Landkreis Aichach-Friedberg - ganz persönlich

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AICHACH-FRIEDBERG

LANDKREIS

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LANDKREIS

AICHACH-FRIEDBERG

ganz persönlich

Landkreis Aichach-Friedberg

in Zusammenarbeit mit der

neomediaVerlag GmbH


4

IMPRESSUM

Impressum

Herausgeber

Landratsamt Aichach-Friedberg

Münchener Straße 9

86551 Aichach

Tel. 08251 92-0

poststelle@lra-aic-fdb.de

www.lra-aic-fdb.de

In Zusammenarbeit mit:

neomediaVerlag GmbH

Industriestraße 23, 48653 Coesfeld

Tel. 02546 9313-0

info@neomedia.de

www.neomedia.de

Idee und Konzeption

Rainer Wendorff

Redaktion/Lektorat

Landratsamt Aichach-Friedberg

Wolfgang Müller

neomediaVerlag GmbH,

Günter Poggemann

Marc Hankmann

Jens Eber

Grafik/Layout

Kerstin Katemann

Projektakquise

Bernd Kirchdörfer

Bildnachweis

Josef Abt: Seite 15 o.

Erholungsgebieteverein Augsburg:

Seite 116 o.

Erich Echter: Seiten 10 o., 17, 18, 20, 21, 23,

24, 32, 35, 36, 37, 42, 44, 45, 49, 59, 62, 72,

74, 85, 86, 88, 101, 111, 112, 114, 115, 116 u.

Joachim Feldmeier: Seite 10 u.

Adolf Fischer: Seite 59, 107

Karina Garosa: Seite 14

Maximilian Glas: Seiten 9, 108

Wolfgang Glas: Seite 15 u., 97

U. A. Hatzold: Seite 58

Adrian Kaul: Seite 102

Ludwiga von Korff: Seite 19, 106

Petra Krauß-Stelzer: Seite 8, 69

Klaus F. Linscheid: Seite 103

Martha Mikes: Seite 73

Wolfgang Müller: Seiten 31, 112 li.

Gabriele Palzer: Seite 61

Dr. Hubert Raab: Seite 83

Tom Roche: Seite 80

Michael Schmidberger: Seiten 89, 90

Anna Singer: Seite 99

Agentur Simmeth: Seite 22

Ulrich Stark: Seiten 43, 60, 71

Western-City Dasing: Seite 81

Xanderhof-Studios: Seite 8

Porträt- und Firmenfotos stammen, soweit

nicht anders vermerkt, von den jeweiligen

Personen und Unternehmen.

Printed in Germany 2016

Das Manuskript ist Eigentum des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten.

Dem Buch liegen neben den Beiträgen der

Autoren Darstellungen und Bilder der Firmen

und Einrichtungen zugrunde, die mit ihrer

finanziellen Beteiligung das Erscheinen des

Buches ermöglicht haben.

Druck

Mayer & Söhne Druck- und Mediengruppe

GmbH & Co. KG, 86551 Aichach

Bibliographische Information der

Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte Daten sind im Internet

über http://dnb.dbb.de abrufbar.

ISBN 978-3-931334-72-7


5

INHALT

LANDKREIS

AICHACH-FRIEDBERG

ganz persönlich

Inhalt

8 Die Menschen machen‘s aus!

Landrat Dr. Klaus Metzger

12 Unverändert liebenswert

Marian Freiherr von Gravenreuth

14 Geprägt von der alten Heimat

Rouven Blessing

16 In der Welt unterwegs, im

Wittelsbacher Land zu Hause

Stefan Bradl

18 Eine Westfälin in Bayern

Ludwiga Freifrau von Herman

22 Der Wille zum Neuanfang

Altlandrat Christian Knauer

25 Hier führt Teamwork zum Erfolg

ankner GmbH

26 Bauplanung und -beratung

aus einer Hand

ARNOLD CONSULT AG

27 Unsere Herzensangelegenheit:

Mobilität für alle Bürger der Region

Augsburger Verkehrs- und Tarifverbund GmbH

28 Die Umwelt in guten Händen

AVA Abfallverwertung Augsburg GmbH

29 Wir pf legen Beziehungen

CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH

30 „Mein“ Wittelsbacher Land

Altlandrat Dr. Theodor Körner

34 Der Bayerische Hiasl lebt

Barbara Kurz

36 Meine „alte Heimat“

Prof. Dr. Wilhelm Liebhart M. A.

38 Innovativer Standort mit Weltruf

Federal-Mogul Friedberg GmbH

40 Stoffe für die Bühnen der Welt

Fucotex GmbH & Co. KG

41 Höchste Präzision für eine

optimale Motorleistung

GERUS Apparatebau GmbH & Co. KG

42 Heimat Wittelsbacher Land

Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger

46 Wo es gemütlich ist und

wo man sich kennt

Prof. Dr. Dr. Peter Löw

48 Den Dialekt als Privileg würdigen

Rosy Lutz

50 Leidenschaft für Qualität und Präzision

Haimer GmbH

52 Leben in Bewegung

durch Know-how und Innovation

Julius Zorn GmbH


6

INHALT

54 Ganzheitlich, modern und

vor der Haustür

Kliniken an der Paar

56 Gestrandet ...

Gerd Meyer

58 Brauchtum meets die Moderne

Elisabeth Micheler-Jones

60 Gewachsenes Miteinander

trotz Rivalität

Karl Moser

63 Wichtiger Versorger für

das Lebensmittel Nummer 1

Zweckverband zur Wasserversorgung der

Magnusgruppe

64 Einzigartige Ästhetik aus

purem Licht

MBN GmbH

66 Moderne und Nachhaltigkeit

treffen auf Tradition

Mayer & Söhne Druck- und Mediengruppe

GmbH & Co. KG

67 Kinderleicht Leben retten

MedX5 Ltd. & Co. KG

68 Wohlfühlen gibt‘s nur daheim

Bettina Müller

70 Damals und heute im

Wittelsbacher Land

Reinhard Pachner

72 Die Vielfalt im Kleinen

Dr. Hubert Raab

75 Komfort und kurze Wege für

jede Veranstaltung

Messe Augsburg ASMV GmbH

76 Die Vision von mobiler Wärme

mobiheat GmbH

78 Innovative Lösungen über jede

Distanz

OMITRON GmbH

79 Nachhaltigkeit als Basis

unternehmerischen Handelns

Pfeifer Holz GmbH

80 Der Mann mit dem Pferd

Fred Rai

82 Von Fürsten, Rebellen und

einem Tornado

Annemarie Ruf

84 Einmal Landei, immer Landei!

Janina Maria Schmaus

87 Viel mehr als einfache Erde

Schlagmann Poroton GmbH & Co. KG


7

INHALT

AICHACH-FRIEDBERG

LANDKREIS

ganz persönlich

88 Das Eldorado des Amateurtheaters

Michael Schmidberger

91 Gelebte Tradition aus Überzeugung

Schloßbrauerei Unterbaar

92 Saubere Energie dank innovativer

Technik

Schuster Klima Lüftung GmbH & Co. KG

93 Faszination für Holz seit

über 50 Jahren

Sedlmeyr GmH & Co. KG

94 Die Wiege der Wittelsbacher

Stadt Aichach

96 Eine Liebesgeschichte

Prof. Dr. Thomas Schwartz

98 Meine „zweite“ Heimat

Anna Singer

100 Mit Land und Leuten angefreundet

Prof. em. Dr. Kaspar H. Spinner

102 Eine Stadt voller Leben, Kultur

und Geschichte

Stadt Friedberg

106 Eine Wanderin zwischen Zeiten

und Welten

Antje Sträter

109 Nah beim Kunden für eine

optimale Beratung

Stadtsparkasse Augsburg und

Sparkasse Aichach-Schrobenhausen

110 Schwabens starke altbayerische Seele

Prof. Dr. Klaus Wolf

113 Lösungen, die bewegen

Stiehle Solutions GmbH

114 Ein „Trumm vom Paradies“

Prof. Dr. Peter Zerle

117 Service und ein Lächeln seit 1935

Auto Weiss GmbH & Co. KG

118 Zeitgemäßes Wohnen zu

bezahlbaren Mieten

Wohnbau GmbH für den Landkreis

Aichach-Friedberg, Baugenossenschaft Aichach eG

120 Übersicht der PR-Bildbeiträge

104 Gemeinschaftsgefühl wie in einer Familie

Stangl Stromschienenmanagement GmbH


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ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER

„MEIN“

Wittelsbacher

Land

ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER

Im Wittelsbacher Land bin ich daheim, es ist meine Heimat!

Heimat, nicht nur gefühlt, Heimat erlebt und gelebt. Ganz im

Sinne, wie es mein besonders geschätzter Schriftsteller, der

Baden-Badener Reinhold Schneider, ausdrückt: „Heimat ist der

Raum, in den man mit jedem Jahr tiefer eindringt.“ Jedes Lebensjahr

hat sicherlich Akzente, die Heimat fühlen und erleben lassen. Komprimiert

sind es die Jahre der Kindheit, der Jugend, des Studiums und der

ersten Berufserfahrung, die das Gefühl für Heimat prägen – ein Gefühl,

das den Raum Heimat nicht nur einfach lebenswert macht,

sondern geradezu einlädt, für ihn gestaltend tätig zu werden.

Die Kindheit prägte das Umfeld meiner Mutter, einer gebürtigen

lnchenhofenerin. Sie stammte aus einem kleinen bäuerlichen Anwesen.

Der bäuerliche Alltag bei der Großmutter und dem Onkel war bestimmt

vom Kornmandl-Aufstellen über Kartoffelklauben bis hin zum

Viehhüten und schaffte Bezug zum bäuerlich geprägten, an der Jahreszeit

orientierten Denken der Menschen, Bezug zur Landschaft, im

Wortsinn zur Bodenhaftung. Diese Bodenhaftung verstärkte ein einjähriges

„Zwischenspiel“ im Internat, dem Oblatenkonvikt in Dillingen,

umgeben von preußischen Patern und einer flachen Donaulandschaft

mit viel Nebel, jeglicher gewohnten Freiheit beraubt. Da war der

Wechsel zu den bayerischen Benediktinern bei St. Stephan in Augsburg

wie die freie Luft in Beethovens Fidelio. Ich war einfach meinem

geliebten Leahad, wie wir Einheimischen zu lnchenhofen, dem Wallfahrtsort

St. Leonhard sagen, wieder näher und wieder öfter dort. Vor

allem wieder bei meinen alten Schulfreunden.

Die Jugendzeit prägte die Herkunft meines Vaters, der aus dem

Gasthof „Zur Linde“ in Friedberg stammte und der sich nach der

späten Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft dort neben

seinem Hauptberuf als Eisenbahner engagierte. Es wurde ja jede Kraft

gebraucht. Schon früh durfte ich in der Schänke mithelfen, Bier zapfen,

Weizenbier einschenken. Nach der bäuerlichen „kleinen“ Welt

erschloss sich mir eine städtische „große“ Welt mit Geschäftsleuten,

wohlbestallten Handwerkern und Honoratioren mit jeweils strengen

Privilegien, was ihre Weinpokale und Bierkrüge betraf; einfach eine

liebenswerte, aus meiner Sicht ungetrübte Welt, auch eine Welt des

ersten Trinkgelds. Dort geknüpfte Bekanntschaften sollten mir später

auf meinem Weg hilfreich wieder begegnen. Auch dieser Erfahrungsbereich,

so erfuhr ich, war eng verknüpft mit dem bäuerlichen Land,

bezog doch mein Onkel für seine Metzgerei die wesentliche Grund-

geb. 1941 in Inchenhofen, verheiratet, ein Sohn / 1962 Studium

Philosophie und Recht an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU)

München, 1967 Erstes Staatsexamen, Referendar, Tätigkeit bei

Anwälten in Augsburg und Friedberg, 1971 Zweites Staatsexamen,

Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Augsburg / 1974

Regierung von Schwaben, 1975 Landratsamt Augsburg / 1975 Promotion

zum Dr. jur. an der LMU München / 1978 Stadtrat in Friedberg,

Kreisrat in Aichach / 1980 Persönlicher Referent des Landtagspräsidenten,

Regierungsdirektor, 1981 Verwaltungsdirektor bei der

Bayerischen Verwaltungsschule, 1984 – 1989 Fraktionsvorsitzender

Stadtrat und Stellvertreter des Landrats, 1989 – 2002 Landrat des

Landkreises Aichach-Friedberg / 2004 bis heute Rechtsanwalt

lage seines Tuns direkt aus den Ställen von Landwirten seines Vertrauens

aus der näheren Umgebung. Besonders in Erinnerung blieben gelegentliche

Besuche meines Onkels beim Direktor der Pschorr-Bräu in

München. Nicht nur, dass sich der Direktor ausführlich über den Alltag

in Friedberg berichten ließ, für mich fiel bisweilen ein Taschenmesser

ab, ein Statussymbol für jeden Buben auf dem Land.

Die Studienzeit in der lärmend und unpersönlich empfundenen

Landeshauptstadt gab schließlich den Ausschlag, meine ganzen

Bemühungen darauf zu richten, in „meinem“ Landkreis eine ständige

Bleibe zu finden, nicht zuletzt deshalb, weil ich meine ersten beruflichen

Schritte in einer, vom Inhaber liebevoll „Bauernkanzlei“ genannten,

Anwaltskanzlei in Friedberg machen durfte. Es waren bleibende

Eindrücke in den ländlichen Alltag, vor allem bei Fragen der Hofübergabe,

des Vieh- und Getreidehandels. Und als mich der legendäre

Landrat Dr. Franz-Xaver Frey in Augsburg noch dazu ermunterte, mich

kommunalpolitisch, statt beim Staat, zu engagieren, war mein weiterer

Weg vorgezeichnet.

Meine Frau Franziska, eine Augsburgerin, zog mit und wir bezogen

ein Reihenhaus in Friedberg, die Bekanntschaften aus der Schänke

wuchsen zu Freundschaften, der damalige Landtagsabgeordnete, ein


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ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER

echter und überzeugender Volksvertreter, warb mich für ein politisches

Engagement, ein angesehener Bäckermeister überzeugte mich

vom Sinn des aktiven Einsatzes bei der Feuerwehr, die mich den Wert

handwerklicher Erfahrung bei den Hilfseinsätzen kennen und schätzen

lehrte und vor allem das ehrliche Wort, ein Stück unseres Landkreises.

Ein Übriges tat die Münchner Zeit als Persönlicher Referent

des Landtagspräsidenten, dessen Stimmkreis der Landkreis Lindau

war. Der dortige interessante Alltag im Obst und Weinbau, das gesellschaftliche

gesellige Zusammenleben, schwappte auch ins hohe Haus

des Maximilianeums. War es auch nicht meine unmittelbare Zuständigkeit,

aber über den Terminplan des Chefs wurde ich doch mit den

Themen konfrontiert, Themen, die für die Bittsteller oft von existenzieller

Bedeutung waren. Wenn ich dann den Dank und die Freude

über erfahrene Hilfe dem Präsidenten weiterleiten konnte, wurde mir

bewusst, wie sinnvoll solches Engagement ist. Für mich stand eindeutig

fest: Für „meinen“ Landkreis zu arbeiten lohnt sich. Ich bewarb

mich für den Stadtrat in Friedberg und den Kreistag in Aichach-

Friedberg und wurde gewählt.

Beruflich noch in München tätig, richtete ich meine Freizeitaktivitäten

ganz auf die Stadt und den Landkreis, lernte in Sprechstunden in

den Fußstapfen des rührigen Landtagsabgeordneten die großen und

kleinen Sorgen der Menschen kennen, konnte auch bisweilen helfen.

Nicht nur die menschlichen Sorgen, auch die Wirtshäuser des Landkreises,

von denen es viele heute schon nicht mehr gibt, wurden mir

bei Versammlungen vertraut und dabei der echte Altbayer: Ein

Menschenschlag, größeren Veränderungen stets abgeneigt, seinen

Emotionen freien Lauf lassen könnend, Argumenten in seiner Sprache

ausgedrückt aber doch zugänglich, kurz: Hauptsache, einen zu haben,

an den man ,,hinschimpfen“ kann.

Voller Idealismus trat ich dann auch mein Amt als Landrat an, im

Rücken eine Mehrheit von 63,3 % bei insgesamt vier Bewerbern, vor

mir die Probleme mit der Mannertschen Hausmülldeponie, in die nicht

nur der Landkreis seinen Müll lieferte, sondern auch der „Nobellandkreis“

Starnberg, mit der halbstaatlichen Sondermülldeponie, dem

Austritt von Arsen aus dem Deponiekörper. Mit diesem Problem sah

sich der Landkreis allein gelassen, die verantwortlichen Politiker auf

Landesebene redeten das Problem klein, nahmen ihnen doch die

Betreiber der beiden Anlagen manch problematische Entsorgung ab.

Dazu kam das Zuviel an Krankenhäusern mit enormen jährlichen Defiziten

im Haushalt. Der Idealismus wich sehr bald der Realität der

Proteste, den Demonstrationen, ja, den Rücktrittsforderungen ob der

bestehenden Missstände. Dies tat meinem Engagement für diesen

Raum aber keinen Abbruch, spornte mich eher noch an, Wege aus

dem Dilemma aufzuzeigen.

Das Ziel war klar: Schluss mit der Hausmülldeponie, eindeutige staatliche

Zuständigkeit bei der Arsenproblematik, dafür eine Verbrennungsanlage

auf modernstem technischem Stand. Den geplanten Weg dorthin

konnte ich dem Kreistag in seiner damals polarisierenden Stimmung

nicht detailliert darlegen, ohne nicht an anderer Stelle Demonstrationsfeuer

zu entfachen, ich ging ihn einfach. Als erstes konnte Mannert in

einem äußerst harten Disput überzeugt werden, dass jedes weitere Bemühen

um Aufrechterhaltung oder gar Erweiterung seiner Deponie auf

härtesten Widerstand stößt, er ließ davon ab. Ferner blieb ich statt der

satzungsmäßigen zwei Jahre fünf harte Jahre Aufsichtsratsvorsitzender

bei der Abfallverwertungsanlage Augsburg und zurrte die Deponierung

der Restschlacke in den Salzstöcken von Heilbronn fest, womit auch eine

Restschlackendeponie bei uns hinfällig wurde. Der Anwurf der IHK

Schwaben und des Kreistags Augsburg, ich hätte dadurch die Entsor-

Das Sisi-Schloss in Unterwittelsbach, von der Stadt

Aichach in enger Abstimmung zwischen Bürgermeister

und Landrat erworben, und der Bauernmarkt in Dasing,

vom dortigen Bürgermeister und vom Landrat

durchgesetzt, sind heute Anziehungspunkte weit über

die Landkreisgrenzen hinaus.

Altlandrat Dr. Theo Körner mit seinem Vorgänger, Josef Bestler (Mitte),

und seinem Nachfolger im Amt, Christian Knauer


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ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER

gungssicherheit des Raums gefährdet, prallte an mir ab. Die Arsenausfällanlage

übernahm nach langem Hin und Her der Staat und betreibt

sie bis heute. Für die zu schließenden Krankenhäuser in Aindling und

Mering fanden wir sinnvolle Nachfolgeeinrichtungen mit einem Altenwohnheim

und einem Ärztezentrum. Der Weg dorthin war steinig.

Trotz aller Widerstände wurde ich bei der zweiten Wahl zum Landrat

bei insgesamt fünf Bewerbern im ersten Wahlgang wiedergewählt, obwohl

mich sehr viele in der Stichwahl sahen. Der Altbayer erkennt Aufrichtigkeit

an, er verabscheut das „Nach-dem-Mund-Reden“.

Sieht man die harten politischen Auseinandersetzungen, die

persönlichen Angriffe auch gegen die Familie und engere Verwandtschaft,

im Licht des Erreichten, so führte das Erlebte zu einer noch

tieferen Verbindung zum Landkreis, zu einem guten Heimatgefühl. Es

gab ehrliche Empörung, ja Zorn, noch einmal mit einer Deponie überzogen

zu werden, es war die Sorge um die Heimat und die Nachwelt,

die viele antrieb. Es war auch meine Sorge. Dafür habe ich auch viel

Verständnis. Einen Grund, nachtragend zu sein, gibt es nicht.

Vor allem deshalb nicht: Am Ende meiner Amtszeit hatte sich das

Negativbild vom „Mülllandkreis“ zum Positivbild des „Wittelsbacher

Landes“ gewandelt. Zusammen mit den Bürgermeistern des Landkreises

nutzten wir nach der Wiedervereinigung die Fördermittel der

EU (Vb-Leader Plus) für ländliche Regionen und fanden in der Besinnung

auf unsere Wurzeln den Qualitätsbegriff für unsere Landschaft

und unsere Produkte. Das war nur möglich mit Pionieren wie den

Wirten mit den bald begehrten Spezialitätenwochen, den Direktvermarktern

mit ihren Hofläden. Mit viel Tag- und Nachtarbeit, viel

Einfallsreichtum und Auftritten auf Messen beschritten wir einen

neuen Weg, abgesegnet vom Haus Wittelsbach. Eine Erfolgsgeschichte,

die heute nicht mehr wegzudenken ist, anfangs belächelt, von Teilen

der Lokalpresse sogar niedergeschrieben.

Das Sisi-Schloss in Unterwittelsbach, von der Stadt Aichach in enger

Abstimmung zwischen Bürgermeister und Landrat erworben, und der

Bauernmarkt in Dasing, vom dortigen Bürgermeister und vom Landrat

durchgesetzt, sind heute Anziehungspunkte weit über die Landkreisgrenzen

hinaus. Dabei sei auch der Regio Augsburg Tourismus mit ihrem

rührigen Direktor an der Spitze gedankt – auch die Mitgliedschaft

in dieser Organisation war im Kreistag nicht unumstritten.

Hätte es noch eines Beweises der Liebenswürdigkeit unseres Landkreises

bedurft, der Fall des Eisernen Vorhangs und seine Folgen liefern

sie: Wir verbanden uns nach der Wiedervereinigung mit dem

sächsischen Landkreis Riesa. Mein dortiger Landratskollege stellte

nach einigen Besuchen bei uns beeindruckt fest: Euer enges Vereinsleben,

eure noch weitgehend intakte Landschaft – es wird bei uns Generationen

dauern, bis wir Ähnliches erreichen, ein Eindruck, den auch

seine Referenten bei den Besuchen hatten. Auch zu den Ungarn in

Balatonföldvár am Plattensee nahmen wir Kontakt auf. Ihre innige

Verehrung von König Stephan I. dem Heiligen und seiner Gemahlin

Prinzessin Gisela von Bayern hatten sie während der Kommunistenzeit

mit dem „Tag des neuen Brotes“ getarnt, den sie jährlich am 19. August,

dem Namenstag von Stephan, begehen. Heute ist dies Feiertag und

das erste Brot der neuen Ernte, geschmückt mit einem Band in den

ungarischen Nationalfarben, wird gefeiert, viele tragen ihre Trachten.

Als sie uns besuchten, nannten sie unseren Landkreis den „Inbegriff

von Bayern“, der Heimat „ihrer“ Prinzessin Gisela. Gibt es schönere

Komplimente?


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ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER

Bauernmarkt Dasing, 2001 eröffnet

Sieht man die harten politischen Auseinandersetzungen,

die persönlichen Angriffe auch

gegen die Familie und engere Verwandtschaft,

im Licht des Erreichten, so führte das Erlebte zu

einer noch tieferen Verbindung zum Landkreis,

zu einem guten Heimatgefühl.

Zwei Anmerkungen zum Schluss: Öfters begrüßten mich Wirte, hielt

ich bei ihnen einen politischen Frühschoppen, damit: „Mensch, Körner,

heut werd‘ns dich wieder richtig hernemma. Aber ich hab dir frische

Weißwürscht g‘macht, die lasst dir nachher schmecken.“ Braucht es

einen größeren Beweis für Liebenswürdigkeit im Wittelsbacher Land?

Zu Beginn meiner Amtszeit ein Gespräch mit der niederbayrischen

Landratskollegin: „Woher kommst du?“ Ich: ,,Aus Aichach-Friedberg!“

Sie: ,,Ach ja, der mit der Vera Brühne (sie saß damals in Aichach ein) und

der mit der Verdruss-Deponie!“ Ein derartiges Bild von „meinem“ Landkreis

weckte meinen Ehrgeiz. Und so kommt es zu folgender Sentenz:

Was ist Bayern? Bayern, das sind die Wittelsbacher mit 800-jähriger Geschichte,

die Herzöge, die Könige und der eine Kaiser. Und die haben die

Wurzeln im Landkreis, in Oberwittelsbach. Und wäre 1208 der Königsmord

von Bamberg nicht passiert, Pfalzgraf Otto VIII. nicht als Mörder

verdächtigt und geächtet und die Burg 1209 nicht geschleift worden,

dann wäre das Herz und der Mittelpunkt Bayerns nicht München, sondern…!

Ja: Wenn…, wäre… Was soll das „Wäre“? Es ist mein Wittelsbacher

Land!


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WEIHBISCHOF DR. DR. ANTON LOSINGER

HEIMAT

Wittelsbacher

Land

WEIHBISCHOF DR. DR. ANTON LOSINGER

geb. 1957 in Friedberg/Bayern, 1977 – 1983 Studium der Philosophie

und Theologie an der Universität Augsburg, 1983 Priesterweihe in

Augsburg, 1988 Promotion zum Dr. theol., 1989 – 1993 Studium der

Volkswirtschaftslehre, 1993 Promotion zum Dr. rer. pol., 1994/1995

Gastprofessor an der School of Philosophy der Catholic University

of America/Washington D.C., 1997 – 2000 Pfarrer in Irsee im

Allgäu und Ingenried, 2000 Ernennung zum Weihbischof, Leiter

der Arbeitsgruppe Sozialpolitik der Kommission VI der Deutschen

Bischofskonferenz, 2005 Berufung zum Mitglied des Nationalen

Ethikrates, 2009 Berufung zum Mitglied der Bioethik-Kommission

der Bayerischen Staatsregierung, Ernennung zum Dompropst

im Bistum Augsburg, 2015 Mitglied der Kommission VIII für

Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz, 2012

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik

Deutschland

Als ich im Jahr 1957 in Friedberg geboren wurde, existierte

noch kein Landkreis Aichach-Friedberg. Das Friedberger

Umland und der kleine Ort Rohrbach, in dem meine Familie

seit Menschengedenken wohnt, war ländlich geprägt und

auf Friedberg konzentriert. Allenfalls zum Einkaufen fuhr man nach

Augsburg, in besonderen Fällen nach München. Auch existierte noch

kein Gymnasium in Friedberg, sodass mein Weg zum Abitur im Jahr

1968 am Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen begann. Gleiches

kann man auch über die beiden anderen Regionen des Landkreises

Aichach-Friedberg sagen, nämlich Aichach und Mering. Erst im

Jahr 1972 kam der provisorische Landkreis Augsburg-Ost zusammen,

der am 1. Mai 1973 seinen endgültigen Namen Aichach-Friedberg bekam.

Dieses Landkreisgebilde hat viele Fragen und Konflikte hinter

sich. Was man heute mit dem sympathischen Namen Wittelsbacher

Land benennt, setzt sich aus sehr unterschiedlichen Sprach-, Kulturund

Mentalitäts-Komponenten zusammen. Der Altlandkreis Aichach

war und ist ja das bayerische Stammland des Gründergeschlechts der

Wittelsbacher, es wurde mit dem schwäbisch geprägten Friedberg

und Mering synthetisiert, sodass das Herrschergeschlecht der Bayern,

das 738 Jahre lang hier regierte, nun auf einmal zum Regierungsbezirk

Schwaben gehörte. Welch eine Anomalie der Geschichte! Auch das Zusammengewöhnen

mit den Meringern brauchte durchaus Zeit. Ein

signifikantes Indiz für das Zusammenkommen unterschiedlicher Mentalitäten

und Herkünfte ist die Sprache. Nicht zuletzt der bekannte

bayerische Sprachatlas, den Prof. Werner König an der Universität

Augsburg prominent erforschte, markiert die signifikante Sprachgrenze

zwischen schwäbisch und altbayerisch, die sich mitten durch den

Landkreis Aichach-Friedberg zieht und den Lechrain prägt.

Weihbischof Losinger und Dekan Stefan Gast beim traditionellen

Leonhardiritt in Inchenhofen

Auch die Betrachtung aus kirchlicher Perspektive liefert ein malerisches,

kleinteiliges und ländliches Blickfeld. Landauf, landab finden

sich teils prächtige, liebevoll restaurierte Pfarrkirchen und Kapellen,

die Zeugnis von der Bodenständigkeit eines gelebten Glaubens und

treuer Kirchlichkeit der Menschen dieses Landstrichs geben. Neben

den bedeutenden Pfarrkirchen in Friedberg, Mering und Aichach

waren es über lange Zeit seelsorglich gut versorgte Pfarreien und Kirchengemeinden,

die von einer starken kirchlichen Identifikation und

Gläubigkeit der Menschen lebten und heute noch leben. Die Bodenständigkeit

des Glaubens, wie man sie im altbayerischen-schwä-


43

WEIHBISCHOF DR. DR. ANTON LOSINGER

Die Mitra von Weihbischof Losinger, gestiftet

durch den Landkreis Aichach-Friedberg

Blick auf den malerisch gelegenen Markt Aindling am Lechrain

bischen Teil der Diözese Augsburg erlebt, ist von einer unvergleichlichen

Solidität und Stabilität, vergleicht man sie etwa mit religiösen

Strukturen im Norden, Westen oder Osten Deutschlands. Vor allem

I nchenhofen und die altehrwürdige Wallfahrt zum heiligen Leonhard

ist zu erwähnen – übrigens zu mittelalterlichen Zeiten an Popularitätswert

schon einmal unter den ersten drei Wallfahrtsstätten in der

So wünsche ich meinem geschätzten Heimatlandkreis Aichach-

Friedberg, aus dem reichen geschichtlichen Erbe des Wittelsbacher

Landes entstanden, aus der Verschiedenheit der Regionen und ihrer

Menschen in Frieden vereint, Gottes reichen Segen, allzeit Frieden,

gute politische Entscheidungen und eine blühende Zukunft!

römischen Kirche neben Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela.

Nicht zuletzt stechen – nur um einige markante Beispiele

zu erwähnen – bedeutende Wallfahrtsorte wie Friedberg-Herrgottsruh,

Maria Beinberg im Aichacher Land und Maria Kappel in

Schmiechen in ihrer künstlerischen Schönheit und religiösen Anziehungskraft

ins Auge.

In den zurückliegenden Jahrzehnten seit der Gründung des Landkreises

Aichach-Friedberg hat sich viel getan. Die Menschen erlebten

in vielen Bereichen einen bedeutenden Modernisierungsschub. Aus

einem ländlich geprägten Umfeld wurde eine Industrie- und Dienstleistungswirtschaft.

Viele Arbeitsplätze befinden sich in Augsburg und

München. Allein im Meringer Umfeld ist eine ganz neue Pendlergeneration

entstanden. Sämtliche der großen Städte

im Landkreis besitzen ein Gymnasium. Die Bildungsoffensive

hat ebenso durchgeschlagen wie

eine starke soziale und gesundheitliche Vernetzung

und Versorgung mit renommierten Krankenhäusern.

Bei allem Tempo der Veränderung

bleibt aber eines für den Landkreis Aichach Friedberg

typisch: die Menschen empfinden diese, ihre

Region als ihre Heimat. Auch die Wiederbelebung

des Titels „Wittelsbacher Land“ spricht für eine

solche Identifikation und Beheimatung in der Geschichte

und typischen Prägung dieses Landes.

Für meinen Teil kann ich sagen: Ich freue mich darüber und bin dankbar,

in der Stadt Friedberg geboren zu sein und einem Landkreis zuzugehören,

dessen geschichtliche und geistige Prägung von solcher

identitätsstiftender Kraft bis heute geblieben ist und den Menschen

Heimat bietet. Vor allem ein Indiz freut mich bis auf den heutigen Tag

besonders: Als ich im Juli des Jahres 2000 von Papst Johannes Paul II.


44

WEIHBISCHOF DR. DR. ANTON LOSINGER

Für meinen Teil kann ich sagen: Ich freue mich darüber und

bin dankbar, in der Stadt Friedberg geboren zu sein und einem

Landkreis zuzugehören, dessen geschichtliche und geistige Prägung

von solcher identitätsstiftender Kraft bis heute geblieben ist

und den Menschen Heimat bietet.

ernannt und im Augsburger Dom zum Bischof geweiht wurde, hatte

mir der damalige Landrat als besonderes Geschenk des Landkreises

Aichach-Friedberg meine Mitra gestiftet, auf der neben meinem persönlichen

Wappen auch das Wappen des Landkreises Aichach-Friedberg

abgebildet ist, unter den bayerischen Rauten das grüne Eichenblatt

und das goldene Ulrichskreuz. Ein für mich bewegendes Zeichen

heimatlicher Verbundenheit im Wittelsbacher Land und Landkreis

Aichach-Friedberg.

Der angesehene ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio

schreibt in seinem bekannten Buch „Die Kultur der Freiheit“ über die

Notwendigkeit von geistigen und religiösen Wurzeln für die Kultur

eines Landes. Sie sind das unverzichtbare Fundament

jeder Gesellschaft, aus dem die Menschen

Kraft, Sinn und Identität für ihr Leben schöpfen.

Kritisch fragt er gerade im Szenario der dramatischen

Geschwindigkeit kultureller Veränderungen

unserer Epoche, was die Menschen in

ihren Überzeugungen letztlich trägt und wie

dieses kulturelle Fundament, auf dem auch unsere

Rechtsordnung und unser gesellschaftliches

Leben aufgebaut sind, letztendlich begründet

werden kann. Seine Antwort zielt auf einen Grund, den man solide

als „geistige und religiöse Heimat“ bezeichnen kann. Selbst wenn im

Zeitalter manches brüchig geworden ist und vieles sich ändert,

bleibt solche Heimat unverzichtbar, weil sie Kultur begründet,

gesellschaftliche Identität fördert und den Zusammenhalt der

Menschen trägt.

So wünsche ich meinem geschätzten Heimatlandkreis Aichach-

Friedberg, aus dem reichen geschichtlichen Erbe des Wittelsbacher

Landes entstanden, aus der Verschiedenheit der Regionen und ihrer

Menschen in Frieden vereint, Gottes reichen Segen, allzeit Frieden, gute

politische Entscheidungen und eine blühende Zukunft!

Wunderbare Feldkreuze finden sich unzählige im Wittelsbacher Land, hier bei Burgadelzhausen.


45

WEIHBISCHOF DR. DR. ANTON LOSINGER

Herrgottsruh in Friedberg – eine von mehreren herausragenden Wallfahrtskirchen im Wittelsbacher Land

Nicht zuletzt stechen bedeutende Wallfahrtsorte wie Friedberg-Herrgottsruh,

Maria Beinberg im Aichacher Land und Maria Kappel in Schmiechen in ihrer

künstlerischen Schönheit und religiösen Anziehungskraft ins Auge.


46

PROF. DR. DR. PETER LÖW

Wo es gemütlich

ist und WO MAN

SICH KENNT

PROF. DR. DR. PETER LÖW

geb. 1960 in Ludwigshafen/Rhein / 1980 – 1985 Studium Rechte

an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 1992 Promotion zum

Dr. iur. utr. / 1982 – 1989 Studium Neuere und Neueste Geschichte,

1990 Promotion zum Dr. phil. / 1991 MBA-Studium am INSEAD

(Frankreich) / 1992 – 1993 Unternehmensberater, McKinsey Co. Inc. /

seit 1993 selbstständiger Unternehmer: Erwerb von mehr als 200

Unternehmen, u .a. Adler Modemärkte, Pitstop, Gigaset / 2001

Verleihung des Bundeswehrehrenkreuzes in Gold, 2008 Verleihung

des Großkreuzes des Verdienstordens des Souveränen Malteser

Ritterordens, 2011 Verleihung des Großkreuzes des Päpstlichen

Ritterordens St. Sylvester / 2012 Mitglied Senat der Phil.-Theol.

Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz / 2013 Honorarprofessur

Wirtschaftsphilosophie an der Hochschule Heiligenkreuz / seit 1981

Reserveoffizier, Oberstleutnant der Reserve

Wie schön ist es anzuschauen, unser Wittelsbacher Land,

und wie prächtig liegt es da, wenn man vom Burgfried

des Schlosses Hofhegnenberg nach Norden über Mering

und Friedberg gen Aichach blickt, Augsburg links

liegen lassend. Auch die majestätische Kulisse der Alpen im Süden

lenkt den Blick über die stillen Lande nicht ab. Im Norden des Landkreises

liegt Aichach mit der Burg Wittelsbach bzw. deren sakralen

Überresten, altbaierische Kernlande sozusagen. Doch auch wir im

Süden in Hofhegnenberg sind uns unserer altbayerischen Wurzeln

bewusst. Erst die Gebietsreform von 1972 hatte Hofhegnenberg vom

Regierungsbezirk Oberbayern zum Regierungsbezirk Schwaben verbracht.

Hofhegnenberg vom Ballon aus

Schloss Hofhegnenberg war lange ein echtes Wittelsbacher Schloss,

insoweit trägt es zum Ruf des Wittelsbacher Landes bei. Um 1300 auf

der höchsten Anhöhe zwischen Augsburg und München als Grenzbefestigung

gegen das Hochstift Augsburg errichtet, gelangte es

schließlich 1411 in Wittelsbacher Besitz. Herzog Wilhelm IV. überließ

die Hofmark 1542 als Lehen seinem morganatischen Sohn, dem Ritter


47

PROF. DR. DR. PETER LÖW

Georg von Hegnenberg, dem Dux, wie man ihn hier noch heute respektvoll

nennt. Der hatte den deutschen Kaiser Karl V. bei der

Schlacht von Tunis 1535 aus der Hand der Osmanen gerettet und wurde

als Dank zum Goldritter und Heerführer des kaiserlichen Heeres erhoben.

Die Hofmark wurde Erblehen. So wird das Wittelsbacher Land

vom Norden bis zum Süden von altbaierischen Gebieten und Wittelsbacher

Schlössern durchzogen, auch wenn manchmal nur noch die

Steine, wie z. B. bei Beatae Mariae Virginis, von der prächtigen Vergangenheit

künden. Augsburg-Ost wollten sie diese kulturträchtige und

eigenständige Region taufen, 1972/73, provisorisch natürlich. Wir

nennen Augsburg auch nicht Aichach-Friedberg-West.

Wie schön das Land ist, wurde mir erst auf einer Ballonfahrt bewusst.

Von Hofhegnenberg kommend blies uns ein freundlicher Wind

aus Italien nach Norden. Hinter saftigen Wiesen und sanften Hügeln

zogen die stolzen Städte vorbei, Mering mit der Pfarrkirche St. Michael

samt Wehranlage, Friedberg mit seinem Schloss und den trutzigen

Mauern, unter uns blitzte die Paar, der Lech grüßte aus der Ferne. Bei

Sankt Afra im Felde soll die Heilige einst den Märtyrertod gefunden

haben und die Wallfahrtskirche „Unseres Herrn Ruh“ ist eine der

schönsten Rokokokirchen in Bayern. Von oben entwickelte sich eine romantische

Landschaft, irgendwie surreal, klein und doch vertraut. Ich

erinnerte mich unwillkürlich an ein Gedicht von Joseph Freiherr von

Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch

die stillen Lande als flöge sie nach Haus.“ Dann setzte der Wind uns

sachte ab.

Nichts deutet heute mehr darauf hin, dass unser Wittelsbacher

Land auch andere als friedliche Zeiten gesehen hat. Doch schon 955

konnten die Ungarn nur in blutigen Schlachten am Lech aufgehalten

werden, Teile der Kämpfe fanden wohl bei uns vor Mering statt. Und

auch die Schweden trieben im 30-jährigen Krieg hier ihr Unwesen und

zogen brennend und mordend durch das Land. Schloss Hofhegnenberg

wäre beinahe selbst dem Brandschatzen zum Opfer gefallen – ja

Kapelle St. Willibald in Hergertswiesen bei Eurasburg

Möchte ich aber meine Ruhe und meinen Frieden finden, bleibe

ich einfach im Landkreis, steige auf den Hofhegnenberger Burgfried

und schaue auf die majestätischen Alpen und auf mein

Wittelsbacher Land.

hätte nicht die heilige Jungfrau Maria persönlich dem Treiben ein Ende

gesetzt und, so berichtet die Legende, die schwedischen Horden in

die Flucht geschlagen. Schloss Hofhegnenberg jedenfalls blieb als

eines der wenigen Schlösser der Zeit unversehrt. Die heilige Maria verehren

wir bis heute, aber natürlich nicht nur deswegen. Ein Land der

Wunder braucht es manchmal auch in unserer Zeit.

Fahre ich gen Westen über den Lech und weiter tief ins Schwabenland,

merke ich wie die Welt sich immer mehr verändert. Es fehlen die

bayerisch geprägten Dörfer, es wird anders gegessen,

es wird anders gesprochen. Und wo sind die

schmucken Dorfkirchen mit Engeln und Weihwasser,

mit Marienfiguren und Opferkerzen? Und

leuchtet der Himmel überhaupt noch in blau und

weiß? Dann möchte ich am liebsten wieder umdrehen

und heimfahren, dorthin, wo man sich zu Hause

fühlt, dorthin, wo es gemütlich ist und man sich

kennt. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“, möchte man mit

Goethe sagen. Als „Wittelsbacher Landler“ geht es einem eben gut.

Zieht es mich in eine große Stadt, sind München und Augsburg nicht

weit, möchte ich nach Westen oder Osten reisen, ist die A 8 gleich um

die Ecke, strebe ich gar in die weite Welt, ist der Flughafen in München,

manchmal auch der in Augsburg, ganz nahe. Möchte ich aber

meine Ruhe und meinen Frieden finden, bleibe ich einfach im Landkreis,

steige auf den Hofhegnenberger Burgfried und schaue auf die

majestätischen Alpen und auf mein Wittelsbacher Land.


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GERD MEYER

GESTRANDET …

GERD MEYER

geb. 1966 in Flensburg / studierter Diplom-Pädagoge und ausgebildeter

Schauspieler, Sprecher und Moderator / viele Jahre bei Radio RT.1

in Augsburg tätig / spielte in TV-Produktionen wie „Tatort“, „Großstadtrevier“

oder „Comedy Falle“ / Stammsprecher bei der Augsburger

Puppenkiste / verleiht als Synchronsprecher u. a. dem Willi in der ZDF-

Neuauflage der Kinderserie „Biene Maja“ seine Stimme / moderiert

Veranstaltungen, hält Vorträge und bietet Workshops für Moderation

und Camera-Acting an

Möwen, Wellen, Wind und Dünen –

Herrlich…, aber schlecht zum Geld verdienen!

Und so wurd` aus mir, dem „Nordlicht Meyer“,

Vor vielen Jahren ein „zugereister Bayer“.

Zugegeben: Am Anfang war es nicht ganz leicht,

War ich doch eher auf Pils als auf Weizen geeicht.

Auch „Fleischküchle mit Blaukraut“ war mir fremd,

Da es der Norddeutsche unter „Frikadelle mit Rotkohl“ kennt!

Aber letztlich ist es egal, wer welche Sprache kann:

Es kommt immer auf die Menschen dahinter an!

Die Gebietsreform 1972 war nur ein bürokratischer Akt,

Denn selbst ich als Zugereister spüre, und das ist Fakt:

Im Wittelsbacher Land erlebt man immer noch zu jeder Zeit

Die altbaierische Herzlichkeit!

Und das nicht nur, wenn man durch die Städte geht,

Sondern auch, wenn man hier auf der Bühne steht.

Ob privat beim Bummeln, oder „dienstlich“ mit Mikrofon:

Man macht es mir leicht, hier gerne zu wohn`.

Man ist hier fröhlich, ehrlich, traditionell und auch modern,

Man lebt im 21. Jahrhundert und hat trotzdem auch die Sisi gern.

Ob Volksfest, Sportevents, großartige Märkte oder Open-Air:

Im Wittelsbacher Land findet man Action, Charme und Flair.

Sicher: Das Meer wird immer meine Heimat sein; geb` ich zu, unumwunden.

Doch hab` ich hier meine Liebe und auch ein neues Zuhause gefunden.


57

GERD MEYER

Und trotzdem mussten unsere Kinder ja auf „Wasser“ nicht verzichten:

Ich könnte Seiten über unsere Badetage in Radersdorf oder an der Paar hier dichten.

Nur – dass ich beim Wasserski in Friedberg wirklich super war, ist leider gelogen:

In der berühmten „Bayern-Kurve“ bin ich so was von rausgeflogen…

Aber gut – man muss ja auch nicht zwingend zum Profi-Sportler mutieren,

Man kann ja auch einfach nur gaaanz entspannt die Umgebung inspizieren.

Ob mit Fahrrad oder zu Fuß; ob mit Esel oder Hund:

Für unsere Ausflüge hier finden wir immer einen „natur-schönen“ Grund.

Für meinen Job muss ich allerdings meist nach München rein,

Da geb` ich dann im Synchron-Studio mein stimmliches Stelldichein.

Dank gern „verstauter“ A8 geht`s sehr früh los, zurück wird`s spät…

Warum ich mir die Fahrerei antue? Ganz einfach: Es geht um Lebensqualität!!

Und so lautet die Moral von dem Gedicht:

Woanders wohnen wollen wir nicht.

Im Wittelsbacher Land erlebt man immer noch zu jeder Zeit

Die altbaierische Herzlichkeit!


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PROF. DR. THOMAS SCHWARTZ

Eine

LIEBESGESCHICHTE

PROF. DR. THOMAS SCHWARTZ

Liebesgeschichte. Wenn man solch einen Titel für einen Beitrag

wählt, dann wird damit schon deutlich, dass es um mehr geht,

als um reine Fakten. Dass man über Emotionen schreibt, ganz

persönliche Zugänge schildert, dass man nicht von objektiven

Tatbeständen und Sachverhalten erzählt, sondern von Innenansichten

und Erfahrungen, die einen geprägt haben und weiter prägen. Kein

Rechenschaftsbericht, sondern eben wirklich eine Liebesgeschichte.

So ergeht es mir, wenn ich über das Wittelsbacher Land schreibe. Über

jene Region, die ich nun seit 1983, also seit über dreißig Jahren, mein

Zuhause nennen darf. Damals zog meine Familie aus der Pfalz hierher

in unseren Landkreis und ja, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Es

war Liebe auf den ersten Blick.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment und die Gefühle damals,

als ich mit meinen Eltern und meiner Schwester durch das Untere

Tor zum ersten Mal nach Aichach kam. Die im Rahmen der Städtebauförderung

durchgeführte umfassende Sanierung unserer Kreisstadt

war erst einige Jahre zuvor abgeschlossen worden, die Sonne beschien

den Platz, dessen Zentrum das Rathaus bildet, und wir vier waren wie

verzaubert. Wir waren gebannt von dem Bild eines Ortes, der von gemächlicher

Beschaulichkeit und aktiver Bürgerschaft zugleich geprägt

war und der für uns, die wir (noch) Fremde waren, eine einladende

freundliche Atmosphäre ausstrahlte. Man konnte, nein, man wollte

haltmachen und durch den Ort schlendern, hier und dort verweilen, in

einem der Cafés oder Gasthäuser einkehren. Fast unmittelbar wussten

wir: Hier, in dieser Region, möchten wir gerne leben – wir tun es bis

heute und haben es nie bereut. Im Rückblick denke ich mir immer wieder:

Man musste sich in das Wittelsbacher Land verlieben!

Wenn meine Verbindung zur Region, und damit natürlich nicht nur

zu den wunderschönen Gebäuden, seien sie säkularen oder kirchlichen

Charakters, sondern vor allem den Menschen, eine Liebesbeziehung

ist, dann geht es mir dabei natürlich auch wie jedem anderen „normalen“

Menschen in solchen Beziehungen: Wenn die erste Verliebtheit

abebbt und der „Zauber des Anfangs“ dem klareren Blick des Alltags

weicht, entdeckt man selbstverständlich mit mehr Nüchternheit auch

manches, was dem ersten Eindruck widerspricht oder – um es positiv

zu sagen – was eines tieferen Eintauchens und Kennenlernens bedarf.

Das gilt auch für unseren Landkreis. Aber nur der genauere Blick kann

von einer ersten „rosaroten“ Verliebtheit zu einer echten Liebe führen.

Und so war es bei mir.

geb. 1964 / 1984 – 1991 Studium Philosophie und Theologie in

Münster, Augsburg und Rom / 1990 Priesterweihe in Rom, Kaplanszeit

in Mering, moraltheologische Promotion in Freiburg im Br. /

1999 – 2009 Hochschulpfarrer in Augsburg und Pfarrseelsorge in

Rehling und Stotzard / 2005 Professor für Angewandte Ethik an der

Hochschule Augsburg, daneben Lehrtätigkeit in Wirtschafts- und

Unternehmensethik an der Wirtschaftsfakultät der Universität

Augsburg, 2014 dort Honorarprofessur / seit 2010 Pfarrer in Mering /

seit 2015 Geistlicher Beirat der Katholischen Erzieher Gemeinschaft

(KEG) in Schwaben

Was mich dabei von Beginn an besonders am Wittelsbacher Land

faszinierte, was sich dann in meiner Zeit als Kaplan in den 1990er-Jahren

in Mering fortsetzte und in einem Jahrzehnt der seelsorgerlichen

Arbeit in den Gemeinden Stotzard und Rehling vertiefte, war die

große und traditionelle, gleichwohl nicht traditionsversessene Bindung

der Menschen an den Glauben und die mit ihm verbundenen

Werte. Groß geworden in schon teilweise sehr säkularisierten Gegenden

Deutschlands konnte ich die Erfahrung von Volkskirche machen,

die – zumindest bis vor einigen Jahren – noch wirklich Sache des

Volkes war: Sonntags stets gut gefüllte Kirchen waren die Regel, nicht

die Ausnahme! Und bis heute vermittelt das Miteinander der Menschen

in den Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden den Eindruck,

dass alle zusammengehören wollen. Gerade heute, angesichts

von Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise, ist das entscheidend.

Denn nur mit den Werten und Haltungen, wie sie unsere Region verkörpert,

können wir diese Herausforderung nicht nur annehmen, sondern

auch meistern. Wie das geht, das zeigen tausende Menschen bei

uns im Wittelsbacher Land jeden Tag. Voller Respekt denke ich beispielsweise

an die zahllosen ehrenamtlichen Initiativen in unserem

Landkreis, wo Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Deutschkenntnisse

vermittelt werden und sich darüber hinaus vielfältige, zum Teil

auch freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichster

kultureller Herkünfte bilden.


97

PROF. DR. THOMAS SCHWARTZ

Überhaupt die Menschen! Bodenständig, ruhig, durchaus freundlich,

traditionsbewusst, dennoch bislang Unbekanntem nicht verschlossen,

wenngleich Neuem zunächst auch mit einer gesunden

Skepsis gegenübertretend, sind die Menschen des Wittelsbacher Landes

liebenswert und angenehm. Wenn sie jemanden als einen der Ihren

akzeptiert haben, sind sie treue und verlässliche Freunde. Man muss

diese Menschen einfach lieben. Man mag diese Einschätzung naiv

oder eindimensional nennen, aber so ist es eben mit Liebesgeschichten.

Sie beginnen mit einer Verliebtheit, die zunächst einmal das Schöne,

Angenehme, Anziehende sieht und zumindest zu Beginn für kühle

Objektivität keinen Platz lässt. Dann wird aus Erfahrung und Verstehen

Liebe... Und die hält manchmal sogar mehr als dreißig Jahre lang.

Und sicherlich noch viel länger.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment und die Gefühle damals, als ich mit meinen Eltern

und meiner Schwester durch das Untere Tor zum ersten Mal nach Aichach kam. Die Sanierung

unserer Kreisstadt war erst einige Jahre zuvor abgeschlossen worden, die Sonne beschien den Platz,

dessen Zentrum das Rathaus bildet, und wir vier waren wie verzaubert.


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ANTJE STRÄTER

Eine WANDERIN

zwischen Zeiten

und Welten

ANTJE STRÄTER

geb. in Leipzig / seit 1983 freischaffende Künstlerin / lebte von 1966

– 1972 in Mailand, anschließend bis 1973 in München und dann bis

1995 in Florenz / seit 1995 ansässig in Pöttmes bei Aichach / seit

1998 zahlreiche Kunstprojekte im öffentlichen Raum/Kunst am

Bau, darunter „Segel für Aichach“ und „Der Elefant läuft und lässt

Hunde bellen“ / 2000 mit dem Kunstpreis der Volksbank Aichach

ausgezeichnet / seit 2000 Mitglied des Kunstvereins Aichach / seit

2014 Mitglied bei sculpture network

Ich kam 1995 aus Florenz, der Wiege der Renaissance, hierher. Dort

stand und steht die menschliche Schöpfer- und Gestaltungskraft

im Mittelpunkt. Dank des Mäzenatentums der Medici wurde eine

bemerkenswerte, Jahrhunderte überdauernde Klarheit durch die

klassische Schönheit in der Architektur hervorgebracht. Diese Klarheit

prägt noch heute das Bild der Stadt: in Form von Palästen und Kirchen

als eine Art äußere Hülle, im Innern lebt dieser besondere Geist noch

immer in den Florentinern. Diese Stimmung beflügelt und nährt meinen

Geist nunmehr seit über 25 Jahren. Dort erklärte ich mich 1983 zur

freischaffenden Künstlerin.

Meine Lebenslinie führte mich hierher, in einen kleinen mir unbekannten

Ort zu einem blassgrünen kleinen Haus direkt am Straßenrand

mit dahinter liegenden langgestreckten Werkstattgebäuden, mit

wenig grünem Bestand im Garten, aber viel Beton und Sand. Meine

Aufmerksamkeit galt zunächst nur dem Gebäudekomplex hinter dem

Haus. Als mir das erste Flügeltor aus Holz des ersten Traktes geöffnet

wurde, sah ich nur Weite und ich trat ein. Ich war dort angekommen,

wo ich sein wollte: in meinem ersehnten „New Yorker Loft“: Ein Raum

zum Arbeiten und Kreieren mit seinen drei Meter hohen Wänden, mit

seiner südlichen Fensterfront von 15 Metern Länge und seiner Raumbreite

von sieben Metern. Auch wenn ich nicht genau wusste, wo ich

gelandet war, gab es keinen Zweifel: Hier wollte ich arbeiten. Alles andere

wurde zweitrangig: die Lage und die Ausstattung des Hauses an

der damals von Lkw sehr befahrenen Straße. Zunächst galt es das zur

ehemaligen Werkstatt gehörende Wohnhaus mit integriertem Büro

zu erobern. Das ist 22 Jahre her. Mittlerweile konnte ich jedem Raum

meine Intimität geben: dem roten Salon mit Nebenraum, dem Schlafzimmer

mit Segelinstallationen, dem durchaus engen Eingangsraum

mit der nicht mehr betretbaren Treppe in den ersten Stock – heute ein

Regal gefüllt mit Dokumenten –, der Küche mit Couch vor dem Fenster

und dem langen Esstisch aus Eiche. Das Ganze inzwischen mit

Ausblick auf Rosenhecken, die mehrmals jährlich wunderbar blühen

und einem seitlich wärmenden Kamin im Winter. Es gibt eine direkte

Verbindung von der Küche ins Büro. Von dort aus habe ich einen Blick

auf einen seit Jahren nun wild romantisch wuchernden Garten. Ich genieße

es, über die Zementplatten zwischen Haus, Garten und Werkstatt,

umrankt von viel Grün zu gehen – vorbei am Duft von Jasmin,

rosa, roten, pinken und magentafarbenen Bauernrosen-Sträuchern.

Der Holler riecht zur Blütezeit betörend und ich schlängle mich – immer

ein wenig den Kopf einziehend – hin zu meinem „Loft“. Dabei

erinnere ich mich an meine Kindheits- und Jugendtage, in denen ich

auch im Garten herumstromerte.

Der besagte Ort ist Pöttmes: mit dem Reiz eines Marktes und einer

attraktiven Schlossanlage, eingehüllt in milde Schönheit der Natur. Zu

Fuß erreiche ich ausgedehnte Wälder hinter dem Klausenweiher in

Richtung der Keltenschanze, in denen man im Herbst und Winter auf

Hügeln in Form von gigantischen Ameisenhaufen in die Höhe gewachsene

Buchen bewundern kann. Im Winter lasse ich mich auf dem

Weg zu unserem Plateau des Gumppenberges von den mit Raureif

verzuckerten Bäumen des Wegesrandes verzaubern. Und nach einem


107

ANTJE STRÄTER

langen Winter nehme ich dann das Grün des Frühlings überall wieder

in mir auf. Im Sommer mache ich mich früh am Morgen auf den Weg

zum Mandlachsee mit seinem kalten Wasser zum Schwimmen. Dort

genieße ich die Ruhe des Sees. Die Oasen der Natur mit deren Geschenken

sind überall. Es ist eine Freude, auf den Straßen – eingesäumt

von bestellten Äckern – Tal- und Hügelfahrten von oder nach

Pöttmes zu machen. Dies beflügelt! Ich sehe beglückt auf den Höhenrücken

die Wälder und staune immer wieder über die großartige Möglichkeit

ins Weite blicken zu können. Das hier ist Schönheit! Die Schönheit

des Wittelsbacher Landes, ein altes Kulturland. Und wenn ich zurückkehre

– beim Einbiegen in den Werkstatthof – sehe ich rechts die

rote Kastanie und links den Wächter des Areals, die hohe alte Tanne,

die ich beide herzlich begrüße. Dann bin ich wieder zu Hause.

In Florenz lebte ich in Santo Spirito, wo mich das Kunsthandwerk,

und alle Handwerke der Esskultur faszinierten. Hier in Pöttmes sind es

das Handwerk mit Holz, Glas, Metall und die Agrarwirtschaft, die mich

umgeben. Als bürgerliche Städterin lernte ich die Standhaftigkeit, Natürlichkeit

und Verbundenheit mit der Natur im Ort kennen. Dies ist

dem Städter oft abhanden gekommen. Und ich erlebe hier für meine

künstlerische Arbeit und Aktionen große handwerkliche Unterstützung

mit Herzgefühl, Zuverlässigkeit und Feinsinn. Und so freut es

mich, Lebendigkeit und Schaffenskraft in diesem Umkreis teilen zu

dürfen. Zu meinen in viele Lande verstreuten Freundschaften sind hier

neue Freunde gekommen, wie ich sie immer auf meinen Wanderwegen

gefunden habe. Freunde, Freundinnen, Bekannte und Familien geben

mir immer wieder ein vertrautes Gefühl von Eingebundensein.

mich künstlerisch gesehen mit der Einzelausstellung „Der Elefant läuft

und lässt die Hunde bellen“ im Kunstverein Aichach im SanDepot und

das Kunstprojekt „Segel für Aichach, Friedberg und Pöttmes“ eine

ganz besondere Zeit. Auf der 800 Quadratmeter großen Fläche im

Aichacher SanDepot konnte ich sechs Positionen meiner über 30-jährigen

Arbeit zeigen, was mich sehr herausforderte und zugleich überwältigte:

Meine erste Retrospektive in diesen wunderbaren Räumen.

Die Resonanz der Besucher war für mich sehr erfreuend. Das diesjährige

Projekt „Segel für Aichach, Friedberg und Pöttmes“ gibt mir die

Möglichkeit, meine Segel so zu zeigen, wofür sie gedacht und gestaltet

sind, nämlich für Projekte in der Kunst am Bau. In acht öffentlichen

Die Oasen der Natur mit deren Geschenken sind überall.

Es ist eine Freude, auf den Straßen – eingesäumt von

bestellten Äckern – Tal- und Hügelfahrten von oder

nach Pöttmes zu machen.

In den ersten fünf Jahren bis 2000 reiste ich viel wegen Galeriebesuchen

und meiner Ausstellungen. Dabei beeindruckten mich als

„Italienerin“ besonders die riesigen Glasfronten der Gebäude von Köln,

Bonn, Düsseldorf, München, Brüssel, die Skyscraper von Frankfurt.

Und so wuchs in mir die Vision, Segel für diese Glasfronten zu schaffen,

um den Glasbauten außen wie innen Farbnuancen zu geben und

den Menschen im Raum eine atmosphärische Leichtigkeit, die alles

trägt. Die Vision, Segel durch deutsche Lande fliegen zu lassen, war

geboren. Sehr bald traf ich ein Unternehmen, das diese Segel mit in

sein Programm aufnahm. So war der Schritt zur Auftragsarbeit für

Kunst am Bau, für öffentliche Institutionen und private Räume getan.

Die Werkstatt dafür als ideale Stätte für solche Schöpfungen war hier

in Pöttmes schon da und die Anforderungen konnten nun mit einer

mir über zwölf Jahre treuen Mitarbeiterin gemeistert werden. Hunderte

von großformatigen Segeln fliegen seitdem von hier übers Land:

in Deutschland, der Schweiz, Belgien, Österreich und Italien.

Seit 2000, dem Jahr, in dem ich den Kunstpreis der Volksbank

Aichach mit meinen Erdbüchern gewann, bin ich Mitglied im Kunstverein

Aichach und diesem eng verbunden. Seit 2011 konnte ich meine

künstlerische lokale Aktivität besonders intensivieren. Mit der Teilnahme

von Pöttmes an den Kunstevents vom Wittelsbacher Land, dank

unserer Kulturreferentin, öffnete ich im Jahre 2011 und 2013 meine

Werkstatt. Viele Pöttmeser, Aichacher und Umländler kamen in wohlgesonnener

Weise und die Werkstattöffnung führte und führt zu immer

wieder positiven Begegnungen. 2015 und 2016 war und ist für

Die Wies-Kapelle bei Gallenbach


108

ANTJE STRÄTER

und privaten Räumen wie dem Landratsamt, der Stadtverwaltung

oder den Kliniken an der Paar hängen, schweben und flattern sie – als

wenn sie dort schon immer gewesen wären. Ich erlebte eine sehr

schöne Erfahrung der Öffnung und der Anerkennung im Wittelsbacher

Land.

Die Schönheit des Wittelsbacher

Landes, ein altes Kulturland. Und

wenn ich zurückkehre, sehe ich

rechts die rote Kastanie und links

den Wächter des Areals, die hohe

alte Tanne, die ich beide herzlich

begrüße. Dann bin ich wieder

zu Hause.

Im Wittelsbacher Land und im Umland steht eine Fülle an ganzjährigen,

oft hochwertigen kulturellen Ereignissen zur Auswahl, die oft in

der Sommerzeit noch unter besonderem Licht

stehen. Konzerte, wobei ich eine Vorliebe für

Jazz und Klassik habe, Theater etc. – anziehende

Angebote, die ich gar nicht alle annehmen

kann. Es sind die ureigensten Impulse

wie Drahtzieher, die mich dann zum richtigen

Zeitpunkt an die Orte führen, die wahre Nahrung

für meine Bedürfnisse sind. Das ist beglückend.

Besonders schätze ich auch die

Kultur abende im Schorner Schloss und in unserem

Kultursaal des Pöttmeser Rathauses. Bei meinen Besuchen werfe

ich dann gern einen Blick auf meine sich bewegende, hängende Segelinstallation

in den frischen Farbtönen blau/grün mit weiß/gelb und

roten Nuancen.

Rückblickend fühle ich mich als Wanderin zwischen den Zeiten und

Welten: die ersten 17 Jahre im System der noch jungen DDR, dann die

Flucht in die Bundesrepublik, frei aber fremd. Später fast fluchtartig

meine Übersiedlung nach Florenz, wo ich

mein Leben durch Blickwechsel in neue Bahnen

brachte und das ich nach 22 Jahren als

Wohn- und Arbeitsort verließ, um anschließend

in Pöttmes zu arbeiten und zu leben.

Und so erlebte ich hier 21 Jahre lang wichtige

Entwicklungs- und Reifeprozesse meiner

selbst und meiner Arbeit. Ich sage dem Leben

danke und es bleibt spannend, was kommt.

Malerische Landschaft beim Gumppenberg, Pöttmes

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