Marseille, Calanques, Côte Bleue (Auszug, Blick ins Buch)

ulifrings

Reise- und Wanderführer mit den schönsten Stadt- und Küstenwanderungen Marseilles

Manuel Andrack

Die Kunst zu wandern

Gastbeitrag von Manuel Andrack zum GR 2013

Die Habseligkeiten liegen verstreut hinter

einem Strauch, zwischen meterhohen

Lilien: ein Kulturbeutel, verwaschene Klei -

dung, ein vom Regen verblasstes Buch

mit chinesischen Schriftzeichen. „Das ha -

ben wir vor zwei Jahren entdeckt“, er -

klärt Hendrik Sturm. „Die Sach en müssen

einer jungen Frau gehört ha ben. Damals

lagen hier auch noch zwei Koffer, Da -

menunterwäsche und Modeschmuck.“

Sturm hat zu seinem Fund zwei Vermu -

tungen: „Entweder die Sachen gehörten

einer asiatischen Prostituierten – wir be -

finden uns hier schließlich auf einer Art

Bahnhofsstrich unter freiem Himmel.

Oder irgendwer hat irgendeiner Frau einfach

die Koffer geklaut.“ Hendrik Sturm

ist kein Kriminologe, kein Forensiker,

Sturm ist „Promeneur“, so steht es auf

seiner Visitenkarte, ein Spaziergänger

also, oder wie er sagt: Kunstspazierer –

eine Art Sherlock Holmes des Wanderns,

ein Spurensucher.

Der nahe gelegene TGV-Bahnhof Aix-en-

Provence ist der Ausgangspunkt des GR

2013. Viele kennen die Chemins de Gran -

des Randonnées auf Korsika oder im El -

sass. Sie sind die Vorzeigewege des französischen

Wanderverbands. Der GR 2013

ist ein 365 Kilometer langer Wanderweg

in der Region Marseille, der anlässlich des

europäischen Kulturhauptstadtjahrs an -

ge legt wurde. Man muss sich seinen

Streckenverlauf als eine große liegende

Acht vorstellen, deren Linien sich am

Bahn hof überschneiden. Das Besondere:

Der Weg wurde nicht von Wanderern

kon zipiert, sondern von einer Künstler -

gruppe. Was aber hat ein Wanderweg

mit Kultur, gar mit Kunst zu tun? Um das

herauszufinden, habe ich mich mit Hen -

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drik Sturm verabredet. Sturm hat in Düs -

seldorf Kunst studiert, lebt seit 1994 in

Mar seille und ist Dozent für Bildhauerei

an der Kunstakademie von Toulon. Seit

zwölf Jahren bezeichnet er sich als artiste

promeneur.

Was haben Sturm und seine Kunst spa -

zierer bei der Wegplanung anders ge -

macht als ein gewöhnlicher Wanderver -

ein? „Bei einem normalen Wanderweg

werden viele Filter gesetzt“, sagt Sturm.

„Wir dagegen haben versucht, sie zu vermeiden.“

Das, was Sturm „Filter“ nennt,

gefällt allerdings den meisten Wande -

rern. Deshalb gehen sie ja los: Sie wollen

raus aus der Zivilisation, rein ins pure Na -

turerlebnis. Oft werden sogar ziemliche

Klimmzüge gemacht, um Wanderwege

so zu legen, dass man unterwegs keine

Zäune, Häuser, Fabriken, Autobahnen zu

Gesicht bekommt.

Ich selbst weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob

ich filterlose Wanderwege so toll finden

soll. Während der Recherche über den GR

2013 war ich schockiert. Ein Weg, der

Ölraffinerien tangiert, an Hochhaussied -

lungen vorbeiführt und auf dem man viel

über Asphalt wandert... Ist das noch

Wan dern oder schon Masochismus? Da

könnte ich ja auch in einer deutschen

Groß stadt die hässlichsten Ecken suchen,

einen Wanderweg markieren und das

dann Kunst nennen. Wo bleibt das Natur -

erlebnis? Sturm lächelt. „Wir schließen

Natur ja nicht aus, aber wir wollen auch

so viel Leben wie möglich mitnehmen.“

Nun gut, machen wir den Praxistest.

Wir gehen vom Bahnhof aus in nordöstlicher

Richtung und haben schon nach we -

nigen Metern die Hinterlassenschaften

der Asiatin passiert. Nun geht es weiter

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