A publication in the framework of the exhibition "Zeich(n)en vom Wandel - Vom revolutionären zum post-postsowjetischen Raum"

archivelomasko

The solo exhibition by Victoria LOMASKO takes place at the University library of the Ruhr-Universität Bochum, Germany from November 8th through December 30th. Curator of the show Timur H KISELEV.

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Inhaltsverzeichnis

Grußwort von Mirja Lecke, Seminar für Slavistik, RUB 2

Ausstellung „Zeich(n)en vom Wandel“ 4

Zeich(n)en vom Wandel im Werk von Victoria Lomasko /

Eine Einführung von Timur Kiselev 5

„Chronik des Widerstands“ /

Ein Überblick von Victoria Lomasko 12

Die russische Gesellschaft und ihre Nachbarn 100 Jahre nach der

Revolution. Von der Weltrevolution des Proletariats zur lokalen

Selbstverteidigung / Ein Beitrag von Alexander Bikbov 24

Der post-postsowjetische Raum

(Bischkek – Osch – Jerewan –

Tiflis – Dagestan – Inguschetien) /

Ein Überblick von Victoria Lomasko 26

Von der „freundschaftlichen“ Kolonisation –

zum Traum vom glücklichen Leben /

Ein Beitrag von Alexander Bikbov 38

Bildungsprogramm / Lektüre 41

Biografien 44

Dank 47

Projektteam 47

Information und Kontakt 48

Abbildungsnachweis49


Grußwort zur Ausstellung

Zeich(n)en vom Wandel

Mirja Lecke

Professorin für slavistische

Literaturwissenschaft und stellvertretende

geschäftsführende Direktorin des Seminars für Slavistik, RUB

In diesem Herbst jährt sich die russische Oktoberrevolution zum einhundertsten Mal.

Wir wollen als universitäre Institution an dieses Ereignis erinnern, seine Umstände

und Kontexte, auch seine Folgen in Forschung und Lehre interdisziplinär beleuchten.

Wichtig ist uns dabei, dass wir dem von Jahrzehnte langer Sowjetpropaganda

gebahnten heroischen Sprechen, Schreiben und Malen über die Oktoberrevolution

nicht einfach folgen. Vielmehr verstehen wir die sowjetische Revolutionsästhetik als

bewusst gestaltete und kulturell vermittelte Konvention, deren Gemachtsein und

Instrumentalisierung wir bei unserer Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution

immer mit reflektieren.

Deswegen schätzen wir uns glücklich, dass wir im Rahmen unserer Veranstaltungen

zum Jahrestag mit Victoria Lomasko eine Künstlerin aus dem heutigen Russland für

eine Ausstellung ihrer Werke in der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität gewinnen

konnten. Victoria Lomasko ist eine international renommierte Vertreterin der

„sozialen Grafik“, einer russischen Kunstbewegung, die sich in gezeichneten, meist

von Text begleiteten Bildern und Reportagen mit brennenden gesellschaftlichen Themen

auseinandersetzt. Victoria Lomaskos in Bochum gezeigte Werke sind vorwiegend

zwei Themenkreisen gewidmet, die beide auch für unsere wissenschaftliche

Arbeit sehr zentral sind. Zum einen geht es um Protestbewegungen in Russlands

öffentlichen Räumen, ihre Geschichte, ihre Ästhetik, ihre soziale Einbettung, ihre juristischen

Folgen. Dabei ist Moskau als Ort vielfältiger lokaler wie nationaler Protestbewegungen

von herausragender Bedeutung. Den zweiten Themenkreis könnte man

„Das sowjetische Erbe in den ehemaligen Sowjetrepubliken“ nennen.

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Lomasko beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Transformation auf Frauen,

Familien und Institutionen, aber auch mit der Situation der ArbeitsmigrantInnen aus

Zentralasien in Russland.

Aus der Begleitung von Gerichtsprozessen geboren, in denen Fotografie und Videoaufnahmen

verboten sind, entwickelte sich die soziale Grafik zu einer spezifischen

künstlerischen Ausdrucksform. Einerseits setzt sie den Berichten in Mainstreammedien

wie Zeitung und Fernsehen ein handgemachtes, subjektives, situationsgebundenes

Bild mit Text entgegen. Verbreitet werden diese Werke dann – darin sind

sie Werke des 21. Jahrhunderts – vorwiegend über das Internet und Social Media.

Andererseits versteht sich Lomaskos soziale Grafik als politisch engagierte Kunst,

die Marginalisierte in ihrem Kampf für ihre Rechte empathisch begleitet und das

zeigt, was im offiziellen Selbstbild der Gesellschaft nicht vorkommt. Darin wiederum

ist Lomaskos Werk eng mit der großen russischen sozial emanzipatorischen Tradition

der Kunst verbunden.

Wir sind der Universitätsbibliothek, insbesondere deren Leiterin Erdmute Lapp, sowie

unseren beteiligten Partnern aus dem Osteuropa-Kolleg NRW, vor allem aber Victoria

Lomasko dankbar, dass sie uns, den Bochumer Studierenden und der interessierten

Öffentlichkeit, über ihr Werk einen Blick in die russische Gegenwart und durch sie in

die Vergangenheit ermöglichen.

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Bochum, Oktober 2017


Ausstellung

Zeich(n)en des Wandels -

vom revolutionären zum

post-postsowjetischen Raum“

8. November - 30. Dezember 2017

Universitätsbibliothek Bochum (alle Ebenen)

Gibt es heute in Russland Möglichkeiten eines revolutionären Protests?

Kann man heute überhaupt über einen postsowjetischen Raum als ein Ganzes sprechen?

Und wenn ja, was hält ihn zusammen?

Victoria Lomasko ist mit ihren Arbeiten zu sozialen Themen bekannt geworden.

Ihre fakten- und ereignisreichen Zeichnungen porträtieren die russische Gesellschaft

mit ihren Spannungen und Konflikten. Skizzen zu Zeichnungen aber auch Zeichnungen

selbst entstehen direkt am Ort des Geschehens und spiegeln die Dynamik

der Ereignisse wider. Sie sind nicht nur Abbildungen der Ereignisse, sondern selbst

Artefakte der Proteste.

Die Ausstellung verwandelt die einzelnen Etagen der Universitätsbibliothek in eine

sichtbare Chronologie und Geographie des postsowjetischen Lebens. Den ersten Teil

der Ausstellung bildet eine Chronik der Moskauer Protestbewegungen der letzten

fünf Jahre. Der zweite Teil der Ausstellung ist eine Erkundung des postsowjetischen

Raumes – ein Projekt, das Victoria Lomasko seit 2014 verfolgt. Das präsentierte

Material zeigt, wie unterschiedlich und uneinheitlich die kommunistischen Ideen in

der Sowjetzeit aufgenommen wurden. Zugleich macht es deutlich, wie widersprüchlich

und kontrovers sich das Verhältnis zum sowjetischen Erbe in diesen Regionen

gestaltet.

Öffnungszeiten

Mo. bis Fr. 8 - 24 Uhr

Sa. 11 - 20 Uhr, So. 11 - 18 Uhr

Eintritt frei

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Zeich(n)en vom Wandel im Werk

von Victoria Lomasko. Eine Einführung

Timur Kiselev

Kurator der Ausstellung

Kurz nachdem die breite englischsprachige Community das Werk von Victoria

Lomasko in ihrer neueren Publikation „Other Russias“, veröffentlicht in New York

und London (Abb. S. 6), umfassend kennenlernen konnte, ist nun, zum ersten Mal

auch in Deutschland eine Retrospektive von Lomaskos Arbeiten zu sehen.

Diese zeigt eine Auswahl ihrer grafischen Reportagen seit 2011.

Victoria Lomasko ist vor allem mit ihren Reportagen zu sozialen Themen in Russland

bekannt geworden. Als Vertreterin des Genres sozialer Grafik trat sie in die deutsche

Öffentlichkeit erstmals 2013 durch ihr Buch „Verbotene Kunst“ – eine der ersten und

bekanntesten Graphic Novels in Russland. Es folgten mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen,

Auftritte bei internationalen Kulturveranstaltungen, Konferenzen und

Literaturfestivals. Ebenfalls nahm Lomasko an mehreren Forschungsprojekten zur

grafischen Reportage teil. Seit 2016 veröffentlichte der Fernsehkanal ARTE zwei

Beiträge mit und von Victoria Lomasko.

Massendemonstrationen, Gerichtsprozesse, lokale Protestaktionen, Probleme marginalisierter

Bevölkerungsgruppen wie der LGBT-Community oder von Minderjährigen

in Strafanstalten, denen sie in den Straflagern ehrenamtlich Zeichenunterricht gab

(Abb. S. 9), der Alltag im öffentlichen Bewusstsein ignorierter Provinzbewohner*innen,

das Leben von Aktivist*innen und Gastarbeiter*innen aus Mittelasien – das

sind die Hauptthemen in Lomaskos Arbeiten. Üblicherweise werden ihre grafischen

Reportagen auf den Webseiten linker politischer Nachrichtenagenturen als alternatives

Angebot zur traditionellen Berichtserstattung präsentiert. Dieses Mal wollten

wir ihre Arbeiten losgelöst vom konkreten Reportagenkontext in eine alternative

Erzählform bringen, um eine andere Sichtweise auf das Werk Lomaskos anzubieten.

Dabei wollen wir einerseits ihr künstlerisches Werk im größeren historischen Kontext

in Bezug auf das Jubiläum der Oktoberrevolution – einordnen, und andererseits

das kritische Potential von Lomaskos Zeichnungen, die in monumentalen Formaten

zur Schau gestellt werden, ausloten. Das kompakte Format eines DIN-A4-Zeichen-

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locks, mit dem Lomasko üblicherweise im

‘Victoria Lomasko’s gritty,

Feld arbeitet, lässt sich aufgrund der plakativen

Ästhetik

street-level view of the great

Russian people masterfully

intertwines

ihrer Zeichnungen,

quiet desperation

die von der

with open defiance. Her

realistischen drawings und have satirischen an on-thespot

immediacy that I envy.

Tradition der

sowjetischen Plakatkunst inspiriert sind, She is one of the brave ones’

gut

Cover design: Richard Green

Cover illustration: Royal

Collection Trust © Her

Joe Sacco, author of Palestine

Majesty Queen Elizabeth II,

2016 / Bridgeman Images.

skalieren.

Author photograph © FACE

What does it feel like to live in Russia today?

photography.

Um die einzigartige For the past eight Architektur years, graphic artist and der activist Bochumer

Victoria Lomasko has been travelling around the

country, and talking to people as she draws their

Universitätsbibliothek mit in die Ausstellung

stories. She spent time in dying villages where

teachers outnumber students, stayed with sex

einzubinden, betrachteten wir das Treppenhaus,

das mitten im Raum emporragt, nicht

workers in the city of Nizhny Novgorod, went

to juvenile prisons and attended political rallies.

The result is an extraordinary mosaic of Russia in

nur als Zugang the Putin zu years den – a people Galerien who have been left auf behind den Etagen.

Wir sehen show us es a side vielmehr of Russia that is hardly als ever Schaupunkt,

seen.

but are determined to fight. Lomasko’s portraits

von dem sich sowohl die Themenblöcke aus

ISBN 978-1-846-14951-1

90000

dem postsowjetischen Raum auf der einen

CAN. $00.00

PENGUIN

9 781846 149511

U.K. $00.00

Reportage

Graphic Art

Wand, als auch die Chronologie der Proteste

in Moskau auf der anderen Wand dem Blick

öffnen und inhaltlich und künstlerisch vergleichen

lassen. Diese zwei Erzähllinien – eine Fallstudie des russischen Protestes der

letzten Jahre auf der rechten Wand und ein Atlas der komplexen Verflechtungen und

Spannungen im post-sowjetischen Lebens auf der anderen, sollen einen neuen Blick

auf das postsowjetische Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion bieten.

OTHER RUSSIAS VICTORIA LOMASKO

VICTORIA

LOMASKO

OTHER

RUSSIAS

Die Ausstellung gliedert sich räumlich und thematisch in zwei Teile. Eine Auswahl

der interessantesten Arbeiten aus den vielen Serien Lomaskos ist jeweils auf zwei

Wänden in fünf Stockwerken zu sehen. Eine der beiden Wände bietet Platz einer

chronologischen Darstellung von einigen wichtigen Protestaktionen in Moskau seit

2011. Die Betrachter*innen können hier beim Aufstieg im Treppenhaus sehen,

wie sich die Proteststimmung in der Hauptstadt entwickelte – von den Massenprotesten

2011/12 mit einer klaren politischen Agenda („Für gerechte Wahlen!“) bis

zu den eher lokal geprägten Protestaktionen der jüngeren Zeit, die sich vor allem

auf pragmatische Forderungen konzentrieren („Gebt dem Park die Eichen zurück!“,

„Sanierung heißt Deportation!“). Den Fall des über ein halbes Jahr andauernden

Chimki-Truckercamps bei Moskau, der auf der 4. Etage präsentiert wird, konnte die

Künstlerin aus der Perspektive einer Insiderin beleuchten: „Die Journalisten besichtigten

das Camp nur, wenn es etwas Relevantes für die Nachrichten gab, und waren

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schnell fertig damit. Ich dagegen konnte jederzeit dabei sein, dort Zeit verbringen,

das Leben beobachten und kleinere Veränderungen festhalten.“ Die oberste Etage

ist den aktuellsten Protesten gegen das umfassende Sanierungsprogramm in Moskau

gewidmet.

Die andere Wand ist einem postsowjetischen Projekt von Victoria Lomasko gewidmet,

das sie seit 2014 durchführt. Im Rahmen dessen besichtigte die Künstlerin

bereits Armenien, Georgien, Kirgisistan und die russischen Republiken Dagestan

und Inguschetien. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung

der von ihr besuchten Regionen in Bezug auf die aktuelle Nachbarschaftspolitik, die

Folgen des Zerfalls der UdSSR und die dort verhandelten Zukunftsentwürfe festzuhalten,

entschlossen wir uns, diese Wand thematisch zu strukturieren. Die ausgewählten

Zeichnungen berichten über die Orte und deren Einwohner*innen, aber

auch über das Zusammenleben mehrerer Nationalitäten in der Großstadt und die

Interaktionen der Künstlerin mit den Held*innen ihrer Reportagen.

Bewusst wurde die Eröffnung der Ausstellung mit den diesjährigen Feierlichkeiten

zum Jubiläum der Oktoberrrevolution in Verbindung gebracht. Damals griffen viele

Künstler*innen auf das zeichnerische Medium zurück, um die Revolutionsereignisse

zu dokumentieren. Heute wie auch damals fehlt es an finanzieller Förderung

für oppositionelle Kunst während der Protestaktionen. Die heute die Wahrnehmung

dieser Ereignisse dominierenden Filme oder monumentale Kunstformen

entstanden im Gegensatz zum günstigeren Verfahren der künstlerischen Zeichnung

nicht sofort. Ivan Vladimirov (Abb. S. 7), Boris Kustodijew, Valentin Serow und andere

begriffen die Februar- wie auch die Oktoberrevolution nicht nur als ausschließlich

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historisches, sondern als kollektives und gleichsam persönliches Ereignis, das sie inspirierte

und dem sie persönlich beiwohnen wollten. So entstanden ihre Skizzen und

Zeichnungen, die sie vor Ort anfertigten, um die Stimmungslage des Volkes möglichst

authentisch abzubilden. Aber auch die technische Seite des Mediums spielte

eine Rolle: die Zeichnung ermöglicht eine schnelle und günstige Vervielfältigung im

Druckverfahren – im Unterschied zu Fotografien, deren technischer Entwicklungsstand

eine solche Verbreitung nicht zuließ. Durch die Auswahl wichtiger Elementen

und das Auslassen unnötiger Details kann in der Zeichnung die gewünschte Botschaft

vermittelt werden. Im aktivistischen Kontext sind Fotografien des Weiteren

bis heute problematisch, was nicht nur an den Kosten, sondern auch an der Gefahr,

durch Fotografien von staatlichen Behörden identifiziert werden zu können, liegt.

Dies macht heutzutage eine fotografische Reportage über sozialpolitische Themen

schwierig, wenn nicht unmöglich, so Victoria Lomasko: “… in Russia it is easier to

do drawings as opposed to photographs because a lot of people are afraid of having

their picture taken. This is one of the reasons why the first part of my book, Other

Russians, is called “Invisible,” because many of the people who are documented in

that part would have refused to be photographed or interviewed.”

Wie auch für die Künstler der Revolution trägt bei Lomasko das Zeichnen während

der Proteste zur eigenen Reflexion über das Geschehen und zur Vertiefung des Wissens

darüber bei: „My work makes me more involved.“ Die persönliche Teilnahme

mit Zeichenblock und Isograph wird in postfaktischen Zeiten immer relevanter. Für

Lomasko ist dabei nicht nur die authentische Repräsentation der Stimmungslage

wichtig, sondern auch die möglichst objektive Erfassung der Realität durch die verbale

Präsenz der Künstlerin, d.h. in der Kommunikation mit den Mitstreitenden – die

immer unbearbeitet wiedergegeben wird, oft In Form von den Interviewten selbst mit

der Hand geschriebener Sprechblasen. Lomaskos Porträts bieten die Möglichkeit

„aus dem Mann von der Straße einen Helden zu machen“, so die häufige Reaktion

der Porträtierten auf die Zeichnungen. Dieses Vertrauen dient als Grundlage der

ethischen Gleichstellung mit den Held*innen ihrer Reportagen, des reziproken Verhältnisses

zwischen den beiden Seiten auf der Ebene des Prozesses und des Ergebnisses:

„I work in the genre of graphic reportage, which combines three elements:

documentary drawings, verbatim quotations of people involved in the events and

my own commentary, which provides a single viewpoint and often differs from the

stances of the people depicted in the reportages.“ Somit bildet Lomasko die positive

Spannung zwischen den einzelnen Personen in ihren Bildern ab: zwischen ihrer

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eigenen künstlerischen Wahrnehmung als politisch engagierte Staatsbürgerin, den

Meinungen der Interviewten und – über das Bild hinaus – den Aussagen der Zuschauer*innen.

Von Beginn an entwickelte Lomasko eine ganz spezifische grafische Praxis, die

sich der visuellen Struktur der sowjetischen Geschichten in ihren Bildern annähert.

Vergleichbare Vertreterinnen sozialer Grafiken gibt es weder in Russland noch im

deutschsprachigen Raum. Blättert man die Zeichnungen durch, so kommen sie ähnlich

wie in einem Diafilm sowjetischer Art vor – als Teil einer interessanten Geschichte,

die eine andere Welt eröffnen kann. Im Vergleich zur bekannten Comicautorin Ulli

Lust fehlt bei Lomasko beispielsweise die Kadrage von Comicpanels, die Dynamik

entsteht nicht auf der Ebene des einzelnen Frames, sondern der der Reportage.

Anders als bei den meisten Comicautor*innen ist bei Lomasko eine Zeichnung nicht

nur ein Bild an sich, sondern auch ein vor Ort produziertes Artefakt eines Ereignisses.

Vielleicht ist es die Aura der eigenen Präsenz, der Fülle menschlicher Stimmungen,

die Lomaskos Bildern ihre starke Sinnbildlichkeit und Authentizität verleihen.

Lomaskos Zeichnungen sind von ihrer Natur her implizit dialogisch aufgebaut. Wir

sehen und fühlen, dass die Künstlerin tatsächlich im Bild ist – nicht nur als engagierte

Beobachterin, sondern auch als Teilnehmerin des Geschehens. „Being inside the

picture is a matter of honor for me“, sagt Victoria in Bezug auf die Künstler*innen,

die in ihrer Praxis Fotografien abzeichnen anstatt von Arbeit im Feld. Tatsächlich

findet in ihren Bildern eine aufrichtige Reflexion darüber statt, wie sie sich – als

Künstlerin, Aktivistin, oder Frau – ihren Held*innen gegenüberstellt. Sie sprechen sie

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an, antworten ihr, kommentieren das Geschehen, lassen sich beobachten und hören,

als ob sie selbst ihr Gegenüber wären. Als Betrachter*in bzw. Leser*in fühlt man

sich zutiefst angesprochen, mitten im Geschehen, auf der gleichen Augenhöhe mit

den Akteur*innen, unabhängig von dem Maßstab der Bilder – sowohl im psychologischen

Porträt als auch im Gruppenporträt.

So wie auch die Grafik während und nach der Revolution zur Demokratisierung und

Popularisierung der Künste beitrug, so versucht Lomasko in ihrem Werk zugänglich

und verständlich zu sein. Sie begibt sich auf die Suche nach Wegen, mit denen die

zeitgenössische Kunst über gesellschaftsrelevante Themen nicht nur Insider,

sondern auch breite Bevölkerungsschichten ansprechen kann. „I try to familiarise

myself with the feelings of people to represent them as real as possible, as true

individuals. … I´m working on a portrait of marginalised Russia. The achievement

should be a close-up assembling my work about different communities in a

panorama, which doesn´t appear as such in the media.“ Der Orientalismus und

Binnenkolonialismus seitens Russland in der Sowjetunion ist im heutigen Russland

kaum Thema fachlicher oder öffentlicher Debatten, im Unterschied zum westlichen

postkolonialen Diskurs seit den 1980er Jahren. Lomaskos Werk stellt wichtige

Fragen, die sich sonst kaum jemand zu thematisieren wagt: Ist es legitim, über den

postsowjetischen Raum“ als Ganzes zu sprechen oder ist das ein ideologisches Konstrukt?

Welche Gemeinsamkeiten weisen die Länder des ehemaligen Sowjetblocks

immer noch mit Russland auf?

Wie divers Lomaskos künstlerische Praxis ist, so interdisziplinär ist ihre Forschungstätigkeit,

in der sie journalistische und soziologische Methoden vereint. In den letzten

Jahren beschäftigt sie sich verstärkt mit der Weiterentwicklung der journalistischen

Seite ihrer grafischen Reportagen. Spielte in ihren früheren Arbeiten das Bild eine

vorrangige Rolle, so sind in den neuen Werken die Bild- und Textebenen im Gleichgewicht;

das Literarische ist Lomaskos grafischen Reportagen nicht mehr wegzudenken.Die

Zeichnungen und der Text unterstützen einander, fließen ineinander:

„The text used to be just a kind of title for the drawings, but now they’ve become a

full-fledged part of the work itself.“ Diesem Interesse folgend, nahm Victoria 2016 an

dem internationalen Weiterbildungsprogramm „Perspektivy” teil und realisierte eine

grafische Reportage zum Thema Staat und Kirche in Armenien und Georgien. Im

Rahmen des Programms werden begabte internationale Journalist*innen und Redakteur*innen

aus Russland, Osteuropa und Zentralasien gefördert und bekommen

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fachliche Unterstützung bei der Realisierung ihrer Projekte. In langfristiger Zusammenarbeit

mit der unabhängigen Politikwissenschaftlerin und Fotografin Ute

Weinmann und dem Soziologen Alexander Bikbov aus dem „NII Mitingov“ (Unabhängige

Forschungsinitiative „Demonstrationen“) arbeitet Victoria an der dokumentarischen

Erfassung von Protesten in Moskau.

Seit 2015 arbeitet Victoria Lomasko an der Erweiterung ihrer künstlerischen Praxis.

Es entstehen Fresken in der Länge bis zu 8 m (Abb. S. 11), Comics im Filmformat.

Zurzeit sammelt die Künstlerin Material für ihr neues Buch zum postsowjetischen

Raum und beginnt, mit Projektionen und zeitbasierten Medien zu experimentieren.

Ihre Kunst wird somit intermedialer und interaktiver.

In Ihren grafischen Reportagen interpretiert Lomasko den Raum als Palimpsest

aktueller wie historischer gesellschaftlicher Prozesse, das von den Geschichten

einzelner Menschen geprägt ist, die diesen Raum teilen, verändern und hinterfragen.

Der politische und geografische Raum der ehemaligen Sowjetunion wird dabei

neugedacht, um eine kritische Anthologie des Lebens und des Protests im postsowjetischen

Raum zu verfassen. Lomaskos ganzes Werk ist somit eine ernste Reflexion

nicht über den postsowjetischen Raum wie er in Russland meistens verstanden

wird, sondern vielmehr über den post-postsowjetischer Raum, in dem die bisher

existierten Denkmuster nicht mehr gültig sind, ein komplexerer Raum, der gerade im

Aufbruch ist, auf der Suche nach seinen eigenen, neuen Identitäten. Ein Raum voller

Zeichen vom Wandel.

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„Chronik

des Widerstands“


2011 - 12

„Sie gehen uns ganz schön auf den Sack“

Bis Dezember 2011 finden in Moskau nur kleine politische Aktionen

statt. Grundrechtsverletzungen bei den Wahlen zur Staatsduma. Am

10. Dezember wird in den sozialen Netzwerken eine Protest-Demo mit

Tausenden Teilnehmern organisiert. Aleksej Navalnyj, Sergej Udalcov,

Boris Nemcov und andere Oppositionspolitiker versuchen, die Führung

der Protestaktionen zu übernehmen.

Mein Interesse an den einfachen Teilnehmern der Demonstrationen.

Zur „Mittelschicht“ gehören, nach russischer Ansicht, Menschen, die

gut ausgebildet sind und Arbeit haben. Kreative Plakate, Dokumentation

des Geschehens mit Hilfe von Kameras und Smartphones. Das

Zeichnen am Ort des Geschehens hilft mir, besser zu verstehen, was

abläuft. Kombinieren von Momentaufnahmen, Einbeziehen von direkter

Rede in die Zeichnung. Orientierung an der russischen revolutionären

Grafik von 1905-1917.

Text auf den Schilden: „Sie gehen uns ganz schön auf den Sack“

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2012

„Wir beginnen mit friedlichen Aktionen

zivilen Ungehorsams“

Putins Sieg bei der Präsidentschaftswahl. Provokation auf der Demonstration

am 6. Mai, ein Zusammenstoß zwischen Polizisten und

Demonstranten. Spontane Organisation des Lagers OkkupajAbaj im

Zentrum Moskaus. Interaktion von Liberalen, Anarchisten, Nationalisten

und LGBT-Aktivisten im Lager. Vorträge, Diskussionen, eine

„Feldküche“, eine Bibliothek, Theateraufführungen, Ausstellungen auf

OkkupajAbaj. Auflösung des Lagers durch die Polizei. Zunahme nationalistischer

Stimmungen. Die letzte große Demonstration am 15.

September.

Sprechblase: „Für ein Moskau ohne Kanaken!“

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2013 - 14

„Gefangene vom 6. Mai“

Gegen mehr als 30 Teilnehmer der Demonstration vom 6. Mai wurden

Strafverfahren eingeleitet. Vorgeworfen werden ihnen die Teilnahme

an Massenunruhen, der Aufruf zu Massenunruhen und die Gewaltausübung

gegen Vertreter der Staatsmacht. Etwa fünfzehn Menschen

bekamen längere Haftstrafen. Einer der Angeklagten wurde zu einer

medizinischen Zwangsbehandlung verurteilt und in eine psychiatrische

Klinik eingeliefert. Zusammen mit einigen Künstlern zeichne ich auf

diesen und anderen politischen Prozessen. Es entsteht das Projekt

„Wir zeichnen das Gericht“.

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2015 - 16

„Dieses Lager ist wie ein Leuchtturm“

Lokale Proteste mit einer klaren sozialen Agenda. Einfache Moskauer

organisieren Lager und schützen so die Stadtparks vor der Abholzung.

Landesweite Streiks der Fernfahrer gegen die Einführung einer Lkw-

Maut auf Autobahnen. Ein Lager der Fernfahrer in Chimki, vor den Toren

von Moskau. Die Fernfahrer lebten von Dezember bis Mai in ihren

Lastwagen. Während dieser Zeit lernten sie das Internet zu benutzen,

Interviews zu geben, Plakate und Flyer zu erstellen, Demos und Streiks

zu organisieren und gründeten Die Vereinigung der Fernfahrer Russlands.

Das Geschehen im Lager nahm eine zentrale Rolle im Leben der Fernfahrer

ein. Statt kurze Interviews bei Demos mit Menschen, die ich

nie mehr sehen werde, zu führen, komme ich immer wieder ins Lager

und beobachte die Veränderungen der politischen Ansichten. Mir wird

bewusst, dass in Russland selbst kleinste Probleme ohne die Reform

des politischen Systems nicht zu lösen sind.

Tamara, Geschichtslehrerin (links): „Meine Bekannten machen mir

damit Angst, dass die Fernfahrer zu Zombies geworden sind.“

Einer der Fernfahrer (rechts): „Aber sie kennen uns doch nicht!“

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2017

„Sanierung heißt Deportation!“

„Renovacija“ („Sanierung“) ist ein vom Moskauer Bürgermeister Sergei

Sobjanin vorgeschlagenes Programm. Es geht um den Abriss aller

vier- und fünfstöckigen Häuser der Plattenbauserien, die in der Regierungszeit

von Nikita Chruschtschow in Moskau errichtet worden waren.

Der Bau der sogenannten „Chruschtschowkas“ war eines der letzten

großen sozialen Projekte der sowjetischen Ära. Bis heute gelten diese

Bauten als günstigste Unterkunft für Familien mit niedrigem Einkommen

und Neuankömmlinge aus anderen Städten.

Später wurde das Sanierungsgesetz in Bezug auf neunstöckige Häuser

erweitert. Wenn zwei Drittel der Bewohner dem Abriss des Hauses zustimmen,

sind auch die anderen nach dem Gesetz gezwungen, auszuziehen.

Die Gegner der Sanierung befürchten, dass sie in neue Häuser

von schlechterer Qualität, die zudem weiter vom Stadtzentrum entfernt

sind, umgesiedelt werden. Das Sanierungsprogramm betrifft etwa

fünftausend Häuser. Geplant ist die Umsiedlung von etwa einer Million

Menschen. Viele Teilnehmer der Demonstrationen gegen das Sanierungsprogramm

haben vorher noch nie an Protesten teilgenommen.

Text auf dem Luftballon: „Keine Sanierung“

Texte auf den Schilden:

„Was der Krieg nicht gemacht hat, macht der Bürgermeister“

„Man hat uns unser Eigentum gestohlen

„Eure Sanierung ist übertrieben

„Sanierung – nein! Rekonstruktion – ja!“

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Die russische Gesellschaft und ihre

Nachbarn 100 Jahre nach der Revolution

Von der Weltrevolution des Proletariats

zur lokalen Selbstverteidigung

Soziologe Alexander Bikbov

Im Jahr 1917 erreichte die Stärke der Straße ihren Höhepunkt. Doch schon Mitte der

1920er Jahre hat die neue Regierung alles unternommen, um die Straßendemonstrationen

zu einem Ritual mit routinemäßigem Rhythmus und Vorschriften zu machen.

So sind der 1. Mai und der Tag der Revolution in der kollektiven Erinnerung an

die Straßendemonstrationen der letzten sowjetischen Generationen geblieben. Eine

neue Explosion der Teilnahme an spontanen Aktionen fand in der Zeit der Perestroika

1988-1991 statt. Tausendköpfige Demonstrationen hatten direkte Auswirkungen

auf die Kabinettsentscheidungen und galten für eine lange Zeit als Legende und

Traum von Aktivisten. In den nächsten zwei Jahrzehnten verloren der direkte Protest

und lautstarke Forderungen der Demonstranten ihre euphorische Aura. Durch

die Enttäuschung von der Tätigkeit der Zivilgesellschaft und die Transformation der

Politik in eine „schmutzige Angelegenheit“ wurden die Straßenaktivisten als „nicht

normal“ stigmatisiert. Die größten Demonstrationen – gegen die Direktzahlungen

von Sozialleistungen (2004-2005) und in Gedenken an den Rechtsanwalt Stanislav

Markelov und die Journalistin Anastasija Baburova, die von Neonazis ermordet wurden

(jährlich seit 2009) – hatten nicht mehr als dreitausend Teilnehmer.

Von 2011 bis 2012 fanden in den russischen Großstädten die ersten Kundgebungen

gegen Wahlfälschungen und die Willkür der Macht statt. Allein in Moskau gab es

ca. 30-80 Tausend Teilnehmer. Eine neue politische Epoche begann. Gleichzeitig hat

sich die Logik der Teilnahme radikal verändert. Der Massenprotest hat sich mit aller

Gewalt von der Revolution distanziert. „Revolution steht für Gewalt und Blutvergießen.

Lassen Sie sich nicht provozieren!“, – warnten sich die Demonstranten gegenseitig.

Es mag seltsam für die Straßenpolitik erscheinen, aber zu ihren Prinzipien

sind Kultiviertheit und Gesetzlichkeit geworden. Während all dieser Jahre kam es nur

einmal – am 6. Mai 2012 – zu einem Zusammenstoß zwischen Demonstranten und

der Polizei. Der Grund dafür war eine direkte Provokation seitens der Polizei. Dies

gab der Regierung Anlass zu gezielten Repressalien: Mehr als 30 Menschen wurden

unter einem vorgetäuschten Vorwand verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe von vier

Jahren verurteilt. Die Repressalien nennt man „Bolotnaja-Fall“ oder „der Fall vom 6.

Mai“: Die Prozesse dauern bis heute an.

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Die wichtigste Art der Teilnahme an Demonstrationen ist die Selbstdarstellung. Die

Menschen gehen nicht als Vertreter einer Gruppe und Organisation auf die Straße,

sondern aus eigenem Interesse. Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Kritik

an Ungleichheiten hört man fast nie. Eine klare politische Aufteilung ist nicht vorhanden:

Linke Radikale marschieren neben Nationalisten, und die Mehrheit der Teilnehmer

unterscheidet nicht zwischen Linken und Rechten. Im Gegensatz zu den späten

1980er Jahren, als das Ziel der Kritik der bürokratische Staat und die ökologische

Verantwortungslosigkeit nach Tschernobyl war, stellt der Protest heute nicht mehr

„die Stimme der Mehrheit“ dar. Die Demonstranten sehen sich eindeutig als eine

kultivierte Minderheit. Dazu unterscheiden sich die russischen Kundgebungen seit

2011 von vielen Weltbewegungen. Dies ist ein Protest im Namen der Stabilität, die

Hauptforderung der Demonstranten ist es, bestehende Institutionen zu „reparieren“,

Fehler und Verstöße zu beseitigen. Jedoch gibt es außer den Kundgebungen noch

andere Formen von selbstverwalteten sozialen Meinungsäußerungen.

Von November 2015 bis Mai 2016 haben Fernfahrer den größten Streik der letzten

Jahrzehnte organisiert. Seine wichtigsten Merkmale: Koordinierung nicht aus

Moskau, sondern aus den Regionen, Unabhängigkeit vom Anti-Putin-Protest (die

Mehrheit der Teilnehmer vertraute zunächst der TV-Propaganda), Erhebung der sozialen

und nicht moralischen Forderungen. Die Hauptforderung war die Abschaffung

einer Lkw-Maut auf Autobahnen, welche kleine Akteure aus dem Speditionsgewerbe

verdrängt und die Verbraucherpreise aufbläst. Die Bewegung wurde durch laute und

mutige Aktionen sichtbar, darunter zahlreiche Protestlager neben Einkaufszentren

in Moskau. Dies führte zur Gründung eines Berufsverbandes, dessen Ziel nicht nur

Selbstschutz ist, sondern auch die Schaffung eines Systems, in dem Zwischenhändler

über kein Monopol am Gewinn verfügen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Straßenpolitik ist der Schutz öffentlicher Plätze in der

Stadt: nicht historische Denkmäler im Stadtzentrum, sondern Innenhöfe, Parks und

Spielplätze in Wohngebieten. Solche Toponyme wie der Moskauer Park Torfjanka

sind legendär geworden. Seit mehr als zwei Jahren verhindern die Einwohner den

Ansturm von Kampfgruppen orthodoxer Fundamentalisten, halten rund um die Uhr

Wache und veranstalten regelmäßige Treffen im Park. Das ist kein Konflikt zwischen

Gläubigen und Atheisten: Viele Verteidiger des Parks sind orthodox. Die Ursache

für diese Spannungen liegt in der Landnahme durch die russisch-orthodoxe Kirche,

deren Handlungen sich in den letzten Jahren kaum von kommerziellen Bauunternehmen

unterscheiden. Ein weiteres Konfrontationsgebiet sind die Orte des Massenbaus

der 1950-1960er Jahre. Gemäß dem Sanierungsprogramm der Regierung müssen

die Bewohner von 4,5 Tausend Häusern umsiedeln. 100 Jahre nach der Revolution

werden anstelle von Fabriken und städtischen Verfallsgebieten nun die Milieus der

Besitzer von kleinen Familienwohnungen zu Zentren eines neuen Protestes und einer

gewaltfreien Straßenpolitik.

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Der postpostsowjetische

Raum (Bischkek –

Osch – Jerewan –

Tiflis – Dagestan –

Inguschetien)


„Lenin? Ist das ein Dichter?“

Sowjetische Symbolik im postsowjetischen Raum.

Ein kopfloses Lenindenkmal inmitten eines stillgelegten Wasserbeckens

im Innenhof der Nationalen Bildergalerie von Jerewan. Die

Museumswärterinnen sind erschrocken, dass ich Lenin zeichne und

versuchen, es zu verbieten.

Abkehr vom Kommunismus in Georgien. Das Museum der

sowjetischen Okkupation in Tiflis. Die nach Stalin benannte illegale

Druckerei im Stadtteil Avlabari ist zu einem Museum geworden. Der

georgische Aufseher präsentiert sich als Kommunist, ehemaliger KGB-

Mann und russischer Patriot. Im Museum gibt es dutzende Darstellungen

von Lenin und Stalin, aber die Kinder aus den Nachbarhäusern

wissen nicht, wer das ist.

In Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgisistans, steht ein riesiger Lenin

auf dem zentralen Platz. Manche Anwohner denken, dass man das

Denkmal nicht entfernt, weil „Lenin unser Vater ist, der uns Bildung

brachte“, andere, weil das Geld für den Abriss fehlt: „Schließlich ist

das kein Baum, den man einfach fällen kann.“ Die jungen Leute, mit

denen ich sprach, meinten, dass das „irgendein russischer Held ist,

der alle Kirgisen während des Zweiten Weltkriegs gerettet hat“.

29


Die imperiale Erziehung führt zum Krieg

Aus meiner sowjetischen Kindheit erinnere ich mich daran, dass,

trotz der offiziell verkündeten Gleichheit aller fünfzehn Republiken,

sogar wir Kinder die Hierarchie spürten. Ganz oben stand Russland, es

folgten die „jüngeren Brüder“ Ukraine und Weißrussland, weiter unten

die kaukasischen und zentralasiatischen Republiken. Die baltischen

Republiken waren etwas Besonderes, fast wie Europa. Als der Ukrainekrieg

begann, hielten viele Russen die Ukraine nicht für ein vollwertiges

unabhängiges Land.

Auf meinen Reisen lerne ich Inguschen und Dagestaner kennen, die

die Deportationen der Stalinzeit überlebt haben. Ich treffe alte Leute,

die ihre eigene nationale Sprache nicht kennen, weil man sie in den

sowjetischen Schulen gezwungen hat, nur Russisch zu sprechen. Ich

interviewe Menschen, die an den von der sowjetischen Armee gewaltsam

aufgelösten Demonstration für die Unabhängigkeit Georgiens in

Tiflis 1989 teilgenommen haben. In Zentralrussland werden diese und

vergleichbare historische Ereignisse fast nie erwähnt.

Zahlreiche militärische Konflikte zwischen benachbarten Republiken

nach dem Zerfall der UdSSR. Die willkürlich von der sowjetischen

Staatsmacht gezogenen Grenzen haben wie Minen mit verzögerter

Sprengkraft gewirkt. Viele unlösbare Probleme hängen mit der Deportation

ganzer Völker in der Stalinzeit zusammen.

Auf dem Plakat: „Die imperiale Erziehung führt zum Krieg“

31


„Und die Tauben werden wir auf dem Dach halten

Die Stadt und ihre Bewohner

Die ersten Tage in einer fremden Stadt – Informationen werden durch

das visuelle Bild vermittelt.

Jerewan ist eine alte Stadt, die zu sowjetischen Zeiten fast völlig umgestaltet

wurde. Unerwartet sind da auf einmal alte iranische

Moscheen und zahlreiche iranische Touristen.

In Tiflis gibt es viele Kirchenneubauten in den modernen Stadtvierteln

– ein Zeichen für den starken Einfluss der Religion in Georgien. Der

ehemalige Premierminister hat seine Residenz auf dem Gelände des

Botanischen Gartens; im Zusammenhang mit seinem Projekt

„Panorama von Tiflis“ entstehen riesige Gebäudekomplexe im historischen

Stadtzentrum.

In Osch beginnen die Aufschriften oft auf Russisch und enden dann

auf Kirgisisch oder Englisch. Auf den Straßen modisch gekleidete,

weltoffene Jugendliche, Stammes- und Dorfälteste mit traditionellen

Fellmützen und Frauen mit Hidschab.

In Magas, der jüngsten Regionshauptstadt Russlands, erinnert nur

der Turm der Eintracht, welcher im Stil eines mittelalterlichen inguschischen

Turms gehalten ist, daran, dass wir uns im Südkaukasus

befinden. In der Gedenk- und Ruhmesstätte stellt ein großes Flachrelief

dar, wie die Inguschen 1770 dem Russischen Imperium die Treue

schwörten; daneben befinden sich neun inguschische, mit Stacheldraht

umhüllte Türme, die die in der Sowjetzeit deportierten Völker

symbolisieren.

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„Bist du verheiratet?“

Porträts von Frauen

Das Geschlecht beeinflusst die Wahl der Reiseroute, die Art und Weise

der Kommunikation. Manche Orte blieben mir verschlossen oder

waren gefährlich. Oft fand ich mich in weiblicher Gesellschaft wieder,

und die Gespräche drehten sich um Frauenfragen. Vielweiberei und

Beschneidung von Frauen (Dagestan), Bewahrung der Jungfräulichkeit,

Fragen der Sexualität (Armenien), Einmischung der Kirche in die Privatsphäre

(Georgien), Hausarbeit und häusliche Gewalt (Kirgisistan),

Kontrolle des Aussehens durch Männer (Inguschetien).

Nach dem Zerfall der UdSSR verlor ein Teil der Frauen in den islamischen

Ländern bzw. Republiken erneut das Recht auf Bildung und

Arbeit. Es kam mir oft zu Ohren, dass jetzt die fortschrittlichsten

Mitglieder der Familie die sowjetischen Großmütter seien. In einigen

Städten, z. B. Bischkek und Osch, begegnet man sowohl vollkommen

verschleierten Frauen, die ohne ihren Mann nicht das Haus verlassen,

als auch progressiven Feministinnen, die Fremdsprachen beherrschen,

durch die ganze Welt reisen und sich als Aktivistinnen betätigen.

Sprechblase: „Bist du verheiratet?“

35


Gegenseitige Hilfe

Fast alle meine Reisen durch den postsowjetischen Raum wurden

mit Hilfe von feministischen Gruppen, Frauenorganisationen oder

einzelnen Aktivistinnen organisiert. Ich habe für sie Workshops zur

sozialen Grafik durchgeführt und dabei in erster Linie professionelles

Know-how vermittelt. Die Teilnehmerinnen haben die Themen selbst

gewählt und sich Ziele gesetzt, z. B. Herausgabe einer selbstkreierten

Zeitschrift, Durchführung einer Ausstellung oder eines Meetings. Die

Diskussionen während der Workshops halfen mir, die Spezifik der

Situation vor Ort besser zu verstehen und Sujets für meine grafischen

Reportagen zu finden.

Auf dem Stencil: „Wem bist du es schuldig, zu Hause zu sitzen?“

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Von der „freundschaftlichen

Kolonisation – zum Traum

vom glücklichen Leben

Soziologe Alexander Bikbov

1917 änderte viel in Russland, aber nicht das Thema des Territoriums. Seit dem 19.

Jahrhundert haben alle Versionen der offiziellen Geschichtsschreibung argumentiert,

dass dieses Problem friedlich gelöst wurde. Die sowjetische Doktrin erklärte den

„freiwilligen Beitritt“ der Republiken im Gegensatz zur kapitalistischen Kolonisation.

Tatsächlich wurden Zentralasien, der Kaukasus und Transkaukasien im 19. Jahrhundert

infolge direkter militärischer Einfälle, Staatsstreiche und Schutzverträge an

Russland angeschlossen. Von 1917 bis Anfang der 1920er Jahre fand ihr erneuter

Anschluss mithilfe lokaler revolutionärer Gruppen statt – inzwischen unter dem Motto

der Arbeiterbefreiung. Bis heute stoßen alle Versuche der linken Aktivisten und

Experten, die Frage der kolonialen Natur der Beziehungen Moskaus zu den ehemaligen

Sowjetrepubliken öffentlich zu diskutieren, auf strikte Ablehnung.

Das koloniale System wird nicht nur in der offiziellen Außenpolitik verwirklicht,

innerhalb derer die russische Regierung die Nachbarregionen zu einer Zone von

„natürlichen“ geopolitischen Interessen erklärt. Es bleibt im Alltag brisant und ist im

Verhalten der wohlhabenden Mehrheit gegenüber den Gastarbeitern und Migranten

zu beobachten. Nur wenige NGOs und Aktivistengruppen unterstützen Erwachsene

und Kinder aus Migrantenkreisen. In den Medien dominiert eine Diskussion über

eine Beschränkung der Einwanderung, der Einstellung von Arbeitskräften und des

Zugangs zum Sozialschutz für Menschen aus ehemaligen russischen (sowjetischen)

Gebieten. Die Verdrängung der Kolonialgeschichte diktiert die Widersprüche der

russischen Migrationspolitik, in welcher der Staat die Grau- und Schwarzzonen nicht

reguliert. Migranten haben Schwierigkeiten mit der Registrierung in der Poliklinik,

auf den Straßen kontrolliert die Polizei ständig Menschen mit typischem Aussehen,

Bauunternehmen entlassen Gastarbeiter, ohne ihnen Gehalt für mehrere Monate

auszuzahlen, einem Drittel der Arbeitnehmer werden die Pässe abgenommen, jeder

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sechste schuldet seinem Arbeitgeber Geld und wird dadurch zu einer Geisel, es liegen

Fälle von Arbeitssklaverei vor.

Der vielleicht auffälligste Unterschied zwischen dem russischen Modell und einigen

europäischen Gesellschaften ist das Fehlen einer ausgeprägten städtischen Segregation

– ethnischer Enklaven und Ghettos. Wie auch in Deutschland besuchen Kinder

von Migranten öffentliche Schulen und werden in allen Fächern auf Russisch unterrichtet.

In den letzten 20 Jahren ist eine neue Generation aufgewachsen, die sozial

und kulturell integriert ist, in der Produktion, im Handel und im kulturellen Bereich

tätig ist. Das wichtigste und spannendste Element des postkolonialen Zustandes ist

jedoch die befristete Arbeitsmigration. In der russischen kollektiven Wahrnehmung

sind Straßenarbeiter oder Reinigungskräfte in orangener Uniform zu einer typischen

Figur geworden, so wie das Klischee des türkischen Döner-Verkäufers in Deutschland.

Das Bild einer verletzlichen und unangepassten Minderheit kontrastiert in Russland,

wie auch in anderen Gesellschaften, mit der wirtschaftlichen und sozialen Rolle der

Grenzbewohner. Der Anteil der Einwanderer aus den Nachbarländern beträgt knapp

10 % der russischen Bevölkerung. Etwa ein Drittel davon ist im Baugewerbe beschäftigt,

ein Viertel im Dienstleistungssektor, etwas mehr als ein Zehntel im Handel.

Noch spürbarer ist dieser postkoloniale Effekt in den Gesellschaften, welche für die

Suche nach dem Glück verlassen werden. In einigen Regionen bildet die Hälfte der

erwachsenen Bevölkerung die Arbeitsmigration. Russland nimmt den dritten Platz

nach den USA und Saudi-Arabien unter den Ländern ein, aus denen Geldüberweisungen

ins Ausland getätigt werden. In den letzten Jahren machen diese Transfers ein

Volumen in Höhe von 30 % (Kirgisistan) und sogar 50 % (Tadschikistan) der Volkswirtschaft

aus.

Migranten machen sich Sorgen über ihre Akzeptanz und Integration in der russischen

Gesellschaft. Für sie sind die Hauptprobleme das Erlernen der russischen

Sprache und Ausbildung, Arbeitsuche und Sicherheit, soziale Feindseligkeit und institutioneller

Rassismus, Erhalt ihrer Identität und Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse.

Aus dem „großen Bruder“, welchen Russland lange Zeit nach 1917 darstellte,

wurde ein Ort der Erfolge, Gefahren, Träume, Leiden, Karrieren für Menschen aus

benachbarten Gesellschaften, zu welchen die Art der Beziehung nach wie vor noch

eine offene Frage ist.

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Workshop Forschendes Lernen:

Kunst und/oder/als Sozialkritik im

postsowjetischen Raum (in russischer Sprache)

Leitung: PD Dr. Nikolaj Plotnikov, Daria Khrushcheva, M.A.

1. Einführung, Thema: Politische Demonstrationen und Proteste: Partizipation

und Erinnerung anhand von Gegenständen und „Artefakten“ aus der UdSSR und

Russland

2. Sitzung mit Victoria Lomasko, Thema: Zeich(n)en des Wandels – vom revolutionären

zum post-postsowjetischen Raum

3. 08.11.17 (18 - 20, UB):

Eröffnung der Ausstellung, Begrüßung von Dr. Erdmute Lapp und Prof. Dr. Mirja

Lecke, Impulsvorträge und Diskussion mit Victoria Lomasko, Timur Kiselev,

Dr. Alexander Bikbov, PD Dr. Nikolaj Plotnikov, Daria Khrushcheva

(in deutscher Sprache / in English)

4. Blockveranstaltung (mit Victoria Lomasko und Alexander Bikbov), Thema:

Die Funktion der Kunst als Forum für Kritik: Geschichte, Gegenwart, Künstler als

Gesellschaftsanalytiker

5. Blockveranstaltung (mit Victoria Lomasko und Alexander Bikbov), Thema:

Kritische Gemeinschaften in der Sowjetzeit und die „unsichtbare Gesellschaft“ heute

6. Blockveranstaltung (mit Victoria Lomasko und Alexander Bikbov), Thema:

Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit im künstlerischen Bild und in der wissenschaftlichen

Reflexion

7. 22.11.17 (10 - 12, UB):

Offene Ausstellungsführung (in deutscher Sprache)

8. Reguläre Sitzung, Thema: Sozialer Protest in der Kunst

9. 06.12.17 (16 - 18, UB):

Offene Ausstellungsführung (in deutscher Sprache)

10. Reguläre Sitzung, Thema: Der virtuelle Raum als Plattform für Sozialkritik

11. Abschließende Sitzung, Diskussion, Präsentation der Projekte

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Lektüre

In English:

Berardi “Bifo” F., Why artists?, The New Mechanics Library, March-April 2013.

Becker H., Outsiders: Studies in the Sociology of Deviance, New York 1963.

Bikbov A., Representation and Self-Empowerment: Russian Street Protests,

2011–2012, Russian Journal of Philosophy and Humanities, Vol. 1 (1), 2017.

Bikbov A., Self-trial through Protest, Moscow Art Magazine. Digest 2007-2014.

Moscow 2014.

Bourdieu P., The Field of Cultural Production, Columbia University Press 1994.

Dziewanska M., Degot E., Budratskis I. [Ed.], Post-Post-Soviet? Art, Politics

and Society in Russia at the Turn of the Decade, Warsaw 2013.

Jonson L., Art and Protest in Putin’s Russia. Routledge 2015.

Lomasko V., Other Russias, New York 2017.

Weibel P. [Ed.], Global Activism. Art and Conflict in the 21st Century,

Cambridge, London 2015.

Shayevich B., What Does a Feminist Art Show Look Like in Russia? //

Bitchmedia.org, 03.04.2014,

URL: https://www.bitchmedia.org/post/feminist-pencil-art-show-in-russia-activismcomics

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По-русски:

Алексеева Л., Поколение оттепели, Москва 2006.

Бикбов А., Представительство и самоуполномочение, по материалам

исследования НИИ митингов, декабрь 2011-июнь 2012 //

Логос № 4 [88] 2012.

Бикбов А., Социальные неравенства и справедливость: реальность

воображаемого (рисунки современного общества в России и Франции) //

Логос № 5 [62] 2007.

Гилен П., Путешествие из воображаемого к общему «здесь и сейчас». Проблема

эстетической справедливости// Художественный журнал, № 93, 2015.

Дьяконов В., Стиль репрессионизм. Выставка советского искусства в Манеже //

Коммерсант, № 207, 2015.

Лапшин В. П., Художественная жизнь Москвы и Петрограда в 1917 году,

Москва 1983.

Никипорец-Такигава Г., Паин Э., Интернет и идеологические движения в России,

Москва 2016.

Осборн П., Интеллектуальный поворот // Художественный журнал, № 69, 2008.

Сен А., Идея справедливости, Москва 2016.

Шубин А., Свобода в СССР и движение неформалов//

Deutsches Historisches Institut Moskau, Bulletin № 5, 2009.

Эпштейн А., Искусство на баррикадах: «Pussy Riot», «Автобусная выставка» и

протестный арт-активизм, Москва 2012.

Новоженова А., Уклонисты. Существовал ли в стране большевиков сюрреализм?

// Colta.ru, 19.07.2017, URL: http://www.colta.ru/articles/art/15456

Плунгян Н., В горящей избе. Феминистское искусство в России 2014-2015 //

Artguide.com, 03.04.2015, URL: http://artguide.com/posts/779

Плунгян Н., Собрание Игоря Савицкого: мифы и перспективы //

Artguide.com, 21.04.2017, URL: http://artguide.com/posts/1234

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Biografien

Victoria Lomasko

Einzelausstellungen (Auswahl):

2017

Geboren 1978 in Serpuchow. Lebt und arbeitet in Moskau.

2003 Abschluss an der Staatlichen Universität für

Druckwesen in Moskau (MGUP) mit Schwerpunkt Buchkunst.

Victoria beschäftigt sich mit sozialer Grafik und ist

vor allem als Autorin von grafischen Reportagen zu sozialpolitischen

Themen bekannt. Mitkuratorin zweier großer

Projekte zur Förderung der sozialen Grafik: „Wir zeichnen

das Gericht“ (mit Z. Ponirowskaja) und „Feministischer

Bleistift“ (mit N. Plungian). Preisträgerin des Wettbewerbs

„Wir zeichnen das Gericht“ im Jahr 2009. Nominierung

für den Kandinskij-Preis 2010. Autorin (mit A. Nikolajew)

des Gerichtstagebuches „Verbotene Kunst“, herausgegeben

auf Russisch, Deutsch und Französisch (2011, 2013,

2014). Von 2010 bis 2014 gab sie Zeichenunterricht auf

Basis einer selbstentwickelten methodischen Programmatik

in Strafkolonien für Minderjährige. Das Archiv des

Projekts ist Teil der Sammlung des Museo Reina Sofía

(Madrid, ES). 2014 Teilnehmerin der Ausstellung „Aktuelle

Zeichnung“ im Russischen Museum (St. Petersburg, RUS).

Seit 2014 beschäftigt sich in einem Projekt mit der Erforschung

des postsowjetischen Raumes. 2017 erschien

Lomaskos neues Buch „Other Russias“ im New Yorker

Verlag „n+1“ und im Londoner Penguin Verlag.

„Unwanted Women”, Ortega y Gasset Projects, New York, USA

„Other Russias: Angry”, Ellis Gallery, School of Art, Pittsburgh, USA

2016

„Bischkek — Jerewan — Dagestan — Tiflis. Eine feministische Reise”, Goethe-Institut in Tiflis,

Georgien

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2015

„HIV: Ungleiche“, Borey Art Centre, Sankt Petersburg, Russland

2014

„Insider’s view“, University of Birmingham, Vereinigtes Königreich

2012

Grafische Serien „Maifest“ und „Der Alltag des OccupyAbaj“, OccupyAbaj, Moskau, Russland

Kuratorische Projekte (Auswahl):

2017

Ausstellung der sozialen Grafik „Die Zeit ist eine andere, und ich bin eine andere“, Coworking

„Metro“, Nasran, Inguschetien

2016

Ausstellung der feministischen Grafik „Respektiere jeden meiner Zöpfe“, Kunst-Café Brio,

Osch, Kirgisistan

2015

Ausstellung „POST-SOVIET CASSANDRAS“, Galerie im Körnerpark, Berlin

Kuratorinnen-Team: Dorothee Bienert, Victoria Lomasko, Nadia Plungian, Antje Weitzel

2014

„Feministischer Bleistift: Heldin unserer Zeit“ (zusammen mit N. Plungian), The First Supper

Symposium, Galleri 69, Grünerløkka Lufthavn, Oslo, Norwegen

„Wir zeichnen das Gericht - 2“ (zusammen mit Z. Ponirowskaja), Memorial International,

Moskau, Russland

„Feministischer Bleistift: eine Ausstellung der sozialen Grafik gegen die Gendergewalt“ (zusammen

mit N. Plungian), Borey Art Centre, Sankt Petersburg, Russland

2013

„Feministischer Bleistift: eine Ausstellung weiblicher sozialer Grafiken“ (zusammen mit

N. Plungian), Ein Projekt im Rahmen der 5. Moskauer Biennale für die zeitgenössische Kunst,

Teil des Festivals „MediaUdar“, ArtPlay, Moskau, Russland.

Nominierung für den „Innovationspreis“ 2013, NCCA Moskau

2012

„Feministischer Bleistift: eine Ausstellung weiblicher sozialer Grafiken“ (zusammen mit

N. Plungian), „FABRIKA“, Moskau, Russland

„Resistance FOREVER“ (zusammen mit A. Woronkowa); Kulturzentrum der Arbeiterpartei,

Buenos Aires, Argentinien

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Dr. Alexander Bikbov

Geboren 1974 in Moskau. Soziologe, forscht zu zivilgesellschaftlichen

Protestaktionen, die in russischen Großstädten

2011 begannen. Forschungsschwerpunkte: Wissenssoziologie,

neoliberale Bildungs- und Kulturreformen,

politische Ideengeschichte, Legitimität sozialer Ungleichheiten,

internationale Geschichte der Sozialwissenschaften

und der Philosophie. Autor des Buches „Grammatik

der Ordnung. Historische Soziologie der Begriffe, die

unsere Realität ändern“ (2014).

Timur Kiselev

Geboren 1990 in Moskau, lebt und arbeitet in Moskau

und Berlin. Angehender Kunsthistoriker, Kurator, Kulturmanager,

studiert zurzeit MA Kunstgeschichte und Sozialund

Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin.

Beschäftigt sich mit der Geschichte der Protestkunst,

Amateurfotografie, Videokunst und Vermittlungstätigkeit

in Museen. Kurator mehrerer Projekte zur internationalen

Videokunst (Kunst gegen Rassismus, AStA FU, 2016;

glocal (hi)stories, Freie Universität Berlin, 2015; LOOK!

Moscow, 2013), kuratorischer Assistent im Projekt Koordinatensystem

(seit 2017). 2017 gründete das interdisziplinäre

Gesangsprojekt “Stimmen Ohne Grenzen”.

Mitgründer des excoursio project - exhibitions experienced

in situ (2017).

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Dank

Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Kolleginnen und Kollegen: Prof. Dr.

Christoph Garstka, Prof. Dr. Stefan Plaggenborg, Dr. Maria Brauckhoff, PD Dr. Ulrike

Goldschweer, Dr. Anne Hartmann, Emilia Artemjew, Claudia Oehm-Meseck für ihre

organisatorische Hilfe und vielseitige Unterstützung des Projekts!

Einen besonderen Dank richten wir an Clemens Günther für seine Korrekturarbeit

aus.

Timur Kiselev bedankt sich bei Victoria Lomasko für die anregenden Gespräche und

Kommentare während der Verfassung seines Einführungstextes.

Projektteam

Kurator: Timur Kiselev

Seminar für Slavistik / Lotman-Institut für Russische Kultur:

PD Dr. Nikolaj Plotnikov (Idee, Organisation, akademisches Programm)

Prof. Dr. Mirja Lecke (Förderung und Unterstützung der Ausstellung

und des begleitenden akademischen Programms)

Daria Khrushcheva (Organisation, akademisches Programm)

Viktor Berg (technische und organisatorische Unterstützung)

Universitätsbibliothek:

Direktorin: Dr. Erda Lapp

Referat Eventmanagement/ Ausstellungen: Gisela Ogasa

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Information und Kontakt

Universitätsbibliothek Bochum

Gisela Ogasa

Universitätsstraße 150

44801 Bochum

Tel. +49 (0)234 32-27354

E-Mail: gisela.ogasa@rub.de

Lotman-Institut für russische Kultur

Daria Khrushcheva, M.A.

Seminar für Slavistik /

Lotman-Institut für Russische Kultur

Ruhr-Universität Bochum

44780 Bochum

Tel. +49 (0)234 32-23365

E-Mail: daria.khrushcheva@rub.de

Timur Kiselev

E-Mail: timur.kiselev@fu-berlin.de,

timur.h.kiselev@gmail.com

Victoria Lomasko

E-Mail: lamaska7@gmail.com

Satz und Layout

Victoria Lomasko, Timur Kiselev

Druck

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Abbildungsnachweis

Titelabbildung:

© Victoria Lomasko; Collage aus den Zeichnungen “Kommunisten“ (Aus der Serie

“Chronik des Widerstands”, vor der Präsidentschaftswahl, 2012) und “Lenin in Osch“

(Aus der Reportage “Reise nach Osch“, 2017)

Abb. S. 6: Coverbild “Other Russias”. Ein Buch von V. Lomasko, Penguin Press

Abb. S. 7: Zeichnung von Iwan Wladimirow “Die Vertreter der alten Regierung sind

verhaftet“, 1917, aus: I. A. Rotschschin: Iwan Aleksejewitsch Wladimirow. Das Leben

und das Werk. 1869-1947. Chudoschnik RSFSR 1974.

Abb. S. 9: Zeichnung aus der grafischen Reportage “Zeichenstunde”, Courtesy Autor

Abb. S. 11: Fresko von V. Lomasko “Tochter des Illustrationskünstlers” (2017),

geschaffen im Rahmen der Ausstellung “The Return of Memory”, Arts Centre Home,

Manchester, England. Archiv V. Lomasko

Abb. S. 37:

Oben: Archiv der Bischkeker Feministischen Gruppe

Unten: Archiv der Jugendorganisation “Neuer Rhytmus“

Abb. S. 44: © Victoria Lomasko

Abb. S. 46 (oben): © Alexander Bikbov

Abb. S. 46 (unten): © Timur Kiselev, Fotograf: Paul Brakmann

Abb. S. 40: Fresko-Skizze “Tochter des Illustrationskünstlers“ (2017) von Victoria

Lomasko, Courtesy Autorin

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