenen<br />

Spannungsfelder aus den verschiedensten Blickwinkeln:<br />

Wie steht es um das Verhältnis der Kirche zur<br />

Sexualität? Was hat es mit Sexualassistenz auf sich? Was<br />

ist, wenn Menschen mit Behinderung eigene Kinder<br />

wollen? Und wie begegnet man der Gefahr sexueller<br />

Gewalt?<br />

„Sexualität und Behinderung – dieses Thema war noch bis<br />

Mitte der 1970er-Jahre ein Tabu“, so Christine Beck von<br />

der Geschäftsleitung der Liebenau Teilhabe bei der Begrüßung<br />

der zahlreichen Tagungsteilnehmer aus Nah und<br />

Fern. Über die sexuellen Bedürfnisse von Menschen mit<br />

körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung wurde lange<br />

schlicht nicht gesprochen. Verdrängung hieß die Devise.<br />

Heute sei klar: „Menschen mit Behinderung haben wie alle<br />

Menschen auch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit,<br />

und das schließt die Sexualität mit ein.“ Bereits<br />

vor Jahren habe sich die Stiftung Liebenau „mutig und<br />

offen“ dieser Diskussion gestellt und sei heute ein Träger,<br />

„der sich sehr liberal und sehr fortschrittlich“ diesem Thema<br />

nähere.<br />

Christentum ist nicht leibfeindlich<br />

Und das nicht trotz seiner kirchlich-katholischen Grundlage,<br />

sondern wegen dieser Prägung, wie der Vortrag von<br />

Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau,<br />

aufzeigte. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass Kirche<br />

und Sexualität so lange als unversöhnlich galten? Warum<br />

spielte Körperlichkeit über viele Jahrhunderte eine so untergeordnete<br />

Rolle im Christentum? Bei der Beantwortung<br />

dieser Fragen blickte Prälat Brock zunächst weit zurück<br />

zum Urchristentum und zum Bild, das die Heilige Schrift<br />

vom menschlichen Körper zeichnet: „Aus biblisch-theologischer<br />

Sicht ist jeder Mensch Gottes gute Schöpfung, und<br />

dazu gehört der Körper und mithin die Sexualität genauso<br />

wie der Geist und die Seele.“ Das zeige sich insbesondere<br />

auch in der Menschwerdung Gottes: „Bei Jesus finden<br />

<strong>wir</strong> ein eindeutiges Ja zur Körperlichkeit.“ Dabei habe<br />

dieser seinerzeit auch Körpertabus gegenüber Menschen<br />

mit Krankheiten oder Behinderung gebrochen, wie Brock<br />

betonte.<br />

Die Theatergruppe „Die Außergewöhnlichen“ waren ein besonderer<br />

Höhepunkt des Fachtags mit ihrem Stück „Liebe – und alles, was da<br />

so dazugehört“. Humorvoll und zugespitzt zeigten die neun Schauspieler<br />

aus Rosenharz unter Leitung von Holger Niegel, welche Barrieren<br />

Menschen mit Behinderung gesetzt sind, wenn es um Beziehung,<br />

Sexualität oder Kinderwunsch geht. Foto: Oschwald<br />

Zudem galt Jesus als Genussmensch und – so ungewöhnlich<br />

das auch klingen möge – als Liebhaber: „Umarmungen,<br />

sinnliche Gesten, gemeinsames Essen und Trinken, Fußwaschungen,<br />

Gespräche sind Zeichen für eine erotische<br />

Kultur, die mehr umfasst als reine Sexualität. Wir haben in<br />

Jesus einen liebenden Menschen vor uns, eine Inkarnation<br />

der Erotik Gottes und damit letztlich einen Archetyp des<br />

Liebhabers.“ Erst im Laufe der Jahrhunderte sei diese hebräische<br />

und urchristliche Auffassung von einer Leibesfeindlichkeit<br />

verdrängt worden, die leider bis heute nach<strong>wir</strong>ke.<br />

Dabei gelte es gemäß der jesuanischen Tradition, Körper<br />

und Sexualität als Geschenke Gottes zu begreifen.<br />

Und was bedeutet dies nun für Menschen mit Behinderung?<br />

In diesem Zusammenhang zitierte Brock den früheren<br />

Papst Johannes Paul II., nach dem eine Person mit Behinderung<br />

„mindestens genauso viel Zuneigung und Liebe<br />

benötigt wie jeder andere Mensch. Auch sie möchte lieben<br />

können und geliebt werden, sie braucht Zärtlichkeit, die<br />

Nähe anderer und Intimität“. Die Konsequenz laut Brock:<br />

„Insofern ist die gesunde Entwicklung der menschlichen<br />

Sexualität besonders bei Menschen mit Behinderungen zu<br />

fördern.“<br />

Sexualassistenz als Option<br />

Doch was tun, wenn Menschen bei der Ausübung ihrer<br />

sexuellen Bedürfnisse aufgrund ihres körperlichen oder<br />

geistigen Handicaps entscheidend eingeschränkt sind?


18<br />

Wenn sie keine Möglichkeit haben, sich ihren Wunsch<br />

nach sinnlichen Begegnungen zu erfüllen? Eine Option<br />

ist die Inanspruchnahme einer Sexualbegleitung, also von<br />

bezahlten erotischen Dienstleistungen für Menschen mit<br />

Beeinträchtigungen – für viele die einzige Möglichkeit, Sexualität<br />

und Zärtlichkeit zu erleben. Eine absolute Pionierin<br />

auf diesem Gebiet ist die gebürtige Niederländerin Nina de<br />

Vries, die seit vielen Jahren als Sexualassistentin arbeitet.<br />

Dabei ist Sexualassistenz ein weites Feld, sie reicht von<br />

der Beratung und Anleitung zur Selbstbefriedigung über<br />

erotische Massagen und zärtliche Berührungen bis hin zum<br />

Geschlechtsverkehr.<br />

Letzteren bietet Nina de Vries selbst nicht an. Dennoch stehen<br />

bei ihrer Tätigkeit immer wieder auch der Begriff der<br />

Prostitution und ein entsprechender Abgrenzungsbedarf im<br />

Raum. „Man kann sagen, dass aktive Sexualassistenz eine<br />

Form von Sexarbeit ist.“ Entscheidend sei: Wird jemand<br />

dazu gezwungen, oder macht man es aus freien Stücken?<br />

Bei der Sexualassistenz gehe es insbesondere um Ganzheitlichkeit<br />

und eine bewusste Begegnung, nicht um eine<br />

sexuelle Handlung an sich. Natürlich müssten die Klienten<br />

auch in der Lage sein, zu sagen oder zu signalisieren, was<br />

sie wollen und was nicht. Und was muss eine Sexassistentin<br />

mitbringen? „Humor und Neugier“ seien wichtig, ein<br />

ausgeprägtes Helfersyndrom dagegen nicht. Man müsse<br />

sich seiner eigenen Sexualität bewusst sein und Kenntnis<br />

haben über Behinderungsformen.<br />

„Wir sind<br />

alle sexuelle<br />

Wesen“: Nina<br />

de Vries –<br />

eine Pionierin<br />

in Sachen<br />

Sexualassistenz.<br />

Foto: Klaus<br />

Humor und Neugier dürfen nicht fehlen<br />

Apropos Humor: Dieser kam bei dem Vortrag von Nina de<br />

Vries nicht zu kurz. Ein offener, unverklemmter Umgang<br />

mit dem Thema ist ihr sehr wichtig, schließlich seien <strong>wir</strong> ja<br />

alle durch Sexualität entstanden. „Oder etwa nicht?“ Und<br />

<strong>wir</strong> alle seien sexuelle Wesen. „Sexualität ist eine der intensivsten<br />

Formen der Selbsterfahrung“, so de Vries. Nicht von<br />

ungefähr definiere die Weltgesundheitsorganisation WHO<br />

Sexualität als Grundrecht und Teil der seelischen und<br />

körperlichen Gesundheit. Auch wenn damit womöglich<br />

Aggressionen bei den Klienten abgebaut werden könnten<br />

oder sie in manchen Fällen einhergeht mit einer psychologischen<br />

Begleitung, stellte de Vries klar: „Sexualassistenz ist<br />

keine Therapie!“<br />

Und demnach sind die Kosten dafür auch privat zu stemmen.<br />

Für viele Betroffene ein großes Hindernis, wie ein aus<br />

dem Publikum geschildertes Fallbeispiel zeigte: „Das Bedürfnis<br />

ist da, die Lösung vor Augen, aber die finanziellen<br />

Möglichkeiten sind nicht vorhanden.“ Was tun? Braucht es<br />

vielleicht doch so etwas wie den jüngst diskutierten „Sex<br />

auf Rezept“? „Ich denke nicht, dass das durchsetzbar ist“,<br />

so Nina de Vries. Aber bei Menschen, die nun mal in allen<br />

Lebenslagen Unterstützung benötigen, sollte vielleicht doch<br />

irgendwoher ein Budget für solche Dinge bereitgestellt<br />

werden.<br />

Menschen mit Behinderung als Eltern<br />

Raus aus der Tabuzone – das gilt nicht nur für die Sexualassistenz,<br />

sondern auch für ein weiteres Thema, das lange<br />

unterdrückt wurde: der Kinderwunsch von Menschen mit<br />

einer Behinderung. „Vor 30 Jahren hätte keiner einen solchen<br />

Fachtag veranstaltet geschweige denn über Begleitete<br />

Elternschaft nachgedacht“, so Prof. Dr. Erik Weber von der<br />

Evangelischen Hochschule Darmstadt. Bei einer Begleiteten<br />

Elternschaft erhalten Eltern mit Behinderung die nötige<br />

professionelle Unterstützung, um mit ihren Kindern zusammenleben<br />

zu können. Frauen und Männer mit Handicap<br />

als Eltern? Oft werden diesen Menschen elterliche Kompetenzen<br />

ja von vorne herein abgesprochen. Doch auch<br />

hier habe die UN-Behindertenrechtskonvention „einen<br />

klaren Auftrag formuliert“, wie Prof. Dr. Weber erläuterte.<br />

So werde dort im Artikel 23 das Recht auf die Gründung<br />

einer Familie, das Recht auf Information und Aufklärung in<br />

Sachen Familienplanung sowie der Erhalt der Fruchtbarkeit<br />

eingefordert.<br />

Noch viele Baustellen<br />

Deutliche Worte, aber noch viele offene Baustellen, noch<br />

viel Handlungsbedarf, um das „Exklusionsrisiko Behinderung“<br />

weiter zu reduzieren und der „Ideologie der Ungleichwertigkeit“,<br />

die in unserer Gesellschaft immer noch<br />

vorhanden sei, zu begegnen. Es brauche Mut, um das in<br />

den vergangenen Jahrzehnten vorgelegte Tempo der Veränderungen<br />

weiterzuführen in Richtung eines tatsächlich<br />

inklusiven Gemeinwesens. Echte Inklusion sei vielleicht


19<br />

„Körper und Sexualität<br />

sind Geschenke<br />

Gottes“: Prälat<br />

Michael H. F. Brock,<br />

Vorstand Stiftung<br />

Liebenau.<br />

Foto: Klaus<br />

eine Utopie, aber man müsse sie als „konkrete Utopie“ be<br />

greifen und darauf hinarbeiten. Denn Inklusion bedeute,<br />

die Ausgegrenzten als meinesgleichen anzuerkennen.<br />

Schwerpunkt: Sexuelle Gewalt<br />

Einen Schwerpunkt des Fachtages bildete auch das Thema<br />

sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung. Prof.<br />

Dr. Ulrike Mattke von der Hochschule Hannover sprach<br />

über die besonderen Risikofaktoren von sexueller Gewalt,<br />

zu denen Behinderung, schädigende Kindheitserfahrungen,<br />

Lebensbedingungen in stationären Einrichtungen, geringe<br />

berufliche, ökonomische und soziale Ressourcen gehören.<br />

Auch wenn das Thema sexueller Missbrauch belastend sei,<br />

dürfe es weder bagatellisiert, überdramatisiert noch geleugnet<br />

werden. Ein sachlicher Umgang sei gefragt.<br />

Frauen mit Behinderung häufiger betroffen<br />

Frauen mit Behinderung etwa sind aufgrund mehrerer Faktoren<br />

einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Eine Vergleichsstudie<br />

von 2004 zeigt, dass sie im Vergleich zum weiblichen<br />

Bevölkerungsdurchschnitt zwei bis drei Mal häufiger von<br />

sexuellem Missbrauch betroffen sind. Eine gewisse Abhängigkeit<br />

und ein oft gering ausgebildetes Selbstwertgefühl<br />

sowie mangelnde Wehrhaftigkeit dieser Personengruppe<br />

erleichtern den Tätern oder Täterinnen den Missbrauch.<br />

„Wer einmal Opfer war, <strong>wir</strong>d immer wieder Opfer“, sagte<br />

Mattke. Dieses „Reviktimisierungsrisiko“ ist vor allem bei<br />

Menschen zu erkennen, die als Kinder oder Jugendliche<br />

Opfer von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt<br />

wurden.<br />

Sexuellen Missbrauch zu erkennen, ist ungleich schwierig.<br />

Man müsse genau hinschauen, da Störungen von sexuell<br />

traumatisierten Menschen viele Gesichter haben können:<br />

Ess- und Zwangsstörungen, Schuldgefühle oder psychosomatische<br />

Symptome. Die Anzeichen dürften nicht generell<br />

mit der Behinderung erklärt werden, dem sogenannten<br />

Diagnostic Overshadowing.<br />

Stärkung der Persönlichkeit bedeutet mehr Schutz<br />

Persönliche soziale Ressourcen in Form von vertrauensvollen<br />

Beziehungen innerhalb einer Einrichtung wiederum<br />

bieten einen gewissen Schutz vor Missbrauch. Stärkend<br />

<strong>wir</strong>ken Sicherheit, Selbst<strong>wir</strong>ksamkeit, Bildung, Respekt und<br />

die Ressourcen-Stärkung. Bei der Begleitung traumatisierter<br />

Menschen sind pädagogisch-therapeutische Methoden –<br />

etwa kreative, körperorientierte oder auch tiergestützte –<br />

<strong>wir</strong>ksam. Wichtig sei es, betroffenen Menschen Zugang zu<br />

Unterstützung und Beratung zu bieten und sie durch einen<br />

respektvollen Umgang stark zu machen.<br />

Auf struktureller Ebene sind Handlungsmöglichkeiten<br />

bereits bei der Mitarbeiterauswahl angebracht. Mitarbeiterfortbildungen,<br />

Angehörigenarbeit, ein Verhaltenskodex und<br />

Meldeverfahren sind weitere Maßnahmen, ebenso wie die<br />

Erreichbarkeit einer neutralen Vertrauensperson.<br />

Prävention geht alle an<br />

Die Stabsstelle Schutz vor sexuellem Missbrauch des Diözesancaritasverbandes<br />

Rottenburg-Stuttgart wurde vor fünf<br />

Jahren geschaffen, als Konsequenz des sexuellen institutionellen<br />

Missbrauchs in der Katholischen Kirche. „Wie<br />

kriegen <strong>wir</strong> gute Sexualität beziehungsweise die Erziehung<br />

dazu hin? Wie werden Menschen vorbereitet, sexuelle<br />

Beziehungen zu leben?“ formulierte Gerburg Crone, die<br />

geschäftsführende Mitarbeiterin den Hintergrund. Zur Verhinderung<br />

von sexuellem Missbrauch vor allem gegenüber<br />

Minderjährigen, erwachsenen Schutzbefohlenen und Ratund<br />

Hilfesuchenden liefern die überarbeiteten Leitlinien<br />

von 2016 des Caritasverbandes die Grundlage für seine kooperativen<br />

Mitglieder. Sie verankern einen achtsamen und<br />

verantwortungsvollen Umgang. Sie behandeln Prävention,<br />

Intervention und Aufarbeitung, beschreiben Maßnahmen<br />

eines institutionellen Schutzkonzeptes sowie Aufgaben und<br />

Zuständigkeiten im Fall der Intervention.<br />

Crone bekräftigte ebenfalls, dass Prävention bereits bei<br />

der Personalgewinnung beginnt. Neben einem erweiterten<br />

Führungszeugnis neuer Mitarbeiter, sollen regelmäßige<br />

Fort- und Weiterbildungen sowie Austauschforen und<br />

Reflexionsorte angeboten werden. Zu den strukturellen<br />

Maßnahmen gehört etwa auch die Arbeitsplatzanalyse.<br />

„Eine 1:1-Betreuung ist die Höchstform des Risikos“, so<br />

Crone. Verhaltensanalyse, ein Beschwerdemanagement und<br />

Informationen sind weitere Maßnahmen.<br />

„Prävention geht uns alle an. Dafür ist keine Anstrengung<br />

zu groß“, lautete der Aufruf von Crone.<br />

Christof Klaus, Anne Oschwald<br />

Die Tagungsdokumentation steht digital bereit unter<br />

www.stiftung-liebenau.de/fachtag-sexualitaet


20 fachlich - menschlich - gut<br />

Aktionen: „Wir gestalten unsere Stadt“<br />

Die Liebenau Teilhabe war auch in diesem Jahr mit<br />

Aktionen in verschiedenen Kommunen dabei, um im<br />

Rahmen des Protesttags zur Gleichstellung von Menschen<br />

mit Behinderung auf deren Situation in Deutschland<br />

aufmerksam zu machen. Aktionen – angeregt von<br />

Aktion Mensch – fanden bereits zum 23. Mal immer<br />

rund um den 5. Mai statt. Unter dem Motto „Wir gestalten<br />

unsere Stadt“ schlossen sich die Dienste der<br />

Liebenau Teilhabe mit Klienten in Meckenbeuren,<br />

Lindau, Überlingen, Leutkirch, Dußlingen, Tuttlingen<br />

und Wangen im Allgäu dem diesjährigen bundesweiten<br />

Engagement an. Die Bevölkerung zeigte reges Interesse.<br />

Aktion Mensch fördert die Aktionen.<br />

Alleine im Rollstuhl pilgerte Felix Bernhard 5 500 Kilometer von<br />

Frankfurt nach Jerusalem. Die Erlebnisse seiner Reise schilderte er<br />

persönlich den interessierten Zuhörern. Ein Vortrag über den Mut,<br />

sich auf den Weg zu machen und neue, unbekannte Wege einzuschlagen.<br />

Bei einer weiteren Veranstaltung zeigte eine Lindauer Tai-Chi-<br />

Gruppe im Café Lugeck den Besuchern ihr Können. Die langsamen<br />

und fließenden Bewegungen konnten die Besucher – mit und ohne<br />

Einschränkung – selbst ausprobieren. Sie wurden dafür fachlich<br />

angeleitet.<br />

Die Angebote der Stiftung Liebenau weckten auf dem Wochenmarkt<br />

in Überlingen reges Interesse: Am Stand erhielten Besucher viele<br />

Informationen von Klienten des „Ambulant Betreuten Wohnen“, die<br />

den Stand selbst geplant und besetzt haben. Den Besuchern konnten<br />

sie ihre eigenen Erfahrungen aus dem täglichen Leben näher<br />

bringen. Als Geschenk erhielten die Interessierten einen kleinen<br />

Blumentopf: Wie die Blumen können Ideen aus den Gesprächen<br />

wachsen und groß werden.<br />

Frauen und Männer engagierten sich am Aktionstag auch in<br />

Meckenbeuren. Sie organisierten einen Infostand auf dem Wochenmarkt<br />

und diskutierten mit Bürgermeister Andreas Schmid über<br />

Gleichberechtigung und Inklusion in ihrer Gemeinde. Außerdem<br />

führten sie Gespräche mit Wochenmarkt-Besuchern.<br />

Einige der Aktiven leben seit vergangenem Jahr in der Zollernstraße<br />

2 in Meckenbeuren-Brochenzell. Andere leben schon seit über zehn<br />

Jahren in den Wohngemeinschaften in Meckenbeuren. Sie berichteten<br />

über die Erfahrungen in ihrer Heimatgemeinde.<br />

Hautnah erleben, wie sich Einschränkungen anfühlen, konnten<br />

Besucher beim Aktionstag in Wangen. Verschiedene Brillen, die das<br />

Sehen beeinflussen, konnten ausprobiert werden oder das Rollstuhlfahren<br />

auf Kopfsteinpflaster. Die „Hallodrian Jazzband“ gestaltete<br />

den musikalischen Rahmen und wurde dabei vom Gebärdenchor<br />

übersetzt – eine Premiere. Petra Krebs (MdL) und Torsten Hopperdietzel<br />

(Behindertenbeauftragter Landkreis Ravensburg) waren zu<br />

Gast. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzte die Grußworte des<br />

Bürgermeisters Michael Lang und der Gäste.


21<br />

Coaching unterstützt Gastfamilien und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge<br />

Ein sicheres Zuhause in Gastfamilien<br />

IMMENSTAAD – Unter den geflüchteten Menschen aus<br />

Kriegs- und Krisengebieten sind unzählige Minderjährige:<br />

Viele haben ihre Familien verloren oder wurden<br />

von ihnen auf die Reise geschickt. Um diesen jungen<br />

Menschen Schutz, Sicherheit und Geborgenheit in einer<br />

fremden Welt zu geben, werden sie in Baden-Württemberg<br />

in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht oder an<br />

Gastfamilien vermittelt. Auch in den Einrichtungen der<br />

Stiftung Liebenau leben mittlerweile geflüchtete Minderjährige.<br />

Die Ambulanten Dienste der Liebenau Teilhabe<br />

fungieren im Gastfamliencoaching für derzeit 13 Familien<br />

im Bodenseekreis.<br />

Aminata Jama (Name geändert) aus Somalia lebt seit Oktober 2016<br />

bei der Familie von Sibille Ahrens (Mitte). Gülsüm Krisko (rechts)<br />

von den Ambulanten Diensten besucht Gastfamilie und Jugendliche<br />

regelmäßig. Foto: Oschwald<br />

Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen ermöglichen<br />

Familie Ahrens den Aufenthalt im Garten. Unvermeidlich<br />

richtet sich dort der Blick Richtung Bodensee, der sich diesig<br />

und leicht verschleiert unterhalb von Immenstaad ausbreitet.<br />

Auch das jüngste Familienmitglied sitzt am Tisch:<br />

Die 17-jährige Aminata Jama (Name geändert) kommt aus<br />

Somalia. Über ihre mehr als einjährige Flucht ist wenig<br />

bekannt. Traurige Gewissheit ist aber, dass ihre leiblichen<br />

Eltern nicht mehr leben.<br />

Über Nacht sozusagen wurden Sibille und Gregor Ahrens<br />

zu Eltern. Im Oktober vergangenen Jahres fragten<br />

die Ambulanten Dienste im Auftrag des Jugendamtes bei<br />

ihnen an, ob sie die junge Frau in ihrer Familie aufnehmen<br />

würden. Dann ging alles Knall auf Fall. Nach der Prüfung,<br />

ob die Familie und die Jugendliche zusammenpassen, kam<br />

eine Woche Probewohnen mit anschließender kurzer Bedenkzeit.<br />

Die Wellenlänge stimmte. „Bei Ihnen hat es von<br />

Anfang an gepasst“, meint Gülsüm Krisko, die Ansprechpartnerin<br />

von den Ambulanten Diensten. Längst ist eine<br />

Beziehung zwischen der jungen Frau und dem Ehepaar<br />

Ahrens gewachsen.<br />

Aminata geht täglich in die Schule, um vor allem die<br />

deutsche Sprache und die Kultur zu lernen. Der Kurs nennt<br />

sich VABO: Vorbereitungsjahr für Arbeit und Beruf – ohne<br />

Deutschkenntnisse. „Am Anfang unterhielten <strong>wir</strong> uns mit<br />

Händen und Füßen“, schildert Sibille Ahrens rückblickend.<br />

Die junge Frau habe in ihrer Heimat nicht die Chance gehabt,<br />

die Schule zu besuchen. „Wir lernen alle“, sagt Sibille<br />

Ahrens, bezogen auf die Gastfamlilen, die Ehrenamtlichen,<br />

die Fachkräfte und die Geflüchteten. Sie erklärt, dass<br />

Aminata oft auch überfordert ist. Ihre Klasse hatte längst<br />

die Arbeit aufgenommen, als sie dazu stieß. Gerne hätte sie<br />

für die junge Frau eine andere Lösung, um ihr das Lernen<br />

unter weniger starkem Druck zu ermöglichen.<br />

Fachkräfte stärken Familien<br />

In den Ambulanten Diensten sieht sie einen wichtigen<br />

Partner. „Das Coaching ist eine feine Sache. Ich empfinde<br />

es als große Hilfe.“ Die Entscheidungen fielen zwar in der<br />

Familie, dennoch fühle sie sich vom fachlichen Input, dem<br />

Zuspruch und der Anerkennung des Dienstes gestärkt.<br />

Neben den regelmäßigen Besuchen von Gülsüm Krisko bei<br />

den Gastfamilien bietet der Dienst im Rahmen des Gastfamiliencoachings<br />

regelmäßige Treffen für die Gastfamilien.<br />

Fortbildungen zu Themen wie Pubertät oder Trauma sollen<br />

sie stärken und sensibilisieren. Kreative Angebote, gemeinsames<br />

Kochen und Essen erleichtern den Austausch.<br />

Unterstützung erhält Familie Ahrens auch von einer ehrenamtlich<br />

Engagierten, die mit Aminata lernt. Außerdem<br />

hilft Gregor Ahrens dem jungen Familienmitglied bei den<br />

Hausaufgaben. Familie Ahrens kann auch auf Erfahrungen<br />

bauen, die sie bei der Begleitung eines minderjährigen jungen<br />

Mannes aus Afghanistan sammelte, der vor Aminata in<br />

der Familie lebte. „Je mehr ich von der Kultur weiß, desto<br />

leichter kann ich mit der Situation umgehen“, so Sibille<br />

Ahrens.<br />

Anne Oschwald<br />

Gastfamiliencoaching<br />

Tel.: 07541 2899-5330<br />

gastfamilien.bodenseekreis@stiftung-liebenau.de


22<br />

Enge Begleitung und Wohnraumgestaltung gegen Auffälligkeiten<br />

Ein schwieriger Bewohner kommt zur Ruhe<br />

LIEBENAU – Andreas Hoch lebt seit 1984 in Liebenau.<br />

In seiner Kommunikation ist der 43-Jährige stark eingeschränkt.<br />

Seinem Betreuerteam der Liebenau Teilhabe<br />

ist es gelungen, dass sich der vermeintlich rabiate Mann<br />

zu einer ruhigeren Person entwickeln konnte: Eine enge<br />

Begleitung durch seine Bezugsbetreuer und die Einrichtung<br />

der Wohngruppe nach dem Würzburger Modell<br />

machten es möglich.<br />

Andreas Hoch wurde immer als sehr schwieriger Mensch<br />

erlebt. Als ich vor sechzehn Jahren in Hegenberg als Heilpädagogin<br />

anfing, gehörte er zu meinen ersten Begegnungen.<br />

Ich hatte den Auftrag ihm eine Einzelbegleitung anzubieten.<br />

Der erste gemeinsame Spaziergang war gefühlt ein<br />

Fiasko. Ich war ausschließlich damit beschäftigt ihn davon<br />

abzuhalten, etwas anzustellen. Ständig wollte er auf Autos<br />

klopfen oder versuchte Blumen aus den Kästen zu rupfen.<br />

Unser nächstes Treffen fand im reizarmen Gymnastikraum<br />

statt. Auf dem Weg dorthin schlug er mit aller Kraft gegen<br />

Wände und Fenster. Materialien, die ich ihm im Raum anbot,<br />

nahm er in seine Hände und innerhalb kürzester Zeit<br />

Andreas Hoch ist heute viel ruhiger und ausgeglichener.<br />

Foto: Kästle<br />

waren sie kaputt. Diese Verhaltensweisen zeigte er auch auf<br />

der Wohngruppe. Da er die gemeinsame Zeit im Wohnraum<br />

nur schwer auszuhalten schien und alle Beteiligten dabei in<br />

Stress gerieten, verbrachte er viel Zeit in seinem Zimmer.<br />

Heute erlebe ich Andreas Hoch ganz anders. Wenn ich<br />

auf die Wohngruppe komme, sitzt er oft an seinem Platz,<br />

am liebsten mit einem Mitarbeiter in engem Kontakt. Für<br />

diese Veränderung, waren viele kleine und große Schritte<br />

notwendig. Ein wichtiger Schritt war es, zu erkennen, dass<br />

Andreas Hoch nicht aus böser Absicht handelt. Er wollte<br />

die Dinge nicht kaputt machen oder sein Umfeld ärgern.<br />

Vielmehr ist er sehr neugierig und untersucht die Materialien,<br />

die er zur Verfügung hat. Hinzu kommt seine große<br />

körperliche Kraft. Eine Kombination, die manchen Gegenstand<br />

zu Bruch gehen ließ.<br />

Eine intensive Auseinandersetzung mit seiner persönlichen<br />

Geschichte und seinen Fähigkeiten war Grundlage für<br />

einen anderen Umgang. Die Mitarbeiter des Teams erkannten,<br />

dass er nicht nur die Bedürfnisse und die Lebenserfahrung<br />

eines erwachsenen Mannes besaß, sondern daneben<br />

auch solche, die denen eines kleinen Kindes ähneln. Auf<br />

der emotionalen Ebene benötigt er viel Zuwendung und<br />

den direkten Kontakt zu den Bezugspersonen. Seine Umgebung<br />

und der Umgang müssen ihm Halt und Stabilität<br />

vermitteln. In dieser Phase wurden die Räume der Wohngruppe<br />

nach dem Würzburger Modell gestaltet. Die fest<br />

eingebauten und raumstrukturierenden Möbel sowie das<br />

Farbkonzept <strong>wir</strong>ken äußerlich stabilisierend, auch weil sie<br />

dem Forscherdrang von Andreas Hoch standhalten.<br />

In der Betreuung von Andreas Hoch war und ist es wichtig,<br />

dass er durch seine Bezugspersonen eng begleitet <strong>wir</strong>d. Um<br />

emotional stabil am Alltag teilnehmen zu können, braucht<br />

er die ständige Nähe einer vertrauten Bezugsperson, die auf<br />

sein Befinden und sein Handeln achtet und entsprechend<br />

reagieren kann. Eine Person, die ihm auf der einen Seite<br />

Beschäftigung und Teilhabe ermöglicht, auf der anderen<br />

Seite aber auch erkennt, wann er überfordert ist und Ruhe<br />

braucht.<br />

Heute ist Andreas Hoch oft fröhlich. Dabei bleibt er weiter<br />

auf ein Umfeld angewiesen, dass sein Verhalten nicht als<br />

Provokation, sondern als Beziehungsanfrage versteht und<br />

diese jeden Tag neu mit ihm beantwortet.<br />

Doris Szaukellis


23<br />

Freiwilliges Engagement im Haus St. Katharina<br />

FSJ und BFD: Sprungbrett in den Beruf<br />

LEUTKIRCH – Gleich drei Freiwillige arbeiten derzeit<br />

im Haus St. Katharina in Leutkirch, in dem 40 Menschen<br />

mit Behinderung leben und im dazugehörigen Förder-<br />

und Betreuungsbereich die Tagesstruktur nutzen.<br />

Die jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ)<br />

und Bundesfreiwilligendienst (BFD) unterstützen die<br />

Fachkräfte der Liebenau Teilhabe. „Hut ab, was Sie leisten“,<br />

lobte die Politikerin Petra Krebs (MdL) bei ihrem<br />

Besuch.<br />

Im Förder- und Betreuungsbereich des Hauses St. Katharina (v.l.):<br />

Petra Honikel (Geschäftsführerin Freiwilligendienste DRS gGmbH),<br />

Andrew Eweka (BFD 27+), Katharina Herb (FSJ), Claudia Franzesko<br />

(Leiterin Haus St. Katharina), Petra Krebs MdL mit (sitzend) Zenta<br />

Nitz (Bewohnerin) und Christoph Göser (FSJ). Foto: Oschwald<br />

Der 20-jährige FSJler Christoph Göser findet es gut, dass<br />

man über den Einsatz persönliche Erfahrungen sammeln<br />

kann. Es sei ihm deutlich geworden, dass es Menschen<br />

gibt, die es nicht so einfach haben. Außerdem habe es ihm<br />

Zeit verschafft, über die Berufswahl klar zu werden. Die<br />

liegt aber nicht im sozialen Bereich, sondern im technischen.<br />

Die 17-jährige Katharina Herb findet, dass die<br />

Menschen, die sie begleitet, mit weniger zufrieden und<br />

sehr lebensfroh seien. Andrew Eweka aus Nigeria absolviert<br />

den BFD 27+, der mit Sprachförderung gekoppelt<br />

ist. Einrichtungen wie das Haus St. Katharina kennt er aus<br />

seinem Heimatland nicht. Dort würden Menschen mit Behinderung<br />

zuhause versorgt. Seinen Einsatz findet er sehr<br />

interessant.<br />

Die Freiwilligen unterstützen Fachkräfte im Haushalt und<br />

in der Betreuung. Neben kreativen Angeboten wie Basteln<br />

oder Spaziergängen bleiben ihnen auch Freiräume, den<br />

Bewohnern und Beschäftigten individuelle Wünsche zu er-<br />

füllen. Über die Freiwilligendienste sollen junge Menschen<br />

für soziale Berufe begeistert werden, wichtige persönliche<br />

Erfahrungen machen und soziales Engagement erlernen.<br />

Petra Honikel, Geschäftsführerin Freiwilligendienste DRS<br />

betonte, dass die Freiwilligendienste seit etwa zwei Jahren<br />

Qualitätsrichtlinien ansetzen, um sicherzustellen, dass die<br />

Freiwilligen professionell begleitet werden. In Einrichtungen,<br />

die mit dem FSJ strategisch Wert auf die Nachwuchsgewinnung<br />

legen, liege die sogenannte Überstiegsquote in<br />

eine Ausbildung immerhin bei 60 bis 70 Prozent.<br />

„Ohne Freiwillige würden unsere sozialen Systeme zusammenbrechen“,<br />

meinte Petra Krebs. Rund 17 000 junge<br />

Menschen engagieren sich in Baden-Württemberg jedes<br />

Jahr im FSJ oder BFD. Allein über die Freiwilligendienste<br />

DRS waren es 2016 über 1100, Tendenz steigend. Zur<br />

Stärkung des Ehrenamts hat die Landesregierung eigens<br />

eine Engagement-Initiative gestartet. Zum Besuch ins Haus<br />

St. Katharina haben die Freiwilligendienste Diözese Rottenburg-Stuttgart<br />

(DRS) eingeladen.<br />

Vom FSJ zur Ausbildung<br />

Für Katharina Herb geht es auch nach ihrem Einsatz<br />

weiter: Ihr FSJ ist gleichzeitig ihr Vorpraktikum für ihre<br />

dreijährige Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Claudia<br />

Franzesko, Einrichtungsleiterin Haus St. Katharina, kann<br />

für das Haus immer wieder Nachwuchs über das FSJ gewinnen:<br />

In den vergangenen Jahren waren es gleich zwei<br />

männliche FSJler, die jetzt eine Ausbildung machen. Ein<br />

Glücksfall, wo Männer in den sozialen Berufen immer noch<br />

unterrepräsentiert sind. Auch den drei aktuellen FSJlern<br />

bescheinigt die Hausleiterin eine beeindruckende Entwicklung.<br />

„Ihre frischen Ideen sind eine Bereicherung für die<br />

Menschen mit Behinderung.“<br />

Anne Oschwald<br />

Die Einrichtungen der Stiftung Liebenau arbeiten<br />

mit den Freiwilligendiensten DRS gGmbH zusammen<br />

und stellen an vielen Standorten Freiwillige<br />

ein. Diese erhalten ein Taschengeld, Urlaub und<br />

fachliche Anleitung in den Einrichtungen und<br />

Begleitung in Seminaren von den Freiwilligendiensten<br />

DRS.<br />

www.freiwilligendienste-rs.de


24<br />

Werkstatt in Leutkirch bietet viele Arbeiten<br />

Ein Füllhorn voller Tätigkeiten<br />

LEUTKIRCH – Ihre Arbeit jeden Tag selbst auswählen,<br />

können die Beschäftigen in der Werkstatt der Liebenauer<br />

Arbeitswelten in Leutkirch. Mehrere Kooperationen<br />

vor Ort und die Offenheit der Mitarbeiter ermöglichen<br />

dies. Die Abwechslung und die Selbstbestimmung bei<br />

der Arbeit macht viele Beschäftigte ausgeglichener und<br />

zufriedener.<br />

Der Arbeitstag beginnt in der Nadlerstraße in der Regel um<br />

kurz nach acht. Doch bevor sich jeder der 34 Beschäftigten<br />

an seine Arbeit macht, findet eine kurze Versammlung<br />

statt. Ein Beschäftigter liest die Namen und die Arbeitszuteilung<br />

für den jeweiligen Tag vor. Die Anwesenden hören<br />

neugierig und konzentriert zu.<br />

Zuvor haben Fachkräfte die Beschäftigten eingeteilt.<br />

Allerdings nicht, ohne sie einzubeziehen. Fachkraft Doris<br />

Endreß brachte am vorherigen Tag bei den Einzelnen in<br />

Erfahrung, was sie arbeiten wollen. Soweit wie möglich<br />

geht das Mitarbeiterteam auf Wünsche und Vorlieben ein<br />

und berücksichtigt auch die Tagesform. Die Vielzahl von<br />

Tätigkeiten schafft Flexibilität. Zum Beispiel kann jemand<br />

einen halben Tag bei der Grünlandgruppe arbeiten und<br />

einen halben Tag verpacken. „Manchmal muss man aber<br />

schon jonglieren oder jemanden auch mal überzeugen“,<br />

beschreibt Michael Ruf den Spagat.<br />

Arbeit nach Wunsch<br />

In der Werkstatt liegen auf den Tischen Fahrradtaschen.<br />

Sie müssen einen Bügel und Verstärkungsleisten bekommen,<br />

dann einen Produktanhänger und schließlich eine<br />

Manschette mit Beschreibung. Jeder in der Gruppe hat seine<br />

Aufgabe. An einem anderen Arbeitsplatz montiert eine<br />

Beschäftigte Lenkradknäufe für Traktoren. Ausgestattet ist<br />

Vielseitige Tätigkeiten in der Nadlerstraße: Fahrradtaschen verpacken,...<br />

...Traktorknäufe zusammenschrauben,


25<br />

Für alle spannend: Vor<br />

Arbeitsbeginn liest ein<br />

Beschäftigter die Namen<br />

und die jeweiligen Tätigkeiten<br />

für den Tag vor.<br />

sie mit Rätsche und Schraubstock. Sie freut sich, dass sie<br />

die Arbeit – wie gewünscht – wieder machen kann. In<br />

einem Teil des Gebäudes befindet sich auch ein Lager für<br />

Altkleider. Beschäftigte helfen bei der Abholung aus den<br />

Containern, bei der Sortierung und der Auslieferung in den<br />

Kleiderladen „Kreuz & Quer“, eine Kooperation zwischen<br />

der Liebenau Teilhabe und dem Deutschen Roten Kreuz.<br />

Einsatz in örtlichen Betrieben<br />

Neben Tätigkeiten im Innenbereich gibt es viele Beschäftigungen<br />

in externen Betrieben. Eng und vertrauensvoll ist<br />

die Kooperation mit der Firma Fackler. Zwei Mal die Woche<br />

arbeiten dort zwei Beschäftigte bei der Paletten-Herstellung<br />

mit. Die in die Nadlerstraße gelieferten, aussortierten<br />

und kostenlosen Paletten wiederum werden von<br />

Beschäftigten zerkleinert: zu Anfeuerholz für den Verkauf<br />

oder für Brennholz für den eigenen Werkstatt-Ofen. Das<br />

Nachbarunternehmen Myonic, Weltmarktführer in Sachen<br />

Kugellager, beauftragt immer wieder ein bis zwei Beschäftigte<br />

mit Bestückungsarbeiten.<br />

Aushängeschild ist die Grünlandgruppe: Unter Leitung von<br />

Robert Kloos ist sie mit mindestens 13 Leuten in Leutkirch<br />

immer präsent. Neben der Pflege von öffentlichen<br />

Grünflächen kommen viele Aufträge auch von privaten<br />

Gartenbesitzern, die einen Teil der Gartenarbeit abgeben<br />

möchten. Diese Jobs sind gefragt, nicht nur wegen der<br />

frischen Luft und Abwechslung, sondern auch wegen der<br />

direkten Wertschätzung der Kunden, die die Mitarbeiter<br />

unmittelbar erfahren. Ein Frühstück vom Gartenbesitzer<br />

ist oft inbegriffen.<br />

Teil der Produktion<br />

Dann wären da noch die Flaschen: Die ortsansässige Brauerei<br />

Härle beschäftigt regelmäßig einen Trupp von Mitarbeitern<br />

aus der Nadlerstraße. Bei der Bierabfüllung etwa<br />

müssen bis zu sechs Personen dann dafür sorgen, dass alle<br />

Flaschen offen sind. Hört sich einfach an, hat es aber in<br />

sich, denn der Arbeitsgang steht am Anfang der Abfüllkette.<br />

Alles muss also sitzen, das Band verzeiht nichts. Für<br />

die Beschäftigten der WfbM in Leutkirch kein Problem –<br />

genauso wenig wie die gemeinsame Arbeitseinteilung am<br />

Anfang eines jeden Arbeitstages.<br />

Anne Oschwald<br />

...Paletten aufbereiten und ....<br />

Grünanlagen pflegen. Fotos: Oschwald


26<br />

Neue Angebote für Menschen mit Behinderung entstehen im neuen Wohngebiet in Oberteuringen (li) und in der Nordstadt von Singen (re).<br />

Fotos: Klaus<br />

Inklusive Angebote in verschiedenen Regionen<br />

Inklusion findet in der Gemeinde statt<br />

OBERTEURINGEN/SINGEN – Die Stiftung Liebenau<br />

setzt weiter auf Regionalisierung mit einem inklusiven<br />

Wohnhaus für Menschen mit und ohne Behinderung in<br />

Oberteuringen und mit Wohn- und Arbeitsangeboten in<br />

Singen.<br />

„Mit unserem inklusiven Wohnhaus schließen <strong>wir</strong> die letzte<br />

große Baulücke“, freute sich Bernhard Hösch, Projektmanager<br />

der Liebenau Teilhabe, über den Spatenstich im<br />

Dezember. 18 Menschen mit einer geistigen Behinderung<br />

werden im neuen Wohngebiet Bachäcker in Oberteuringen<br />

bald ein neues Zuhause finden und dann – ganz normal<br />

wie andere Mitbürger – inmitten einer Gemeinde leben.<br />

Jung und Alt, Familien und Einzelpersonen, Menschen mit<br />

und ohne Behinderung werden das „Inklusive Oberteuringen“<br />

in den kommenden Monaten mit Leben füllen.<br />

Nach dem Baubeginn für das „Haus der Pflege“ der Liebenauer<br />

Altenhilfe und dem großen Lebensraum-Campus war<br />

es schon der dritte offizielle Spatenstich in diesem Quartier<br />

– und zwar für ein Projekt, das ihm „sehr am Herzen“<br />

liege, wie Oberteuringens Bürgermeister Karl-Heinz Beck<br />

erklärte. Denn: „Inklusion findet nur dann richtig statt,<br />

wenn sie in der Gemeinde stattfindet“, so der Rathauschef.<br />

In enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde, dem Bodenseekreis<br />

und dem Kommunalverband für Jugend und<br />

Soziales entstehe hier „ein ausgesprochen innovatives und<br />

ausgesprochen inklusives Projekt“, erläuterte Christine<br />

Beck von der Geschäftsleitung Liebenau Teilhabe. Finanziell<br />

unterstützt <strong>wir</strong>d das insgesamt rund 2,5 Millionen Euro<br />

teure Vorhaben vom Land Baden-Württemberg (672.566<br />

Euro) sowie von der Aktion Mensch (250.000 Euro).<br />

Für das in enger Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Landkreis<br />

Konstanz sowie dem Kommunalverband für Jugend<br />

und Soziales realisierte Projekt in Singen startete der Bau<br />

im April. In dem ersten, dreigeschossigen Gebäude finden<br />

27 Menschen mit Behinderung – aufgeteilt in fünf Wohngemeinschaften<br />

mit unterschiedlicher Betreuungsintensität<br />

– ein dauerhaftes Zuhause. Dazu kommt ein Gastzimmer<br />

als Kurzzeit-Wohnplatz. Darüber hinaus <strong>wir</strong>d es auch drei<br />

eigenständige Appartements geben. Dieses besondere Angebot<br />

richtet sich an Mütter mit Behinderung, die hier – mit<br />

entsprechender Unterstützung im Rahmen der sogenannten<br />

„begleiteten Elternschaft“ – zusammen mit ihren Kindern<br />

leben können.<br />

Ergänzt <strong>wir</strong>d der Neubau durch ein zweites Haus gleich<br />

nebenan. In dieser Tagesstätte erhalten 20 Menschen mit<br />

Handicap individuelle, die Selbstständigkeit fördernde Angebote.<br />

„Der heutige Tag ist ein guter Tag für die Eingliederungshilfe<br />

im Kreis Konstanz“, so Kreissozialdezernent<br />

Axel Gossner. Er betonte das gute Miteinander der verschiedenen<br />

sozialen Akteure vor Ort. Und demnach seien<br />

die neuen Häuser der Stiftung Liebenau in Singen auch<br />

„keine Konkurrenz, sondern eine wertvolle Ergänzung<br />

zu den bestehenden Angeboten“. Die Fertigstellung des<br />

Gebäudekomplexes ist für Ende 2018 geplant. Gut sechs<br />

Millionen Euro investiert die Stiftung insgesamt. Das Land<br />

Baden-Württemberg unterstützt den Neubau des Wohnhauses<br />

dabei mit 1,024 Millionen Euro. Für die Förder- und<br />

Begegnungsstätte wurde aus Stuttgart eine zusätzliche Zuwendung<br />

von 401.000 Euro bewilligt, zudem gibt es hierfür<br />

einen 110.000-Euro-Zuschuss von der Aktion Mensch.<br />

Christof Klaus


Nachrufe<br />

27<br />

Rudolf Mall<br />

Am 31. Oktober 2016 verstarb völlig<br />

unerwartet Rudi Mall in der Wohngruppe<br />

JOS 22 in Liebenau. Rudi Mall, geboren am<br />

16. November 1939, ist im Oktober 1999<br />

ins „Josefshaus“ eingezogen. Er kam von zu<br />

Hause zu uns, da seine Mutter, bei der er bis<br />

dahin immer gelebt hatte, nach einer<br />

schweren Erkrankung verstorben war. Rudi<br />

Mall fühlte sich sehr schnell wohl mit seinen<br />

Gruppenkameraden und war schon bald<br />

richtig zu Hause in Liebenau.<br />

Rudi Mall war sehr gesellig und kontaktfreudig.<br />

Lange Jahre waren seine Lieblingsplätze<br />

die Kastanie vor dem Empfang der Stiftung<br />

Liebenau und die Cafeteria in Liebenau. Dort<br />

beobachtete er das Geschehen und sprach die<br />

Vorbeikommenden auf unterschiedliche Art<br />

an. Er war eine sehr vielseitige Persönlichkeit.<br />

Manchmal war viel Einfühlungsvermögen,<br />

Standhaftigkeit und auch Humor im Umgang<br />

mit ihm gefordert.<br />

Lieber Rudi, <strong>wir</strong> werden oft an dich denken<br />

und uns immer wieder an spezielle Begebenheiten<br />

mit dir erinnern.<br />

Bewohnerinnen und Bewohner<br />

und die Mitarbeiter<br />

Wohngruppe Josef 21/22/APP, Liebenau<br />

Walter Mall<br />

Es gibt im Leben für alles eine Zeit der<br />

Freude, der Stille, der Trauer, und eine Zeit<br />

der dankbaren Erinnerung.<br />

Am 17. Februar <strong>2017</strong> verließ uns überraschend<br />

im Alter von 78 Jahren unser Mitbewohner<br />

Walter Mall. Mehr als 65 Jahre war<br />

die Stiftung Liebenau für Walter Mall nicht<br />

nur Arbeitsort, sondern Heimat. Er arbeitete<br />

lange in der Land<strong>wir</strong>tschaft der Stiftung<br />

und bis ins Rentenalter in der Werkstatt für<br />

Menschen mit Behinderung. In der Wohngruppe<br />

Josef 11 lebte er fünf Jahre. Er erinnerte<br />

sich gern an seine Zeit als Stallbursche in der<br />

Stiftung. Auch war er ein großer Fan des FC<br />

Bayern München und verfolgte stets übers<br />

Radio die aktuellen Spielergebnisse. In vielen<br />

Gesprächen und Besuchen war der enge<br />

Kontakt der Geschwister sehr herzlich und<br />

nachdrücklich zu spüren. Die Mitarbeiter und<br />

Bewohner der Gruppe von Josef 11 kennen<br />

Walter Mall als willensstarken Mann mit einer<br />

ausgeprägten Persönlichkeit, der sich mit<br />

seiner eigenen Hartnäckigkeit trotz verschiedener<br />

gesundheitlicher Einschränkungen eine<br />

gewisse Lebensqualität eroberte. Am Ende<br />

reichte die Kraft nicht mehr aus, um bei uns<br />

zu bleiben.<br />

Wir werden sein Andenken stets in unseren<br />

Herzen bewahren.<br />

Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seinen<br />

Hinterbliebenen.<br />

Bewohnerinnen und Bewohner<br />

und das Mitarbeiterteam,<br />

Wohngruppe Josef 11, Liebenau


Geschäftsleitung<br />

Tel.: 07542 10-2000 (Sek.)<br />

Die Liebenau Teilhabe im Überblick<br />

info.teilhabe@stiftung-liebenau.de<br />

Sozialdienst<br />

(Informationen und<br />

persönliche Beratung)<br />

Julia Liehner (Erw.) Telefon: 07542 10-2023<br />

julia.liehner@stiftung-liebenau.de<br />

Lea Konrad (KiJu) Telefon: 07542 10-2024<br />

lea.konrad@stiftung-liebenau.de<br />

Thomas Bürkle (Arbeit) Telefon: 07542 10-2311<br />

thomas.buerkle@stiftung-liebenau.de<br />

Wohnen/FuD/Offene Hilfen<br />

Landkreis Ravensburg<br />

Carla Gitschier Telefon: 0172 8939372<br />

carla.gitschier@stiftung-liebenau.de<br />

Wohnen/FuD/Offene Hilfen<br />

Bodenseekreis<br />

Hermann Engbers Telefon: 07542 10-2420<br />

hermann.engbers@stiftung-liebenau.de<br />

Fachzentrum Erwachsene<br />

Liebenau/Hegenberg<br />

Ruth Rothermel Telefon: 07542 10-2100<br />

ruth.rothermel@stiftung-liebenau.de<br />

Fachzentrum Erwachsene<br />

Rosenharz<br />

Margarete Crönert Telefon: 07520 929-2602<br />

margarete.croenert@stiftung-liebenau.de<br />

Fachzentrum Kinder<br />

und Jugendliche<br />

Eberhard Bleher Telefon: 07542 10-2440<br />

eberhard.bleher@stiftung-liebenau.de<br />

Wolfgang Közle Telefon: 07542 10-2510<br />

(Don-Bosco-Schule) wolfgang.koezle@stiftung-liebenau.de<br />

Bildung/Arbeit/Förderung<br />

Stefan Fricker Telefon: 07542 10-2333<br />

stefan.fricker@stiftung-liebenau.de<br />

Ambulante Dienste<br />

Landkreis Konstanz<br />

Sylvia Fiedler Telefon: 07731 59 69 63<br />

bwf-singen@stiftung-liebenau.de<br />

Landkreis Lindau<br />

Angela Karl Telefon: 08382 2739569<br />

adl@stiftung-liebenau.de<br />

Schwarzwald-Baar-Kreis<br />

Barbara Reichstein Telefon: 07721 2068-269<br />

barbara.reichstein@stiftung-liebenau.de<br />

Landkreis Sigmaringen<br />

Franz Walter Telefon: 07542 10-2021<br />

franz.walter@stiftung-liebenau.de<br />

Landkreis Tübingen<br />

Teresa Roth Telefon: 07072 1399799<br />

teresa.roth@stiftung-liebenau.de<br />

Landkreis Tuttlingen<br />

Nicole Scherzinger Telefon: 07721 99289-23<br />

nicole.scherzinger@stiftung-liebenau.de<br />

Landkreis Ulm<br />

Angelika Bayer Telefon: 0731 159399-630<br />

adulm@stiftung-liebenau.de<br />

Angebote der Liebenau Teilhabe<br />

Kinder und Jugendliche<br />

Frühförderung<br />

Schule<br />

Berufs(aus)bildung<br />

Kurzzeitwohnen<br />

Ambulant Betreutes Jugendwohnen<br />

Betreutes Wohnen in Familien<br />

Wohnhäuser, Wohngemeinschaften,<br />

Appartements<br />

Sozialmedizinische Nachsorge<br />

Kinderhospizdienst<br />

Erwachsene<br />

Freizeit- und Bildungsangebote<br />

Berufliche (Aus-)Bildungsangebote<br />

Differenzierte Arbeit und Beschäftigung<br />

Ambulante Arbeitsassistenzangebote<br />

Wohnhäuser, Wohngemeinschaften,<br />

Appartements<br />

Kurzzeitwohnen<br />

Ambulant Betreutes Wohnen<br />

Betreutes Wohnen in Familien<br />

Trainingswohnen<br />

Persönliches Budget<br />

Angehörige<br />

Familienentlastende Angebote<br />

Familienfreizeiten<br />

Kindergärten und Schulen<br />

Fachdienst Teilhabe<br />

für Erzieher/-innen und Lehrer/-innen<br />

Spendenkonto: Stiftung Liebenau<br />

Sparkasse Bodensee<br />

IBAN: DE 35 6905 0001 0020 9944 71<br />

BIC: SOLADES1KNZ<br />

Impressum<br />

Redaktion: Liebenau Teilhabe<br />

gemeinnützige GmbH, Jörg Munk (verantw.),<br />

Anne Oschwald, Susanne Droste-Gräff<br />

Auflage: 3 500<br />

Ausgabe: 2/<strong>2017</strong><br />

Erscheinungsweise: 2 Ausgaben pro Jahr<br />

Liebenau Teilhabe<br />

gemeinnützige GmbH<br />

Siggenweilerstraße 11<br />

88074 Meckenbeuren<br />

info.teilhabe@stiftung-liebenau.de<br />

www.stiftung-liebenau.de

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