11/2017

Elternsein

Fritz + Fränzi

Fr. 7.50 11/November 2017

Hemmzwerg

Wie schüchternen

Kindern geholfen

werden kann

Downsyndrom

Mein Leben mit

Maél, 8 – eine

Mutter erzählt

Fleisch,

Milch, Ei

Was ist gut für mein Kind – und was nicht?


Illustration von Björn Berg © Bildmakarna Berg AB

Originaltitel: «Winter in Lönneberga», Text bearbeitet von Tristan Berger

TICKETS GEWINNEN!

www.oekk.ch/kimu

Unsere Krankenversicherung unterstützt

«Neues von Michel aus Lönneberga» und «Die kleine Hexe».

Zwei Kindermusicals, die der ganzen Familie Spass machen.


Editorial

Bild: Geri Born

Nik Niethammer

Chefredaktor

«Wenn Sie uns versprechen,

dass Sie nicht alles glauben,

was Ihr Kind von der

Schule erzählt, versprechen

wir Ihnen, dass wir nicht

alles glauben, was Ihr Kind

von zu Hause erzählt.»

Notiz an der Wandtafel in einer österreichischen

Grundschule, aufgeschrieben anlässlich eines

Elternabends.

Liebe Leserin, lieber Leser

Am 4. September erreichte mich eine E-Mail von Miriam Bettschen aus Frutigen BE: «Mit

grossem Interesse habe ich Ihren Bericht über Autismus gelesen. Sie haben den Nagel auf

den Kopf getroffen! Ich bin selber mit einem Autisten verheiratet und zwei unserer drei Kinder

leiden unter Autismus. Für unseren siebenjährigen Sohn Joel wünschen wir uns sehnlichst

einen Autismusbegleithund. In der Schweiz wartet man Jahre auf so einen Hund. Für

Joel wäre der Hund aber jetzt wichtig und nötig. Bitte helfen Sie uns.»

Dem Schreiben war ein Spendenaufruf beigelegt, mit dem Frau Bettschen bei Freunden,

Verwandten und Stiftungen Geld gesammelt hatte – wenig erfolgreich: Statt der benötigten

34 500 Franken für die Ausbildung und Anschaffung eines Autismusbegleithundes waren

lediglich 4000 Franken zusammengekommen.

«Für Joel ist es schwierig, mit Emotionen umzugehen und angemessen zu reagieren», erzählt

die dreifache Mutter. «Unser Sohn ist schnell reizüberflutet. Kleinste Veränderungen werfen

ihn aus der Bahn. Dann schreit er, wirft mit Gegenständen um sich, schlägt sich selbst.»

Fachleute schätzen, dass ein Begleithund die Anfälle von Autisten um die Hälfte reduzieren

kann. «Hat Joel einen Anfall und verkriecht sich unter der Bettdecke,

würde sich der Hund auf mein Kommando sachte auf Joel legen; zuerst

nur auf seine Beine, dann auf seinen ganzen Körper», sagt Miriam Bettschen.

«Es ist bekannt, dass Autisten bei Anfällen nichts mehr spüren. Sie

brauchen Widerstand. Der Druck des Hundes beruhigt sie.»

Die Stiftung Elternsein, Herausgeberin des Schweizer ElternMagazins

Fritz+Fränzi, unterstützt Miriam Bettschen bei der Finanzierung ihres

grossen Wunsches. Wie die Familie zu ihrem Begleithund kommt und

wie Sie helfen können, hat unsere Autorin Sarah King aufgeschrieben.

Ein Hund nach Mass für Joel – ab Seite 46.

In eigener Sache: Zweimal im Jahr veröffentlicht die WEMF AG die

Leserschaftsstudie MACH-Basic; sie gibt Aufschluss darüber, welche Zeitungen

und Zeitschriften Leser verlieren. Und welche zulegen. Die Zahlen

für unser Magazin in der Übersicht:

• 21 Prozent mehr Leserinnen und Leser innerhalb eines Jahres

(MACH-Basic 2017-2: 178 000 vs. MACH-Basic 2016-2: 147 000)

• Zunahme der verkauften Auflage gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent

(WEMF-Auflagenbulletin 2017: 24 846 Exemplare vs. 2016: 18 572 Exemplare)

• Zunahme der verkauften Auflage gegenüber 2015 um satte 143 Prozent

(Basis 2015: 10 224 Exemplare)

Ihr Zuspruch macht uns stolz. Und motiviert uns, Ihnen auch in Zukunft ein treuer Wegbegleiter

zu sein. Für Ihr Vertrauen danke ich Ihnen sehr herzlich.

Ihr Nik Niethammer

850 Lehrstellen in 25 Berufen | www.login.org


Fr. 7.50 11/November 2017

Inhalt

Ausgabe 11 / November 2017

Viele nützliche Informationen finden Sie auch auf

fritzundfraenzi.ch und

facebook.com/fritzundfraenzi.

Psychologie & Gesellschaft

40 Typisch Mädchen, typisch Buben?

Buben lernen anders als Mädchen.

Warum es wichtig ist, die Unterschiede

zu kennen, und wie Sie damit umgehen

können.

Augmented Reality

Dieses Zeichen im Heft bedeutet, dass Sie digitalen Mehrwert

erhalten. Hinter dem ar-Logo verbergen sich Videos und

Zusatzinformationen zu den Artikeln.

10

Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Dossier: Ernährung

10 Zu Tisch, bitte!

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme:

Es ist Wissenschaft und Glaubensfrage,

Geschmackssache und Kulturgut, es

verbindet Familien oder spaltet sie.

Wir haben sieben Ernährungsmythen auf

den Prüfstand gestellt – mit teilweise

überraschenden Erkenntnissen.

32 Schön entspannt bleiben

Die Ernährungspsychologin Katja Kröller

plädiert für Gelassenheit, wenn Kinder

plötzlich zu Früchte- und Gemüsemuffeln

werden.

Hemmzwerg

Wie schüchternen

Kindern geholfen

werden kann

Downsyndrom

Mein Leben mit

Maél, 8 – eine

Mutter erzählt

Fleisch,

Milch, Ei

Was ist gut für unsere Kinder – und was nicht?

Cover

Viele Kinder greifen

gerne nach Fleisch,

Milch und Ei – doch

ist das auch gesund?

Bilder: Filipa Peixeiro / 13 Photo, Daniel Winkler / 13 Photo, Samuel Trümpy / 13 Photo, Daniel Auf der Mauer / 13 Photo

4


36

46

70

Georg Stöckli, warum sind gewisse Kinder

übermässig schüchtern?

Joel, 7, hat Asperger. Ein Begleithund würde

ihm und seiner Mutter den Alltag erleichtern.

«Wenn ich mit Maél zusammen bin, zählt

nur der Moment», sagt Barbara Stotz.

Erziehung & Schule

46 Ein Begleithund für Joel

Joel hat das Asperger-Syndrom,

eine Variante des Autismus. Ein

Begleithund könnte ihm helfen, sich

im Leben beser zurechtzufinden.

Die Stiftung Elternsein startet eine

grosse Spendenaktion.

54 Eine Frage der Sicht

Für das Verständnis von Kindern ist

ein Perspektivenwechsel nötig.

56 Freude an der Rechtschreibung

Drei Praxistipps.

60 Schlagen, treten, beissen

Was Eltern bei extremer Aggression

ihres Kindes tun können.

64 Freude am Rechnen

Die «befreiende Pädagogik» kann

Kinder fürs Lernen begeistern.

70 Leben mit Downsyndrom

Eine Mutter erzählt, wie die

genetische Veranlagung ihres Kindes

die Familie verändert und prägt.

Digital & Medial

82 Anderen beim Spielen zuschauen

Let’s Player sind Jugendliche, die sich

während des Gamens filmen. Deren

Youtube-Filme sind bei Teenagern

äusserst beliebt.

86 Sind Gesundheits-Apps

sinnvoll?

Drei Tipps, worauf es ankommt.

Ernährung & Gesundheit

78 Generation kurzsichtig

Die Zahl der Schulkinder, die eine

Brille brauchen, steigt weltweit.

Warum? Und kann Kurzsichtigkeit

verhindert werden?

Rubriken

03 Editorial

06 Entdecken

34 Monatsinterview

Der Erziehungswissenschaftler Georg

Stöckli ist Experte für Schüchternheit.

42 Jesper Juul

Wie kommen Eltern zu Schlaf, wenn

Kinder das Familienbett belagern?

44 Michèle Binswanger

Unsere Kolumnistin ist irritiert, dass

eine Teenie-Girlband mit sehr

explizitem Wortschatz sie fasziniert.

57 Stiftung Elternsein

Ellen Ringier über ihre Mutter, die sie

auch im Winter in Kniesocken zur

Schule schickte, und warum sie

Verständnis hat für die Modemacken

ihrer Töchter.

58 Fabian Grolimund

Wer aufhört, sich gegenseitig

kennenzulernen, wird sich fremd –

das gilt auch für unsere engsten

Beziehungen.

68 Leserbriefe

90 Eine Frage – drei Meinungen

Was tun, wenn der jüngere Bruder

besser Fussball spielt als der ältere?

Service

85 Verlosung

88 Sponsoren/Impressum

89 Buchtipps

91 Abo

Die nächste Ausgabe erscheint

am 1. Dezember 2017.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 20175


Entdecken

So entspannt ist Bern

3 FRAGEN

Wo wollen Sie wohnen? Dort, wo das Leben

möglichst entspannt ist? Dann sollten Sie nach

Bern ziehen. Laut einer Studie im Auftrag der

mobilen Wäscherei und Reinigung Zipjet in

Berlin ist Bern die stressfreiste Stadt der

Schweiz. Untersucht wurden rund 500 Städte

nach Kriterien wie psychische Gesundheit der

Bewohner, Arbeitslosigkeit, Schulden pro Kopf,

Anzahl Sonnenstunden,

Anzahl Grünflächen,

Gleichstellung,

Sicherheit, Umweltbelastung

und Bevölkerungsdichte.

Bern

schaffte es auf Platz

vier. Der erste Platz

ging an Stuttgart.

an Daniel Hess, Co-Leiter des Vereins Glücksschule

«Schüler sollen an sich glauben können»

Der Verein «Glücksschule» setzt sich für eine öffentliche Schule ein,

in der Kinder mit Freude lernen und in die sie gerne gehen. Wie diese

aussehen soll, erklärt Vereinsleiter Daniel Hess.

Interview: Evelin Hartmann

Daniel Hess, im Januar 2015 kam Ihr Buch «Glücksschule» auf den

Markt. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch?

Ich habe in dieser Zeit als Berufsschullehrer gearbeitet und war entsetzt,

wie viele Schüler bereits mit der Schule innerlich abgeschlossen hatten.

Zu dieser Zeit kam auch mein ältester Sohn in die Schule und wollte schon

nach wenigen Wochen nicht mehr hingehen. «Ich werde dort krank», waren

seine Worte. Mir wurde bewusst, wie viele schulische und gesellschaftliche

Strukturen nicht dem Glück aller Menschen dienen. Ich wollte ein Buch

schreiben, welches das Glück jedes Menschen ins Zentrum stellt.

2015 wurde der gleichnamige Verein gegründet. Mit welchem Ziel?

Der Verein setzt sich für einen Wandel an der öffentlichen Schule ein:

Es müssen am Ende der Schulzeit nicht alle das Gleiche können, sondern

jeder Schüler sollte vor allem an die eigenen Fähigkeiten glauben.

Das ist doch die wichtigste Ressource jedes Menschen!

Wie sieht heute Ihre Arbeit konkret aus?

In der gesamten Schweiz gibt es inzwischen mehrere Regionalgruppen.

Wir wollen die Menschen für eine andere Schulkultur sensibilisieren,

bieten aber auch für Lehrpersonen oder Eltern konkrete erste Schritte an.

Ausserdem beraten wir Schulen, die unser Programm im Schulalltag

umsetzen wollen, und führen Kongresse, Vorträge und Kurse durch. Auch

möchten wir eine Beratungsstelle aufbauen, die Eltern unterstützt,

deren Kinder in der Schule Probleme haben, sowie Schulen und Lehrpersonen,

die Probleme mit Lernenden oder Schulklassen haben.

www.gluecksschule.ch

71 Prozent der Familien

mit Kindern unter 15 Jahren sorgen

privat für das Alter vor.

(Quelle: Umfrage der AXA Winterthur,

bei der 500 Familien in der Schweiz befragt wurden)

Auf Jobsuche? Eine neue

Hotline soll helfen

40 000 Jugendliche in der Schweiz sind ohne Job. Um diesen

jungen Menschen eine Anlaufstelle zu bieten, startet «Check

Your Chance», der Dachverein gegen Jugendarbeitslosigkeit,

nun die Helpline GO4JOB, unter der sich ein Team aus

Jugendpsychologen den Fragen und Nöten junger Arbeitssuchender

annimmt. Und das rund

um die Uhr. GO4JOB wurde in

Zusammenarbeit zwischen «Check

Your Chance» und dem Arbeitgeberverband

entwickelt und wird von Pro

Juventute betrieben.

Beratung per Helpline 0800464562

oder E-Mail: beratung@go4job.ch

www.check-your-chance.ch

Starten Sie

die aktuelle

Fritz+Fränzi-App,

scannen Sie diese Seite

und sehen Sie einen

Film über

«Check Your Chance».

Bilder: ZVG, Bern Tourismus

6 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erfüllen Sie Kinderwünsche

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- Das Bestellen Schweizer ElternMagazin und Fritz+Fränzi kostenlos November 20177

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Entdecken

«Elterntaxis sind nicht nur

ein grosses Ärgernis,

sondern auch für Erziehungsdefizite

verantwortlich.

Man nimmt den Kindern so die

Möglichkeit, den Umgang

mit Gefahren zu lernen.»

(Beat W. Zemp in einem Interview auf www.aargauerzeitung.ch)

Beat W. Zemp ist Präsident

des Dachverbands der

Lehrerinnen und Lehrer

Schweiz (LCH)

Kinder und Lernen

Entdecken, staunen und viel Neues ausprobieren –

die «Kinder und Lernen»-Messe geht in die nächste

Runde und lockt mit einer Ausstellung rund um Baby-,

Kinder- und Jugendthemen. So informiert beispielsweise

der Sprachreisenanbieter fRilingue über sein

Angebot für Schüler und Studenten in den USA,

England oder Frankreich oder

der Club Chess4Kids über

Schachkurse für junge Spieler.

Dabei gilt es natürlich viel

auszuprobieren und zu testen.

Die nächsten Messen «Kinder

und Lernen» finden am 19.

November in Aarau und am

26. November in Zürich statt.

www.kinderundlernen.ch

Wie die Mutter, so das Kind ...

... zumindest, wenn es ums Schlafverhalten geht. Ein Forscherteam um

Natalie Urfer-Maurer von der Universität Basel hat untersucht, wie

Ein- und Durchschlafprobleme der Eltern mit der Schlafqualität der Kinder

zusammenhängen. Dafür analysierten die Forscher den Schlaf von

knapp 200 Kindern im Primarschulalter und befragten ihre Eltern zur

eigenen Schlafqualität und der ihres Nachwuchses.Dabei stiessen die

Forschenden auf einen Zusammenhang zwischen der Schlafqualität der

Mütter und jener ihrer Kinder: Die Kinder von Müttern, die von Schlaf -

problemen berichteten, schliefen später ein, schliefen weniger lang und

befanden sich weniger lang im Tiefschlaf. Der Nachwuchs könnte sich das

Schlafverhalten von den Eltern abschauen, oder abendlicher Streit in der

Familie könnte das Einschlafen erschweren, so die Forscher. Zwischen der

Schlafqualität von Vätern und jener ihrer Kinder wurde übrigens kein

Zusammenhang gefunden.

«Doktor, was fehlt ihm?»

Bei einem Arztbesuch mit ihren Kindern sind

Eltern oft überbehütend und «managen» das

gesamte Prozedere, von der Anmeldung über die

Untersuchung bis zur Besprechung der Befunde.

Das mag bei kleinen Kindern angebracht sein,

doch selbst bei Jugendlichen lassen zumindest

amerikanische Eltern diesen kaum Freiräume. Eine

für die USA repräsentative Befragung der University

of Michigan von 1517 Müttern und Vätern 13-

bis 18-jähriger Teenager ergab, dass fast 40 Prozent

der Eltern den Medizinern alle Fragen selbst stellen.

Nur 15 Prozent gaben an, dass ihre Tochter

oder ihr Sohn körperliche oder emotionale Probleme

mit seinem Arzt unter vier Augen bespricht.

Um ein Bewusstsein für seine eigene Gesundheitsvorsorge

zu entwickeln, wäre aber genau dies wichtig,

erklären die Forscher.

Bilder: Glowimages RM / Alamy Stock Photo, Hero Images / Plainpicture, ZVG

8 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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10 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Du bist, was du isst

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Wissenschaft und

Glaubensfrage, Geschmacks sache und Kulturgut, es verbindet Familien

oder spaltet sie. Was zu essen, ist gesund? Und womit schaden wir

unseren Kindern? Eine Einordnung. Text: Virginia Nolan Bilder: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201711


Dossier

12

November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Die Forschung zeigt:

Jugendliche mit hohem

Milchkonsum haben

ein höheres Risiko für

Knochenbrüche.

Macht Milch wirklich

stark? Ist

Fleisch gut für

mein Kind? Gilt

es, Zucker um

jeden Preis zu vermeiden?

Alte, tief in unserer Gesellschaft

verankerte Weisheiten darüber, was

gesund ist und was nicht, sind ins

Wanken geraten. Dies macht uns

bisweilen ratlos: Was dürfen wir

überhaupt noch essen? Und vor

allem: Was sollen wir unseren Kindern

zu essen geben?

Als Autorin, die oft über Ernährung

schreibt, gelangte ich mit der

Zeit zur Erkenntnis: Der goldene

Mittelweg ist der richtige, auch beim

Essen. Doch was heisst das genau?

Und stimmt das überhaupt? Ich

machte mich auf Spurensuche – und

stellte sieben Mythen auf den Prüfstand

der Wissenschaft.

1. «Milch macht stark»

Kaum ein Lebensmittel spielt in der

Kinderernährung eine so zentrale

Rolle wie Milch. «Milch macht

stark» ist fest in den Köpfen verankert.

Erst recht, wenn es um die

Ernährung von Kindern und

Jugendlichen geht. Milch gilt als

wichtige Kalziumlieferantin, die

Knochen und Zähne stärkt. Die

Milchempfehlungen der Schweizerischen

Gesellschaft für Ernährung

(SGE) variieren nach Alter des Kindes.

Demgemäss sollten Zehn- bis

Zwölfjährige drei Portionen verschiedener

Milchprodukte pro Tag

zu sich nehmen. Als eine Portion

gelten 2 Deziliter Milch, 150 bis 200

Gramm Joghurt, Quark oder Hüttenkäse,

30 Gramm Halbhart- oder

Hartkäse oder 60 Gramm Weichkäse.

Daraus resultiert eine Tagesmenge

von bis zu 460 Gramm.

Milchtrinker werden grösser

«Ein so hoher Milchkonsum wird

oft mit der Kalziumversorgung

gerechtfertigt. Demnach soll Milch

die Knochen stärken und Brüchen

vorbeugen», sagt Walter Willett,

Professor für Ernährungswissenschaft

und Epidemiologie an der

Harvard School of Public Health in

Boston. «Dafür gibt es aber keine

wissenschaftlichen Beweise.» Der

72-jährige Willett ist der meistzi -

tierte Ernährungswissenschaftler

und er forscht, wie Ernährung und

Krankheit zusammenhängen.

«Der Mythos, wonach Kinder

viele Milchprodukte konsumieren

sollten, um ihre Knochen zu stärken,

scheint der Realität definitiv

nicht standzuhalten», sagt Willett.

«Wir wissen heute, dass Jugendliche

mit einem hohen Milchkonsum ein

höheres Risiko für Knochenbrüche

im Erwachsenenalter haben.» Ein

wahrscheinlicher Grund dafür sei,

dass ein hoher Milchkonsum in der

Kindheit zu längeren Knochen führe

– die damit anfälliger seien für

Brüche.

Dass Milchtrinker grösser werden,

gilt als unumstritten. Grösser

bedeutet aber nicht unbedingt

gesünder. «Gross gewachsene Menschen

haben ein erhöhtes Risiko für

bestimmte Krebsarten», sagt Susannah

Brown vom World Cancer

Research Fund. «Der Risikofaktor

ist nicht die Körpergrösse selbst,

sondern der Wachstumsprozess, den

wir bis ins Erwachsenenalter durchlaufen.»

Wie gross ein Mensch werde,

hänge auch von der Ernährung

in Kindheit und Jugend ab. So

begünstige eine stark proteinreiche

Kost ein rasanteres Wachstum und

eine höhere Körpergrösse, auch

übergewichtige Kinder wüchsen

tendenziell schneller. Zudem setzt

die Pubertät früher ein.

Keinen Bedarf mehr für Milch

nach der Stillzeit

«Solche Entwicklungen sind eine

unmittelbare oder indirekte Folge

unserer Ernährung als Kind», sagt

Brown. «Dabei spielen erhöhte Spiegel

von Wachstums- und Sexualhormonen

eine Schlüsselrolle.» Diese

Hormone beeinflussten Körpergrösse

und Geschlechtsmerkmale,

aber auch das Verhalten unserer

Zellen – und so das Risiko für Krebs.

Was hat das mit der Milch zu tun?

«Wir wissen, dass ein hoher Konsum

von Milchprodukten die Konzentration

von Wachstums faktoren

im Blut erhöht», sagt Ernährungswissenschaftler

Walter Willett. Im

Fokus steht dabei der Wachstumsfaktor

IGF-1, der die Zellteilung

beschleunigt. Ein erhöhter Spiegel

von IGF-1 geht nachweislich mit

einem gesteigerten Risiko für gewisse

Krebsarten einher. Warum mehr

von diesem Botenstoff im Blut hat,

wer ausgiebig Milchprodukte konsumiert,

ist gemäss Willett noch

nicht geklärt. Im Verdacht stünden

jedoch Wachstumshormone in der

Kuhmilch.

Auch Muttermilch enthält

Wachstumshormone. Nach der Stillzeit

jedoch, etwa ab dem dritten

Lebensjahr, habe der Mensch keinen

Bedarf mehr für Milch: «Dann ist

rasantes Wachstum nicht >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201713


Dossier

>>> mehr wünschenswert, sondern

mit gesundheitlichen Risiken

verbunden.»

Steigender Östrogenspiegel

in der Milch

Als solche bezeichnet die Harvard-

Forscherin Ganmaa Davaasambuu

auch die in der Kuhmilch enthaltenen

Sexualhormone, vor allem

Ös trogene. Problematisch ist gemäss

Davaasambuu nicht Milch per se,

sondern das Produkt einer hochmodernen

Milchwirtschaft, die Kühe

dauerträchtig hält und fast ununterbrochen

melkt. «Mit fortschreitender

Trächtigkeit», sagt Davaasambuu,

«steigt der Östrogenspiegel in

der Milch.»

Die Forscherin analysierte nebst

westlicher Hochleistungsmilch auch

Rohmilch aus der Mongolei: Diese

hatte eine bis zu 33 Mal tiefere Konzentration

an weiblichen >>>

Problematisch ist Milch als

Produkt einer hochmodernen

Milchwirtschaft, die Kühe

dauerträchtig hält und fast

ununterbrochen melkt.

Dem Zucker auf

der Spur

Anita und Martin haben das Leben ohne Zucker auf

Probe gewagt. Die Mutter des 6-jährigen Noah* und

des 3-jährigen Nico und ihr Partner befanden den

Versuch als wohltuend, aber alltagsuntauglich. Jetzt

praktiziert die Patchworkfamilie einen Mittelweg.

Anita: Ich habe kein Problem damit, zwischendurch ein

Stück Kuchen zu essen. Da weiss ich wenigstens auf

Anhieb, dass Zucker drin ist. Problematisch finde ich, dass

wir Zucker auch da finden, wo ihn keiner vermutet. Martin:

Hüttenkäse, Brot, Würzmischungen, Trockenfleisch – überall

ist versteckter Zucker drin. Wollen wir den weglassen, wirds

schnell kompliziert. Da komme ich beim Einkaufen nicht

ohne Anitas Hilfe zurecht, ganz ehrlich. Anita: Fruktose,

Gerstenmalz, Saccharose, Raffinose – Zucker hat viele

Namen, dies sind nur ein paar davon. Es muss sich gut

informieren, wer zuckerfrei leben will. Martin: Wir haben

es 40 Tage lang durchgezogen, einfach als Versuch. Für

mich war das Neuland. Anita: Ich beschäftige mich schon

länger mit dem Thema und verdanke der Zuckerreduktion

ein besseres, gesünderes Körpergefühl. Martin: Ich habe

in den 40 Tagen gut sieben Kilo abgenommen, aber darum

ging es mir nicht: Vor allem war ich wacher, konzentrierter,

fitter. Anita: Wir begannen, viele Nahrungsmittel selbst herzustellen:

Brot, Joghurt, Würzmischungen oder Aufstriche

etwa. Als berufstätige Mutter war mir das auf Dauer jedoch

zu anstrengend. Die optimale Ernährungsweise soll auch

familientauglich sein. Diese Herausforderung thematisiere

ich auch auf meinem Blog runningmami.ch. Martin: Gelohnt

hat sich unser Versuch aber trotzdem. Da hat ein Umdenken

stattgefunden. Anita: Auf jeden Fall. Wir haben vieles daraus

in unseren Alltag integriert. So habe ich zum Beispiel ein

zuckerfreies Brot gefunden, das auch die Kinder mögen, und

Fruchtjoghurts kaufe ich nicht mehr. Ich möchte nicht, dass

meine Kinder ihren täglichen Zuckerbedarf schon nach dem

Frühstück gedeckt haben. Noah: Mein Lieblingsessen sind

Gummibärchen. Anita: Mein Sohn liefert die Antwort gleich

selbst: Nein, die Kinder mussten unseren Versuch nicht

mitmachen. Die Naschbox stand ihnen weiterhin offen. Da

dürfen sie ab und zu was Süsses rausnehmen. Martin: Anita

und ich werden unsere zuckerfreien 40 Tage aber definitiv

wiederholen. Ich bin leider rückfällig geworden und merke es

auch – die verflixte Schokolade …

* Namen der Kinder von der Redaktion geändert

14 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Anita und Martin

lebten 40 Tage

zuckerfrei. Das

bedeutete auch

Verzichten auf

Trockenfleisch

und Hüttenkäse.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi November 201715


Dossier

Das

Lieblings essen

von David

(rechts hinten)

und Anna (vorne)

ist Durian – eine

Stinkfrucht.

16

November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Forscher bezeichnen zwei

Portionen Milchprodukte

pro Tag – egal welcher Art –

als massvoll.

>>> Geschlechtshormonen. Kühe

in der Mongolei werden nicht künstlich

besamt und nur in den ersten

drei Monaten einer Trächtigkeit

gemolken. «Die Milch, die wir heute

konsumieren, hat kaum noch

etwas mit der Milch zu tun, die

unsere Vorfahren tranken», sagt

Davaasambuu.

Milch ist gesund – für

mangelernährte Kinder

«Uns fehlen viele Antworten auf die

Frage, wie der Konsum von Milchprodukten

in der Kindheit die

Gesundheit beeinflusst», sagt Willett.

«Bis weitere Informationen vorliegen,

ist Masshalten ein guter Mittelweg.»

Als massvoll bezeichnet der Forscher

Mengen von täglich höchstens

zwei Portionen Milchprodukten,

egal welcher Art. «Milch enthält

wichtige Nährstoffe wie Protein oder

Kalzium», schreiben die Forscher

Willett und David Ludwig im Fachmagazin

JAMA. Kindern, die von

Mangelernährung betroffen seien,

könne Milch gesundheitliche Vorteile

bieten. «Bei Kindern aber, die

bereits eine hochwertige Er ­ >>>

Roh und natürlich: Essen

wie unsere Vorfahren

Die Patchworkfamilie von Sandra und Tanja ernährt

sich von Rohkost. Wenn Luca*, 12, David, 9, oder

die 6-jährigen Mia und Anna Geburtstag feiern, ist

sogar der Kuchen roh.

Tanja: Ich ernähre mich nun schon so lange von Rohkost,

dass ich kaum mehr weiss, wie es vorher war. Sandra:

Auch ich fing in späten Teenagerjahren damit an, nachdem

diese Ernährungsweise meinem Vater zu einer besseren

Gesundheit verholfen hatte. Ich könnte mir nicht mehr vorstellen,

anders zu leben. Tanja: Unsere Kinder kennen seit

Geburt nichts anderes. Im Sommer sind wir dank unserem

Garten fast selbstversorgend. Sandra: Je nach Lust der

Kinder kaufen wir aber auch mal etwas dazu, Melonen oder

exotische Früchte zum Beispiel. David: Mein Lieblingsessen

ist Durian. Anna: Meines auch! Tanja: Die Stinkfrucht ist der

ungeschlagene Favorit der Kinder. Wahrscheinlich, weil wir

sie so selten essen. Mia: Ich esse am liebsten Geburtstagskuchen.

Sandra: Der Kuchen ist ein Highlight für die Kinder.

Ich mache einen Boden aus Datteln und Nüssen und eine

Füllung aus frischen Früchten und Nüssen. Tanja: Als Rohkost

gelten Naturprodukte, die nicht über 40 Grad erwärmt

wurden. Wir essen auch Trockenfleisch, rohe Eier von unseren

Hühnern und Rohmilch, die Sandra zu Quark verarbeitet.

Sandra: Wir essen alles in natürlicher Form, so, wie unsere

Vorfahren gegessen haben und es Wildtiere noch heute tun.

Dadurch bleiben unserer Nahrung wichtige Enzyme und

Nährstoffe erhalten. Tanja: Die Milch kann ich eigentlich

nicht mit mir vereinbaren, weil es unnatürlich ist, Muttermilch

einer anderen Art zu trinken. Sandra: Bisher haben

die Kinder noch nie den Wunsch geäussert, etwas zu essen,

das sie zu Hause nicht bekommen. Ich wüsste nicht, wie

ich darauf reagieren würde. Luca: Bei Oma habe ich früher

einmal heimlich Brot und Teigwaren gegessen. Tanja: Dass

es heimlich war, fand ich nicht so toll. Da gabs Diskussionen

mit meiner Mutter. Luca: Heute esse ich aus Überzeugung

roh. Meine Freunde haben das schnell begriffen. Ich kann

problemlos bei denen essen: Ein paar Äpfel und Bananen hat

jeder daheim. Sandra: Drei unserer Kinder werden zu Hause

unterrichtet, David besucht die Schule. Wenn dort ein Kind

Geburtstag feiert, nimmt die Lehrerin Nüsse für ihn mit. Mir

wäre es lieb, könnten wir unsere Kinder noch lange von der

industriellen Nahrung fernhalten. Tanja: Klar könnten wir

sagen: Jetzt kochen wir das Gemüse halt einmal. Aber wir

haben bei Freunden gesehen, dass die Hemmschwelle, auch

andere Sachen zu probieren, dann abnimmt. Rohkost gibt

klar vor, was drinliegt – dass Süsskram und Industrienahrung

da nicht dazugehören, finden wir als Mütter prima.

*Namen der Kinder von der Redaktion geändert

17


Dossier

>>>

«Bio-Qualität garantiert uns

ein hohes Mass an Sicherheit,

dass Fleisch nicht mit

Antibiotika belastet ist», sagt

Kinderarzt Josef Laimbacher.

nährung mit grünblättrigen

Früchten, Gemüsen, Nüssen und

Samen sowie guten Proteinquellen

geniessen, können die Vorzüge der

Milch ihre etwaigen gesundheitlichen

Risiken möglicherweise nicht

aufwiegen.»

2. «Fleisch muss sein»

Wer heutzutage kein Fleisch isst,

erweckt damit kaum mehr Aufsehen.

Wo immer wir speisen, sind

vegetarische Optionen gang und

gäbe. Es wird auch kaum mehr angezweifelt,

dass eine fleischlose Ernährung

nicht zwangsläufig zu Mangelerscheinungen

führt.

Nicht ganz so entspannt sind wir

jedoch, wenn es um Kinder geht. Es

bleibt die Frage im Raum: Braucht

unser Nachwuchs Fleisch, um

gesund zu wachsen?

«Fleisch ist ein hochwertiges Nahrungsmittel,

reich an Protein, Eisen

und anderen Vitalstoffen», sagt Josef

Laimbacher, Chefarzt für Kinderund

Jugendmedizin am Ostschweizer

Kinderspital und Mitglied der

Eidgenössischen Ernährungskommission.

$

Um Fleischkonsum propagieren

zu können, müsste aber eine wichtige

Voraussetzung stimmen. Für

Laimbacher ist das Bio-Qualität:

«Sie garantiert uns ein hohes Mass

an Sicherheit, dass das Fleisch nicht

mit Antibiotika oder Rückständen

aus kontaminiertem Tierfutter be -

lastet ist.»

Seien diese Bedingungen erfüllt,

stelle Fleisch in der Kinderernährung

eine wertvolle Quelle für

essenzielle Aminosäuren dar. Das

sind Proteinbausteine, die im >>>

Allergie oder

Intoleranz?

Blähungen, Hautausschläge oder

Atemnot: Manche Menschen

reagieren empfindlich bis sehr

heftig auf bestimmte Lebensmittel.

Dann kann eine Allergie vorliegen

oder eine Intoleranz. Die beiden

Formen der Reaktion auf

Inhaltsstoffe unterscheiden sich

grundlegend voneinander.

Eine Nahrungsmittelallergie beruht

auf einer Abwehrreaktion des Körpers

gegenüber harmlosen pflanzlichen oder

tierischen Eiweissen (Allergenen). Die

von unserem Organismus gebildeten

Antikörper lösen bei jeglichem Kontakt

mit den Allergenen – oft reichen nur

Spuren davon – eine allergische Reaktion

aus. Sie variiert je nach Schweregrad der

Allergie von Juckreiz über Hautekzeme

oder Verdauungsbeschwerden bis hin

zum sogenannten anaphylaktischen

Schock, der schwersten Form einer allergischen

Reaktion, die im schlimmsten Fall

zu Atem- und Kreislaufstillstand führt.

Im Fall der Nahrungsmittelallergien ist

die gefühlte Betroffenheit weit höher als

die tatsächliche, wie Zahlen des Allergiezentrums

Schweiz zeigen: So geben bei

Umfragen jeweils 20 Prozent der Bevölkerung

an, auf bestimmte Nahrungsmittel

allergisch zu sein, nachweislich

davon betroffen sind allerdings lediglich

2 bis 8 Prozent.

Nahrungsmittelintoleranz ist ein Sammelbegriff

für verschiedene, nicht

allergisch bedingte Reaktionen auf

Nahrungsmittel. Dabei bildet der Körper

keine Antikörper, sondern ihm fehlt stattdessen

die Fähigkeit, einen bestimmten

Stoff zu verdauen, beziehungsweise er

hat diese Fähigkeit ganz oder teilweise

verloren. Ein bekanntes Beispiel für eine

Nahrungsmittelintoleranz ist die Zöliakie

oder Glutenintoleranz. Dabei können

Betroffene das Klebereiweiss in verschiedenen

Getreidesorten nicht verdauen,

was zu einer Schädigung der Dünndarmschleimhaut

führt. Bei der Laktoseintoleranz,

einer weiteren bekannten Störung,

fehlt Betroffenen ein Verdauungsenzym,

um Milchzucker zu spalten. Anstatt ins

Blut gelangt der Milchzucker unverdaut

in den Dickdarm und wird dort von

Bakterien vergoren, was zu Blähungen,

Bauchkrämpfen, Durchfall, Verstopfung

oder Erbrechen führen kann.

Eine Nahrungsmittelintoleranz führt

nicht zu einer lebensbedrohlichen

Situation, kann für Betroffene aber

sehr einschränkend und unangenehm

sein. Die Symptome sind vielfältig, zu

den häufigsten gehören Verdauungsbeschwerden

wie Bauchschmerzen, Blähungen,

Durchfall oder Verstopfung sowie

Unwohlsein. Je nach Form der Intoleranz

sind in der Schweiz bis zu 20 Prozent der

Bevölkerung betroffen.

Mehr Informationen: www.aha.ch

18 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi August November 201719


Dossier

Einer für alle:

Obwohl Mutter

Sandra

«Ella-konform»

kocht, essen alle

aus demselben

Topf.

20 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Familiensolidarität mit

der Allergikerin

Ella Macher, 16, aus Bäretswil ZH leidet an schweren

Lebensmittelallergien. Ihre Eltern Sandra und

Andreas sowie Bruder Flynn, 12, stellten deshalb

auch den eigenen Speiseplan auf den Kopf.

Sandra: Ihr erster Griessbrei kostete Ella fast das Leben.

Sie bekam einen Ausschlag, ihr Hals schwoll zu, sie verlor das

Bewusstsein. Ella hatte als Baby einen allergischen Schock.

Es stellte sich heraus, dass sie hochallergisch auf Weizen

war – sowie auf Nüsse, Eier und Milch. Ella: Heute sind

meine Reaktionen nicht mehr lebensbedrohlich. Ich hatte

neulich sogar Brot probiert – und nachher nur Bauchweh.

Experimentieren läuft nicht immer gleich gut. Andreas: Als

du Milchschaum probiert hattest, warst du zwei Tage ausser

Gefecht. Sandra: Solche Reaktionen waren früher gang und

gäbe. Nur schon, wenn ein anderes Kind Glace gegessen

hatte und Ella mit ungewaschenen Fingern berührte,

reagierte sie mit Nesselfieber. Ella: Daran erinnere ich mich

kaum mehr. Sandra: Mich dagegen prägt die Angst, dass Ella

etwas Falsches erwischen könnte, bis heute. Ich schärfte der

Kindergärtnerin ein, dass Ella nicht einmal die Blockflöte mit

anderen teilen darf, Lehrer und Eltern von Schulfreunden

wurden informiert, Spezialessen fürs Klassenlager organisiert.

Ich war jahrelang wie auf Nadeln. Ella: Dass Mama

nicht aus der Rolle meiner Beschützerin herauskann, ist ein

grosses Thema zwischen uns. Andreas: Es führt auch zu

Konflikten zwischen uns Eltern, weil ich es unterstütze, wenn

Ella experimentieren will. Als Arzt interessieren mich ihre

Reaktionen eher, als dass sie mich ängstigen. Gleichzeitig

verstehe ich Sandra, weil der Umgang mit Ellas Allergien

im Alltag vor allem an ihr hängt. Sandra: Früher kochte ich

zu jeder Mahlzeit zwei verschiedene Gerichte. Irgendwann

wuchs mir das über den Kopf, mittlerweile pflegt auch

Andreas als Vegetarier eine spezielle Ernährung. Flynn:

Wir essen meist alle «Ella-konform» – das ist bei uns ein

fester Begriff. Manchmal gibts für mich und Papa etwas

Käse dazu. Sandra: Flynn hat in den vergangenen Jahren oft

zurückstecken müssen, ich hatte keine Kapazität, auf seine

Essenswünsche einzugehen. Flynn: Manchmal motze ich

auch. Meist sehe ich es positiv: Ellas Allergien machten uns

erfinderisch – und Kochen spannender. Sandra: Der vegane

Trend hat uns viele neue Produkte beschert. Ella: Es gibt aber

leider auch den Trend, Pseudo-Allergien an die grosse Glocke

zu hängen. Ich kann nicht verstehen, wie Leute sich damit

interessant machen möchten, wo ich stets nur eines wollte:

ja nicht auffallen mit meinen Allergien.

Vegan lebende Kinder sollten

täglich etwa einen Viertel

mehr Pflanzenprodukte essen

als traditionell ernährte

Altersgenossen.

>>> Körper unter anderem am

Muskelaufbau sowie an der Produktion

von Enzymen, Hormonen und

Antikörpern beteiligt sind.

Es geht auch ohne

Geht es auch ohne? «Grundsätzlich

ja», sagt Laimbacher. Ein Kind vegetarisch

zu ernähren, bedeute allerdings

nicht nur, Fleischprodukte

vom Speiseplan zu streichen, sondern

diese durch eine ausgewogene

Mischkost zu ersetzen. So seien

Milchprodukte, Eier, Hülsenfrüchte,

Getreide und Nüsse gute Proteinlieferanten

und deckten dabei auch

essenzielle Aminosäuren ab. «Proteinmangel

ist in unseren Breitengraden

kein Thema mehr», sagt Laimbacher.

Daran ändere auch die

zunehmende Beliebtheit der fleischlosen

Kost nichts.

Ihren Bedarf an Vitamin B12,

zentral für die Blutbildung und die

Funktion des Nervensystems, müssten

vegetarisch lebende Kinder über

Milchprodukte und Eier decken.

«Eine ausgewogene Ernährung, die

ohne Fleisch auskommt, aber andere

Tierprodukte miteinschliesst», so

Laimbacher, «deckt die Nährstoffbedürfnisse

des wachsenden Kindes

gut ab.»

3. «Veganer sind

Rabeneltern»

Aber was ist mit der veganen Ernährung,

die sämtliche Nahrungsmittel

tierischen Ursprungs ausschliesst?

In den Medien lesen wir von Müttern

und Vätern, die ihre Kinder mit

Trockenobst fütterten, bis diese spitalreif

waren, von einem Baby, das

durch Pflanzenkost verhungerte,

weil ihm die Eltern keine >>>

21


Dossier

Vegane Ernährung kann bei

fehlendem Fachwissen zu

Hirnschädigungen führen.

>>> Säuglingsmilch anboten, nachdem

das Stillen nicht funktioniert

hatte.

Auch am Ostschweizer Kinderspital

mussten schon Kinder behandelt

werden, bei denen die vegane

Ernährung zu schweren Entwicklungsdefiziten

geführt hatte: «Die

meisten davon waren Babys und

Kleinkinder mit irreversiblen Hirnschädigungen,

ausgelöst durch einen

Mangel an Vitamin B12 der Mutter

während Schwangerschaft und Stillzeit.»

Laimbacher betont allerdings,

dass diese Patienten Einzelfälle darstellten,

von denen er in den letzten

Jahren keine mehr gesehen habe:

«Dies ist vermutlich einer intensiveren

Aufklärung zu verdanken.» Das

Bild der veganen Rabeneltern, das

von den Medien kolportiert werde,

sei überzogen.

Seitan und Bohnen haben mehr

Proteine als Fleisch

Eine rein pflanzliche Kost, sagt

Laimbacher, biete durchaus gewisse

gesundheitliche Vorteile, gerade in

Bezug auf Zivilisationskrankheiten

wie Übergewicht. Trotzdem rät der

Jugendmediziner nicht dazu, Kinder

entsprechend zu ernähren: «Weil die

vegane Ernährung schlicht keine

massentaugliche Empfehlung ist. Sie

setzt ein gutes Fachwissen der Eltern

voraus und die Bereitschaft, dafür

einen höheren zeitlichen Aufwand

zu betreiben.» Dazu gehörten die

Beratung durch eine qualifizierte

Ernährungsfachkraft sowie regelmäs

sige Kontrollen beim Kinderarzt

– inklusive Laboruntersuchungen.

Eltern, die auf Pflanzenkost setzen,

müssen die Ernährung ihrer

Kinder sorgfältig zusammenstellen,

damit diese alle wichtigen Nährstoffe

in der richtigen Menge bekommen.

Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte

und daraus hergestellte Produkte

wie Tofu liefern Eiweiss und Kalzium

und je nach Sorte auch pflanzliches

Eisen. Auch Vollkorngetreide

sind gute Proteinlieferanten. Manche

Bohnen oder das aus Weizenprotein

hergestellte Fleischersatzprodukt

Seitan übertrumpfen mit

ihrem Proteingehalt sogar Fleisch.

In der Kalziumversorgung spielen

zudem etwa grünes Blattgemüse

und kalziumreiches Mineralwasser

eine wichtige Rolle.

Eisen können Veganer über Ge ­

treideprodukte, Nüsse und Samen,

Trockenobst, Spinat oder Rucola zu

sich nehmen. Bestimmte Säuren wie

Vitamin C helfen unserem Körper

dabei, das Eisen aus Pflanzen besser

absorbieren zu können. Die Bioverfügbarkeit

von Nährstoffen – das,

was der menschliche Körper davon

effektiv aufnehmen kann – ist in

pflanzlichen Quellen geringer als in

tierischen. «Darum sollten vegan

lebende Kinder täglich etwa einen

Viertel mehr Pflanzenprodukte

essen als traditionell ernährte

Altersgenossen», sagt Laimbacher.

B12 aus Tabletten

Das für unsere Gesundheit zentrale

Vitamin B12 kommt fast ausschliesslich

in tierischen Produkten

vor. Veganer kommen nicht umhin,

es in künstlicher Form zu sich zu

nehmen, beispielsweise in Tablettenform.

«Diese Supplemente sind

zwingend notwendig, um gesund zu

bleiben», sagt Laimbacher. «Gut

informierte Eltern wissen das.» Je

nach Versorgungslage seien zudem

weitere Supplemente nötig. «Ich verteufle

den Veganismus nicht», sagt

Kinderarzt Laimbacher. «Fachpersonen

sollten dazu Stellung >>>

Fleischlos glücklich

Die vegetarische Ernährung hat

viele Facetten – eine Übersicht:

Ovo-Lacto-Vegetarier essen Eier

und Milchprodukte, aber nichts,

was aus dem getöteten Tier hergestellt

wird – also weder Fleisch

und Fisch noch tierische Fette und

Gelatine.

Lacto-Vegetarier essen Michprodukte,

aber keine Eier.

Ovo-Vegetarier essen Eier, aber

keine Milchprodukte.

Veganer meiden von Fleisch

über Milchprodukte bis hin zu

Honig jegliche Nahrung tierischen

Ursprungs. Viele verzichten auch

auf tierische Produkte in Textilien

oder Kosmetika.

Frutarier essen nur Früchte,

Gemüse, Nüsse und Samen, deren

Ernte die Pflanze, von der sie

stammen, nicht beschädigt. Dazu

gehören Lebensmittel wie Beeren

oder Bohnen, die gepflückt werden

können, ohne die Pflanze zu zerstören.

Tabu sind dagegen Karotten

oder Kohl, weil beim Ernten die

Wurzeln der Pflanzen ausgerissen

werden.

22 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi November 201723


Dossier

«Enkeltauglicher

Umgang mit den

Ressourcen»:

Die Familie

Heiligtag/

Klingler isst

vegan.

24

November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Gemäss WHO rangiert

verarbeitetes Fleisch auf

derselben Gefahrenstufe

wie Zigaretten und Asbest.

>>> nehmen, und zwar auf differenzierte

Art und Weise. Schliesslich

geht es darum, eine wachsende

Gruppe von Eltern, die ihre Kinder

so ernähren, mit den nötigen Informationen

auszustatten.»

4. «Würste sind böse»

Von Gammelfleisch bis zu Antibiotikarückständen

– Fleisch stand

schon oft in den Negativschlagzeilen,

viele Konsumenten sind verunsichert.

Für Aufruhr sorgte auch die

WHO, als sie verarbeitetes Fleisch

vor knapp zwei Jahren in die Gefahrenkategorie

1 der krebserregenden

Substanzen einstufte. Gemäss WHO

stehen Wurst und Co. damit auf der

gleichen Stufe mit krebserregenden

Stoffen wie Tabakrauch, Asbest, Plutonium

oder Röntgenstrahlen.

Die WHO schickte ihrem Expertenbericht

Erläuterungen für den

Normalbürger hinterher. Darin präzisiert

sie, was mit der Gefahrenstufe

1 gemeint ist: «Diese Kategorie

kommt zum Zug, wenn genügend

und überzeugende wissenschaftliche

Beweise vorliegen, dass die betreffende

Substanz beim Menschen

Krebs erzeugt.»

Kein Fall für die Znünibox

Wurst, Aufschnitt, Pastete, Trockenfleisch

oder Fleischkonserven

werden oft mit nitrit- oder >>>

Vegan leben für eine

bessere Welt

Sarah Heiligtag und Georg Klingler aus Hinteregg

ZH führen mit dem vierjährigen Nils und der

zweijährigen Indra einen Bauernhof der anderen

Art: Der «Hof Narr» will zu Tierschutz und einem

schonenden Umgang mit der Umwelt inspirieren.

Dazu gehört auch die vegane Ernährungsweise.

Sarah: Ich bin in einem vegetarischen Haushalt aufgewachsen.

Mein Vater beschäftigte sich als Onkologe früh mit

den gesundheitlichen Risiken von Fleischkonsum. Schon

als Kind habe ich mich für Tiere eingesetzt. Dass man dazu

nicht nur auf Fleisch, sondern auf sämtliche Tierprodukte

verzichten sollte, wurde mir erst später klar. Prägend war in

diesem Zusammenhang mein Philosophiestudium.

Georg: Ich habe Umweltnaturwissenschaften studiert. Seit

ich denken kann, wollte ich etwas tun für den Schutz unserer

Lebensgrundlage und ein friedliches Zusammensein.

Sarah: Bei mir war es Tierliebe, bei Georg die Sorge um die

Umwelt, die uns zur veganen Lebensweise führte. Beides

prägt unser Lebensprojekt «Hof Narr». Hier leben ehemalige

Nutztiere, die vor dem Tod gerettet wurden. Georg: Die Auseinandersetzung

mit den ethischen, gesundheitlichen und

ökologischen Dimensionen der Landwirtschaftsindustrie

sowie die Produktion von bio-veganen Lebensmitteln stehen

auf dem Hof im Zentrum. Ganz im Bewusstsein, dass uns

viele deshalb für Narren halten, wollen wir zu einem enkeltauglichen

Umgang mit unseren Lebensgrundlagen inspirieren.

Sarah: Die vegane Ernährung ist eine wichtige Voraussetzung

dafür. Wir interpretieren sie auf sehr genussvolle

Art und Weise: An unseren Buffets sind die Leute überrascht

ob der Vielfalt, die ohne Tierprodukte möglich ist. Georg: Wir

hoffen, dass wir damit positive Impulse geben können. Es

braucht nämlich gar nicht so viel, um unseren Enkeln eine

bessere Welt zu hinterlassen. Sarah: Wir finden nicht, dass

jeder vegan leben muss. Aber ein zukunftstauglicher Trend

sollte wohl in die Richtung gehen, dass wir uns überwiegend

pflanzlich ernähren. Georg: Wer seine Kinder vegan ernährt,

gerät gerne unter Generalverdacht. Aber vegan lebende

Eltern aus unserem Umfeld informieren sich sehr gut, was

die Gesundheit ihrer Kinder angeht. Sarah: Mir wäre lieber,

Nils würde die anderen Kinder nicht so oft fragen, was sie

essen. Ich möchte nicht, dass er durch unsere Ernährungsweise

als anders wahrgenommen wird. Wobei, was heisst

schon anders? Es gibt doch zig Eigenschaften, die den einen

vom anderen unterscheiden. Wir zwingen unseren Kindern

nichts auf: Wenn sie an ein Geburtstagsfest gehen, sollen sie

vom Kuchen essen dürfen – ganz egal, was dieser enthält.

25


Salamibrötchen und

Würstchen haben in der

Znünibox nichts verloren.

>>> nitrathaltigem Pökelsalz konserviert.

Diese Verbindungen wandelt

unser Körper in Nitrosamine

um, die als höchst krebserregend

gelten.

Dass verarbeitetes Fleisch auf

gleicher Gefahrenstufe rangiert wie

Zigaretten, heisst laut WHO, dass in

beiden Fällen ein klarer statistischer

Zusammenhang zwischen dem Risikofaktor

und dem Auftreten von

Krebserkrankungen besteht – aber

nicht, dass von Wurst das gleiche

Risiko ausgeht wie von Zigaretten.

So gehen laut WHO jedes Jahr

34 000 Krebstodesfälle – dabei steht

Dickdarmkrebs im Vordergrund –

weltweit auf verarbeitetes Fleisch

zurück. Im gleichen Zeitraum sterben

eine Million Menschen weltweit

infolge Rauchens an Krebs.

Forscher der Universität Zürich

untersuchten bereits vor der WHO

den Zusammenhang zwischen dem

Konsum von verarbeitetem Fleisch

und dem Risiko für Krebs und Herz-

Kreislauf-Erkrankungen. Ihr Fazit:

Die kritische Grenze liegt bei 40

Gramm. Diese Menge ist rasch

erreicht, mahnt Studien-Mitautorin

Sabine Rohrmann: «Eine durchschnittliche

Scheibe Schinken oder

Salami wiegt schon 20 bis 30

Gramm.»

Was bedeuten diese Befunde für

Eltern? In Panik sollten sie uns nicht

versetzen – wohl aber zur Mässigung

anhalten: Wir können weiterhin

bräteln gehen – in der kindlichen

Znünibox haben Würstchen

und Salamibrötchen aber nichts

verloren.

26 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

5. «Rotes Fleisch ist

ungesund»

Auch rotes Fleisch hat einen ramponierten

Ruf, nachdem es die WHO

zum gleichen Zeitpunkt, wie sie vor

Würsten warnte, auf Gefahrenstufe

2a setzte. Konkret bedeutet dies,

dass rotes Fleisch aufgrund der

aktuellen Datenlage «wahrscheinlich

krebserregend» ist, möglicherweise

aber weitere Faktoren hineinspielen.

Im Vordergrund steht

wieder das Darmkrebsrisiko, das

durch verschiedene Faktoren be ­

stimmt wird.

Im Verdacht stehen hohe Mengen

an Eisen und schädliche Substanzen,

die beim Braten, Kochen

und besonders beim Grillieren und

Räuchern von Fleisch entstehen.

Laut WHO könnte pro 100 Gramm

roten Fleischs, die jemand täglich

verzehrt, das Darmkrebs risiko um

18 Prozent steigen – falls sich rotes

Fleisch tatsächlich als krebserregend

erweist. Die WHO betont, dass das

Risiko für den Einzelnen klein sei

– der Befund aber relevant für eine

Gesellschaft, in der viele Menschen

grosse Mengen an Fleisch ässen.

Weniger ist mehr

Die Eidgenössische Ernährungskommission

reagierte auf die Forschungslage

und spricht sich generell

für eine Reduktion des Fleischkonsums

aus, besonders von rotem und

vor allem von verarbeitetem Fleisch.

Die SGE empfiehlt Erwachsenen,

nicht mehr als zwei- bis dreimal pro

Woche Fleisch zu essen, für Kinder

von zehn bis zwölf Jahren sollen es

höchstens fünfmal pro Woche sein.

Jugendmediziner Josef Laimbacher

sagt, auch Kinder seien mit >>>

Publireportage: Swisscom Prepaid Kids

Die Gesellschaft für

Ernährung empfiehlt Kindern

im Alter von fünf bis zwölf

Jahren, höchstens fünfmal pro

Woche Fleisch zu essen.

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Kinder: Das sind die wichtigsten Handy-Regeln, die man kennen muss

«Die Vorbildrolle der Eltern ist eminent wichtig»

Herr In Albon, ist ein Handy für

Primarschüler sinnvoll?

Dient es lediglich zur Unterhaltung,

empfiehlt es sich nicht. Wenn das Kind

erreichbar sein soll, etwa nach dem

Fussballtraining, oder wenn es einen

langen Schulweg hat, hingegen schon.

Denn es gibt dem Kind die Möglichkeit,

seine Umgebung selbstständig

zu erkunden.

Jeder zweite Primarschüler in der Schweiz besitzt ein

eigenes Handy. Wie regelt man den digitalen Konsum bei

Kindern? Medienkompetenz-Experte Michael In Albon

beantwortet die wichtigsten Fragen.

Michael In Albon ist Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom und Experte für

Medienkompetenz.

Wie behalten Eltern die Kosten im

Griff?

Am einfachsten sind sicherlich Prepaid-Lösungen.

Das Kind kann nur so

viele Dienste nutzen, wie es der Betrag

erlaubt. Mit einem Prepaid-Abo kann

man sich nicht verschulden.

Wie wichtig ist ein «Handy-

Aufklärungsgespräch»?

Sehr wichtig. Kinder sollten verstehen,

zu welchem Zweck sie ein Handy bekommen

und dass es ungeeignete Inhalte

im Netz gibt. Vor allem brauchen

sie Begleitung und Regeln.

nur Geschichten hören oder auch Videos

anschauen? Wenn ja, zuerst um

Erlaubnis fragen. Das Festlegen der

Regeln signalisiert dem Kind von Anfang

an, dass es nicht alles mit diesem

Gerät anstellen darf.

Darf das Handy am Abend mit ins

Kinderzimmer?

Das Handy sollte nicht die ganze Zeit

in Reichweite des Kindes sein. Ausserdem

haben digitale Geräte, wie Tageslicht,

einen hohen Anteil an «Blaulicht»,

das die Produktion des Schlafhormons

Melatonin hemmt. Als Faustregel

gilt: Eine Stunde vor dem Schlafengehen

keine Handys oder Fernseher,

im Idealfall zwei Stunden.

fragt. Eltern haben teilweise selber

Mühe, das Handy wegzulegen. Dabei

ist die Vorbildrolle der Eltern eminent

wichtig! Es ist erstaunlich, wie wenig

Eltern bereit sind, ihr eigenes Konsumverhalten

zu Gunsten des Kindes

zu ändern.

Welche Vorteile hat es für Eltern,

wenn ihr Kind ein Handy hat?

Der Alltag ist einfacher zu organisieren.

Das Kind kann anrufen, wenn es

abgeholt werden soll oder wenn es

sich verspätet. Dass das Kind erreichbar

ist, wenn es allein unterwegs ist,

gibt Eltern eine gewisse Ruhe.

inOne mobile prepaid kids:

Kann man ein Handy kindergerecht

Das beruhigende Gefühl, nur

einstellen?

einen Anruf entfernt zu sein

Das Internet lässt sich grundsätzlich

sperren. Allerdings funktionieren dann

Mit inOne mobile prepaid kids

auch Apps wie etwa der SBB-Fahrplan,

kann Ihr Kind bis zu 5 Swisscomsation

WhatsApp oder die Synchroni- Welche?

Nummern im Inland kostenlos

des Familienkalenders nicht. Ganz wichtig: Die Zeit limitieren. Das

anrufen und sich so jederzeit bei

Je nach Anbieter gibt es spezielle Handy soll nicht den ganzen Tag zur

Ihnen melden. Mehr Infos zum

Kindersicherungen oder Kindermodi. Verfügung stehen. Apps ebenfalls limitieren.

Besteht die Gefahr, dass sich

Angebot und zum Engagement

Dort können Eltern einstellen, worauf

Und: Auch wenn es sich um ein Kind nur noch für sein Handy von Swisscom im Bereich Medien-

die Kinder Zugriff haben oder wie kostenlose handelt, keine Apps ohne interessiert?

kompetenz:

lange sie surfen dürfen. Auf Youtube Erlaubnis herunterladen. Regeln Sie Ja. Wenn ein Kind immer häufiger zum www.swisscom.ch/prepaidkids

findet Das Schweizer man viele ElternMagazin Video-Tutorials. Fritz+Fränzi den November Youtube-Umgang: 201727

Darf mein Kind Gerät greift, sind Alternativen ge-


Dossier

«Das

Familienmodell,

mit dem ich

aufwuchs, ist mir

ein Vorbild», sagt

Tochter Silva (l.).

Enger Zusammenhalt

dank Selbstversorgung

Als junge Eltern realisierten Sabine und Markus

Lanfranchi in Verdabbio GR ihren Traum vom Leben

als Selbstversorger. Silva, 26, Lüzza, 13, und ihre

Eltern erzählen, wie dieses Lebensmodell die

Familie eng zusammenschweisste.

Markus: Selbstversorger zu sein, ist für mich eine politische

Entscheidung. Einkaufen ist wie abstimmen: Mit jedem

Franken, den ich ausgebe, erhält irgendein Unternehmen

meine Stimme. Sabine: Wir bewirtschaften acht Hektaren

Land, die sich übers ganze Dorf verteilen. Wir halten 35

Schafe, 2 Esel, 2 Schweine, Hühner und Enten sowie 5 bis

10 Bienenvölker. Unseren Lebensunterhalt verdienen wir

mit Schafmilchprodukten, Lammfleisch, Honig und Grappa.

Markus: Sabine und ich lernten uns mit 19 kennen. Sie

arbeitete in der Werbung, ich als Metallkonstrukteur. Wir

wollten mehr vom Leben. Sabine: Unsere ersten bäuerlichen

Versuche starteten wir 1986 im Engadin, drei Jahre später

gingen wir als frischgebackene Eltern von Dylan nach Neuseeland.

Dort kam 1991 Silva zur Welt. Später machte ein

Erdbeben unsere ganze Aufbauarbeit zunichte. Wir zogen

zurück in die Schweiz. Markus: 1993, gerade war Selina

geboren, kauften wir an diesem Steilhügel einen ersten

kleinen Landstreifen. Sabine: Wir nahmen unser Leben als

Selbstversorger und Biobauern in Angriff.

Markus: Im Dorf begegnete man unserem Ansinnen nicht

gerade freundlich. Die meisten Bauern hatten ihren Beruf

an den Nagel gehängt, weil sie von der Landwirtschaft

nicht leben konnten. Und da kamen wir, zwei naive Junge,

die meinten, es besser zu können. Aber wir hatten Narrenfreiheit,

und die geniessen wir bis heute. Was wir auch

machen, es ist da: dieses Vertrauen, dass alles gut kommt.

Sabine: Für unsere Kinder – als viertes kam 1997 Rubina

dazu – war unser Familienleben nicht immer leicht. Damit

etwas auf den Tisch kam, mussten sie täglich mitanpacken.

Silva: Mir hat das nicht geschadet. Ich wusste früh, was

Arbeiten bedeutet, das hat mir nur Vorteile gebracht. Lüzza:

Ich habe es heute viel einfacher: Im Sommer muss ich beim

Heuen helfen, sonst hält sich der Aufwand in Grenzen. Ich

kümmere mich um die Enten und die Hühner. Ich finde es

super, dass in unserem Garten leckeres Essen wächst: Man

gibt die Pasta in den Topf und holt den Rest vor der Haustür.

Trotzdem möchte ich später nicht als Selbstversorger leben.

Silva: Mich freut es, dass Lüzza so beliebt ist in der Schule.

Wir waren damals Aussenseiter und mussten uns immer

beweisen. Lüzza: Ich bin kein Underdog, ich habe mich

schnell mit Älteren angefreundet. Und ich zeige mit guten

Schulnoten, dass ich etwas draufhabe. Silva: Wir Älteren

sagen manchmal: Werd bloss kein Bully, Lüzza! Wir wissen

nur zu gut, wie sich Mobbing anfühlt. Markus: Die Ablehnung

durch die anderen hat uns aber auch zu einer verschworenen

Gemeinschaft gemacht. Silva: Das stimmt, wir haben ein

starkes Familiengefühl. Ich möchte zwar nicht als Selbstversorgerin

leben, aber das Familienmodell, mit dem ich aufwuchs,

ist mir ein Vorbild. Und meinem Mann übrigens auch.

28 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Junge Frauen, die täglich mehr

als einmal rotes Fleisch essen,

haben ein 22 Prozent höheres

Brustkrebsrisiko.

>>> zwei bis drei Fleischportionen

pro Woche gut bedient: «Sie brauchen

nicht mehr.» Er resümiert:

«Fleisch als Nährstoffquelle richtig

zu nutzen, bedeutet vor allem, die

Menge im Auge zu behalten.»

6. «Weisses Fleisch ist

besser»

Junge Menschen seien besonders

gefährdet durch etwaige Schadstoffe

in ihrer Nahrung, sagt Ernährungswissenschaftler

Walter Willett: «Dies

zeigt sich eindrücklich in Bezug auf

weibliche Jugendliche und ihr späteres

Risiko für Brustkrebs.» In der

Langzeitstudie «Nurses’ Health Study»

analysierten Willett und seine

Kollegen unter anderem den Zusammenhang

von Ernährung und Brustkrebs.

Dabei habe man sich lange auf

die Ernährungsgewohnheiten von

Frauen mittleren und älteren Alters

konzentriert. Entsprechende Studien,

so Willett, hätten keinen Zusammenhang

zwischen Brustkrebs und

dem Konsum von rotem Fleisch

nahegelegt.

Ein anderes Bild präsentierte sich

den Forschern, als sie mithilfe alter

Fragebögen die Ernährungsgewohnheiten

von über 44 000 Frauen

zum Zeitpunkt ihrer Adoleszenz

rekonstruierten: Junge Frauen, die

während Pubertät und Adoleszenz

täglich mehr als einmal rotes Fleisch

essen, haben ein 22 Prozent höheres

Risiko, an Brustkrebs zu erkranken.

Aus den Daten leiteten die Forscher

eine interessante Prognose ab:

Würden junge Frauen eine tägliche

Portion rotes Fleisch durch Hülsenfrüchte,

Nüsse, Geflügel oder Fisch

ersetzen, würde ihr Brustkrebsrisiko

um 14 Prozent sinken.

Trotzdem bleibt offen, ob weisses

Fleisch tatsächlich gesünder ist als

rotes. Aber gebe es auch keine epidemiologische

Studie, die einen

Zusammenhang von weissem

Fleisch und Krebs festgestellt hätte,

so Ernährungswissenschaftler Willett.

Derweil rät er den Eltern, auf

Poulet und Fisch als tierische Proteinlieferanten

zu setzen.

7. «Alles bio, alles gut»

Lebensmittel mit dem Knospen-Siegel

sind keine Nischenpro- >>>

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201729


Dossier

>>> dukte mehr. Tierfreunde setzen

auf Bio, weil das Label für

bessere Bedingungen für Nutztiere

sorgt. Auch ein anderes Argument

fällt bei Konsumenten ins Gewicht:

Sie kaufen Bioprodukte, weil sie sich

davon gesundheitliche Vorteile versprechen.

Schliesslich dürfen Biobauern

weder synthetische Pestizide

verwenden noch Tiere mit hormonbelastetem

Leistungsfutter pushen,

um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Sind Bioprodukte also gesünder

als Lebensmittel aus konventioneller

Landwirtschaft? Von gesunden Produkten

zu sprechen, sei wenig sinnvoll,

sagt Urs Niggli, Direktor des

Forschungsinstituts für biologischen

Landbau in Frick: «Für unseren Ge ­

sundheitszustand sind nicht einzelne

Lebensmittel ausschlaggebend:

Es ist die Art und Weise, wie wir uns

ernähren.» Wer sich an die gängigen

Empfehlungen halte, wenig Zucker,

Fett und Fleisch sowie viel Früchte

und Gemüse konsumiere, könne

seinen Speiseplan als gesund

betrachten, sagt der Agrarwissenschaftler.

Bioprodukte seien also

keine Gesundheitsgaranten, ebenso

wenig könnten sie Auswirkungen

einer schlechten Ernährung kompensieren.

«Aber die Forschung

zeigt», sagt Niggli, «dass sie einen

Zusatznutzen bieten.»

Das Tüpfelchen auf dem i

Dazu gehört ein «massiv höherer»

Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen,

wie Niggli sagt. Pflanzen bilden

diese bioaktiven Stoffe, um sich vor

schädlichen Umwelteinflüssen zu

schützen. Biopflanzen produzieren

naturgemäss mehr davon, weil sie

keine Schützenhilfe von Pflanzenschutzmitteln

erhalten. Die meisten

sekundären Pflanzenstoffe wirken als

sogenannte Antioxidantien, von

denen die Forschung annimmt, dass

sie helfen, Alterserscheinungen oder

gewissen Krankheiten vorzubeugen.

«Ein Bioapfel enthält die Antioxidantien

von anderthalb konventionellen

Äpfeln», sagt Niggli.

Auch Biofleisch und -milch punkten

mit solchen Extras. «Im Vergleich zu

Produkten aus konventioneller

Landwirtschaft haben sie einen

höheren Anteil an günstigen Fettsäuren»,

sagt Niggli. Biokühe ernähren

sich zu mindestens 90 Prozent

von Gras oder Heu. Aus dem langfaserigen

Raufutter bilden sie andere

Moleküle als aus Kraftfutter. Weil

Biolandwirten der vorbeugende

Einsatz von Antibiotika oder Hormonen

verboten ist, entfällt für den

Konsumenten zudem das Risiko von

solcherlei Überbleibseln in Fleisch

und Milch.

Bei Gemüse und Früchte zeigt

sich zudem, dass Produkte mit Biolabel

einen bis zu viermal niedrigeren

Gehalt an Pestizidrückständen

aufweisen. Auch die Konzentration

von anderen Umweltgiften ist in

Biogewächsen deutlich niedriger.

Niggli betont aber, dass die gesetzlichen

Grenzwerte für solche Sub ­

stanzen in der Schweiz so gewählt

seien, dass konventionell produzierte

Früchte und Gemüse bedenkenlos

gegessen werden könnten. Forscher

der ETH hätten Hochrechnungen in

Bezug auf Umweltgifte in konventionell

produzierten Feldfrüchten

angestellt – und seien der Auffassung,

dass das von ihnen ausgehende

Risiko ein Menschenleben um

höchstens eine Woche verkürze.

«Bio ist für eine gesunde Ernährung

also kein Muss», sagt Urs Niggli,

«aber sozusagen das Tüpfelchen auf

dem i. Ich möchte deshalb nicht darauf

verzichten.»

Alles, aber mit Mass?

Die Frage, was eine gesunde Ernährung

ausmacht, lässt sich nie abschliessend

beantworten. Ständig

kommen neue Erkenntnisse dazu;

für den Normalverbraucher sind sie

nicht immer ein Segen. Den Überblick

zu behalten, kann kaum unser

Anspruch sein. Aber mir scheint, es

wäre sinnvoll, dem Thema Ernährung

zumindest ohne Scheuklappen

zu begegnen. Das fängt damit an,

Bio ist für eine gesunde

Ernährung kein Muss,

aber sozusagen das

Tüpfelchen auf dem i.

Wissenschaft nicht als Bevormundung

zu sehen, sondern sie als das

zu betrachten, was sie ist: ein Versuch,

den menschlichen Körper und

das, was wir ihm zuführen, besser zu

verstehen.

Mit ihren Erkenntnissen habe ich

mich nun wochenlang beschäftigt

– um nicht zu sagen: herumgeschlagen.

Die Lektüre war zäh. Mich persönlich

hat sie dennoch motiviert,

Allgemeinplätze infrage zu stellen,

selbst wenn Antworten fehlen. Darum

schliesse ich hier auch nicht mit

dem beliebten Credo, dass wir alles

essen sollten, bloss mit Mass. Vielmehr

glaube ich, dass wir da und

dort ruhig umdenken dürfen, auch

wenn es uns etwas geistige Flexibilität

abverlangt. Schliesslich geht es

um die Wurst: um unsere Gesundheit

und die unserer Kinder.

Virginia Nolan

ist freie Autorin und Mutter einer 3-jährigen

Tochter. Sie war ein Milch-Kind, wie es im

Buche steht. Nach dieser Recherche war

sie baff, wie sehr wir die gesundheitlichen

Vorteile des Lebensmittels überschätzen.

>>>

30 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201731


Dossier

«Essen sollte frei von Druck sein»

Wir können Kindern beibringen, gesundes Essen zu mögen, meint Ernährungspsychologin

Katja Kröller. Das funktioniert aber nicht mit Brechstange und Gemüsequoten, sondern durch

sinnliches Experimentieren – und mit der Macht der Gewohnheit. Text: Virginia Nolan

Frau Kröller, was ist der schlimmste

Fehler beim Versuch, Kinder für eine

gesunde Ernährung zu begeistern?

Vermutlich die Betonung des Gesunden.

Essen sollte frei von Druck sein.

Es hilft, wenn gerade heikle Esser es

als zwanglose, eher nebensächliche

Angelegenheit wahrnehmen. Eltern

sollten ihre Bemühungen darauf lenken,

Kindern vielfältige Geschmackswelten

zu eröffnen, statt sich mit der

Frage herumzuplagen, wie sie ihnen

Gemüse unterjubeln können.

Was prägt den Geschmack unserer

Kinder?

Seine ersten Geschmackserfahrungen

macht das Kind während

Schwangerschaft und Stillzeit. Wir

wissen, dass Kinder, die möglichst

früh eine Vielzahl von Geschmäckern

kennenlernen, aufgeschlossenere

Esser werden. Das gilt ganz

besonders für die Zeit, in der wir sie

ans Essen gewöhnen. In weiten Teilen

der Welt essen bereits die Kleinsten,

was die Grossen mögen.

Wir können Kindern also beibringen,

gesundes Essen zu mögen?

Wenn wir Kindern Geschmackserlebnisse

vorenthalten, ist es nicht

erstaunlich, dass sie schwierige Esser

werden. Geschmackspräferenzen

lassen sich trainieren. Dies zeigt eindrücklich

ein Forschungsprojekt, das

ich begleitet habe. Dabei erhoben wir

regelmässig die Gemüsevorlieben

von 300 Kindergartenkindern und

leiteten daraus eine Art Ranking ab.

Wir untersuchten, ob sich diese Präferenzen

durch sensorisches Training

verändern liessen. Kohlrabi

zum Beispiel erwies sich als eher

unbeliebt. Die Kinder bekamen sie

nun vier bis acht Wochen lang dreimal

die Woche zu essen.

Was passierte?

Kohlrabi kletterte im Ranking nach

oben, und zwar deutlich. Die Präferenz

für ein Lebensmittel hängt also

stark davon ab, wie gut wir es kennen.

Wir mögen, was wir uns gewohnt

sind. Wenn ich täglich angeboten

bekomme, was ich nicht mag,

werde ich irgendwann anfangen, es

zu akzeptieren.

Kein besonders motivierender Ansatz.

So soll ja auch nicht die Ansage ans

Kind lauten. Wenn unser Kind etwas

verschmäht, sollte uns das als Eltern

aber nicht daran hindern, das

Lebensmittel weiterhin regelmässig

auf den Tisch zu bringen, ganz ohne

Aufheben. Das Kind muss es nicht

essen, bleibt aber in Kontakt damit.

«Studien zeigen, dass allein schon

das Reden über den Geschmack

eines Lebensmittels die Akzeptanz

beim Kind fördert.»

Allein damit brachten Sie Kinder dazu,

Kohlrabi zu mögen?

Nicht nur. Auch der sinnliche und

haptische Kontakt zu Gemüse – Riechen,

Schmecken, Anfassen – beeinflusst

das Geschmacksempfinden.

Wir bereiteten gemeinsam Gemüsesnacks

zu, dachten uns Geschichten

zu den lustigen Knollen aus,

liessen die Kinder Gemüse malen

oder mit verbundenen Aromen probieren.

Diese Ratespiele offenbarten,

dass Kinder unglaublich kreativ darin

sind, Geschmäcker zu benennen.

Das könnten sich Eltern zunutze

machen.

Inwiefern?

Wir wollen von den Kindern nur

wissen, ob es schmeckt. Wir könnten

sie stattdessen einmal fragen, wie es

schmeckt. Unsere Studie zeigte, dass

allein schon Reden über den Geschmack

eines Lebensmittels dessen

Akzeptanz beim Kind fördert. Interessanterweise

hatte selbst der Austausch

über die geschmacklichen

Nachteile eines Gemüses dazu beigetragen,

dass die Kinder es am Ende

lieber mochten als vorher. Dass

Gemüse etwas Gesundes mit vielen

Vitaminen ist, war in unserem Projekt

übrigens mehr eine beiläufige

Information, aber nicht die zentrale

Botschaft.

Was machen Eltern, wenn Teenager

Gemüse und Salat verweigern?

Auch hier gilt: geduldig bleiben,

abwarten, gemeinsame Mahlzeiten

anbieten. Die müssen je nach Alter

nicht mehr täglich stattfinden, da

lohnen sich Absprachen. Es kann

32 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


wiederum helfen, gesundes Essen so

anzubieten, dass Jugendliche es als

beiläufig wahrnehmen. Ich denke da

an Früchte oder Snackgemüse, von

dem sich alle bedienen dürfen, während

der Mahlzeit oder zwischendurch.

Gelegentlich sind auch aufgepeppte

Sandwiches oder das

Lieblingsessen des Jugendlichen ein

guter Kompromiss für die Familienmahlzeit.

Es lohnt sich, wenn der

Wochenspeiseplan von allen Familienmitgliedern

mitbestimmt werden

darf. Starre Vorgaben führen nur

dazu, dass Jugendliche ihren Essensbedarf

am Kiosk decken.

Der Hang zu ungesundem Essen ist

bei Jugendlichen meist ausgeprägt.

Wächst sich das aus?

Das tut es. Studien zeigen, dass die

Ernährungsweise, die Eltern zu Hause

vorleben, ihre Kinder im Erwachsenenalter

massgeblich prägt. Also

keine Sorge: Da bleibt was hängen.

Bloss dauert es eben, bis dieser Effekt

greift. Bis dahin mögen Jugendliche

Gemüse komplett ablehnen – sie

nehmen dadurch keinen Schaden.

«Fünf am Tag» heisst die Botschaft

der Schweizerischen Gesellschaft für

Ernährung, wenn es um Gemüse und

Früchte geht. Wie ist das mit Kindern

zu schaffen?

Gar nicht, vermutlich. Ich halte nicht

viel davon, weil sie Eltern unter

Druck setzt. Sehen sich Eltern aufgefordert,

Quoten einzuhalten,

erschwert ihnen das einen lustvollen

Zugang zum Gemüse. Für Kinder ist

der aber ausschlaggebend. Es ist

schon viel getan, wenn wir versuchen,

einmal am Tag Obst und einmal

Gemüse zu essen. Es kann auch

Tage geben, an denen das gerade

nicht passt oder das Kind sich wehrt.

Das ist nicht schlimm.

Probieren ist Pflicht – wie halten Sie

es damit?

Zum Probieren kann man ein Kind

höchstens ermuntern. Druck ist

unangebracht. Kinder legen in ihren

verschiedenen Entwicklungsstufen

grossen Wert auf eigenständige Entscheidungen,

und sie wissen auch,

dass sie beim Essen die stärksten

Einflussmöglichkeiten haben: Wir

können Kinder zu vielem zwingen,

aber wenn sie das Essen verweigern,

sind wir machtlos. Wenn ein Kind

nicht probieren will, sollten Eltern

das akzeptieren. Wir können ihm

aber gleichzeitig erklären, dass sich

Geschmäcker durchaus ändern und

ein weiterer Anlauf sich lohnen

kann.

Sollten wir Essen als Belohnung einsetzen?

Es kommt darauf an. Wir tun uns

keinen Gefallen, wenn wir dem Kind

einen Nachtisch in Aussicht stellen,

falls es den Broccoli aufisst. Durch

die Belohnung bestätigen wir ihm,

«Wenn ein Kind nicht

probieren will, sollten

Eltern das akzeptieren.»

dass Broccoli-Essen eine ganz schön

harte Angelegenheit ist, die nach

Entschädigung verlangt. Belohnung

mit Essen kann funktionieren, wenn

die Handlung, die wir damit loben

wollen, tatsächlich negativ besetzt ist

– denken Sie etwa an die Glace nach

überstandenem Arzttermin. Wir

sollten aber auch diese Art der

Belohnung sehr sparsam einsetzen.

Essen soll nicht zum Trostpflaster

werden.

Zur Person

Katja Kröller ist Professorin für

Ernährungspsychologie an der Hochschule

Anhalt in Bernburg (D). Der Fokus ihrer

Forschung liegt auf psychologischen

Ansätzen für individuelle

Verhaltensänderungen und der dazu

geeigneten Gesprächsführung.

Im nächsten Heft:

Generation Sandwich

Bild: iStockphoto

Sie sind eingeklemmt zwischen der Verantwortung

für die eigenen Kinder und jener für ihre Eltern:

Immer mehr Menschen müssen neben Familie und

Beruf noch die Angehörigenpflege unter einen Hut

bekommen. Unser Dossier im Dezember.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201733


Monatsinterview

34 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


«Eltern sollten die

Mutmacher ihrer

Kinder werden»

Acht Prozent der Schulkinder sind übermässig schüchtern, und das

über eine lange Zeit. Aus der ständigen Angst heraus, schlecht beurteilt

zu werden, verhalten sie sich im Unterricht meist passiv – mit fatalen

Folgen, sagt Georg Stöckli. Der Erziehungswissenschaftler über stumme

Beobachter, überbehütende Eltern und besonders hartnäckige

Hemmzwerge. Interview: Evelin Hartmann Bilder: Daniel Winkler / 13 Photo

Alte

Wirkungsstätte:

Georg Stöckli

war Leiter der

Forschungsstelle

Kind und Schule

an der Uni Zürich.

Ein ständiges Wispern und Klappern

erfüllt den grossen Saal, Studenten

unterhalten sich, bestellen Kaffee und

Gipfeli. «Oh, das habe ich mir anders

vorgestellt», sagt Georg Stöckli, der

den Lichthof der Universität Zürich als

Ort für dieses Interview vorgeschlagen

hatte. «Ansonsten stehen hier immer

Tische und Stühle.» Heute jedoch wird

hier für einen Stehapèro aufgetischt.

Erziehungswissenschaftler und

Journalistin wissen sich zu helfen,

belegen einen der herumstehenden

Bistro-Stehtische und führen das

Gespräch im Stehen.

Herr Stöckli, viele Kinder sind schüchtern.

Stellt dieses Persönlichkeitsmerkmal

überhaupt ein Problem dar?

Es kommt darauf an, wie ausgeprägt

das schüchterne Verhalten ist. Unter

Schüchternheit versteht man grundsätzlich

die Ängstlichkeit eines Menschen

beim Knüpfen zwischenmensch

licher Beziehungen.

Schüch ternheit ist, solange sie kein

Leiden verursacht, keine psychische

Störung, sondern ein Ausdruck des

Temperaments eines Menschen. Viele,

besonders jüngere Kinder verhal­

ten sich in unbekannten Situationen

zurückhaltend, insbesondere, wenn

ein Kind in den Kindergarten oder

die Schule kommt. Das geht meist

vorüber, wenn es sich an die zunächst

neue Lehrerin und den Klassenraum

gewöhnt hat.

Wann ist ein Kind zu schüchtern?

Wenn der Erstklässler, um bei diesem

Beispiel zu bleiben, obwohl er

gerne Freundschaften schliessen

«Solange sie kein

Leiden verursacht,

ist Schüchternheit

keine Störung.»

würde, sich auch nach Wochen

zurückhält und selten den Kontakt

zu seinen Mitschülern sucht und sich

im Unterricht kaum bis gar nicht

mündlich beteiligt. Wissenschaftlich

ausgedrückt: Wenn sein Vermeidungsverhalten

ausgeprägter ist als

sein Annäherungsverhalten. >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201735


Monatsinterview

>>> Warum verhalten sich Kinder

denn auf diese Art und Weise?

Übermässig schüchterne Buben und

Mädchen haben Angst, negativ be ­

wertet, ausgelacht und lächerlich

gemacht zu werden. Sie haben Angst,

nicht zu genügen und den Erwartungen

anderer nicht gerecht zu werden.

«Ich genüge nicht als Person.»

Diese Angst führt dazu, dass sich

schüchterne Kinder in Gegenwart

anderer unbehaglich fühlen, angespannt

sind und Hemmungen

haben, sich beispielsweise in ein

Spiel einzubringen. Sie bleiben in der

Rolle des stummen Beobachters.

Was steckt hinter dieser Angst?

Ein stark angeschlagenes Selbstvertrauen.

Die Vermeidung von sozialen

Kontakten ist die Folge, ebenso

wie eine mangelhafte Unterrichtsbeteiligung.

Diese Kinder machen sich

klein, sprechen, wenn überhaupt,

nur ganz leise, haben keinen wirklich

spürbaren Händedruck, meiden den

Blickkontakt, und auf Fragen antworten

sie schulterzuckend mit «ich

weiss nicht». Was von Aussenstehenden

oft negativ bewertet wird.

Nach dem Motto: «Wo nichts rauskommt,

ist auch nichts drin.»

Schüchternen fehlt aber nicht einfach

nur das richtige Skript für die

sozialen Auftritte; das Problem liegt

im Grunde tiefer. Oft kennen sie die

passenden Dialoge und das, was man

sagen könnte, sehr wohl, aber sie

verzichten darauf, die Sätze und

Bemerkungen auszusprechen, weil

sie sich nicht dazu berechtigt und zu

unbedeutend fühlen, ihre Meinung

in eine Situation einzubringen. Oder

sie fürchten, dass man ihnen widerspricht,

was sie sofort beschämen

würde.

Aber gibt es nicht auch schüchterne

Menschen, die ihre Hemmungen

gekonnt überspielen?

Das ist richtig. Viele Schauspieler

sind eigentlich extrem schüchterne

Menschen, obwohl sie täglich vor

Publikum auf der Bühne stehen.

Aber dort spielen sie lediglich ihre

Rolle. Extravertiertes Verhalten können

sich Schüchterne mit zunehmendem

Alter aneignen. Auch der

Klassenclown hat letztlich nur eine

Möglichkeit gefunden, sich vor

anderen zu präsentieren. Er geht

damit aber keine ernsthaften Kontakte

ein.

Können diese Kinder keine Freundschaften

schliessen?

Sagen wir, es fällt ihnen sehr schwer,

da ihr soziales Misstrauen so stark

ausgeprägt ist. Das kleinste Anzeichen

von Abneigung oder Zurückweisung

von dem oder der Auserwählten

wird als Ablehnung ge deutet

und führt zum Rückzug. Deshalb

haben schüchterne Kinder meist

wenige Freunde, die ihnen sehr

wichtig sind und von denen sie

extrem viel erwarten.

«Wer im

Jugendalter den

Anschluss nicht

findet, bleibt auch

als Erwachsener

isoliert.»

Von wie vielen Kindern, denen es so

ergeht, sprechen wir?

Im Kindergarten ist anfänglich ein

Drittel der Buben und Mädchen auffällig

schüchtern. In der Primarschule

werden dann etwa 16 Prozent der

Schülerinnen und Schüler eines

Jahrgangs als schüchtern wahrgenommen.

Mädchen und Buben sind

dabei übrigens gleich oft betroffen.

Diese Schüchternheit nimmt bei vielen

Betroffenen mit der Zeit ab. Bei

rund 8 Prozent bleiben die Hemmungen

und die Angst vor Zurückweisung

allerdings erhalten. Wenn

diese Kinder im Jugendalter den

Anschluss immer noch nicht finden,

isoliert bleiben, dann stabilisiert sich

ihre Schüchternheit. Dann bleibt

man mit grosser Wahrscheinlichkeit

auch als Erwachsener isoliert.

Wird Schüchternheit vererbt?

Während meiner Forschungstätigkeit

habe ich beobachtet, dass in den

meisten Fällen schon die Eltern

schüchtern waren. Das war auch die

Aussage der Mütter und Väter in

unseren Kursen: «Ich war früher

genauso.» Lassen Sie mich den

Zusammenhang so erklären: Es gibt

ein Hemmungs- und ein Annäherungssystem,

und je nachdem, wie

die Einschätzungen sind, wird entweder

das eine oder das andere aktiviert.

Bei Schüchternen ist die

Schwelle tiefer und die Hemmungen

werden früher aktiviert.

Wie muss man das verstehen?

Der Amerikaner und Entwicklungspsychologe

Jerome Kagan hat in den

80er-Jahren Babys Mobiles vorgehalten.

Die einen waren interessiert,

haben mit Greifen und Glucksen

freudig reagiert, während sich andere

weinend weggedreht haben. Für

sie waren diese Reize zu viel. Diese

Kinder haben eine so niedrige Reizschwelle,

dass sie von Reizen, die von

aussen kommen, recht schnell überfordert

werden.

Und diese niedrige Reizschwelle ist die

genetische Komponente?

Ja, sie wird von den Eltern vererbt.

Wie sich gezeigt hat, neigen besonders

Kinder, die gegenüber fremden

Personen eine tiefere Reizschwelle

haben, zu späterer Schüchternheit.

Ob es so weit kommt, hängt stark

von der Erziehungsumgebung ab.

Eltern, die früher selber schüchtern

waren, reagieren häufig ängstlich

und überbehütend und verstärken

so die Hemmungstendenzen beim

Kind. Schüchternheit kann gleichzeitig

vererbt und anerzogen sein.

Was gelingt Kindern mit einer höheren

Reizschwelle besser?

Es muss viel mehr passieren, um

diese Kinder aus der Ruhe zu bringen.

Sie können ihr Handeln besser

strukturieren und ausrichten auf das,

was wirklich passiert, während Kinder

mit einer niedrigen Reizschwelle

(vorschnell) auf Signale reagieren.

Für Schüchterne ist es so, dass der

36 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


«Schüchterne

Kinder bleiben

hinter ihren

Möglichkeiten

zurück», sagt

Georg Stöckli.

«Blick des anderen» primär Beurteilung

und damit Bedrohung signalisiert

– nicht etwa Interesse und

Wohlwollen.

Haben Schüchterne auch Stärken –

die weniger schüchternen Menschen

fehlen?

Schüchterne Menschen werden oft

als sehr empathisch beschrieben, sie

sind gute Zuhörer und Beobachter.

Und verstehen Sie mich nicht falsch,

auch Hemmungen sind nicht nur

negativ zu bewerten. Wenn es mehr

Hemmungen gäbe, wäre unsere Welt

sicher um einige Konflikte ärmer.

Das Problem ist nur, dass diese Hemmungen

in Situationen auftreten, die

für das persönliche «Vorankommen»

der schüchternen Person entscheidend

wären.

So bleiben schüchterne Menschen

hinter ihren Möglichkeiten zurück. Im

Hinblick auf die Schule ist ein solches

Verhalten fatal.

Leider. Diese Kinder bleiben im

Unterricht passiv, machen nicht mit

und können somit nicht zeigen, was

sie eigentlich im Stande sind zu leisten.

Ihre Noten sind schlechter, als

sie ohne dieses schüchterne Verhalten

wären. Viele Lehrpersonen re ­

agieren genervt auf diese Kinder, die

sich nicht äussern. Andere Kinder

und Jugendliche haben feine Antennen

für eine solche Stimmung: «Er

oder sie ist anders als wir.» In einem

ungünstigen Umfeld kann dies bis

zu Mobbing führen.

Sie sprechen in Ihren Büchern von den

«vergessenen Kindern».

Damit Unterricht stattfinden kann,

müssen erst einmal diejenigen Schüler

ruhiggestellt werden, die stören.

Dabei gehen die stillen, zurückhaltenden

Kinder unter – oder sind

sogar in ihrem passiven Verhalten

erwünscht. Sie machen keinen Klamauk,

sind ruhig. Das führt dazu,

dass die Probleme dieser Kinder

nicht gesehen werden. Was Schüchterne

brauchen, ist eine Umgebung

der Vertrautheit. Anders als zu Hause

ist diese Vertrautheit in der Schule

nicht gegeben, und durch die

Klassengrösse sind die Lehrerinnen

und Lehrer nicht in der Lage, eine

Vertrautheit zu schaffen.

Dabei wäre es gerade in der Schule

wichtig, dass es den Lehrpersonen

gelingt, eine vertrauensvolle Beziehung

aufzubauen.

Leider hören diese Kinder schon im

Kindergarten von Lehrpersonen,

dass sie sich besser beteiligen sollen,

was nicht gerade zu einer Verbesserung

führt. Wenn die Eltern >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201737


Monatsinterview

>>> dann auch noch solche Signale

aussenden, wird es ganz schlimm:

«Mach doch, sei doch, tu doch.» Das

heisst für das Kind: «So, wie du bist,

bist du nicht gut». Und das ist natürlich

eine fatale Botschaft.

Was könnten Lehrpersonen stattdessen

tun?

Es wäre wichtig, dass Lehrerinnen

und Lehrer mit den Kindern besprechen,

wie sie sich im Unterricht besser

beteiligen können, und einen

Weg finden, wie sie das Kind unterstützen.

So könnten beispielsweise

anstehende Vorträge gemeinsam

vorbesprochen werden. Man sollte

dem Kind zu verstehen geben, dass

auch andere Ängste haben, vor der

Klasse zu sprechen, und dass das

ganz normal ist. Man sollte ihm vermitteln,

dass man es in seinem

Wesen akzeptiert, aber es Schritt für

Schritt weiterbringen möchte.

Eine zeitaufwendige Sache.

So zeitaufwendig ist das nicht. Zwei

bis drei Mal pro Woche am Ende des

Unterrichts kurz mit einem schüchternen

Kind Aufträge durchsprechen,

das können Lehrpersonen

leisten.

In Ihrer Funktion als Leiter der Forschungsstelle

Kind und Schule an der

Universität Zürich haben Sie das

«Soziale Fitness-Training» entwickelt.

Ein Programm, das schüchternen Kin-

dern helfen soll, sich in der Schule zu

öffnen und ihre Hemmungen hinter

sich zu lassen.

Während meiner Forschungszeit zu

diesem Thema sind immer wieder

Eltern mit der Frage auf mich zugekommen:

«Was können wir nun

gegen die Schüchternheit unseres

«Mein Wunsch ist,

dass Fachpersonen

regelmässig mit

diesen Kindern an

ihren Schulen

arbeiten.»

Sohnes, unserer Tochter tun?» Da

habe ich gemerkt, dass es mit der

reinen Forschung nicht getan ist –

und dieses Programm entwickelt, in

dem wir mit den Kindern bei uns an

der Universität gearbeitet haben,

damit sie den Erwartungen, die an

sie gestellt werden, gerecht werden

können. Es braucht ja eigentlich

nicht viel: sich gelegentlich melden,

sich einbringen, mitmachen, in der

Pause nicht abseitsstehen, sondern

mit anderen etwas gemeinsam

machen. Für diese Kurse sind Familien

aus der gesamten Deutschschweiz

zu uns gekommen. Leider

werden Sie heute nicht mehr angeboten.

Unter anderem aus diesem Grund

haben Sie in diesem Frühjahr das

Buch «Sozial fit – SoFiT! Mutmacher

gegen Hemmzwerg. Sozialarbeit an

Schulen: Ein Trainingsprogramm für

sozial ängstliche Schülerinnen und

Schüler» herausgegeben ...

... um es an Sozialarbeiter und Heilpädagogen

an Schulen abzugeben.

Mein Wunsch wäre es, dass diese

Fachpersonen regelmässig mit

schüchternen Kindern an ihrer

Schule arbeiten.

Was kann ich als Vater oder Mutter eines

schüchternen Kindes tun?

Erst einmal sollten Sie Ihrem Kind

zuhören. Aussagen wie «alle anderen

in der Klasse sind blöd» deuten

schon darauf hin, dass etwas nicht

stimmt. Denn das kann nicht sein.

Eine Schulklasse ist im Grunde der

beste Ort, um Freunde zu finden, da

man über einen längeren Zeitraum

immer wieder mit denselben Menschen

Zeit verbringt.

Sollte man sein Kind ermutigen, auf

andere zuzugehen?

Es lohnt sich, als Mutter oder Vater

eines betroffenen Kindes die Frage

zu stellen: Wie distanziert bin ich

Die stellvertretende

Chefredaktorin

Evelin Hartmann im

Gespräch mit Georg

Stöckli.

Zur Person

Prof. Dr. Georg Stöckli war von

2009 bis 2015 Leiter der

Forschungsstelle Kind und Schule am

Institut für Erziehungswissenschaft

der Universität Zürich.

38 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


eigentlich selbst anderen Menschen

gegenüber? Wenn man seinem Kind

sagt, dass es doch eigentlich ganz

einfach ist, es aber selbst nicht praktiziert,

dann ist das ein Widerspruch,

den das Kind durchschaut. Natürlich

gehört es dazu, hin und wieder ein

anderes Kind zu sich nach Hause

einzuladen, gemeinsam zu essen und

dem eigenen Kind zu zeigen, dass

man in diesen Situationen auch entspannt

sein kann. Solche Tischsituationen

eignen sich dafür sehr gut:

Das Kind ist anwesend, muss aber

nicht aktiv handeln. Das ist ein guter

Anfang.

Für Ihr Programm haben Sie den Mutmacher

entwickelt, der dem schüchternen

Kind hilft, gegen den sogenannten

Hemmzwerg zu kämpfen.

Dieser Hemmzwerg ist ein sehr hartnäckiger

Zwerg (lacht). Es ging mir

darum, die Schüchternheit von der

Person des Kindes zu trennen. Es ist

der Hemmzwerg, der dem schüchternen

Kind das Leben schwermacht.

Doch mithilfe des Mutmachers kann

der Hemmzwerg be kämpft werden.

Eltern rate ich, die Mutmacher ihrer

Kinder zu werden und mit ihnen

Situationen zu erleben, nach denen

sie sagen können: «Da warst du jetzt

aber richtig mutig!» Und: «Du bist

viel mutiger, als du denkst!» Und das

kann dann ein Anschlusspunkt an

die eigene Mutmacherei sein.

>>>

«Mutmacher gegen Hemmzwerg»

Georg Stöckli entwickelte ein Trainingsprogramm, das

schüchterne Kinder darin unterstützt, ihre Hemmungen

und Ängste zu überwinden. Das Programm wurde mit

Schülerinnen und Schülern der vierten bis sechsten

Klassen erprobt. Die abschliessende Auswertung zeigte,

dass sich diese Kinder nach dem Training mutiger

fühlten als zuvor.

In zehn Trainingseinheiten werden Übungen

angeboten, die den Kindern zum einen ermöglichen,

ihre eigenen Hemmungen zu erkennen. Mithilfe der

Figur des Hemmzwergs können Kinder über die

Ursachen ihrer Probleme nachdenken. Zum anderen

werden die Kinder aufgefordert, ihre Passivität zu

überwinden und Eigeninitiative zu zeigen. Ein

persönlicher Mutmacher hilft den Kindern dabei.

Georg Stöckli: Sozial fit – SoFiT! Mutmacher gegen

Hemmzwerg. Sozialarbeit an Schulen: Ein

Trainingsprogramm für sozial ängstliche Schülerinnen

und Schüler. Lehrmittelverlag Zürich, 2016.

www.lmz.ch

tel.Dr.

Mehr Infos auf

visana.ch/telemedizin

Medizinische Beratung am Telefon durch eine Fachperson,

jeden Tag rund um die Uhr. Im Akutfall oder bei Unsicherheit.

Das ist Service.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201739


Psychologie & Gesellschaft

Buben lernen anders als Mädchen

Damit beide Geschlechter in der Familie und in der Schule auf die

Rechnung kommen, braucht es ein Bewusstsein dafür, dass es

Unterschiede zwischen Mädchen und Buben gibt. Text: Susan Edthofer

Schule als Institution und Buben harmonieren

nicht immer miteinander. Mädchen scheinen

besser in dieses Konzept zu passen. Buben und

Mädchen entwickeln sich unterschiedlich, und

auch ihre Bedürfnisse, Vorlieben und Befindlichkeiten

sind anders. Dies bedeutet, dass beim Thema

Chancengleichheit nicht nur die soziale Herkunft, sondern

auch das Geschlecht eine Rolle spielt.

Mädchen sind eine Nasenlänge voraus

Bereits beim Schuleintritt haben die Mädchen die Nase

vorn. Bei der Einschulung beträgt der Entwicklungsvorsprung

etwa ein bis drei Jahre, ein Unterschied, der sich

erst im Laufe der Schulzeit ausgleicht. Nicht verwunderlich

also, dass der Unterricht für die Buben womöglich

zum Stressfaktor wird. In einem Artikel von «Focus

Schule» aus dem Jahr 2009 steht: «Mädchen sind nicht

schlauer, aber ‹schulklüger›.» Diese Aussage bringt es

auf den Punkt. Beispielsweise entwickeln sich Feinmotorik

und Grobmotorik bei Mädchen und Buben in

unterschiedlichen Zeitfenstern. Das erklärt, warum

Buben oft Mühe haben, still zu sitzen, schön zu schreiben

und geduldig auszumalen. Hinzu kommt, dass die

Art und Weise, wie Inhalte vermittelt werden, Buben

eher langweilt. Auch wenn bei Mädchen der Bewegungsdrang

ebenfalls hoch ist, können sie besser damit umgehen,

dass Wissen oft durch Reden weitergegeben wird.

Beiden Geschlechtern gerecht werden

Immer wieder ist die Frage zu hören, ob getrennte Klassen

beiden Geschlechtern mehr entsprechen würden.

Mittlerweile sprechen sich viele Fachleute für eine zeitweilige

Trennung aus. Schulen, die diese Lösung praktizieren,

stellen fest, dass den Bedürfnissen von Buben

und Mädchen besser entsprochen werden kann. Entgegen

der gängigen Meinung schneiden Mädchen beispielsweise

in Mathematik bis zehn Jahre ungefähr gleich

gut ab. Erst nachher überholen die Jungs sie. Scheinbar

liegt es also nicht an den Fähigkeiten, dass sich Mädchen

in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern in

gemischten Klassen eher zurückhalten. Auch Buben

könnten ihre kommunikativen Stärken besser zeigen,

wenn die Klassen im Sprachunterricht

teilweise getrennt wären.

Deutliche Unterschiede bestehen im

Denken und Handeln: Mädchen macht

es keine Mühe, Vorgaben zu folgen.

Buben hingegen möchten Dinge ausprobieren

und erst nachher ihre Schlüsse

ziehen. Auch das Selbstwertgefühl der beiden Geschlechter

entwickelt sich unterschiedlich: Mädchen versuchen

sich vor allem über die Leistung zu definieren und

dadurch ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Für Buben

hängt die Stellung in der Gruppe stark mit ihrem Selbstwertgefühl

zusammen. Eltern und Lehrpersonen, die

Kinder mit diesem Wissen unterrichten und erziehen,

tragen dazu bei, das Lernen zu vereinfachen.

Was Eltern tun können – vier Tipps

«Mädchen scheinen

besser ins Konzept

Schule zu passen.»

Susan Edthofer ist Redaktorin

im Bereich Kommunikation

von Pro Juventute.

• Um beiden Geschlechtern gerecht zu werden, hilft es, sich der

Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Buben zu

vergewissern. Wenn Sie die Stärken Ihres Kindes kennen, fällt es

Ihnen leichter, seine schwächeren Seiten zu fördern.

• Geben Sie Ihrem Sohn Gelegenheit, das Lernen durch Bewegung

aufzulockern. Kopfrechnen kann man beispielsweise beim

Treppensteigen, und Wörter lassen sich hüpfend lernen.

• Fördern Sie im Gespräch mit Ihrem Sohn und anhand von Bildern

und Situationen gezielt seine emotionalen Kompetenzen.

• Mädchen fühlen sich schnell minderwertig. Stärken Sie das

Selbstvertrauen Ihrer Tochter und achten Sie beispielsweise darauf,

dass nicht bloss die Männer für handwerkliche Belange zuständig

sind. Ermuntern Sie Ihre Tochter, in sogenannte Männerdomänen

vorzustossen.

Pro Juventute Elternberatung

Bei Pro Juventute Elternberatung können Eltern und Bezugspersonen von

Kindern und Jugendlichen jederzeit telefonisch (058 261 61 61) oder online

(www.projuventute-elternberatung.ch) Fragen zum Familienalltag, zu

Erziehung und Schule stellen. Ausser den normalen Telefongebühren fallen

keine Kosten an. In den Elternbriefen und Extrabriefen finden Eltern

Informationen für den Erziehungsalltag. Mehr Infos: www.projuventute.ch

40 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Kolumne

Wenn Kinder das Familienbett belagern

Was tun, wenn Kinder nachts auf Wanderschaft gehen, Betten getauscht werden

und Eltern nicht zur Ruhe kommen? Dann braucht es eine klare Botschaft und

elterliche Führung, sagt Jesper Juul.

Jesper Juul

ist Familientherapeut und Autor

zahlreicher internationaler Bestseller

zum Thema Erziehung und Familien.

1948 in Dänemark geboren, fuhr er

nach dem Schulabschluss zur See, war

später Betonarbeiter, Tellerwäscher

und Barkeeper. Nach der

Lehrerausbildung arbeitete er als

Heimerzieher und Sozialarbeiter

und bildete sich in den Niederlanden

und den USA bei Walter Kempler zum

Familientherapeuten weiter. Seit 2012

leidet Juul an einer Entzündung der

Rückenmarksflüssigkeit und sitzt

im Rollstuhl.

Jesper Juul hat einen erwachsenen

Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter

Ehe geschieden.

Eine Leserin schreibt: Ich

finde mich immer wieder

in Situationen, in

denen es mir schwerfällt,

herauszufinden, was für

die Kinder gut ist und was nicht. Im

Dschungel der vielen Ratgeber und

der mehr oder weniger schlauen

Bücher über Kinder fühle ich mich

verloren. Sie helfen mir nicht.

Hier unser Problem: Die Nächte

sind für uns Erwachsene sehr unangenehm,

aber ich weiss wirklich

nicht, wie wir das ändern sollen. Wir

sind eine Patchworkfamilie: mein

Mann, mein fünfjähriger Sohn und

unsere gemeinsame, zehn Monate

alte Tochter und ich. Jedes zweite

Wochenende ist mein Sohn bei seinem

Vater. An manchen Wochenenden

sind auch die älteren Kinder

meines Mannes bei uns. Die eigentlichen

Schwierigkeiten erleben wir

aber in den Nächten unter der

Woche.

Die beiden Kinder schlafen dann

bei mir im Doppelbett, mein Mann

schläft auf einer Matratze im Kin­

Wir wollen nicht, dass unser

Sohn sich fürchtet, möchten

aber auch nicht nachts ständig

geweckt werden – was tun?

derzimmer. Oder er schläft zusammen

mit unserer gemeinsamen

Tochter im Doppelbett und ich mit

meinem Sohn auf der Matratze im

Kinderzimmer. Die Kinder lieben

diese Aufteilung. Mein Mann und

ich nicht. Wir sind sogar ziemlich

frustriert davon.

Da der Grössere früher Angst

hatte, alleine zu schlafen, kam er

immer zu uns ins Bett. Mit der Zeit

wurde dies zu einem Platzproblem.

Aus diesem Grund fanden wir die

beschriebene Lösung. Nun wacht

unsere Kleine in der Nacht aber

immer wieder auf, und mein Sohn

wird dadurch in seinem Schlaf

gestört. Mittlerweile sind wir alle

sehr müde.

Wir wollen nicht, dass unser

Gros ser sich fürchtet, aber auch

nicht, dass wir ständig in der Nacht

von einem Fünfjährigen aufgeweckt

werden. Ich habe einfach nicht mehr

die Kraft für dieses Chaos.

Antwort von Jesper Juul

Was für ein Durcheinander! Ich

kann sehr gut verstehen, dass Sie und

Ihr Mann frustriert sind. Sie müssen

die unterschiedlichsten Bedürfnisse

und Wünsche vieler Familienmitglieder

unter einen Hut bringen –

auch Ihre eigenen.

So wie Sie die Entwicklung

beschreiben, müssen Sie das Gefühl

haben, dass Sie mit Ihren Bestrebungen

gescheitert sind, vor allem

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

42 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


nachts. Dabei sind Ihre Kinder auf

sich selbst gestellt, weil es ihren

Eltern nicht gelingt, die eigenen

Bedürfnisse zu stillen, weil Sie sich

mehr oder weniger für die Bedürfnisse

Ihrer Kinder aufgeben.

Ihre Kinder haben offensichtlich

unterschiedliche Schlafwünsche.

Doch was sie brauchen, ist nicht die

Erfüllung ihrer Wünsche, sondern

eine klare Botschaft von Ihnen als

Eltern. Jetzt braucht es sozusagen

die elterliche Führung. Konzentrieren

Sie sich dabei auf Ihr Wissen

über die Bedürfnisse Ihrer Kinder

und Ihre Fähigkeit, ihnen Ihre Grenzen

zu zeigen.

In Ihrer speziellen Situation als

Patchworkfamilie sollte keines der

Kinder bis auf Ihre gemeinsame

kleine Tochter bei Ihnen im Bett

schlafen. Der fünfjährige Sohn hat

vermutlich keine Angst, er ist es einfach

nicht gewohnt, alleine zu schlafen.

Es wird schon einige abendliche

«Besuche» an seinem Bett brauchen,

bis er tatsächlich alleine ein- und

auch durchschläft.

Zuerst müssen Sie und Ihr Mann

sich gemeinsam klar darüber werden,

was Sie wollen. Sobald Sie das

wissen, berufen Sie ein Familientreffen

ein, an dem alle Mitglieder teilnehmen.

Zuerst erzählen Sie, wie

frustriert und erschöpft Sie sind und

dass Sie die Verantwortung dafür

übernehmen. Dann teilen Sie den

Kindern Ihre Entscheidung mit und

erlauben Ihnen, darauf zu reagieren.

Aber diskutieren Sie nicht zu lange

darüber! Die Entscheidung ist gefallen,

und dabei bleibt es.

Falls Sie jetzt denken, dass das ein

zu hartes Vorgehen ist – keine Sorge.

Sie haben schon sehr lange jeden

möglichen Respekt für die Bedürfnisse

der Kinder gezeigt. Sie haben

eine wunderbare Komfortzone für

alle geschaffen und die Beteiligten

liebevoll umsorgt.

Nun ist es an Ihnen, Prioritäten

zu setzen. Fast die Hälfte aller einbis

fünfjährigen Kinder dieser Welt

schläft in der Nacht unruhig und

unregelmässig. Auch viele Ratgeber

und Bücher zum Thema können das

nicht ändern. Selbst jene nicht, die

sich ausschliesslich auf die Bedürfnisse

der Kinder, deren Eigenarten

und schlechten Gewohnheiten konzentrieren.

Der Grund ist einfach: In diesem

turbulenten Alter können die besten

Eltern der Welt keine Ordnung und

Harmonie in die inneren Zustände

ihrer Sprösslinge bringen. Was Sie

aber machen können, ist, verlässliche

und sichere Rahmenbedingungen

zu schaffen.

Es wird einige abendliche

Besuche neben dem Bett Ihres

Sohnes brauchen, bis er alleine

ein- und durchschläft.

Haben auch Sie eine Frage an Jesper Juul,

die er persönlich beantworten soll?

Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an

redaktion@fritzundfraenzi.ch oder

einen Brief an: Schweizer ElternMagazin

Fritz+Fränzi, Dufourstrasse 97,

8008 Zürich

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen

in Zusammenarbeit mit

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201743


Kolumne

F***** im Club

Michèle Binswanger

Die studierte Philosophin ist Journalistin

und Buchautorin. Sie schreibt zu

Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder

und lebt in Basel.

Spotify ist eine segensreiche Erfindung. Sich für Musik zu interessieren

war nie so einfach wie heute. Als Teenager in den Achtzigerjahren

war dies eine weitaus kompliziertere Angelegenheit,

denn um überhaupt an neue Musik heranzukommen, brauchte

man zunächst weniger musikalische als soziale Fähigkeiten.

Man musste an die Menschen herankommen, die einem neue Musik zeigen

konnten, und das waren allesamt Nerds. Oder Kerle, die ich nicht

verstand, wie der Wizard vom einzig coolen Plattenladen in der Kleinstadt,

in der ich aufwuchs. An Samstagnachmittagen lungerte ich vor

dem Plattenladen herum und kaum je wagte ich es, den Wizard persönlich

anzusprechen, der mich vielleicht in die Geheimnisse neuer Musik

eingeweiht hätte.

Heute ist das anders. Dank Spotify brauche ich nicht mehr bis am

Samstagnachmittag zu warten und ich brauche auch keine Nerds mehr.

Alles, was ich wissen muss, sagt mir der Algorithmus, der immer neue

Empfehlungen macht und auch immer wieder für Überraschungen sorgt.

So war das neulich, als plötzlich dieser Track durch meine Boxen bretterte.

Er hatte ordentlich Druck und eine interessante Story: Ein paar

Mädels erzählen, wie sie sich für den Ausgang aufbrezeln und dann grölend

durch die Strassen ziehen. Ich hörte interessiert und angetan zu, bis

der Refrain kam, mit süssen Stimmchen über wummerndem Bass:

«Ich geh heut mit meinen Fotzen in’ Club

Wir kommen rein und jedes Opfer hier kuckt

Dieser Scheiss fickt deine Boxen kaputt

denn ich bin heut mit meinen Fotzen im Club»

Hm. Als Erstes sah ich mich um, ob meine Kinder mithörten. Sie wissen

nämlich, dass ich aggressiven und vulgären Deutschrap nicht ausstehen

kann. Weil ich das Glück habe, mit einer Tochter gesegnet zu sein, die

Musik ebenfalls liebt und deren Musikgeschmack sich mit meinem überschneidet,

war dies noch nie ein Problem. Nun war mir klar, was hier aus

den Boxen kam, war einigermassen prekär. F***** – in keinem anderen

Kontext würde ich den Ausdruck in meinem Haushalt dulden. Aber ich

konnte mir nicht helfen, ich mochte den Song. Irgendwie war das Punk

oder eine vulgärfeministische Variante davon. Und wenn es sexistisch

war, warum gefiel es mir dann irgendwie? War das jetzt vielleicht Zeichen

einer Midlife-Crisis? Dann hörte ich den Track noch einmal an – laut.

Meine Tochter ist 16 Jahre alt, und das Letzte, was man sich in diesem

Alter wünscht, ist eine vulgäre Mutter. Deshalb bemühe ich mich, mit

allem diskret zu sein, was sie in Verlegenheit bringen könnte. Deshalb

zeigte ich meiner Tochter den Track nicht. Bis wir eines Abends miteinander

in Streit gerieten. Sie zog sich beleidigt ins Zimmer zurück – und

wenig später bretterte «F***** im Club» aus ihrem Zimmer. Offensichtlich

versuchte sie, mich zu provozieren. Aber ich fand es nur lustig.

Ich habe keine Ahnung, ob das richtig ist. Ob ich mir Sorgen machen

soll, dass sie solche Musik hört, oder darüber, dass sie mich damit nicht

einmal provozieren kann. Weil ich es selbst höre. Aber eines ist klar:

Spotify ist wirklich eine segensreiche Erfindung.

Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

44 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Öpfelfarm Honig,

Steinbrunn

Dass dieser Honig besonders

raffiniert schmeckt, liegt nicht

zuletzt auch daran, dass ganze

24 Bienenvölker daran arbeiten.

Bündner Honig, Brusio

Die Blütenpracht der Bündner

Wiesen kann man bei einem

Spaziergang geniessen. Oder als

Honig auf dem Brot.

Miel du Jura Suisse

Ein Honig aus einer wilden

Region, der auf dem Brot

aber ganz sanft und ausgewogen

schmeckt.

Don Mario, Camignolo

Fast noch besser fürs Gemüt

als die Tessiner Sonne ist dieses

süsse Meisterwerk der Tessiner

Bienen.

Waldhonig Region

Wasserschloss, Rüfenach

Anders als das Wasserschloss ist

der Honig dieser Region

vor allem eine Attraktion für

den Gaumen.

Miel genevois

Im eigentlich so diplomatischen

Genf gibt es – ganz undiplomatisch

ausgedrückt – einen der

besten Honige überhaupt.

Kündig Waldhonig, Matzwil

Nicht nur auf sportliche

Wanderer, sondern auch

auf aktive Bienen stösst man

am Frienisberg.

Blütenhonig aus dem

ZH-Oberland, Grüt

Besonders schnelle Zürcher Bienen

machen diesen Honig, dem

eine besonders entschleunigende

Wirkung nachgesagt wird.


Ein Hund

nach Mass

für Joel

Joel ist 7 Jahre alt. Er hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus –

auf Abweichungen vom Gewohnten reagiert er mit Wut und Angst. Sein

grösster Wunsch ist es, einen Hund zu bekommen, der ihm Sicherheit gibt.

Joels Mutter ist alleinerziehend, vor fünf Jahren erkrankte sie an Krebs.

Hier erzählt sie ihre Geschichte und bittet Sie, liebe Leserin, lieber Leser,

um Ihre Unterstützung. Aufgezeichnet: Sarah King Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo


Erziehung & Schule

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201747


Erziehung & Schule

Autisten sind oft unfähig, sich

auf eine veränderte Situation

einzulassen.

Joel sitzt auf

dem Boden. Ein

Flugzeug am

Himmel hat ihn

«gereizt».

Er reagiert mit

einem Wutanfall.

Jetzt ist es so. Ich bettle. Inzwischen

kümmert es mich nicht

mehr, was andere denken. Ich

bin einfach nur froh, wenn

ich Hilfe erhalte. Für Joel. Er

ist inzwischen 7-jährig. Als er

vor eineinhalb Jahren die Diagnose

Asperger-Autismus erhielt, wusste

ich, was auf mich zukommt.

Krebs ist heilbar, Autismus nicht

Auch Joels 14-jähriger Bruder ist

autistisch. Mit ihm habe ich alles

durchlebt, was Eltern autistischer

Kinder durchleben können: die

anfängliche Ratlosigkeit, die Abklärungen

und vor allem die verzweifelte

Suche nach Unterstützung. Sie

führte uns durch einen Dschungel

aus stationärer Psychiatrie, Pflegefamilie,

Psychiatriespitex, aufsuchendem

Psychiater und Sonderschule.

Autismus wurde zu meinem

Hauptfach in dieser Lebensschule:

Ich suchte Hilfe in etlichen Weiterbildungen

und Büchern. Daneben

wollte ich aber auch meiner Tochter

eine gute Mutter sein. Sie ist heute

zwölf.

Mitten in diesem Prozess steckte

ich also, als Joel zweijährig ähnliche

Anzeichen zu zeigen begann wie

sein Bruder. Er wurde zunehmend

überaktiver, eigensinniger und liess

sich nicht mehr lenken. Zu viele Reize

führten zu Ausrastern. Dann

schrie er, hielt sich die Ohren zu,

warf Dinge um sich, verkroch sich

verzweifelt im Zimmer unter seiner

Bettdecke und liess niemanden

mehr an sich heran. Eine Abklärung

zögerte ich hinaus. Vor fünf Jahren

erkrankte ich an Krebs. Zusätzlich

waren mein Mann und ich in Trennung.

Das erschöpfte mich. Eine

weitere Autismus-Diagnose hätte

ich zu diesem Zeitpunkt nicht verkraftet.

Inzwischen hat sich manches eingependelt:

Die Krebsbehandlung ist

abgeschlossen. Für meinen älteren

Sohn habe ich eine tolle Pflegefamilie

in der Nachbarschaft gefunden.

Drei Tage die Woche verbringt er

dort. Inzwischen geht er auch wieder

in die öffentliche Schule. Mein

Ex-Mann unterstützt mich an einem

Abend unter der Woche und an den

Wochenenden in der Kinderbetreuung.

So auch meine Eltern. Sie leben

im selben Haus. Mittags essen wir

48 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


meist gemeinsam. Darüber bin ich

froh, denn es kommt immer wieder

zu Zwischenfällen. Es braucht nur

wenig – zum Beispiel ein Salatblatt,

das den Reis berührt. Schon fliegt

der Teller. Ich versuche alles, um

Joels Leid klein zu halten: immer

dieselben Tagesabläufe, klare Strukturen,

visuelle Anleitungen, wo

immer möglich die Reize reduzieren.

Und doch kann ich ihn nur

beschränkt vor den Anfällen schützen.

In den eigenen vier Wänden fällt die

Fassade zusammen

Seit Joel in die Schule geht, ist es

noch schwieriger. Im Moment besucht

er die Regelschule mit vier

Stunden integrativer Förderung. Das

ist für ihn eine grosse Herausforderung,

oft eine Überforderung. Es

kommt mir vor, als habe er ein gewisses

Kontingent an Reizen, die er täglich

verarbeiten kann. Viele davon

begegnen ihm schon auf dem Schulweg.

Ein Flugzeug am Himmel, ein

Auto, das er noch nie gesehen hat,

die Geräusche der Klassenkameraden

– das alles strengt ihn sehr an.

In der Schule sucht er Kontakt zu

seinen Gspändli und stösst doch

immer wieder an seine Grenzen,

weil er Emotionen nicht lesen kann,

Aussagen wortwörtlich versteht und

nicht adäquat reagiert. Die Heilpädagogin

hat die Eltern und somit die

Klasse über Autismus aufgeklärt.

Das war mir wichtig: Ich will, dass

die Leute wissen: Es ist angeboren.

Es ist nicht heilbar. Es ist kein Erziehungsfehler.

Manchmal gelingt es Joel gut,

sich in der Schule anzupassen. Darin

ist er ein Spezialist – wie sein Bruder.

Aber das kostet ihn unglaublich

viel Energie. Zu Hause fällt die Fassade

zusammen. Er verliert die Kontrolle

und erträgt nichts mehr. Zu ­

erst ist da der Tunnelblick, die

Verzweiflung, und dann rennt er

da von. Folge ich ihm, wird es nur

schlimmer. Es kam schon vor, dass

er in solchen Situationen Autos zer­

kratzte und Pfosten umschlug. Das

erschöpft ihn. Und mich ebenso.

Autismus ist eine ständige Ausein

andersetzung mit sich und anderen.

Manchmal mag ich nichts mehr

davon hören. Lasst mich in Ruhe

damit, möchte ich dann am liebsten

rufen. An anderen Tagen geht es gut.

Aber Zeit für mich selbst habe ich

kaum mehr. Oft holt mich Joel schon

morgens um halb sechs aus dem

Bett. Bis zum Abend bin ich pausenlos

mit den Kindern beschäftigt.

Sind alle drei anwesend, ist es nur

noch ein Chaos. Manchmal würde

ich gerne wieder meinen Hobbys

oder meinem Beruf als Pflegefachfrau

nachgehen. Im Moment arbeite

ich drei Stunden die Woche im Büro

meines Vaters. Immer am Dienstagabend,

wenn mein Ex-Mann die

Kinder ins Bett bringt.

Das Angebot reicht nicht für alle

Dass ein Hund eine beruhigende

Wirkung auf Joel hat, merkte ich

erstmals dank Sweetie – unserem

kleinen Mops. Joel schläft besser,

wenn Sweetie bei ihm im Zimmer

ist. Das ist verständlich: Hunde sind

leichter zu verstehen. Sie erwarten

nichts. Dass aber Hunde bei Autisten

tatsächlich therapeutisch eingesetzt

werden, erfuhr ich erst vor Kurzem

am Welt-Autismus-Tag. Da waren

Familien mit Autismusbegleithunden

dabei. Mir wurde bewusst:

Genau das würde uns entlasten. Wir

gehen alle drei Wochen zu einer Kinder-

und Jugendpsychiaterin, erhalten

zwei Stunden die Woche Hilfe

von einer Familienbegleiterin und

Joel besucht seit einem Jahr die Figurenspieltherapie.

Der Hund könnte

das unterstützende Angebot ergänzen

und Joel im Alltag Sicherheit

bieten.

So ging das Rösslispiel von vorne

los: suchen, reden, abklären. Eigentlich

versuchte ich, Joel vorerst aus

dem Hundethema rauszuhalten, um

keine Hoffnungen zu schüren. Aber

wie Autisten sind: Sie merken alles.

Wir fassten zuerst eine An ­ >>>

So können Sie helfen:

Die Stiftung Elternsein, Herausgeberin

des Schweizer ElternMagazins,

will der Familie Bettschen bei der

Beschaffung und Finanzierung

eines Autismusbegleithundes für

Joel helfen. Die Kosten betragen

rund 30 000 Euro; 4000 Euro hat die

Familie selber zusammengetragen.

Es fehlen 26 000 Euro – rund

30 000 Franken.

Jede Spende ist willkommen:

Stiftung Elternsein

Seehofstrasse 6

8008 Zürich

Postkonto 88-508005-9

IBAN: CH96 0900 0000 8850 8005 9

Vermerk: Joel

Oder:

www.elternsein.ch

Button «Jetzt spenden» anklicken

Bemerkungen: Joel

Die Stiftung Elternsein hofft auf Ihre

Unterstützung. Wir informieren in

der Dezember-Ausgabe, auf unserer

Website www.fritzundfraenzi.ch

und via Facebook und Twitter über

den Spendenstand.

Herzlichen Dank!

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201749


Erziehung & Schule

>>> bieterin in Allschwil bei Basel

ins Auge. Die Stiftung Schweizerische

Schule für Blindenführhunde.

Seit 2012 bildet sie Autismusbegleithunde

aus. Sie war mir sofort sympathisch.

Joel durfte mit einem

Hund spazieren gehen und war hell

begeistert. Das Problem ist: Die Stiftung

wird überrannt von Anfragen,

kann aber nur etwa acht Hunde pro

Jahr anbieten. Einmal pro Halbjahr

darf man an einer Auslosung teilnehmen.

Vier bis fünf maximal

zehnjährige Kinder werden gewählt

und kommen auf die Warteliste. Von

da an dauert es ungefähr zwei Jahre,

bis man den Hund erhält. So lange

kann ich nicht warten. Wir brauchen

die Entlastung jetzt.

Ich erweiterte die Suche über die

Landesgrenze hinaus und stiess auf

den deutschen Verein Patronus-

Assistenzhunde. Er führt keine Wartelisten,

sondern trifft die Auswahl

seiner Kunden nach einer sorgfältigen

Prüfung der Bewerbung und

einem persönlichen Kennenlernen.

Ausserdem hat er keine Altersbe-

grenzung. So ergab das eine das

andere. Im Frühling lernte ich Thomas

Gross an einer Messe in Karlsruhe

kennen. Er ist Vorsitzender des

Vereins Patronus-Assistenzhunde.

Im Sommer lud er uns für drei Tage

nach Rostock ein, damit er Joel kennenlernen

und sich ein Bild von

seinen Anfällen machen konnte.

Herr Gross entschied sich, mit uns

zu arbeiten. Ende Jahr könnte Joel

seinen Hund kriegen – sofern ich bis

dahin die Finanzierung sichern

kann.

>>>

«Ein Hund für

alle Fälle»

Autismusbegleithunde bieten

autistischen Kindern Sicherheit und

ihren Eltern Entlastung. Die grosse

Nachfrage verlängert jedoch die

Wartezeit. Mit Unterstützung des

deutschen gemeinnützigen Vereins

Patronus-Assistenzhunde kommen

Familien schneller zu ihrem Hund.

Interview: Sarah King

Herr Gross, der Verein Patronus-Assistenzhunde

will mit der Ausbildung von Assistenzhunden

Herzenswünsche erfüllen. Was

unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Wir können auf einen grossen Pool von Hundezüchtern

und -trainern zurückgreifen. Das

macht uns unabhängig und hat Vorteile für

Familien. Zum einen können wir individuell den

besten Trainer für ihr Kind aussuchen. Darauf

legen wir grossen Wert. Zum anderen erlaubt

uns der Pool, mehr Hunde auszubilden – im

Moment etwa 20 bis 25 pro Jahr, ab nächstem

Jahr dank zusätzlichen Trainern gar 50. Das

verringert die Wartezeit. Etwa neun Monate

nach dem Erstkontakt kann die Familie den

Hund in Empfang nehmen.

Wie sieht die Ausbildung eines Autismusbegleithundes

aus?

Die Ausbildung beginnt mit der Welpenauswahl:

Die Trainer erkennen schon nach einer

Woche anhand der Rudelstellung das Potenzial

der Welpen. Nach neun Monaten Sozialisierung

in einer Patenfamilie beginnt die einjährige

Grundausbildung beim Assistenz -

hundetrainer. Die ist für alle Hunde dieselbe.

Die anschliessende Spezialausbildung richtet

sich nach den Bedürfnissen der künftigen

Besitzer. Gemeinsam legen wir fest, welche

speziellen Fähigkeiten dem Hund antrainiert

werden sollen. Die Dauer dieser Ausbildung

variiert je nach Hund zwischen zehn und zwölf

Monaten.

Werden die Hunde «trocken» ausgebildet

oder am Autisten selbst?

Während der Grundausbildung verbringen die

Hunde drei Tage die Woche in Psychiatrien,

Altersheimen und Sonderschulen. Kommen

die Hunde zur Familie, gibt es keine Krankheit,

die sie noch nicht kennen. Am Ende der Grundausbildung

kommt es zum ersten Kontakt mit

dem autistischen Kind. Meist trifft der Hundetrainer

anhand von zugeschickten Videos eine

Vorauswahl und stellt dem Kind mögliche

Hunde vor. Die Harmonie ist uns wichtig: Der

Hund muss das Kind lieben und das Kind den

Hund. Schliesslich gehen die beiden eine gut

dreizehnjährige Beziehung ein.

Betreuen Sie die Familien nach der Übergabe

des Hundes weiter?

Die Betreuung setzen wir ein Hundeleben lang

fort. In den ersten drei Monaten nach der

Übergabe findet zwei Mal eine Woche Schulung

vor Ort statt. Reicht das nicht aus, setzen

wir die Schulung fort: Wir müssen die Eltern

und die betroffenen Kinder befähigen, mit

dem Hund zu leben und mit ihm zu arbeiten.

Danach können die Familien einmal im Jahr

eine Nachschulung bei uns machen.

Wie muss ein Autismusbegleithund

beschaffen sein? Was für eine Rasse hat

er? Was für einen Charakter?

Wir arbeiten in der Regel mit den Rassen

La brador und Golden Retriever. Wichtiger als

die Rasse ist der Charakter des Hundes:

Autismus begleithunde sollten ruhig, ausgeglichen,

wachsam, wendig und leicht führbar

sein. Sie müssen aber auch die Kraft haben,

sich einem Kind in den Weg zu stellen oder in

der Lage sein, ein Kind zu suchen.

Wie geht eine Familie vor, die über den Verein

Patronus-Assistenzhunde einen Hund

erwerben möchte?

Die Familie bewirbt sich mit einem Bewerbungsschreiben

und einem Anamnesebogen.

Nach einem persönlichen Kennenlernen entscheiden

wir, ob wir mit dieser Familie arbeiten

wollen. Fotos und Videos des autistischen Kindes

geben Aufschluss darüber, mit welchem

Hundetrainer wir in Kontakt treten. Dieser

trifft die Auswahl der Hunde. Danach suchen

wir gemeinsam nach Wegen der Finanzierung.

Ein Autismusbegleithund kostet bis zu 30 000

Euro. Der Betrag umfasst neben der Anschaffung

des Hundes die Tierarztkosten und 350

Stunden Ausbildung. Einberechnet sind weiter

das Geschirr, die vierzehn Tage Zusammenschulung,

Reise- und Übernachtungskosten

sowie die Vor- und Nachbereitungszeit. Wir

50 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

«In der Schweiz dauert es zwei Jahre, bis

man einen Begleithund erhält», sagt Miriam

Bettschen. «So lange kann ich nicht warten.

Wir brauchen die Entlastung jetzt.»

Alleinerziehend, an

Krebs erkrankt,

Mutter von zwei

autistischen

Kindern: Miriam

Bettschen ist

erschöpft.

finanzieren uns durch Spenden und sind

den Familien auch behilflich bei der

Suche nach Stiftungen und Sponsoren.

Gibt es Studien, welche die Wirksamkeit

eines Autismusbegleithundes

nachweisen?

Studien wurden vor allem in den USA

durchgeführt. In Deutschland gibt es

zum Beispiel eine Studie, die zeigt, dass

sich 76 Prozent der Kinder mehr zu

einem Hund als zu einem Therapeuten

oder einem Spielzeug hingezogen fühlen.

Nach dem Spielen mit dem Hund

senken sich die Vitalfunktionen wie Puls

und Blutdruck. Die Kinder werden ruhiger,

ausgeglichener und die Anzahl der

Anfälle geht zurück. Das entspricht auch

unserer Erfahrung.

Zur Person

Thomas Gross ist zweiter Vorsitzender des

gemeinnützigen Vereins Patronus-

Assistenzhunde mit Sitz im deutschen

Mönchhagen. Er ist verantwortlich für

Marketing, Sponsoring und Fundraising und

koordiniert den Prozess vom ersten

Kennenlernen über die Hundeübergabe bis

hin zur Nachbetreuung.

www.patronus-assistenzhunde.de


52 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Fussball mag

ich! Oder nicht?

>>> 30 000 Euro kostet der

Hund. 2000 kann ich selbst beisteuern.

Für den Rest brauche ich Unterstützung.

Lion-Clubs, Rotary-Clubs,

Bekannte, Verwandte und über

zwanzig Stiftungen habe ich bisher

angeschrieben – mit mässigem Er -

folg. Es fehlen immer noch 26 000

Euro. Dann las ich im ElternMagazin

den Artikel über Autismus und

fasste mir ein Herz.

Darum stehe ich nun da und bitte

um Ihre Unterstützung.

Eine individuell angepasste

Ausbildung

Die letzten Jahre befreiten mich von

Illusionen. Autismus ist nicht heilbar.

Auch ein Hund wird nicht alle

Probleme lösen. Aber ein Hund hilft

mir da, wo ich alleine nicht klarkomme:

Er sucht Joel, wenn er wegrennt,

verlangsamt ihn im Strassenverkehr

oder spurt ihm den Weg durch Menschenansammlungen.

Es wird zwar

Joels Hund sein, aber die Befehle

gebe ich. Einen wichtigen kenne ich

schon: «Ponte». Wenn sich Joel in

einem Anfall unter die Bettdecke

verkriecht und niemanden an sich

heranlässt, wird sich der Hund auf

diesen Befehl hin sachte auf Joel

legen. Zuerst nur auf seine Beine,

dann auf seinen ganzen Körper.

Es ist bekannt, dass sich Autisten

in solchen Anfällen nicht mehr spüren.

Sie brauchen Widerstand. Der

sanfte Druck des Hundes kann sie

beruhigen. Der Hund sucht im Alltag

immer wieder Kontakt zum

Kind und holt es so aus seiner Welt

raus. Wofür wir den Hund alles

brauchen und welche Fähigkeiten er

haben muss, bestimmen Joel und ich

gemeinsam. Der Hundetrainer bil-

Joel besucht die

Regelschule mit

vier Stunden

integrativer

Förderung.

«Ein Autismusbegleithund

wird nicht alle Probleme

lösen. Aber er hilft mir,

wo ich mit Joel allein

nicht mehr klarkomme»,

sagt die Mutter.

det ihn dann nach unseren Bedürfnissen

aus.

Nach der Übergabe erhalten wir

eine einwöchige Schulung bei uns zu

Hause. Der Hundetrainer begleitet

uns durch die verschiedenen Alltagssituationen

und zeigt uns, wie

wir mit dem Hund arbeiten müssen.

Da Autismusbegleithunde in Le -

bensmittelgeschäften erlaubt sind,

redet der Trainer mit den Geschäftsführenden

und trainiert mit dem

Hund die einzelnen Wege. Vielleicht

kann Joel den Hund an speziellen

Tagen auch in die Schule mitnehmen.

Zum Beispiel bei Prüfungen

oder ausserordentlichen Veranstaltungen.

Was ich mir erhoffe?

Nach Erfahrung der Fachleute

kann ein Autismusbegleithund die

Anfälle des Autisten um 50 Prozent

reduzieren. Schon mit 10 Prozent

weniger wäre ich erleichtert. Vielleicht

können sogar die Geschwister

vom Hund profitieren. Und ich. Ein

Hund, der einem ab und zu seine

Schnauze auf das Bein legt – tut das

nicht jedem gut?

>>>

Sarah King

arbeitet in einer psychiatrischen Klinik in

Bern. Sie ist freie Journalistin und Autorin

des Autismus-Dossiers der August-Ausgabe

von Fritz+Fränzi.

Irgendwann kommt in fast jedem

Kinderleben der Wunsch auf,

den Gspänli in einen Verein zu

folgen. Sei es ein Fussballclub,

Ballettstunden oder die Pfadi.

Doch was, wenn es dem Kind da

nicht gefällt? Damit ein Kind

herausfinden kann, welche Sport -

arten ihm gefallen, geht es nicht

ohne ausprobieren. Einerseits tun

die Kleinen das im Sportunterricht

in der Schule. In der Freizeit

jedoch sind auch die Eltern

gefragt: Diese können viel Unterstützung

bieten, wenn es um

die liebste Freizeitbeschäftigung

ihrer Söhne und Töchter geht.

Im Ratgeber «Bewegung, Spiel

und Spass in der ganzen Familie»

erfahren Sie, wie Sie Ihr Kind

durch eine bewegte Kindheit begleiten

können – und dabei

auch selber davon profitieren!

Den Ratgeber «Bewegung, Spiel

und Spass in der ganzen

Familie» der EGK-Gesundheitskasse

erhalten Sie unter:

www.egk.ch/spiel-und-spass

Lukas Zahner

Departement für Sport,

Bewegung und Gesundheit

der Universität Basel

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 2017


Erziehung & Schule

Eine Frage der Perspektive

Erwachsene sollten öfter mal den Blickwinkel wechseln und die Dinge aus der Sicht von Kindern und

Jugendlichen betrachten. Insbesondere, wenn es um Schule und Beruf geht. Text: Bruno Rupp

«Auch ich habe mich immer

wieder zur Aussage ‹Das

ist doch nicht normal!›

verleiten lassen.»

Bruno Rupp ist Primarlehrer, Schulleiter,

Mitglied der Leitungskonferenz Bildung Bern

und Mitglied der LCH-Geschäftsleitung.

Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern.

Es lohnt sich, die Perspektive

zu wechseln, Dinge mit einer

anderen Brille anzuschauen –

mit der des Kindes.

selbe Brille zu schauen. Beide kommunizieren

auf derselben Ebene

miteinander.

Wie oft hören Kinder oder

Jugendliche von den Eltern Sätze

wie «Das sehe ich aber anders»,

«Wie kannst du nur!», «Das ist doch

nicht normal!». In solchen Momenten

und Situationen sehen beide

«die Welt» mit verschiedenen

Augen.

Erwachsene müssen Wege in die

Selbständigkeit aufzeigen

Als Vater von drei heute erwachsenen

Kindern habe auch ich mich

immer wieder zur Aussage «Das ist

doch nicht normal!» verleiten lassen.

Eine Aussage, die jungen Menschen

die Botschaft vermittelt, dass ich als

Erwachsener und Vater selbstredend

weiss, was «normal» ist. Aus meiner

Sicht eben.

Wie sieht es aber aus Sicht des

Jugendlichen aus? Kenne ich seine

Sichtweise und Begründung für sein

«abnormales» Verhalten? Könnte es

sein, dass sein Verhalten aus seiner

Sicht vielleicht gar nicht so abnormal

ist? Sollte es mich nicht interessieren,

aus welchen Gründen, Erfahrungen

oder mit welcher Absicht

der Jugendliche eine andere Vorstellung

von «normal» und «abnormal»,

von «richtig» oder «falsch» hat?

Als Eltern und Lehrpersonen ist

es unsere Pflicht, Kindern und

Jugendlichen Wege in die Selbständigkeit

zu zeigen, sie auf dem Weg

zur Mündigkeit zu unterstützen und

Sie kennen doch bestimmt

das Spiel «Ich sehe was,

was du nicht siehst», das

Kinder oft auf langen Fahrten

im Zug oder im Auto

spielen. Es ist mehr als ein Zeitvertreib.

Das Kind und der erwachsene

Mitspieler versuchen, die Welt oder

zumindest einen kleinen Teil der

Welt mit den Augen des anderen zu

sehen. Beide versuchen, durch diezu

begleiten. Wir haben hier eine

Vorbildfunktion. Was vermitteln wir

denn für Werte und Haltungen,

wenn wir diese einfach unreflektiert

aufgrund unserer Stärke als Erwachsene

den Jungen überstülpen?

Aufgrund meiner langen Erfahrung

als Vater, Erzieher und Lehrer

bin ich überzeugt, dass es sich

immer wieder lohnt, die Perspektive

zu wechseln und die Dinge mit einer

anderen Brille anzuschauen: mit der

Brille des Kindes respektive des

Jugendlichen.

Die Welt mit den Augen des

anderen zu sehen, ist wichtig und

hilfreich. Eine Situation aus einer

anderen Richtung oder Perspektive

zu sehen, bedeutet, die eigene Blickrichtung

zu verändern und sich in

die Situation des anderen zu versetzen

und hineinzudenken.

Einfühlungsvermögen oder

Empathie ist die Fähigkeit und

Bereitschaft, Empfindungen, Ge ­

danken, Emotionen, Motive und

Persönlichkeitsmerkmale einer

an deren Person zu erkennen und zu

ver stehen. Zur Konfliktlösung

kommt dieser Fähigkeit eine wichtige

Bedeutung zu. Perspektivenwechsel

verbunden mit Einfühlungsvermögen

und Empathie

öffnet den Weg für ein anderes Verständnis

und für neue, andere Ideen.

Als Schulleiter habe ich immer

wieder die Aufgabe, Gespräche zwischen

Eltern und Lehrpersonen zu

moderieren. Gespräche, in welchen

die Teilnehmenden unterschiedliche

54 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Ansichten zu einem Problem und

verschiedene Erwartungen und Vorstellungen

von dessen Lösung

haben.

Oftmals geht es um unterschiedliche

Vorstellungen und Erwartungen

einer Schülerin oder eines Schülers

und seiner Eltern an die Schule.

Eines von vielen klassischen Beispielen

ist der Übertrittsentscheid

von der Primarstufe in die Sekundarstufe.

Die Eltern möchten, dass

ihr Kind die Schullaufbahn unbedingt

in der Sekundarschule weiterführt

und im Anschluss das Gymnasium

besuchen kann. Begründung

der Eltern: Dem Jugendlichen stehen

nach der Realschule weniger

Chancen und Möglichkeiten offen.

Der Abschluss der Matura steht

nicht zur Verfügung. Die Matura «in

der Tasche» zu haben, ist sowieso

besser, als eine (Berufs-)Lehre zu

machen.

Erfahrungen lassen sich nicht

übertragen

Als Erwachsener kann ich solche

Überlegungen nachvollziehen. Ein

Jugendlicher sieht das möglicherweise

aber ganz anders. Vielleicht hat

er andere Interessen. Vielleicht

waren seine Leistungen in der Primarschule

nicht so brillant; er gehörte

vielleicht meistens zu den so -

genannt schlechteren Schülern.

Er folgserlebnisse blieben vielfach

aus. Seine Interessen liegen vielleicht

in anderen Gebieten. Er möchte vielleicht

eine handwerkliche oder eine

künstlerische Laufbahn einschlagen.

Er möchte einmal erfolgreich und

glücklich sein können. Er möchte

vielleicht ... Fragen über Fragen, die

ich besprochen und beantwortet

haben möchte. Antworten, die ich

benötige, um die Sichtweise des

Jugendlichen und seiner Eltern zu

verstehen und sie bei der Entscheidfindung

beraten und unterstützen zu

können

Einen Entscheid über einen

anderen Menschen zu fällen, ohne

seine Perspektive und Sichtweise zu

Eltern sollten vermeiden,

ihre Wunschvorstellungen

und Ziele auf das eigene

Kind zu übertragen.

kennen, ist meistens nicht zielführend

und erfolgreich. Man kann als

Erwachsener nicht einfach seine

persön lichen Ziele und Wunschvorstel

lungen auf das Kind oder den

Jugendlichen übertragen.

Als Eltern sehen wir uns immer

wieder mit Konflikten und Meinungsverschiedenheiten

mit unseren

Kindern und Jugendlichen konfrontiert.

Wir sind immer wieder

herausgefordert – das ist auch

anstrengend und verleitet auch einmal

dazu, eine Lösung zu diktieren.

Wir sprechen ja aus Erfahrung.

Es stimmt: Wir haben in unserem

Leben schon viele Erfahrungen

gemacht. Aus Erfahrungen kann

man zwar lernen, man kann sie sich

zu Nutze machen. Man kann sie

aber niemals auf einen anderen

Menschen übertragen und ihm

damit ersparen, sie selbst zu machen.

Wir können uns jedoch mit jungen

Menschen über ihre und unsere

Erfahrungen in ähnlichen und vergleichbaren

Situationen austauschen.

Nehmen wir uns die Zeit dazu.

Zeigen wir Interesse und Empathie.

Es fühlt sich unbestritten gut an,

sich von anderen Menschen verstanden

zu fühlen. Voraussetzung für

gegenseitiges Verständnis ist ein

Perspektivenwechsel; die Bereitschaft

und das Interesse, die Welt

auch aus der Sicht des Mitmenschen

sehen und verstehen zu wollen.

Nehmen wir doch diese Vorbildfunktion

wahr. Es lohnt sich!

FUNCTIONALITY IS

PART OF OUR FAMILY

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201755

ESTABLISHED 1884


In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post

Erziehung & Schule

R_CH_SCHR_IB_NG:

So macht sie Spass!

Um die Orthografie in den Griff zu bekommen, brauchen Kinder Motivation zum Dranbleiben.

Das Motto ist: Lernen durch Anwenden! Drei Praxistipps.

Text: Johanna Oeschger

Geheimschrift

Zuerst wird das Alphabet in Geheimschrift

codiert: Für jeden (oder die häufigsten)

Buchstaben steht ein Symbol

oder eine Zahl – damit verschlüsselt der

Schreiber eine Nachricht. Der Empfänger

versucht, den Code zu knacken. So

prägen sich Wörter mit kniffliger

Schreibweise besser im Gedächtnis ein.

Galgenmännchen

Ein Spieler denkt sich ein Wort aus und

zeichnet für jeden Buchstaben einen

Strich auf das Blatt. Der andere Spieler

errät nun Buchstabe für Buchstabe das

Wort. Kommt der Buchstabe im Wort

vor, wird er beim entsprechenden Strich

eingetragen. Liegt der Ratende falsch,

wird in zehn Schritten ein Galgen (oder

eine Blume, ein Tier, ein Haus usw.)

gezeichnet.

Buchstaben fühlen

Ein Spieler schreibt einen Buchstaben

oder ein Wort auf den Rücken des anderen

Spielers, dieser muss das Geschriebene

erraten. Buchstabenentdecker

nehmen dabei bewusst die typischen

Linien und Kurven der Buchstaben

wahr.

Die Rechtschreibung entwickelt sich in Phasen: Kinder ab etwa drei Jahren schreiben Wörter noch aus

dem Gedächtnis. Mit fünf bis sieben Jahren beginnen sie, Laute in Buchstaben zu übersetzen. Ab der

2. oder 3. Klasse lernen sie, Rechtschreibregeln anzuwenden. Korrekturen sind also nur sinnvoll, wenn die

Kinder sie nachvollziehen können: Jüngeren Kindern kann man z. B. beim Vorschreiben Laut für Laut

vorlesen und so zeigen, wie sich Buchstaben und Laute aufeinander beziehen. Fortgeschrittene Schreiber

kann man auf Regelmässigkeiten hinweisen, wie dass man für einen langen i-Laut meistens ie schreibt.

Für Kinder, die bereits etwas mit der Schrift vertraut sind, können Schreibspiele auf motivierende Art das

Augenmerk auf die Schreibweise von Wörtern lenken.

App-Tipp

Wort-Zauberer

Diese App verwandelt Buchstaben in Laute: Die Kinder bilden

eigene Wörter und lassen sie vom «Wort-Zauberer» vorlesen

oder sie fügen Buchstaben zu Wörtern zusammen, die ihnen

diktiert werden. Für iPhone/iPad erhältlich. Kosten: Fr. 3.–.

Johanna Oeschger

ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin,

unterrichtet Deutsch und Englisch auf der

Sekundarstufe II und arbeitet als

Mediendidaktikerin bei LerNetz.

Bild: iStockphoto

56 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Stiftung Elternsein

Bauchfrei durch den Winter

Ellen Ringier über Erziehungsmethoden ihrer Mutter und warum sie ihre

Töchter nicht davon abhielt, im Winter in Turnschuhen aus dem Haus zu gehen.

Bild: Maurice Haas / 13 Photo

Dr. Ellen Ringier präsidiert

die Stiftung Elternsein.

Sie ist Mutter zweier Töchter.

In der zweiten Primarklasse schickte

mich Lehrer Halder eines Tages um

10 Uhr wieder nach Hause. Zuvor hatte

er mich vor der ganzen Klasse lächerlich

gemacht. Es war ein Wintertag, ich

trug Knie socken. Dieser Umstand hatte

ihn so erbost, dass er es angemessen

fand, mir vor meinen Mitschülerinnen

und Mitschülern Folgendes an meine

Eltern mitzugeben: Falls ich im Winter je wieder mit

Kniesocken in der Schule erscheine, werde er die Vormundschaftsbehörde

benachrichtigen.

Meine Mutter hatte trotzdem nicht nachgegeben:

Strumpfhosen zog sie mir weiter nur an, wenn es

schneite und wenn wir Ski fahren gingen. Die Aufsichtsbehörde

ist zum Glück trotzdem nie bei uns vorstellig

geworden.

Jahre später sprach ich meine Mutter auf den Vorfall

mit Lehrer Halder an. Sie fragte zurück: Bist du in

deiner Schulzeit je krank gewesen? In der Tat: Ich

konnte mich nicht daran erinnern, je gefehlt zu haben

– ausgenommen für eine Mandeloperation.

Nun, Erziehung ist etwas Individuelles, und es ist

für Aussenstehende nicht immer leicht zu erkennen,

ob die gewählten Methoden gerade noch akzeptabel

oder schon schädlich sind. Bei meiner Mutter galt das

Credo: Kinder darf man niemals «verweichlichen»!

Egal, ob es Bindfäden regnete oder Vorhänge schneite:

Wir mussten bei jedem Wetter raus. Und die Fenster

im Schlafzimmer standen in der Nacht zu jeder Jahreszeit

speerangelweit offen. Schien uns drei Kindern

die Raumtemperatur zu frisch, hiess es, wir sollten

einen Pullover anziehen.

Im Erwachsenenleben ist mir diese «Abhärtung»

immer wieder zugutegekommen. Bei keinem Arbeitgeber

war ich je länger als einen halben Tag krankheitshalber

abwesend. Und ich war mein Leben lang –

anders als die meisten Kolleginnen und Kollegen – frei

von der ständigen Selbstbeobachtung, ob mir gerade

zu heiss oder zu kalt ist. Es ist einfach, wie es ist.

Meine Kinder machten das Fenster jeweils zu, sobald

ich die Türe des Kinderzimmers zugemacht hatte.

Frischluftzufuhr war definitiv nicht ihr Ding. Mehr als

nur einmal ertappte ich eine meiner Töchter dabei,

wie sie vor dem Zubettgehen die Bettwäsche föhnte.

Ich glaube, es wäre ihr grösster Wunsch gewesen,

einen Heizofen direkt neben dem Bett stehen zu

haben.

Trotzdem trugen sie zu Teenagerzeiten bauchfrei.

Dazu zu jeder Jahreszeit Turnschuhe – zumindest

sahen sie für mich immer danach aus –, was mit Stulpen

über den Wollstrümpfen ausgeglichen wurde, die

bei Regen und Schnee zusammen mit den Turnschuhen

pflotschnass wurden. Übereinander angezogene

Sweatshirts mit Kapuzen (Hoodies genannt) machten

offenbar den zu meinen Zeiten gängigen und daher

spiessigen Regen- oder Wintermantel wett.

Es ist meine Überzeugung, dass man als Eltern

nicht nur die psychische Resilienz, sondern auch die

physische Robustheit fördern kann und muss. Gleichzeitig

bin ich aber auch überzeugt, dass das Diktat der

Peergroup in modischen Belangen bis zu einem

gewissen Grad beachtet werden muss: Jugendliche

wollen in der Regel das tragen, was die andern tragen.

Es geht ums Selbstwertgefühl. Und dieses zu stärken,

schien mir ebenso wichtig – wichtig genug jedenfalls,

um den einen oder anderen Schnupfen in Kauf zu

nehmen.

STIFTUNG ELTERNSEIN

«Eltern werden ist nicht schwer,

Eltern sein dagegen sehr.» Frei nach Wilhelm Busch

Oft fühlen sich Eltern alleingelassen in ihren Unsicherheiten,

Fragen, Sorgen. Hier setzt die Stiftung Elternsein

an. Sie richtet sich an Eltern von schulpflichtigen Kindern

und Jugendlichen. Sie fördert den Dialog zwischen

Eltern, Kindern, Lehrern und die Vernetzung der elternund

erziehungsrelevanten Organisationen in der

deutschs prachigen Schweiz. Die Stiftung Elternsein

gibt das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi heraus.

www.elternsein.ch

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201757


Elterncoaching

Wer sind eigentlich diese

Leute in meinem Haus?

Wer aufhört, sich gegenseitig kennenzulernen, wird sich fremd –

das gilt auch für unsere engsten Beziehungen.

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Autor («Mit

Kindern lernen»). In der Rubrik

«Elterncoaching» beantwortet

er Fragen aus dem Familienalltag.

Der 38-Jährige ist verheiratet

und Vater eines Sohnes, 5,

und einer Tochter, 2. Er lebt

mit seiner Familie in Freiburg.

www.mit-kindern-lernen.ch

www.biber-blog.com

Manchmal ist es gerade

die enge Beziehung zum Kind,

die es uns schwer macht,

bestimmte Dinge zu sehen oder

an uns heranzulassen.

Zu Beginn einer Beziehung

können wir einander

gar nicht genug

erzählen. Wir wollen

die Gedanken, Träume

und Ängste des Partners oder der

Partnerin kennenlernen, die letzten

Winkel seiner respektive ihrer Persönlichkeit

ausloten. Alles ist neu

und interessant, und wir befinden

uns auf einer Entdeckungsreise. Mit

den Jahren holt uns der Alltag ein.

Die Beziehung läuft gut, doch

man redet weniger miteinander. Die

Gespräche werden flacher, und

sobald Kinder dazukommen, geht es

bald vorwiegend um Organisatorisches:

Wer ist wann zu Hause? Wer

fährt die Kinder wann wohin? Routine

breitet sich aus. Gefangen im

Alltag kann es uns passieren, dass

wir Veränderungen nicht mehr mitbekommen,

unser Bild des Gegenübers

nicht mehr aktualisieren, die

gemeinsame Entwicklung ins Stocken

gerät – bis wir eines Tages feststellen,

dass wir uns auseinandergelebt

haben. Dabei kann uns gerade

unsere gemeinsame Geschichte zum

Verhängnis werden.

Gemeinsame Geschichte kann uns

verbinden, aber auch entfremden

Wenn uns mit einem Menschen viele

Jahre und eine gemeinsame Geschichte

verbinden, gehen wir davon

aus, dass wir ihn dadurch umso besser

kennen. Wir wissen, woher er

kam, was er erlebt und was ihn geprägt

hat. Wir können auf gemeinsame

Erfahrungen und viele Gespräche

zurückblicken. Das ist etwas

Wertvolles und Wunderbares, das

uns verbinden kann.

Es kann jedoch auch verhindern,

dass wir die andere Person so sehen,

wie sie ist. Wir haben uns ein Bild

dieses Menschen gemacht, und es

fällt uns entsprechend schwerer, zu

sehen, was an ihm neu und anders

ist. Wir können blind werden für

Entwicklungen, die für Aussenstehende

offensichtlich sind. Besonders

eindrücklich beschreibt dies der

Schriftsteller Daniel Pennac in seinem

Buch «Schulkummer». Inzwischen

einer der bekanntesten Autoren

Frankreichs, war er in seiner

Schulzeit ein schlechter Schüler, um

den sich seine Mutter zeitlebens Sorgen

machte.

Pennac schildert im Epilog eine

Szene, in der er mit seinem Bruder

und seiner Mutter im Wohnzimmer

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

58 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


sitzt und sich einen Film über sein

schriftstellerisches Werk anschaut:

«Mama schaut sich also diesen Film

an, neben ihr mein Bruder Bernard,

der ihn für sie aufgenommen hat. Sie

schaut sich den Film an, von der ersten

bis zur letzten Minute, mit un ­

verwandtem Blick, reglos in ihrem

Sessel, mucksmäuschenstill, während

es draussen Abend wird. Ende

des Films. Abspann. Stille. Dann,

während sie sich langsam zu

Bernard hindreht: ‹Glaubst du, dass

er es eines Tages schafft?›»

Vielleicht haben Sie mit Ihren

Eltern weniger drastische, aber ähnliche

Erfahrungen gemacht und hätten

bei Besuchen im Erwachsenenalter

manchmal am liebsten gesagt:

«Du behandelst mich, als wäre ich

noch immer sechzehn!»

Phasen, die intensiv waren und in

denen wir viel Zeit miteinander verbracht

haben, prägen unsere Wahrnehmung.

Vielleicht hilft uns dieser

Gedanke dabei, bei Besuchen nachsichtiger

mit unseren Eltern zu sein.

Das Bewusstsein um die Macht der

Erinnerungen kann uns aber auch

dabei helfen, uns selbst mehr zu öffnen

und uns immer wieder vorzunehmen,

genau hinzuschauen und

hinzuhören, damit wir wichtige Entwicklungen

bei anderen mitbekommen.

Erinnerungen sind aber nicht die

einzige Hürde, wenn es darum geht,

uns auf Nahestehende einzulassen.

Wir haben es doch gut!

Als seine Frau die Scheidung einleitete,

meinte ein Bekannter zu mir:

«Aber wir hatten es doch immer gut

miteinander!» Davon war er felsenfest

überzeugt. Doch seine Frau sah

das anders, und zwar seit Jahren.

Bezeichnend ist das «Wir» in seinem

Satz. Studien zeigen, dass wir

in engen Beziehungen dazu neigen,

unsere Gefühle auf andere zu übertragen.

Das passiert uns auch bei

unseren Kindern, wie Dr. Belén

López-Pérez von der Plymouth University

zeigen konnte. Sie liess Eltern

einschätzen, wie glücklich ihre Kinder

sind. Dabei zeigte sich: Die Einschätzung

der Eltern stimmte nicht

besonders gut mit der Einschätzung

der Kinder und Jugendlichen überein,

dafür mit der Selbsteinschätzung

der Eltern. Glückliche Eltern

überschätzten das Glück ihrer Kinder,

während unzufriedene es unterschätzten.

Die unbewusste Annahme,

dass es unserer Familie in etwa

so geht wie uns, verstellt uns den

Blick.

Wünsche verzerren unsere

Wahrnehmung

Zu guter Letzt stehen uns auch unsere

Wünsche im Weg. Die meisten

Eltern überschätzen ihre Kinder systematisch.

Sie halten sie für leistungsfähiger,

intelligenter, musikalischer

oder sportlicher, als sie es

tatsächlich sind. Bis zu einem gewissen

Grad ist das auch nicht schädlich.

Wie eine Studie von Eddie Brummelman

zeigt, überschätzen einige

Eltern – besonders diejenigen, die

sich selbst als etwas Besonderes

sehen – ihre Kinder jedoch sehr

stark. Das kann zu Problemen führen,

weil sie in der Folge erwarten,

dass ihr Kind aus der Menge heraussticht

und Grosses leistet. Warnungen

anderer Bezugspersonen, z. B.

der Lehrpersonen, dass die Eltern

ihr Kind überfordern, führen bei

diesen Eltern meist nur zu Ärger

und Unglauben. Zu hohe Erwartungen

können ein Kind unter Druck

setzen, den viele Eltern wiederum

nicht wahrnehmen.

Eine Vielzahl von Studien zeigt:

Kindern und Jugendlichen geht es

heute im Allgemeinen gut. Sie sind

mit ihrem Leben zufrieden und

kommen mit den Anforderungen

zurecht. Es gibt jedoch auch Kinder

und Jugendliche, die hohen Belastungen

ausgesetzt sind und von

denen mehr erwartet wird, als sie

leisten können. In diesem Zusammenhang

fand ich eine Studie von

Holger Ziegler der Universität Bielefeld

bedrückend. Er untersuchte

Glückliche Eltern überschätzen

das Glück ihrer Kindern,

während unzufriedene

es unterschätzen.

über tausend Kinder und ihre Eltern

und mass dabei den Stresslevel der

Kinder. Bei den besonders belasteten

Kindern liess er die Eltern den

Stress der Kinder einschätzen. Dabei

zeigte sich: 87 Prozent der Eltern

nahmen den Druck der Kinder nicht

wahr, obwohl diese deutliche Symptome

zeigten. Ein Grossteil dieser

Eltern glaubte sogar, das eigene

Kind nicht genug zu fördern.

Ich kenne mein Kind immer noch

am besten!

In vielerlei Hinsicht stimmt der Satz

«die Eltern kennen ihr Kind am besten».

Aber manchmal ist es gerade

die enge Beziehung zum Kind, die

es uns schwer macht, bestimmte

Dinge zu sehen oder an uns heranzulassen.

Was von unseren Vorstellungen,

unserem eigenen Empfinden

oder unseren Wünschen abweicht,

nehmen wir als Eltern teilweise

weniger wahr als Aussenstehende.

Das Wissen darum kann uns

dazu verhelfen, neugierig und offen

zu bleiben und uns darum zu bemühen,

unsere Kinder und unseren

Partner, unsere Partnerin immer

wieder neu kennenzulernen.

In der nächsten Ausgabe:

Unterschiedliche Erziehungstile – Problem oder

Chance?

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201759


Erziehung & Schule

Aggressive Kinder –

was ist normal?

Wutanfälle, herumschreien, das kleine Geschwister hauen – wer Kinder erzieht,

kennt diese Ausbrüche. Was aber, wenn die Aggression extrem wird? Text: Jacqueline Esslinger

Welche Form von

aggressivem

Verhalten bei

Kindern auftritt,

ist stark

altersabhängig. Bereits Säuglinge ab

rund sechs Monaten können Ärger

ausdrücken, sie verfolgen jedoch

keine Schädigungsabsicht. Im zwei­

ten und dritten Lebensjahr hingegen

sind Wutanfälle und aggressives

Verhalten nicht ungewöhnlich und

richten sich oft gezielt gegen Er ­

wachsene und andere Kinder. Ab

dem Grundschulalter sind ge ­

schlechtstypische Muster bei der

Ag gressionsäusserung sichtbar:

Buben scheinen eher offene und

körperliche Formen von Aggression

zu zeigen. Bei Mädchen hingegen

kommen häufiger verdeckte sowie

verbale Formen vor. Beispiele sind

Lügen und die Verbreitung von

Gerüchten, etwa um einer Person zu

schaden oder sie auszuschliessen.

Aggressives Verhalten im Kindes-

und Jugendalter wurde in gross

Bild: Adam Burn / 13 Photo

60 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


angelegten Studien wie beispielsweise

der KiGGS/BELLA-Studie bei bis

zu acht Prozent der unter 17-Jährigen

festgestellt. Es zeigt sich nicht

nur in physischen Angriffen, sondern

auch in verbaler Gewalt, Mobbing

und Diebstählen.

In der Adoleszenz ist aggressives

Verhalten in der Regel weniger häufig

zu beobachten. Im Gegensatz zu

kleinen Kindern, die Emotionen

oder Impulse direkt ausdrücken,

werden im Laufe der Jahre Selbstkontrolle

und hemmende Mechanismen

gelernt. Allerdings fällt das

aggressive Verhalten oft heftiger aus

als im Kleinkindalter, bedingt durch

zunehmende körperliche Kraft,

mehr Freiheiten ausser Haus und

grössere finanzielle Ressourcen.

Entsprechend tritt die höchste Frequenz

von aggressivem Verhalten

im Vorschulalter auf, die gravierendsten

Ausprägungen jedoch in

Im Vorschulalter ist die höchste

Frequenz von Aggression zu

beobachten, in der Adoleszenz

die gravierendste Ausprägung.

der Jugendzeit und im frühen

Erwachsenenalter.

Unter oppositionellem Trotzverhalten

wird wiederholt trotziges,

ungehorsames und verweigerndes

sowie feindseliges Verhalten gegenüber

Autoritätspersonen zusammengefasst.

Auch dies zählt zu

aggressivem Verhalten, da oppositionelle

Kinder schnell wütend

reagieren und ausrasten und sich

Regeln widersetzen. In Abgrenzung

dazu tendieren Kinder mit einer

Störung des Sozialverhaltens zu Einschüchterungen,

Körperverletzung,

Von Kindern, die stark oppositionell

auffällig sind, entwickelt rund die

Hälfte eine Störung des Sozialverhaltens.

Zeigt ein Kind schon sehr

jung Muster von Aggressivität,

behält es diese oft bei und läuft

Gefahr, delinquent zu werden. Tritt

das strafrechtlich auffällige Verhalten

schon früh auf, etwa im Alter

von 14 Jahren, steigt die Wahrscheinlichkeit

für dauerhaftes kriminelles

Verhalten. Oppositionelles

Verhalten ist jedoch ein typisches

Merkmal der frühen Kindheit

(Trotzalter) und der Adoleszenz.

Waffengebrauch und Tierquälerei. Eine Diagnose im Sinne einer >>>


Erziehung & Schule

Oppositionelles Verhalten

ist ein typisches Merkmal

der frühen Kindheit und

der Adoleszenz.

>>> Verhaltens störung wird deshalb

erst in Betracht gezogen, wenn

Aggression häufiger sowie mit

schwerwiegenderen Folgen auftritt

als bei anderen Kindern und es für

die Entwicklungsstufe des Kindes

angemessen wäre. Das Verhalten

muss über einen Zeitraum von sechs

Monaten auftreten und familiäre,

soziale oder schulische Bereiche

drastisch beeinträchtigen.

Für aggressives Verhalten bei

Kindern gibt es vielfältige Ursachen.

Diese müssen unbedingt im Einzelfall

untersucht werden. Die klassische

Absicht der Aggression wird als

egoistische Durchsetzung eigener

Bedürfnisse und bewusste Schädigung

und Verletzung anderer

beschrieben. Aggressives Verhalten

kann jedoch auch Ausdruck von

Angst und Unsicherheit sein. Diese

Kinder fühlen sich schneller bedroht

und angegriffen als andere. Sie handeln

aus einer eigenen Abwehrhaltung,

bedingt durch soziale Un ­

sicherheit, heraus. So nehmen diese

Kinder Bedrohungen vermehrt

wahr und reagieren übersensibel.

Zweifel an der Zuneigung

Bedrohliche Situationen lösen ein

inneres Spannungsgefühl aus, ein

Wutausbruch soll diese Spannung

wieder abbauen. Betroffene Kinder

scheinen an der Zuneigung ihres

Umfelds zu zweifeln und erwarten

nicht selten übermässige soziale

Anerkennung. Aggressives Verhalten

wird so zum Mittel, um sich

Respekt zu verschaffen. Dies funktioniert

besonders gut, wenn das

Umfeld mit Respekt, Angst oder

sogar Unterwürfigkeit antwortet. Je

öfter dann soziale Angst mit aggressivem

Verhalten gelöst wird, desto

stabiler wird das Muster, auch in

Zukunft aggressiv zu handeln.

Ein weiterer möglicher Auslöser

von aggressivem Verhalten kann

eine Krise im sozialen Umfeld des

Kindes sein, beispielsweise Konflikte

in der Paarbeziehung der Eltern

oder Stress in der Familie. Dies

bedeutet nicht, dass alle partnerschaftlichen

Konflikte oder Stress

dazu führen, dass ein Kind aggressiv

wird. Es wurde aber festgestellt, dass

Kinder in Familienkrisen eher zu

aggressivem Verhalten neigen.

Familien in Belastungssituationen

sind besonders gefährdet, da schwere

Belastungen das Erziehungsver­

halten und die Kapazität der Eltern

beeinflussen. Zeigen die Eltern

selbst manchmal aggressives Verhalten,

wird dies zu einer hohen Wahrscheinlichkeit

vom Kind übernommen,

auch wenn die Situationen

verschieden sind oder sich die

Aggression nicht gegen das Kind,

sondern gegen Erwachsene richtet.

Weitere Ursachen sind Vernachlässigung

und Misshandlung,

manchmal jedoch auch eine Veränderung

der Lebenssituation wie zum

Beispiel ein Umzug in eine neue

Stadt und ein Schulwechsel.

Auch genetische Faktoren spielen

eine Rolle. Kinder mit aggressivem

Verhalten weisen meist eine mangelnde

Impulskontrolle und niedrige

Frustrationstoleranz auf. Kinder

mit ADHS haben ein höheres Risiko

für oppositionelles Trotzverhalten.

So zeigen zwei von drei Kindern mit

hyperkinetischer Störung auch

aggressives Verhalten. Darüber hinaus

scheinen impulsive Jugendliche

weniger schnell aus ihren Erfahrungen

zu lernen und Konsequenzen

schlechter abschätzen zu können.

Das Kind wird schnell zum Störelement

seines sozialen Umfeldes, es

wird als aggressiv und unkontrollierbar

erlebt. Nicht selten ist das

Kind deshalb weniger beliebt und

wird selbst Opfer aggressiver Handlungen.

Es kann ein Teufelskreis der

Aggression und Unbeliebtheit entstehen.

Kinder und Jugendliche gesucht!

Eine neue Studie (7 Tage) der Universität Freiburg

möchte den Zusammenhang zwischen Regulationsschwierigkeiten

und der Konzentration von Stresshormonen

im Körper untersuchen. Dazu sammeln wir

Speichelproben (kurz auf einer Watterolle kauen,

anonymes Senden ins Labor) von vielen Kindern. Die

Proben werden ergänzt durch Fragen über das

momentane Befinden von Eltern(teil) und Kind.

Mitmachen können alle Familien mit Kindern und

Jugendlichen zwischen 8 und 15 Jahren! Besonders

aufrufen möchten wir Eltern von Kindern mit ADHS oder

aggressivem Verhalten. Alle anderen Kinder werden für

den Vergleich gesucht. Machen auch Sie mit! Mit Ihrer

Teilnahme leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur

Forschung über Regulierungsschwierigkeiten.

Sie erhalten Studienergebnisse sowie 50 Franken

(Gutschein) für Ihr Kind. – Kontakt: lama@unifr.ch oder

über die Website fns.unifr.ch/lama

62 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Aus der Perspektive der Kinder sind

meistens die Eltern, die Lehrer, die

anderen Kinder Schuld für ihre

Reaktion. Häufig beurteilen sie selbst

ihr Verhalten als nicht aggressiv.

Mütter und Väter finden es jedoch

herausfordernd, mit diesen Kindern

Zeit zu verbringen, ebenso wie eine

positive Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Ein weiterer Teufelskreis:

Intensive Kinder mit beanspruchendem

Verhalten sorgen für gestresste

und/oder überanstrengte Eltern. Ist

dieser Punkt erreicht, wird es schwierig,

sensibel auf das Kind einzugehen,

immer angemessen zu reagieren

und emotional verfügbar zu bleiben.

Kinder spüren solche Veränderungen.

Oft versuchen sie, emotionale

Aufmerksamkeit durch Provokation

zu erlangen.

Langfristig bewirkt aggressives

Verhalten bei Kindern eine Einschränkung

ihres Verhaltens und

verhindert dadurch die Ausbildung

der Fähigkeit, ein Problem konfliktfrei

zu lösen. Es wird empfohlen,

extremes Verhalten so früh wie

möglich mit einer Fachperson zu

besprechen. Aggressive Kinder

haben ein hohes Risiko, von Gleichaltrigen

abgelehnt zu werden, sowie

für schulischen Misserfolg.

Oft kann eine aussenstehende

Person helfen – ein Berater oder eine

Psychologin sowie andere Fachspezialisten

können den Teufelskreis

durchblicken und helfen, sich im

Falle von Provokationen richtig zu

verhalten. Sprechen Sie zudem mit

der Lehrperson Ihres Kindes! Sie

sieht es einen Grossteil des Tages

und kann wichtige Informationen

geben über Situationen, in denen

das Verhalten auftritt, oder über vermutete

Einflussfaktoren.

Es ist wichtig, dass Eltern mit

dem Kind üben, wie es Konflikte

anders lösen kann. Hierbei ist konsequentes

Reagieren und Intervenieren

bedeutsam. Die Hilfestellung für

alternative Umgangsweisen und Lob

dafür sowie die eigene Vorbildhaltung

sind erfolgversprechend, denn

auch die Kinder sind oft mit ihrer

eigenen Reaktion nicht wirklich

glücklich. Das Kind zu fragen, was

es braucht und zugrunde liegende

Probleme zu ermitteln, gibt Aufschluss

über mögliche Lösungen.

Deshalb muss das Kind unbedingt

miteinbezogen werden.

>>>

Jacqueline Esslinger

ist Psychologin und Doktorandin an der

Universität Freiburg. Sie leitet eine neue Studie

zur Regulation bei Kindern mit ADHS und

aggressivem Verhalten.

Infoabend:

21. Nov.

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Erziehung & Schule

Wie Mathematik

Freude macht

Der Ansatz der «befreienden Pädagogik» zielt darauf ab, Kinder

in ihrer Lebenswelt abzuholen. Das weckt Freude am

Lernen und Lehren – mit überraschenden Erfolgen. Text: Stefan Meyer

Mathematik

beibringen?

Ohne Druck und

aus Erfahrungen

lernt sichs

besser.

Leiterspiel im

Kindergarten.

Bild: S. Meyer

Achten Sie einmal ge ­

nau auf die Rutschbahnen

in Ihrem

Quartier. Wie viele

Stufen haben sie? Auf

die wievielte Stufe muss Ihre Tochter

steigen, damit sie gleich gross ist wie

Mama? Warum rutscht man auf der

nassen Fläche schneller als auf der

trockenen? Warum ist eine Rutschbahn

schnell und die andere langsam?

Wenn Sie solche Fragen im

geeigneten Moment des Spielens

und der Freude an den Bewegungen

einstreuen, dann wird Ihr Kinder

die eine oder andere aufgreifen –

weil es erkennt, dass seine Interessen

wirklich ernst genommen werden.

Auch Abzählverse können Kinder

dazu animieren, die Zahlen zu

verwenden und auf neue Situationen

zu übertragen: «Eins, zwei, drei,

Der vierjährige Junge konnte

nur bis zwei zählen. In seinem

Lieblingsspiel wusste er jedoch

genau, wie viel sechs Kühe sind.

64 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


vier, fünf, sechs, sieben, Rutschbahn

runter, du kannst fliegen.» Lehrpersonen

berichten, dass der freudvolle

Umgang mit der Rutschbahn Kindergarten-

und Unterstufenkinder

beseelt habe – und sie selber auch.

Hand aufs Herz: Ziehen Sie selbst

nicht auch freudvolles Lernen der

Belehrung und dem Ab arbeiten von

Stoff vor?

Der brasilianische Pädagoge Paulo

Freire fand heraus, dass das Vermitteln

von Stoff durch Druck und

die Meinung, dass Bildung Belehrung

bedeute, Hauptfaktoren dafür

sind, dass Interessen und Bedürfnisse

der Lernenden unterdrückt werden.

Das demotiviert und kann

schlimme Folgen haben: von innerer

Kündigung bis hin zu schweren

Lernstörungen. Kinder reden dann

zwar, aber immer mit dem Gefühl,

dass das, was sie sagen, keine Bedeutung

hat. Informationen werden

nicht abgespeichert: Sie gehen zum

einen Ohr rein und zum anderen

wieder raus. Diese Mechanismen

wirken auch auf Erziehende und

Lehrpersonen destruktiv. Der Psychologe

Paul Watzlawick nannte

solche existenziellen Situationen

«Spiel ohne Ende» – ein Teufelskreis,

der entsteht, wenn Menschen

nicht wissen, wie negative Mechanismen

und Geschehnisse gestoppt

werden können.

Lesen und Schreiben in acht

Wochen

Auf diesen Erkenntnissen basierend

hat Paulo Freire Methoden für die

Alphabetisierung entwickelt, von

denen Millionen Brasilianerinnen

und Brasilianer profitieren konnten.

Als Erstes erforschte er die Interessen

und die Lebenserfahrungen >>>

Das flexible Interview

Die gleichnamige Website der Interkantonalen

Hochschule für Heilpädagogik HfH lädt dazu

ein, mit der Methode des flexiblen Interviews zu

arbeiten und zu forschen. Es werden bewährte

Gesellschaftsspiele beschrieben, bei denen

die Methode angewandt werden kann, und es

wird gezeigt, wie Geldwerte oder Bruchzahlen

besprochen werden können. Die Website informiert

auch über die Methode «Empathie und Verstehen»

von Nicola Cuomo. Ebenso wird auf ein

Entwicklungsprojekt verwiesen, bei dem Kinder

mit den Methoden von Paulo Freire Deutsch als

Zweitsprache lernten. Zahlreiche Beobachtungen

zeigen, wie freie Konversationen und auch das

Freispiel den Unterricht positiv beeinflussen.

www.interview.hfh.ch

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nach der Behandlung.

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Erziehung & Schule

Wenn wir lernen wollen, wie

man konkrete Probleme

meistert, braucht es neue,

kreative Methoden.

>>> der Lernenden, ganz nach

dem Motto: «Erst forschen, dann

lehren.» Nach einer Analyse integrierte

er die gesammelten Themen

in Lese- und Schreibprojekte. Diese

waren so erfolgreich, dass die Personen

nach rund acht Wochen lesen

und schreiben konnten. Ein weiterer

wichtiger Aspekt seiner Methode ist

der Dialog. Ein echter Dialog verändert

die Beziehungen und die Emotionen

der beteiligten Personen,

während Belehrung einfach das

«Spiel ohne Ende» fortsetzt.

«Erst forschen, dann lehren»

wurde auch zum Motto in der Ausbildung

von Schulischen Heilpädagoginnen

und Heilpädagogen an

der Interkantonalen Hochschule für

Heilpädagogik HfH. Dabei gingen

die Dozierenden von einer Forschungsmethode

aus, welche der

Genfer Psychologe Jean Piaget mitseinen

Mitarbeiterinnen entwickelt

hat. Er nannte sie kritische Methode,

später wurde sie auch flexibles Interview

genannt (siehe Box Seite 65).

Dabei gilt es, die Denkprozesse eines

Kindes bestmöglich zur Sprache zu

bringen, indem es auch zum Handeln

motiviert wird. In einer freundschaftlichen

Konversation werden

die Bedeutungen von Gedanken und

Handlungen fortlaufend besprochen

und weiterentwickelt. Mit der Zeit

konnte diese Methode immer besser

in die Lehre der HfH und die Schulpraxis

integriert werden.

Lehren aus dem Bauernhof

Wie funktioniert das genau? Lassen

Sie mich zwei Fallbeispiele nennen:

In Mathematikstunden im Kindergarten

wurde bei einem vierjährigen

Jungen festgestellt, dass er die Zahlen

erst bis zwei kannte. Man befürchtete,

dass er geistig entwicklungsverzögert

sein könnte. Bei flexiblen

Interviews entdeckte die Heilpädagogin,

dass der Junge in seinem Lieblingsspiel

mit dem Bauernhof sehr

wohl wusste, wie viel sechs Kühe

sind.

Diese Entdeckung hatte Auswirkungen

auf die Lehre: Der Junge und

andere Kinder bekamen die Gelegenheit,

Mathematik und Geometrie

ausgehend vom Bauernhof oder

anderen Lieblingsspielen zu lernen.

Die Lehrpersonen hatten den Druck

von Belehrung und Stofffülle überwunden,

weil sie den Bauernhof als

Sachthema für die mathematische

Bildung erforscht hatten. Gleichzeitig

hatten sie eingesehen, wie relativ

belehrende Didaktik und deren Vorurteile

sind, wenn Ressourcen der

Kinder miteinbezogen werden.

Das zweite Beispiel handelt von

Erfahrungen, die Eltern und Lehrpersonen

in Spiel- und Hausaufgabensituationen

gesammelt haben.

Sie lernten in einem Workshop, mit

dem flexiblen Interview das Belehren

zu überwinden und Gesellschaftsspiele

für Kinder mit Behinderungen

zugänglich zu machen.

Dadurch wurden die Dialoge mit

den Kindern sachlicher und freudvoller.

Das Können hatte sich frei

und wirkungsvoll entwickelt.

Die Beispiele deuten an, dass Psychologen,

Erziehende oder Lehrpersonen

mit Kindern und Jugendlichen

umgehen, als würden sie mit

Freunden sprechen. Dabei lösen sie

Probleme, mit denen ein Kind konfrontiert

ist, und arbeiten gleichzeitig

mit Materialien (oder Spielsachen)

sowie mit Notizen. Die

Richtigkeit der Resultate ist ein

Nebenprodukt. Das freundschaftliche

Klima ist reicher an sozialen

Beziehungen und Emotionen als das

Klima der Belehrung. Die Selbstbestimmung

des Kindes ist angemessen

integriert und nicht ausgeschlossen.

So gelingt es in kürzester

Zeit, Lebenserfahrungen und Interessen

zu erforschen und für die Pädagogik

nutzbar zu machen.

Eine komplexe und schwierige

Aufgabe steht an, wenn Fachpersonen,

Lehrpersonen, Eltern und Lernende

wahrnehmen, dass die Integration

von Kindern, die anders sind

als der Durchschnitt, nicht recht

gelingen will. Betrachten wir die

Aussage der Mutter eines Sohnes

mit Trisomie 21. Sie blickte in einem

Podiumsgespräch zufrieden auf die

schulische Integration ihres Kindes

zurück. Dass sie ihren Jungen jedoch

vier Mal jeden Tag holen und bringen

musste, belastete sie sehr. Wie

wäre es, wenn Fachpersonen in ähnlichen

Fällen nach Ressourcen im

Quartier oder in der Gemeinde forschen

würden? Wären andere Eltern

oder ein Restaurant bereit, einer

Familie mit einem Kind mit Behinderung

zu helfen, auch wenn es nur

um den Schulweg oder das Mittagessen

geht? Paul Watzlawick betonte

in einem Vortrag, dass der Ausweg

aus dem «Spiel ohne Ende» über

einfache Handlungen ge schieht.

Die Entwicklung von integrativer

Bildung und Erziehung erfordert

neue Methoden (siehe Box S. 67).

Das beginnt bei der Diagnose der

Ressourcen der Kinder, der Eltern,

der Grosseltern, in der Schule und

im Quartier. Es ist einfacher, Defizite

zu diagnostizieren und diese isoliert

zu behandeln. Gemeinhin

denkt man dann, dass das Kind oder

die Jugendlichen mit Behandlungen

66 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


«versorgt» seien und sich die Sachlage

verbessern werde. Doch häufig

ist das ein Trugschluss.

Unkonventionelle Methoden

Wenn wir lernen wollen, wie man

konkrete Probleme meistert, braucht

es neue, kreative, dialogische und

unkonventionelle Methoden. Das

Interesse an der Sache, an den Kompetenzen,

an Beziehungen und an

der Selbstbestimmung steht dabei

im Zentrum. Wenn in Besprechungen

oder Supervisionen festgestellt

wird, dass eine Entwicklung ausbleibt

und Freude oder das Gefühl

von Freiheit fehlen, müssen die Projekte,

die Ziele, die Beziehungen und

die Methoden nochmals überarbeitet

werden. Dieses Vorgehen lehnt

sich an das Integrationskonzept

«Empathie und Verstehen» des Bologneser

Pädagogen Nicola Cuomo an.

Zurück zur Mathematik: Georg Cantor,

der Begründer der Mengenlehre,

schrieb einmal: «Das Wesen der

Mathematik liegt gerade in ihrer

Freiheit.» Er hätte sich über den

Anblick einer Kindergartengruppe

gefreut, die auf einem Platz Zahlenfelder

zu einem riesigen Hüpfspiel

aufgemalt hatte, das bis zu einer Million

reichte. Solche Aktionen sind

Sternstunden der befreienden Pädagogik.

>>>

Stefan Meyer

lic. phil., ist Dozent im Masterstudiengang

Sonderpädagogik SHP, Schwerpunkt

Pädagogik bei Schulschwierigkeiten, an der

Interkantonalen Hochschule für

Heilpädagogik. Eine Liste mit empfohlener

Literatur und Links kann angefordert werden

über: Stefan.Meyer@hfh.ch.

Das MKT-Testsystem

Ausgehend von den Prinzipien der befreienden

Pädagogik, des flexiblen Interviews und des

Integrationskonzepts Empathie und Verstehen

wurde auch ein Testsystem für die Diagnose

und Förderung in Mathematik von der

1. bis zur 9. Klasse entwickelt und normiert.

Im Kern befassen sich die verschiedenen

Testmethoden nicht nur mit kognitiven Fachkompetenzen,

sondern mit der Empathie und

dem Verstehen von Mathematik im Bildungssystem.

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Do sier

Der 9-jährige Emilio

hat Autismus. Rituale

bestimmen sein

Leben. Mehrmals am

Tag geht er in den

Wäscheraum und

beobachtet die

drehenden Trommeln.

Programmierende

Primarschüler?

An der Bläsi-Schule

Basel ist das

bereits Realität.

Digital & Medial

Digital & Medial

Dossier sier

«Wir halten an alten

Lernvorstellungen fest»

«Bei Pflegekindern ist

das Thema Autismus

sehr wichtig»

(Dossier «Autismus», Heft 8/2017)

Das andere Kind –

leben mit Autismus

Eine Störung für die einen, eine Wesensart für die anderen

und eine Herausforderung für a le. Das ist Autismus.

Jedes hundertste Kind in der Schweiz ist davon betroffen.

Was heisst das für das Kind? Was für seine Eltern?

Und vor a lem: Wer hilft?

Text: Sarah King Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo

10 August 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi August 2017 1

Unsere Fachstelle hat gerade heute wieder Ihr tolles Magazin

erhalten. Vielen Dank! Wir legen Ihr Heft gerne auf und verteilen es

auch gezielt an Eltern, die vom aktuellen Thema direkt betroffen sind.

Gerade bei Pflegekindern ist dieses Thema sehr wichtig.

Cécile Manser, Pflegekinder-Aktion, St. Gallen (via Mail)

«Schule und

Elternhaus müssen

zusammen Lösungen

suchen»

« Wenn es

wehtut,

lache ich»

Rauswurf aus dem Chat, beleidigende und bedrohliche

Textnachrichten: Cybermobbing hinterlässt keine blauen

Flecken, richtet aber bei betro fenen Kindern und

Jugendlichen viel Leid an. So auch bei der 14-jährigen Laila*.

Sie lässt ihre Mu ter Renata Weiss* beschreiben,

wie sehr Eltern mitleiden.

Aufgezeichnet: Sarah King Bilder: Stephan Ra po / 13 Photo

68 September 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

(Thema Mobbing: «Wenn es weh tut, lache ich»,

9/2017)

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi September 2017 69

Das Beste ist, wenn Schule und Elternhaus gemeinsam Lösungswege

suchen und gehen! Weder nur Schule noch nur Elternhaus

können alleine genug Schutz bieten.

«Erziehung zur Menschlichkeit!»

(Dossier «Autismus», Heft 8/2017)

Karin Holzherr-Widmer (via Facebook)

Sie geben einen sehr guten Einblick in die Welt von autistischen

Menschen. Wie beim Thema Depression (mein Lebensthema) ist

es wichtig, die Gesellschaft umfassend zu informieren. Am besten

durch Kontakte mit Beziehungspersonen und – soweit das möglich

ist – mit Betroffenen. Und möglichst früh. Schon im Kindergarten –

eben auf kindgerechte und nicht überfordernde Weise: Erziehung

zur Menschlichkeit!

Reinhard (auf www.fritzundfraenzi.ch)

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«Der Artikel

macht mir Mut»

Die digitale

Schule

Schon bald benötigen wir in 90 Prozent

a ler Berufe digitale Kompetenzen.

Wie bereiten die Schweizer Schulen

unsere Kinder auf diese Berufswelt vor?

Warum ist es so schwierig, digitales

Lernen einzuführen? Und lernt man am

Tablet besser als mit dem Schulheft?

Eine Spurensuche.

Text: Bianca Fritz, Virginia Nolan (Porträts)

Bilder: Rita Palanikumar / 13 Photo

10 Oktober 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

(Dossier «Digitale Revolution», Heft 10/2017)

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Oktober 2017 1

Bild: Christian Aeberhard / 13 Photo

Danke. Unsere Tochter hat seit gestern ihr eigenes Handy,

und der Artikel macht mir Mut...

Gymnasium | Sekundarschule A

Mittelschulvorbereitung > www.nsz.ch

Info-Abend

Mittwoch, 8. November, 18 Uhr

Irene (auf www.fritzundfraenzi.ch)

...von der 1. Sek bis zur Matura

68 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Wo die Familie

zusammenkommt,

musiziert sichs

be ser.

Leserbriefe

«Wir haben uns die Zähne

ausgebissen»

(Dossier «Digitale Revolution», Heft 10/2017)

Digitale Kompetenz umfasst unterschiedliche Bereiche. Der

Umgang mit sozialen Medien ist nur ein Aspekt. Was ist beispielsweise

mit der Organisation sämtlicher technischer Geräte

inklusive Foto- und Musikverwaltung in einem Haushalt mit

mehreren Desktops? Bei diesem Thema haben wir Eltern uns

schon die Zähne ausgebissen. Zum guten Glück haben wir etwas

Ahnung. Dennoch bin ich der Meinung, dass dies dringend ins Fach

ICT gehört. Wir haben immer mehr Daten, die wir auch privat

verwalten müssen. In der Schweiz haben wir zudem einen Mangel

an ausgewiesenen Programmierern. Die Zukunft hat begonnen

und wird noch digitaler. Ich danke Ihnen für diese Ausgabe von

Fritz+Fränzi und den Anstoss. Es muss sich dringend etwas tun!

«Freue mich darauf,

Erkenntnisse aus der

Lektüre umzusetzen»

(«Spielen statt üben»,

Heft 10/2017)

Spielen statt üben!

Ein Kind möchte ein Instrument lernen. Die Eltern unterstützen diesen Wunsch, mieten

ein Instrument und melden das Kind bei der Musikschule an. Bald folgt die Ernüchterung:

das Kind will nicht üben. Damit zu Hause Musik sta t Streit erklingt, brauchen kleine

Anfänger die richtige Unterstützung. Text und Bilder: Siby le Dubs

Ich möchte mich bedanken bei euch. Eigentlich lese ich keine

Erziehungsratgeber, aber Ihr greift so vielseitige Themen auf, da ist

immer mindestens ein Artikel dabei, der mich brennend interessiert

und mich auch zum Nachdenken und Umdenken anregt. Ich bin

sowohl beruflich als auch persönlich begeistert vom Schweizer

ElternMagazin. Auch dass es so breit gestreut wird in Schulen und

Institutionen, finde ich toll. Aus der aktuellen Oktober-Ausgabe konnte

ich etwas mitnehmen zum Thema Medienerziehung und Musik

spielen. Freue mich darauf, es umzusetzen. Macht unbedingt so

weiter.

Gabriela Fust (via Facebook)

Sonja, Zürich (per Mail)

«Mir kam ‹Entschulung der Gesellschaft›

in den Sinn»

(Dossier «Digitale Revolution», Heft 10/2017)

Danke für die unaufgeregten Aussagen von Philippe Wampfler. Seine

Aussage «Auch die Wandtafel ist ein Medium» sagt vieles aus, wie

Medien für den Unterricht sinnvoll genutzt werden können.

Beim Lesen kam mir Ivan Illichs Buch «Entschulung der Gesellschaft»

in den Sinn: «Einzurichten sind netzartige Strukturen, auch Beziehungsstrukturen,

die allen freien Zugang zu allem ermöglichen, was

für formales Lernen genutzt werden kann (Dinge, Orte, Prozesse,

Verfahren, Ereignisse und Informationen). Die Pädagogen begleiten

die Schülerinnen und Schüler dabei als ‹primus inter pares› auf

schwierigen intellektuellen Erkundungsreisen.» (Zusammenfassung

aus Ivan Illichs «Entschulung der Gesellschaft», eine Streitschrift

(6. Auflage). München: C.H. Beck. (Im Original erschienen 1971:

Deschooling Society).

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Das Magazin der Reformierten

Christian Hügli-Sassones (via LinkedIn)

Schreiben Sie uns!

Ihre Meinung ist uns wichtig. Sie erreichen

uns über: leserbriefe@fritzundfraenzi.ch oder

Redaktion Fritz+Fränzi, Dufourstrasse 97, 8008 Zürich

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 2017

www.brefmagazin.ch


Rubrik

70 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Unser Leben

Erziehung & Schule

mit Maél

Der achtjährige Maél kann sich nicht alleine waschen oder

anziehen, trägt Windeln und muss ständig überwacht werden –

er kam mit Downsyndrom auf die Welt. Seine Mutter erzählt

vom Alltag mit ihrem behinderten Kind und dessen gesundem

Bruder Elias und wie Maél es immer wieder schafft,

ihre Sorgen und Zweifel zu zerstreuen.

Text: Barbara Stotz Würgler Bilder: Samuel Trümpy / 13 Photo

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201771


Erziehung & Schule

Zum dritten Mal habe ich

Maél an diesem Morgen

aufgefordert, sich die

Schuhe anzuziehen und

für die Schule bereit zu

machen. Sein Schulbus hält jeden

Tag pünktlich um 7.45 Uhr vor

unserem Haus. Maél besucht die

dritte Klasse der heilpädagogischen

Schule in einem Nachbardorf.

Endlich setzt er sich auf den Stuhl

bei der Garderobe und nimmt einen

Schuh in die Hand. Als er fertig ist,

stelle ich fest: Der linke Schuh sitzt

am rechten Fuss – und umgekehrt.

Auf meine Frage, ob er das extra

gemacht habe, setzt Maél ein schelmisches

Lächeln auf.

Wenige Minuten später eilen wir

– die Schuhe habe ich ihm inzwischen

richtig an die Füsse gesteckt

– nach draussen, der Bus steht mit

laufendem Motor da. Ich helfe Maél

beim Einsteigen und gurte ihn an.

Durch das Fenster werfen wir uns

Kusshände zu. Maél strahlt. Entweder

am Mittag oder am späteren

Nachmittag wird er wieder nach

Hause zurückkehren.

Das verflixte 47. Chromosom

«Alles Glück», sagt mein Sohn

manchmal zu mir und drückt mir

einen dicken, nassen Kuss auf die

Backe. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Für mich stecken in diesem Satz und

in dieser Geste so viel Dankbarkeit,

Liebe und auch Bestätigung dafür,

dass wir Eltern vieles richtig machen

mit unserem «besonderen» Kind.

Dass unser älterer Sohn mit 47

Chromosomen anstatt mit 46 (siehe

Box Seite 77) ausgestattet ist, wirkt

sich auf sein Aussehen sowie seine

geistige und körperliche Entwicklung

aus. Er gleicht anderen Knaben

mit dem Downsyndrom mehr, als

dass er seinem sechsjährigen Bruder

Elias oder uns Eltern ähnelt.

Sein Kopfumfang ist kleiner, seine

Nase flach. Die typische Lidfalte

an den Augen verleiht ihm einen

leicht asiatischen Einschlag. Seine

Muskeln sind weniger stark als bei

normalen Kindern. Diese sogenannte

Muskelhypotonie ist auch der

Grund dafür, dass Maél erst mit

knapp drei Jahren laufen lernte.

Grobmotorisch ist unser Sohn

gut aufgestellt: Er liebt Spielplätze

mit Kletteranlagen, Seilbahnen,

Rutschbahnen und Schaukeln. Als

Vierjähriger lernte er mit dem Micro

Scooter zu fahren. Später entdeckte

er das Laufrad, und seit etwa

eineinhalb Jahren ist er mit seinem

Fahrrad unterwegs – wenn auch

noch mit Stützrädern. Dies ermöglicht

es uns als Familie, kleinere Ausfahrten

in der nahen Umgebung zu

machen.

Ein turbulenter Start für alle

Im feinmotorischen Bereich ist der

Entwicklungsrückstand im Vergleich

zu Kindern ohne Trisomie 21

bedeutend grösser: Einen Stift richtig

zu halten oder mit der Schere zu

schneiden, sind Dinge, die Maél

schwerfallen und die er auch so gut

wie möglich meidet. Dafür bedient

er das Tablet mit seinen Spielen und

Apps mit Leichtigkeit.

Nach einer problemlosen

Schwangerschaft kam Maél am

1. April 2009 um 13 Uhr zur Welt.

Wegen abfallender Herztöne musste

er per Notfallkaiserschnitt auf die

Welt geholt werden. Nachdem ich

mein Baby begrüsst hatte, stand ein

Kinderarzt nervös neben mir: Maél

war etwas blau angelaufen, musste

genauer untersucht werden.

Noch erwähnte niemand die Diagnose

Trisomie 21. Dann die Mitteilung:

Maél muss in die Neonatologie

eines grösseren Spitals verlegt werden.

Es dauerte über 24 Stunden, bis

auch ich in dasselbe Spital gebracht

wurde. Endlich standen mein Mann

und ich neben dem Brutkasten.

Nackt, mit Magensonde und Sauerstoffschlauch

versehen sowie einem

Neugeborenen-Ausschlag, sah unser

Baby ganz schön ramponiert aus.

Wegen Anpassungsstörungen musste

Maél für längere Zeit hospitalisiert

bleiben. >>>

Auf meine Frage, ob er die Schuhe

extra falsch angezogen habe,

antwortet Maél mit einem

schelmischen Lächeln.

Trisomie 21 – Infos und Buchtipps

Der Verein Insieme 21 setzt sich für Menschen mit

Trisomie 21 und deren Angehörige ein. Er ist die

erste Anlaufstelle für neubetroffene Familien und

unterhält in der ganzen Schweiz Regionalgruppen:

www.insieme21.ch

www.ds-infocenter.de (Deutschland)

www.down-syndrom.at (Österreich)

Etta Wilken: «Menschen mit Down-Syndrom

in Familie, Schule und Gesellschaft»

Etta Wilken ist Professorin für Behindertenpädagogik

und befasst sich seit vielen Jahren

intensiv mit Trisomie 21. Sie hat auch Bücher über

Sprachförderung und Kommunikation bei Kindern

und Jugendlichen mit Trisomie 21 herausgegeben.

André Frank Zimpel: «Trisomie 21. Was wir von

Menschen mit Down-Syndrom lernen können»

André Frank Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaft,

befasst sich mit dem Lern verhalten

von Menschen mit Trisomie 21. In seinem Buch fasst

er die Ergebnisse und Erkenntnisse einer Studie mit

über tausend Personen mit Trisomie 21 zusammen.

Informationen über pränatale Diagnostik

Insieme Schweiz hat diesen Sommer ein neues

Online-Tool lanciert. Dieses bietet werdenden Eltern

einen Überblick über vorgeburtliche Tests. Die

kompakten, leicht verständlichen Infos sowie eine

Vielzahl von weiterführenden Fach- und Beratungsstellen

sind unter www.vorgeburtliche-tests.ch

zu finden.

In Zusammenarbeit mit der PH Bern entwickelte

Insieme Schweiz das Ideenset «Vielfalt begegnen»

mit dem Ziel, Schülerinnen und Schülern Einblicke

in die Lebenswelt von Menschen mit einer

Beeinträchtigung zu ermöglichen.

www.phbern.ch/ideenset-vielfalt-begegnen

72 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Maél und sein

jüngerer Bruder

Elias sind ein

gutes Gespann –

besonders wenn es

darum geht, die

Eltern zu ärgern.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201773


Erziehung & Schule

>>> Die Diagnose Trisomie 21

traf uns wie ein Blitz. Während ich

mit Traurigkeit und Verzweiflung

reagierte, wurde mein Mann

wütend. In der Schwangerschaft hatte

ich mich zwar mit dem Thema

Downsyndrom auseinandergesetzt.

Doch der Ersttrimestertest, der ein

Risiko von 1:1600 auswies, gab keinen

Anlass für weitere vorgeburtliche

Abklärungen. Auch die Nackenfalte

schien im Ultraschall unauffällig.

Und jetzt war ich auf einen

Schlag Mutter eines Babys mit Trisomie

21 geworden. Das sass.

Oft stellte ich mir in den folgenden

Monaten die Frage, ob es besser

gewesen wäre, wenn wir schon während

der Schwangerschaft Bescheid

gewusst hätten. Eine Frage, die sehr

schwer zu beantworten ist. Und für

uns bald keine Rolle mehr spielte –

Maél war ja jetzt da, und wir arrangierten

uns nach und nach mit der

Situation.

Die Nachricht, Eltern eines behinderten

Kindes geworden zu sein,

löste in uns zahlreiche Fragen aus.

Werden wir mit der Pflege und

Betreuung unseres Kindes zurechtkommen?

Wie entwickelt sich ein

Kind mit Downsyndrom? Wie

reagieren die Freunde und Bekannten,

die sich mit uns auf unser Baby

gefreut hatten? Das Gedankenkarussell

drehte unablässig. Ich fand keinen

Schlaf, war weinerlich und

dünnhäutig.

Grosses Glück mit der Gesundheit –

und doch Stammgast in der Klinik

Die ersten Monate zu Hause mit

Maél waren geprägt davon, dass er

sehr schlecht trank. Als er drei

Monate alt war, durfte ich mit ihm

eine Physiotherapie machen. Als er

ein halbes Jahr alt war, begann die

Heilpädagogische Früherziehung:

Jede Woche besuchte uns ein Heilpädagoge

zu Hause und förderte

Maéls Fähigkeiten.

Die Früherziehung dauerte bis

zum Eintritt in den Kindergarten.

Das Aufgleisen der Therapien gab

uns Eltern das Gefühl, endlich etwas

für unser Kind tun zu können. Nach

und nach fiel uns aber auf, dass Maél

vermehrt schrie. Das Trinken verweigerte

er nun vollends. Als wir

mit der gepackten Tasche bei unserer

Kinderärztin im Behandlungszimmer

sassen, meldete sie uns im

Spital an – wo Maél notfallmässig

aufgenommen und über eine

Magensonde ernährt werden musste.

Seine Speiseröhre war komplett

entzündet, er hatte die Refluxkrankheit

entwickelt. Noch heute

bekommt Maél täglich Magensäureblocker.

Ansonsten haben wir grosses

Glück, dass Maél organisch gesund

ist. Oftmals leiden Kinder mit Trisomie

21 an Herzfehlern oder >>>

«Kinder mit Trisomie

21 können uns die

Augen öffnen»

Der Mediziner Urs Zimmermann

sagt, dass die Gesellschaft von

Kindern mit Trisomie 21 profitieren

kann. Trotzdem sieht er grosse

Vorteile in der Möglichkeit, dass

der Gendefekt heute sehr früh

festgestellt werden kann.

Interview: Barbara Stotz Würgler

Herr Zimmermann, wie hat sich die Zahl

der Geburten mit Trisomie 21 in den

letzten Jahren in der Schweiz entwickelt?

Zuverlässige Zahlen sind schwierig zu

bekommen. Wir können davon ausgehen,

dass in der Schweiz pro Jahr zwischen 70

und 90 Kinder mit Downsyndrom zur Welt

kommen. Diese Zahlen sind in den letzten

Jahren konstant geblieben.

Mit dem vor fünf Jahren eingeführten

nichtinvasiven Praena-Test kann Trisomie

Die Diagnose Trisomie 21

traf uns wie ein Blitz. Ich

reagierte mit Verzweiflung,

mein Mann mit Wut.

«Es ist schön,

mit ihm Zeit zu

verbringen»,

sagt Maéls

Mutter. «Er gibt

uns sehr viel

zurück.»

21 in einem sehr frühen Stadium der

Schwangerschaft festgestellt werden.

Warum sind die Geburten mit Trisomie 21

dennoch nicht stärker rückläufig?

Es hängt damit zusammen, dass die

Trisomie-21-Schwangerschaften insgesamt

enorm zugenommen haben. In der Schweiz

sammelt einzig der Kanton Waadt diese

Daten systematisch, um sie in eine europäische

Studie einzuspeisen. Hier haben sich

die Schwangerschaften mit Trisomie 21 im

Zeitraum zwischen 1989 bis 2012 verdreifacht.

Dies hat damit zu tun, dass heutzutage

viele Frauen erst im höheren Alter schwanger

werden oder die Familienplanung erst im

höheren Alter abschliessen.

Wie viele Frauen behalten ihr Kind,

wenn sie von der Diagnose erfahren?

Wir müssen davon ausgehen, dass in Europa

neun von zehn Frauen ihr ungeborenes Kind

abtreiben, wenn sie erfahren, dass es das

Downsyndrom hat.

Sehen Sie auch einen Vorteil darin, dass

man heute Trisomie 21 schon so früh beim

ungeborenen Kind nachweisen kann?

Grundsätzlich ist es eine riesige Chance, um

sich mit diesem Thema früh auseinanderzu-

74 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Rubrik

setzen. Oftmals wird diese aber verpasst,

da es offenbar immer noch für viele eine

Selbstverständlichkeit ist, ein Kind abzutreiben,

wenn irgendetwas nicht stimmt. Dabei

wäre es so wertvoll, sich Gedanken zu

machen über mögliche Behinderungen oder

Andersartigkeiten beim Kind. Denn letztlich

kann einem Kind immer etwas zustossen,

das zu einer Behinderung führt, beziehungsweise

das Kind kann sich anders entwickeln,

als man es sich gewünscht hat. Was dann?

Einen anderen Vorteil der frühen Diagnose

sehe ich darin, dass sich Familien bewusst

entscheiden, ein Leben mit einem Kind mit

Trisomie 21 zu führen. Diese Eltern stehen

mit einem neuen Selbstbewusstsein hinter

ihren Kindern.

Die Lebensqualität der Kinder mit

Downsyndrom ist in den letzten Jahren

deutlich besser geworden. Warum?

Es hat eine klare Haltungsänderung

stattgefunden. Früher hat man bei einem

Kind mit Downsyndrom überlegt, ob es sich

überhaupt lohnt, einen Herzfehler zu

operieren oder eine Chemotherapie zu

machen. Heute ist es keine Frage mehr, man

geht proaktiv vor, sucht gezielt nach

Risikofaktoren und interveniert so schnell

wie möglich. Daneben wird heute auch

versucht, Kinder mit Trisomie 21 maximal zu

fördern und zu integrieren.

Was geben Sie werdenden Eltern mit auf

den Weg, die erfahren haben, dass ihr

ungeborenes Kind Trisomie 21 hat?

Zum einen geht es darum, die vielen Informationen

verständlich zu machen und den

Eltern eine Vorstellung davon zu vermitteln,

wie ihr Leben mit einem Kind mit Trisomie 21

aussehen könnte. Daneben rege ich dazu an,

die eigenen Werte zu ergründen, aber auch

die gemeinsamen Werte als Paar – und falls

bereits vorhanden mit dem Rest der Familie.

Was bedeutet es für uns, Kinder zu haben?

Welche Werte wollen wir ihm mit auf den Weg

geben? Dann wird oft schnell klar, ob ein Kind

mit Downsyndrom Platz in dieser Familie hat.

Diese «Wertearbeit» empfehle ich übrigens

allen Eltern, und zwar bereits bevor sie das

erste Kind bekommen.

Was können wir Ihrer Meinung nach von

Kindern mit Trisomie 21 lernen?

Diese Kinder zwingen uns, sie in ihrer

maximalen Individualität zu erkennen und zu

fördern. Andere Kinder würden genauso

profitieren, wenn man ihnen so unvoreingenommen

und individuell begegnen würde.

Kinder mit Trisomie 21 können uns die

Augen öffnen, wie man grundsätzlich mit

Kindern umgehen sollte. Wenn unsere

Schulen so individuell und offen gestaltet

wären, dass auch Trisomie-21-Kinder sie

besuchen könnten, hätte man zum Beispiel

weniger Kinder, die Ritalin nehmen.

Zur Person

Urs Zimmermann, 52, ist seit fünf Jahren

Chefarzt Neonatologie und Kinder- und

Jugendmedizin am Spital Bülach. Vor seiner

Tätigkeit in Bülach war er mehr als zehn Jahre

Leiter der Klinik für Neonatologie und Chefarzt

im Departement Kinder- und Jugendmedizin

am Kantonsspital Winterthur. Er lebt in Bülach

und ist Vater von drei erwachsenen Kindern.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201775


Erziehung & Schule

>>> Missbildungen im Darmtrakt.

In den ersten vier Lebensjahren

war Maél dennoch ständiger

Gast in der Kinderklinik. Er litt zum

Teil unter heftigen Atemwegsinfekten,

benötigte Sauerstoff und musste

künstlich ernährt werden. Die

traumatische Erfahrung mit dem

Reflux hatte dazu geführt, dass er bei

jedem Infekt die Nahrungsaufnahme

verweigerte.

Nebst den vielen Spitalaufenthalten

waren die ersten Jahre bis zum

Kindergarteneintritt von seinem

Therapieplan bestimmt. Nebst der

Früherziehung und der Physiotherapie

kam ab etwa drei Jahren zwei

Mal wöchentlich Logopädie hinzu.

Maél erhielt mit 14 Monaten erstmals

Paukenröhrchen ins Trommelfell.

Auf diese Weise sind seine

Ohren besser belüftet und er hört

besser. Mit zwei Jahren wurde er

zum Brillenträger, was ihn glücklicherweise

nicht stört. Probleme mit

Augen und Ohren sind häufig bei

Kindern mit dem Downsyndrom.

Unterschätzte Intelligenz

Maél war als Kleinkind schwierig zu

lesen respektive zu verstehen. Er

konnte Hunger, Schmerz oder

Müdigkeit nicht ausdrücken, es war

für uns ein ständiges Rätselraten.

Noch mit zwei Jahren sprach er kein

Wort. Wir hatten aber den Eindruck,

dass er gut versteht, was wir zu ihm

sagen.

Von unseren Heilpädagogen

erfuhren wir von der Gebärdensammlung

«Wenn mir die Worte

fehlen» für kognitiv beeinträchtigte

Menschen von der Schweizer Heilpädagogin

Anita Portmann. Die

Gebärden für Essen, Schlafen, Spie-

Maél hat die Angewohnheit

auszubüxen. Er trägt deshalb

eine Plakette mit Name

und Telefonnummer auf sich.

len, Nach-draussen-Gehen sowie

für sämtliche Bauernhoftiere waren

die ersten Begriffe, die wir Maél im

Alter von zweieinhalb Jahren beibrachten.

Die Bewegungen mit den

Händen auszuführen, bereitete ihm

zu Beginn noch Mühe. Aber er

konnte endlich kommunizieren!

Im zweiten Kindergartenjahr

lernte Maél mit Unterstützung von

Piktogrammen, in Zwei- und Drei-

Wort-Sätzen zu sprechen. Heute

drückt er sich ohne Hilfsmittel aus.

Kinder mit Downsyndrom haben

oftmals eine überlange Zunge und

einen schmalen Mundraum. Beides

ist nicht gerade förderlich für die

Aussprache, erschwerend kommt

eine schlaffe Mundmuskulatur hinzu.

Maéls Wortschatz ist um ein

Vielfaches grösser, als er in der Lage

ist, sich verbal auszudrücken. Seine

Intelligenz wird deshalb häufig

unterschätzt.

«Mittelgradig hilflos»

Im Alltag benötigt Maél in vielen

Bereichen Unterstützung. Die Invalidenversicherung

stuft ihn als «mittelgradig

hilflos» ein und entrichtet

Hilflosenentschädigung, seit er zwei

Jahre alt ist. Eine Person gilt als hilflos,

«wenn sie wegen Beeinträchtigung

der Gesundheit für alltägliche

Lebensverrichtungen dauernd der

Hilfe Dritter oder der persönlichen

Überwachung bedarf». Die Höhe der

Leistung hängt vom Grad der Unterstützung

ab und ist in leicht, mittel

und hoch abgestuft.

Der Alltag mit Maél erfordert von

uns Eltern, aber auch von allen weiteren

Bezugspersonen permanente

Präsenz. Maél ist noch nicht in der

Lage, selbständig auf die Toilette zu

gehen, zu duschen, sich in einer

sinnvollen Zeitspanne ganz – und

richtig – an- oder auszuziehen.

Besonders auf Spiel- oder anderen

öffentlichen Plätzen muss er stets im

Auge behalten werden. Leider verhält

er sich gegenüber anderen Kindern

oftmals aggressiv. Weil er sich

nach wie vor weigert, feste Nahrung

zu essen, müssen wir alle Mahlzeiten

pürieren oder speziell für ihn zubereiten.

Es dauerte Jahre, bis er so

weit war, selber seinen Brei oder sein

Müesli zu löffeln.

Und Maél hat die Angewohnheit

auszubüxen. Wenn wir Glück haben

zu Fuss, wenn wir Pech haben mit

dem Velo oder Trottinett. Kürzlich

hat er es zum ersten Mal geschafft,

den Schlüssel im Schloss der Haustüre

zu drehen. Nun trägt er am

Handgelenk eine Silberkette mit

einer Plakette, auf der sein Name

und unsere Telefonnummern eingraviert

sind.

Von Anfang an besuchte ich mit

Maél das Familienzentrum unseres

Wohnortes. Bis zu drei Mal

wöchentlich hatte er dort Kontakt

mit anderen, «normalen» Kindern.

Auch für mich als Mutter, die immer

wieder von Verzweiflung und

Zukunftsängsten heimgesucht wurde,

war der Treff eine gute Möglichkeit,

unter die Leute zu kommen.

Vor der Einschulung wägten wir

die Vor- und Nachteile einer Integration

in die Regelschule und einer

Sonderschulung ab. Für uns stand

immer nur unser Sohn im Zentrum.

Schliesslich meldeten wir ihn für die

heilpädagogische Schule an. Unsere

Entscheidung haben wir noch keinen

Tag bereut; die Schule ist zu

seinem zweiten Zuhause geworden.

Langjährige Bekannte ziehen

sich zurück

Als wir nach Maéls Geburt unser

Umfeld über die Behinderung unseres

Kindes ins Bild setzten, fielen die

Reaktionen unterschiedlich aus. Viele

wussten schlichtweg nicht, wie

man auf eine solche Nachricht

reagiert. Ob man zum Beispiel gratulieren

soll (ja, man soll). Einige

langjährige Bekannte zogen sich

zurück. Auch heute noch ist die

meistgestellte Frage: «Habt ihr es

vorher gewusst?»

Wenn wir mit Maél unterwegs

sind, fallen die Reaktionen fast ausschliesslich

positiv aus. Besonders

76 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Kinder reagieren gut auf ihn. Er ­

wachsene dagegen können auch mal

ganz schön nerven. Indem sie starren

und flüstern. Zum Glück kommt

dies selten vor. Oder vielleicht nehme

ich es gar nicht mehr so wahr.

Etwas salopp ausgedrückt hat Trisomie

21 den Vorteil, dass man den

betroffenen Menschen ihr Handicap

auf den ersten Blick ansieht.

Als unser zweiter Sohn Elias am

20. April 2011 zur Welt kam, war

unser Glück perfekt. Natürlich stand

schon früh die Frage im Raum, was

denn wäre, wenn auch unser zweites

Kind mit einem Handicap zur Welt

käme. Da es sich bei Maél aber um

keine erblich bedingte Chromosomenveränderung

handelt, war das

Risiko, nochmals ein Baby mit Trisomie

21 zu bekommen, nicht er ­

höht.

Anfangs war Maél ziemlich eifersüchtig

auf das neue Familienmitglied.

Er traktierte den kleinen Bruder

oft und riss ihm die Haare

büschelweise aus. Aber wie so vieles

legte sich auch diese Phase. Die Brüder

gewöhnten sich nach und nach

aneinander. Elias lernte bald, sich zu

wehren. Rasend schnell überholte er

seinen älteren Bruder in der Entwicklung,

sprach mit eineinhalb

Jahren bereits in ganzen Sätzen. Die

zwei fanden Wege, miteinander zu

kommunizieren, zu spielen, es lustig

zu haben. Ein besonders gutes Ge ­

spann sind sie, wenn sie gemeinsam

uns Eltern ärgern wollen.

Elias macht gerne mit seinen Kollegen

ab. Wir haben ein offenes

Haus, die Kinder dürfen zu uns zum

Spielen kommen, wann immer wir

da sind und Zeit haben. Die meisten

nehmen zur Kenntnis, dass Elias’

Bruder speziell ist. Elias kann dies

schon gut erklären.

Als einmal ein Kind auf einem

Spielplatz sagte, Maél sei «komisch»,

erwiderte Elias: «Dä Maél isch halt

eifach de Maél.» Er war da etwa vierjährig.

Ihn stört es höchstens, wenn

wir Eltern uns seiner Meinung nach

zu intensiv um seinen Bruder küm­

Als ein Kind auf dem Spielplatz

sagte, Maél sei komisch, erwiderte

Bruder Elias: «Dä Maél isch halt

eifach de Maél.»

mern. Dabei achten wir fest darauf,

dass unser Jüngster ja nicht zu kurz

kommt. Wann immer möglich

machen wir ein getrenntes Programm.

Kein Kind gleich wie das andere

Wichtig zu wissen, war und ist für

mich als Mutter, dass sich Kinder mit

Trisomie 21 noch viel weniger miteinander

vergleichen lassen als sogenannt

normale Kinder: Die Heterogenität

von Menschen mit Trisomie

21 ist enorm. Einige lernen schon als

Kind fast normal sprechen, andere

finden ein Leben lang nicht zur Lautsprache.

Einige entwickeln eine hohe

Selbständigkeit, andere brauchen ein

Leben lang Unterstützung.

Wie kommt es bei unserem Sohn

heraus? Da Maél, im Grunde ein

ausgeglichenes Kind, immer häufiger

Phasen mit sehr herausforderndem

Verhalten hat, lassen wir ihn

zur Zeit gerade durch einen Kinderpsychiater

abklären. Wenn ich mit

Maél zusammen bin, kann ich solche

und andere Probleme aber gut

beiseite schieben und mit ihm den

Moment geniessen, er gibt uns

Eltern sehr viel zurück.

Wir setzen uns keine unerreichbaren

Ziele. Was aber auch nicht

bedeutet, dass wir nichts von ihm

erwarten. Wir freuen uns über jeden

noch so kleinen Schritt, den es vorwärtsgeht.

Wenn Maél ein neues

Wort aussprechen kann. Wenn er

die Schuhe endlich richtig anzieht.

Maél macht seinen Weg, einfach auf

seine Weise und in seinem Tempo.

«Alles Glück», sagt Maél. Und

wischt einmal mehr alle meine

Zweifel und Sorgen beiseite.

>>>

Was ist Trisomie 21?

Ungefähr jedes 700. Kind kommt mit Trisomie 21 zur

Welt. Der Name rührt daher, dass bei den

betroffenen Menschen das Chromosom 21 nicht wie

gewöhnlich zwei Mal, sondern drei Mal vorhanden

ist. Dieses zusätzliche Chromosom – insgesamt 47

statt 46 – hat zur Folge, dass sich ein betroffenes

Kind deutlich anders entwickelt als ein Kind mit der

gewöhnlichen Anzahl Chromosomen.

Häufig leiden Menschen mit Trisomie 21 an

angeborenen Herzfehlern oder einer Missbildung

des Magen-Darm-Trakts. Typisch sind auch der

schwache Muskeltonus, eine verzögerte sprachliche

Entwicklung und eine kognitive Beeinträchtigung.

Per 1. März 2016 hat der Bund die Trisomie 21 in die

Liste der Geburtsgebrechen aufgenommen. Somit

übernimmt die Invalidenversicherung alle nötigen

medizinischen Behandlungen, welche damit

einhergehen, und setzt sich für die gesellschaftliche

Eingliederung ein.

Der ebenfalls häufig verwendete Ausdruck

Downsyndrom geht auf den Arzt John Langdon

Down zurück, der die Trisomie 21 im Jahre 1866

erstmals ausführlich erforschte und beschrieb.

Zur Person

Barbara Stotz Würgler, 42, ist Journalistin und

Präsidentin des Elternforums der Heilpädagogischen

Schule Bezirk Bülach. Bei ihren vielen Kontakten zu

Eltern mit Kindern mit den verschiedensten

Behinderungen stellt sie immer wieder fest, wie

anspruchsvoll das Leben mit Kindern mit Handicap

ist – aber auch, wie bereichernd es sein kann.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201777


Ernährung & Gesundheit

Generation kurzsichtig

Statt draussen zu spielen, verbringen Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in

geschlossenen Räumen an Smartphone, Spielkonsole und Co. Das hat auch Auswirkungen

auf die Augen. Was Eltern beachten sollten. Text: Anja Lang

Kurzsichtigkeit

hat zwischen

2000 und 2010

weltweit um

fast 30 Prozent

zugenommen.

Lara liest für ihr Leben

gern, aber was in der

Schule vorne an der Tafel

steht, kann sie nur schwer

entziffern. Wenn sie die

Augen zusammenkneift, geht es

etwas besser, aber das ist anstrengend,

denn Lara ist kurzsichtig. Das

heisst: In die Nähe sieht die Primarschülerin

gut, weiter entfernte Dinge

kann sie dagegen nur unscharf

erkennen.

Wie Lara geht es immer mehr Kindern

und Jugendlichen. «Von 2000

bis 2010 wurde eine weltweite

Zunahme von Kurzsichtigkeit um

fast 30 Prozent festgestellt», weiss Dr.

Vera Schmit-Eilenberger, Fachärztin

für Augenheilkunde mit Schwerpunkt

Kinderophthalmologie und

Netz hauterkrankungen aus Dübendorf

im Kanton Zürich.

Vor allem in einigen Ländern

Asiens und Südostasiens hat Kurz-

78 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Bild: iStockphoto

sichtigkeit, fachsprachlich Myopie

genannt, inzwischen nahezu epidemische

Ausmasse angenommen. «In

Teilen Chinas, Singapurs oder Taiwans

sind bereits bis zu 90 Prozent

der jungen Erwachsenen kurzsichtig»,

sagt Vera Schmit-Eilenberger.

Jeder zweite «Digital Native» ist

kurzsichtig

Vor rund 60 Jahren lag der Anteil

der Kurzsichtigen in der Bevölkerung

hier noch bei etwa 10 bis 20

Prozent. Aber auch in Europa und

den USA nimmt Myopie immer stärker

zu. In den USA ist die Zahl der

Kurzsichtigen in den letzten 30 Jahren

um 66 Prozent angestiegen. In

Europa zeigt sich gemäss einer 2015

vorgestellten Studie des European

Eye Epidemiology Consortium ein

ähnlicher Trend: In der Altersklasse

der 25- bis 29-Jährigen – also der

«Digital Natives» – ist bereits fast

jeder Zweite kurzsichtig.

Je höher die Bildung, desto mehr

Kurzsichtige gibt es

Lange Zeit dachte man, dass vor

allem die Vererbung bei der Entstehung

von Kurzsichtigkeit entscheidend

ist. «Bis heute sind etwa zwei

bis drei Dutzend Genorte gefunden

worden, die für Myopie verantwort-

lich sind», sagt Vera Schmit-Eilenberger.

«Damit ist nachweislich eine

genetische Disposition gegeben,

wenn Mutter oder Vater kurzsichtig

sind.»

Dennoch: Die explosionsartige

Zunahme von Kurzsichtigkeit innerhalb

weniger Jahrzehnte kann nicht

darauf zurückzuführen sein. Studien

haben untersucht, welchen Einfluss

Umweltfaktoren auf die Ausbildung

einer Kurzsichtigkeit haben. «Dabei

hat sich herauskristallisiert, dass

besonders langanhaltende Augen-

Naharbeit sowie zu wenig Tageslicht

die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit

fördern», erklärt die Fachärztin.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt

auch die Gutenberg-Gesundheitsstudie

für Deutschland von 2015.

Demnach steigt die Zahl der Kurzsichtigen

mit der Anzahl der Bildungsjahre.

Immer öfter fehlt der Weitblick

Erste Symptome einer beginnenden

Kurzsichtigkeit treten häufig bereits

in der Kindheit auf. «Bis Ende der

Kindergartenzeit sind die meisten

Kinder noch normalsichtig», so Vera

Schmit-Eilenberger. «Das ändert

sich oft in der Primarschule. Man

spricht deshalb von der sogenannten

Schulmyopie, die typischerweise im

Wenig Tageslicht und lange

Augen-Naharbeit fördern

Kurzsichtigkeit.

Alter von 8 bis 15 Jahren auftritt.»

Also genau in der Altersphase, in der

Kinder durch Schulzeit und Hausaufgaben

viel Zeit in geschlossenen

Räumen mit Lesen, Schreiben und

Lernen – also Augen-Naharbeit –

verbringen.

Dazu kommt die in dieser Altersklasse

besonders beliebte Nutzung

elektronischer Medien in der Freizeit.

Das führt dazu, dass viele Kinder

und Jugendliche hierzulande

täglich bis zu acht Stunden und

mehr bei Kunstlicht im Nahsichtmodus

verbringen. «Wenn das

Auge überwiegend Sehangebote

bekommt, die nur wenige Zentimeter

entfernt sind, reagiert es irgendwann

mit Längenwachstum», betont

Kinderaugenärztin. Schmit-Eilenberger.

«Dies passiert umso >>>

vormals Lichter der Welt

25.-26.11.17 Zürich

Hallenstadion

24.-25.03.18 Basel

St. Jakobshalle

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

www.goodnews.ch

www.apassionata.com

November 201779


Ernährung & Gesundheit

>>> stärker, je länger die Nahfixation

dauert und je näher sich das

fixierte Objekt befindet.»

Tageslicht hat schützende Wirkung

Ausserdem weiss man inzwischen

auch, dass der Mangel an Tageslicht

eine wichtige Rolle bei der Entstehung

von Kurzsichtigkeit spielt.

«Kürzlich veröffentlichte Studien

haben ‹Outdoor activity› als eine

Schlüssel-Umwelt-Determinante für

die Myopie-Entwicklung identifiziert»,

erklärt Schmit-Eilenberger.

Wie genau Tageslicht vor Kurzsichtigkeit

schützt, ist noch nicht eindeutig

geklärt. Allerdings ist Tageslicht

bis zu 100 Mal intensiver als künstliches

Licht, und intensives Licht

fördert die Ausschüttung des Botenstoffs

Dopamin in der Netzhaut. In

Tieruntersuchungen an Hühnern

konnte ein Zusammenhang zwischen

Dopamin und dem Längenwachstum

des Augapfels beobachtet

werden, weshalb man davon ausgeht,

dass die Dopamin-Ausschüttung

durch Tageslicht das zu starke Längenwachstum

des Augapfels bremst.

Ist das Auge einmal länger ge -

wachsen und damit kurzsichtig, lässt

sich dieser Schritt nicht wieder

umkehren. Deshalb ist es wichtig,

Umweltfaktoren, die nachweislich

das Längenwachstum des Auges fördern,

frühzeitig zu meiden. «Dazu

gehört, dass sich Kinder und

Jugendliche möglichst viel im Freien

aufhalten, damit der Körper genügend

schützendes Tageslicht abbekommt»,

rät die Dübendorfer

Augenärztin. «Bei der Augen-Naharbeit

sollten ausserdem regelmässig

Pausen eingelegt werden. Dabei den

Blick ruhig auch mal in die Ferne

schweifen lassen.» Hilfreich ist auch,

den Leseabstand nicht zu kurz zu

halten. «Mindestens 30 Zentimeter

sollten es sein, besser mehr», betont

Vera Schmit-Eilenberger. Hier kann

zum Beispiel schon ein grösserer

Monitor helfen. «Jedes Kind ab dem

dritten Lebensjahr sollte ausserdem

augenfachärztlich untersucht werden,

um versteckte Sehfehler zu

erkennen, die unbehandelt nach

dem siebten Lebensjahr zu bleibenden

Sehschwächen führen können»,

appelliert die Kinderaugenärztin.

«Dasselbe gilt für Kinder kurz vor

der Einschulung und natürlich,

wenn erste Anzeichen von Kurzsichtigkeit

auftreten.»

Unterkorrektur hilft nicht

Da Kurzsichtigkeit typischerweise

voranschreitet, wird meist in regelmässigen

Abständen eine neue Sehhilfe

benötigt. Diese sollte die Kurzsichtigkeit

immer maximal gut

korrigieren. «Der Mythos, dass ein

Fortschreiten der Myopie durch eine

Unterkorrektion von Brille oder

Kontaktlinsen verhindert werden

kann, hält sich leider immer noch

hartnäckig», beklagt Vera Schmit-

Eilenberger. «Prospektive klinische

Studien zeigen jedoch, dass eine

Unterkorrektion der Myopie das

Voranschreiten nicht verhindern, ja

im Gegenteil sogar anheizen kann.»

Eine relativ neue Therapie zur

Behandlung von Kurzsichtigkeit ist

die Gabe von niedrig dosierten

Atropin-Tropfen. Sie sollen helfen,

das vermehrte Längenwachstum des

Augapfels zu bremsen. «In grossen

Studien konnte durch die Behandlung

mit Atropin tatsächlich eine

Reduktion des Voranschreitens der

Kurzsichtigkeit um etwa eine Dioptrie

pro Jahr gemessen werden»,

weiss die Augenexpertin. «Nach

dem Ende der Behandlung bildete

sich der positive Erfolg allerdings

wieder zurück.»

Eine andere Möglichkeit für die

Verlangsamung der Myopie sind

sogenannte Ortho-K-Linsen. Diese

Kontaktlinsen werden nur über

Nacht getragen und sollen eine zeitlich

begrenzte Abflachung der zentralen

Hornhaut bewirken, um die

Sehschärfe tagsüber zu normalisieren.

«Diese Methode wird vor

allem von Augenoptikern befürwortet»,

sagt Vera Schmit-Eilenberger.

«Augenärzte bemängeln jedoch

Viele Kinder verbringen

bis zu acht Stunden

im Nahsichtmodus.

hohe Kosten und das Infektionsrisiko.

Auch fehlt bislang eine aussagekräftige,

kontrollierte Langzeitstudie,

die den positiven Effekt

bestätigen würde.»

>>>

Kurzsichtigkeit – was ist das?

Kurzsichtigkeit ist die häufigste Art der Fehlsichtigkeit.

Sie wird in den meisten Fällen durch ein zu starkes

Längenwachstum des Auges verursacht. Der

Brennpunkt, also das schärfste Bild, entsteht dann

nicht mehr direkt auf der Netzhaut, sondern kurz

davor, so dass weiter entfernte Objekte entsprechend

unscharf wahrgenommen werden. Nah gelegene

Objekte werden dagegen einwandfrei gesehen. Ist

der Augapfel nur einen Millimeter zu lang, beträgt die

Höhe der Kurzsichtigkeit bereits rund drei Dioptrien.

Damit sieht der Kurzsichtige Objekte nur noch bis

zu einer Entfernung von rund 30 Zentimetern scharf.

Typisch für Kurzsichtigkeit ist ausserdem ein

Voranschreiten bis etwa zum 30. Lebensjahr.

Erste Anzeichen früh erkennen

Folgende Symptome können auf eine beginnende

Kurzsichtigkeit hinweisen:

• Häufiges Blinzeln und Zusammenkneifen der Augen,

um weiter entfernte Gegenstände zu fokussieren

• Klagen über schlechtes Sehen von weiter entfernten

Objekten, z. B. schlechte Sicht an die Tafel

• Nahes Heranrutschen an den Fernseher, um besser

zu sehen

• Wiederkehrende Kopfschmerzen und

Ermüdungs erscheinungen

Anja Lang

ist Medizinjournalistin und Mutter von drei Kindern.

Das Problem mit der zunehmenden Nutzung

elektronischer Medien bei Kindern und Jugendlichen

kennt sie selbst nur zu gut.

80 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Publireportage

Dank dem breiten Angebot an Schweizer Milchprodukten findet sich für jedes Bedürfnis etwas Passendes.

Das Beste für Eltern und Kinder

Für echte Milch gibt’s keinen Ersatz

Milch ist ein nährstoffreiches, gesundes Grundnahrungsmittel für

alle, besonders aber für Kinder. Glücklicherweise gibt es auch bei

Laktoseintoleranz passende Lösungen, denn auf Milchprodukte

zu verzichten ist keine gute Idee.

Mehr erfahren?

Weitere Informationen

und Tipps bei Unverträglichkeiten

unter

www.swissmilk.ch/

unvertraeglichkeiten

Eltern wollen für ihre Kinder natürlich das Beste.

Wenn sie vermuten, dass ihr Kind bestimmte

Lebensmittel nicht verträgt, streichen sie diese oft

in guter Absicht vom Menüplan oder ersetzen sie

durch Alternativen. Das ist aber nicht immer eine

gute Lösung.

Fragen Sie Ihren Arzt

Klagt ein Kind häufig über Bauchweh, liegt die

Vermutung nahe, dass ein Lebensmittel schuld ist.

Oft folgen dann Selbstdiagnosen und individuelle

Ernährungsexperimente. Diese können aber Nährstoffmängel

nach sich ziehen und führen meist

nur kurzfristig zu einer Besserung. Sinnvoller ist es,

die Beschwerden durch eine Fachperson abklären

zu lassen, denn die Gründe können vielfältig sein.

Wenn tatsächlich eine Laktoseintoleranz vorliegt –

die bei Kindern jedoch nur äusserst selten vorkommt

–, dann sollten Milchprodukte nicht gestrichen,

sondern gezielt ausgewählt werden. Es gibt

ein grosses Angebot an passenden, fermentierten

Milchprodukten. Gut verträglich sind Hart- und

Halbhartkäse wie etwa Emmentaler oder Tilsiter

sowie alle Jogurtsorten.

Pflanzendrinks sind kein Milchersatz

Keine gute Lösung ist es, Milch durch Pflanzendrinks

zu ersetzen. Die Ernährungswissenschaft

zeigt immer wieder, dass insbesondere Kinder

von Milch profitieren. Drei Milchportionen täglich

unterstützen den Aufbau und die Entwicklung von

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi November 2017

Knochen und Muskeln. Zudem liefern sie generell

viele Nährstoffe in idealem Verhältnis zueinander,

was für ein gesundes Wachstum äusserst vorteilhaft

ist.

Niemand kann heute abschätzen, wie sich der

Ersatz von Kuhmilch durch Pflanzendrinks langfristig

auf die Gesundheit von Kindern auswirken

wird. Es gibt dafür weder Langzeitstudien noch

genügend Erfahrung. Ernährungsfachpersonen

und Kinderärzte schätzen das Risiko eines Nährstoffmangels

mit Folgen für die körperliche und

geistige Entwicklung der Kinder als hoch ein. Denn

Pflanzendrinks sind nährstoffarm und enthalten

keine Baustoffe für das Wachstum.

!

Milchprodukte bei Laktoseintoleranz

Milch liefert ein reichhaltiges Spektrum an

Inhaltsstoffen. Davon profitieren Personen

jeden Alters, insbesondere aber Kinder.

Milchprodukte tragen viel zu einer gesunden

Ernährung bei. Deshalb sollten sie auch bei

Laktoseintoleranz auf dem Menüplan zu finden

sein. Welche Milchprodukte besonders

geeignet sind, erfahren Sie unter

www.swissmilk.ch/unvertraeglichkeiten >

Laktoseintoleranz > verträgliche Milchprodukte.

Wer von einer Laktoseintoleranz

betroffen ist, wählt

am besten gereiften Käse.

Auch Jogurt wird häufig gut

vertragen.

Schweizer Milch ist ein

Naturprodukt, sie wird

standortgerecht auf Familienbetrieben

produziert

und braucht nur kurze

Transportwege.

Milch liefert Eiweiss, Kalzium,

Vitamine und Fette für den

Aufbau von Muskeln und

Knochen. Drei Portionen am

Tag sind genau richtig.


Digital & Medial

Anderen beim

Spielen zuschauen

Sogenannte Let’s Player sind bei Teenagern voll im Trend. Nur: Was

finden Jugendliche daran, anderen beim Videospielen zuzuschauen?

Und was heisst das für die Eltern? Text: Stephan Petersen

Daniels Mutter ist ge ­

nervt. Gerade erst

hat sie ihren 13-jährigen

Sohn von der

Spielkonsole loseisen

können. Jetzt sitzt er am Smartphone.

«Was machst du denn da?»,

fragt sie ihn. «Ich schaue mir nur

schnell dieses Video an.» Sie blickt

über seine Schulter: «Ist das ein

Video über ein Computerspiel?» –

«Ja, ein Let’s Play!», lautet die Antwort.

«Du hast doch gerade erst

gespielt! Und das sieht nicht so aus,

als ob es ein Spiel für Dreizehnjährige

wäre. Mach jetzt dein Natel

aus!» Daniel seufzt extra laut und

legt das Smartphone zur Seite.

Schreckensschreie und zusammengebissene

Zähne live

So wie Daniel schauen Millionen

Jugendliche sogenannte Let’s Plays.

Bei Let’s play wird live gespielt.

Das heisst: Der Spieler hat das

Game vorher noch nie gespielt.

Let’s Play bedeutet «Lass uns spielen».

Es sind Videos, in denen Games

vorgeführt und kommentiert werden.

Man schaut anderen Spielern

beim Spielen zu. Vorläufer dieses

Trends waren die 2006 von Spielern

im Forum der US-amerikanischen

Webseite «Something Awful» veröffentlichten

Bilder aus von ihnen

gespielten Games. Die anderen

Forumsteilnehmer konnten direkt

darauf antworten und Anregungen

geben, wie die Spieler weiter agieren

sollten. Mit der zunehmenden Verbreitung

des Videoportals Youtube

entstand die Idee, den kompletten

Spielverlauf beim Gamen zu filmen

und zu kommentieren.

Heute filmen die Spieler sich

meist noch zusätzlich selbst. So

hören die Zuschauer nicht nur die

Kommentare, sondern sehen auch

die Reaktionen des Spielers auf das

Geschehen: zusammengebissene

Zähne in kniffligen Szenen und kurze

Schreckensschreie, wenn Unvorhergesehenes

geschieht. Das Besondere

an Let’s Plays: Es wird live

gespielt. Das bedeutet hier: Der

Spieler hat das Game vorher noch

nie gezockt und erlebt gemeinsam

mit dem Zuschauer sämtliche Situationen

zum ersten Mal.

Was als kleiner Spass für ein paar

Dutzend Zuschauer begann, ist in

den vergangenen Jahren zu einem

Millionen-Trend insbesondere bei

Teenagern geworden. 50 Prozent

aller Let’s-Play-Zuschauer sind zwischen

13 und 17 Jahre alt. Mit rund

30 Prozent machen junge Erwachsene

zwischen 18 und 25 Jahren die

zweitgrösste Gruppe aus. Das Pu blikum

ist also jung. Und noch etwas

fällt auf: Je nach Schätzungen und

Umfragen sind 70 bis 80 Prozent der

Zuschauer männlich.

Let’s play als Entscheidungshilfe

Eltern zeigen sich besorgt über den

Trend. Die meisten stehen Games an

sich schon skeptisch gegenüber. Nun

fragen sie sich: Ist es sinnvoll, dass

mein Kind passiv Videos über Computerspiele

konsumiert, anstatt

wenigstens selbst aktiv zu sein und

kreative Lösungsstrategien in einem

Game zu finden? «In den seltensten

Fällen werden Let’s Plays nur angeschaut,

ohne dass man selbst gamt»,

relativiert Isabel Willemse, Medienpsychologin

an der Zürcher Hoch­

82 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Rubrik

Die Hälfte der Zuschauer

sind unter 18, ein Drittel

ist zwischen 18 und 26.

Die meisten sind männlich.

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Bild: iStockphoto

schule für Angewandte Wissenschaften

(ZHAW). Weiter führt sie aus:

«Meist dienen sie als Entscheidungshilfe,

ob man sich das Game besorgen

soll, oder man lernt hier Tricks

und Kniffe kennen.» Die Aussage

deckt sich mit Umfragen unter

jugendlichen Let’s-Play-Zuschauern.

Andere Gründe für den Konsum der

Videospiele können fehlende Zeit

oder auch zu wenig Taschengeld für

das neueste Game sein.

Die Zuschauer ziehen aus dem

passiven Zuschauen genauso viel

Freude wie aus der aktiven Handlung.

Interpassivität (also delegiertes

Geniessen) ist bei Erwachsenen

ebenfalls sehr gut bekannt. Zum

Beispiel schauen ja viele ein Fussballspiel

im Fernsehen an, >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 2017

Neues Profil:

Naturwissenschaften

+

(Magna)

Kurzgymnasium

Musisches Profil

Profil Philosophie/Pädagogik/Psychologie

Profil Naturwissenschaften + (Magna)

Schnuppermorgen Di 28. Nov. 2017, 7.50-12.30 Uhr

Infoabende Mo 6. und Do 30. Nov. 2017, 19.15 Uhr und

Di 9. Januar 2018, 18.15 Uhr

Gymnasium Unterstrass beim Schaffhauserplatz in Zürich

www.unterstrass.edu


Digital & Medial

Tipps für Eltern

>>> anstatt selbst über den grünen

Rasen zu rennen.

Problematisch wird es allerdings,

wenn die Kids sich Videos über

Games ansehen, die nicht ihrem

Alter entsprechen. «Es ist unmöglich,

die etwa 400 Stunden Videomaterial,

die jede Minute auf Youtube

hochgeladen werden, auf Altersfreigaben

zu überprüfen. Daher ist der

Jugendschutz von Anbieterseite

(Youtube) nicht gewährleistet. Umso

mehr sind die Eltern gefordert»,

erläutert Isabel Willemse. Doch

Problematisch wird es,

wenn sich Kids Videos über

Games ansehen, die nicht

ihrem Alter entsprechen.

• Die Altersbeschränkung für Youtube liegt bei 13 Jahren. Eine

kindgerechte Alternative ist die App YouTube Kids.

• Auf der Youtube-Website in den Einstellungen

«Eingeschränkter Modus» aktivieren. Dieser sperrt für Kinder

unangemessene Inhalte. Achtung: Der Filter bietet keine

hundertprozentige Sicherheit.

• Kinder möglichst nicht mit Youtube allein lassen, da immer

sofort das nächste Video abgespielt wird und sie auf diese

Weise rasch bei nicht kindgerechten Inhalten landen.

• Mit den Kindern und Jugendlichen besprechen, was sie auf

Youtube schauen.

• Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz vermitteln,

damit sie mit den gesehenen Inhalten richtig umgehen

können. Die Aussagen und Moralvorstellungen ihrer

Lieblings-Let’s-Player kritisch beleuchten.

• Gemeinsam über die Einnahmequellen des Lieblings-Let’s-

Players diskutieren und die Objektivität der Let’s Player

hinterfragen. Gute Alternativen für Spielebesprechungen

sind klassische Videospiel-Magazine.

• Kids, die selbst Let’s Plays erstellen möchten, über

Urheberrechte (Games und Musik) aufklären.

nicht nur die Games, sondern auch

der Einfluss der Let’s Player – also

der Spieler selbst – können problematisch

sein. So fiel etwa PewDie-

Pie, der weltweit mit 57 Millionen

Abonnenten auf Youtube beliebteste

Let’s Player, in jüngster Zeit mit rassistischen

Kommentaren auf.

Immer gut drauf und leicht

überdreht – aber unabhängig?

Ein nicht zu unterschätzender

Grund für den Erfolg eines Let’s

Plays ist die Persönlichkeit des Let’s

Players. «Die Videos müssen witzig

sein», findet Daniel. Tatsächlich

ähneln sich die erfolgreichsten Let’s

Player in ihrer Moderationsweise. Sie

sind immer gut drauf, leicht überdreht,

reden viel und machen lustige

Kommentare und Grimassen.

Bei den Jugendlichen kommt das

sehr gut an. Um die erfolgreichsten

Let’s Player hat sich deshalb ein

regelrechter Starkult entwickelt.

Umfragen zeigen, dass rund 75 Prozent

der Follower davon überzeugt

sind, dass Let’s Player ihre eigene,

unabhängige Meinung äussern.

Das ist bei unbekannten Let’s

Playern wohl meistens der Fall. Bei

den beliebtesten Let’s Playern, die

mit den Videos ihr Geld verdienen,

darf man jedoch skeptisch sein.

Denn längst haben Game-Hersteller

die Kanäle der meistgesehenen Youtuber

als hervorragende Werbemöglichkeit

erkannt. Es gibt kostenlose

Spiele und Hardware, Product

Placement, PR-Aktionen und Werbeverträge.

Wie unabhängig werden

Die beliebtesten Let’s Player

• In der Schweiz: Diablox9 mit

1,7 Millionen Abonnenten

(viele davon aus Frankreich)

• Im deutschsprachigen Raum: Gronkh

mit 4,6 Millionen Abonnenten

• Weltweit: PewDiePie mit 57 Millionen

Abonnenten

84 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


diese Let’s Player wohl noch sein?

Let’s Player sind Vorbilder, viele

Jugendliche eifern ihnen nach.

Neben dem passiven Schauen möchten

viele Kids selbst eigene Let’s

Plays erstellen. Auf diese Weise teilen

sie ihre Erlebnisse mit Gleichgesinnten,

agieren als Experten zu

ihrem Lieblingsspiel und sind Teil

einer Community, von der es im

Idealfall viele «Likes» als Bestätigung

gibt.

Aber wie sieht das rechtlich aus?

Zurzeit dulden die meisten Spielehersteller

die Nutzung ihrer Games

für Let’s Plays, da sie den Nutzen des

Werbeeffekts als hoch einstufen.

Aber die Games und die bewegten

Bilder bleiben ihr Eigentum. Let’s

Player befinden sich in einer rechtlichen

Grauzone, wenn sie Spielmaterial

aufnehmen oder gar verändern.

Besondere Vorsicht bezüglich

des Urheberrechts ist bei Musik

geboten. Einige Youtuber sahen sich

schon mit Abmahnungskosten konfrontiert,

weil sie für ihre selbst er -

stellten Videos Songs ihrer Mu -

sikstars genutzt hatten. Im Zweifel

gilt immer: Lieber einmal zu oft bei

Herstellern nachfragen.

>>>

Stephan Petersen

ist studierter Historiker und freier Journalist.

Zu seinen Themen gehören unter anderem

Videospiele und Familie. Er ist Vater zweier

Kinder im Alter von sieben und elf Jahren.

Gamehersteller stellen den

Let’s Playern kostenlos

Hardware und Spiele zu

Verfügung. Da stellt sich die

Frage der Unabhängigkeit.

Wie sieht so

ein Let’s play

aus? Starten Sie die

aktuelle Fritz+Fränzi-App

und folgen Sie unserem

Link zu einem Video

von Gronkh.

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Teilnahmeschluss: 30. November 2017

Teilnahme per SMS: Stichwort FF PITZTAL an 959 senden (30 Rp./SMS)


Digital & Medial

Gesundheitsbewusst?

App-solut!

Gesundheits-Apps sind die neuen

Medizinratgeber, Ernährungsberater und

Bewegungstrainer – für Erwachsene. Sind

sie auch für Kinder und Jugendliche

geeignet? Text: Michael In Albon

Bild: dolgachov

Zehntausende Gesundheits-Apps

tummeln

sich in den Stores von

Android und Apple.

Verführerisch. Doch

Apps können nur unterstützen und

keine eine eindeutige Diagnose liefern.

Ich habe einige nützliche Apps

für Eltern, Kinder und Teenager

herausgesucht und nenne Ihnen am

Schluss des Beitrags drei Prüfmerkmale

für Apps.

Zweiteiler für junge Familien

Die App «Baby & Essen» bietet Eltern

einen Essensfahrplan und nennt

die Entwicklungsschritte im ersten

Le bensjahr mit Tipps für den Alltag.

Stillende Mütter erhalten Ernährungstipps

und Informationen zur

Allergievorbeugung. Die Fortsetzung

«Kind & Essen» unterstützt mit

Ratschlägen zu gesunder Ernährung

und gesundem Aufwachsen von eins

bis drei. Den App-Zweiteiler gibt es

kostenlos für iOS und Android.

Medizinratgeber

Die App «Homöopathie für Kinder»

ist ein Nachschlagewerk. Die

Schnelldiagnose hilft, eine passende

homöopathische Auswahl zu treffen.

Dafür berücksichtigt die Medizin-

App typische Kinderbeschwerden

wie Schnupfen, Husten oder Fieber.

Sie bietet zudem Erste-Hilfe-Informationen

bei ansteckenden Kinderkrankheiten

und Verletzungen sowie

ein Globuli-Glossar. Die App gibt es

für iOS als Lite-Version gratis, die

Vollversion für vier Franken.

Lern-App Anatomie

Die preisgekrönte App «Der menschliche

Körper» ermöglicht mit einfach

gehaltenen, animierten Bildern anatomische

Einblicke in sechs Themengebiete:

Skelett, Muskeln, Nerven,

Kreislauf, Atmung und Verdauung.

Textfelder mit entsprechenden In -

forma tionen kann man sich einblenden

lassen. Ausserdem gibt es interaktive

Module zu Herz, Gehirn und

Auge. Die App ist für iOS erhältlich,

als Lite-Version kostenlos, als Vollversion

für vier Franken.

Bewegung und Ernährung

Die App «Gorilla Schweiz» gibt

Jugendlichen Tipps für mehr Bewegung,

ausgewogene Ernährung und

nachhaltigen Konsum. Freestyle-

Profis zeigen in kurzen Filmen Basics

und Tricks in den Sportarten Slalomboarden,

Streetskaten, Breakdance,

Bike, Frisbee, Freeski und Footbag.

Und Kochvideos unterstützen Teenager

beim Zubereiten von leckeren

Gerichten. Die App gibt es kostenlos

für iOS und Android.

Navigation im App-Wald

Beim Entscheid, ob eine App etwas

taugt, hilft Medienkompetenz. Und

da sind einmal mehr die Eltern als

Vorbilder und Wegbereiter gefragt.

Längst nicht alle Gesundheits-Apps

wurden von Fachleuten erstellt. Deshalb

empfehle ich, vor dem Download

ein wenig nachzuforschen. Und

zwar so: In den App-Stores von An -

droid oder Apple finden Sie und Ihre

Teenager kurze Angaben zur App

und einen Link auf die Website des

Anbieters. Prüfen Sie hier folgende

drei Merkmale.

1. Klicken Sie ins Impressum: Wer

steckt hinter der App?

2. Suchen Sie die Quellenangaben:

Von welcher Organisation oder

aus welchem Kreis von Fachleuten

stammen die Informationen und

Empfehlungen?

3. Datenschutz: Welche persönlichen

Daten von Ihnen werden

gespeichert?

Michael In Albon

ist Beauftragter Jugendmedienschutz

und Experte Medienkompetenz von

Swisscom.

Auf Medienstark finden Sie Tipps und interaktive

Lernmodule für den kompetenten Umgang mit

digitalen Medien im Familienalltag.

swisscom.ch/medienstark

86 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Unsere

Kinderschürzen sind

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Service

Vielen Dank

an die Partner und Sponsoren der Stiftung Elternsein:

Finanzpartner Hauptsponsoren Heftsponsor

Dr. iur. Ellen Ringier

Walter Haefner Stiftung

Credit Suisse AG

Rozalia Stiftung

UBS AG

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Impressum

17. Jahrgang. Erscheint 10-mal jährlich

Herausgeber

Stiftung Elternsein,

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www.elternsein.ch

Präsidentin des Stiftungsrates:

Dr. Ellen Ringier, ellen@ringier.ch,

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(Stiftung Elternsein)

Geschäftsführer: Thomas Schlickenrieder,

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Redaktion

Nik Niethammer (Chefredaktor),

Evelin Hartmann (stv. Chefredaktorin),

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Florian Blumer, Claudia Landolt,

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Bildredaktion

13 Photo AG, Zürich

Korrektorat

Brunner Medien AG, Kriens

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(WEMF/SW-beglaubigt 2017)

total verbreitet 102 108

davon verkauft 24 846

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Tel. 0800 814 813, Fax 058 344 92 54

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Für Spenden

Stiftung Elternsein, 8008 Zürich

Postkonto 87-447004-3

IBAN: CH40 0900 0000 8744 7004 3

Inhaltspartner

Institut für Familienforschung und -beratung

der Universität Freiburg / Dachverband Lehrerinnen

und Lehrer Schweiz / Verband Schulleiterinnen und

Schulleiter Schweiz / Jacobs Foundation /

Elternnotruf / Pro Juventute / Interkantonale

Hochschule für Heilpädagogik Zürich /

Schweizerisches Institut für Kinder- und

Jugendmedien

Stiftungspartner

Pro Familia Schweiz / Pädagogische Hochschule

Zürich / Elternbildung CH / Marie-Meierhofer-

Institut für das Kind / Schule und Elternhaus

Schweiz / Schweizerischer Verband

alleinerziehender Mütter und Väter SVAMV /

Kinderlobby Schweiz / kibesuisse Verband

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Buchtipps

Der beste Papa

der Welt kann

sogar auf

Giraffen reiten.

Britta Nonnast:

Michi und Papa

– 10 wunderwarme

Mutmach-

Abenteuer

Der fünfjährige

Michi und sein

Papa erleben in diesen warmherzigen

Vorlesegeschichten die ganz

normalen Abenteuer des Alltags.

Und wenn Michi nachts böse Träume

quälen, weiss sein aufmerksamer

Papa immer einen Rat.

Gulliver 2017, Fr. 14.90,

ab 5 Jahren

Als Rollenvorbilder haben (vor)lesende

Väter in der Lesesozialisation ihrer Söhne

eine wichtige Funktion. Zum Vorlesen

eignen sich alle Bücher, die beiden

gefallen – trotzdem präsentieren wir Ihnen

hier Geschichten über spezielle, verrückte

und besonders enge Vater-Sohn-Teams.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Christian

Tielmann: Der

Tag, an dem wir

Papa umprogrammierten

Statt des sicherheitsfanatischen

Vaters kümmert

sich plötzlich ein Roboter um Carlo

und seine Schwester – und den kann

man so umprogrammieren, dass er

alles erlaubt! Ein Lesespass mit

vielen Slapstick-Momenten.

dtv junior 2017, Fr. 16.90,

ab 7 Jahren

Bilder:ZVG

In der Scheune wohnt ein

Rudel Tiger, auf dem Müllhaufen

eine Giraffe, die gerne

Betten frisst, und im Wald der

Urahne, dem Masarin, Loranga

und Dartanjang zu Weihnachten

ein paar Körnchen hinstreuen. Im

Schwimmbecken schwimmen

Hechte, und ab und zu schaut Gustav,

der Gefängnisinsasse, auf eine

Tasse Kaffee vorbei.

Und es geht noch verrückter:

Denn der Junge Masarin ist der vernünftigste

Bewohner des kleinen

Idylls in Schweden. Sein Papa

Loranga trägt gerne einen Teewärmer

auf dem Kopf, hört laut Popmusik

und ändert die Spielregeln stets

zu seinen Gunsten. Grossvater Dartanjang

hält sich mal für einen

India nerhäuptling, mal für einen

Hund und trägt den lieben langen

Tag Zahlen in erdachte Tabellen ein.

Gegessen wird Schokoladenpudding

mit Rahm, und arbeiten muss hier

niemand («Und wer soll bitte schön

Popmusik hören, wenn ich nicht zu

Hause bin? Ich frag ja nur.»).

Herrlich verdreht sind die Loranga-Geschichten

von Barbro Lindgren.

Dass sie in den Siebzigerjahren

entstanden sind, erkennt man an der

fröhlichen Lust, mit der Autoritäten

ignoriert und Machtverhältnisse

umgekehrt werden.

Jetzt sind die zwei Bände in

einem Buch neu übersetzt auf

Deutsch erschienen. Ein Vorlesespass

für wilde Väter und brave Söhne

– oder umgekehrt.

Barbro Lindgren:

Loranga: Der

beste Papa der

Welt.

Woow Books

2017,

Fr. 21.90,

ab 7 Jahren

Gudrun Skretting:

Mein Vater, das

Kondom und

andere nicht ganz

dichte Sachen

Anton ist überzeugt:

Sein Vater braucht

eine neue Frau. Da kommt es nicht

nur im Strickkurs zu Verwicklungen,

und eine urkomische Szene reiht sich

in diesem kurzweiligen Jugendroman

an die nächste.

Carlsen 2016, Fr. 21.90,

ab 12 Jahren

Verfasst von Elisabeth Eggenberger,

Mitarbeiterin des Schweizerischen

Instituts für Kinder- und

Jugendmedien SIKJM.

Auf www.sikjm.ch/rezensionen sind

weitere B uch empfehlungen zu finden.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

November 201789


Eine Frage – drei Meinungen

Unsere Söhne sind im Fussballverein. Der Elfjährige seit ein paar Jahren,

der Neunjährige seit einigen Monaten – mit grossem Erfolg. Der Kleine scheint

ein Naturtalent zu sein und wird vom Trainer ständig gelobt. Das setzt dem

Älteren zu. Wir wollen uns natürlich mit unserem jüngeren Sohn freuen –

ohne den älteren zu verletzen. Wie machen wir das am besten?

Klaus, 39, Olten SO

Nicole Althaus

Es ist wohl eine der härtesten

Lektionen, die der Mensch im

Leben zu lernen hat: Es gibt

immer jemanden, der etwas

besser kann als man selbst.

Und nicht jeder ist in jedem

Fach begabt. Aber jeder hat

irgendwo Stärken. Freuen Sie

sich mit dem Jüngeren über

seinen Erfolg. Und loben Sie den Grossen in einem

Feld, in dem er den Kleinen übertrumpft. Es findet sich

ganz bestimmt eines.

Tonia von Gunten

Freuen Sie sich mit dem

Jüngeren, doch stärken Sie

das Selbstwertgefühl des

Älteren und sagen Sie: «Wie

ist das für dich, wenn dein

Bruder vom Trainer so gelobt

wird und du nicht? Ist sicher

enttäuschend für dich, du

spielst ja schon viel länger

Fussball.» Trösten Sie ihn nicht damit, indem Sie seine

andern Fähigkeiten aufzählen: «Dafür bist du gut in

Mathe!», sondern finden Sie zusammen heraus, ob er

sich noch fürs Fussballspielen begeistert oder nicht. Es

ist schön, wenn Kinder sich in der Freizeit mit Dingen

beschäftigen dürfen, die ihnen Spass machen.

Peter Schneider

Die Erfahrung, dass der

Jüngste besser tschuttet,

werden Sie dem Älteren nicht

ersparen können. Das merkt

er schliesslich auch selber.

Freuen Sie sich mit dem

Jüngeren und freuen Sie sich

– bei anderer Gelegenheit –

auch mit dem Älteren, und

haben Sie Verständnis dafür, dass ihm der Erfolg des

Bruders Bauchschmerzen bereitet; aber machen Sie

keine Aktionen der Ausgewogenheit daraus. Denn das

wäre für den Älteren eine Herablassung.

Nicole Althaus, 48, ist Kolumnistin, Autorin

und Mitglied der Chefredaktion der «NZZ am

Sonntag». Zuvor war sie Chefredaktorin von «wir

eltern» und hat den Mamablog auf «Tagesanzeiger.

ch» initiiert und geleitet. Nicole Althaus ist Mutter

von zwei Kindern, 16 und 12.

Tonia von Gunten, 44, ist Elterncoach, Pädagogin

und Buchautorin. Sie leitet elternpower.ch, ein

Programm, das frische Energie in die Familien

bringen und Eltern in ihrer Beziehungskompetenz

stärken möchte. Tonia von Gunten ist verheiratet

und Mutter von zwei Kindern, 11 und 8.

Peter Schneider, 59, ist praktizierender

Psychoanalytiker, Autor und SRF-Satiriker («Die

andere Presseschau»). Er lehrt als Privatdozent

für klinische Psychologie an der Uni Zürich und

ist Professor für Entwicklungspsychologie an

der Uni Bremen. Peter Schneider ist Vater eines

erwachsenen Sohnes.

Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an:

redaktion@fritzundfraenzi.ch

Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo, Pino Stranieri, HO

90 November 2017 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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