Kreis Plön - ganz persönlich

neomedia

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Matthias Stührwoldt

hier ist unser Zuhause. Das merke ich nicht zuletzt

daran, dass hier, genau hier das Platt gesprochen

wird, das auch ich spreche. In Kiel un Seebarg, in

Niemünster un Rendsborg is dat all wedder anners.

See im Kreis Segeberg. Gut, wir haben ein Meer,

das, anders als an der Westküste, immer da ist,

wenn man es mal braucht – das jedoch gilt für die

ganze Ostküste Schleswig-Holsteins.

Der Unterschied ist: Mehr als jeder andere Kreis

rundherum ist der Kreis Plön mit meinem Leben

verbunden, ja geradezu aufgefüllt. Noch heute kann

ich mich mit verbundenen Augen auf meinem alten

Schulweg zwischen Stolpe und Plön kutschieren

lassen und jederzeit sagen, wo wir gerade sind.

Wo sonst gibt es auch eine Bundesstraße, die auf

3,6 Kilometern zwischen Ascheberg und Plön dreimal

von derselben Bahnstrecke gekreuzt wird, und

ein wahrscheinlich ewig unerfüllter Traum von mir

ist, einmal nur ein so schnelles Auto zu fahren, dass

ich dreimal kurz hintereinander vor den Bahnschranken

auf immer denselben Zug warten kann.

Und nur im Kreis Plön gibt es eine Stelle, an der ich,

wenn ich zu schnell fahre, geblitzt werden kann, und

ich denke: „Oha!“, und gleichzeitig lese ich ein grüngelbes

Ortsschild mit der Aufschrift „Oha“, und ich

frage mich: Ist das jetzt eine Regieanweisung? Und

warum heißt der Ort so? Was war zuerst? Die Siedlung

oder der Blitzer?

Nur im Kreis Plön bekam ich meinen ersten Kuss

(im damaligen Internatsgymnasium, im Klassenzimmer,

während einer Freistunde), ging das erste

Mal Hand in Hand (auf der Prinzeninsel), wurde

meiner Unschuld beraubt (wie bescheuert klingt das

denn, aber hey, ich weiß wo, ich weiß von wem),

liebte (jede Menge), heiratete (im unvermeidlichen

Wankendorf, einem unbedeutenden Vorort von

Stolpe). Hier lebten und leben Birte und ich; hier

wuchsen und wachsen unsere Kinder auf. Hier

schubse ich in jedem Jahr als Wampi die Wampe

halbwüchsige Jugendliche vom Schwimmponton aus

in die grauen Fluten des Stolper Sees. Hier ist mein,

Ich denke, für jeden Menschen ist es gut, zu wissen,

wo er hingehört. Und am besten ist es, dann auch

dort zu sein und nirgends anders. Ich weiß aber

auch, dass es Menschen gibt, die – aus welchen

Gründen auch immer – gezwungen sind, ihre Heimat

zu verlassen. Sicher, man kann sich ein Zuhause

auch erschaffen, irgendwo, in der Fremde – aber

leicht ist das nicht, niemals. Und immer bleibt ein

Schmerz zurück, ein Gefühl des Verlustes, tief in

einem drin. So jedenfalls stelle ich es mir vor.

Das heißt jetzt nicht, dass ich immer zuhause bleibe,

dass ich niemals wegfahre. Im Gegenteil, ich bin

gerne unterwegs, gucke mir die Welt an, lerne

Neues. Aber schon nach wenigen Tagen denke ich

an meinen Hof; mir fallen tausend Dinge ein, die

ich unbedingt verbessern will, und manchmal glaube

ich, das Schönste am Verreisen sei, sich von ferne

auf Zuhause zu freuen. Und dann endlich bin ich

wieder da, und es riecht, wie es riecht, und die

Kühe, die Kühe! Wie sie gucken können! Und alles

an ihnen sagt: Mir geht die Welt am Arsch vorbei.

Solange ich hier bin, zuhause, in meinem Stall,

auf meiner Weide. In diesem Fall: in Stolpe. Im

Kreis Plön.

Und wenn ich im Sommer die Kühe zum Melken

reinholen will, und ich stehe auf dem Hügel hinter

unserem Hof – wir sagen sogar Berg dazu – um

mich herum meine Kühe, überwiegend schwarzbunt,

Kühe in Halbtrauer, wie Arno Schmidt schrieb, aber

auch rotbunte, braune, bunte überhaupt – ich will ja

kein Rassist sein – während auf der A 21 nebenan

die eine Autoschlange Richtung Ikea fährt und die

andere Autoschlange Richtung Möbel Kraft, und ich

blicke auf die ewige Autobahnbaustelle – huch, da

ist ja Moor, das haben wir nicht gewusst, ups, nun

dauert das aber länger – und ich blicke übers Depenauer

Moor, über unsere Hofanlage und den Stolper

See, dann denke und fühle ich synchron: Hier steh

ich nun, hier ist es schön. Hier bin ich Bauer, im

Kreise Plön.

Ich bin so was von da, wo ich hingehöre. Und ohne

es zu wollen, beginne ich zu lächeln.

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