2008-03

durchblicksiegen

Inhaltsübersicht / Aus der Redaktion

Aus der Redaktion 03

Werbung Sparkasse 04

Preußendrill im Reichspost- und Telegrafenamt 05

Ein ungeliebter Gast 06

E Liffje es kän Liffjesbotze 07

Der neue Spielplan 07

Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie 08

Schöne Aussichten fürs Alter 10

Elisabeth Koch – Tochter aus „Kochs Ecke“ wurde 100 12

Wie der Magolwes zu seinem Namen kam 17

Als Rolf Kretzer noch den „Magolwes“ machte ... 20

Mittelpunkt des Kreises gefunden 21

Verlobung 23

Schulprojekt mit Altenheim 24

Es ist angerichtet 27

Der Kommentar 27

Aus dem Seniorenbeirat 28

Haushaltsnahe Dienstleistungen 30

Gedächtnistraining 32

Ein verlässlicher Begleiter 34

Jubiläumsimpressionen mit der Kamera eingefangen 37

„Entfalten“ 38

Zeichen der Jahre 38

Wikipedia, die freie Enzyklopädie 39

Organspende 40

Leserbriefe 49

Es fiel uns auf/Lösungen 50

Impressum/Zu guter Letzt 50

Unsere Redaktionskonferenzen sind immer turbulente Veranstaltungen! Das Bemühen

um Vielseitigkeit, auch innerhalb von zeit- und gesellschaftskritischen Beiträgen, lässt gelegentlich

die Meinungen härter aufeinanderprallen. Geht es doch um den gemeinsamen

Erfolg, um die Erstellung einer guten regionalen Zeitung für Menschen jenseits der „50“.

Die letzte Titelbildkonferenz übertraf aber alles bisher Dagewesene.

Zwei Fraktionen „stritten“ über den richtigen, zeitgemäßen Auftritt ihres „durchblick“.

Zur Auswahl stand neben dem jetzigen Titelbild auch eine Collage, mit der auf Seite 40

dieser Ausgabe Eberhard Freundts Essay über Organspenden eingeleitet wird. „Nicht

zumutbar für unsere LeserInnen“. „Die kritische und persönlich engagierte Betrachtung

des todernsten, wichtigen Themas findet in der reißerischen Darstellung keine Entsprechung.

Unsere LeserInnen sollen zwar von dem Inhalt des Berichts berührt und zu eigener

Meinungsbildung herausgefordert, aber nicht durch ein blutiges Titelbild geschockt und

erschreckt werden“, so der Tenor der Kritiker. Im Gegensatz dazu standen die Argumente

der Befürworter. „... unsere LeserInnen sind urteilsfähig“, „... dieses ernste Thema, das

in seiner Auswirkung kaum behandelt wird, ist sehr wohl ein Titelbild wert“. Darüber

hinaus empfand die Bildredaktion, in der die Collage unter der Federführung von Gottfried

Klör entstand, dass „ihr“ Bild sehr wohl eine passende Visualisierung des Themas

Organspende sei.

Durchgesetzt hat sich letztendlich ein ganz anderes Bild. Es illustriert den Beitrag

„Preußendrill im Reichspost- und Telegrafenamt“. Maria Anspach geht hier auf die

100-jährige Geschichte des alten Siegener Telegrafenamtes ein, das heute u. a. das weit über

Südwestfalens Grenzen hinaus bekannte Museum für Gegenwartskunst beherbergt.

Ihnen nun viel Freude beim Lesen des neuen durchblick.

durchblick 3/2008 3


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Sparkasse Siegen veranstaltet Messe rund ums Älter werden

Motorroller, Elvis Presley und Petticoats – jede Generation

hat ihre Trends, die heute entweder „Retro“ und damit

wieder hoch aktuell sind oder aber längst Geschichte. Als

man jung war, ganz egal in welchem Jahrzehnt, feierte man

Nächte durch, schlief in Zelten draußen auf dem Boden und

lebte auch gern mal sorglos in den Tag hinein.

Wenn man älter wird, ändern sich nicht nur die Ansprüche

an Wohnkomfort, Lebensqualität und Freizeitgestaltung,

sondern auch die sozialen Bedürfnisse und die eigene

Wertorientierung. Der Wunsch gebraucht zu werden, anderen

Menschen nützlich zu sein und Gutes zu tun, wächst

meist kontinuierlich mit zunehmendem Alter. Auch nach

Austritt aus dem Arbeitsleben möchten ältere Menschen

weiterhin eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe haben. Unerlässlich

für das Funktionieren der Mehrgenerationengesellschaft

leisten die „jungen Alten“ heute einen wichtigen

Beitrag dazu und tragen entscheidend zu einer gelingenden

Kommunikation zwischen Jung und Alt bei. Viele ältere

Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen oder

in gemeinnützigen Organisationen. Mit ihrem Fachwissen

und ihrer Lebenserfahrung unterstützen sie nachfolgende

Generationen und tragen so zur Stabilisierung und Weiterentwicklung

des sozialen Gefüges bei.

Was die Region Siegen für Ältere zu bieten hat, präsentiert

die Sparkasse Siegen am Samstag, 25. Oktober 2008,

von 10 bis 17 Uhr in ihrem Kundenzentrum an der Morleystraße

in Siegen und im angrenzenden Sieg-Carré. Die

Nach vier Monaten „lÿzloser“ Zeit gibt

es nun wieder jede Menge Kabarett,

Musik, Theater und Literatur in Siegens

St.-Johann-Str. 18. Zum Auftakt präsentiert

Altmeister Heinz Rudolf Kunze am

21. 9. nur mit der Gitarre bewaffnet

seine populärsten Hits von „Finden Sie

Mabel“ bis „Ich geh meine eigenen

Wege“. Einen Tag später kommen die

inzwischen in Siegen bestens bekannten

„Schwerdtfegers“ ins Lÿz und stellen

Mitten im Leben – und nicht von gestern!

Spielzeitbeginn im Lÿz

unter dem Titel: „Scheidung? Neues und

Haileids von den Schwerdtfegers“ ihre

Ehe auf eine harte Probe (21. 9.). In Sachen

Kabarett geht es weiter mit Gerlies

Zillgens & Bernd Gieseking (17. 10.) und

Ludwig Müller (25. 10.), später stehen

dann neben Django Asül (21. 3.), Konrad

Beikircher (11. 12.) u. a. auch Matthias

Deutschmann (26. 2.) und Serdar

Somuncu (25. 4.) auf dem Spielplan. Im

Rahmen der Lÿz-Literaturreihe besucht

Messe „Mitten im Leben!“ dreht sich rund um das Thema

älter werden und möchte eben jene Senioren ansprechen,

die zwar an Lebensjahren nicht mehr jung, dafür aber ganz

und gar nicht „von gestern“ sind. Eine Vielzahl von Ausstellern

aus den Themenbereichen Freizeit, Gesundheit und

Leben präsentiert sich mit ihrem Angebot, speziell auf die

Interessen von Senioren und der Altersgruppe „55 plus“

ausgerichtet. Wandern, ehrenamtliches Engagement, Sport,

gesunde Ernährung, Gehirnjogging und Reisen – das speziell

zugeschnittene Angebot ist vielfältig und wird ergänzt durch

thematisch passende Vorträge und Mitmach-Workshops. Damit

die Senioren von heute und von morgen ihren Ruhestand

sorglos genießen und ganz nach ihren eigenen Vorstellungen

gestalten können, sollten sie auch im Alter finanziell unabhängig

bleiben. Fachvorträge zum Thema Finanzen runden

daher das Programm ab. Dabei werden so wichtige Themen

abgedeckt wie „Erben und vererben“, „Finanzielle Absicherung

im Alter“ oder auch „Pflegeversicherung“. Eine Anmeldung

für die Vorträge ist nicht erforderlich – alle Interessierten

sind herzlich eingeladen vorbeizuschauen.

Das komplette Messeprogramm sowie den Veranstaltungsplan

mit allen Fachvorträgen und Workshops finden

Sie ab Anfang Oktober im Internet unter www.sparkassesiegen.de.

Interessierte können ab Oktober auch einen

Programmprospekt in allen Filialen der Sparkasse Siegen

erhalten. Der Besuch der Messe ist kostenlos.

Armin Benfer

Musik, Theater,

Kabarett & Varieté:

mit Charlotte Roche (22. 11.) eine echte

Grimme-Preisträgerin den Siegener

Kleinkunsttempel, doch auch schriftstellerische

Geheimtipps wie Jens Thomas‘

„Goethe! Gesang der Geister“ (27. 9.)

versprechen teils ernste, teils witzige

und auf jeden Fall immer spannende

Lesungen. Wer jetzt mehr wissen will,

kann das komplette Programm kostenlos

unter Tel. 0271/333-2448 anfordern oder

auf www.Lyz.de nachlesen.

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4 durchblick 3/2008


Historisches

Preußendrill im Reichspost- und Telegrafenamt um 1900

Das Museum für Gegenwartskunst am Unteren Schloss ist

von Anfang Juni bis Ende September mit der großen Retrospektive

zum 100. Geburtstag des 8. Rubenspreisträgers der

Stadt Siegen, Rupprecht Geiger, zum überwiegend rot leuchtenden

Anziehungspunkt für Stadt und Region geworden.

Als der Künstler den Preis am 28. Juni 1992 im Haus

Seel aus der Hand von Bürgermeisterin Hilde Fiedler in

Empfang nahm, war er – wie den Tageszeitungen zu entnehmen

war – „begeistert von der Stadt Siegen und ihrer

städtischen Galerie.“ Ganz sicherlich hätte seine Begeisterung

noch ganz andere Ausmaße angenommen, wenn er

die Wirkung seiner Farbexplosionen in dem historischen

Gebäude am Unteren Schloss erlebt hätte. Hier ist dem Architekten

eine Synthese zwischen erhaltener Bausubstanz

und herausragender moderner Planung und Gestaltung im

Inneren gelungen.

So etwas gelingt nicht immer. Als am 18. Juni 1894

das Reichspost- und Telegrafenamt mit 128 Fernsprechanschlüssen

an der heutigen Poststraße eröffnet wurde, war

von Lebendigkeit und Einfallsreichtum im Innenleben des

Neubaus kein Hauch zu spüren.

Das Gebäude, damals in den Formen früher Renaissance

mit Anklängen an gotische Stilformen erbaut, ergänzte

wunderbar die malerische Anlage in dichter Nähe

zum Schlosskomplex. Aber der Postbetrieb mit den engstirnigen

Bestimmungen der Reichspost und überlieferten Vorschriften

aus alten Revisionsbüchern des Postamtes Siegen,

bildeten mit der repräsentativen Dienststelle zweifellos keine

harmonische Synthese. Nur einige Beispiele:

Für die sogenannten „unteren Beamten“ war von der

Reichspost zunächst eine Arbeitszeit von 60 Wochenstunden

festgesetzt. Von den Landbriefträgern wurden noch um

die Jahrhundertwende 9 Wochenstunden und eine tägliche

Wegeleistung von 28 Kilometern verlangt.

Vor dem Einzug ins Telegrafenamt war das Postamt

mit einem einzigen Schalter im Wittgensteiner Flügel des

Schlosses untergebracht. Aus dieser Zeit verraten die alten

Revisionsbücher Erstaunliches. 1877 bittet der einzige Siegener

Oberpostsekretär die Obrigkeit gehorsamst, „durch

dauernde Überlassung eines Reservebeamten die ordnungsgemäße

Erledigung des vermehrten Arbeitspensums

hochgeneigt erleichtern zu wollen.“

Der Revisor hatte darauf zu achten, dass die Beamten

und Unterbeamten „ein geordnetes, sittliches Bild, angepasst

an den Dienstbetrieb“, abgaben. Da hieß es: „Es

wurde beobachtet, dass „ein Unterbeamter im Dienst keine

Halsbinde trug. Solche Zuwiderhandlung wird bestraft.“

Zu dieser Zeit wurde registriert, dass in einem Verzeichnis

über das Postinventar ein Spucknapf fehlte. Als sich herausstellte,

dass dieser Spucknapf irrtümlich unter anderer

Nummer doppelt eingetragen war, hatte das Postamt die

Streichung des doppelten Spucknapfes schriftlich zu beantragen.

Solche Notizen können heute Mut machen, wenn

1894 wurde das Reichspost- und Telegrafenamt mit

128 Fernsprechanschlüssen eröffnet.

das Arbeitsklima mal verstimmen kann. Aber auch für die

Post kamen schließlich andere Zeiten. Allerdings, Kontrolleure

mit Spürnasen gibt es wohl immer noch, und nicht

nur bei der Post.

Zurück zur Entwicklung: Bereits 1860 war die Errichtung

einer eigenen Reichspost geplant. Der Telegrafenbetrieb

wurde 1862 mit drei Beamten und vier Apparaten

eröffnet. Aber erst 1889 stand das Grundstück des sogenannten

„Halbmondtorgebäudes am Pfuhl“, dem ehemaligen

stadteigenen Zugang zum Schloss, dafür zur Verfügung.

Die Baukosten waren auf 246000 Mark veranschlagt. Der

runde Treppenturm und der massive Unterbau des Fernsprechturmes

wurden im Laufe des Sommers 1893 errichtet.

Eine Fernsprechleitung Siegen–Hagen wurde dem Verkehr

übergeben. Der erste Spatenstich für das Reichspost- und

Telegrafengebäude folgte im Mai 1892, zwei Jahre später

dann die Eröffnung. Was heute daraus geworden ist, kann

sich sehen lassen.

Die drei Beamten mit vier Apparaten von 1862 würden

staunen, wenn sie das noch könnten.

Maria Anspach

Foto gefunden in: „Siegen in alten Ansichten“ (die damals Reihe)

durchblick 3/2008 5


„Hör“, sagte sie zu ihm. „Mhm“, knurrte er nur kurz

und beschäftigte sich weiter mit seinem Hobby. „Der muss

weg“, redete sie weiter und klopfte dem Herrn Gemahl dabei

kurz auf die Schulter. Das war eines

der kleinen Mahnzeichen, die er zur Genüge

kannte. Er drehte sich um und sah

seiner Frau in die bereits leicht blitzenden

Augen. „Also“, fragte er, „wer sitzt bei

uns am Tisch und isst uns etwas weg“?

„Es ist kein ‚Er‘, sondern eine ‚Sie‘„war

die Antwort, „und ‚Sie‘ ist eine Maus“!

„Sitzt ‚Sie‘ auf dem Stuhl oder auf dem

Schemel, und kann, Sie‘ auch mit Messer

und Gabel essen“? – sprudelte es aus ihm

heraus.

Frauchen fühlte wohl, dass sie auf den

Arm genommen wurde und setzte in ihrer

Stimme die Hochtöne in Kraft. „Lass

deine Witze, die Maus muss weg, nicht

nächste Woche oder irgendwann, sondern

gleich morgen“. – „Ja, ja“, sagte er, denn

er wusste, wenn die Hochtöne klirrten, gab es kein Entkommen

mehr. Er wollte nur noch kurz einwenden, wo man das

graue Tierchen denn wohl fände, legte sie ihm auch schon

die genauen Ortskenntnisse und den festen Plan vor.

„Im Garten, neben der Blautanne kommt der Aus- und

Eingang – das Mauseloch – aus der Erde, dort kann man

‚Sie‘ schnappen!“ „Klar, Klar, mein Schatz“, sagte er und

drückte seinem klugen Frauchen ein Küsschen auf die Stirn.

„Ich weiß auch schon wie!“ Man merkte, dass auch der Herr

des Hauses jetzt vom Jagdfieber gepackt war. „Wir werden

‚Sie‘ ertränken!“ – „ach du Klugscheißerle, wie soll das

denn gehen? Hier gibt es weder Bach, Fluss noch Teich.

Willst du ‚Sie‘ etwa im Kochtopf ersäufen“? – „Warte nur,

du wirst schon sehen, wie geschickt dein Ehemann im Mäusefangen

ist.“

Am nächsten Tag war alles parat. Der Mann trug den

Gartenschlauch um den Hals, in der rechten Hand einen

Am Dicken Turm

Peter Müller | Kölner Straße 48 | 57072 Siegen | 0271 53616

Unterhaltung

Ein ungeliebter Gast

Zutrauliche Feldmaus

Spaten, in der linken eine schwere Spitzhacke, die er seiner

Frau in die Hand drückte.

Da stehen wir nun, bewaffnet bis an die Zähne, aber

die Maus lässt sich nicht sehen. „Wollen

wir beide hier Wurzeln schlagen?“

„Wart’s ab“, sagte er ziemlich gelassen.

Er schloss den Schlauch an den Kran

an und schob das andere Ende so weit

er konnte in das Mauseloch. „Ja, und

jetzt“, sagte sie – „jetzt bläst du in den

Schlauch, bis ‚Sie‘ rauskommt“. – „Ne,

ne, das geht so. Ich hole ganz tief Luft

und saug das Mäuschen an. Sollst Sehen,

eins, zwei, drei, springt ‚Sie‘ mir

auf die Nase“. „Hör auf mit deinen Witzen,“

sagte die Frau, und „tu, was du tun

wolltest.“

Er drehte den Wasserhahn auf und

hörte, wie das Wasser in die Mäusegänge

floss. „Gleich kommt ‚Sie‘ raus“,

sagte er frohlockend – aber auch nach

einiger Zeit tat sich nichts. Nun sahen beide schon ein wenig

betribbelt aus. „Dreh den Hahn zu“, sagte sie, „das Wasser

ist so teuer, so viel ist die Maus nun auch nicht wert“.

– „Na, wer wollte das Mäuschen weg haben, du oder ich?

– Jetzt wird weitergemacht. Ich lasse mich doch nicht von

so einem Winzling an der Nase herumführen“. – „‚Sie‘ hat

eben ein großes Haus, viele Gänge. Denk mal, wie die Monacos

leben – die Paläste könntest du auch nicht so schnell

unter Wasser setzen. Also weiter – Wasser marsch“! Er

stützte sich auf den Spaten, sie auf die Hacke, und beide

starrten auf das Mauseloch.

Da, auf einmal schoss ‚Sie‘ heraus. Platschnass blieb sie

vor ihrem Hauseingang, dem Mäuseloch, stehen. „Oh je,

oh je, die hast du aber geschockt! Die läuft ja nicht einmal

weg“! Sie prustete sich wie ein Hund, damit das Fell trocken

werden sollte. Immer und immer wieder rieb ‚Sie‘ sich

mit den kleinen, rosaroten Vorderfüßchen über Gesicht und

Schnäuzchen. Dann guckte sie ihre Verfolger sogar an! Die

Frau beugte sich etwas vor und hauchte: „Ach, ist die süß“!

– und der Mann meinte, „ob wir uns bei ihr entschuldigen

sollten, so ein reizendes Geschöpf“.

„Ich hole ein Stückchen Käse“, sagte die Frau – aber der

Mann sagte: „Wenn du dich jetzt bewegst, läuft sie fort.“

„Du hast recht“, pflichtete sie ihm zu und blieb, wie ihr

Mann, regungslos mit einem Lächeln im Gesicht stocksteif

stehen.

Die Maus aber schaute die Beiden verächtlich

an und ging dann – sie rannte nicht – davon.

Gute Wünsche von Frauchen und Mann begleiteten sie.

Dann schauten die beiden sich fragend an „was wollten

wir eigentlich mit dem Werkzeug?“

Inge Göbel

6 durchblick 3/2008

Foto und Bearbeitung: durchbölick Bildredaktion)


Unterhaltung

E Liffje es kän Liffjesbotze

Jong on Al, de Mannsli on de Wibsli, kainer bleb ferschoant

d’rfoar, Liffjer on Liffjesbotze azedo en dä domolije

Zitt. Gearn wuern se net gedrät. Si mossden agedo wearn,

wailet sost niks gob bes zo Afang d’r drissicher Joarn.

Linnet woar d’r rechdje Liffjesschdoff. Fa onner de Arme

a bes en de Taille, foar d’r Brost, mänchmo och henne

gegnäbbt on gehale met braire Schdoffdräger, e bessje afgeschdäbbt,

zemmlich eng, dat woar e Liffje.

Et gob Liffjer, di hadden foarn on henne onne am Rand jewails

zwo Gnäbbe ofgenät. Do dra wuern da Schdrombbänner

uss Gummi met Lochern agegnäbbt. Et gob ner och, do

wuern Schdoffbänner ewer de Dräger genät, so lang, em

och als Schdrombbänner benotzt ze wearn.

Min Modder hät, wi de maisde Froue, de Liffjer ewerhaubt

net gearn gedrät. „Di drecke ainem oawerem alles

zesame“, säde se emmer, wann d’rfa geschwatt wuer.

Als ech domols so witt woar, darrech „Figuer“ gräj, do

kaufde mier min Modder dat, wat si zo earer Zitt woal och

arich gearn gehat hädde. Aijentlich woaret jo noch wat ze

fre foar dat scheane rosa Schbetze BH-che. Min jengere

Schwäsder säde da och glich: „Oh! Was für ein süsses Mirabellen-Etuichen.“

Wi got, darret kän Liffjer me get. De moderne Zitt

brengt ho of d’n Mart en richer Usswal Korsetts, Korseletts,

Hefthalder on -haldercher, bondich orrer nuer en ainer Farb,

met on one Schdrombbänner. M’r sät Schdrabbse d’rzo. On

dat da alles met on one Schbetzde, zom Agucke on zom

Amache. Nä, wat ha mier et ho got.

Dienstag, 4. November 2008

DIE GALANACHT DER DEUTSCHEN TENÖRE

Zauber der Musik

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Weihnachten mit

den Kastelruther

Spatzen

Freitag, 16. Januar 2009

Helene Fischer

live mit Band

Dienstag, 20. Januar 2009

Das Überraschungsfest

der Volksmusik

präsentiert von Florian

Silbereisen

En en Liffjesbotze schdijj m’r ren wi ho en en „Overal“.

Och do mossden Baumwollschdoffe foar hearhale. Em

Sommer denne, en d’r Wenderzitt schea warm ageraude.

D’rbi moss m’r noch sä, et gob se one, met halwe on met

lange Arme, met kuerze on met lange Bain.

En Liffjesbotze wuer och gegnäbbt fa oawe fa d’r

Brost a bes ronner wo de Botzebain afänge. Fa do uss

da woar de Liffjesbotze hennerem geschletzt, also offe,

nuer d’r Schdoff geng e bessje ewernanner, domet alles

bedäckt sin soll.

Donnerstag, 12. März 2009

BAP

Radio-Pandora-

Tournee

Donnerstag, 26. März 2009

HELMUT LOTTI

Tournee 2009

Ech ka mech got dra erennern wi di Denger bi minner

Groasmodder zom Drijje of d’r Wäschelain hengen on of

d’r Wes zom Blaiche logen: Foarn ronner gegnäbbt on hennerem

geschletzt.

Gerda Greis

Infos: www.siegerlandhalle.de

Eintrittskarten erhältlich bei allen

CTS-Vorverkaufsstellen.

Telefonischer Kartenservice: 0271 5940-350

durchblick 3/2008 7


Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie

Seine Bezüge zu Siebenbürgen

Brukenthal-Palais, in diesem Barockbau begann

Hahnemann seine Karriere als Arzt.

„Ihr sollt sehen auf den Grund des Menschen“

(Paracelsus 1493–1541).

Es war der 3. Oktober 1777, als der 22-jährige Samuel

Hahnemann im Gefolge des kaiserlichen Gouverneurs von

Siebenbürgen, Samuel Brukenthal, nach Hermannstadt kam.

Hermannstadt war damals die Verwaltungshauptstadt von

Siebenbürgen und hatte etwa 10 000 Einwohner und sechs

Apotheken. Hier sollte er seine Arztkarriere als Leibarzt und

Bibliothekar des kaiserlichen Statthalters Samuel Freiherr

von Brukenthal (1721–1803) beginnen. Zwei Jahre zuvor

konnte er das Medizinstudium an der Leipziger Universität

aufnehmen. Danach

beschloss

er nach Wien zu

kommen, um an

der damals führenden

Medizinschule

Europas

klinische Heilkunde

zu studieren.

Der berühmte

Professor und

Leibarzt Maria

Theresias, Josef

Quarin schätzte

den lernbegierigen

Studenten

sehr. Etwa ein

Dreivierteljahr

später vermittelte

er ihm eine

Leibarztstelle

bei Samuel von

Brukenthal, der

Personen

Foto: Dorothea Istock

sich gerade anlässlich seiner Ernennung zum kaiserlichen

Statthalter von Siebenbürgen in Wien aufhielt. Diese Stelle

kam Hahnemann zugute, da seine finanziellen Mittel für

das weitere Studium zu Ende waren und von seinen Eltern

keine Hilfe zu erwarten war. Hahnemann, der 1755 in Meißen

geboren wurde, stammte aus ärmlichen Verhältnissen.

Sein Vater, ein Porzellanmaler hatte kein rechtes Verständnis

für die Studienpläne seines Sohnes, dank mütterlicher

Unterstützung war es möglich gewesen das Studium aufzunehmen.

In Hermannstadt wohnte Hahneman im Gästezimmer

des Brukenthal-Palais, ein schöner Barockbau mit bauplastischer

Ausstattung. Die zahlreichen Räume waren mit

Stuckdekoration, Holztäfelung, Tapeten, Spiegel, Kristalllüster,

Kachelöfen ausgestattet und dienten als Wohnräume,

Empfangszimmer, Arbeitskabinette, Gästezimmer, Bibliothek

und für seine vielseitigen Sammlungen. Brukenthal

war ein Kunstliebhaber und ein leidenschaftlicher Sammler

von Gemälden, Büchern, Münzen und anderen Kunstgegenständen.

Mit dem Bau, der Ausgestaltung und Einrichtung

des Palais sind bedeutende Meister beauftragt worden.

Heute ist das Palais Museum, in dem sein geistiges Erbe

untergebracht ist. Es gehört zu den bedeutendsten Bauten

Hermannstadts.

Hier widmete sich der junge Arzt hauptsächlich der

Ordnung der großen Privatbibliothek und der wertvollen

Münzensammlung seines Gönners.

Die Bibliothek zählte zu der Zeit etwa 10 000 Bände,

76 Wiegendrucke und etwa 200 Handschriften. Die Bücherei

umfasste alle damaligen Wissensgebiete – Geschichte,

Staatswissenschaften, Geografie, Mineralogie, Medizin,

Archäologie, Numismatik, Kunst und Transilvanica in

deutscher, französischer und englischer Sprache. Hahnemann

beherrschte sieben Sprachen, was ihm sicherlich seine

Arbeit erleichterte. Es waren vor allem medizinische und

naturwissenschaftliche Werke, die er für den Baron katalogisierte.

Zeitlich umfasste die Bücherei Produkte aus den

Anfängen des Buchdrucks bis Ende des 18. Jahrhunderts.

Hahnemann beschäftigte sich auch mit der Ordnung der

Münzensammlung. Über die schrieb er: „Sie kann keiner

anderen Sammlung gleichgesetzt werden. Sie enthält römische,

griechische und siebenbürgische Gold und Silbermünzen

von großem Wert, insgesamt etwa 17 500 Stück.“

Einzelheiten über seine ärztliche Tätigkeit, die allerdings

nicht besonders intensiv gewesen sein dürfte, sind kaum bekannt.

Er soll seinen Gönner, der häufig an Kopfschmerzen

litt, mit einer Mischung von Chinarinde und Milchzucker

behandelt haben.

Es ist anzunehmen, dass Hahnemann den Gouverneur

auf dessen Dienstreisen durch Siebenbürgen begleitete und

dabei Land und Leute kennengelernt hat und mit der siebenbürgischen

Volksheilkunde in Berührung kam. Ob und

8 durchblick 3/2008


Personen

Foto: Fritz Fischer

Im Mittelalter galt Lorbeer

als Heilmittel gegen die Pest.

in welcher Form diese

Erfahrungen später in die

Entwicklung seiner Lehre

mit eingeflossen sind,

kann allerdings nicht endgültig

beurteilt werden.

Besser als über die

Heilpraxis Hahnemanns

in Hermannstadt sind wir

über das gesellige Leben

im Palais des aufklärerisch

gesonnen Juristen

Baron Samuel von Brukenthal

informiert, wo

fast jeden Abend Empfänge

stattfanden, bei denen es zu anregenden gelehrten

Gesprächen bei Kerzenschein kam. Außerdem gab es

auch andere Formen der exklusiven Geselligkeit, nämlich

die Freimaurerlogen an denen Hahnemann teilnahm.

Hohe Würdenträger, prominente Künstler, Literaten und

Gelehrten, darunter auch Stadtärzte waren Mitglieder der

Freimaurerlogen.

Hahnemann schreibt in seiner Selbstbiografie über die

Zeit in Hermannstadt Folgendes: „Hier hatte ich die Gelegenheit,

noch einige andere mir nötige Sprachen zu lernen

und einige Nebenwissenschaften mir zu eigen zu machen,

die mir zu fehlen erschienen. Seine (Brukenthals) unvergleichliche

Sammlung antiker Münzen brachte ich, sowie

seinen Büchervorrat, in Ordnung und zu Papier, praktizierte

sieben Vierteljahre in dieser volkreichen Stadt und schied

dann, obwohl sehr ungern, von diesem biedern Volke, um

in Erlangen den Doktorgrad zu erwerben, welches ich nun

aus eigenen Kräften tun konnte.“

Nach etwa 20 Monaten verließ er die Stadt und kam im

April 1779 nach Erlangen. Im August 1779 promovierte er

an der Universität in Erlangen und erhielt den Doktorgrad.

Nach einem unsteten Wanderleben ließ er sich in Torgau

an der Elbe nieder.

Der wissbegierige Forscher widmete sich immer mehr

der Chemie und Pharmakologie. Er fasste seine Erkenntnisse

in Lehrsätzen zusammen. Seine erste, 1796 formulierte

Erkenntnis lautete: „Man wende in der zu heilenden

Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere,

möglichst ähnliche Krankheit zu erzeugen imstande ist und

jene wird geheilt.“ Sechs Jahre prüfte er diese Hypothese,

dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ geheilt werden könne.

Seine Familie und seine Freunde mussten für zahlreiche

Versuche mit verschiedensten Arzneimitteln herhalten.

Seine Lehrsätze und die Ergebnisse seiner Arzneimittelprüfungen

veröffentlichte er 1796 in einer damals angesehenen

medizinischen Zeitschrift. Dieses Datum gilt als

Geburtsstunde der Homöopathie.

Der Kern der Hahnemann’schen Homöopathie lautet:

Um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, wähle

eine Arznei, die ein ähnliches Leiden erregen kann wie sie

heilen soll. Die Arzneistoffe

werden zum Teil

extrem niedrig dosiert,

wobei der Wirkstoff meist

in Dezimalpotenzen verdünnt

wird. Die Wirkung

der Arzneistoffe werden

durch seine fortschreitende

Verdünnung potenziert.

Demnach versteht ein

Homöopath das Heilen

nach dem Ähnlichkeitsund

Verdünnungsprinzip.

Schlafmohn wird in der

Pharmacie u. a. zu Schmerzmittel

verarbeitet.

Die hochverdünnten

Wirkstoffe sollen die körpereigenen

Selbstheilungskräfte aktivieren, somit werden

Erkrankungen nicht massiv durch Gegenmittel bekämpft.

Nebenwirkungen treten dank der Verdünnung nicht auf.

Seine Lehre widersprach dem damals medizinischen

Denken, obwohl das Ähnlichkeitsprizip schon seit Hippokrates

Zeiten bekannt war. Es entfachte sich darüber eine

leidenschaftliche Diskussion, die noch bis heute anhält.

Aus Sicht der Patienten ist der Streit der Medizintheoretiker

überflüssig, denn wer zu heilen vermag, hat in der

Regel recht.

Mittlerweile spielt dieses Heilverfahren in der modernen

Naturheilkunde eine hervorragende Rolle und wird

auch vermehrt von Schulmedizinern angewendet.

Samuel Hahnemann starb am 2. Juli 1843 in Paris. Sein

Grab liegt heute auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise,

wo ein prächtiges Grabdenkmal an den weltbekannten

Mediziner erinnert.

Dorothea Istock

Foto: Fritz Fischer

durchblick 3/2008 9


Buchbesprechung

Schöne Aussichten fürs Alter

Wie ein italienisches Dorf unser Leben verändern kann

Tiedoli, ein kleines Dorf in den Bergen der italienischen

Provinz Emilia Romagna, ist der Ausgangspunkt des Buches

von Dorette Deutsch. Die

Reportage zeigt am Beispiel

des „Wunders von Tiedoli“ eine

realistische Perspektive für

ein gutes Leben im Alter.

Alles fing damit an, dass

Mario Tommasini, ein angesehener

Sozialpolitiker, auf

dem Markt fünfzig Gänse

kaufte und direkt zur Provinzregierung

brachte, damit diese

durch das Geschrei endlich

aus dem Tiefschlaf gerissen

wird. Sein Ziel ist es Altenheime

überflüssig zu machen.

Dazu geht er zum Bürgermeister

der Kreisstadt Borgetaro und

sagt zu ihm: „Gib mir den

gottverlassensten Weiler, den

du hast.“: Und damit beginnt

die Verwirklichung eines

utopisch anmutenden Altenprojekts

in den ligurischen

Bergen.

Bevor das Altenprojekt

begann, war das Dorf nahezu

ausgestorben. Viele Menschen

waren von dort weggezogen,

weil es außer in der Landwirtschaft keine Arbeitsmöglichkeiten

gab. Parallel zur besseren und billigeren Betreuung

von alten Menschen, war es von Anfang an wichtig

junge Leute zum Bleiben beziehungsweise zur Rückkehr

zu bewegen und Arbeitsplätze für die jüngere Generation

zu schaffen. Durch die Integration in eine „normale“

Dorfstruktur sollte das Leben

im Alter aus der Sanatoriumssituation

herausgeholt werden.

Nicht nur alte, sondern auch

junge Menschen sollten hier

leben können. Inzwischen leben

in Tiedoli die Generationen

wieder miteinander. Es wird im

Buch an vielen persönlichen

Beispielen gezeigt, dass das

Experiment gelungen ist.

Wie diese Idee allmählich

Wirklichkeit wurde, wie viele

Menschen – außer dem charismatischen

Mario Tommasini

– dabei mitgeholfen haben,

welches Misstrauen und welche

Schwierigkeiten überwunden

werden mussten, das alles

erzählt die deutsch/italienische

Autorin so warmherzig, dass es

eine Freude ist ihr Buch zu lesen.

Es ist außerdem spannend,

weil man als Leser gespannt

auf den weiteren Verlauf des

Geschehens ist.

Das Buch berichtet dann

von weiteren Initiativen, Wohnmodellen

und Menschen mit neuen Ideen (auch in Deutschland),

die unser Leben im Alter besser aussehen lassen. Das

alles für 7,95 Euro.

Horst Mahle

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10 durchblick 3/2008


Stadtgeschichte

Elisabeth-Koch-Tochter aus „Kochs Ecke“ wurde 100

Neubeginn nach der Zerstörung vom April 1945

Als Elisabeth Koch am 5. Juli in einer Pferdekutsche

zur Feier ihres hundertsten Geburtstags vor dem Restaurant

Pfeffermühle vorfuhr, wussten nur wenige aus der großen

Zahl der geladenen Gäste, dass die Jubilarin besondere

Erinnerungen mit von Pferden gezogenen Wagen verbindet.

Ihr Geburtshaus an Kochs Ecke, dem Verkehrsknotenpunkt,

der den Namen der Siegener Familie

trägt, wurde 1854 vom Erbauer Karl Koch als

Gasthof mit Bäckerei, aber damals auch als Pferdeumspann

konzipiert. Im Intelligenzblatt vom 12. September 1854

kündigt er den Umzug „in das von mir neu erbaute Haus“

an, und bittet um „geneigten Zuspruch“. Die Fuhrleute, die

ihre Ware über die Landesgrenze transportierten, waren in

den ersten Jahren des Betriebs Stammgäste an der Theke,

während ihre Tiere sich im Stall erholten.

Nachdem im April 1945, zwei Wochen vor Kriegsende,

ein Bombenangriff auf Siegen das Haus mit Gasthof und

Bäckerei zu Schutt und Asche verwandelt hatte, richteten

die Kochs im noch erhaltenen Pferdestall ein Übergangsquartier,

die sogenannte „Futterkrippe“, für ihre Gäste ein,

während auf dem Grundstück der Wiederaufbau begann.

Vor der echten Futterkrippe mit den eisernen Ringen, an

denen früher die Gäule angekettet wurden, standen helle

Holztische, Stalllaternen spendeten behagliches Licht. Es

ging wieder aufwärts.

Zum hundertjährigen Jubiläum von Elisabeth Koch zeigte

eine von den Angehörigen liebevoll zusammengestellte

Diaschau in Schlaglichtern die wechselvollen Stationen im

Leben der Zeitzeugin durch ihr Jahrhundert, zugleich mit

Hintergrund der Lokal- und Familiengeschichte.

Die Chronik der Familie Koch führt über zehn Generationen

zurück in die Zeit des dreißigjährigen Krieges und

ist eingebettet in fünf Jahrhunderte. Es sind nicht nur die

großen Denker, Vollender und Verwandler, die am Gesicht

ihres Jahrhunderts feilen. Das Heer der regierten „kleinen

Kochs Ecke heute

Leute“, die Handwerker, Kaufleute, Landsknechte, Arbeiter

und Bauern, zimmerten prägend mit am Zeitbild mit

ihren Geschicken, Gefühlen, Gedanken und Taten.

1649 erwirbt der Schuhmacher Henrich Koch aus „bach“,

als künftiger „Gaffelknecht“ mit seiner Unterschrift und

einem Obolus das Bürgerrecht der Stadt Siegen, mit dem

die Bürgergeschichte der Handwerkerfamilie Koch beginnt.

1650 ist sein Name in der Schuhmacherzunft zu finden, der

vornehmen Bruderschaft, die als einzige unter den Zünften

über ein eigenes Haus, die sogenannte Gaffel verfügte.

Das wirtschaftliche Leben stand noch im 17. Jahrhundert

zur Zeit der unbeschränkten Fürstenherrschaft ganz

unter dem Einfluss der Zünfte, die ihrerseits von den strengen

Verordnungen der Landesregierung abhängig waren.

Mit seinen konfessionell zerstrittenen Linien bot das

Fürstentum das typische Bild deutscher Kleinstaaterei. So

stand die Stadt Siegen, auch mit den Ortschaften Vor dem

Hain, Sieghütte und Hammerhütte, unter dem Diktat dieser

Gesetze. Ein Blick auf die Verordnungen und Vorschriften

aus „nassauischen und teutschen Ländern ottonischer

Linie“ zeigt auf, welchen erniedrigenden Zwängen sich die

Untertanen unterwerfen sollten.

Was Henrich Koch, der bis zu seinem Tod drei Mal

verheiratet war, bei Gesetzesverstößen „Erschreckliches“

zu befürchten hatte, zeigt eine Rechtsverordnung aus dem

17. Jahrhundert. Da heißt es unmissverständlich: „Wegen

Ehebruchs mit einer Ehefrau soll die Mannsperson mit

dem Schwerte oder Wasser hingerichtet werden.“ Heute

geschieht Ähnliches höchstens in Eigeninitiative, zum

Beispiel wenn ein betrogener Partner mit einem rächenden

Messerstich Selbstjustiz übt. Der Staat hält sich da raus.

Auch beruflich drohten den Bürgern bei Gesetzesverstößen

harte Strafen. Die Wirte brauten ihr Bier selbst

unter strenger Kontrolle von Bürgermeister und Rat. Der

bei Weinproben geschätzte Wert wurde an die Türpfosten

12 durchblick 3/2008


Stadtgeschichte

der Gaststube geschrieben. Bei Panschereien durfte der

Ertappte „hinfüro sein Lebtag nie wieder zappen.“ Gastfreundschaft

und tätige Nächstenliebe waren ebenfalls

strengsten Geboten unterworfen. Soziale Gesichtspunkte

hatten da keine Chance. Im Wortlaut ist zu lesen: „Wer die

Geborgenheit innerhalb einer Zunftgemeinschaft nicht

nachweisen kann, soll an den Pranger gestellt und mit

Ruten ausgestrichen werden. Hehler und Herberger, welche

solchem Gesindel Essen und Wohnung geben, sollen

an Leib und Leben bestraft werden. Wer solche Personen

entdeckt, dass sie ergriffen werden, soll bei Verschweigen

seines Namens eine Belohnung erhalten.“

Johannes Koch, der letzte Zunftmeister der Gastwirts-

und Bäckerfamilie Koch, die durch vier Generationen

der Bäckerzunft angehört hatte, erlebte noch kurz

vor seinem Tod 1815 das Ende der Zünfte. Im großen

Sitzungssaal des Siegener Rathauses wurde das Fürstentum

Nassau Siegen an die Beauftragten des Königs von

Preußen übergeben.

Heinrich Koch, Enkel des Gründers von Kochs Ecke

und Vater der Geschwister Ernst und Elisabeth, erhielt

1907 die Wirtekonzession für sein Elternhaus. Hundert

Jahre später denkt Elisabeth Koch an ihre Kindheit zurück.

Sie erinnert sich an die Mobilmachung 1914, den

Auszug der Soldaten, die von der jubelnden Bevölkerung

auf der Koblenzer Straße flankiert wurden. Da war

sie gerade frisch eingeschult. Die Vollendung der Ausbaupläne

für das stattliche Schieferhaus mussten wegen

Einberufung von Gastwirt Heinrich Koch zurückgestellt

werden.

Sorgfältig gebündelt und aufbewahrt hat Elisabeth Koch

die Briefe ihrer Eltern aus den ersten beiden Kriegsjahren.

Der Briefwechsel zwischen Front und Heimat wirft ein

Licht auf den Siegener Kriegsalltag. Lina Koch schreibt

im Februar 1915 an ihren Ehemann: „Du fragst, wie ich

mit der Bäckerei fertig werde. Soweit ganz gut, obwohl wir

strenge Vorschriften haben. Jetzt dürfen wir nur Einheitsbrötchen,

Einheitsbrot und Kriegszwieback backen: Man

kann jetzt mehr verkaufen als backen, weil jeder für Vorrat

sorgt.“ Der Mann an der Front schreibt zurück: „In dieser

schweren Zeit erkennt man erst, was ein treues, herzensgutes,

pflichtbewusstes Weib dem Manne wert ist.“ Lina

Koch starb 1916 im 30. Lebensjahr. Die Doppelbelastung

als Geschäftsfrau und Mutter hatte ihre Kräfte überfordert.

Die Rolle der zweiten Mutter übernahm Haushälterin

Wilhelmine Nolte, die Jahre später Heinrich Kochs Frau

wurde. Der Kriegsheimkehrer hat seine Umbaupläne noch

verwirklichen können. Technischer Fortschritt und die

wirtschaftliche Entwicklung ließen die verschlafene Bergmannsstadt

in den kommenden Jahren nach und nach zu

einer Kleinstadt mit blühender Industrie werden. Der Ausbau

neuer Straßen- und Bahnlinien hatte das Siegerland aus

der Verkehrsferne befreit. Der um mehrere Fremdenzimmer

erweiterte Hotelbetrieb wurde für Reisende aus dem In- und

Ausland eine begehrte Adresse.

Statt der rumpelnden Pferdekutschen brausten jetzt

Benzinkutschen über die Koblenzer Straße. Eine Berliner

Zeitung begrüßte das neue Transportmittel enthusiastisch:

„Die Verbesserung der städtischen Lebensbedingungen

durch Einführung der Motorwagen kann nicht hoch genug

geschätzt werden. Die Straßen bleiben sauber und geruchlos,

befahren von Fahrzeugen, die sich auf Gummireifen

sanft und geräuschlos dahinbewegen. Ein großer Teil der

Nervenbelastung des modernen Lebens kann dadurch beseitigt

werden.“

Heinrich Koch erkannte die Zeichen der Zeit und richtete

vor dem Gasthaus in der Mitte der heutigen Straßenkreuzung

eine Tankstelle ein.

Sein Sohn Ernst Koch kam nach gründlicher Ausbildung

als Bäckermeister und Konditorgeselle nach Hause

zurück. Sein Vater hatte das Gasthaus um einen geräumigen

Laden und neue Fremdenzimmer erweitert. Ernst sollte, unterstützt

von Schwester Elisabeth, Backstube und Konditorei

übernehmen, während der Vater mit Frau Wilhelmine

den Gastbetrieb führen wollte. Aber wieder machte der Tod

Pläne und Hoffnungen zunichte. Heinrich Koch starb 1935,

kaum ein Jahr nach Vollendung des Umbaus.

Die Pläne Adolf Hitlers waren inzwischen fern von Kleinstadtidyllen

gereift. Alles begann 1939 wie 25 Jahre zuvor:

Mobilmachung auch in Siegen; nur der Jubel der Be-

durchblick 3/2008 13


Stadtgeschichte

völkerung war nicht mehr so enthusiastisch. Zwar hatte Hitler

auch im Siegerland die Massen hinter sich, aber um sie für

den Krieg zu begeistern, war die Erinnerung noch zu frisch.

Nach der Einberufung von Ernst Koch an die Front, hatte

Mutter Wilhelmine ein Stockwerk auf dem Stall aufbauen

lassen, 1942 mussten die beiden Frauen sämtliche Gasträume

an die Stahlwerke Südwestfalen vermieten, die ihre

Diensträume von Düsseldorf nach Siegen evakuiert hatten.

Im April 1945 hinterließ der Bombenangriff auf Siegen

dann an Kochs Ecke ein Ruinenfeld. Nur der Stall und das

darüber errichtete Häuschen waren unzerstört geblieben.

Die Hundertjährige denkt zurück: „Wir haben immer Glück

im Unglück gehabt, mit der Futterkrippe ìm Stall ging es

wieder weiter.“

Als Ernst Koch aus dem Krieg zurückkam, wurde fortgesetzt,

was die beiden Frauen mit ersten Räumungsaufgaben

begonnen hatten. Ein Jahr nach dem Angriff war ein

ebenerdiges Gasthaus an Kochs Ecke entstanden.

In der Hammerhütte war man sich in den Jahren des

Wiederaufbaus noch nähergerückt als zuvor. Ernst Koch beobachtete,

wie sich seine Schwester erinnert, mit Interesse,

wenn seine Nachbarin, Lilo Kober, verwitwete Hollstein,

aus ihrem zerstörten Haus gegenüber, St.-Johann-Straße 2,

die noch brauchbaren Bausteine rettete. Der Junggeselle

ließ dann, wie er später gestand, schon einmal die Brote

im Ofen verbrennen, wenn er die Nachbarin zu lange mit

Blicken verfolgt hatte. Es begann eine Freundschaft, die das

Fundament der 1948 geschlossenen Ehe wurde.

Das junge Ehepaar, an der Seite von Elisabeth und Mutter

Wilhelmine, musste den Traum einer Hausaufstockung

aufschieben. Die Geldreserven waren nach Eröffnung

des neu erstandenen Gasthauses erschöpft. Nach Jahren

sparsamsten Wirtschaftens kam aber dann 1955 doch der

Tag, an dem endlich mithilfe der Sparkasse mit dem Aufbau

begonnen werden konnte. Es wurde gemeinsam gerechnet,

kalkuliert, geplant und angefangen. Die um zwei

kleine Mädchen, Ulrike und Juliane, vergrößerte Familie

brauchte Raum, und der Betrieb, dem die Einnahmen für

Fremdenzimmer fehlten, brauchte Geld. Konzipiert wurde

ein dreistöckiges Gebäude mit Gaststätte, Geschäft, Café

und zehn Fremdenzimmern. Zu Ostern ist der Rohbau unter

Dach und Fach. Der Innenausbau beginnt. Zu dieser

Zeit wird Ernst Koch Vater des Sohnes Henner. Zu den Geschwistern

gehört auch Albrecht Hollstein, Sohn von Lilo

Koch aus erster Ehe.

Im August 1956 zieht die nun sechsköpfige Familie im

zweiten Stockwerk ein. Elisabeth bezieht den Altbau über

der ehemaligen Futterkrippe. Der 30. November ist Eröffnungstag.

Bei Aufgabe der Anzeige zu diesem Termin fällt

den Kochs ein, dass sie das hundertjährige Jubiläum 1854

ganz vergessen haben. Sehr viel später als ihr Elternhaus

vollendet Elisabeth Koch am 5. Juli 2008 ihr Jahrhundert,

ein Jubiläum, das nicht vergessen wurde.

Die Bäckerei mit Backstube wird im Zuge der Entwicklung

schweren Herzens 1956 an Bäckermeister Steinmann

verpachtet, Abschied einer Familientradition durch Jahrhunderte.

1963 stirbt Wihelmine Koch, die bis zum Tag

ihres Todes mit der weißen Schürze in der Küche und hinter

der Theke gestanden hatte.

1966 wird Ernst Koch mitten aus dem Arbeitsleben gerissen.

Trotz geschwächter Gesundheit durch die Kriegsjahre

war die Aufgabe, die der Betrieb von ihm forderte,

bis zum letzten Tag sein Lebensinhalt. Wer ihn gekannt hat,

kannte und liebte seinen knorrigen Siegerländer Humor,

mit dem er seine Gäste in allen Lebenslagen aufzuheitern

wusste. Die Grundsätze von Gastwirt und Familienvater

Koch waren nicht weniger patriarchalisch, als die seiner

Väter. Das sah er selbst mit Humor und bekannte: „He is

Diktatur. Demokratie is dusse.“ Ohne den Menschen, der

Mutter

Lina Koch

mit den

Kindern

Ernst und

Elisabeth

den Stil der bodenständigen Wirtschaft zwei Jahrzehnte mit

seiner Persönlichkeit geprägt hatte, ging es für den Familienbetrieb

darum, dem beliebten Lokal seine Anziehungskraft

zu erhalten.

„Lokalkolorit“ war das Stichwort, das Lilo Koch bewog,

eine Tradition einzuführen, die es in Siegen noch nicht

gab. Siegerländer Trachtenmädchen in blauen Kattunkleidern

– nach Vorbild aus dem westfälischen Trachtenbuch –

bedienten die Gäste, die keinen Tag fernblieben, mit einer

Auswahl Siegerländer Spezialitäten. So blieb das Haus ein

Begriff für Volkstümlichkeit, neben der Aufgeschlossenheit

gegenüber den Strömungen der Moderne. Trotzdem fassten

die Inhaberinnen drei Jahre später den Entschluss, das

Restaurant aufzugeben. Eine schwere Entscheidung, da ein

weiteres Stück Berufstradition zu Ende ging. Im Dezember

1968 wurde das Restaurant verpachtet.

Mit einer großen Portion Wagemut begann Lilo Koch

im Frühjahr 1969 mit ihrem Vorhaben, ein Hotel mit 60

Betten entstehen zu lassen. Die Aufgabe der Hotels Huthsteiner

und Monopol in dieser Zeit bestärkte sie in ihrem

Vorhaben.

Das Defizit an Hotelbetten hatte auch die Stadt Siegen

beschäftigt. Nach einem erfolgreichen Gespräch mit dem

14 durchblick 3/2008


Stadtgeschichte

Stadtkämmerer wurde mit der Aufstockung begonnen. Das

Hotel wuchs in neue Dimensionen.

Dass die persönliche Atmosphäre für die Gäste bewahrt

blieb und der moderne Hotelbetrieb mit Wärme und Behaglichkeit

erfüllt wurde, war dabei entscheidend das Verdienst

von Elisabeth Koch, die dazu sagt: „Ich war einfach da, wo

ich gebraucht wurde, nichts weiter. Und es war schön, Zeit

für die Kinder zu haben, bis sie erwachsen waren.“

Gebraucht wurde die Hilfe von Elisabeth Koch damals

auch kurz nach Kriegsende, als ein Matrose mit seiner hochschwangeren

Frau ein Zimmer im Gasthaus genommen

hatte. Sie denkt mit Lächeln daran zurück: Mitten in der

Nacht meldete ein neuer Erdenbürger sein Erscheinen

an. Elisabeth fahndete nach der nicht sofort erreichbaren

Die Jubilarin

Elisabeth Koch

überraschte ihre

Gäste mit einer

humorvollen

Ansprache beim

Empfang zu ihrem

hundertsten

Geburtstag.

Hebamme. Als sie, fündig geworden, mit der Geburtshelferin

an das ungewöhnliche Wochenbett kam, war ein kräftiger

Junge bereits auf der Welt. „Wir sind oben angekommen.“

Mit diesem Slogan kündigte sich ein neuer Abschnitt

in der Geschichte des Hauses an, als nach einjähriger Bauzeit

im April 1970 zur Einweihung geladen wurde. Dem

Architekten war es gelungen, den sechsstöckigen Baukörper

mit modernen Stilmitteln aufzulockern. Eine harmonische

Verbindung von Tradition und Moderne bestimmte

die Atmosphäre. Lärmstoppfenster wurden hier erstmalig

in einem Siegerländer Hotel eingebaut. Sie garantierten

trotz des an der Kreuzung pulsierenden Verkehrs ungestörte

Nachtruhe.

Für Wochen ausgebucht war das Haus schon während

der Bauzeit. Die internationale Belegung zur Zeit der

Schacholympiade in Siegen, zu der 11 Nationen ihr Kommen

angekündigt hatten, schien zukunftweisend. Bedingt

durch die Verbindungen der Siegerländer Industrie in alle

Erdteile, ebbte der Strom der Besucher aus dem In- und

Ausland nicht ab. Der Kontakt mit den Gästen, von Bedeutung

schon in der alten Umspannkneipe, setzte sich nun fort

mit Prominenzen aus dem Bereich der Wirtschaft, Politik,

Kultur. Es kamen viele bekannte Künstler: Der große Mime

Karl Kraus, Willy Birgel, Rudolf Schock, die Kabarettisten

der Berliner „Stachelschweine“, das sind mit Begegnungen

und guten Gesprächen verknüpfte Namen, die Elisabeth

Koch unvergessen bleiben. Auch Persönlichkeiten wie

Erich von Däniken, Erich Ollenhauer, Rolf Hochhuth und

Pastor Hansen fühlten sich, wie Eintragungen im Gästebuch

zeigen, im Hotel an Kochs Ecke wohl.

Im Erdgeschoss gedieh zu dieser Zeit gepflegte Gastlichkeit

im verpachteten Restaurant. Harmonisch gestaltete

sich auch die Zusammenarbeit mit dem Personal. Kochs

hatten bereits 1950 als erste Gastronomie in Siegen einen

Betriebsruhetag eingeführt.

Als die Entlastung durch die Abgabe der Gaststätte

spürbar wurde, fand Lilo Koch Zeit, sich Dingen des öffentlichen

Lebens zu widmen, die mit Bürgernähe, Heimatbezug,

Berufsverbundenheit und Umweltbewusstsein

in Zusammenhang standen. Als Ortsvorsitzende im Hotelund

Gaststättenverband hatte die Gastronomin vielfältige

Aufgaben. Mehrere Jahre hat das Hotel die Zimmervermittlung

im Stadtverband übernommen.

Mit großem Engagement setzte sich Lilo Koch dafür

ein, die Bäume im Stadtbereich für die Zukunft zu erhalten.

Diese Liebe zum Baum brachte ihr im Volksmund den

Namen „Baum-Lilo“ ein.

Im Jahre 1997 wurde das Haus verkauft und der Hotelbetrieb

eingestellt.

Bis zum Tod von Schwägerin Lilo Koch, im Jahre 2003,

konnten die beiden Frauen noch gemeinsam die Zeit genießen,

in der die Erinnerung an die erfüllten Jahre lebendig

blieb, aber der unermüdliche Einsatz nicht mehr erforderlich

war.

Die bewundernswerte, jung gebliebene alte Dame sagt an

ihrem Geburtstag im Rückblick: „Ich kann es kaum glauben,

dass ich hundert Jahre alt geworden bin, aber es ist wunderbar.“

Sie freut sich am schönen Garten, am Sommer und an

den häufigen Besuchen der Großfamilie, von der sie liebevoll

umsorgt wird. Das sind ihre Neffen und Nichten mit Kindern

und Enkeln. Die Hundertjährige liest immer noch gern gute

Bücher, vor allem Lyrik. Sie kennt Gedichte und lange Balladen

auswendig und schreibt selbst kleine Gedichte.

Ihre Gäste begrüßte sie zum Empfang mit diesen

eigenen Versen, denen nichts hinzuzufügen ist.

Maria Anspach

Alle Fotos aus Besitz der Familie Koch

durchblick 3/2008 15


Einer von den Alten ...

Es ist jammerschade, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie

meinen Großvater nicht gekannt haben. Er war ein Mann

von echtem Schrot und Korn, er konnte und er wusste alles.

Er flocht – ruck-zuck – einen Weidenkorb oder band einen

Reiserbesen, er besohlte die Schuhe und er schlachtete jedes

Jahr in der Adventszeit zwei fette Schweine. Auf alle

meine Fragen wusste er gewöhnlich die richtige Antwort

und an jedem Sonntag, vor

dem Kirchgang, kam der im

Nachbarort wohnende Pastor

ins Haus und beriet sich mit

ihm in der guten Stube. Die etwas

weniger frommen Kirchgänger

erfuhren im Verlauf

der Predigt zu ihrem Leidwesen

dann schon, welche

Ratschläge mein Großvater

in diesem Unter-vier-Augen-

Gespräch erteilt hatte, denn

die kleinen und gröberen Untaten

wurden damals noch aus

der Kanzel heraus gegeißelt.

So erwarb sich mein Großvater

bei den richtig frommen

und untadeligen Kirchgängern einen guten Ruf und wurde

als Respektsperson geachtet. Man sieht, er war noch einer

von den Alten, einer, wie es sie heute leider nicht mehr gibt.

Und dennoch fiel ihm, der doch sogar dem Pastor immer

wieder sachdienliche Ratschläge geben konnte, so gut wie

nichts ein, als ich ihn einmal fragte, warum der Magolwes,

den Hermann Löns einst so trefflich beschrieb, so heißt wie

er heißt. Nach einigem Nachdenken sagte er nur: „Där hot

schu immer su gehaase, mie waas äch aach net.“

Diesen wenigen Worten haben sie sicherlich entnommen,

dass es sich nicht um meinen Siegerländer Großvater

handelte, sondern um den aus dem Nassauer. So nannten

meine hiesigen Verwandten das ihrer Meinung nach raue

Land jenseits der Kalteiche mit seinen ungehobelten Menschen

und deren grober Sprache. Sie haben dazu erfahren,

dass nicht nur im Siegerland der Magolwes so heißt wie er

heißt. Dass mein Großvater nichts von der Namensherkunft

wusste, verwunderte mich damals sehr. Er war nämlich in

meinen Augen ein brillanter Vogelkenner, dem es besonders

der Stieglitz angetan hatte. Allgemein gebräuchlich

war bei diesem Gefiederten allerdings ein anderer Name,

nämlich Distelfink. In der Nähe des Hauses waren einige

Nester und alljährlich brachte mein Großvater den Distelfink-Nachwuchs

mithilfe einer an der Scheune befestigten

Leimrute um die Freiheit. Der Verkauf an Liebhaber dieser

Gattung bescherte ihm gutes Geld und darum mochte er die

Distelfinken. Exotische Vögel gab es seinerzeit kaum und so

Historisches

Wie der Magolwes zu seinem Namen kam

Ist der von Luther genannte Markolfus der

Patron für den Spitznamen des Eichelhähers?

landeten die spatzengroßen Sänger mit ihren Köpfen in den

alten Nationalfarben Schwarz-Weiß-Rot in den Volieren.

Als wir, meine Kameraden und ich, im späten Frühjahr einmal

einen jungen Magolwes aus dem Nest stibitzten und versuchten,

den in einen Käfig gesteckten Schreihals mit Quark

und Würmern aufzuziehen und ihm bei dieser Gelegenheit ein

bisschen das Sprechen beizubringen, schimpfte mein Großvater.

Er hatte ja so recht. Warum ließen wir dem Tier nicht

seine Freiheit?! Und überhaupt:

Irgendwann würde der rötlichgraue

Vogel mit seinen hellblau

und schwarz gebänderten

Flügeldecken und dem weißen

Bürzel ja vermutlich doch von

der Katze gefressen. Und seltsam:

Auch der Schullehrer hatte

– woher auch immer – am

nächsten Tag bereits Kenntnis

von der Gefangennahme. Er

stauchte alle mächtig zusammen,

zog jedem der Beteiligten

im wahrsten Sinne des Wortes

wenigstens ein Ohr lang und

verbot uns im Übrigen, von

einem Magolwes zu sprechen.

Der Vogel heißt Eichelhäher und während der Schule wird nur

dieses Wort benutzt, so lautete sein strenger Befehl.

Magolwes ist Markolfus

Die halten mich für den Hutten, ihr für den Luther, bald

werde ich wohl gar Markolfus werden. Und nach solchem

Gespräch nahm er ein großes Bierglas und sprach nach des

Landes Brauch: Schweizer, trinken wir noch einen freundlichen

Trunk zum Segen!

Diese Zeilen fand ich vor einiger Zeit in dem Buch Sabbata,

Chronik der Jahre 1523 bis 1539. Johannes Keßler, ein

Schweizer Student, berichtet über seine Begegnung anno

1523 mit dem ihm noch unbekannten Martin Luther. Denken

Sie bitte nicht, liebe Leserin, lieber Leser, der Passus sei

mir aufgefallen, weil in ihm der Reformator als ein Freund

des edlen Gerstensafts dargestellt wird. Das erstaunte mich

keineswegs, schließlich gab es damals schon das Reinheitsgebot.

Ein mir bis dato noch unbekanntes Wort weckte vielmehr

meine Aufmerksamkeit. Aufgrund der Lautähnlichkeit

fiel mir die immer noch offene Frage aus der Kinderzeit

wieder ein. Sollte der von Luther genannte Markolfus am

Ende der Patron für den Spitznamen des Eichelhähers gewesen

sein? Eine schnelle Bestätigung fand ich im Siegerländer

Wörterbuch, wo Prof. Dr. Jakob Heinzerling unter

anderem schreibt: Magolwes ist Markolfus. Der Name erscheint

in den mannigfaltigsten Umbildungen ...

durchblick 3/2008 17

Foto: Gottfried Klör


War das Ende der jahrzehntelangen Ungewissheit in

Sichtweite? Zumindest einen Zipfel hielt ich in der Hand.

Zwei Fragen blieben freilich einstweilen völlig offen. Zum

einen: Wer um alles in der Welt war dieser Markolfus?

Und zum anderen: Welchen

Grund gab es, den Eichelhäher

nach ihm zu benennen?

Heinzerling legt in seinem

Wörterbuch eine Spur, indem

er das Volksbuch von

Salomon und Markolf erwähnt.

Und dieses Werk

ist in der Tat ein Schlüssel

zur Lösung der ersten Frage.

Die Wissenschaftlerin

Sabine Griese, die heute

an der Universität Zürich

lehrt, wählte Salomon und

Markolf zum Thema ihrer

Dissertation. Und dieser

Doktorarbeit, die sogar im

Jahre 1996 mit dem Kulturpreis

Ostbayern in Regensburg

ausgezeichnet wurde,

ist es zu verdanken, dass

etliche der nachfolgenden

Erkenntnisse zur Verfügung

stehen.

Der Inhalt der schon

vor über tausend Jahren in

ganz Europa kursierenden

Geschichte über die beiden

Kontrahenten in Kurzform:

Ein Bauer (Markolf bzw.

Markolfus) kommt an den Hof in Jerusalem, streitet in Worten

und Taten mit dem König Salomon, siegt und wird als

Diener an den Hof genommen.

Teuflisch abstoßende Züge

Seien Sie nicht traurig, liebe Leserin, lieber Leser, dass

Sie diesen Markolfus nicht gekannt haben. Im genannten

Volksbuch ist sein Äußeres genau beschrieben. Jeder

Teil seines Körpers ähnelte irgendeinem Tier. So hatte er

senkrecht nach oben stehende Haare wie ein Igel, die ungewöhnlich

großen Augen standen hervor wie bei einem

Straußenvogel, die langen Ohren, aus denen büschelweise

die Haare herauswuchsen, glichen denjenigen eines Esels,

die wulstige Unterlippe hingegen sah aus wie bei einem

Pferd. Während sein schmutziger Ziegenbart als mächtig

stinkend beschrieben wird, entsprach der Rest des überall

behaarten Körpers einem großen Bären. Es wird von teuflisch

abstoßenden Zügen berichtet. Doch an keiner Stelle

ist etwas von einem Eichelhäher zu lesen.

Im 16. Jahrhundert trat unser Held bei Volksfesten (Turniere,

Freischießen) häufig auch leibhaftig auf. So wird in

Historisches

Wildverkünder – Wildvergrämer

Niemand hat vermutlich das Gebaren des Eichelhähers

besser geschildert als Hermann Löns. Hier ein Auszug

aus den Tierbildern des Heidedichters:

Es sitzt ein Vogel im Eichenbaum und gibt ein Potpourri

zum Besten. Er schwatzt und plaudert, als wäre er ein Pirol

oder Würger, und dann schnalzt er wie eine Eichkatze,

miaut wie ein Bussard, trompetet wie ein Kranich, ruft wie

ein Buntspecht, pfeift wie ein Star und quietscht wie ein Wagenrad.

Jetzt kreischt er laut und gellend auf und schwebt

dahin wie ein riesengroßer bunter Schmetterling.

Der Markwart (= Grenzhüter, die Red.) ist es, der Eichelhäher,

der Schalksnarr und Irrwisch, Hans Dampf in

allen Gassen, Bruder Immerlustig und Meister Wunderlich,

der lustige Schwätzer, der fröhliche Spötter, der Hüpfer und

Schlüpfer, Schweber und Flatterer, der Prahlhans und der

Angstmeier, des Jägers Vergnügen, des Jägers Verdruss,

Wildverkünder und Wildvergrämer, der Nestzerstörer und

Eichenpflanzer, der alles kann, der alles sieht, alles kennt,

der heute pfiffig und morgen dummdreist, eben vorlaut und

frech und jetzt wieder heimlich und zage ist, der Vogel, dessen

Stimme, dessen Benehmen ebenso voller Gegensätze ist

wie sein Gefieder.

einem Turnierbuch berichtet, dass ein Markolfus verkehrt

herum auf einem ungesattelten Esel ritt, den Schwanz seines

Reittiers in der Hand haltend und allerlei Unsinn und Gauklerei

treibend, ... daß ein sehr gut Lachen was. Er stach unter

anderem den Esel mit einem

spitzen Gegenstand ins Hinterteil.

Das Grautier bockte

und warf seinen Reiter im

hohen Bogen ab, was diesem

wenig ausmachte, denn

er war unter seiner roten

und grünen Kleidung dick

gepolstert. Und weder diese

Farben noch irgend sonst

etwas erinnerte an einen Eichelhäher.

Es wurde für mich

immer mehr zur Gewissheit,

dass weder Aussehen noch

Ausstattung des Schelms etwas

mit dem Magolwes zu

tun hatten.

Salomons Gegenspieler

Bei Markolfus stand im

Gegensatz zu seinem Äußeren

die intelligente Verschlagenheit.

Er war auf seine

Weise schlau, listig und

vor allem redegewandt. Der

Siegerländer hätte ihn kurzum

als Lälles klassifiziert.

Mit der Selbstsicherheit des

stolzen Bauern behauptete

er immer wieder mit vielen

Worten das genaue Gegenteil von dem, was Salomon sagte.

Dabei nutzte er die gröbsten Obszönitäten als Stilmittel.

Beispiele hierzu bringe ich nicht. Es sind Zoten, nach deren

Gebrauch man ganz ohne Zweifel den Mund ausspülen

muss – und zwar mit Seife. Ich selbst habe mir nach dem

Lesen der entsprechenden Stellen sofort die Augen ausgewaschen.

Beinahe in allem unterscheidet sich Markolfus

von Salomon, der im Mittelalter als oft zitiertes Sinnbild

des weisen und gerechten Herrschers galt.

Während man in der (lateinischen) Literatur Aussagen

über Salomon und Markolfus bereits ab dem 11. Jahrhundert

findet, taucht die Geschichte in vielen europäischen Volkssprachen

(u. a. in Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch)

etwa ab dem Jahre 1450 auf. In den Hochburgen des Karnevals

wurden Bühnenstücke aufgeführt, in denen die beiden

Hauptdarsteller gegeneinander eiferten. Die von Dichtern

wie Hans Sachs geschriebenen Texte sorgten wegen ihrer

Fäkaliensprache für eine großartige Unterhaltung der Fastnachtgesellschaft.

Und der lasterhafte Maulheld Markolfus

wurde auch im letzten Winkel Europas bekannt. Wie Till Eulenspiegel

galt er als großer Schelm. Der eine oder andere

18 durchblick 3/2008


Historisches

Schabernack wurde damals sowohl dem einen wie auch dem

anderen zugeschrieben. Der bereits genannte Martin Luther

führte Markolfus häufig als abschreckendes Beispiel auf. In

seinen Tischreden, in Predigten und auch in Briefen erzählte

er von dessen Possen und zitierte seine Sprüche.

Dass Markolfus im Gegensatz zu Till Eulenspiegel im

Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr in Vergessenheit geriet,

hat einen Hauptgrund: das Schul-Lesebuch. Ersterer wurde

aus nachvollziehbaren Gründen als unflätig, scham- und

zuchtlos und damit als sittenverderbend und jugendgefährdend

angeprangert; Eulenspiegels Streiche hingegen galten

als lehrreich und lustig zugleich, fanden somit viel leichter

Eingang in die Lesebücher der Volks- und höheren Schulen.

Albert von Lauingens Wissen

Sie unterliegen einem Irrtum, liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie nunmehr annehmen, dass der Eichelhäher im

16. Jahrhundert, sozusagen in der Blütezeit des Markolfus,

zum Magolwes wurde. Dass wir es besser wissen, ist Albert

von Lauingen zu verdanken, der um das Jahr 1200 geboren

wurde und 80 Jahre später starb. Als Naturwissenschaftler

wollte dieser das Wissen seiner Zeit vollständig in Lehrbüchern

erfassen. So schrieb er auch Bücher über die Tiere

(De animalibus libri). Im Band 26, der um das Jahr 1260

wie damals üblich in lateinischer Sprache verfasst wurde,

stehen im Kapitel 24 folgende (ins Deutsche übertragene)

Sätze: Garrulus, den die Germanen „heester“ nennen, ist

der Vogel, der wegen seiner Geschwätzigkeit so genannt

wird; und er ist so mit Farben bemalt, dass ihm keine Farbe

zu fehlen scheint. Dieser Vogel schreit alle an und ahmt

die Stimmen aller nach, deshalb wird er auch von einigen

Leuten Markolfus genannt. Wenn er aber in Käfigen gehalten

wird, ahmt er manchmal auch artikulierte Laute von

Menschen nach. Dieser Vogel gerät zuweilen vor Zorn so

sehr in Wut, dass er sich selbst umbringt, indem er sich in

gegabelten Ästen aufhängt.

„Heureka!“, rief einst der alte Grieche Archimedes, als

er endlich die Gesetzmäßigkeit des Auftriebs entdeckt hatte.

Und: „Heureka!“, rief auch ich, denn die Lösung war

gefunden.

Garrulus ist der erste Begriff im Zitat. Das Wort ist der

lateinische Name für die Gattung Eichelhäher und bedeutet

„der Geschwätzige“ bzw. „Schwätzer“. Dass der gelehrige

Eichelhäher den Spitznamen Markolfus erhielt, lag also tatsächlich

nicht – wie von mir lange Zeit vermutet – an einem

markanten Äußeren, sondern an einem losen Mund- bzw.

Schnabelwerk, dazu der Fähigkeit, die Stimmen anderer

nachzumachen. Aus dem Zitat ist des Weiteren zu ersehen,

dass der schwatzhafte Markolfus ganz offensichtlich im 13.

Jahrhundert dem Volk schon so vertraut war, dass er ohne

Weiteres als Spitznamenspatron des ebenso schwatzhaften

Eichelhähers dienen konnte.

In später erschienenen Büchern tritt der Schalk im Übrigen

noch des Öfteren als Häher auf, so im Jahre 1608, als

ein Georg Rollenhagen in seinem Werk „Froschmeuseler“

den Häher Markolfus als Ratgeber

bei der Wahl des Königs

der Vögel einsetzt.

Da der Eichelhäher vor gut

und gerne 800 Jahren zum Magolwes

wurde, war die Aussage

meines Großvaters, dass dieser

schon immer den Spitznamen

führe, durchaus schlüssig. Jedenfalls

ist für mich seine ornithologische

Ehre posthum

wieder hergestellt. Und auch

Albert von Lauingen wollen

wir die ihm zustehende Ehrenbezeugung

nicht verweigern.

Er ging wegen seines vielseitigen

Wissens als der größte

deutsche Philosoph und Naturwissenschaftler

des Mittelalters

mit dem Namen Albertus

Magnus in die Geschichte ein, und ohne diesen vom

Papst sogar heiliggesprochenen Albert den Großen wüssten

weder Sie, liebe Leserin, lieber Leser, noch ich, wie der

Magolwes zu seinem Namen kam.

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durchblick 3/2008 19


Langjährigen Hörern von Radio Siegen ist er als Magolwes

sicherlich noch ein Begriff. Viele Jahre lang war Rolf

Kretzer beinahe jede Woche einmal mit einem mundartlichen

Beitrag im Bürgerfunk auf Sendung. Dazu wirkte er

im Seniorenbeirat der Stadt Siegen mit und war einer der

Initiatoren zur Gründung des Vereins ALTERAktiv. Dort ernannte

man ihn kürzlich sogar zum Ehrenvorsitzenden. Der

durchblick sprach mit dem Eiserfelder über sein früheres

Steckenpferd. Eine Anmerkung zu den im Text enthaltenen

mundartlichen Wörtern und Sätzen: Diese entsprechen hinsichtlich

ihrer Schreibweise den Aufzeichnungen von Rolf

Kretzer.

durchblick: Herr Kretzer, hatten Sie in Ihrem Berufsleben

auch schon etwas mit dem Radio und dem Produzieren

von Sendungen zu tun?

Rolf Kretzer: Nein, keineswegs. Ich war technischer

Angestellter in der Verwaltung des Kreises Siegen-Wittgenstein

und dort in den Jahren vor meinem Eintritt in den

Ruhestand mit den Problemen der Abfallbeseitigung betraut.

d.b.: Wie kam der doch sehr große Schritt von der Mülldeponie

in die Medienlandschaft zustande?

R.K.: Als ich 1994 mit 60 Jahren aus dem Dienst ausschied

habe ich mir überlegt, was ich künftig machen könne.

Das Interview

Als Rolf Kretzer noch den „Magolwes“ machte …

Ich fühlte mich noch zu rüstig, um mir nur mit Spaziergängen

die Zeit zu vertreiben. In einer Broschüre der Volkshochschule

stieß ich auf das Stichwort Radiowerkstatt ...

d.b.: ...wollten Sie gerne Radios reparieren?

R.K.: Meine Vermutung ging bei dem Stichwort zunächst

auch in diese Richtung. Ich erkundigte mich und

erfuhr, dass in der Radiowerkstatt gelehrt wird, wie man

Radio macht. Spontan entschied ich: Das ist etwas für dich!

Ich meldete mich an und bei verschiedenen Seminaren im

Stift Keppel bekamen etliche Mitstreiter und ich die entsprechenden

Grundlagen beigebracht.

d.b.: Wann haben Sie den ersten Beitrag für das Radio

getextet?

R.K.: Sozusagen als Abschlussprüfung musste jeder

Teilnehmer einen Artikel verfassen. Ich wählte einen Beitrag

über eine Tempo-30-Zone, in der sich gewöhnlich

kaum einer an die Begrenzung der Geschwindigkeit hielt.

Der Beitrag wurde im Siegerländer Dialekt verfasst, und

weil ich nach Meinung der anderen Seminarteilnehmer das

reinste Platt sprach, wurde mein Artikel unter dem Stichwort

Magolwes im „Hauberchsfunk“ gesendet. Die Reaktionen

hierauf waren durchweg positiv und so konnte man mich

lange Jahre beinahe in jeder Woche einmal zwischen 18 und

19 Uhr als Magolwes hören.

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20 durchblick 3/2008


Das Interview

Foto: Gottfried Klör

d.b.: Welche Themen wurden von Ihnen

in der Sendung vorrangig behandelt?

R.K.: In der Regel musste ein lokaler

Bezug da sein. Ich habe mir dazu immer

viele Gedanken über dieses und jenes

gemacht. Die Bandbreite war groß und

reichte von der Bürgermeisterwahl über

die Veranstaltung KulturPur bis zum Radio-Förderverein.

Manchmal kamen aber

auch Dinge wie 10 Jahre Deutsche Einheit

oder der 100. Geburtstag der Queen Mum

zur Sprache. Oft bekamen die Beiträge eine

etwas lustige Richtung hin zur Glosse.

Dabei wurden, wie der Siegerländer sagt,

manchmoal och de Lie of de Schuffel genomme.

d.b.: Wie waren die Reaktionen auf den

Radio-Magolwes in Ihrem Bekannten- und

Freundeskreis?

R.K.: Da mein bürgerlicher Name im

Radio niemals genannt wurde, wussten nur

wenige Insider, wer da als Magolwes sei-

ne Meinung kundtat. Diejenigen, die es

wussten, haben mich unterstützt und mir

auch Thementipps gegeben.

d.b.: Haben Sie neben Ihren Radio-

Auftritten auch andernorts Beiträge als

Magolwes abgeliefert?

R.K.: Hin und wieder hat man

mich gebeten, bei den sonntäglichen

Sommerkonzerten am Oberen Schloss

einige mundartliche Sätze zu sagen.

Dazu habe ich bei den Siegener Sportfreunden,

bei denen der Magolwes als

Maskottchen dient, etliche Monate

lang vor den Heimspielen moralische

Unterstützung über die Lautsprecher

geleistet. Einmal beklagte ich die

Treffsicherheit der Angreifer und gab

an, dass ich im Rückenflug über das

Stadion geflogen sei, um dieses Elend

nicht zu sehen. Das nahm man mir sehr

übel und ich durfte nicht mehr ans Mikrofon.

Die Sportfreunde wollten den

Namen Magolwes im Übrigen rechtlich

schützen lassen. Da dies nicht gelang,

wurde von ihnen die Schreibweise Magolves

– also mit einem v in der Mitte

– gewählt. Dies galt dann auch für den

Bus-Sonderverkehr zu den Heimspielen,

der als Magolves-Linie unterwegs war.

d.b.: Kommen wir zur letzten Frage.

Wann und warum haben Sie Ihre Arbeit

für den Bürgerfunk eingestellt?

R.K.: Im Jahre 2004 erkrankte ich für

längere Zeit und konnte leider keine Artikel

mehr verfassen, was mir sehr leidtat.

All die Jahre hatte mir meine Tätigkeit großen

Spaß gemacht. Das Gespräch schließen

möchte ich mit dem Schlusswort, das auch

am Ende eines jeden Magolwes-Beitrags

über den Äther ging: Mir wonn det Bäsde

hoffe, det Schlechde kemmt vam sealwer.

Doabi wonn mr et och ho beloase. Nodda,

– au Magolwes.

Die Fragen stellte Ulli Weber.

Mittelpunkt des Kreises gefunden

Viele machten sich mit dem Geo-Dreieck, mit dem Zirkel und anderen Utensilien

an die Arbeit, als Radio Siegen dazu aufrief, den Mittelpunkt des Kreises Siegen-

Wittgenstein zu suchen. Mit der Breite 50 Grad, 56 Minuten und 16 Sekunden und

der Länge 8 Grad, 11 Minuten und 40 Sekunden wurden schließlich die Koordinaten

für die Mitte gefunden. Am gedachten Punkt im Ederquellgebiet pflanzte Landrat

Paul Breuer eine vom Leiter des Forstamts, Diethard Altrogge, gestiftete Eiche,

die mit dem Wasser der „heiligen“ Ilsequelle angegossen wurde. Das Katasteramt,

das Forstamt und Radio Siegen übernahmen die Patenschaft für die Aktion.

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Unterhaltung

Verlobung

In unserem Betriebsbüro, das in einer Baracke auf dem

Firmengelände vor dem Hauptgebäude untergebracht war,

gab es keinen Raum, wo sich Besucher hätten aufhalten

können, sie warteten in unserem Schreibbüro und sahen uns

bei der Arbeit zu.

Ein junger Fabrikant

aus Haiger-

Dillenburg, der zu

dieser Zeit seinen

Lkw noch selbst

fahren musste,

kam öfters, wartete

gern und es schien,

als ob er ein Auge

auf mich geworfen

hätte. Wir nannten

ihn „Dreckspatz“.

Ständig sah er Autoöl

verschmiert

aus, wohl weil er

oft unter der Kühlerhaube

seines alten

Lkw zu arbeiten

hatte und dann unterwegs

mit Wasser

nicht in Berührung

kam.

Zaghaft befragte nun dieser Besucher eine Kollegin im

gegenüberliegenden Büro nach meinem Alter, und ob ich

einen Freund habe. Die erste Frage beantwortete sie, bei

der zweiten hielt sie sich vorsichtshalber zurück. Saß der

junge Mann in unserem Büro, sprach er nie ein Wort, sah

aber häufig zu mir hin. Und eines Tages bat er die Kollegin,

sie möchte mich fragen, ob ich ihn heiraten würde, er wolle

auch warten bis ich achtzehn Jahre alt sei. Dabei lächelte er

sie an und übergab ihr ein Paket für uns drei.

Aufgeregt haben wir die Kordel aufgezuppelt und waren

äußerst überrascht, denn in einem Leinenlappen eingeschlagen

lag ein halber geräucherter „Schweine-Hinterschinken“.

Oh je, was machen wir bloß damit? Teilen!

Aber wie? Und wo gehen wir hin, dass uns niemand sieht?

„Schnubbelchen! Du setzt dich auf die Toilette!“ Gesagt,

getan, zwar fehlte der Deckel, doch hielt ich, nachdem wir

die Toilettentür verriegelt hatten, den Schinken im Leinenlappen

auf meinen Beinen fest umarmt.

Bei dem Versuch meiner Kolleginnen, den Brocken

Fleisch mit einem scharfen Taschenmesser zu dritteln,

brach bald darauf die Klinge ab. Mit einem alten, stumpfen

Schmiermesser säbelten sie dann weiter an dem Schinkenstück

herum. War das ein langwieriges Gestocher, dabei

rutschte mir die halbe Schweinebacke fast aus den Händen

und ich immer tiefer ins WC. Es dauerte, aber am Ende war

jede von uns mit dem Ergebnis zufrieden. „Für dich ist der

Schinkenknochen, und wir helfen dir, den ‚Schweigsamen‘

nicht zu heiraten“, sagten die beiden. Obwohl, gewaschen

wäre er ganz ansehnlich gewesen.

Große Aufregung, „Dreckspatz“ hatte sich wieder angekündigt.

Was

tun? Da saß er

nun in unserem

Büro, versuchte

mich anzusehen,

ich ihn nicht, und

dann endlich bemerkte

er an meiner

linken Hand –

ich saß günstig in

seinem Blickfeld

– den goldenen

Ring, der ihm bei

früheren Besuchen

bestimmt nicht an

meinem Finger

aufgefallen war.

Ich schielte

zur Seite – er war

leicht irritiert –

dann wartete er

eine Weile, um

sich nochmals zu

vergewissern, was er zu sehen geglaubt hatte. Der Ärmste,

plötzlich stand er auf, ging aus dem Zimmer, fragte bei der

Kollegin nach, die ihm bestätigte, dass ich mich kürzlich

verlobt habe. Sehr enttäuscht muss er gewesen sein, er kam

nie wieder.

Das war meine fast einstündige Verlobung mit einem

ausgeliehenen Ehering, ohne Partner und alles nur wegen

eines halben geräucherten „Schweine-Hinterschinkens“.

Die fast einstündige Verlobung wegen eines Schweine-Hinterschinkens

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11.00 - 14.00 Uhr

17.30 - 24.00 Uhr

Ruhetag: Montag und Samstagnachmittag

Gerda Greis

durchblick 3/2008 23

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Generationen

Schulprojekt mit Altenheim

Schüler verfassen Lebensbücher

Lara und Katharina erfahren viel aus dem Leben ihrer Gesprächspartnerin.

„Den Jahren Leben geben,

dem Alter Wert geben“.

So könnte das Motto lauten, unter welchem sich zehn

Schülerinnen und ein Schüler des Differenzierungskurses

Pädagogik vom Peter-Paul-Rubens Gymnasium Siegen

zum Ziel gesetzt haben, die Bewohner des nahe gelegene

AWO-Fritz-Fries-Seniorenzentrums aufzusuchen, sie über

ihr Leben zu befragen und aus all den Informationen ein

sogenanntes „Lebensbuch“ zu schreiben.

Die Ideegeberin des Projekts war Barbara Kerkhoff,

Diplomgerontologin und Sozialpädagogin, die reichhaltige

Erfahrung in der Lebensbuch-Arbeit besitzt. Sie hat

bereits mit Schülern des Fachseminars Altenpflege in Bad

Berleburg solche Projekte erfolgreich durchgeführt, allerdings

waren die Teilnehmer dort Erwachsene, angehende

Altenpflege – Profis, und diesmal Schüler von 14 bis 15

Jahren. Dementsprechend war das Bedenken groß, ob das

Experiment gelingen kann. Als das Konzept feststand, nahmen

die Umsetzung in die Praxis Lehrer Manfred Häbler

und Hubert Plugge, Sozialpädagoge im Seniorenheim in

die Hand und unterstützten die Schülerinnen und Schüler

mit Rat und Tat, vor allem in organisatorischen Fragen.

Es wurden sechs Gruppen gebildet, die sich mit je einem

Bewohner des AWO-Fritz-Fries-Seniorenzentrums zusammentaten.

Sie sollten Erinnerungen an Ereignisse im Leben

der Heimbewohner aufschreiben und Dokumente wie Fotos,

Urkunden usw. sammeln und aus dem gesammelten

Material ein Lebensbuch für die Heimbewohner zusammenstellen.

Definition des Lebensbuches:

„In einem Lebensbuch findet man eine

Sammlung von Informationen, Fotos, Erzählungen,

Dokumenten, die, selbst erstellt

oder von anderen zusammengetragen, etwas

über die Person und ihre Lebensgeschichte

aussagt.“

Das Projekt startete am 22. Januar 2008

mit einer ersten von drei Doppelstunden,

in denen Frau Kerkhoff die Schülerinnen

und Schüler auf ihre Aufgaben vorbereitete

und auf einige kritische Fragen Antwort

gab. Fragen wie: „Wie stellt man bei ersten

Kontakten eine Vertrauensbasis her?“ „Wie

muss ich reden, dass die Menschen mich

verstehen?“ Gerade für jene, die schwer

hören, sei das sehr entscheidend langsam

und deutlich zu sprechen mit Pausen und

Stille dazwischen. Sprache vermittelt nicht

nur inhaltliche, sondern auch emotionale

Botschaften, daher ist es sehr wichtig durch

die Sprache eine gemeinsame Basis herzustellen.

„Wie geht man mit erschütternden

Ereignissen im Leben der Befragten um?“

„Mit welchen Schwierigkeiten muss man rechnen?“ Auf

solche und andere Fragen wusste Frau Kerkhoff einfühlsam

und vor allem Mut machend einzugehen.

Theoretisch gut vorbereitet gingen die Schülerinnen

und Schüler zum praktischen Teil über. Sie besuchten ihre

Partner im Seniorenheim einmal pro Woche bis Juni 2008,

als das Projekt beendet wurde. „Wir haben kontaktfreudige

Personen vorgefunden, die schon beim ersten Mal fröhlich

auf uns zukamen und bereit waren ihre Geschichten zu

erzählen“, berichteten die Schülerinnen und Schüler und

das Vertrauen zueinander war spontan hergestellt, was sehr

wichtig für das gute Funktionieren der Zusammenarbeit

war. An Themen fehlte es nicht. Es wurden Lebensbereiche

wie Familienleben, Hausarbeit, Schulzeit, Nachbarschaft,

Feiern und Festtage, Arbeitsleben, Ausgehen, Mode, Liebe

angesprochen, mithilfe derer Erinnerungen geweckt, erzählt

und von den Schülerinnen und Schüler aufgeschrieben

wurden.

Lara und Katharina erfahren von ihrer Partnerin, wie

sie aus der Volksschule kam, und Vater kein Schulgeld für

eine weiterführende Schule aufbringen konnte, und wie sie

früher am Niederscheldener Kriegerdenkmal auf fremde

Kinder aufgepasst hat, auch, dass sie schon früh mit Freundinnen

auf der Eintracht gekegelt hat, und dass sie bei Ausflügen

gerne auf den Bus verzichtet und sich mit den zwei

ersparten Groschen ein Stück billige, einfache Blutwurst

gekauft hat.

24 durchblick 3/2008

Foto: Fritz Fischer


Generationen

Bei Carolin und Stephanie stimmte vom ersten Augenblick

an die Chemie mit ihrer Seniorin Elisabeth. Sie erzählt

über ihr Elternhaus zunächst in Wiederlah, einem kleinen

Dorf direkt an der damaligen Zonengrenze der DDR, und

später in Vienenburg. Ihre Eltern mussten hart arbeiten, der

Vater hatte im Laufe der Jahre ganz verkrüppelte Hände

und die Mutter Rückenprobleme bekommen. Weiter erzählt

Frau Elisabeth von ihrer Taufe, Kindheit, Schulzeit,

Konfirmation, Berufsleben, über ihre eigene im Jahre 1950

gegründete Familie, über ihre Kinder und Enkelkinder, eigentlich

über ihren ganzen Lebenslauf. Stolz zeigt sie die

von der Industrie und Handelskammer Siegen verliehene

Ehrenurkunde für treue und langjährige Tätigkeit bei der

Firma RWE Siegen. Stolz ist sie auch auf ihre Kinder und

Enkelkinder, die wichtigsten Personen in ihrem Leben, von

denen sie viele Fotos zeigt, und manchmal ging ein Leuchten

durch ihr Gesicht.

Fotos sind Erinnerungen an Lebensgefühle, an Momente,

mit dem das Foto verbunden ist. Frau Elisabeth hat noch

so eingehende Erinnerungen an die schon lange zurückliegende

Zeit über die sie gerne spricht, auch über traurige

Erlebnisse, selbst wenn da innen noch eine tiefe Wunde

sitzt, zum Beispiel der Tod ihres Mannes oder das Erlebnis

mit der „Gustloff“. In letzter Minute konnte sie sich damals

von der Menschenmenge losreißen, die mit der „Gustloff“

geflüchtet sind, und somit dem Tod entkommen. Ihr Großvater

starb bei der Überfahrt.

Nachfolgend eine Erzählung aus dem Lebensbuch von

Frau Elisabeth über ihre drei besten Freundinnen:

„Ich hatte damals drei gute Freundinnen, das waren

Roswitha, Dagmar und Ingrid.

Nach der Schule sind wir oft in die Badeanstalt nach

Vienenburg gegangen, als Schüler dürften wir dort kostenlos

schwimmen. Die einzige Voraussetzung war, dass man

schwimmen konnte. Dort machte ich auch meinen Frosch,

heute nennt man das Seepferdchen. Einmal bin ich fast

ertrunken, doch mein Bruder hat mich an meinen langen

Zöpfen herausgezogen. Danach lag ich einige Wochen im

Krankenhaus.

Meine Freundinnen und ich haben sehr viel zusammen

gemacht, auch unsere Schulaufgaben. Wenn wir damit fertig

waren, klauten wir aus dem Garten unserer Mutter eine

Bohnenstange und liefen damit runter zum Gänsebach. Wir

sprangen mit der Stange über den Bach, dabei mussten wir

sehr aufpassen, dass wir nicht reinfielen. Einmal als wir

über den Bach gesprungen sind, kamen einige Russen zu

uns und wollten auch einmal springen. Wir hatten viel Spaß

dabei ihnen zuzusehen, denn sie fielen immer wieder in

den Bach.

Schließlich wollte mein Bruder auch einmal springen,

doch er dachte, er würde es auch ohne Stange schaffen. Er

hat zu Ostern neue Halbschuhe bekommen, mit denen er in

den Bach fiel. Das gab großen Ärger. Meine Freundinnen

und ich hatten ihm vorher extra noch gesagt, er solle lieber

mit der Stange springen.

Foto: Fritz Fischer

Bei meinen Freundinnen war ich immer die Anführerin,

aber ich war nicht an allem Schuld, was wir ausgefressen

haben. Wegen den Bohnenstangen, die wir meiner Mutter

klauten, bekam ich Ärger und meine Mutter war sehr sauer

auf mich. Sie verschloss ihren Garten von da an immer mit

einem großen Schloss, damit wir nicht immer alles kaputt

treten konnten. Als Strafe musste ich in der Milchkammer

im kalten Wasser schwimmen lernen, obwohl ich schon

längst schwimmen konnte, aber Vater wollte es so.

Dadurch wurde ich krank, meine Schwester bekam sogar

eine Lungenentzündung davon. Daraus hat mein Vater

gelernt und wir mussten nie wieder in der Milchkammer

schwimmen gehen.“

Individuelles Erleben und Verhalten wird in vielfältiger

Weise von der Gesellschaft bestimmt. Was für die eine Generation

gültig, braucht für die andere nicht mehr gültig zu

sein. So ist das auch bei Carolin und Stephanie und ihrer

Seniorin. Sie sind fast ein Dreivierteljahrhundert jünger

als ihre Partnerin, manchmal kam es ihnen vor, als ständen

zwei völlig verschiedene Welten nebeneinander.

Auch über das Alltagsleben im Seniorenheim erfahren

die Schülerinnen und Schüler. Täglich gibt es verschiedene

Angebote für die Bewohnerinnen und Bewohner. Dazu gehören

Gedächtnistraining, Singen, Lesen, Spielen, Basteln,

Malen, Gymnastik, Spazierengehen. Diese Aktivitäten bieten

den Senioren eine viel größere Möglichkeit sich in den

Alltag einzubringen, „tut gut für das Selbstwertgefühl und

bringt viel Freude“, so eine Heimbewohnerin.

Nun ist das Projekt mit Erfolg umgesetzt worden. Es ist

mehr erreicht worden, als alle Teilnehmer erhofft haben.

Die Schülerinnen und Schüler haben die Erwartungen ihres

Lehrers mehr als erfüllt. Sie gingen mit Ernsthaftigkeit und

innerem Engagement an die Arbeit heran und haben schöne

bunte Lebensbücher erstellt. Ihnen gebührt ein großes Lob.

Die positive Bewertung ihrer Leistung wird sich sicherlich

in der Benotung zeigen.


Die Autorinnen des Lebensbuches, von links:Carolin Mielke,

Steffanie Ammermüller-Klietsch, Laura Lillpopp, Tabea Sänger

stellen unter den neugierigen Blicken der

ProjektbetreuerInnen ihre Arbeit vor.

durchblick 3/2008 25


Generationen

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TeilnehmerInnen an dem Projekt Lebensbuch.

Vorn: SchülerInnen des Peter-Paul-Rubens-Gymnasium.

Hinten von rechts: Hubert Plugge, Sozialpäd. Fritz-Friesheim,

Manfred Häbler, Lehrer und Projektleiter, Barbara Kerkhoff,

Initiatorin, Dorothea Istock, Redakteurin des „durchblick“

Was für Erfahrungen haben die TeilnehmerInnen

des Projektes bekommen?

Die Arbeit mit dem Lebenslauf, dem Lebensbild eines

Menschen haben den Schülern Erfahrungen in der Biografiearbeit

und in der Gestaltung von Lebensbüchern gebracht.

Sie lassen die Vergangenheit lebendig werden und den Jugendlichen

tut es gut andere Welten kennenzulernen.

Sie haben eine große Wertschätzung bekommen für

das, was die Person erzählt und erlebt hat, können dadurch

anders mit den älteren Menschen umgehen und mehr Verständnis

für sie aufbringen. Sie haben Freundschaften geschlossen,

die sie auch weiter fortführen möchten. Christina

ist mit ihren Senioren inzwischen beim freundschaftlichen

Du angelangt. Sie haben das Projekt als Bereicherung erlebt.

Umgekehrt genießen ältere Menschen die Vitalität und

Neugierde der Jugendlichen, durch die sie an der Zukunft

teilhaben.

Solche Projekte können zur Chance für ein neues soziales,

generationenübergreifendes Miteinander werden.

Die Schüler

Stephanie Ammermüller-Klietsch und Carolin Mielke,

Laura Lillpopp und Tabea Sänger,

Lara Stichert und Katharina Blumentrath,

Alina Birlenbach und Jana Schuss,

Christina Wangemann,

Michael Buchen und Berenike Scheffer

hatten viel Spaß und große Freude an dem Projekt.

Zum Schluss sei noch gesagt, dass die Mitglieder des

Lebensbuch-Projekts mit einem Kurzfilm am Multimediawettbewerb

„Jung & Alt in 2050“ teilnehmen.

Dorothea Istock

26 durchblick 3/2008


Unterhaltung

Es ist angerichtet.

Das Fest der ersten heiligen Kommunion meines kleinen

Vetters war mal wieder so eine große Familienzusammenkunft,

bei der zwar jeder mit jedem gesprochen hatte, aber

am Abend keiner mehr wusste, was der Einzelne gesagt

hatte. Die meisten hatten sich lange nicht gesehen, und so

hörte der Redefluss zu keiner Minute auf. Immerhin waren

es ja auch über zwanzig Personen die an einer langen

Tafel zusammensaßen und bestens bewirtet wurden. Nach

einem feudalen Mittagessen kamen zur Kaffeezeit Buttercreme

und Sahnetorten, Kleingebäck, Kaffee und Tee sowie

Sahne in großen Schüsseln auf den mit weißen Blumen

dekorierten Tisch.

Die Herren trugen dunkle Anzüge und die Damen waren

nobel gekleidet und frisiert. Alles sah sehr festlich aus. Da

das Kommunionkind auch unser Patenkind war, wollten wir

ihm zum Andenken ein Album machen mit vielen Bildern

von seiner Feier. So knipste mein Mann eifrig in die Runde.

Der schön gedeckte Tisch, die vielen Geschenke und natürlich

auch die Gäste wurden im Bild festgehalten. Tante

Kätchen, ungefähr siebzig, recht mollig, immer gut frisiert,

lächelte stets in die Kamera. Sie war direkt fotosüchtig.

Als nun die Kaffeetafel nach und nach abgeräumt wurde,

um Platz für die Genüsse des Abendessens zu schaffen,

war der Tisch über und über voll. Die Kuchen und Torten

und auch die Sahne standen noch, aber daneben wurden nun

Fleisch, Soßen, Salate und andere Leckereien aufgebaut.

Just in den Minuten fand unsere Tante Käte sich wohl

besonders fotogen. Sie bedrängte meinen Mann, sie doch

einmal so wie die Monroe im Bild für die Nachkommen

festzuhalten. War das ein Jux? Für Tante Käte scheinbar

nicht, denn sie drückte ihre Frisur zurecht, rötete ihre Lippen

und warf sich mächtig in die sowieso schon reichlich

vorhandene Brust. Mein Mann bat nun das Tantchen sich

anders zu positionieren, damit man auch ihre strammen

Beine sähe. Kätchen sprang auf und setzte sich mit übereinander

geschlagenen Beinen auf die unterste Ecke der

langen Tafel. Sie lächelte maliziös und die ganze Gästegesellschaft

hatte ihre Freude daran.

Nach kürzester Zeit aber war der Spaß augenblicklich

vorbei. Durch das Gewicht von Tante Käte ging der Tisch

mit ihr nach unten und das obere Tischende hob sich in

die Höhe. Auf dem glatt polierten Tisch rutschte das weiße

Tischtuch mit all den auf ihm stehenden Köstlichkeiten

hinunter auf die bereits am Boden angekommene Tante

Käte. Ein Bild für die Götter !!! Mit dem Po saß sie in der

Sahneschüssel, auf dem Kopf war eine Portion Kartoffelsalat,

die Buttercremtorte lag in ihrem Schoß, die rechte

Hand hielt einen Weintraubenast und die linke einen Zweig

Strauchtomaten. Eine lange Nudel zierte ihr Ohr wie ein

Schmuckstück. Alles war mit Soße, Kaffee und mit Weinresten

übergossen. Außerdem jede Menge defektes Porzellan.

Tantchen blieb ganz ruhig sitzen und das erste, was sie

nach dem Schrecken sagte war: „Nun knips mal Erhard, so

schön war ich noch nie garniert.“

Auch nach diesem Ungemach wurde noch viel gelacht.

Meine Schwägerin – die ja Gastgeberin war – sagte nur:

„Es ist angerichtet“

Inge Göbel

Von der Zauberkraft der Wertschätzung

„ Wenn ich mich nicht selbst lobe, lobt mich keiner“,

sagt meine Frau, als sie wieder mal ein gutes Mittagessen

gekocht hatte. Ja, sie hat Recht: Ich habe den Eindruck,

dass wir andere – und vielleicht auch uns selbst – zu wenig

wertschätzen. Warum fällt uns das Loben so schwer? Wann

sind Sie das letzte Mal gelobt worden, zu Hause oder in

ihrem Ehrenamt oder überhaupt? Bekommen wir für unsere

Mühe, unser Engagement Anerkennung? Wissen wir

eigentlich, welche Fähigkeiten, Ideen und Möglichkeiten

im anderen stecken?

Wir sind einzigartig mit vielen Gaben, die in uns angelegt

sind. Schon im Alten Testament bringt der Psalm 139 diese

Wertschätzung zum Ausdruck: „Wunderbar und einzigartig

ist ein jeder Mensch, den der Schöpfer ins Leben gerufen hat –

gewoben im Schoß der Mutter, erdacht, geformt, gekannt, geliebt.“

Oft setzen wir bei den Defiziten der Menschen an, statt

die Stärken zu sehen und ihnen etwas zuzutrauen. Die einzigartige

Konstellation von Persönlichkeit, Begabung, Beruf und

Berufung, Temperament, Lebensgeschichte und Erfahrungen

in jedem einzelnen Menschen gibt es nicht doppelt. Durch

Der Kommentar: Heute von Horst Mahle

interessiert-wertschätzende Gespräche, aktiv zuhören, den

anderen und mich wahrnehmen – da können sich auf einmal

ganz neue Türen öffnen. Wertschätzung ist eine Haltung,

die auf einem Menschenbild beruht: Du bist mir wichtig, wir

begegnen uns auf gleicher Augenhöhe. Unsere Beziehung basiert

auf Wertschätzung, Echtheit und Empathie.

Man spricht von

einem Viererschritt zu

einer wertschätzenden

Haltung: „Achtsam sein

– Ansehen schenken –

wahrnehmen und zuhören

– anerkennen und

zutrauen“ mir selbst gegenüber

und anderen gegenüber.

Anerkennung,

Wertschätzung sind

gleichsam Zauberkräfte,

die es zu entdecken gilt

und die Horizonte öffnen

können und motivieren.

durchblick 3/2008 27

durchblick Foto


Diese Seiten stehen dem Seniorenbeirat der Stadt Siegen zur Verfügung. Die Redaktion des „durchblick“ hat keinen Einfl uss auf die Auswahl der Beiträge.

Aus dem Seniorenbeirat

Siegener Seniorenbeirat

besucht WDR

Den WDR besichtigte jetzt

der Seniorenbeirat der Stadt

Siegen. Dabei kam es auch zu

einem längeren Gespräch mit

Moderator Dirk Glaser im Lokalzeit-Studio

des Senders. Die

Beiratsmitglieder waren beeindruckt

von den hochtechnisierten

Abläufen in den Bereichen Hörfunk,

Fernsehen und Internet.

Mehr Sicherheit für Fußgänger

Gemeinsam sind wir stark. Nach dieser Devise will

man beim Seniorenbeirat der Stadt Siegen sich in Zukunft

noch stärker für die Belange der älteren Mitbürgerinnen

und Mitbürger einsetzen. Jetzt haben sich die Arbeitskreise

„Bauen und Wohnen“ und „Soziale Einrichtungen, Netze,

Infrastruktur und Pflege“ zusammengeschlossen, um konkrete

seniorengerechte Verbesserungen bei der Stadt Siegen

zu erreichen. Und gleich konnten die beiden Arbeitskreissprecher

Günter Heinbach und Dr. Wolfgang Bauch mit

ihrem Team einen

Erfolg verbuchen:

Vom Bauamt der

Stadt wurde der Beiratsantrag

positiv

beschieden, an der

Ecke Löhrstraße/

Kornmarkt in Höhe

des Café Harr ein

Geländer anzubringen.

Denn nach

Starkes Doppel: Günter Heinbach lks.

und Dr. Wolfgang Bauch

Besichtigung der

örtlichen Gegebenheiten

und Fotopräsentation

per Beamer

stand eindeutig fest:

Zur besseren Überwindung der Steigung und zur Erhöhung

der Sicherheit der Fußgänger ist ein Geländer an geeigneter

Stelle des Bürgersteigs erwünscht und erforderlich. „Oberstadtfan“

Helga Mücke (79) machte eindrucksvoll deutlich,

wie schwer es gerade älteren und gehbehinderten Menschen

fällt, die Steigung von der Löhrstraße zum Marktplatz gefahrlos

zu überwinden. Besonders im Winter stellen Schnee

und Eisglätte für die älteren Mitbürger eine zusätzliche Gefahr

dar. Hier wird jetzt Abhilfe geschaffen. •

Präsentation in der City-Galerie

Mit einer ganztägigen Präsentation seiner Arbeit machte

der Seniorenbeirat der Stadt Siegen in der Siegener City-

Galerie auf sich aufmerksam. Der Arbeitskreis „Öffentlichkeitsarbeit“

mit seinem Sprecher Ernst Göckus aber auch

zahlreiche andere Beiratsmitglieder suchten dabei das Gespräch

vor allem mit den älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

Tatkräftige Unterstützung leistete dabei die städtische

Regiestelle „Leben im Alter“ mit ihrer Leiterin Astrid

E. Schneider. Auch Bürgermeister Steffen Mues nahm sich

eine ganze Stunde lang Zeit, um sich über die Seniorenarbeit

seiner Stadt zu informieren und sich die Sorgen und

Nöte insbesondere der älteren Menschen anzuhören. Dabei

kristallisierten sich im Laufe des Tages vor allem drei

Problemkreise heraus, die den Senioren der Krönchenstadt

auf den Nägeln brennen. Zum einen sind es die fehlenden

Einkaufsmöglichkeiten in so zentralen Gebieten wie z. B.

der Leimbachstraße und dem Rosterberg. Immer wieder

tauchte die Frage nach seniorengerechtem und bezahlbarem

Wohnraum auf. Auch dass man ab einem bestimmten Alter

selbst liebgewordene ehrenamtliche Tätigkeiten (wie z. B.

das Amt eines Schöffen ab dem 70. Lebensjahr) abgeben

müsse, wurde bedauert. Nicht zuletzt waren es oft aber auch

ganz persönliche Sorgen wie Einsamkeit und zunehmende

Armut, mit denen ältere Mitbürger sich an den Seniorenbeirat

wandten. Mit einem Gutschein für eine individuelle

Beratung per Telefon oder für ein persönliches Gespräch erhielten

die Besucher Gelegenheit, kurzfristig eine konkrete

Hilfe anzufordern. Diese Serviceleistung wurde besonders

dankbar angenommen. •

Hoher Besuch von lks.: Ernst Göckus, Michael Dietrich,

Astrid E. Schneider und Bürgermeister Steffen Mues

28 durchblick 3/2008


Verantwortlich für deren Inhalt ist nach dem Presserecht Dr. Horst Bach, der Pressesprecher des Seniorenbeirats der Stadt Siegen.

Aus dem Seniorenbeirat

Hans Berner ist auch mit

90 immer noch am Ball

Hans Berner 90

Die Ehrungen in den

letzten Monaten waren

hochkarätig. Zunächst die

Ernennung zum Ehrenvorsitzenden

des Seniorenbeirates

(der Durchblick berichtete),

dann wenig später

die Verleihung des Ehrensiegels

der Stadt Siegen.

Das Lebenswerk von

Hans Berner, des letzten

Bürgermeisters der einst

selbstständigen Gemeinde

Geisweid, wurde in diesem

Zusammenhang von allen

städtischen Gremien, politischen Parteien und gesellschaftlichen

Gruppierungen voller Respekt und Hochachtung

gewürdigt. Am 24. Juli wurde Hans Berner 90 Jahre alt!

Das Alter sieht man dem Jubilar, der seit 62 Jahren mit seiner

Frau Betty geb. Junker verheirat ist, fürwahr nicht an.

Der große Trubel ist dem stets hilfsbereiten, toleranten und

verständnisvollen Kommunalpolitiker immer ein Greuel

gewesen, und so wurde der Ehrentag auch nur im kleinen

Kreis gefeiert, wenn es auch kein „Dinner for one“ gab.

Walter Nienhagen, der verstorbene langjährige sozialdemokratische

Parteifreund, hat Hans Berner einmal treffend so

charakterisiert: „Als Bürgermeister, stellvertretender Bürgermeister,

stellvertretender Landrat und Vertreter in Aufsichtsräten

hat Hans Berner den Bürgern gedient und sein

Fachwissen eingebracht.

Er war immer freundlich und warmherzig und bis ins

hohe Alter engagiert. Es ist wohl sein gelebter Glaube, der

ihm die Kraft dazu gibt.“ Hans Berners überparteiliches,

bürgerschaftliches Engagement war und ist besonders im

Seniorenbeirat gefragt. Der „Elder Statesman“ absolvierte

voller Elan sein „Comeback“ im Vorstand der Siegener Seniorenvertretung.

Und auch bei seinem geliebten und „nur“

10 Jahre älteren VfL 08 Klafeld-Geisweid ist er nach wie vor

„am Ball“. Sei es als engagiertes Mitglied des Förderkreises

an der Seite seines Freundes Alfred Sünkel oder als fachkundiger

Ratgeber in allen Vereinsbelangen. Schließlich ist Hans

Berner auch ein ermutigendes Vorbild für eine Lebensphase,

die von vielen Mitmenschen hinsichtlich ihrer Gestaltungskraft

immer noch unterschätzt wird. Die persönliche Weiterentwicklung

des älter werdenden Menschen und sein Wert

für das soziale und gesellschaftliche Miteinander enden nicht

automatisch mit dem Eintritt in den „Ruhestand“ oder dem

Erreichen einer wie auch immer definierten „Altersgrenze“.

Hans Berners 90. Geburtstag symbolisiert vielmehr die Bereicherung

des Gemeinwesens durch seine älteren Mitbürger.

Spruch des Tages zum 90.: Als ein Gratulant seine Rede

mit den Worten schloss „Dann auf Wiedersehen beim 100.“

antwortete Hans Berner schlagfertig: „Wenn ihr dann noch

alle lebt!“ •

„Die Fischerin vom Sohlbachtal“

Nomen est omen: Irene Fischer (75) ist keine Wasserratte,

sondern eine Siegforelle. Mit 13 Jahren lernte die gebürtige

Waldenburgerin,

der der

„Schlesscha

Streisalkucha“

genau

so flott über

die Lippen

und Zunge

geht wie der „Seejerlänner Riewekooche“, das Schwimmen

in der Sieg. Seither ist für sie der Aufenthalt im Wasser das

reinste Lebenselixier.

Seit ihrem Umzug nach Weidenau ist sie Stammgast im

dortigen Hallenbad. Doch im Sommer zieht es sie in den

letzten 12 Jahren regelmäßig ins Geisweider Freibad. Dort

schwimmt sie jeden Tag, bei jedem Wetter ihre Bahnen. „Die

Kommunikation mit den Mitschwimmerinnen ist wichtig“,

berichtet die „Fischerin vom Sohlbachtal“ und verrät, dass

im kühlen Nass auch schon einmal Kochrezepte ausgetauscht

werden. Doch Irene Fischer blickt auch nach vorne. Sie ist

Mitglied im Förderverein Freibad Geisweid e.V. geworden.

Ihr sehnlichster Wunsch: Das Angebot einer Wassergymnastik

im runderneuerten Freizeitbad. •

Fotos (5) Dr. Horst Bach)

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durchblick 3/2008 29


Im Kreis Siegen-Wittgenstein steigt die Zahl der Einund

Zwei-Personen-Haushalte bis 2020 von derzeit 84- auf

voraussichtlich 94-Tausend. Gleichzeitig nimmt die Zahl

der allein oder zu zweit lebenden alten Menschen zu. In diesem

Zusammenhang gibt die

hohe Eigenheimquote Anlass

zur Besorgnis: Mit 67,5 % liegt

sie wesentlich über dem Landesdurchschnitt

(42,5 %). Vor allem

im ländlichen Raum kann dies

problematisch werden, denn

die Wohnfläche ist häufig auf

größere Familien zugeschnitten.

Auch die Grundstücke –

oft in Hanglage – können von

alten Menschen nicht immer im

gewünschten Umfang gepflegt

werden. Nachbarschaftshilfe

ist deshalb nicht zu erwarten,

wenn die Nachbarn ebenfalls

alt sind... Und in Zukunft müssen

immer mehr hochaltrige

Menschen Hilfe annehmen.

Fast jeder ältere Mensch

möchte möglichst lange im gewohnten

Umfeld leben. Daher

wird der Bedarf und die Nachfrage

nach kleinen Dienstleistungen

zunehmen. Unterstützungsangebote

werden immer

wichtiger, damit Menschen ihren

Alltag möglichst „normal“ leben und unabhängig gestalten

können. Dabei geht es meistens weniger darum, dass eine

fremde Person die eigene Bettdecke bezieht, obwohl gerade

solch kleinen Hilfen oft die großen sind. Vor diesem Hintergrund

ist der noch ziemlich unklare Begriff „haushaltsnahe

Dienstleistungen“ entstanden. Diese können das gesamte

Gesellschaft

Haushaltsnahe Dienstleistungen

Haushaltsnahe Dienstleistung - aber nicht so!

Spektrum der menschlichen Bedarfe, Wünsche und Lebenslagen

umfassen: Angefangen vom Engagement der Reinigungshilfe

über Gärtner- und Schneeräumdienste bis hin zur

Betreuung von Kindern, alten Menschen oder Menschen mit

Pflegebedarf. Es gehören auch

Serviceleistungen dazu, wie die

Begleitung bei Arzt- und Behördengängen,

Vorlesestunden oder

einfach nur Zeit zum Erzählen

und Plaudern.

Als dringlich dürften in den

meisten Fällen die Aufgaben

„Verpflegung, Reinigung und

Wäscheversorgung“ sein. Das

gilt z. B. für eine Person die

nicht mehr selbst einkaufen

und kochen kann. Man kann

ihr Essen auf Rädern bringen,

man kann sie an einen Ort begleiten,

an den sie zum Essen

geht, beispielsweise in einem

Altenheim. Oder es kann ja

auch jemand speziell für diese

Person kochen, in deren Wohnung

zum Beispiel.

Wie kann man Menschen

finden, die vertrauensvoll und

kompetent die oft persönlichen

Dinge im Bereich der Hauswirtschaft

erledigen? Natürlich besteht

die Möglichkeit, in diesen

Fällen in die Zeitung zu schauen oder auf schwarze Bretter

in Supermärkten. Aber das kann riskant sein und es ist oft

dem Zufall zu überlassen, wem man anschließend vertrauen

soll. Selbstverständlich muss die Vermittlung haushaltsnaher

Dienstleistungen unabhängig von wirtschafltichen

Interessen sein, die Wünsche des Hilfesuchenden berücksichtigen

und ihn stärken.

Diese Erwartungen können am besten von lokalen Vermittlungsstellen

(„Agenturen für haushaltsnahe Dienstleistungen“)

erfüllt werden. Zum einen können sie Menschen,

die eine Dienstleistung „einkaufen“ möchten, einen guten

Überblick bieten, was es an Möglichkeiten und geeigneten

Angeboten gibt. Die Aufgabe der Vermittlungsstelle kann

dann in einer neutralen Vermittlerrolle gesehen werden. Es

sollen Informationen gesammelt, gebündelt und interessenunabhängig

angeboten werden.

Zweifellos ist eine solche Agentur aber auch im Interesse

von Kommunen, die ihre Familienfreundlichkeit stärken,

ihre Einwohnerzahl halten und verstärkt auf absehbare Folgen

des demografischen Wandels reagieren wollen.

Erich Kerkhoff

30 durchblick 3/2008

Foto: durchblick Photo-Shop-Club


Gedächtnistraining

Piktogramme

Trainiert werden: Assoziatives Denken, Fantasie

Können Sie erkennen um welche Sportarten es sich handelt? Finden

Sie zusätzlich heraus, welche zwei der abgebildeten Sportarten

keine Disziplinen der Olympischen Sommerspielen 2008 waren.

Olympische Disziplinen

trainiert werden Urteilsfähigkeit und Wahrnehmung

a) um welche Sportarten handelt es sich hier?

b) wie viele Personen gehören zu einer Mannschaft?

Wortsuche

Trainiert werden:

Konzentration

und Wortfindung

In diesem

Buchstabengewirr

sind

40 Sportarten

von den Olympischen

Sommerspielen

versteckt.

Alle Übungen

gefunden im

„denkzettel“

Bundesverband

Gedächtnistraining

e.V. www.

bvgt.de, zusammengestellt

von

Barbara Kerkhoff

32 durchblick 3/2008


1 a) Carl Luis

b) Carl Lewis

c) Karl Louis

2 a) George Foureman

b) George Vourman

c) George Foreman

4 a) Ulrike Maifahrt

b) Ulrike Meyfarth

c) Ulrike Mayfahrth

7 a) Dirk Nowizki

b) Dirk Nowitzki

c) Dirk Nowitzski

5 a) Michael Groß

b) Michael Gross

c) Michael Gros

3 a) Heike Drechsler

b) Heike Drexler

c) Heike Drecksler

6 a) Johnny Weißmüller

b) Johnny Weizmüller

c) Johnny Weissmüller

8 a) Paul Schockemöhle

b) Paul Schockemölle

c) Paul Schokemöhle

Gedächtnistraining

Bekannte Sportler

Trainiert wird die Wahrnehmung

9 a) Carlo Tränhard

b) Carlo Tränhardt

c) Carlo Thränhardt

Die Namen der links aufgeführten Sportler haben

Sie sicher auch schon einmal gelesen.

Aufgabe 1:

Entscheiden Sie: Welche Schreibweise ist die

Richtige?

Aufgabe 2:

Ordnen Sie den Namen die entsprechende

Sportart zu.

10a) Jürgen Hingsen

b) Jürgen Hinksen

c) Jürgen Hinghsen

11a) Manfred Nehrlinger

b) Manfred Nerlinger

c) Manfred Neerlinger

12a) Jan Ulrich

b) Jan Ullrich

c) Jan Uhlrich

Basketball

Hochsprung

Leichtathletik

Schwergewichtsboxen

Schwimmen

Weitsprung

Gewichtheben

Hochsprung

Radrennsport

Schwimmen

Springreiten

Zehnkampf

Am Ev. Jung-Stilling-Krkhs.

in Siegen

(02 71) 8 10 88

Am Schloßberg

in Freudenberg

(0 27 34) 43 94 77

Am Ev. Krankenhaus

in Kredenbach

(0 27 32) 20 91 25

Zentrum für

Ambulante Rehabilitation

Physiotherapie

Prävention und Gesundheitssport

durchblick 3/2008 33


Bild von M-L Raczkowski

Schmerzpunkte

Kaum bezähmbar

von der Enge des Willens

tost wirbelnder Schmerz

Heinrich Waegener

Ein verlässlicher Begleiter

(Der Schmerz)

Der Urknall, so es ihn dann gegeben hat, muss sehr

eruptiv und mächtig gewesen sein. Die Welt wurde also

aus dem Schmerz geboren, und somit auch der Mensch.

Mikrokosmos gleich Makrokosmos. Der Garten Eden, ein

kurzes Intermezzo im Verlauf der Menschheitsgeschichte,

war, vielleicht, die einzige schmerzfreie Zone, leider zum

Wunschdenken mutiert durch die Episode mit dem Baum

der Erkenntnis, letzteres der Stoff, aus dem Tragödien sind.

Welt ist immer Leid und lässt sich nur überwinden, indem

man es auf sich nimmt, die Widerstände gegen manifeste

Umstände aufgibt.

Gesellschaft

Der Mensch kann sicher sein, dass er mit seinem

Schmerz nicht allein ist. Aus jedem Winkel unseres Planeten

dringen die Schreie, das Gewimmer, die Verzweiflung

der gequälten Seelen durch den Äther. Das Weltall

ist ein einziges Echo dieser gemarterten Energien, die da

freigesetzt werden. Schmerz und Leid sind gleichsam global,

da man von einem kosmischen Bewusstsein spricht.

Nach mathematischen Erkenntnissen bleiben alle Teile, die

bei der Explosion freigesetzt wurden, für immer in Verbindung,

und daher ist die Wirklichkeit mit all ihren Aspekten

immer Teil jedes einzelnen Partikels. Zudem wird uns eine

Flut von Bildern heute in die gute Stube gespült, wodurch

der Mensch noch mehr unser Herz berührt und wir seinen

Schmerz, so, als blickten wir alle in den gleichen Spiegel.

Denn die Seele spricht nur in Bildern. Manche unserer individuellen

Beeinträchtigungen und Unlustgefühle mögen

eine Antwort sein auf dieses Leid. Es gibt nie den Schmerz

allein, es geht immer auch um das ihn auslösende Drama.

Schmerz ist Ohnmacht, ist der Stachel, der uns, immer

aufs Neue, zum Nachdenken über das gesamte Leben nötigt.

Der Liebesschmerz fand in den klassischen Dramen

Erlösung nur im Tod, und heute, wo der Mensch nur noch

glücklich sein möchte, wird Leid zum lästigen Begleiter, es

wird nur noch ausgelöscht, sich selbst und den anderen.

Das Hirn unterscheidet nicht zwischen physischem und

psychischem Schmerz. Im ersten Falle geht es um äußere

Verletzungen, im zweiten um eine Mitteilung der Seele, die

auf sich aufmerksam machen will, aber immer ist es eine

Interaktion zwischen Seele, Geist und Körper. Schmerz ist

immer individuell und setzt erst ein, wenn er das Bewusstsein

erreicht hat. Die Unterschiede im Schmerzempfinden

ergeben sich durch Stimmung, Erwartung, Einstellung,

Verhalten und Schmerzempfindlichkeit, wobei Letztere

vererblich ist.

Fast überall im Körper gibt es Sensoren, die auf Hitze,

Druck, Reibung oder chemische Reize ansprechen. Bei Verletzungen

geben diese sogenannten Nozireptoren ein Signal

Friedhofswald Siegen

(Die neue Bestattungsform in Siegen)

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Gesellschaft

Pablo Picasso: Das des Weges

Kollektion J.K.Thannauser, New York

an das Rückenmark. Das Schmerzsignal bekommt Vorrang

gegenüber allen anderen Nachrichten aus dem Körper. Die

Information wird aufgeteilt. Ein Kanal führt in Bereiche des

Großhirns, welche die Verletzungen lokalisieren. Andere

Impulse gehen in tiefer gelegene Hirnregionen und lösen

die unangenehmen Empfindungen aus. Schmerz findet immer

im Bewusstsein statt.

Ein nörgelnder, immer wiederkehrender Schmerz treibt

einen Menschen zur Verzweiflung. Das Warten auf seine

Rückkehr, die Angst davor, steigert die Empfindlichkeit.

Werden die Neuronen immer wieder gereizt, verschärfen

sich die ankommenden Signale. Das Gehirn lernt eben durch

Wiederholung, was ja im anderen Falle sehr willkommen

ist. In ihm ist der Körper wie auf einer Landkarte wiedergegeben.

Tut das Knie immer wieder weh, bekommen immer

mehr Nervenzellen diese Information. Die Karte verändert

sich, das wunde Knie wird darauf immer größer. Chronische

Schmerzen sind ein Lernprozess auf Um- und Abwegen, sie

verändern den Menschen in seiner Gesamtheit, in seinem

Denken, in seinen Emotionen, in seinem Verhalten, kurzum

in seiner existenziellen Wirklichkeit. Zerschundene,

gequälte, ausgezehrte Körper als Gefäß einer stigmatisierten,

gedemütigten Seele. Er wird zum Gefangenen seines

Schmerzes, rüttelt an den Stäben seines Käfigs, alle seine

Empfindungen führen in den Schmerz.

Es gibt sogar das Schmerzbedürfnis. Die Auswahl ist

immer groß. Wie im Supermarkt können wir, wenn uns

danach ist, in ein Regal greifen, wo für jede unserer körperlichen

oder seelischen Schwachstellen der passende

Schmerz bereitliegt. Dem Alter unterstellt man, dass seine

Lust der Schmerz sei.

Auch spricht man vom sekundären Gewinn des Leidens.

Endlich mal im Mittelpunkt, Aufmerksamkeit und Zuwendung

ist einem gewiss. Wenn wir, freiwillig, diese Häppchen

auch Gesunden zuteil werden ließen, müssten sie oft

nicht den Weg über den Schmerz einschlagen. Er besetzt

eine Nische, verteidigt sein Terrain, er herrscht, setzt sich

durch, tyrannisiert.

Der größte Teil meiner Ausführungen gehört zu einem

Kapitel, welches ich jetzt aufschlagen möchte, indem ich

mich dem seelischen Schmerz zuwende, wie innen so außen,

körperlicher Schmerz hat seine Entsprechung in der Seele.

Ich möchte Sie dazu verleiten, sich einmal auf eine andere

Betrachtungsweise einzulassen. Ich weiß, dass dieses Unterfangen

zu Kontroversen führt, nur bin ich nicht der Urheber

dieser Erkenntnisse, sie sind so alt wie die Welt und werden

auch in unserer heutigen Zeit von namhaften Medizinern,

Autoren und Psychologen geteilt. Ich bin lediglich Anhänger

dieser Sichtweise und durfte schon oft die Stimmigkeit der

Deutungen an mir selbst und anderen erfahren.

Der Mensch ist durch den Sündenfall aus der Einheit

gefallen. Dieser Vorgang schenkte ihm auf der einen Seite

zwar seine Erkenntnisfähigkeit (worüber er nicht immer

sehr glücklich ist – Ironie des Schicksals), zwingt ihn

aber auf der anderen Seite zu einem Leben in der Polarität,

d.h., er kann die Welt nur in Gegensätzen erfahren. Er

entscheidet sich, meistens, für einen Pol, obwohl der eine

ohne den anderen nicht existieren kann, z. B. hell – dunkel,

gut – böse, friedlich – aggressiv. Es sind Begriffspaare,

die die zwei Seiten der Medaille repräsentieren. Da aber

der Mensch in seinem Bewusstsein latent alle Prinzipien,

d.h.,archetypische Seinsbereiche enthält, identifiziert er

sich durch dieses Entweder – oder und der Ignoranz des

Sowohl-als-auch nur mit der Hälfte der Prinzipien, der Rest

fällt in den Schatten, d.h., ist ihm nicht bewusst. Dieser

Vorgang führt immer wieder zu Problemen und Konflikten.

Es geht um eine Annäherung beider Prinzipien, der Rest

ist Einbahnstraße oder Sackgasse. All das, was wir nicht

wollen, was wir in uns nicht vorfinden wollen, nicht leben

wollen, bildet unseren Schatten. Denn die Ablehnung

der Hälfte aller Möglichkeiten bringt diese keinesfalls zum

Verschwinden, sondern verbannt sie nur aus dem Oberbewusstsein.

Als Schatten bezeichnen wir also die Summe

aller abgelehnten Wirklichkeitsbereiche. In unserem Bewusstsein

fehlt dann etwas. Ersatz dafür ist der Schmerz.

Bevor ein Problem sich im Körper als Symptom manifestiert,

meldet es sich in der Psyche als Thema, Idee,

Wunsch oder Phantasie, Ausdruck unserer Bedürfnisse.

Verdrängen wir es wieder aus dem Bewusstsein, um die

Seele zu entlasten, projizieren wir den Impuls als Schmerzsyndrom

auf die körperliche Ebene. Er spielt dann auf unseren

Körper wie auf einem Instrument. Die Seele

durchblick 3/2008 35


Gesellschaft

ist die Saite und der Körper die Resonanz, fein austariert,

Verstärker oder Leisetreter, je nach Befindlichkeit. Wenn

wir ihn an einer Stelle bekämpfen und vertreiben, taucht er

an einer anderen Stelle wieder auf, wie ein kleiner Kobold.

Symptom-Verschiebung.

Zur Verwirklichung kann sich das Symptom ziemlich

beliebig physiologischer, chemischer, nervaler oder sonstiger

Träger bedienen. Anstatt das Symptom, welches ein

Problem sichtbar machen will, leidenschaftlich im Außen

zu bekämpfen, sollten wir es uns anschauen. Es hat auch

eine Zeitqualität. Es zählen der genaue Zeitpunkt seines

Auftretens und alle synchron ablaufenden Ereignisse, ebenso

wie die inneren Prozesse, sie bilden den Rahmen. Die

abgelehnten Prinzipien wollen integriert und gelebt werden.

Das Symptom zwingt uns über den Körper, den freiwillig

nicht gelebten Seinsbereich dennoch zu verwirklichen. Der

Mensch beschäftigt sich am meisten mit dem, was er nicht

will und nähert sich dabei dem abgelehnten Prinzip soweit

an, dass er es schließlich selbst lebt. Schon Goethe schrieb:

„Alles Unbewusste will Ereignis werden.“

Wohin mit meinem Schmerz? Raus aus dem Dunkel des

menschlichen Seins, aus dem Schmerz, aus dem Grauen.

Schmerz ist faustischer Antagonist, emotionales Aufbegehren.

Medikamentenberge, Operationen, Kliniken, Schmerztherapeuten.

Welch ein aufgeblasenes Gesundheitssystem,

um dem Menschen seinen Schmerz zu nehmen. Gibt es

nicht zu denken, dass allen Fortschritten der Schulmedizin

zum Trotz die Anzahl der Krankheiten und Kranken nicht

abnimmt? Allerdings, die mystische Idee, dass Schmerz

den Menschen veredelt, ist eine antiquierte Vorstellung im

Christentum.

Das Hirn aber hat keine Löschtaste. Aufgezeigte Möglichkeiten,

dem chronischen Schmerz zu entkommen: der

Körper hat ein privates Drogenlabor. Die Kraft der Vorstellung

genügt manchmal, die Substanzen fließen zu lassen.

Eine adäquate Dosis an Schmerzmedikamenten über einen

angemessenen Zeitraum hinweg, damit der Leidende wieder

konstruktiv denken kann. Eine alte, schlechte Erfahrung

werden wir nur los, wenn wir sie im Gedächtnis mit einer

neuen besseren überschreiben. Was der Mensch gelernt hat,

kann er auch wieder verlernen. Die Programmierung auf

den Schmerz muss wieder rückgängig gemacht werden.

Der Weg ist allein schwer zu gehen. Eine Psychotherapie,

Gespräche, Selbsthilfegruppen bieten sich an.

Unter Psychotherapie verstehen wir heute einen Weg

zur Selbsterkenntnis und Bewusstwerdung. Schon zu allen

Zeiten versuchten Menschen, Hilfsmittel für den schweren

Weg der Selbstfindung zu entwickeln. Heute fließen in die

Psychotherapie alle Lehren von der menschlichen Seele

zusammen. Schmerz kann Antriebskraft sein zu künstlerischen

Ausdrucks- und Verarbeitungsmöglichkeiten, wie

Theater spielen, Malen, Schreiben, Musizieren. Yoga und

Meditation sind auch nicht zu verachten.

Erika Krumm

Quellennachweis: ein Wissenschaftsgespräch mit dem bekanntesten Schmerzforscher

Deutschlands in der „Zeit“ und das Buch: Krankheit als Weg“ von

Thorwald Dethlefsen und Ruediger Dahlke

Ich habe gut und böse gekannt

Sünde und Tugend, Recht und Unrecht.

Ich habe gerichtet und bin gerichtet worden.

Ich bin durch Geburt und Tod gegangen,

Freude und Leid, Himmel und Hölle,

und am Ende erkannte ich

dass ich in allem bin

und alles ist in mir.

(Hazrat Inayat Khan)

36 durchblick 3/2008


Haus Herbstzeitlos

Großer Bahnhof zum Zehnjährigen im Rathaus der Stadt Siegen

Jubiläumsimpressionen mit der Kamera eingefangen

Feierlicher Festakt am 21. Juni 2008 für das Geburtstagskind „Haus Herbstzeitlos“

Zahlreiche Ehrengäste und Gäste fanden sich zur Feier des Zehnjährigen im Ratssaal der Stadt Siegen ein.

Bild unten: Wurden während des Festaktes besonders

gewürdigt:Ulrike Schneider, die dem HH den Namen gab

(links), die fleißige Spendensammlerin Erika Röthinger

und Bauleiter Herbert Junk.

Bild lks.: Ein Höhepunkt

des Festaktes

war die Eröffnung

der Bilderausstellung

im Foyer des

Siegener Ratssaales,

die liebevoll von Anke

Berg zusammengestellt

wurde.

Bild rechts: Plausch

zum Jubiläum:

Astrid Schneider,

Leiterin der Regiestelle

„Leben im

Alter“, im Gespräch

mit Peter Eberlein,

Vorsitzender des

Sozialausschusses

der Stadt Siegen

Astrid E. Schneider zeichnete zahlreiche Persönlichkeiten aus, die sich

im Laufe der Jahre besondere Verdienste um das Haus Herbstzeitlos

erworben haben. Ohne ihr Engagement wäre die Vielfalt der Initiativen

nie möglich geworden. Dafür dankte ihnen Astrid E. Schneider, Leiterin

der Regiestelle „Leben im Alter“

Fotos (5) Dieter Gerst

durchblick 3/2008 37


Leserseite

„Entfalten“

Der

Traum von

der ewigen

Jugend ist

nach wie

vor weit

verbreitet,

dabei entspricht

das

Aussehen

einer heute

90-Jährigen

ohne

Weiteres

dem ihrer

Großmutter

mit

60. Die

Menschen

werden immer älter, aber viele wollen nicht, dass man ihnen

ihr Alter ansieht. Hier setzt die Werbung für sogenannte

Anti-Aging-Produkte an. Das Geschäft floriert, obwohl mit

keinem der Präparate bisher eine positive Wirkung nachgewiesen

werden konnte. Auf diesem Markt werden Milliarden

umgesetzt, Fachleute sprechen von „legalisiertem

Betrug“. Oft werden Wachstumshormone als Anti-Aging-

Mittel eingesetzt. Sie sollen die Haut straffen, fettabbauend

Alles aus

einer Hand:

Mahlzeitendienst

Hausnotrufdienst

Fahrdienst

Reisedienst

Wir beraten Sie gern. Telefon 02738 / 17 17

Ihr Malteserteam

Foto und Bearbeitung: Boris Eickhoff

wirken und vor Diabetes schützen. Ihnen wird eine mögliche

krebsbegünstigende Wirkung nachgesagt.

Meistens wird eine Beeinflussung der Hormonproduktion

versprochen. Richtig daran ist, dass das tatsächliche

Alter eines Menschen nicht allein der Kalender bestimmt,

sondern vor allem von der inneren Uhr, das heißt, die genetische

Ausstattung des Menschen.

Richtig ist aber auch, dass „gute Gene“ den Alterungsprozess

nur zu einem Drittel beeinflussen, die Lebensführung

dagegen bis zu zwei Dritteln. Gemeint ist ein

gesunder Lebensstil: Sport, geistige Betätigung, gute zwischenmenschliche

Beziehungen, eine sinnvolle Tätigkeit.

Zudem stimulieren anspruchsvolle Bewegungen bestimmte

Gehirnregionen. Eine ausgewogene, kalorienarme Ernährung

mit vielen Vitaminen und Spurenelementen sowie

eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme unterstützen das

Jungbleiben.

Getreu dem Motto: wer rastet, der rostet, haben Studien

gezeigt, dass geistige Aktivität die Konzentrations-, Merkund

Denkfähigkeit verbessert. Regelmäßige körperliche

Bewegung stärkt Muskeln und Knochen, baut Stress ab und

schüttet Glückshormone aus. Demnach hat, wer die eigenen

körperlichen und geistigen Handlungsmöglichkeiten im Alter

kreativ einsetzt, damit eher Chancen zu einer „Entfaltung“

als mit Produkten, die angeblich Muskeln stärken, die

Haut straffen und das Gedächtnis verbessern.

Erich Kerkhoff

Zeichen der Jahre

von Helga Düringer

Das Leben zieht an Dir vorbei,

es ist schon reich an Jahren;

Du hast ihn schon, den letzten Schrei,

stehst da mit grauen Haaren!

Mit Würde trägst Du Deine Falten,

ja, die sind – Natur;

noch zählst Du Dich nicht zu den Alten,

genießest – Leben pur!

Doch fängst Du an zu schwächeln,

die Füße wollen nicht wie Du;

Dein Atem klingt wie Hecheln,

brauchst Du Gesundheitsschuh!

So geht‘s vielleicht noch Jahre,

Dein Mut hält Dich auf Trab;

Dein Wille Dir bewahre,

mach bloß nicht einfach schlapp!

Freu Dich auf den neuen Tag,

hoffe auf Dein Glück;

warte was er bringen mag,

denke nicht zurück!

38 durchblick 3/2008


Wissen

Wikipedia, die freie

Enzyklopädie

„Stell Dir eine Welt vor, in der jeder

freien Zugang zum gesamten Wissen

der Menschheit hat. Das ist unser Ziel.

Und wir brauchen Deine Hilfe.“

Der Traum der französischen Aufklärung –

freier Zugang zu Wissen für jedermann – ist

mit den Mitteln des Internets heute in greifbare

Nähe gerückt. In der Wikipedia arbeiten seit

2001 tausende von Freiwilligen aus aller Welt

daran, eine Enzyklopädie in über 100 Sprachen

zu verfassen.

Was anfangs niemand für möglich hielt, hat tatsächlich

funktioniert. In einem völlig offenen Prozess, kontrolliert

nur durch die Autorengemeinschaft, ist ein Werk entstanden,

das traditionellen Enzyklopädien durchaus das Wasser

reichen kann, wie Tests renommierter Zeitschriften wie Nature

und Zeit zeigen.

Mittlerweile gehört Wikipedia zu den zehn meistbesuchten

Websites der Welt und ist die wohl umfangreichste

gemeinschaftlich erstellte Sammlung freien Wissens. Allein

die deutschsprachige Ausgabe umfasst über 500.000

Artikel. Jeder Leser kann innerhalb von Sekunden zum

Mitautor werden, wenn er einen Tippfehler gefunden hat

oder eine inhaltliche Lücke füllen möchte. Um Änderungen

vorzunehmen, ist nicht mal eine Anmeldung erforderlich.

In der Wikipedia arbeiten derzeit noch überwiegend junge,

männliche Autoren. Deshalb startete man in diesem Jahr

ein Projekt „Generation 50+“, um auch lebensältere Menschen

als aktive Autoren in der Wikipedia zu gewinnen.

Gibt man im Suchfeld von Wikipedia ein: „WP:50+“,

dann gelangt man zur entsprechenden Projektseite, auf

der man einen ersten Leitfaden für die Arbeit in Wikipedia

herunterspeichern kann. Durch die teilweise massiven

Angriffe auf die Wikipedia durch Konkurrenz und Presse

hat sich die Gemeinschaft ein strenges Regelwerk gegeben,

das die Kontrolle der Einträge ermöglicht. Neue Beiträge

werden grundsätzlich kontrolliert und gegengelesen. Was

nicht den Ansprüchen einer Enzyklopädie entspricht oder

nicht als ausdrücklich gemeinfrei nachgewiesen wird, wird

von anderen Autoren nachgearbeitet und möglicherweise

auch schon einmal gelöscht. Wer als Autor in der Wikipedia

arbeiten möchte, muss sich darüber im Klaren sein, dass er

hier nicht selbstverantwortlich arbeitet, sondern sich unter

Umständen mit anderen auseinandersetzen muss, damit seine

Formulierungen Bestand haben. Alle Neueinträge werden

grundsätzlich durchgesehen und bei vandalistischen

Einträgen sofort gelöscht. Wer selbst als Autor in der Wikipedia

mitarbeiten möchte, sollte dies langsam angehen.

Es sind viele wichtige Kriterien zu beachten.

Eine weitere Einführung zum Thema können

interessierte Leserinnen und Leser des durchblick im

„Senecafe“ von Alter Aktiv, dass sich im städtischen

Seniorenzentrum „Haus Herbstzeitlos“ befindet, erhalten.

Quellen: http://de.wikipedia.org „Das kleine Wikipedia-Einmaleins“

Antonie Dell

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durchblick 3/2008 39


Philosophischer Essay

Bildbearbeitung: durchblick - Bildredaktion, Gottfried Klör

Kritische Gedanken über das Für und Wider moderner Transplantationsmedizin 1)

Warum ich diesen Beitrag schreibe?

Es sind nun schon viele Jahre ins Land gegangen, seit

ich mich erstmals mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt

habe. Damals, es mögen ungefähr 15 Jahre her

sein, es gab in Deutschland noch kein Transplantationsgesetz,

habe ich zwei Bücher gelesen und zwar „Organspende“

von Renate Greinert und Gisela Wuttke und „Mit dem

Herzen eines anderen leben?“ von Elisabeth Wellendorf.

Nach der Lektüre dieser beiden Bücher, ich kann mich noch

sehr gut erinnern, war ich innerlich ziemlich aufgewühlt

und durcheinander. War ich doch bis dahin der Auffassung

gewesen, dass ich mit der Bereitschaft, nach meinem Tod

brauchbare Organe von mir zu spenden, nicht zuletzt auch

im Sinne christlicher Nächstenliebe handeln würde.

Warum, so meine damalige Überlegung, sollte durch

meine Organspende das Leben anderer Menschen nicht

verlängert und ihr Leiden gemildert werden, wenn die

moderne Transplantationsmedizin diese Möglichkeit bietet.

Nach all dem aber, was ich in diesen beiden Büchern

aus verschiedenen Blickrichtungen von Betroffenen, Angehörigen,

Psychologen, Ärzten und Pflegepersonal über

ihre selbst erlebten, praktischen Erfahrungen und ihr

fachmännisches Wissen über Organspende und Organtransplantation

gelesen hatte, kamen erhebliche Zweifel

und kritische Fragen bei mir auf, die ich vorher so nie

bedacht hatte. Es kam zu einer inneren Kehrtwende und

dem Entschluss, dass für mich eine Organspende nicht

(mehr) in Frage kam, sowohl als Spender (Explantierter)

als auch als Empfänger (Implantierter). Wie gesagt, eine

Entscheidung, die ich schon vor vielen Jahren für mich

ganz persönlich getroffen habe.

Und heute? In der Zwischenzeit ist die Transplantationsmedizin

weltweit in ihrer Entwicklung weiter vorangeschritten

und verzeichnet beachtenswerte Erfolge. Die

Möglichkeiten und Chancen durch ein fremdes Spenderorgan,

bedrohtes Leben zu verlängern und krankheitsbedingtes

Leid zu mildern, haben sich in den letzten Jahren

ständig verbessert. Das Thema Organspende rückt mehr

und mehr in den Blick der Öffentlichkeit. Die Deutsche

Stiftung Organtransplantation (DSO) startete in diesem

Jahr die bisher größte bundesweite Informationskampagne

„Fürs Leben“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin

Angela Merkel. Gestartet wurde die Kampagne am

7. Juni d. J. dem Tag der Organspende. Auf Großplakaten in

17 Städten in Deutschland und einem neuen Internetportal

„fuers-leben.de will die DSO mit emotionalen Geschichten

von Betroffenen die Menschen im Lande aufrütteln und

auf das Schicksal von Tausenden aufmerksam machen, die

durch eine Organspende auf eine Überlebenschance hoffen.

Bekannte und berühmte Sportler und Sportjournalisten wie

Boris Becker, Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann, Steffi

Graf, Michael Schumacher, Jens Weißflog, J. B. Kerner,

Reinhold Beckmann, um nur einige wenige zu nennen,

werben in einem speziell dafür gegründeten Verein für die

Organspende, und Politiker aller Parteien gehen auf die

Straße und werben für sich und für Organspenderausweise.

Eine Entwicklung, die mich veranlasst hat, meine damalige

Entscheidung erneut auf den Prüfstand zu stellen. Dies wiederum

bedeutete für mich, meinen bisherigen Wissensstand

zu aktualisieren und in alle möglichen Richtungen neu zu

recherchieren.

JA oder NEIN, die Entscheidung ist wichtig

Gleich zu Anfang mein Rat. Jeder von uns sollte sich

umfassend informieren und die Argumente der Befürworter

und Gegner der Organspende sorgfältig abwägen, bevor er

40 durchblick 3/2008


seine Entscheidung trifft. Eine Entscheidung, die man sicherlich

nicht jeden Tag trifft und die aufgrund ihrer Tragweite

und möglicher Konsequenzen gut überlegt sein will.

Ganz unabhängig aber davon, wie ich mich entscheide, ob

für oder gegen eine Organspende, viel wichtiger erscheint

mir, dass ich mich entscheide und diese Entscheidung deutlich,

am besten schriftlich, zum Ausdruck bringe, damit im

Ernstfall nicht Angehörige oder Freunde diese schwerwiegende

Entscheidung für mich treffen müssen und dies nicht

selten in einem Augenblick, wo sie sich selbst in einer seelischen

Notlage befinden. „Es ist die schwierigste Frage

zum schmerzlichsten Zeitpunkt an die unglücklichste Familie“

so die Aussage eines Arztes.

Wer die Entwicklung in der Transplantationsmedizin

aufmerksam verfolgt, stellt fest, der Druck in unserer Gesellschaft

nimmt zu, sich vorher zu entscheiden und einen

Organspenderausweis auszustellen. Nicht zuletzt aus dem

Argument heraus, dass in Deutschland über 12.000 Menschen

auf eine Organspende warten, die meisten von ihnen

vergebens. So ist die amtierende Gesundheitsministerin

Ulla Schmidt (SPD) für die Einführung einer

Organspende-Rubrik auf der neuen elektronischen

Gesundheitskarte und es gibt Gemeinden,

bei denen die Bürger mit ihren Ausweispapieren

einen Organspenderausweis erhalten.

Hinzu kommt, dass die Widerspruchslösung,

wonach jeder automatisch Organspender ist,

es sei denn, er widerspricht ausdrücklich,

erneut in die öffentliche Diskussion geraten

ist. Der Slogan der Transplantationsmedizin:

„Leben schenken – Organe spenden“ ist eine

sehr griffige Aussage, die (vordergründig) nur

Zustimmung hervorrufen kann. Aber es gibt auch gewichtige

Gegenargumente, die, wie ich finde, bei einer gut informierten

und „aufgeklärten“ persönlichen Entscheidung

mit bedacht werden sollten.

Es geht um mehr!

Ob Organspende ja oder nein, diese Entscheidung wirft

Fragen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf. Neben

dem Aspekt der medizinisch machbaren Möglichkeit,

ihren Chancen und Risiken, berührt sie gesellschaftlich

fundamental wichtige Bereiche wie Recht, Ethik, Religion

aber auch Psychologie und Philosophie. Nicht zuletzt stellt

sich die Frage nach dem heutigen Menschenbild. Welches

Menschenbild habe ich, haben wir, heute, angesichts der

medizinischen, biologischen und neurologischen Erkenntnisse?

„Was ist dem Mensch der Mensch?“ ist eine Frage,

die heute, angesichts der Transplantationsmedizin (und

nicht zuletzt der Genforschung) auf breiter Basis neu zu

stellen ist. Dies wiederum bedeutet aber, dass die Frage

nach der Organspende, obwohl sie immer nur von jedem

Einzelnen zu beantwortet ist, letztlich weit über eine ganz

persönliche Entscheidung hinaus reicht, denn in ihr spiegelt

sich die Einstellung und der Umgang mit Sterbenden und

Philosophischer Essay

Ein Volk ist

daran zu

erkennen, wie

es mit seinen

Toten umgeht

Perikles (490-429 v. Chr.)

Toten in unserer Gesellschaft wider, was wiederum die Frage

nach der Würde des Menschen und sein Recht auf Leben

aufwirft, die beide im Grundgesetz (Artikel 1 Abs. 2 sowie

Artikel 2 Abs. 2) fest verankert sind. Schon der griechische

Staatsmann Perikles (490-429 v. Chr.) hat gesagt: „Ein Volk

ist daran zu erkennen, wie es mit seinen Toten umgeht“.

Die Entscheidung für oder gegen Organspende will

gut und sorgfältig bedacht sein, aber, und das ist wichtig

zu beachten, sie ist keine Entscheidung von richtig oder

falsch. Sie ist schwierig, denn sie konfrontiert uns mit Fragen

über Tod und Sterben, denen wir nur allzu gerne aus

dem Weg gehen. Hinzu kommt die oft große Unsicherheit

durch Unwissenheit. Gut zu erkennen daran, dass 80 Prozent

der Bevölkerung der Organspende grundsätzlich positiv

gegenüberstehen, fast 70 Prozent einer Organentnahme

nach ihrem Tod zustimmen, aber nur 12 Prozent einen

Organspenderausweis haben. Diese Zahlen wiederum

lassen, trotz überwiegender Zustimmung, auf ein großes

„Unbehagen“ schließen, dass die meisten Menschen beim

Thema Organspende haben. Sie sind sich nicht sicher, haben

so ein „ungutes Gefühl“, das sie aber

nicht erklären können. Auf der einen Seite

ja, auf der anderen nein. Sie bleiben in der

Mitte, was bedeutet, sie treffen keine Entscheidung.

Vielleicht kann dieser Beitrag ja

ein wenig zur Aufklärung und zur persönlichen

Entscheidungsfindung beitragen, in

welche Richtung auch immer. Und wenn

der eine oder andere Leser bzw. die eine

oder andere Leserin meint, er oder sie sei

sowieso zu alt für eine Organspende, dann

kann ich nur sagen, weit gefehlt, denn auch

Menschen über 65 Jahre können heutzutage noch Organe

spenden. Der älteste Organspender war 82 Jahre alt. Nicht

das biografische sondern das biologische Alter, also der

Gesundheitszustand eines Menschen ist heute für eine Organspende

entscheidend. Das Durchschnittsalter der Organspender

im Jahr 2007 lag bei 52 Jahren, Tendenz steigend.

Die Transplantationsmedizin in Deutschland 1)

(einige Zahlen und Fakten)

Keine Frage, die Transplantationsmedizin ist eine Erfolgsmedizin.

Im Jahre 1954, also vor mehr als 50 Jahren,

verpflanzten Ärzte in Boston erstmals erfolgreich eine Niere

und viele Leserinnen und Leser werden sich noch gut an die

Schlagzeilen und Bilder aus dem Jahr 1967 erinnern, die

um die ganze Welt gingen, als Dr. Christiaan Barnard aus

Kapstadt dem 55-jährigen Patienten Louis Washkansky das

Herz eines anderen Menschen (einer 24-jährigen jungen

Frau) implantierte, der aber bereits nach 18 Tagen verstarb,

weil sein Körper das fremde Organ abstieß. Seitdem ist

die Transplantationsmedizin auf Erfolgskurs. In Deutschland

konnten in den vergangenen 45 Jahren insgesamt

rund 89.000 gespendete Organe verpflanzt werden, darunter

fast 60.000 Nieren, über 14.000 Lebern, mehr als

durchblick 3/2008 41


9.000 Herzen und knapp 2.700 Lungen. Im Jahr 2007 gab

es 1.313 Organspender (54 und damit 4,3 Prozent mehr als

2006). Da bei über 80 Prozent der Organspender mehrere Organe

entnommen wurden, konnte über 4.000 Menschen mit

einer Transplantation geholfen werden. 2) Obwohl schon fast

50 Jahre in Deutschland Organe transplantiert werden, gibt

es erst seit gut 10 Jahren, genau, seit dem 1. Dezember 1997

ein Transplantationsgesetz (TPG). Mit diesem Gesetz wurden

für die sensiblen Themen Organspende und Organtransplantation

klare Regeln und damit Rechtssicherheit für alle

Beteiligten geschaffen, um nicht zuletzt auch jegliche Form

von Missbrauch (Organhandel) effektiv auszuschließen.

Hinter all diesen statistischen Zahlen, hinter jeder Organtransplantation

steht das ganz persönliche Schicksal

eines einzelnen Menschen, dessen Leben durch die Transplantation

oft eine tief greifende, vielfach positive, Veränderungen

erfahren hat. Liest und hört man Aussagen dieser

Menschen, spürt man ihr Glück und ihre Dankbarkeit,

durch die Organspende eines anderen, ihnen völlig fremdem

Menschen, ein zweites, oft nicht mehr erhofftes, besseres

und längeres Leben erhalten zu haben. Auch wenn sie für

den Rest ihres Lebens unter medizinischer Kontrolle stehen

und dauerhaft Medikamente mit zum Teil erheblichen Nebenwirkungen

einnehmen müssen, für viele ist die Organspende

ein Geschenk, manche leben seitdem

bewusster und nicht wenige feiern den Tag

der Transplantation als ihren 2. Geburtstag.

Aus der Sicht dieser Menschen kann man dem

Werbeslogan der DSO verstehen: Zukunft

schenken – Organe spenden.

Aber, wie heißt es im Volksmund: „des

einen Freud, des andern Leid“. Da, wo Licht

ist, da ist auch Schatten. Übertragen auf die

Organtransplantation 3) bedeutet das: hier das

Licht des Lebens, dort der Schatten des Todes.

Das Tragische daran ist, wie so oft im Leben,

das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Um es „organisch“ kurz und knapp zu formulieren: mein

Leben, dein Tod (?). Ich setze hier hinter „Tod“ bewusst ein

Fragezeichen in Klammern. Warum, wird im nachfolgenden

Absatz hoffentlich deutlich. Auch die Medaille der Transplantationsmedizin

hat zwei Seiten. Trotz ihrer Erfolge, ihrer

populären Befürworter und einer breiten Zustimmung in der

Öffentlichkeit, ist sie nach wie vor auch in Fachkreisen teilweise

heftig umstritten, denn sie wirft nicht nur medizinisch

sondern auch ethisch, rechtlich und religiös kritische Fragen

auf, die bis heute auf eine befriedigende Antwort warten.

Weltweit anerkannte und namhafte Mediziner, Rechtswissenschaftler,

Kulturhistoriker sowie Philosophen und Theologen

haben öffentlich eindeutig eine kritische bis ablehnende

Position bezogen. Nachzulesen in vielen fachbezogenen

Publikationen. Im Nachfolgenden daher mein Versuch, auf

diese kritische, weniger angenehme Seite, mit ihren Zweifeln,

Bedenken, Einwänden, ihren Erlebnissen und oft bedrückenden

Fragen etwas näher einzugehen.

Philosophischer Essay

so tot wie

nötig,

so lebendig

wie

möglich*

* Buchtitel von Werner

Schneider (Lit-Verlag)

Der umstrittene Hirntod

Der wohl umstrittenste Punkt in der Transplantationsmedizin,

an dem sich die Geister scheiden, ist der Hirntod. Die

entscheidende Kardinalfrage dabei lautet: Ist der aufgrund

bestimmter Kriterien festgestellte Hirntod gleichzusetzen

mit dem Tod des ganzen Menschen? Sie ist deshalb so entscheidend,

weil es bei der Beantwortung dieser Frage nur

ein klares „Ja“ oder „Nein“ geben kann. Tod oder Leben?

Ein „jein“ dazwischen ist nicht möglich, denn zwischen

Tod und Leben gibt es keinen dritten Zustand. 10) Oder vielleicht

doch? Sollte mit dem Hirntodkonzept ein modernes,

medizinisch nützliches Zwischenwesen geschaffen worden

sein? Eine tote Person in einem lebendigen Körper mit vitalen,

brauchbaren Organen? Ein lebender Leichnam? Spiegelt

sich hier nicht Segen und Fluch der modernen Medizin

wider? Ohne an dieser Stelle auf diese Frage näher einzugehen,

spüren Sie die Brisanz und vielfältige Problematik,

die sich hier auftut? Aber der Reihe nach.

Den Begriff „Hirntod“ gibt es bereits seit Ende des 18.

Jahrhunderts. Die Auseinandersetzung mit ihm, seine wirkliche

Bedeutung und Tragweite, kam aber erst Mitte der

50er Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Medizin in der Lage

war, bewusstlose Patienten, die aus eigener Kraft nicht mehr

atmen konnten, über einen längeren Zeitraum

maschinell zu beatmen. Die Entwicklung

der Gerätemedizin hat seitdem erhebliche

Fortschritte zu verzeichnen. Heute können

Maschinen über Stunden, Wochen oder gar

Monate ganz bestimmte Organfunktionen

wie Herz, Lunge oder Niere vorübergehend

übernehmen. Damit ist es möglich geworden

z. B. schwierige Operationen durchzuführen,

Heilungsprozesse zu ermöglichen und das Leben

der Betroffenen zu verlängern. Schwierig

wurde es, als bei Patienten, die sich aufgrund

einer unwiederbringlichen (irreversiblen)

Hirnschädigung, in einem Zustand permanenter

Bewusstlosigkeit befanden und bei denen das EEG

(Hirnstrommessung) dauerhaft eine Null-Linie aufwies, die

Frage aufkam, sind diese Patienten noch als „lebend“ anzusehen.

Um einen solchen Zustand medizinisch von dem

eines „tiefen Komas“ abzugrenzen, wurde er als „jenseits

des Komas“ bezeichnet. Für die Mediziner ein „inneres Todeszeichen“.

Eine Definition mit tief greifenden Folgen.

1968, ein Jahr nach der bereits erwähnten ersten Herztransplantation

in Kapstadt, wurden an der Harvard Medical

School in Boston von einer Ad-hoc-Kommission erstmals

Richtlinien zur Hirntoddiagnostik festgelegt, die sogenannten

Harvard-Kriterien. Ziel dieser Richtlinien war es nicht,

den objektiven Tod auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse

und umfangreicher Patientendaten festzustellen,

sondern das primäre Ziel war, das „irreversible Koma“ als

Kriterium des Todes einzuführen. Dies wiederum galt dem

ausschließlichen Zweck, vitale Organe einem Sterbenden

zu entnehmen, ohne dabei vom Gesetzgeber zur Verant-

42 durchblick 3/2008


Philosophischer Essay

wortung gezogen zu werden. Diese Harvard-

Kriterien hatten weltweit einen entscheidenden

Einfluss auf die Feststellung des Todes und

indirekt auch auf die Entwicklung der Transplantationsmedizin.

Sie setzten neue Standards

zur Feststellung des Todes. Zu ihnen zählten:

Wahrnehmungs- und Reaktionslosigkeit (tiefes

Koma), keine Atmung, keine Bewegungen, keine

Reflexe und ein flaches Elektroencephalogramm.

Die Hirntoddiagnostik, eine Folter?

Heute gibt es bei uns in Deutschland für die

Feststellung des Hirntodes umfassende Richtlinien

der Bundesärztekammer auf der Grundlage von §

16 des Transplantationsgesetzes. Allerdings wurden diese

Richtlinien schon mehrfach geändert. Wie aber verläuft das

Prozedere einer Hirntoddiagnostik? Voraussetzung für ihre

Durchführung ist, dass bei dem Patienten entweder eine primäre

(direkte Verletzung) oder sekundäre (z. B. Herzinfarkt),

irreversible Hirnschädigung, verbunden mit einer tiefen Bewusstlosigkeit

(Koma), vorliegt. Zur Diagnose gehören die

sogenannten „Klinischen Untersuchungen“. Sie bestehen

aus: der Pupillenreaktion, dem Puppenkopfphänomen, dem

Hornhautreflex, Reaktionen auf Schmerzreize, Würg- und

Hustenreflex sowie die Überprüfung der Spontanatmung

(Apnoe-Test). Diese Untersuchungen werden von zwei intensivmedizinisch

erfahrenen Ärzten, getrennt und unabhängig

voneinander, vorgenommen und bei Erwachsenen

nach einer Beobachtungszeit von 12 Stunden wiederholt.

Alternativ zu der Wiederholung dieser klinischen Untersuchungen

können auch apparative Untersuchungen, wie die

Erstellung einer Elektroenzephalografie (EEG), oder auch

andere apparative Verfahren zur Prüfung von Gehirnaktivitäten

durchgeführt werden. Ein Zwischenruf zum besseren

Verständnis:

Ärzte, die diese Untersuchungen vornehmen, müssen zu

Beginn der Untersuchung davon ausgehen, dass der Patient

noch lebt. Warum ist das wichtig? Weil die Hirntoddiagnose

mit ihren vorgeschriebenen Tests am Körper eines Patienten

letztlich einer „Folter“ gleichkommt, die ein Arzt bei einem

Lebenden niemals ohne dessen Zustimmung durchführen

dürfte, ohne sich der Körperverletzung strafbar zu machen.

Ich verzichte hier bewusst auf Einzelheiten. Erwähnt sei

nur der Apnoe-Test, der sich nach Aussagen vieler Mediziner

therapeutisch negativ auswirkt, da das ohnehin schon

stark geschädigte Gehirn durch diesen Test zusätzlich erheblich

belastet und noch vorhandenes Heilungspotenzial

unwiederbringlich verloren geht. Der japanische Kardiologe

Dr.Yoshio Watanabe ist der Auffassung, wenn die Patienten

nicht dem Apnoe-Test ausgesetzt würden, könnten

sie eine 60-prozentige Chance zur Rückkehr ins Leben haben,

wenn sie rechtzeitig mit therapeutischer Unterkühlung

behandelt würden. 6) Es gibt Mediziner, die die Hirntoddiagnostik

mit dem Apnoe-Test als unethisch verurteilen

und meinen, wenn die Angehörigen um die Brutalität und

Risiken dieses Verfahrens wüssten, würden die meisten ihre

Zustimmung verweigern. Um seine Fragwürdigkeit zu

verdeutlichen, wird er verglichen mit einem Patienten, bei

dem man nach einem erlittenen schweren Herzinfarkt ein

Belastungs-EKG durchführt, um damit den Herzinfarkt zu

bestätigen. Soweit der Zwischenruf.

Sind alle Untersuchungs- und Testergebnisse der Hirntoddiagnostik

negativ, d. h. der Patient zeigt auf die an ihm

durchgeführten Maßnahmen keinerlei Reaktionen oder Reflexe,

und das EEG weist eine Null-Linie auf, wird er für

hirntot erklärt. Um den Hirntod zu dokumentieren, wird

ein Formular (ein detailliertes „Protokoll zur Feststellung

des Hirntodes“) ausgefüllt. Für das gesamte Prozedere sind

insgesamt 8 Unterschriften notwendig. Mit der letzten Unterschrift

tritt der Tod ein, sozusagen als ein bürokratischer

Akt. Durch diesen diagnostischen Totenschein wird der

Patient unmittelbar zu einem potenziellen und begehrten

Organspender. Soweit der Verlauf der Hirntoddiagnose in

Kurzfassung.

Als Laie kann ich hier nur staunen, wie schnell durch die

Feststellung des Hirntodes aus einem Patienten plötzlich

eine Leiche wird. Und das, obwohl sich an seinem äußeren

Zustand überhaupt nichts verändert hat. Er ist warm,

sein Brustkorb hebt und senkt sich, sein Herz schlägt, er

schwitzt und er hat eine rosige Haut. Er unterscheidet sich

rein äußerlich überhaupt nicht von den anderen Patienten,

die auf der Intensivstation liegen und gerätemedizinisch

versorgt und überwacht werden. An ihm finden sich keinerlei

äußere Zeichen des Todes. „Herz-Kreislauffunktion,

Nierenfunktion, Verdauung, Regulierung des Wasser- und

Mineralhaushaltes, immunologische Reaktionen und Atmung

auf Zellebene sind erhalten.“ 4) Die normale menschliche

Wahrnehmung des Todes mit seinen äußeren Zeichen

(Atemstillstand, Herzstillstand, Leichenblässe, kalte Haut)

wird bei einer Hirntoddiagnose völlig außer Kraft gesetzt.

Einzig die Aussage der Mediziner, der Patient sei aufgrund

„innerer Zeichen“ tot, muss genügen. Widerstand regt sich

in mir und ich frage mich verwirrt: „Was ist das für ein

Tod, bei dem der Mensch noch lebt?“ 12) Ist die Diagnose

des Hirntodes nicht eher eine Prognose, eine me-

Bildquelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)

durchblick 3/2008 43


Philosophischer Essay

Bildquelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)

dizinische Voraussage auf den nahen und unabwendbaren

Tod? Belegt sie nicht eher die Irreversibilität des Sterbens?

Das könnte ich ja verstehen. Aber dann ist der Patient kein

Toter, sondern ein Sterbender, also ein Lebender. Das wiederum

wirft die Frage auf, wird durch die Hirntoddiagnose

der Todeszeitpunkt eines sterbenden Menschen nicht vorverlegt,

eben zum Zweck der Organentnahme? Diese kritische

Frage hat schon der weise Philosoph Hans Jonas vor

vielen Jahren gestellt, als er in einem seiner letzten Briefe,

fast flehentlich, die Mediziner aufforderte: „Lasst sie zuerst

sterben“. 11)

„tot ist tot“, aber wie lebendig ist

ein Hirntoter?

Zu all diesen beklemmenden Fragen kommt noch erschwerend

hinzu, dass die Kriterien zur Feststellung des

Hirntodes nicht einheitlich sind. Weltweit gibt es schon seit

1978 über 30 verschiedene Kriteriengruppen. 4) Das wiederum

bedeutet, dass ein Patient an einem bestimmten Ort auf

der Welt, nach den dort bestehenden Kriterien für tot erklärt

wird, nicht aber an einem anderen Ort, wo nach anderen

Kriterien entschieden wird. Hier tot, dort lebendig. Außerdem

haben Änderungen der Kriterien die Tendenz, weniger

strikt zu sein als die früheren 4) . So setzten die Harvard-

Kriterien von 1968 noch eine völlige Reflexlosigkeit für

den Nachweis des Hirntodes voraus. Nach diesen Kriterien

wäre die Diagnose des Hirntodes in Deutschland heute in

den meisten Fällen gar nicht haltbar. 4) Inzwischen gelten in

Europa und den USA bestimmte Reflexe und Bewegungen

mit dem Status einer Leiche als durchaus vereinbar, davon

17 bei Männern (darunter die Erektion des Penis) und 14

bei Frauen. „Lt. Statistik der Transplantationsmedizin sind

75 Prozent aller Hirntoten noch in der Lage sich zu bewegen.

Dazu gehören beispielsweise Reflexe der unteren

Extremitäten, der Fußsohle, der Achillesferse, Nacken-,

Finger-, Rumpf-Beugereflexe sowie Bauch-, Vaginal-, Unterleib-

oder Analreflexe, wovon 11 durch Stiche ausgelöst

werden.“ 5) Viele dieser oder anderer Bewegungen und Reflexe

sind laut der Transplantationsmedizin nur noch (!)

„spinale Reaktionen“ des Rückenmarks. Trotzdem irritieren

sie immer wieder, auch erfahrenes OP-Personal. Unter

ihnen auch das sogenannte „Lazarus-

Syndrom“, bei dem sich der Hirntote

mit seinem Oberkörper aufrichtet und

Umarmungsbewegungen macht. Wie

fragwürdig die Definition ist, der Hirntod

sei der Tod des ganzen Menschen,

wird besonders dadurch deutlich, dass

hirntote Schwangere in der Lage sind,

gesunden Kindern Leben zu schenken.

Die längste Schwangerschaft einer

Hirntoten betrug 107 Tage. Sie wurde

durch Kaiserschnitt von einem gesunden

Jungen entbunden, der sich normal

entwickelte. 4) Von einer anderen,

hirntoten Schwangeren ist bekannt, dass ihr Körper nach

der Geburt begann, Muttermilch zu produzieren und die

Brustwarzen anzuregen. Eine Funktion, die nur durch ein

Signal im Gehirn (einer bestimmten Gehirnregion) ausgelöst

werden kann. 6) Wie immer man zu der Schwangerschaft

einer hirntoten Frau auch stehen mag, sicher ist, nur

ein lebender Organismus kann Leben weitergeben. Welche

Zweifel hochkarätige Experten am Hirntodkonzept haben,

mögen die Aussagen zweier renommierter Hirnforscher

verdeutlichen. Prof. Dr. Detlef Linke, Bonn ( + 2005) stellte

schon vor Jahren die Frage: „Kann ein Mensch für tot

angesehen werden, wenn 97 % seiner Körperzellen noch

funktionieren, aber nur 3 %, die sein Gehirn ausmachen,

ausgefallen sind“? (...) der Organismus stirbt während der

Operation (Explantation) im Rahmen der Kochsalzdurchspülung

des Kreislaufsystems ab.“ 7) Prof. Dr. Gerhard Roth,

Bremen, sagte bei einer Expertenanhörung des Bundestagsausschusses

für Gesundheit bereits im Jahr 1995 u.a.:

„Die Aussage, der Tod eines Menschen sei dann eingetreten,

wenn seine gesamte Hirnfunktionen irreversibel ausgefallen

sind, ist aus physiologischer Sicht nicht haltbar

(....). Der Ausfall der gesamten Hirnfunktionen kann mit

den heute angewandten Verfahren nicht zweifelsfrei festgestellt

werden (...). Eine wirkliche Leiche ist für eine Organentnahme

ungeeignet. Will man Organtransplantation,

dann muss man akzeptieren, dass man die Organe einem

lebenden Menschen entnimmt, dessen Hirn irreversible

geschädigt ist“ 7) . Von einem Neurophysiologen stammt die

Aussage: Ohne Gehirn ist alles nichts, aber das Gehirn ist

nicht alles. Hinter diesem (nur scheinbar) lapidaren Satz

tut sich ein weites Feld interessanter und nachdenkenswerter

Fragen auf, die es wert sind, dass man ihnen einmal

nachgeht, auch und gerade im Umfeld der Hirntoddiagnostik.

Die Organentnahme (Explantation)

Dieses Kapitel berührt mich, ich gebe es ehrlich zu, am

heftigsten. Aber es gehört zu meinen kritischen Gedanken

dazu, denn gerade im Ablauf der Organentnahme wird für

mich die ganze Fragwürdigkeit einer Organtransplantation

und mit ihr die Glaubwürdigkeit der Hirntoddefinition be-

44 durchblick 3/2008


sonders deutlich. Obwohl der Organspender nach der Hirntoddiagnose

ein Toter ist, wird er in den meisten Fällen

durch einen anwesenden Anästhesisten narkotisiert, um die

bereits erwähnten vielfältigen Schmerz- und Bewegungsreflexe

zu vermeiden, die während der Organentnahme sehr

störend sein können, sowohl operativ als auch psychologisch.

Was einstmals „Lebenszeichen“ waren, sind jetzt

nur noch „Todesreflexe“. Der Schnitt in die Bauchdecke

kann zu ansteigender Herzfrequenz und einem erhöhten

Blutdruck führen. Bei anderen Operationen gelten diese

Zeichen als Hinweise auf Stress bzw. Schmerz. Da es sich

bei über 80 Prozent einer Organspende um eine sogenannte

„Multiorganentnahme“ handelt, bei der mehrere Organe

entnommen werden, wird der Körper von der Kehle bis zum

Schambein aufgeschnitten. Wie schon bei der Hirntoddiagnose

verzichte ich auch hier bewusst auf Details. Für jedes

einzelne Organ kommt ein spezielles Transplantationsteam.

Entnommen werden, je nach Zustand des Spenders, Herz,

Lunge, Niere, Milz, Leber, Bauchspeicheldrüse, Knochen,

Bänder, Augen etc. Bis zu 20 Ärzte können es sein, die sich

aus dem Körper des Spenders bedienen. Eine Explantation

kann bis zu fünf Stunden dauern. Während dieser Zeit hat

der Anästhesist neben der Schmerz- und Reflexunterdrückung

die Aufgabe, das Herz so lange stabil zu halten, bis

es selbst entnommen wird. All dies geschieht

unter der Kontrolle eines „Transplantationskoordinators“

der den Zeitplan festlegt und

bestimmt, wo die einzelnen Organe hintransportiert

werden, europaweit. Für mich kein

Wunder, dass aus den Reihen des Pflegepersonals

und der Ärzte, die bei Explantationen

im Einsatz waren, Bezeichnungen und

Vergleiche wie: „Abernten, Ersatzteillager, Autofriedhof,

Recycling auftauchen und sich bei einer Umfrage ca. 60

Prozent des Pflege- und OP-Personals kritisch bis ablehnend

geäußert haben. 7) .

Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Anna Bergmann weist in

ihrem Artikel „Tabuverletzungen und Schuldkonflikte in der

Transplantationsmedizin“ u.a. auf zwei eklatante Tabuverletzungen

bei der Organentnahme hin. Folgt man, entgegen

seiner sinnlichen Wahrnehmung, dem Hirntodkonzept und

sieht in dem Patienten einen endgültig verstorbenen Menschen,

... „überschreitet die Organtransplantationsmedizin

das Todestabu, das den Toten vor der Bemächtigung anderer

in seinem unberührten Status schützt. (...) Wie ist das Recht

auf Totenruhe mit dem Akt der chirurgischen Zerstückelung

überhaupt vereinbar? Die Zergliederung des Organspenders

in Augen, Haut, Herz, Lungen, Bauchspeicheldrüse, Luftröhre,

Leber, Niere, Gelenke, Innenohren, Kieferknochen,

Dünndärme und neuerdings auch Hände und Unterarmen

entspricht dem Akt der Leichenschändung.“ 5) Folgt man

dem Hirntodkonzept nicht, wird das Tötungsverbot unmittelbar

berührt. „Halten die an der Organentnahme professionell

beteiligten Menschen an dem Herztod als den Zeitpunkt

eines abgeschlossenen Sterbeprozesses fest, der für

Philosophischer Essay

die

Umwandlung

einer Person

zur Sache

jeden von sinnlich wahrnehmbaren Todeszeichen markiert

ist, dann entsteht durch die Mitarbeit an einer Explantation

ein Tötungsbewusstsein und mobilisiert Schuldgefühle.“ 5)

Die ergreifenden Aussagen, Erzählungen und Berichte vieler

Pflegekräfte bestätigen dies, denn sie erleben die Explantation

nicht partiell, wie die einzelnen chirurgischen

Teams, sondern von Anfang bis Ende. Sie sind es, die zu

Beginn einen Patienten in den OP-Saal fahren, dessen Herz

schlägt und dessen Körper zu 97 Prozent arbeitet und die

am Ende den „Restkörper“ zu einer ansehnlichen Leiche

herrichten müssen. Dazwischen erleben sie, wie nach und

nach ein Mensch sein Leben verliert, d. h. den „medizinisch

systematisch herbeigeführten Moment des Herztodes von

hirnsterbenden Patienten und die sich einstellenden Todeszeichen.“

5) Sie sind auch dabei, wenn aus einer Person eine

Sache wird, getrennt nach wiederverwendbar und nicht

mehr zu gebrauchende biologische Einzelteile. !!! Wenn das

nicht an die Nieren geht. !!! Jede andere Operation, und

sei sie auch noch so schwierig und blutig, hat immer das

Ziel zu heilen und zu helfen. Aber bei einer Explantation

geschieht genau das Gegenteil. Wie traumatisch solche Verarbeitungsprozesse

für das Pflegepersonal sein können, mag

die Aussage eines OP-Pflegers verdeutlichen: „Ich werde

nach Hause gehen, mich schlafen legen, und dann werde ich

im Traum noch einmal das Ganze erleben. Ich

werde diesen Toten sehen, der erst sein eigenes,

dann das Gesicht eines mir nahestehenden

Menschen und schließlich mein Gesicht tragen

wird. Alles Verdrängte, Verschluckte, ein

Hexenkessel voller Gefühle wird aufbrechen.

Sie werden ein grausames Spiel mit mir treiben

– ungehindert, ungebremst, sich austoben

bis zum Exzess. Erst dann wird diese Entnahme für mich

vorbei sein.“ 7) Bei mir erfährt die grässliche Vorstellung

einer Explantation noch eine Steigerung darin, dass ich auf

dem Operationstisch ein sterbendes Kind liegen sehe. Nein,

weiter möchte ich nicht denken, nur an die Eltern, die ihr

Kind zur Organspende „freigegeben“ und diesen Schritt im

Nachhinein bitter bereut haben. (Nachzulesen im Internet

unter www.initiative-kao.de oder www.transplantation-information.de.

Das Fremde im Eigenen 8)

Bei der Implantation eines Organs ist es nicht nur das

Immunsystem des Empfängers, welches sich ein Leben

lang vehement weigert, dass fremde Organ zu akzeptieren,

nein, auch seine Psyche meldet sich und signalisiert

zum Teil massiven Widerstand. Dazu Frau Dr. Anna Bergmann:

„Die Transplantationsmedizin hat einen neuartigen

Patiententypus mit ganz eigenen psychischen Konflikten

hervorgebracht. Zwischen 50 und 70 Prozent aller Empfänger

von lebenswichtigen Organen leiden an Persönlichkeitsveränderungen,

Identitätsproblemen, Angstzuständen

und Depressionen (...). In den ersten beiden Wochen nach

der Operation können transplantierte Patienten in

durchblick 3/2008 45


Wahnzustände geraten, im weiteren Verlauf kann es zu

Depressionen und Psychosen kommen, die psychiatrisch

behandelt werden müssen. Es wird eine hohe Dunkelziffer

von psychischen Erkrankungen nach einer Organtransplantation

vermutet, da viele der Patienten eine Scheu davor

haben, ihre tabubelegten Konflikte offenzulegen.“ 5)

Nicht selten beginnen psychische Probleme schon vor

der Transplantation, während der Zeit der „Warteliste“.

Schon hier können sich Schuldgefühle entwickeln. Sie warten

und hoffen auf ein passendes Organ, das aber nur zum

Preis eines anderen Menschenleben zu haben ist. Sie wollen

ja gar nicht den Tod des Spenders, nein, sie wünschen sich

nur eines seiner Organe. Dieser Konflikt arbeitet im Unterbewusstsein

und während der langen Zeit des

Wartens stellen sich die „bösen Gedanken“ ein.

Wann steigen meine Chancen auf ein Organ? Im

Frühjahr, wenn bei den ersten Sonnenstrahlen

die Motorradfahrer unterwegs sind, oder im

Herbst bei Nebel und Glatteis, wenn steigende

Unfallzahlen zu erwarten sind. Manche der Betroffenen

sagen es offen heraus, manche aber

erleben diese Gedanken als furchtbar und schuldhaft. Diese

Schuldgefühle bleiben oft auch nach der Transplantation

erhalten und verbinden sich mit der Angst vor einer Veränderung

der eigenen Identität, die nicht selten zu beobachten

ist. Hierzu gibt es seit dem Beginn der Transplantationsmedizin

viele, ungezählte Beispiele, die belegen, dass es zu

Identifikationsstörungen bei Geschlecht, Charakter, Hautfarbe

und im Essverhalten kommen kann. Schon der erste

Herztransplantierte Washkansky bezeichnete sich 1967 als

„neuen Frankenstein“. Männer, die erfahren haben, dass

sie das Herz einer Frau haben, kämpfen mit dem Problem

eine Frau zu sein, andere kommunizieren mit ihrem neuen

Frauenherz und sprechen es mit „Lady“ an, die sich

unterzuordnen habe. Andere wundern sich, dass sie nach

der Transplantation einen Heißhunger auf Lebensmittel

entwickeln, die sie früher verabscheuten. Wieder andere

spüren, wie von dem neuen Organ „fremde Kräfte“ ausgehen,

die sie bedrängen. Dadurch, dass sie sich das fremde

Organ im wahrsten Sinne des Wortes „einverleibt“ haben,

leiden manche Organempfänger unter kannibalistischen

Träumen, in denen sie als Raubtier anderen Menschen das

Herz herausreißen. Neben der Behandlung solcher psychischen

Nebenwirkungen müssen die Organempfänger

Bildquelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)

Der Tod

ist keine

Ansichts

sache

Philosophischer Essay

ihr Leben lang bis zu 30 Tabletten am Tag einnehmen, um

das Immunsystem daran zu hindern, das fremde Organ abzustoßen.

Bedingt durch die permanente Schwächung des

Immunsystems können zusätzliche Nebenwirkungen wie

z. B. Pilzinfektionen auftreten. Sie bleiben ihr Leben lang

an die Transplantationsmedizin gekettet.

All diese körperlichen und psychischen Reaktionen auf

ein fremdes Organ zu reagieren zeigen mir, dass der Mensch,

auch im Zeitalter moderner Transplantationsmedizin, eine

geheimnisvolle, psychosomatische Einheit ist. Die Erforschung

der tief greifenden Wechselwirkungen zwischen

Leib und Seele weist noch viele weiße, unerforschte Flecken

auf. Allein schon so alltägliche Aussagen wie „an die

Nieren gehen“, „auf den Magen schlagen“, „unter die Haut

gehen“, oder „da kommt einem die Galle hoch“, lassen die

enge Verbundenheit unserer seelischen Befindlichkeit mit

dem Befinden bestimmter körperlicher Organe erkennen

und spüren. Ganz zu schweigen von der Bedeutung des

Herzens. Wozu steht nicht alles unser Herz. Denken Sie einmal

selbst nach und sie werden schnell feststellen, wie stark

besetzt unser Herz ist, wenn es darum geht, unser seelisches

Befinden zum Ausdruck zu bringen und welch umfassende,

kulturgeschichtliche Bedeutung es hat. Ich für meinen Teil

kann nur sagen, dass es für mich eine „Herzensangelegenheit“

war, diesen Beitrag zu schreiben. Wie tief

die Verbundenheit zwischen Leib und Seele ist,

wird für mich am Beispiel einer 15-jährigen

Organempfängerin besonders intensiv deutlich,

die angesichts ihrer bevorstehenden Operation

fragt: „Was werden sie mit meinem herausgeschnittenen

Herzen machen, werden sie es mit

blutigen Binden und Krebsgeschwüren in den

Müll werfen? Wenn ich es herausschneiden lasse, wenn es

vor mir stirbt, will ich ein Grab dafür, in das man mich

später hineinlegen soll.“ 9)

Der Hirntodbegriff im Konflikt mit dem

Grundgesetz?

Es hat mich als ein völliger Laie schon erstaunt, als

ich in dem Artikel „Leben retten durch Töten?“ von Prof.

Dr. Wolfgang Waldstein, Rechtswissenschaftler an der

Universität Salzburg las, dass namhafte Verfassungsrechtler

zu dem Ergebnis gekommen sind, „dass der hirntote

Mensch im Grundrechtssinne lebt und das Hirntodkriterien

daher nicht den Tod eines Menschen, sondern nur die Irreversibilität

und damit die Endgültigkeit seines Sterbens

dokumentiert.“ 10) Er bezieht sich dabei auf eine ausführliche

Analyse von Prof. Dr. Ralph Weber, Universität Rostock

unter dem Titel: „Der Hirntodbegriff und der Tod des Menschen.“

In dieser Analyse ist der Kernpunkt der Kritik das

„Abgehen vom biologischen Todesbegriff“ (...) „es muss

der Tod als Endpunkt des biologischen Lebens (...) eine biologische

Größe bleiben, weil es zwischen Tod und Leben

keinen dritten Zustand geben kann. (...) Eine Todesdefinition,

die sich nicht an der physischen Existenz orientiert, son-

46 durchblick 3/2008


Philosophischer Essay

dern dem Menschen aufgrund des Fehlens

kognitiver (= wahrnehmbarer d. Verf.) Fähigkeiten

das Recht (...) auf sein Leben abspricht,

ist schon deshalb mit Art. 2 Abs. 2,

Satz 1 GG (= Jeder hat das Recht auf Leben

und körperliche Unversehrtheit d. Verf.)

nicht vereinbar. Das bedeutet, dass der Tod

des Menschen nur und erst bei einem Funktionsverlust

beider wesentlicher Systeme,

des Bewusstseins und des physischen

Organismus eintritt; der irreversible Ausfall

nur eines dieser Systeme reicht nicht

aus, um vom Todeseintritt zu sprechen.“ 10)

Wenn das Recht und Gesetz ist, kann ich als

einfacher Bürger dieses Landes nur irritiert

fragen: Warum darf man dann Sterbenden,

also lebenden Menschen, seit Jahrzehnten straffrei Organe

entnehmen? Schlimmer noch. Wird bestehendes Recht unter

dem Deckmantel humanitärer Hilfe auf dem Altar wirtschaftlicher

Interessen geopfert?

... und was sagen die Kirchen?

In fast keiner Broschüre der Transplantationsmedizin

fehlt der Hinweis auf den „Segen“ der beiden großen Kirchen

in Deutschland zur Organspende. In einer gemeinsamen

Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und

des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland aus

dem Jahr 1990 (!!) heißt es u. a.: „ Angehörige, die die

Einwilligung zur Organtransplantation geben, machen sich

nicht eines Mangels an Pietät gegenüber dem Verstorbenen

schuldig. Sie handeln ethisch verantwortlich, weil sie ungeachtet

des von ihnen empfundenen Schmerzes im Sinne des

Verstorbenen entscheiden, anderen Menschen beizustehen

und durch Organspende Leben zu retten (...) Aus christlicher

Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende nach dem

Tod ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit

Kranken und Behinderten.“

An dieser Auffassung hat sich nach meinen Recherchen

bis heute nichts geändert, obwohl es mir

Christliche

Nächstenliebe

durch Töten?

dringend notwendig erscheint, diese Position

erneut auf den Prüfstand zu stellen.

Getan hat dies im Februar 2005 die „Päpstliche

Akademie der Wissenschaften“. Auf

Einladung des damaligen Papstes Johannes

Paul II. kamen hochkarätige Experten aus

aller Welt zusammen, um gemeinsam über das Thema „Die

Zeichen des Todes“ zu diskutieren. Herausgekommen ist

eine Abhandlung mit dem Titel: „Hirntod ist nicht Tod“. Ich

kann jedem Interessierten nur empfehlen, diese Abhandlung

zu lesen, insbesondere die 13 Punkte im Absatz VII

Anzeichen des Todes. Hier seien nur die Punkte 11 und 13

wiedergegeben: (11) „Eine Diagnose des Todes durch neurologische

Kriterien allein ist Theorie, keine wissenschaftliche

Tatsache. Sie reicht nicht aus, die Lebensvermutung zu

überwinden.“ (13) „Das Beenden eines unschuldigen Lebens

bei dem Versuch, ein anderes Leben zu retten, wie es im

Falle der Transplantationsmedizin von unpaarigen lebenswichtigen

Organen geschieht, mildert nicht das Übel, einem

unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen. Böses darf

nicht getan werden, damit Gutes daraus entstehen möge.“

Es ist an der Zeit, dass sich beide Kirchen in Deutschland

mit diesem Thema erneut auseinandersetzen und daran

denken: >In dubio pro vita< (im Zweifel für das Leben).

Nicht ohne Grund warnt Prof. Dr. Waldstein vor den (...)

„tödlichen Folgen falscher Theorien. Es muss leider im

Zusammenhang mit einer gewaltigen >Erdrutsch< Bewegung

gesehen werden, in der die >unverletzlichen und

unveräußerlichen Menschenrechte als Grundlage jeder

menschlichen Gemeinschaft< im Namen des Fortschritts

der Wissenschaften und der Nützlichkeit zunehmend hinweggefegt

werden“ 10)

Behütetes Sterben

Ich habe diesen Artikel mit einer persönlichen Einleitung

begonnen und möchte ihn auch mit einem persönlichen

Fazit beenden. Ein JA zur Organspende ist für mich

verbunden mit der Zustimmung, einem Menschen, in der

finalen Phase seines Sterbens, Organe zu

entnehmen. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter

der Ambulanten ökumenischen Hospizhilfe

Siegen habe ich es mir zur Aufgabe

gemacht, schwerstkranke und sterbende

Menschen bis zu ihrem Tod zu begleiten.

Ein hirntoter Mensch ist für mich ein sterbender

Mensch, der, am Ende seines Lebens angekommen,

neben der medizinischen Versorgung, alle nur erdenkliche

menschliche Zuwendung von uns braucht, um auch die letzte

Phase seines Lebens in Würde zu bestehen und damit sein

Leben als Ganzes zu vollenden. Bei einem Hirntoten, der

explantiert werden soll und der in die zweckgebundenen

Abläufe der Transplantationsmedizin zur Erhaltung seiner

Organe gerät, kann eine solche menschliche, hospizlich orientiere

Begleitung nur sehr begrenzt stattfinden. Es ist für

mich selbstverständlich, dass ich einen Organspen-

durchblick 3/2008 47

Bildquelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)


Philosophischer Essay

der bis zum letztmöglichen Augenblick begleiten würde,

aber die Vorstellung, ihn bis zum Operationssaal zu begleiten,

in dem er explantiert werden soll, assoziiert in mir das

Bild einer Begleitung hin zu einer „chirurgischen Schlachtbank“,

auf der ich ihn zusammen mit seinen Angehörigen

schutz- und hilflos zurücklassen müsste. Ein Hirntoter ist

ein „Lebender im Prozess des Sterbens“, der im sozialen

Kontext seiner Angehörigen und Freunde am Ende seiner

diesseitigen Biografie angekommen und bis zum letzten

Atemzug und Herzschlag eine individuelle Person bleibt

und keine gesichts- und geschichtslose Menge verwertbarer

bzw. unbrauchbarer Organe.

Erhöhte Wachsamkeit ist angesagt, denn es wird zunehmend

nicht mehr danach gefragt, was können wir für

Sterbende und Tote tun, sondern was können wir mit ihnen

machen. Dieses utilitaristische Denken, dieser medizinische

Nützlichkeitswahn und der steigenden Gier nach

immer mehr Lebenszeit, muss seine Grenze finden in der

Würde jeder einzelnen Person, d.h. auch in der eines hirntoten

Menschen.

Eberhard Freundt

Buchempfehlungen: „Der entseelte Patient“ die moderne

Medizin und der Tod von Anna Bergmann (Aufbau-

Verlag). „Unversehrt Sterben“ Konfliktfall Organspende

von Renate Greinert (Kösel-Verlag)

Quellenangaben: 1) Anmerkung: Die Transplantationsmedizin (TPM) als Sammelbegriff

umfasst sowohl die Organtransplantation als auch die Gewebetransplantation.

Beide sind aber sowohl aus medizinischer Sicht als auch vom Gesetzgeber

her zu unterscheiden. Die Gedanken in diesem Beitrag beschäftigen sich in

der Hauptsache mit der Problematik der Organtransplantation 2) Alle Zahlen und

Angaben wurden dem Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation

(DSO) sowie einer Presseinformation der Aktion „Fürs Leben“ entnommen. 3) mit

Ausnahme von: Lebendspenden 4) entnommen einem Vortrag von Prof. Dr. med.

Linus S. Geisler „Ist die Hirntod-Definition aus biologisch-medizinischer Sicht

plausibel ?“ 5) Dr. Anna Bergmann in „Tabuverletzungen und Schuldkonflikte in

der Transplantationsmedizin 6) „Hirntod ist nicht Tod“, Essay von einer Tagung

der Päpstlichen Akademie der Wissenschaft Anfang Februar 2005 veröffentlicht

in der Schriftenreihe der Aktion Leben e.V. (Heft 24) 7) Niederschrift des Vortrages

von Walter Ramm: „Hirntod und Organtransplantation“ aus der Schriftreihe der

Aktion Leben e.V. 8) Begriff von Psychotherapeut Rainer Ibach 9). Elisabeth Wellendorf:

Was kann man einem Menschen zumuten, ohne ihn zu zerstören? In: Organspende

– Kritische Ansichten zur Transplantationsmedizin (Lamuv-Verlag).

10)

„Leben retten durch Töten?“) von Prof. Dr. Wolfgang Waldstein in Bezug auf

die Analyse „Der Hirntodbegriff und der Tod des Menschen“ von Prof. Dr. Ralph

Weber 11) Prof. Dr. med. Linus S. Geisler in „Die Zukunft des Todes – Überlegungen

zum Hirntod“ 12) Prof. Dr. med. Linus S. Geisler in „Behütetes Sterben

und Organspende“.

Ambulante

ökumenische

Hospizhilfe Siegen e.V.

Im Rahmen unseres diesjährigen

Schwerpunktthemas

„Ethische Fragen am Lebensende“

laden wir zu zwei Vorträgen herzlich ein

Donnerstag, 4. September 2008, 19.30 Uhr

St. Marien Krankenhaus, Saal 5.OG

Vortrag von Dr. Friedhelm Decher

„END-Zeit“ philosophisch-ethische Fragen

zur Sterbehilfe

Montag, 3. November 2008, 19.30 Uhr

St. Marien Krankenhaus, Saal 5. OG.

Vortrag von Dr. Dr. Hans-Günther Scheuer

„Was darf der Mensch“?

theologisch-ethische Fragen

zur Selbstbestimmung am Lebensende

- Eintritt frei-

48 durchblick 3/2008


Leserbriefe

„Wie viele Menschen (er)trägt die Erde?“ und „Des

Menschen Heimat ist die Erde, gestern wie heute – und

MORGEN? durchblick 1/2008 und 2/2008

Wieder ist es Eberhard Freundt gelungen, ein brisantes

und hochaktuelles Thema unserer Zeit auf eine eindringliche,

herausfordernde Weise in Form philosophischer Essays

darzustellen. Seine „Gedanken“ über die immer weiter

wachsende Weltbevölkerung, ihre steigenden Ansprüche

bei schwindenden Ressourcen und die daraus erwachsenen

Folgen sind nicht unbekannt, aber sie rütteln in ihrer

Brisanz neu auf.

Den inhaltlichen Ausführungen zum Wachsen der Weltbevölkerung,

ihren soziologischen Folgen und den ökologischen

Auswirkungen ist wenig hinzuzufügen. Herr Freundt

hat wie immer sorgfältig in der einschlägigen Literatur und

den Fachmedien recherchiert und überzeugend und herausfordernd

argumentiert. Die Richtigkeit seiner Darstellung

bestätigt sich in der Realität: rücksichtslose Ausbeutung der

natürlichen Ressourcen zugunsten wirtschaftlichen Wachstums,

und damit verbundener Kapitalansammlung in den

Händen weniger, Umweltverschmutzung und -zerstörung,

Klimaveränderungen, zunehmende Unwetterkatastrophen,

verhungernde Menschen.

Man verspürt die Betroffenheit des Verfassers bei der

Beschäftigung mit der Thematik in der Verfassung einer

„Kurzanalyse über das Wesen des Menschen“ (durchblick

1/2008, S. 42). Das Menschenbild, das hier gezeichnet

wird, ist fürwahr nicht schmeichelhaft, aber im Blick auf

die Wirklichkeit zutreffend.

Daraus und aus dem Artikel insgesamt nur „Angriffe auf

die Menschenrechte“ und Zeichnung von „Weltuntergangsszenarien“

herauszulesen (siehe Leserbrief Bernard Nolz in

durchblick 2/2008, S. 54) erscheint mir als ein erhebliches

Missverständnis der Intentionen Freundts. Jedenfalls komme

ich bei der Lektüre der beiden Artikel nicht zu dieser

Folgerung. Ich kann auch nicht nachvollziehen, wie man in

die Ausführungen Freundts Menschenverachtung hineininterpretieren

kann. Ich lese hier aber Sorge über die Zukunft

der Menschheit heraus.

Eberhard Freundts Essays im durchblick haben ein Niveau,

das den Anspruch eines lokalen Vereins-Presseorgans

weit übersteigt. Themen, wie „Der Mensch“, Gotteshauch

oder Zufallsprodukt“ „Gott nur ein Hirngespinst, der freie

Wille eine Illusion?“ u. a. zeigen das weite Interessenspektrum

und die Motivation des Verfassers, sich mit Grenzfragen,

die nachdenkliche Zeitgenossen bewegen, auf anspruchsvolle

Weise auseinanderzusetzen.

Die Literaturrecherchen in Theologie (u. a. Drewermann),

Philosophie (u. a. John Eccles), Hirnforschung (u. a. Gerhard

Roth, Wolf Singer) fundieren die Essays überzeugend.

Freundt setzt sich intensiv und ausführlich mit den jeweiligen

Themenstellungen auseinander, er schürft tief und

begründet fundiert. Das erfordert von dem Leser hohe Konzentration

und Ausdauer. Aber, wer lässt sich schon von gehalt-

und anspruchsvoller Lektüre abhalten? Einen Gewinn

haben die Leserin und der Leser allemal.

Für den durchblick und seine Leser ist die Mitarbeit von

Eberhard Freundt ein nicht zu unterschätzender Gewinn.

Seine Beiträge in dem Presseorgan der Stadt Siegen/Leitstelle

Leben im Alter, verleihen dem Blatt ein, beachtenswertes

Anspruchsniveau.

Man kann nur wünschen, dass Eberhard Freundt weiterhin

seine wertvolle essayistische Tätigkeit pflegt.

Helmut Heinrich, Hilchenbach

Alte Straßen – stille Winkel, durchblick 1/2008. Mit

großem Interesse habe ich im durchblick Ihre beiden Abhandlungen

über Wilhelm Busch und die alten Siegener

Straßen gelesen. Beide Berichte sind informativ und gut

lesbar.

Seit Jahrzehnten habe ich ein Privatarchiv angelegt und

Ihre beiden Berichte finden dort Eingang.

In der kurzen Busch-Biografie erwähnen Sie auch den

Ort Ebergötzen. In der dortigen Mühle befindet sich ein

Wilhelm-Busch-Museum, welches Sie, Frau Istock, vermutlich

auch bereits besucht haben. Als ich vor einigen Jahren

dort war, hatten wir das Glück, eine sehr sachkundige

Präsentantin zu finden, die sehr anschaulich darstellte, dass

sich in den Handlungen und im Aussehen der beiden Buben

die beiden Freunde aus der Kindheit widerspiegeln.

Wenn der Müller und die Müllerin in kleinsten Kammern

in unmittelbarer Nähe des lauten Mühlrades schlafen

mussten, war dies sicherlich nur für die ersten zwei Nächte

romantisch, dann jedoch äußerst schlafstörend.

In den sehr informativen Bericht über Siegens Straßen

haben Sie, Frau Istock, sehr viel Zeit investiert. Die vielen

Fakten müssen zusammengetragen werden und gleichzeitig

„wasserdicht“ sein. Ihre Darstellung ist eine wertvolle Ergänzung

zur Stadtgeschichte Siegens. Wer weiß schon, wie viele

Metzgereien es Mitte des 15. Jahrhunderts in Siegen gab?

Heinz Stötzel, Nethphen

Bei Frau Istock habe ich mich persönlich bedankt für

ihren schönen Stadtbericht. - Schwierigkeiten hatte ich

mit dem Oberen Schloss auf Seite 4. Meine Frau ist eine

Stadtkennerin von über 70 Jahren und ich über 40 Jahre.

- Die Schönheit des Bildes haben wir nicht nachvollziehen

können. Ich hab mich in das „Marburger Tor“ bis zur

Einhorn-Apotheke begeben. Dort hatte ich den durchblick

bis auf das Torhaus des Oberen Schlosses mit dem richtigen

Blickwinkel. – Nur die ganzen darunterliegenden Häuserzeilen

einschließlich Bewuchs am Fußpunkte des Betrachters

konnte ich nirgends finden.

Hartmut Gerkan per E-Mail

Anm. der Redaktion: Starke Teleobjektive ziehen die

Perspektive zusammen und sorgen für neue optische Eindrücke.

Standort des Fotografen war auf einem mittlerweile

nicht mehr vorhandenen Erdhügel an der Kinderklinik.

durchblick 3/2008 49


Unterhaltung / Impressum

Es fiel uns auf …

…dass die Gehirne älterer Menschen einer neuen

Studie zufolge noch wachsen können. Bei 44

„Versuchskaninchen“ im Alter von 50 bis 67 Jahren wurde

nachgewiesen, dass nach einem dreimonatigen Training im

Jonglieren eine Vergrößerung im Hippocampus stattfand.

Diese Gehirnregion ist für das Lernen wichtig, in der sich

neue Hirnzellen bilden können.

…dass eine 68-Jährige aus Engelskirchen auf Gran

Canaria wieder aufgetaucht ist. Die Seniorin, die als

orientierungslos beschrieben wurde, war im April aus einem

Altenheim verschwunden. Damals hatte die Polizei mit

vielen Beamten, Hubschraubern und speziell ausgebildeten

Spürhunden nach der Frau gesucht. Sie wurde auf der

Kanareninsel „gut erholt und frohen Mutes“ in der Sonne

sitzend erkannt.

…dass die Menschen weltweit immer glücklicher

werden. Das ist das Ergebnis eines 25-jährigen

Forschungsprojekts in den USA. Die Bürger aus 97 Ländern

freuen sich vor allem über wachsenden Wohlstand, neu

gewonnene Freiheit oder mehr Rechte. Bei uns hingegen

sinkt das gefühlte Glück wegen der sinkenden Reallöhne

seit Jahren. Sind wir Deutschen Miesepeter?

Gedächtnistraining: Lösungen von Seite: von Seite ??

Sportarten: 1. Basketball (5), 2. Wasserball (7), 3. Volleyball (6),

4. Hockey (11), Staffelllauf (4), 6. Fußball (11). Bekannte

Sportler: 1. b-Leichtathletik, 2. c-Schwergewichtsboxen,

3. a-Weitsprung, 4. b-Hochsprung, 5. a-Schwimmen,

6. c-Schwimmen, 7. b-Basketball, 8. a-Springreiten,

9. c-Hochsprung, 10. a-Zehnkampf, 11. b-Gewichtheben,

12. b-Radrennsport. Piktogramme: 1. Gewichtheben,

2. Basketball, 3. Fußball, 4. Boxen, 5. Golf, 6. Turmspringen,

7. Kanu, 8. Bogenschiessen. Keine olympischen Disziplinen: Golf.

Wortsuche: Badminton, Baseball, Basketball, Bogenschiessen,

Boxen, Fechten, Fussball, Gewichtheben, Handball, Hockey,

Judo, Kanurennsport, Kanuslalom, Leichtathletik, Bahnradrennen,

BMX-Radsport, Mountainbike, Strassenradrennen, Dressurreiten,

Military, Springreiten, Ringen, Rudern, Schiessen, Kunstspringen,

Turmspringen, Schwimmen, Synchronschwimmen,

Wasserball,Segeln, Softball, Taekwondo, Tennis, Tischtennis,

Triathlon, Kunstturnen, Rhythmische Sportgymnastik, Trampolin,

Volleyball, Beachvolleyball.

Zu guter Letzt:

Bekannt als gewissenhafte Person nahm unsere

Kollegin Helga kürzlich ein wichtiges Internet -Telefonat

entgegen. Beflissen wollte sie sich Notizen machen

und fand nach kurzem Suchen in ihrem wohlgeordneten

Haushalt auch Stift und Schreibblock.

Nur, wo war denn jetzt das schnurlose Telefon samt

Kopfhörer geblieben? Verzweifelt suchte sie ihre

kleine Wohnung ab und fand tatsächlich das Quasselmonstrum.

Beschämt stellte sie im Vorbeigehen am

Spiegel fest, dass sich alles noch am Ohr befand.

durchblick

Herausgeber:

durchblick-siegen Information und Medien e.V.,

Im Auftrag der Stadt Siegen – Regiestelle Leben im Alter

Anschrift der Redaktion:

„Haus Herbstzeitlos“, Marienborner Str. 151, 57074 Siegen

Telefon 0271 61647 ,Mobil: 0171-6206413

E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de

Internet: www.durchblick-siegen.de

Öffnungszeiten:

dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 12.30 Uhr

dienstags auch von von 15.00 bis 17.00 Uhr

Redaktion:

Maria Anspach; Friedhelm Eickhoff (verantw); Fritz Fischer;

Eberhard Freundt; Dieter Gerst; Inge Göbel; Gerda Greis;

Dorothea Istock; Erich Kerkhoff; Erika Krumm; Horst Mahle;

Helga Siebel-Achenbach; Ulli Weber

Bildredaktion:

Thomas Benauer; Friedhelm Eickhoff; Gottfried Klör; Tessie Reeh;

Agnes Spar; Peter Spar; Sabine Völkel

Internet:

Thomas Benauer

An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:

Barbara Kerkhoff; Dr. Horst Bach; Helga Düringer; Antonie Dell

Fotos/Zeichnungen/Graphik (soweit nicht im Bild angegeben):

M. Anspach, D. Istock, E. Freundt, Fritz Fischer, E. Kerkhoff,

Toni Diehl, D. Gerst, S. Völkel, A. Spar, Dr. H. Bach; G. Klör;

H. Mahle, T. Benauer, H. Siebel-Achenbach, ,,durchblick-Photoshop-Club

Hör-CD: Helmut Drabe (verantwortlich); Hans-Peter Gebhardt;

Kruno Schmidt; Horst Mahler; Inge Göbel; Erika Grum; Ingrid Drabe;

Siegbert Ullrich; Horst Ehrenspeck

Gestaltung, Satz und Layout:

durchblick – Lektorat

Herstellung und Druck:

Vorländer, Obergraben 39, 57072 Siegen

Erscheinungsweise: März, Juni, September, Dezember

Verteilung: Helga Siebel-Achenbach (Ltg.), alle Redakteure, Ellen

Schumacher, Fred Schumacher, Hannelore Münch, Paul Jochum,

Elisabeth Flöttmann, Helga Sperling, Hermann Wilhelm, Dieter

Wardenbach, Ingrid Drabe

Auflage: 10.500. Der durchblick liegt kostenlos in Sparkassen, Apotheken,

Arztpraxen, Zeitungsverlagen, City-Galerie, Geschäften des

Siegerlandzentrums und öffentlichen Gebäuden aus. Für die Postzustellung

berechnen wir für vier Ausgaben jährlich 8 Euro.

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