WirtschaftsKRAFT 2017

infopforzheim

„WirtschaftsKraft“: Die Kraft der Region im Hochglanzformat. Die Leistungsfähigkeit des Standortes Nordschwarzwald in gedruckter und digitaler Form dargestellt. - Was kleine, mittlere und große Unternehmen leisten, die in der Region Nordschwarzwald aktiv sind, wird nicht selten weltweit abgerufen. Die innovativen und qualitativen Produkte sowie die Menschen, die sie mit großer Begeisterung herstellen haben international einen exzellenten Ruf. „Made in Black Forest“ ist längst zu einem wertvollen Prädikat geworden.

Ausgabe 5 | 2017

WirtschaftsKRAFT

Digitale Aufbruchstimmung im Nordschwarzwald

Das Magazin Pforzheim GmbH


Willkommen in der Zukunft

Der Sturm der Digitalisierung zieht durch alle Lebensbereiche –

und quer durch diese Magazin-Ausgabe

EDITORIAL

Spätestens seit der Freiluftausstellung

in Wittenberg anlässlich des

500. Reformationsjubiläums sollte

dem letzten Zweifler klar sein: die

Digitalisierung dringt in jeden Bereich

unseres Lebens vor. Bis September

2017 segnete der Roboter

BlessU-2 die Gläubigen nach ihren

individuellen Wünschen. Zur

Auswahl standen sieben Sprachen

– inklusive einer Dialektvariante –,

wahlweise gesprochen mit Männeroder

Frauenstimme. Außerdem hatte

die Maschine mit menschenähnlicher

Erscheinung 31 verschiedene

Sprüche im Repertoire. Mehrere

Tausend Menschen ließen sich von

der computergesteuerten Blechkiste

den Segen geben – obwohl das Kom -

munikationsexperiment eigentlich

zur Diskussion über die Folgen der

Digitalisierung provozieren sollte.

In der Wirtschaft wird längst über

den digitalen Wandel diskutiert.

Unlängst auch in Pforzheim beim

Zukunftsforum 2030 der Industrieund

Handelskammer Nordschwarzwald.

Nicht nur dort wurde deutlich,

dass wir sowohl Zeitzeugen

wie auch Akteure und Betroffene

der vierten industriellen Revolution

sind. Bereits in 10 oder 15 Jahren

kann unsere Gesellschaft eine völlig

andere sein. Ob die Unternehmen

dabei untergehen oder als Revolutionsgewinner

in die neue Ära

eintauchen werden, das entscheiden

sie weitgehend selbst. Wie? Sie

müssen handeln und die Weichen

stellen für den Wechsel. Und zwar

heute. Zugegeben, das ist nicht

leicht. Angesichts der Konjunktur,

die momentan auf voller Drehzahl

läuft, fällt es umso schwerer, über

das Morgen nachzudenken. Wer

möchte sich schon mit Zukunft befassen,

wenn das althergebrachte

Geschäftsmodell im Hier und Jetzt

so hervorragend läuft?

Dass es gerade jetzt, zumal in guten

Zeiten wichtig ist, den unternehmerischen

Schritt ins nächste Zeitalter

vorzubereiten, das sollen die Beiträge

in dieser Magazin-Ausgabe

aufzeigen. Der Sturm der Digitalisierung

zieht mal mehr, mal weniger

stark durch das gesamte Magazin.

Denn ob Automotive-Bereich,

Tourismusbranche oder Weiterbildungsbetrieb,

ob Landgemeinde,

Baugenossenschaft oder Krankenkasse

– in jedem Redaktionsgespräch,

gleich zu welchem Thema, kamen

die Interviewten auf die digitale

Herausforderung und ihre Chancen

zu sprechen. Wir befinden uns also

bereits mitten im Revolutionsprozess.

Willkommen in der Zukunft.

Ein herzliches Willkommen auch

an unseren publizistischen Partner

WFG, Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald

GmbH. Die WFG ist

erstmals mit einem eigenen Redaktionsteil

in WirtschaftsKRAFT

ver treten. Insgesamt also abwechslungsreicher

Lesestoff. Ich wünsche

Ihnen interessante Einblicke bei der

Lektüre.

Gerd Lache,

Leitender Redakteur

WirtschaftsKRAFT

Foto: Sebastian Seibel


Foto: Julian Stratenschulte

„Wir müssen radikaler denken“ 06 – 10

Skytron: Technologiemix für schnellen Breitbandausbau 12

Begeistert von den Weiten des Schwarzwalds 14 – 16

Zukunftsmodell Genossenschaft 18 – 20

Mit Vollgas in die Zukunft 22 – 26

IMO Oberflächentechnik GmbH 29

„Gravierende Veränderungen“ 30 – 32

Präzision hat bei EBERLE Tradition 33

Chance und Herausforderung 34 – 35

„Es ist an der Zeit umzudenken“ 36 – 39

Dörwang: Den Wandel der Zeit erkennen 40

Den Schwarzwald modern interpretieren 42 – 47

WFG-KOMPAKT:

20 Jahre alt und kein bisschen leise! 48 – 49

Netzwerke: Innovationen im Verbund 50 – 51

Plastics InnoCentre packt heiße Eisen an 52 – 53

WPC: Zwei Welten, ein genialer Stoff 54 – 55

Gewerbeflächen und wo sie zu finden sind 56 – 57

Interessantes Angebot für eine große Nachfrage 58 – 59

Vielfalt als Chance 60 – 61

Der Schwarzwald – eine Region macht auf Blau 62 – 63

Tagungsregion Nordschwarzwald 64 – 65

RegioHOLZ: Mehrwert durch konkrete Projekte 66 – 67

4


Weitere

Informationen zu

WirtschaftsKRAFT finden

Sie im Internet unter

www.wirtschafts-kraft.de

Impressum

Herausgeber und Konzeption:

INFO – Das Magazin

Pforzheim GmbH,

ein Unternehmen der PZ Medien

Poststraße 12

75172 Pforzheim

Telefon 07231 16899-0

www.info-pforzheim.de

INHALT | IMPRESSUM

Mit BANG gegen den Fachkräftemangel 68 – 70

Automotive-Branche in den Spagat gezwungen 72 – 75

Wirtschaftlicher Kompetenz-Standort

und attraktiver Lebensraum für Familien 76 – 79

Mit Emotionen und Humor die Klickzahlen pushen 80 – 83

Goldrausch im Nordschwarzwald 84

Die Geschichte vom tapferen Holzhauer 86 – 87

Wirtschaftsförderung auf High-Tech-Niveau 88 – 89

Wilde Ideen und innovative Projekte für die digitale Welt 90 – 91

Phönix aus der Asche 92 – 95

S&M: Führender Dienstleister 96

OBE: Preisgekrönte Innovation

als Unabhängigkeitserklärung 98 – 99

Lebens- und Wirtschaftsraum

mit glänzenden Perspektiven 100 – 103

Nachwuchsschmiede für die Region 104

Passwort statt Wohnungsschlüssel 106 – 107

Wenn der Vorgesetzte als Stressfaktor wirkt 108 – 109

Corthum: Ökonomie und Ökologie in Einklang bringen 111

Leuchtturm für die Produktion der Zukunft 112 – 114

Geschäftsführung:

Albert Esslinger-Kiefer

Wolfgang Altmann

Gestaltung, Layout, Satz:

Mirjam Müller

Redaktion:

Gerd Lache (V.i.S.d.P.)

Doris Löffler

Redaktion WFG-KOMPAKT:

WFG

Anzeigen:

Sabine Schwarz, Peter Widmaier,

Wolfgang Altmann

Titelbild:

Aeroakustischer Windkanal im Porsche-

Entwicklungszentrum Weissach/Mönsheim,

der im Frühjahr 2015 in Betrieb

genommen wurde. Foto: Rafael Krötz

Druck und Verarbeitung:

Systemedia GmbH

www.systemedia.de

Auflage:

8.000 Exemplare

Alle Inhalte des Magazins

WirtschaftsKRAFT“ sind urheberrechtlich

geschützt. Jeder von uns

erstellte redaktionelle Beitrag,

jedes Foto sowie jede von uns

gestaltete Anzeige dürfen ohne

unsere ausdrückliche Genehmigung

nicht in anderen Print- und Online-

Medien veröffentlicht werden.

Stand:

September 2017

WirtschaftsKRAFT 5


Region Nordschwarzwald

Roboter lösen

die Menschen ab

Prognose: Von zwei Millionen Arbeitsplätzen

in der Autoindustrie, einschließlich der Zulieferbetriebe,

bleiben gerade mal zehn Prozent übrig

Foto: Sven Hoppe

6


Mir gefällt …

„Wir müssen

radikaler denken“

Mit kraftvoller Rationalisierung und

disruptiver Innovation die Herausforderungen

der Zukunft meistern

Von Gerd Lache

„Wir sind auf dem Weg in eine

Gesellschaft, in der die Hälfte der

Bevölkerung nicht mehr arbeitet.“

Und warum? „Viele Tätigkeiten, vor

allem Dienstleistungsberufe, die bis -

her von Menschen gemacht wurden,

übernehmen zukünftig Roboter und

Computer.“ Diese Prognose des Publizisten

und Philosophen Richard

David Precht ist für Unternehmenslenker

und Personalverantwortliche

derzeit schwer vorstellbar. Denn

auch in der Region Nordschwarzwald

gibt es aktuell zahlreiche

unbesetzte Stellen. Prechts Aussagen

beim IHK-Zukunftsforum in

Pforzheim vor rund 250 Zuhörern

stützen sich auf Ergebnisse von

Zukunftsforschern. So besagt etwa

die Oxford-Studie, dass es in 20

bis 25 Jahren für knapp die Hälfte

der Menschen nichts mehr zu tun

geben wird. Davon betroffen seien

rund 700 Berufsgruppen.

Zwar konzentriert sich „Oxford“

ausschließlich auf die USA. Allerdings

kommt eine Studie der

London School of Economics für

Deutschland zu ähnlichen Aussagen.

Beispiele: Bei den Tätigkeiten

im Medizinbereich trifft es Precht

zufolge nicht nur die Angestellten

in den Praxen: „Der Hausarzt

kann in einigen Jahren nichts,

was eine Apple-Uhr nicht besser

kann.“ Schon heute sind Service-

Jobs in Versicherungsunternehmen

bedroht. So wurde im Juni 2017

bekannt, dass der Versicherungskonzern

Allianz (rund 29 000 Beschäftigte)

in Deutschland bis 2020

voraussichtlich 700 Vollzeitstellen

abbauen will. Annähernd 600 weitere

Jobs streicht der Konzern über

Altersteilzeit. Begründung für diese

Maßnahme: Sachbearbeiter-Aufgaben

können künftig über standardisierte

digitale Prozesse, also von

Robotern, übernommen werden.

Offen bleibt, ob dies erst der Anfang

war.

Der japanische Konzern Fokoku

Mutual Life Insurance ist bedeutend

weiter mit der Digitalisierung.

Laut Medienberichten hat er bis

März 2017 ein Drittel seiner Mitarbeiter

in der Abteilung Schadensbemessung

durch den Super-

Computer „Watson“ ersetzt. Wer ist

„Watson“? Das System verfügt nach

IBM-Angaben über eine enorme

Rechenkapazität. Die Architektur

sei darauf ausgelegt, „die natürliche

menschliche Sprache zu verstehen,

deren Wörter und Kontext

zu analysieren, diese Informationen

schnell zu verarbeiten und so

präzise Antworten auf Fragen in

natürlicher Sprache auszugeben“.

Damit kann beispielsweise ein Versicherer

die Standardanfragen seiner

Kunden über Algorithmen beantworten

lassen. Ziel von IBM ist

ein lernendes Computersystem für

unterschiedlichste Einsatzbereiche,

das in der Lage ist, selbstständig

Informationen aus Daten zu gewinnen

und Schlüsse zu ziehen.

Bernd Müller, Geschäftsführer

IMO Oberflächentechnik GmbH

Königsbach-Stein.

Foto: www.ch-ernst.de

Unsere Region ist heute ein

gefragter Wirtschaftsstandort.

Sowohl mittelständische Unternehmen

als auch Weltmarktführer

werden für ihre Qualität

und ihr technologisches Knowhow

geschätzt. Insbesondere die

Stanz-, Präzisions- und Oberflächentechnik

genießt weltweit

einen hervorragenden Ruf. Doch

die wirtschaftlichen Entwicklungen

machen auch vor unserer

Branche nicht Halt. Im Zuge der

Industrie 4.0 ändern sich nicht

nur die Arbeitsmittel, sondern

auch die Menschen selbst und

ihre Arbeitsziele. Wir müssen unsere

Organisationsstruktur und

Unternehmensführung an die zu -

künftigen Anforderungen anpassen.

Durch die EDV-Anbindung

werden die Prozessabläufe

in der Fertigung immer anspruchsvoller.

Das Personal muss

heute über ein breites Fachwissen

verfügen und sich durch

Schulungen ständig weiter qualifizieren.

Dennoch steht der

Mensch nach wie vor im Mittelpunkt

der Arbeit. Das Vertrauen

der Mitarbeiter zu gewinnen

und zu bewahren ist uns als inhabergeführter

Familienbetrieb

ein wichtiges Anliegen. Unser

Ziel ist es, eine zu den Lebensphasen

unserer Mitarbeiter passende

Personalpolitik zu bieten.

TITELSTORY

WirtschaftsKRAFT 7


Region Nordschwarzwald

„Nicht die

Roboter vernichten

Arbeitsplätze,

sondern Manager, die ihr

Unternehmen nicht auf die

di gitale Transformation

ausrichten.“

Kai Mantzel,

Experience Lead bei

Microsoft

Stichwort: Künstliche Intelligenz (KI).

Bedingt durch KI würden „mehr als

die Hälfte der Juristen in den kommenden

20 Jahren ihre Jobs verlieren“,

sagt Precht. Denn wer beispielsweise

eine Wirtschaftsexpertise

haben wolle, der spreche sein

Anliegen in das System und „bekommt

kurz darauf das Ergebnis

ausgedruckt“.

Auch die Autoindustrie sei in hohem

Maße betroffen. Laut Precht

fallen mit dem autonomen Fahren

beispielsweise die Taxi-Jobs weg.

Nicht nur das: Von derzeit etwa

zwei Millionen Arbeitsplätzen, einschließlich

der Zulieferbetriebe,

würden gerade mal zehn Prozent

übrig bleiben. Im autonomen Zeitalter

des Vehikels sei ohnehin kein

eigenes Fahrzeug mehr nötig, es

werde bei Bedarf über eine Flatrate

gemietet. Die Folge: Der Bedarf an

neuen Autos schrumpfe und die

Produktion sinke auf schätzungsweise

ein Fünftel des heutigen

Ausstoßes. Bedeutet dies das Aus

für zahlreiche Zulieferbetriebe in

der Region, die den Automotive-

Bereich bedienen? Das muss nicht

sein, konstatiert Professor Dieter

Spath vom Fraunhofer-Institut:

„Kraftvolle Rationalisierung und

disruptive Innovation“, also sich

umstellen auf neue Anforderungen

und Herausforderungen, das seien

zwei wichtige Punkte beim Blick in

die Zukunft.

Zukunft? Dieser wirtschaftliche

und gesellschaftliche Umbruchprozess

habe längst begonnen, macht

der Manager von Cisco Deutschland,

Bernd Heinrichs, deutlich.

Bedenkenswert für ihn ist, dass

sich aktuell nur eine von vier Firmen

mit diesem Thema intensiv

beschäftige. Heinrichs warnt: Wer

erst warte, bis er die Notwendigkeit

der Veränderung erkannt habe,

„für den ist es oft schon zu spät“.

Er gibt den Unternehmen noch

knapp drei Jahre Zeit, bis die Disruption

greift. Seine Mahnung zum

schnellen Handeln packt er in die

provokante Prognose: „40 Prozent

der etablierten Marktführer werden

bis 2030 vom Markt verschwunden

sein.“ Dazu sagt Kai Mantzel, der

als Experience Lead bei Microsoft

das Bespielungskonzept der neuen

Deutschlandzentrale in München

verantwortet, bei seiner Rede

im CongressCentrum Pforzheim:

„Nicht die Roboter vernichten Arbeitsplätze,

sondern Manager, die

ihr Unternehmen nicht auf die digitale

Transformation ausrichten.“

Und David Hermanns vom Cyberforum

Karlsruhe macht Druck: „Wir

haben nicht mehr viel Zeit.“

Auch Professor Wilhelm Bauer,

schlägt Alarm: Einer IHK-Umfrage

zufolge hätten 48 Prozent der be-

Die größten Zukunftschancen haben bestehende Unternehmen, die den technologischen Wandel annehmen und rasch darauf reagiern.

Foto: Christiane Hübscher

8


fragten Unternehmen die Digitalisierung

„noch gar nicht auf der

Agenda“. Ein Hemmnis, sich mit

dem Thema zu befassen, sei die

anhaltend gute Konjunktur. Angesichts

voller Auftragsbücher äußert

Bauer zwar Verständnis dafür, dass

die Inhaber und Manager nur bedingt

bereit sind, ihr bisheriges Geschäftsmodell

über den Haufen zu

werfen: „Sie gehen lieber in ihren

Betrieb als in einen Digitalworkshop.“

Dennoch gelte: „Sie müssen

sich zwingen.“

Bauer ist Geschäftsführender Institutsleiter

am Fraunhofer-Institut für

Arbeitswirtschaft und Organisation

IAO, Stuttgart. Die Landesregierung

hat ihn Ende 2016 zum Technologiebeauftragten

von Baden-Württemberg

ernannt. Eine seiner Aufgaben:

Er soll „Empfehlungen zur

Umsetzung von Wirtschaft 4.0 und

zur Hebung der Technologie- und

Innovationspotenziale des Mittelstands

entwickeln“.

Für den Publizisten und Philosophen

Richard David Precht ist

angesichts des Vormarschs der

Regt die Unternehmer mit seinen Thesen zum Nachdenken und Handeln an:

Publizist und Philosoph Richard David Precht. Foto: Jens Kalaene

Digitalisierung klar: „Wir befinden

uns am Ende der Gesellschaft, wie

wir sie kannten. Und wir stehen am

Beginn einer neuen Gesellschaft.“

Diese vierte industrielle Revolution

bezeichnet er als „gewaltigen

Fortschritt“, vergleichbar mit der

ersten industriellen Revolution vor

rund 250 Jahren. Indes gibt es einen

bedeutenden Unterschied: „Es

ist nicht Zweck der Digitalisierung,

die Märkte zu vergrößern. Der

Zweck der Digitalisierung ist es, die

bestehenden Märkte effektiver zu

machen.“ Anders formuliert: Nicht

Wachstum ist angesagt, sondern

das Rationalisieren von Arbeitsprozessen.

Damit stehe fest, dass –

anders als bei den bisherigen industriellen

Revolutionen – nicht mehr

Jobs generiert würden. Precht widerspricht

damit der bisher gültigen

TITELSTORY

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WirtschaftsKRAFT 9


Region Nordschwarzwald

Theorie, wonach der Fortschritt

langfristig mehr Arbeitsplätze schaffe

als nehme. „Daran kann keiner

mehr glauben.“ Sein Argument: Die

Bedingungen dazu wären expandierende

Märkte. Doch diese Voraussetzung

sieht er als nicht gegeben

– siehe die Beispiele schrumpfende

Automobilproduktion oder Roboter

statt Menschen in den Versicherungskonzernen.

Professor Dieter Spath vom Fraunhofer-Institut

kann dieser größten

bevorstehenden Produktivitätswelle

durchaus positive Seiten abgewin -

nen: Angesichts der Demografieentwicklung

und des Fachkräftemangels

sei „Produktivitätssteigerung

das Gebot der Stunde“. Für

Spath bietet die Digitalisierung „immense

Chancen“. Voraussetzung:

„Wir müssen radikaler denken.“

Mehr noch: Einst an Billigstandorte

verlorene Jobs können zurückgeholt

werden. Ein aktuelles Beispiel

nennt Uwe Häberer, der bei Siemens

die Division „Digital Factory

Deutschland“ leitet. Demnach wird

der Sportartikelhersteller Adidas

einen Teil seiner Auslandsproduktion

nach Deutschland verlagern.

Der Grund: Für den Serviceanspruch,

dem einzelnen Kunden mit

digitaler Unterstützung einen Laufschuh

nach dessen individuellen

Wünschen herzustellen und in

kürzester Zeit auszuliefern – Stichwort

Losgröße eins –, seien Standorte

wie Asien zu weit weg.

Die spannende Frage lautet für

Precht: „Wie muss eigentlich eine

solche neue Gesellschaft aussehen?“

Oder anders gefragt: „Wie

wollen wir in Zukunft leben? Wie

machen wir die Zukunft enkeltauglich?“

Über die Verteilung des enormen

wirtschaftlichen Zugewinns,

den die Digitalisierung hervorrufe,

müsse ebenfalls nachgedacht werden.

Denn „wenn Millionen von

Leuten ihren Job verlieren, dann

drohen bürgerkriegsähnliche Zustände“.

Der technische Fortschritt

mit seinen dramatischen gesellschaftlichen

Umwälzungen könne

Konsequenzen hervorbringen, vor

denen er Angst habe. „Deshalb bin

ich für das bedingungslose Grundeinkommen“,

sagte der Publizist

und Philosoph.

Zur Person

Richard David Precht ist 1964

in Solingen geboren. In Köln

studierte er Philosophie, Germanistik

und Kunstgeschichte und

wurde 1994 in Germanistik zum

Dr. phil. promoviert. Er ist Honorarprofessor

für Philosophie

an der Leuphana Universität

Lüneburg und Honorarprofessor

für Philosophie und Ästhetik an

der Hochschule für Musik Hanns

Eisler in Berlin. In Vorträgen,

Essays und Interviews beschäftigt

sich Precht mit den Folgen

der Digitalisierung für die Gesellschaft.

Im ZDF diskutiert der

Philosoph und Publizist in seiner

eigenen Sendung namens

„Precht“ mit jeweils einem Gast

aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft

oder Politik über aktuelle

Ereignisse und Themen.

wikipedia/gel

TITELSTORY

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sagt Frank-Thomas Hück, Geschäftsführer

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Firmen an Standorten im ländlichen

Raum, die von herkömmlichen Anbietern

nicht ausreichend versorgt

werden, bekommen ein individuell

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Service-Paket von dem Karlsbader

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da bei als Referenz. Als erste Großstadt

in Deutschland ist dort der

freie WLAN-Zugang im öffentlichen

Raum geschaffen worden – und zwar

mit Skytron-Technologie. Mittlerwei -

le zählen auch Calw und Ettlingen

in der Region dazu. So entstand das

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Region Schwarzwald

Begeistert von den Weiten

des Schwarzwaldes

Neuer STG-Geschäftsführer Mair will die digitale

Transformation der Ferienregion vorantreiben

und gleichzeitig das Naturerlebnis stärken

Seit 1. September 2017 Chef der Schwarzwald

Tourismus GmbH: Hansjörg Mair.

Foto: STG

Von Gerd Lache

Ob Schweizer, Franzosen, Holländer

oder Belgier – viele von ihnen

verbringen ihre schönsten Wochen

des Jahres im Schwarzwald

zwischen Pforzheim und Lörrach,

zwischen Rhein und Neckar. Sie

sorgten 2016 damit für einen

Gästezahl-Rekord: rund 5,8 Millionen

Bundesbürger und etwa

2,3 Millionen ausländische Urlauber

übernachteten 21,5 Millionen

Mal in der 11.000 Quadratkilometer

großen Ferienregion. Der Bruttoumsatz

der Branche in der Region

belief sich im selben Jahr auf

immerhin 6,14 Milliarden Euro.

Damit sichert der Tourismus im

Schwarzwald weit mehr als eine

halbe Million Arbeitsplätze.

15 Jahre lang hat Christopher

Krull als Geschäftsführer der

Schwarzwald Tourismus GmbH

(STG) die Ferienwirtschaft der

Region verwaltet und vermarktet.

Bei der STG-Jahrestagung in

Bad Herrenalb wurde er offiziell

zum 1. September verabschiedet.

Krull will in Oberstaufen als

Tourismusdirektor die touristische

Struktur des Allgäuer Schroth-

Heilbads neu ordnen. Seinen Nachfolger

gab STG-Aufsichtsratsvorsitzende

Landrätin Dorothea Störr-

Ritter nach einer Sitzung des Gremiums

in Bad Herrenalb bekannt:

Der Südtiroler Hansjörg Mair (49)

hat sich unter sechs Bewerbern

durchgesetzt und ist seit 1. September

für die Geschäfte unter

dem Zeichen des Bollenhuts verantwortlich.

Sein Dienstsitz ist

Freiburg. Daneben hat die STG

noch eine Außenstelle in Pforzheim,

die von Bereichsleiterin

Heide Glasstetter geleitet wird.

Der Schwarzwald wird seinem Ruf als Genießerregion auch durch Schlemmerwanderungen und die hohe Dichte an Sterne-Restaurants

gerecht. Foto: Ulrike Klumpp

14


Zum Thema

Natur pur: Der Wildsee bei Kaltenbronn im Nordschwarzwald. Foto: Ulrike Klummp

Mair war zuvor seit 2001 Geschäftsführer

des Tourismusverbandes

„Südtirols Süden“ in Bozen

und dort an der Entwicklung für

die Marke Südtirol beteiligt. Außerdem

hat er die Digitalisierung

im Tourismus der Region maßgeblich

vorangetrieben. Was plant er

im Schwarzwald? Erste Eindrücke

vermittelt das Interview mit WirtschaftsKraft.

WirtschaftsKRAFT: Herr Mair, Sie

tauschen die Dolomiten gegen

den Feldberg, den Kalterer See

gegen den Titisee und Bozen gegen

Freiburg. Was zieht Sie von

Südtirols Süden in den Schwarzwald?

Hansjörg Mair: Mich reizte die

starke Marke, ein hervorragend

entwickelter Tourismus und das

Potenzial, das ich für den Schwarz -

wald sah. Der Schwarzwald könnte

einmal Deutschlands begehrtester

Lebensraum sein. Diese Entwicklung

zu begleiten und mit zu gestalten,

ist für mich eine große

Herausforderung, auf die ich mich

vom ersten Moment an freute.

WirtschaftsKRAFT: Die Herkunft

Ihrer Lebenspartnerin ist ein

Bezugspunkt zum Schwarzwald.

Wie gut kennen Sie Ihr neues

Aktionsgebiet?

Hansjörg Mair: Der Schwarzwald

ist riesengroß, viel größer als die

Region, für die ich bisher gearbeitet

habe. Klar, ich kenne dank

meiner Lebensgefährtin schon einiges

und ich habe mir natürlich

viel Wissen über die verschiedenen

Aspekte der Ferienregion

an geeignet. Aber ich werde die

nächsten Monate jede freie Minute

dazu nutzen, die Region in allen

ihren Facetten aktiv zu erleben.

Ich will die Breite des Angebotes

in der Praxis ausloten und ich will

möglichst schnell viele Akteure

kennen lernen.

WirtschaftsKRAFT: Spannend ist

immer auch der Blick von außen:

Was machen für Sie die Besonderheiten

des Nordschwarzwaldes

einerseits und des Südschwarzwaldes

andererseits aus?

Hansjörg Mair: Zuvorderst ist

der Schwarzwald natürlich eine

einzige große Ferienregion, die

größte in Deutschland. Zwei Drittel

davon sind Mittelgebirge, das

höchste und größte im Land. Allein

schon das bringt eine Vielzahl

völlig unterschiedlicher Lebens-

und Erlebniswelten mit sich.

Der Nordschwarzwald mit seinen

langgezogenen Waldbergen, der

landwirtschaftlich geprägte Mittlere

Schwarzwald mit seinen weiten

Tälern und der hoch aufragende

Südschwarzwald mit seiner

Höhenlandwirtschaft und ausgeprägten

Hochtälern – solche Lebensräume

prägen auch ihre Bewohner

auf unterschiedliche Art.

Ebenso die Hügellande im Osten,

der Oberrheingraben im Westen,

der Kaiserstuhl, der Dinkelberg,

Schwarzwald Tourismus GmbH

(STG)

Als Tourismusdachverband und

Marketingorganisation ist die Die

Schwarzwald Tourismus GmbH

(STG) national und international

für das touristische Marketing der

11.100 Quadratkilometer großen

Ferienregion Schwarzwald zuständig.

Schwerpunkte der Arbeit sind

Imagebildung, Themenprofilierung,

Service- und Angebotsoptimierung,

Tourismuswerbung

und PR-Kommunikation.

Unterstützt wird die STG vom Land

Baden-Württemberg, den Landkreisen,

Kommunen und Wirtschaftspartnern.

In der Hauptgeschäftsstelle

in Freiburg und

einer Außenstelle in Pforzheim

sind 30 Mitarbeiter beschäftigt.

Das Jahresbudget liegt derzeit

bei 4,12 Millionen Euro. Jährlich

erzielt die STG einen Umsatz

von rund 9 Millionen Euro,

unter anderem für Servicekarten

sowie die Vorzeigeprojekte

Konus und SchwarzwaldCard.

Vorsitzende des Aufsichtsrats ist

Landrätin Dorothea Störr-Ritter.

Gesellschafter der STG sind die

zwölf Landkreise Calw, Enzkreis,

Freudenstadt, Karlsruhe, Breisgau-Hochschwarzwald,

Emmendingen,

Lörrach, Ortenaukreis,

Rastatt, Rottweil, Schwarzwald-

Baar und Waldshut sowie die vier

Stadtkreise Pforzheim, Baden-

Baden, Freiburg und Karlsruhe.

Die insgesamt 321 Gemeinden

werden von der STG im In- und

Ausland touristisch vertreten.

gel

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 15


Region Schwarzwald

die geschäftige Region am Hochrhein.

Diese vielen regionalen Besonderheiten

und Vorzüge machen

den Schwarzwald stark. Mir ist

wichtig, dass alle Partner immer

den Blick aufs große Ganze richten.

Denn von einer starken Marke

Schwarzwald profitieren alle.

WirtschaftsKRAFT: Mit welcher

Strategie, mit welchem Konzept

für den Schwarzwald, haben Sie

beim Bewerbergespräch gepunktet

– die Entscheidung für Sie

soll ja mit großer Mehrheit gefallen

sein?

Hansjörg Mair: Ich glaube nicht,

dass ein einzelner Punkt für meine

Berufung ausschlaggebend ge -

wesen war. Wenn, dann mein Cre -

do, dass der Schwarzwald zum be -

gehrtesten Lebensraum in Deutschland

werden kann. Mit welcher

Strategie wir das erreichen, welches

Konzept wir dabei verfolgen

wollen, werden wir in den nächsten

Wochen im Rahmen einer

Klausurtagung mit den Gesellschaftern

festlegen.

WirtschaftsKRAFT: Gibt es Gemeinsamkeiten

zwischen Südtirols

Süden und dem Schwarzwald?

Hansjörg Mair: Ich finde, es gibt

eine Reihe von Gemeinsamkeiten

auf landschaftlicher, kultureller

und auf angebotsseitiger Ebene

– auch wenn viele Menschen bei

Südtirol erst mal an Dolomiten

denken mögen.

WirtschaftsKRAFT: Die Zielgruppen

von beiden Destinationen

sind ähnlich. Werden Sie also

künftig potenzielle Südtirol-Touristen

für den Schwarzwald abwerben?

Hansjörg Mair: Die Ferienregion

Schwarzwald ist nicht die einzige,

in der Menschen einen tollen

Urlaub machen können. Aber

wenn wir Menschen begeistern

können, die sich in ihrem Urlaub

aktiv in einer attraktiven Naturlandschaft

bewegen wollen, die

ein authentisches Erlebnis suchen,

sich selbst wahrnehmen oder auch

einfach wieder zu sich kommen

wollen, stellt sich die Frage nach

Wettbewerbern gar nicht. Diese

Gäste finden im Schwarzwald ihr

Urlaubsglück, ihre zweite Heimat,

und jede Menge hochwertige Angebote,

eine gute Küche und ein

gepflegtes Ambiente.

WirtschaftsKRAFT: Von welchen

Ihrer Erfahrungen in Südtirol

kann der Schwarzwald künftig

profitieren?

Hansjörg Mair: Es wird einerseits

unvermeidbar sein, dass die langjährige

Erfahrung aus Südtirol

mit in die operative und strategische

Arbeit fließen wird. Andererseits

kann ich jetzt aber Dinge,

die in Südtirol nicht so gut gelaufen

sind, besser machen.

WirtschaftsKRAFT: Sie haben an

Ihrer bisherigen Wirkungsstätte

die Digitalisierung erfolgreich

vorangetrieben. Was waren die

wesentlichen Maßnahmen?

Hansjörg Mair: Zunächst kam

es auf die durchgängige Onlinebuchbarkeit

der Betriebe an. Mein

Credo war immer: Sog ist besser

als Druck. Wenn ich mit guten

Konzepten und einigen innovativen

Partnern Erfolge aufweisen

kann, dann tu ich mich viel leichter,

weitere Partner für die Innovation

mit ins Boot zu holen, als

wenn ich alle Partner mitnehmen

und sozusagen zwangsbeglücken

muss. Wir haben eine gemeinsame

große Datenbank aufgebaut, welche

mittlerweile von vielen Plattformen

aus dem In- und Ausland

genutzt wird und wodurch sich die

Sichtbarkeit drastisch erhöht hat.

WirtschaftsKRAFT: Wo sehen Sie

beim Thema Digitalisierung noch

Optimierungsmöglichkeiten im

Schwarzwald-Tourismus?

Hansjörg Mair: Das Thema Digitalisierung

der Wirtschaft ist in

Baden-Württemberg top aktuell.

Es betrifft nicht nur den Tourismus.

Aber natürlich werden wir

auch überlegen müssen, mit welchen

Konzepten wir die digitale

Transformation befördern können.

Wo erreichen wir potenzielle

Gäste, wann und mit welchen digitalen

Angeboten.

WirtschaftsKRAFT: Ihr Jahresbudget

bei der STG liegt bei rund

4,1 Millionen Euro. Wie hoch war

das Budget in Südtirols Süden?

Hansjörg Mair: Der Tourismusverband

Südtirols Süden hatte

definitiv ein kleineres Budget –

er ist ja auch viel kleiner als der

Schwarzwald. Doch im Zusammenspiel

mit lokalen Partnern ist

es gelungen, gemeinsam größere

Budgets zu stemmen und zielführend

in den Märkten einzusetzen.

Diesen Weg hat ja auch Schwarzwald

Tourismus schon eingeschlagen,

den werden wir kreativ weiter

gehen.

WirtschaftsKRAFT: Herr Mair, wo

wird der Schwarzwald-Tourismus

in 5 Jahren stehen, was sind Ihre

Visionen?

Hansjörg Mair: Der Schwarzwald

wird für immer mehr Menschen

zum begehrtesten Lebensraum in

Deutschland.

Zum Freizeitangebot gehört auch eBiken, wie hier auf den Höhen von Bad Wildbad.

Foto: Touristik Bad Wildbad

INTERVIEW

16


ROM 312

Bereits über 450.000 Besucher!

Noch einmal für Sie verlängert!

„Ich bin dabei, wenn Konstantin in Rom im Jahr 312 n. Chr. die Macht

übernimmt“ – dieses Gefühl sollte der Besucher emp nden, wenn er

das imposante Rundbild sieht, so wünscht es sich der Künstler

Yadegar Asisi. Wer in der Rotunde steht oder die 15 Meter hohe Besucherplattform

in der Mitte besteigt, der macht spontan ebendiese erstaunliche

sinnliche Erfahrung und er spürt deutlich, dass es sich um ein erhabenes

Ereignis handelt. Wer ganz oben steht, be ndet sich jetzt auf dem

Kapitolinischen Hügel, einem der höchsten Punkte Roms. Im Maßstab 1:1

öffnet das Riesenrundbild auf über 3500 qm Bild äche den Blick noch weit

über die Metropole hinaus, über ihre Tempel, Paläste, Thermen, Basiliken

und Mietskasernen hinweg bis hin zu den Albaner Bergen am Horizont.

ÖFFNUNGSZEITEN

täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr.

Für Events: ab 18:00 Uhr oder nach Vereinbarung

auch ganztägig. Anfragen bitte an:

veranstaltung@gasometer-pforzheim.de

LAGE / ANFAHRT

Am ehemaligen Gartenschaugelände „Enzauenpark“

am Ufer der Enz. A8 AB-Ausfahrt „Pforzheim

Ost“ ü ber die B10: 3 km;

ÖPNV ü ber Linie 1, Ausstieg Enzauenpark.

PARKPLATZ

Kostenfreie Parkplätze für PKWs in der eigenen

Tiefgarage. Parkbuchten für Busse.

BARRIEREFREIHEIT

Im ganzen Gasometer mit Besucherplattform bis zu

einer Höhe von 12 Metern (ausgenommen Dachterrasse

des Bistros).

FÜHRUNGEN

Täglich nden Führungen im Gasometer statt.

Für Gruppen nach Anmeldung auch gerne zu

individuellen Zeiten.

BISTRO

Im Bistro mit Dachterrasse gibt es

täglich frische Kuchen und Snacks.

KONTAKT

Gasometer Pforzheim

Hohwiesenweg 6

75175 Pforzheim

Telefon: +49 7231 7760-997

Fax: +49 7231 7760-996

info@gasometer-pforzheim.de

www.gasometer-pforzheim.de

/ gasometer.pforzheim

@Gasometer_PF


Region Nordschwarzwald

Zukunftsmodell

Genossenschaft

Zentraler Akademiestandort des BWGV

in Karlsruhe reagiert auf den digitalen Wandel

in der Weiterbildungsbranche

Von Gerd Lache

Mitgliederrekord im Südwesten

und Unesco-Auszeichnung erhalten

– damit hat der Baden-Württembergische

Genossenschaftsverband

(BWGV) im Jahr 2017

doppelten Grund zum Feiern.

Die Genossenschaftsidee und ihre

Umsetzung in der Praxis wurde

von der Weltkulturorganisation

(Paris) zum „Immateriellen Kulturerbe

der Menschheit“ erklärt.

Sowohl die Vielfalt an Genossenschaften

als auch die Zahl der

Mitglieder nimmt nach Angaben

des Verbandes immer weiter zu.

Mit mehr als 3,9 Millionen Mitgliedern

ist Baden-Württemberg

das „Land der Genossenschaften“

– der Südwesten hat deutschlandweit

die mit Abstand höchste Dichte

an Genossenschaftsmitgliedern.

„Noch erhebliches Potenzial für

Genossenschaften besteht unter

anderem in der kommunalen Infrastruktur,

bei sozialen Dienstleistungen

und im Gesundheitswesen“,

sagt BWGV-Präsident Dr.

Roman Glaser.

Die wachsende Mitgliederzahl zeige,

wie beliebt Genossenschaften

seien und wie sehr sich diese

Rechts- und Unternehmensform

für die Bewältigung vieler Herausforderungen

der Zukunft

eig ne. Glasers Angaben zufolge

ist die Zahl der Mitglieder in den

vergangenen zehn Jahren in Baden-Württemberg

um annähernd

550.000 gewachsen.

Noch nie habe es so viele unterschiedliche

Genossenschaften im

Südwesten gegeben wie heute.

Die aktuell 830 Unternehmen in

der Rechtsform der eG verteilen

sich auf rund 50 Branchen. Glaser:

„Genossenschaften können

sowohl ein Modell für Kooperationen

im Mittelstand sein als auch

den Strukturwandel im ländlichen

Raum begleiten.“ Alleine im Südwesten

seien in den vergangenen

zehn Jahren 280 neue Genossenschaften

gegründet worden.

Derweil gab Glaser unlängst bekannt,

dass der gesamte Akademiebetrieb

des BWGV in Karlsruhe-Rüppurr

konzentriert werde.

Die Digitalisierung spielt bei der

Entscheidung eine wesentliche

Rolle, wie Glaser im Interview

deutlich macht.

WirtschaftsKRAFT: Herr Dr. Glaser,

der Baden-Württembergische

Genossenschaftsverband zentralisiert

seine zwei Akademien auf

den Standort Karlsruhe-Rüppurr.

Was sind die Gründe dafür?

Dr. Roman Glaser: Bisher hatten

wir durch die 2009 erfolgte Fusion

Durch Fernlehrgänge und Webinare sinkt der Zimmerbedarf des verbandseigenen BWGV-Akademiehotels.

Diese Räume in Karlsruhe werden für die Verwaltung umgebaut. Foto: Doris Löffler

18


des Badischen und des Württembergischen

Verbands zum BWGV

zwei Verwaltungs- und zwei Akademie-Standorte.

Mit unserem

Standort-Konzept, das zum Jahresende

2017 planmäßig abgeschlossen

sein wird, konzentrieren

wir uns auf den Verwaltungssitz

GENO-Haus Stuttgart sowie auf

die Akademie Karlsruhe-Rüppurr.

Durch die Konzentration unserer

Akademie in Rüppurr stärken wir

unseren sehr wichtigen Bildungsbereich

und geben zudem ein

klares Bekenntnis zum Bildungsund

Wissenschaftsstandort Karlsruhe

ab.

WirtschaftsKRAFT: Auch die Bildungsbranche

ist vom Digitalisierungstrend

erfasst. Wie spürt

der Verband diese Veränderung

des klassischen Akademiebetriebs?

Dr. Roman Glaser: Die Art des Lernens

verändert sich stark. Themen

wie Blended-Learning-Formate,

das heißt, Produkte, die sowohl

Online- als auch Präsenzphasen

beinhalten, werden von uns verstärkt

angeboten. Dabei ist der Anteil

Präsenz zu Online derzeit 60

zu 40. Die Nachfrage nach Fernlehrgängen

nimmt stetig zu. Auch

das Thema Webinare verzeichnet

ein entsprechendes Wachstum. So

hat sich zwischen 2013 und 2016

die Anzahl der Webinare als auch

die der Teilnehmer vervierfacht.

zum Beispiel die neue Homepage

der Akademie an den Start – mit

vielen interessanten und smarten

Features für unsere Mitglieder

und Kunden. Außerdem nehmen

wir als moderner Bildungsdienstleister

aktiv an den weiteren Entwicklungen

der Digitalisierung

teil und profitieren dadurch auch

für die Weiterentwicklung unserer

BWGV-Mitarbeiterinnen und

-mitarbeiter.

WirtschaftsKRAFT: Was sind die

Inhalte der Akademie-Seminare,

gibt es Schwerpunkte?

Dr. Roman Glaser: Unsere Akademie

deckt die komplette Palette der

Bedarfe unserer genossenschaftlichen

Mitglieder ab. Als erster

Ansprechpartner und Dienstleister

für alle Aspekte der beruflichen

Qualifizierung von Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern sowie

Führungskräften ist sie kompetenter

Profi in der Erarbeitung von

Designs für individuelle, teamorientierte

oder auf die Unternehmensstrategie

bezogene Entwicklungsprogramme

oder einzelne

Weiterbildungsmaßnahmen.

WirtschaftsKRAFT: Woher kommen

die Teilnehmer der Akademie-Seminare,

wie hoch ist der

Anteil der externen Teilnehmer?

Zum Thema

eG – eingetragene

Genossenschaft

Die eingetragene Genossenschaft

bietet sich immer dann an, wenn

Wirtschaftsakteure ihre Kräfte

bündeln und die Vorteile der

Kooperation nutzen möchten,

ohne dabei ihre Eigenständigkeit

aufzugeben. Der Wesenskern

einer jeden Genossenschaft

ist: Das Mitglied steht immer im

Mittelpunkt, es bestimmt mit und

wird gefördert – immer nach dem

Motto „Gemeinsam mehr erreichen“.

In den vergangenen Jahren

gab es mit mehr als 140

Gründungen die größten Zuwächse

bei Energiegenossenschaften.

Insgesamt gibt es im

Südwesten neben den Volksbanken

und Raiffeisenbanken 306

gewerbliche Genossenschaften

mit 62.000 Mitgliedern. Knapp

4.800 Mitarbeiter erwirtschaften

hierbei einen Umsatz von 5,2

Milliarden Euro. Die 333 landwirtschaftlichen

Genossenschaften

(104.700 Mitglieder) erzielen

zudem einen Umsatz von 3,4

Milliarden Euro – mit Getreide,

Obst, Gemüse, Milch, Wein und

vielem mehr. Sie beschäftigen

fast 6.000 Mitarbeiter. pm

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT: Welche Vorteile

hat die Digitalisierung für

die Akademieteilnehmer?

Dr. Roman Glaser: Die Teilnehmer

ersparen sich zum Teil lange Anfahrtswege

und können sich am

internetfähigen Computer mit dazugehöriger

Web-Kamera von jedem

Ort der Welt aus weiterbilden.

Lernen wird selbstbestimmter.

WirtschaftsKRAFT: Und welche

Vorteile bieten sich dem Verband?

Dr. Roman Glaser: Digitalisierung

verstehen wir als Chance. Es eröff -

nen sich Möglichkeiten in Form

von neuen Produkten und Angeboten.

Auch können wir die

Prozesse zu unseren Kunden effizienter

gestalten. Im Herbst geht

Nicht nur die jüngere Zielgruppe bevorzugt zunehmend den digitalen Weg bei den

Weiterbildungsangeboten. Foto: lev dolgachov- Fotolia.com

WirtschaftsKRAFT 19


Region Nordschwarzwald

Sieht den Südwesten Deutschlands als Land der Genossenschaften:

Verbandspräsident Dr. Roman Glaser. Foto: BWGV

Dr. Roman Glaser: In erster Linie

kommen die Teilnehmer von

unseren BWGV-Mitgliedern. Das

sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken,

die ländlichen und ge -

werblichen Warengenossenschaften.

Der Anteil der externen Teilnehmer

ist vergleichsweise gering.

WirtschaftsKRAFT: Sehen Sie

mittel- bis langfristig die völlige

Abkehr vom traditionellen Seminarbetrieb

mit der dann fehlenden

Präsenz der Teilnehmer in

Karlsruhe?

Dr. Roman Glaser: Nein. Präsenzveranstaltungen

wird es weiterhin

geben. Eine völlige Abkehr vom

persönlichen Zusammenkommen

sehen wir nicht.

WirtschaftsKRAFT: Bleibt das

Akademie-Hotel mit seiner bisherigen

Zimmerzahl von 140 erhalten?

Dr. Roman Glaser: Aufgrund der

rückläufigen Präsenzveranstaltungen

benötigen wir die bisherige

Hotelbetrieb-Kapazität nicht mehr

vollumfänglich. Wir reduzieren

um zirka 10 Prozent. Die dadurch

frei werdende Fläche bauen wir zu

Verwaltungsräumen um.

WirtschaftsKRAFT: Mit der Zusammenführung

der Akademie-

Mitarbeiter in Karlsruhe hat

deren Leiter Ralph Müller unter

anderem auch angekündigt, dass

neue Arbeitsformen getestet werden

sollen. Er sprach von „agilem

Arbeiten“. Was verstehen Sie

konkret darunter?

Dr. Roman Glaser: Agiles Arbeiten

bedeutet für uns vernetztes

und interdisziplinäres Arbeiten

mit einem hohen Maß an Transparenz.

Dabei steht immer der Kunde

im Mittelpunkt. Es gibt überschaubare

Planungs- und Umsetzungszyklen

mit konkreten Ergebnissen.

Die Zwischenschritte werden

stets, auch unter Einbindung der

Kunden, einem Check unterzogen.

Somit sind etwaige Fehlentwicklungen

schnell sichtbar und können

in einem frühen Stadium korrigiert

werden. Ausprobieren und

Fehler sind erlaubt. Prioritäten

werden regelmäßig auf den Prüfstand

gestellt und angepasst.

Flexibilität anstatt starrer Regeln,

ein iteratives Vorgehen und crossfunktionale

Teams sollen für eine

schnelle Anpassungsfähigkeit an

die sich heute schnell verändernden

Rahmenbedingungen sorgen.

WirtschaftsKRAFT: Welche Bedeutung

auf mittel- bis langfristige

Sicht wird die Akademie für

den Verband haben?

Dr. Roman Glaser: Der BWGV hat

die vier Geschäftsfelder Beratung,

Bildung, Interessenvertretung und

Prüfung. Unser Geschäftsfeld Bildung

ist und bleibt deshalb bedeutend,

weil unsere Mitglieder von

unserer Akademie erwarten, dass

wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

für die Veränderungen in

den jeweiligen Märkten, in denen

sich unsere Mitgliedsunternehmen

bewegen, fit machen. Dieser Herausforderung

werden wir gerecht

– heute, morgen und übermorgen.

Zur Person

Dr. Roman Glaser

ist Präsident des Baden-Württembergischen

Genossenschaftsverbands

(BWGV). Mitte 2017

wurde er zum Vizepräsidenten

des Deutschen Raiffeisenverbands

(DRV) in Berlin gewählt.

Er vertritt dort den Baden-

Württembergischen Genossenschaftsverband

und damit die

Interessen der baden-württembergischen

Genossenschaften.

Der DRV vertritt die Interessen

der genossenschaftlich orientierten

Unternehmen der deutschen

Agrar- und Ernährungswirtschaft

insbesondere auf

Bundes- und europäischer Ebene.

Die 2.186 Mitgliedsunternehmen

erzielen im Handel und

in der Verarbeitung von pflanzlichen

und tierischen Erzeugnissen

mit 82.000 Mitarbeitern

einen Umsatz von 60,1 Milliarden

Euro. gel

Zum Thema

BWGV

Der Baden-Württembergische

Ge nossenschaftsverband hat

nach eigenen Angaben mehr

als 900 Mitgliedsunternehmen,

830 davon sind Genossenschaften

mit über 3,9 Millionen Einzelmitgliedern.

Zu seinen Auf -

gaben gehören neben der Prüfung

der Mitglieder auch die

Felder Beratung und Bildung

sowie Interessenvertretung.

Etwa 34.000 Menschen in Baden-Württemberg

arbeiten für

genossenschaftliche Unternehmen,

darunter beispielsweise

die Volksbanken und Raiffeisenbanken

im Nordschwarzwald so -

wie Einkaufsgenossenschaften

wie Intersport oder die in Pforzheim

ansässige Fleischer-Einkauf

Pforzheim eG – um nur

einige zu nennen. gel

www.wir-leben-genossenschaft.de

INTERVIEW

20


WirtschaftsKRAFT 21


Region Nordschwarzwald

Elektrisiert

Technologische Sprünge zwingen die Automobilhersteller

zu einem komplett neuen Denken

Foto: Porsche AG

22


Mit Vollgas in die Zukunft

„Wir stellen

festgelegte Prozesse in

Frage, wir experimentieren,

gehen Risiken ein. Dabei

passieren Fehler, das darf und

muss so sein. Genau so schaffen

wir aber auch Platz für neue

Ideen, die uns weiterbringen

werden.“

Oliver Blume, Porsche

Vorstandsvorsitzender

AUTOMOTIVE

Porsche bringt den ersten rein elektrisch angetriebenen

viersitzigen Sportwagen auf die Straßen –

Zulieferer aus der Region Nordschwarzwald

profitieren von der „Mission E“

Von Gerd Lache

Die Branche war lange im Tiefschlaf,

sagt Uwe Hück über die

deutsche Automobilindustrie. Sie

müsse jetzt rasch wach werden.

Wer wichtige Trends verschlafe, der

verschwinde von der Bildfläche.

Hück lebt mit seiner Familie im

Enzkreis. Seinen Job macht er in

Stuttgart bei Porsche. Der Verdienstkreuzträger

und Gründer der

Pforzheimer „Lernstiftung Hück“ ist

Gesamtbetriebsratsvorsitzender

und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender

der Porsche AG. Nachhaltigkeit

und Digitalisierung sowie

Bildung sind derzeit seine maßgeblichen

Themen bei Auftritten in der

Öffentlichkeit.

Angst vor der Digitalisierung hat

der Ex-Profiboxer nicht. Im Gegenteil:

„Wir werden die Digitalisierung

nicht aufhalten, deshalb müssen

Die Digitalisierung annehmen, aber die Menschen nicht vergessen – so lautet

die Devise von Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück (rechts), daneben Ministerpräsident

Winfried Kretschmann und Vorstandschef Oliver Blume. Foto: Doris Löffler

wir sie gestalten“, sagt Hück und

kündigt auch für den Sportwagenbauer

an: „Künftig werden Roboter

und Menschen gemeinsam arbeiten.“

Porsche-Vorstandsvorsitzender

Oliver Blume ergänzt: „Technologische

Sprünge zwingen uns zu

einem komplett neuen Denken.“

Und Lutz Meschke, stellvertretender

Vorstandsvorsitzender und

Vorstand Finanzen und IT macht

deutlich: „Die digitale Transformation

erfasst alle Bereiche des Unternehmens

– interne Prozesse, die

Kundeninteraktion sowie unsere

Produkte und Services.“ Die zunehmende

Vernetzung der Fahrzeuge

sowie veränderte Mobilitätskonzepte

führen laut Meschke zu

einem „massiven Umbruch in der

Automobilindustrie und rufen neue

Wettbewerber auf den Plan“. In diesem

Umfeld habe der Sportwagenbauer

das klare Ziel: „Porsche wird

sich zur innovativsten Marke für

exklusive und sportliche Mobilität

entwickeln.“

Und einer der Wege zu diesem Ziel

heißt „Mission E“. Am Stammwerk

in Stuttgart-Zuffenhausen entsteht

derzeit die Produktionsstätte für

das geplante Elektroauto. Uwe Hück

hat sich gemeinsam mit den 8700

Beschäftigten in Stuttgart massiv

dafür eingesetzt, dass der Standort

für „die Zukunft der Marke“ –

wie Wolfgang Porsche die Mission

nannte – in Zuffenhausen sein wird.

Denn mit den klassischen Sportwagen

alleine sieht der Betriebsratschef

die Beschäftigung langfristig

nicht gesichert.

Die Entscheidung, den künftigen

Elektro-Sportwagen am Stammsitz

zu fertigen, hat laut Porsche

„eine Signalwirkung, die weit über

WirtschaftsKRAFT 23


Region Nordschwarzwald

Konzeptstudie des elektrisch betriebenen Porsche E, der im Entwicklungszentrum Weissach/Mönsheim „geboren“ wurde.

Foto: Graeme Fordham

Stuttgart hinausreicht. Die Mission

E wird ein neues Aushängeschild für

die gesamte Region“. Auch bei den

zahlreichen Automobilzulieferern

im Nordschwarzwald und rund um

Pforzheim wird sich das Projekt entsprechend

niederschlagen. Ohne hin

wurde das mit feinster Technik bestückte

Fahrzeug im Grenzgebiet des

Enzkreises ersonnen, in der Design-

und Ingenieursschmiede von Porsche,

dem Entwicklungszentrum in

Weissach/Mönsheim.

Bei seinem Besuch in Zuffenhausen

erfuhr der baden-württembergische

Ministerpräsident Winfried

Kretschmann (Grüne) von Porsche-

Vorstandsvorsitzendem Oliver Blume

und Uwe Hück, wie „der Tribut

an morgen“ aussehen wird: Vier

Hat noch viele Pläne für den Standort Weissach/Mönsheim: Porsche-Vorstandschef

Oliver Blume. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Türen und vier Einzelsitze, über

440 kW (600 PS) Systemleistung

und mehr als 500 Kilometer Reichweite.

Allradantrieb und Allrad -

lenkung, in unter 3,5 Sekunden von

null auf 100 km/h und eine Ladezeit

mit einer eigens Entwickelten

Schnellladeeinheit von lediglich

rund 15 Minuten für 80 Prozent der

elektrischen Energie.

Über die Eckdaten des Mission E,

des ersten rein elektrisch angetriebenen

viersitzigen Sportwagens von

Porsche, zeigte sich der Ministerpräsident

beeindruckt. Ende des

Jahrzehnts kommt der Mission E

auf die Straße. Doch zuvor gilt es,

eine völlig neue Produktion aufzubauen.

Die bereits begonnenen Bau -

maßnahmen sollen Anfang 2019

abgeschlossen sein. Hück spricht

mit Blick auf die neue Produktion

von ganz neuen Wegen in Richtung

Digitalisierung der Arbeitswelt. Roboter,

mit Künstlicher Intelligenz

(KI) ausgestattet, sollen die Beschäftigten

körperlich entlasten.

In der Folge müsse auch über die

Gestaltung der Arbeitszeit und der

Pausen nachgedacht werden.

Die Fabrik 4.0 werde für Belegschaft,

Gewerkschaft und Arbeitgeber „eine

gewaltige Herausforderung“, weiß

24


„Ich habe als

Achtjähriger eine

Vereinbarung mit Gott getroffen

und zu ihm gesagt:

Mach mich bitte groß und stark,

dann kümmere ich mich um den

ganzen Mist da draußen. Gott hat es

gemacht. Und jetzt muss ich mein

Versprechen halten.“

Uwe Hück, Gesamtbetriebsratsvorsitzender

und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender

der Porsche AG

und Gründer der

„Lernstiftung Hück“

der Betriebsratschef. „Wir werden

neue Wege gehen, aber dabei das

Soziale nicht aufgeben, verspricht

Hück. Porsche fahre mit seiner Entscheidung

für das E-Projekt „mit

Vollgas ohne Geschwindigkeitsbegrenzung

in die automobile und

industrielle Zukunft“.

Allein in Zuffenhausen entstehen

nach Angaben des Sportwagenherstellers

mehr als 1000 von den 1400

im Raum Stuttgart geplanten neuen

Arbeitsplätzen. Gesucht wurden be -

reits vor mehr als einem Jahr Experten

aus den Bereichen Digitalisierung,

E-Mobility, Smart Mobility

und Connected Car. Besonders

gefragt waren auch Produktionsplaner,

die sich mit der Fabrik 4.0

und der digitalen Produktionswelt

auskennen, außerdem mehr als 100

IT-Spezialisten.

„Tatsächlich kann man hier von

einem war for talents sprechen. Bei

unserer weltweiten Suche nach Experten

stehen wir in unmittelbarem

Wettbewerb mit anderen Automobilherstellern,

Zuliefer- oder IT-Firmen“,

sagt Andreas Haffner, Personalvorstand

der Porsche AG. Er

weiß: „Mit Geld alleine lassen sich

diese Köpfe nicht locken. Es geht

um packende Aufgaben, ein cooles

Umfeld, möglichst viele Freiheiten

für Kreativität und mehr denn je

attraktive Angebote zur Work-life-

Balance.“

Insgesamt plant Porsche eine Milliarde

Euro an Investitionen. Rund

700 Millionen Euro davon fließen an

den Stammsitz Zuffenhausen. In den

nächsten Jahren werden dort eine

neue Lackiererei und eine eigene

Montage errichtet. Das bestehende

Motorenwerk wird für die Herstellung

der Elektroantriebe ausgebaut.

Außerdem wird der vorhandene

Karosseriebau erweitert. Hinzu

„Druck aushalten gehört dazu“

Uwe Hück und seine Lernstiftung

fördern Jugendliche in Bildung und Sport

Der Schlüssel für die Herausforderungen

der Zukunft „ist

Bildung“, sagt Uwe Hück. „Hier

müssen die Arbeitgeber die Millionen,

die auf irgendwelchen

Konten liegen, in die Qualifizierung

ihrer Mitarbeiter investieren.“

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende

und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende

der Por sche

AG setzt mit der von ihm 2013

gegründeten Pforzheimer „Lernstiftung

Hück“ viel früher an, bei

den Jugendlichen. Insbesondere

sozial schwache Jugendliche

fördert und fordert die Stiftung

durch Lern-, Ausbildungs- und

Integrationsprojekte.

Im Juni 2015 eröffnete das Bildungs-

und Sportzentrum Hück,

ebenfalls mit Sitz in Pforzheim.

Auch hier das Ziel: benachteiligten

Jugendlichen eine Perspektive

geben. Unter anderem

trainiert Hück in seiner Freizeit

jugendliche Thaiboxer. Und wie

erklärt er dieses große Engagement?

„Wir haben heutzutage

die beste Jugend, die es jemals

gab. Diese jungen Leute muss

man fördern, ihnen die richtigen

Werte vermitteln und zeigen,

dass Gewalt keine Lösung ist.“

Zum Kuratorium der Lernstiftung

gehören unter anderem Dr.

Felix Ladenburger von der renommierten

Pforzheimer Kanzlei

„Ladenburger Rechtsanwälte“

sowie der Vorstandsvorsitzende

der Sparkasse Pforzheim Calw,

Stephan Scholl.

„Durch Bildung und

Sport sollen

jungen Menschen

Chancen im Berufsleben

ermög-

licht werden, die ihnen sonst verschlossen

bleiben“, ist das Credo

von Hück. Seine Vita zeugt davon,

dass er weiß, wovon er spricht.

Uwe Hück wurde „wahrscheinlich“

am 22. Mai 1962 in Stuttgart geboren.

Bis zu seiner heutigen Position

als Betriebsratschef und als Stellvertreter

von Wolfgang Porsche im

Aufsichtsrat der Porsche AG war es

ein weiter und harter Weg. Elternlos

im Kinderheim Sperlingshof in

Remchingen/Enzkreis aufgewachsen,

machte er von 1977 bis 1981

eine Ausbildung als Maler und

Lackierer. Bis 1985 war er professioneller

Thaiboxer und wurde

zweimal Europameister.

Im selben Jahr heuerte er bei Porsche

an. Dort ist er seit 1990 Mitglied

des Betriebsrates. In diversen

Weiterbildungsmaßnahmen schob

sich Hück kontinuierlich nach oben,

arbeitete sich in Themen wie Arbeits-,

Tarif- und Sozialrecht ein.

Hück sagt: „Jeder kann aus seinem

Leben etwas machen. Druck aushalten

gehört einfach dazu.“

1997 wurde er Betriebsratsvorsitzender

der Standorte Zuffenhausen

und Ludwigsburg. 2002 erfolgte der

Sprung zum Gesamtbetriebsratsvorsitzenden

der Porsche AG, ein

Jahr später kam der Posten als Vorsitzender

des Konzernbetriebsrats.

2007 wurde er stellvertretender

Vorsitzender des Aufsichtsrats der

Porsche Automobil Holding SE,

2010 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender

der Porsche AG.

Seit Juli 2015 ist Uwe Hück außerdem

Mitglied des Aufsichtsrats

der Volkswagen AG. Am 4. September

2012 erschien seine Autobiografie

mit dem Titel „Volle

Drehzahl“ (Campus Verlag). gel

Kämpfer für

Arbeitnehmerrechte

und soziale

Gerechtigkeit:

der ehemalige

Thai-Boxer und

heutige Porsche-

Gesamtbetriebsratschef

Uwe Hück.

Foto: Lernstiftung Hück

AUTOMOTIVE

WirtschaftsKRAFT 25


Region Nordschwarzwald

kommen weitere Investitionen, zum

Beispiel für das Entwicklungszentrum

Weissach/Mönsheim.

Überhaupt das Entwicklungszentrum.

Hier hat laut Hück „die Zukunft

Tradition“. Es befindet sich

zum Teil auf Gemarkung der Enzkreis-Gemeinde

Mönsheim. Seine

räumliche Nähe zu Stuttgart war

ein weiterer Pluspunkt, der den

Ausschlag bei der Standortwahl für

die E-Produktion gab. Bereits Mitte

2014 hat der Sportwagenhersteller

das größte Investitionsprojekt in

der Geschichte des Entwicklungszentrums

in Betrieb genommen. Die

drei neuen Gebäude – das Design-

Studio mit Konzeptbau, ein aeroakustischer

Windkanal und das

Elektronik-Integrationszentrum –

setzen nach Unternehmensangaben

neue Maßstäbe für die zukunftsorientierte

Fahrzeugentwicklung

mit dem Prädikat „engineered and

designed in Weissach”.

Erste positive Auswirkungen des

Projekts „Mission E“ sind bereits in

der Region Nordschwarzwald zu registrieren.

So siedelt sich beispielsweise

mit ThyssenKrupp System

Engineering ein international agierender

Systempartner der Automobilindustrie

in Mühlacker/Enzkreis

an. 85 Arbeitsplätze werden geschaffen.

„Produziert werden dort

die Karosserien für das Elektroauto

von Porsche“, erklärt Günter Bächle,

Fraktionsvorsitzender der CDU

im Kreistag.

„Man sagt ja, Baden-Württemberg

sei das Land der Tüftler und Denker

– in Mönsheim und Weissach

wird deutlich, dass das nicht nur

so ein Spruch ist”, resümiert der

grüne Ministerpräsident Winfried

Kretschmann angesichts der Pläne

von Porsche.

Im Akustiklabor Weissach

geht‘s um den typischen Porsche-Sound.

Foto: Bernd Kammerer

AUTOMOTIVE

Zum Thema

EZW – die Denkfabrik

von Porsche

Das Entwicklungszentrum Weissach

(EZW) der Dr. Ing. h.c. F. Porsche

AG steht seit Jahrzehnten für innovative

und intelligente Fahrzeugentwicklung.

Hier ersinnt das

Unternehmen seit 1971 die Sportwagen

der Zukunft, die heute in

Zuffenhausen, Leipzig und Osnabrück

vom Band rollen und in weltweit

mehr als 125 Märkten verkauft

werden. Weissach ist einer von drei

Standorten, an denen grundlegende

Baukästen und Technologien

verantwortet werden, die auch bei

Fahrzeugen der Schwestermarken

zum Einsatz kommen.

Das Design-Studio auf dem Gelände des Entwicklungszentrums Weissach/Mönsheim

von Porsche formt den optischen Charakter der Fahrzeuge. Foto: Porsche

Und hier wurde der Elektro-Sportwagen

„Mission E“ komplett entwickelt.

Laut Vorstandsvorsitzendem

Oliver Blume wird das Entwicklungszentrum

darüber hinaus eine

zentrale Rolle der von Porsche ausgegebenen

„Strategie 2025“ spielen.

„Wir haben dazu viele neue

Ideen für Weissach“, sagt Blume.

Die Prüfstrecke in der Gemeinde

ist bereits seit 1962 in Betrieb. Im

Zuge der Erweiterung des EZW im

Jahr 2014 sind drei neuen Gebäude

– Design-Studio mit Konzeptbau,

aero-akustischer Windkanal und

Elektronik-Integrationszentrum –

entstanden, die auf der angrenzenden

Gemarkung der Gemeinde

Mönsheim im Enzkreis stehen.

Auch in Friolzheim, ebenfalls zum

Enzkreis gehörend, hat sich der

Sportwagenbauer ein weiteres Areal

gesichert.

Aktuell sind im EZW über 6000

Mitarbeiter von Porsche (4500) und

Partnerunternehmen (1500) in der

Entwicklung, im Motorsport, im

Einkauf und den unterstützenden

Bereichen beschäftigt. gel

26


das original:

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PORTRÄT

WirtschaftsKRAFT 29


Region Nordschwarzwald

„Gravierende

Veränderungen“

In der Gestaltung der digitalen Arbeitswelt

sieht die Wirtschaftsministerin

eine zentrale Aufgabe der Unternehmen

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut MdL,

Ministerin für Wirtschaft, Arbeit

und Wohnungsbau des Landes Baden-

Württemberg. Foto: Wirtschaftsministerium

/ Sascha Baumann

Von Gerd Lache

„Analog war vorgestern. Die Digitalisierung

hält rasanten Einzug in

nahezu allen Lebensbereichen und

verändert Wirtschaft und Gesellschaft,

vergleichbar mit der industriellen

Revolution.“ Das sagt der

Pforzheimer Unternehmer und IHK-

Ehrenpräsident Burkhard Thost.

Bis Mitte 2017 war er zehn Jahre

lang Präsident der Industrieund

Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald.

Quasi als krönenden

Abschluss seiner Präsidentschaft

initiierte Thost im CongressCentrum

seiner Heimatstadt das „Zukunftsforum

2030“. Zwei Tage lang diskutierten

anerkannte Experten aus

Deutschland mit rund 250 Unternehmerinnen

und Unternehmern

ausschließlich über die Herausforderungen

der Digitalisierung. Und

insbesondere ging es um das neue

Arbeiten in dieser neuen Welt. Der

Titel der Veranstaltung lautete deshalb

auch: „Der Mensch in der

Smart World“.

Die baden-württembergische Ministerin

für Wirtschaft, Arbeit und

Wohnungsbau, Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut

(CDU), die Thost für seine

Verdienste mit der Wirtschaftsmedaille

des Landes auszeichnete,

lobte das Zukunftsforum, das die

richtigen Fragen gestellt habe. Sie

mahnte: Seinerzeit sei die Kommerzialisierung

des Internets verschlafen

worden. Nun stünde der

heimischen Automobilindustrie ein

massiver Strukturwandel bevor.

„Wir dürfen unser Schicksal nicht

den Managern im Silicon Valley

überlassen“, sagte Hoffmeister-

Kraut. Bei der Digitalisierung müsse

die Industrie in Baden-Württemberg

die Nase vorn haben.

„Die zunehmende Digitalisierung

führt zu gravierenden Veränderungen

in der Wirtschaft und nahezu

allen Lebensbereichen unserer

Gesellschaft.“ Allerdings räumt die

Ministerin ein: „Die erste Runde

ging ganz klar an die USA.“ Das soll

sich nicht wiederholen: „Die Digitalisierung

der Wirtschaft ist eine

der zentralen Herausforderungen.“

Die industrielle Produktion verändere

sich – „sie wird flexibler, individueller

und effizienter“. Nicht nur

das: Die ganze Welt werde gravierend

anders – wie wir leben, konsumieren

und wie wir arbeiten.

Thema Arbeiten: „Es muss uns gelingen,

dass die Diskussion um Arbeit

4.0 sachlich geführt wird, faktenbasiert

und vor allem vor dem

Hintergrund, dass in der Arbeitnehmerschaft

derzeit eine große Unsicherheit

herrscht“, erklärt die Wirtschaftsministerin.

Es gebe nicht nur

Befürchtungen, wie der Arbeitsplatz

der Zukunft aussehe, sondern

ob in Zukunft noch genügend Arbeit

vorhanden sein werde. Hoffmeister-Kraut:

„Die Gestaltung der

digitalen Arbeitswelt betrachte ich

als eine der zentralen Aufgaben für

die Unternehmen, die Beschäftigten,

die Sozialpartner und die Politik.“

Zur Person

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut

wurde 1972 in Balingen geboren.

Sie studierte an der Universität

Tübingen Betriebswirtschaftslehre,

schloss als

Diplom-Kauffrau ab und promovierte

2001 an der Universität

Würzburg. Ihre Zeit in London

begann Dr. Hoffmeister-Kraut

bei der Investmentbank Morgan

Stanley, danach arbeitete sie bis

2005 als Analystin bei Ernst &

Young in London und Frankfurt.

Sie ist seit 1998 Gesellschafterin

der Bizerba SE & Co. KG

in Balingen. Dort war sie von

2014 bis zu ihrem Amtsantritt

als Ministerin Mitglied des Aufsichtsrats.

Seit Mai 2016 ist sie

als Mitglied der CDU im Landtag

von Baden-Württemberg,

am 12. Mai 2016 wurde sie zur

Ministerin für Wirtschaft, Arbeit

und Wohnungsbau des Landes

Baden-Württemberg ernannt.

Nicole Hoffmeister-Kraut ist

verheiratet und hat drei Töchter.

gel

30


Zum Thema

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere für Frauen, gilt als wichtiger

Baustein bei der Gestaltung der Arbeitswelt. Foto: Daniel Naupold

Ihr liege Arbeit 4.0 sehr am Herzen.

Flexibilisierung könne einer

der Schlüssel sein, für mehr Freiraum

und für ein besseres Gelingen

der Vereinbarkeit von Beruf und

Familie. Die „heute starren Regeln

des Arbeitszeitrechts“ könnten der

Wirklichkeit vieler Unternehmen

nicht mehr gerecht werden. Die

Bundesregierung solle die Arbeitsbedingungen

auf die Veränderungen

anpassen. „Wir brauchen aber

Regeln, die dem Schutz der Beschäftigten

dienen. Arbeitsschutz,

notwendige Ruhezeiten und andere

sinnvolle Standards dürfen in

Zeiten von Industrie 4.0 nicht über

Bord geworfen werden“, fordert

Nicole Hoffmeister-Kraut.

Auch Aus- und Weiterbildung sei

ein wichtiges Thema. Angesichts

der Dynamik der voranschreitenden

Digitalisierung betrachte sie

„die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt

als eine der zentralen

Aufgaben für die Unternehmen,

die Beschäftigten, die Sozialpartner

und die Politik“.

Die Landesregierung will Baden-

Württemberg zum führenden Stand -

ort der digitalen Industrie machen.

Deshalb wurde bereits im Jahr 2015

eine Allianz Industrie 4.0 gegründet,

die alle wesentlichen Akteure

im Land vernetzt. Vorrangig will

das Netzwerk kleinen und mittleren

Unternehmen (KMU) Orientierung

auf dem Weg zur Digitalisierung

geben und dazu beitragen, dass

sich Beschäftigte auf ein sich veränderndes

Aufgabenspektrum vorbereiten

können. Unterdessen sollen

Unternehmen und Mitarbeiter

gleichermaßen profitieren, so die

Vorstellung der Wirtschaftsministerin.

Der Begriff „Industrie 4.0“ stehe für

das vertiefte Zusammenwachsen

von Maschinenbau und Elektrotechnik

mit der Informationstechnologie

zu einer intelligent vernetz -

ten Produktionsweise in den Fabriken

der Zukunft. Dabei geht es

auch um die intelligente Zusammenarbeit

verschiedener Branchen

in Verbindung mit einer Optimierung

von Wertschöpfungsketten

und industriellen Prozessen. Zentrale

Themen seien Sicherheit,

Standardisierung und die Entwicklung

neuer Geschäftsmodelle sowie

neue Arbeitswelten.

Fachwissen vergeudet

„Wir dürfen nicht nur über Tech -

nik reden, es geht auch um die

Menschen“, meint Martin Kunzmann,

Vorsitzender des DGB

Baden-Württemberg und ehema -

liger Chef der IG Metall Pforz -

heim. Bei einem Podiumsgespräch

während der Industriewochen

2017 des Wirtschaftsministeriums

in Stuttgart sagte er

zudem, dass wertvolles Wissen

vergeudet werde, weil weibliche

Fachkräfte nicht ausreichend in

den Arbeitsprozess integriert

würden. „Vereinbarkeit von Fa -

milie und Beruf“ sowie der

Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen

sind für den DGB-Landesvorsitzenden

ein Mittel, um

mehr Fachkräfte gewinnen zu

können.

Unterdessen erklärte der Gewerkschafter:

„Unser zentrales

Anliegen ist, dass alle Beschäftigten

in den Veränderungsprozessen

mitgenommen werden,

dass sie eine Perspektive auf

einen guten und sicheren Arbeitsplatz

erhalten und sich an

der Gestaltung der Arbeitswelt

beteiligen können.“ Kunzmann

begrüßt es, dass Wirtschaftsministerin

Dr. Hoffmeister-Kraut

mit verschiedenen Initiativen

und Projekten „die Herausforderungen

gemeinsam mit allen

Beteiligten anpacken will“. gel

Fordert klare Zukunfts perspektiven

für die Beschäftigten:

Martin Kunzmann, Vorsitzender

des DGB Baden-Württemberg.

Foto: Doris Löffler

INDUSTRIE 4.0

WirtschaftsKRAFT 31


Region Nordschwarzwald

Wirtschaftsmedaille für Burkhard Thost

Für herausragende unternehmerische

Leistungen und zum Dank für

besondere Verdienste um die baden-württembergische

Wirtschaft

hat Wirtschaftsministerin Dr. Nicole

Hoffmeister-Kraut (CDU) die Wirtschaftsmedaille

des Landes an den

bisherigen Präsidenten der IHK

Nordschwarzwald, Burkhard Thost,

verliehen. Er hat das Amt Mitte

2017 an Claudia Gläser übergeben.

„Burkhard Thost hat seine zehnjährige

Präsidentschaft bei der IHK

Nordschwarzwald mit seiner ganzen

unternehmerischen Erfahrung

und Professionalität ausgefüllt“,

lobte die Ministerin. Mit Tatkraft,

Ausdauer, Weitsicht, Verantwortungsbewusstsein

und vor allem

großem Einsatz habe er die Wirtschaftsinfrastruktur

in der Region

Nordschwarzwald gestärkt. Aber

auch auf internationalem Terrain

habe sich Thost vorbildlich und

nachhaltig für die Belange der Gesamtwirtschaft

eingesetzt. „Sie sind

ein würdiger und geachteter Botschafter

Baden-Württembergs und

Aushängeschild für unser Land in

aller Welt“, sagte Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut.

Thost habe in seiner Amtszeit viele

wichtige Themen vorangetrieben

und mit Weitblick und Weltoffenheit

Schwerpunkte gesetzt – mit beachtlichem

Zeitaufwand und einem hohen

Maß an persönlichem Verzicht.

Dies alles sei ohne Idealismus und

großer Leidenschaft in der Sache

nicht zu leisten. Diesen Geist hätten

viele Unternehmer im Südwes -

ten inne: „Sie haben genau die innere

Einstellung und Haltung, die

unseren Mittelstand hier in Baden-

Württemberg auszeichnet. Eine Haltung,

die sich im persönlichen Ein -

satz für das Unternehmen und seine

Mitarbeiter, aber auch im langjährigen

ehrenamtlichen Engagement

für die Wirtschaftsregion Nordschwarzwald

eindrucksvoll zeigt.“

Thost brachte sich demnach intensiv

in das Projekt „Regionalentwicklung

2030“ ein, aus dem

herausragende strukturrelevante

Pro jekte hervorgingen. Beispiele

sind der Campus Schwarzwald, der

Ausbau der Bildungszentren in der

Region sowie die Einrichtung der

Kontaktstelle „Wirtschaft und Wissenschaft“.

Das Amt eines IHK-Präsidenten ist

ein Ehrenamt, er erhält demnach

keinerlei Bezahlung für den zeitlichen

und persönlichen Aufwand.

Lediglich Sachkosten, wie etwa Rei -

sekosten können nach einer internen

Richtlinie erstattet werden.

Die zeitliche Inanspruchnahme für

diese Tätigkeit könne nur geschätzt

werden, so IHK-Hauptgeschäftsführer

Martin Keppler. Er geht von

durchschnittlich rund 500 Stunden

pro Jahr aus, die sich addieren

durch vielfältige Termine, Verpflichtungen,

Besprechungen und

Sitzungsvorbereitungen.

gel

INDUSTRIE 4.0

„Ein Ehrenamt

wie das eines IHK-

Präsidenten fordert die

ganze Persönlichkeit

über den gesamten Tag.

Diese Aufgabe kann Freude

bereiten, aber auch hin und

wieder anstrengend sein.“

Martin Keppler,

Hauptgeschäftsführer der IHK

Nordschwarzwald

Hat das Ehrenamt des IHK-Präsidenten laut Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-

Kraut mit Professionalität ausgefüllt: Burkhard Thost. Dafür erhielt er die Wirtschaftsmedaille

des Landes Baden-Württemberg.Foto: Michael Hasch

32


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WirtschaftsKRAFT 33


Landkreis Freudenstadt

Chance und

Herausforderung

Vakuumtechnik-Marktführer J. Schmalz übernimmt

GPS Gesellschaft für Produktionssysteme

als weiteren Baustein seiner Digitalisierungsstrategie

Berichtete beim wvib-Marketingtag

über die Einrichtung eines Web-Shops:

Hendrik Bittenbinder, Marketingleiter

der J. Schmalz GmbH. Foto: Schmalz

Von Gerd Lache

Digitalisierung, das bedeutet für

die J. Schmalz GmbH im Landkreis

Freudenstadt „Chance und Herausforderung

zugleich“. Das macht

Walter Dunkmann deutlich. Er leitet

das Geschäftsfeld für Vakuum-

Automation. Das Unternehmen gilt

als weltweit führender Anbieter in

der Automatisierungs-, Handhabungs-

und Aufspanntechnik und

bietet Kunden aus zahlreichen

Branchen Lösungen aus dem Bereich

der Vakuumtechnik. Am

Stammsitz in Glatten, im südlichen

Teil des Nordschwarzwalds gelegen,

sowie in 17 ausländischen Niederlassungen

sind rund 1200 Menschen

beschäftigt. Ausbildungsquote in

Deutschland: 13 Prozent. Anteil von

Forschung und Entwicklung am

Umsatz: 8,5 Prozent. Exportquote:

50 Prozent.

Zum 1. Januar 2017 hat Schmalz

die „GPS Gesellschaft für Produktionssysteme

GmbH“ in Stuttgart

übernommen. Laut Dunkmann „ein

weiterer, wichtiger Baustein unserer

Digitalisierungsstrategie“. Indes erklärt

er: „Für uns steht gar nicht so

sehr der Begriff der Digitalisierung

im Mittelpunkt.“ Entscheidend sei

vielmehr, was sich die Kunden dadurch

erhoffen – „und dementsprechend,

was sie von uns erwarten“.

Beispiel Automobilindustrie: Die

E-Mobilität erfordere auch von der

Zulieferindustrie ein grundsätzliches

Umdenken. „Als Hersteller von

Greifsystemen lautet die klare Anforderung

an Schmalz, flexible End -

effektoren anzubieten, die mit dem

Mix von bisherigen Antrieben auf

der einen Seite sowie Hybrid- und

Elektromotoren auf der anderen

Seite umgehen können.

Guten Zulauf hatte der Marketingtag des Wirtschaftsverbandes wvib. Die Teilnehmer

kamen aus den knapp über 1000 Mitgliedsbetrieben des Verbandes. Foto: Doris Löffler

Ein anderes Beispiel sind die E-

Commerce-Aktivitäten des Vakuum-

Spezialisten. Beim Marketingtag des

Wirtschaftsverbandes Industrieller

Unternehmen Baden (wvib) in Freiburg

erläuterte Schmalz-Marketing -

leiter Hendrik Bittenbinder die Herausforderun

gen bei Planung und

Umsetzung des neuen Web-Shops

sowie die Ergebnisse. Bereits 100

Tage nach der Freischaltung seien

rund 6000 registrierte Nutzer, 50

Prozent davon aus dem Ausland,

registriert worden. Nach einem Jahr

wurden Besucher aus 202 Ländern

gezählt. „Global gesehen, bekommen

wir inzwischen mehr Kontakte über

Online-Quellen als auf Messen“,

sagte der Marketingleiter. Dennoch

bekenne sich das Unternehmen

weiter zum persönlichen Kundenkontakt

auf Messeveranstaltungen.

Unterdessen seien Studien zu dem

Ergebnis gekommen: Rund 80 bis

90 Prozent der Geschäfte, bei denen

Verkäufer und Käufer Unternehmen

sind – kurz B2B (Business

to Business) genannt – würden vom

Internet beeinflusst. Eine weitere

Untersuchung besage, dass der Geschäftskunde

über digitale Kanäle

schon etwa 60 Prozent des Weges

hin zu einer Kaufentscheidung gegangen

sei, bevor er mit dem Lieferanten

Kontakt aufnehme.

Neun Monate dauerte die Umsetzungsphase

des Web-Shops bei

Schmalz. Schon ein halbes Jahr davor

wurde der Prozess eingeleitet.

Das Dokument mit dem Anforderungsprofil

umfasste 140 Seiten.

34


Rund 5000 Entwicklerstunden wurden

geleistet, mehrere Hundert Seiten

in fünf Sprachen mussten für

alle Endgeräte – vom PC bis zum

Smartphone – nutzbar gemacht

werden und 1400 Fehler galt es in

der Testphase rasch zu beseitigen.

Lohnt sich ein derartiger Aufwand?

Ja, sagte der Marketingleiter. Beispielsweise

hätten knapp 11.000 heruntergeladenen

Produktdaten den

personellen Aufwand für Postversand

sowie Portokosten gespart.

„Und wir haben relativ viele Katalog-Downloads.“

Im Übrigen sei man

bei Schmalz überzeugt, dass der

Käufer beim Bestellprozess sehr viel

selbstständiger werde. Bittenbinder:

„Wir wollen dazu beitragen, dass

der Kunde diesen Weg gehen kann.“

www.schmalz.com/de

Im Mittelpunkt steht nicht die Digitalisierung, sondern die Erwartung der Kunden zu

diesem Thema, meint Walter Dunkmann, Leiter des Geschäftsfelds Vakuum-Automation

der J. Schmalz GmbH. Foto: Schmalz

MARKETING

Beim Marketingtag: Premiere der wvib-App

Gerd Lache

Auch beim Wirtschaftsverband

industrieller Unternehmen Baden

(wvib) stehen die Zeichen auf Digitalisierung.

Premiere beim Marketingtag

2017 in Freiburg hatte

die App „mywvib“, die für iOS und

Android entwickelt wurde. „Es funktioniert

wie Whatsapp“, sagte Dirk

Fabian, Leiter der wvib-Akademie.

Vorteil: Die einzelnen Fachgruppen -

teilnehmer der mehr als 1000 Mitgliedsunternehmen

könnten sich

nun durchgehend und direkt miteinander

vernetzen, beispielsweise

Dokumente, Bilder und Informationen

austauschen. Bisher sei dies

weitgehend über die Verbandsgeschäftsstelle

sowie in den mehrmals

jährlich stattfindenden Erfahrungsaustauschgruppen

erfolgt.

Die Vakuumtechnik des Marktführers J. Schmalz aus Glatten macht auch für den

baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann das Anheben

schwerer Lasten leicht. Hier mit Geschäftsführer Andreas Beutel. Foto: Schmalz

Die Datensicherheit sieht Fabian

gewährleistet: „Alles, was Sie tun,

läuft über einen Server im Rechenzentrum

in Appenweier, da kommt

kein NSA drauf.“

Zum wvib gehören Unternehmen

wie Witzenmann, EVE und Kramski

aus Pforzheim, Willy Lillich (Straubenhardt),

OBE (Ispringen), PKT

(Tiefenbronn), Herrmann Ultraschall

(Karlsbad), E.G.O. (Oberderdingen),

Enayati (Birkenfeld), Euro Sonic

(Keltern) und Schmalz GmbH (Glatten)

– um nur einige zu nennen.

In einer Umfrage bei einigen seiner

mehr als 1000 Mitgliedsbetriebe

hat sich der Verband für die Nutzung

sozialer Medien interessiert.

Die Antworten ergaben folgendes

Ergebnis: Die befragten Unternehmer

nutzten zu ähnlich hohen Anteilen

die beruflichen Plattformen

Xing (38 Prozent), LinkedIn (34)

und Facebook (35). Der Videokanal

YouTube (23), der Kurznachrichtendienst

Twitter (12) sowie die Bildund

Videoplattform Instagram (6)

folgen mit deutlichem Abstand. 95

Prozent der befragten wvib-Unternehmen

besitzen eine Homepage,

39 Prozent betreiben einen Firmen-

Account bei Facebook, 30 Prozent

stellen ihr Unternehmen auf Xing

vor, knapp gefolgt von YouTube

(26) und LinkedIn (23). gel

www.wvib.de

WirtschaftsKRAFT 35


Region Nordschwarzwald

„Es ist an der Zeit

umzudenken“

Autoren des Buchs „Sonst knallt‘s“ plädieren für

Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens

Von Gerd Lache

Die Namensliste derer, die international

für die Einführung eines

Bedingungslosen Grundeinkommens

(BGE) plädieren, ist hochrangig

besetzt. Microsoft-Gründer

Bill Gates und Tesla-Chef Elon

Musk gehören ebenso dazu wie

der Philosoph, Publizist und ZDF-

Talker Richard David Precht. Auch

Facebook-Vorstandsvorsitzender

Mark Zuckerberg und Ebay-Gründer

Pierre Omidyar haben sich als

BGE-Fan geoutet. Und selbst der

gebürtige Pforzheimer und Stuttgarter

GFT-Aufsichtsratschef Ulrich

Dietz, dessen IT-Unternehmen

weltweit aktiv ist, sinniert, dass

man über ein Grundeinkommen

oder den Sinn von Arbeit reden

müsse – wenngleich er von einem

Einkommen, bei dem man fürs

Nichtstun Geld erhält, nicht viel

halte.

Aktuell findet das Thema insbesondere

bei den Befürworten hohe Zustimmung,

die aus dem IT-Umfeld

kommen und angesichts der zunehmenden

Digitalisierung bereits

mittelfristig den ersatzlosen

Verlust zahlreicher Arbeitsplätze

sehen. Anders als in den bisherigen

industriellen Revolutionen

würde dieser disruptive Prozess

eben keine neuen Arbeitsplätze

an anderer Stelle schaffen. Roboter

übernehmen demnach nicht

nur einfache Tätigkeiten, sondern

würden zunehmend auch für kom -

plexe Aufgaben eingesetzt. Stichwort

Künstliche Intelligenz.

Supercomputer wie beispielsweise

der IBM Watson haben bereits

Hunderte von Arbeitsplätzen in der

Versicherungsbranche überflüssig

gemacht. Auch in der Automobilbranche

und damit auch bei den

zahlreichen Zulieferbetrieben im

Nordschwarzwald werde es im Zuge

der Digitalisierung einen gravierenden

Wandel mit schmerzhaf -

ten Einschnitten geben, prophezeit

Publizist Richard David Precht.

Für den Philosophen Precht steckt

bei einigen BGE-Befürworten indes

weniger die Sorge um die Men -

schen hinter der vehementen Forderung

nach einem Bedingungslosen

Grundeinkommen für jeden

Bürger. Vielmehr sei es die pure

Angst davor, Konsumenten zu verlieren

– angesichts eines verarmten

Das Interesse an Veranstaltungen zum Thema Grundeinkommen ist groß. Von links: die Buchautoren Matthias Weik, Götz W. Werner und

Marc Friedrich sowie Moderator und Redakteur Gerd Lache. Foto: Thomas Meyer

36


internationalen Heeres an Menschen

ohne Job und Einkommen.

Für dm-Gründer Götz W. Werner

sowie die beiden Ökonomen und

Publizisten Marc Friedrich und

Matthias Weik gilt die Interpretation

von Precht nicht. Werner

beispielsweise hat sich schon lange

vor dem massiven Vormarsch

der Digitalisierung für ein Bedingungsloses

Grundeinkommen

eingesetzt. Über Intention und

Inhalt ihres neuen Buchs „Sonst

knallt’s – Warum wir Wirtschaft

und Politik radikal neu denken

müssen“ diskutierte das Autoren-

Trio mit Leserinnen und Lesern im

vollbesetzten Forum der Pforzheimer

Zeitung – und bezieht nachfolgend

im Interview mit WirtschaftsKRAFT

Position.

WirtschaftsKRAFT: Herr Werner,

Herr Friedrich, Herr Weik, Sie

wollen die Steuerpolitik, ja die

gesamte Gesellschaft radikal um -

krempeln. Sie fordern die Einführung

eines BGE, eines Bedingungslosen

Grundeinkommens.

Warum?

Matthias Weik: Die Gesellschaft

driftet immer weiter auseinander.

Viele Parteien vertreten nicht

mehr die Interessen der Bürger,

sondern die von Konzernen und

Finanzlobbys. Aus diesem Grund

haben wir uns entschieden, ein

überparteiliches Programm zu

schreiben. Ein Programm für die

Menschen.

Marc Friedrich: Obwohl Deutschland

seit Jahren wirtschaftlich

auf der Überholspur fährt, kommt

dieser Wohlstand bei den meisten

Menschen nicht an. Hier läuft etwas

gewaltig schief. Parallel erleben

wir immer schlimmere Krisen

und eine Finanzmarktblase nach

der anderen. Der Euro und die EU

wanken bedenklich. Nachhaltige

Lösungsvorschläge aus Wirtschaft

und Politik? Fehlanzeige! Unsere

Schlussfolgerung: Das muss von

unten kommen, aus der Gesellschaft.

Matthias Weik: Im Zuge der Industrie

4.0 werden so viele Jobs

wegfallen, dass es ohne Grundeinkommen

gar keine andere Lösung

gibt.

Marc Friedrich: Die Manager dieses

Wandels haben das Großteils

schon verstanden. Herr Käser von

Siemens, Elon Musk von Tesla, Telekom-Vorstand

Timotheus Höttges

und viele andere sprechen sich

für ein BGE aus.

WirtschaftsKRAFT: Erklären Sie

bitte die Philosophie des BGE.

Götz W. Werner: Ich trete ja seit

Längerem für die Ideen eines BGE

und einer ausschließlichen Besteuerung

des Konsums ein. Und

ich versuche den Menschen zu

erklären, dass unsere Wirtschaft

viel zu sehr von der Illusion getrieben

ist, Geld sei ein Wert an

sich. Weil wir ständig aufs Geld

starren, sehen wir meist nur Finanzierungsprobleme.

Dabei sollte

die eigentliche Frage doch lauten:

Wie machen wir es möglich, dass

jeder seine ureigenen Fähigkeiten

und Ideen in eine Wirtschaft einbringen

kann, die so leistungsfähig

ist, wie keine zuvor – und die

doch unsinnigerweise allzu viele

Menschen zurücklässt.

Jeder Mensch hat das Recht bescheiden

aber menschenwürdig zu

leben. Dafür braucht er ein Einkommen.

Dass Arbeit und Einkommen

verkoppelt sind, funktioniert

nicht mehr. Das Bedingungslose

Grundeinkommen ist ein Auftrag

der Gemeinschaft an den Einzelnen,

sich mit seinen Talenten und

Fähigkeiten einzubringen.

Öffentlichkeitswirksame Aktion

in der Schweiz für das Bedingungslose

Grundeinkommen. Foto: Magali Girardin

Zur Person

Matthias Weik und

Marc Friedrich

Die beiden Ökonomen, Querdenker,

Redner und Honorarberater

Matthias Weik und Marc Friedrich

schrieben 2012 gemeinsam

den Bestseller „Der größte Raubzug

der Geschichte – warum die

Fleißigen immer ärmer und die

Reichen immer reicher werden“.

Es war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch

2013. Im Jahr 2014

gelang ihnen mit „Der Crash ist

die Lösung – Warum der finale

Kollaps kommt und wie Sie Ihr

Vermögen retten“ ein weiterer

Bestseller. Das Buch wurde im

Jahresranking ebenfalls zum

erfolgreichsten seiner Gattung.

2016 ist ihr dritter Bestseller

„Kapitalfehler – Wie unser Wohl -

stand vernichtet wird und warum

wir ein neues Wirtschaftsdenken

brauchen“ erschienen.

Im April 2017 ist ihr viertes Buch

„Sonst knallt‘s!: Warum wir Wirtschaft

und Politik radikal neu

denken müssen“, das sie gemeinsam

mit Götz Werner (Gründer

des Unternehmens dm-drogerie

markt) geschrieben haben, erschienen.

Das Buch schaffte es

auf Anhieb auf Platz eins der

„manager magazin“- und Handelsblattbestsellerliste.

Matthias

Weik und Marc Friedrich sind Initiatoren

von Deutschlands ers -

tem offenem Sachwertfonds dem

FRIEDRICH&WEIK WERTEFONDS.

pm

www.friedrich-weik.de

www.facebook.com/

friedrichundweik

www.twitter.com/

FRIEDRICH_WEIK

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 37


Region Nordschwarzwald

Marc Friedrich: Wir würden 1000

Euro vorschlagen. Damit würde die

Existenzangst verschwinden, etliche

Milliarden an Überbürokratisierung

und Verwaltung wegfallen

und wie in vielen Fehlversuchen

schon bewiesen Innovation, Flexibilität

und die Gesundung der

Gesellschaft vorangetrieben werden.

Matthias Weik: Am besten führen

wir das BGE zuerst für die ein, die

es am meisten benötigen: Kinder

und ältere Menschen. Unserer Ansicht

nach ist Kinderarmut grenzenlose

Dummheit und Altersarmut

grober Undank.

In Zukunft erhält dann jeder Bürger

ab Geburt ein BGE ohne Formulare

und Bedingungen vom

Staat als Existenzsicherung überwiesen.

WirtschaftsKRAFT: Nun kommt

mein Einwand, der bei fast jeder

Diskussion zu diesem Thema vorgebracht

wird: Würden alle Bürgerinnen

und Bürger mit einem

Grundeinkommen ausgestattet,

was sollte sie dann noch dazu

bewegen zu arbeiten?

Marc Friedrich: Es wird einen klei -

nen Teil der Bevölkerung geben,

vielleicht ein oder zwei Prozent,

die das Grundeinkommen nehmen

und das war’s. Leute, die für Nichts -

tun Geld bekommen, gab es aber

immer schon, den Adel im Mittelalter

zum Beispiel. Faulpelze gibt

es auch heute. Tatsächlich aber ist

das gegenteilige Phänomen viel

verbreiteter. Nämlich, dass Menschen

ungeheure gesellschaftliche

Leistungen erbringen, ohne dafür

bezahlt zu werden – sie erziehen

Kinder, pflegen Angehörige, arbei -

ten in Vereinen und Bürgerinitiativen

oder engagieren sich anderweitig

ehrenamtlich. Das zeigt

einesteils die Bereitschaft der

Menschen zu sinnhafter, für das

soziale Gefüge wertvoller Arbeit.

Andernteils verringert ein bedingungsloses

Grundeinkommen

ungerechte Schieflagen. Zum Beispiel

stünden Frauen, die ihr Leben

lang hart für ihre Familie gearbeitet

haben und deshalb keine

eigenen Rentenansprüche erwerben

konnten, mit einem Grundeinkommen

viel besser da.

WirtschaftsKRAFT: Nächster Einwand:

Wer soll das denn alles

bezahlen?

Matthias Weik: Mit der Einführung

des Grundeinkommens werden

Hartz-IV, Kindergeld und fast

alle anderen Sozialtransfers abgeschafft,

ebenso wie Steuervergünstigungen

und Freibeträge. Nur besonders

bedürftige Personen, etwa

Schwerbehinderte, werden neben

dem Grundeinkommen auf weitere

soziale Leistungen angewiesen

sein.

Marc Friedrich: Geld ist genügend

vorhanden, und zwar durch die

Abschaffung aller Steuern – bis

auf eine – die Konsumsteuer – und

den Wegfall der Bürokratie, Behörden

und dem immensen Verwaltungsaufwand.

WirtschaftsKRAFT: Sie plädieren

dafür, nur noch eine Steuer zu

erheben. In welcher Höhe könnte

sich diese Konsumsteuer bewegen?

Matthias Weik: Sie müsste sich

in etwa an der Staatsquote orientieren,

also am Anteil sämtlicher

Staatsausgaben an der

Wirtschafts leistung.

Marc Friedrich: Die Quote liegt in

Deutschland seit Jahren um die 45

Prozent.

WirtschaftsKRAFT: Einige Produk -

te und Dienstleistungen könnten

enorm teuer werden. Das relativiert

doch den Wert des BGE

deutlich nach …

Götz W. Werner: Nein. Wir begründen

im Buch ausführlich und

plausibel, warum alle Steuern

ohne Ausnahme in den Preisen

von Waren und Dienstleistungen

enthalten, also eingepreist sind.

Gibt es nur noch eine Konsumsteuer,

quasi eine Mehrwertsteuer

2.0, dann wandern die Steuern auf

Einkommen und Unternehmensgewinne,

Substanzsteuern wie die

Grundsteuer sowie sämtliche heutigen

indirekten Steuern – schrittweise

– aus den Preisen aus. Dafür

kann die Konsumsteuer – schrittweise

– ansteigen. Von eventuellen

kurzfristigen Sondereffekten

abgesehen, wäre das bezüglich

der Preise alles neutral.

Marc Friedrich: Wer etwas anderes

behauptet – zum Beispiel

dass die Unternehmen dann die

Preise erhöhen, bis das BGE sich

in Luft aufgelöst habe –, der muss

letztlich bestreiten, dass es auf

freien Märkten Preiswettbewerb

gibt, was wohl die kühnste These

von allen wäre.

WirtschaftsKRAFT: Mal angenommen

das BGE mit seiner Konsumsteuer

würde in Deutschland

eingeführt, was sollte mich davon

abhalten, meine Einkäufe in

einem der Nachbarländer zu tätigen,

in denen dieselben Produkte

nicht so hoch besteuert sind?

Zur Person

Götz W. Werner

Hartz IV nennt er „offenen Straf -

vollzug“, die Wirtschaftsordnung

und die politische Landschaft

sieht er aus dem Lot geraten –

und seit mehr als zehn Jahren

kämpft er für die Durchsetzung

des Bedingungslosen Grundeinkommens

(BGE) für jeden Bürger:

Götz W. Werner (Jahrgang

1944), Gründer der Drogeriemarkt-Kette

dm und inzwischen

Aufsichtsrat des Unternehmens

mit europaweit 55.000 Beschäftigten,

hat mehrere Bücher zum

BGE veröffentlicht. Außerdem ist

er seit Jahren auf Vortragsreisen

zu diesem Thema. Die jüngste

Publikation mit dem Titel „Sonst

knallt‘s“ hat er gemeinsam mit den

„jungen Wilden“ Matthias Weik

und Marc Friedrich verfasst. gel

38


Marc Friedrich: Das können Sie

gerne machen, aber dann werden

Zölle erhoben. Wenn Sie heute

einen Laptop, Tablet und eine

schicke Uhr aus den USA und

obendrein ein paar Stangen aus

dem duty free shop mitbringen,

benötigen sie heute eine sehr

gute Antwort beim Zoll für Ihre

Schnäppchen aus dem Ausland.

WirtschaftsKRAFT: Angesichts der

jetzt schon unterschiedlichen

Ansichten in einzelnen EU-Mitgliedsstaaten

– glauben Sie, dass

es ein gemeinschaftliches EU-

BGE geben wird?

Marc Friedrich: In der momentanen

Verfassung der EU glauben

wir nicht einmal an ein langfristiges

Bestehen der EU.

WirtschaftsKRAFT: Dann blicken

wir mal optimistisch und visionär

in die Zukunft: Wie sähe

nach Ihrem Modell die Gesellschaft

aus, wäre das Grundeinkommen

eingeführt?

Marc Friedrich: Wesentlich gerechter.

Und viele im Niedriglohnsektor

operierende Unternehmen

müssten sich umsehen. Bestimmt

würden Krankenschwestern, Pfle -

ger, Kindergärtner und Kindergärtnerinnen,

Altenpflege-Personal

wesentlich besser verdienen.

Matthias Weik: Es ist an der Zeit

umzudenken. Ohne zu murren bezahlen

wir weit über 100 Euro pro

Stunde für die Inspektion unseres

Autos, aber einer Krankenschwester

oder Kindergärtnerin gönnen

wir lediglich einen Bruchteil dieses

Betrags.

Versuche mit dem Bedingungslosen

Grundeinkommen

In Finnland wurden 2000 arbeitslose

Bürgerinnen und Bürger

für das Experiment Grundeinkommen

ausgewählt. Seit An -

fang 2017 bekommen sie steuerfrei

und ohne Bedingung 560

Euro pro Monat, als Alternative

zur Arbeitslosenhilfe und vorerst

für die Dauer von zwei Jahren.

Das BGE erhalten die Teilnehmer

auch dann, wenn sie einen

Arbeitsplatz finden. Finnlands

Regierende wollen herausfinden,

ob ein Grundeinkommen die

Menschen zum selbstbestimmten

Arbeiten beflügelt oder ob

es sie zum Müßiggang verleitet.

In Kenia sollen ab 2017 rund

25.000 Menschen ein Bedingungsloses

Grundeinkommen er -

halten. Der Test ist in verschiedene

Phasen unterteilt: So wird

ein Teil der Bezieher das BGE

über einen Zeitraum von zwölf

Jahren erhalten. Andere werden

zwei Jahre lang monatlich

ausbezahlt und wieder andere

bekommen eine Einmalzahlung.

Eba-Gründer Pierre Omidyar

unterstützt das Projekt mit umgerechnet

etwa 500.000 Euro.

Schleswig-Holstein will als erstes

deutsches Bundesland das

Bedingungslose Grundeinkommen

testen. Das Vorhaben ist im Koalitionsvertrag

der Jamaika-Regie -

rung (Schwarz-Gelb-Grün) verankert.

Dort steht, man wolle mit

Experten über „die Umsetzbarkeit

neuer Absicherungsmodelle“ diskutieren

wie etwa „ein Bürgergeld“

oder „ein Grundeinkommen“. Damit

wolle man „zentrale Fragen der Arbeitswelt“

klären.

In der Schweiz ist 2016 eine Initiative

zur Einführung eines Bedingungslosen

Grundeinkommens

von umgerechnet rund 2200 Euro

monatlich gescheitert. Es war die

weltweit erste Volksabstimmung

zu diesem Thema. 78 Prozent der

Wähler stimmten dagegen. Sowohl

die Regierung wie auch verschiedene

Parteien appellierten an die

Schweizer Bürger, das Bedingungslose

Grundeinkommen abzulehnen.

Es sei zu teuer und würde die Wirtschaft

benachteiligen. Für die Initiatoren

der Abstimmung geht die

Debatte weiter. Sie fühlen sich von

den 22 Prozent Zustimmung beflügelt.

gel

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT: Bis wann

könnte sich ein solches Modell

realisieren lassen?

Marc Friedrich: Ein solches Modell

wird dann realisiert, wenn

immer mehr Menschen aufgrund

der Industrie 4.0 und der Digitalisierung

ihre Arbeit verlieren und

die Eliten aus Politik und Wirtschaft

Angst bekommen, dass sich

das Volk erhebt.

Ein Vorschlag als Antwort auf den befürchteten Job-Abbau lautet: Jeder Bürger soll

monatlich 1000 Euro erhalten – ohne Bedingung. Foto: Federico Gambarini

WirtschaftsKRAFT 39


Den Wandel der Zeit erkennen

D. Dörwang GmbH verlagert Produkt-Portfolio

in Richtung IT und Software-Lösungen

Bereits seit 1986 zählt die D. Dörwang

GmbH zu den führenden

Anbietern von digitalen Drucklösungen.

Als ältester Xerox-Vertragspartner

in Deutschland bietet

das Unternehmen Produkte und

Lösungen im Bereich Bürokommunikation

und Dokumentenmanagement.

Am Firmensitz in Neuhausen

bei Pforzheim betreut die D.

Dörwang GmbH kompetent Kunden

aus dem Großraum Stuttgart,

Karlsruhe und Freudenstadt.

Dabei reichen die Leistungen von

kompakten Systemen bis hin zu

komplexen Netzwerklösungen für

höchste Ansprüche.

Seit dem Generationenwechsel

2014 hat sich das Portfolio weiter

in Richtung IT- und Software-Lösungen

verlagert. Fokus liegt auf

dem Ausbau des Dienstleistungsangebotes

im Bereich IT Services und

Dokumenten-Management. Ziel ist

die Steigerung der Betriebseffizienz

und die Optimierung der Arbeitsproduktivität.

Dabei stehen Regionalität

und Kundennähe auch weiterhin

im Vordergrund.

Hinter dem langjährigen Erfolg

der D. Dörwang GmbH steckt eine

ganz besondere Firmenphilosophie.

„Erfolgsorientiert handeln bedeutet

den Wandel der Zeit zu erkennen,

gleichzeitig aber auch der Tradition

treu zu sein. Durch permanente

Weiterentwicklung unserer Produkte

garantieren wir höchste Qualitätsstandards

und die Zufriedenheit

unserer Kunden.

Gleichzeitig stehen das faire Miteinander

und die hohe Wertschätzung

unserer Mitarbeiter an erster

Stelle“, so die Geschäftsführer

Robert und Michael Dörwang.

D.Dörwang GmbH

Aschengasse 24

D-75242 Neuhausen

Tel. +19 7234 9528-0

Fax +19 7234 9528-50

info@doerwang.de

www.doerwang.de

PORTRÄT

40


WirtschaftsKRAFT 41


Region Schwarzwald

Den Schwarzwald

modern interpretieren

Motive wie dieses Foto von Sebastian Wehrle

sprechen auch junge Zielgruppen an

42


Mit der Datenbrille

ins Reiseziel eintauchen

Tourismus gilt als wichtiger Standortfaktor

für den Schwarzwald, von dem auch die

Unternehmen in der Region profitieren –

Digitalisierung als große Herausforderung

Von Gerd Lache

Auf der einen Seite sind es die Hersteller

von Brillen, Badarmaturen,

Mineralwasser oder Gin – teilweise

mit langer Tradition – die das Label

Schwarzwald international positiv

besetzt halten. Andererseits sind es

junge Künstler wie Stefan Strumbel,

Selina Haas, Jochen Scherzinger

(Artwood Black Forest) oder der

Fotograf Sebastian Wehrle, die

zu einem neuen frischen Bild des

Schwarzwalds beitragen. Rund 150

Unternehmer und Tourismusexperten

aus der Region Nordschwarzwald

kommen alljährlich beim

Tourismuskongress zusammen und

diskutieren über die Zukunft der

Urlaubsdestination Schwarzwald,

über ihre Vermarktung, Darstellung

und Weiterentwicklung.

Organisatorin dieses Events ist die

Tourismus-Expertin Elke Schönborn

von der Industrie- und Handelskammer

(IHK) Nordschwarzwald.

Unter den Kammern in

Baden-Württemberg hat die IHK

Nordschwarzwald die Federführung

des Themas Tourismus. Der

Titel des diesjährigen Kongresses in

Schramberg lautet „Tradition trifft

Innovation“. 2016 wurde damit begonnen,

das Experten-Treffen als

Fünfakter zu inszenieren, zum Start

mit dem Thema „Wein, Wald und

Gesang“. Mit diesen fünf jährlich

aufeinander folgenden Veranstaltungen

soll aufgezeigt werden, wie

die unterschiedlichen Branchen mit

dem Tourismus zusammenkommen

können. Dabei gehe es auch

um die Wahrnehmung des Tourismus

als Leitökonomie, betont Elke

Schönborn. 2018 soll der Tourismus

mit den Medien, der Wissenschaft

und der Forschung zusammengebracht

werden. Weitere bevorstehende

Themen sind die Freizeitund

Dienstleistungsbranche sowie

der Handel. „Wir haben also noch

viel vor“, sagt die Organisatorin.

Im Interview mit WirtschaftsKRAFT

spricht sie über aktuelle Herausforderungen

der Branche.

WirtschaftsKRAFT: Frau Schönborn,

der Schwarzwald-Tourismus -

kongress 2017 trägt die Dachzeile

„Wir sind Schwarzwald“. Das klingt

nach ‚Wir sind Weltmeister‘. Was

ist tatsächlich gemeint?

Elke Schönborn: ‚Wir sind Weltmeister‘

– realistisch betrachtet

stimmt das natürlich nicht. Aber

richtig ist: Die Marke Schwarzwald

als Ganzes ist weltbekannt.

Wir sind nicht Nord-, Süd- oder

Hochschwarzwald, sondern der

Schwarzwald – ein Gebiet, das

sich von Pforzheim bis nach

Freiburg und von Nagold bis nach

Karlsruhe erstreckt. Deshalb haben

Elke Schönborn organisiert den jährlich stattfindenden Schwarzwald-Tourismuskongress.

Foto: Doris Löffler

TOURISMUS

WirtschaftsKRAFT 43


Region Schwarzwald

die fünf Industrie- und Handelskammern

im Schwarzwald sowie

die Schwarzwald Tourismus GmbH

vor einigen Jahren die Kampagne

„Wir sind Schwarzwald!“ ins Leben

gerufen.

WirtschaftsKRAFT: Was soll mit

der Kampagne erreicht werden?

Elke Schönborn: Es zeigt, wie unterschiedliche

Branchen, Unternehmen

und der Tourismus von der

imageträchtigen Marke und den

Synergien profitieren können. Ziel

ist, regionaltypische Akteure mit

einem gewissen Stolz unter einem

modernen Schwarzwaldbild zu vereinen

und so Synergieeffekte zu

schaffen. Denn Tourismus ist immer

auch ein wesentlicher Standortfaktor

in einer Region.

WirtschaftsKRAFT: Im zweiten

Akt des Tourismuskongresses die -

ses Jahr geht es um Industrie

und Tourismus. Wie passen diese

scheinbaren Gegensätze zusammen?

Elke Schönborn: Es gab vor vielen

Jahren eine internationale Studie,

die belegte, dass erfolgreiche Tourismusdestinationen

auch immer

erfolgreiche Wirtschaftsregionen

sind. Nun haben wir gerade im

Nordschwarzwald auch viel Industrie

und sogar Weltmarktführer und

Hidden Champions in vielen technischen

Bereichen. Doch ebenso

ist es eine Region, die Tagesgäste

aus den Ballungszentren Stuttgart

oder Karlsruhe anzieht. Einfach eine

Stunde fahren und raus in den Naturpark

oder Nationalpark Schwarzwald.

Hinzu kommen noch die

Übernachtungsgäste. Denn durch

die gute Infrastruktur an hervorragenden

Hotels zieht die Region

viele Gäste aus dem In- und Ausland

an. Diese wiederum sind die

Kunden unserer international agierenden

Unternehmen, die ihrerseits

den Black Forest kennen und ein

positives Bild damit verbinden.

WirtschaftsKRAFT: Kommt es

also einer Symbiose gleich?

Elke Schönborn: Als IHK betrachten

wir immer alle Branchen in einer

Region, nicht nur singulär die

Hotellerie oder den Tourismus. So

nehmen wir bereits seit einigen

Jahren wahr, wie Industrie- und

Dienstleistungsunternehmen bei der

Gewinnung von Fachkräften auch

auf die Stärken der Region setzen:

bezahlbarer Wohnraum, Sicherheit,

tolle Freizeiteinrichtungen – insbesondere

für Familien –, intakte Natur

und gute Gastronomie. Schlussendlich

nutzt diese Infrastruktur

allen, den Gästen und den Bewohnern

einer Region nebst den hier

ansässigen Unternehmen.

WirtschaftsKRAFT: Und wie ist

das Verhältnis beim Hype-Thema

Digitalisierung?

Digitale Revolution im Reisebüro: Der Kunde kann den ausgewählten Urlaubsort

via Datenbrille virtuell besuchen. Foto: Thomas Cook

Elke Schönborn: Die Breitbandversorgung

und Mobilfunknetzabdeckung

ist heute eine Grundvoraussetzung.

Da müssen wir dran

bleiben, denn diese Technologie

in guter Verfügbarkeit nutzt allen

Zielgruppen. Die Industrie ist bei

den Themen Prozessoptimierung

und Digitalisierung schon weiter

vorangeschritten. Gerade in der Hotellerie

und Gastronomie wird sich

in den kommenden Jahren einiges

verändern, weil es an qualifiziertem

Personal mangelt. Noch immer ist

der Tourismus eine Dienstleistungsbranche,

die von Menschen auf der

emotionalen Ebene bestimmt wird.

Doch im Hintergrund müssen auch

aufgrund des hohen Bürokratieaufwands

digitale und systematisierte

Prozesse ablaufen, die diesen reduzieren.

Das können wir von der

Industrie lernen.

Allerdings kenne ich auch Hotels,

die tief in den Tälern liegen und

aus der Not eine Tugend machen.

Hier werden Gäste dazu angehalten,

einfach mal ‚Digital Detox‘ im

Urlaub zu machen, um vollkommen

zu entschleunigen.

WirtschaftsKRAFT: Andererseits

gibt es ein Future-Hotel, das vom

Einchecken bis hin zum Frühstück

ohne Personal aus Fleisch und Blut

auskommt, alles läuft digital und

maschinell ab. Wieviel Roboterund

Algorithmen-Einsatz kann der

Tourismus seinen Gästen zumuten?

Elke Schönborn: Der Tourismus ist

eine sehr emotionale Branche, vor

allem im Ferientourismus bei uns

im Schwarzwald. Da braucht es die

persönliche Betreuung für den Gast.

Ich sehe eher, dass die Prozesse, die

im Hintergrund ablaufen, optimiert

und digitalisiert werden müssen.

Im gleichen Zug muss aber so

manches Bürokratie-Monster verschlankt

werden, da den Unternehmen

oftmals die aktuellen rechtlichen

Reglungen im Wege stehen.

So bleibt dann auch mehr Zeit

für den Gast. Ein junger Hotelier

in Freudenstadt plant gerade ein

modernes Hotel, das genau diesen

Spagat zwischen Digitalisierung

und Prozessoptimierung auf der

einen Seite und Emotionalität und

Wohlfühlen auf der anderen Seite

vereinen wird.

44


WirtschaftsKRAFT: Wie intensiv

ist der Tourismus schon in die digitale

Materie eingestiegen?

Elke Schönborn: Bei der vergangenen

Internationalen Tourismusbörse

in Berlin begrüßte ein Roboter

die Gäste an einem der Messestände.

Auch wir von der IHK hatten

zusammen mit Fraunhofer einige

Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung.

In Berlin gibt es ein

DER-Reisebüro, in dem der Kunde

mit einer Datenbrille in sein Reiseziel

eintauchen kann. Auch bei der

Buchung und am Urlaubsort selbst

ist der Gast auf der digitalen Customer

Journey unterwegs. Es wird

immer mehr im Internet und auf

mobilen Geräten gebucht, Bewertungen

von anderen eingeholt und

Geheimtipps gesucht. Google und

Airbnb sind zwar in der Hotellerie

häufig umstritten, dennoch passiert

dort genau das, was das Rundumpaket

für den Gast ausmacht:

Erlebnisse werden mit der eigentlichen

Übernachtung gepaart. Der

potenzielle Gast wird in seiner

Sprache, mit seinen persönlichen

emotionalen Bildwelten abgeholt.

WirtschaftsKRAFT: Welche Rolle

spielen dabei die Sozialen Medien?

Elke Schönborn: Netzwerke wie

Facebook oder Instagram sind ein

gutes Instrument, vor allem zur

Kundenbindung. Hier werden Gäste

zu Fans gemacht. Ich denke, dass

kein Hotel, Restaurant oder auch

Einzelhandelsgeschäft mehr ohne

Social-Media-Kanäle auskommt.

Diese müssen dann auch professionell

bespielt werden. Dennoch: Bei

der eigentlichen Reise will der Gast

die schönsten Wochen des Jahres

oder ein entspanntes Wellnesswochenende

selbst erleben. Aber

das postet er dann bei Facebook für

seine Freunde.

WirtschaftsKRAFT: Handel, Hand -

werk, Dienstleistung und Industrie,

welche Bedeutung haben sie

als Unterstützer und Förderer des

Tourismus?

Elke Schönborn: Bei der Schwarzwald

Tourismus GmbH beispielsweise

gibt es seit einigen Jahren

für Unternehmen die Möglichkeit,

sogenannter Wirtschaftspartner zu

werden. Aus unserer Region sind

dies die Firmen ‚Schinken Wein‘

und ‚Schupp‘, beide aus Freudenstadt.

WirtschaftsKRAFT: Und was leis -

ten diese Wirtschaftspartner?

Elke Schönborn: Sie unterstützen

mit einem Partnerbeitrag oder auch

einer Messebeteiligungen aktiv die

Tourismuswirtschaft. Alle anderen

Unternehmen werden durch die

Industrie- und Handelskammern

vertreten, die ebenfalls Partner des

Schwarzwalds sind. Doch auch andere

Unternehmen kommunizieren

Die Tourismus-Expertin der Industrieund

Handelskammer Nordschwarzwald:

Elke Schönborn.

Foto: AE PIC Photography

Zur Person

Elke Schönborn ist ausgebildete

Hotelfachfrau mit mehrjähriger

Erfahrung in 3- und 4-

Sterne-Businesshotels. Ihren

Abschluss als Diplom-Betriebswirtin

erwarb sie an der

Hochschule Heilbronn im Studiengang

Tourismusbetriebswirtschaft

mit der Spezialisierung

auf Incoming-Tourismus

und Marketing. Drei Jahre

lang war sie stellvertretende

Kurdirektorin in Bad Urach/

Schwäbische Alb. Seit 2003 ist

sie bei der IHK Nordschwarzwald

als Leiterin der Tourismus

Akademie Baden-Württemberg

tätig, zuständig für die Betreuung

der Unternehmen in der

Tourismusbranche in der gesamten

Region, die Weiterbildung

im Tourismus sowie die

Federführung Tourismus für

die Kammern in Baden-Württemberg.

Nebenberuflich lehrt Elke Schönborn

als Dozentin an der Karlshochschule

in Karlsruhe. In der

Vergangenheit war sie auch Dozentin

an der HFWU in Geislingen

und an der ASCENSO Academie

in Palma de Mallorca.

pm

TOURISMUS

Der Freiburger Künstler Klaus Karlitzky beschäftigt sich mit seinen Cartoons

auf amüsant-hintergründige Weise mit dem Schwarzwald. Foto: Doris Löffler

WirtschaftsKRAFT 45


Region Schwarzwald

Klaus Karlitzky hat für

viele seiner Cartoons

internationale Preise erhalten

offen das Label Schwarzwald. So

wirbt zum Beispiel Börlind mit dem

Slogan ‚Made in Black Forest‘. Darüber

hinaus gibt es auch seitens des

Naturparks und des Nationalparks

die Möglichkeit der Partnerschaft.

WirtschaftsKRAFT: Kommen wir

zu einem weiteren Themenfeld des

Kongresses: Tradition trifft Innovation.

Braucht es traditionelle

Bollenhut-Romantik oder innovative

Darstellungen wie Kuckucksuhren

in flippig-bunten Farben

und topgestylte Schwarzwaldmädels

– was zieht mehr bei der Vermarktung

im In- und Ausland?

Elke Schönborn: Die Künstler, die

zum Beispiel im Projekt KOSMOS

Schwarzwald zusammen arbeiten,

haben alle ein Ziel: Den Schwarzwald

modern zu interpretieren. Darauf

setzen wir ebenfalls seit einigen

Jahren. Es geht im Marketing

darum, mit entsprechenden Symbolen

eine junge Zielgruppe anzusprechen.

Dazu müssen auch die

Produkte stimmen: Mountainbike-

Trails, Hotels und Restaurants im

modernen Design und trotzdem

schwarzwaldtypisch mit viel Holz.

Das geht. Andere Regionen wie Vor -

arlberg machen es vor. Zu unserem

Kongress haben wir deshalb Magister

Andreas Reiter vom Zukunftsbüro

in Wien eingeladen. Er spricht

darüber, wie Landschaft, tra ditio -

nelle Industriezweige und Traditionen

eine Region über Jahre prägen

und sich mit der Region verändern.

Ich finde seinen Satz ‚Zukunft

braucht Herkunft‘ sehr passend. Ins -

besondere neu zugezogene Firmenmitarbeiter

und Touristen wollen

die Stories und die Historie wissen.

WirtschaftsKRAFT: Ihr Ausblick,

was wird die nächste Herausforderung

für die Tourismuswirtschaft

sein?

Spagat zwischen

Tradition und Moderne

Unter dem Titel „Facing Tradition“

läuft noch bis einschließlich 4.

November 2017 eine Fotoausstellung

mit Werken von Sebastian

Wehrle. Der Schwarzwälder Fotograf

setzt traditionelle Trachten

in Szene. Mit der Kunstreihe „Facing

Tradition“ schafft Sebastian

Wehrle den Spagat zwischen Tradition

und Moderne. Sie beinhaltet

derzeit rund 20 Portraits junger

moderner Damen in verschiedenen

Trachten des Schwarzwalds

und seiner Nachbarn. Das Projekt

begann 2014 und wurde dazwischen

mit Partnern präsentiert.

Seit 2016 führt Sebastian Wehrle

das Projekt alleine weiter.

Zu sehen sind die Bilder in Pforzheim

in den Vitrinen an der Östlichen

9, obere Ebene, und in den

Schaufenstern der Galeria Kaufhof,

Westliche 17-19.

Der Eintritt für diese Ausstellung

im Rahmen des Jubiläums 250

Jahre Goldstadt ist frei. gel

Bilder wie dieses Motiv mit „Backenkappe“

stellt der Schwarzwälder Fotograf

Sebastian Wehrle in Pforzheim aus

46


Elke Schönborn: Die aktuellen Herausforderungen

werden uns noch

ein paar Jahre beschäftigen. Ich

sehe vor allem, dass sich der Gast

verändert – er will immer individueller

unterwegs sein. Zu diesem

Trend passt, dass die Zulassungszahlen

von Wohnmobilen seit Jahren

stark steigen. Ebenso boomt der

Städtetourismus, was bereits Unmut

bei den Bewohnern hervorruft.

Sicherlich müssen in den nächsten

Jahren Angebote entsprechend ge -

staltet werden. Die Besucher lenkung

und die Frage der Kapazitäten

spielen dabei eine wichtige Rolle.

TOURISMUS

WirtschaftsKRAFT: Und wie

schlägt sich der Terrorismus in der

Branche nieder?

Elke Schönborn: Auch das Thema

Sicherheit wird uns weiter beschäftigen.

Wir sehen, wie schnell sich

Touristenströme aus einzelnen Nationen

von Problemen oder Terror

verunsichern lassen. Von dieser

Entwicklung und dem gestiegenen

Sicherheitsbedürfnis profitiert in

diesem Jahr der Schwarzwald.

WirtschaftsKRAFT: Konnten sich

die Betriebe im Schwarzwald also

beruhigt zurücklehnen?

Elke Schönborn: Keinesfalls. Das

Thema Angebotspolitik hat immer

mit Qualität zu tun. Viele Unternehmen,

ob Hotels oder in der

Gastronomie, haben in den letzten

Jahren investiert. Das ist für unsere

Region, auch im Hinblick auf

die Wertschöpfung, Gold wert. Erfreulich

ist, dass wieder mehr junge

Leute in der Freizeit- und Outdoor-

Branche sowie in der Gastronomie

und Hotellerie den Schritt in

die Selbstständigkeit wagen – und

dies mit innovativen Ideen und viel

Herzblut. Auch das wird den Markt

bereichern und das Angebot langfristig

verändern.

Die vielfältige Wirkung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor zeigt diese Grafik

der dwif-Consulting GmbH in einer Studie für Baden-Württemberg

Umsatz-Generator und Job-Maschine

Der Tourismus gilt als klassische

Querschnittsbranche.

Ob Gastgewerbe, Einzelhandel,

Dienstleister oder Zulieferer

wie regionale Produzenten und

Handwerksbetriebe, „es gibt

kaum einen Wirtschaftsbereich,

der nicht vom Tourismus

profitiert“, stellen Dr. Manfred

Zeiner und Dr. Bernhard Harrer

fest. Sie sind Projektbearbeiter

einer Studie der dwif-Consulting

GmbH, Büro München,

zum Wirtschaftsfaktor Tourismus

in Baden-Württemberg.

Investitionen von Kommunen

und Unternehmen in die tourismusbezogene

Infrastruktur,

in konkrete Produkte und die

touristische Vermarktung lohnen

sich den Autoren zufolge

angesichts der Bedeutung dieser

Branche. Der Tourismus sei

Umsatzbringer und leiste über

Steuereinnahmen einen Beitrag

zur Finanzierung der öffentlichen

Haushalte. Die Tages- und

Übernachtungsgäste in Baden-

Württemberg mit insgesamt

530 Millionen Aufenthaltstagen

geben demnach jedes Jahr

rund 20 Milliarden Euro im Land

aus. Davon fließen gut 7 Milliarden

Euro in Einkäufe. Die durchschnittliche

Tagesausgabe über

alle Zielgruppen hinweg wird mit

38,30 Euro pro Kopf berechnet.

Des Weiteren biete der Tourismus

als Job-Motor zahlreichen Menschen

vieler unterschiedlicher Berufsqualifikationen

und Beschäftigungsverhältnisse

(von der Saisonkraft

bis zur Vollzeitstelle) Ein -

kommensmöglichkeiten. „Er schafft

und sichert ortsgebundene Arbeitsplätze.“

Über Instrumente wie

die Kurtaxe oder die Fremdenverkehrsabgabe

trägt er der Studie

zufolge zudem direkt zur Verbesserung

der lokalen Infrastruktur

bei. Hiervon würden Gäste ebenso

wie Einheimische und Unternehmen

vor Ort profitieren.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis:

„Das Tourismus-Engagement

eines Ortes zahlt sich aus –

in Euro und Cent für alle Branchen.

Gleichzeitig steigert es die

Attraktivität und Lebensqualität

für alle Einwohner und Gäste.“

gel

WirtschaftsKRAFT 47


Thema: WFG

20 Jahre alt und kein bisschen leise!

Regionen werden immer wichtiger als Partner

für das Land, den Bund und die Europäische Union

Die Wirtschaftsförderung (WFG) berät Unternehmen und Unternehmer, repräsentiert die Region, organisiert

regionale und überregionale Events, informiert Land und Leute, wickelt ebenso erfolgreich wie effektiv Projekte

ab – und das alles stets mit einem regionalen Mehrwert im Fokus. Das Profil der Gesellschaft mit Geschäftsführer

Jochen Protzer an der Spitze und einem hoch motivierten wie kompetenten Team im Rücken ist klar: Die WFG ist

Partner und Dienstleister der regionalen Wirtschaft.

2017 = 16+3

Die Basis wird immer breiter: Das

Technologiezentrum Horb a.N.

GmbH&Co.KG (TZH), die Hochschule

Pforzheim und die Stadt

Knittlingen sind neue Gesellschafter

der WFG. Das Ja der Gesellschafterversammlung

zur Aufnahme

der drei neuen Gesellschafter

ist dabei richtungsweisend: Mit

der Hochschule und dem TZH erweitert

die WFG ihre Expertise in

den Bereichen Wissenschaft sowie

der unternehmensnahen Forschung

und Entwicklung. Ziel ist es, den

Ausbau der Wirtschaftsförderung

als eine starke regionale Solidargemeinschaft

weiterzutreiben.

FRISCHER WIND

Die WFG wird frischer und effizienter.

Um die Basis für ein noch

schlagkräftigeres Konstrukt zu

schaffen, wurde der Gesellschaftervertrag

angepasst. Die WFG fit zu

machen für die Aufnahme weiterer

Gesellschafter, ist das Ziel.

Und ach ja, als sichtbares Zeichen

wurde der Begriff „Zukunftsregion“

gestrichen. Dass die Region eine

glänzende Zukunft vor sich hat, hat

sich inzwischen herumgesprochen.

SPIELWIESE

Ein Spiel ohne (Kreis)Grenzen ist

der Junior Manager Contest. Das

spannende, von den Landkreisen

ausgelobte Unternehmensplanspiel

für clevere Schüler ab Klasse 10

und Azubis bis 20 Jahre aus der Region

Nordschwarzwald wird federführend

von der WFG organisiert.

Als Young-Manager-Casting soll

die wirtschaftsaffine Ausscheidung

nicht nur den Nachwuchs sondern

auch die regionalen Unternehmen

in den Fokus rücken. Die Vorentscheidungen

finden jeweils in den

drei Landkreisen statt, die Endausscheidung

am 25. November in

Nagold.

PUBLIKUMSWIRKSAM

Die WFG platzierte mit dem WirtschaftsDIALOG

und Kommunal­

FORUM in den vergangenen Mona ­

ten zwei hochkarätige Veranstaltungsformate

in der Region. Der

Name ist jeweils Programm und um ­

reißt die Zielgruppe: Während beim

KommunalFORUM tendenziell solche

Themen platziert wurden, die

den kommunalen Vertretern in der

Region unter den Nägeln brennen,

fokussiert der WirtschaftsDIALOG

auf Themenbereiche an der Schnittstelle

zwischen der Region und den

Unternehmen. Beide Veranstaltungs ­

formate kommen gut an und sind

Startrampen für Ideen und Projekte

aus der Region für die Region.

HOLZWEGE

RegioHOLZ kommt an: Forschungsaffine

Projekte im Bereich

innovative holzbasierte Werkstoffe

gewinnen langsam an Fahrt. Eine

der Hauptaufgaben von RegioHOLZ

wird es zukünftig sein, die Akteure

Bilderleiste oben von links: Die WFG zeigt Präsenz: Das INTERKOM in Simmersfeld; Hannover Messe 2017;

Clemens Vohrer und der Pancake-Drucker auf der Moulding Expo in Stuttgart. Fotos: WFG

48


WFG-KOMPAKT

innerhalb der Branche themen ­

orientiert zu vernetzen und Transparenz

über Aktivitäten zu schaffen.

FORESDA ist quasi RegioHOLZ

auf internationaler Ebene. Beide

Projekte ergänzen sich hervorragend

und bilden Synergieeffekte.

FORESDA, gefördert von der Europäischen

Union, schafft Kontakte

vom Schwarzwald bis zum Schwarzen

Meer – und zwar innerhalb der

Forst-, Holz- und Möbelbranche.

Das Projekt überwindet Grenzen,

und das in jeder Hinsicht: Technologietransfer,

Forschung & Entwicklung,

nachhaltige Werkstoffe oder

neue Produktideen und Fachkräfteaustausch

sind die Kernthemen.

REGIONAL-DIGITAL

Aus der Not eine Tugend machen,

das ist eine Kunst, und diese gelingt

vielleicht in Kürze im Nordschwarzwald.

„Digital Hubs“ heißt

das Zauberwort. Die Idee des Landes

Baden-Württemberg, die in Form

eines Fördermittelaufrufs hinter

diesem Schlagwort steckt, hat

Charme: Im Flächenland Baden-

Württemberg sollen regionale Digital

Hubs mit spezifischen Kon ­

zepten aus der digitalen Welt entstehen.

Entwickelt werden sollen

auch innovative Transferprojekte

im Themenfeld „Digitalisierung der

Wirtschaft“. Von den Ergebnissen

sollen direkt Klein- und mittelständische

Unternehmen in ländlichen

Räumen profitieren. Erste Projektüberlegungen

aus der Region hierzu

gibt es bereits und diese sollen, abgestimmt

mit allen Akteuren, letzt ­

endlich in einem erfolgversprechenden

gesamtregionalen Fördermittelantrag

münden.

BILDUNG FÜR ALLE

Das Projekt „Bildung für Alle Nord ­

schwarzwald“ hat mächtig eingeschlagen

in der Goldstadt Pforzheim

und der Region. Die Anzahl

der betreuten Frauen und Männer

mit Migrationshintergrund ist

hoch, die Vermittlungsquote in Arbeitsverhältnisse

ebenfalls. Was in

Pforzheim funktioniert kommt jetzt

auch im Landkreis Calw hervorragend

an. Das neue BfAN-Gesicht

bei der WFG und mit Arbeitsschwerpunkt

rund um die Hessestadt

ist die in Frankreich geborene

Syrerin Zeina Elcheikh. Neben

Arabisch und Deutsch spricht sie

fließend Englisch und Französisch.

Zeina Elcheikh sieht sich in erster

Linie als Kulturdolmetscherin – und

das mit großem Erfolg.

BOTSCHAFT SUCHT

BOTSCHAFTER

Für was steht eigentlich der Nordschwarzwald,

welche Inhalte und

Botschaften sind authentisch und

werbewirksam? Diese Frage bewegt

alle Akteure in der Region. Mit

einem sogenannten Pitch, einem

Wettbewerb kreativschaffender Unternehmen

um den Zuschlag für die

Konzeption einer gesamtregional

funktionierenden Marketing-Kampagne,

geht die WFG neue Wege.

Die Marschrichtung ist klar: Aufmerksamkeit

erregen ist das Ziel,

um primär Investoren und Fachkräfte

in den Nordschwarzwald zu

locken.

SCHULTERSCHLÜSSE

Es wächst zusammen was zusammen

gehört: Bei den Themen Residenzbahn

oder dem Polizeipräsidium

Nordschwarzwald profitiert die

Region massiv vom Schulterschluss

aller Akteure. Weitere regionale Ko ­

operationsprojekte stehen an: Die

WFG plant gemeinsame Publikationen

mit dem Regionalverband

Nordschwarzwald.

WIRTSCHAFTSPOLITIK 4.0

Die Region Nordschwarzwald profitiert

von der strukturellen Förderung

des Landes Baden-Württemberg.

Die Kardinalfrage in Stuttgart

wie Pforzheim ist jedoch, wie diese

in Zukunft ausgerichtet sein wird,

um eine maximale Wirkung zu entfalten.

Die an ökonomischen Prozessen

in der Region beteiligten

Intermediäre diskutierten diesen

Themenkomplex mit Vertretern des

Wirtschaftsministeriums. Fazit: Die

regionale Netzwerkarbeit muss unbedingt

gestärkt und die vielfältigen

Aktivitäten müssen besser

koordiniert werden.

PRÜFSTAND

Die Arbeit der WFG ist an vielen

Stellen sichtbar und spürbar. Ob

das Wirken der gesamtregionalen

Institution jedoch auch bedarfsgerecht

und effizient ist, soll eine

Evaluierung der WFG durch einen

externen Dienstleister an den Tag

bringen. Die Ergebnisse des Prozesses

sind die Basis des Qualitätsmanagements

bei der WFG und ein

weiterer Schritt in Richtung Dienstleistungsorientierung

für die Region

und regionale Prozesse.

Bilderleiste oben von links: Als WFG-Geschäftsführer hat Jochen Protzer stets die Region und seine Unternehmen im Fokus;

Landrat Klaus Michael Rückert, Erhard John, Bürgermeister Dieter Bischoff und Nadine Kaiser von der WFG bei der Reichert Holztechnik

GmbH&Co.KG; Jörg Vetter von Hermann Hauff und Landrat Karl Röckinger auf der Moulding Expo in Stuttgart. Fotos: WFG

WirtschaftsKRAFT 49


Thema: Netzwerke

Netzwerke:

Innovationen im Verbund

Unverzichtbar: Netzwerke sind integrale Bestandteile

einer prosperierenden Wirtschaft und nachhaltigen Unternehmenskultur

So manche unscheinbare, zwischen

reichlich Schwarzwälder Grün versteckte

Garage spuckte in der Vergangenheit

mehr Patente aus als

die Entwicklungsabteilungen namhafter

Unternehmen und begründete

damit den Mythos des Schwarzwaldes

als Innovationsschmiede

schlechthin. Fakt ist jedoch: Innovationszyklen

werden schneller,

Märkte dynamischer und die Globalisierung

wie Digitalisierung avancieren

zur ultimativen Herausforderung

einer globalen, sich rasant ver ­

ändernden Wirtschaftswelt. Die Fra ­

ge lautet deshalb: Wie müssen Unternehmen,

muss eine Wirtschaftsregion

aufgestellt sein, um sich

ökonomisch global zu behaupten.

Natürlich ist diese Fragestellung

nicht nur im Nordschwarzwald

virulent, sondern sorgt flächendeckend

für Kopfzerbrechen, und

das verstärkt auch im Land, beim

Ministerium für Wirtschaft, Arbeit

und Wohnungsbau. Die Frage,

wie überhaupt Innovationen als

ökonomische Triebfeder generiert

werden, ist letztendlich auch von

eminenter Bedeutung für die Förderpolitik

des Landes. Aufschluss

soll die vom Ministerium in Auftrag

gegebene Moderations- und

Explorationsstudie „Regionale Innovationssysteme“

geben und diese

offenbart zwar wenig Überraschendes,

aber reichlich Aufschlussreiches:

Die Herausforderungen der

globalen Wirtschaft können nur

gelöst werden, wenn Unternehmen

Partnerschaften und Kooperationen

mit externen Partnern eingehen.

Dies gilt für das Großunternehmen

genauso wie für den kleineren

Handwerksbetrieb.

Die Studie macht es also amtlich:

Dreh- und Angelpunkte unternehmensbasierter

Kooperationen sind

regionale Netzwerke. Der Blick über

die Grenzen der Republik hinaus

offenbart jedoch unmissverständlich,

viele Nachbarländer innerhalb

der Europäischen Union gelangten

bereits vor geraumer Zeit zu dieser

Erkenntnis und setzen das Thema

Netzwerkarbeit intensiver und

zielgerichteter um als hierzulande.

Sechs Netzwerke sind in der Region aktiv und bündeln die Interessen der Schlüsselbranchen. Bildquelle: WFG

50


„Vielfältige Beispiele hierzu findet

man in Alpenländern aber auch in

Skandinavien oder Südosteuropa,

jeweils Regionen, die mit einer vergleichbaren

Struktur, wie sie auch

der Nordschwarzwald bietet“, weiß

Claire Duval als Europa-Expertin

der WFG.

Fakt ist: Wettbewerbsfähig bleibt

man nicht alleine. „Dass gerade in

der Region Nordschwarzwald mit

seinen großen räumlichen Distanzen

und der heterogenen Unternehmensstruktur

Netzwerke ihre

vollen Stärken ausspielen können,

ist ein oft unterschätztes Moment“,

plädiert Jochen Protzer, Geschäftsführer

der Wirtschaftsförderung

Nordschwarzwald, für eine stärkere

Vernetzung auf regionaler Ebene.

Als sogenannter Cluster-Knoten ist

die WFG Ansprechpartner in Sachen

Netzwerke, sowohl für das Land Baden-Württemberg

als auch für die

regionale Wirtschaft. „Als Cluster-

Initiative bezeichnete man die zu

einem Netzwerk zusammengefassten

Akteure einer Branche“, grenzt

der WFG-Chef die Begrifflichkeiten

ab. Zu den Hauptarbeitsfeldern von

Netzwerkstrukturen zählt Protzer

die qualifizierte Außendarstellung

der Branche, Kontaktpflege zu Po ­

litik, Verbänden und anderen Netzwerken,

Unterstützung bei der Forschung

und Entwicklung sowie gemeinsames

Engagement im Bereich

Nachwuchsförderung und Fachkräftesicherung.

Beispiele für Unternehmer, die von

den Vorteilen der Cluster-Arbeit

überzeugt sind, gibt es zuhauf.

Einer davon, Ralf Schlecht von der

SHL/Schlecht GmbH, bricht eine

Lanze für netzwerkbasierte Kooperationen

im Handwerk: „Die

Kunden wollen heute immer individuellere,

einzigartige Lösungen,

gleichzeitig steigt der Wunsch nach

Komplettleistungen aus einer Hand

und die Unterscheidung verschiedener

Gewerke im Handwerk ist

längst schon sehr komplex.“ Eine

überzeugte Netzwerkerin ist Brigitte

Dorwarth-Walter, stellvertretende

Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer

Karlsruhe. „Kooperationen

im Handwerk sind notwendig,

um in Zukunft das anbieten zu

können, was Kunden verstärkt nach ­

fragen, nämlich Komplettpakete und

Pauschalpreise“, argumentiert die

Vize-Chefin der Handwerkskammer.

Sechs Cluster-Initiativen, die unterschiedliche

Branchen abdecken,

sind derzeit in der Region aktiv:

RegioHOLZ, das INNONET Kunststoff,

Hochform (Präzisionstechnik),

Create PF, IT&Medien und das

Netzwerk Gesundheitswirtschaft.

Als Blaupause für erfolgreiche Netzwerkarbeit

gilt bundesweit das beim

Technologiezentrum Horb a.N. angesiedelte

und von der WFG moderierte

INNONET Kunststoff, das

große Bereiche der Branche abdeckt,

die Kompetenz seiner Mitglieder

bündelt und so branchen ­

übergreifend neuen Ideen, Lösungen

und Innovationen generiert.

Über 100 Mitglieder zählt der größte

und aktivste Zusammenschluss

von Unternehmen der Kunststoffbranche

im gesamten süddeutschen

Raum, Tendenz stark steigend.

In Sachen Netzwerke hat Jochen

Protzer ein klares Ziel vor Augen,

nämlich eine lebendige Netzwerkkultur

mit regem Austausch über

alle Branchen hinweg zu schaffen,

die eine Strahlkraft nach außen

entwickelt und den Nordschwarzwald

als das darstellt was er ist:

eine innovative und prosperierende

Region im Herzen Europas.

WFG-KOMPAKT

Über 100 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette engagieren sich inzwischen im INNONET Kunststoff. Foto: WFG

WirtschaftsKRAFT 51


Thema: InnoCentre

Plastics InnoCentre

packt heiße Eisen an

Innovationen Made in Horb: Die Dependance

des INNONET Kunststoff in der Neckarstadt mausert

sich zur Keimzelle viel beachteter Initalprojekte

Plastikmüllteppiche auf den Ozeanen

rütteln Verbraucher wach und

werden zum Imageproblem für eine

hochinnovative Branche. Analog

wächst das Bewusstsein bei Herstellern

wie Konsumenten dafür, ausgediente

Kunststoffteile und Verpackungen

als das zu sehen, was sie

sein können: wertvoller Rohstoff

und damit die Basis für zukunftsträchtige

Geschäftsmodelle.

Kunststoffrecycling ist jedoch ein

an Komplexität kaum zu überbietendes

Thema, und das nicht nur

aufgrund der unterschiedlichen

Ausgangsmaterialien sondern auch

durch die Vielzahl der involvierten

Akteure entlang der Wertschöpfungskette.

Das Thema ist damit

prädestiniert als branchenumspannendes

Netzwerkprojekt und hier

kommt das INNONET Kunststoff

mit seinem Plastics InnoCentre

zum Zug. Das Kunststoffzentrum

mit seinem ausgefeilten Veranstaltungs-

und Ausstellungskonzept in

Horb am Neckar, im Horber Inno ­

vationspark der Hohenbergkaserne,

ist als Heimat des INNONET

Kunststoff ein Kristallisationspunkt

der hochinnovativen Kunststoffbranche

im Südwesten Deutschlands

und zugleich Startrampe für kunststoffaffine

Kooperationsprojekte im

Bereich Forschung und Entwicklung.

Die Mittel für das Innovationszentrum

stammen auch aus den

Fördertöpfen des Landes Baden-

Württemberg und der Europäischen

Union. Im Fokus des Plastics Inno­

Centre stehen die Themenkomplexe

Kunststoff-Recycling und Biobasierte

Kunststoffe.

Der Förderzeitraum ist begrenzt

bis zum Jahr 2019. Um das Thema

Recycling schnell an den Start zu

bringen, holte sich das INNONET

Kunststoff Ende letzten Jahres ex ­

terne Expertise ins Haus: Der Berliner

Technologiedienstleister VDI/

VDE Innovation + Technik moderierte

den Strategieprozess rund um

den Komplex Kunststoff-Recycling.

Dr. Marc Bovenschulte vom VDI/

VDE identifizierte bei der Auftaktveranstaltung

zum Recycling-

Projekt, in den Räumen der Waldachtaler

fischerwerke zwei Arbeits ­

felder: Die technischen Voraussetzungen

für die Verarbeitung recycelter

Materialien zu meistern, wäre

eines, wesentlich schwieriger wäre

es jedoch eine gesellschaftliche Akzeptanz

für recycelte Kunststoffmaterialien

zu schaffen. Recycling

wäre also laut Expertenmeinung

primär ein Kopfthema und verlangt

flankierend zu neuen Produktionsprozessen

eine ausgefeilte

Kommunikation. „Alle Beteiligten,

vom Produktdesigner über den

Verpackungshersteller bis hin zum

Verbraucher müssen auf neue Materialien

und Produktwege vorbereitet

werden“, fasste Bovenschulte

ein Ergebnis des Auftaktworkshops

zusammen.

Marc Bovenschultes Verweis auf

die neue Studie der renommierten

Ellen MacArthur Foundation „Rethinking

the future of Plastics“

zeigt das Potenzial der Thematik

für die Unternehmen des INNONET

Kunststoff und damit auch die Region:

„Das Recycling sämtlicher

Kunststoffprodukte, also nicht nur

solcher, die aus leicht wiederverwertbaren

sortenreinen Materialien

bestehen, kann ein überaus lukratives

Geschäft werden, das angesichts

der Konzentration der Kunststoffindustrie

im Nordschwarzwald

nochmals eine besondere regionale

Brisanz bekommt.“ Den extrem hohen

wissenschaftlichen und ökonomischen

Stellenwert des Projekts

dokumentiert auch der Beitritt des

Zum Wegwerfen viel zu schade: Kunststoff-Recycling ist eines der Schwerpunktthemen

beim Plastics InnoCentre in Horb am Neckar. Foto: WFG

52


enommierten Fraunhofer-Instituts

für Chemische Technologie (ICT)

zum INNONET Kunststoff®, welches

beim zweiten Workshop bereits die

Federführung übernehmen konnte.

„In Zeiten endlicher fossiler Ressourcen

und nur eingeschränkt

verfügbarer nachhaltiger Alterna ­

tiven sind Rezyklate, also recycelte

Kunststoffe, das Material für die

Zukunft“, erklärt Rainer Schweppe

vom ICT. Der weitere Weg der

Recycling-Initiative führt in die

beteiligten Unternehmen. „Gefragt

sind nun unternehmensspezifische

Lösungen wie Kunststoffprodukte

langfristig den Anforderungen der

Gesellschaft und Umwelt angepasst

werden können“, erklärt Schweppe

und definiert die Rolle des Plastics

InnoCentre im weiteren Verfahren

als die einer Wissensdrehscheibe

und Ideenbörse.

Die Zukunft ist Bio! Die nächsten

Projekte auf der Agenda des Plastics

InnoCentre fokussieren auf

regenerative Produktlösungen für

die Kunststoffbranche. „Gemeinsam

mit der Landesagentur BIOPRO BW

Bunte Kreisel, produziert auf den Messen vor den Augen des interessierten Publikums,

sind das Markenzeichen des INNONET Kunststoff schlechthin. Foto: WFG

wollen wir versuchen, die Unternehmen

und Institutionen der regionalen

Kunststoffbranche für die

Entwicklung von Herstellungs- und

Vermarktungsprozessen biobasierter

Kunststoffe zu sensibilisieren“,

umreißt Projektleiter Udo Eckloff

das ambitionierte Vorhaben. Einen

weiteren Schwerpunkt wird das

Thema Faserbasierte Kunststoffe

bilden, die als hochfeste Elemente

in den Zukunftsbereichen Nachhaltige

Mobilität und Leichtbau nicht

mehr wegzudenken sein werden.

Das Plastics InnoCentre ist Kunststoff!

Bereits im ersten Dreivierteljahr

seines Bestehens hat sich

die kunststoffaffine Innovationsschmiede

auf dem Horber Hohenberg

ein hervorragendes Renommee

erarbeitet und ist als zentrale

Einrichtung aus der südwestdeutschen

Kunststoffbranche nicht

mehr wegzudenken.

WFG-KOMPAKT

Das Plastics InnoCentre weckt Interesse, auch auf höchster politischer Ebene: Oberbürgermeister Peter Rosenberger,

Landrat Klaus Michael Rückert, Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Jörg Vetter von Hermann Hauff. Foto: WFG

WirtschaftsKRAFT 53


Thema: Wood Polymer Composites

WPC: Zwei Welten,

ein genialer Stoff

Nicht Fisch, nicht Fleisch aber ein Materialmix mit

Zukunft. WPC ist ein Baustein in Richtung Bioökonomie.

Wood Polymer Composites, kurz

WPC genannt, sind nachhaltige

Alternativen zu rein erdölbasierten

Kunststoffen. Mit den Chancen,

He rausforderungen und Grenzen

dieser innovativen, holzhaltigen

Materialmixe sowie deren Weg vom

Nischenprodukt hin zum Träger

WPC-Anhänger der ersten Stunde: Eberhard Kappler von spek-Design referiert beim

Workshop über mögliche Anwendungsfelder. Foto: WFG

regionaler Wertschöpfung beschäftigen

sich mehrere Forschungsinitiativen

rund um RegioHOLZ.

RegioHOLZ ist ein Projekt der Wirtschaftsförderung

Nordschwarzwald

(WFG), in Kooperation mit der

Hochschule für Forstwirtschaft

Rottenburg (HFR), mit dem Ziel,

den Unternehmen der Region über

eine kompetente Koordinierungsstelle

einen niederschwelligen Zugang

zu Forschung und Entwicklung

zu ermöglichen. Innovative

Werkstoffe mit bioökonomischem

Hintergrund sind ein Schwerpunkt

des von der Europäischen Union

und dem Land Baden-Württemberg

geförderten Projekts.

Kunststoffe basieren üblicherweise

auf fossilen Rohstoffen. Die Krux

ist: Erdöl ist endlich und regional

nicht verfügbar. Ein Ausweg aus

diesem Dilemma könnten Wood

Polymer Composites, also Verbundwerkstoffe

aus Holz und Kunststoff

bieten. „Die Region glänzt durch

eine Vielzahl von Unternehmen mit

geballter Kunststoff-Kompetenz

und Holz wächst als nachhaltiger

Rohstoff direkt vor der Haustüre,

der Mehrwert einer Weiterentwicklung

der WPC-Materialien in der

Region Nordschwarzwald liegt damit

auf der Hand“, plädiert Dr. Bertil

Burian, Professor für Internationale

Holzwirtschaft an der HFR für die

Intensivierung der Forschung und

Entwicklungstätigkeit in diesem

Segment.

Für die Herstellung von WPC finden

meist Holzspäne oder Holzmehl

Verwendung, also Bestandteile, die

in der Branche als Reststoffe bezeichnet

werden und bisweilen sogar

ein ernst zu nehmendes Entsorgungsproblem

darstellen.

Zwar wäre WPC nicht in der Lage

das Weltklima zu retten, das nachhaltige

Erdölsubstitut könnte jedoch

sehr wohl einen signifikanten

Beitrag zum Klimaschutz und zur

regionalen Wertschöpfung leisten,

dies war der Tenor bereits beim

54


Auftaktworkshop an der Hochschule

für Forstwirtschaft in Rottenburg

im März dieses Jahres.

Die Holz-Kunststoff-Verbindungen

punkten gegenüber ihren erdölbasierten

Pendants mit einer höheren

Formstabilität und Dauerhaftigkeit.

Eine Verarbeitung in

herkömmlichen Anlagen, sowohl

im Extrusions- als auch im Spritzgussverfahren,

ist problemlos möglich.

Der signifikante Nachteil gegenüber

den fossilen Varianten ist

jedoch die deutlich geringere Produktionsgeschwindigkeit.

Und Zeit

ist Geld! Dies gilt insbesondere für

den Kunststoff-Massenmarkt mit

seinen hochgezüchteten und investitionsintensiven

Anlagen. „Unser

Ziel muss es also sein, Stoffe, Anwendungen

und Märkte zu finden, wo

WPC-Produkte eine ökonomische

Alternative darstellen“, beschreibt

Dr. Marcus Müller, Professor für

Materialentwicklung und Fertigungstechnik

an der Hochschule

Rottenburg die Herausforderung

für die Produkte an der Schnittstelle

Holz-Kunststoff.

Produktdesign und -entwicklung

avancierten deshalb zu den Schwer ­

punktthemen der WPC-Initiative.

„Rund ein halbes Jahr nach Start

der Initiative und zwei weiteren

Expertentreffen kristallisieren sich

nun konkrete Projektthemen mit

Forschungsansätzen aus einem

interessanten Ideenpool heraus“,

bilanziert Anja Röllich, wissenschaftliche

Mitarbeiterin bei der

WFG den Stand des Projekts. Innovative

Produkte aus schwer vermarktbaren

Robinien-Resthölzern

und designorientierte Sitzmöbel

mit hoher Witterungsresistenz wären

beispielhaft zwei Themen, die

weiterverfolgt würden, so Röllich.

Ein Ziel von RegioHOLZ ist es, den

Unternehmen eine geballte Holzexpertise

zu bieten. Eingebunden

in die WPC-Initiative sind deshalb

neben der Hochschule Rottenburg

mehrere Institute der Universitäten

Göttingen, Hamburg und Kassel.

Das RegioHOLZ-Team

Anja Röllich besetzt als wissenschaftliche

Mitarbeiterin bei der

WFG die Kontaktstelle Wissenschaft-Wirtschaft

an der Hochschule

Rottenburg. Ihre Aufgabe

umfasst die eines „Forschungs ­

scouts“, der proaktiv Forschungsund

Entwicklungsansätze identifiziert,

diese gemeinsam mit

Unternehmen ausarbeitet, gezielt

Kontakte zu wissenschaftlichen

Einrichtungen bundes- und

europaweit herstellt und Initiativen

bis zur konkreten Projektreife

begleitet. Als Holztechnologin

und Abgängerin der Universität

Dresden, Fachbereich Holztechnik

und Faserwerkstofftechnik,

kennt Anja Röllich die Branche

ebenso gut wie die relevanten

Institute im wissenschaftlichen

Bereich. Foto: WFG

RegioHOLZ hat ein Gesicht. Seit

1. Juli unterstützt Lars Schäfer

das Team der WFG als Projektleiter

für die Bereiche Regio­

HOLZ und Fachkräftesicherung.

Geboren und aufgewachsen im

Schwarzwald, in einem Teilort

von Horb a.N., ist Lars Schäfer

ein Kind der Region. Die Holzund

Möbelbranche ist für den

Wahl-Karlsruher und Spross einer

Schreiner-Familie keine Un ­

bekannte. Vielfältige berufliche

Erfahrungen sammelte der 31-

Jährige als Projektleiter im Bereich

Produktmanagement und

Marketing sowie durch seine nebenberufliche

Dozententätigkeit

an den Hochschulen Karlsruhe,

Stuttgart und für die Bildungsakademie

der Handwerkskammer

Karlsruhe. Foto: WFG

WFG-KOMPAKT

WirtschaftsKRAFT 55


Thema: Gewerbeflächen

Gewerbeflächen und

wo sie zu finden sind

Grenzenlose Weite aber wenig optimaler Platz

für Gewerbe: Gewerbeflächen bleiben

ein spannendes Thema in der Region

Es klingt kurios: Während manche

Kommunen händeringend Flächen

für Gewerbeansiedlungen suchen,

besitzen andere solche im Überfluss.

Eine Studie des Regionalverbandes

Nordschwarzwald belegt: Es

gibt rechnerisch genügend Gewerbeflächen

in der Region, nur eben

oft am falschen Platz.

Die Städte und Gemeinden in der

Region können aus einem Pool von

insgesamt 676 Hektar Reserveflächen

schöpfen. Aus einer Hochrechnung

der Bebauung in den

letzten zehn Jahren lässt sich ein

künftiger Bedarf von rund 500

Hektar bis zum Jahr 2030 ableiten.

Vorhandene Reserven könnten also

rein rechnerisch den künftigen

Bedarf decken. „Eine solche Denkweise

scheitert in der Praxis daran,

dass der Bedarf der Kommune

A sich eben nicht ohne Weiteres

durch vorhandene Flächen in der

Kommune B decken lässt“, erläutert

Verbandsdirektor Dr. Matthias

Standort mit Aussicht mitten im Nordschwarzwald: Das INTERKOM, der Gewerbepark

auf dem Enz-Nagold-Plateau, ist eines der hochinteressanten interkommunalen Gewerbegebiete

in der Region. Foto: WFG

Proske die Krux. Eine gewichtige

Rolle würden darüber hinaus auch

die spezifischen Bedürfnisse der

Unternehmen spielen.

Wenig überraschend erscheint auch

das Ergebnis, dass die Flächennachfrage

mit der Standortqualität

korreliert. Flächen in unmittelbarer

Autobahnnähe sind ebenso massiv

nachgefragt wie ausgewiesene Filetstücke,

die mit einer schnellen

Internetverbindung, ebenen Topografie,

der Option auf eine künftige

Erweiterung und ohne sensible Nutzung

wie Wohngebiete im näheren

Umfeld glänzen. Das Fazit der Studie

ist ernüchternd: Ein Teil der

Flächenreserven ist wenig attraktiv

und optimale Standorte sind begrenzt.

Eine Lösung des Problems

heißt Interkommunale Gewerbegebiete,

kurz IKG. Diese wären der

Königsweg, weil sie die Möglichkeit

böten ideale Flächen optimal

zu nutzen, erklärt der Vorsitzende

des Regionalverbandes und ehemalige

Bürgermeister der Gemeinde

Niefern, Jürgen Kurz.

Für IKGs spricht vieles: „Kooperationen

helfen drohende Konkurrenzsituationen

zwischen Gemeinden

zu vermeiden und darüber hinaus

fließen die finanziellen wie organisatorischen

Ressourcen in ein gemeinsames

Projekt“, so Regionalverbandschef

Proske. Flächen ganz

ohne Konfliktpotenzial wären rar

und interkommunale Zusammenarbeit

erleichtere deshalb die Planung

von Gewerbegebieten. Die Studie

des Regionalverbandes belegt darüber

hinaus: IKGs führen verstärkt

zur Ansiedlung von Unternehmen

von außerhalb der Region. „Wenn

Kommunen Gewerbegebiete im Alleingang

realisieren, so ist das Ergebnis

häufig eine überschaubare

Fläche mit begrenzter Infrastrukturausstattung“,

so der Verbandsdirektor.

Durch die Bündelung von

Flächen- und Finanzressourcen

entstünden Gebiete mit ausgereifter

Infrastrukturausstattung und solche

würden die Chance für eine wirkliche

Neuansiedlung von Unternehmen

signifikant erhöhen, argu ­

mentiert Proske. Zehn Gewerbestandorte

in der Region sind bereits

als Interkommunale Gewerbegebiete

konzipiert und weitere

werden folgen: Die Kommunen

Pforzheim und Calw planen derzeit

interkommunale Gewerbelösungen

mit Nachbargemeinden.

In Sachen Planung von Gewerbegebieten

versteht sich der Regionalverband

als Dienstleister. „Bei

der Planung und Realisierung von

Gewerbegebieten haben die Kommunen

als Planungsträger den Hut

auf, der Regionalverband wirkt bei

der Planung lediglich unterstützend

mit“, skizziert Verbandsdirektor

Matthias Proske das Engagement

seiner Behörde. Dabei wäre es

nicht die Absicht, die Kommunen

bei der Gewerbegebietsentwicklung

an die enge Leine zu nehmen, vielmehr

würde der Verband das Thema

mit den Kommunen in enger Kooperation

proaktiv angehen. Konkret

plant der Regionalverband

eine erweiterte Flächenanalyse, um

zu ergründen, welche Flächen sich

in der Region für Gewerbegebiete

besonders eignen, insbesondere

auch als IKG.

56


WFG-KOMPAKT

Interkommunale Gewerbegebiete sind eine Klasse für sich und stellen attraktive Gewerbeflächen in der Region zur Verfügung.

Bildquelle: Regionalverband Nordschwarzwald

WirtschaftsKRAFT 57


Thema: Gewerbeimmobilien

Interessantes

Angebot für eine

große Nachfrage

Eine Region in den Startlöchern: Wenn es in den

Metropolen eng wird, profitiert der Nordschwarzwald

In den Metropolregionen rund um

den Nordschwarzwald schrillen die

Alarmglocken, denn attraktive Gewerbeflächen

werden zur Mangelware

an Neckar und Oberrhein. Auf

den ersten Blick scheint noch alles

in bester Ordnung rings um Karlsruhe

und Stuttgart, die Wirtschaft

brummt und ausgelastete Unternehmen

lassen Gewerbesteuereinnahmen

sprudeln. Doch stetiger Erfolg

ist alles andere als garantiert,

zumindest bei der genaueren Betrachtung

der enormen Herausforderungen,

vor der Wirtschaft und

Gesellschaft stehen: Die Digitalisierung

revolutioniert Geschäftsund

Produktionsprozesse, alternative

Wohn- und Lebenskonzepte

etablieren sich und Mobilität wird

zukünftig anders definiert. Eine

Folge dieser rasanten Entwicklung

sind neue Geschäftsmodelle, Produkte

und Produktionsprozesse. Innovationen

brauchen jedoch Raum

– und eben dieser ist rar bis nicht

mehr vorhanden in den Ballungsgebieten.

Eine Lösung des Problems liegt nahe,

nur einen Steinwurf entfernt in der

Region Nordschwarzwald. Der Calwer

Landrat und WFG-Aufsichtsratsvorsitzende

Helmut Riegger

bringt es auf den Punkt: „Die Region

steht in den Startlöchern, wenn

die Metropolen überlaufen.“ Für

WFG-Chef Jochen Protzer ist es

gerade jetzt an der Zeit lauter zu

trommeln. „Wichtig ist es, jetzt auf

die Vorzüge der Region aufmerksam

zu machen, um investierenden Unternehmen

eine interessante Alternative

bieten zu können.“ Erklärtes

Ziel wäre es, Arbeitsplätze in die

Region zu holen und das Dienstleistungsangebot

zu erweitern.

„Die Region ist in Sachen Infrastruktur

weitaus besser als ihr vermeintlicher

Ruf“, sagt Armin Kamp ­

mann von der Immobilienabteilung

der Sparkasse Pforzheim Calw und

relativiert damit Standortnachteile.

„Wer quer durch die Landeshauptstadt

zur Arbeit fährt, lernt die

Region und ihre planba ren Wege

schätzen“, ergänzt Kampmann.

Trotz einer attraktiven virtuellen Darstellung der Gewerbeimmobilien in der Region bleibt der persönliche Kontakt zu Projektentwicklern

und Investoren unverzichtbar. Die Region präsentiert sich deshalb alljährlich auf dem Gemeinschaftsstand des Landes Baden-Württemberg

einem internationalen Publikum. Foto: WFG

58


Virtuelle Applikationen ersetzen

heute schon oftmals traditionelle

Arbeitsabläufe, die Einheit von Arbeitsplatz

und Unternehmen wird

sich immer mehr auflösen. „Die

Zukunft spielt ländlichen Regionen

dabei in die Hände“, prognostizierte

Michael Reiss, Breitband-

Profi beim Ministerium für Inneres,

Digitalisierung und Migration

Baden-Württemberg. Diese Entwicklung

wird sich fortsetzen, sogar

potenzieren, schätzte Reiss. Das

Problem ist erkannt und in Sachen

Breitband greift vielerorts bereits

der Bagger. Die Kommunen in der

Region schaffen Lösungen, die sie

in Sachen schnelles Internet an die

Spitze der landesweiten Versorgungsstatistik

katapultieren.

„Der Nordschwarzwald ist in Sachen

Gewerbeflächenangebot sicherlich

keine Insel der Glückseligkeit“,

bilanziert Nadine Kaiser, bei

der WFG zuständig für das Gewerbe ­

immobilienportal der Region, das

Angebot. „Zwar haben wir nicht für

jedes Großunternehmen reichlich

Platz auf der grünen Wiese, aber

das Angebot in der Region ist derart

vielfältig, dass wir darüber hinaus

fast jeden Bedarf decken können“,

erklärt Kaiser. Die auch von Kampmann

und seinen Makler-Kollegen

geschätzte digitale Plattform der

WFG versteht sie als Drehscheibe

für die Vermarktung von Gewerbeimmobilien

oder Gewerbegrundstücken

und unterstützt Unternehmen

wie Projektentwickler bei der

Suche nach einem neuen Standort

in der Region Nordschwarzwald.

„Die virtuelle Präsenz unseres

Gewerbeimmobilienangebotes ist

wichtig, aber sie ersetzt nicht die

Anwesenheit auf dem internationalen

Messeparkett der Expo Real, der

globalen Drehscheibe für gewerbliche

Immobilien und Investitionen in

München“, führt Jochen Protzer an.

In der bayerischen Landeshauptstadt

buhlt die Region Nordschwarzwald

um Aufmerksamkeit bei Investoren

und Projektentwicklern.

Raum für Industrie und Gewerbe

hat oberste Priorität für die regionale

Wirtschaftsförderung und

Jochen Protzer sieht die WFG dabei

als wichtiges Bindeglied zwischen

Wirtschaft und Verwaltung.

Trotz allem Optimismus in Sachen

Gewerbeflächen plädiert der WFG-

Chef für einen kreativen Umgang

mit Flächen, denn gerade die Neuausweisung

von Gewerbegebieten

ist langwierig und komplex. „Der

Blick in andere Regionen zeigt,

dass gerade im Bestand wesentlich

mehr machbar ist, als es meist auf

den ersten Blick den Anschein hat

und hier hat unsere Region immense

Potenziale.“

Gewerbeangebote in der Region

Nordschwarzwald finden Sie hier:

www.immo.nordschwarzwald.de/

WFG-KOMPAKT

Das Gewerbeimmobilienportal ist eine Serviceleistung der WFG für Makler und Projektentwickler, beispielsweise auch für die Sparkasse

Pforzheim Calw. Foto: WFG

WirtschaftsKRAFT 59


Thema: Standortmarketing

Vielfalt als Chance

Was steht für die Region oder für was

steht der Nordschwarzwald. Standortmarketing

wird zum gesamtregionalen Prozess.

Die Darstellung als prosperierender

Wirtschaftsstandort gewinnt zunehmend

an Bedeutung im regionalen Standortmarketing.

Foto: WFG

Pittoreske Bollenhutromantik und

reichlich Tannengrün flimmerten

in den Heimatfilmen der frühen

Fünfziger in die guten Stuben der

Republik, und was damals schon

als Marketing-Element taugte,

das funktioniert noch heute: Der

Schwarzwald boomt als Tourismus-Destination.

Klischeebehaftete

Pseudo-Authentizität dominiert in

der touristisch animierten Außendarstellung

der Region und prägte

bislang nachhaltig das ökonomische

Standortmarketing. Das soll

sich ändern, denn Inhalte, die explizit

Gäste ansprechen, locken nicht

zwingend auch Investoren, Fachkräfte

und Kunden in die Region.

Wie griffiges und wirtschaftsaffines

Standortmarketing auszusehen hat,

dem widmet sich die Wirtschaftsförderung

Nordschwarzwald als

eines ihrer Kernthemen.

Die Ausgangslage ist mehr als rosig:

Der Nordschwarzwald prosperiert,

Wohnraum ist erschwinglich

und es herrscht nahezu Vollbeschäftigung.

Die Krux daran ist nur,

dass dies niemand weiß. „Die Region

hat zahlreiche versteckte Werte,

aber wir verkaufen sie viel zu wenig

nach außen“, so prägnant formulierte

es Roswitha Keppler von

der Kreishandwerkerschaft Calw

beim WirtschaftsFORUM Nordschwarzwald

in Höfen an der Enz.

Einer, der diese Problematik ebenfalls

kennt, ist Professor Bernhard

Kölmel, Digitalisierungsprofi an der

Hochschule Pforzheim: „Pforzheim

hat als Hochschulstandort keinen

schlechten Ruf, es hat schlicht gar

keinen.“

Weshalb eine positive Außendarstellung

eminent, sogar überlebensnotwenig

ist, erschließt sich erst

Klischees gehören einfach dazu. Der Schwarzwald lebt auch von Bollenhut-Romantik und

Kirschtorte. Foto: WFG

auf den zweiten Blick, aber dieser

offenbart dann bereits das Ausmaß

der Misere: Schon heute sind zahlreiche

unbesetzte Stellen in den Unternehmen

der Region der limitierende

Faktor. „Eine wirtschaftlich

extrem starke Region wie der Nordschwarzwald

kann es sich eigentlich

nicht leisten, dass Kapazitäten

nicht ausgeschöpft werden und

Kunden abwandern, weil Fachpersonal

fehlt“, analysiert WFG-Chef

Jochen Protzer die Lage. Das aktuelle

IHK-Fachkräftemonitoring prophezeit

Düsteres: Bereits in 2030

soll die Region Nordschwarzwald

an zweiter Stelle der landesweiten

Fachkräftemangel-Hitliste stehen.

„Wir müssen also den Menschen

klarmachen, dass die Region Nordschwarzwald

nicht nur als Urlaubsziel

taugt, sondern der ideale

Ort zum Leben und Arbeiten ist“,

umschreibt Protzer den Arbeitsauftrag.

Einer, der weiß, wie das geht,

ist Steffen Vetterle, Kommunikationsdesigner

und Dozent an der

Hochschule Pforzheim. Mögliche

Ansätze den Bekanntheitsgrad der

Region Nordschwarzwald nachhaltig

zu steigern umriss der Medien-

Profi in seinem Impulsreferat beim

WirtschaftsDIALOG: „Ich setzte

mich zur Vorbereitung meines Beitrags

hinters Steuer, fuhr kreuz und

quer durch die Region und stellte

vor allem eines fest: eine enorme

Vielfalt.“ Für Vetterle ist Heterogenität

eines der herausragenden

Alleinstellungsmerkmale der Region.

Wichtig wäre es, diese Vielfalt

nicht als Manko, sondern als Chance

zu begreifen und sie in griffige

60


Werbebotschaften umzusetzen, riet

Vetterle. Wie dies gelingen kann,

zeigte der Kommunikationsprofi

anhand gelungener Beispiele aus

anderen Regionen: Thüringen,

Schleswig-Holstein und Südtirol

hätten eines gemeinsam, nämlich

gelungene Auftritte als starke Regionalmarken,

und dies trotz vorwiegend

ländlicher Strukturen

im Wechsel mit wenigen urbanen

Räumen. Erfolgreiches Marketing

zeichnet sich durch Divergenz aus,

weil diese ein breites Publikum

anspricht. „Und wenn die Region

eines besitzt, dann eine breite Meinungsvielfalt“,

ergänzte Vetterle,

für den die Region auch werbetechnisch

ein immenses Potenzial

bietet.

Der Nordschwarzwald bietet gute

Beispiele für erfolgreiche Vermarktungsstrategien:

„Schwarzwald Energie

ist auch deshalb erfolgreich,

weil unsere Kunden mit dieser Marke

Bodenständigkeit und Authentizität

verbinden“, erklärte Horst

Graef, Geschäftsführer der Energie

Calw GmbH.

Die Vielfalt der Region ist zugleich

auch die größte Herausforderung.

„Sprechen Sie mit einer Stimme

und entwickeln sie die Region aus

Holz und Herz, zwei Schlagworte, die auch in Zukunft in der Außenkommunikation eine

wichtige Rolle spielen können. Foto: WFG

einer Position der Stärke heraus“,

mahnte Steffen Vetterle seine interessierten

Zuhörer nachdrücklich.

Für Vetterle als Hochschul-Dozent

liegt es auf der Hand, dass die Region

politisch, gesellschaftlich und

letztendlich auch in Sachen Marketing

ein gehöriges Stück zusammenrücken

muss, um erfolgreich zu

agieren.

„Eine Kampagne braucht Gesichter“,

postulierte Vetterle. Als Markenbotschafter

identifizierte er den

authentischen Typus Mensch, der

überall in der Region zu finden

wäre und schlug dabei in dieselbe

Kerbe wie Roswitha Keppler von der

Kreishandwerkerschaft Calw und

Thomas Waldenspuhl, Geschäftsführer

des Nationalparks Schwarzwald.

Beide plädierten ebenfalls

für eine Kampagne mit Menschen

im Mittelpunkt. Tolle Typen, die

als Gallionsfiguren taugen, bietet

die Region wahrhaftig genug, davon

ist auch Nadine Kaiser von der

WFG überzeugt, in deren Händen

das Thema Standortmarketing liegt.

WFG-KOMPAKT

Das Wohlfühlmoment in der Region ist einer der Aktivposten und ein griffiges Vermarktungsargument. Foto: WFG

WirtschaftsKRAFT 61


Thema: Europa und der Nordschwarzwald

Der Schwarzwald –

eine Region macht

auf Blau

Besser als ihr augenblicklicher Ruf:

Die Europäische Union ist ein wichtiger Partner

für die Region - und umgekehrt!

Die Briten wollen sie nicht mehr, die

Griechen brauchen sie zum wirt ­

schaftlichen Überleben und der

Nordschwarzwald steht mit Leib und

Seele hinter der Europäischen Union.

„Wir sind überzeugte Europäer.“

Deutlicher als der Nagolder Oberbürgermeister

Jürgen Großmann

kann man die Affinität des Nordschwarzwaldes

zu Europa nicht

formulieren.

Der Nordschwarzwald und die EU,

das ist keine Zwangsehe, vielmehr

eine Gemeinschaft, die auf Synergien

basiert. Sucht man nach den

Gründen, weshalb gerade die Region

sich intensiver als andere mit dem

europäischen Gedanken identifiziert,

genügt vielleicht schon ein

Blick in die Geschichte. Die gebürtige,

in Lothringen aufgewachsene

Französin Claire Duval, bei der

Wirtschaftsförderung Nordschwarz ­

wald zuständig für Europaangelegenheiten,

wagt den Versuch einer

Erklärung: „Rivalitäten, allen voran

mit Frankreich als direktem Nachbarn,

kennzeichneten jahrhundertelang

das Verhältnis Deutschlands

mit den Staaten im Herzen Europas.

Mit der Europäischen Union verschwanden

dann die Schlagbäume,

Wirtschaft und Gesellschaft begannen

zusammenzuwachsen, die

Menschen erkannten den Mehrwert

einer gemeinsamen Währung.“ Die

zentrale geografische Lage der Region

Nordschwarzwald ist sicherlich

ein Argument für die hohe

Europa-Affinität, die stark exportorientierte

Wirtschaft ein anderes.

Der Austausch mit europäischen

Partnern bestimmt auch das ökonomische

Leben und Handeln in der

Region. Ein Faktum, welches auch

wenig bekannt scheint, 80 Prozent

sämtlicher gesetzlicher Regelungen

basieren auf der EU-Rechtsprechung.

Was kann Europa? Diese Frage beantwortete eine Bus-Tour quer durch die Region zu interessanten Projekten, die durch Fördermittel

von der EU überhaupt erst möglich wurden. Foto: WFG

62


Die starke Ausrichtung der Region

in Sachen Europa ist für WFG-Chef

Jochen Protzer ein wichtiger Grund

dafür, europäische Themen bei der

Wirtschaftsförderung zu forcieren.

Eine erst kürzlich durchgeführte

Online-Umfrage bei Unternehmen

gibt ihm recht: „Die regionale Wirtschaft

wünscht ein starkes Engagement

der WFG in Sachen Europa und

sieht vor allem in der Fördermittelberatung

und in unserem direkten

Draht nach Brüssel einen enormen

Mehrwert“, erklärte der WFG-Chef.

Projekte wie „Bildung für Alle

Nordschwarzwald“, „RegioHOLZ“,

„FORESDA“ oder auch das beim

IN NONET Kunststoff angesiedelte

„Plastics InnoCentre“ hätten letztendlich

nur ein Ziel, nämlich mit

Fördermitteln aus Brüssel den Unternehmen

im Nordschwarzwald

durch Nachhaltigkeit und Innovation

Standortvorteile zu verschaffen.

Das vielfältige und nachhaltige

Engagement der Nordschwarzwälder

in Sachen EU wird in Brüssel

überaus positiv gesehen. Evelyne

Gebhardt, die stellvertretende Präsidentin

des Europaparlaments,

zeigte sich bei ihrem Besuch in der

Region überaus erfreut über die

Kreativität, mit welcher die WFG

samt ihrer Partner, die Landkreise

der Region, die blau-gelbe Fahne

hochhalten, gerade auch in Zeiten,

in denen Europa der Wind mächtig

ins Gesicht bläst.

Evelyne Gebhardt zeigte sich als Vize-

Präsidentin des Europäischen Parlaments

bei einem Besuch in Nagold begeistert vom

Engagement der Region in Sachen EU.

Foto: WFG

WFG-KOMPAKT

Öffentlichkeitswirksamen Aktionen

der WFG sorgen für Aufmerksamkeit

in Brüssel. Erfolgreiche Formate

wie „Europa on Tour“, eine

Bus-Tour für Interessierte zu unterschiedlichen

EU-Förderprojekten

in der Region, die primär das Ziel

verfolgte, den europäischen Gedanken

den Menschen näherzubringen,

weckten das Interesse der

EU-Politikerin Evelyne Gebhardt

bei ihrer Stippvisite an der Nagold.

Gebhardt würde solche Events lieber

heute als morgen als Blaupause

nutzen und flächendeckend in ganz

Europa kopieren. „Transparenz ist

extrem wichtig und den Menschen

erlebbar machen, was mit den Fördermitteln

aus Brüssel passiert,

halte ich für einen genialen Gedanken“,

lobte die stellvertretende Parlamentspräsidentin

die Info-Tour

durch die Region. „Wir freuen uns,

dass solche Formate Kreise ziehen

und die Region bekannt machen als

das was sie ist: weltoffen und innovativ“,

kommentiert Jochen Protzer

die begeisterten Worte aus Brüssel.

Mehr Europa bitte! Das ist die

Quintessenz der WFG-Umfrage und

zugleich ein integraler Bestandteil

der Strategie der regionalen Wirtschaftsförderung.

„Wir werden zukünftig

mit Veranstaltungen und

Publikationen besser und umfassender

informieren und europäische

Themen in die Region tragen“,

erklärt Jochen Protzer.

Ein großes Plus in der Goldstadt dank EU: Das EMMA Kreativzentrum wäre

ohne entsprechende Fördermittel nicht denkbar. Foto: WFG

WirtschaftsKRAFT 63


Thema: Kongressregion

Tagungsregion

Nordschwarzwald

Tourismus boomt im Nordschwarzwald.

Die Region wird zunehmend interessanter

für Tagungen und Seminare.

2016 übernachteten 5,78 Millionen

Bundesbürger und 2,34 Millionen

Gäste aus dem Ausland insgesamt

21,54 Millionen Mal im gesamten

Schwarzwald. Das sind Rekordwerte.

Rund 85 Prozent davon sind

Erholungssuchende. Fakt ist: Im

Bereich Tagungs- und Kongress-

Tourismus steckt noch immenses

Potenzial.

Virtuelle Kommunikation wird die

Geschäftswelt revolutionieren und

die persönlichen Begegnungen im

beruflichen Umfeld vollkommen

verdrängen, die Digitalisierung des

Kongresswesens ist nicht mehr aufzuhalten,

das war noch vor wenigen

Jahren die einhellige Expertenmeinung.

Tatsächlich präsentiert sich

der Tagungs- und Kongressmarkt –

auch in der Region Nordschwarzwald

– heute robuster denn je und

das hat gute Gründe: „Je mehr wir

uns im Tagesgeschäft dem medialen

Overkill nähern, umso mehr wächst

der Wunsch nach direkter und per ­

sönlichkeitsbezogener Kommunikation,

erklärt Carsten Dryden, Geschäftsführer

des Hotels Teuchelwald.

Was kurios klingt scheint Fakt

zu sein: Die Digitalisierung frisst

sich selbst. Flexible Arbeitszeitmodelle,

dezentrale Arbeitsstrukturen

und Homeoffice-Lösungen

entfremden Mitarbeiter zunehmend

von ihren Unternehmen und Team-

Building-Events avancieren immer

mehr zur unternehmerischen Notwendigkeit.

Die Tagungs- und Kongressbranche

in der Region reagiert

auf den Wandel in der Arbeitswelt.

Partizipation statt Langeweile lautet

das Credo vieler Anbieter.

Die Lage in der Nähe zu den Metropolen Stuttgart und Mittlerer Oberrhein prädestinieren die Region als Standort für Seminare und

Tagungen. Insbesondere Kommunen wie Bad Wildbad profitieren durch die gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Foto: WFG

64


„Vor Jahren genügte es noch, Räume

mit der entsprechenden Größe

zur Verfügung zu stellen, heute

werden mehr denn je komplette

Angebote nachgefragt“, erklärt Hotelmanager

Dryden. Die Tagungsevents

werden anspruchsvoller, aber

genau hier liegt die Chance für die

Betriebe der Hotel- und Gaststättenbranche

in der Region Nord ­

schwarzwald sich von der landesweiten

und sehr aktiven Konkurrenz

abzuheben. Traditionelle Tagungsformate

sind out! Wer in Sachen

alternative Veranstaltungsformen

neue Ideen entwickelt, Interaktivität

mit einbezieht, flexibel bei der

Organisation ist, die Intensität des

Austausches auf allen Ebenen verstärken

kann und den Tagungsgästen

ein unvergessliches Erlebnis,

verbunden mit ganz viel Erkenntnisgewinn,

vermitteln kann, hat gute

Chancen sich am Tagungsmarkt zu

behaupten.

„In der internationalen Ausrichtung

unserer regionalen Industrie-

Unternehmen sehen wir als Touristiker

vor Ort große Chancen“,

ergänzt Dryden, der sich Kooperationen

zwischen Industrie und Hotellerie

durchaus vorstellen könnte.

Wichtig ist: Die Qualität muss passen!

Vor allem bei ausländischen

Gästen hat Deutschland als Tourismus-Destination

einen hervorragenden

Ruf, was wiederum eine

hohe Erwartungshaltung generiert.

Was sich Business-Gäste aus dem

In- und Ausland von Destinationen

im Schwarzwald wünschen

weiß Professor Monika Bachinger

vom Fachbereich Tourismus an der

Hochschule Rottenburg: „Authentizität

und Glaubwürdigkeit sind

Grundbausteine erfolgreicher touristischer

Angebote.“ Authentisch

sei jedoch nicht gleichbedeutend

mit opulent und teuer, relativiert

Bachinger, die aktuell im Rahmen

des Forschungsprojekts „Wissensdialog

Nordschwarzwald“ der Hoch ­

schule Rottenburg und der Universität

Freiburg Kundenanforderungen

an naturnahe Tourismusangebote

untersucht. Authentizität

sei einerseits durch das gekennzeichnet,

was charakteristisch für

eine Region sei; andererseits hinge

die wahrgenommene Authentizität

aber auch von den Erwartungen der

Gäste ab. Und immer mehr Gäste

erwarteten nachhaltige Angebote,

gerade im Schwarzwald.

„Eigentlich sollte es selbstverständlich

sein, den eigenen Betrieb ressourcenschonend

und emissionsreduziert

zu betreiben. Doch man

kann damit auch wirklich erfolgreich

Kunden für sich werben“,

ergänzt Bachinger. Für die Tourismusprofessorin

ist klar: Green

Meetings werden zukünftig noch

stärker eine Rolle spielen. Und wer

damit punkten kann, gewinnt die

Sympathie und Gäste.

Für WFG-Chef Jochen Protzer besitzt

das Thema Organisation und

Abwicklung eine hohe Priorität.

„Über den Gedanken in Zukunft

eine Tagungsregion Nordschwarzwald

mit buchbaren Formaten, die

ein breites Unternehmens- und Interessentenspektrum

ansprechen,

ins Leben zu rufen, lohnt es sich

grundsätzlich nachzudenken.

WFG-KOMPAKT

Attraktive Tagungsmöglichkeiten gibt es im gesamten Nordschwarzwald; eher naturnah im Süden oder mit urbanem Flair im Norden

der Region. Foto: Sparkasse Pforzheim Calw

WirtschaftsKRAFT 65


Thema: RegioHOLZ

RegioHOLZ:

Mehrwert durch

konkrete Projekte

Mehr Wald gibt es kaum. Nirgendwo sonst ist deshalb

eine Initiative zur Vernetzung der Holzbranche

wichtiger als in der Region Nordschwarzwald

Der Wald ist das Stammkapital der

Region. So war es vor Generationen

und ist es auch noch heute, zumindest

im übertragenen Sinne. Zwar

sind mächtige Tannen und Fichten

aus den Beständen zwischen dem

Kinzig und Enztal noch immer wahre

Verkaufsschlager, jedoch liegt die

Wertschöpfung in den nachgelagerten

Industriezweigen der Holzund

Möbelbranche heute wohl sehr

deutlich über der der Urproduktion.

Die prosperierende Region Nordschwarzwald

steht also für holzaffine

Maschinenbauunternehmen

mit Weltmarktführerstatus, für eine

Vielzahl von hoch spezialisierten

Firmen aus den Bereichen Objekteinrichtung

und Möbelbau und für

geballtes handwerkliches Knowhow

im Holzbereich. Die Zahlen

sprechen für sich: Rund 15 Prozent

aller gewerblich Beschäftigten

arbeiten in einem Unternehmen

der Holz- und Möbelbranche, weit

mehr als in anderen Industriezweigen.

Noch deutlicher wird dies an ­

gesichts der Zahlen des Landkreises

Calw, einem traditionellen Schwerpunkt

der Möbelbranche in Baden-

Württemberg. Hier erwirtschafteten

die holzaffinen Unternehmen knapp

die Hälfte des Gesamtumsatzes im

Bereich des produzierenden Gewerbes.

Die Branche boomt! Aber sie

besitzt auch ihre ganz spezifischen

Problemzonen, und zwar über alle

Betriebsgrößen hinweg. Ob als

holzaffiner Maschinenbauer mit

internationalem Renommee oder

als mittelständischer Handwerksbetrieb

mit regionaler Ausrichtung

– alle Unternehmen müssen sich in

einem sich immer schneller verändernden

Umfeld behaupten.

„Der Schlüssel zum nachhaltigen

Erfolg sind Innovationen, und ge ­

nau hier fehlt es in der Region

bislang noch an der Bereitschaft

vieler, vor allem kleiner und mittelständischer

Unternehmen in entsprechende

Prozesse einzusteigen“,

analysiert Brigitte Dorwarth-Walter,

stellvertretende Hauptgeschäftsführerin

der Handwerkskammer,

die Lage im Kammerbezirk. Dies

soll RegioHOLZ ändern. „Das beim

RegioWIN-Wettbewerb des Landes

Baden-Württemberg erfolgreiche

und von der Europäischen Union

geförderte Projekt wurde ins Leben

gerufen, um den Unternehmen

der Branche einen möglichst niederschwelligen

Zugang zu Hochschulwissen

und Einrichtungen im

Bereich Forschung und Entwick ­

lung zu bieten“, skizziert WFG-Chef

Jochen Protzer das Grobziel des

Eine Branche mit Zukunft: Wer sich für einen Job in der Holz- und Möbelbranche entscheidet, hat die allerbesten Zukunftschancen.

Foto: WFG

66


Projekts. „Eigens für diesen Zweck

wurde eine Stelle geschaffen und

genau dort angesiedelt, wo wir das

größte Potenzial in Sachen holz ­

affine Synergieeffekte sehen, näm ­

lich an der Hochschule Rottenburg,

einer Einrichtung mit internationalem

Renommee im Holzbereich“,

begründet Dr. Klaus Michael

Rückert, Freudenstädter Landrat

und Vorsitzender der WFG-Gesellschafterversammlung,

den Schulterschluss

zu einer Einrichtung

außerhalb der Region als Regio­

HOLZ-Kooperationspartner im wissenschaftlichen

Bereich.

Aller Anfang ist schwer. Für Anja

Röllich, seit November 2016 wissenschaftliche

Mitarbeiterin im

Projekt RegioHOLZ, bewahrheitet

sich dieser Satz in besonderem

Maße. „Unsere Angebote werden

leider aktuell noch von wenigen

Unternehmen wahrgenommen, obwohl

sie eine echte Chance bieten

mit neuen Produkten auf den Markt

zu kommen“, erklärt die Holztechnologin.

Erste Erfolge sind jedoch

sichtbar und über diese freut

sich Anja Röllich besonders: „Das

Thema Wood Plastic Composites

(WPC), also der Holz-Kunststoff-

Verbundwerkstoff, gewinnt an

Fahrt und aktuell beschäftigen sich

mehrere Arbeitsgruppen in diesem

Tradition und Moderne, die Holz- und Möbelbranche vereint handwerkliches Können mit

industrieller Kompetenz und ist ein wirtschaftliches Schwergewicht in der Region. Foto: WFG

Holzjobs werden von Schulabgängern eher stiefmütterlich behandelt. Eine Lanze für

hochattraktive Jobs in einer innovativen Branche zu brechen ist ein Ansatz der Initiative

RegioHOLZ. Foto: WFG

Bereich mit innovativen Ideen“, so

Röllich.

Für die Wissenschaftlerin und

den RegioHOLZ-Projektleiter Lars

Schäfer ist das Thema WPC die

Blaupause für weitere Projekte mit

Erfolgspotenzial.

Zentrales Gremium des Regio­

HOLZ-Projekts ist der Steuerkreis.

Neben Vertretern der finanzierenden

Kommunen, der Industrie,

Bildung und Wissenschaft vertritt

Ralf Schlecht von der SHL/Schlecht

GmbH die Interessen des Handwerks

bei RegioHOLZ. „Die Stärken

von RegioHOLZ sehen wir als innovatives

Unternehmen auch im immensen

Vernetzungspotenzial, die

diese Initiative bietet“, erklärt der

Geschäftsführer des renommierten

Objektausstatters aus Garrweiler im

Landkreis Calw. Man kennt sich,

aber man spricht zu wenig miteinander

über Themen, die die

Branche wirklich bewegen, dessen

ist sich Ralf Schlecht sicher. Ein

Thema, welches wirklich allen Unternehmen

der Branche unter den

Nägeln brennt, ist der sich beinahe

täglich verschärfende Mangel an

Fachkräften.

„Zwar können wir auch keine

Fachkräfte für die Holzbranche

backen, so gerne wir das täten, aber

durch eine entsprechende Besetzung

der RegioHOLZ-Gremien und

Projektpartnerschaften mit Ein ­

richtungen der beruflichen Bildung

haben wir zumindest einen

Zirkel geschaffen, der einen Dialog

in Gang bringt und auf diesem

Weg einiges bewegen kann“, wirbt

Jochen Protzer für ein Engagement

der Unternehmer im Projekt.

Das Ziel ist klar formuliert: Holzjobs

sollen wieder den gesellschaftlichen

Stellenwert bekommen, den

sie einst hatten. „Holz ist hip und

Holz ist Hightech, nur leider wissen

das viel zu wenige. Dies zu ändern

ist eine Aufgabe von RegioHOLZ“,

erklärt Jochen Protzer zum Ziel des

ehrgeizigen Projekts mit Leuchtturmcharakter.

WFG-KOMPAKT

WirtschaftsKRAFT 67


Region Nordschwarzwald

Mit BANG gegen den

Fachkräftemangel

Ausbildungsnetzwerk für kleine und mittlere

Unternehmen im Nordschwarzwald gegründet

Von Gerd Lache

Duale Ausbildung war gestern.

Jetzt ist das Triale Ausbildungssystem

angesagt. Zumindest gilt

das für kleine und mittlere Unternehmen,

die aufgrund ihrer Größe

und/oder ihres hohen Spezialisierungsgrades

nicht ausreichend

Möglichkeiten und Kapazitäten

haben, den dringend notwendigen

Nachwuchs in der komplett

erforderlichen Breite im eigenen

Betrieb auszubilden.

Das triale System basiert auf der

Idee, das duale Ausbildungssystem

aus Betrieb und Berufsschule

um eine dritte Säule zu erweitern:

das BANG-Ausbildungsnetzwerk.

Dieses übernimmt vielfältige Aufgaben

rund um die Ausbildung

und macht damit interne Kapazitäten

des Unternehmens für andere

Aufgaben frei, die sonst durch

den administrativen und betreuenden

Bereich gebunden wären.

BANG steht für „Berufliches Ausbildungsnetzwerk

im Gewerbebereich“.

In einem solchen Netzwerk

schließen sich kleine und mittelständische

Unternehmen innerhalb

eines Bezirkes zu regionalen

Netzwerken zusammen. Ihr Ziel:

Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs.

Bei einer Versammlung im März

in Remchingen/Enzkreis ergriffen

sieben Unternehmen die Initiative

Ein Netzwerk ermöglicht es kleinen und mittleren Unternehmen, ihre Auszubildenden

umfassend und zeitgemäß ausbilden zu lassen. Foto: Steffen Kugler

und gründeten nach dem bis dahin

nur in Nordrhein-Westfalen

bestehenden Modell den gemeinnützigen

Verein BANG Nordschwarzwald.

Ihr Ziel, so die erste

Vorsitzende Elke Lillich (Willy

Lillich GmbH, Straubenhardt):

„Die Attraktivität der Metall-Berufe

zu steigern, die betriebliche

Ausbildung zu fördern, zu unterstützen

und zu entlasten und uns

für eine qualitativ hochwertige

Aus- und Weiterbildung in der

Region einzusetzen.“

Wie läuft eine solche triale Ausbildung

ab? Grundsätzlich orientiert

sich die Dienstleistung am jeweiligen

Bedarf des einzelnen Mitglieds.

So kann das Netzwerk auf

Wunsch bereits bei der Suche und

der Vorauswahl von qualifizierten

Bewerbern tätig werden. Wie auch

beim dualen System üblich, stellt

jedes Unternehmen Auszubildende

ein, indem es einen Ausbildungsvertrag

abschließt. Danach erhält

der Lehrling in einem Trainingszentrum

einen viermonatigen

Grundkurs und wechselt danach

in den Betrieb über.

Während der gesamten Ausbildung

ergänzt das Trainingszentrum

in bestimmten Intervallen

die praktischen und theoretischen

Lehrinhalte, abgestimmt auf

das jeweilige Berufsbild. Hinzu

kommt der berufsschulunterstützende

Werkunterricht sowie

Workshops zu Spezialgebieten

wie beispielsweise CNC-Technik,

Werkstoffkunde oder E-Pneumatik.

Schließlich wird der Auszubildende

in Kursen auf die Prüfung

vorbereitet.

Der eingetragene Verein BANG

Nordschwarzwald hat eine Kooperation

mit dem Berufsförderungswerk

(BFW) Schömberg,

das als Bildungsträger die Auszubildenden

„in zentraler Lage in

Pforzheim in bestimmten Intervallen

praktisch schult“, erklärt

die erste Vorsitzende des Vereins.

Im Trainingszentrum erhalten die

Auszubildenden demnach jene Inhalte

vermittelt, die der Betrieb

aufgrund seiner hohen Spezialisierung

oder auch eines hohen

Auftragsvolumens und der damit

verbundenen Personalbindung

nicht vermitteln könne.

68


BANG Nordschwarzwald als

Dienstleiter der Mitgliedsunternehmen

entlaste die Betriebe im

jeweils gewünschten Maß und

befreie damit von den Aufgaben

und Tätigkeiten, die im Zusammenhang

mit der Ausbildung

entstehen. Im Ergebnis führe die

Übernahme des zeit- und kapitalintensiven

betrieblichen Personalbetreuungsaufwands

durch

das Netzwerk zu einer deutlichen

Entlastung in den Betrieben.

Wichtig für die Vorsitzende: Aufgrund

einer Mitbestimmungsregelungen

in Form einer rechtsfähigen

Körperschaft haben die

Betriebe jederzeit die Möglichkeit,

auf Umfang und Betreuungsintensität

der Maßnahmen einzuwirken.

Diese Mitbestimmungsstruktur

sieht Elke Lillich als wesentliches

Unterscheidungsmerkmal gegenüber

einer Auftragsausbildung.

Wie ist die Resonanz seit der Vereinsgründung

im März? „Sehr

groß, gerade bei kleineren Unternehmen,

die diese Unterstützung

sehr schätzen“, sagt Elke Lillich.

Nach den Erfahrungswerten in

Nordrhein-Westfalen seien rund

60 Prozent der Auszubildenden

Hauptschüler. Und bemerkenswert:

„Die Abbrecherquote liegt

bei lediglich zwei Prozent.“

Nachdem sich BANG Nordschwarzwald

im Raum Pforzheim/

Enzkreis etabliert hat, wird der

Kreis erweitert. Soll heißen: „Wir

haben schon erste Kontakte mit

Calw geknüpft.“ Auch der Raum

Freudenstadt gehört zu den Expansionsplänen

von BANG. Des

Weiteren stünde die Industrieund

Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald

dem Projekt positiv

gegenüber.

„Wir werden mittelfristig eine

stabile Landschaft für unternehmensnah

qualifizierte Fachkräfte

in der Region aufbauen“, erklärt

Elke Lillich. Neue Mitglieder aus

der industriellen Metall-, Elektro-

und Kunststoffbranche seien

immer willkommen. Denkbar sei

auch, die Palette an betreuten

Berufsbildern zu erweitern sowie

die Leistungen des Vereins dem

Bedarf der aktiven Mitglieder anzupassen.

BANG Nordschwarzwald

Das Berufliche Ausbildungsnetzwerk

im Gewerbebereich,

BANG Nordschwarzwald, ist ein

eingetragener Verein, der am

16. März 2017 in Remchingen/

Enzkreis gegründet worden ist.

Zweck des Vereins ist es nach

eigenen Angaben, die Attraktivität

der Metall-Berufe zu steigern

und die betriebliche Ausbildung

sowie eine hochwertige

Weiterbildung zu fördern. Die

Initiative gibt es neben Nordschwarzwald

in den Regionen

Hövelhof, Gütersloh, Lippe,

Hochstift, Bielefeld, Hochsauer -

land, Ahlen und Aachen.

Interessant sei BANG für Unter -

nehmen mit Interesse an industriellen

Metall- und Elektroberufsbildern.

Das regionale Aus -

bildungsnetzwerk BANG Nordschwarzwald

wurde gegründet

von: Willy Lillich GmbH (Straubenhardt),

Schüssler Technik

GmbH & Co. KG (Pforzheim),

Pmh Präzisionsmechanik Heyn

Gmbh (Pforzheim), Britsch

Spannzeuge GmbH (Pforzheim),

OMP Ottmar Mayer Präzisionsdrehteile

GmbH (Neuhausen),

Zeus GmbH (Paderborn) und

gpdm mbH (Paderborn).

Letztere, die gpdm, Gesellschaft

für Projektierungs- und Dienstleistungsmanagement,

ist ein bundesweit

tätiges Beratungsunternehmen

auf den Arbeitsfeldern

Bildungsmanagement, Regionalentwicklung

und Öffentliche Ver -

waltung. Die gpdm-Projekte konzentrieren

sich auf zentrale Fragen

der Ausbildung, Qualifizierung

und Kompetenzentwicklung.

Ausbildungsberufe bei BANG

sind: AnlagenmechanikerIn, Elek -

tronikerIn für Betriebstechnik,

Fachkraft für Metalltechnik, Fein -

werkmechanikerIn, IndustriemechanikerIn,

KonstruktionsmechanikerIn,

Maschinen- und AnlagenführerIn,

MechatronikerIn,

Stanz- und UmformmechanikerIn,

Technische/r ProduktdesignerIn,

VerfahrensmechanikerIn KuK,

WerkzeugmechanikerIn, ZerspanungsmechanikerIn.

gel

Kontakt:

Günter Breuninger,

Beratung Süddeutschland,

Telefon (0 15 1) 14 15 07 55;

Fax (0 52 51) 77 60 77;

E-Mail: gbreuninger(at)gpdm.de

http://bang-netzwerke.de

Jedes BANG-Unternehmen wählt individuell aus, welche Ausbildungsbausteine es für

seine Lehrlinge benötigt. Foto: Bang

NETZWERK

WirtschaftsKRAFT 69


Region Nordschwarzwald

Innovationspreis für BANG

Von Gerd Lache

Kaum den Gründungsstart des Ausbildungsnetzwerks

BANG Nord -

schwarzwald e.V. im März hingelegt,

konnte die Vereinsvorsitzende

Elke Lillich (Straubenhardt)

bereits im Juni aus besonderem

Anlass nach Berlin zum „5. Innovationstag

Fachkräfte für die Region“

reisen. Gemeinsam mit BANG-

Netzwerkeleiter Achim Gerling

nahm sie eine Urkunde vom Bun -

desministerium für Arbeit und

Soziales (BMAS) entgegen. Das

BMAS hat fünf herausragende, innovative

Netzwerke und drei Netz -

werkkoordinatoren ausgezeichnet,

die sich für regionale Fachkräftesicherung

engagieren und, so

hieß es, „durchaus neue Wege beschreiten“.

Mit der Auszeichnung

würdigt das Ministerium „das

außerordentliche Engagement im

Bereich der Fachkräftesicherung

und das hohe Niveau der Netzwerkarbeit“,

wie Staatssekretär

Thorben Albrecht betonte.

Nahmen in Berlin die Auszeichnung für das innovative Ausbildungsnetzwerk BANG

entgegen: Elke Lillich und Netzwerkeleiter Achim Gerling. Foto: Bang

Mit dem Angebot eines trialen Ausbildungssystems will die BANG-Initiative auch die

Attraktivität der Metall-Be rufe steigern. Foto: Daniel Bockwoldt

Laut Alberecht steigere die zunehmende

Digitalisierung der Arbeitswelt

den Qualifizierungsbedarf.

Dies sei ein Ergebnis des vom

BMAS initiierten Dialogprozesses

Arbeiten 4.0. Die Frage der Qualifizierung

sei eine der großen Gestaltungsaufgaben

für die Unternehmen

und ihre Beschäftigten.

Deshalb: „Die Vielfalt und die

Stärken von regionalen Netzwerken

zur Fachkräftesicherung zu

würdigen, ist uns ein besonderes

Anliegen“, betonte der Staatssekretär.

Dies seien Vorteile, die

dabei helfen würden, die zukünftigen

Herausforderungen der

Fachkräftesicherung und der Digitalisierung

zu meistern.

Angesichts des Vormarsches von

Algorithmen und Robotern und

den damit einhergehenden Jobverlusten,

insbesondere bei einfachen

Tätigkeiten, sagt Elke

Lillich: „Ich denke, da sitzt unsere

Aufgabe, zu qualifizieren.“

Verbunden mit der Prognose der

schwindenden Arbeitsplätze in

den kommenden Jahren sieht sie

eine „gesellschaftspolitische Herausforderung,

die wir zu lösen

haben“. Ob es dann eine Maschinensteuer

gebe, ein Bedingungsloses

Grundeinkommen oder andere

Lösungen, ob Arbeit noch

an Einkommen gekoppelt werden

könne – wie auch immer, über Lösungen

müsse auf allen Ebenen

intensiv diskutiert werden. Mit

den Jobverlusten gingen schließlich

auch Kaufkraftverluste einher.

Mit all dem bekräftigt Elke

Lillich auch ihre Forderung nach

mehr Steuergerechtigkeit. So

sollten beispielsweise Gewinne in

dem Land versteuert werden, in

dem sie auch anfallen würden.

NETZWERK

70


WirtschaftsKRAFT 71


Pforzheim-Enzkreis

Revolutionärer Prozess

Daimler-Chef Dieter Zetsche sieht nach der Erfindung

des Benz-Motorwagens in den selbst bewegenden Autos

die nächste große gesellschaftliche Veränderung

Foto: Daimler AG

72


Automotive-Branche

in den Spagat gezwungen

Transformationsprozess von herkömmlicher zu digitaler

Produktion nicht in einem Schritt möglich – Pforzheim

schreibt automobile und goldglitzernde Geschichte

Von Gerd Lache

Zwischen beiden Ereignissen liegen

zwar 125 Jahre – aber damals

wie heute mit dramatischen Veränderungen

für Wirtschaft und

Gesellschaft in einer geradezu revolutionären

Weise. Damals, das

war im August 1888, als die gebürtige

Pforzheimerin Bertha Benz

mit ihren beiden Söhnen Eugen

und Richard im ersten Automobil

die weltweit erste Fernfahrt über

eine Distanz von rund 100 Kilometern

von Mannheim in ihre

Heimatstadt unternahm, um die

Familie zu besuchen.

Zu dieser Zeit war die Uhren- und

Schmuckherstellung in Pforzheim

längst etabliert. In einem

Edikt vom 6. April 1767 gestattete

Markgraf Karl Friedrich von Baden

dem Franzosen Jean Francois

Autran die Errichtung einer Taschenuhrenfabrik.

Im selben Jahr

folgte die Erlaubnis zur Erweiterung

in eine Schmuck- und feinen

Stahlwarenfabrik. Heute ist die

Goldstadt der größte Produktionsstandort

der Branche in Deutschland.

Das Jahr 2017 ist gefüllt

mit zahlreichen Jubiläumsevents

zur Feier von „250 Jahre Design,

Schmuck und Uhren“.

Im harten Strukturwandel der

Schmuckindustrie ab den 70er-

Jahren erwies sich der Automobilbereich

zunehmend als Rettungsanker

für viele der Unternehmen.

Viele der innovativen Tüftler und

Denker der Region stellten ihre

Produktionen um und wurden Zu -

lieferer und Dienstleister der großen

Fahrzeughersteller und deren

verwandte Branchen.

Mit ihrem Familienausflug im

August 1888 bewies Bertha Benz

die Alltagstauglichkeit des Automobils.

Erfunden hatte es ihr Ehe -

mann Carl Benz, ein Maschinenbauingenieur,

den die junge Bertha

Ringer 1870 bei einem Ausflug in

Maulbronn kennengelernt hatte.

Mit der Fahrt im dreirädrigen

Patent-Motorwagen Typ III – übrigens

ohne Wissen ihres Gatten –

„Die

Entwicklungen

zeigen, dass für die gesamte

Automobilwirtschaft eine Ära zu

Ende geht. Und die neue Dynamik

im Markt wird von einer veränderten

Erwartungshaltung

der Kunden angetrieben.“

Norbert Dressler, Partner der

Unternehmensberatung Roland Berger,

die den ersten „Automotive

Disruption Radar“

erstellt hat

legte die Pionierin aus Pforzheim

den Grundstein für die spätere

Serienproduktion. Der Rest ist bekannt.

Und heute, das ist die erste erfolgreiche

autonome Fahrt, die ein

Automobilhersteller im August

2013 durch den Alltagsverkehr

vornehmen ließ. Der Mercedes-

Benz S 500 Intelligent Drive bestand

auf eben der historisch-legendären

Bertha-Benz-Route mit

seriennaher Technik seine Bewährungsprobe

im Überland- und

Stadtverkehr. Im vergangenen

Jahr unternahm dieser S-Klasse

500er seine letzte Fahrt – ins

Mercedes-Museum. Seit seiner

Jungfernfahrt hat sich die Technik,

beispielsweise intelligente

Assistenzsysteme, weiter entwickelt,

neue Prototypen testen das

Fahren ohne Fahrer. Ende 2016

erteilte das Regierungspräsidium

Das Auto wandelt sich vom Fahrzeug hin zum privaten Rückzugsraum oder zum

digital-technisch gut ausgerüsteten Arbeitsplatz. Foto: Daimler AG

INNOVATION

WirtschaftsKRAFT 73


Pforzheim-Enzkreis

Wo einst Knöpfe zum Drehen und Drücken waren, befinden sich berührungsempfindliche

Displays. Foto: Daimler AG

Stuttgart dem Autobauer die Genehmigung,

autonome Fahrzeuge

der nächsten Generation auf öffentlichen

Straßen zu testen.

Und war es 1888 der ein oder andere

Zweifler, der dem Transportmittel

ohne Pferde nicht traute, so

sind es heute Skeptiker, die sich

ein fahrendes Auto so ganz ohne

einen Piloten aus Fleisch und Blut

auf unseren Straßen nicht vorstellen

können. Laut Wolfgang

Bernhart von der Unternehmensberatung

Roland Berger müssen

die Kunden erst Vertrauen in die

neue Technik gewinnen. Derweil

zeigen die beiden Ereignisse von

1888 und 2013: Baden-Württemberg

ist traditionell das Autoland

schlechthin. Hier tüftelten neben

Carl Benz auch Erfinder wie Gottlieb

Daimler, Wilhelm Maybach

und Ferdinand Porsche an den

ersten Motoren und Kraftwagen

der Welt. Zusammen mit dem Maschinenbau

gehört die Automobilbranche

laut dem landesweiten

Netzwerk „automotive-bw“ zu den

führenden und umsatzstärksten

Branchen Baden-Württembergs.

Das Statistische Landesamt weist

für 2016 rund 250.000 Beschäftigte

aus, die direkt bei Autobauern

wie Daimler oder Porsche

tätig sind oder die bei unmittelbar

der Branche zuzuordnenden

Unternehmen wie etwa Bosch tätig

sind. Hinzu kommen die weit

über 300.000 Arbeitsplätze im

Maschinenbau und den Zulieferbetrieben

– von denen eine nicht

geringe Anzahl ihren Sitz in der

Region Nordschwarzwald hat. Insgesamt

werden dem Fahrzeugbau

rund 800.000 Arbeitsplätze zugeordnet.

Der Gesamtumsatz betrug

im vergangenen Jahr rund 105

Milliarden Euro.

Unterdessen befindet sich die

Branche in einem nie gekannten

Umbruch. Digitalisierung und E-

Mobilität, autonomes Fahren und

Mobilitätsdienstleistungen wie

Carsharing und Mitfahrmodelle

erfordern teilweise völlig neue

Strategien, Arbeitsweisen, Produktionen

und Antriebstechniken.

Der Daimler-Konzern investiert

rund zehn Milliarden Euro in den

Ausbau seines Elektro-Segments.

Daimler-Vorstand Ola Källenius

glaubt, dass der Wandel zu mehr

Arbeitsplätzen führen wird, denn

„jede industrielle Revolution hat

Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden, um Robotern das Fahren von Autos auf öffentlichen Straßen zu überlassen. Foto: Daimler AG

74


Mir gefällt …

INNOVATION

Das autonom fahrende Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion hatte 2015 in Las Vegas

seine Premieren-Vorstellung. Foto: Daimler AG

zu mehr Beschäftigung geführt.“

Doch sei es für eine exakte Vorher -

sage noch zu früh, erklärte er beim

„Tag der Automobilindustrie“ in

Nürtingen. Daimler-Personalchef

Wilfried Porth machte deutlich,

dass sich Arbeitsplätze wandeln

werden. „Es werden neue entstehen,

aber auch andere wegfallen.“

Bis 2025 will Daimler mehr als

zehn Elektrofahrzeug-Typen anbieten.

Als erstes Modell soll ein

Stadtgeländewagen mit über 500

Kilometern Reichweite auf die

Straße rollen. Laut Daimler-Betriebsratschef

Michael Brecht wür -

de gerade mal noch einer von

sieben Arbeitsplätzen in der Motoren-

und Aggregate-Fertigung

übrig bleiben, rechnete er im Manager-Magazin

vor. „Da müssen

jede Menge Beschäftigte umqualifiziert

werden.“

Die Disruption sei unaufhaltsam,

sagt Roland-Berger-Experte Bernhart.

Die weltweit agierende Unternehmensberatung

hat den ers -

ten „Automotive Disruption Radar“

erstellt. Mehr als 10.000 Verbraucher

in zehn Ländern wurden

befragt. So würden sich beispielsweise

46 Prozent der Befragten

weltweit kein Auto mehr kaufen,

sollten autonom fahrende Taxis,

sogenannte Robocabs, kostengüns -

tiger zur Verfügung stehen. Die

Entwicklung von Robocabs als

Alternative zum eigenen Fahrzeug

wird sich laut Roland Berger

in den kommenden Jahren noch

deutlich beschleunigen.

Ohnehin kämen neue Geschäftsmodelle

zum Zuge. „Die Automobilindustrie

muss viele disruptive

Trends zeitgleich meistern

und dieser radikale Wandel wird

deutliche Folgen für die gesamte

Branche nach sich ziehen“, mahnt

Norbert Dressler, Partner von Roland

Berger. Er sprach von einem

Spagat: Sowohl Hersteller als auch

Zulieferer müssten auf diese Umbrüche

reagieren und neues Potenzial

erschließen. Sie könnten

sich aber nicht komplett von ihrer

bestehenden Infrastruktur lösen,

sondern müssten Transformationsprozesse

durchlaufen. „Darin

besteht die größte Herausforderung

für die Firmen.“ Wer sich

nicht jetzt schon intensiv darauf

vorbereite, der werde langfristig

keine Chance haben.

Derartige Aussagen kann Ciscos

Deutschlandmanager Dr. Bernd

Heinrichs nur unterstreichen. Er

geht noch weiter und provozierte

beim IHK-Zukunftsforum 2030 in

Pforzheim mit der Aussage, dass

bis zum Jahr 2030 rund 40 Prozent

der etablierten und derzeit am

Markt dominierenden Firmen nicht

mehr existieren würden. „Stattdes -

sen erobern neue innovative Player

die verschiedenen Industrien.“

Angefangen habe dies im Handel

und in den Banken und finde seine

Fortsetzung im Automobilbereich.

Peter Boch, Oberbürgermeister

der Stadt Pforzheim,

Foto: Janusch Tschech

Die Stadt Pforzheim besitzt als

innovativer Wirtschaftsstandort

so manches „Aushängeschild“,

welches mitunter nicht jedermann

bekannt ist. Das betrifft

beispielsweise die hoch innovative

und leistungsstarke Zulieferbranche

im Bereich Automotive.

Dass Stuttgart als eine

Hauptstadt des Automobils gilt,

ist unumstritten. Mit seinen

spezifischen Kompetenzen und

Erfahrungen hält Pforzheim

aber gekonnt mit der Landesmetropole

Schritt: Unsere Unternehmen

dieser Branche – vor

allem der Metall verarbeitenden

Präzisionstechnik – setzen

in Produktion, Fertigung und

Entwicklung ausgeprägte technisch-innovative

Akzente und

gestalten den „State of the art“

verschiedenster Technologien

aktiv und initiativ mit. Für die

Wirtschaft unserer Stadt sind

sie von großer Bedeutung und

ein wichtiges Standbein, auf

das wir mit Stolz blicken und

das die Stadtverwaltung auch

weiterhin unterstützen wird.

WirtschaftsKRAFT 75


Pforzheim-Enzkreis

Wirtschaftlicher Kompetenz-

Standort und attraktiver

Lebensraum für Familien

Pforzheim gilt als Hauptstadt der Präzisionstechnik –

zu den Schwerpunktbranchen gehören Automotive,

Medizin-/Dentaltechnik sowie Luft- und Raumfahrt

Von Gerd Lache

Aller Anfang war die Uhren- und

Schmuckindustrie. Aus der Gründung

dieses Wirtschaftszweigs im

Jahr 1767 am Waisenhausplatz in

Pforzheim haben sich Unternehmen

entwickelt, die heute Produkte

in höchster Präzision herstellen

und weltweit erfolgreich

am Markt agieren. Ob Zulieferer

der Automobilindustrie oder des

Medizintechnikbereichs – um nur

einige zu nennen –, vieles hat sich

aus den Produktionen der Schmuckbetriebe

heraus entwickelt. Und

längst gehört auch der Landkreis

Enzkreis zu diesem Kompetenz-

Gebilde, der die Stadt geografisch

umrahmt. Über die Zukunftspläne

als attraktiver Wirtschafts- und

Lebensraum berichtet der Direktor

des städtischen Eigenbetriebs

Wirtschaft und Stadtmarketing

Pforzheim (WSP), Oliver Reitz, im

Interview mit WirtschaftsKRAFT.

WirtschaftsKRAFT: Pforzheim in

Hochform – Herr Reitz, was versteht

der oberste Wirtschaftsförderer

darunter?

Oliver Reitz: HOCHFORM ist eine

Netzwerk-Initiative unseres städtischen

Eigenbetriebs Wirtschaft

und Stadtmarketing Pforzheim

(WSP) zur Unterstützung der Unternehmen,

die ihren Schwerpunkt

in der Metall verarbeitenden Präzisionstechnik

haben und zum

Teil weltweit zu den wichtigsten

Zulieferbetrieben insbesondere in

den Branchen Automotive und

Medizintechnik zählen. Der Wirtschaftsraum

in und um Pforzheim

gilt als der führende Kompetenzstandort

für Präzisionstechnik.

WirtschaftsKRAFT: Wie ist diese

Kompetenzbündelung entstanden?

Oliver Reitz: Eine wesentliche

Grundlage hierfür ist die aus der

Schmuckbranche hervorgegangene

Kompetenz, Metall mit größter

Präzision zu bearbeiten. Beispiele

für Technologiefelder, die wir

unter ‚Präzisionstechnik‘ zusammenfassen,

sind die Stanztechnik,

die Umformtechnik, der Werkzeug-

und Maschinenbau sowie

die Oberflächentechnik. Relevante

Märkte sind unter anderem die

Bereiche Automotive, Medizinund

Dentaltechnik oder die Luftund

Raumfahrt.

WirtschaftsKRAFT: Und wie ist

der WSP hier aktiv?

Oliver Reitz: Mit der Vernetzung

der Akteure hat der WSP die Kontakte

zwischen Unternehmen und

Institutionen aus dem Bereich Forschung

und Entwicklung initiiert

und gefördert. Nicht zuletzt durch

den fachlichen Austausch innerhalb

des HOCHFORM-Netzwerkes

wird die Innovationskraft bei

der Entwicklung neuer Produkte,

Verfahren oder Dienstleistungen

gestärkt. Dank HOCHFORM ist

Pforzheim überregional eine Marke

geworden, was sich mittlerweile

auch bei der Rekrutierung von

Fachkräften für die Betriebe der

Präzisionstechnik positiv bemerkbar

macht.

Zur Pforzheimer Präzisionsbranche gehört auch die Traditionsfirma G. Rau mit ihrer

Produktion, die engste Maßtoleranzen und spezielle Geometrien ermöglicht. Foto: G. Rau

WirtschaftsKRAFT: Nun hat die

Stadt nach längerem Anlauf grünes

Licht für die Finanzierung

76


Zur Person

Sieht mit dem geplanten Zentrum für Präzisionstechnik (ZPT) eine optimale Möglichkeit,

die Unternehmen bei Innovationen und Kooperationen zu unterstützen: Oliver Reitz,

Direktor des städtischen Eigenbetriebs WSP. Foto: Janusch Tschech

des geplanten ZPT, Zentrum für

Präzisionstechnik, erhalten. Was

waren die Hürden?

Oliver Reitz: Um zusätzlich zu den

kommunalen finanziellen Eigenanteilen

auch die erfreulich hohe

Förderung durch EU- und Landesmittel

in einer Höhe von 5,2 Millionen

Euro zu erhalten, musste zunächst

der Gemeinderat der Stadt

Pforzheim einen Beschluss fassen.

In Zeiten einer schwierigen

Haushaltslage wurde das Thema

auf breiter Basis diskutiert, aber

letztlich als wichtige und richtige

Investition in die Zukunft betrachtet.

Besonders hilfreich und

erfreulich zur Finanzierung sind

die zugesagten Beteiligungen des

Landkreises Enzkreis und der im

HOCHFORM-Netzwerk vereinten

Unternehmen. Daneben hat der

WSP weitreichende Einsparungen

bei bestehenden Aktivitäten vorgenommen.

WirtschaftsKRAFT: Was soll mit

dem Präzisionszentrum geleistet

werden?

Oliver Reitz: Mit dem ZPT wird

für die Branche Präzisionstechnik

in ihrer Hauptstadt Pforzheim

nun auch ein sichtbares Zuhause

geschaffen. Mit dieser industrienahen

Anlaufstelle insbesondere

für kleine und mittlere Unternehmen

wird der Technologietransfer

in idealer Weise umgesetzt. Die

Betriebe erhalten vor allem eine

optimale wissenschaftliche und

technologische Unterstützung im

Bereich Forschung und Entwicklung

sowie bei Innovationen, aber

auch spezifische Angebote zur

Weiterbildung ihrer Beschäftigten.

Als zentrale Plattform wird

das ZPT den engen Austausch von

Kompetenzträgern und Anwendungsbereichen

zum Ziel haben

und nicht zuletzt auch Betrieben

in der Gründungs- und Wachstumsphase

umfassende Hilfestellungen

anbieten können.

WirtschaftsKRAFT: Mit der ersten

Fernfahrt eines Automobils

im August 1888 von Mannheim

nach Pforzheim hat Bertha Benz

auch für ihre Heimatstadt Geschichte

geschrieben – welche

Bedeutung hat das Thema Automotive

heute?

Oliver Reitz: Im WSP-Unternehmensregister

sind im Bereich

Pforzheim und Enzkreis 757 Betriebe

ausgewiesen, die in der

Metall verarbeitenden Präzisionstechnik

und hier insbesondere in

der Automobilzulieferbranche tätig

sind. Mit 21.380 sozialversicherungspflichtig

Beschäftigten erreicht

diese Branche einen Anteil

von 19,7 Prozent. Neben den technologischen

Kompetenzen unserer

Betriebe und nicht zuletzt auch

in verschiedenen Instituten der

Oliver Reitz ist seit 2012 Direktor

des Eigenbetriebs Wirtschaft

und Stadtmarketing

Pforzheim (WSP) mit den Geschäftsbereichen

„Wirtschaftsförderung

und Kommunale

Statistik“, „Standortmarketing“

(mit Innenstadtentwicklung,

Citymarketing und Eventmanagement,

Stadtmarketing und

Kulturmarketing sowie Tourismusmarketing)

und „Hallen

und Messen“ (CongressCentrum

und Eissporthalle St. Maur).

Reitz wurde 1969 in Witten an

der Ruhr geboren und studierte

Wirtschaftsgeografie, Öffentliches

Recht, Verkehrswesen und

Raumplanung in Bochum. Als

Wirtschaftsförderer war er in

Essen, Hagen, Leverkusen sowie

in den Landkreisen Starnberg

und Miesbach tätig. Als

Referent des Landtagsabgeordneten

Oliver Wittke (NRW)

sowie als Leiter des Berliner

Business Location Centers und

als Leiter der Universitätsentwicklung

an der privaten Zep -

pelin Universität in Friedrichshafen

gewann er auch außerhalb

der kommunalen Wirtschaftsförderung

berufliche Erfahrun -

gen. Der Fan des FC Bayern und

Fachmann der Oldtimer-Szene

wohnt mit seiner Ehefrau und

seinem Sohn in Pforzheim. pm

www.ws-pforzheim.de

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 77


Pforzheim-Enzkreis

Hochschule Pforzheim möchte ich

gerne den weltweit geschätzten

Studiengang Transportation Design

erwähnen, der die Pforzheimer

Absolventen befähigt, in

entscheidenden Positionen bei den

Automobilkonzernen das Design

der Fahrzeuge von morgen zu gestalten.

WirtschaftsKRAFT: Und welche

Unternehmen können Sie als

Leuchttürme benennen?

Oliver Reitz: Bei dieser hohen Zahl

an durchweg sehr leistungsstarken

Betrieben fällt es schwer, ein -

zelne namentlich herauszugreifen,

zumal mir sehr wichtig erscheint,

dass der Raum Pforzheim eine

wirklich hoher Bandbreite an Zu -

lieferprodukten der Automobilbranche

abdeckt und somit nicht

zu einseitig orientiert ist. Allein

mit der Witzenmann GmbH, dem

weltweit führenden Hersteller von

flexiblen metallischen Elementen,

der Kramski GmbH und ihrer

Kompetenz in der Stanztechnologie

und bei Hybridteilen sowie der

G. Rau GmbH & Co. KG, der Conttek

GmbH, der HMP Umformtechnik

oder der Kleiner GmbH mit

ihren jeweiligen Stärken, beispielsweise

bei Kontaktteilen, im

Werkzeugbau oder in spezifischen

Fertigungsprozessen kommt zum

Ausdruck, welche Bedeutung die

lokale Wirtschaft in und um Pforz -

heim für den globalen Automobilsektor

hat.

WirtschaftsKRAFT: Sie persönlich

haben ja eine besondere Affinität

zum Automobil, allerdings

in die Vergangenheit gerichtet.

Oliver Reitz: In den letzten drei

bis vier Jahren sind Oldtimer ver -

stärkt in den Fokus von Kapitalanlegern

und Spekulanten gerückt.

Für mich sind die Automobile

von gestern jedoch ein Stück

Erinnerung, die man sich – gerade

in einer so schnelllebigen und dynamischen

Zeit – gerne bewahrt.

Als Vorsitzender des Vereins

‚Freundeskreis Autokultur Pforzheim‘

teile ich diese Leidenschaft

mit Akteuren aus der Pforzheimer

Wirtschaft und mit „infizierten“

Privatpersonen – auch mit dem

Ziel, dem automobilen Kulturgut

gerade hier in der Geburtsstadt

von Bertha Benz einen würdigen

Stellenwert zu verleihen.

Durch meine Vernetzung in der

bundesweiten Oldtimerszene ist

mir aber auch die beachtliche

Wertschöpfung, die in dieser vermeintlichen

wirtschaftlichen Nische

generiert werden kann, bewusst.

Daher freue ich mich, dass

auch in Pforzheim das klassische

Auto einen Mosaikstein im wirtschaftlichen

Leben darstellt und

insbesondere altbewährte Berufszweige

im Handwerk – von der

Sattlerei bis zum Karosseriebau –

bei uns eine Zukunft haben.

WirtschaftsKRAFT: Bleiben wir

bei Zukunft. Die Digitalisierung

sorgt auch in der Automobilbranche

für einen gewaltigen Umbruchprozess.

Können sich die

Zulieferer auf die geänderten Bedingungen

umstellen?

Oliver Reitz: Dies ist eine wirklich

spannende Frage, die wir uns

immer häufiger stellen und die

wir auch bei unseren Unternehmensbesuchen

ansprechen. Vor

Ort in den Betrieben gewinne ich

sehr unterschiedliche Eindrücke.

Oldtimer-Fan und oberster Wirtschaftsförderer der Stadt, Oliver Reitz, begrüßt Teilnehmer der Bertha-Benz-Fahrt. Die Veranstaltung findet

zum Gedenken an die Autopionierin aus Pforzheim statt. Foto: WSP

78


Es gibt durchaus eine recht hohe

Zahl von Unternehmen, die sich

bereits seit einigen Jahren mit

neuen Antriebstechniken, neuen

Trends oder neuen Märkten beschäftigen.

Einige erweitern ihre

Produktpalette hinein in Bereiche

jenseits der Automobilbranche,

andere entwickeln Lösungen, die

für die zukünftige Fahrzeugtechnik

neue Impulse setzen können.

Gleichwohl wird es eine große Herausforderung

sein, sich in immer

kürzeren Zeiträumen neuen technologischen

oder auch politischen

Rahmenbedingungen zu stellen.

Gerade dies ist der Anlass für den

WSP, die Betriebe – unter anderem

durch das Zentrum für Präzisionstechnik

– enger miteinander

und direkt mit der Hochschule

Pforzheim zu vernetzen. Neue und

gewinnbringende Akzente, die

auch für die heimische Automobilbranche

relevant sind, werden

nicht nur durch unser Präzisionstechnologie-Cluster

HOCHFORM,

sondern auch durch unser WSP-

Netzwerk ‚IT + Medien‘ aufgegriffen

oder gesetzt. Das Automobil

wird neben dem Wohnraum und

dem Arbeitsplatz zum dritten

Aufenthaltsort des Menschen. Darauf

wird auch die Pforzheimer

Wirtschaft reagieren müssen.

WirtschaftsKRAFT: Thema Gewerbeflächen

– da wurde es in

den vergangenen Jahren eng.

Oliver Reitz: Im Bewusstsein, dass

es eng wird und eigentlich seit

geraumer Zeit schon recht eng ist,

haben wir vor drei Jahren ein umfassendes

Gewerbeflächenkonzept

für die Stadt Pforzheim erarbeitet.

Im Bereich der Autobahn -

anschlussstelle Pforzheim-Süd so -

wie nordwestlich der Anschlussstelle

Pforzheim-Nord sind Flächenausweisungen

für gewerbliche

Nutzungen eingeleitet worden.

Diese optimal gelegenen Areale

sind bereits heute stark nachgefragt

und werden mit der Zielsetzung

erschlossen und vermarktet,

eine neue Qualität von Gewerbeflächen

und letztlich somit auch

eine Adressbildung für den jeweiligen

Betrieb zu erwirken.

WirtschaftsKRAFT: Neue Qualität

soll heißen?

Oliver Reitz: Parken soll dann

nicht mehr ebenerdig vor den einzelnen

Betriebsstätten erfolgen,

sondern in betriebsübergreifend

genutzten Gemeinschaftsflächen;

den Unternehmen soll durch eine

erst bei den Ansiedlungsgesprächen

anzupassende Detailerschließung

eine größtmögliche Flexibilität

bei der Grundrissgestaltung

ihrer Gewerbeimmobilien eingeräumt

werden, gleichzeitig wollen

wir dafür sorgen, dass durch ansprechende

Fassadengestaltung,

verbindende Grünflächen und An -

gebote für die Beschäftigten (Kin -

derbetreuung, Gastronomie) ein in

jeder Hinsicht attraktiver Standort

für zukunftsorientierte Betriebe

geschaffen wird. Analog zu

den neuen Gewerbegebieten erarbeiten

wir gegenwärtig auch

Strategien für die bestehenden

Flächen.

WirtschaftsKRAFT: Qualität wird

der Stadt auch als Lebensstandort

attestiert – mit Platz sieben,

noch vor Wiesbaden, in einem

Wirtschaftswoche-Ranking der

besten Städte für Familien.

Oliver Reitz: Eine solch schöne

Platzierung zu erhalten, ist zum

einen eine Ehre und Freude, andererseits

auch Ansporn, an diesem

Qualitätsmerkmal weiter zu

arbeiten. Dies kann nur mit vereinten

Kräften gelingen und ist

eine gemeinsame Aufgabe verschiedenster

Akteure. Aspekte wie

Kinderbetreuung, Freizeitinfrastruktur,

Bildungseinrichtungen

oder auch die Förderung familienfreundlicher

und bezahlbarer

Wohnformen sind nur einige Aufgaben,

denen sich verschiedene Be -

reiche der städtischen Verwaltung

mit hohem Engagement widmen.

Ansiedlungsinteressierte Unternehmen

und insbesondere deren

Mitarbeiter blicken aber auch auf

eine attraktive Innenstadt. Ebenso

wird flächendeckend vorausgesetzt,

dass sowohl ein betrieblicher

Standort als auch der private

Wohnbereich bestmöglich an eine

Breitband- beziehungsweise Glasfaserinfrastruktur

angeschlossen

sind.

„Das Automobil

wird neben dem Wohnraum

und dem Arbeitsplatz

zum dritten Aufenthaltsort

des Menschen. Darauf wird

auch die Pforzheimer Wirtschaft

reagieren müssen.“

Oliver Reitz,

WSP-Direktor

WirtschaftsKRAFT: Nun hat

Pforzheim eine lange Geschichte

seiner Traditionsbranche. Das

Jubiläum ‚250 Jahre Design,

Schmuck und Uhren‘ hat 2017

weit mehr als 200 Events auf

dem Programm. Was sind Ihre

Highlights?

Oliver Reitz: Für viele Pforzheimerinnen

und Pforzheimer waren

die Veranstaltungen in doppelter

Weise bewegend, teils im öffentlichen

Raum wie beim Straßentheater

‚Goldrausch‘ oder bei unseren

Stadtführungen, teils bei großen

Events wie bei der Eröffnungsgala

im CongressCentrum oder in

kleineren Formaten bei Ausstellungen

oder Lesungen. Für den

WSP war unser Veranstaltungsformat

‚Spätschicht‘ mit den Besichtigungen

in sechs Betrieben

eine gute Gelegenheit, den Bürgerinnen

und Bürgern den Wandel

vom Schmuckbereich zu den

Unternehmen der Präzisionstechnik

aufzuzeigen. Mein besonderes

Augenmerk galt der Fotoausstellung

des Fotografen Udo Spreitzenbarth

– auch weil die Motive

in großen Formaten für eine recht

lange Zeit verschiedene Fassaden

in der Pforzheimer Innenstadt in

eine neue Perspektive rückten.

Das Jubiläum wird hoffentlich als

gestärkte Pforzheimer Identität

mit bleibenden positiven Effekten

nachklingen. Über das Jubiläumsjahr

hinaus mag auch der vom WSP

initiierte Imagefilm eindrucksvoll

vermitteln, welches Alleinstellungsmerkmal

die Schmuck -

branche hier im Raum Pforzheim

ausmacht.

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 79


Region Schwarzwald

Mit Emotionen und Humor

die Klickzahlen pushen

Schwarzwaldmilch setzt beim Marketing

neben den traditionellen Kommunikationskanälen

auch auf die Wirkung in Sozialen Medien

Von Gerd Lache

Das Logo mit dem roten Bollenhut

über dem grün geschwungenen

Balken mit der Aufschrift

Schwarzwaldmilch ist Milliarden

von Menschen ins Blickfeld geraten

– und im günstigen Fall auch

im Gedächtnis der Konsumenten

haften geblieben. Wie es gelingt,

derart hohe Aufmerksamkeit auf

verschiedenen Kanälen zu erzielen

und wie man einen Viral-Hit

über die Sozialen Medien landen

kann, das erläutert Marketingchefin

Caroline von Ehrenstein im

Interview mit WirtschaftsKRAFT.

WirtschaftsKRAFT: Frau von Ehrenstein,

die Schwarzwaldmilch

Gruppe konnte mit einer Marketinginitiative

4,4 Milliarden

Kontakte zu potenziellen Kunden

herstellen, wie Sie beim wvib-

Marketingtag erklärt haben. Wie

erzielt man ein solches Ergebnis?

Caroline von Ehrenstein: Wir sind

seit Juli 2016 Haupt- und Trikotsponsor

des Bundes-Erstligisten

SC Freiburg. Ein solches Sponsoring

sorgt für eine hohe Medienpräsenz.

Dank der Abbildung unseres

Logos auf dem Trikot, den

Banden, dem Mannschaftsbus, den

Trainingsbekleidungen und vielem

mehr erscheint unsere Marke im

TV, in regionalen und nationalen

Zeitungen, Zeitschriften, auf Plakaten,

im Web und im Stadion.

Durch aktive Vernetzungsmaßnahmen

wie Promotions und Gewinnspiele

kann man die Medienpräsenz

darüber hinaus weiter

ausbauen und unsere enge Verbindung

zum SC Freiburg verdeutlichen.

WirtschaftsKRAFT: Wie haben

Sie die Zahl berechnet?

Caroline von Ehrenstein: Es ist

ein Zusammenspiel aus allen Kontakten

mit dem Haupt- und Trikotsponsor,

die durch die relevanten

Werbemittel in Bundesligapartien

einer Saison erzielt werden: TV,

Online, Print und Stadion. Die

höchsten Kontakte kommen dabei

aus dem TV. Die rund 4,4 Milliarden

Kontakte beziehen sich auf

eine Analyse aus dem Jahr 2015

der Firma Nielsen Sports. Auch

wir führen seit unserem Sponsoring

kontinuierlich Media-Evaluationen

und Marktforschungen

durch, um die Sponsoring-Kontakte

zu erfassen und unsere Entwicklung

der Markenbekanntheit

und unseres Markenimages analysieren

zu können.

WirtschaftsKRAFT: Welche Zielgruppe

und welche Wirkung stehen

mit diesem Sport-Sponsoring

Besiegeln ihre Sponsoring-Partnerschaft mit einem Schluck Milch: Schwarzwaldmilch-Geschäftsführer Andreas Schneider (links)

und SC-Freiburg-Präsident Fritz Keller mit dem Schwarzwaldmädel der Molkerei. Foto: Schwarzwaldmilch

80


im Fokus – eigentlich bringt man

Fußball eher mit Bier in Verbindung?

Caroline von Ehrenstein: Unser

Angebot an Milchprodukten ist

vielfältig und bedient grundsätzlich

eine breite Zielgruppe. Der

Fußball ist die beliebteste Sportart

Deutschlands und emotionalisiert

wie kein anderer Sport. Für

uns muss ein Sponsoring mehrere

Punkte erfüllen: Es muss ein

Partner sein, der hinsichtlich des

Images, seiner Werte und seiner

Herkunft optimal zu uns passt,

der eine hohe Medienpräsenz hat

und die Menschen emotional anspricht.

Alle Punkte sehen wir bei

unserem SC-Hauptsponsoring als

erfüllt an. In diesem Mix sorgt

ein Sportsponsoring nicht nur für

eine Steigerung der Markenbekanntheit,

sondern auch für einen

Imagetransfer, der unser bestehendes

Markenimage nicht verändert,

sondern verfestigt.

WirtschaftsKRAFT: Welche Sum ­

me hat Schwarzwaldmilch dafür

hingeblättert?

Caroline von Ehrenstein: Der

Sponsoringbetrag ist für uns tragbar

und leistungsgerecht. Eine

exakte Summe kommunizieren

und kommentieren wir nicht, da

es sich um einen zentralen Vertragsgegenstand

handelt.

WirtschaftsKRAFT: Nun haben

Sie einen weiteren Coup gelandet:

Das in der Stuttgarter Innenstadt

produzierte Video „Schwarzwaldmilch

bringt den Schwarzwald

in die Stadt“ brachte via

Facebook und Co. rund 600.000

Kontakte. Wen haben Sie damit

erreicht?

Caroline von Ehrenstein: Die Ziel -

gruppe unseres viralen Videos

waren Frauen und Männer im

Alter von 20 bis 40 Jahren aus

Baden-Württemberg beziehungsweise

aus Rheinland-Pfalz. Knapp

Dreiviertel aller Views waren Personen

im Alter zwischen 18 und

44 Jahren. Davon kamen 66 Prozent

aus Baden-Württemberg, 23

Prozent aus Rheinland-Pfalz. Mit

diesen Ergebnissen sind wir sehr

zufrieden.

WirtschaftsKRAFT: Was sollte

mit diesem Viral-Marketing erreicht

werden?

Caroline von Ehrenstein: Unser

Ziel war es, unsere Markenbekanntheit

in der Zielgruppe zu

steigern und unser Image zu

schärfen. Die Markenbekanntheit

konnten wir durch die über

600.000 Kontakte ausbauen. Das

Image sollte die Themen Regionalität,

Natürlichkeit, das erfrischend-echte

unserer Marke,

die Sympathie und Authentizität

widerspiegeln. Die zentrale Botschaft

‚Wir holen den Schwarzwald

in die Stadt‘ und die im Film

umgesetzte Verbindung von Tradition

und Moderne versucht genau

diese Imagewerte zu kommunizieren.

Die Marke Schwarzwaldmilch

kann somit witzig und erfrischend

sein und steht dennoch für Tradition

und Natürlichkeit.

WirtschaftsKRAFT: Wie hoch war

der personelle und finanzielle

Aufwand?

Caroline von Ehrenstein: Wir haben

das Video mit unserer Agentur

umgesetzt. Die Vorbereitungen

dauerten viele Monate, da jedes

Detail vorab perfekt passen musste.

Der Personalstab bestand aus

über 40 Personen. Das Filmteam,

die Agentur, unsere Markenbotschafterin

Anna, Tänzerinnen, die

Blaskapelle, Komparsen für das

Einschieben der Schwarzwaldwelt

und unsere zwei Trachtendamen.

Der finanzielle Aufwand war sicherlich

höher als ein Standardfilm,

jedoch überschaubar, wenn

man diesen in ein Kosten-Nutzen-

Verhältnis setzt.

WirtschaftsKRAFT: Was ist Ihr

Rat für ein Unternehmen, das

ebenfalls einen solchen viralen

Hit anstrebt?

Caroline von Ehrenstein: Ich

empfehle mit einer Agentur zusammenzuarbeiten,

die auf Erlebniskommunikation

spezialisiert

ist, denn die Vorbereitungen sind

umfangreich. Wenn man einen erfolgreichen

viralen Film produzieren

möchte, muss man als Marke

zum einen bereits seit einiger Zeit

in den sozialen Medien aktiv sein

Marketing-Chefin Caroline von Ehrenstein

von Schwarzwaldmilch in Freiburg.

Foto: Schwarzwaldmilch

Zur Person

Caroline von Ehrenstein

Die studierte Kommunikationsund

Wirtschaftswissenschaftlerin

Caroline von Ehrenstein

(32) war von 2011 bis 2014

Trade Marketing Manager und

Produkt Manager bei dem französischen

Molkereikonzern Lac -

talis am Standort Kehl am

Rhein. Seit September 2014

arbeitet sie bei der Schwarzwaldmilch

Gruppe am Standort

Freiburg. Begonnen als Produkt

Manager, ist sie seit Juni 2015

für die Leitung der Bereiche

Marketing und Kommunikation

verantwortlich. pm/gel

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 81


Region Schwarzwald

Fachbegriffe

Virales Marketing bedient sich

sozialer Netzwerke und Medien,

um mit einer meist ungewöhnlichen,

hintergründigen oder

amüsanten Darstellung auf eine

Marke, ein Produkt oder eine

Kampagne aufmerksam zu machen.

Als bekannteste Form

dieser „Virus ähnlichen“ Verbreitung

im Netz gilt das virale

Video, auch Viralspot oder

Viralclip genannt. Die gesamte

Gestaltung der Viralclips ist in

der Konzeptionsphase dem Ziel

untergeordnet, im Internet leicht

verbreitet werden zu können.

Blickfang in Stuttgart bei den Filmaufnahmen für ein Viral-Marketing-Video: Schwarzwaldmilch-Botschafterin

inmitten von Bollenhut-Trägerinnen. Foto: Schwarzwaldmilch

und eine Grundbasis an Fans beziehungsweise

Followern haben.

Kooperationspartner sind darüber

hinaus häufig eine gute Möglichkeit,

um den viralen Effekt deutlich

zu erhöhen. Falls dies noch

nicht ausreicht, so kann man mit

einem sogenannten „Viral Seeding“

weitere große Plattformen

– etwa Blogs, soziale Video -

kanäle und Facebook-Fanseiten –

gegen Bezahlung belegen und so

die Zugriffszahlen in bestimmten

Zielgruppen weiter ausbauen.

WirtschaftsKRAFT: Was haben Sie

noch in der Marketing-Pipeline?

Caroline von Ehrenstein: Wir

haben viel vor. Am 20. August

haben wir unser neues Video zur

Saisoneröffnung des SC Freiburg

veröffentlicht. Hier stellen wir

ganz bewusst die wahren VIPs

ins Zentrum: die SC-Fans. Der

Film zeigt die Emotionen, die

Vorfreude und die Verbindung

zwischen der Schwarzwaldmilch

und dem SC Freiburg. Dabei haben

wir mit vielen SC-Sponsoren

zusammengearbeitet. Den neuen

Film kann man in allen unseren

Onlinekanälen sehen und auf der

SC Freiburg Facebookseite. Neben

SC Freiburg Aktivierungen stehen

selbstverständlich auch besondere

Marken- und Produktmaßnahmen

außerhalb des Sponsorings an. Wir

möchten den Verbrauchern die

Marke Schwarzwaldmilch und somit

ihre Identität und Philosophie

auf allen Wegen näherbringen.

Link zum Viral-Video:

www.schwarzwaldmilch.de/

ueber-schwarzwaldmilch/

aktivitaeten-unterhaltung

Seeding kommt aus dem Englischen

„impfen“ oder „aussäen“.

Es bezeichnet das strategische

und zielgruppengerichtete Platzieren

und Verbreiten viraler

Botschaften in einem relevanten

Online- und Interessenumfeld.

Neben einer effektvollen Kreatividee

wird eine ausgeklügelte

Seedingstrategie inzwischen als

entscheidend für den Erfolg einer

viralen Marketingkampagne

gesehen. Die Platzierung der

Werbebotschaft erfolgt beispielsweise

über Video- oder Bildportale

wie beispielsweise YouTube

oder Flickr sowie über Blogs,

Foren oder Internetseiten. Spezialisierte

Agenturen, sogenannte

Seeding-Agenturen, platzieren

und verbreiten virale Inhalte

im Netz. wiped

82


Digitalisierung ist Teil der strategischen

Ausrichtung

Schwarzwaldmilch Gruppe agiert als wirtschaftliche Keimzelle

der Genossenschaft mit ihren rund 1100 Mitgliedern

Von Gerd Lache

Das Dach ist eine genossenschaftliche

Organisation mit rund 1100

bäuerlichen Familienbetrieben als

Mitglieder, darunter Bauern aus Baden-Württemberg

mit dem Schwerpunkt

Schwarzwald. Sie halten die

Anteile an der operativen Einheit

und wirtschaftlichen Keimzelle der

Genossenschaft, der Schwarzwaldmilch

GmbH in Freiburg mit ihrem

Tochterunternehmen in Offenburg.

Diesen beiden Unternehmen mit

rund 370 Beschäftigten steht seit

Oktober 2013 Andreas Schneider

als Alleingeschäftsführer vor. Der

Aufsichtsrat mit Markus Kaiser als

Vorsitzendem ist genossenschaftlich

besetzt.

Am Standort Freiburg konzentriert

sich Schwarzwaldmilch auf Markenartikel

und Frischeprodukte

(Milch, Butter, Joghurt, Sahne) mit

Vertriebsschwerpunkt Baden-Würt -

temberg und angrenzende Bundesländer,

exportiert aber auch ins

Ausland. Offenburg ist auf Pulverprodukte

spezialisiert und vertreibt

an Industriekunden weltweit. Zwei

Drittel des Export-Umsatzes decken

die Offenburger Produkte ab.

Schwarzwaldmilch gilt als größter

Biovermarkter für Milchprodukte

im Südwesten. Mit der Marke LAC

laktosefrei – sie wird deutschlandweit

verkauft – „sind wir die Nummer

eins in Baden-Württemberg

und mit unserer Frischmilch Marktführer

in Deutschland“, sagt Geschäftsführer

Schneider.

Im vergangenen Jahr erzielte

Schwarzwaldmilch den zweithöchsten

Auszahlungspreis an seine

Mitglieder „und in Baden-Württemberg

den höchsten“, sagt Schneider.

Für 2017 rechnet der Geschäftsführer

mit einem zweistelligen Umsatzplus.

Im nicht ganz einfachen

Jahr davor wurden 163,1 Millionen

Euro erwirtschaftet. Der Konzernbilanzgewinn

lag bei zwei Millionen

Euro, die Eigenkapitalquote

beträgt 46,8 Prozent. „Wir sind

kerngesund“, konstatiert Schneider.

Zu den strategischen Themenfeldern

des Unternehmens zählt die

Digitalisierung. Der weltweite digitale

Wandel wird seiner Ansicht

nach eher Arbeitsplätze im niedrig

qualifizierten Sektor kosten, „aber

dafür ist in höher qualifizierten

Bereichen die Anforderung umso

größer“.

Entsprechend ist bei Schwarzwaldmilch

die interne Weiterbildung ein

Schwerpunkt mit verschiedenen

Programmen. Für die Arbeitsplätze

werden beispielsweise Qualifikationsprofile

erstellt. Zeige ein Stelleninhaber

beim Matching Schwächen,

„dann wird er einer Schulung

zugeführt“, erklärte Schneider.

Vor zwei Jahren sei für die zweite

Leitungsebene ein Führungskräftetraining

etabliert worden, das

seit Januar 2017 „auf die dritte und

vierte Ebene ausgerollt worden ist“.

Darüber hinaus begegne das Unternehmen

dem leer gefegten Arbeitsmarkt

mit dem Heranbilden seiner

künftigen Fachkräfte im eigenen

Haus. Die Ausbildungsquote bei

Schwarzwaldmilch wird mit durchschnittlich

zehn Prozent angegeben.

In der Planung ist als eigenes Profit-Center

eine Käserei. Rund acht

Millionen Euro investiert Schwarzwaldmilch

in das Projekt. 2018 soll

mit der Realisierung begonnen

werden. Wo der Standort sein wird,

darüber hält sich Schneider noch

bedeckt. Sicher sei lediglich, irgendwo

im Schwarzwald. Geplant

sei, dass diese Manufaktur maximal

1000 Tonnen Käse pro Jahr

herstelle. Der Fokus liege auf einem

handwerklich und qualitativ hochwertigen

Produkt.

PORTRÄT

Ihren „Rohstoff“ bezieht Schwarzwaldmilch von regionalen Familienbetrieben.

Foto: Schwarzwaldmilch

Zahlen und Fakten

Rund 1100 bäuerliche

Familienbetriebe beliefern

die Schwarzwaldmilch.

Jeder Bauernhof hat durchschnittlich

30 Milchkühe.

Jede Kuh gibt pro Tag durchschnittlich

rund 20 Liter Milch.

Bis zu 23.000 Liter Frischmilch

passen in einen Milchtank-

Lastwagen mit Anhänger.

Pro Tag werden rund 600.000

Liter Milch bei Schwarzwaldmilch

veredelt.

Es gibt weit über 100 Schwarzwaldmilch-Produkte.

gel

WirtschaftsKRAFT 83


Goldrausch im

Nordschwarzwald

Alpirsbacher Klosterbräu lässt die Konkurrenz

bei internationalen Wettbewerben hinter sich –

Gourmets kombinieren Bier mit Käse

Von Gerd Lache

Bei einem der härtesten Bier-

Wettbewerbe der Welt, dem World

Beer Award in London, hat sich

eine Brauerei aus dem südlichsten

Teil des Nordschwarzwaldes

schon mehrmals gegen die Konkurrenz

aus Deutschland, Europa

und Übersee durchgesetzt. So

wurde beispielsweise Alpirsbacher

Klosterbräu Alkoholfrei als weltbestes

Lager-Bier seiner Art ausgezeichnet.

Beim European Beer

Star hievte die Jury in der Königsklasse

der Biere das Pils aus

dem Schwarzwald auf Platz eins –

um nur einiges zu nennen. Nicht

genug dieses Medaillen-Goldrauschs:

Mehrere weitere Biersorten

aus Alpirsbach belegten einen

der vorderen Plätze in Silber oder

Bronze.

Neben der Kunst seiner Brauer,

den besonderen Rezepturen, den

ausgewählten Rohstoffen und

dem kompromisslosen Qualitätsanspruch

nennt der Inhaber in

vierter Generation, Carl Glauner,

das „berühmte Brauwasser“ aus

dem Schwarzwald als weiteren

Bestandteil des Erfolgs. Baden-

Württembergs drittgrößte Privatbrauerei

kann aus eigenen Quellen

aus einem Naturschutzgebiet in

der Nähe der Brauerei-Standortes

schöpfen. Das Wasser zeichnet

sich durch seine Weichheit und

Reinheit aus. Auch digitale Technologie

hat Einzug gehalten.

Die Biersommeliers bei Alpirsbacher Klosterbräu, Hartmut John (links)

und Mehmet Yilmaz, empfehlen Käse zum Brauprodukt. Foto: Doris Löffler

Entgegen dem allgemeinen Rückgang

in der Branche sehen sich

die Alpirsbacher als freie Brauer

im Nischensegment Spezialitäten

wirtschaftlich gut aufgestellt.

Die Strategie lautet Qualität statt

Quantität. Mit Premiumprodukten

im oberen Preissegment setzen

sich die Nordschwarzwälder von

der Massenherstellung und der

Billig-Discount-Philosophie deutlich

ab. Dosenbiere sind längst

aus der Produktion verbannt.

Stattdessen wurden hochwertige

Brau-Produkte wie das Gourmet-

Bier Ambrosius eingeführt – in

einer Aufmachung mit Kork und

Drahtverschluss und in einer Geschmacksvariante,

dass sie jedem

Anspruch eines Feinschmecker-

Restaurants standhalten können.

Apropos Feinschmecker: Waren

Wein und Käse früher in jedem

guten Restaurant eine ausschließliche

Symbiose, haben Gourmets

inzwischen die Kombination von

hochwertigen Biersorten und dem

veredelten Milcherzeugnis entdeckt.

Allerdings braucht’s dazu

eine gute Kenntnis, denn nicht

jedes Bier harmoniert mit jedem

Käse, erklären die beiden geprüften

Biersommeliers bei Alpirsbacher

Klosterbräu, Hartmut John

und Mehmet Yilmaz. „Bier ist

kein reines Durstgetränk, sondern

ein Kulturgut“, sagt John.

Der gelernte Tourismuskaufmann

und sein Kollege schulen unter

anderem Angestellte in Gastronomie

und Hotellerie sowie Kunden

der Brauerei und Endverbraucher

darin, welches Bier zu welchen

Speisen serviert werden sollte.

Beispiele: Ein spritziges helles

Weizen zu Fisch oder Salat, zu

Wild eher ein dunkles Bier. Und

wie wird mit Käse kombiniert?

Zu einem Schweizer Hartkäse wie

dem Greyerzer könne hervorragend

das charaktervolle „Ambrosius“

kredenzt werden, Camembert

harmoniere gut mit Starkbier

und ein Weizen vertrage sich

bestens mit Weichkäse. Selbst

Schokolade könne mit Bier kombiniert

ein besonders positives Geschmackserlebnis

sein. Die beiden

Sommeliers aus Alpirsbach empfehlen

dazu ein edles obergäriges

Gebräu.

PORTRÄT

84


METALLE SIND

UNSERE WELT

G.RAU GmbH & Co. KG ist ein weltweit agierendes, mittelständisches Unternehmen der metallverarbeitenden

Industrie und spezialisiert auf dem Gebiet der Halbzeugfertigung aus Edelmetallen, Sonderlegierungen und

Verbundwerkstoffen sowie der Herstellung von Teilen und Baugruppen.

Mit rund 600 Mitarbeitern werden in drei Werken in Pforzheim, einer Niederlassung in den USA und einem Standort

in Costa Rica Produkte entwickelt, produziert und vertrieben. Ebenfalls zur G.RAU-Unternehmensgruppe

gehören die beiden in Pforzheim ansässigen Unternehmen EUROFLEX GmbH und ADMEDES GmbH. Beide

Unternehmen sind Weltmarktführer in Teilbereichen der Medizintechnik.

■ Bänder aus Kontaktbimetall und Thermobimetall

■ Kontakt- und Stanzbiegeteile, Baugruppen

■ Tiefziehteile, Fließpressteile und Kontaktniete

■ Kontakt- und Miniprofile

■ Rohre, Drähte und Profile

■ Metall-Kunststoff-Verbund-Teile

g-rau.de

■ Aktoren aus Thermobimetall und Formgedächtnislegierungen

■ Oberflächentechnik

G.RAU GmbH & Co. KG, Kaiser-Friedrich-Str. 7, 75172 Pforzheim

Tel.: +49 (0) 7231 / 208-0, Fax +49 (0) 7231 / 208-7599, info@g-rau.de


Region Nordschwarzwald

Die Geschichte vom

tapferen Holzhauer

In Alpirsbach wird mit dem Schwarzwald-

Michel ein exklusives Bier für Edeka gebraut,

das an die Tradition der Region erinnert

Brauereichef Carl Glauner präsentiert

stolz das Schwarzwald-Michel-Bier.

Foto: Doris Löffler

Von Gerd Lache

Seit März 2017 beliefert Alpirsbacher

Klosterbräu die Edeka Südwest

GmbH mit einer exklusiv für diesen

Kunden hergestellten Biersorte

namens „Schwarzwald Michel“.

Das Unternehmen mit Sitz in Offenburg

ist die zweitgrößte von

sieben Regionalgesellschaften der

Edeka-Gruppe. Das Absatzgebiet um -

fasst Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz,

das Saarland, Südhessen

und Teile von Bayern. Über die -

sen besonderen Auftrag von Edeka

an die Brauerei im Nordschwarzwald

spricht Inhaber Carl Glauner

im Interview mit WirtschaftsKRAFT.

WirtschaftsKRAFT: Herr Glauner,

wie kam es zu dieser Zusammenarbeit

mit Edeka?

Carl Glauner: Wir stehen kurz vor

dem 50-jährigen Jubiläum unserer

Zusammenarbeit mit der

Edeka. Die Edeka kam mit der

konkreten Anfrage auf uns zu, für

sie ein Produkt zu entwickeln, das

der ‚guten alten Zeit‘ entstammt

und die Werte unserer Marke aufnimmt,

also Schwarzwald, handwerkliche

Braukunst und das berühmte

Brauwasser.

WirtschaftsKRAFT: Gab es beson ­

dere Herausforderungen bei der

Umsetzung?

Carl Glauner: Die neue Flaschenform,

die es auch in unserem Haus

bis in die 1990er-Jahre hinein gab,

stellte uns vor die größte technische

Herausforderung. Hier waren

Umbaumaßnahmen an Maschinen

notwendig, im Verpackungsbereich

haben wir gar eine komplett

neue Maschine angeschafft, die

nun wesentlich flexibler mit den

unterschiedlichen Flaschenformaten

umgehen kann. Auch die Leergutberechnung

ist für ein Sonderprodukt

immer ein aufwendiger

und risikoreicher Prozess. Stimmen

die Erwartungen dann auch

mit der Realität überein? Haben

wir genügend oder zu viel Leergut?

Gebraut mit dem „berühmten Wasser“ aus dem Alpirsbacher Naturschutzgebiet: das Klosterbräu. Bei der Produktion wird längst digitale

Technologie eingesetzt. Foto: Jan-Philipp Strobel

86


Die Lieferzeiten hier sind sehr

lang, sodass man sehr vorsichtig

sein muss.

WirtschaftsKRAFT: Warum sollte

es speziell ein Schwarzwald-

Bier sein?

Carl Glauner: Wir wollten eine

glaubwürdige Schwarzwald-Geschichte

aus unserer Heimat erzählen.

Der nördliche Schwarzwald

war immer sehr stark von der

Forstwirtschaft geprägt und weniger

landwirtschaftlich genutzt.

Was liegt daher näher, als zu den

Ursprüngen zurückzukehren und

die Geschichte vom tapferen und

fleißigen Holzhauer Michel zu erzählen,

der sich nach getaner Arbeit

auf ein kühles Bier freut.

WirtschaftsKRAFT: Wie unterscheidet

sich Schwarzwald-Michel

geschmacklich von den anderen

Alpirsbacher Bieren?

Carl Glauner: Es ist ein klassisches

Helles. Diese Sorte ist von

der Typik her mild und insgesamt

etwas leichter als unser Spezial

oder unser Pils. Auch das passt

zur Geschichte. Nach harter körperlicher

Arbeit genießt man gerne

ein leichtes, erfrischendes Bier.

WirtschaftsKRAFT: Wie reagieren

die Verbraucher auf das exklusive

Gebräu?

Carl Glauner: Wir erfahren sehr

positive Resonanz von den Endkunden.

Wöchentlich erreichen

uns viele Mails, die das Produkt

loben. Manchmal gibt es aber

auch Kritik, dass das Produkt nur

bei Edeka erhältlich ist und nicht

in anderen Märkten. Das verstehen

wir, aber hier stehen wir zu

unserem Wort.

WirtschaftsKRAFT: Und wo stehen

die Biere in den Regalen?

Carl Glauner: Der Schwarzwald-

Michel ist in nahezu allen Märkten

der Edeka Südwest vertreten.

Dies umfasst das Gebiet Baden-

Württemberg, Rheinland-Pfalz,

Saarland und Teile von Hessen.

WirtschaftsKRAFT: Welche Vertriebswege

nutzt Ihre Brauerei

insgesamt für die Produkte aus

Alpirsbach?

Carl Glauner: Wir sind strukturell

sehr gut aufgestellt und verkaufen

jeweils rund ein Drittel unseres

Volumens über die Gastronomie,

über den Getränkefachgroßhandel

und über den Lebensmittelhandel,

also über Edeka und die anderen

Lebensmittelhändler, nicht jedoch

über den Discounter.

WirtschaftsKRAFT: Und wie sieht

die grundsätzliche Produkt- und

Vertriebspolitik Ihres Hauses aus?

Carl Glauner: Die Erhaltung unserer

natürlichen Ressourcen ist

für uns besonders wichtig, insbesondere

gilt das für das berühmte

Brauwasser auf unseren eigenen

Quellgebieten. Daher haben wir seit

jeher Wert auf höchste Qualität ge -

legt und allen Verlockungen wider -

standen, mit Handels- oder Billigmarken

zusätzliche Mengen zu be -

wegen. Und deshalb ist jede Flasche

Bier aus unserem Haus ein hoch -

wertiges Qualitätsprodukt ohne

Kompromisse.

WirtschaftsKRAFT: Gibt es schon

Pläne für weitere exklusive Partnerschaften?

Carl Glauner: In einem anderen

Projekt geht es um die Beschaffenheit

besonderer Zutaten, jedoch

nicht um eine Exklusivität.

Dies kann man auch nicht ohne

weiteres multiplizieren, es war daher

von Beginn an nicht so ausgelegt.

WirtschaftsKRAFT: Angesichts

des rückläufigen Pro-Kopf-Verbrauchs

bei Bier, wie sehen Sie

die Zukunft Ihres Unternehmens?

Carl Glauner: Wir sehen auch in

diesem rückläufigen Markt viele

gute Möglichkeiten und blicken

daher sehr optimistisch in die Zukunft.

Auch in den vergangenen

Jahren konnten wir uns von diesem

negativen Markttrend lösen,

indem wir mit innovativen Produkten

und Verpackungen sowie

höchster Bierqualität dem Markt

immer neue Impulse gaben. Dies

wird uns jährlich durch die Ergebnisse

bei internationalen Wettbewerben

attestiert.

Daten und Fakten

Name:

Alpirsbacher Klosterbräu

Glauner GmbH & Co. KG

Gründungsdatum: 1880

Besitzverhältnisse:

Familienunternehmen,

Inhaber Carl Glauner

in vierter Generation

Unternehmenssitz:

Alpirsbach,

Landkreis Freudenstadt

Geschäftsführer:

Carl Glauner und Markus Schlör

Mitarbeiter:

Über 80 Beschäftigte

Umsatz 2016: 26 Millionen Euro

Gesamter Absatz Bier 2016:

190.000 Hektoliter

Prognose für das

Gesamtjahr 2017:

Leicht steigende Absatzund

Umsatzentwicklung,

leicht steigendes Rohergebnis

Vertriebsanteile:

95 Prozent Inland,

5 Prozent Ausland

Investitionen 2016:

4,1 Millionen Euro

in neue Kälteanlage,

neue Entalkoholisierungsanlage

für Bier, Gebinde, Vertrieb

Vertriebsgebiete:

Schwerpunkt Süddeutschland,

7 Gebiete Inland Handel;

6 Gebiete Inland Gastronomie;

1 Ferngebiet Inland;

zwei Exportgebiete

Anzahl der Biere:

19 Sorten

Angebote am Firmensitz:

Brauerei-Museum, Brau-Laden,

Kloster-Destille, Brauerei-

Führungen, Galerie mit

wechselnden Ausstellungen,

Trauung im historischen

Sudhaus

INTERVIEW

WirtschaftsKRAFT 87


Region Nordschwarzwald

Wirtschaftsförderung

auf High-Tech-Niveau

Sparkassen IT versorgt nicht nur den

Nordschwarzwald mit schnellem Internet –

Digitalminister Strobl sieht Baden-Württemberg

in der Spitzengruppe bei der Breitbandversorgung

Schnelle Internetanschlüsse gelten insbesondere

für gewerbliche Standorte als

Wettbewerbsvorteil. Foto: Daniel Reinhardt

Von Gerd Lache

„Die im Landkreis Calw gewählte

Technik der glasfaserbasierten

Infrastruktur bietet enorme Steigerungspotenziale

für die Zukunft.

Gut, dass Sie sich für diese modernste

Technik entschieden haben.“

Lob für Landrat Helmut

Riegger von baden-württembergs

Stellvertretendem Ministerpräsident

und Minister für Inneres, Digitalisierung

und Migration, Thomas

Strobl (CDU). Dieser betont,

dass das Land beim Versorgungsgrad

mit mindestens 50 Mbit/s

„deutlich zugelegt“ habe. Überdurchschnittliche

77,3 Prozent aller

Haushalte im Südwesten sind

demnach an diese Bandbreite angeschlossen,

bundesweit sind es

75,5 Prozent. Allerdings könnten

50 Mbit/s nur der Anfang sein.

„Baden-Württemberg liegt bei der

Breitbandversorgung in der Spitzengruppe

bei den Flächenländern“,

erklärt der Minister. Das

zeige, dass die Förderung in der

Fläche bei den Menschen ankommt.

Immerhin hat das Land

2017 bereits 230 Breitband-Projekte

mit rund 43 Millionen Euro

Will die Wirtschaftsregion mit Lichtwellenleiter-Technologie überziehen: Jürgen Sautter,

Geschäftsführer von S-IT, einer Tochtergesellschaft der Sparkasse Pforzheim Calw.

Foto: Sparkasse

gefördert. Insgesamt werde Baden-Württemberg

in diesem Jahr

wieder einen dreistelligen Millionenbetrag

in den Breitbandausbau

investieren. Denn: „Wie digital

eine Kommune ist, ein innovatives

und in die Zukunft gerichtetes

Lebensumfeld – das entscheidet

künftig mit darüber, für

welchen Wohn- und Arbeitsort

sich die Menschen entscheiden.

Wir gehen die Digitalisierung deshalb

im Schulterschluss mit den

Kommunen an und fördern sie bei

ihren Digitalisierungsprojekten“,

betont der stellvertretende Ministerpräsident.

Mit dem Programm „Städte und

Gemeinden 4.0 – Future Communities“

unterstütze die Landesregie -

rung kommunale Digitalisierungsprojekte.

Die Projekte reichen laut

Strobl von Rathaus-Apps für das

digitale Erleben der Verwaltung,

über WLAN-Projekte bis hin zu

einer digitalen Rathausassistenz

mithilfe von künstlicher Intelligenz

oder einem Testfeld für

Parkraummanagement. Fördermittel

für derartige Digitalisierungsprojekte

flossen unter anderem

an die Landkreise Calw,

Freudenstadt und Enzkreis.

Lange vor der digitalen Hochkonjunktur

hat die Sparkasse Pforzheim

Calw die Entwicklung erkannt

und darauf reagiert, indem

sie ein Breitbandnetz auf der Basis

88


von „Glasfaser höchster Güte“

knüpfen ließ. Mit ihrer hundertprozentigen

Tochtergesellschaft

Sparkassen Informationstechnologie

GmbH und Co. KG (Calw), kurz

Sparkassen IT, hat sie sich beispielsweise

bereits 2002 die Verkehrswegelizenz

der Bundesnetzagentur

gesichert. Seither sorgt

das – gemessen an der Bilanzsumme

– größte öffentlich-rechtliche

Geldinstitut über seine IT-Tochter

dafür, dass nicht nur, aber insbesondere

der ländliche Bereich und

kleinere Gewerbegebiete mit dem

digitalen Aufschwung Schritt hal -

ten können. Denn große Telekommunikationsanbieter

tun sich oftmals

schwer, Gebiete außerhalb der

Metropolen ausreichend zu versorgen.

Die Breitbandinitiative bezeichnen

Stephan Scholl, Vorstandsvorsitzender

der Sparkasse Pforzheim

Calw, und Jürgen Sautter,

Geschäftsführer der Sparkassen

IT, als „innovative Wirtschaftsund

Strukturförderung auf Hightech-Niveau“.

Die Erschließung

der Gewerbegebiete mit Lichtwellen-Leiter-Technologie

sei für die

Landkreise, Städte und Gemeinden

längst zum besten Verkaufs-

förderer bei der Vermarktung von

Gewerbeparks geworden. Ohnehin

seien extrem hohe Geschwindigkeiten

beim Übertragen großer

Datenmengen heutzutage unverzichtbar.

Sautter: „Schon bei der

Standortwahl entscheiden Betriebe

inzwischen nicht mehr nur

nach der besten Straßenanbindung,

sondern fragen nach einer

breitbandigen Internetversorgung.

Diese ist inzwischen ein wichtiger

Produktionsfaktor.“ Und für viele

Menschen, auch im privaten Bereich,

sei die Breitbandversorgung

in der Fläche längst „zu einer Frage

des persönlichen Lebensstandards

geworden“.

Im Kernnetz mit rund 800 Kilometer

eigenem Glasfaserkabel

wird im Backbone eine Geschwindigkeit

von 10 Gigabit/sec erzielt,

also in etwa die tausendfache DSL-

Geschwindigkeit, erklärt Sautter.

Das lichtschnelle Netz erschließe

das komplette Geschäftsgebiet im

Nordschwarzwald. Darüber hinaus

unterhalte die Sparkassen IT

auch Netzknoten in Stuttgart und

in Karlsruhe. Ebenso angeschlossen

seien die großen Gewerbegebiete

im Raum Böblingen und Sindelfingen.

„Die Auffahrt zur

‚Datenautobahn‘ ist heute

genauso wichtig wie die

schnelle Erreichbarkeit der

Bundesautobahn.“

Jürgen Sautter, Geschäftsführer

der Sparkassen IT

Eine Reihe von mittelständischen

Unternehmen – angefangen vom

Automobilzulieferer über große

Handelsunternehmen bis hin zum

Zeitungsverlag – nutzen dem Geschäftsführer

zufolge den Service

der Sparkassen IT. Sie „übertragen

in Sekundenschnelle große Datenmengen

über unser Lichtwellenleiter-Netz

in alle Welt oder

sichern die eigenen Unternehmens-Daten

bei Recovery-Partnern.“

Die Firmen seien damit für

den steigenden Bandbreitenbedarf

langfristig gerüstet. Und die

Sparkasse erfülle zusätzlich einen

wichtigen Beitrag, nämlich „zur

Sicherung von Arbeitsplätzen

und Unternehmensstandorten in

unserem Geschäftsgebiet“, macht

Jürgen Sautter deutlich.

www.Sparkassen-IT.de

TECHNOLOGIE

Mit dem Programm „Städte und Gemeinden 4.0“ unterstützt die baden-württembergische Landesregierung kommunale Digitalisierungsprojekte.

Foto: Uli Deck

WirtschaftsKRAFT 89


Wilde Ideen und innovative

Projekte für die digitale Welt

Pforzheimer Full-Service-Dienstleister Medialesson

ist als Partner für den Softwaregiganten Microsoft

„Gold“ wert

Von Gerd Lache

Einige nennen ihn anerkennend

den Mister Microsoft des Nordschwarz

waldes. Doch Philipp Bau -

knecht wehrt ab: Da gäbe es in der

Region bedeutend größere Firmen,

die als Partner mit dem Software -

giganten zusammenarbeiten würden.

Sein Unternehmen Media -

lesson werde wohl durch die öffentlichkeitswirksamen

Projekte

deutlicher wahrgenommen, vermutet

er als Grund für die schmeichelhafte

Bezeichnung.

Zu diesen Projekten zählen beispielsweise

Szenarien, die das

Pforzheimer IT-Unternehmen für

den Messeauftritt von Microsoft

in Hannover entwickelt hatte. Im

einen CeBIT-Jahr war dies ein digitalgesteuertes

intelligentes Regal

für Handelsunternehmen.

Im anderen Messejahr die Präsentation

eines Fahrradverleihs, an

dessen Stationen der Mieter das

Drahtesel-Schloss digital mittels

der NFC-Technik im Smartphone

ent sperren konnte. Ein weiteres

Thema für den Microsoft-Auftritt

lautete „Internet of Your Things“,

abgestimmt auf technische und

kaufmännische Entscheider. Die

Story: Der fiktive Autozulieferer

Contoso Manufacturing stellt

Lenkräder her, muss sich bei der

Produktion aber zunehmend mit

der Individualisierung – Stichwort:

Losgröße 1 – auseinandersetzen.

Medialesson ließ auf Groß -

leinwand am Microsoft-Stand verschiedene

Manufaktur-Stationen

ab laufen und aufzeigen, welche

di gitalen Lösungen es für die Herausforderung

von Contoso gibt.

Dass Zalando-Kunden auf allen Kanälen ordern können, dafür sorgte der

Softwaredienstleister Medialesson aus Pforzheim. Foto: Medialesson

„Technologien und

Werkzeuge ändern sich

ständig. Wir als Dienst leister

werden uns diesen Veränderungen

schnell und flexibel

anpassen. Und wir wollen weiter

wachsen, aber nachhaltig und mit

Bedacht. Das ist unser Ziel.“

Philipp Bauknecht,

Gründer von Medialesson

Komplexe Szenarien für Messen

und Roadshows als interaktives

Erlebnis zu entwickeln und umzusetzen,

das ist lediglich eine

von mehreren Spezialitäten des

Full-Service-Dienstleisters, der

nach eigenen Angaben den Kunden

innovative Softwarelösungen

bei Konzeption, Design und Entwicklung

bis hin zum Cloudumfeld

bietet. „Wir haben einen hohen

Design-Anspruch und legen

großen Wert auf die Anwenderfreundlichkeit

bei der Mensch-

Maschine-Interaktion“, sagt Bauknecht.

„Next Generation User

Experience“ lautet das Motto, es

steht für Geschäftsanwendungen,

die sich einfach und intuitiv nutzen

lassen.

Einer der jüngsten Aufträge befasste

sich mit dem Einsatz von

Augmented Reality für eine Möbelfirma.

Deren Verkäufer werden

nun für die Beratung vor Ort

mit einer Datenbrille ausgestattet.

Der Kunde sieht virtuell über

die Microsoft HoloLens in hochauflösender

3-D-Projektion, wie

beispielsweise die geplante Büroeinrichtung

im Raum wirkt. Änderungswünsche

können in diesem

Mixed-Reality-Projekt sofort

übertragen und betrachtet werden.

Die HoloLens ist über Gesten,

Sprache und Kopfbewegung zu

steuern.

Die bisherigen Kundennamen lassen

erahnen, in welcher Liga das

Pforzheimer Unternehmen agiert:

Nivea, BMW, Media Markt und

Mazda gehörten schon zu den

Auftraggebern, ebenso wie Telekom,

SAP, Henkel und Reiseführer

Marco Polo sowie HRS, einer von

Deutschlands größten Online-Hotelreservierungsservices.

Zalando,

der Online-Versandhändler für

Schu he und Mode, ließ seine

90


Shop ping Apps von Medialesson

als Windows Universal Plattform

für Smarthpone, Tablet und

Desktop generieren. Bauknecht:

„Von der Konzeption über die Erstellung

des Designs bis hin zur

Programmierung, Tests und der

Weiterentwicklung erfolgte alles

Inhouse bei uns in Pforzheim.“

Ähnliches leistete Medialesson bei

der „Lernraum App“ des Landesmedienzentrums

Baden-Württemberg.

Mit ihr können Lerneinheiten

digital vorbereitet werden.

Außerdem ist kooperatives Arbeiten

innerhalb der Lerngruppe

möglich. Die App wurde 2015 mit

dem Comenius EduMedia-Siegel

ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt

sie den renommierten Deutschen

Bildungsmedien Preis in der

Kategorie didaktische Werkzeuge.

Mit dem Bildungsbereich fing ohnehin

alles an, wie der Firmenname

erahnen lässt. Philipp Bau -

knecht und sein damaliger Geschichtslehrer

entwickelten eine

Lernsoftware für den Geschichtsunterricht.

Zur Vermarktung des

Produkts gründeten sie 2002 das

Unternehmen Medialesson. Bauknecht

studierte später Betriebswirtschaftslehre

mit dem Fachbereich

Werbung an der Hochschule

Pforzheim. 2006 verließ sein Firmen-Mitgründer

das Unternehmen.

Die Betriebswirtschaftlerin

Petra Schneider übernahm diesen

Platz. Sie ist Geschäftsführerin,

heißt inzwischen Bauknecht und

Eines der Live-Szenarien, das Medialesson entwickelte, war ein digital-gestützter

Fahrradverleih, auf der CeBIT präsentiert von Kay Mantzel (Zweiter von rechts),

Enterprise Marketing Manager bei Microsoft. Foto: Medialesson

freut sich seit Kurzem gemeinsam

mit Ehemann Philipp über zweifachen

Familiennachwuchs.

Aus dem einstigen Zwei-Personen-

Unternehmen hat sich ein Software-Dienstleister

mit rund 20 Be -

schäftigten plus externer Partner

entwickelt, der unter anderem auch

Trainings für Firmen anbietet, ih -

nen Expertisten für Technologieauswahl

und Realisierungsmöglichkeiten

erstellt und das kom -

plette Projektmanagement übernimmt.

Als Dritter im Führungsteam

kam 2015 der IT-Spezialist

und ehemalige Microsoft-Manager

Carsten Humm dazu. Seit September

2017 wird das Führungsdreigestirn

durch den Vertriebsexperten

Eckhard Voigt ergänzt, der sein

Büro in München eingerichtet hat.

Das Thema Fachkräftesuche sei natürlich

ein großes Thema. „Aller -

Das Medialesson-Führungsteam (von links): Philipp und Petra Bauknecht sowie Eckhard

Voigt und Carsten Humm. Foto: Medialesson

dings geht es uns nicht darum, wie

viele Mitarbeiter wir bekommen

können, sondern ob es Talente

sind“, sagt Philipp Bauknecht.

„Unsere Entwickler verfügen über

langjährige Erfahrung und sind

von Microsoft zertifiziert.“ Die

Industrie- und Handelskammer

Nord schwarzwald verlieh Medialesson

das 1A-Gütesiegel „Ausgezeichneter

Ausbildungsbetrieb“.

Eine persönliche Ehrung für Petra

und Philipp Bauknecht gab es 2016

mit dem Pforzheimer Wirtschaftspreis

in der Kategorie „Innovation

und Idee“. Die Laudatio hielt Kay

Mantzel, Enterprise Marketing Ma -

nager bei der Microsoft Deutschland

GmbH in München. Über

die Stärke der beiden Preisträger

sagte er, sie hätten die Fähigkeit,

„wilde Ideen in innovative Projekte

umsetzen zu können“ – sei es

als Akteure in der Medien-IT-Initiative

Pforzheim, im Rahmen von

IT Afterwork Veranstaltungen, als

Lehrbeauftragte an der Hochschule

Pforzheim oder als Unternehmer,

die umfassende Lösungen für

die digitale Welt generierten.

Mit dem Prädikat „Microsoft Gold

Partner“ werden dem Pforzheimer

Unternehmen höchste Qualitätsansprüche

attestiert. Und den Status

MVP (Most Valuable Professional)

vergibt der Softwaregigant

als Award ausschließlich an bewährte

und hoch geschätzte Experten.

Philipp Bauknecht ist einer

von ihnen. Und da drängt sich

nun doch wieder der schmeichelhafte

Titel vom „Mister Microsoft

des Nordschwarzwaldes“ auf.

www.medialesson.de

PORTRÄT

WirtschaftsKRAFT 91


Region Nordschwarzwald

Ein Sohn der Stadt

Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse wurde 1877

in Calw geboren. Die Stadt würdigt ihn im historischen

Stadtpalais und einem Museum in seinem Geburtshaus.

Foto: Ulrike Klumpp

92


Phönix aus der Asche

Landkreis Calw hat sich in den vergangenen

fünf Jahren positiv entwickelt –

Digitalisierung der Gesellschaft steht

als zentrales Thema im Fokus

Von Gerd Lache

Das war der Landkreis Calw vor

rund sechs Jahren: Nachlassende

Dynamik, mit wichtigen Kennzahlen

unter dem Landesdurchschnitt,

starker Rückgang der

Bevölkerungsentwicklung, Abwanderung

der Jungen, drohende Verlagerung

von Unternehmen – kurzum

– im Vergleich zu benachbarten

Regionen hatte der in der Region

Nordschwarzwald gelegene Landkreis

an Boden verloren, attestierte

damals eine Studie der Prognos AG.

Danach wurde kräftig Gas gegeben.

Und das ist der Landkreis Calw

heute: Das Gebiet in der Mitte der

Nordschwarzwald-Landkarte – zwi -

schen den Landkreisen Enzkreis und

Freudenstadt gelegen – hat viele

seiner Schwächen ausgemerzt.

Der Vergleich des düsteren Ergebnisses

vor sechs Jahren mit der

Fortschreibung heute kommt einer

Entwicklung wie Phoenix aus der

Asche nahe. Durch viele Anfragen

von Unternehmen aus Stuttgart

und dem Raum Sindelfingen und

Böblingen werde deutlich, „dass

auch der Wirtschaftsstandort Landkreis

Calw Fahrt aufnimmt“, sagte

Landrat Helmut Riegger unlängst

bei einer Veranstaltung mit rund

350 Unternehmern aus seinem

Kreis.

Freilich war schon zuvor nicht alles

trübe. In demselben Prognos-Papier

wurden auch zahlreiche positive

Eigenschaften aufgezählt: Der Land -

kreis Calw besitzt eine ausgeprägte

Mittelstandsstruktur mit verschiedenen

Branchen. Die Industrieunternehmen

sind innovativ. Wichtige

Dienstleistungsbetriebe in den

Bereichen Gesundheit und Tourismus

sowie ein breit aufgestelltes

Handwerk ergänzen die Wirtschaftsstruktur.

Zudem verfügt der

Landkreis über eine Vielzahl guter

allgemeinbildender und beruflicher

Schulen und besitzt ein breites Angebot

an qualifizierten Fachkräften

Eine gute Entwicklung im Tourismus

wird dem Landkreis Calw attestiert.

Foto: Teinachtal-Touristik

„Unterhielten sich

die Menschen früher

über Schlaglöcher,

so beherrschen heute

Funklöcher die Diskussion.“

Helmut Riegger,

Landrat des Landkreises

Calw

und Mitarbeitern mit spezifischen

Fach- und Branchenkompetenzen.

„Wir konnten die negative Bevölkerungsentwicklung

drehen und die

hohen Abwanderungsverluste von

jungen Erwachsenen stoppen“, sag -

te Tobias Haußmann. Er betreut

beim Landratsamt in Calw unter anderem

die zentrale Steuerung und

die Kreisentwicklung. Dank gestiegener

Zuwanderung und Geburten

wachse die Bevölkerung wieder.

Und: Angesichts der Flächenknapp -

heit in den nahliegenden Ballungszentren

wie etwa Stuttgart und der

entsprechenden Preisentwicklung

dort stehe der Landkreis Calw als

Wohnstandort „wieder ver stärkt im

Fokus“, listet Prognos eini ge der

positiven Entwicklungen auf.

Ebenso erfreulich: der dynamische

Beschäftigungsaufbau mit einem

Zuwachs von rund 1700 Arbeitsplätzen

bis 2015 sowie hohes wirtschaftliches

Wachstum (Zunahme des BIP

Bruttoinlandsprodukts bis 2013 von

10,2 Prozent) und Rückgang der

Die Prognos AG

... wurde 1959 als Ausgründung

der Universität Basel ins Leben

gerufen. Es gibt eine starke Aus -

richtung nach Deutschland. Von

hier kommt ein Großteil des Umsatzes

außerhalb der Schweiz.

Neben dem Stammsitz in Basel

befindet sich der größte Standort

in Berlin. Büros sind in Bremen,

Brüssel und Düsseldorf,

seit 2008 in München und Stuttgart

sowie seit 2015 in Freiburg.

Neben Studien und Untersuchungen

aller Art gehören ökonometrische

Analysen und Prognosen

zu den Kerntätigkeiten.

Seit 1990 befindet sich die Prognos

AG mehrheitlich im Besitz

der Verlagsgruppe Georg von

Holtzbrinck, Stuttgart. pm/gel

www.prognos.com

INFRASTRUKTUR

WirtschaftsKRAFT 93


Region Nordschwarzwald

Der Landkreis Calw

Er präsentiert sich mit rund

160 000 Einwohnern in insgesamt

25 Städten und Gemeinden auf

einer Fläche von 800 Quadratkilometern

als wirtschaftlich star -

ker Standort im Südwesten der

Metropolregion Stuttgart und in

zentraler Lage in der Region Nord -

schwarzwald: der Landkreis Calw.

Viele der hier ansässigen Unternehmen

zeichnen sich durch langjährige

Tradition und Innovationskraft

aus, ebenso wie durch

zahlreiche internationale Nieder

lassungen und weltweite Ak -

tivitäten. Und dies in den unterschiedlichsten

Branchen. Zahlreiche

der im Landkreis Calw ansässigen

Unternehmen gehören

zur Weltspitze.

Für die Suche und das Binden

von Fachkräften werden weiche

Standortfaktoren immer wichtiger.

Im Landkreis Calw finden

sich hierzu beispielsweise intakte

Natur und Umwelt, Freizeitmöglichkeiten,

ein breit gefächertes

kulturelles Angebot, Sport-Erholung-Wellness,

die ausgeprägte

Struktur der Aus- und Weiterbildungseinrichtungen,

Kinderbetreuungseinrichtungen,

bezahlbare

Baugrundstücke, gastronomische

und kulinarische Vielfalt.

2013 gründete der Landkreis

gemeinsam mit 14 Gemeinden

die Tourismus GmbH Nördlicher

Schwarzwald. Ihr Ziel: die stärkere

gemeinsame Vermarktung der

touristischen Angebote im Landkreis

Calw sowie die Zusammenfassung

des touristischen Potenzials

der einzelnen Akteure,

Gastgeber, Städte und Gemeinden

in der Region. Beteiligt sind:

Altensteig, Bad Herrenalb, Bad

Liebenzell, Bad Wildbad, Bad

Teinach-Zavelstein, Calw, Dobel,

Enzklösterle, Höfen a.d. Enz,

Nagold, Neubulach, Neuweiler,

Schömberg und Wildberg. Gemeinsam

mit den Touristikern aus

den Städten und Gemeinden im

Landkreis Calw werden die Be -

sonderheiten herausgestellt und

erlebbar gemacht, um die Gäste der

Region zum Entdecken der touristischen

Angebote zu animieren.

Landrat des Landkreises Calw

seit 2010 ist Helmut Riegger

(CDU). www.kreis-calw.de gel

ohnehin schon geringen Arbeitslosigkeit.

„Wir haben Vollbeschäftigung“,

sagt Haußmann. Der Anteil

an Beschäftigten im Forschungsund

Entwicklungsbereich (FuE) sei

leicht überdurchschnittlich gestiegen.

Auch die Intensität bei der

Gründung neuer Unternehmen hat

laut Prognos zugelegt.

Im Tourismus und bei Gästeübernachtungen

wurde eine Trendwende

vollzogen. Rückläufige Übernachtungszahlen

sind gestoppt

worden, mehr noch: „Sie nehmen

äußerst dynamisch zu“, heißt es

bei Prognos. Allerdings gebe es

noch Nachholbedarf beim Anteil

ausländischer Übernachtungsgäste.

Damit erreicht der Landkreis Calw

im „Prognos Zukunftsatlas 2016“

nun Rang 124, was einer Verbesserung

um 88 Ränge entspricht (siehe

Grafik).

Für die nächsten Jahre lässt das

Beratungsunternehmen dem Landkreis

dennoch keine Pause. Einige

Negativentwicklungen erforderten

Handlungsbedarf. So sei der kommunale

Verschuldungsgrad gestiegen.

Die Zahl der Auspendler in die

Ballungszentren (Stuttgart, Böblingen)

sei derzeit noch höher als die

der Einpendler.

Bei der Verkehrsinfrastruktur (insbesondere

S-Bahn) sind Ausbau

Landkreis Calw holt auf

und Erweiterung notwendig. Und

für die Digitalisierung von Wirtschaft

und Gesellschaft müssten

„in weiten Teilen des Landkreises“

die Lücken beim leistungsfähigen

Breitbandanschluss geschlossen

werden. „Wir sind auf einem guten

Weg“, zeigt sich Tobias Haußmann

optimistisch, dass auch hier die

Wende ins Positive vollzogen wird.

So sieht es auch Landrat Riegger:

Im Hinblick auf die Suche nach gut

ausgebildeten Fachkräften würden

Veranstaltungen wie die Firmen-

Infotage, der Junior-Manager-

Contest oder die Top-Job-Messen

organisiert, hohe Investitionen in

Ausstattung und Gebäude der beruflichen

Schulen getätigt und Kooperationen

mit Hochschulen für

Weiterbildungsangebote geschlossen.

Zudem setze sich der Landkreis

durch den Ausbau der Infrastruktur

dafür ein, den Unternehmen optimale

Rahmenbedingungen für ihre

weitere Entwicklung zu bieten. Als

zentrales Thema stehe hier die Digitalisierung

im Fokus, sowohl den

Ausbau der Breitband- wie auch

der Mobilfunkversorgung betreffend.

Dabei unterstützt das Land

Baden-Württemberg den zügigen

Breitbandausbau des Landkreises

Calw mit finanziellen Zuschüssen.

94


Ein Landkreis macht

die Lücken dicht

Von Gerd Lache

„Schnelles Internet ist einer unserer

wichtigsten Standortfaktoren.

Ohne diese Grundlage findet die

Digitalisierung nur im Schneckentempo

statt. Deshalb hat die digitale

Infrastruktur für unsere Landesregierung

höchsten Stellenwert.

Wir schließen, gemeinsam mit den

Kommunen und Landkreisen in

Baden-Württemberg, die weißen

Flecken“, sagte der Stellvertretende

Ministerpräsident und Minister für

Inneres, Digitalisierung und Migration,

Thomas Strobl (CDU), Mitte

2017 bei der Übergabe von Förderbescheiden

über 1,06 Millionen

Euro für den Breitbandausbau im

Landkreis Calw. Der Landkreis wird

damit ein kreisweites Glasfasernetz

ausbauen. Längst sei das schnelle

Internet – über glasfaserbasierte

Hochgeschwindigkeitsnetze – nicht

nur für Unternehmen ein wichtiger

Standortfaktor. Auch bei der Wahl

des Wohnorts, so Strobel, sei es

mehr und mehr von großer Bedeutung.

Der Landkreis Calw plant, ein Glasfasernetz über das gesamte Kreisgebiet legen zu lassen.

Foto: Jan Woitas

INFRASTRUKTUR

Vergibt Fördermittel für den Ausbau der digitalen Infrastruktur: Thomas Strobl (CDU),

Stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration.

Foto: Patrick Seeger

„Mit unserem Eigenbetrieb Breitband

und dem großen Engagement

unserer Kommunen verfolgen wir

das Ziel, durch den Ausbau der

Glasfaserinfrastruktur eine flächendeckende

und leistungsfähige

Breitbandversorgung im Landkreis

Calw zu gewährleisten. Da dieses

Vorhaben mit einem erheblichen

finanziellen Aufwand verbunden

ist, sind wir dem Land Baden-

Württemberg und insbesondere

Herrn Minister Thomas Strobl für

die tatkräftige Unterstützung und

das hervorragende Förderprogramm

sehr dankbar“, erklärt der Calwer

Landrat Helmut Riegger.

Gerade die im Landkreis Calw gewählte

Technik der glasfaserbasierten

Infrastruktur bietet nach Ansicht

von Digitalisierungsminister

Strobel „enorme Steigerungspotenziale

für die Zukunft“.

WirtschaftsKRAFT 95


Führender Dienstleister

S&M Simon und Matzer erfolgreich

in allen Sparten der Luft-, Klima- und

Kältetechnik tätig

Das Unternehmen S&M Simon und

Matzer GmbH & Co. KG wurde

1990 in Pforzheim gegründet und

ist seither erfolgreich in allen Sparten

der Luft-, Klima- und Kältetechnik

überregional tätig. Speziell

im kältetechnischen Bereich sind

wir einer der führenden Dienstleister

in der Region. Als zertifiziertes

Unternehmen nach der Chemikalienschutzverordnung

sind wir der

richtige Ansprechpartner für alle

kältetechnischen Aufgaben.

Mit unseren rund 50 Mitarbeitern

erreichen wir einen Jahresumsatz

von rund zehn Millionen Euro.

Unser Ziel ist es, den Kundenwünschen

entsprechend technisch

hochwertige, energetisch optimierte

Anlagen zu planen, zu liefern

und zu montieren. Für diese Ziele

stehen Ihnen sieben Ingenieure

und Projektleiter, drei Konstrukteure,

zwei Regeltechniker und fünf

Obermonteure zur Verfügung. Im

Bereich Kundendienst stehen für

die Wartungsarbeiten und zur Störungsbehebung

15 qualifizierte Servicetechniker

bereit. Der Servicebereich

ist 24 Stunden rund um die

Uhr für Sie einsatzfähig.

Für die Konstruktion, Berechnung

und Visualisierung wird ein hochwertiges

3D-CAD-System eingesetzt.

Die Projektierung und Programmierung

von DDC-Regelsystemen

(zum Beispiel Siemens, Saia)

wird im eigenen Haus durchgeführt.

S&M Simon und Matzer

GmbH & Co. KG

Lindenstr. 81

D-75175 Pforzheim

Tel. +49 7231 9305-0

Fax +49 7231 9305-32

info@simon-matzer.de

www.simon-matzer.de

PORTRÄT

96


WirtschaftsKRAFT 97


Landkreis Enzkreis

Preisgekrönte Innovation

als Unabhängigkeitserklärung

Europäisches Konsortium um OBE Ispringen

entwickelt Verfahren zum Recyclen von seltenen Erden –

Umweltministerium vergibt dem Projekt

den ersten Preis

Von Gerd Lache

Es geht um ein neues Verfahren zur

Herstellung von komplexen Neodym-Eisen-Bor-(NdFeB-)-Hochleistungsmagneten

aus Recycling -

material. Und es geht um die Unabhängigkeit

der Industrie von

knappen Ressourcen. Noch geht es

bei der Neuentwicklung aber vor

allem darum, aus alten Computer-

Festplatten die wertvollen Rohstoffe

in Volumina von lediglich

10 bis 20 Gramm zu gewinnen. In

naher Zukunft jedoch stößt die Innovation

in größere Dimensionen

vor: Ob Windkrafträder, Hybrid-

Fahrzeuge oder Elektroautos, über -

all werden Magneten eingesetzt,

An der Entwicklung zum Recyceln seltener Erden sind 14 Partner aus fünf europäischen

Ländern beteiligt. Professor Carlo Burkhardt nahm stellvertretend die Urkunde zur Verleihung

des ersten Preises durch das Umweltministerium entgegen. Foto: Martin Stollberg

Bindeglied zwischen der Firma OBE

und der Hochschule Pforzheim

ist der Werkstoffkundler Professor

Dr. Carlo Burkhardt. Foto: OBE

in denen sogenannte seltene Erden

verarbeitet sind, unter anderem

Neodym (Nd). Das Material

wird überwiegend in China mit

umweltzerstörenden Methoden

und gesundheitsschädlichen Folgen

für die Beschäftigten hergestellt.

Jetzt kann es wiederaufbereitet

werden. Elektromotoren der

neuen Generation benötigen große

Mengen des Materials, allein der

Bedarf in einer Windkraftanlage

beträgt bis zu 2,5 Tonnen.

„REProMag“ heißt das Projekt, in

dem 14 Partner aus fünf europäischen

Ländern daran arbeiteten,

die ressourceneffiziente Herstellung

von Permanentmagneten auf

Basis seltener Erden aus Recyclingmaterial

zu erzielen. Geleitet

wird das Konsortium vom Ispringer

Unternehmen OBE Ohnmacht

& Baumgärtner GmbH & Co. KG.

Projektkoordinator: Professor Dr.

Carlo Burkhardt, bis vor Kurzem

Technik-Geschäftsführer bei OBE

und seit April an der Hochschule

Pforzheim Leiter des Schmucktechnologischen

Instituts (STI) –

sowie kürzlich stolzer Empfänger

einer Urkunde des Umweltministeriums,

dessen Jury die Innovation

auf den ersten Platz in der

Kategorie Materialeffizienz gehievt

hat. Vereinfacht beschrieben

ist es nun möglich, beispielsweise

Neodym in nahezu 100-prozentiger

abfallfreier Herstellung zu

recyceln.

Umweltminister Untersteller sagte

bei der Preisverleihung in Fellbach:

„Durch die Wiederverwendung

gebrauchter Magnete soll

die Abhängigkeit von Lieferungen

seltener Erden insbesondere aus

China reduziert werden.“ Hinzu

komme, dass durch das Recycling

der für die Umwelt stark belastende

Abbau dieser Rohstoffe reduziert

werde. Denn bei der Gewinnung

entstünden unter anderem

giftige Schlämme.

„Das passende Recyclingverfahren

haben wir nun“, sagt Professor

Burkhardt. Aber um eine völlige

Unabhängigkeit zu erlangen,

müssten diese großen Quellen

möglichst früh in eine Kreislaufwirtschaft

eingebunden werden.

98


OBE

Seltene Erden werden häufig mit umweltzerstörenden Methoden und gesundheitsschädlichen

Fol gen für die Beschäftigten gewonnen. Foto: Str

„Dafür halten wir eine Kennzeichnungspflicht

für erforderlich.“ Dies

fehle derzeit noch. Derweil befinden

sich erste Serienanwendungen

in der Projektierungsphase.

Die geplante Marktreife wird

Ende 2017 erwartet.

Nicht zum ersten Mal hat OBE bei

einem Wettbewerb mit besonders

ressourcenschonenden Entwicklungen

auf sich aufmerksam gemacht.

Mit dem jüngsten Erfolg

nimmt das Unternehmen aus dem

Enzkreis die Auszeichnung stellvertretend

für das gesamte Konsortium

entgegen, dessen Projekt

„REProMag die sogenannte Horizon

2020 Forschungs- und Innovationsförderung

der Europäischen

Union“ erhält. Das für drei

Jahre geförderte Projekt ist mit

einem Budget von 5,7 Millionen

Euro ausgestattet. Zu den Partnern

gehören unter anderem Siemens

und Sennheiser sowie die

Universität Birmingham.

Derzeit sind zusammen mit der

Hochschule die Anträge für drei

weitere Forschungsprojekte bei

der Europäsichen Kommission

eingereicht, die sich u.a. mit der

großserientauglichen Industrialisierung

des Fertigungsprozesses,

geeigneten Kennzeichnungssystemen

für Magnetwerkstoffe sowie

dem Recycling und recyclinggerechtem

Design von E-Bike-Komponenten

(Elektromotoren und Li-

Ionen-Akkus) beschäftigen sollen.

Das international tätige Familienunternehmen

OBE Ohnmacht

& Baumgärtner GmbH & Co. KG

mit Hauptsitz in Ispringen gehört

nach eigenen Angaben zu

den weltweit führenden Herstellern

präziser, feinmechanischer

Metallteile und Baugruppen

in hohen Stückzahlen. Seit

der Gründung im Jahr 1904 hat

sich OBE im Geschäftsbereich

optic insbesondere durch die

Entwicklung der Brillengelenktechnik

und Sicherheitsschrauben

als Schlüssellieferant der

Brillenindustrie etabliert. Im

Geschäftsbereich mimplus wer -

den unter Verwendung des MIM-

Verfahrens seit 20 Jahren komplexe

und hochpräzise Bauteile

aus Edelstahl, Titan und

weiteren Materialien gefertigt.

Zur Erläuterung: Das Metallpulverspritzgießen,

auch MIM-

Verfahren (englisch für Metal

Injection Moulding) ist ein Urformverfahren

zur Herstellung

von metallischen Bauteilen komplexer

Geometrie und hat seinen

Ursprung in der Spritzgusstechnologie

der Kunststoffe.

OBE-Kunden sind in vielen

Branchen angesiedelt, insbesondere

Automotive, Luxury,

Telekommunikation, Luftfahrt

und Feinmechanik. Der Produktionsstandort

in Ispringen

bei Pforzheim zeichnet sich der

Unternehmensbeschreibung

zufolge durch modernste Fertigungsverfahren

und hohe qualitative

Maßstäbe aus. Weltweit

beschäftigt OBE rund 500 Mitarbeiter,

davon 200 in Ispringen.

Das Unternehmen ist mit

Tochterfirmen in Italien, Hongkong

und China sowie weiteren

Repräsentanzen in Japan, Südkorea,

Frankreich und Brasilien

vertreten. gel

www.obe.de

INNOVATION

Aus einer Windkraftanlage können durch Recycling mehrere Tonnen an seltenen Erden

wiederverwendet werden. Foto: Carsten Rehder

WirtschaftsKRAFT 99


Tradition

und Moderne

Historische Bauwerke wie das geschichtsträchtige

Sterne-Restaurant sowie neuzeitliche Architektur

bestimmen das Stadtbild von Nagold

Foto: Doris Löffler

100


Lebens- und Wirtschaftsraum

mit glänzenden

Perspektiven

Standort Nagold punktet mit hoher Kaufkraft,

attraktiven Arbeitgebern sowie einem

Wohlfühlambiente für Bewohner und Gäste

Bereitet die Verwaltung im Rathaus

für den Schritt in die virtuelle Welt vor:

Nagolds Oberbürgermeister

Jürgen Großmann. Foto: Doris Löffler

PORTRÄT

Von Gerd Lache

Freitags um 13 Uhr gehen die Poller

hoch. Seit Mai 2017 gehört die

historische Altstadt von Nagold bis

Montagfrüh 5 Uhr dem Fußvolk.

Signalisiert die Stadtverwaltung mit

dieser Wochenendsperre ihre Autofeindlichkeit?

„Davon kann keine

Rede sein“, wehrt Oberbürgermeister

Jürgen Großmann (CDU) im Gespräch

mit WirtschaftsKRAFT ab.

Im Gegenteil: In der gesamten City

sei das Parken für die Dauer von

einer Stunde kostenlos und in einer

Nagold-App werde auf verfügbare

Stellplätze für den Individualverkehr

hingewiesen. „Wir verbannen

den Pkw nicht, aber wir wollen

neben einer autogerechten auch

eine Innenstadt für die Bürgerinnen

und Bürger“, betont Großmann.

Der Kompromiss sei die zeitlich begrenzte

Pollersperre.

Als ehemaliger Landesgartenschau-

Standort (2012) ist Nagold mit seinem

Flair besonders ansprechend.

Der Fluss gleichen Namens zieht im

Tal einen weiten Bogen um die hoch

über der Stadt thronende Burgruine

Hohennagold, schlängelt sich nahe

der malerischen Altstadt zwischen

kultivierten Ufern vorbei, die zum

Verweilen und Erholen einladen. Die

Einkehrmöglichkeiten sind vielfältig.

Seit 2017 leuchtet auch wieder

ein Michelin-Stern über der „Alten

Post“, dem 1697 erbauten Gasthaus

im heutigen Zentrum, das einst

Stammlokal der württembergischen

Könige war, wenn sie im Schwarzwald

auf die Jagd gingen.

Nagold, im Landkreis Calw gelegen,

hat viel an Attraktivität zu bieten.

Auch Tages- und Wochenend-Touristen

– „das ist unsere Schwerpunkt-Zielgruppe“

– wissen dies

zu schätzen. Der Oberbürgermeister

spricht darüber, Flüsse erlebbar zu

machen und Stadt und Natur zusammenzubringen.

Doch er hat

mehr im Sinn: „In der durchgrünten

Innenstadt liegt die Zukunft“, sagt

der Rathauschef. London ist für

ihn ein Vorbild, zumindest bezüglich

der urbanen Grundhaltung.

Dort soll auf der geplanten Garden

Bridge kein Verkehr fließen, sondern

ein Park entstehen – sozusagen

ein hängender Garten über der

Themse. Ein qualitativ hochwertiger

„Digitale Innovation“ heißt ein Zertifizierungsprogramm der Hochschule Pforzheim,

dessen Lehrbetrieb in Nagold eingerichtet wurde. Foto: Hochschule Pforzheim

WirtschaftsKRAFT 101


öffentlicher Raum sei wesentlich

mit bestimmend für das Einkaufserlebnis

und somit für einen erfolgreichen

Einzelhandel, erklärt

Großmann.

Diesbezüglich belegt die Ansiedlung

am Rande des Oberen Gäus

zum Schwarzwald eine Spitzenposition

in der Region. Mit 176

Prozent hat Nagold die höchste

Zentralitätskennziffer unter den

nordschwarzwälder Mittelzentren

wie Mühlacker (85), Freudenstadt

(164) und Horb (72). Zur Einordnung:

Nur mehr als 100 bedeutet

Kaufkraftzufluss. Dem Nagold-Einzelhandel

stehen der Berechnung

zufolge mit einem Markt- und

Einzugsgebiet von über 100.000

Einwohnern deutlich mehr als 500

Millionen Euro an Kaufkraft zur

Verfügung. Einer der Gründe dafür

ist laut Großmann „der richtige

Branchenmix“. Und er betont: „Ich

glaube an den Bestand des stationären

Einzelhandels, er ist das belebende

Element einer Innenstadt.“

Gleichwohl nimmt er den digitalen

Wandel beherzt an, spricht im Hinblick

auf die Handelslandschaft von

Multichannel-Lösungen und darüber,

den großen Filialisten mit eige -

nen Konzepten entschlossen entgegen

zu treten. Denn erst die inhaber-

geführten kleinen und mittelständischen

Geschäfte würden das besondere

Flair einer Einkaufsstadt ver -

mitteln. Die Antwort auf die Herausforderung

ist ein gemeinsamer

Online-Marktplatz. Eine App bündelt

Angebote der Nagolder Einzelhändler.

Mit ihr können die Kunden

digital bei ihren vertrauten Läden

ordern. Dabei haben sie die Wahl,

die Ware im Geschäft oder unabhängig

von den Öffnungszeiten am

Paketautomaten, dem sogenannten

Pack-Robot, abzuholen.

Auch seine Verwaltung als Bürger-

Dienstleister sieht Großmann in der

digitalen Pflicht: „Wir werden als

Rathaus in der virtuellen Welt mit -

spielen, da führt kein Weg vorbei“,

gibt er die Richtung vor. Unterdessen

seien die Voraussetzungen bereits

vorhanden. Weiße Flächen bei

der Breitbandversorgung und lang -

sames Internet seien in Nagold passé.

In der Regel könnten Bürger mit

einem Tempo zwischen 50 und 100

Mbit/s durchs Netz surfen. Außerdem

werde der Ausbau des leistungsfähigen

Glasfaserkabels weiter vorangetrieben.

Des Weiteren sorge

beispielsweise die Sparkassen-IT

(Calw) als Tochtergesellschaft der

Sparkasse Pforzheim Calw dafür,

dass die Unternehmen in Nagold

ihre Daten mit Hochgeschwindigkeit

in die Welt jagen können.

Hidden Champions und bekannte

Firmennamen finden sich Seite an

Seite am Wirtschaftsstandort Nagold.

Dazu gehört beispielsweise

Häfele, weltweit agierender und

führender Spezialist für Möbel- und

Baubeschläge. Aus dem „größten

Kleiderschrank Europas“ in Nagold

stattet die Digel AG mit ihrer internationalen

Modemarke die Herrenwelt

aus. Und die Rolf Benz AG &

Co. KG spielt als Design-Marke für

Luxussofas „Made in Germany“ in

der internationalen Top-Liga. Nicht

minder bedeutende Zulieferer und

Betriebe der Branchen Automotive,

Metall, Holz, Textil und Elektronik

gehören dazu, ebenso ein starkes

Handwerk.

Längst ist das 80 Hektar große Gewerbegebiet

„Industriepark Wolfsberg“

mit über 120 Unternehmen

und rund 3000 Arbeitsplätzen weitgehend

an der Kapazitätsgrenze angekommen.

Dennoch kein Problem

für expansive oder ansiedlungswillige

Unternehmen: „Flexibel einteil -

bare Gewerbeflächen finden Sie im

zweiten Nagolder Industrie- und

Gewerbepark INGpark“, verkündet

die Stadt auf ihrer Website als Alternative.

Malerisches Flair und inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte mit breitem Branchenmix sorgen in Nagold für Aufenthaltsqualität.

Die Kunden der Geschäfte können aber auch online auf Shoppingtour gehen. Foto: Doris Löffler

102


Dort, auf dem ehemaligen Kasernenareal

Eisberg hätten sich bereits

Unternehmen mit einem Volumen

von rund 800 Arbeitsplätzen angesiedelt.

40 Hektar stünden derzeit

zur Verfügung, in den nächsten

Jahren werde auf mehr als 70 Hektar

aufgestockt, erklärte Oberbürgermeister

Großmann. Bei 22.000

Einwohnern zählt Nagold derzeit

11.000 sozialversicherungspflichtige

Beschäftigte, Tendenz steigend.

Es gebe mehr Ein- als Auspendler.

Die Stadt liege verkehrsgünstig (9

Kilometer zur Autobahn) im Einzugsbereich

der Metropole Stuttgart.

Im Bereich Bildung und Weiterbildung

bietet der Standort unter anderem:

Die LDT – Hochschule des

Deutschen Textil-Einzelhandels, ein

Berufsschulzentrum mit gewerblicher,

kaufmännischer und hauswirtschaftlicher

Ausrichtung, außerdem

zwei Gymnasien sowie das

Weiterbildungszentrum der IHK

Nordschwarzwald und die Volkshochschule

Oberes Nagoldtal. Auch

die Arbeitsagentur hat hier ihren

Sitz. Unterdessen will der OB das

Wohnraum- und Kinderbetreuungsangebot

in Nagold deutlich ausbauen.

Einer der Gründe: Hoher

Freizeitwert, ein angenehmes Lebensumfeld

und attraktive Arbeitgeber

führen zu erfreulichen Einwohnerzuwächsen

– ganz im Sinne

des Stadtslogans: „Nagold – glänzende

Perspektiven.“

www.nagold.de

Zum Wohlfühl-Ambiente der ehemaligen

Landesgartenschau-Stadt Nagold gehört

viel Blumenschmuck im öffentlichen Raum.

Foto: Doris Löffler

Online-Weiterbildung für

akademische Fachkräfte

Hochschule Pforzheim etabliert in Nagold das

Zertifizierungsprogramm „Digitale Innovation“

Von Gerd Lache

„Damit wird die Region Nordschwarzwald

landesweit für

Furore sorgen“, ist sich Professor

Dr. Ulrich Jautz, Rektor

der Hochschule Pforzheim, sicher.

„Digitale Innovation“ heißt

ein Zertifizierungsprogramm,

bei dem sich bereits im Berufsleben

stehende Akademiker –

vorrangig Betriebswirte, Techniker

und Designer – Kenntnisse

aneignen können, die sie zum

Schritthalten in ihrem Job bei

den temporeichen Entwicklungen

im Bereich „Industrie

4.0“ benötigen. Als Standort des

Lehrbetriebs haben die Pforzheimer

die LDT – Hochschule

des Deutschen Textil-Einzelhandels

in Nagold gewählt. Dort

müssen die Zertifikatsteilnehmer

lediglich an zwei Tagen

zur Präsenzveranstaltung erscheinen,

in der übrigen Zeit

erhalten sie den Lehrstoff via

Internet vermittelt. „Das hauptsächliche

Lernen findet online

statt“, erklärt Jautz. Die Teilnehmer

könnten diese Form der

akademischen Weiterbildung

individuell in ihren Alltag integrieren.

Vorteil: Es gebe keine

berufliche Unterbrechung.

Und warum Nagold? „Wir haben

uns bewusst für diesen Standort

ausgesprochen und wollen

unser Konzept, das von der Landesregierung

gefördert wird,

mit den hiesigen Unternehmen

weiterentwickeln“, sagt der Rek -

tor. Gerade im Nagolder Raum

säßen die passenden Firmen

als Ansprechpartner der Hochschule

für das Weiterbildungsprogramm.

Kooperationspartner

der Hochschule sind der

Landkreis Calw und die Stadt

Nagold sowie die Unternehmen

des Wirtschaftsstandorts.

„Unser Ziel ist eindeutig: Wir

möchten den Unternehmen vor Ort

die Möglichkeit geben, ihre Mitarbeiter

weiterzubilden und ihnen

das nötige Know-how für die

anstehenden Entwicklungen im

Bereich der Wirtschaft mitgeben“,

erklärt Helmut Riegger, Landrat

des Landkreises Calw. Und Nagolds

OB Jürgen Großmann macht deutlich,

dass gut ausgebildete Mit -

arbeiter das Kapital eines jeden

Unternehmens seien. Sie müssten

deshalb für die Herausforderungen

im Umfeld von Digitalisierungs-

und Automatisierungsprozessen

und gesellschaftlichen

Veränderungen wie Demografie

und Umweltschutz entsprechend

gerüstet sein.

Bereits 60 Anmeldungen gab es für

den Start Ende September 2016,

rund 80 Prozent davon aus Betrieben

des Landkreises Calw. Mitte

März 2017 kamen weitere Module

hinzu, neben Innovationsmanagement,

Lean Production und Industrie

4.0 auch Themen wie Brand

Management und Leadership.

Von Seiten der Start-Teilnehmer

gab es positive Reaktionen: Die

übersichtliche Struktur des Programms

ermögliche nicht nur

einen guten Zugang zu den Inhalten,

sondern auch den persönlichen

Kontakt mit den Professoren

und den Ansprechpartnern

an der Hochschule, lobte ein Ingenieur,

der vor ein paar Jahren an

der Universität Stuttgart seinen

Abschluss gemacht hatte. Eine

Teilnehmerin bekannte offen:

Ohne das Angebot der Hochschule

Pforzheim hätte sie sich ein Programm

außerhalb der Region ge -

sucht und wäre dafür weggezogen.

Auch das sei Ziel des Projekts,

erklärt Oberbürgermeister

Großmann, „die Fachkräfte sollen

in der Region gehalten werden“.

PORTRÄT

WirtschaftsKRAFT 103


Nachwuchsschmiede

für die Region

Maschinenbau-Ingenieur Stefan Bogenrieder führt

die Geschäfte der „Centrum für Digitalisierung,

Führung und Nachhaltigkeit Schwarzwald gGmbH“

Soll das Campus-Schwarzwald-Projekt

als Geschäftsführer mit Leben erfüllen:

Stefan Bogenrieder. Foto: Privat

PORTRÄT

Hoch qualifizierte Kräfte für die Region

Nordschwarzwald gewinnen

und diese in der Region halten –

außerdem die Digitalisierung und

Datentechnologie als die größte

technologische Herausforderung

annehmen und umsetzen. Um diese

Ziele zu erreichen, hat sich eine

Initiative mit Vertretern namhafter

Unternehmen aus dem Landkreis

Freudenstadt zusammengeschlossen.

Sie will mit dem Bildungsprojekt

„Campus Schwarzwald“ ihren

Nachwuchs schmieden. Dazu wurde

eine gemeinnützige Gesellschaft

mit beschränkter Haftung gegründet.

Ihr Name „Centrum für Digitalisierung,

Führung und Nachhaltigkeit

Schwarzwald gGmbH“.

Kooperationspartner ist die Universität

Stuttgart, die nach Auskunft

eines Mitglieds der Initiative für

den Lehrbetrieb Professoren abstellen

wird. In Freudenstadt ist dafür

in Bahnhofsnähe ein Campus-Areal

vorgesehen, auf dem die Stadt und

der Landkreis ein bestehendes Gebäude

umbauen lassen wollen.

Die Studienschwerpunkte: „Es werden

praxisnahe Lehrinhalte und

-ziele, insbesondere im Kontext von

Industrie 4.0, Digitalisierung, Führung

und Nachhaltigkeit in Kooperation

mit beteiligten Industrievertretern

erarbeitet“, so die Auskunft

der Industrie- und Handelskammer

(IHK) Nordschwarzwald, bei der bisher

die Koordination des Projekts

über die Einrichtung eines Fördervereins

lag. Seit 1. August hat die

gGmbH mit Stefan Bogenrieder einen

Geschäftsführer. Der 1967 in

Spaichingen geborene Maschinenbau-Ingenieur

hat nach eigenen

Angaben mehrjährige Erfahrung in

der Automotive-Branche (Daimler,

Bosch) und im IT-Bereich (IBM,

Bertrandt). Zu seinen Schwerpunkten

zählen Softwareentwicklung,

Diagnose, Data Analytics und Hard -

wareentwicklung. „Die konzeptionelle

und strategische Weiterentwicklung

des Instituts in Kooperation

mit dem Vorstand und den Mitgliedsunternehmen“

wird eine seiner

Aufgaben sein, wie der Stellen -

ausschreibung zu entnehmen ist. gel

104


WirtschaftsKRAFT 105


Passwort statt

Wohnungsschlüssel

Arlinger Baugenossenschaft leistet Pionierarbeit

mit dem Bau eines Smart Home in Pforzheim

Von Gerd Lache

„Wir spüren die Dynamik“, sagt

Carsten von Zepelin und meint

damit den technologischen Wandel

unter dem Schlagwort Digita -

lisierung, der nach und nach alle

Bereiche des Lebens erfasst. Die

Baugenossenschaft Arlinger ist

schon mittendrin in der Gestaltung

die ses Transformationsprozesses,

wie der Vorstandsvorsitzende im

Gespräch mit WirtschaftsKRAFT

deutlich macht. „Komplette Geschäftsabläufe

werden sich ändern“,

kündigt von Zepelin an. Das

heißt für „den Arlinger“, wie die

Pforzheimer die Genossenschaft

nennen, unter anderem: Mieterakten

werden digitalisiert, Wohnungsvergaben

finden online statt

und die Betriebskostenabrechnungen

werden computergestützt

erfasst, erstellt und zugestellt.

Und „wir werden eine Digitalisierungsstelle

schaffen“, sagt der

Vorstandschef. „Wir überprüfen

bestehende Prozesse und suchen

zukunftsfähige Lösungen, die Mie -

tern und Mitarbeitern Leben und

Arbeiten vereinfachen. Zum Beispiel

wird ein digitales Übergabeprotokoll

am Anfang oder Ende der

Mietzeit per iPad mit dem Mieter

gemeinsam erstellt. Oder unser digitales

Wohnungsarchiv für Plä -

ne, Verträge, Abrechnungen und

Gebrauchsanweisungen.“

Mehr noch: In der Branche leisten

die Bau-Genossen aktuell Pionierarbeit.

Sie lassen derzeit ihr erstes

Smart Home in der Brendstraße 77a

in Pforzheim als Test-Objekt erstellen

– ein „intelligentes“ Appartementhaus

mit sechs Wohneinheiten,

das mit zahlreichen

Sinn machenden technologischen

Hilfsmitteln und Services sowie

Sicherheitseinrichtungen ausgestattet

wird. „Da packen wir alles

rein, was ein Smart Home bieten

kann“, sagt von Zepelin. Geplanter

Bezugstermin: Anfang 2018.

Was erwartet die Mieter in ihrem

künftigen Digitalheim? Zunächst

werden Internet, Telefonie und TV-

Anschluss beim Einzug bereits

vorhanden sein. Mühsames und

zeitaufwendiges Beantragen und

Organisieren bei Anbietern fällt

weg. Des Weiteren „statten wir das

Gebäude mit Technik aus, die es

erlaubt, bestimmte Funktionen

komfortabel per Fernbedienung –

etwa mit dem Smartphone oder

dem Tablet – zu aktivieren oder

zu kontrollieren“, erklärt der Vorstandschef.

Beispiele der smarten Ausstattung:

Ein Monitor in der Wohnung zeigt

den Bewohnern ihren Energieverbrauch

und dessen Tendenz an. Die

Luftqualität im Raum wird über

eine Mess- und Kontrolleinrichtung

geregelt und meldet gegebenenfalls

eine zu hohe Luftfeuchtigkeit.

Zum Sicherheitspaket gehört

das automatische Überwachen der

Fenster – sind sie geschlossen,

wenn der Mieter das Haus verlässt?

Heizung, Sonnenschutz und Licht

können zentral gesteuert werden.

Auch der Zugang zum Haus wird bei

Bedarf digital geregelt. „Im über -

tra genen Sinne kann man sagen:

Passwort statt Wohnungsschlüssel.“

Chef der Arlinger Baugenossenschaft

in Pforzheim: Vorstandsvorsitzender

Carsten von Zepelin. Foto: Doris Löffler

Zur Person

Carsten von Zepelin, gebürtiger

Pforzheimer Jahrgang 1960,

ist Vorsitzender des Vorstandes

der Baugenossenschaft Arlinger

eG Pforzheim. Der zweifache

Familienvater hat eine

Ausbildung als Immobilienkaufmann

und Diplom-Sachverständiger

absolviert. Er ist

Sprecher der Arbeitsgemeinschaft

ARGE Pforzheimer Wo h -

nungsunternehmen. Seit 2004

ist Carsten von Zepelin Mitglied

der CDU-Stadtratsfraktion und

in verschiedenen Ausschüssen

aktiv. Außerdem ist er Mitglied

im Gutachterausschuss der Stadt

Pforzheim sowie Erster Vorsitzender

des Fördervereins Theater

Pforzheim. gel

Für den Vorstandschef wird das

Projekt Brendstraße in Bezug

auf Wohnqualität, Sicherheit und

Energie-Effizienz wegweisend für

weitere Neubauten des „Arlinger“

sein. Komme hinzu: Bei den neuen

Smart Homes kann auf Wunsch

106


des Mieters ein Notrufsystem ergänzt

werden mit den bekannten

Notruffunktionen an Hilfsdienste

und einer zusätzlichen Wohlfühlfunktion,

die im Zweifelsfall

Angehörige per SMS benachrichtigt,

wenn über einen bestimmten

Zeitraum in der Wohnung keine

Bewegung stattgefunden hat. Das

Smart Home leiste „einen wesentlichen

Beitrag dazu, dass ältere

Mieter so lange wie möglich in

ihrer Wohnung bleiben können“.

Dafür sorgt die Baugenossenschaft

indes bereits bei ihren Bestandsimmobilien.

„Wo es geht,

bauen wir Aufzüge in die Häuser

ein. Wir sehen darin auch eine

Verpflichtung gegenüber unseren

langjährigen Mitgliedern.“ Denn

die Menschen wollen so lange wie

möglich in ihrer gewohnten Umgebung

bleiben.

Mehr als die Hälfte der Mieteinnahmen

werden jährlich in den

Bestand der Baugenossenschaft

investiert, zum Beispiel in Bäder,

in die Erneuerung von Elektrik,

Türen und Türrahmen sowie Fußböden.

Auch die energetische Optimierung

gehört zu den wichtigen

Maßnahmen, angefangen von

Photovoltaik und Pellet-Heizungen

über Geothermie und Blockheizkraftwerke.

Ob Sanierung oder

Neubau, für den Vorstandsvorsitzenden

gilt die Devise, „die Sache

ordentlich machen“. Soll heißen:

Nachhaltigkeit, Ästhetik, Wertigkeit

und Langlebigkeit sind unbedingte

Kriterien. Für den Vorstand

sei es überdies eine Verpflichtung,

positiv am architektonischen Bild

der Stadt mitzuwirken.

Die Baugenossenschaft achtet auf Stadtbild prägende Architektur. Foto: Arlinger

Unterdessen wird die Bedeutung

einer Baugenossenschaft für die

Region „noch gar nicht so richtig

wahrgenommen“, stellt von Zepelin

fest. Indes: „Die Wohnraumversorgung

wird durch uns stark

abgebildet.“ Immerhin sei dies eine

der Voraussetzungen, damit sich die

begehrten Fachkräfte und ihre Fa -

milien in Stadt und Kreis niederlassen

können. Auch die Genossenschaft

als Auftraggeber, bei -

spielsweise für zahlreiche Gewerke

im Handwerk und in der

Dienst leistung, sei nicht zu unterschätzen.

Was die regionale Wirtschaft

betrifft, sagt von Zepelin,

„da sind wir ein Hidden Champion“.

Deshalb ist er mit Blick auf

die Industrie- und Handelskammer

auch der Meinung: „An der

Zeit wäre es, dass die institutionelle

Wohnungswirtschaft in der

Vollversammlung vertreten ist.“

Zum Thema

Baugenossenschaft Arlinger

Mit rund 3.200 Wohneinheiten

in Pforzheim und im Landkreis

Enzkreis ist „Arlinger“ nach ei -

genen Angaben der größte Ver -

mieter in der Region. Knapp

über 6.000 Mitglieder haben

derzeit Anteile an der 1914 im

Pforzheimer Stadtteil Arlinger

gegründeten Genossenschaft.

Jährlich erhalten sie im Durchschnitt

eine Dividendenauszahlung

von 5 Prozent. Die Fluktuationsquote

von knapp unter 10

Prozent zeugt von einem vergleichsweise

geringen Mieterwechsel.

Vorstandsvorsitzender

der Baugenossenschaft mit 45

Beschäftigten am Standort Hoh -

lohstraße 6 in Pforzheim-Arlinger

ist Carsten von Zepelin.

Ihm zur Seite steht der nebenamtliche

Vorstand Wolfgang

Glatz. Die Geschäftsentwicklung

gestaltete sich auch 2016

erneut positiv. Im vergangenen

Jahr hat sich die Bilanzsumme

um 7 Millionen auf 149,8 Millionen

Euro erhöht. Der Eigenkapitalanteil

beträgt 48,7 Prozent.

Unter anderem engagiert

sich die Genossenschaft als

Förderer der Kunst und ermöglicht

beispielsweise Ausstellungen.

gel

www.arlinger.de

PORTRÄT

„Smart Home“-Technik kann in allen Bereichen des Wohnens installiert und eingesetzt

werden. Foto: streamnow

WirtschaftsKRAFT 107


Region Nordschwarzwald

Wenn der Vorgesetzte

als Stressfaktor wirkt

Zum betrieblichen Gesundheitsmanagement

gehört die Wertschätzung der Führungskräfte

gegenüber den Mitarbeitern

Von Gerd Lache

Ausfallzeiten wegen Krankheit

von Beschäftigten können für ein

Unternehmen teuer werden: Die

Produktion und somit die fristgerechte

Belieferung der Kunden

kann sich verzögern, das Einstellen

und Einarbeiten einer Vertretung

verursacht Kosten und sichert

nicht zwingend die Qualität

des eigentlichen Stelleninhabers –

um nur einiges zu nennen. Mit

durchschnittlich 400 Euro pro Tag

Mit unterschiedlichen Angeboten sorgen verantwortungsvolle Unternehmen

für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Foto: Ulrich Perrey

Prävention muss im Fokus stehen,

sagt Diplom-Psychologe Uwe Renz von der

AOK Nordschwarzwald. Foto: AOK

kann so ein Arbeitsausfall zu Buche

schlagen. Nicht zuletzt genießt

ein Unternehmen mit hohem

Krankenstand und/oder wenig ge -

sundheitsfördernden Arbeitsbedin -

gungen einen zweifelhaften Ruf.

Weitere Folgen können eine hohe

Fluktuation, steigende Fehlerquoten

im Betrieb und damit auch

eine wachsende Zahl an Kundenbeschwerden

sein.

Angesichts des Fachkräftemangels

spielen das Image und die gelebte

Kultur eines Unternehmens ohnehin

eine ebenso wichtige Rolle,

wie die Erhaltung der Leistungsfähigkeit

eines jeden Mitarbeiters.

Die Lösung heißt: Betriebliches

Gesundheitsmanagement (BGM).

Für den Diplom-Psychologen Uwe

Renz von der AOK Nordschwarzwald

ist klar: „Die Geschäftsleitung

muss hinter diesem Thema

stehen. Denn die Führungskräfte

beeinflussen durch ihr Verhalten

und ihr Handeln auch die Gesundheit

der Belegschaft.“ Inzwischen

hätten viele Unternehmen im

Nordschwarzwald die Bedeutung

von BGM erkannt. Bei Arburg

in Loßburg beispielsweise ist die

Mitarbeitergesundheit traditionell

ein wichtiger Aspekt. So entsteht

derzeit auf einer Etage des im Bau

befindlichen Schulungscenters ein

Gesundheitszentrum. Auch Firmen

wie beispielsweise Witzenmann in

Pforzheim, Reichert Holztechnik

in Pfalzgrafenweiler sowie Böhmler

Drehteile in Pforzheim arbeiten

eng mit der AOK zusammen.

Die Fischer-Werke in Waldachtal

haben nach AOK-Angaben bereits

ein Gesundheitszentrum für die

Beschäftigen.

Uwe Renz spürt das Umdenken in

den Betrieben deutlich: „Vor 20

Jahren musste ich noch Klinken

108


Werden gerne von den Beschäftigten angenommen:

die jährlichen Gesundheitstage bei Arburg in Loßburg. Foto: Arburg

putzen und harte Überzeugungsarbeit

leisten. Inzwischen kommen

die Führungskräfte auch auf

uns zu.“ Beeindruckt war Renz

von der Aussage eines Unternehmers,

der sich bei ihm über das

BGM mit den Worten informieren

ließ: „Ich möchte gemeinsam

mit meiner Belegschaft gesund alt

werden. Was können wir tun?“

Strategien von der Stange gibt es

nicht: Jeder Betrieb habe eine eigene

Ausgangssituation und jede

Branche sei anders aufgestellt.

Deshalb hat BGM mit der AOK

folgenden Ablauf:

1. Analyse: Um die richtigen Maßnahmen

entwickeln zu können,

wird zunächst mit Management

und Mitarbeitern geredet.

2. Konzeption: Daraus entsteht ein

individueller Maßnahmekatalog

für das Unternehmen.

3. Umsetzung: Die Gesundheitsexperten

der AOK beraten bei

der Ein- und Durchführung der

Maßnahmen.

4. Optimierung: Das Konzept wird

durch eine laufende Bewertungskontrolle

ständig verbessert,

BGM ist somit ein kontinuierlicher

Prozess.

Uwe Renz macht deutlich, dass vor

allem die Prävention im Fokus stehen

muss, also die Erhaltung der

Gesundheit. Er unterstreicht dies

mit einem Zitat des inzwischen

verstorbenen israelisch-amerikanischen

Professors der Soziologie,

Aaron Antonovsky: „Die Medizin

versucht, Menschen aus einem

reißenden Strom zu retten – wobei

es sinnvoller wäre, ihnen das

Schwimmen beizubringen.“

Wie ein solcher „Schwimmkurs“

im betrieblichen Gesundheitsmanagement

aussehen kann, macht

die Pforzheimer Firma Witzenmann

deutlich: „Neben unseren

bewährten Präventionsangeboten

aus der Arbeitssicherheit und der

Betriebsmedizin bieten wir unseren

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

einen breiten Mix an

Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung.

Aktivitäten

wie Yoga, Kraft- und Rückentraining,

Klettern und Wandern sind

nur einige beliebte Beispiele, die

wir bereits seit Jahren anbieten.

In unserer betriebseigenen Kantine

wird auf besonders frische und

gesunde Ernährung Wert gelegt.“

Eine zentrale Bedeutung habe das

Thema für die Witzenmann-Führungskräfte.

Ihnen sei bewusst,

dass Gesundheit eine wesentliche

Voraussetzung für die Leistungserbringung

darstelle. Sie würden

deshalb fortlaufend darin geschult,

wie auf die physische und

psychosoziale Gesundheit ihrer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

zu achten ist.

Die Basis sei ein „respektvoller Umgang

in der Zusammenarbeit, eine

wertschätzende und offene Kommunikation,

die Förderung von

Kooperation und die gesundheitsorientierte

Gestaltung von Arbeits -

prozessen“. AOK-Experte Renz er -

gänzt: „Ob der Vorgesetzte zur

Ressource oder zum Stressfaktor

für die Mitarbeiter am Arbeitsplatz

wird, also positiv oder negativ Ein -

fluss ausübt, das liegt entscheidend

am Führungsverhalten.“

Das Gesundheitsmanagement bei

Arburg in Loßburg fußt auf den drei

Säulen Bewegung, Ernährung und

Entspannung. Georg Anzer, Be -

reichsleiter Personal- und Sozialwesen,

nennt unter anderem Maßnahmen

wie Rückenkurse, Power

Fitness, Yoga, wöchentliche Lauftreffs,

jährliche Arburg-Laufmeisterschaften

und Aktionen wie

„Mit dem Rad zur Arbeit“. Gefragt

seien auch die regelmäßig stattfindenden

Gesundheitstage, an de nen

die Mitarbeiter im Betrieb vielfältige

Angebote zur Gesunderhaltung

und Vorsorge in Anspruch

nehmen können – „von der Grippe -

impfung über eine Stressresistenz-

Analyse bis zur persönlichen Beratung

durch Experten.“

Kontakt

Burkhard Bantz

BGM-Koordinator für

die Region Nordschwarzwald

Tel. 07231 41549-33

burkhard.bantz@bw.aok.de

www.aok-bw.de

MANAGEMENT

WirtschaftsKRAFT 109


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ZGH 0882 · Foto: Getty Images

AOK – Die Gesundheitskasse Nordschwarzwald


Ökonomie und Ökologie

in Einklang bringen

Erdenwerk corthum setzt hohe Qualitätsstandards bei der Herstellung

von Substraten, Gärtnerischen Erden und Rindenprodukten

Qualitätsdenken bestimmt die Arbeit

der corthum Erdenwerke bei der

Herstellung von Erden und Rindenmulch

für die unterschied lichsten

Anwendungen. Mit Fachwissen und

dem Einsatz neuester Technik, gepaart

mit ökonomischem und ökologischen

Denken überzeugt das

Erdenwerk mit Hauptsitz in Marxzell-Pfaffenrot

(Landkreis Karlsruhe)

seine Kunden im Umkreis von

rund 200 Kilometern. Das Unternehmen

beschäftigt derzeit 30 Mitarbeiter.

„Erde gut, alles gut“, dieser Spruch

soll mehr als ein Slogan sein, er

steht als wichtiger Leitsatz für Produkt

und Produktion. Zu den Abnehmern

von corthum gehören vor

allem Landschaftsgärtner in allen

Größen, Baumschulen, Dachbegrüner

und private/gewerbliche Selbstabholer

im Werksverkauf. Über

aus gewählte Gartencenter wird

auch der private Gartenbesitzer angesprochen.

„Die Herstellung von Erden ist bei

uns ein Oberbegriff, unter dem wir

die Produktlinien für Substrate,

Humus- und Mulchprodukte zusammenfassen“,

erklärt Geschäftsführer

Uwe Schönthaler. Der ausgebildete

Gartenbautechniker hat

1987 den Betrieb von seinem Vater,

dem Gärtnermeister Werner

Schönthaler, übernommen. Dieser

legte 1975 in Pfaffenrot (Landkreis

Karlsruhe) den Grundstein für das

mittelständische und familiengeführte

Unternehmen.

Unter Uwe Schönthaler wurde der

Betrieb weiter aus- und aufgebaut.

Neueste Technik kommt zum

Einsatz und die Expansion wurde

vorangetrieben. So erfolgte im

Frühjahr 2014 der Spatenstich für

ein Erdenwerk im Herbolzheimer

Industriegebiet Birkenwald, verkehrsgünstig

gelegen an der Autobahn

A5 bei Freiburg. Die corthum

Breisgau GmbH bedient von dort

aus den Raum Südbaden und weiter

über die Grenze hinweg auch

das grenznahe Schweizer Gebiet.

Außerdem gibt es im französischen

Sand einen Vertriebsstandort für

das Elsass, im bayerischen Au in der

Hallertau befindet sich ein Regionalbüro,

von wo aus die bayerischen

Mischwerke gemanaged wer den.

Laut Geschäftsführer Schönthaler

ist es wichtig, nahe am Kunden zu

sein, um Frachtkosten zu reduzieren

und eine Liefer-Flexibilität zu

garantieren. Zudem seien schnelle

Transportwege, zuverlässige Lieferungen

und regionale Vermarktung

beim Einsatz möglichst regionaler

Rohstoffe weitere wichtige Kriterien

des Geschäfts. gel/pm

PORTRÄT

WirtschaftsKRAFT 111


Leuchtturm für die

Produktion der Zukunft

Arburg ist einem Top-50-Ranking zufolge

als Maschinenbauer innovativster Mittelständler

in Deutschland

Mit annähernd 7000 Gästen aus 53

Nationen über vier Tage hinweg

waren die Technologie-Tage 2017

von Arburg, Hersteller von Hightech-Maschinen

für die Kunststoffverarbeitung

weltweit, das

größte Inhouse-Event der Kunststoff-Branche.

Was wurde geboten

bei dieser Kunden-Veranstaltung

am Hauptstandort des Unternehmens

in Loßburg, rund neun Kilometer

von Freudenstadt entfernt?

Zum Beispiel das Arburg-Produktprogramm

der neuen Generation,

Maschinen in Aktion, Trends der

Kunststoffverarbeitung, Praxisbeispiele

für Industrie 4.0 sowie

Experten-Gespräche – und vor

allem wichtige Impulse, die der

Fachbesucher in sein eigenes Unternehmen

mitnehmen kann.

Geleitet wird das Familienunternehmen

in dritter Generation von

den geschäftsführenden Gesellschaftern

Michael Hehl, Juliane

Hehl und Renate Keinath. Hinzu

kommt Eugen Hehl als geschäftsführender

Senior-Gesellschafter.

Produkte, die mit den Arburg-

Maschinen hergestellt werden,

begleiten die Menschen nahezu

durch ihr ganzes Leben: Zahnbürsten

und Kugelschreiber, Joghurtbecher

und Autoschlüssel, Dübel,

Stecker und Pipettenspitzen, auch

Strahleinsätze im Duschkopf und

Kunststoff-Einwegbohrer beim

Zahnarzt oder Komponenten für

Fußballschuhe und Mikroteile wie

Uhr-Zahnräder. Im Automotive-

Bereich finden sich viele Anwendungsbeispiele,

etwa ein Regen-

Licht-Sensor für die Frontscheibe,

der im Mehrkomponenten-Spritzgießen

gefertigt ist. In der Viehhaltung

sind es die Ohrmarken der

Milchkühe. Die Beispiele könnten

weitergeführt werden.

Die Vielseitigkeit der Arburg-Maschinen

spiegeln auch deren Namen

wider: Allrounder heißen die

Spritzgießmaschinen und Freeformer

das additive Fertigungssystem.

Wen beliefert Arburg?

Bei den Branchen ist das Unternehmen

nach eigener Darstellung

breit aufgestellt: Am stärksten sei

der Automotive-Bereich. Hinzu

komme die Medizintechnik, die

optische und die Elektroindustrie

sowie die Verpackungsbranche.

Produktgrößen von kleinsten Teilen

mit wenigen Hundertsteln Gramm

Die geschäftsführenden Gesellschafter (v.l.): Eugen Hehl, Juliane Hehl, Michael Hehl und Renate Keinath. Foto: Arburg

112


In zahlreichen Branchen werden

die Maschinen aus Loßburg zur

Kunststoffverarbeitung eingesetzt.

Foto: Arburg

und Toleranzen im Mikrometerbereich

bis hin zu größeren, rund 2,5

Kilogramm schweren Kunststoffteilen

produzieren die Maschinen

aus Loßburg – angefangen von der

Einzelfertigung in Losgröße 1 bis

hin zur Massenherstellung.

Im vergangenen Jahr habe der

Hersteller seine bisher größte und

stärkste Maschine mit einer

Schließkraft von 6.500 kN (Kilonewton)

vorgestellt. Dieses „Flagg -

schiff“ der Loßburger besticht

nach deren eigenen Angaben

„nicht nur durch sein innovatives

Maschinendesign, sondern auch

durch die neue Steuerung mit

Full-HD-Bildschirm und smarter

Gestensteuerung“.

Unter 3500 mittelständischen deut -

schen Unternehmen, die 2016 von

der „Wirtschaftswoche“ analysiert

wurden, sei Arburg bei den „Top

50“ als Maschinenbauer der innovativste

Mittelständler. Insgesamt

belegten die Nordschwarzwälder

im Ranking den achten Platz, hinter

Firmen wie Leica und Lamy.

Der disruptive Wandel im Zuge

der Digitalisierung stelle kein Bedrohungsszenario

dar. Im Gegenteil:

Das Unternehmen sieht sich

als Trendsetter. Es befasse sich

seit mehr als 30 Jahren mit der

Digitalisierung – sowohl in der eigenen

Fertigung als auch bei seinen

Produkten. Bereits 1986 wurde

demnach ein vollautomatisches

Fertigungssystem realisiert, das

aus mehreren verketteten Spritzgießmaschinen

bestand und damit

seiner Zeit weit voraus gewesen

sei. Die Anlage sei damals

durch eine frühe Version des

Arburg Leitrechnersystems ALS

gesteuert worden. Es sei seitdem

kontinuierlich weiterentwickelt

worden und heute zentraler Baustein

von Industrie 4.0 für eine

durchgängige informationstechnische

Vernetzung der Spritzteilproduktion,

so die Darstellung des

Unternehmens. Zusammen mit

den automatisierten Allrounder-

Spritzgießmaschinen, der zentralen

Selogica-Maschinensteuerung

und dem Freeformer biete Arburg

alle Komponenten für die Realisierung

einer „Smart Factory“.

Beim Wettbewerb „100 Orte für

Industrie 4.0 in Baden-Württemberg“

wurde das Unternehmen als

eines der „Leuchtturmprojekte für

die Produktion der Zukunft“ ausgezeichnet.

Wirtschaftsstaatssekretärin

Katrin Schütz (CDU) hob

die herausragende Innovationskraft

des Loßburger Maschinenbauers

hervor.

Unterdessen stünden die Zeichen

in Loßburg laut Arburg weiterhin

auf Wachstum: Im Juli 2017

erfolgte demnach die Grundsteinlegung

für ein neues Schulungscenter.

Mit dem mehrstöckigen

Neubau investiert das Unternehmen

nach eigener Darstellung

einen zweistelligen Millionenbetrag.

Als Grund hierfür wird

genannt: „Neben der erstklassigen

Technologie schätzen die Kunden

das erstklassige Dienstleistungsangebot,

zu dem auch ein breit

gefächertes Trainings- und Schulungsspektrum

rund um Maschinen,

Anwendungstechnik und

Service gehört.“ Mehrere Zehntausend

Fachleute seien in den

vergangenen Jahrzehnten in Loßburg

geschult worden – Tendenz

steigend.

Aus- und Weiterbildung spiele auch

in den eigenen Reihen eine wichtige

Rolle: In über 65 Jahren habe

Arburg schon mehr als 1.700 jungen

Menschen den Start ins Berufsleben

ermöglicht. Im September

2017 gab es dem Unternehmen

zufolge „einen neuen Rekord“: 63

junge Frauen und Männer hätten

ihre Ausbildung beziehungsweise

ihr Duales Hochschulstudium begonnen.

gel/pm

Zum Thema

Spritzgießen, auch Spritzguss

genannt, ist ein Verfahren, das

in der Kunststoffverarbeitung

eingesetzt wird. Dabei wird

mit einer Spritzgießmaschine

das jeweilige Kunststoffgranulat

verflüssigt und in eine

Form, dem Spritzgießwerkzeug,

unter Druck eingespritzt.

Im Werkzeug geht die Kunststoffschmelze

durch Abkühlung

oder eine Vernetzungsreaktion

wieder in den festen

Zustand über. Nach dem Öffnen

des Werkzeuges steht das

Fertigteil zur Verfügung. Der

Hohlraum des Werkzeuges bestimmt

dabei die Form und die

Oberflächenstruktur des fertigen

Teiles. Es sind inzwischen

Teile im Gewichtsbereich von

wenigen Hundertstel Gramm

bis zu einer Größenordnung

von 150 Kilogramm herstellbar.

Mit diesem Verfahren lassen

sich direkt verwendbare

Formteile in großer Stückzahl

kostengünstig herstellen. Das

Spritzgießen erlaubt eine nahezu

freie Wahl von Form und

Oberflächenstruktur. wik/pm

Produkte, die mit Arburg-Maschinen

hergestellt werden, begleiten die Menschen

nahezu durch ihr ganzes Leben.

Foto: Arburg

PORTRÄT

WirtschaftsKRAFT 113


PORTRÄT

Der Hauptsitz von Arburg befindet sich in Loßburg in der Nähe von Freudenstadt. Foto: Arburg

Im Schwarzwald zu Hause, weltweit vor Ort

Die Arburg GmbH + Co KG ist

ein deutsches Familienunternehmen,

das weltweit zu den führenden

Maschinenherstellern für

die Kunststoffverarbeitung gehört.

Zu den Kunden zählen unter

anderem die Automobil- und

Verpackungsindustrie, Kommunikations-

und Unterhaltungselektronik,

Medizintechnik und der

Weißwaren-Bereich. Arburg ist

mit eigenen Organisationen in 25

Ländern an 33 Standorten und

über Handelspartner in mehr als

50 Ländern vertreten. Produziert

wird ausschließlich im deutschen

Stammwerk in Loßburg. Von den

rund 2.700 Mitarbeitern sind rund

2.200 in Deutschland beschäftigt,

weite re rund 500 in den weltweiten

Arburg-Organisationen.

Die Mitarbeiter sind laut Firmenangaben

durchweg hoch qualifiziert.

Die Betriebszugehörigkeit liegt

durchschnittlich bei 15,4 Jahren,

das Belegschaftsalter bei 40,6

Jahren. Aktuell werden 157 Azubis

und DHBW-Studenten in 15

Berufen ausgebildet.

2016 belief sich der konsolidierte

Umsatz auf 636 Millionen Euro

(2015: 596 Mio. Euro). Der Exportanteil

beträgt rund 70 Prozent.

Alle Schlüsselkomponenten werden

selbst hergestellt, so kommt

Arburg nach eigener Darstellung

auf einen hohen „marktuntypischen

Eigenfertigungsanteil von

rund 60 Prozent“.

Die Firmengründung erfolgte 1923

durch Arthur Hehl in Loßburg – daher

der Firmenname, eine Zusammensetzung

aus den ersten Buch -

staben des Gründer-Vornamens so -

wie den letzten Buchstaben des

Standorts. Arthur Hehl fertigte zu -

nächst medizinische Präzisionsinstrumente.

Am Gründungssitz

hält das Unternehmen seit jeher

fest. Das Motto lautet: Im Schwarzwald

zu Hause, weltweit vor Ort. gel

Produktionsstandort inmitten der „grünen Lunge“ des Luftkurorts Loßburg. Foto: Arburg

114


QuaLität

know-how

maschinen technoLogien

heimat des

spritzgiessens

marktführerschaft

Leidenschaft

weitbLick

innovation

Seitdem sich ARBURG mit dem Spritzgießen beschäftigt, geschieht das mit dem

Anspruch, die Heimat dieses Verfahrens zu sein. Weil es in unseren Genen liegt,

können wir gar nicht anders, als uns mit kompromissloser Konsequenz und Hingabe

der Weiterentwicklung und Perfektionierung des Spritzgießens zu widmen. Dabei

haben wir immer ein Ziel vor Augen: Ihren Erfolg.

www.arburg.com


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… sind Vertrauen und Kompetenz.

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