Landkreis Gifhorn - ganz persönlich

neomedia

Rotoren kreisen die Gedanken um die Kraft

von Wind und Wasser. Und ich nehme mir

vor, endlich mal wieder durchs Mühlenmuseum

zu spazieren!

Offen, geradlinig und schnörkellos ist die

Landschaft – wie die Menschen. Und die

Sprache. Es passt, dass hier das klarste Hochdeutsch

gesprochen wird. Für mich als professionelle

Sprecherin ein Segen. Denn so

musste ich mir keinen Dialekt abtrainieren,

wie so viele Kollegen aus Bayern oder Stuttgart

oder… ja eigentlich von überall sonst.

Obwohl… Manchmal hört man noch immer

den berühmten niedersächsischen sspitzen

Sstein durch. Aber daran hat sich bislang

noch niemand gesstoßen.

Und noch etwas anderes ließ mir als Kind

Gifhorn als grenzenloses Paradies erscheinen:

Der Sandboden. Diese bröselige, immer trockene

staubige Decke, die so manchen Landwirt

und Gärtner in die Verzweiflung treibt.

Für mich war sie nichts anderes als die perfekte

Galopprennbahn. Dazu muss man wissen,

dass ich nicht nur pferdebegeistert war –

ich war pferdeirre. In der zweiten Klasse habe

ich sogar eine neue Disziplin bei den Bundesjugendwettspielen

erfunden: Den menschlichen

50-Meter-Galopp. Die messerscharfe

Logik dahinter: Pferde sind schneller als

Menschen und ihre schnellste Gangart ist

Galopp. Ergo: galoppieren ist schneller als

sprinten. … oder auch nicht … Nur so viel:

meine Trabrenn-Variante im darauf folgenden

Jahr war deutlich effektiver …

Zweimal durfte ich in Gifhorn Reiterferien

machen, und das hieß: Ich durfte ausnahmsweise

mit Pferd durch diesen traumhaften

Sand galoppieren. Für Kinder ist Freiheit

manchmal einfach.

Später braucht es dafür meist mehr. Und in

Gifhorn kam mehr: Die Mauer fiel, als ich fast

15 war – und mit ihr verschwand auch der

Stacheldrahtzaun, den wir manchmal mit unseren

Eltern besucht hatten. Als Geschichtsund

Demokratielektion zum Anfassen. Zumindest

zum Angucken. Und es war Gifhorn,

von wo aus ich an Weihnachten 1989 startete,

Die Europäische Freiheitsglocke im Mühlenmuseum

Die Freiheit spüre ich manchmal heute noch, wenn ich – inzwischen

sieben Sesamstraßen lang – nach Gifhorn fahre. Sind die Kassler

Berge überwunden, schnurrt der Motor wieder entspannt.

um zum ersten Mal durch die offene Grenze

zu fahren. Da war es wieder, dieses Gefühl

von Freiheit – in einer völlig neuen Dimension.

Denn in diesem Moment teilte ich sie mit

Tausenden.

Heute vergessen wir das manchmal. Vergessen,

was Mauern anrichten können, und was

Freiheit bedeutet. Für mich ist der Kreis Gifhorn

ein Ort, an dem mir das immer wieder

bewusst wird.

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