Rauschtenberger-Ruhrstrasse 33. Heimatroman

almiersch

Heimatroman und Entwicklungsgeschichte.

Ein heißes Buch vom Leben am Rande des Ruhrgebietes kurz nach dem 2. Weltkrieg: Wie Julius »Jülle« Ewaldt seine Unschuld und Jugend verliert, als er hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kommt und begreift, dass sie gar nicht anders können, as einander ständig zu verraten. Jülle ist einer, den man nicht so schenll vergisst ...

Dietrich Rauschtenberger

Ruhrstraße 33


Eines Morgens hätte der Ozean das Segelschiff verschlungen. Zu gewaltig war der

Orkan, zu winzig die Seeleute, die dagegen ankämpften. Heute Morgen lag ein

geheimnisvoller Streifen Sonnenlicht darüber. Ein böses Zeichen, wenn in einem

Orkan plötzlich die Sonne schien. Das stand in dem Buch unter Jülles Kopfkissen.

Es hieß „Abenteuer in der Südsee“. Auf dem Umschlag war ein Schiff zu sehen, das

bald untergehen würde, genau wie das auf dem Ölgemälde an der Wand. Die Segel

hingen in Fetzen an den zerbrochenen Masten und die Matrosen wurden im hohen

Bogen ins dunkle Wasser geschleudert. Aber das Schrecklichste war ein riesiger Krake

mit glühenden Augen, der aus dem brodelnden Meer auftauchte. Das Ungeheuer

hatte Tentakel mit Saugnäpfen so groß wie Suppenschüsseln. Damit umschlang es

das Schiff, um es mit Mann und Maus hinunter in die ewige Nacht auf dem Grund

des Ozeans zu ziehen, wo man vom Gewicht der unzähligen Tonnen Wasser, die auf

einem lasteten, zu Mus zerquetscht wurde.

Obwohl das Erste, was Jülle morgens sah, ein sinkendes Schiff war, ließ er sich nicht

bange machen. Seefahrt war gefährlich, das wusste er. Aber gerade deswegen träumte

er davon, als Seemann in ferne Länder zu reisen. Nicht mit so einem altmodischen

Segelschiff, sondern mit einem supermodernen Ozeanriesen, der das Blaue Band für

die schnellste Atlantiküberquerung gewonnen hatte. An dem würde sich der Krake

die Saugnäpfe ausbeißen. Als Seemann hätte er viel Haare auf der Brust und würde

nach Teer riechen, er hätte ein lustiges Käppi auf, in jedem Hafen eine Braut und

würde singen: „Einmal noch nach Bombay, einmal nach Hawaii, ja, nach Hawaii.“

Sein Leben sollte niemals langweilig sein. Langeweile war das Schlimmste. Glücklicherweise

war er ein Junge, fast schon ein Mann. Er hatte zwar schon von Mädchen

gehört, die Abenteuer erlebt hatten, aber wenn man es recht besah, waren Abenteuer

Männersache. Sein Vater war kein Seemann und auch kein Cowboy, aber er war Soldat

gewesen und das war besser als gar nichts. Oder Lothar Kramer, der Nachbar.

Wenn der auf Montage fuhr, konnte das doch nur bedeuten, dass er in Sachen Abenteuer

unterwegs war. Das Leben war eine Folge von Abenteuern, wenn man es richtig

machte. Und das Tor zur Welt der Abenteuer war der Hamburger Hafen. Leider

musste Jülle seinen Traum vorläufig mit Geschichten aus der Stadtbücherei füttern.

Bei Wacke gab es nur eine Talsperre mit Ruder- und Tretbooten, hier und da ein kleines

Klepper-Faltboot mit einem schlappen Segel. Die größten Schiffe, die er bis jetzt

gesehen hatte, waren Dampfer und Schleppkähne auf dem Rhein, als sie mit der

Klasse nach Köln gefahren waren, um den Kölner Dom zu besichtigen.

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Der Wecker, dessen hässliches Schnarren Jülle aus dem Schlaf gerissen hatte, gab

noch ein letztes jämmerliches Schnarren von sich, danach war er endgültig abgelaufen.

Jülles rechter Arm fühlte sich an, als ob er ihm nicht mehr gehörte, anscheinend

war nicht zusammen mit dem übrigen Körper wach geworden. Jülle rollte sich von

dem Sofa, das sein Bett war, seitdem er zu alt war, um im Schlafzimmer seiner Eltern

zu schlafen, raffte die Gardine des Küchenfensters zur Seite und schaute hinaus auf

die Ruhrstraße, die schon seit Tagen unter der Sonne glühte. Opa Jakubeit hatte gestern

Abend prophezeit, sie sollten schon mal die Regenschirme rausholen, seine

Narbe am Bauch täte weh und das wäre ein todsicheres Zeichen für Regen. Der alte

Miesepeter hat’n Ei am ticken, dachte Jülle. Er roch an seinen Fingern, sie rochen

nach den Tieren der Nacht. Das Gefühl kehrte in den Arm zurück, das kribbelte wie

eine Billion Ameisen. Er ließ ein Bein über Bord hängen und tastete mit den Zehen

auf dem Fußboden nach seinen Latschen. Nur gut, dass die Kreaturen, die sich nachts

um sein Bett tummelten, kein Tageslicht vertrugen. Rasch schlüpfte er in seine Hose

und schlurfte hinaus auf den Flur. Am Spülstein warf er sich mit hohlen Händen

Wasser ins Gesicht. Die nassen Hände strich er in den Haaren aus und zog sich vor

dem Spiegel einen schnurgeraden Scheitel mit dem Kamm. Der Eiterpickel am Kinn

war über Nacht zu einer gelben Beere herangereift, die Soße spritzte bis auf das Spiegelglas.

Wieder in der Küche zog er das karierte Hemd an. Das Frühstück machte er

sich selbst, wie immer, denn seine Mutter saß schon seit sieben in der Lampenfabrik

am Fließband und lötete Kontakte an die Lampen. Für einen Hungerlohn, wie Jülles

Vater behauptete, was ihn aber nicht hinderte, davon zu leben, wenn er keine Aufträge

hatte. Die Tür des Küchenschranks knarrte wie das Tor von einem Gespensterschloss.

Jülle warf einen besorgten Blick auf die Schlafzimmertür, hinter der sein

Vater seinen Rausch ausschlief. Hoffentlich wurde der Alte nicht wach.

Eine Tasse und ein Löffelchen auf den Tisch, eine Tüte Haferflocken aufgerissen,

wie das duftete. Er wühlte mit den Fingern in der Tüte, ein paar Flocken rieselten

auf den Boden, bis er endlich ertastet hatte, was er suchte: weiß wie Schnee, rot wie

Blut und schwarz wie Ebenholz lag Schneewittchen im Glassarg, getragen von den

sieben Zwergen. Ein Märchenbild für seine Freundin Evi. Er schüttete Haferflocken

in die Tasse. Dazu zwei Löffel Kakao. Weil der teuer war, hatte seine Mutter ihn ganz

hinten im Küchenschrank versteckt und er musste auf einen Stuhl steigen. Zum

Schluss kam noch Zucker darüber. Im Mund wurde die Mischung zu einem Brei,

den er genüsslich durch die Gurgel gleiten ließ.

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Danach ist noch Zeit, um aus dem Fenster zu schauen. Der Schulgottesdienst beginnt

erst um acht. Die Sonne brennt auf die summende Ruhrstraße. Ein Hahn kräht. Der

Gockel ist nicht zu sehen, aber Jülle weiß, er steht bei Bauer Dahlmann auf dem Misthaufen

und hat seinen Schnabel so weit aufgesperrt, dass man ihm vorne rein und

hinten wieder rausgucken kann. Überall stehen Fenster offen. Auf der anderen Straßenseite

klappt Elli Bärenfänger, die Wirtin vom „Scharfen Eck“, die Fensterläden

auf. Sie ist noch in Unterwäsche. Weil sie unfassbar viel Holz vor der Hütte hat, quellen

ihre Brüste heraus und hängen bis auf den Bauch. Jochen, der Knecht von Dahlmann,

läuft mit einer Brötchentüte und flatternden Hemdsärmeln über die

Ruhrstraße, um bei Uhlig ein Viertel Hausmacher Leberwurst zu kaufen. Es sieht aus,

als wenn er nur von seinen Hosenträgern zusammengehalten würde. Er fuchtelt wild

mit den Armen und redet auf jemanden ein, der nicht da ist. Jochen ist nicht ganz

dicht. Alle legen einen Zahn zu, anscheinend spendet die Sonne ihnen Energie. Nur

dem Lastwagen der Brauerei nicht. Der hat es nicht eilig, kommt so langsam die Kölner

Straße herunter gerasselt, den könnte sogar eine lahme Ente überholen. Ein vorsintflutliches

Gefährt mit Kettenantrieb und Vollgummireifen. Der Fahrer trägt eine

Mütze mit der Aufschrift „Brauerei Wacke“, er hat die Windschutzscheibe schräg gestellt

und stößt Tabakwolken aus, die über die Bierfässer nach hinten verwehen. Die

Geräusche stehen in der Luft, als ob er sie mit den Händen greifen könnte.

Viertel vor acht!

Wenn er pünktlich in der Kirche sein wollte, musste er los. Er sprang auf, schlüpfte

mit nackten Füßen in die Sandalen, griff nach dem Tornister, als er von nebenan leise

Musik hörte. Sie kam aus dem Radio von Frau Kramer, der Nachbarin. Wenn ihr

Mann auf Montage war, verdöste sie den Vormittag zu zärtlichen Geigenklängen im

Bett. Vor ein paar Tagen hatte er ihr die Wacker Rundschau aus dem Hausflur geholt

und ins Schlafzimmer gebracht. Er hatte sich gefragt, was sie damit wollte, wo doch

jeder wusste, dass sie nicht lesen konnte. Sie hatte im Bett gesessen und die Fingernägel

gefeilt. Sie hatte ihn eingeladen, sich zu ihr aufs Bett setzen, und hatte ihm aus

einer Dose Bonbons angeboten. Dabei war ihr Morgenrock aufgegangen und er hatte

ihre wunderbaren Brüste gesehen. Seitdem war er verliebt in sie. Bei der Gelegenheit

war ihm aufgefallen, dass Kramers Ehebetten an derselben Wand standen wie seine

Schlafcouch, nur eben auf der anderen Seite, dazwischen war eine Tür, die man irgendwann

einfach übertapeziert hatte. Jetzt stellte er sich vor, wie Frau Kramer im

Bett lag, nur durch die paar Zentimeter Pappe von ihm getrennt.

Warum sollte er es nicht wieder tun?

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Die Zeitung lag im Hausflur wie immer, er schnappte sie, lief die Treppe hinauf und

klopfte an Kramers Tür. Sofort fing Kramers Dackel Strolchi an zu kläffen. Er bekläffte

alles und jeden, damit ging er allen im Haus und in der Nachbarschaft auf die

Nerven. Jülles Vater rief jedes Mal nach Rattengift oder man sollte dem Scheißköter

die Stimmbänder rausoperieren. Noch schlimmer war Strolchis Angewohnheit, sich

ans Bein zu klammern und zu rammeln. Aber mit seinem seidigen, braunen Fell war

er nun mal Vilma Kramers kleiner Freund, der ihr Gesellschaft leistete, wenn ihr

Mann wochenlang auf Montage war. Jülles Vater behauptete sogar, im Grunde würde

ihre Ehe nur von Strolchi zusammengehalten. „Werrr ist?“, rief Frau Kramer. Strolchi

hörte erst auf zu bellen, als Jülle eintrat. Er schnüffelte an seiner Hose, umklammerte

mit den Vorderläufen sein Bein unterhalb des Knies und fing an zu rammeln. Jülle

versuchte ihn wegzustoßen, aber er ließ sich nicht abschütteln und Jülle musste ihn

auf dem Weg ins Schlafzimmer mit sich schleppen wie ein Gefangener die Eisenkugel.

Die Schlagläden waren geschlossen, durch die Ritzen fielen vereinzelte Sonnenstrahlen

und tauchten dem Raum in reizvolles Dämmerlicht. Jülle blieb an der Tür

stehen, den rammelnden Dackel am Bein. Vilma saß im Bett und war dabei, sich ein

Kissen hinter den Rücken zu stopfen. Das Bett neben ihr war leer, Herr Kramer war

wohl schon auf Arbeit. „Guten Morgen, Tante Vilma. Ich wollte nur...“ Ihm gelang

es den Dackel abzuschütteln und er reichte ihr die Wacker Rundschau.

„Guten Morgen, junger Mann“, sagte Vilma. Es hörte sich an wie: Gutä Morrrgän,

jung-gärr Mahn. Vilma sah nicht nur anders aus als andere Frauen aus der Ruhrstraße,

sie sprach auch anders. Beim R flatterte ihre Zungenspitze und wenn sie Jülle

sagte, kam das L von ganz hinten aus ihrer Kehle. Jülles Mutter nannte das Akzent,

den sie hatte, weil sie Russin war. Sie legte die Zeitung auf das Nachtschränkchen

und winkte ihn zu sich. „Kannst du mir lesen, später. Warum müssen Deutsche haben

andere Schrift, ich weiß nicht.“ Als sie „anderrre Schrrrift“ sagte, rollte das R besonders

stark. Weil Strolchi nicht von Jülles Bein lassen wollte, beugte sie sich vor und

gab ihm einen Klaps auf den Rücken. Dabei öffnete sich ihr Morgenrock und eine

weiße Brust mit einer dunkelbraunen Warze wurde sichtbar. Jülles Augen wurden

groß. „Oi-oi-oi“; sagte Vilma, ließ ihre schwarz glänzenden Haare darüberfallen und

klopfte einladend mit der flachen Hand aufs Bett. Jülle setzte sich. Sie nahm die Bonbondose

vom Nachtschränkchen und hielt sie ihm hin. Er nahm eins heraus. „Danke,

Tante Vilma.“ Mit Augen, die schwarz waren wie Eierbriketts und ein wenig schräg

standen, beobachtete sie, wie er das Bonbon aus dem Papier wickelte. „Bin ich noch

Prinzessin aus Märchen?“ Er nickte und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.

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„Wie sprichst du das R, Tante Vilma?“ Sie öffnete ihre Lippen, zeigte die rosige Spitze

ihrer Zunge und zog sich hinter die Zähne zurück. „Ärrr.“ Er sah ihre Zungenspitze

flattern und versuchte es auch. „Rrr-rrr-rrr-üben-krrraut.“ Sie lachte. „Sehrrrr gut.“

Er steckte das Bonbon in den Mund.

Vilma hatte als Zwangsarbeiterin im Eisenwerk gearbeitet und Lothar Kramer war

ihr Chef gewesen. Als die Nazis herausfanden, dass sie Jüdin war, sollte sie in ein

Konzentrationslager und weil sie da gestorben wäre, hatte Lothar sie versteckt. Wo,

wusste keiner. Zum Dank dafür hatte sie ihn nach dem Krieg geheiratet. Das war die

Geschichte, die man sich in der Ruhrstraße erzählte.

„Woher kommst du, Tante Vilma?“

„Komme von Omsk. Große Stadt in Sibirien.“

Sibirien war für Jülle ein grün-brauner Fleck im Schulatlas. Er hatte nachgeschaut,

weil sein Vater als Kriegsgefangener dort gewesen war. Lehrer Schmidtke hatte erzählt,

dort lägen seit vielen tausend Jahren tiefgefrorene Riesenelefanten im Erdboden,

die Mammut hießen und aussähen, als wenn sie gestern erst gestorben wären.

„Ist es kalt in Sibirien, Tante Vilma?“

„Winter kalt, sehr kalt, Sommer heiß und Boden ist Schlamm, Mücken fressen dir

auf. In Winter kommt Frost und Schnee liegt auf Erde wie weißes Tuch auf schmutzige

Tisch, wie für großes Fest. Was für Prrracht, wenn Sonne scheint.“

Während Jülle sich die Pracht des sibirischen Winters vorstellte, glitt ihre warme

Hand über seinen Rücken und kam auf seinem Oberschenkel zur Ruhe. „Musst du

nicht sagen, Tante. Sagst du Vilma. Bist du kein Kind mehr. Oder doch?“ Strolchi

kam unter der Decke hervor, unter die er sich verkrochen hatte, und drängte sich

zwischen sie. „Hat Eifersucht, diese Hund.“ Sie kraulte Strolchis Rücken, ihre Lider

sanken herab, sie atmete tief und gleichmäßig. Nach einer Weile öffnete sie ihre

Augen und schaute ihn an, als hätte sie vergessen, wer er war. Ihre Lippen berührten

seine Wange, dann schob sie ihn von sich.

„Musst du nicht Schule?“

* * *

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Eigentlich hieß Jülle wie sein Großvater Julius. Julius Ewaldt. So nannte ihn aber nur

Lehrer Schmidtke. Und seine Mutter, wenn er was ausgefressen hatte. Für alle anderen

war er Jülle. Das war sein Spitzname. In der Bande hatten alle einen Spitznamen:

Monner, Ötte, Fassi. Wer keinen hatte, gehörte nicht dazu.

Herr Schmidtke beobachtete Jülles Entwicklung mit Sorge. Er befürchtete, Jülle

könnte ein Einzelgänger werden. Tatsächlich brauchte Jülle oft keine andere Gesellschaft,

als die Figuren seiner Phantasie. Als Lucky Lenox war er Kämpfer für Gerechtigkeit,

der Väter bestrafte, die ihre kleinen Söhne verprügelten. Als Zorro, der

Rächer mit der schwarzen Maske, ritzte er Hauswirt Kachel ein Z in den Arsch. Als

Pirat segelte durch die Südsee und erlebte Abenteuer mit schaurigen Kraken und

schrecklichen Fischen, die so unvorstellbar groß waren, dass sie ganze Schiffe verschlingen

konnten. Als Mann, der durch Wände gehen konnte, überschritt er die

Zeitfugen. Er durcheilte die Kontinente mit der Kraft seiner Gedanken, lebte in der

Nachbarschaft von Sonne und Mond und war auf geheimnisvolle Weise mit dem

Weltall verbunden. Er reiste in einem Raumschiff durch ferne Galaxien und erkundete

fremde Planeten. Er kannte die Ringe des Saturn, erforschte die Kanäle des roten

Mars und die Monde des Jupiter. Und am Ende der Reise erschien ein blondes Mädchen

und belohnte ihn mit seiner Liebe.

Welche Rolle er spielte, hing davon ab, was für Bücher er sich in der Stadtbücherei

auslieh. Oder was für Heftchen Frau Busse im Hexenhäuschen neu hatte. Je mehr er

las, desto mehr öffnete sich ihm die Welt. Alles war ihm recht, um sich aus der Ruhrstraße

fortzuträumen. Seine Mutter nannte ihn einen Bücherwurm. Wenn er durch

den Verkauf von geklautem Schrott Geld hatte, ging er in die Lichtburg. Filme waren

besser als Bücher. Bücher waren nur Buchstaben, Filme zeigten, wie es wirklich war.

Wenn man hinter ein Buch schaute, war da nichts. Monner meinte, hinter der Filmleinwand

wäre auch nichts. Aber das sagte er nur, weil er wegen seiner Sekte nicht

ins Kino gehen durfte. Allerdings hatten Bücher und Heftchen auch ihre Vorteile,

sie waren billiger als Kino und man konnte sie mehrmals lesen. Und man war mit

ihnen alleine.

Jülle verstand nicht, warum Lehrer Schmidtke ihm die Heftchen mies machte. Das

wäre Schmutz- und Schund. Dabei waren Lucky Lenox, Billy Jenkins, Tom Prox,

Zorro, Prinz Eisenherz und wie sie alle hießen, eindeutig auf der Seite der Schwachen

und setzten sich genau wie Klaus Störtebeker und Robin Hood für Arme und Kranke

ein. Wildwest-Heftchen und Comicstrips konfiszierte Herr Schmidtke erbarmungslos

und verteilte Zettel mit den Öffnungszeiten der Stadtbücherei, wo Jülle sowieso

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Stammkunde war. Eines Tages brachte er eine Zeitung mit einem Bild in die Schule.

Auf dem Foto saß ein prächtig ausstaffierter Cowboy auf einem Pferd. Unter dem

Bild war der Name des Reiters geschrieben: Lucky Lenox. Herr Schmidtke sagte, das

wäre ein Zirkusartist und alle seine Abenteuer wären erfunden. Aber was sollte das

beweisen? Das war nicht der Lucky Lenox, den Jülle bewunderte. Jülles Lucky Lenox

war auf der Seite der Schwachen, der Frauen und der Armen und Kranken. Eines

Tages würde er nach Wacke kommen, um mit denen abzurechnen, die nicht an ihn

glaubten.

* * *

Kurz vor Ende der zweiten Stunde, als Lehrer Schmidtke für die Armen im Geiste

den Dreisatz erklärte, („Zum allerletzten Mal.“) fing Jülle an, das Schienennetz auf

seinem Pult zu erweitern. Die Schienen entstanden, wenn er den Kugelschreiber in

das weiche Holz drückte und die Maserung nachzeichnete. Als die Gleisrillen die

Grenze zu Öttes Hälfte überquerten, quietschte dieser warnend mit den Gummistiefeln.

Jülle unterbrach die Gleisbauarbeiten und schaute aus dem Fenster. Windböen

trieben Regen über das Dach der Turnhalle. Morgens hatte er noch von

hitzefrei geträumt, jetzt glänzte der Asphalt des Schulhofs vor Nässe. Unter den Kastanien,

die sie vorgestern noch mit Eimern wässern mussten, damit sie nicht verdursteten,

standen jetzt Pfützen. Blütenblätter trieben darauf wie Schleim.

„So’ne Kacke“, murmelte er.

„Suchst du da draußen was Bestimmtes, Julius?“ Herr Schmidtke riss ihn aus seinem

Traum.

„Jülle sucht den gestrigen Tag“, rief Reiher Mostmann.

Auf der Mädchenseite wurde gekichert, was auf der Jungenseite lebhaftes Scharren

auf dem geölten Fußboden auslöste.

„Zwei Mark und fünfundzwanzig Pfennig hat Herr Meier im Zoo bezahlt. Wie viel

Karten hat er dafür bekommen?“ Herr Schmidtke ließ seinen Adlerblick schweifen,

einige hielten die Luft an, Fritze Holtey schnipste mit den Fingern, was Herr

Schmidtke gar nicht mochte.

„Hilde.“

Die Klasse atmete aus. Hilde Koslowski hatte ein treuherziges Mopsgesicht, fettige

Haare und den Körper einer erwachsenen Frau. Das einzig Interessante an ihr waren

ihre großen Titten. „Zw - äh, nee, drei?“ In der Klasse wurde geseufzt. „Na toll,

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Hilde.“ Herrn Schmidtkes Stimme ließ keinen Zweifel, dass er mit der Geduld am

Ende war. Jülle ließ den Kugelschreiberzug durch die Rillengleise sausen.

„Eh! Du bist über die Grenze“, flüsterte Ötte und machte eine Bewegung, als wollte

er mit der Handkante eine Linie ins Holz fräsen, exakt in der Mitte.

„Und wie viel kostet dann eine Karte? - Otto!“

„Fünf-und-sieb-zig“, flüsterte Jülle.

„Fümmensipsich.“

„Ich wollte das nicht von dir hören, Julius, sondern von dir, Otto“, sagte Herr

Schmidtke. „Wie viel muss dann die fünfköpfige Familie Müller an Eintritt bezahlen,

Otto?“ Und so weiter und so fort.

Der Unterricht schleppte sich weiter wie ein todmüder Gaul, bis es mitten in das allgemeine

Gähnen schellte und Herr Schmidtke „Regenpause“ verkündete.

Evi Busse meldete sich. „Ich muss aber mal, Herr Schmidtke.“ Hilde schloss sich Evi

an: „Ich auch.“

„Die wollen nur rauchen“, rief Speichel.

Speichel war ein Arsch. Keiner konnte ihn leiden. Er war Klassenbuchführer und eigentlich

hieß er Gottfried Leck. Gottfried! Sie nannten ihn Speichel-Leck, abgekürzt

Speichel. In der Schule wusste er alles, auf der Straße nichts. „Rache ist süß“, sagte

Evi zu ihm, als sie zum Klo ging. Speichel sollte sich nur in acht nehmen. Evi war

schmächtig, aber mit ihr war nicht gut Kirschen essen.

Der Regen prasselte gegen die Fenster und die Stimmung in der Klasse stieg. Fassi

Fastenrath, der Fleischkloß, fing an Jungs auf die Mädchenseite zu katapultieren wie

Kanonenkugeln. Und die Mädchen schubsten alles, was an Jungs auf ihrer Seite

ankam, mit Gekreisch zurück. Fritze Holtey, der Bauernsohn, fiel rückwärts gegen

Öttes Tisch. Sein Griffelkasten stürzte ab und der Inhalt verteilte sich auf den Boden.

„Du dumme Sau“, schrie Ötte. Dafür gab es eine Kopfnuss. Jülle wurde von einem

Schuss aus Fränzken Lohses Zeigefinger tödlich getroffen, fiel zu Boden und weil er

nun einmal dort lag, half er Ötte die Stifte einzusammeln, wobei er Acht geben

musste, dass ihm Fassi nicht auf die Finger trat.

Herr Schmidtke las Zeitung, scheinbar ungerührt von dem Tumult. Er war am

Abend vorher kegeln gewesen und litt unter einem mächtigen Kater. Ab und zu

schlug er mit einem Lineal flach auf das Pult, das knallte wie ein Pistolenschuss, und

brüllte: „Ruhe im Karton!“ Niemand kümmerte sich darum außer ein paar Strebern

wie Speichel und Alfons Mostmann, dem ewigen Klassenbesten. Alfons! Welcher

Knabe nennt einen anderen Knaben schon Alfons? Sie nannten ihn Reiher, was mit

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seiner Nase zusammenhing, die zu bedeutender Größe heranreifte, aber auch, weil

er bei der kleinsten Aufregung anfing zu reihern. Reiher war genauso eine Arschgeige

wie Speichel, wahrscheinlich hielten sie deswegen zusammen.

Jülle ließ das Sammelbild aus der Haferflockentüte in der Hosentasche verschwinden

und fragte: „Soll ich die Tafel putzen, Herr Schmidtke?“ Der Lehrer nickte ohne aufzuschauen

und Jülle schrieb hinter seinem Rücken an die Tafel: An dem Ufer stand

ein Reiher und der kotzte in den Weiher. Und weil Herr Schmidtke heute anscheinend

überhaupt nichts merkte, schrieb Jülle noch: Von der Eichel tropft der Speichel. Dann

verließ er den Klassenraum, Ötte in seinem Windschatten. Auf dem Flur stank es nach

nassen Mänteln und dem Sauerkraut, das die Frau von Hausmeister Pockelmann auf

dem Herd hatte. In ein paar Minuten würde Herr Schmidtke ins Lehrerzimmer gehen,

um Kaffee zu trinken. Fräulein Dassel, die grauhaarige Handarbeitslehrerin, würde für

ihn die Aufsicht übernehmen, dann galt nur noch das Gesetz der Prärie.

Nach der Pause stand Raumlehre auf dem Plan. „Wir wollen einen Raum ausmessen“,

verkündete Herr Schmidtke. Zu dem Zweck mussten Vierergruppen gebildet werden,

wobei Freund- und Feindschaften zu berücksichtigen waren. Herr Schmidtke

war ein Gegner von reinen Mädchen- oder Jungengruppen, was die Sache nicht leichter

machte. Wegen seines schweren Kopfes überließ er die Lösung des Problems den

Kindern. Jülle wusste es so einzurichten, dass er in Evis Gruppe war. Mit Hilde Koslowski,

ohne die Evi nicht zu haben war, bildeten sie die einzige Dreiergruppe.

Lehrer Schmidtke war alles egal. Sie sollten nur den Unterricht in anderen Klassen

nicht stören, sonst war alles erlaubt. Hauptsache, er konnte ungestört an seinem Pult

sitzen. Sie schwärmten aus, stürmten leere Klassenzimmer, die Toilette, den Flur und

die Pausenhalle mit Gebrüll. Öttes Gruppe besuchte sogar Frau Pockelmann in der

Hausmeisterwohnung und durfte vom Sauerkraut probieren.

„Wir nehmen den Dienstraum von Pockel“, bestimmte Evi. Hilde trottete lahmarschig

hinterher. Jülle blieb nichts anderes übrig als zu folgen. „Pockel sitzt garantiert

in seiner Bude und bohrt sich in der Nase“, sagte Evi über die Schulter - und stieß

frontal mit dem Hausmeister zusammen, der gerade aus der Tür seines Dienstraums

kam. „Hoppla“, sagte er.

„Entschuldigung“, sagte Evi.

„Schon gut.“ Der Hausmeister nahm einen Regenmantel vom Haken.

„Herr Pockel?“

Er zog den Mantel an. „Wat is, Evchen? Ich habs eilig.“

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Evi machte ein wichtiges Gesicht. „Wir sind im Auftrag von Herrn Schmidtke unterwegs.“

„Wir sollen nämlich ihre Bude ausmessen“, sagte Jülle. Bei dem Wort Bude verzog

Herr Pockelmann das Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte. Evi erklärte ihm, um

was es ging.

„Ich hab jetzt keine Zeit, Kinder“, er zog seine Gummistiefel an, „wir haben nämlich

gerade ne Überschwemmung in der Turnhalle.“

„Wat?“, rief Hilde, was soviel hieß wie: Hilfe, ich kann nicht schwimmen.

„Wir können doch schon mal ohne Sie anfangen“, sagte Evi und Jülle meinte: „Wir

brauchen ja nur die Länge und die Breite.“

„Meinetwegen.“ Nach einem mahnenden Blick ließ Pockel sie alleine. Evi wartete

ein paar Sekunden, bis seine Schritte auf dem Flur verhallt waren, dann sagte sie zu

Hilde: „Geh mal draußen gucken, ob jemand kommt.“

Hilde kniff Evi ein Auge zu. „Ich weiß schon.“ Sie schloss betont sorgfältig die Tür

hinter sich. Als sie alleine waren, fragte Jülle: „Is dat wahr, dat Hilde mit ihrem Vater

in einem Bett pennt?“

„Bah, wat hast du’ne schmutzige Phantasie.“

„Besser als’n schmutzigen Hals.“

„Außerdem is et nich ihr richtiger Vater.“

„Aber dat ihre Mutter in der Beklopptenanstalt war, stimmt doch?“

„Nervenheilanstalt heißt das“, sagte Evi. „Is ja auch kein Wunder, nach allem, wat

die Frau mitgemacht hat, sagt meine Mutter. Erst is dat Haus, wo sie gewohnt haben,

vonner Bombe getroffen worden und abgebrannt, dann is ihr Mann in Russland vonner

Granate zerfetzt worden. Nach’em Krieg hatse den Mann geheiratet, den sie jetz

hat. - Also nich richtig…“

„Wer? Hilde?“

„Ihre Mutter, du Blödi. Sie hat noch mehr Kinder gekriegt und irgendwann is sie

durchgedreht, wat weiß ich, und is mit dem Bügeleisen auf den Mann losgegangen.“

Außer Hilde hatte Evi keine richtige Freundin. In der Ruhrstraße gab es keine große

Auswahl an Mädchen, die als Freundinnen für Evi geeignet waren. Doris, die Schwester

von Reiher Mostmann, hatte genauso eine Streberbrille auf wie ihr Bruder. Und

die Eltern von Sabine Klose gingen in dieselbe Sekte wie die von Monner. Sabines

Mutter wusch ihr den Mund mit Seife aus, wenn sie ein böses Wort gebrauchte, deshalb

kriegte sie bei jedem Schimpfwort, das sie hörte, Eiterpickel am ganzen Körper.

Weder Sabine noch Doris durften mit Evi Umgang haben. Für Evi waren das blöde

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Ziegen. Zweimal hatte sie mit Christel Groß, dem stillen Mädchen mit der akkurat

geschnittenen Pony-Frisur, sonntags ein paar Runden durch die Stadt gedreht, um

nach Jungs zu gucken. Aber dann durfte Christel auch nicht mehr mit ihr gehen.

Hilde hatte keine Zeit zu spielen, weil sie den ganzen Haushalt machen musste. Ihre

Mutter saß den ganzen Tag auf dem Sofa und las Liebesromane. Eigentlich hatte

Hilde noch nicht mal Zeit für die Schule, deswegen hatte sie auch die meisten Fehltage

im ganzen Regierungsbezirk. Manchmal tat Evi so, als ob sie Hildes Freund

wäre. Dann zog sie eine Lederhose an, deren mit Träger mit einem röhrenden Hirsch

verziert waren, dazu ein kariertes Hemd, ihre blonden Haare versteckte sie unter

einer Schirmmütze.

„Ich hab was für dich“, sagte Jülle.

„Was denn?“

Er zog das Sammelbild aus der Hosentasche, strich es glatt und gab es ihr.

„Oh, wie schön. Schneewittchen im Glassarg. - Das hab ich noch nicht. Das ist aber

lieb von dir.“

Das musste belohnt werden. Sie stellten sich gegenüber auf und legten ihre Hände

auf die Hüften des anderen. Ihre gespitzten Münder näherten sich so vorsichtig, als

ob bei der Berührung eine Explosion zu befürchten wäre. Für ein paar Sekunden

blieben sie unbeweglich stehen, ihre Lippen berührten sich kaum. Jülle wusste, dass

man beim Küssen die Augen schließen muss. Evis Schweiß roch ein wenig nach Käse,

ihrem Hemd entströmte der Geruch von Bonbons und feuchtem Zeitungspapier.

Nach dem Kuss riss sie die blauen Augen weit auf und sagte: „War das schon alles?“

Jülle fragte sich, was sie erwartete: Ein Feuerwerk? „Jetz’n Zungenkuss.“ Sie umarmte

ihn fest, ihre Lippen waren feucht und ihre Zunge kitzelte an seinem Gaumen. Sachte

fing sie an, sich an ihm zu reiben. Jülles Knie fingen an zu zittern, die Hose wurde

ihm zu eng.

Da klopfte es. Sie fuhren auseinander.

„Warum habt ihr denn so rote Bomben?“, fragte Hilde grinsend. „Mir ist langweilig.“

„Wir müssen jetz anfangen“, sagte Evi.

Hilde setzte sich auf Pockelmanns Tisch, holte eine Lakritzschnecke aus der Tasche

und stopfte sie sich in den Mund. Evi robbte mit dem Bandmaß an den Fußleisten

entlang, Jülle machte eine Skizze und trug die Maße ein. Hilde schaute zu.

„Fertig.“

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Evi wollte gerade Hildes Oberweite messen, als sie den Hausmeister auf dem Flur

hörten. Er schüttelte seinen nassen Regenmantel aus, kam herein und setzte sich ächzend.

„Is schlimm, die Überschwemmung, Herr Pockelmann?“, fragte Jülle.

„Schlimm genug. Aber ich habs zum Glück noch früh genug gemerkt.“

„Haben Sie’n Eimer drunter gestellt?“

Der Hausmeister schmunzelte. „Genau das hab ich gemacht.“ Er band seine Schnürriemen

zu. „Du kennst dich wohl aus, wie?“

Jülle nickte. „Das macht Bierkempers Bernd auch immer, wenn es bei ihm durchkommt,

weil der wohnt nämlich unterm Dach.“

Der Hausmeister nahm die Thermoskanne, die auf dem Tisch stand und füllte den

Becher mit Kaffee. „Ah!“ Er leckte sich den Schnurrbart.

„Dabei war heute morgen noch so’n tolles Wetter“, sagte Evi.

„Tja“, sagte der Hausmeister, „so is dat nu mal bei uns inne Gegend.“

Sie zeigten ihm die Zeichnung.

„Dat sieht doch schon ganz passabel aus. Jetzt passt mal auf, wat ich hab.“ Er griff

hinter einen Schrank und holte eine Papprolle hervor. Gespannt schauten sie zu, wie

er den Staub wegblies und einen großen Bogen Papier auf dem Tisch glattstrich.

„Sind dat etwa Pläne von unserer Schule?“

„So isset, mein Freund.“

„Da hätten wir ja gar nich zu messen brauchen“, sagte Evi.

„Dat könnte dir so passen, Evchen.“

„Ich heiß nich Evchen, ich heiß Evi. Richtig heiß ich Evelyn mit Ypsilon.“

„Is gut, Evi. Ich heiß auch nich Pockel.“ Er breitete einen Bogen auf dem Tisch aus

und strich ihn glatt. „Da könnt ihr nachgucken, ob ihr richtig gemessen habt.“ Sein

Finger umfuhr ein Viereck und tippte mit dem Nagel auf einen bestimmten Punkt.

„Hier sind wir jetzt.“ Sie verglichen die Maße. „Das stimmt ja einigermaßen, was ihr

da gemessen habt. Kann man so lassen.“

„Dürfen wir noch so lange hier bleiben, bis wir die Quadratmeter ausgerechnet

haben, Herr Pockelmann?“, fragte Evi.

„Geht in Ordnung, Evelyn.“ Der Hausmeister kniff ihr ein Auge zu und verschraubte

die Thermoskanne. „Jetz muss ich wieder an die Wasserfront.“

* * *

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Ein grauer Schleier kroch von Westen her über die Häuser, erreichte die Sonne und

verschluckte sie. Die Farben wurden stumpf, als hätte jemand (Gott?) mit einem

Riesenpinsel alles grau getüncht. Im Laufe des Vormittags sanken Regenwolken tiefer

und tiefer, bis sie schwer auf den Dächern lasteten. Der Wind trieb den Regen in

flatternden Schleiern über die Straße. Durch den Rinnstein wälzte sich das Regenwasser.

Der Strom riss Laub, Zweige, Papier und Dreck mit sich und spülte alles in

den Gully. Bald würde er verstopft sein und die Kreuzung Ruhrstraße/Kölner Straße

wäre überschwemmt.

Der Heimweg von der Schule führte Jülle und Ötte an den Baracken des Falken-

Heims entlang. Im Vorbeigehen schauten sie durch die Fenster und sahen kleine Kinder

mit Bauklötzchen spielen. Ötte machte einen langen Hals, er ging manchmal zu

den Falken. Sie waren so etwas Ähnliches wie die Pfadfinder oder der CVJM. Sie

veranstalteten Ferienlager an der Wackerbach-Talsperre und einmal im Jahr fuhren

sie an die Nordsee. Jülle war interessiert, aber sein Vater hatte ihm die Falken verboten,

weil sie von den Russen ferngesteuerte Sozis wären und rote Eier ausbrüteten.

Monner durfte auch nicht, seine Mutter hasste die Sozialisten, weil sie nicht an Gott

glaubten.

„Ich darf heute sowieso nicht raus.“

„Weil du schon wieder Stubenarrest hast?“

„Bei so’m Wetter lässt sie mich nich.“

„Weil das kleine Öttileinchen sonst ein Hüsterchen kriegt?“

Das Beste an Ötte war, dass man ihn so schön triezen konnte. Seine Mutter war besorgt,

ihr Söhnchen könnte sich erkälten. Sie hatte ihn in Windeln verpackt, bis er

in die Schule kam. Alle paar Wochen stülpte sie ihm einen Topf über und rasierte

rundherum alles kahl. Monner meinte, sie sperrte ihn zur Strafe dafür ein, dass er so

klein geblieben war. Dabei sah sie selbst so aus wie die Liliputaner im Zirkus Barrabani,

der neulich auf dem Kirmesplatz gewesen war. Sie hatte einen merkwürdig

hohen Schädel und kurze Arme und Beine, die sie Ötte und seinen fünf Geschwistern

vererbt hatte. Die Maurers wohnten auf dem Gelände der Lampenfabrik, die

mit ihren Zinnen und Türmchen aus rotbraunen Ziegeln aussah wie ein mittelalterliches

Kastell.

Bevor eine rostige Stahltür ihn verschluckte, zeigte Ötte den Teufelsgruß, Zeigefinger

und kleiner Finger wie Hörner von der Faust abgespreizt, das geheime Zeichen von

Monners Bande. Monner glaubte, damit könnte man jemanden Angst machen. Ötte

mit seinem Topfhaarschnitt sah dabei aus wie ein Gnom.

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Monner war Jülles bester Freund. Sein richtiger Name war Helmut Simmel. Warum

er Monner genannt wurde, wusste keiner. Er selbst machte ein Geheimnis daraus,

wie aus allem. Evi meinte, Monner käme von Mond und er hieße so, weil er ein

Mondgesicht hätte und wenn er aus dem Fenster guckte, ginge der Mond auf. In

einem Punkt hatte Evi recht, Monner war dem Himmel näher als sonst jemand, denn

Nummer 31 war das höchste Haus in der Ruhrstraße. Sie konnte ihn nicht leiden,

das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Monners Haare klebten klatschnass am Schädel. Er hatte die Kapuze seines Anoraks

nicht über den Kopf gezogen, obwohl es in Strömen regnete. Das war eine Marotte

von ihm, genau wie die, seine Tonne nicht auf dem Rücken zu tragen, sondern an

der Hand. Dass man davon einen schiefen Rücken kriegte, war ihm egal. Für einen

Gymnasiasten gehörte sich das eben so. Jülle wäre auch gerne aufs Gymnasium gegangen.

Lehrer Schmidtke ihn hatte sogar vorschlagen, aber sein Vater war dagegen.

Herr Schmidtke hatte Jülles Mutter gefragt, warum. „Das müssen Sie mich nich fragen“,

hatte seine Mutter gesagt. „Ich hab meinem Mann schon zugeredet wie nem

kranken Pferd.“ Monner meinte, wahrscheinlich könnte er es nicht aushalten, wenn

Jülle schlauer wäre als er.

Im Eingang vom Scharfen Eck stank es abscheulich nach Gastwirtschaft. Monners

grüner Anorak war vor Nässe schwarz. Jülle hob einen Fuß und ließ das Wasser von

der Sandale abtropfen. „Scheiße. Heute Morgen hat noch die Sonne geschienen“,

sagte er, „Wat is mit dem Kran?“

„Heute geht nicht, wir schreiben morgen ne Lateinarbeit.“ Seitdem er zum Gymnasium

ging, musste Monner dauernd lernen. „Morgen geht auch nicht, da muss ich in

den Tempel.“ Er tat so, als müsste er kotzen. „Sie ist ständig hinter mir her.“ Monners

Mutter kannte keine Gnade. „So kriegen wir den Kran nie fertig“, sagte Jülle. Bei ihm

war sein Vater das Problem. „Ich kann da auch nix dran machen. Du weißt ja – die

Sekte ist...“ Monner ließ offen, was mit der Sekte war. War Monners Sekte protestantisch-reformiert

oder protestantisch-lutherisch oder neuapostolisch oder noch was

anderes? Jülle konnte die Sekten nicht auseinanderhalten, es gab zu viele in Wacke.

Sein Vater behauptete, Monners Sekte wäre von einen reichen Fabrikbesitzer gegründet

worden, um die Arbeiter unter Kontrolle zu haben: „Damit er sie auch noch in

ihrer Freizeit dumm quatschen kann.“ Addi Ewaldt war gegen Pfaffen, gegen Politiker,

gegen Unternehmer, gegen Russen, gegen Amerikaner, sogar gegen sich selbst. „Jetzt

dackeln sie wieder in den Tempel“, sagte er, wenn er sonntags zum Frühschoppen ins

Scharfe Eck ging und Monners Eltern im Sonntagsstaat aus der Haustür kamen.

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Monner griff nach seiner Schultasche. „Ich muss rauf. Sie wartet mit dem Essen.“

Frau Simmel ging nicht arbeiten. Herr Simmel war der Ansicht, eine Frau gehörte

ins Haus. Er war Angestellter bei der Sparkasse und würde bald zum Essen nach

Hause kommen. Sie verabschiedeten sich mit dem Teufelsgruß, dann durchquerte

Monner mit gewagten Sprüngen das ausgedehnte Pfützensystem der Ruhrstraße und

verschwand im Haus Ruhrstraße Nummer 31.

Auf Jülle wartete niemand. Ob er pünktlich aus der Schule kam, interessierte keinen.

Seine Mutter schwang in der Lampenfabrik den Lötkolben und sein Vater schwätzte

den Leuten Staubsauger und Waschmaschinen auf, irgendwo zwischen Dortmund

und Essen. Klinken putzen, nannte er das. Jülle stieß die Haustür mit dem Fuß auf.

Im vorderen Flur war links eine Tür mit einem Emailleschild, auf dem stand UHR-

MACHER-WERKSTATT, dahinter saß Opa Jakubeit an seiner Werkbank. Zwischen

dem vorderen Flur und dem Treppenhaus war eine Zwischentür, über deren

bunten Scheiben noch ein Schild angeschraubt war: HOTEL SOLEDAD. Bierkempers

Bernd hatte es aus Spanien mitgebracht. Gleich rechts dahinter stand Jakubeits

Waschmaschine, daneben war die Wohnungstür, durch die man direkt in die Küche

kam, wo Oma Jakubeit in ihren Töpfen rührte. Ein widerlicher Geruch zog durch

die Türritzen und mischte sich mit dem Modergeruch, der bei Regen vom Keller heraufkam.

Sein Vater hatte gesagt, er wollte da eine Champignonzucht anlegen, damit

würde er soviel Geld verdienen, dass er nie wieder zu arbeiten brauchte. Man wusste

nie, was er ernst meinte und was nicht.

Ernst Kachel, Hauswirt und Schrotthändler, dem die Häuser Ruhrstraße 31 und 33

gehörten, hatte gleich nach dem Krieg vor dem Haus Nummer 33 einen Anbau

hochziehen lassen, um dort sein Büro einzurichten. Die Parterrefenster zur Ruhrstraße

ließ er zumauern. Zwei von Jakubeits Zimmern hatten auch noch Fenster zur

Kölner Straße oder zum Hof, aber die Küche hatte nur ein Fenster, deswegen hatten

die Maurer einen engen Lichtschacht gelassen, sodass in der Küche auch bei Sonnenschein

immer staubgraues Dämmerlicht herrschte. Die beiden Alten schienen

die Finsternis jedoch zu lieben, denn sie hielten auch tagsüber die Schlagläden der

übrigen Fenster geschlossen. Angeblich wegen Oma Jakubeits Migräne. Jülle stellte

sich die Migräne als eine im Gehirn lebende Schlange vor. Manchmal kletterte er

aus ihrem Küchenfenster auf das Dach des Anbaus und legte sich auf die würzig duftende

Dachpappe, von wo er durch den Lichtschacht in Oma Jakubeits Kochtöpfe

linsen konnte. Er durfte sich nur nicht von Herrn Wehring erwischen lassen, der in

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dem Anbau einen Tabakladen betrieb, nachdem Kachels Büro ausgezogen war. Wehring

hatte es gar nicht gerne, wenn man ihm aufs Dach stieg.

Vor Jakubeits Tür dachte Jülle an die Geister der toten Fuhrleute, die vor langer Zeit

in Nummer 33 gezecht hatten, als das Haus noch eine Herberge gewesen war. Es

ging die Sage, dass sie im Haus spukten. Wenn es sie wirklich gab, würden sie sich in

Jakubeits Katakomben bestimmt wohl fühlen. Er glaubte zwar nicht daran, aber vorsichtshalber

nahm er immer zwei Stufen auf einmal. Er schloss die Wohnung mit

dem Schlüssel auf, der an einer Kordel um seinen Hals hing. Drinnen streifte er die

durchweichten Sandalen von den Füßen, hängte sein nasses Zeug zum Trocknen

über dem Herd und zog den dunkelblauen Trainingsanzug an, so leise wie möglich,

weil es sein konnte, dass sein Vater noch im Bett lag und ihn, wenn er wach wurde,

in eine stinkende Amtsstube schickte, wo er sich in eine Schlange einreihen und stundenlang

warten musste. Oder er musste zu Uhlig, eine Flasche Wein holen. Das war

noch schlimmer, denn wenn der Alte pleite war, müsste er anschreiben lassen, und

das wäre peinlich, weil sie ihre Schulden schon ewig nicht mehr bezahlt hatten. Mit

einem vorwurfsvollen Blick würde Herr Uhlig das Schuldenbuch aufschlagen, den

Bleistift anlecken und die Summe eintragen. Der Alte brachte es fertig, bis kurz vor

Mittag im Bett zu liegen und, wenn die Sonne schien, ins Freibad zu gehen, wo er

sich in einem Badehöschen, das ihm viel zu eng war, auf die Wiese legte und Frauen

auf den Hintern glotzte. Von da aus ging er ins Scharfe Eck. Arbeiten und saufen ließen

sich bei ihm nicht auseinanderhalten. Immerhin hatte das den Vorteil, dass er

ihn selten sah. Wenn Jülle aus der Schule kam, war der Alte weg und wenn er nachts

nach Hause kam, schlief Jülle schon. Er schlich zur Schlafzimmertür und schaute

nach. Gottseidank war er weg.

Erleichtert tupfte er die zimtbraunen Zuckerkörnchen und die gelbgrauen Haferflocken,

die er morgens verstreut hatte, mit dem Zeigefinger vom Küchentisch auf,

und leckte ihn ab. In der Backröhre stand ein Topf Schnibbelbohnen mit Bauchspeck

vom Abend vorher zum Aufwärmen. Der Feuerstein sprühte Funken, mit einer

schwachen Explosion entzündete sich das Gas, die Flammen fauchten blau aus den

Düsen, er stellte den Topf darauf. Als es angebrannt roch, nahm er den Topf vom

Gas und setzte sich damit an den Tisch.

Nach dem Essen hockte er sich auf das Sofa, zog die Gardine zur Seite, wobei er den

Wecker herunterfegte, der scheppernd unter den Sessel rollte. Es regnete und regnete,

die Straßenkreuzung stand schon unter Wasser. Er starrte in das grässliche Grau,

sogar der Hahn auf dem Turm von St.Marien war von Wolken verhüllt. Ein tiefer

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Seufzer und er holte den Zeichenblock und sein Schreibetui aus dem Tornister. Lehrer

Schmidtke hatte ihnen aufgegeben, einen Grundriss der Wohnung zu zeichnen.

Dazu brauchte er einen Zollstock.

Im Schlafzimmer roch es nach Erwachsenen. Das Ehebett wirkte bedrohlich, als ob

sich jemand unter dem Bettzeug versteckte. (Dem Alten war alles zuzutrauen.). Über

dem Bett hing das Bild einer Zigeunerin mit schwarzen Locken, der die Titten aus

dem Mieder quollen. Die Fenster gingen zum Hof, davor war eine Gardine wie ein

Fischernetz. (Darin konnte man gefangen werden.) Durch das Fenster schaute man

auf eine Gefängnismauer. (Die Ziegelwand von Nummer 31). Der Himmel war nicht

zu sehen.

Der Zollstock lag gelb und ausklappbar auf der Frisierkommode. Man konnte sein

Hemd ausziehen, es sich um den Kopf schlingen wie einen Turban, die Hose des

Trainingsanzugs aufkrempeln und mit nacktem Oberkörper den Zollstock als

Schwert durch die Luft sausen lassen und sich dabei im Toilettenspiegel bewundern.

Der Sultan kennt keine Gnade und hackt dem Schurken alle Glieder ab, eins nach dem

anderen, erst die großen, ganz zuletzt das kleine, bis nur noch der Rumpf dasteht, aus

allen Löchern blutend. Den Kopf lässt er ihm, damit er sehen kann, wie beschissen er

aussieht. Und weil das Gejammer nicht zu ertragen ist, schneidet er ihm auch noch die

Zunge ab.

Interessant war auch die Frage, warum ein Spiegel rechts und links vertauscht, oben

und unten aber nicht. Jülle spürte eine weiche, lautlose Empfindung in seinem Kopf,

als er darüber nachdachte, genau wie bei der Frage nach dem Anfang der Welt. Man

fiel über den Rand ins Bodenlose, als ob die Erde eine Scheibe wäre und keine Kugel.

Die zwei ausklappbaren Seitenspiegel brauchte seine Mutter, damit sie sich von allen

Seiten schön machen konnte. Wenn er die Klappspiegel in einem bestimmten Winkel

zueinander stellte, schauten viele Jülles an ihm vorbei, aufgefächert in einer endlosen

Reihe, die nach hinten absank, je weiter, desto grüner, und immer undeutlicher.

Ein unermesslicher, nach unten geneigter Bogen von unzähligen Jülles, in der Unendlichkeit

verschwindend. Von der Unendlichkeit wusste man nur, dass sie verdammt

lange dauerte und man eine Ewigkeit brauchte, um anzukommen. Und wenn

man der Bibel glauben konnte, gab sich Gott mit einer einzigen Ewigkeit nicht zufrieden.

Vielleicht hatte er Pastor Schmandbruch aber auch falsch verstanden. Wenn

er den äußeren Klappspiegel rechtwinklig stellte, konnte er sich selbst so sehen, wie

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die anderen ihn sahen, der Scheitel auf der falschen Seite, die eigentlich die richtige

war. Und in den geschliffenen Glasrändern schillerten alle Farben des Regenbogens.

Ihm wurde schwindelig.

Alle Phantasiegefechte halfen nichts, er musste den Kampf mit der Wirklichkeit aufnehmen.

Um Platz für den Zeichenblock zu schaffen, musste er den Büstenhalter

seiner Mutter anfassen. Wie das wohl war, wenn man Brüste hatte? Und keinen Pimmel,

sondern einen Schlitz und nur so ein klitzekleines kitzliges Ding? Ob der BH

ihm passte? Wenn er ihn anzog, konnte er sich vielleicht besser vorstellen, wie es war,

ein Mädchen zu sein. Er stopfte die Körbchen mit Socken aus. Warum nicht noch

mehr Sachen anprobieren? Der Strumpfhaltergürtel war zu weit, die Nylonstrümpfe

warfen Korkenzieherfalten um seine mageren Beine, die hochhackigen Schuhe waren

zu eng. Er malte den Mund mit dem Lippenstift rot an, schmeckte süß und fruchtig,

verrieb etwas Rot auf den Wangen und schminkte einen schwarzen Schatten um die

Augen. Dann betrachtete er sich im Spiegel. Der Pimmel passte nicht ins Bild, er

klemmte ihn zwischen die Schenkel. Nun schaute ein hübsches Mädchen aus dem

Spiegel, das nur für ihn ganz allein da war. Der Pimmel wurde neugierig und sprang

aus seinem Versteck hervor.

Jülle saß auf einem der drei Stühle, die am Küchentisch standen (der vierte war ins

Schlafzimmer verbannt worden, weil er der Tür zum Flur im Weg war) und schrieb

in seiner schönsten Schrift: Unsere Wohnung. Herr Schmidtke hatte gesagt, sie sollten

sich das Haus durchsichtig vorstellen und überlegen, wo im Haus ihre Wohnung

läge. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er zur Haustür hereinkam, die

Treppe hinaufging, vor der Wohnungstür stand, dann zeichnete er ein Rechteck und

daneben noch eins. Das war die ganze Wohnung. Zwei mickrige Rechtecke. Wohnküche

und Schlafzimmer. Fertig. Seine Mutter meinte, eine Küche ohne Spülstein

und Wasserhahn wäre keine richtige Küche, und wenn man sich auf dem Flur waschen

müsste, wäre es keine richtige Wohnung. Sie war von ihren Eltern früher Besseres

gewöhnt. Über dem Tisch hing eine Gaslampe, deren Glühstrumpf so teuer

und empfindlich war, dass man ihn noch nicht mal angucken durfte. Sie waren die

einzigen im Haus, die noch eine Gaslampe hatten. Es wäre kein Problem gewesen,

auch an die Zimmerdecke eine Stromleitung zu legen, seine Mutter hatte deswegen

schon mit Bierkempers Bernd gesprochen, aber Hauswirt Kachel weigerte sich, das

zu bezahlen. Aus dem Küchenherd stieg die Ofenpfeife auf, die den Qualm durch

einen gefältelten Knick in das Schornsteinloch führte. Darüber erstreckte sich ein

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auner Wasserfleck bis zur Decke. Wenn seinen Eltern kein anderer Grund einfiel,

stritten sie sich deswegen. Seine Mutter verglich sich mit den Nachbarn. Kramers

hatten einen Spülstein in der Wohnung und statt einer Gaslampe hing an der Decke

eine hübsche elektrische Lampe. Und ein Zimmer mehr hatten sie auch, obwohl sie

keine Kinder hatten. Ein richtiges Wohnzimmer zu haben, war der Traum seiner

Mutter. Am liebsten im Nachbarhaus Ruhrstraße 31, wo es helle Wohnungen mit

großen Fenstern und hohen Decken gab, und wo Flure und Treppen jede Woche geputzt

wurden. Andererseits war es im Augenblick ein Vorteil, weil zwei Zimmer

schneller gezeichnet waren. Monner zum Beispiel könnte ihre Wohnung gar nicht

auf einem Blatt unterbringen, weil er ein eigenes Zimmer unterm Dach hatte. Wie

sollte er das zeichnen? (Vielleicht auf zwei Blättern übereinander?) Friedbert Kachel

mit seiner Villa käme noch nicht mal mit zwei Blättern aus.

Das Modernste in der Wohnung war die Saba-Musiktruhe, die seine Mutter sich vom

Munde abgespart hatte, wie sie bei Ehestreitigkeiten betonte. Darauf stand ein Buddelschiff,

das seinem Vater gehörte. Er hatte zur Marine gewollt, aber weil er kurzsichtig

war, hatte es nur zum Stoppelhopser bei der Infanterie gereicht.

Jülle warf einen Blick aus dem Fenster und sah Jochen, den Knecht von Bauer Dahlmann,

mit dem Pferdefuhrwerk die Kölner Straße herunterkommen. Er hatte einen

schwarzen Regenmantel an und einen riesigen Schlapphut auf. Er sah aus wie der

Schwarze Bandit. Sofort verwandelte Jülle sich in Lucky Lenox, den gefürchteten

Wildwest-Helden.

Lucky Lenox war im Wilden Westen als schneller Schütze berühmt. Das erkannte man

an den vielen Kerben am Griff seines Colts. Eine Kerbe für jeden toten Gegner. Lucky

war zu Ohren gekommen, dass der Schwarze Bandit in der Nähe der alten Goldgräberstadt

einen Anschlag auf den Express nach Santa Fé plante, um die Tochter des Richters

zu entführen. Die blonde Lucy fuhr in einem Luxus-Waggon zu ihrer Hochzeit mit

dem Sohn des reichsten Ranchers von ganz Texas.

„Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Schwarzer. Jetzt holt dich der Teufel.“

Lucky zog den Colt aus dem Halfter und ritt dem Schwarzen Banditen entgegen. Der

Schwarze Bandit warf sich herum und riss seine Waffe hoch, aber Lucky feuerte schneller.

Der Schwarze Bandit warf die Arme hoch, drehte sich um seine Achse und brach zusammen.

Das Gesicht von Lucy erschien am Fenster des Waggons. Durch Luckys furchtlosen

Einsatz war ihr kein Härchen gekrümmt worden.

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Lucky zügelte sein treues Pferd oberhalb der Böschung. Es war nicht seine Art, sich als

Retter aufzuspielen. Der Alltag eines Helden war eben so. „Schätze, ich habe nicht mehr

als meine lausige Pflicht getan“, sagte er lakonisch und tippte mit den Fingern an die

breite Krempe seines Huts. Lucky war ein wortkarger Bursche, das hatte er von den Indianern

gelernt. Lucys verliebte Blicke brannten ihm Löcher in den Rücken, aber das

scherte ihn einen Dreck. Frauen passten nicht in das Leben eines Helden.

Er ritt hinaus in die Prärie, die Sonne putzen.

Nachdem er Jochen mit dem Zollstock erledigt hatte, kroch er über das wolkige Linoleum

des Fußbodens, um die Küche auszumessen. (Unglaublich, wie viele Beine

eine Küche hat.) Unter dem Sessel fand er den Wecker, der am Morgen vom Fensterbrett

gefallen war. Das gute Stück hatte schon ein paar Wutanfälle seiner Mutter

überlebt. Wenn sie in Fahrt war, warf sie mit allem, was ihr gerade in die Hand kam.

Der Wecker hatte sich schon einmal in seine Einzelteile zerlegt. Diesmal hatte er eine

Beule, das Glas war herausgefallen und er tickte nicht mehr. Nachdem er das Glas in

das Gehäuse geklemmt und auf die Fensterbank gestellt hatte, schob er den Zollstock

unter den Küchenschrank bis er an die Fußleisten stieß. Beim Messen unter der

Schlafcouch fiel ihm auf, dass der Zollstock abgebrochen und nur noch 172 Zentimeter

lang war. Sollte er jetzt etwa wieder von vorne anfangen? Drauf gepfiffen. Jülle

trug die Maße in die Zeichnung ein. Herr Schmidtke konnte das doch egal sein, der

wusste doch sowieso nicht, wie groß die Wohnung war.

Die Tür zum Schlafzimmer ging nicht ganz auf, sie stieß an den Gasherd. (In der

Wohnung war immer irgendwas im Weg.) Dem Toilettenspiegel war Jülles Verkleidungsnummer

von vorhin nicht anzusehen. Harmlos stand er da, bis auf einen blauen

Fleck auf dem hellen Birkenholz. Der kam von Jülles Tintenfinger und den hatte er

vom undichten Füller. Aber Kugelschreiber waren ja verboten, weil sie angeblich die

Handschrift verdarben. Er spuckte auf den Ärmel und rieb, aber es blieb ein blassblaues

Wölkchen. Er schob die Muschel „Gruß aus Norderney“, in der seine Mutter

Schmuck verwahrte, über den Fleck.

Neben dem stinkigen Schaffell vorm Bett seines Vaters stand ein stinkender Zinkeimer,

in den sein Vater nachts pinkelte, um nicht über den Flur die halbe Treppe runter

aufs Klo zu müssen. Auf allen Vieren kriechend stocherte Jülle mit dem

zerbrochenen Zollstock unter dem Nachtschränkchen. Ein dickes, schwarzes Buch

bot Widerstand, darauf stand in goldenen Buchstaben „Die Heilige Bibel“. (Seit

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wann liest der Alte die Bibel? Gewöhnlich las er Schmöker, in denen es um Mord

und Totschlag ging.) Die Antwort gab das Wort Gottes selbst. Es spuckte etwas aus,

das haarscharf am Pisseimer vorbeisegelte und auf dem Stinkefell liegen blieb.

Es ist ein Foto. Was darauf zu sehen ist, hat Jülle noch nie gesehen. Ein Mann und

eine Frau seitlich aufgenommen. Was sie machen, ist so unwirklich, dass er zweifelt,

ob er es wirklich sieht: Der Mann sitzt auf einem Stuhl, hat einen dunklen Anzug

an und ein weißes Hemd mit Schlips. Wenn er nicht die schwarze Maske vor den

Augen hätte und wenn aus seiner Hose nicht sein steifer Pimmel ragte, könnte man

glauben, er wäre ein ganz normaler Büroangestellter. Die Frau trägt nur Büstenhalter,

Strumpfhaltergürtel und Strümpfe. Und auch eine schwarze Maske. Sie kniet vor

dem Mann und lutscht an seinem steifen Pimmel, als ob es Eis am Stiel wäre.

Jülles Augen zucken weg und sofort wieder hin. Eklig. Aber unwiderstehlich, gerade

weil es so eklig ist.

Jülle hatte nicht geahnt, dass es solche Riesenpimmel gab. Er starrte darauf, bis die

Konturen farbige Ränder bekamen, aber er begriff es nicht. Warum fickte er sie in

den Mund? Oder konnte man etwa doch vom Küssen Kinder kriegen? Aber der ÍGedanke

war so dämlich, da konnte er auch gleich wieder an den Klapperstorch glauben.

Das einzige, was er verstand, war, warum sie die schwarzen Masken trugen. Dabei

wollten sie nicht erkannt werden.

Schließlich gelang es ihm, seinen Blick von dem Bild zu lösen und es als das zu sehen,

was es war, ein Foto wie der blaue Hölter sie auch machte. Er drehte es um, aber Hölters

Stempel war nicht auf der Rückseite. Plötzlich durchfuhr ihn der Gedanke, seine

Mutter könnte früher von der Arbeit kommen. Der Wecker stand auf fünf nach zwei.

Quatsch. Der war ja kaputt. Rütteln änderte nichts, im Gehäuse rasselte es, als ob

gleich sämtliche Zahnräder heraus fallen würden. Er schaute aus dem Fenster. Uhligs

hatten noch geschlossen, es konnte noch keine drei Uhr sein. Sein Vater kam um

diese Zeit nicht nach Hause. Seine Mutter kam um halb fünf, manchmal aber auch

früher. Er öffnete die Küchentür einen Spalt, damit er hörte, wenn jemand über den

Flur kam. Wieder im Schlafzimmer legte er die Bibel aufs Bett, ließ die Seiten an

seinem Daumen vorbeigleiten und fand zwischen einer Doppelseite, auf der Jesus in

den Himmel schwebte, wo Gott mit seinen Engeln auf ihn wartete, noch zwei Fotos.

Auf dem einen hatte der Mann seinen Schwanz zwischen ihre Brüste gesteckt und

es sah aus, als wenn er ihr gerade ins Gesicht gespritzt hätte. Auf dem anderen lag

die Frau auf dem Rücken, der Mann über ihr, und sie fickten, wie Jülle sich vorstellte,

dass es gemacht wurde. Der Mann hatte viele Haare auf dem Rücken wie ein Affe.

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Schritte im Treppenhaus schrecken ihn auf, er steckt die Fotos in die Bibel, schiebt

sie unter das Nachtschränkchen. Die Klotür quietscht. Auf Socken huscht er hinaus,

gleitet lautlos wie ein Irokese auf dem Kriegspfad durch den Flur, vermeidet die knarrende

Stufe und äugelte mit angehaltenem Atem durch den Ritz in der Klotür. Plätschern,

tröpfeln, rauschen. Vilmas nackte Schenkel und ihr schwarzer Busch. Wasser

gurgelt in den Rohren. Dann ist er wieder im Schlafzimmer, schaut nach, ob alles so

ist, wie er es gefunden hat, ob er Spuren hinterlassen hat. Aus Kramers Wohnung

kommen Operettenmelodien. Er hat ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Sein Vater darf nicht wissen, dass er das Geheimnis der Bibel entdeckt hat. Niemand

darf das wissen. Er holt Papier und Bleistift, damit zeichnet er am Küchentisch eine

nackte Frau mit großen Brüsten und schwarzen Locken. Für den Mund nimmt er

einen Rotstift, mit dem macht er zwischen den Beinen einen Strich, rot wie Blut.

Der Affenmann hat viele Haare auf der Brust und ein rotes Köpfchen am Pimmel.

Auch die schwarzen Masken vergisst er nicht. Zum Schluss schneidet er die Figuren

mit Mutters Nagelschere aus.

Auf dem Küchenschrank steht ein Schuhkarton, braun mit dunklen Streifen. Jülle

steigt auf einen Stuhl. Auf dem Schrank ist alles mit Staub bedeckt, der Karton, eine

Lockenschere, die seine Mutter schon gesucht hat, und das Foto von seinen Eltern,

das der blaue Hölter bei einem Ausflug an die Talsperre gemacht hat. Darauf sehen

sie aus, als hätten sie sich noch nie gestritten. Hölter hat es gerahmt, als Weihnachtsgeschenk

für Jülles Eltern. (Vielleicht streiten sie sich nicht mehr, wenn sie es täglich

vor Augen haben. Aber wo soll man es aufhängen?) Er bläst den Staub herunter und

legt es auf den Küchentisch. Damit der Karton zu einem Haus wird, schneidet er

Fenster und Türen hinein. Jülles Finger sind die Beine eines Zwergs, der den Mann

auf die Frau legt und sie mit einer Stecknadel durch die Bäuche piekt und so auf dem

Boden befestigt. Dann: Zwei Seiten der Wacker Rundschau zusammenknüllen, in

das Feuerloch stopfen (die Apfelsinenkiste kracht unter den Füßen) und die Späne

zu einem Scheiterhaufen schichten. Das Haus aus Karton draufstellen. Das Streichholz

verbreitet würzigen Rauch, Flammen springen vom Papier auf das Holz, brauner

Saft quillt heraus, zischt, brennt, die Pappwände krümmen sich, braune Flecken werden

schwarz, brechen auf, Flammen fressen alles auf und verlöschen. Es bleiben weiße

Aschefetzen, die mit der heißen Luft in den Schornstein aufsteigen. Die Stecknadel

schimmert bläulich.

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Jülles spuckt auf die heiße Herdplatte, der tanzende Schaum verdampft mit kleinen

Explosionen. Er kann den Gedanken nicht loswerden, er hätte die Frau und den

Mann schon mal gesehen.

Gerade als er den Zollstock angelegt hatte, um zu messen, ob sein Schwanz gewachsen

war, hörte er Stimmen im Flur. Seine Mutter und Vilma. Sie müsste gleich rüber

zu Elli Bärenfänger, sagte seine Mutter, weil da wäre heute die Friseuse. Als sie in die

Küche kam, saß er mit unschuldigem Gesicht am Tisch über den Schulheften.

Martha Ewaldt war eine kleine, energische Frau von vierunddreißig, die sich was auf

ihre Ähnlichkeit mit Zarah Leander einbildete. Sie warf einen Blick in den Spiegel

auf der Innenseite der Küchentür und zupfte an ihrer Frisur herum, wie immer wenn

sie reinkam. Wenn ihr nichts mehr einfiel, worüber sie reden konnte, blieb noch der

Kampf mit ihren Haaren, das war immer ein Thema. Vilma meinte, sie hätte überhaupt

keinen Grund, sich zu beschweren, aber Martha glaubte, sie wäre von der

Natur stiefmütterlich behandelt worden, nicht nur bei den Haaren, sondern auch

bei ihrer Körpergröße, die sie mit hohen Absätzen auszugleichen versuchte. Und

Jülle könnte froh sein, weil er mehr auf seinen Vater herauskäme und dessen blonde

Haare geerbt hätte und auch dessen Größe. Jülle, der darüber gar nicht froh war,

hielt den Wecker hoch. „Der is kaputt.“

„Wat is dat denn für’ne Begrüßung?“ Sie löste ihren Blick vom Spiegel. „Zuerst sagt

man mal guten Tag.“

„Tag, Mutti.“ Er schüttelte den Wecker. „Da rappelt was drin.“

„Hast du ihn wieder runtergeschmissen?“

Sie hängte ihre Jacke über die Stuhllehne, nahm ihm das Wrack aus der Hand und

stellte es auf den Tisch. Die Messingfüßchen knickten ein und der Wecker kippte

aufs Gesicht, das Glas fiel heraus, die restliche Federspannung ließ das Läutewerk

ablaufen, bis es mit einem letzten Ringeling verreckte.

„Wat gibts denn da zu lachen?“ Sie ließ sich auf die Couch sinken.

„Er ist in die Knie gegangen, als wenn er beten wollte.“

Sie verzog das Gesicht, nach neun Stunden Arbeit schaffte sie es nicht zu lachen.

„Bring ihn runter zu Opa Jakubeit.“

„Beim letzten Mal hat er gesagt, er kann ihn nich mehr reparieren.“

Sie schleuderte ihre Schuhe weg und rieb sich die Füße. „Weil du ihn mit in die Badewanne

genommen hast.“

„Ich wollte probieren, wie lange ich tauchen kann.“

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Sie angelte unter der Couch nach ihren Pantoffeln. „Er wird ihn schon noch mal

hinkriegen. Er soll sich nich so anstellen.“ Sie hob die Nase und schnupperte. „Hast

du wieder gekokelt?“

„Ich?“

Sie packte ihn am Arm und drehte ihn zu sich. „Stell dich bloß nicht so dumm.“

Er wand sich aus ihrem Griff und murmelte ohne sie anzuschauen: „Ich hab doch

nur den alten Karton verbrannt.“

„Beim nächsten Mal sag ich es Vati.“

Wenn sie aus der Fabrik kam, war sie zu müde, um sich mit ihm zu streiten.

„Guck mal, wat ich gefunden hab.“

„Ach, das Foto von der Talsperre. Wo war dat denn?“

„Auf dem Schrank.“ Er setzte sich neben sie und schmiegte sich an. „Warum hängen

wir dat eigentlich nich auf ? Gefällt et dir nich?“

Sie drückte ihn an sich und seufzte. „Wo sollen wir et denn hinhängen?“

Er zeigte auf eine Stelle an der Wand über dem Rauchtisch. „Hier.“

„Ja, machen wir mal. Aber jetzt leg es wieder auf den Schrank und dann bringst du

den Wecker runter. Ich muss gleich rüber zu Elli.“

„Die Weltuhr ist kaputt“, sagte das Mädchen mit den Honiglocken. „Jetzt kann die Zeit

nicht mehr vergehen. Wenn sie nicht repariert wird, werden wir nicht erwachsen.“ Kommandant

Lenox wusste Rat: „Da kann nur einer helfen, Emilio Jakubinski.“ Er flog

durch die unendliche, eisige Schwärze des Weltraums an den Rand der Galaxis, wo sich

die Zeitwerkstatt des genialen Ingenieurs befand. Dort herrschte ein Halbdunkel wie

verdünnte Tinte. „Sie sind unsere letzte Hoffnung, Jakubinski“, sagte Kommandant

Lenox, „wenn Sie die Weltuhr nicht wieder hinkriegen, wird die Menschheit aussterben.“

„Wat haste jesagt, Jülleken?“ Der Uhrmacher ließ einen Flachmann in der Schublade

unter der Werkbank verschwinden. „Is wieder mal ne Schraube locker?“

„Der Wecker geht nicht mehr.“

„Kann ja ooch nich, hat ja keene Beene.“

Opa Jakubeit kicherte in sich hinein, als hätte er wer weiß was für einen Witz gemacht.

Auf der Werkbank stand ein Teller kalter Haferpapp, in dem ein Löffel versunken

war. Der Alte hatte es am Magen und schlang den Haferbrei runter, damit

er den Schnaps aus dem Flachmann vertrug. Angeblich trank er den nur, weil die

Leute ihre Uhren so schlecht behandelten. ( Jülles Vater litt unter denselben Be-

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schwerden, die Doktor Viehberg Magenschleimhautentzündung nannte.) Opa Jakubeit

wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab, klemmte eine Lupe ins Auge

und starrte schweigend in das Messinggetriebe des Weckers. Eine bedrückende Stille

breitete sich in der Werkstatt aus, das Ticken der vielen Uhren wurde bedrohlich,

sogar die in den dunklen Schränken waren zu hören.

Während Jakubinski im Getriebe der Weltuhr stocherte, wurde das Universum zu einer

gigantischen Uhr. Durch das Klickern der Signale und das Knistern der Elektronen

drang ein Blubbern, als wenn Gasblasen aus dem Schlamm des Urmeeres aufstiegen

und an der Oberfläche platzten.

Die Geräusche kamen aus Hexenküche nebenan, wo Oma Jakubeit in ihren Töpfen

rührte. Ihr Herd brannte immer, sogar im Sommer stieg manchmal eine dünne

Rauchsäule aus dem brüchigen Schornstein von Nummer 33. Jetzt lockte sie ihn, er

sollte doch mal kommen, es gäbe was Leckeres. Jülle wusste, was es war: Zuckerklümpchen,

die nach Klopapier schmeckten.

„Mir räicht jätzt“, sagte Jakubeit, „is das letzte Mal, ich mach ihm nich mehr, kannst

du däiner Mutter sagen.“ Um sein linkes Auge war ein roter Ring von der Lupe. Die

Nörgeleien des Alten beeindruckten Jülle nicht. „Wann ist er fertig?“

„Komm um sechse.“

Wie das mit Hexen so ist, kleine Jungen können ihrem Zauber nicht widerstehen.

Jülle trat in die schummrige Küche, die direkt an die Werkstatt grenzte. Durch den

Lichtschacht fiel gerade so viel Helligkeit, dass er Oma Jakubeit am Herd erkennen

konnte. Der Uhrmacher war ein Strich in der Landschaft, seine Frau war kugelrund

wie ein Heißluftballon.

Die Höhle war eine Gruft, in der Fledermäuse von der Decke hingen. Es war bekannt,

dass die Hexe ihre Opfer zerschnitt, das Fleisch in großen Kesseln kochte und die Knochen

im Ofen verbrannte. Je weiter Kommandant Lenox vordrang, umso gruseliger

wurde es…

Oma Jakubeit schnappte ihn und presste ihn an ihre weichen Großmutterbrüste;

ihre klebrigen Lippen schmatzten ihn ab und ihre dicken Finger walkten seine Ohrläppchen.

Er wollte nach dem Mädchen mit den Honiglocken rufen, damit es ihn

rettete, aber als er den Mund öffnete, steckte die Alte ein Bonbon hinein und flüs-

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terte ihm mit saurem Atem „Du kläiner Spatz.“ ins Ohr. Ihre Kleider rochen wie ein

Sack gekeimte Kartoffeln. Das Bonbon war so steinalt wie Oma Jakubeit selbst. Er

riss sich los, lief auf den Flur, wo er das Bonbon mitsamt der Spucke, die seinen Mund

ausfüllte, in den Spülstein spuckte.

* * *

Verglichen mit den Villen in der oberen Kölner Straße war Ruhrstraße Nummer 33

eine Hütte unter Palästen. Es war das schäbigste Haus in der Ruhrstraße, da waren

sich alle einig. Zweistöckig duckte es sich in den Schatten von Nummer 31, das mit

seinen vier Stockwerken nicht in die Ruhrstraße passte. In der Stadtbücherei hatte

Jülle einen Kupferstich von 1835 gesehen, darunter stand „Herberge an der Kölner

Straße“. Das Haus darauf war zweifellos Nummer 33, obwohl auf dem Bild von der

Ruhrstraße noch nichts zu sehen war. Damals war das Haus in gutem Zustand gewesen,

inzwischen waren die Schieferschindeln der Fassade grau und morsch, von

den Türen, Fensterrahmen und Schlagläden blätterte die Farbe ab, darunter kam

nacktes, faseriges Holz zum Vorschein. Das Dach hing vom Gewicht der Jahre durch

wie ein alterschwacher Pferderücken, der Sandstein der drei Treppenstufen am Eingang

war ausgehöhlt von den vielen Füßen, die in hundert Jahren und mehr ins Haus

und wieder hinausgegangen waren, die Haustür saugte bei Regen Feuchtigkeit auf,

bis sie schwer und schief in den Angeln hing. Ein Flügel blieb immer geschlossen,

den anderen hatten Jülle und andere Kinder vor ihm als Karussell benutzt, eine Vierteldrehung

hin und eine zurück, dabei hatte er eine Rille in die Bodenplatten gefräst,

weswegen die Tür nicht mehr richtig schloss, zum Ärger von Opa Jakubeit, der den

Durchzug nicht vertrug, und zur Freude von Strolchi, der durch den Spalt schlüpfen

konnte.

Jülle saß vor der Haustür auf der Steintreppe und wartete, dass es aufhörte zu regnen,

als Strolchis schwarz glänzende Hundenase durch den Türspalt spitzte. Jülle tätschelte

ihm den Kopf. Der Dackel bohrte ihm seine Schnauze in die Achselhöhle

und schaute ihn sehnsüchtig an. Ich will gekrault werden, bedeutete das. Am liebsten

hatte er es am Rücken. Jülle tat ihm den Gefallen, er mochte es, wenn Strolchis Muskeln

unter seinen Fingern zuckten. Nach einiger Zeit schlüpfte der Dackel unter seinen

Händen weg und schüttelte sich. Nun musste er los, die Duftmarken in seinem

Revier kontrollieren, vielleicht musste er neue setzen. Wie gewöhnlich trottete er

hinüber zum Fuhrhof, wo er zwischen den Garagen verschwand.

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Aus dem Keller tönte das Klappern von Blech. Das konnte nur Lothar Kramer sein,

der im Keller an den Ersatzteilen für seine Maschinen werkelte. Jülle stieg die steile

Kellertreppe hinunter, wobei ihm ein wenig unheimlich zumute war. Es war kindisch,

aber er dachte an den Fluch von Nummer 33. In der Ruhrstraße erzählte man sich,

hier spukten zwei Fuhrleute, die vor vielen Jahren einen reichen Kaufmann erschlagen

und beraubt hatten. Jülle hatte die mörderischen Fuhrleute sogar einmal in der

alten Schankstube grölen gehört. Natürlich gab es die Schankstube schon lange nicht

mehr. Wo sie gewesen war, hatte Opa Jakubeit seine Uhrmacherwerkstatt und was

Jülle auf der Schwelle zum Traum gehört hatte, war sein Vater gewesen, der besoffen

im Treppenhaus grölte, man müsste die verdammte Bruchbude an allen vier Ecken

anstecken, weil sie durch und durch mit Gesindel und Ungeziefer verseucht wäre.

Der Boden des Kellers bestand aus gestampfter Erde, die schwarz war vom Staub der

Kohlen, die runter- und wieder raufgeschleppt worden waren. Die niedrigen Bruchsteingewölbe,

auf denen das Fachwerk des Hauses ruhte, waren mit Lattenrosten in

Verschläge unterteilt, wo die Familien ihre Wintervorräte an Kohlen, Holz, Kartoffeln

und das Eingemachte lagerten. Klobige Vorhängeschlösser sollten den Zugang

verwehren, konnten aber ein schlaues Bürschchen wie Jülle nicht daran hindern, von

Opa Jakubeits Werkzeug zu klauen oder sich über Vilma Kramers süßsauer eingelegte

Pflaumen herzumachen.

„Na Jülle, was treibt dich denn hier runter?“, fragte Lothar Kramer, der sich im funzeligen

Licht einer Glühbirne an seinen Maschinen zu schaffen machte.

„Ich wollte nur mal gucken.“

„Ich bereite meine Tour vor. Morgen gehts los.“

„Was sind das eigentlich für Maschinen?“

„Metzgereimaschinen. Aber was du hier siehst, sind nur Ersatzteile.“ Er zeigte auf

Bleche aus matt schimmerndem Stahl. „Gehäuseteile, Ersatzmesser und so weiter.

Komplett würden die Maschinen gar nicht hier reinpassen.“ Eine Schnapsfahne flatterte

herüber, wenn er getrunken hatte, wurde Kramer gesprächig. Er wäre Werkzeugmacher

von Beruf und würde jetzt eine Firma in Stuttgart vertreten. „Du kennst

doch einen Fleischwolf aus der Küche. So ähnlich sind die Maschinen, nur viel größer

und sie haben höllisch scharfe Messer.“

„Kommst du da auch nach Hamburg, Onkel Lothar?“

„Aber sicher doch. Ich bin für ganz Norddeutschland zuständig. Gerade in Hamburg

hab ich viel zu tun.“ Er schlug mit der Faust gegen das Blech, dass es dröhnte. „Das

Gehäuse hier hab ich in Hamburg ausgewechselt.“

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Das schien Jülle dem Tor zur Welt gleich etwas näher zu bringen. „Warst du auch

schon im Hafen?“

„Na klar, war ich da. Ich lass mir doch die großen Pötte nicht entgehen.“

„Waren da auch Schiffe nach Amerika?“

„Ach, daher weht der Wind. Du willst ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“

„Ja. In den Wilden Westen.“

Herrn Kramers Lachen hallte im Blech seiner Maschinen wider. „Ich wollte immer

mal nach Chicago. Hat leider nie geklappt.“ Er hängte das Schloss an das Gatter und

schloss ab. „Wohnt nicht die Schwester von deiner Mutter in Hamburg? Warum besuchst

du die nicht mal?“ Und schon auf der Kellertreppe rief er: „Und noch was.

Wehe ich erwisch dich mal mit Streichhölzern im Keller. Ich hab da nämlich einen

Kanister mit Waschbenzin zu stehen. Mehr brauch ich ja wohl nich zu sagen.“

Als Jülle aus dem Keller kam, schien wieder die Sonne und ließ den Fluch von Nummer

33 mit dem Regen verdunsten. Auf dem dampfenden Bürgersteig balancierte

Bierkempers Bernd auf einer wackeligen Treppenleiter, um ein Schild neben die

Haustür zu schrauben. Auf dem Schild stand:

EMIL JAKUBEIT

UHRMACHERMEISTER

Jülle sah Williken Wenzel die Kölner Straße herunterwatscheln und versteckte sich

im Flur. Williken stellte sich vor der Leiter in Positur, legte die Hand über die Augen

und schaute zu Bernd hinauf. Er schwankte etwas, hatte offensichtlich schon einiges

intus. „Wat’n Glanz an der Hütte. Da wird man ja geblendet“, sagte er mit seiner

Reibeisenstimme. Tatsächlich war das Schild das einzige an Nummer 33, was glänzte.

Der Glanz würde nicht lange bleiben, da war Jülle sicher.

„Red nich so’n Stuss, Willi. Halt lieber mal die Leiter fest.“

„Ich muss Fotos schneiden.“

„Die können ja wohl noch fünf Minuten warten.“

Williken hätte selbst Halt gebraucht. Kaum hatte er seine Hand an die Leiter gelegt,

kippten sie gemeinsam um und fielen auf dem Bürgersteig, Bierkempers Bernd, Williken

Wenzel und die Leiter. Um die Katastrophe komplett zu machen, kam Strolchi

hochmütig und hochschwänzig getrippelt. Wenn er seinen Gassigang gemacht hatte,

schwoll ihm aus Gründen, die nur Hunde kennen, der Kamm. Er schnupperte gründlich

erst an Willikens, dann an Bernds Hose und verbellte den Fall schließlich ausführlich.

„Ich glaub es einfach nicht“, sagte Bernd. Williken glaubte seit dem

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Untergang des Dritten Reichs sowieso an nichts mehr. Zu betrunken, um wahrzunehmen,

dass es Strolchi war, der lüstern mit der Nase zwischen seinen Schenkeln

stöberte, kicherte er blöd: „Nich doch, Bernd.“ Der Dackel wurde vom Geruch von

Willikens Hose erregt, er umklammerte sie mit den Vorderbeinen und fing an zu

rammeln. Bernd, der sich aufrichten wollte, aber nicht hochkam, weil die Leiter auf

ihm lag, versuchte ihm einen Tritt zu verpassen, aber der Dackel hielt sich außerhalb

der Reichweite von Bernds Fuß. Er hatte ein feines Gespür dafür, wenn Menschen

wehrlos waren, er hob sein Bein und pisste über Willikens Hose. Danach hoppelte

er zufrieden die Treppe hinauf. Jülle beobachtete durch den Türspalt den Ringkampf,

den Bernd und Williken mit der Leiter austrugen. Lange sah es so aus, als ob die Leiter

Sieger bliebe, aber schließlich gelang es Bernd aufzustehen. „Ich bring den gottverdammten

Scheißköter um“, rief er. „Und dich auch.“ Er rammte Williken sein

Knie in die Seite. „Tu dir keinen Zwang an.“ Williken kam mühsam auf die Beine.

„Ich glaub, die Leiter hat et hinter sich“, stellte er fest. „Und du bist nicht nur voll

wie’n Pisseimer, du bist außerdem noch’n Vollidiot.“ Williken schob seine angeklebte

Frisur, die ihm auf die Schulter gerutscht war, mit einer oft geübten Handbewegung

wieder über die Glatze, taumelte an Jülle vorbei und fluchte: „Scheiße. Wieso is

meine Hose so nass?“

* * *

Eine Frau, die so viel Wert auf ihr Äußeres legte wie Vilma, machte sich in der Ruhrstraße

verdächtig. Die Frauen in der Ruhrstraße nahmen es ihr übel, weil sich ihre

Männer im Scharfen Eck zu vorgerückter Stunde an sie ranmachten und ihr Likörchen

ausgaben. Und Schlange standen, wenn Lothar auf Reisen war, um bei Vilma

den Wasserhahn zu reparieren, während er bei ihnen zu Hause schon seit der Letzten

Eiszeit tropfte. Jülles Mutter verglich sich ständig mit Vilma. Sie bezeichnete sich

zwar als ihre Freundin, aber das hielt sie nicht davon ab, bei Elli Bärenfänger über

sie herzuziehen. Sie nannte sie eitel, sie würde sich für was Besseres halten, regte sich

über Vilmas rot lackierten Fingernägel auf, ihre selbstgenähten Kleider wären zu gewagt

und überhaupt machte sie sich genauso einen Lenz wie ihre Schwester Berni

in Hamburg, die hätte es auch immer besser gehabt als sie. „Die brauch auch nich

inne Fabrik zu malochen, hat auch’n Mann, der verdient, und kann sich’n schönen

Tag machen.“ Am meisten beneidete sie Vilma um ihre Wohnung. „Ich möcht mal

gerne wissen, wat die hat, wat ich nich hab“, beschwerte sie sich, worauf Elli meinte:

„Wahrscheinlich hat se ne vergoldete Futt.“

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Rongeldidong

Als Jülle das Dröhnen hörte, wusste er, dass Vilma baden wollte. „Du machst mich

wahnsinnig, du russische Hexe“, sagte eine Stimme, die er lieber nicht gehört hätte.

Er schlich die Treppe hinauf, durch die Sprossen des Geländers sah er seinen Vater

und Vilma. Er stand hinter ihr, hatte die Arme um sie geschlungen und knetete ihre

Brüste, dabei sah er aus wie Bauer Dahlmanns Eber, wenn er eine Sau deckte. Fehlte

nur noch, dass ihm der Geifer aus dem Maul tropfte. Vilma versuchte sich aus der

Umklammerung zu lösen, um ihre Wanne aus der Nische zu ziehen. „Lass mir Ruhe,

Addi“, sagte sie mit gedämpfter Stimme. Sie war wütend, wollte aber kein Aufsehen

erregen. „Wenn kommt einer, was soll denken?“

Rongeldidong!

Das Blech dröhnte, als die Wanne umfiel. Aus Jülles Bauch stieg eine Lachblase auf.

Bevor sie platzte, glitt er rückwärts die Stufen hinunter und brachte sich mit einer

Flanke über das Geländer in Sicherheit, gerade noch rechtzeitig, bevor Vilma die

Wanne mit einem russischen Fluch auf die Reise schickte. Sie legte sich in die Kurve

wie ein Bob im Eiskanal. Jülle sah, dass sein Vater darin lag. (Wie war er da reingekommen?)

Sie prallte gegen die Klotür und schoss hinab in den unteren Flur, wo mit

einem hässlichen Geräusch die Blechfüße abrissen. Vor Jakubeits Küchentür kam sie

auf den Steinplatten kreischend zum Stehen. Die Tür öffnete sich. „Jessesmarianjosef

“, sagte Oma Jakubeit. Addi stieg aus der Wanne, ein Hemdzipfel hing aus der

Hose. „Gottverdammte Hurenscheiße!“ Aus der Dunkelheit der Küche tauchte der

Uhrmacher auf. „Wat jibt dat denn?“ Jülle wartete hinter der Kellertür auf eine Gelegenheit,

unbemerkt über den Hof zu verschwinden. „Kümmer dich um deinen eigenen

Mist“, raunzte Addi und machte sich daran, die Wanne wieder nach oben zu

tragen. Jülle schlüpfte durch die Hoftür. Dahlmanns alter Kaninchenstall war jetzt

der beste Platz, um seine Gedanken zu sortieren, obwohl es dort bedrückend eng

war. Als er hinein kroch, nahm ihm der scharfe Kaninchengestank, der sich in den

Brettern festgesetzt hatte, den Atem und er bekam eine Ahnung davon, was es hieß,

in einem Stall zu hausen.

Lucky Lenox würde sagen: „Die einzige Sprache, die dieser dreckige Bastard versteht,

ist die Sprache des Revolvers.“

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Die Dunkelheit breitete sich aus wie ein Ozean, in dem grauenhafte Wesen lebten,

die ihm Hände und Füße abzwacken würden, wenn er es wagte, sie unter

der Bettdecke vorzustrecken. Jülle lauschte auf die unheimlichen Geräusche des Ungeziefers,

das unter der Tapete in der Wand lebte und zu dessen Welt niemand Zugang

hatte. Wenn er sich das Gewimmel vorstellte, überlief ihn ein Schauder.

Julius Ewaldt lag auf der Schlafcouch in der dunklen Küche im ersten Stock in der

nächtlich stillen Ruhrstraße 33. ( Julius nannte ihn nur Herr Schmidtke, sein Lehrer.

Und seine Mutter, aber nur er was ausgefressen hatte. Für alle anderen war er Jülle.)

Seine Mutter schlief schon, weil sie früh zur Arbeit musste, und sein Vater war noch

unterwegs. Früher hatte Jülle auf einem Sofa quer am Fußende der Ehebetten geschlafen,

bis seine Mutter meinte, er wäre zu alt, um mit seinen Eltern im selben Zimmer

zu schlafen. Für ihn müsste eine Schlafcouch angeschafft werden. So eine Couch

wäre praktisch, weil sie Platz sparte. Nachts könnte Jülle darauf schlafen, tagsüber

könnten sie darauf sitzen. Sie hätten ja leider nur zwei Zimmer. Das sagte sie oft, um

Jülles Vater zu ärgern. Der meinte, das alte Sofa wäre noch gut genug. Für eine Schlafcouch

würde er keinen Pfennig rausrücken. Darauf hatte Jülles Mutter gesagt, wenn

er nicht soviel saufen würde, hätten sie genug Geld. Dann hatten sie sich wieder mal

gestritten. Sie hatte die Schlafcouch trotzdem gekauft und von dem Geld, das sie in

der Lampenfabrik verdiente, in kleinen Raten abgestottert. Auf Rattata nannte man

das in der Ruhrstraße.

Er träumte, er wäre in einem Unterseeboot. Durch das Glas konnte er den Meeresgrund

sehen. Draußen war alles grünlich wie in einem Aquarium. Wasserpflanzen bewegten

sich sanft. Blasen stiegen auf. Er war eingesperrt und die Fische waren in Freiheit. Sie

pressten ihre Saugmäuler an die Glasscheibe und lutschten sie ab. Ihre bunt schillernden

Kugelbäuche waren voll von winzigen Fischen, die aussahen wie Stecknadeln.

Kam das Geräusch aus dem Reich des Unerhörten? Oder aus dem Schlafzimmer seiner

Eltern? Oder durch die Tapetentür von den Nachbarn? Hechelte und fiepte Kramers

Dackel? Oder war es Vilma, die auf der anderen Seite der Wand wimmerte,

und Lothar, der ächzte, als wäre er am Ersticken? Es schien etwas sehr Anstrengendes

zu sein, das sie zu bewältigen hatten. Die Geräusche drängten auf einen Höhepunkt

hin, dann ein Schrei, der in einem kläglichen Winseln endete.

Jülles Freund Monner hatte gesagt, jeder Mann hätte nur tausend Schuss, dann wäre

Feierabend. Jülle hatte nachgerechnet und herausgefunden, dass er sein Pulver bald

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verschossen hätte, wenn das stimmte. Bierkempers Bernd, Jülles großer Freund, hatte

gesagt: „Der liebe Gott sieht alles, auch kleine Wichser.“ Dann hatte er gelacht und

gesagt, das wäre Quatsch. Trotzdem, Jülle war verunsichert. In der Stadtbücherei gab

es ein Buch, in dem stand, onanieren wäre gefährlich, man würde davon schlapp, im

Sport und überhaupt, würde später keine Kinder kriegen und man könnte sogar verrückt

werden davon. In der Erziehungsanstalt, mit der sein Vater ihm immer drohte,

wenn er was ausgefressen hatte, bekamen Jungen nachts die Hände festgeschnallt.

Monner hatte auch noch gesagt: Geschlecht ist schlecht. Warum sollte es sonst so

heißen? Jülle nahm sich jede Woche mindestens einmal vor, es nicht mehr zu tun,

aber wenn er das Hecheln und Stöhnen von nebenan hörte, fanden seine Hände

ganz von selbst den Weg, dagegen konnte er nichts machen. Manchmal passierte es

von selbst in einem feuchten Traum, wie Bierkempers Bernd das nannte. Wenn er

deswegen ein schlechtes Gewissen hatte, lief er nachmittags Runden um den Jahn-

Platz, statt Schularbeiten zu machen. Bei den Bundesjugendspielen hatte er den Dreikampf

gewonnen und eine Urkunde bekommen. Mit dem Wichsverbot konnte doch

was nicht stimmen. Der Saft wollte raus. Anscheinend gab es genug davon.

Zum zweiten Mal wurde Jülle aus dem Schlaf gerissen, als laute Stimmen ihn weckten.

Es war nicht ungewöhnlich, dass sein Vater mitten in der Nacht noch Freunde

mitbrachte. Wenn Hermann, der Wirt vom Scharfen Eck, der Kneipe gegenüber, sie

an die Luft setzte, tranken sie in Ewaldts Küche weiter. Jülle kannte die Stimmen

und er kannte die Männer, die sein Alter mitgebracht hatte.

Richard Hölter war ein Mann mit roten Haaren, einem Pferdegesicht und chronisch

entzündeten Augen. Als Kriegsgefangener hatte er englisch gelernt und machte gerne

einen auf Engländer, daher auch seine Vorliebe für karierte Schlägermützen und für

den Spitznamen Richie („Ritschi“). In der Ruhrstraße hieß er „der Blaue“, was er gar

nicht mochte. Bierkempers Bernd meinte, man würde ihn wegen seiner roten Haare

so nennen. Aber blau für rot? Das hatte doch keinen Sinn, fand Jülle. Da lag schon

die Erklärung näher, dass er öfter mal blau war, also besoffen. Das Leben hatte ihn

gezwungen, verschiedene Gewerbe zu betreiben. Jetzt war er Fotograf und hatte im

unteren Flur von Nummer 33 seine Dunkelkammer. Im Sommer lebte er davon, dass

er mit Williken Wenzel über die Jahrmärkte und Volksfeste des Ruhrgebiets und des

Niederrheins zog, bis zur holländischen Grenze, er mit Kamera und Stativ, Williken

im Kostüm von Mecki, dem Igel aus der Programmzeitschrift HÖRZU. Der Igel

war die Attraktion. Kinder und Verliebte wollten sich Arm in Arm mit Mecki foto-

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grafieren lassen. Im Winter, wenn das Foto-Geschäft schlecht lief, schwätzte Hölter

den Leuten Versicherungen auf. „Und ist ihm dieses nicht gelungen, macht er in Versicherungen“,

war der Kommentar von Jülles Vater.

Wenn in der Ruhrstraße Leute beisammen saßen, fingen sie früher oder später an,

Williken Wenzel durch den Kakao zu ziehen. Wie alt Williken war, darüber gab es

nur Vermutungen. Einige meinten, er wäre Ende vierzig, andere hielten für Mitte

zwanzig. Er war kaum größer als Jülle, hatte aber ein Gesicht wie ein greisenhaftes

Kind und eine Glatze. Um sie zu kaschieren, ließ er sich die Haare über den Ohren

lang wachsen, kämmte sie oben drüber und klebte sie mit gezuckertem Bier an. Wenn

er sich ein paar Tage nicht rasiert hatte, wurden in seinem Bart kahle Stellen sichtbar,

abstoßend bleich und glänzend. Er watschelte wie ein Matrose beim Landgang, weil

seine Arme und Beine unverhältnismäßig kurz waren. Dafür hätte er einen Pimmel

wie ein Pferd, erzählte man sich, und es gäbe Weiber, die davon nicht genug kriegen

könnten. Aber in der Ruhrstraße wurde viel geredet.

Sie fingen an, Flaschenbier zu trinken und die Bude vollzuqualmen. Jülle vergrub

sich in den Kissen und stellte sich schlafend. „Ich hab’n Ami an der Hand, der kann

jede Menge Zigaretten besorgen“, sagte der blaue Hölter. „Wird aber auch Zeit“,

sagte Jülles Vater. Er machte sich was zu essen wie gewöhnlich, wenn er nach Hause

kam. Die Bratpfanne klapperte, als er sie aus dem Backofen nahm, der Gasanzünder

zirpte, die Gasflamme blaffte, er riss die Schublade auf, die Bestecke klapperten, die

Schranktür quietschte, das Messer machte klack-klack auf dem Brettchen, als er den

Speck schnitt, das Ei machte titsch, als er es aufschlug, und als er es in die brutzelnden

Nudeln rührte, zischte es. Nachts war ein Hörspiel des Teufels, was tagsüber kaum

zu hören war. Und mit jedem Brutzeln und Zischen, Quietschen und Klappern

wuchs Jülles Hass. Das Allerschlimmste war das Schmatzen. Weil der Alte schlechte

Zähne hatte, kaute er jeden Bissen endlos. Jülle wünschte sich, er wäre Zorro, der

Mann mit der schwarzen Maske, dann würde er ihm ein blutiges Z in den Arsch ritzen.

Endlich hörte das Schmatzen auf, aber nun fingen sie an, Vilma Kramer durch die

Scheiße zu ziehen und Jülle, lebendig begraben auf der Schlafcouch, musste zuhören.

„Vilma muss ja’n Hauptgewinn für Lothar gewesen sein. Er gibt in Hamburg ein

Heidengeld für Nutten und Schampus aus und sie hält hier das Nest warm“, sagte

Williken. „Umgekehrt wird’n Schuh draus.“ Über die Bemerkung von Jülles Vater

dachten sie eine Weile nach, dann sagte der Blaue: „Wenn se nur nich so’n starken

Akzent hätte.“ Und Williken: „Ja, dat hab ich auch schon gerochen.“ Darauf lachten

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sie fies und ließen die Verschlüsse der Bierflaschen schnalzen. Das Bier gluckerte in

den Flaschen, als sie es schluckten; sie stöhnten, weil es ihnen so gut schmeckte, und

Jülle wünschte, die Flammen der Hölle würden ihnen die Ärsche verbrennen.

„Vilma lässt keinen dran, die winkt nur mit der Unterhose“, sagte Hölter.

„Würd ich nich sagen…“

„Wat willsse denn damit andeuten, Addi?“, fragte Williken.

„Ein Gentleman genießt und schweigt.“

„Guck mal, unser Casanova“, sagte der Blaue.

Während sie eine ganze Weile schwiegen, biss Jülle in sein Kissen.

„Ich könnt auch mal wieder’n bissken Verkehr gebrauchen“, sagte Williken.

Jülles Vater saugte an seinen Zähnen. „Wer nich?!“

„Wieso?“ Hölter und Williken gleichzeitig. „Lässt deine Alte dich nich mehr dran?“

Und als Addi schwieg, sagte Hölter: „Ihr müsst es so machen wie ich.“

„Und wie?“

„Einfach ausschwitzen.“

Sie lachten besonders fies, stießen die Bierflaschen gegeneinander und schluckten

geräuschvoll. Der blaue Hölter war ein überzeugter Junggeselle, der an der Ehe kein

gutes Haar ließ. „Musst ja jeder selber wissen“, sagte er, „aber ich würd mir das nicht

gefallen lassen. - Entweder ich bin verheiratet oder nicht.“

Williken wusste, dass Jülles Vater, der Russen angeblich hasste, trotzdem gerne mit

seinen Russischkenntnissen angab. „Sag mal wat auf russisch, Addi.“

„Job twoju mat.“

„Und wat heißt dat?“

„Fick deine Mutter.“

* * *

Jülles Mutter setzte einen Topf mit Wasser auf den Herd. „Weißt du, wo der Kamillentee

ist?“ Jülle schüttelte den Kopf. „Öh-öh.“

„Du sollst ordentlich mit mir sprechen.“

„Vielleicht hat Vati den gebraucht, weil er es am Magen hat.“

Vati lag im Sessel und las einen Krimi, wo dem Detektiv gerade fürchterlich die Fresse

poliert wurde; dabei knibbelte er sich die Glatze blutig.

„Hast du noch Schmerzen, Addi?“

„Hä?“

„Ob du noch Schmerzen hast.“

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„Seit wann interessiert dich denn, wie et mir geht?“

Jemand klopfte. Es war Vilma, die ihre Lockenschere nicht fand. Addi verkroch sich

in den Schmöker, am liebsten wäre er unsichtbar gewesen. „Komm doch eben rein“,

sagte Jülles Mutter zu Vilma, die an der Tür stehen geblieben war. Dann fing sie an,

Schubladen aufzureißen, dass es nur so rappelte. „Wenn ich bloß wüsste, wo ich die

Schere hingetan hab.“

Jülle kletterte auf einen Stuhl und holte die Schere vom Schrank, zusammen mit

dem Talsperrenfoto von seinen Eltern. Staubflocken sanken zu Boden. Die Lockenschere

gab er Vilma, das Foto legte er auf den Küchentisch. Als sie die Türklinke

schon in der Hand hatte, fragte er: „Wo ist eigentlich eure Badewanne, Tante Vilma?“

Sein Vater verschwand zwischen den Seiten des Krimis.

„Ist kaputt. Wir haben bei Kachel gebracht.“

„Wie kann denn ne Wanne kaputt gehen?“

„Füße sind ...“ Vilmas Hände deuteten an, was geschehen war.

„Abgebrochen?“

„So ist.“

„Wie können die denn abbrechen?“

„Vielleicht ich zu schwer.“ Vilma lachte verlegen.

„Sie kann doch unsere benutzen“, schlug Jülle vor.

„Du weißt ja, wo sie steht“, sagte seine Mutter.

„Danke für Angebot.“

Jülles Mutter ging mit Vilma hinaus. „Wenn wir bloß endlich ne andere Wohnung

hätten“, rief sie. Jülle schmierte sich ein Brot mit Margarine und Zucker darauf, fläzte

sich mit vollen Backen kauend auf die Couch und vertiefte sich in das „Neue Universum“.

Seine Mutter kam mit einer Emailleschüssel wieder herein, stellte sie auf

den Küchentisch, streute Teeblätter hinein, schüttete heißes Wasser darüber und

breitete ein Handtuch über ihren Kopf und dampfende Schüssel. In der Küche verbreitete

sich der Duft von Kamille. Angeblich war das gut für die Haut. „Ich möchte

mal wissen, was mit Vilmas Wanne passiert ist.“ Unter dem Handtuch klang ihre

Stimme dumpf. „Füße abgebrochen. Vielleicht ich zu schwer. Da lachen ja die Hühner.“

Jülle tippte mit dem Finger auf das „Neue Universum“. „Habt ihr schon mal was von

einer Einschienenbahn gehört?“ Sein Vater kratzte sich auf der Glatze, ohne von

dem Buch aufzuschauen. Seine Mutter schlug das Handtuch zurück. „Dein Sohn

hat dich was gefragt.“ Auf ihrem Gesicht standen Wassertröpfchen. Sein Vater klappte

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das Buch zu, wobei er seinen Zeigefinger als Lesezeichen benutzte. „Kann man hier

nich mal in Ruhe lesen? – Einschienenbahn? Wie soll ich mir dat denn vorstellen?“

„Die fährt auf der Schiene, die so hoch ist wie bei der Schwebebahn in Wuppertal.“

„Aber auf einer Schiene? Dat kannst du mir doch nich erzählen.“

„Die heißt Alweg-Bahn nach dem Erfinder und hier is’n Bild. - Guck mal, Vati.“

Seine Mutter trocknete sich das Gesicht ab. „Wenn die Eisenbahn nur noch eine

Schiene hat, wat machen die denn dann mit den Schienen, die sie nich mehr brauchen?“

Jülle fasste sich an den Kopf. „Du hast überhaupt nichts kapiert, Mutti. Guck doch

mal hier, dat Bild.“

Sie beugte sich über das Buch. Für einen Moment waren ihre drei Köpfe ganz nahe

zusammen und der Duft der Kamille im Haar seiner Mutter vermischte sich mit dem

Männergeruch seines Vaters und dem Geruch des Buchs. Die Abbildung zeigte ein

stromlinienförmiges Fahrzeug, das ungeheuer schnell aussah.

„Dat Besondere an der Einschienenbahn is, dat se nicht umkippen kann. Das ist

technisch unmöglich.“

„Ach. Wat nich alles technisch möglich sein soll.“

„Un-möglich, Mutti.“

„Meinetwegen auch unmöglich.“

Jülles Vater vertiefte sich wieder in sein Buch. Seine Mutter begann den Tisch abzuräumen,

dabei entdeckte sie das Talsperrenfoto. „Wo kommt dat denn jetz her?“ Sie

blies den Staub ab.

„Hab ich eben vom Schrank geholt. Sollen wir dat nich mal aufhängen?“

Sein Vater schreckte von seinem Buch auf. „Aufhängen? Wen?“

Jülle hielt das Foto hoch.

„Wat is dat denn?“

„Ein Foto.“

„Wat für’n Foto?“

„Das hat dein Sohn dir zu Weihnachten geschenkt. Un’dat wird jetz aufgehängt.“

Obwohl er sich gar nicht bewegt hatte, hob sie abwehrend die Hände. „Keine Angst,

ich brauch dich nicht dazu.“ Sie wendete sich an Jülle. „Dat is wieder mal typisch.

Komm. Wir machen dat jetz alleine.“ Aus einer Tasse auf dem Küchenschrank fischte

sie einen Nagel und gab ihn Jülle. Die Schublade im Küchentisch riss sie mit Schwung

auf, dass ihr der Hammer in die Hand sprang. „Wohin?“, fragte sie Jülle. „Da.“ Er

hielt den Nagel an die Wand über dem Rauchtisch. Wütend schwang sie den Ham-

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mer. Jülle zog rechtzeitig die Finger weg. Der Nagel war verschwunden. „Der is weg.“

Sie strich mit der Hand über den Nagelkopf, der zwischen den langschwänzigen bunten

Vögeln und schwertförmigen Halmen des Tapetenmusters als grauer Punkt zu

sehen war. „Dat gibt et doch nich.“ Jülle, dem schon leid tat, das Foto vom Schrank

geholt zu haben, zog den Nagel mit den Fingernägeln wieder heraus, etwas Sand rieselte

aus dem Loch.

Sein Vater ließ ein trockenes Lachen hören. „Dat hält nie. Der Rahmen is viel zu

schwer.“ So schnell gab Jülles kleine Mutti nicht auf. „Halt du dich da raus“, sagte sie.

Sie versuchte es neben dem Loch, erst etwas höher, dann etwas tiefer. Sie erzeugte

kleine Krater und winzige Sandhäufchen neben der Fußleiste.

„Au! Verdammt!“ Sie steckte den Daumen in den Mund.

„Halb so schlimm, Mutti. Das gibt nur’n blauen Fingernagel.“

„Da brauch man’ Dübel“, sagte sein Vater. „Hab ich aber nich, sonst hätte ich dat

schon lange gemacht.“ Sie verdrehte die Augen und sagte zur Zimmerdecke: „Sonst

hätte er das natürlich schon lange gemacht.“

Jülle holte das Kehrblech und den Handfeger und fegte den Sand vom Boden.

„Is doch klar, warum der Geier die Bruchbude vergammeln lässt“, sagte sein Vater.

„Warum denn?“ Jülle schüttete den Sand in den Kohlenkasten.

„Damit er es möglichst bald abreißen kann.“

„Ja und dann?“

„Dann setzt er hier’n großes Wohnhaus hin.“

„Wie Nummer 31?“

„Genau.“

„Das ist doch prima“, sagte Jülle, „dann kriegen wir endlich ne größere Wohnung

und ich brauch nicht mehr in der Küche zu schlafen.“

„Hast du’ne Ahnung.“ Sein Vater hatte für solche Gelegenheiten einen Karnevalsschlager

parat und sang: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, wer hat so viel

Pinkepinke, wer hat so viel Geld?“

Jülles Mutter winkte ab. „Du hast doch nur Angst, dass dir was vom Saufen abgeht.“

„Wenn wir wenigstens ein Badezimmer hätten“, sagte Jülle.

„In Nummer 31 sind die Klos auch auf der halben Treppe“, sagte sein Vater.

„Ja, aber wenigstens hat jede Familie ein eigenes.“

„Warum sind die eigentlich bei uns außen am Haus?“

„Wahrscheinlich gab es früher überhaupt kein Klo in der Hütte.“

„Wo haben die denn ...“

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„Die hatten’n Donnerbalken hinter’m Haus“, sagte er und vertiefte sich wieder in

seinen Schmöker.

„Weift du, ob Bernd da ift?“, fragte seine Mutter. Jülle schüttelte den Kopf. Sie nahm

den Daumen aus dem Mund. „Bernd ist soo hilfsbereit.“ Das war für seinen Vater bestimmt.

„Spring doch mal eben zu ihm rauf. - Oder warte, ich frag ihn selbst.“ Sein

Vater ließ das Buch sinken. „Ja, geh lieber selbst.“ Darauf hatte sie nur gewartet. „Du

hast es nötig“, sagte sie kiebig. „Wenn du nicht zwei linke Hände hättest, brauchte

ich nicht fremde Leute zu belästigen.“ (Oft stritten sie sich auf hochdeutsch.)

„So fremd kann er für dich ja gar nich sein.“

„Was willst du denn damit sagen?“

„Meinst du, ich wär blind?“

Er warf den Krimi auf den Rauchtisch und verschwand türknallend im Schlafzimmer.

Sie nahm betont ruhig die Schüssel und ging damit auf den Flur. Jülle hörte, wie sie

die Schüssel in den Spülstein leerte, dann ihre Schritte auf der Treppe nach oben. Es

dauerte nicht lange, bis sie wiederkam. „Is nich da, müssen wir dat mit dem Bild verschieben.“

Sie hatten wieder mal Streit. Jülle gab sich die Schuld. Am liebsten wäre er für immer

verschwunden. Wenn er nur gewusst hätte, wohin.

* * *

Mitte November kam der erste Frost. Als Jülle den Kopf aus der Haustür streckte,

trieb ein scharfer Wind eiskalten Regen durch die Ruhrstraße. Aus dem Dunkel hinter

ihm tauchte Opa Jakubeit auf. „Riecht nach Winter“, sagte er und zog seine Pelzmütze

über die Ohren.

„Alte Unke!“

Alle redeten von weißen Weihnachten, auch Jülles Mutter. Sein Vater meinte, es

würde regnen wie jedes Jahr. Daraus entstand ein Streit. Im Advent stritten sie sich

besonders oft. Sie sagte, sie würde Weihnachten ausfallen lassen und diesmal würde

sie es wahr machen, da könnten sie Gift drauf nehmen.

Heiligabend kam heran. Kurz vor zwei fing es an zu regnen. Wenigstens da drauf

könnte man sich verlassen, meinte sein Vater und ging ins Scharfe Eck. Seine Mutter

verlor die Nerven und ging mit Jülle auf den Weihnachtsmarkt, um auf den letzten

Drücker noch einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Der alte Sauerländer war schon

dabei, die abgesägten Zweige und die Nadeln zusammenzufegen. „Du kömms te late,

Frau, ek häwwe nix mehr.“ Als er sah, dass Jülle kurz vorm Heulen war, suchte er einen

Baum aus dem Abfall. „Kannsse umsüss häwwen“, sagte er, „und frohes Fest.“ Auf dem

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Heimweg schämte sich Jülle für das verkrüppelte Bäumchen und als sie Frau Kachel

trafen, die ihnen frohe Weihnachten wünschte, wäre er am liebsten im Gully versunken.

Als es dämmerte kam Jülles Vater hackevoll nach Hause, Hermann hatte ihn rausgeschmissen,

und schlief auf der Couch ein. Um dieselbe Zeit band Bierkempers Bernd

sich einen Bart aus Watte ums Kinn und zog den roten Mantel mit Kapuze an, um

für die kleinen Kinder aus der Nachbarschaft den Nikolaus zu machen. Zu diesem

Zweck hatte er sich vom Platzmeister des Fuhrhofs Fritz Stratmann, der in der Ruhrstraße

nur als Bubi genannt wurde, eine große schwarze Kladde geliehen, aus der er

die Sünden vorlas, die sie im letzten Jahr begangen hatten. Tommi Rutschnik war

Knecht Rupprecht. Er hatte sein Gesicht mit Holzkohle schwarz gemacht und

schwang einen Reisigbesen, mit dem er an die bösen Kinder Streiche austeilte, die

mehr ein Streicheln waren. Nach den Sünden drehte Bernd die Kladde um, deren

Rückseite er mit Goldpapier beklebt hatte, wodurch sie zum goldenen Buch wurde,

in dem die guten Taten standen. Beide trugen Säcke, der vom Nikolaus war voller

Geschenke, in den vom Knecht Rupprecht sollten die bösen Kinder gesteckt werden,

was niemals geschah, weil alle von jetzt an immer lieb sein wollten.

Weil der Christbaum so krumm war, dass er umzufallen drohte, band seine Mutter

ihn mit einer Kordel an der Wand fest. Und weil der Baum große Lücken hatte,

bohrte sie an einer kahlen Stelle ein Loch in den Stamm und setzte einen Zweig ein,

den sie weiter unten abgezwackt hatte. „Ob der wieder anwächst?“, fragte Jülle. Sie

machten sich daran, den Baum zu schmücken.

Opa Jakubeit machte Heiligabend Hasenpfeffer nach einem schlesischen Rezept.

Das war Tradition und alle im Haus waren eingeladen. Jakubeits Küche war von den

Kerzen des Weihnachtsbaums hell erleuchtet. Als Jülle und seine Mutter kamen,

waren Vilma und Lothar schon da. Als Bernd kam, fragte er nach Addi.

„Der schnarcht noch“, sagte Jülle.

„Na ja“, meinte Bernd, „dat bissken, wat er isst, kann er auch trinken.“

Nach dem Essen machten sie die Bescherung. Bernd war traurig, weil seine Frau und

seine Tochter nicht dabei waren. Jülle hatte zwei Wünsche, die ihm allerdings nicht

erfüllt wurden: ein Fernglas, mit dem man durch Mauern gucken konnte, und eine

Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte. Stattdessen bekam er ein neues Fahrrad, das

nicht neu war, sondern von Bernd generalüberholt. Weil im Eisenwerk gerade Benzinkanister

in Tarnfarbe gespritzt wurden, hatte Tommi das Rad olivgrün marmoriert.

„Hoffentlich findest du es wieder, wenn du es mal im Gelände ablegst“, sagte

Lothar.

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Silvester wäre der Christbaum beinahe abgebrannt, weil eine Kerze weich geworden

war. Jülles Vater merkte davon nichts. Von den Löscharbeiten auch nicht. Er wurde

erst zum Jahreswechsel wieder wach, als alle sich benahmen, als ob sie nicht mehr

alle Tassen im Schrank hätten. Das Feuerwerk war ein prächtiger Spaß, auch wenn

Jülle nur Ziesemännchen und Wunderkerzen hatte. Er traf sich draußen mit Monner,

der Chinakracher hatte, von denen seine Eltern nichts wissen durften, weil sie Feuerwerk

für Verschwendung und Sünde hielten. Sie warfen die Kracher in Briefkästen

der oberen Kölner Straße. Wenn sie explodierten, flogen die Klappen auf und brennende

Papierfetzen verteilten sich auf der Straße. Ötte durfte nicht raus, weil seine

Mutter Angst hatte, ein Böller könnte ihn in Stücke reißen.

* * *

Im Januar kam der Winter mit eisiger Macht. Der Schnee lag zu meterhohen Wällen

aufgeschüttet an den Straßenrändern, um über die Straße zu kommen, musste man

klettern oder eine Stelle suchen, wo sich jemand einen Durchlass geschaufelt hatte.

Teiche froren zu und der Wackerbach hatte Eisränder. Jülle wagte sich aufs Eis des

Löschteichs und brach ein. Er lief nach Hause. Unterwegs fror seine Hose an den

Beinen fest, zuhause stellte er sie zum Auftauen neben den Ofen.

Es wurde noch kälter. Zuerst froren die Wasserrohre im Toilettenanbau ein und man

musste einen Eimer Wasser zum Spülen mitnehmen. Als der Frost noch strenger

wurde, froren die Abflussrohre zu, sodass die Scheiße wieder hoch kam, wenn man

den Eimer Wasser reinschüttete. Man stand bis zu den Knöcheln in der Suppe.

Nachts fror alles am Boden fest, zusammen mit den aufgeweichten Seiten aus dem

Buch, die sie als Klopapier benutzten. Das Buch hieß „Mein Kampf “. Wer es aufgehängt

hatte, wusste keiner. Es wäre verboten, weil der Obernazi Adolf Hitler es verfasst

hatte, sagte Bierkempers Bernd. Sein Arsch wäre ihm eigentlich zu schade, um

sich damit abzuwischen.

Das Desaster war vollständig, als auch noch sämtliche Wasserleitungen einfroren

und aus den Wasserkränen kein Tropfen mehr kam. Geier Kachel kam geflogen,

schimpfte über die teuren Reparaturen und riet, sie sollten auf Tauwetter warten und

sich das Wasser bis dahin in Eimern aus dem Keller von Nummer 31 holen. Als es

endlich taute, waren die Wasserrohre vom Frost geplatzt, und es ging mit einer Überschwemmung

weiter. Das Wasser weichte die Decke im Flur auf, der mit Reisig und

Stroh verstärkte Lehm kam zum Vorschein und die Holzleisten des Spaliers sahen

aus wie Rippen eines angefressenen Tierkadavers. Anfangs hatte Jülle den Ausnah-

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mezustand unterhaltsam gefunden, aber als er im Treppenhaus beinahe von einem

großen Fladen Putz erschlagen worden wäre, der von der Decke fiel, reichte es ihm.

Der Klempner kam nicht. Beschwerden bei Kachel nützten nichts und sie mussten

das Wasser noch länger aus dem Keller von Nummer 31 herüberschleppen. Die

Frauen hantierten mit Eimern, Schrubbern und Putzlumpen. Die Männer fluchten

morgens, wenn sie zur Arbeit gingen, und wenn sie abends nach Hause kamen, fluchten

sie weiter. In der Schule stank es nach feuchten Wintermänteln und man musste

aufpassen, nicht auf den glitschigen Fliesen auszurutschen. Es war eine Riesensauerei,

drinnen und draußen auch, wo sich der Schnee in dreckigen Matsch verwandelte.

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