Landkreis Marburg Biedenkopf - ganz persönlich

neomedia

MARBURG-BIEDENKOPF

DER LANDKREIS

ganz persönlich


Der Landkreis Marburg-Biedenkopfganz persönlich


ANDE

AMSTERDAM

HANNOVER

DÜSSELDORF

Landkreis Marburg-Biedenkopf

FRANKFURT

WIESBADEN

STRASSBURG

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FRANKREICH

MÜNCHEN

2 · 3

Biedenkopf

Münchhausen

Breidenbach

Lahntal

Cölbe

Steffenberg

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Dautphetal

Gladenbach

Wetter

Marburg

Wohratal

Rauschenberg

Kirchhain

Amöneburg

Neustadt

Stadtallendorf

Bad Endbach

Weimar

Lohra

Ebsdorfergrund

Fronhausen


DER LANDKREIS

MARBURG-BIEDENKOPF

ganz persönlich

Landkreis Marburg-Biedenkopf

in Zusammenarbeit mit der

neomediaVerlag GmbH


IMPRESSUM

4 · 5

Herausgeber

Kreisausschuss des Landkreises

Marburg-Biedenkopf

Im Lichtenholz 60, 35043 Marburg

Tel. 06421 405-0

landkreis@marburg-biedenkopf.de

www.marburg-biedenkopf.de

In Zusammenarbeit mit:

neomediaVerlag GmbH

Industriestraße 23, 48653 Coesfeld

Tel. 02546 9313-0

info@neomedia.de

www.neomedia.de

Idee und Konzeption

Rainer Wendorff

Redaktion/Lektorat

Kreisausschuss des Landkreises

Marburg-Biedenkopf

Dr. Markus Morr

Andreas Schmidt

neomediaVerlag GmbH,

Günter Poggemann

Marc Hankmann

Grafik/Layout

Kerstin Katemann

Projektakquise

Matthias Kurz

Bildnachweis

fotostudio Wiegand: Seite 14, Christine Fenzl:

Seite 56, Benjamin Heller: Seite 95, Hinterlandmuseum

Schloss Biedenkopf: Seite 54, Paul

Kronenberg: Seiten 96, 98, Daniela Lippelt/jsdeutschland:

Seite 37, Dr. Markus Morr: Seiten 6,

7, 19, 45, 49, 53, 73, 80, 83, 97, 105, 111, 112, Thomas

Naumann: Seiten 6, 12, 25, 68, Thorsten Richter:

Seiten 13, 31, 58, 59, 85, Schartenhof: Seite 34,

Andreas Schmidt: Seiten 9, 11, 20, 22, 33, 39, 46,

51, 64, 93, Stadt Gladenbach: Seite 17, Wolfgang

Schekanski: Seiten 87, 106, Stephan Schienbein:

Seite 65, Jakobine Theis: Seite 6, Sascha Valentin:

Seite 7, Rainer Waldinger: Seiten 7, 10, 35, 55,

57, 62, 63, 67, 77, 81, 88, 89, 93, 114, 115, Welterforscher

Film und so weiter GmbH: Seite 110

Porträt- und Firmenfotos stammen, soweit

nicht anders vermerkt, von den jeweiligen

Personen und Unternehmen.

Printed in Germany 2017

Das Manuskript ist Eigentum des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten.

Dem Buch liegen neben den Beiträgen der

Autoren Darstellungen und Bilder der Firmen

und Einrichtungen zugrunde, die mit ihrer

finanziellen Beteiligung das Erscheinen des

Buches ermöglicht haben.

Druck

C. Maurer GmbH & Co. KG

73312 Geislingen an der Steige

Bibliographische Information der

Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte Daten sind im

Internet über http://dnb.dbb.de abrufbar.

ISBN 978-3-931334-76-5


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INHALT

10 Mein Gefühl von Heimat

Landrätin Kirsten Fründt

14 Bilder der Flucht werden zu Kunst

Khaled Al Deab

16 Gladenbachs Regentin für ein Jahr

Katharina Alena Becker

18 Landkreis erhielt den Vorzug

vor Bonn

Friedrich Bohl

21 Erfindergeist im Sinne des

Umweltschutzes

FAUDI GmbH

22 Schoko-Pionier fand seine Heimat

im Landkreis

Dr. Giuseppe Faussone

24 Keine Angst um die Zukunft

der Region

Diplom-Kaufmann Eberhard Flammer

26 Kompetenz in Technik und Effizienz

BECKER GmbH CAD·CAM·CAST

28 Vom Gemischtwarenladen

zum Modehaus

Begro R. Krug GmbH

30 Aufbruch und Geborgenheit

Florian Gärtner

32 Der Schartenhof war die

Keimzelle der Kultur

Annemarie Gottfried

35 Wandel führt zurück in die

Erfolgsspur

Franz Wilmes Möbelvertriebsgesellschaft mbH

36 Voller Einsatz für junge Menschen

in der Feuerwehr

Karina Gottschalk und Matthias Zeidler

38 Die Jugend ist die Zukunft der

Region

Helmut Henkel

40 Europäischer Marktführer

für Pkw-Bremsscheiben

Buderus Guss GmbH


Schloss Rauischholzhausen Fronhausen Wohratal-Hertingshausen

6 · 7

42 In der Finanzwelt zuhause, in der

Region tief verwurzelt

Deutsche Vermögensberatung AG

55 Seit Generationen Kompetenz

in Holz

HolzLand Jung GmbH & Co. KG

44 Fantastische Geschichten, inspiriert

durch die Region

Brunhilde Heß

56 Traumhafte Kindheit in

zauberhafter Stadt

Nina Kronjäger

47 Qualifizierte Ausbildung und

modernste Technologie

Henkel Modellbau GmbH

60 Der Mensch steht immer im

Mittelpunkt

Das Deutsche Rote Kreuz in Mittelhessen

48 Ein Grundgefühl von Beheimatung

Prof. Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann

50 Aus Rumänien als Pfarrer

nach Lohra

Herwig Klein, Pfarrer i. R.

52 Grenzgangsmohr – der Traum an

der Lahn

Earl Kolbe

62 Aus Prinzip 100 Prozent für den

Erfolg des Kunden

ELKAS GmbH & Co. KG

64 Die Zukunft unserer Jugend

mitgestalten

Simona Lison

66 Durch den Sport zurück in die Heimat

Prof. Gerd Manthei


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Steffenberg-Oberhörlen Das Rathaus in Kirchhain Lahntal-Göttingen

69 Regionalität und bester Geschmack

Meier III GmbH Metzgerei & Partyservice

70 Leben und Dienst verbinden

sich hier ideal

Generalmajor Andreas Marlow

72 Getragen von Wind und Sonne

Werner Meuser

74 Wenn flüssiges Eisen zur

Leidenschaft wird

Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG

76 Für jeden Pflegebedürftigen der

passende Hausengel

Hausengel Betreuungsdienstleistungen GmbH

78 Marburg wurde meine zweite Heimat

Prof. Toshio Ozawa

81 Kleine Idee wird große Erfindung

NOLTA GmbH

82 Lyrischer Input aus dem Landkreis

Lars Ruppel

84 Erinnerungen an ein genussvolles

Studentenleben

Martin Schneider

86 Platz für viele Kulturen

Aysel Söhret ,

88 Erfahrener Vermittler für

Kfz-Hersteller und -zulieferer

Huppert Engineering GmbH & Co.

KG/PMD GmbH & Co. KG

90 High-end-Produkte aus

Leidenschaft

K+G Wetter GmbH

92 Das Landleben bietet soziale Nähe

Katrin Storck-Müller


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94 Mit dem Rhönrad von Marburg

in die Welt

Laura Stullich

96 In Marburg habe ich

Grundvertrauen gefunden

Sabriye Tenberken

99 Exzellenz, Professionalität und

Begeisterungsfähigkeit

SCK SCHNEIDER CAD-KONSTRUKTIONEN GMBH

108 Ich habe hier alles für meinen Sport

Vanessa Weinhauer

110 Der Geschmack von Heimat

Willi Weitzel

113 In der Region für die Region

Raiffeisenbank eG

114 Weltmarktführer mit vielen Stärken

Roth Industries GmbH & Co. KG

100 Krug-Produkte sind immer dabei

KRUG Gruppe Breidenbach

102 Die Rundum-Kompetenz für ein

Leben in Bewegung

Rheumazentrum Mittelhessen GmbH & Co. KG

104 Vertrauen ist Basis des

Zusammenlebens

Egon Vaupel, Oberbürgermeister a. D.

116 Verlässlicher Partner –

gut für die Region

Sparkasse Marburg-Biedenkopf

118 Mein Herz schlägt für Kinder und Lohra

Lydia Willershausen

120 Übersicht der PR-Bildbeiträge

107 Handwerkliches Können und

modernste Technik

Werner Preis GmbH


Das Brauchtum wird im Landkreis Marburg-Biedenkopf auch mit Trachten noch gepflegt – wie etwa beim Folklorefestival.

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LANDRÄTIN

KIRSTEN

FRÜNDT

geb. 1967 in Marburg, verheiratet, zwei Kinder | 1986 Abitur in Marburg | 1986

bis 1991 Ausbildung im Gartenbau mit anschließender Berufstätigkeit | 1991 bis

1997 Studium der Agrarwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen |

1997 bis 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Landschaftsökologie

& Landschaftsplanung an der Justus-Liebig-Universität

Gießen | 2000 bis 2013 Mitarbeiterin Stadtgrün, Umwelt & Natur der

Stadt Marburg | 2013 bis 2014 Sportamtsleiterin der Stadt Marburg |

diverse Ehrenämter im Bereich Sport | seit 2014 Landrätin des

Landkreises Marburg-Biedenkopf

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Landrätin Kirsten Fründt

MEIN GEFÜHL

VON HEIMAT

Liebe Leserinnen und Leser,

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären

muss.“ In dieser Aussage Herders steckt viel

Wahrheit. Heimat ist zwar immer ein sehr individueller,

geografisch nicht immer zu lokalisierender

Ort. Aber dennoch kennt wohl jeder das Gefühl

starker Verbundenheit mit einem Ort, einer Landschaft oder

Region. Dies gilt auch für den Landkreis Marburg-Biedenkopf,

der für viele Menschen Heimat war und ist. Für mich

persönlich ist unser Landkreis definitiv Heimat. Dabei ist

das Gefühl von Heimat auch für mich schwer an einem einzigen

Ort festzumachen. Vor allem deshalb, weil es im Landkreis

Marburg-Biedenkopf so viele Orte, Menschen und Begegnungen

gibt, die ihn zu „meiner Heimat“ gemacht haben.

Sicher ist es so, dass auch Landschaften Menschen prägen.

Dies erfährt, wer mit offenen Augen in fremden Regionen

unterwegs ist. Umgekehrt habe ich in Gesprächen mit Men-

Die Martinskirche auf dem Christenberg bei Münchhausen


Volle Deckung: Bei der 875-Jahr-Feier in Niederweimar wurden 120 Brieftauben aufgelassen.

schen, die im Landkreis aufgewachsen sind, ihn aber für

Studium oder Beruf verlassen haben, oft gehört, dass sich etwas

in ihrem Inneren regt, dass sie nicht nur erkennen, sondern

auch spüren, wenn sie in die Heimat zurückkommen.

Wenn Landschaften Menschen prägen, dann gilt dies sicher

auch umgekehrt. Unsere Kulturlandschaften werden von

Menschen bearbeitet, verändert und geprägt. Sie heißen so,

weil sie Bestandteil unserer Kultur geworden sind, und nicht

nur in Abgrenzung zur Naturlandschaft.

„Innovativ und traditionsbewusst, weltoffen und

heimatverbunden, engagiert, vielfältig und verantwortungsbewusst

gegenüber Natur und Umwelt –

so sind hier die Menschen.“

In den Köpfen vieler Menschen herrscht nach wie vor das

Bild vor, dass ländliche Regionen eher rückständig seien.

Dies gilt für den Landkreis Marburg-Biedenkopf, in dem

Innovation und Tradition auf so vielfältige und sinnvolle

Weise miteinander verbunden sind, definitiv nicht. Und sicher

auch nicht für unsere Landwirtschaft, die diesen Spannungsbogen

täglich lebt, wichtige Beiträge für Ernährung,

Landschaftspflege und Erhaltung der Biodiversität leistet.

Und darüber hinaus Arbeitgeber, Träger von Innovation in

den Bereichen Erneuerbare Energien oder Direktvermarktung

ist. Und schließlich wurde der Landkreis Marburg-Biedenkopf

zu allen Zeiten von sehr unterschiedlichen Menschen

immer wieder neu geprägt. Die Nachfahren der Hugenotten

haben nicht nur sprachlich Spuren hinterlassen, sondern

durch „Franzosen-Wiesen“ oder eigene Kirchen zum

Mosaik unserer Heimat beigetragen. Die als Folge des

schrecklichen Zweiten Weltkriegs aus Osteuropa Vertriebenen,

Menschen aus Südeuropa, die zu uns kamen, um in der

Industrie zu arbeiten, die Flüchtlinge, die in den letzten Jahren

Zuflucht im Landkreis gefunden haben – sie alle haben

zur Entwicklung unserer Heimat beigetragen, prägen sie

auch weiterhin.


Der Junker-Hansen-Turm: ein einzigartiger Fachwerkrundbau in Neustadt

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Der Landkreis Marburg-Biedenkopf besteht in dieser Form

erst seit gut 40 Jahren. Er hat eine Reihe von Vorläufern und

erst die Verwaltungsreform von 1974 vereinigte die Alt-Kreise

Marburg und Biedenkopf zum Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Die Universitätsstadt Marburg verlor ihren 1929

erworbenen Status als kreisfreie Stadt und wurde mit Sonderrechten

versehen ebenfalls in diesen Kreis integriert. Sie

ist größte Stadt, einziges Oberzentrum im Kreis und mit reicher

Geschichte sowie der Philipps-Universität ausgestattet,

die bereits 1527 als erste protestantische Universität von Philipp

dem Großmütigen gegründet wurde. Marburg ist eine

Universitäts- und Kreisstadt, die ein besonderes Flair hat als

sozusagen prototypische Universitätsstadt. Aber auch hier

gilt: Die Vielfalt auch der anderen 21 Kommunen im Kreis

mit ebenfalls oft sehr langer, wechselvoller und reicher Geschichte,

tragen zur Lebensqualität in unserem Landkreis

bei.

So wie das Verhältnis von Stadt Marburg und den anderen

Kreiskommunen, ist auch unsere Wirtschaftsstruktur geprägt.

Einige große Unternehmen zum Beispiel der Pharmaindustrie

oder Metallverarbeitung auf der einen, und sehr

viele klein- und mittelständische Unternehmen, häufig familiengeführt,

sowie Handwerksbetriebe auf der anderen Seite.

Unternehmen und Betriebe, die standorttreu sind, sich regional

engagieren, Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen und

zur Vielfältigkeit und Wirtschaftskraft des Landkreises beitragen.

Darunter etliche Weltmarktführer, die ein Fremder

nicht zwingend zum Beispiel im Hinterland vermuten würde.

Doch nicht nur Einheimische fühlen sich im Landkreis wohl.

Auch unsere Besucher auf Zeit schätzen das touristische Angebot

in den Städten des Kreises, in unserer reizvollen Mittelgebirgslandschaft.

Zahlreiche Wanderwege, die Premium-

Wanderregion im Burgwald, der Lahnradweg oder das vielfältige

kulturelle Angebot vom Freilichtmuseum bis zum

Musical vor reizvoller Kulisse locken viele Touristen zu uns

in den Landkreis.

Gäste auf Zeit sind auch die zahlreichen jungen Menschen,

die in den Kreis kommen, um an der Philipps-Universität

Marburg zu studieren und hier einen oft prägenden Abschnitt

ihres Lebens zu verbringen. Und mit dafür sorgen,

dass der Landkreis bei aller Geschichte und Tradition eine

sehr zukunftsgewandte, innovative Region ist und bleibt.

Beleg dafür ist zudem, dass es seit einigen Jahren in Biedenkopf

eine zweite Hochschule im Landkreis gibt, und dieser

Standort der Technischen Hochschule Mittelhessen auch ein

deutliches Zeichen für die Verbundenheit der regionalen

Unternehmen mit ihrer Heimat ist. Innovation gibt es eben

nicht nur im Silicon Valley, sondern auch im Lahn- oder

Ohmtal.


Wie wunderbar sich Innovation und Heimatverbundenheit

in globaler Verantwortung miteinander verbinden lassen, belegen

die Aktivitäten im Landkreis beim Thema Klimaschutz.

Sind wir doch einer der „Masterplan 100 Prozent

Klimaschutz-Landkreise“ bundesweit. Hier leistet die Kreisverwaltung

tatsächlich Beispielhaftes. Auf das Engagement

der Bürgerinnen und Bürger kann der Landkreis hier ganz

besonders zählen. Ein herausragendes Beispiel dafür sind die

aktuell 11 Bioenergiedörfer. Ein Ergebnis des außergewöhnlichen

Engagements vieler Menschen in unseren Dörfern.

Mit den demnächst 18 Bioenergiedörfern nimmt der Landkreis

in Hessen auch hier eine Spitzenstellung ein. Innovativ

und traditionsbewusst, weltoffen und heimatverbunden, engagiert,

vielfältig und verantwortungsbewusst gegenüber

Natur und Umwelt – so sind hier die Menschen. Und auf die

kommt es ja zuallererst an, wenn man etwas erreichen will.

Das gilt selbstverständlich auch für das Produkt, das Sie nun

nach langer Vorbereitung und viel Engagement in den Händen

halten, in dem Sie blättern und lesen können: „Marburg-Biedenkopfganz

persönlich“. Deshalb möchte ich

mich herzlich bei denjenigen Menschen bedanken, die dieses

Buchprojekt ermöglicht haben. Da sind zunächst selbstverständlich

diejenigen, die sich „ganz persönlich“ in diesem

hochwertigen Band porträtieren lassen und somit auch

Schlaglichter auf die Vielfältigkeit des Landkreises und seiner

Menschen ermöglichen. Mein Dank gilt darüber hinaus

denjenigen, die durch ihren finanziellen Beitrag diese Publikation

möglich gemacht haben sowie dem neomediaVerlag.

Und er gilt dem Team mit Andreas Schmidt und Dr. Markus

Morr sowie ergänzend Anna Margarethe Becker dafür, dass

das Angebot des Verlags für den vorliegenden Band genutzt

und umgesetzt wurde.

Entstanden ist so ein Band, der – na ja, zumindest fast – so

vielfältig wie die rund 245.000 Einwohnerinnen und Einwohner

des Landkreises ist. Deshalb wünsche ich nun allen

Leserinnen und Lesern, Einheimischen wie Gästen, eine interessante,

unterhaltsame und manchmal sicher überraschende

Lektüre, die Ihnen neue Perspektiven und Eindrücke

bieten wird.

Herzlich Ihre

Kirsten Fründt

Landrätin

Das Schloss in Biedenkopf oberhalb der früheren Kreisstadt Biedenkopf


KHALED

AL DEAB

geb. 1985 in Damaskus, lebte dort bis zu

seinem 27. Lebensjahr | das Kunststudium

konnte er aufgrund des Krieges nicht

beenden | als eine Bombe in seiner

Woh­nung­einschlug,­flüchtete­seine­ganz

Familie nach Amman in Jordanien |

arbeitete dort, um sich das nötige Geld

für die weitere Flucht zu verdienen | kam

2014 über die Balkanroute nach Deutschland

und lebt jetzt mit seiner Frau in

Biedenkopf.

Khaled Al Deab setzt sich in Biedenkopf, wo er eine neue Heimat gefunden hat,

künstlerisch mit Vergangenheit und Gegenwart auseinander.

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Khaled Al Deab

BILDER DER FLUCHT

WERDEN ZU KUNST

Dass ich heute in Biedenkopf lebe, macht mich

unheimlich glücklich. Denn mein Heimatland

Syrien musste ich verlassen: Der Krieg machte

das Leben dort unerträglich. Eigentlich wollte

ich gerne bleiben, denn mein Traum war es, Kunst zu studieren.

Nach dem Abitur habe ich zunächst eine kleine Firma

gehabt: eine Reinigung für Kleidung und Teppiche. Doch

2009 wurde ich zur Armee eingezogen. Und als mein Wehrdienst

zu Ende war, konnte ich mich meinem Traum widmen

und anfangen zu studieren. Mit meinen beiden Brüdern, den

zwei Schwestern und meiner Mutter hatte ich ein gutes Leben,

mitten in der Stadt. Doch dieses Leben und auch mein

Studium wurde schnell beendet. Denn als eine Bombe in

meinem Zimmer einschlug – glücklicherweise ohne zu explodieren

– bin ich mit meiner Familie nach Jordanien geflohen.

Dass ich noch lebe, ist also reines Glück.

In Jordanien habe ich eineinhalb Jahre an einer Tankstelle

gearbeitet, um Geld für die Weiterreise und auch für die

Familie zu verdienen. Aber der Job war sehr schlecht bezahlt.

Jeden Tag habe ich zwölf Stunden lang gearbeitet, sieben Tage

in der Woche, für 200 Euro im Monat. Nach eineinhalb

Jahren musste ich wegen Rückenproblemen aufhören. Mittlerweile

hatte ich genug Geld, um mit einem Flug ticket in die

Türkei zu reisen. Ich wollte weiter nach Deutschland. Gemeinsam

mit einem Freund suchte ich einen Schlepper – in

Bodrum, Izmir, Istanbul und Marmaris. Nach 20 Tagen fanden

wir einen, bezahlten ihm 1.800 Euro, um mit einem

Boot nach Griechenland zu kommen. Ich hatte Angst, besorgte

mir eine Rettungsweste. In dem Boot waren wir elf

Leute, und die Angst reiste mit. Nach einer halben Stunde

kamen wir in Griechenland an, landeten in Seskli, einer kleinen

Insel in der Ägäis. Wir hatten nichts: Kein Essen, kein

Wasser – und wir wussten nicht, wie es weitergeht.

Schließlich wurden wir vom Militär aufgegriffen und in ein

Lager gebracht. Dort wurden wir zwar versorgt, aber es war

wie im Gefängnis. Eine Woche später wurden wir nach


Athen gebracht. Das Spiel begann von vorne: Wieder suchte

ich einen Schleuser, diesmal, um nach Mazedonien zu kommen.

Auf einem Lastwagen ging es weiter: 40 Leute wurden

zusammengepfercht, der Fahrer brachte uns über die Grenze

– und wieder kostete es 1.800 Euro.

Wir marschierten zu Fuß weiter in Richtung Serbien. Dort

wurde ich von der Polizei geschnappt und ins Gefängnis

geworfen. Nach zehn Tagen brachte man mich zurück

nach Mazedonien. Und derselbe Schleuser wie vorher

brachte mich dann wieder über die Grenze. Ich schlug

mich zunächst wieder zu Fuß durch Serbien, dann kam irgendwann

ein Kleinwagen. Mit zehn Personen kamen wir

in Belgrad an.

„Ich will auch den Neuanfang illustrieren, die

Hoffnung, die ich hier in Biedenkopf wieder erleben

kann. Denn die Stadt ist für mich der Ort, an dem

ich endlich wieder unbeschwert leben kann.“

Ein weiterer Schleuser wollte mich für 1.500 Euro nach

Italien bringen, in Ungarn wurde ich allerdings wieder festgenommen.

Drei Tage blieb ich im Gefängnis, wurde freigelassen

und zum Glück nicht zurückgebracht. Mit dem Auto

ging es für 600 Euro weiter – über Italien und Österreich

kam ich letztendlich nach insgesamt etwa einem halben

Jahr in Frankfurt an. Von dort ging es weiter ins Camp

nach Gießen – und jetzt bin ich hier, habe eine Duldung für

drei Jahre und konnte sogar meine Frau Arij nachholen.

vom Postraub, das Biedenkopfer Schloss und die Statue „El

Niño“. Doch in den Bildern zeige und verarbeite ich auch,

was ich während der Flucht erlebt habe. Ein einzelner, roter

Turnschuh, mit Blut beschmiert, ist alles, was von einem

Kind übrig blieb. „Bombeneinschlag“ habe ich das Bild

genannt, auf dem sich eine Familie die Ohren zuhält. Und

„Auf dem Wasser“ zeigt ein überfülltes Boot, voll mit

Flüchtlingen.

Aber ich will auch den Neuanfang illustrieren, die Hoffnung,

die ich hier in Biedenkopf wieder erleben kann. Denn

die Stadt ist für mich der Ort, an dem ich endlich wieder

unbeschwert leben kann. Nun wünsche ich mir, dass ich einen

Beruf erlernen kann. Wenn es mit dem Kunststudium

nicht klappt, dann könnte ich mir auch eine Ausbildung als

Maler und Lackierer vorstellen, um mein eigenes Geld zu

verdienen.

Meine Geschwister sind mittlerweile auch weit verteilt: ein

Bruder lebt in Edmonton in Kanada, der Zweite in Stuttgart.

Und eine meiner Schwestern wohnt in Saudi-Arabien, meine

andere in Wilhelmshaven. Wir bleiben über Internet in Kontakt,

das spendet Trost. Denn ich denke noch oft an Syrien.

Doch zurück will ich nicht mehr. Zu tief sind die Wunden,

die der Krieg gerissen hat. Arij und ich bauen hier unsere

Zukunft auf. Und vielleicht kann meine Mutter, die in Jordanien

blieb, zu uns kommen. Dann wäre das Glück perfekt.

Eines der Werke Al Deabs zeigt ein überladenes Flüchtlingsboot.

Ich bin sehr glücklich, denn ich wurde sehr freundlich aufgenommen,

habe viel Hilfe gefunden. Auch habe ich schon

viele Freunde gefunden. Und ich konnte schon zweimal bei

den Biedenkopfer Schlossfestspielen mitmachen – dort habe

ich im Stück „Der Postraub“ den Räuber Jost Wege gespielt.

Meinen Text kann ich noch.

Durch den Workshop zum Musical habe ich die Musiklehrerin

Silvia Salzbauer kennengelernt, die mich toll fördert.

Mittlerweile kann ich Klavier spielen, Silvia hat mir ein gebrauchtes

Piano besorgt. Und jetzt kann ich auch wieder

malen. In einigen Ausstellungen konnte ich meine Werke

nun schon zeigen. Ein Bild zeigt zum Beispiel die Kutsche


KATHARINA ALENA

BECKER

geb. 1997 | 2014 Ausbildung

zur Übungsleiterin | 2015

Abitur in Marburg | seit 2015

Ausbildung zur Biologie-

Laborantin bei CSL Behring |

Kirschenkönigin in Gladenbach

von 2015 bis 2016

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Katharina Alena Becker

GLADENBACHS

REGENTIN FÜR EIN JAHR

Schon als kleines Kind, wenn ich den Kirschenmarkt

besuchte, hatte ich den Traum, Prinzessin zu sein –

so, wie viele Mädchen. Und immer, wenn ich die

Kirschenkönigin mit ihrer Krone gesehen habe,

wurde in mir der Wunsch geweckt, selbst Königin zu sein.

Schon im Jahr 2014 hätte ich mich beinahe beworben.

Allerdings war es das Jahr vor meinem Abitur – und das war

wichtiger. Aber ein Jahr später, als ich den Abschluss in der

Tasche hatte, habe ich mich zur Wahl beworben. Dabei haben

mich meine Familie und meine Freunde unterstützt: Sie

waren davon überzeugt, dass ich es kann. Und plötzlich ging

alles Schlag auf Schlag.

Mir war natürlich bewusst, dass im Verlauf des Jahres einige

Termine auf mich zukommen werden. Aber ganz blauäugig

bin ich nicht an das Thema herangegangen: Ich kannte Nadine

Koch, die ebenfalls aus Weidenhausen kommt. Sie war

2013 Kirschenkönigin, und so konnte ich mich nicht nur bei

ihr informieren, sondern auch einige Tipps bekommen. Ich

wusste also, was auf mich zukam und war nicht überrascht,

dass ich jeden Monat etwa ein bis zwei Termine für die Stadt

absolvieren musste. Das war zu schaffen – so konnte ich zur

Wahl antreten.

Es kam der Wahl-Abend im Kirschenmarktzelt. Heiß war

es, und das Zelt war bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich

kannte es zwar, vor vielen Menschen zu stehen. Denn beim

TV Hartenrod turne ich selbst und bin als Übungsleiterin

des Kinderturnens aktiv. Und auch in der Tanzgruppe des

TV Weidenhausen mache ich mit. Doch an dem Abend im

Zelt – das war schon eine andere Situation.

Ich war die erste Kandidatin, die mit der Rose in der Hand

über den Laufsteg gehen musste. Erfahrungen auf der Bühne

und vor Publikum hatte ich bereits, aber aufgeregt war ich

dennoch, als das Publikum johlte, schrie und mich anfeuerte.

Danach mussten meine Fans für mich jubeln, denn die ge-


messene Lautstärke von zwei Läufen wird addiert. Im ersten

Durchgang erreichte ich durch meine Unterstützer 94 Phon –

ein sehr guter Wert.

Dann musste mein Prinz, Jonas Haus, am Glücksrad drehen –

und erreichte die Höchst-Punktzahl vier. Es folgte der zweite

Lauf, und im Anschluss stieg der Phon-Wert sogar noch auf

96 – es war geschafft, mich hatte das Publikum zur Kirschenkönigin

gewählt. Es folgte der große Moment, als mir meine

Vorgängerin Jennifer Fuchs den Mantel umlegte, die Krone

aufsetzte und das Zepter überreichte. Das ging so schnell –

ich kann mich kaum noch erinnern. Denn es war eine Mischung

aus Freude, Erleichterung und Blitzlichtgewitter.

Beim anschließenden Ausmarsch kamen wir nur bis zum

Zelt-Ausgang, denn es folgten noch zahlreiche Fotos und

auch Interviews.

Direkt am nächsten Morgen hatte ich meinen ersten Termin:

beim Pressefrühstück auf dem Kirschenmarkt. Und am

5. September folgte der erste offizielle Auftritt als Kirschenkönigin

auf dem Gladenbacher Weinfest. Ich hatte mich gut

vorbereitet, eine Rede geschrieben. Doch als der zweite Vorredner

mit seiner Rede fertig war, merkte ich: Alles, was ich

eigentlich sagen wollte, war bereits gesagt. Ich konnte zum

Glück improvisieren – und seit der Weinprobe sind wir

Weißweintrinker.

Es folgten zahlreiche weitere Auftritte. Irgendwann hatte ich

eine gewisse Routine – auch dank Planung und Disziplin.

Die habe ich durch meinen Sport gelernt: Schon kurz nachdem

ich laufen konnte, fing ich mit dem Turnen an – vom

Kleinkinder- und Mädchenturnen bis zum Leistungsturnen.

Hinzu kommt noch der Tanz, bei dem Disziplin ebenfalls

sehr wichtig ist.

„Ich bin hier verwurzelt. Denn Freunde und Familie

sind mir wichtig. Durch das Amt der Kirschenkönigin

habe ich mit meinem Prinz Veranstaltungen besucht,

die Leute unseres Alters normalerweise nicht erleben.

Das hat auch den Sinn für die Region geschärft.“

Daher finde ich es schade, dass es offenbar immer schwieriger

wird, Kandidatinnen für das Amt zu begeistern. Ich

kann allen nur Mut zusprechen: Man muss zwar Engagement

zeigen und Herzblut in die Sache stecken. Doch es ist

wirklich eine sehr positive Erfahrung. Außerdem gibt es

auch viel Unterstützung durch die Stadt.

Ich mag unsere Region, ich fühle mich hier wohl und kann

mir vorstellen, auch während meines Studiums, das ich plane,

hierzubleiben. Ich bin hier verwurzelt. Denn Freunde

und Familie sind mir wichtig. Durch das Amt habe ich mit

meinem Prinz Veranstaltungen besucht, die Leute unseres

Alters normalerweise nicht erleben. Das hat auch den Sinn

für die Region geschärft. Ich fühle mich hier sehr wohl und

sehe keinen Grund, hier wegzugehen. Außerdem bin ich kein

Stadtmensch.

Ein Höhepunkt war auch das Hoheitentreffen im Biebricher

Schloss mit Ministerpräsident Volker Bouffier. Gut 100 Hoheiten

kamen und wurden für ihr ehrenamtliches Engagement

gewürdigt. Es war spannend zu sehen, wie viele Hoheiten

es gibt – ob Spargel-, Erdbeer- oder Kartoffelkönigin.

Dort habe ich sogar eine weitere Kirschenkönigin kennengelernt

– aus Witzenhausen.

Aus der Zeit bleiben viele Erfahrungen und schöne Erlebnisse.

Das Amt hat Nachwirkungen, es hat ein Stück weit eine

Persönlichkeitsentwicklung stattgefunden. Ich hätte garantiert

bereut, mich nicht beworben zu haben, denn die Erlebnisse

bleiben in Erinnerung. Es war ein Jahr, das ich nie

missen möchte. Und als ich meiner Nachfolgerin auf dem

Kirschenmarkt nach ihrer Wahl dann Krone, Mantel und

Zepter überreichte, habe ich mich für sie gefreut – aber ich

war auch etwas traurig.

Der Kirschentags-Festzug ist immer ein Highlight in Gladenbach.


FRIEDRICH

BOHL

geb. 1945 in Rodorf (Göttingen) | Studium der Rechts wissenschaften in

Marburg | 1978 bis 2002 Vorsitzender des CDU-Kreisverbands |

1970 bis 1980 Mitglied im Hessischen Landtag | 1980 bis 2002 Mitglied

im Bundestag | 1991 bis 1998 Chef des Bundeskanzleramts |

1998 bis 2009 Vorstand bei der Deutschen Vermögensberatung

(DVAG), seit 2009 Aufsichtsrats-Vorsitzender der DVAG | seit

2011 Präsident der von Behring-Röntgen-Stiftung | Träger des

Großen Goldenen Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um

die Republik Österreich, des Großen Verdienstkreuzes der

Bundesrepublik Deutschland, des Großkreuzes des portugiesischen

Verdienstordens und der Alfred-Degger-Medaille in Gold

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Friedrich Bohl

LANDKREIS ERHIELT DEN

VORZUG VOR BONN

In unserem schönen heimatlichen Landkreis Marburg-

Biedenkopf fühle ich mich sehr wohl. Seit 1950 lebe ich

hier. Damals zogen meine Eltern nach Rauschenberg,

von wo aus mein Vater mit der Wohratalbahn täglich

als Landwirtschaftslehrer zu seiner Dienststelle nach Kirchhain

und zurück fuhr. 1951 wurde ich dann eingeschult in

die damalige Volksschule Rauschenberg, in der jeweils zwei

Jahrgänge in einer Klasse zusammen unterrichtet wurden.

An sich habe ich eine recht unbeschwerte Kindheit dort verbracht

– konnte man doch damals noch in der Wohra baden.

Allerdings musste ich zweimal in der Woche mit dem Bus

nach Marburg zu orthopädischen Übungen fahren, um meine

Rückgratprobleme – zusätzlich zu meinem Gipsbett, in

dem ich nachts schlief – kurieren zu können. Besonders

gerne erinnere ich mich noch an das Jahr 1954, als wir in

Kirchhain auf dem Marktplatz unsere beiden Motorradweltmeister

im Seitenwagenfahren, Wilhelm Noll und Fritz

Cron, begeistert feiern konnten. Auch die Fußball-WM im

gleichen Jahr mit dem deutschen Sieg habe ich vor dem

Fernseher im Restaurant des Hotels Ruckert, dem heutigen

Restaurant „Venezia“, in Rauschenberg erlebt: beides unvergessliche

Erlebnisse!

1955 zogen meine Eltern nach Kirchhain und ich wechselte

in das damalige Realgymnasium für Jungen in Marburg, die

heutige Martin-Luther-Schule. Die Zugfahrten hatten Lichtund

Schattenseiten: Zumindest hatte man den Vorteil, auf

der Hinfahrt seine Schulaufgaben noch komplettieren und

sich auf der Rückfahrt dem Skatspiel hingeben zu können.

In Kirchhain habe ich mich unheimlich wohlgefühlt und

insbesondere beim TSV Kirchhain in den Jugendmannschaften

des Hand- und Fußballs viel Freude und viele Freunde

gehabt. Was mir an technischen Fertigkeiten fehlte,

wurde halt mit „englischer Härte“ gut ausgeglichen.

Schon früh hat mich das politische Geschehen außerordentlich

interessiert. So haben mich die Fernsehberichte der Nie-


Das Landgrafenschloss in Marburg dominiert das Erscheinungsbild der Universitätsstadt.

„Es berührt mich immer wieder, wenn ich von meinem Büro

derschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956 ebenso

tief bewegt wie die Ereignisse, die mit dem Berliner Mauerbau

1961 einhergingen. Damit war der Weg in die Politik

fast programmiert: 1963 trat ich in die CDU ein und wurde

im gleichen Jahr Vorsitzender der Jungen Union Kirchhain.

Aus unserem Landkreis sind eine Reihe bekannter und prominenter

Politiker hervorgegangen, die zum großen Teil an

unserer Philipps-Universität studiert haben. Ich denke aus

früherer Zeit vor allem an Heinrich Schneider, Hans-Jochen

Vogel, Alfred Dregger, Egon Klepsch, Walter Wallmann,

aber auch an Gerhard Jahn und Ludwig Preiß. Auch meine

Schulklasse war politisch ganz schön „aufgemischt“. Mit

den späteren SPD-Größen Thomas Naumann und Hans-

Joachim Wölk habe ich zusammen Abitur gemacht und mir

manch hitzige politische Diskussion geliefert. Besonders

dankbar denke ich dabei an unseren verstorbenen Deutschund

Geschichtslehrer Dr. Helmut Krause, den Vater der heutigen

Uni-Präsidentin Prof. Dr. Katharina Krause, der nicht

von der Deutschen Vermögensberatung in Frankfurt zurück

nach Marburg fahre. Dann sehe ich schon von Weitem das

Marburger Schloss und weiß, dass ich nun zu Hause bin.“

nur fachlich auf der Höhe der Zeit war, sondern uns auch

Toleranz und gegenseitigen Respekt gelehrt hat.

Mein anschließendes Jurastudium von 1964 bis 1969 habe

ich in Marburg absolviert. Es waren politisch sehr stürmische

Zeiten – gerade auch an unserer Hochschule selbst –

und ich als Mitglied des Stadtparlaments mittendrin. Der

Slogan „Die rote Uni“ war zu hören.

Wohltuend davon hob sich mein Studentenjob als Steinesetzer

bei den Flurbereinigungen in Mardorf und Amöneburg

ab. Zusammen mit meinem Freund Ludwig Schick,

dem heutigen Bamberger Erzbischof, habe ich Löcher für


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Die Ruine der Franziskus-Kapelle am Marburger Pilgrimstein in unmittelbarer Nähe der Elisabethkirche

„Auch wenn es an manchen Wochenenden schon sehr

stressig war, so konnte man doch auf Grenzgang- und

Feuerwehrfesten sowie Sport- und Vereinsjubiläen,

Festzügen und vielen anderen Ereignissen sehr gut Land

und Leute kennen und schätzen lernen.“

neue Grenzsteine gebuddelt. Das ging in Mardorf wegen des

guten Bodens ganz leicht, in Amöneburg mit seinem vielen

Basalt nur mit Stemmeisen.

Unseren Landkreis habe ich in seiner ganzen Größe und

Ausdehnung, aber auch in seiner Schönheit und Vielfalt

bestens in meiner Zeit als Abgeordneter im Land und Bund

kennengelernt. Auch wenn es an manchen Wochenenden

schon sehr stressig war, so konnte man doch auf Grenzgangund

Feuerwehrfesten sowie Sport- und Vereinsjubiläen, Festzügen

und vielen anderen Ereignissen sehr gut Land und

Leute kennen und schätzen lernen. Dies war nicht nur

äußerst informativ, sondern hat mir sehr viel Verbundenheit

mit vielen Menschen geschenkt, die ich nicht mehr missen

möchte. Übrigens war das der Grund, warum wir nie nach

Bonn gezogen, sondern in unserem schönen Marburg geblieben

sind. Das hat sich ausgezahlt, auch wenn meine Frau

und ich jahrelang eine Wochenendehe geführt haben.

Unser heutiger Landkreis besteht seit der Gebietsreform in

1974 aus dem Zusammenschluss der Altkreise Marburg und

Biedenkopf sowie der früher kreisfreien Stadt Marburg.

Dankbar erinnere ich mich an die zehn „Aufbaujahre“, die

ich als CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag mit seiner

CDU/FWG-Mehrheit begleiten durfte. Es ist schön, dass auf

diesem Fundament unser Landkreis in vieler Hinsicht einfach

Spitze geworden ist!

Ich fühle mich hier einfach wohl. Es berührt mich immer

wieder, wenn ich von meinem Büro von der Deutschen Vermögensberatung

in Frankfurt zurück nach Marburg fahre.

Dann sehe ich schon von Weitem das Marburger Schloss

(das übrigens mein Dienstsitz als Präsident der von Behring-

Röntgen-Stiftung ist) und weiß, dass ich nun zu Hause bin.


FAUDI GmbH

ERFINDERGEIST IM SINNE

DES UMWELTSCHUTZES

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Das Unternehmen FAUDI wurde 1938 von Fritz

Faudi gegründet. Es beschäftigt sich seit mehr

als 75 Jahren mit dem Filtern von Flüssigkeiten

und Gasen in industriellen Prozessen. Mit innovativen

Produkten hat FAUDI in der Filtration Meilensteine

geschaffen. Der Name FAUDI steht heute als Inbegriff für

höchste Qualität. Für diese Qualität stehen das Expertenwissen

unserer Mitarbeiter, die Erfahrung aus sieben Jahrzehnten

erfolgreicher Tätigkeit und schließlich unsere Produkte,

die seit über 40 Jahren in den Anlagen unserer Kunden

zuverlässig arbeiten. Diese Zuverlässigkeit basiert auf

unserer Philosophie, in moderne Technologien zu investieren

und die Entwicklung innovativer Produkte voranzutreiben.

Fritz Faudi lag insbesondere der schonende Umgang mit

Ressourcen am Herzen. So widmet sich die „Fritz & Margot

Faudi Stiftung“ der Weiterentwicklung von Verfahrenstechniken

zur Reinhaltung von Luft, Wasser und Boden sowie

der Erforschung neuer Energiequellen. Die gasunterstützte

Rückspülung gilt als Alleinstellungsmerkmal von FAUDI.

Vollautomatische Rückspülfi lter mit regenerierbaren Mikrofi

lterelementen entlasten durch einen geringen Rückspülverlust

die Umwelt. Mit den Schnecken- und hydraulischen

Brikettierpressen von FAUDI können Unternehmen bis zu 95

Prozent Frischöl einsparen. Unternehmen wie VW, Audi,

Bosch oder auch global tätige Ölkonzerne wie etwa die brasilianische

Petrobras setzen auf die FAUDI-Filtertechnik.

Für diesen Erfi nder- und Unternehmergeist steht auch Horst

Watz. Der Diplom-Ingenieur übernahm FAUDI 2006 und

führte den Filtrationsexperten an die Weltspitze. Heute sind

über 120.000 FAUDI-Filteranlagen auf fünf Kontinenten im

Einsatz, vornehmlich in der Öl-, Gas- und Chemieindustrie,

in Raffi nerien, Stahlwerken und Kraftwerken sowie in der

Automobil- und metallverarbeitenden Industrie.

Die FAUDI beschäftigt ca. 100 Mitarbeiter – ein leistungsfähiges,

hoch qualifi ziertes Team von Ingenieuren, Kaufl euten,

Konstrukteuren, Monteuren und Schweißern, das FAUDI in

die Lage versetzt, jede gewünschte Leistung nach länderund

kundenspezifi schen Regelwerken und Vorschriften zu

erbringen. Bereits in der Ausbildung wird viel Wert auf innovatives

Denken gelegt. Wer bei FAUDI eine Ausbildung oder

ein Duales Studium absolviert, lernt ihn vom ersten Tag an

kennen – den Erfi ndergeist, der FAUDI zu einem Global

Player gemacht hat.

Mit einem solchen FAUDI-

Modulfilter inklusive

Rückspülung entlasten

Raffinerien die Umwelt.

Kontakt

FAUDI GmbH

Faudi-Straße 1

35260 Stadtallendorf

www.faudi.de


DR. GIUSEPPE

F A U S S O N E

geb. 1925, verheiratet, drei Kinder |

1951 bis 1954 Maschinenbaustudium

in Turin | 1954 Eintritt bei

Ferrero in Alba (Italien) | 1956

Aufbau des Werks in Stadtallendorf,

Werksleiter bis 1992 | 2013

Verleihung des „Kreislöwen“, einer

selten verliehenen Auszeichnung

für Menschen, die sich besonders

für den Landkreis engagiert haben |

2014 Verleihung der Ehrennadel

der Stadt Stadtallendorf

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Dr. Giuseppe Faussone

SCHOKO-PIONIER FAND SEINE

HEIMAT IM LANDKREIS

Als ich 1956 aus Italien in den Landkreis kam, um

ein Werk für Ferrero aufzubauen, konnte ich

kaum absehen, dass ich hier meine Heimat finden

würde. Und dass das Werk in Stadtallendorf gegründet

wurde, war letztlich nur ein Zufall. Zu dieser Zeit

war Ferrero lediglich in Italien ein Begriff. Für Inhaber

Michele Ferrero war klar: Er wollte nach Deutschland expandieren.

Deutschland war für seine Maschinen für Süßwarenfabriken

bekannt. Ferrero kam jedes Jahr mit einem Dolmetscher

nach Deutschland, um nach Maschinen zu schauen.

Eigentlich wollte Michele Ferrero einen Standort in München.

Denn in den 50er-Jahren war Deutschland für Italiener

München. Doch ein Berater empfahl uns Frankfurt –

aufgrund der Lage inmitten von Europa, mit einem großen

Flughafen. Also fuhren Michele Ferrero und ich mit dem

Zug von Turin nach Frankfurt, um eine kleine Halle zu mieten.

Der Plan war, zunächst kleine Artikel herzustellen, um

zu testen, wie die Deutschen auf unsere Produkte reagieren.

Doch eine Halle gab es in Frankfurt nicht – zu groß war

noch die Zerstörung nach dem Krieg.

Uns wurde vorgeschlagen, nach Allendorf – damals noch ohne

den Zusatz „Stadt“ – zu gehen. Denn dort hatte es unter

anderem die Munitions- und Sprengstofffabriken gegeben –

es war also jede Menge Fläche vorhanden. Dazu wurde uns

ein Mitarbeiter der Aufbaugesellschaft Allendorf zur Seite

gestellt. Als wir durch das Gebiet fuhren, sahen wir zunächst

nur die riesigen Bunker mit den Bäumen auf den Dächern. Es

war nichts Passendes dabei – bis wir am Ende der Schleife an

einer Halle vorbeifuhren, in deren großen Fenstern Buchstaben

klebten. Mein Chef wollte wissen, was die Buchstaben

bedeuteten – dort stand „zu vermieten“, wir hatten unsere

Halle gefunden.

Wenige Monate später brach ich mit drei Mitarbeitern nach

Stadtallendorf auf. Kurz zuvor hatte ich meine Frau Marisa

geheiratet, doch es hieß zunächst Abschied nehmen. Angst


hatte ich keine: Ich war jung und freute mich auf die Aufgabe.

Und schließlich war es eine große Ehre für mich, die

neue Fabrik im Ausland aufzubauen. Noch dazu, wo ich erst

seit zwei Jahren im Werk in Alba arbeitete. Michele Ferrero

hatte großes Vertrauen in mich.

Wir bereiteten die Halle vor, und im Januar 1957 begannen

wir mit der Produktion. Das Werk hieß zunächst „Süßwarenherstellung

GmbH“, dann „Assia“ – das italienische

Wort für Hessen. Die ersten zwei Jahre waren allerdings ein

Flop, denn wir haben viele kleine Artikel produziert – aber

sie kamen bei den Deutschen nicht an. Eine Crème mit

Milch, Butter und Kakaopulver war dabei – der Vorläufer

von Nutella. Auch einen Vorgänger von Hanuta produzierten

wir. Auf der Waffel war ein Bild mit Jagdmotiven zu sehen.

Vor allem die Kinder aber hatten gehofft, es gäbe jeden

Tag ein neues Motiv. Doch schon nach einer Woche wiederholten

sich die Bilder.

„Und der Durchbruch in Deutschland kam schließlich

mit Mon Chéri. Das war eine Rakete.“

hat in der Anfangszeit in einer Feldküche Pasta für unsere

ersten Assia-Mitarbeiter gekocht. Später gab sie dann viele

Jahre lang Italienisch-Kurse an der Volkshochschule. Und

auch als Schriftstellerin hat sie sich einen Namen gemacht.

Seit fast 40 Jahren wohnen wir nun in Marburg. Anfangs

blieben wir in Stadtallendorf, damit ich notfalls schnell im

Werk sein konnte. Dann kauften wir das Haus am Ortenberg.

Es ist einfach schön hier – das ist unsere Heimat. Unsere

drei Kinder sind hier geboren, gingen in Amöneburg zur

Schule, haben in Deutschland studiert und arbeiten hier.

Wichtig ist uns beiden auch die Musik. Ich habe beispielsweise

als Organist ausgeholfen, in Marburg bei St. Peter und

Paul und zugleich in Wehrda und in Cölbe. Auch heute spiele

ich noch gerne. Wegen der Musik reisten wir auch quer

durch Deutschland. Ich erinnere mich noch an Karajan in

Kassel. Ein Höhepunkt waren immer die Wagner-Festspiele

in Bayreuth. Auch der Landkreis hat musikalisch viel zu bieten.

Marisa singt heute noch in zwei Marburger Chören, wir

haben ein Abonnement des Musikvereins und freuen uns jedes

Jahr auf die Eckelshausener Musiktage – und auf die

neue Stadthalle in Marburg.

Michele Ferrero hatte aber die Weitsicht, dennoch am Deutschen

Markt festzuhalten. Und der Durchbruch in Deutschland

kam schließlich mit Mon Chéri. Das war eine Rakete.

Mon Chéri wurde bereits in Italien produziert. Zu einer Besprechung

in Frankfurt hatte jemand eine Schachtel vor dem

Konferenzsaal auf den Tisch gestellt. Und als die Konferenz

zu Ende war, war die Schachtel leer. Also haben wir die

Pralinen in Stadtallendorf als Einzelstücke hergestellt. Denn

die Leute hatten kein Geld, um sich eine ganze Schachtel

Pralinen zu leisten. Aber Mon Chéri kosteten nur ein paar

Pfennige – jeder konnte sie kaufen, und so wurden sie sehr

schnell bekannt.

Nach und nach wuchs das Werk, wir fanden aber nur sehr

schwer Mitarbeiter. Also haben wir Frauen aus Italien nach

Stadtallendorf geholt, die bei uns im Werk gearbeitet haben

und in der Anfangszeit bei Privatleuten in Amöneburg unterkamen.

Heute arbeiten mehr als 5.000 Menschen aus 50 Nationen

bei Ferrero in Stadtallendorf.

36 Jahre lang habe ich als Werksleiter gearbeitet und bin

Ferrero auch nach meiner Pensionierung in 1992 treu geblieben.

Ich arbeitete noch sechs Jahre lang als Berater und bin

jede Woche nach Turin geflogen, häufig auch nach Südamerika,

um dort beim Aufbau von Werken zu helfen.

Heimweh nach Italien hatte ich nie. Die Arbeit hat mich so

begeistert, ich wollte nicht mehr weg. Für meine Frau, die

erst 1957 wieder zu mir kam, war es anfangs schwieriger. Sie

Von links: Michele Ferrero, seine Mutter Piera Cillario Ferrero und seine Ehefrau

Maria Franca bei einer Werksbesichtigung in Stadtallendorf im Jahr 1968


EBERHARD

FLAMMER

geb. 1953 in Heilbronn | 1972 bis 1974 Ausbildung zum Bankkaufmann

| 1974 bis 1978 Studium der Betriebswirtschafts lehre

in München | 1979 KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

in München | seit 1983 geschäftsführender

Gesellschafter der Firma Elkamet Kunststofftechnik

GmbH in Biedenkopf | seit 1990 Mitglied der Vollversammlung

der Industrie- und Handelskammer

Lahn-Dill | 2002 bis 2014 Vorsitzender des Industrieausschusses

| seit 2014 Präsident der Industrie- und

Handelskammer Lahn-Dill | seit 2010 Mitglied des

Vorstands des Competence Center Duale Hochschulstudien

(StudiumPlus ® )

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Diplom-Kaufmann Eberhard Flammer

KEINE ANGST UM DIE

ZUKUNFT DER REGION

Was die Region auszeichnet, ist das einzigartige

Landschaftsbild mit seinen Hügeln und

Wäldern, den unzähligen Schattierungen von

Grün im Frühjahr und dem berückenden

Farbenspiel im Herbst. Das hat mich schon als Kind beeindruckt,

wenn ich meinen Vater mit nach Biedenkopf zu der

Firma begleiten durfte, die ich dann nach seinem frühen Tod

schon mit 30 Jahren übernahm. Ich erinnere mich gut an

diesen Septembermorgen im Jahr 1983, als ich in Biedenkopf

aus dem Auto stieg, mit einer ordentlichen Portion

Tatendrang, Neugierde, aber auch Skepsis im Reisegepäck.

Das Handwerkzeug aus Ausbildung, Studium und den ersten

Schritten im Beruf hat mir bei meinem Start sehr geholfen.

Eine noch viel größere Hilfe aber waren die Menschen

um mich herum: Mitarbeiter und Mentoren, Familie und

Weggefährten. Im hessischen Hinterland, das war mir

schnell klar, trifft man sich nie nur einmal oder zweimal –

sondern ist über viele unterschiedliche Bezüge und Zusam-

menhänge miteinander verbunden, begegnet sich auf verschiedenen

Ebenen zu wechselnden Anlässen. Das schafft

ein besonderes Geflecht, das sich durch Verbindlichkeit und

Verlässlichkeit auszeichnet und dessen Wert sich insbesondere

dann erweist, wenn es sich bei Belastungsproben bewährt.

Je mehr Menschen hier leben, sich qualifizieren und sich in

die Gesellschaft einbringen, desto besser steht es um unternehmerisches

Handeln, berufliche Perspektiven, persönliche

Weiterentwicklung oder privates Wohlergehen für alle. Für

mich als Unternehmer bedeutet das von Anfang an, dass die

Investition in die Leute die wertvollste Investition in die

Zukunft ist. Heute, in Zeiten des bereits schmerzhaft spürbaren

Fachkräftemangels, ist das eine oft gehörte Selbstverständlichkeit.

Aber es ist noch nicht lange her, dass Aus- und

Weiterbildung eher als lästige Pflicht denn als wertvollste

Zukunftsvorsorge für jeden Wirtschaftsbetrieb angesehen

wurden.


Die Gemeinde Breidenbach im Hinterland bietet Wohn- und Arbeitsplätze in schöner Umgebung.

„Je­mehr­Menschen­hier­leben,­sich­qualifizierenund

sich in die Gesellschaft einbringen, desto besser

steht­es­um­unternehmerisches­Handeln,­berufliche­

Perspektiven, persönliche Weiterentwicklung oder

privates Wohlergehen für alle.“

Mit der dualen Berufsausbildung haben wir in Deutschland

ein weltweit einzigartiges Qualifizierungsmodell, das unbestritten

ein wesentlicher Erfolgsfaktor unserer Wirtschaft

ist. Um unsere „Ausbildung made in Germany“ und die

großartigen Fachkräfte, die daraus hervorgehen, beneiden

uns viele Volkswirtschaften. Der deutsche Mittelstand als

starkes Rückgrat unseres Gemeinwesens ist doch überhaupt

nur denkbar durch das enge Zusammenspiel von betrieblicher

Praxis und schulischer Wissensvermittlung.

Ich bin wirklich froh und sehr dankbar, dass viele Menschen

sich für die ständige Weiterentwicklung dieses Systems engagieren:

die Ausbilderinnen und Ausbilder in den Betrieben,

die Lehrkräfte in den Beruflichen Schulen, die ehrenamtlich

Aktiven in den Berufsbildungs- und Prüfungsausschüssen

unserer Industrie- und Handelskammern sowie der Handwerkskammern.

Das Erfolgsmodell der dualen Ausbildung schreiben

wir hier nicht weniger erfolgreich fort durch das duale

„StudiumPlus ® “. Unter diesem Begriff werden die dualen

Studiengänge der Technischen Hochschule Mittelhessen

(THM) zusammen gefasst: Die Partnerunternehmen entsenden

ihre Studenten an die Hochschule. Vorlesungsphasen an

der Uni und Praxisphasen im Betrieb wechseln sich ab. Hinter

diesem dualen Konzept stehen neben der THM das

„Competence Center Duale Hochschulstudien“ (CCD), in

dem knapp 600 Unternehmen zusammengeschlossen sind,

sowie die Indus trie- und Handelskammern in Mittelhessen

unter der Federführung der IHK Lahn-Dill.

Zum Wintersemester 2012/2013 wurde nicht zuletzt dank

der großen Unterstützung des Landkreises Marburg-Biedenkopf

und der umliegenden Kommunen die „StudiumPlus“-

Außenstelle in Biedenkopf eröffnet, wo angehende Ingenieure

und Betriebswirte in mittlerweile vier verschiedenen

Studiengängen das nötige Rüstzeug bekommen – eine

großartige Gemeinschaftsleistung von Wirtschaft, Wissenschaft

und Politik, die hier durch die mittlerweile rund 55

Studierenden und bereits zwei Absolventenjahrgänge erfahrbar

wird.

Der Hochschulstandort Biedenkopf mit dem dualen Angebot

ist die Antwort der Region auf die demografische Herausforderung:

Wir jammern nicht über den Fachkräftemangel, sondern

halten die Potenziale in der Region und bilden unsere

Fachkräfte vor Ort aus. Zugleich muss das duale Studium in

Biedenkopf in seiner Qualität keinen Vergleich scheuen. Wenn

ich mir den wachsenden Wissenschafts- und Wirtschaftscampus

in direkter Nachbarschaft der Beruflichen Schulen in Biedenkopf

anschaue, dieses klare Bekenntnis zu Bildung und

Qualifizierung in und für die Region – dann ist mir um die

Zukunft unseres Landstrichs kein bisschen bange.


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BECKER GmbH CAD·CAM·CAST

KOMPETENZ IN

TECHNIK UND EFFIZIENZ

Eigentlich war alles ganz anders gedacht. Michael

Becker wollte CAD/CAM-Dienstleistungen für die

Modell- und Formenbauer hier im Hinterland anbieten.

Stattdessen hat sich das Unternehmen als kompetenter

und zuverlässiger Partner für die weltweite Automobilindustrie

etabliert und beschäftigt heute insgesamt 55

Mitarbeiter. Die BECKER GmbH CAD·CAM·CAST aus

Quotshausen produziert qualitativ hochwertige Gussteile für

Kunden aus der Automobilindustrie, dem Motorsport sowie

für Motorenentwickler. „Unsere Kernkompetenzen sind Engineering,

Rapid Prototyping und Kleinserienfertigung von

Gussteilen“, erklärt Geschäftsführer Michael Becker. 1991

begann alles mit einem kleinen CAD/CAM-Büro. Bereits drei

Jahre später wurde ein Engineering-Büro in Detroit eröffnet.

Ende der 1990er-Jahre erweiterte das Unternehmen sein Portfolio

und begann mit der Fertigung von Prototypen-Gussteilen.

Stetig investierte BECKER in modernste Technologien

und die Erweiterung der Fertigungskapazität bis hin zur Kleinserie.

„Wachsen die Anforderungen, wächst unser modulares

Produktionskonzept mit“, sagt Becker.

Alles aus einer Hand lautet das Unternehmensmotto. „Vom

Engineering bis zum fertigen Gussteil stehen wir in der Verantwortung“,

erklärt der Geschäftsführer. Dank des umfassenden

Know-hows und der langjährigen Erfahrung der Mitarbeiter

kann BECKER eine durchgängig hohe Qualität und

Prozesssicherheit gewährleisten. Beim Thema Qualität kennt

BECKER keine Kompromisse. Umfangreiche Qualitätskontrollen

während des gesamten Produktionsprozesses erfüllen

diese Vorgabe auf hohem Niveau.

BECKER-Gussteile werden ausschließlich im Niederdruck-

Sandguss-Verfahren hergestellt: die turbulenzarme Formfüllung,

eine exakte Wiederholbarkeit sowie ein regelbarer

Speisungsdruck sorgen für exzellente Gussqualität und für

beste mechanische Eigenschaften.

Für eine schnelle und zerstörungsfreie Prüfung der Gussteile

auf „innere Werte“ verfügt das Unternehmen über eigene

Computertomographen. Die Vermessung der Gussteile erfolgt

über eine CNC gesteuerte Messmaschine, mehrachsige Mess-


Die Computertomographie bietet eine schnelle und zerstörungsfreie Werkstoffprüfung.

arme oder Scanner. Um die mechanischen Eigenschaften zu

prüfen, steht neben Härtemessgeräten auch eine Zugprüfmaschine

zur Verfügung.

Die Grundlage für einen erfolgreichen Herstellungsprozess

wird bereits im Engineering gelegt. Hier setzt BECKER auf

komplette 3D-CAD-Datenmodelle für die Geometrie von

Gussteilen, Kernpaketen und Werkzeugen. Der Vorteil: Mit

diesen Datenmodellen und einer speziellen Datenkontrolle

kann BECKER konstruktive Fehler frühzeitig erkennen und

eliminieren. Sollten solche Fehler erst bei der Fertigbearbeitung

des Gussteils oder sogar erst auf dem Motorenprüfstand

auffallen, führen sie unweigerlich zu erheblichen Kosten und

großen Zeitverlusten. Zusätzlich druckt BECKER die 3D-

Datenmodelle als maßstabsgetreue „begreifbare“ 3D-Modelle

aus. Vor der Werkzeugfertigung und dem ersten Guss werden

mittels Computersimulation wichtige Gießparameter festgelegt.

Die Formfüll- und Erstarrungssimulation als auch die

Berechnung der Eigenspannungen vermeiden Fehler und ersparen

sehr viel Zeit und Geld.

Die Kombination von Qualität und Effi zienz gelingt

BECKER auch beim Umweltschutz. Das Unternehmen hat in

den letzten Jahren großzügig in modernste Absaugungs- und

Filteranlagen investiert. Außerdem setzt BECKER in einem

Teilbereich der Produktion ein Anorganik-Bindersystem ein,

das neben Umweltaspekten auch wirtschaftliche Vorteile

bringt.

Dank des umfassenden Know-hows und der langjährigen

Erfahrung der Mitarbeiter kann BECKER eine durchgängig

hohe Qualität und Prozesssicherheit gewährleisten.

BECKER setzt alles daran, dass seine Kunden erfolgreich sind.

Unter anderem in Rennserien wie der WEC, WRC, Nascar,

DTM, Formel 1 oder der WRX, wurde BECKERs umfassende

Kompetenz schon vielfach unter Beweis gestellt. So viel Kompetenz

und Qualität bleibt natürlich nicht lange im Verborgenen.

2013 wurde BECKER mit dem Volkswagen Group

Award ausgezeichnet. „Ihre Technologie ist äußerst fl exibel,

insbesondere über die komplette Entwicklungszeit des Porsche

918 Spyder haben Sie sich als kompetenter und überaus zuverlässiger

Partner erwiesen“, lobt der Automobilkonzern das Unternehmen

aus Quotshausen – ein weiterer Erfolg, auf den das

BECKER-Team stolz sein kann. Mit weiteren Innovationen

wird BECKER seine Kompetenzen ausbauen. Ab 2017 stehen

Selective Laser Melting Maschinen zur Verfügung, die im

Schichtbauverfahren komplexe Metallteile fertigen.

Kontakt

BECKER GmbH CAD·CAM·CAST

Brückenstraße 19

35239 Steffenberg-Quotshausen

www.beckerccc.com


In den Modehäusern bietet Begro eine umfangreiche Auswahl an Bekleidung.

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Begro R. Krug GmbH

VOM GEMISCHTWARENLADEN

ZUM MODEHAUS

Das Kaufmännische lag Robert Krug schon früh

im Blut. Nicht selten brachte er der Mutter auf

dem Heimweg von seinem damaligen Arbeitsort

Frankfurt frisches Obst aus der Wetterau mit,

um es im heimischen Lebensmittelgeschäft in Kleingladenbach

zu verkaufen. Doch selbst ein so umtriebiger Geschäftsmann

wie Krug konnte 1965, als er mit nur 28 Jahren

ein Kolonialwarengeschäft in Wiesenbach eröffnete, nicht

erahnen, dass daraus eine Unternehmensgruppe mit über

450 Mitarbeitern entsteht, die mit einer Gesamtverkaufsfl

äche von 13.000 Quadratmetern zu den führenden Modeunternehmen

in der Region zählt.

Ende der 1960er-Jahre herrschte Aufbruchsstimmung und

die ersten Geschäfte begannen zu expandieren – so auch

Krug. 1969 übernahm er in Wolzhausen nahe Breidenbach

den Großhändler Heppner. 1971 übergab die Familie

Hackenberg ihren Großhandel aus Altersgründen an Krug.

Dabei lernte er seine spätere Ehefrau Renate kennen, die für

ihn zukünftig den Einkauf übernahm. 1976 begann Krug in

Breidenbach zu bauen. Mit der neu gegründeten Top-Kauf

wurden nun erstmalig in Breidenbach großfl ächig Textilien

und Lebensmittel angeboten.

Durch die steigende Mobilität der Konsumenten Ende der

1970er-Jahre sank jedoch die Zahl der kleinen Regionalanbieter

in den Dörfern, wohingegen die Verkaufsfl ächen

größer wurden. Diese Veränderung entging auch dem Unternehmerpaar

nicht und als im Jahr 1982 im Gewerbegebiet

Marburg-Wehrda eine Fläche zum Verkauf stand, ergriffen

die Krugs die Chance und eröffneten auf einer für damalige

Verhältnisse großen Fläche von 3.000 Quadratmetern einen

Bekleidungsgroßhandel. Auch der Firmenname war schnell

gefunden: Aus „Bekleidung“ und „Großhandel“ wurde das

noch heute im Kaufpark ansässige Modehaus Begro, das

neben Modebekleidung auch Sportartikel sowie Spiel- und

Schreibwaren führte.


Bei Intersport Begro gibt es alles, was das Sportlerherz begehrt.

Firmengründer Robert Krug (3. v. l.) inmitten seiner Familie: Sohn Markus

mit Ehefrau Jasmin und Krugs Frau Renate mit Enkelin Lina Marie

In den 1980ern traten im Lebensmitteleinzelhandel und

Modebereich die Discounter verstärkt in den Wettbewerb.

Zudem suchte der Konsument nach einer immer breiteren

Auswahl. Doch die Krugs waren vorbereitet, denn mit dem

1976 etablierten Geschäftsmodell hatte man bereits ein

Handelskonzept entwickelt, das nun in die Filialisierung

gehen konnte. Unter dem Namen Krug wurde Mitte der

1990er der Filialstamm auf fünf Modehäuser im Umkreis

von 30 Kilometer um Breidenbach ausgebaut. Im Großhandelsformat

sah das Unternehmerpaar indes auf lange Sicht

keine Chancen und baute die Begro Anfang der 1990er zu

einem Groß- und Einzelhandel um.

1996 legten die Krugs den Grundstein für die Erweiterung im

Sportbereich: Sie gingen dazu über, Sortimente zu spezialisieren.

Die Fachmärkte traten ihren Siegeszug beim Konsumenten

an. Im Kaufpark Marburg-Wehrda bot sich zu diesem

Zeitpunkt eine weitere Fläche für ein solches Konzept an.

Aufgrund der bereits vorhandenen Affi nität zum Sport –

Robert Krug war selbst lange als erfolgreicher Fußballer aktiv

– wurde der Sportbereich aus dem Haupthaus Begro ausgegliedert

und in ein Fachmarktkonzept überführt. Zu diesem

Zweck trat man dem größten Einkaufsverbund im Sportbereich,

der Intersport Deutschland, bei. Seitdem baut sich der

Handelsbereich der Krug Unternehmensgruppe auf drei

Säulen auf: Krug Mode mit vier Filialen in Biedenkopf und

Mit­über­450­Mitarbeitern­und­einer­Gesamtverkaufsfl­ächevon

13.000 Quadratmetern gehört die Firmengruppe Begro

R. Krug GmbH und R. Krug GmbH & Co. KG zu den führenden

Modeunternehmen in der Region.

Umgebung, Begro Mode als prägendes Haus in der Region

Marburg, das auf mittlerweile 6.000 Quadratmeter angewachsen

ist, sowie Intersport Begro mit ebenfalls vier Filialen

in Marburg, Gießen und Schmallenberg sowie zwei in den

Krug-Häusern Biedenkopf und Bad Berleburg integrierten

Sportabteilungen. 2002 zog sich Robert Krug zurück und

überließ die Geschäftsführung vollständig seiner Frau Renate

und seinem Sohn Markus. Der Firmengründer steht ihnen

heute noch beratend zur Seite. Durch regelmäßige Erweiterungen

und Umbauten gelingt es der Unternehmensgruppe, den

stetig verändernden Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.

Kontakt

Begro R. Krug GmbH

Industriestraße 5

35041 Marburg

www.begro-mode.de


FLORIAN

GÄRTNER

geb. 1968 in Korbach | ledig | aufgewachsen in

Marburg und London | 1987 Abitur am Gymnasium

Philippinum | 1988 bis 1995 Studium

der Anglistik und Medienwissenschaften

in Marburg und Berlin | Super-8-Autodidakt

| in den 90ern drei Filme für die

Redaktion „Das Kleine Fernsehspiel“ des

ZDF, daneben Arbeit als Schauspieler,

Cutter und Regieassistent | seit 1995

freier Autor und Regisseur | Mitgründer

des 1991 gegründeten Berliner Grundtheaters |

1999 Auszeichnung des Films „Drachenland“ mit

dem Max Ophüls Preis

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Florian Gärtner

AUFBRUCH UND

GEBORGENHEIT

Als ich Marburg mit 21 Jahren Richtung Berlin

verließ, hatte ich fast meine gesamten Kindheits-

und Jugendjahre in Marburg und Umgebung

verbracht, mit einer wichtigen Unterbrechung:

In den Siebzigern lebten wir vier Jahre lang in London,

wo mein Vater als Dozent am Kings College arbeitete.

Als ich acht Jahre war, zogen wir dann aus der Londoner

Vorstadt in das kleine Dorf Marburg-Moischt. Der Kontrast

zwischen dem Leben in der Londoner Vorstadt, wo

mein kompletter Freundeskreis einen Migrationshintergrund

hatte, und dem dörflichen Leben umgeben von Bauernhöfen

und den Kindern von Landwirten war extrem

und prägt mein Empfinden von Identität und Heimat noch

heute.

Mit dem Landkreis verbinde ich viele Erinnerungen an

Natur: an die Streifzüge mit Freunden durch die Wälder

zwischen Marburg und Moischt, an den „Stempel”, einen

Grillplatz in einem alten Krater dort, den ich in meiner

Phantasie in eine druidische Kultstätte verwandelte, oder

an Fahrrad- und Zelttouren mit Freunden entlang der Lahn

Richtung Gießen und Biedenkopf.

Dass eine Stadt dieser Größe damals ganze acht Kinosäle

zu bieten hatte, wusste ich sehr zu schätzen. Wichtig war

für mich immer das „Sommerfestival” im Capitol-Kino, wo

zwei Monate lang jeden Tag ein anderer Filmklassiker gezeigt

wurde. Die kulturelle Vielfalt der Stadt habe ich dann

als Student zu schätzen gelernt. Ich war noch nicht bereit,

Marburg zu verlassen, und studierte vier Semester dort an

der Uni. So hässlich und ungemütlich die Türme der „Phil-

Fak”, der philologischen Fakultät, auch waren, habe ich die

Überschaubarkeit der Uni später in Berlin sehr vermisst.

Ich sagte mir manchmal, in Marburg hätte ich mein Studi-


Die Größe der Stadt und die kulturelle Vernetzung dort

war für mich entscheidend für meinen beruflichen Werdegang

als Filmemacher. In Berlin hätten wenig Leute von einem

Super-8-Amateurfilmer Notiz genommen, aber in

Marburg konnte ich mit meinen eigenproduzierten Filmen

Säle füllen und wurde von der Oberhessischen Presse als

„Hitchcock von Marburg” tituliert. Mein Film „Zeichen

und Wunder”, eine Dreiecksgeschichte unter Studenten,

war sogar ein kleiner Hit, spielte das Doppelte seines Budgets

ein und verschaffte mir den Kontakt zu einer Redakteurin

beim ZDF, die selber in Marburg studiert hatte und

noch für eine Anzeigenzeitung Filmkritiken schrieb.

1995 kehrte ich für meinen zweiten ZDF-Film nach Marburg

zurück. Ich wollte einen Film mit und über Jugendliche

machen und suchte nach einer Möglichkeit, meine Haltung

zu der Stadt und der Gegend in Bilder zu fassen. Der

Film beginnt mit dem Blick eines Jugendlichen von der

Mauer des Schlosses herab auf die Stadt im Morgengrauen.

Eine Situation, die ich als Jugendlicher und junger Erwachsener

häufig erlebt hatte: ein Zwischenstopp auf dem Weg

nach Hause nach einer durchgemachten Nacht (ich wohnte

in Wehrs hausen). Der Sonnenaufgang am Schlossberg gibt

„Dies ist meine Heimat, und sie ist ein Teil von

mir, ob ich will oder nicht.“

31

Herbststimmung am Hörsaalgebäude der Universität Marburg

um abgeschlossen. Ich spielte Theater in der Englischen

Theatergruppe, genoss die Musikszene im Kulturladen

KFZ, arbeitete im studentischen Filmclub, machte erste

Gehversuche in der überschaubaren, aber doch lebendigen

Schwulenszene und setzte vor allem meine Filmarbeit, die

ich bereits in der Schule begonnen hatte, fort.

dir eine Distanz zur Welt, eine Möglichkeit der ruhigen

Introspek tion. In dem Film selber werden fünf Episoden

um Jugendliche zwischen Anpassung und Aufbruch erzählt.

Wie ich kamen auch die Figuren in den Geschichten

nicht so einfach von der Stadt los. In der letzten Episode

bricht eine Gruppe von Freunden nachts spontan nach England

auf – in einem klapprigen VW-Bus, der aber kurz vor

Caldern wegen eines Ölschadens liegenbleibt. Eine zufällig

vorbeikommende Bekannte hilft ihnen mit etwas Öl aus –

mit dem kommen sie gerade zurück nach Marburg, um an

der Autobahntank stelle aufzutanken. Im letzten Bild des

Films schreitet die jugendliche Hauptfigur von der Tankstelle

weg und wir blicken mit ihr auf das Stadtpanorama

in der Morgendämmerung. Eine Klammer zum Bild am

Anfang: Dies ist meine Heimat, und sie ist ein Teil von mir,

ob ich will oder nicht.

Ich bin heute vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr in der

Stadt, weil meine Eltern dort wohnen. Da die Stadt fast in

der geografischen Mitte Deutschlands liegt, ist sie ein praktischer

Treffpunkt für die Familienmitglieder. In der Stadt

selber fühle ich mich zunehmend fremd. Vieles hat sich verändert,

ist umgebaut, wirkt sehr touristisch, viele Nippes-

Läden. Was ich emotional spüre ist eine Verbindung zu der

Landschaft: das leichte Mittelgebirge, die sanften Hügel

und Täler durchzogen von kleinen Flüssen. Diese Landschaft

vermittelt mir ein Gefühl von Heimat.


ANNEMARIE

GOTTFRIED

geb. 1924 in Bad Schwalbach, verheiratet mit dem Musiker und Musikwissenschaftler

Heinz Gottfried | Ausbildung zur Kranken- und Säuglingsschwester |

während des Zweiten Weltkriegs als Schwester in Mainz, Düsseldorf,

München und Vilnius tätig | 1945 Aufbau einer Puppenwerkstatt |

ab 1949 Veranstaltung zahlreicher Hauskonzerte in Biedenkopf |

1950 Erweiterung der Werkstatt zu einer Firma für Werbepuppen |

1951 bis 1953 künstlerische Weiterbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie

| 1970 Kauf und Sanierung des Schartenhofs in Eckelshausen |

1986 Gründung der Eckelshausener Musiktage | 1997 Gründung des

Marionettentheaters Schartenhof | Auszeichnungen: 1990 Otto-

Ubbelohde-Preis, 2003 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 2013 Kreislöwe des

Landkreises

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Annemarie Gottfried

DER SCHARTENHOF WAR

DIE KEIMZELLE DER KULTUR

Meine erste Begegnung mit dem ländlichen Leben

im Landkreis hatte ich als Kind, während

ich meinen Vater, Kreistierarzt Dr. Karl

Frost, auf seinen Praxisfahrten begleitete. Ich

lernte viele bäuerliche Betriebe kennen, schätzte das einfache

Leben und auch die Herzlichkeit der so hart arbeitenden Bevölkerung.

Dank unserer Haushaltshilfen, die aus Engelbach

und Eifa stammten, wuchs ich mit meinen beiden Brüdern

im Umfeld landwirtschaftlicher Aktivität auf, genoss es, mit

auf den Acker zu gehen, zu pflanzen und zu ernten, den Duft

des frisch geschnittenen Grases zu inhalieren oder im Herbst

ein dunkles Schwarzbrot mit Zwetschenmus zu essen.

Es war eine kurze, aber sehr einprägsame Zeit, die vermutlich

dazu beitrug, dass ich nach dem Krieg und nach meinen

beruflichen Aufenthalten in Düsseldorf, Mainz, München

und Vilnius in Litauen meine Zelte wieder in der Region

aufschlug. Während amerikanische Soldaten noch mein

Elternhaus in Biedenkopf besetzt hielten, begann ich, aus

Nesselresten und Sägemehl Spielpuppen anzufertigen, die im

Tausch gegen Lebensmittel ein wenig zum Überleben verhalfen.

Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass sich daraus

eine Werkstatt mit vielen Heimarbeitern entwickeln würde,

dass meine Fähigkeit, alles in die natürliche, figürliche Proportion

umzusetzen, der Anfang einer Firma war, die zu den

ersten in Deutschland gehörte, die für die Produktion von

Werbepuppen verantwortlich zeichnete. Millionen „Maskottchen“

wurden in Formen in Kautschuk gegossen, bemalt,

etikettiert und in Handarbeit hergestellt. Sie warben

für die Auto- und Pharmaindustrie, für Bekleidung, Lebensmittel

und den aufkommenden Tourismus.

Das Werbeatelier rekrutierte von Düsseldorf aus die Großaufträge,

die Produktionsstätte war in Biedenkopf. Leider

war der Standort für einen Ausbau nicht geeignet, das

bedeutete eine Zäsur in der weiteren Planung.

Durch meine Verbindung zur Düsseldorfer Akademie der

Kunst und durch den Austausch mit verschiedenen Musik-


hochschulen Deutschlands über die musikwissenschaftliche

Arbeit meines Mannes veranstalteten wir parallel Konzerte

und Ausstellungen im eigenen Haus. Viele Künstler, die ihre

Heimat im Krieg verloren hatten, fanden Unterschlupf in

Biedenkopf. Gemeinsam bauten wir einen Freundeskreis auf,

der neben der existenziellen Herausforderung den künstlerischen

Dialog suchte. So bin ich seit 1950 engstens mit dem

kulturellen Engagement in der Region verbunden.

1970 ergab sich die Chance, den von mir schon lange geschätzten

Schartenhof in Eckelshausen zu erwerben. Dieses

bäuerliche Anwesen, etwa 1690 erbaut, eröffnete mir die

Vision, dort einen Platz für bildende Kunst, Literatur und

Musik anzusiedeln. Einerseits bot mir der Schartenhof eine

Heimat, die stark mit meinen Kindheitserinnerungen verbunden

war, andererseits erschienen mir seine Gebäude als

wunderbare Raumspender für kreative Arbeit und Kultur.

Das Anwesen zu sanieren, war harte Arbeit. 1975 fanden

dort erste Lesungen, Ausstellungen und Kammermusikabende

statt. In Marburg-Biedenkopf entfaltete sich eine neue

Keimzelle der Kultur, anfangs noch mit Skepsis beobachtet,

später aber das Zentrum, in dem die Eckelshausener Musiktage

aus der Taufe gehoben wurden. 2016 feierten sie ihren

30. Geburtstag, zahlreiche Spielorte tragen mit hochkarätigen

Interpreten und Konzerten zu einem regen Kulturtourismus

bei. In der wunderschönen Räumlichkeit der Wetteraner

Stiftskirche erklangen u. a. die phantastischen Stimmen

der Wiener Sängerknaben, der Augsburger Domsingknaben

und des lettischen Chores Latvia unter der Leitung von Maris

Sirmaris oder auch Weltstars wie der Violonist Gidon

Kremer und Cellist Julius Berger sind nur einige Beispiele,

die in diesen Jahren den herausragenden Ruf der Musiktage

geprägt haben. Auch Veranstaltungsorte wie die Wetteraner

Stiftskirche, der Fürstensaal des Landgrafenschlosses der

Universitätsstadt Marburg, der Garten der Baumschule Kuhli

in Caldern, der Paradiesgarten der Klosterkirche in Caldern,

das Schloss Wittgenstein oder das Atrium der Roth

Werke in Buchenau geben ihnen ihr eigenes, ganz besonderes

Gesicht.

„In Marburg-Biedenkopf entfaltete sich eine neue Keimzelle

der Kultur, anfangs noch mit Skepsis beobachtet, später

aber das Zentrum, in dem die Eckelshausener Musiktage

aus der Taufe gehoben wurden.“

Das Czech National Symphony Orchestra unter der Leitung von Heiko Mathias Förster bei den Eckelshausener Musiktagen


Sehr verbunden mit der Geschichte der Eckelshausener

Musiktage sind die im Landkreis beheimateten Politiker

Landrat a.D. Prof. Dr. Kurt Kliem, der langjährige Schirmherr

Landrat a.D. Robert Fischbach, Dr. Christian Wagner,

hessischer Kultusminister a.D., und der jetzige Schirmherr,

Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer. Auch Manfred

Roth, Inhaber von Roth Industries, ist ein langjähriger Partner

des Festivals. Natürlich erfährt eine solche Kulturarbeit

auch einen intensiven Reifeprozess. Insbesondere der Begegnung

mit Prof. Dr. Max Wichtl, Lehrstuhl der Pharmazie an

der Universität Marburg, und Dr. Giuseppe Faussone, ehemaliger

Leiter von Ferrero in Stadtallendorf, ist es zu verdanken,

dass junge Menschen Zugang zur Musik, zur Oper

und zum klassischen Marionettenspiel fanden. Prof. Dr.

Wichtl war Mitbegründer des Marionettentheaters Schartenhof,

das sich intensiv den Aufführungen der Opern von

W. A. Mozart, G. Rossini, J. Strauß, C. M. von Weber, O.

Nicolai und E. Humperdinck auf einer Bühne mit Figurentheater

widmet. Dr. Faussone ermutigte in den Anfängen das

junge Ensemble zu einem Gastspiel im italienischen Alba,

dem Hauptsitz von Ferrero, um dort vor großer Zuschauerzahl

„il flauto magico“ von Mozart zu spielen. Die Resonanz

war überwältigend – es begann die aufregende Vita des Marionettentheaters.

Neben dem eigenen Haus fanden zahlreiche

weitere Gastspiele etwa in Wien, Asiago, Boswil und vielen

Städten Deutschlands statt. Inzwischen sind 20 Jahre

vergangen, das Marionettentheater ist etabliert und ein Magnet

für Freunde von Oper und Figurentheater.

Natürlich erfüllt es mich mit Freude, für das Theater über

150 Marionetten gestaltet zu haben, eigenwillige Darsteller

und Charaktere warten stets auf ihren Auftritt – geführt von

hochbegabten Spielern in einer von Heinz Zürcher zauberhaft

entworfenen und gestalteten Bühnenarchitektur.

Mit den Ausstellungen, dem kulturellen Engagement im

Schartenhof und meiner künstlerischen Arbeit – ob es meine

Papierskulpturen, meine Bronzearbeiten oder große Freiluftskulpturen

sind – glaube ich, in den 70 Jahren, die ich nun

hier lebe, Impulse geschaffen zu haben, die die Menschen in

die Welt der Kreativität und Kunst entführen. Ein besonderer

Dank geht auch an meine Familie, die ebenso hier sesshaft

wurde, Landschaft und Vielseitigkeit zu schätzen weiß

und wesentlich zum Gelingen der vielen Projekte beiträgt.

34 · 35

Ein außergewöhnliches Erlebnis ist der Besuch der Marionettentheater-Aufführungen.


Haben die Zeichen der Zeit erkannt: Norbert Diehl (links) und Klaus Hönscher, die Geschäftsführer

der Franz Wilmes Möbelvertriebsgesellschaft mbH

Friedhelm Wilmes übernahm von seinem Vater den Holzhandel

und baute ihn zu einem mittelständischen Unternehmen aus.

Franz Wilmes Möbelvertriebsgesellschaft mbH

WANDEL FÜHRT

ZURÜCK IN DIE

ERFOLGSSPUR

Es war der Vater, der Friedhelm Wilmes nach Wohra

brachte. Denn Franz Wilmes hatte im frühen

20. Jahrhundert einen fl orierenden Holzhandel in

Neheim-Hüsten bei Arnsberg im Sauerland gegründet

und fertigte dort außerdem Holzleuchtenzubehör, Nähkästchen,

Blumenhocker und Beistelltische – und dafür benötigte er Holz.

Das bezog er auch aus Langendorf, wo er seit 1934 die Jagd

gepachtet hatte. So verbrachte die Familie Wilmes fast jedes

Wochenende in der im Jahr 1937 gebauten Jagdhütte.

Als sein Vater mit nur 56 Jahren verstarb, übernahm Friedhelm

Wilmes mit 26 Jahren die Firma. Die Zeichen standen

auf Expansion. Diese war am Standort in Hüsten aber nicht

möglich – Bahnschienen begrenzten das Gelände. Daher entschloss

sich Friedhelm Wilmes, in Wohra zu bauen – Land gab

es genug. Er stellte die Produktion auf Wohnmöbel um und

gründete 1961 die Möbelfabrik Wohra GmbH.

Die 60er-Jahre waren die Zeit des Wirtschaftswunders – der

Versandhandel boomte. Die Firma Wilmes lieferte anfangs

fertig aufgebaute Möbel direkt in die Lager der Kunden, später,

dem Trend folgend, zerlegte Möbel. Um der wachsenden

Nachfrage gerecht zu werden, wurden neue Produktionshallen

gebaut. Neben heimischen Arbeitskräften fanden auch italienische

Gastarbeiter und Nebenerwerbs-Landwirte aus der Region

eine Anstellung. Große Kaufhäuser wie Horten, Hertie und

Bilka standen ebenso auf der Kundenliste wie der Versandhändler

Neckermann. Einen weiteren Wachstumsschub gab es

nach dem Mauerfall und der Grenzöffnung. Wilmes setzte nun

hauptsächlich auf den Versandhandel. Doch dann kamen zwei

Rückschläge in Folge: Im November 2011 verstarb Friedhelm

Wilmes. Und im Juli 2012 meldete Neckermann Insolvenz an.

Ohne Vorwarnung brach ein Großteil der Umsätze weg.

Keine leichte Aufgabe also für die beiden Geschäftsführer,

Klaus Hönscher und Norbert Diehl, die ihr Amt 2013 antraten.

„Wir mussten das Geschäft komplett neu strukturieren“,

sagt Hönscher. Die Möbelfabrik wurde verschmolzen mit der

Franz Wilmes Möbelvertriebs GmbH. Das Unternehmen

schaffte mit seinen 58 Mitarbeitern die Kehrtwende. „Nicht

zuletzt durch die Reaktivierung alter Kunden und das Erschließen

neuer Vertriebswege“, so Diehl. Der Wandel gelang:

Zu den Kunden zählen heute weiterhin große Versandhäuser,

aber auch 25 Online-Händler. So fand das Unternehmen zurück

in die Erfolgsspur.

Kontakt

Franz Wilmes Möbelvertriebsgesellschaft mbH

Halsdorfer Straße 40

35288 Wohratal

www.moebelfabrik-wohra.com


KARINA

GOTTSCHALK

geb. 1978 in Marburg | aufgewachsen als eine von drei

Töchtern in Münchhausen | nach dem Fachabitur Ausbildung

zur Bankkauffrau | 2003 Abschluss als Fachwirtin

BankCOLLEG | 2009 nochmals einen neuen Weg eingeschlagen

als Berufsschullehrerin im Bereich Wirtschaft und

Verwaltung,­zunächst­an­den­Beruflichen­Schulen­Untertaunus

in Taunusstein und seit 2015 an der Wirtschaftsschule

am Oswaldsgarten in Gießen | seit 1989 Mitglied der

freiwilligen Feuerwehr

MATTHIAS

ZEIDLER

geb. 1983 in Finsterwalde | aufgewachsen im ländlichen

Südbrandenburg in einer Familie und als einer von zwei

Söhnen | nach dem Abitur Studium der Erziehungswissenschaften

an der Philipps-Universität in Marburg | seit 2003 wohnhaft in Marburg | 2005 bis 2009 Mitarbeiter in

der Jugendförderung der Stadt Marburg | seit 2010 Mitarbeiter im Fachdienst Schule der Stadt Marburg | seit

1993 Mitglied einer ehrenamtlichen Feuerwehr: zunächst in Finsterwalde, dann in Marburg

36 · 37

Karina Gottschalk und Matthias Zeidler

VOLLER EINSATZ FÜR JUNGE

MENSCHEN IN DER FEUERWEHR

Als hätte es so sein müssen. Sie ist Lehrerin an

einer Berufsschule in Gießen, er Diplom-Pädagoge

in Marburg. Zusammen haben sie bereits ein

halbes Jahrhundert Feuerwehrerfahrung. Obwohl

Karina Gottschalk, die Kreis-Jugendfeuerwehrwartin,

erst 38 Jahre alt ist und ihr Stellvertreter Matthias Zeidler

33. Ein perfektes Team, um 1.472 Feuerwehr-Jugendlichen

und 141 Jugendfeuerwehrwarten im Landkreis vorzustehen.

Dass sie gute Freunde geworden sind, ist zu spüren, das

brauchen sie nicht zu sagen, „aber wir streiten uns auch“,

schränkt Matthias Zeidler ein. Dabei ginge es um wichtige

Themen. Schließlich hätten sie durch ihre Berufe unterschiedliche

Sichtweisen darauf. Trotzdem immer wieder zustimmendes

Nicken im Gespräch, wenn der andere etwas zu

ihrem gemeinsamen Ehrenamt sagt. Bei einer Konfrontation

geht es ausschließlich um die Sache, den Inhalt. Das treibt

sie an und voran. Sonst ziehen sie an einem Strang.

Faszination Blaulicht, Signalhorn, Technik, Helfen, Kameradschaft.

Probleme gemeinsam lösen. Spaß haben. Schlagworte,

die die beiden als Kinder zur Feuerwehr gezogen

haben. Die Münchhäuserin seit 1989, den gebürtigen

Brandenburger seit 1993.

Immer mehr Aufgaben kamen hinzu. Karina Gottschalk

wurde in ihrer Heimat Jugendfeuerwehrwartin, dann Wertungsrichterin

auf Kreisebene und letztlich 2007 die erste

hessische Kreis-Jugendfeuerwehrwartin. „Die Chefin“, sagt

Matthias Zeidler freundschaftlich, aber auch respektvoll.

Er kam zum Studium nach Marburg und wendete sich durch

die Feuerwehr erst der Erwachsenenbildung im Institut für

Gefahrenabwehr zu. Er bildete Krisenmanager aus. Zeidler

war auch Ausbilder und Kassenwart in Marburg. 2007 wurde

er Gottschalks Schriftführer, dann 2010 ihr Vertreter.

Beide loben die kurzen und unbürokratischen Wege, die sie


haben und ihre Arbeit erleichtern. Und die beiden sehen

sich in der Verantwortung, die sie ernst nehmen. Sie verstehen

sich in einer Vorreiterrolle und wollen Impulse setzen.

Ihr großer Wunsch: Sie möchten jeden Jugendlichen erreichen.

Eine schwierige Aufgabe, die sie sich gesetzt haben. „Und

manchmal ist der Spagat nicht ganz einfach“, wie sie sagen –

und nennen den Jugendfeuerwehr-Aktionstag in 2014 als

Beispiel. Zwei Jahre Vorbereitungszeit, Nächte darüber gebrütet.

Schließlich kam Feuerwehrnachwuchs aus ganz Hessen.

„Bei solchen großen Aufgaben kann man nicht alle

gleich gut betreuen“, wie sie sagen.

Aber ihr Anspruch ist und bleibt, dass sie Dienstleister der

Feuerwehr für junge Menschen sind und deren Interessenvertreter,

ihr Sprachrohr. Die beiden wollen „das bunte Portfolio“

für den Landkreis erhalten und ermöglichen, wie sie sagen.

Dazu gehören die Wettbewerbe, die Lehrgänge und Tagungen,

aber auch die Freizeiten. Wie beispielsweise die Kreiszeltlager.

Karina Gottschalk und Matthias Zeidler wollen diese Vielfältigkeit

„nach vorne bringen“. Das ist ihr Ziel. Und ein weiteres

Ziel ist es, die eigene Jugendarbeit im Ausschuss zu fördern.

Junge Menschen nicht nur direkt an der Löschspritze in die

Verantwortung zu ziehen, sondern auch darüber hinaus.

„Schließlich lebt unsere Arbeit von Menschen“.

Obwohl es über die Jahre hinweg einen leichten Zugewinn

an jungen Leuten gegeben hätte, sei es nicht gerade einfacher

geworden, Jugendliche zu begeistern. Da liege ein generelles

Problem vor. Im Medienkonsum sehen sie ihren größten

Gegner. Ebenfalls sagt ihnen ihr Gefühl, dass Sport nicht

mehr so angesagt sei. Aber auch eine Art Angst vor Verpflichtung

und Verantwortung haben sie ausgemacht. „Das

macht es schwierig, junge Feuerwehrleute, Jugendwarte und

Ausschussmitglieder zu finden“, sagen sie. Davon lassen sich

aber nicht entmutigen. Im Gegenteil, das spornt sie an. Man

nimmt es ihnen ab.

Fragt man Karina Gottschalk nach anderen Hobbys, lächelt

sie. Es erklärt sich von selbst. Die Feuerwehr ist ein großer

Teil ihres Lebens. Wegen ihr und der Familie kam sie auch

nach sechs Jahren aus dem Taunus zurück. Hier fühlt sie

sich wohl, verstanden.

Mittlerweile ist auch Matthias Zeidler hier „fest verwurzelt“,

wie er sagt. Der Landkreis ist seine zweite Heimat.

Wenn er mal frei hat, reist er gerne, Menschen und Kulturen

kennenlernen. Beide haben auch Lieblingsplätze im Landkreis.

Sie den Christenberg, er den Frauenberg. Dass es sich

bei beiden um Berge handelt, hat wahrscheinlich nichts

mehr mit Zufall zu tun. Karina Gottschalk und Matthias

Zeidler haben anscheinend gerne den Überblick.

Die Jugendfeuerwehr macht nicht nur Spaß, sondern ist auch ein wichtiger Faktor für die Zukunft der Feuerwehren.

„Und die beiden sehen sich in der Verantwortung, die sie ernst nehmen. Sie verstehen sich in einer Vorreiterrolle

und wollen Impulse setzen. Ihr großer Wunsch: Sie möchten jeden Jugendlichen erreichen.“


HELMUT

HENKEL

geb. 1947 in Wallau | seit 1965 Elektroinstallateur | 1976 staatlich geprüfter Techniker |

1983 bis 2007 geschäftsführender Gesellschafter der H.P.W. GmbH | ab 1990

Vorstandsmitglied der Kreishandwerkerschaft (KH) Marburg | 1998 bis 2000

stellvertretender Kreishandwerksmeister | 2000 bis 2013 Kreishandwerksmeister

| 1999 bis 2013 Vorstandsmitglied der Handwerkskammer | 2005 bis

2013 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der KHn Hessen-Thüringen |

2006 bis 2013 Mitglied der Kommission zur Strukturreform im Handwerk

und Vertreter der KHn im Hessischen Handwerkstag | 1988 bis 1998

Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Hessischen Radfahrerverbands |

1999 bis 2009 Vorstandsmitglied und stellv. Vorsitzender im Arbeitskreis für

Kommunalfragen | Mitarbeit im Verkehrsforum und im Projekt Agenda 21

der­Stadt­Marburg­|­Moderator­im­Projekt­Demografischer­Wandel­des­Landkreises­|­

Aufsichtsratsmitglied Volksbank Mittelhessen | 2014 Bundesverdienstkreuz am Bande |

seit 2015 Regionalkoordinator SES

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Helmut Henkel

DIE JUGEND IST DIE

ZUKUNFT DER REGION

Wir leben in einem einzigartigen Landkreis,

eingebettet in der Region Mittelhessen. Ich

habe ihn während meiner verschiedenen Tätigkeiten

in all seinen Facetten kennengelernt:

Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war – und es

auch heute noch bin – genieße ich die herrliche Landschaft.

Es ist immer ein gutes Gefühl, in dieser Natur trainieren zu

können. Lange Jahre bin ich im Radsport für einen Frankfurter

Verein gefahren. Meine Teamkollegen mussten immer

erst aus der Stadt raus, um im Taunus die Natur zu erleben –

ich habe sie vor der Haustür.

Geschäftlich und politisch schätze ich die kurzen Wege: Die

Distanzen zum Kreishaus oder zum Rathaus sind im wahrsten

Wortsinne kurz. Ich hatte nie das Gefühl, große Hürden

überspringen zu müssen, denn ich fand immer leicht Gehör.

Das habe ich beispielsweise erlebt, als ich in den 80ern ein

Firmengebäude bauen wollte – es gab keine Widerstände.

Und wenn man sich einbringt, kann man auch etwas bewe-

gen – egal ob in der „Agendagruppe 2010“, die ich moderiert

habe, im „Verkehrsforum“ oder in einer Schwimmbadgruppe

im Ebsdorfer Grund, in die man mich einberufen

hatte. Noch dazu bietet unser Landkreis ein hervorragendes

Bildungsangebot: Von Fach- und Meisterschulen bis hin zur

Universität stehen alle Bildungsmöglichkeiten offen. Und im

Anschluss stehen potente Wirtschaftsunternehmen vom

kleinen, innovativen Handwerksbetrieb bis zum Weltmarktführer

bereit, die den Absolventen hervorragende und vielfältige

Karrierechancen bieten.

Auch kulturell ist die Region bestens aufgestellt. Und wenn

man ausnahmsweise im Landkreis nicht finden sollte, was

man möchte, so ist man binnen einer Stunde in Frankfurt.

Wir genießen also viele Annehmlichkeiten, können den Flughafen

in 45 Minuten erreichen – sind also trotz der Ruhe an

die Welt angeschlossen. Problematisch ist lediglich die

Anbindung in Richtung Norden. Doch auch die wird sich

durch den Ausbau der Autobahn 49 verbessern.


Dachdecker-Azubi Yannik Hochstein (links) demonstriert bei der „MEMO Bauen“ sein Können.

Ich habe viele Chancen bekommen: im Radsport ebenso wie in

meiner Selbstständigkeit. Daher ist es mir ein Grund bedürfnis,

etwas zurückzugeben. Und das war auch der Grund, warum

ich in 2000 die Wahl zum Kreishandwerksmeister angenommen

habe. Denn im Ehrenamt lässt sich viel bewegen und gestalten

– und das Handwerk ist ein essenzieller Faktor, um die

Zukunftsfähigkeit des Landkreises zu erhalten.

Doch mein freiwilliges Engagement begann schon vorher:

Neun Jahre lang habe ich mich im Vorstand des Hessischen

Radsport-Verbands engagiert, um vor allem die Jugend zu

fördern. Denn sie ist es letztendlich, die unserer Region die

Zukunft sichert. Daher verdient sie alles Engagement, um sie

im Landkreis zu halten.

Ich bin ein Macher: Für mich ist es wichtig, etwas zu bewegen

– ohne dass ich jemals politisch tätig war. Dennoch

glaube ich schon, dass ich die Wirtschaftspolitik im Landkreis

positiv mitgeprägt habe. Und das nicht, weil ich unkritisch

war, im Gegenteil: Gab es Probleme, habe ich sie

thematisiert. Manchmal auch mit gebotener Härte. Doch es

ist mir schon immer wichtig gewesen, kein Porzellan zu zerschlagen.

Denn hinterher muss man sich trotz unterschiedlicher

Auffassungen immer noch in die Augen blicken können,

das gehört zum professionellen Umgang dazu.

„Im Anschluss stehen potente Wirtschaftsunternehmen

vom kleinen, innovativen Handwerksbetrieb bis zum

Weltmarktführer bereit, die den Absolventen hervorragende

und vielfältige Karriere chancen bieten.“

Dabei sehe ich mich aber keinesfalls als Einzelkämpfer:

Jederzeit gab es ein Team im Hintergrund, das mich unterstützt

hat. Beim Sport ist die Ausdauer ebenso wichtig wie

im Berufsleben. Und so war es auch im Berufsleben und in

allen Ehrenämtern: Immer gab es wichtige Unterstützung,

die nach vorne vielleicht nicht immer sichtbar war – aber

sie war da. Eine „Aktionswoche Handwerk“, die bei jungen

Leuten die Freude am Handwerk wecken soll, wäre alleine

ebensowenig zu stemmen gewesen wie das Projekt

„Kinder und Handwerk“, bei dem in Kindergärten schon

die Jüngsten für handwerkliche Berufe begeistert werden

sollen.

Bei so manchem Radrennen habe ich auch viel für das Leben

gelernt, das ich an die jungen Menschen weitergeben

möchte. War ich bei einem Rennen nicht erfolgreich, so habe

ich dennoch wenige Tage später wieder trainiert. So ist es

auch im Berufsleben, wenn man kräftig auf die Nase fällt:

Man muss einmal häufiger aufstehen, als man hinfällt.

Denn mit Niederlagen leben zu können ist wichtig. Ich hätte

mir immer gewünscht, dass die unterschiedlichen Wirtschaftsorganisationen

und Verbände fusionieren oder sich

so umstrukturieren, dass sie gemeinsam noch mehr

bewegen.

Auch jetzt bin ich weiter für die Jugend aktiv: In der Initiative

„Senior Experten Service“ arbeite ich als Regionalkoordinator,

um Jugendlichen, die auf ihrem beruflichen Weg Probleme

haben, zu helfen. Außerdem betreue und koordiniere ich

ehemalige Fach- und Führungskräfte der Region, die sich für

Jugendliche auf deren manchmal steinigem Weg engagieren.

Somit können wir alle gemeinsam dem wirtschaftlichen

Nachwuchs und den Unternehmen helfen – und damit auch

der Gesellschaft.


Nach individuellen Kundenvorgaben hat Buderus Guss unterschiedliche

Leichtbaubremsscheiben für Pkw entwickelt und zur Serienreife gebracht.

Innovation der Extraklasse: Die iDisc punktet durch lange Lebensdauer,

korrodiert nicht und verringert die Feinstaubbelastung.

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Buderus Guss GmbH

EUROPÄISCHER MARKTFÜHRER

FÜR PKW-BREMSSCHEIBEN

In modernen Autos sind etliche Systeme verbaut, die für

mehr Sicherheit beim Fahren sorgen. Doch der wahre

Lebensretter bei einem drohenden Unfall ist ein Bauteil,

das wie selbstverständlich zum Auto dazugehört: die

Bremsscheibe. Doch was so selbstverständlich erscheint, ist

ein hochtechnologisches Produkt, für das eine langjährige

Entwicklungskompetenz bei Material und Design notwendig

ist – ein Know-how wie man es bei der Buderus Guss GmbH

aus Breidenbach fi ndet. Als führender Hersteller und Entwickler

von Pkw-Bremsscheiben und als global agierendes

Unternehmen mit rund 800 Mitarbeitern deckt das Unternehmen

20 Prozent des europäischen Bedarfs an Pkw-Bremsscheiben

ab und ist hier Marktführer. Schwerpunkt der Produktion

sind belüftete Bremsscheiben für Pkw und Kleintransporter.

An den Standorten Breidenbach und Biedenkopf-

Ludwigshütte hat das 1913 gegründete Unternehmen seine

Gießereien und Bearbeitungsbetriebe vollautomatisiert ausgerüstet

und ist „Best in Class“ bei allen Produktionsprozessen.

Das Werk Breidenbach der Buderus Guss ist die modernste

Eisengießerei für Pkw-Bremsscheiben in Europa. Vollautomatisierte

Aggregate in den Gießereien und Bearbeitungslinien

sorgen dafür, dass aus Stahlschrott und Kreislaufmaterial

massive und belüftete Bremsscheiben werden.

Umweltschutz ist bei der Buderus Guss als Unternehmensgrundsatz

festgeschrieben. Er nimmt den gleichen Stellenwert

ein wie die Qualität der Erzeugnisse und die Wirtschaftlichkeit

des unternehmerischen Handelns. Als erste

Gießerei in Deutschland wurde Buderus Guss mit dem

Energiemanagement system DIN EN ISO 50001 zertifi -

ziert. Zudem erhielt es als eine der ersten Gießereien in

Europa im Jahr 2011 das Umweltzertifi kat ISO 14001.

Jede Bremsscheibe von Buderus Guss entsteht aus

Recycel-Material und ist zu 100 Prozent recycelbar. Alle

Späne, die bei der mechanischen Bearbeitung entstehen,

werden in den modernen Mittelfrequenzöfen gleich

wieder verwertet.


Einer der wichtigsten Faktoren zur Verringerung des Kraftstoffverbrauchs

und der angestrebten Verringerung des CO 2

-

Ausstoßes ist die Reduktion von Bauteil- und damit Fahrzeuggewicht.

Vor diesem Hintergrund nimmt das Thema

Leichtbau in den automobilen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten

eine Schlüsselstellung ein – und natürlich

auch bei Buderus Guss. Durch Innovationen bei Bremsscheibenwerkstoffen

und in der Verbindungstechnik zwischen

Bremsscheiben-Reibring und Topf haben die Ingenieure von

Buderus Guss bei zahlreichen Modellvarianten bis zu 25

Prozent Gewichtsreduzierung gegenüber herkömmlichen

Bremsscheiben erreicht. Leichtbau wird in Zukunft nicht nur

bei Fahrzeugen der Ober- und Premiumklasse eine Rolle

spielen, sondern zunehmend auch bei Mittelklasse-Pkw.

Buderus Guss fokussiert seine Entwicklungsarbeit auf dieses

Segment, um Leichtbaubremsscheiben durch optimierte Fertigungsverfahren

für breitere Anwendungen zur Verfügung

zu stellen.

Umweltschutz ist bei der Buderus Guss als

Unternehmensgrundsatz festgeschrieben. Er

nimmt den gleichen Stellenwert ein wie die Qualität

der Erzeugnisse und die Wirtschaftlichkeit des

unternehmerischen Handelns.

Neben dem Buderus Guss-Leichtbauprogramm hat das Unternehmen

mit der Entwicklung der iDisc Akzente gesetzt.

Die iDisc („i“ steht für innovativ) punktet durch lange Lebensdauer,

Korrosionsfreiheit, reduziertes Bremsstaubaufkommen

und optische Eleganz. Sie stellt für Premium-Fahrzeuge

eine Alternative zur Grauguss- und zur keramischen

Bremsscheibe dar. Die deutlich geringere Bremsstaubentwicklung

bedeutet zum einen ein Plus an Komfort für den

Endkunden, der auf saubere Felgen Wert legt. Zum anderen

reduziert die iDisc die Feinstaubbelastung. Wie der grüne

Weg in die Zukunft bei Buderus Guss aussieht, zeigen nicht

nur Produkte wie die iDisc, sondern auch Produktionsprozesse

und die Etablierung energieeffi zienter Anlagen, die zu

beachtlichen Energieeinsparungen geführt haben.

Kontakt

Buderus Guss GmbH

Buderusstraße 26

35236 Breidenbach

www.buderus-guss.de


In Marburg befindet

sich das Dr. Reinfried

Pohl Zentrum für

Vermögensberatung.

42 · 43 3

Deutsche Vermögensberatung AG

IN DER FINANZWELT ZUHAUSE,

IN DER REGION TIEF VERWURZELT

Dass dem Begriff „Heimat“ eine Vielzahl an Defi -

nitionen innewohnt, zeigt sich am Beispiel der

jahrzehntelangen Verbindung zwischen der Region

Marburg und der Deutschen Vermögensberatung

AG (DVAG). „Marburg und sein Landkreis stellen

für die DVAG in betrieblicher, kultureller wie auch in persönlicher

Hinsicht einen besonderen Angelpunkt dar“, betont

Andreas Pohl, der das Familienunternehmen seit 2014

in zweiter Generation leitet. Tatsächlich kann Marburg

gewissermaßen als Wiege des Unternehmens bezeichnet

werden: Vor fast 70 Jahren ließ sich hier Firmengründer Dr.

Reinfried Pohl als Flüchtling aus der ehemaligen sowjetischen

Besatzungszone nieder. Von Marburg aus entwickelte

Dr. Pohl seine Allfi nanz-Konzeption, deren Kern darin besteht,

den Kunden branchenübergreifend zu sämtlichen Finanzfragen

zu beraten. Damit begründete er gleichzeitig eine

vollkommen neuartige Berufssparte – die des Vermögensberaters.

Im Laufe der über 40-jährigen Unternehmensgeschichte

entwickelte sich die DVAG damit zur größten und

erfolgreichsten Finanzberatung Deutschlands mit rund

14.000 hauptberufl ichen Vermögensberatern, die heute rund

sechs Millionen Kunden zu den Themen Finanzen, Vorsorge

und Absicherung betreuen.

Im Laufe der Jahre ist Marburg zum Mittelpunkt der Unternehmensgruppe

und zugleich zum Herzstück der Unternehmenskultur

geworden. Neben dem Sitz der Deutschen Vermögensberatung

Holding GmbH befi nden sich hier zahlreiche

Einrichtungen, die den Schwerpunkt auf die Aus- und Weiterbildung

sowie den gegenseitigen Erfahrungsaustausch legen.

So wurde 2011 im Herzen der Innenstadt das Dr. Reinfried

Pohl Zentrum für Vermögensberatung (ZVB) eröffnet,


„Der Standort Marburg steht sinnbildlich für die

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der

Deutschen Vermögensberatung.“

Andreas Pohl, seit 2014

Vorstandsvorsitzender der DVAG

sowie Geschäftsführer und

Gesellschafter der Deutschen

Vermögensberatung Holding GmbH

ein modernes Schulungs- und Kongresszentrum mit angegliedertem

Museumsbereich. Die Türen des ZVB stehen jedermann

offen – Vermögensberatern, externen Veranstaltern

und neugierigen Gästen. Die mannigfaltigen Möglichkeiten

des Zentrums werden rege genutzt: Bis heute haben im Rahmen

von Seminaren, Abendveranstaltungen oder Museumsführungen

mehr als 200.000 Besucher den Weg dorthin gefunden.

Nicht zuletzt wird am Beispiel der Kultur- und Eventscheune

in Dagobertshausen deutlich, dass die DVAG der

gesellschaftlich-kulturellen Förderung vor Ort einen hohen

Stellenwert beimisst.

Des Weiteren unterstützt die Deutsche Vermögensberatung

die Studienlandschaft der Universitätsstadt: Mit dem 2014

eröffneten Campus Marburg der Fachhochschule der Wirtschaft

(FHDW) besteht eine enge Partnerschaft mit dem

Ziel, hoch qualifi zierte Nachwuchskräfte, insbesondere für

die DVAG, auszubilden. Junge Menschen haben hier die Gelegenheit,

sich im Zuge eines praxisnahen dualen Studiums

auf den Bereich Finanzvertrieb zu spezialisieren.

All diese Aspekte machen deutlich, dass die Region Marburg

und die Deutsche Vermögensberatung eng miteinander verwoben

sind: Zum einen ist die Stadt Ursprung einer erfolgreichen

Unternehmensgeschichte. Zum anderen ist die

DVAG ein fester Bestandteil der hier ansässigen Unternehmenslandschaft

und ein engagierter Ausbildungs- und Kooperationspartner.

„Der Standort Marburg steht sinnbildlich

für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der

Deutschen Vermögensberatung“, resümiert auch Andreas

Pohl, der selbst in Marburg aufgewachsen ist und von hier

aus und von der Zentrale der DVAG in Frankfurt die Unternehmensgeschicke

lenkt. „Heimat“ stellt somit in vielfältiger

Weise ein zentrales Element im Handeln und Wirken der

Deutschen Vermögensberatung im Landkreis Marburg-Biedenkopf

dar.

Darüber hinaus macht sich Familie Pohl auch für zahlreiche

karitative Projekte in der Region stark. Davon zeugen insbesondere

ihre Stiftungen: die Anneliese Pohl Stiftung zur Unterstützung

von an Krebs erkrankten Personen sowie die Dr.

Reinfried Pohl Stiftung zur Förderung der wissenschaftlichen

und medizinischen Forschung an der Marburger

Philipps-Universität.

Kontakt

Deutsche Vermögensberatung AG

Wilhelm-Leuschner-Straße 24

60329 Frankfurt am Main

www.dvag.com


BRUNHILDE

HESS

geb. 1954 in Niederthalhausen | verheiratet,

zwei Söhne | Abitur, Banklehre | 1987 in

Wetter anlässlich des Grenzgangfestes mit

dem Theaterspielen begonnen | 1987 Gründungsmitglied

des Theater- und Festspielvereins

Wetter | in den 90er-Jahren mit

Schreiben und Inszenierung kleiner Stücke

begonnen (Straßentheater, Weihnachtsmärkte)

| 1995 erstes größeres selbstgeschriebenes

Jugend theaterstück | 1997 wurde das erste

größere Open-Air Theater auf Burg Mellnau

verwirklicht. Es folgten 15 weitere Theaterprojekte

(12 davon selbst verfasst), darunter sieben

fantastische Musicals, fünf historische

Theaterstücke, eine Dorfgroteske (alle Open-

Air) sowie ein weiteres Jugendtheaterstück.

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Brunhilde „Bruno“ Heß

FANTASTISCHE GESCHICHTEN,

INSPIRIERT DURCH DIE REGION

Meine Heimat ist Hessen. Ich wurde Mitte der

50er-Jahre in einem kleinen Dorf bei Rotenburg

an der Fulda geboren. Alle Verwandten

waren Bauern, und ich liebte von Kind an die

Natur um mich herum, die Geborgenheit der großelterlichen

Familie, die an die Jahreszeiten gebundenen Arbeitsabläufe

wie die Heuernte, das Dreschen, das Kartoffeldämpfen oder

das Schlachtfest.

Allerdings war ich ab meinem sechsten Lebensjahr nur

während der Ferien auf dem Land. Mein Vater fand Arbeit

in Köln, und so zogen wir, als ich zwei Jahre alt war, dorthin.

Als ich 16 war, kamen wir zurück nach Hessen, lebten

in Bad Hersfeld. Ich durfte die Freiheiten des Landlebens

genießen, ohne den harten Lebensbedingungen ausgesetzt

zu sein. Meine Freundinnen mussten indes schwer schuften.

Kartoffeln lesen, Rüben hacken, Obst ernten und bei

der Verwertung helfen. Ich sah alles durch die rosarote

Brille.

Das Landleben in den 60er-Jahren barg hingegen viele

Schwächen in sich. Ich denke hier vor allem an die Zurücksetzung

der Frauen, an ihr hartes und entbehrungsreiches

Leben. Trotz des Wissens um die Lebensweise hat sich in

meinen Gefühlen das Positive erhalten. Die Natur, die

Tierwelt, die Ernte dessen, was zuvor angebaut worden

war, hat alle meine Sinne geschärft und mir unseren Ursprung

vor Augen geführt.

Diese Strukturen meiner osthessischen Heimat finde ich in

ähnlicher Form in der Stadt Wetter und ihrer Umgebung

wieder. Bewirtschaftete Felder, beweidete Wiesen, umgeben

von Wald. Aber auch alte Fachwerkhäuser, die geologische

Formation des Buntsandsteines, den ich so sehr mag.

Auch manche Gerüche aus meiner Kindheit streifen mich

immer wieder, wenn das Heu duftet oder die Jauche aufs

Feld eingebracht wird. Ich finde hier ein Stück Kindheit

wieder – aber auch eine andere Welt. Vielfältiger, bunter ist

die Mischung der Menschen. Es gibt unzählige Vereine,


Gemeinschaften, Zusammenschlüsse, in denen die Menschen

gesellschaftspolitische Themen bearbeiten oder soziale

Hilfe anbieten. Auswärtige ziehen aufs Dorf und restaurieren

nicht selten die alten Fachwerkhöfe. Marburg mit

seiner Universität bietet ein großes Forum, um sich sachkundig

über die verschiedensten Themen informieren zu

können.

Das alles – die Menschen, die Natur, die alten Gemäuer – sie

bringen meine Fantasie in Bewegung. Und so entstehen Geschichten

in einem Raum von Träumerei und der Suche nach

einem tieferen Sinn. Der Bach in Amönau inspirierte mich zu

der Geschichte von „Suaine“, der Wasserfrau. Der Raubbau

an der Natur spiegelt sich in ihrer Figur. „Los Bandidos“

zeigte die Problematik der Fremdenfeindlichkeit. Zwei Mitglieder

einer großen Katzenfamilie stehen zwei fremden, in

Not geratenen Katzen aggressiv gegenüber und bedienen sich

einer bösen Macht, um sich ihrer zu entledigen. In „Mondenland“

steht die Figur des „kleinen Mondenlichtes“ für

die Fantasie, die sich im eigenen Ich entfaltet und nicht

durch Computer bestimmt wird.

Das Ausschmücken dieser Geschichten lässt mich wie ein

Kind in bunten Farben und Gestalten schwelgen. Diese Geschichten

verwandeln sich durch meinen talentierten musikalischen

Partner und fabelhaften Freund Eckhard Scherer

in unterhaltsame Musicals für die ganze Familie. Spiel- und

Gesangstalente werden dabei entdeckt und können ihre Begabungen

ausleben. Choreographie, Kostüme, Kulissenbau,

Lichttechnik und andere notwendige Fertigkeiten verlangen

Können und Ausdauer.

„Das alles – die Menschen, die Natur, die alten

Gemäuer – sie bringen meine Fantasie in Bewegung.

Und so entstehen Geschichten in einem

Raum von Träumerei und der Suche nach einem

tieferen Sinn.“

Das schön gelegene Wetter-Amönau ist häufig Aufführungsort für Musicals.


Die Freude am Fantastischen ist die eine Seite in mir, das

Interesse an – besonders der hessischen – Geschichte ist eine

weitere Seite, die ich mit Leidenschaft erkunde.

Die Offenheit der Menschen, aus ihrer Vergangenheit zu

berichten, ihre unmittelbare und authentische Nähe zum

Geschehen, wie es sich in „Leibchen, Liebe, Chewinggum“

in Oberrosphe 2007 zeigte, war ein wunderbares Geschenk

für mich, diese Erzählungen zu einem Theaterstück werden

zu lassen. In Wetter standen mir der Stadtarchivar Hans-Uffe

Boerma, die Vorsitzende des Vereins „ehemalige Synagoge“

Dr. Martina Kepper sowie der Geschichtsvereins-

Vorsitz ende Kay Weiß zur Seite, um das mittelalterliche Kanonissenstift

in einer Zeitreise dem Publikum nahezubringen

und ein Fenster zur mittelalterlichen Welt dieser Stadt zu

öffnen.

Erst durch die Zusammenarbeit mit kreativen oder fachkundigen

Menschen aus Stadt und Land gelingen gut durchdachte

und recherchierte Theaterstücke oder Musicals. Ohne

sie, die hinter den Bühnen wirken, die mich beraten oder

unermüdlich meinen Fantasien folgen, wären solche Aufführungen

nicht zu bewerkstelligen. Mir liegt viel daran, eine

Inszenierung zu erarbeiten, bei der viele Spieler und Sänger

unterschiedlichsten Alters ihre Talente erfahren und auf der

Bühne verwirklichen können. Dafür wird hart gearbeitet,

denn alle zusammen wollen das Optimum erreichen.

Es ist wunderbar zu wissen, dass diese Arbeit gesehen und

geschätzt wird. Das setzt Impulse frei, weiterzumachen und

mich immer neuen Themen zu widmen – ebenso, wie der

Otto-Ubbelohde-Preis, den der Landkreis mir in 2008 verlieh.

Er ist eine ganz besondere Freude und Ehre für mich.

Die Stücke der Turmwerkstatt Amönau überzeugen mit hoher Professionalität – wie hier „Mad Night“.

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Die innovativen Konstruktionen

und Werkzeuge des Modellbauers

aus Biedenkopf erfüllen die hohen

Ansprüche an Haltbarkeit und

Prozesssicherheit in der Serienfertigung.

Henkel Modellbau setzt auf eine qualifizierte Ausbildung und modernste Technologie, um

hochwertige Modelleinrichtungen und komplexe Werkzeuge zu fertigen.

Henkel Modellbau GmbH

QUALIFIZIERTE AUSBILDUNG

UND MODERNSTE TECHNOLOGIE

Wenn man mit Christoph Henkel durch die Produktionshalle

geht, passiert man Arbeitsplätze

mit modernster technologischer Ausstattung.

„Hier produzieren wir Modelleinrichtungen

vor allem für die Automobilindustrie, wie zum Beispiel Turbinengehäuse,

Abgaskrümmer oder Zylinderköpfe“, erklärt der

Geschäftsführer der Henkel Modellbau GmbH. Das zweite

Standbein des Familienunternehmens in dritter Generation ist

die CNC-Bearbeitung. Auch hier ist Henkel Modellbau mit

3-Achs- und 5-Achs-Bearbeitungszentren für die Fertigung

komplexer Werkzeuge und anspruchsvoller 3D-Konturen

optimal ausgestattet. „Unsere Produktionsprozesse sind

konsequent datenbasiert“, sagt Henkel. „Wir setzen zudem

aktuelle Technologien wie beispielsweise optische Vermessung

und simulationsgestützte Werkzeugauslegung ein.“ Qualität

und Präzision ist gefragt. Um das zu gewährleisten, sind die

Produktionsräume so klimatisiert, dass genaue Fräsergebnisse

erzielt werden.

Die Zusammenarbeit mit den Kunden erstreckt sich vom

ersten Gussteilentwurf bis zur Optimierung leistungsfähiger

Serienwerkzeuge. Die innovativen Konstruktionen und Werk-

zeuge des Modellbauers aus Biedenkopf erfüllen die hohen

Ansprüche an Haltbarkeit und Prozesssicherheit in der Serienfertigung.

Hierfür setzt Henkel auf qualifi ziertes Personal.

„Jeder unserer Mitarbeiter ist Facharbeiter in einem der Bereiche

Modellbau, Formenbau, mechanische Bearbeitung oder er

ist Ingenieur“, sagt Henkel. Das Berufsbild hat sich vom

Handwerksberuf hin zu einem immer stärker digital geprägten

Betriebsumfeld gewandelt. Praktische Ausbildung und

Erfahrung bleiben für Henkel aber wichtige Grundlagen. Die

Ausbildung zum Technischen Modellbauer ist für das Unternehmen

ein wesentlicher Baustein für dessen Erfolg. Nach der

Ausbildung erfolgt eine weitere Spezialisierung, etwa auf die

Bereiche Kunststoff- oder Metallmodelle, CNC-Bearbeitung

oder auch CAD/CAM. So verfügt Henkel Modellbau über die

Spezialisten, die es braucht, um hochwertige Modelleinrichtungen

und komplexe Werkzeuge zu fertigen.

Kontakt

Henkel Modellbau GmbH

Goldbergstraße 12

35216 Biedenkopf

www.henkelmodellbau.de


PROF. DR. DR. H. C.

MARGOT

KÄSSMANN

geb. 1958 in Marburg als Margot Schulze |

1977 bis 1983 Studium der evangelischen

Theologie in Marburg, Edinburgh, Tübingen

und Göttingen, 1989 Promotion

an der Ruhr-Universität

Bochum­|­1999­bis­2010­Bischöfinder

Landeskirche Hannover | 2001

bis 2004 Mitglied im Rat für

Nachhaltige Entwicklung | 2009

bis 2010 Ratsvorsitzende der EKD |

seit April 2012 „Botschafterin für

das Reformationsjubiläum 2017“ im

Auftrag des Rates der EKD

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Prof. Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann

EIN GRUNDGEFÜHL

VON BEHEIMATUNG

Wenn ich heute mit Flüchtlingen spreche, von

Flüchtlingen höre, dann ist mir immer wieder

die Geschichte meiner Familie präsent.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf war

für sie ein Sehnsuchtsort, erschien ihnen als ein sicherer

Hafen, den sie im Krieg und nach dem Krieg zu erreichen

versuchten. Meine Großmutter stammte aus einem Forsthaus

in Schlesien. Sie hatte einen Gutsverwalter in Hinterpommern

geheiratet, ihre Schwester einen Förster in Burgholz.

Als die Sowjetarmee in Pommern einrückte, verpasste sie

mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter den letzten Zug

in Richtung Westen, weil bei meiner Tante die Wehen einsetzten:

Das dritte Kind wurde geboren. Sie erlebten ein

entsetzliches Jahr in Köslin, mein Großvater wurde nach

Sibirien verschleppt, Großmutter und Tante vergewaltigt. Im

Frühling 1946 machten sie sich auf den Weg. Ziel: Burgholz.

Meine Mutter war als Krankenschwester aus Berlin nach

Rügen evakuiert worden. Sie erreichte mit viel Glück das

letzte Schiff von Sassnitz aus und wurde nach Monaten auf

See, in denen niemand die Flüchtlinge aufnehmen wollte, in

Kopenhagen interniert. Sie schrieb einen Brief nach Burgholz/bei

Marburg. Er kam an – und so wusste ihre Mutter,

wo sie war und schrieb etliche Bitten, dass ihre Tochter ausreisen

dürfe. 1947 wurde schließlich eine Genehmigung erteilt.

Auch ihre beiden Söhne fand meine Großmutter so: den

einen in amerikanischer, den anderen in britischer Kriegsgefangenschaft.

Dieser Landkreis war also ein Sehnsuchtsort. Mein Cousin

Peter, so erzählt es die Familie, kam im Burgholzer Forsthaus

abgemagert und verlaust an. Als er die weiß bezogenen, sauberen

Betten sah, fragte er: „Mama, sind wir jetzt im Himmel?“


Ab der fünften Klasse fuhr ich mit dem Zug nach Marburg

zur Elisabethschule und tat das mit einer Unterbrechung

eines Auslandsjahres in den USA bis zum Abitur. „Fahrschülerin“

sein, das war nicht immer einfach, der Zug fuhr um

7:07 Uhr, da musstest du schon mit dem Fahrrad hingekommen

sein, in Marburg dann mit dem Bus bis Wilhelmplatz.

Mit viel Glück wurde der Eilzug um 13:21 Uhr erwischt, mit

Pech erst der Bummelzug um 14:30 Uhr. Lange Tage waren

das und manchmal auch eine Spaltung zwischen den „Marburgern“

und den „Fahrschülern“ aus dem Ebsdorfergrund

wie auch aus Stadtallendorf.

Nachdem ich zunächst in Tübingen, Edinburgh und Göttingen

studiert hatte, kam ich 1981 nach Marburg zurück und

machte dort an der Universität 1983 mein Examen. Marburg

ist eine wunderbare Universitätsstadt. Übersichtlich, du

fühlst dich nicht verloren. Und doch bietet die Stadt eine

große, intellektuelle Weite, die eine Universität mit sich

bringt. Als ich 1968 zur Schule kam, habe ich mit Staunen

die Demonstrationen gesehen. An der Schule wurde selbstverständlich

diskutiert über die Schuldgeschichte des

Nationalsozialismus und auch über Atomkraft.

Ein Regenbogen im Ostkreis

Ich selbst wurde in Marburg im Klinikum Wehrda geboren.

In derselben Klinik starb 16 Jahre später mein Vater

und wurde 23 Jahre später meine älteste Tochter geboren.

Aufgewachsen bin ich in Stadtallendorf. Meine Eltern wurden

dort ab 1949 angesiedelt, ebenso die Großmutter und

die Tante mit ihren Kindern. Es waren Flüchtlinge aus

Schlesien, dem Sudentenland, Ostpreußen und Hinterpommern,

die hier eine Heimat fanden, wo noch bis 1945 die

„Dynamit Aktien Gesellschaft“ mit Zwangsarbeitern

Rüstungsgüter produzierte. Eine merkwürdige Stadt, zusammengesetzt

aus Menschen, die ihre Heimat verloren

hatten, aber neu anfangen wollten. Bald kamen Italiener

dazu, die bei Ferrero Arbeit fanden, es folgten Jugoslawen

und Griechen und mit der Eisengießerei auch viele Türken.

Ich habe dort eine unbeschwerte Kindheit erlebt inmitten

dieser Vielfalt.

Mit dem Landkreis verbindet mich vor allem Beheimatung,

Zugehörigkeit trotz oder gerade wegen großer Vielfalt. Das

war auf den einzelnen Dörfern vielleicht anders. Aber in

Stadtallendorf haben wir wenig über die Unterschiede gesprochen,

ob sie nun sozialer oder religiöser Natur waren.

Da war ein Grundgefühl von Chancengleichheit. Es war

möglich, dass ein Arbeiterkind studierte. Und wenn ein junger

Muslim gern zum Kindergottesdienst kam, dann war er

im Krippenspiel halt einer der Hirten. Die verbitterten

Kämpfe um Herkunft, Zugehörigkeit, Nationalität und

Religion, die wir heute erleben, kannte ich damals nicht.

Das hat mir einen großen Schub an Toleranz mit ins Leben

gegeben, dafür bin ich dankbar.

„In Stadtallendorf haben wir wenig über die Unterschiede

gesprochen, ob sie nun sozialer oder religiöser Natur waren.

Da war ein Grundgefühl von Chancengleichheit.“

Und ich mag bis heute diese besondere mittelhessische Landschaft.

Sie ist mir ans Herz gewachsen: Hügelig, waldreich,

voller Abwechslungen – als ich später nach Niedersachsen

kam, habe ich das vermisst.


HERWIG

KLEIN

geb. 1945 in Hermannstadt (Rumänien) |

verheiratet, vier Kinder | 1963 bis 1967

Studium der Theologie in Hermannstadt und

Klausenburg | 1967 bis 1968 Vikariat

in Bukarest, Hörer an der orthodoxen

Hochschule | 1968 bis 1993

Pfarrer in Gergeschdorf, Kleinschelken

und Heldsdorf | 1993 Auswanderung

von Rumänien nach Deutschland

| 1994 Kolloquium und

Übernahme durch die Kurhessische

Kirche | 1994 bis 2010 Pfarrer in Lohra | seit

2010 im Ruhestand

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Herwig Klein, Pfarrer i.R.

AUS RUMÄNIEN ALS

PFARRER NACH LOHRA

Als Kind in einer evangelischen Pfarrfamilie in Siebenbürgen

hatte ich wohl von Marburg gehört,

hatten doch mein Großvater und mein Vater dort

studiert. Aber dass ich einmal hinkommen werde,

war von Rumänien aus damals fast undenkbar. So

träumte ich manchmal von der großen Welt, war aber zufrieden

mit meiner kleinen: den Eltern und großen Geschwistern

im Haus, den Mädchen und Jungen, die gerne in unserem

Hof spielten und mich daran teilnehmen ließen.

Ich besuchte die deutsche Schule und eignete mir bis zum

Abitur eine ordentliche Allgemeinbildung an. Dazu gehörten,

besonders als wir in eine Kleinstadt umzogen, auch die

rumänische Sprache und Literatur, die mich manchen Kollegen

im Schulhof ebenso wie den rumänisch sprechenden

Menschen näherbrachten. Als Student der Theologie in Hermannstadt

studierte ich zwei Semester an der ungarischen

Abteilung und erwarb so die Kommunikationsfähigkeit mit

den ungarischen Landsleuten. Als echtes Geschenk empfand

ich, dass ich während meines Vikariates in Bukarest an

grundlegenden Kursen der orthodoxen Theologie teilnehmen

durfte und mit dieser so anderen, tiefen Frömmigkeit

bekannt wurde. Ich wurde Pfarrer in kleinen und großen

Landgemeinden. Überall konnte ich innerhalb und über deren

Grenzen hinaus ökumenisch wirken und in dem Miteinander

den Reichtum der Vielfalt von Kulturen pflegen.

1980 heiratete ich die Physikstudentin Corinna Schunn. Zu

zweit überwanden wir Versorgungs- und andere Schwierigkeiten,

zu zweit waren wir für die Leute der Gemeinden da –

sie als Lehrerin in der Schule und in der Jugend- und Frauenarbeit

und ich im Pfarrdienst. Vier Kinder haben wir in den

Jahren 1982 bis 1991 bekommen, die in der dörflichen,

weitgehend behüteten Umwelt aufwuchsen.

Die „Wende“ brachte große Veränderungen. Ein Großteil der

deutschen Bevölkerung Rumäniens verließ das Land, um im

Westen neu anzufangen. Deutsche Schulen gab es nur noch in


Doch es gab Anfangsschwierigkeiten: Das Pfarrhaus musste

saniert werden – in Lohra fand sich keine Wohnung für unsere

sechsköpfige Familie, wir sollten eine Weile in Rollshausen

wohnen. Das bedeutete: Jeden Tag rund sechsmal

hin- und herzufahren wegen Kindergarten, Schule und Dienst.

Aber wir wuchsen langsam in die Gemeinde hinein. Es gab

durch Gottesdienste, Schul- und Konfirmandenunterricht,

Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Hausbesuche viele

Kontakte.

Der Marburger Bachchor bei einem Auftritt in der

Lutherischen Pfarrkirche

den Städten und es war sehr schwierig, die Kinder dort hinzubringen.

Als dann unsere zweite Tochter Diabetes bekam, entschlossen

wir uns, auch nach Deutschland zu übersiedeln. Bischof

Zippert, den ich als Pfarrer von Michelbach in meiner

Vikariatszeit kennengelernt hatte, sagte mir, dass ich mich für

den Dienst in der Kurhessischen Kirche bewerben könne. Das

tat ich – so kamen wir im August 1993 nach Deutschland und

wurden nach der Übernahmeprüfung Lohra zugeteilt. Im

März 1994 kamen wir zum ersten Mal dorthin, um uns dem

Kirchenvorstand vorzustellen. Fremde aus Rumänien wollten

Pfarrersleute in Lohra werden? Nach einigem zögerlichen

„Abtasten“ fragte ein Kirchenvorsteher: „Glauben Sie an die

Auferstehung“? Es war die Frage nach der Mitte der evangelischen

Botschaft, ohne Umschweife gestellt. Ich konnte die

Antwort so geben, dass Vertrauen aufgebaut wurde und der

Kirchenvorstand der Ernennung zustimmte.

Der Vorgänger hatte eine sehr lebendige Jugendarbeit aufgebaut,

die mehr als 300 Kinder und Jugendliche erreichte. Da

war eine Jugendmitarbeiterin, die mehr als 60 Kinder für

den Kinderchor begeisterte und wunderbare Musicals einübte

und aufführte. Die Schulleitung und das Lehrerkollegium

ermutigten mich, schwerpunktmäßig biblische Geschichten

sowie bekannte und neuere geistliche Lieder zu lehren. Der

Leiter des Posaunenchors begeisterte gut 40 Bläser und gestaltete

immer wieder die Gottesdienste und andere Feste erhebend.

Und wie viele Gemeindeglieder sich zur Mitarbeit

bei Gemeindefesten, aber auch zu regelmäßigen Sammlungen

für die Diakonie, Betreuung der Kinderfreizeiten und

Gestaltung der Missionsfeste und Seniorennachmittage bereitfanden!

Nicht vergessen will ich die vielen gemeinsamen

Aktionen ökumenischer Art in Lohra, als geschwisterliches

Miteinander. Gebetswoche, Ökumenischer Kreuzweg,

Volkstrauertag, Chorfeste... Wenn ich da die Namen von

Pfarrer Schmank und Pastor Friedrich nenne, so stehen sie

für Katholiken und Methodisten als engagierte, offene und

einsatzfreudige Christen, die viel zum Gelingen so manchen

guten Werkes beigetragen haben.

Last, but not least kann ich die Mitarbeit in der Arbeitsgruppe

Straßenkinder in Äthiopien erwähnen. Wir konnten

mithelfen, Tausenden von Kindern die Tore zum Leben zu

öffnen. Sollte ich mich da nicht gerne einbringen, in der Gemeinde,

im Kreis Marburg?

Wenn auch durch den Eintritt in den Ruhestand die meisten

dieser Aktivitäten für mich endeten, bin ich doch sehr dankbar,

in der Region mitgearbeitet zu haben, dass ein gutes

Miteinander vieler Einzelner und Gruppen wächst. Dafür

möchte ich auch weiter da sein.

„Nicht vergessen will ich die vielen gemeinsamen

Aktionen ökumenischer Art in Lohra, als geschwisterliches

Miteinander. Gebetswoche, Ökumenischer

Kreuzweg, Volkstrauertag, Chorfeste…“


EARL

KOLBE

geb. 1949 in Biedenkopf, nach Einschulung

in die Stadtschule Biedenkopf

späterer Wechsel zur Lahntalschule

Biedenkopf, den

Berufsfachschulen Köhlhofer

Baltersee Marburg sowie zum

Elisabeth-Gymnasium

Marburg | Lehrjahre bei der

Firma Reichard Textilgroßhandel

Biedenkopf | AKAD-

Teilstudium Betriebswirtschaftslehre

mit Fachrichtung Tourismus

52 · 53

Earl Kolbe

GRENZGANGSMOHR –

DER TRAUM AN DER LAHN

Aus der Reihe tanzen, das war wohl von Geburt

an eine Eigenschaft, die meinem Erscheinungsbild

zum ständigen Begleiter werden sollte.

Nicht, dass ich eine besondere Neigung zur Auffälligkeit

in mir verspürte, seit ich im Dezember 1949 in

Biedenkopf das Licht der Welt erblickt hatte. Nein, mein

Anderssein offerierte sich mir mit dem ersten jugendlich forschenden

Blick auf die spiegelnde Oberfläche der von mir so

oft und gern besuchten Lahn! Hellwach blickte ich in eine

„dunkle“ Zukunft.

Das Älterwerden beinhaltete auch für mich einen steigenden

Grad der Reife und des Verstehens. Zu diesem wie bei allen

jungen Menschen durch das Heranwachsen sich ständig erweiternden

Wissen über die eigene Person gesellte sich bei

mir die elterliche Information: Dein Papa „Willi“ ist nicht

dein richtiger Papa! Dein Papa wohnt in Amerika! Und..., er

ist schwarz!

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch schon längst Freundschaft

mit einem Ritual des heimatlichen Biedenkopf geschlossen.

Furchterregende Bilder von einem säbelschwingenden

Mohr mit einem zotteligen Vollbart, begleitet von

zwei „Wettläufern“ mit langen Peitschen hatten meine Sympathie

gewonnen! Reiter hoch zu Ross, inmitten einer gleichfalls

mit Säbeln ausstaffierten Meute junger Männer, Schärpen

quer über der Brust, flaumige Federn auf dunklen Hüten

mit weiter Krempe! Das war meine Welt! Ich war fortan fasziniert

und angezogen von den vorwiegend älteren Männern,

die im Zusammenhang mit diesen Bildern immer wieder von

einem Fest namens „Grenzgang“ zu berichten wussten.

Meine unbändige Neugierde bahnte mir den Weg hin zu

deren Herzen und somit zur umfassenden Information über

das geliebte Heimatfest. Als „Grenzgang in Biedenkopf“ mit

Ursprung im 17. Jahrhundert ist ein unvergleichbares Heimatfest

entstanden. An drei Tagen wird der umfangreiche


Um das Besondere des Grenzgangs in Biedenkopf verstehen zu können, muss man daran teilnehmen.

Stadtwald Biedenkopfs bezüglich seiner Grenzen kontrolliert.

Nicht selten war es in der Vergangenheit mit den

Anrainern zu Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf gekommen.

Das sich alle sieben Jahre wiederholende Ritual

der Grenzbegehung wandelte sich kurz vor der Wende zum

20. Jahrhundert zu einem mächtigen Volksfest. Reiter als

Offiziere, Männergesellschaften und Burschenschaften mit

ihren Obersten, Hauptmännern und Führern ziehen gefolgt

von Bürgern und Burschen, Bürgerinnen und Mädchen

gemeinsam über die Gemarkungen der heimischen Waldpracht.

Als besonderes Erscheinungsbild in dieser ohnehin schon

bunt schillernden Schar wertete man den Mohr in schwarzer,

mit reichlichen goldenen Paspelierungen versehenen

Montur und Krummsäbel, flankiert von seinen peitschenknallenden

Wettläufern. Mit diesem Wissen über den Grenzgang

kreierte ich im Grenzgangsjahr 1963 ein Lied für die

Burschenschaft Oberstadt. Allein dies privilegierte mich

jedoch nicht zur Teilnahme an diesem Grenzgang, hatte ich

doch noch nicht die altersmäßige Reife für die Zugehörigkeit

zu den „Owwastärran“.

Das Leben sollte jedoch auch für mich den Beweis erbringen,

dass kein Fest den Ablauf der täglichen Pflichten verbannen

„Missen möchte ich wohl niemals Wald und

Flur der Heimatregion, und somit schließt

sich der Kreis: Wald und Flur, das ist

Grenzgang, Grenzgang, das ist Heimat!“

kann. Wenngleich man den „Berreköppern“ auch nachsagt,

dass sie nur für den Grenzgang leben, so war und ist dennoch

die Zeit „dazwischen“ mit Tätigkeiten zum Erwerb des

täglichen Brotes gespickt. Da mein Gymnasiumbesuch nun

nicht dahingehend Erfolg hatte, dass ich den Beruf des Försters

erlangen konnte, ließ mich meine Liebe zum Wald eine

langjährige Tätigkeit als Forstwirt aufnehmen. Immer wieder

war es der Schlossberg, gekrönt vom Landgrafenschloss

Biedenkopf, dem meine besondere Liebe galt. Längst schon

war ich durch ungezählte eigenverfasste Gedichte zum

„Heimatdichter“ avanciert. Öffentliche Gedichtvorträge bestärkten

mich dahingehend, dass ich für mich in Anspruch

nahm, ein Teil dieser von mir so geliebten Region zu sein.

Dass ich ohne diese „Heimat“ offensichtlich nicht leben

konnte, war oftmals Inhalt meiner Ausführungen, wenn


mich die Muse küsste. So liest sich eines meiner Gedichte

einleitend wie folgt:

Vom Schloß hinab blick ich ins Tal

und einem Vogel gleich

hab` ich in alle Welt die Wahl,

doch, niemals ich entweich!

Nie geh` ich von der Heimat fort,

nie laß ich sie im Stich,

nie gibt es einen andren Ort

Auf dieser Welt für mich!

Mit Blick auf das Jahr 1984 hatte uns der Grenzgang mit

seinem Fieber wieder voll in seinen Bann geschlagen. Eine

weitere fiebernde Liebe machte mich endlich zum Ehemann

der Maren Achenbach, stand unser gemeinsamer Sohn

Oliver doch schon in seinem 13. Lebensjahr. Und so hieß es

denn auch in der Hochzeitsanzeige: „Der Oliver hat es vollbracht,

dass man nun endlich Hochzeit macht!“

54 · 55

Als „Verheirateter“ war mir beim Grenzgang der Weg in

eine Männergesellschaft vorgegeben. Stolz konnte ich in

1984 als 3. Führer der Männergesellschaft Stadtgasse voranschreiten.

Gleichzeitig wählten mich die Führer aller Gesellschaften

zu ihrem Schriftführer. Auch das Grenzgangsjahr

1998 bescherte mir die gleichen Ämter wie das Jahr

1984.

Geschichtsschreibend für die hoffentlich nie ersterbende

Heimatkultur der Grenzgangfeste sind jeweils die gewählten

Wettläufer mit ihrem Mohr. Die Faszination für dieses herrliche

Heimatfest bescherte mir im Grenzgangsjahr 1991 die

ehrenvolle Aufgabe, die Symbolfigur des Grenzgangs zu verkörpern.

Unvergessen wird es für alle Zeiten heißen: Der

Mohr des Grenzgangs 1991 in Biedenkopf war Earl Kolbe!

Endlich konnte ich der oft gestellten Frage, woher denn wohl

der Grenzgangsmohr kommt, eine nicht Ernst zu nehmende

Erklärung zuweisen.

Oftmals kommt die Frage vor:

„Woher stammt der Grenzgangsmohr?“

Doch die Antwort tut stets fehlen!

Ich will sie heute hier erzählen:

In Afrika, im Suppentopf,

saß einst ein Mann aus Biedenkopf

und garte langsam vor sich hin!

Da streift` die Rettung seinen Sinn:

„Schwarzer, läßt Du mich jetzt frei,

bist du beim Grenzgang stets dabei!“

Weil jedermann den Grenzgang billigt,

Grenzstein der Gemarkungsgrenze von 1777/80 auf

Verfügung der „Hochfürstlichen Regierung zu Gießen“.

GB steht für Grund Breidenbach.

hat auch der Schwarze eingewilligt!

Und seither ist es Tradition,

aus Afrika kommt auch ein Sohn!

Gewiss, die Summe der Grenzgänge beschneidet das Leben!

Vielleicht aber haben die Grenzgänge mein Leben erst lebenswert

gemacht. Missen möchte ich wohl niemals Wald

und Flur der Heimatregion, und somit schließt sich der

Kreis: Wald und Flur, das ist Grenzgang, Grenzgang, das ist

Heimat!

Ich denke oft an Episoden in meinem „bunten“ Leben zurück.

Sohn eines amerikanischen farbigen GI`s. Heimatdichter,

Mundart-Liebhaber, Owwastärra, Gässer, Mohr.... von

ganzem Herzen aber „Berreköpper“! Mein Dank geht an die

vielen Biedenkopfer Menschen, die mir den Zauber der Heimat

nicht nur nahebrachten, sondern mich Teil haben ließen.

Erinnerungen an Sie halte ich gerne in meinen Gedichten

wach, mit dem Wissen, dass ich selbst jetzt mit dem Altwerden

die Verpflichtung in mir trage, die Traditionen der

Heimat zu wahren und zu verkünden.


HolzLand Jung GmbH & Co. KG

SEIT GENERATIONEN

KOMPETENZ IN HOLZ

Irene Jung (links) leitet in sechster Generation mit Neffe Frank Sturm und

Schwester Marianne Sturm die Geschicke von HolzLand Jung.

Doch es kam anders: Nach und nach fl orierte das Geschäft,

die Standorte Bad Hersfeld und HolzLand Josef Gentil in

Darmstadt kamen durch Firmenübernahmen hinzu, und

heute ist das HolzLand Jung ein feststehender Begriff für

alles rund um den natürlichen Werkstoff Holz. An allen

Standorten bietet das Unternehmen Plattenwerkstoffe, Bauholz,

Massivhölzer und verschiedenste Holzprodukte für

den Innenausbau sowie die Gartengestaltung ab Lager an.

Hinzu kommen große Ausstellungen, in denen beispielsweise

jeweils mehr als 100 Türen aller Art aufgebaut sind. Sie

laden zum Testen und Entdecken ein. Und auch in Sachen

Fußboden kann das Unternehmen überzeugen: Massivholzdielen,

Parkett, Laminat, Linoleum, Vinyl und Kork sind in

hunderten Varianten vorhanden. Hinzu kommt der Service –

vom Zuschnitt über Lieferung bis hin zur Handwerkervermittlung.

„Wir verkaufen kompromisslose Qualität – und das

Kaspar Jung IV. war es, der 1855 in Klein-Linden

die Tradition des heutigen HolzLands Jung mit

seinen zahlreichen Standorten begründete: Er

startete einen Handel mit Holz, Gips und Brennholz

– und auch Eisenbahnschwellen. Sein Sohn Wilhelm

gab dem heutigen Unternehmen den Namen, und dessen

Söhne und Enkel expandierten weiter, eroberten zunächst

die Region rund um Wetzlar. „Das klingt so leicht und mühelos,

aber der Weg voran war oft steinig und durchaus auch

mit Hindernissen gepfl astert“, erinnert sich Irene Jung, die

heute in sechster Generation gemeinsam mit ihrer Schwester

Marianne Sturm sowie Neffe Frank Sturm die Holzfachmärkte

in Kirchhain, Bad Hersfeld und Darmstadt leitet.

„Als mein Vater 1961 nach Kirchhain kam, fuhr er noch

selbst mit unserem damaligen Lagerplatzmeister in den

Außendienst“, erzählt Irene Jung. „Da konnte es vorkommen,

dass er abends nach Hause kam und nur eine

Hartfaserplatte verkauft hatte. Zu der Zeit wünschte er sich

oft, in Wetzlar geblieben zu sein.“

zahlt sich auch in der heutigen Geiz-ist-geil-Zeit langfristig

für unsere Kundschaft aus.“

Frank Sturm, Mitgeschäftsführer HolzLand Jung GmbH & Co. KG

„Unsere Firmenphilosophie trifft den Nerv der Kunden: Wir

verkaufen kompromisslose Qualität – und das zahlt sich

auch in der heutigen Geiz-ist-geil-Zeit langfristig für unsere

Kundschaft aus“, verdeutlicht Frank Sturm, worauf es bei

HolzLand Jung ankommt.

Kontakt

HolzLand Jung GmbH & Co. KG

Alsfelder Straße 47-49

35274 Kirchhain

www.holzlandjung.de


NINA

KRONJÄGER

Foto: Christine Fenzl

geb. 1967 in Marburg | zwei Kinder | 1986

Abitur in Marburg | 1986 bis 1990 Schauspielschule

Otto-Falckenberg-Schule in

München | 1990 bis 2011 Theater-

Engagements im Schauspielhaus

Kiel, Schauspielhaus Zürich, Theater

am Turm (Frankfurt) und an der

Volksbühne Berlin | 1993 Kinodebüt

im Film „Abgeschminkt“ | seither

zahlreiche Kino- und Filmproduktionen,

wie „Typisch Mann“ (2004),

„Elementarteilchen“ (2006) oder „Ostwind“

und „Ostwind 2“ (2013, 2015)

56 · 57

Nina Kronjäger

TRAUMHAFTE KINDHEIT

IN ZAUBERHAFTER STADT

Keiner will das Baby sehen. 1967 sterben in Marburg

drei Mitarbeiter der Behring-Werke an einem

Virus, der dem Ebola-Erreger gleicht: dem Marburg-Virus.

Eingeschleppt von Meerkatzen, die als

Versuchstiere für Behring importiert wurden. Die Freunde

meiner Eltern rufen an und sagen am Telefon: „Wir haben

Schiss vor Ansteckung. Wir schauen uns Nina nach der Eindämmung

des Virus an.“ Diese Angst war unbegründet, denn

die Stadt reagiert umgehend mit Quarantäne-Maßnahmen.

Marburg hat alles, was ich mir als Kind wünschen kann. Es

gibt den Fluss vor unserer Haustür. Ein Schloss oberhalb der

Stadt. Verwinkelte Gassen. Es ist gemütlich! Aber nicht spießig.

Mit Massen von jungen Menschen, die an der alten Uni

studieren. An der Hand meines Vaters oder meiner Mutter

gehe ich an der Lahn entlang zum Kinderladen. Ich passiere

die eindrucksvolle Elisabeth-Kirche und lasse mir immer

wieder das Leben der Heiligen Elisabeth aufs Neue erzählen.

Wie sie jung verheiratet wurde, ihren Mann verlor, sich gegen

den Willen des Hofes um die Armen kümmerte und

selbst so früh verstarb. Sie wird mein erstes Idol.

Unser Weg führt nach Zwischenhausen, wo 10 Elternpaare

einen Kinderladen selbst auf die Beine stellen. Einen Ort, an

dem die Eltern, Männer wie Frauen, an der Erziehungsarbeit

beteiligt sind. Wir Kinder gewöhnen es uns an, unsere Eltern

mit Vornamen zu rufen, denn Mami oder Papi heißen ja alle.

Mit diesen Kindern bin ich heute noch befreundet, denn sie

sind eher wie Geschwister, die ich nie hatte. Mittags gehen

die Gründerfamilien in die Mensa essen und wir Kinder

spielen dort mit dem überdimensionalen Vorhang der Aula

oder am Fluss, stundenlang, selbstverloren, jeder Tag ein

Abenteuer. Das Leben ein Traum.


Marburg ist eine schöne Stadt mit vielen historischen Gebäuden und geprägt vor allem durch die Universität.

Als ich 1967 zur Welt komme, ist die Kultur-Revolution in

vollem Gange. Junge Menschen, allen voran Studenten, protestieren

gegen überholte autoritäre Regeln, Nato-Nachrüstung

und den Vietnam-Krieg. Ein paar Monate später wird

Benno Ohnesorg erschossen und das bringt das Fass zum

Überlaufen. Auch hier in Marburg wird demonstriert, aber

da die Oberstadt zu eng gebaut ist, muss die Polizei ohne

Wasserwerfer auskommen – sonst würden sämtliche Scheiben

zu Bruch gehen. Mein demonstrierender Vater trifft auf

den Polizistensohn seiner Vermieterin. Mein Vater: „Hey,

was machst Du denn hier?“ Der Vermietersohn grinsend:

„Ich pass auf Dich auf“. Das beschreibt die Lockerheit, mit

der Marburg seine protestierenden Studenten behandelt.

Freiheit und Selbstbestimmung. Das sind die Themen dieser

Generation. Meine Eltern, die man jetzt als 68er bezeichnet,

kommen als 20-Jährige aus unterschiedlichen Regionen und

Gründen nach Marburg. Mein Vater, im zerbombten Darmstadt

groß geworden, verliebt sich 1959 als 19-Jähriger spontan

in Marburg, das völlig intakt geblieben war. Die klassische

Universität strahlt lässige Weltläufigkeit aus. Auch beeindruckt

den nun als Existentialisten gekleideten Schlaks die

Lockerheit der Wirtsleute, die über so manch mitgebrachte

„Bekannte“ wohlwollend hinwegsehen. Das waren immerhin

Zeiten, in denen sich ein Wirt der Kuppelei schuldig machen

konnte.

Meine Mutter kommt ein paar Jahre später aus dem Saarland.

Die bildschöne Tochter eines Steigers und einer Hausfrau

studiert zunächst Geschichte und Französisch im Saarland.

Nach zwei Semestern aber setzt sie ihren Studienwunsch

Kunstgeschichte durch und geht nach Marburg.

Meine Eltern verlieben sich bei einer Exkursion nach Griechenland

und heiraten 1965. Durch einen Zwist mit ihren

Eltern werden ihr die Studiengelder gestrichen und sie

nimmt einen Job im Forschungsinstitut für Kunstgeschichte

an. Um erst einmal meinen Vater zu unterstützen, der ja bald

promovieren will. Sie wird viel Geduld beweisen.

„Ufenrasse 10 a“ habe ich die Leute angelispelt. Unter diesem

Haus treffen sich zwei Arme der Lahn. Aus dem Fenster

beobachten wir Paddelbootrennen und lauschen nachts dem

Rauschen des Wassers. Mit Gerd, dem Vater meiner Freundin

Mirjam, fangen wir Kaulquappen. Im Garten lassen wir

Schildkröten und Meerschweinchen laufen, dazwischen

hüpft meine Katze Minka herum, während am Himmel Propellermaschinen

den Horizont zerschneiden. Bis heute verbinde

ich das Geräusch der kleinen Flugzeuge mit unserer

Wurschtelei im Garten. Ich bin unersättlich nach Bewegung.

Bei Spaziergängen renne ich voraus und scheue keinen

Extraweg. Wenn ich gerade nicht in Bewegung bin, übernimmt

meine Zunge. Dann quassle ich unentwegt.


58 · 59

Bei archäologischen Ausgrabungen unter dem ehemaligen

Horten-Kaufhaus begleite ich als Fünfjährige meinen Vater.

Am Ende des Tages bitten seine Kollegen ihn, mich nicht

wieder mitzubringen, weil ich eine unerträgliche Labertante

sei. Den Nachwuchs auf Distanz halten hat er schon geübt,

da er Tag und Nacht an seiner Doktorarbeit schreibt. Das

Arbeitszimmer wird mit einem Türgitter vor meinen Invasionsversuchen

geschützt.

Aber man muss sich auch vor mir in Acht nehmen, denn

meine Auftritte sind unfallträchtig. Häufig enden meine

Abenteuer in der Unfallklinik. Einmal gehen meine Eltern

mit mir Ruderboot fahren. Ich rege mich über jemanden im

Nebenboot auf, der oben ohne rudert: „Du sollst nist nackt

fahren“ – und lande im Wasser. Einmal hat meine Mutter in

meiner Jackentasche eine Muschel gefunden, die hatte ich

aus der Lahn geholt, wo manchmal die Kanufahrer schwierige

Partien gefahren sind. Sie lebte noch und wir haben sie

Bekannten für ihr Aquarium gegeben.

Unser Kinderladen. Wir sind die erste Generation, deren

Eltern noch studieren. Der erste Laden befindet sich in Zwischenhausen.

Dann ziehen wir in die Ketzerbach in ein idyllisches

kleines Haus mit Garten im Leckergässchen. Unsere

Eltern versuchen sich an der antiautoritären Erziehung und

diskutieren viel mit uns. Wir lernen mitzubestimmen und

machen unsere eigenen Erfahrungen. Erst nachdem der

Studenten vor dem Hörsaalgebäude der Universität Marburg

Spielraum und der Garten vollgemüllt sind, beginnen wir

aufzuräumen. Jeden Freitag übernehmen die Eltern unsere

Betreuung. Den Rest der Woche verbringen wir mit der blutjungen

Kindergärtnerin Marita, die Lust auf unseren chaotischen

und sympathischen Haufen hat.

Die erste Klasse besuche ich in Ockershausen, praktisch mit

allen Kindern aus dem Laden. Wir gehen in die Theodor-

Heuss-Schule. Neben dem Hort ist ein Bauer, der dort seine

Schweine schlachtet. Von dem Quieken der Schweine erzähle

ich oft zuhause. Ein Mädchen aus Ockershausen nimmt

mich mit nach Hause. Ihr Vater, der im Garten Gemüse

zieht, fängt diebische Spatzen in einem Käfig, um ihnen später

den Hals umzudrehen. Diese Sorten Grausamkeiten beeindrucken

mich. In dieser Zeit versuche ich, wie ein Junge

im Stehen zu pinkeln. Das klappt eigentlich ganz gut. Die

Kerle behaupten, sie könnten mehr und hätten es besser als

wir Mädchen. Wir glauben ihnen nicht. Manchmal schwänzen

wir den Hort. Ich erinnere mich, dass ich nach der Schule

stundenlang in Bäumen sitze, dem Rauschen der Blätter

lausche und den Blick schweifen lasse. Einigen Jungs beweisend,

dass ich genauso mutig bin wie sie.

1972 promoviert mein Vater. Meine Mutter atmet auf. Nun

wird sie ihr Studium fortsetzen können, weil er die Familie

ernähren kann. Das tut er ab 1974. Aber dafür müssen wir

umziehen. Nach Mannheim. Auch die befreundeten Kommilitonen

sind nach und nach mit ihren Studien durch. Wir

Kinder werden in alle Winde verstreut. Unsere Alten halten

den Kontakt und alle paar Jahre treffen wir uns. Kinder,

Eltern und Marita. Bis heute.

Meine traumhafte Kindheit in dieser zauberhaften Stadt

wird durch den Umzug jäh beendet. Mannheim, die Arbeiterstadt,

wo es nach Chemie stinkt, die Mutter Asthma bekommt

und ich in der Schule das einzige Kind von Akademikern

bin. Ein Jahr lang habe ich mich auf meinen Schrank

verkrochen und geweint. Inzwischen bin ich viel herumgekommen

und habe etliche charmante Orte gesehen. Aber

Marburg ist der schönste. Die Mischung aus Gemütlichkeit

und Weltoffenheit ist unschlagbar. Mein Vater wird als Lektor

und Kurator arbeiten und dies ist nicht mein letzter Umzug.

Meine Mutter wird im zweiten Anlauf ein klassisches

Mode-Studium machen: Pädagogik und Sprachen, auf

Lehramt. Als sie ihr Studium beendet, bin ich 16. Praktisch

meine ganze Jugend hindurch hat jemand in der Familie

studiert.


Blick von der Lahn über das Wehringhauser Wehr auf die Altstadt von Marburg

Mich hat es zur Praxis gezogen, in der Schauspielschule wird

getanzt, gelabert, gefochten und gesungen. Das Sammeln

und Stöbern, sich vertiefen, die Zeit vergessen, das klassische

Studieren einer Sache und das Experimentieren beim

Denken, dafür habe ich erst jetzt Geduld entwickelt.

„Berlin ist zwar ebenso weltoffen

wie Marburg, aber von Gemütlichkeit

ist nichts zu spüren.“

Berlin ist zwar ebenso weltoffen wie Marburg, aber von Gemütlichkeit

ist nichts zu spüren. Vielleicht habe ich mir aus

diesem Grund eine Ecke gesucht, die eher beschaulich und

ruhig ist. Und so wohne ich nun in einem Teil Berlins, in

dem ich „mein Marburg“ gefunden habe.


Dem DRK Rettungsdienst

Mittelhessen ist beides

wichtig: eine qualitativ

hochwertige, fachliche

Leistung und ein menschlicher,

patientenorientierter

Umgang im

Einsatzdienst

Foto: Ingo Becker

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Das Deutsche Rote Kreuz in Mittelhessen

DER MENSCH STEHT

IMMER IM MITTELPUNKT

Eine große Gemeinschaft von Helfenden, die stets das

Wohl der Menschen im Blick hat – mit diesen

Schlagworten lässt sich die Arbeit des DRK Kreisverbands

Marburg-Gießen und des Rettungsdienstes

Mittelhessen charakterisieren. 850 aktive Mitglieder zählt

der Kreisverband, hinzu kommen rund 15.400 Fördermitglieder

und etwa 650 hauptamtliche Mitarbeiter beim Kreisverband

und bei der Rettungsdienst-GmbH. Gibt es einen Notfall,

sind die Kräfte des Rettungsdienstes – einer Tochtergesellschaft

der DRK Kreisverbände Marburg-Gießen und

Biedenkopf – binnen weniger Minuten vor Ort – dank strategisch

günstig liegender Rettungswachen. Die Mitarbeiter

leisten jährlich mehr als 60.000 Einsätze im Einzugsgebiet der

Rettungsdienst-GmbH, bilden den Großteil der Notfallversorgung

im Landkreis ab und stellen stets die bestmögliche

medizinische und auch menschliche Versorgung in den

Mittelpunkt.

Und das mit Erfolg, wie die Statistik belegt: Demnach haben

Menschen, die hier einen plötzlichen Herzstillstand erleiden,

weitaus bessere Überlebenschancen als andernorts. Liegt die

Zahl der Überlebenden bundesweit bei sieben pro 100.000

Einwohnern, ist deren Zahl im Landkreis mit 14 doppelt so

hoch. „Eine hochwertige fachliche Leistung ist uns sehr wichtig

– ebenso wie ein menschliches und patientenorientiertes

Verhalten im Einsatzdienst“, unterstreicht Markus Müller,

Geschäftsführer des DRK Rettungsdienst Mittelhessen.

Die große Gemeinschaft der Rotkreuzler fußt auf dem Grundsatz,

Menschen unvoreingenommen in jeder Situation mit

Hilfe zur Seite zu stehen – so, wie es in den Statuten des Roten

Kreuzes schon 1965 international proklamiert wurde. Die Arbeit

nur auf den Rettungsdienst zu beschränken, wäre darum

verkürzt: Von Erste-Hilfe-Kursen, Hausnotruf oder „Essen

auf Rädern“ über betreutes Reisen, Bewegungsprogramme

oder die DRK-Kleiderläden bis hin zu Therapiehunden und


Die große Gemeinschaft der Rotkreuzler fußt auf

dem Grundsatz, Menschen unvoreingenommen in

jeder Situation mit Hilfe zur Seite zu stehen – so,

wie es in den Statuten des Roten Kreuzes schon 1965

international proklamiert wurde.

Foto: DRK/Zelck

Eine Vielzahl von Erste-Hilfe-Kursen gehört zum Angebot des DRK.

der Rettungshundestaffel reicht das Angebot. Hinzu kommen

Bereitschaftsdienste – etwa bei Veranstaltungen – ebenso wie

der Blutspendedienst, die Flüchtlingshilfe oder der Katastrophenschutz.

Bestes Beispiel, wie gut dies funktioniert, hat der Einsatz zur

Bewältigung der Flüchtlingsströme im Sommer 2015 gezeigt:

Haupt- und Ehrenamt zogen an einem Strang, um innerhalb

kürzester Zeit Möglichkeiten zu schaffen, um die Menschen

zunächst mit dem Nötigsten zu versorgen und allen einen

Schlafplatz anbieten zu können – und später um die Erstaufnahmeeinrichtungen

und die Kleiderkammer zu betreiben.

„Bei uns geht es also um weit mehr, als Bedürftigen einen

Teller Suppe oder ein paar Schuhe zu reichen – sondern es

geht auch darum, im Notfall so professionelle Hilfe zu leisten,

dass man Leben retten kann. Das Spektrum reicht von der

Suppe bis zum Herzinfarkt“, fasst Christian Betz, Vorstand

des Kreisverbandes, zusammen.

Welche wichtige Rolle das DRK im Landkreis spielt, wird

auch an den zahlreichen Funktionen deutlich, die in Marburg

angesiedelt sind: Im Rudert ist das „DRK Forum“ entstanden,

das zahlreiche Dienste des DRK bündelt und somit eine noch

verzahntere Zusammenarbeit ermöglicht. Auf dieser „DRK-

Meile“ in Marburgs Süden fi nden sich neben der Geschäftsstelle

des Kreisverbandes auch das Bildungszentrum, die Logistik

und die Werkstatt des DRK Rettungsdienstes Mittelhessen.

Jüngster Baustein des Konzepts ist das neue DRK-

Katastrophenschutz-Zentrallager für die Landkreise Marburg-Biedenkopf

und Gießen. Für notfallmedizinische und

rettungsdienstliche Aus-, Fort- sowie Weiterbildungen gibt es

das DRK Bildungszentrum (BZ) unter dem Dach des Rettungsdienstes.

In Kooperation mit dem Kreisverband bietet

das BZ auch Rettungssanitäter-Lehrgänge für ehrenamtliche

Kräfte im Katastrophenschutz an. Zum Bildungszentrum gehört

auch das Simulationszentrum mit modernster Technik:

Dort können sehr realitätsnah im geschützten Rahmen Notfallsituationen

trainiert werden, um Handlungssicherheit zu

erwerben. Die Kursangebote werden auch von Kliniken nachgefragt.

Für diese bietet das Team des Simulationszentrums

Inhouse-Schulungen an – zum Beispiel Notfalltrainings für

Intensivstationen oder Notfallaufnahmen.

Kontakt

DRK Kreisverband Marburg-Gießen e. V.

Geschäftsstelle Marburg

Im Rudert 13

35043 Marburg

www.drk-mittelhessen.de

DRK Rettungsdienst Mittelhessen

Foto: Ronald Henning

Am Krekel 41

35039 Marburg

www.rdmh.de

Die Rettungswache Marburg-Süd


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ELKAS GmbH & Co. KG

AUS PRINZIP 100 PROZENT

FÜR DEN ERFOLG DES KUNDEN

Wer sich mit Produkten und Dienstleistungen

rund um Transport und Lagerhaltung einen

Namen machen will, muss effi ziente Lösungen

anbieten können – gerade in den Branchen,

in denen die Just-in-time-Produktion hohe Anforderungen

an die Logistik stellt. Die ELKAS GmbH & Co. KG

überzeugt hier seit sechs Jahrzehnten als Entwicklungspartner

und Hersteller von bewährten wie auch innovativen

Lösungen für den rationellen Warenfl uss. Im intensiven

Dialog mit den langjährigen Kunden – mehrheitlich sind

dies international aufgestellte Partner aus der Automobilindustrie

und deren Zulieferer – erarbeiten die ELKAS-

Profi s Lösungen in den Bereichen Einlagerung und Transport

von Komponenten und Bauteilen für den Fahrzeugbau.

„Wir entwickeln und produzieren zum Beispiel Gitterboxen,

Paletten und Sondertransportgestelle sowohl für die

Pkw-Industrie als auch für leichte und schwere Nutzfahrzeuge

sowie für den Busbau“, erklärt Jürgen Lohse, der

zusammen mit Jürgen Siegel die Geschäfte der Firma

ELKAS leitet. „Das ELKAS-Programm standardisierter

starrer oder wahlweise zusammenlegbarer Boxen bietet

eine sinnvolle und umfangreiche Auswahl für nahezu jeden

Einsatzzweck“, nennt der Diplom-Ingenieur ein Beispiel

von vielen. Neben dem Angebot an standardisierten Universalladungsträgern

profi liert sich ELKAS auch als Entwicklungspartner

und Produzent für individuelle Einsatzzwecke

– sogenannte Sonderladungsträger.

Das Unternehmen garantiert dank moderner Fertigungsanlagen

und ständig optimierter Verfahren einen hohen

Qualitätsstandard, der unter anderem nach DIN EN ISO

9001 dokumentiert ist. „Des Weiteren wurde die hohe

Qualität unserer Produktion mehrfach durch Lieferantenauszeichnungen

weltbekannter Konzerne gewürdigt“, ergänzt

Jürgen Lohse. Konstruktiver Aufbau, fertigungstechnische

Details, statische Randbedingungen sowie ergono-


Im intensiven Dialog mit den langjährigen Kunden – mehrheitlich sind dies international

aufgestellte Partner aus der Automobilindustrie und deren Lieferanten oder deren Zulieferer­–­erarbeiten­die­ELKAS-Profi­s­Lösungen­in­den­Bereichen­Einlagerung­und­Transportvon

Komponenten und Bauteilen für den Fahrzeugbau.

mische Aspekte und Forderungen des Arbeitsschutzes fl ießen

jederzeit in die Produkte ein und haben sich unzählige

Male im praktischen Einsatz weltweit bewährt. „Wir liefern

aus Prinzip 100-prozentige Lösungen für unsere Kunden“,

bringt es Mitgeschäftsführer Lohse auf den Punkt.

Die rationell strukturierte serielle Produktion erlaubt es

ELKAS zudem, ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis an

die Kunden weiterzureichen.

Lohse – getreu dem Firmenmotto „Unser Einsatz für Ihren

Erfolg“, das gleichzeitig Leitmotiv, Herausforderung und

Anspruch für ELKAS ist. Heute präsentiert sich ELKAS als

erfahrenes und innovatives Unternehmen, das für seine hohen

Standards in Zuverlässigkeit, Produktqualität, Dialogbereitschaft

und Preiswürdigkeit weltweit als Partner geschätzt

ist und dabei fest in der mittelhessischen Heimat

verwurzelt ist.

Auf Basis der über 60-jährigen Erfahrung mit teils hochkomplexen

Anforderungen aus unterschiedlichen Märkten

und Regionen auf der Weltkarte entwickeln die ELKAS-

Spezialisten in Konstruktion und Prototypenbau kreative

und sinnvolle Lösungen für das vom Kunden defi nierte

Einsatzgebiet. „Dabei setzen wir auf moderne CAD-Technik

sowie auf unser umfangreiches Zeichnungsarchiv mit

Tausenden von Beispielen und Erfahrungswerten aus

bereits erfolgreich umgesetzten Projekten“, erläutert Jürgen

Kontakt

ELKAS GmbH & Co. KG

Bahnhofstraße 30

35075 Gladenbach

www.elkas.de


SIMONA

LISON

geb. 1980 in Gießen | aufgewachsen in einem kleinen Bauernhaus

mit Pferdestallungen in einer Familie und als eine von zwei Töchtern

in Grünberg-Beltershain | nach dem Abitur Ausbildung zur

Werbekauffrau | 2001 bis 2006 Studium der Erziehungswissenschaften

an der Philipps-Universität in Marburg |

wohnt seit 2006 in Marburg | seit 2006 Mitarbeiterin des

bsj Marburg e.V. im Projekt „Lebensweltbezogene Schulsozialarbeit“

| seit 2012 in diesem Projekt Leiterin

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Simona Lison

DIE ZUKUNFT

UNSERER JUGEND

MITGESTALTEN

Wenn ich heute an das Jahr 2006 denke,

schmunzele ich über das ganze Gesicht. Es

war mein erstes Jahr hier als Schulsozialarbeiterin.

Ich denke oft über die vielen chaotischen

Autofahrten durch den Landkreis nach, obwohl ich

mich gut orientieren kann.

Wenn ich versuchte, über alternative Wege nach Steffenberg

zu kommen, haben die kleinen Dörfer im Hinterland mit

ihren vielen kleinen Straßen mich häufig verwirrt. Allerdings

sind mir die langen Fahrten zu den Schulen, die schöne

Natur des Hinterlandes, die bunten Wälder und die tollen

Aussichten in guter Erinnerung. Daran zu denken, genieße

ich noch heute. Vieles erinnert mich an meine Heimat.

Jugendliche gestalten ihren Jugendraum in Lohra mit Graffiti.

In meinem Beruf habe ich viele Schulen, Lehrkräfte, Eltern

und vor allem Kinder und Jugendliche des Landkreises kennengelernt.

In den Schulen habe ich Jugendliche begleitet,

Bildungsangebote entwickelt und mit den Jugendlichen um-


„Ein Ziel ist es, den Landkreis

attraktiv zu gestalten, um die

eigene Zukunft dort mit einem

guten Angebot von Arbeitsplätzen,

Freizeitmöglichkeiten

und Bildungsangeboten zu

verbringen.“

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf ist der an Schafen reichste Kreis in Hessen. Jährlich demonstrieren

die Schäfer ihr können beim Kreisleistungstreffen.

gesetzt. In xxx habe ich zwischen Jugendlichen vermittelt

oder Lehrkräfte beraten. Besonders in Erinnerung bleiben

aber die zahlreichen Bildungsprojekte.

Auf der Suche nach Abenteuern sind wir durch den Landkreis

gestreift. Steile Waldhänge und ruhige Weiten luden

uns ein, den Körper zu bewegen und Zeit zum Nachdenken

zu haben. Das Erleben von schönen, aber auch anstrengenden

Situationen ließ bei den Jugendlichen Durchhaltevermögen,

Zuversicht und Optimismus erwachsen. Später haben

wir uns in unbekannte Gegenden gewagt, sind Kanu gefahren,

waren wandern und sind mit Schneeschuhen gelaufen.

Wir kamen mit vielen spannenden Erfahrungen und Eindrücken

gerne wieder in den Landkreis zurück.

Zukunft ist ein großes Thema bei den Jugendlichen. Eine

schwierige Fragestellung für 14-, 15- oder 16-Jährige? Wie

wollen wir in Zukunft leben? Wie können wir sie selbst gestalten?

Was können wir uns aussuchen und was müssen wir

hinnehmen? Mit Jugendlichen über diese Fragen zu philosophieren

liebe ich. Ich möchte gerne die jungen Menschen

dabei begleiten, ihre Zukunft aktiv zu gestalten und sich in

ihren Gemeinden zu engagieren.

Ein Ziel ist es dabei, den Landkreis attraktiv zu gestalten,

um die eigene Zukunft dort mit einem guten Angebot von

Arbeitsplätzen, Freizeitmöglichkeiten und Bildungsangeboten

zu verbringen.

Als Schulsozialarbeiterin hatte und habe ich die Möglichkeit,

Jugendliche zu unterstützen. Viele Ideen und Anregungen

kommen von ihnen selbst, wir müssen ihnen nur zuhören

und ihre Belange übersetzen. Und neben dem Schulleben

ist dabei auch ihr Lebensraum wichtig. Ich erinnere mich

noch an den Moment, als ich hörte, wie ein Lehrer in Steffenberg

im Lehrerzimmer „Platt“ sprach. Es entfachte sofort

ein Gefühl von Heimat und Kindheit in mir. Ich bin

vielleicht eine Schulsozialarbeiterin aus der Stadt, aber

eigentlich eine von ihnen.

Sich für Rechte einsetzen, Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen

und die Vielfalt der Menschen achten, das sind Werte,

die ich von meinen Eltern lernte. Ich selbst lebe diese Tradition

weiter. Deshalb habe ich stets ein offenes Haus für

Freunde und Bekannte. Wir kochen Essen aus vielen Ländern,

spielen Gesellschaftsspiele, diskutieren am Lagerfeuer

oder hecken neue Pläne aus.

Auch das Ehrenamt ist für mich kein Fremdwort, und es ist

für mich selbstverständlich zu helfen. Heute leite ich beim

„bsj Marburg“ vielfältige Projekte. Ich fahre durch den Landkreis

und unterstütze meine Kolleginnen und Kollegen in ihrer

Arbeit der Schulsozial- und Offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Vor allem bündele ich die Belange der Kinder und Jugendlichen

und entwickele mit meinem Team neue Projekte.

Dabei lasse ich mich auch durch meine Hobbys inspirieren.

Ich fotografiere, male und nähe gerne. Wenn ich verreise,

möchte ich neben den Ländern die Menschen, die Kultur,

die Traditionen der Orte kennenlernen.

In meinem Alltag gehe ich gerne ins Theater. Wenn ich Zeit

für mich brauche, mache ich Yoga. Ich kann sagen, dass ich,

auch wenn ich hier nicht geboren wurde, an dem Landkreis

hänge. Seine Vielfältigkeit begeistert mich. Und: Selbstverständlich

freue ich mich darüber, hier die Zukunft unserer

Jugend mitzugestalten.


PROFESSOR

GERD

MANTHEI

geb. 1961 in Eckelshausen | ein Kind | Ausbildung

zum Schlosser | Fachabitur abends an den Beruflichen

Schulen Biedenkopf | 1983 bis 1986

Maschinenbau-Studium an der FH Gießen-

Friedberg | 1985 bis 1992 Wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Battelle-Institut, Frankfurt |

1987 bis 1991 Studium der Physik in Frankfurt |

1992 bis 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Fraunhofer-Institut, Dresden | 1993 Gründung

der „Gesellschaft für Materialprüfung und Geophysik“,

Ober-Mörlen | seit 2007 Professor an

der Technischen Hochschule Mittelhessen |

Auszeichnungen: 1992 Auszeichnung der WE-

Heraeus-Stiftung, 2010 Kishinouye-Award (Japan)

für die langjährige Arbeit auf dem Gebiet

der Schall emissionsanalyse

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Professor Gerd Manthei

DURCH DEN SPORT

ZURÜCK IN DIE HEIMAT

Wir sind vier Geschwister und in der Familie

gab es damals nur einen Alleinverdiener –

daher durfte mein Bruder Abitur machen.

Also habe ich nach dem Realschulabschluss

eine Schlosserlehre absolviert und in der Abendschule das

Fachabitur gemacht. Zwei Jahre hat es gedauert – da braucht

man schon etwas Stehvermögen. Nach dem anschließenden

Wehrdienst studierte ich Maschinenbau in Gießen und arbeitete

parallel im Battelle-Institut in Frankfurt. Dort habe

ich meist mit Physikern zusammengearbeitet. Die hatten

einen Forschungsauftrag mit Blick auf die Endlagerung radioaktiver

Abfälle in Steinsalz. Das ist ja heute noch ein

heikles Thema – Stichwort Gorleben, Morsleben, Asse. Das

Thema hat mich begeistert, also habe ich noch mal von

vorne begonnen und Physik studiert.

Promoviert habe ich 2004 in Hamburg, drei Jahre später

folgte der Ruf an die Technische Hochschule Mittelhessen in

Gießen. Mein großes Glück war, dass in 2011 die Außen-

stelle von StudiumPlus in Biedenkopf geschaffen wurde,

denn so bin ich ins Direktorium gekommen und konnte die

Außenstelle mit aufbauen.

Die praxisnahe Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen

Firmen, um Fachkräfte für die Region zu entwickeln, ist

äußerst spannend. Ein Curriculum am Bedarf zu entwickeln

und dann gemeinsam mit den Firmen zu erarbeiten, welche

Inhalte gefordert sind, ist eine große Stärke von

StudiumPlus.

Dabei hat mich zunächst nicht der Beruf zurück in meine

Heimat gebracht, sondern der Sport. In der Schulzeit kam

ich zum Volleyball, bin recht schnell in die Männermannschaft

aufgestiegen. Und als ich dann mein erstes Auto hatte,

fuhr ich nach Marburg, um dort zu trainieren und zu

spielen, denn die Marburger waren in einer höheren Klasse.

Später wechselte ich zum USC Gießen, wurde mit der Mannschaft

Deutscher Meister und Pokalsieger. So habe ich mir


über den Sport schlussendlich mein Studium finanziert. Ich

wechselte zurück nach Biedenkopf, wir stiegen nach zwei

Jahren in die Zweite Liga auf – das war ein tolles Jahr, mit

jeder Menge Begeisterung auch beim Publikum. Allerdings

war es schwierig, Studium und Volleyball unter einen Hut zu

bekommen. Also ging ich wieder nach Gießen, denn so entfiel

das Fahren. Sportlich ging es dann erneut nach Biedenkopf,

ich habe dann später die Möglichkeit gehabt, die Zweite-Bundesliga-Mannschaft

vier Jahre lang zu trainieren. Und

seit 1999 bin ich hier verwurzelt.

Die Region ist sehr lebenswert, das merkt man vor allem,

wenn man woanders gelebt hat. Wenn ich etwa bei Tagungen

in großen Städten bin, dann stört mich ganz schnell der

Lärm. Hier habe ich das Gefühl, dass ich zuhause bin. Ich

finde alles, was ich brauche: Ausgleich durch Sport in der

Natur beim Mountainbiken im Mittelgebirge, und beruflich

durch die Leitung der StudiumPlus-Außenstelle, mit der ich

etwas für die Region bewirken kann. Spannend finde ich

auch die Einblicke in die Wirtschaft mit ihren hochinteressanten

Persönlichkeiten, die mir mein Beruf ermöglicht: von

kleinen Firmen mit zwei oder drei Personen bis hin zu Unternehmen,

die weit mehr als 1. 000 Mitarbeiter haben.

Man spricht immer von den „Hidden Champions“ – und

von denen haben wir viele in der Region. Es gibt ein riesiges

Potenzial. Mit unserem Angebot von StudiumPlus können

wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Unternehmen ihre

Fachkräfte vor Ort entwickeln können und diese dann auch

„Ich­finde­alles,­was­ich­brauche:­Ausgleich­durch­Sportin

der Natur beim Mountainbiken im Mittelgebirge, und

beruflich­durch­die­Leitung­der­StudiumPlus-Außenstelle,­

mit der ich etwas für die Region bewirken kann.“

Schülerinnen der Steinmühle beim Rudern auf der Lahn


Das kreiseigene Schloss in Biedenkopf

68 · 69

in der Region bleiben. Hätte es ein solches Angebot schon zu

meiner Studienzeit gegeben, ich hätte es wohl wahrgenommen

und wäre hier geblieben.

Ein Glücksfall ist auch, dass der Landkreis die Chance der

Außenstelle erkannt hat und den Neubau ermöglicht. Die

Investition von 12,5 Millionen Euro ist sicher eine Investition

in die Zukunft. Dabei gab es eine sehr kooperative und konstruktive

Zusammenarbeit. So wurde auf eine Anforderungen

detailliert eingegangen und sie wurden zu 100 Prozent

umgesetzt. Davon kann man sonst nur träumen.

In einer Großstadt könnte ich nicht leben. Biedenkopf ist für

mich der Ort, in dem ich mich niedergelassen habe – ganz

bewusst, denn ich fühle mich in jeder Hinsicht wohl und

vermisse nichts. Kulturell ist die Region ebenfalls sehr gut

aufgestellt, das ist mir wichtig. All diese Vorteile werten die

wunderschöne Gegend zusätzlich auf. Außerdem bietet mir

Biedenkopf auch beruflich gute Entwicklungsmöglichkeiten.

Hier kommt man mit den Menschen leicht in Kontakt und

wird akzeptiert, ob privat oder in Unternehmen. Dabei lege

ich keinen Wert auf Titel, denn meiner Meinung nach bauen

Titel Barrieren auf. Klar, den Titel habe ich mir erarbeitet,

Biedenkopf ist für mich der Ort, in dem ich

mich niedergelassen habe – ganz bewusst,

denn ich fühle mich in jeder Hinsicht wohl

und vermisse nichts. Kulturell ist die Region

ebenfalls sehr gut aufgestellt, das ist mir

wichtig. All diese Vorteile werten die

wunderschöne Gegend zusätzlich auf.“

mit viel Stehvermögen. Während des Studiums gab es durchaus

Situationen, in denen ich mir die Frage gestellt habe, aufzuhören.

Aber durch den Sport habe ich gelernt, mit Niederlagen

umzugehen und Erfolge zu genießen.

Und bei meiner täglichen Arbeit gibt es ebenfalls eine Parallele

zum Sport: Als Trainer musste ich meine Mannschaft

motivieren. Das versuche ich auch heute mit meinen Studenten:

Während des Grundstudiums gehen nahezu alle durch

meine Hände. Durch Hilfestellungen kann ich sie ebenfalls

motivieren. Ich möchte den jungen Leuten Sicherheit geben –

so wie ein Trainer seiner Mannschaft. Ich versuche auf jeden

Fall, für alle ein Ansprechpartner zu sein.


Meier III GmbH Metzgerei & Partyservice

REGIONALITÄT UND

BESTER GESCHMACK

Regionalität, gepaart mit kompromissloser Qualität

– das ist die oberste Prämisse bei der Metzgerei

Meier III. Und das ist kein Lippenbekenntnis,

wie Metzgermeister Martin Meier verdeutlicht:

„Wir setzen auf unsere traditionellen, handwerklichen

Werte: Fleisch von heimischen Landwirten aus der Region,

natürliche Gewürze – und alles wird selbst hergestellt, wir

verzichten komplett auf Zukaufprodukte.“

Tradition und Moderne – das macht heute die Metzgerei

aus. Heinrich Meier eröffnete 1910 eine Gaststätte in Beltershausen,

dessen Sohn Heinrich Meier III erweiterte den

Bau in den 1930er-Jahren mit einem Metzgerladen mit

eigener Schlachtung. 1958 übernahm er seinen ehemaligen

Lehrbetrieb in Marburg und verlegte die Produktion dorthin.

Sein Sohn, der ebenfalls Heinrich heißt, trat 1965 ins

Unternehmen ein. „Uns liegt die Region mit ihren Menschen

und den gewachsenen Strukturen am Herzen“, sagt

Heinrich Meier III jun. Daher fördert er mehrere Vereine

der Region, unter anderem den Fußballverein SV Beltershausen.

Vor diesem Hintergrund erfand er auch den

„Meier-III-Cup“, der sich mittlerweile zu einem namhaften

Fußballturnier mit einem üppigen Preisgeld für die heimi-

schen Mannschaften entwickelt hat. „Die Idee war auch,

den Menschen, die sich im Verein engagieren, etwas

zurückzugeben.“

Martin Meier hat die Metzgerei konsequent weiterentwickelt:

Es gibt rund 80 hausgemachte Wurst- und Schinkenspezialitäten,

immer mit dem Blick auf die hochwertige

Zubereitung. Etwa beim „Beltershäuser Landschinken“,

der nach einem Rezept von Martin Meiers Großvater unter

Verwendung verschiedener Salzarten lange reift. „Dabei

verliert er zwar an Gewicht, gewinnt aber merklich im Geschmack.“

Darüber hinaus gibt es bei Meier III Fertiggerichte

in Gläsern – Kürbissuppe und Wildgulasch ebenso

wie Currywurst – alles zubereitet in der fi rmeneigenen Küche

in der Straße Am Grün. Sämtliche Spezialitäten bietet

Meier III zudem in Geschenkboxen zum Mitnehmen oder

im Versand an – als ein Stück „Marburg für zuhause“.

Abgerundet wird das Angebot durch den beliebten Veranstaltungsservice.

Ob Familienfeier, Tagung oder Firmenevent

– Meier III ist immer dabei. „Seit mehr als 20 Jahren

planen wir Veranstaltungen individuell für unsere Kunden.

Was können wir für Sie tun?“, fragt Martin Meier.

„Wir setzen auf unsere traditionellen,

handwerklichen Werte – bei Meier III

stellen wir alles selbst her.“

Martin Meier, Geschäftsführer Meier III GmbH

Kontakt

Meier III GmbH

Am Grün 35a

35037 Marburg

www.meier3.de


ANDREAS

MARLOW

geb. 1963 in Eutin, verheiratet | 1982 Eintritt in die

Bundeswehr bei Panzerbataillon 183, Boostedt | 1983 bis

1986 Studium der Pädagogik an der Universität der

Bundeswehr (Dipl.-Päd.) Hamburg | 1986 bis

1995­Offizier­in­Boostedt­und­Flensburg­|­1995­

bis 1997 Generalstabsausbildung in Hamburg |

1997­bis­1999­Stabsoffizier­in­Neustadt­|­1999­bis­

2000 Generalstabsausbildung in Toronto | 2000

bis 2001­Generalstabsoffizier­Bereich­Führungslehre

Heer, Hamburg | 2001 bis 2004 Referent

im Verteidigungsministerium | 2004 bis 2006

Kommandeur in Schwerin | 2007 bis 2011 Referatsleiter

in Köln, danach im Verteidigungsministerium | 2011 bis

2014 Kommandeur in Torgelow und Munster | Einsätze

im Kosovo (2006) und in Afghanistan (2012) | seit 2015

Divisionskommandeur in Stadtallendorf

70 · 71

Generalmajor Andreas Marlow

LEBEN UND DIENST

VERBINDEN SICH HIER IDEAL

A

ls ich 1997 in die Panzerbrigade 14 „Hessischer

Löwe“ nach Neustadt versetzt wurde, kannte

ich Hessen lediglich von Urlauben in der Rhön

und im Odenwald. Als gebürtigem Schleswig-

Holsteiner fielen mir die Herzlichkeit und die Offenheit der

Menschen mir und der Bundeswehr gegenüber auf. In Treysa

fand ich eine schöne Wohnung in einem Haus, das von einer

älteren Dame sowie der Familie ihrer Tochter bewohnt

wurde. Nicht selten passierte es, dass ich am Wochenende

Brötchen vor meiner Tür fand oder – wenn ich abends vom

Dienst kam – zu gerade im Gang befind lichen Familienfeiern

hinzugebeten wurde. Ich habe hier im besten Sinne des Wortes

schnell „Familienanschluss“ gewonnen.

Im Dienst war die besonders kameradschaftliche Atmosphäre

durch Persönlichkeiten geprägt, die aus der Region

stammten, hier wohnten und die herzliche hessische Lebensart

erlebbar machten. Viele spontane Feiern aus Anlass eines

Geburtstags oder anderer erfreulicher Begebenheiten sind

mir in schöner Erinnerung geblieben. Meine damalige Sekretärin

aus Wasenberg brachte zudem regelmäßig Wurst aus

eigener Schlachtung mit, die die Grundlage von Frühstückspausen

mit viel Spaß war.

Aber auch die ernste Seite der Arbeit wurde mit großer Konsequenz

vollzogen. An die sehr rege Übungstätigkeit der Brigade

denke ich gerne zurück. Nahezu jedes Quartal waren

wir mit schwerem Gerät auch außerhalb von Übungsplätzen

zwischen Kassel und Marburg aktiv und erlebten stets Verständnis

und offene Türen für die Errichtung von Gefechtsständen,

logistischen Einrichtungen und Verbandsplätzen.

Diese Erfahrung war auch deshalb so motivierend, weil dies

in anderen Regionen beileibe nicht so war. Zudem hatten

wir in jener Zeit viele Wehrpflichtige aus den neuen Bundesländern,

die von einem völlig anderen Verhältnis zwischen

Bevölkerung und Streitkräften geprägt waren und so nachhaltig

erleben konnten, was den Staatsbürger in Uniform im

Verständnis der Bundeswehr ausmacht.


das schon herbstlich gelb-grün gefärbte, von Frühnebelschwaden

durchzogene Amöneburger Becken. Dies war die

richtige Einstimmung auf meine zweite Tätigkeit in Hessen.

Inzwischen hat sich hier seitens der Bundeswehr viel verändert,

die Präsenz ist geringer geworden. Jedoch ist Stadtallendorf

einer der wenigen Standorte, in dem eines der drei

Divisionskommandos des Heeres beheimatet ist. Eine neue

Unterkunft habe ich in Schweinsberg unterhalb der Burg gefunden.

Der Ort strahlt mit seinem Fachwerk die Behaglichkeit,

aber auch die Geschichte Nordhessens aus. Von hier

aus lassen sich Sport und Entspannung nach anstrengendem

Dienst ideal verwirklichen.

Die Division Schnelle Kräfte in Stadtallendorf ist eine einzigartige

Organisation: Sie vereint alle Hubschrauber des

Heeres, die Spezialkräfte, die Fallschirmjäger und einen holländischen

Luftlandetruppenteil unter einem Dach. Getreu

dem Divisionsmotto „Einsatzbereit – Jederzeit – Weltweit“

stehen wir bereit, kurzfristig weltweit deutsche Staatsbürger

zu retten oder zu evakuieren. Stadtallendorf ist daher in der

Bundeswehr ein Inbegriff für rasche Reaktionsfähigkeit.

2016 übte die Division Schnelle Kräfte das Fallschirmnotverfahren

bei Wasserlandungen am Edersee. Das Foto zeigt

Generalmajor Andreas Marlow bei der Vorbereitung.

Durch die damals noch umfangreichere Bundeswehrpräsenz

in Neustadt und Stadtallendorf gab es viele gemeinsame Veranstaltungen

zwischen den Städten und den Truppenteilen

sowie lebendige Patenschaften. Als 1999 meine Versetzung

anstand, war mein größter Wunsch, danach wieder in Neustadt

eingesetzt zu werden – dazu kam es leider nicht. Umso

erfreulicher war es für mich im Sommer 2015, als ich zur

Division Schnelle Kräfte nach Stadtallendorf versetzt wurde.

Nach Städten wie Hamburg, Köln und Berlin war es eine

schöne Aussicht, die romantische nordhessische Landschaft

genießen zu können. Als ich an einem Sonnentag zu einer

Kommandoübergabe nach Schwarzenborn fuhr und erstmals

seit Jahren wieder die sanfte, grüne Wald- und Hügellandschaft

sah, konnte ich meine Vorfreude kaum verbergen.

Im September übernahm ich die Aufgaben als Divisionskommandeur

von General Zorn in einem feierlichen Appell. Als

ich am Morgen von meinem Hotel in Amöneburg den Berg

herunterfuhr, bot sich mir ein gemäldegleicher Anblick auf

einen sonnenbeschienenen blauen Spätsommerhimmel und

Auch jetzt haben sich alle meine Erfahrungen und Erwartungen

hinsichtlich der Einbindung in das öffentliche Leben

bestätigt. Die herzliche Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen

von Stadtallendorf und der regionalen Wirtschaft

ist gedeihlich und konstruktiv. Die Kooperation stößt lediglich

an Kapazitätsgrenzen, nicht aber an Grenzen in der Bereitschaft

und gegenseitigen Wertschätzung. Bestes Beispiel

dafür war die rasche Errichtung eines Zeltcamps für Flüchtlinge

auf dem Gelände der Bundeswehr in Stadtallendorf, als

in einer gemeinsamen Anstrengung quasi über Nacht Platz

für mehr als 600 in Not befindliche Menschen geschaffen

wurde. Vor dem Hintergrund meiner positiven Erfahrungen

aus den ausgehenden 90er-Jahren und der zurückgegangenen

Präsenz in der Fläche möchte ich aber auch die Übungstätigkeit

wieder für die Bevölkerung stärker sichtbar machen.

Ein Beispiel dafür ist der Fallschirmsprungdienst im Edersee,

bei dem Fallschirmnotverfahren bei Wasserlandungen

geübt werden. Die letzte Übung hat viele zivile Interessenten

gefunden und auch meinen Soldaten viel Freude bereitet.

Nordhessen war, ist und bleibt für uns Bundeswehrangehörige

eine Region, in der sich Leben und Dienst ideal

miteinander verbinden und in der es leichtfällt, sich heimisch

zu fühlen. Ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben wird.

„Die herzliche Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen

von Stadtallendorf und der regionalen Wirtschaft

ist gedeihlich und konstruktiv.“


WERNER

MEUSER

geb. 1952 in Marburg, verheiratet |

1968 Mittlere Reife an der Gesamtschule

Kirchhain | Beginn der Lehre

als Radio-Fernseh-Techniker | 1972

bis 1974 Bundeswehr, Leutnant der

Reserve | 1976 Meisterprüfung im

Radio-Fernseh-Handwerk | seit 1983

beim Hessischen Rundfunk, zunächst

in Frankfurt, später auf dem Sender

„Sachpfeife“ in Biedenkopf | 1994

Vize-Europameister­im­Segelfliegen,­

1997 und 2001 Weltmeister, 1998 und

2009 Deutscher Meister | seit 2012

im Vorruhestand

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Werner Meuser

GETRAGEN VON WIND UND SONNE

Schon als Kind war der Kontakt zur Fliegerei schnell

hergestellt. Mein Vater war Fluglehrer im Segelflugsportverein

„Blitz“ auf dem Gelände unterhalb

der Amöneburg. Als Jugendlicher baute ich Flugzeugmodelle

und ließ sie am Hang der Amöneburg fliegen.

Schon da hatte ich einen schönen Überblick über das

Amöneburger Becken. Bei gutem Wetter konnte man in der

Ferne schon den Sendemast auf der Sackpfeife sehen. Was

ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste war, dass er meine

berufliche Heimat werden sollte.

Mit 21 Jahren begann ich mit der Segelflugausbildung. Irgendwie

kam ich zu dem Entschluss, nicht mehr am Boden

zu stehen, sondern selbst in dem Flugzeugen zu sitzen und

die ganze Schönheit des Landkreises zu erleben. Nach

Lehre, Bundeswehr und Meisterprüfung begann ich die

berufliche Karriere 1983 als Techniker für Hochfrequenztechnik

beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Fünf

Jahre arbeitete ich in Frankfurt. Für mich ergab sich die

Möglichkeit, zum Sender „Sackpfeife“ zu wechseln. Der

Hausberg von Biedenkopf ist übrigens der höchste Punkt

im Landkreis. Dieser wunderschöne Ausflugsort wurde bis

zum Eintritt in den Vorruhestand meine berufliche

Heimat.

Meine Kollegen und ich als Teamleiter betreuten die UKWund

Fernsehsender. Später kam dann der Sender „Rimberg“

bei Alsfeld hinzu. Eine zusätzliche Aufgabe für mich beim

HR, bedingt durch die Fliegerei, war von 1989 an die Übertragungstechnik

per Hubschrauber für das Radrennen

„Rund um den Henninger-Turm“. Später kamen noch der

Ironman und der Frankfurt-Marathon dazu.

Nachdem ich den Landkreis x-mal mit dem Segelflugzeug

überflogen und erkundet hatte, wendete sich mein Interesse

dem sportlichen Segelflug zu. Wettbewerbe, sportliche Vergleiche

mit anderen und die Komplexität, die damit verbunden

ist, faszinieren mich bis heute. Generell ist es aber das

Bewegen in der dritten Dimension. Segelfliegen ist wohl eine

der umweltfreundlichsten Sportarten: Man bewegt sich nur

mit warmer Luft, entstanden durch Sonneneinstrahlung und

Aufwinde – also mit der Thermik, die Streckenflüge bis zu

1. 000 Kilometer an einem Tag ermöglicht.


Sportlich ging es ab 1985 steil nach oben – mit der ersten

Weltmeisterschaftsteilnahme in Rieti, Italien. Es folgte 1986

Benalla, Australien. Die Titel stellten sich auch ein. 1994

wurde ich Vize-Europameister in Rieti, 1997 kam mein

erstes Highlight: Ich wurde Weltmeister in der 15-Meter-

Rennklasse in St. Auban in Frankreich. Diesen Titel konnte

ich zwar 1999 in Bayreuth nicht verteidigen, holte ihn mir

aber 2001 im Südafrikanischen Mafeking zurück.

Mit den Teilnahmen an diesen Wettbewerben lernt man eine

Menge Menschen kennen. So wurden die amtierenden Weltmeister

zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Einer

der Höhepunkte war ein unvergessliches Erlebnis auf der

Ranch des amerikanischen Hotelbesitzers William Barron

Hilton in Nevada. Alles drehte sich ums Fliegen – es waren

außer den Weltmeistern aller Klassen und den Hiltoncup-

Gewinnern auch Stars und Sternchen der Musikszene,

Astronauten und jede Menge Prominenz zum Segelfliegen

gekommen. Unter den Gästen war auch der deutsche Astronaut

und Kosmonaut Ulf Merbold, zu dem ich heute noch

ein sehr freundschaftliches Verhältnis habe. Wir treffen uns

noch oft, um gemeinsam zu fliegen.

Ein weiterer Höhepunkt war der Aufenthalt im privaten

Wild-Ressort „Tswalu“ in der Kalahari in Südafrika, der für

den Gewinn der WM von Nicky Oppenheimer der DeBeer-

Diamantendynastie für die Weltmeister und für die Südafrikanische

Nationalmannschaft gesponsert wurde. Tswalu liegt

an der Grenze zu Botsuana und Namibia. Dort drehte sich alles

um Safari und Segelfliegen. Der größte Teil der Flüge fand

über der Kalahari-Wüste statt. Bilder, die ich heute noch in

Erinnerung habe, sind vor allem die Tierwelt, die wunderschönen

Sonnenuntergänge und die himmlische Ruhe. Aber

nach all diesen schönen Erlebnissen in der Welt freue ich

mich immer wieder, meinen Landkreis zu überfliegen und zu

sehen, was sich dort alles verändert hat.

„Aber nach all diesen schönen Erlebnissen in der Welt freue

ich­mich­immer­wieder,­meinen­Landkreis­zu­überfliegenund

zu sehen, was sich dort alles verändert hat.“

Oft wurde ich gefragt, was mein größtes Erlebnis war. Diese

Frage ist nicht einfach zu beantworten, wenn man praktisch

in der ganzen Welt geflogen ist. In Amerika, Afrika, Australien

und Europa gab es viele unvergessliche Flüge über atemberaubende

Landschaften. Aber einer ragt besonders heraus,

als ich zum Training zur WM 1997 in Südfrankreich war.

Von dort habe ich mit meinem kleinen Segelflugzeug, getragen

von Wind und Sonne, den höchsten Berg Europas – den

Mont Blanc – zweimal in Gipfelhöhe umrundet. Einfach

majestätisch und atemberaubend.

Nach dem Gewinn mehrerer DM-Titel und weiteren WM-

Teilnahmen lasse ich es jetzt ruhiger angehen und bewege

mich wieder in Marburg-Biedenkopf. Im Winter habe ich

mir allerdings öfters eine Auszeit vom Landkreis genommen

und bin nach Australien zum Fliegen gegangen – das bot

sich an, weil wir unsere Tochter besuchten, die dort lebte.

Naturerlebnis im Landkreis


Fritz Winter ist ein Recyclingunternehmen der ersten Stunde: Seit über 60 Jahren wird Stahlschrott als Rohstoffgrundlage genutzt.

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Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG

WENN FLÜSSIGES EISEN

ZUR LEIDENSCHAFT WIRD

Selbstbewusst – dieses Wort umschreibt am besten die

Mitarbeiter der Fritz Winter Eisengießerei. Stets ist

von „unserer Firma“ und „unseren Entwicklungen“

die Rede und stets schwingt ein wenig Stolz mit.

„Wir machen aus Ihrem alten Fahrrad eine hochwertige

Bremsscheibe“, sagt einer der Mitarbeiter mit einem Lächeln

im Gesicht. Unrecht hat er nicht, denn schon seit 1953

verwendet Fritz Winter Stahlschrott als Rohstoffgrundlage

und das als eine der ersten Eisengießereien überhaupt.

Außerdem können die Produkte des mittelständischen Familienunternehmens

zu 100 Prozent wiederverwertet werden.

Fritz Winter unterschreitet die gesetzlichen Grenzwerte für

Emissionen um bis zu 95 Prozent. Das will was heißen, denn

jedes Jahr verlassen über 27 Millionen Bauteile und Komponenten

wie etwa Bremsscheiben und -trommeln, Hydraulikgehäuse,

Schwungräder oder Zylinderblöcke und -köpfe das

Unternehmen, das weltweit zu den größten konzernunabhängigen

Gießereien zählt. Produkte von Fritz Winter fi ndet

man in fast allem, was sich bewegt. Die Produktpalette umfasst

über 800 anspruchsvolle Gussteile. Durch die große

Kompetenz und langjährige Erfahrung der Mitarbeiter im

Bereich der Bremsen-, Motoren-, Hydraulik- und Sonderapplikationen

hat sich Fritz Winter als gefragter Lieferant

und Partner für die internationale Automobil-, Nutzfahrzeug-

und Hydraulikindustrie etabliert.

Diesen Ruf hat sich das Unternehmen durch innovative

Produkt- und Fertigungslösungen erarbeitet. Im fi rmeneigenen

Materialentwicklungszentrum werden neue Werkstoffe

entwickelt, für die ein eigener Versuchsofen zur Verfügung

steht. Das einmalige Know-how spiegelt sich dann in Technologien

wie dem ecoCasting-Prozess wider. Dabei handelt

es sich laut Fritz Winter um das ressourcenschonendste Eisengussverfahren

weltweit. Damit sind die Produkte des Unternehmens

beispielsweise im Bereich der Pkw-Leichtbau-

Zylinderblöcke gegenüber Aluminiumprodukten konkur-


Flüssiges Eisen ist für Fritz Winter nicht nur ein Material,

sondern eine Leidenschaft.

Innovative Technologien und Produkte haben Fritz Winter als wichtigen

Partner und Lieferanten der Automobilindustrie etabliert.

renzfähig. Im Vergleich zu einem Zylinderblock aus Aluminium

liegt die Kostenersparnis bei mindestens 28 Prozent –

und das bei nahezu gleichem Gewicht der Gesamt motoren.

„Leicht ist für uns nicht schwer“, sagen die Stadtallendorfer

selbstbewusst.

Das Fundament des Erfolgs sind die rund 3.700 Mitarbeiter.

Für sie setzt Fritz Winter alle Hebel in Bewegung. In den

letzten fünf Jahren investierte das Unternehmen 168 Millionen

Euro in den Standort in Stadtallendorf und das Knowhow

seiner Belegschaft, die aus über 100 Weiterbildungsmöglichkeiten

wählen kann. Darüber hinaus gibt Fritz

Winter seinen Mitarbeitern eine große Entscheidungsfreiheit

sowie Eigenverantwortung mit. Der Dank dafür ist eine

überdurchschnittlich lange Betriebszugehörigkeit. Zum Teil

arbeiten Familien in der dritten Generation bei Fritz Winter.

Kein Wunder, dass das Unternehmen nicht nur einer der

größten, sondern auch der gefragtesten Arbeitgeber in der

Region ist. So beginnen jedes Jahr rund 50 Auszubildende

ihre berufl iche Karriere bei Fritz Winter. Die Auswahl ist

groß: Das Unternehmen bildet in 15 Berufen im technischen,

kaufmännischen sowie gastronomischen und IT-Bereich aus.

Das duale Studium ist bei Fritz Winter in vier Fachrichtungen

möglich. Die zahlreichen Unternehmensveranstaltungen

und Teilnahmen an Wettbewerben wie etwa dem Marburger

Drachenbootrennen führen zu einem einmaligen Zusammenhalt

und einem großen Zugehörigkeitsgefühl unter den

Mitarbeitern. Selbstbewusst – das sind sie bei Fritz Winter

zu Recht.

Kontakt

Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG

Albert-Schweitzer-Straße 15

35260 Stadtallendorf

www.fritzwinter.de

Qualität hat bei Fritz Winter einen Namen – und zwar 3.700 Mal: 3.700 Mitarbeiter

beschäftigt das Unternehmen und bildet dabei in 15 verschiedenen Berufen aus.


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Hausengel Betreuungsdienstleistungen GmbH

FÜR JEDEN PFLEGEBEDÜRFTIGEN

DER PASSENDE HAUSENGEL

Simon Wenz, Geschäftsführer der Hausengel, ist in

der Region fest verwurzelt: „Meine Großeltern und

meine Mutter stammen aus dem Ebsdorfergrund, ich

lebe wieder hier, und auch meine Kinder sollen hier

aufwachsen.“ Er weiß, wie wichtig Heimat den Menschen ist

– daher will Wenz mit seinen Hausengeln dafür sorgen, dass

Menschen auch dann, wenn sie pfl egebedürftig sind, in ihrer

Heimat und ihrem Zuhause bleiben können.

Wie schnell es damit vorbei sein kann, erlebte Wenz während

seines Studiums: 1995 wurde sein Großvater dement, benötigte

Pfl ege. Die übernahm seine Tochter Doris, wurde von

ihrer Familie nach Leibeskräften unterstützt – doch irgendwann

ging es nicht mehr. Klar war: Der Vater sollte nicht ins

Pfl egeheim. Also versuchte die Familie, eine polnische Pfl egekraft

zu engagieren, stieß dabei jedoch auf viele dubiose Vermittler

und zahlreiche Hindernisse. „Letztendlich klappte es,

später kamen dann Anfragen von Familien, die ebenfalls

Hilfe benötigten“, erinnert sich Wenz. Aufbauend auf den

Erfahrungen, die die Familie gemacht hatte, entstand so die

Idee der Hausengel: Ausländische Pfl egekräfte für Familien,

die völlig legal eingesetzt werden können und so die Familienangehörigen

entlasten, „von der ambulanten Pfl ege bis

hin zur 24-Stunden-Betreuung“, wie Wenz verdeutlicht.

Es sei nie die Idee gewesen, aus dem Familienunternehmen

eine europaweite Unternehmensgruppe zu machen. Doch der

Bedarf sei da. „An meinem Studentenschreibtisch und aus

dem Bügelzimmer meiner Mutter heraus ging es los“, erzählt

Wenz. 1.500 Familien werden derzeit in Deutschland betreut,

etwa 4.500 Hausengel sind im Einsatz. „Und unser Gesamtpool

an Pfl egekräften, mit denen wir in Kontakt stehen,

beinhaltet weit mehr als 10.000 Personen.“

Das Ziel ist klar: Pfl egebedürftige Menschen sollen möglichst

lange und selbstbestimmt in ihrem gewohnten Umfeld leben


Somit können sich die Familien, die einen Hausengel beschäftigen,

sicher sein, dass sie sich nicht mit dubiosen, rechtlich

unsicheren Diensten herumschlagen müssen. „Wir haben

die Fachkompetenz durch die ambulanten Pfl egekräfte im

Haus, wir haben die Akademie, wir haben eigene ausländische

Standorte, an denen wir die Hausengel in ihrer Muttersprache

beraten und betreuen“, sagt Simon Wenz. „In den

ambulanten Pfl egediensten sind auch Pfl egeberater bundesweit

organisiert, die speziell für die neue Pfl egeberatung qualifi

ziert wurden.“ So sei für die Familien eine bedarfsgerechte

Versorgung sichergestellt – von der Tagespfl ege bis hin zur

24-Stunden-Betreuung. „Da es essenziell ist, dass die Chemie

zwischen Pfl egebedürftigem, Angehörigen und Hausengel

stimmt, helfen wir bei der Suche und Auswahl. Mit unserer

24-Stunden-Hotline und persönlichen Ansprechpartnern

stellen wir darüber hinaus sicher, dass sowohl die Angehörigen

als auch unsere Hausengel immer einen Ansprechpartner

haben – niemand wird alleine gelassen. Zwei Worte fassen es

perfekt zusammen: rundum versorgt.“

„Wir­sorgen­dafür,­dass­jede­Familie­für­die­Pfl­ege­eines­

Angehörigen die passende Unterstützung erhält – eben den

ganz persönlichen Hausengel.“

Simon Wenz, Geschäftsführer Hausengel Betreuungsdienstleistungen GmbH

Die Verwurzelung mit der Region manifestiert sich auch in

einem neuen Projekt: Einem „Generationenpark“ in Heskem

auf 40.000 Quadratmetern. „Ziel ist es, die äußeren Grundstücke

an Familien mit Kindern zu verkaufen, sodass wir eine

Belebung haben“, erläutert Wenz. Im Zentrum soll eine Begegnungsstätte

entstehen, mit betreutem Wohnen in Wohnungen

darüber. In dem Gürtel dazwischen entstehen barrierefreie,

seniorengerechte Einfamilienhäuser, in denen Familien

mit Pfl egebedürftigen leben sowie betreut und versorgt

werden können – ganz nach Bedarf.

können. Daher bieten die Hausengel ambulante Pfl ege und

Pfl egeberatung durch examiniertes Fachpersonal sowie

24-Stunden-Betreuung im eigenen Zuhause durch osteuropäische

Betreuungsdienstleister an – ganz nach dem Motto

„rundum versorgt“. Simon Wenz verdeutlicht: „Alle Kräfte

werden an unserer eigenen, staatlich anerkannten und zertifi -

zierten Akademie geschult. Dass wir diese eigenen Strukturen

haben, ist mir sehr wichtig – dadurch können wir eine

gleichbleibende, hohe Qualität gewährleisten.“

Hausengel-Geschäftsführer Simon Wenz und seine Frau Magdalena

Kontakt Hausengel Betreuungsdienstleistungen GmbH

Tulpenweg 1

35085 Ebsdorfergrund

www.hausengel.de


PROFESSOR

TOSHIO

OZAWA

geb. 1930 in der Mandschurei (China) | 1944 Rückkehr der Familie

nach Japan | Studium der Germanistik | 1956 Promotion über die

Märchen der Brüder Grimm | später Professor für

Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaften

sowie Kinder- und Jugendliteratur | 1971 bis 1973

Gastprofessur am Institut für Europäische Ethnologie der

Marburger Philipps-Universität | zahlreiche Veröffentlichungen

zu Märchen in Deutschland und Japan |

Vize-Präsident der International Society for Folk

Narrative Research | 2007 Europäischer Märchenpreis

der Walter-Kahn-Stiftung | 2011 Ehrenbrief des Landes Hessen für

sein Lebenswerk

78 · 79

Professor Toshio Ozawa

MARBURG WURDE MEINE

ZWEITE HEIMAT

Am Anfang stand eine Einladung zu einer Gastprofessur

an der Marburger Philipps-Universität

durch Professor Dr. Gerhardt Heilfurt vom Institut

für Volkskunde. Ich habe im Wintersemester

1971 mit dem Thema „vergleichende Märchenforschung“

gelesen. Dafür siedelte ich mit der Familie nach Marburg

über, um am Hainweg 1 in Marburg zu wohnen. Meine zwei

Söhne besuchten den Kindergarten Julius Stift, der älteste

besuchte nachher die Emil-von-Behring-Schule.

Noch bevor ich meine Vorlesungen begann, wurde ich vom

Marburger Bachchor als Mitglied empfangen und durfte im

Chor mitsingen. Ich habe schon von der Mittelschule an

immer im Chor gesungen und es war ein großes Ziel, in

Marburg in der Elisabethkirche singen zu dürfen. Dieser

lang gehegte Wunsch wurde Wirklichkeit. Ich habe Bach,

Händel, Schütz, Schubert und mehr gesungen. Ein unvergessliches

Erlebnis war mein letztes Konzert in der Lutheri-

schen Pfarrkirche im Jahr 1973: Wir sangen die „Matthäus-Passion“

– daran werde ich mich immer erinnern.

Und im Herbst 1975 hat mein jüngerer Bruder Seiji, der damals

Dirigent der Bostoner Philharmonie in den USA war,

den Wunsch des Bachchors erfüllt und ihn dirigiert. Gemeinsam

mit dem Orchester „Neue japanische Symphonie“,

das auf Europa-Tournee war, gelang so ein eindrucksvolles,

wenn auch provisorisches Konzert mit dem „Schicksalslied“

von Brahms. Das erfuhr sogar noch eine Zugabe: Nach dem

gemeinsamen Abendessen haben wir alle in der Marburger

Bahnhofshalle vierstimmig deutsche Volkslieder gesungen –

die Deutschen mit dem originalen Text, die Japaner mit dem

übersetzten japanischen Text, begeistert dirigiert von meinem

Bruder – es war eine wirklich schöne deutsch-japanische

Harmonie.

Im Volkskunde-Institut habe ich damals Alfred Höck kennengelernt.

Er führte mich zu den Dörfern um Marburg und


machte mich mit den Bewohnern bekannt. Ich habe dort viel

gelernt. 1993 habe ich in Japan die „Märchen-Akademie

Ozawa“ gegründet. Dort lese ich nicht nur japanische Volksmärchen

vor, sondern auch Kinder- und Hausmärchen der

Brüder Grimm. Seit 1994 mache ich jedes Jahr eine Gruppenreise

„auf den Spuren der Brüder Grimm“ nach Hessen.

Dabei helfen mir die Erlebnisse, die ich während meiner

Marburger Zeit im Landkreis gesammelt habe. 2016 war

ich bereits mit der 23. Gruppe unterwegs.

In Bezug auf das Märchen „Hänsel und Gretel“ hatte mich

lange Zeit eine Frage bewegt: Wie war der Backofen gestaltet?

Alfred Höck führte mich nach Riebelsdorf im Schwalm-

Eder-Kreis, zeigte mir das Backhaus und machte mich mit

der Bauernfamilie Conrad bekannt, mit der ich immer noch

eine enge Freundschaft pflege. Seither mache ich mit meiner

Märchen-Reisegruppe dort Station – ebenso, wie in Amönau,

um das Teehäuschen zu sehen, das Otto Ubbelohde als

Vorlage für „Rapunzel“ diente. Auch zum Ubbelohde-Haus

in Goßfelden brachte mich Höck. Ich hatte schon früher die

Zeichnungen zu den Märchen der Brüder Grimm von Ubbelohde

hoch geschätzt – für mich sind sie die besten Illustrationen

von Grimms Märchen. Der Maler kennt das Geheimnis

des mündlich überlieferten Volksmärchens. Aus meiner

Sicht als Literaturwissenschaftler, der Märchen betrachtet,

besteht das Volksmärchen aus genauer Bezeichnung ebenso,

wie aus reiner Fantasie. Bei Ubbelohde kommt dazu, dass er

seine Heimat mitsamt Personen, Trachten, Häusern, Schlössern,

Feldern und Wäldern genau zeichnete. Meine Märchenreisegruppe

genießt jedes Jahr die Zeichnungen Ubbelohdes

in den Fluren des Landratsamts. Märchen-Illustrationen

in einem Landratsamt! Das kann man sich in Japan

nicht vorstellen.

Mein Ziel war es, Ubbelohdes Zeichnungen in Japan bekanntzumachen

und ich bat daher den Betreffenden im

Landratsamt, sie in Buchform zu publizieren. Doch die Antwort

lautete immer Nein. Ich ließ jedoch nicht locker und

wiederholte meine Bitte einige Jahre lang. Dann kam eine E-

Mail von einem neuen Zuständigen: Dr. Markus Morr sagte,

die Märchenzeichnungen sollten als CD-ROM publiziert

werden. Ich freute mich sehr, doch es gab Finanzierungsprobleme.

Ungeduldig antwortete ich ihm, dass ich die Hälfte

der Produktionssumme tragen würde. So wurde die Idee

Wirklichkeit – und durch die CD wurden die Illustrationen

von Ubbelohde in Japan bekannt, verbreitet und geliebt.

Eine Illustration Otto Ubbelohdes zum Märchen „Frau Holle“ mit der

Motivvorlage Lahntal

„Ich hatte schon früher die Zeichnungen zu den Märchen

der Brüder Grimm von Ubbelohde hoch geschätzt – für

mich sind sie die besten Illustrationen von Grimms

Märchen. Der Maler kennt das Geheimnis des mündlich

überlieferten Volksmärchens.“

Prägend war auch meine Begegnung mit Baron Schwertzell

zu Willingshausen. Denn die Brüder Grimm hatten diese Familie

öfters für mehrere Tage besucht. Der Baron konnte viel

über die lange Geschichte seiner Familie mitsamt der Malerkolonie

Willingshausen erzählen. Auch nach seinem Tod besuchen

wir jedes Jahr die Familie und legen Blumen auf das

Grab – aus tiefer Verbundenheit.

Der Weg unserer Märchenreisegruppe führt immer auch

zum Volksmuseum in die Schwalm. Dort lernen die Mitreisenden

alte Trachten, Stickereien und mehr kennen, wo-


80 · 81

2001 entstand ein deutsch-japanisches Gemeinschaftswerk zu den Illustrationen Otto Ubbelohdes zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder

Grimm; hier: das Buchcover in Japan und Foto der Motivvorlage in Amönau.

„Mein Ziel war es, Ubbelohdes Zeichnungen in

durch sie die Welt der Grimm‘schen Märchen besser verstehen

können.

Und auch die Musik spielt immer eine große Rolle: Ich

möchte den Teilnehmern ermöglichen, Orgelklang in einer

gotischen Kirche zu hören. Denn dies ist in Japan nicht möglich.

Doch die Umsetzung erwies sich als schwierig, denn ich

hatte keinen Kontakt zur Elisabethkirche. Als eine winzige

Möglichkeit schrieb ich meinem Chorkameraden Martin

Trieschmann. Doch ich kannte seine Adresse nicht. Also

schrieb ich nur: „Germany, Marburg an der Lahn, Cappel,

Kirche, Herrn Martin Trieschmann” – und mein Brief kam

tatsächlich an. Er stellte den Kontakt her, und seither findet

für uns ein Orgelspiel statt. Denn der Klang in der Elisabethkirche

soll ein Leben lang im Ohr und Herz meiner Märchengruppe

bleiben.

Japan bekanntzumachen und ich bat daher den

Betreffenden im Landratsamt, sie in Buchform zu

publizieren.“

Die Chormusik spielt während der Reisen auch immer eine

bedeutende Rolle. Daher gibt es an jedem ersten Reisetag

eine Chorprobe im Reinhardswald – dann singt die Gruppe

immer die gleichen vier Stücke: Ein vierstimmiges Kirchenlied,

den „Lindenbaum“ auf japanisch, „dona nobis pacem“

und ein japanisches Kinderlied. In Marburg singen wir immer

in der Lutherischen Pfarrkirche und in der Elisabethkirche.

Die Mitreisenden genießen dann den Klang ihrer

eigenen Stimmen in der gotischen Kirche.


NOLTA GmbH

KLEINE IDEE

WIRD GROSSE

ERFINDUNG

Im Jahr 1959 kam Walter Tatje die zündende Idee:

Damals mussten Maschinen auf Baustellen immer

wieder neu verdrahtet und angeschlossen werden.

Das barg die Gefahr, dass durch falsches Anschließen

die Maschine zerstört würde. „Walter Tatje war ein Tüftler“,

sagt der heutige NOLTA-Geschäftsführer Felix Bonn.

„Er entwickelte einen Stecker, über den die Maschine

eingeschaltet werden kann und in dem der Motorschutz,

der sich sonst im Baustromverteiler befi ndet, fest integriert

ist.“ Der NOLTA-Motorschutzstecker war geboren.

Dessen Vorteile: Die Maschinen können frei bewegt und

einfach in die Steckdose gesteckt werden – ohne das Risiko

einer Beschädigung des Motors. Gemeinsam mit Mitgesellschafter

Hein Bonn gründete Walter Tatje die NOLTA

GmbH. Die Produkte kamen bestens an: „Sie sind heute

auf neun von zehn Baustellen, auf denen gepumpt wird, zu

fi nden.“ Der Name „NOLTA-Stecker“ ist ein fester

Begriff.

Das Unternehmen hat sich auf zwei Geschäftsfelder spezialisiert:

Motorschutzstecker, die hauptsächlich an Pumpen

zum Einsatz kommen – nicht nur auf Baustellen, sondern

auch bei Feuerwehr und Technischem Hilfswerk. „Wir

sprechen von ,plug and pump‘ – einstecken und loslegen“,

erklärt Bonn. Das zweite Geschäftsfeld ist die Wassertechnik-Sparte

NIVA mit Niveaureglern. „Dort decken wir

die ganze Bandbreite ab: vom Abwasser bis zu Spezialanwendungen

mit Niveaureglern für Trinkwasser oder

Chemikalien.“

NOLTA hat bereits vor Jahren Stützpunkte in China, den

USA und in Indien gegründet. Dem Standort Cölbe ist das

Unternehmen weiterhin eng verbunden. „Hier wohnen

unsere Mitarbeiter, hier steckt unser Know-how“, sagt

Firmenchef Bonn. In Cölbe werden die Produkte stetig

weiterentwickelt. Dazu hat NOLTA ein eigenes Start-up im

Haus gegründet. „Wir entwickeln dort Ideen, für die im

Tagesgeschäft keine Zeit bleibt und sind vernetzt mit

Hochschulen und anderen Start-ups“, erläutert Bonn.

Der Name „NOLTA-Stecker“ ist heute ein fester Begriff.

Eines der ersten Projekte ist eine Pumpensteuerung, die auf

der Baustelle im Brennertunnel zum Einsatz kommt.

Außerdem entsteht in dem Entwicklungszentrum derzeit

ein mobiles Datenmodul mit GPS-Tracker. „Damit wollen

wir ,NOLTA Net‘ vorantreiben, eine Art ,Smart Home‘

für Baustellen.“ Der NOLTA GmbH fehlt es auch heute

nicht an zündenden Ideen.

Kontakt

NOLTA GmbH

Industriestraße 8

35091 Cölbe

www.nolta.de


LARS

RUPPEL

geb. 1985 in Gambach | nach dem

Abitur in Marburg groß und wild

geworden | mehrfacher

deutscher Poetry-Slam-Meister |

Träger des Marburger

Stadtsiegels | seit 2016

Kulturbotschafter Mittelhessens

| Autor des Bestsellers

„Holger die Waldfee“ | Leiter

und Gründer des Weckworte-

Projekts zur kulturellen Aufwertung

von­Altenpflege

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Lars Ruppel

LYRISCHER

INPUT AUS DEM

LANDKREIS

Mit einem schlechten Abitur in der Tasche zog

ich nach Marburg, um meinen Zivildienst

abzuleisten. Ich entschied mich für Marburg,

weil ich mich wenige Jahre zuvor bei einem

Ausflug raus aus meinem Heimatdorf in dieses Städtchen

verliebt hatte. Wir saßen damals mit ein paar anderen Hippies

auf der Holzbrücke über der Lahn und ich spürte die

Möglichkeiten des Lebens als starken Herzschlag in meiner

Brust, die Schönheit der nächsten Jahre meiner Jugend als

Gänsehaut und die Weite der Welt, gerade einmal 60 Kilometer

von meinem Elternhaus entfernt.

Marburg war für mich seit jeher das Tor zur Welt. Viele

Lebenswege kreuzten sich, liefen eine Zeit parallel oder

zweigten sich schnell wieder ab. Was zurückblieb, war ein

Tagebuch voller Geschichte, wenn ich denn Tagebuch geschrieben

hätte. Erinnerungen verblassen langsam, nur die

Legenden bleiben noch und Flashbacks, wenn ich heute den

Ort besuche, der sechs Jahre lang meine Heimat war. Das

Denkmal meiner Zeit in Marburg ist als solches nicht erkennbar,

sondern nur zu verstehen, wenn man die Zeit vor

seiner Errichtung miterlebt hat.

Ich wohnte damals in der Wendelgasse in einer Wohngemeinschaft

mit acht anderen lieben Menschen. Es war eines

der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt. Es hatte Löcher in

den Wänden, Stroh zwischen den Balken, Tiere unter dem

Boden und im Dachboden und eine große Seele, die wir alle

spüren konnten, zu jeder Uhrzeit des Tages. Meistens aber

nachts.


Wir mauerten einen Grill, wir pflanzten Gemüse, das sich

nie jemand traute zu essen wegen der Katzen in der Nachbarschaft,

wir installierten eine Diskokugel und verlegten

Kabel, wir beleuchteten und befriedeten die Natur, wir stellten

eine Tischtennisplatte auf und spielten Rundlauf mit

Freunden und Fremden.

Wir gossen den Boden mit unserem Schweiß, wochenlang

buckelten wir unter den Augen der flanierenden Touristen,

bis wir das bis heute bitte mit nötigem Respekt und Abstand

zu besichtigende Kleingartenidyll mitten in Marburgs Altstadt

fertiggestellt hatten.

Die Marburger Luft, kesselerhitzt und stumpf, brennt mir

noch immer in den Lungen. Oder ist es der Rauch der Marburger

Kneipen? Oder der Kontrast zu der frischesten aller

Lüfte während meiner Wanderung Richtung Biedenkopf?

Oder der geraubte Atem beim Blick vom Spiegelslustturm?

Oder die Aufregung vor einem Auftritt auf einer der unzähligen

Bühnen im Kreis, vom Freibad bis zur Fabrikhalle, vom

schwimmenden Floß auf der Lahn bis zum Kino?

Mein Weg führt mich nur noch selten in den Kreis, aber

wenn, dann freue ich mich über den lyrischen Input. Wenn

mich eine Regionalbahn durch die Landschaft flüstert und

die Grenzen zwischen überall und nirgendwo verschwimmen.

Oder wenn ich mich beim regionalen Bier als guter

Mensch fühlen darf und noch besseres erwarten kann.

Dann spüre ich, dass eine Heimat immer mehr ist als der

Ort, wo man wohnt. Berlin ist meine Heimat, keine Frage.

Aber das ist sie nur, weil ich weiß, dass wenige Zugumstiege

später eine Art Gegenberlin wartet, wo all das, was in Berlin

ist, auch ist, nur in anderer Form, zwischen den Zeilen,

verteilt auf einen ganzen Kreis, in den Menschen und in der

Natur, in den Kellern und auf den Dächern. Im Nebel und

im Tretboot, auf dem Schloss und im KFZ.

Lars Ruppel hat immer einer besonderen Blick auf Marburg

und die Region.

Neben dem Haus, zwischen dem grässlichen Neubauversuch

des Nachbarn und unserem, war ein Brombeer-Urwald, der

jegliches Betreten Kraft seiner Stacheln und Insekten unmöglich

machte. Er war so dicht, dass das andere Haus nicht

zu sehen war und erstreckte sich auf einer Fläche, groß wie

unser eigenes Haus. Ich weiß nicht mehr wieso, wann und

womit, aber irgendwann rodeten wir das ganze Gestrüpp

und legten die darunter liegende Brachfläche frei. Ein wildes

Gemisch aus Glasscherben, Tonziegelstücken, Altmetall und

Krümeln von Muttererde.

Tatsächlich besteht mein heutiger Freundeskreis in der neuen

Stadt hauptsächlich aus Leuten aus meiner alten Heimat.

Man hält zusammen, man hat was gemeinsam erlebt, man

vermisst etwas gemeinsam. Dann tut es weniger weh.

„Berlin ist meine Heimat, keine Frage. Aber das ist sie

nur, weil ich weiß, dass wenige Zugumstiege später

eine Art Gegenberlin wartet, wo all das, was in Berlin

ist, auch ist, nur in anderer Form, zwischen den Zeilen,

in den Menschen und in der Natur, in den Kellern und

auf den Dächern. Im Nebel und im Tretboot, auf dem

Schloss und im KFZ.“


MARTIN

SCHNEIDER

geb. 1964 in Bad Homburg, lebt heute in

einem­Dorf­bei­Marburg­|­fiel­schon­in­der­

Schule als Klassen kasper auf und wurde

so auch entdeckt: Seine Französisch-

Lehrerin stellte ihn ihrem Mann vor, dem

Satiriker Eckard Henscheid | verdiente

sich als Sketche-Schreiber beim Hessischen

Rundfunk seine ersten Lorbeeren |

1990 erstes Bühnenprogramm „Gell, Sie

sind spirituell?“ | ab 2002 Auftritte im

„Quatsch Comedy Club“, später Gastauftritte

bei „RTL Samstag Nacht“, „7 Tage,

7 Köpfe“ und „Genial daneben“ | 2004 bis

2011 fester Bestandteil der Comedy-Show

„Schillerstraße“ | 2004 Kinodebüt mit

„7 Zwerge – Männer allein im Wald“

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Martin Schneider

ERINNERUNGEN AN EIN GENUSS-

VOLLES STUDENTENLEBEN

Nach Marburg kam ich als Germanistikstudent

Mitte der 80er-Jahre. Ich hatte das große

Glück, ein Zimmer in einem der begehrtesten

Studentenwohnheime zu bekommen, hoch über

der Stadt gelegen mit Blick auf das Landgrafenschloss. Die

Atmosphäre hier oben inmitten altehrwürdiger Gemäuer

schien seltsam entrückt von der modernen, hektischen Welt.

Vor dem Kriege war das Wohnheim ein Sanatorium gewesen;

und für mich besaß dieser Ort nach wie vor einen großen

Erholungswert mit seinen großen Parkflächen und historischen

Denkmälern, wie zum Beispiel dem Teehäuschen von

Bettina von Arnim. Das nostalgische Flair der Altstadt in

Verbindung mit dem bunten Studentengemisch aus allen Teilen

der Welt gab der Stadt eine ganz besondere Würze.

Damals arbeitete ich als freier Mitarbeiter für den HR und

machte satirische Kurzbeiträge. Viele meiner Beiträge

damals entstanden mit Hilfe damaliger Mitbewohner. Mit

einem japanischen Kommilitonen machte ich an Karneval

einen Beitrag über einen Hessisch-Workshop für Japaner, in

dem ich den Asiaten hessische Sprichwörter nachsprechen

ließ. Prompt riefen viele neugierige Japaner beim HR an und

fragten, wo man den Kurs im „Babbelholiday“ buchen

könne!

Meine Studentenzeit war also nicht unbedingt von harter

Arbeit und schlimmer Lernerei geprägt. Im Nachhinein denke

ich an diese Zeit eher wie an einen schönen, langen Urlaub

zurück! Wenn es nicht gegen alle Regeln gewesen wäre,

hätte ich bestimmt jedes Semester mein Zimmer in dem

Studentenwohnheim aufs Neue verlängert und würde wohl

heute noch als Studentenfossil inmitten 30 Jahre jüngerer

Studis ein entspanntes, genussvolles Leben genießen...

Marburg bot mir als Kabarettist mit dem Kulturzentrum

KFZ und dem Café Trauma erste Auftrittsmöglichkeiten; als

Zuschauer habe ich vor allem meine Mitbewohnerinnen und

Mitbewohner aus dem Wohnheim rekrutiert.


Nach einem kurzen Zwischenspiel in München zog es mich

wieder in die gemütliche Stadt an der Lahn, von wo aus ich

dann schließlich hinaus aufs Land in ein kleines Dorf nordwestlich

von Marburg zog. Hier finde ich zwischen all den

Tourneen Ruhe und Abgeschiedenheit – ein Schritt aus der

Haustüre und schon bin ich inmitten schönster Natur. Und

als großer Dialektfan gefällt mir natürlich, dass in den

Dörfern rund um Marburg teilweise noch unverfälschte

Mundart zu hören ist!

„Als großer Dialektfan gefällt

mir natürlich, dass in den Dörfern

rund um Marburg teilweise

noch unverfälschte Mundart zu

hören ist!“

Semesterbeginn an der Universität Marburg


SÖHRET

AYSEL ,

geb. 1951 in Safranbolu (Türkei) | 1970 Abitur,

später Umzug nach Stadtallendorf | 1984

Bestehen der Universitäts-Aufnahmeprüfung in

der Türkei | 1986 Studium Psychologie in

Marburg, parallel dazu Beschäftigung bei der

AWO als Beraterin | 1997 Diplom in Pädagogik |

seit 2004 Beraterin beim „LOK – Verein für

Beratung und Therapie | seit 1992 Mitglied im

Verein „Freundschaftsbrücke“ | 2001 bis 2003

Mitglied im Ausländerbeirat | seit 2001 Mitarbeit

in der Frauenkommission des Landkreises |

seit 2005 Beisitzerin im Verein „Interkulturelle

Begegnung in Stadt allendorf“ (IBiS) | seit 2012

Mitglied in der Kommission für Arbeit und

Soziales im Landkreis | 2013 Auszeichnung mit

dem Ehrenbrief des Landes Hessen

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Aysel Söhret ,

PLATZ FÜR VIELE

KULTUREN

Im September 1970 kam ich nach Deutschland: Meine

Eltern lebten bereits hier, waren Gastarbeiter. Ich

wohnte bei meiner älteren Schwester, bis ich mein Abitur

in der Tasche hatte und wollte dann in Deutschland

studieren. Alles war fremd, ich konnte kein Deutsch, aber

immerhin ein bisschen Englisch. Und dann habe ich zwei

Jahre lang versucht, einen Studienplatz zu bekommen.

Damals habe ich hautnah erlebt, was auch Migranten heute

erfahren: Es gab keine Beratung, kein Netzwerk. Und vor

allem: Deutsch ist der Schlüssel, um voranzukommen.

Also besuchte ich drei Monate lang eine Sprachenschule in

Marburg, um zumindest Grundkenntnisse zu erlangen.

Doch die Schule war teuer, länger konnte ich sie also nicht

besuchen. Es folgten Besuche bei der Volkshochschule, doch

die Kenntnisse haben nicht gereicht, um zu studieren. Ich

begann also, in einer Näherei zu arbeiten. Als diese schloss,

wechselte ich zu Ferrero und konnte dort Geld verdienen.

Und so kam ich erstmals in Verbindung mit dem „LOK –

Verein für Beratung und Therapie“, denn eine Kollegin fragte,

ob ich einen Flyer für Schwangerschaftsberatung übersetzen

könnte. Der Flyer gefiel den Verantwortlichen und sie

fragten, ob ich auch während der Beratungsgespräche übersetzen

könnte. Ich hatte meine Berufung gefunden und wollte

in der Beratung arbeiten. Parallel hatte ich bereits mit dem

Studium beginnen können. Ich arbeitete halbtags zunächst

für die AWO, merkte aber, dass ich im Psychologie-Studium

nicht so recht vorankam. Ich wechselte in die Pädagogik –

dort schaffte ich trotz meines Jobs mein Diplom, auch dank

der Unterstützung meiner Kollegen und Kommilitonen.

Seit 2004 arbeite ich nun als Beraterin für die LOK. Dabei

profitiere ich sehr stark von den Erfahrungen, die ich selbst

als Migrantin gesammelt habe: Ich kann mich in die Menschen

hineinversetzen, kenne ihre Gefühle, Probleme und

auch Ängste. Zu uns kommen Menschen, die neu zugewandert

sind und auch Menschen, die sich in Deutschland nicht

zurechtfinden. Das reicht von der Wohnungssuche bis hin


zum Integrationskurs-Anbieter. Und es gibt auch die alltäglichen

Fragen: Wie kann ich mich von der Rundfunkgebühr

befreien lassen? Oder wo stelle ich einen Rentenantrag? Ich

bin also die Lotsin durch den Behördendschungel.

Doch das ist nur ein Teil. Denn die Menschen können hier

auch ihr Herz ausschütten, wenn sie persönliche Probleme

haben – bei Arbeitslosigkeit, Verlusten oder Gewalt in der

Familie. Und auch bei ganz alltäglichen Problemen ist unser

Team da. Dabei ist jeder Tag spannend, denn ich weiß nie,

wer durch meine Tür kommt: aus welchem Land, mit welcher

Sprache und mit welcher Kultur. Das stellt uns aber

auch immer wieder vor neue Herausforderungen. So kann

man mit europäischen Migranten Probleme ganz anders lösen

als mit syrischen Flüchtlingen: Kultur und Mentalität

sind völlig unterschiedlich. Aber mit meiner Geschichte

kann ich allen glaubhaft versichern: Ihr könnt es schaffen!

Das gibt den Menschen Kraft und Mut. Denn sie merken,

dass meine Erfahrungen authentisch sind und sie mir vertrauen

können.

Ich werde während meiner Arbeit auch immer mit echten

Schicksalen konfrontiert – gerade, wenn es um häusliche

Gewalt gegen Frauen geht, bewegt mich das sehr. Gerade

Frauen von Migranten wissen nicht, was danach kommt. Sie

haben keine Ahnung, dass es staatliche oder polizeiliche Hilfe

gibt. Manche denken gar, dass sie in ihr Heimatland abgeschoben

werden. Dagegen können wir mit unserer Beratung

vorgehen.

Manchmal kann es dann vonseiten der Männer auch Probleme

für mich geben. Einmal hat mich ein Mann verfolgt, da

hatte ich schon Angst. Er hat mir zum Glück nichts getan,

wollte aber unbedingt wissen, wo seine Frau ist. Doch ich

verrate nichts – Vertrauen ist die Basis meiner Arbeit.

Ich habe eigentlich gelernt, meine Probleme im Büro zu lassen.

Doch das Erlebte lässt sich an der Haustür nicht einfach

abschalten. Manchmal erzähle ich zuhause, was ich am Tag

erlebt habe – natürlich, ohne Namen zu nennen. Und zur

Entspannung gehe ich raus in die Natur. Denn unser Landkreis

hat eine herrliche Landschaft – beim Nordic Walking

kann ich beispielsweise das Erlebte verarbeiten. Die Waldluft,

die Natur und die vielen Eindrücke tun mir seelisch

und physisch gut. Dann komme ich als anderer Mensch nach

Hause.

Und natürlich bekommen wir auch Supervision. So können

wir Probleme im Team besprechen, man wird nicht alleine

gelassen. Das ist eine wichtige Unterstützung, damit auch

wir Helfer mit unseren Problemen nicht alleine dastehen.

Ich bin froh, in unserem Landkreis zu leben, der für viele

Kulturen Platz hat und niemanden ausschließt. Hier gibt es

eine echte Willkommenskultur. Dazu möchte ich weiterhin

meinen Teil beitragen – damit die Menschen, die zu uns

kommen, hier ihre neue Heimat finden und in die Gesellschaft

integriert werden.

Schloss Schweinsberg bei Stadtallendorf

„Bei meiner Arbeit

profitiere­ich­von­den­

Erfahrungen, die ich

selbst als Migrantin

gesammelt habe.

Ich kann mich in die

Menschen hineinversetzen.“


Die Entwickler-Teams von Huppert setzen sich aus Spezialisten verschiedenster Fachrichtungen zusammen.

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Huppert Engineering GmbH & Co. KG | PMD GmbH & Co. KG

ERFAHRENER VERMITTLER

FÜR KFZ-HERSTELLER UND -ZULIEFERER

Stuttgart, Rüsselsheim, Ingolstadt, Wolfsburg – hier

schlägt das Herz der Automobilindustrie – zumindest

auf den ersten Blick. Denn nicht nur dort, sondern

auch in den Landkreisen von Marburg-Biedenkopf

und Vogelsberg werden hochwertige Kfz-Bauteile,

Komponenten und Systeme für die Automobilindustrie entwickelt.

Seit über 60 Jahren ist die Huppert Engineering

GmbH & Co. KG aus Dautphetal ein gefragter Partner für

Zulieferer und Hersteller, die sich in einem Marktumfeld mit

hohem Wettbewerbs- und Innovationsdruck auf das Knowhow

und die Erfahrung der Huppert-Profi s verlassen. „Wir

denken und handeln automobil“, lautet das Motto von

Huppert Engineering. Aufgrund der Globalisierung der

Automobilindustrie müssen sich die Zulieferer internationalisieren.

Hinzu kommt, dass die Hersteller ihre Fertigungstiefe

immer weiter reduzieren und damit einen Großteil

der Entwicklungsleistung auf die Zulieferer verlagern.

An dieser Stelle setzt Huppert mit umfassenden Engineering-

Dienstleistungen an. Das Unternehmen versteht sich als

loyaler Vermittler zwischen Herstellern und Zulieferern.

Huppert deckt die gesamte Wertschöpfungskette von der

ersten Idee bis zur Endmontage ab: Akquisition und

Vermittlung, Entwicklung und Engineering, Einkauf und

Logistik sowie Produktions- und Qualitätssicherung.

Das ist jedoch nur ein Teil der Engineering-Dienstleistungen

von Huppert. Die Automobilindustrie wandelt sich immer

schneller. Wer hier Schritt halten will, benötigt zukunftssichere

Strategien. Huppert berät daher Hersteller und Zulieferer

in Fragen zu Global Sourcing bzw. Global Selling,

Qualitätssicherung, Optimierung oder Trouble Shooting und

erstellt Machbarkeitsstudien. So hat Huppert zum Beispiel

für die Sanierung eines 400 Mann starken Betriebs den IST-

Zustand analysiert, Optimierungspotenziale identifi ziert

und durch die Einführung einer umfangreichen Datenerfassung

und -auswertung Arbeitsprozesse verbessert. So konnte


Zusammen mit der PMD entwickelt Huppert moderne Engineering-Lösungen für die Automobilindustrie.

Huppert deckt die gesamte Wertschöpfungskette von

der ersten Idee bis zur Endmontage ab: Akquisition

und Vermittlung, Entwicklung und Engineering,

Einkauf und Logistik sowie Produktions- und

Qualitätssicherung.

die Produktion um 40 Prozent gesteigert und die Ausschussrate

um ein Fünftel gesenkt werden.

Durch ein dichtes Netz an Niederlassungen in Deutschland,

Europa und Übersee ist Huppert stets nah am Kunden, quasi

in Sichtweite zu den Produktionsstandorten. Das Huppert-

Team setzt sich aus Spezialisten unterschiedlichster Fachdisziplinen

des Automobilbaus sowie der Entwicklung und

Herstellung von Kfz-Bauteilen zusammen: Ingenieure,

Konstrukteure, Modell- und Formbauspezialisten, CNCund

CAD-Profi s, Logistikexperten usw. Hinzu kommen Generalisten

mit interdisziplinärer Sicht, die quasi den Blick

fürs Ganze wahren. Im Schnitt kann jeder der rund 80 Mitarbeiter

auf eine 20-jährige Berufserfahrung zurückblicken.

Im Jahr 2000 wurde in Biedenkopf das Tochterunternehmen

PMD GmbH & Co. KG gegründet. Die PMD ist heute an

zwei Standorten in Hessen tätig und hat sich in der Konzeptund

Produktentwicklung für die Automobilindustrie einen

Namen gemacht. Die 30 Mitarbeiter entwickeln zum Beispiel

direkt mit einem Automobilhersteller an diversen Getriebe-

und Hybridtechnologien. Zu den Kunden zählen aber

auch Systemlieferanten, Gussteilhersteller sowie Modell- und

Formenbauer aus der Region.

Darüber hinaus bietet PMD zusätzlich zur Produkt- und

Werkzeugentwicklung von Guss- und Spritzgussprodukten

auch die gießtechnische Simulation der Herstellungsprozesse

sowie die Beschaffung von Prototypen an.

Seit 2004 ist als weiteres Geschäftsfeld die IT-Service Dienstleistung

im Portfolio der PMD. Sechs Mitarbeiter sind in den

Fachgebieten IT-Consulting, Networking, Security, Kommunikation

und Virtualisierung an den Standorten in Mittelhessen

und dem angrenzenden Wittgensteiner Land tätig. Zusammen

mit PMD hat sich Huppert Engineering als erfahrener

Kommunikator, Berater und Realisierer für Hersteller

und Zulieferer in der globalen Automobilindustrie etabliert.

Kontakt

Huppert Engineering GmbH & Co. KG

Gladenbacher Straße 44

35232 Dautphetal

www.huppeng.com

PMD GmbH & Co. KG

Frankfurter Straße 91

35315 Homberg/Ohm

www.pm-d.de


Die Fleischereimaschinen von K+G Wetter werden rund um den Globus eingesetzt.

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K+G Wetter GmbH

HIGH-END-PRODUKTE

AUS LEIDENSCHAFT

Erfolg mit eingebaut – diesen Slogan hat sich die

K+G Wetter GmbH nicht von ungefähr auf die

Fahnen geschrieben. Denn der grundsolide Mittelständler

mit Sitz in Breidenstein kann beim Bau

seiner Fleischereimaschinen auf eine langjährige Erfahrung

zurückblicken. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert agiert

das Unternehmen, das mittlerweile in zweiter Familiengeneration

geführt wird, auf dem Markt. Seine Anfänge reichen

jedoch noch viel länger zurück und setzen die erfolgreiche

Maschinenbautradition, für die das Hinterland steht,

konsequent fort.

„Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir qualitativ absolut

hochwertige Maschinen herstellen – unser Anspruch ist es,

unseren Kunden High-end anzubieten“, verdeutlicht Geschäftsführer

Volker Lauber, der zusammen mit Andreas

Wetter das Unternehmen leitet. Die Firmenphilosophie ist

klar formuliert: „Wir produzieren beste Qualität, damit

unsere Kunden beste Qualität produzieren können“, erklärt

Lauber. Zeugnis dafür sind nicht nur Zertifi zierung und

zahlreiche Auszeichnungen. Denn das goutieren auch die

Kunden. So ist das Unternehmen zu einem der führenden

Anbieter hochwertiger Kutter, Wölfe und Mischer aufgestiegen,

die weltweit exportiert werden – mit Vertriebspartnern

in 60 Ländern. „Es gibt keine Region der Erde, in der keine

Maschine von K+G Wetter zu fi nden wäre. Wir sind da, wo

Wurst ist“, verdeutlicht Lauber.

Um die Qualität zu gewährleisten, braucht es gute Mitarbeiter.

Auch dabei überlässt K+G Wetter nichts dem Zufall:

Konsequent wird Jahr für Jahr das Fachpersonal von

morgen ausgebildet – die Ausbildungsquote von über zehn

Prozent stellt auch in Zeiten des Fachkräftemangels die

Weichen in Richtung Zukunft. Auch hier folgt K+G Wetter

einer klaren Linie: Das Unternehmen ist nur so gut, wie das

Team, das dahinter steht. Startete das Unternehmen bei


Ob ausgefallene Wünsche bei der Konstruktion oder weltweiter

Kundendienst vor Ort, K+G Wetter sieht sich über lange Jahre

als verlässlicher Partner seiner Kunden.

Gründung mit 18 Mitarbeitern, ist deren Zahl auf heute 90

angestiegen – alles spezialisierte Fachkräfte mit ausgeprägtem

Know-how.

Sie sind mit ihrer Leidenschaft und ihrem Können das Herz

des Unternehmens. „Wir haben den kompletten Prozess in

der Hand: Von der Idee über die Entwicklung und Konstruktion

bis hin zur fertigen Maschine fi ndet alles im Unternehmen

statt, um unabhängig und fl exibel agieren zu können“,

sagt Geschäftsführer Andreas Wetter. Hinzu kommen

Qualitätssicherung und – ganz wichtig – Service. Ob ausgefallene

Wünsche bei der Konstruktion oder weltweiter

Kundendienst vor Ort, K+G Wetter sieht sich über lange

Jahre als verlässlicher Partner seiner Kunden.

Edelstahl perfekt mit einem hochmodernen Maschinenpark

laser-geschnitten, gebogen, geschweißt und die Oberfl äche je

nach Wunsch durch Schleifen, Bürsten oder Glasperlenstrahlen

in unterschiedlichsten Ausführungen veredelt.

K+G Wetter steht zu dem Standort im hessischen Hinterland.

Die Menschen hier passen zu dem Unternehmensziel,

langfristig ein verlässlicher Partner zu sein.

Die schätzen auch die Innovationskraft des Unternehmens.

Denn der Ansporn von K+G Wetter ist es, Anwenderfreundlichkeit,

Arbeitssicherheit, Hygienestandards und Energieverbrauch

der Maschinen immer weiter zu optimieren. Um

die hohe Qualität seiner Fleischereimaschinen zu erreichen,

setzt der Maschinenbauer auf eine hohe Fertigungstiefe, vertraut

also darauf, viele Teile selbst zu produzieren. Damit

hat K+G Wetter über den gesamten Herstellungsprozess

direkten Einfl uss auf die Qualität und ist weniger von Zulieferern

abhängig.

In der Konsequenz bedeutete dies aktuell für das Unternehmen,

seine eigene Edelstahlfertigung weiter auszubauen und

die Kompetenz in diesem Segment voranzutreiben. K+G

Wetter investierte 2013 in eine neue Halle am Firmensitz in

Breidenstein, die mit einem hochmodernen Maschinenpark

ausgestattet ist. Von dieser Erweiterung der Produktion

können mittlerweile auch externe Hersteller profi tieren: Die

Kapazität der neuen Unternehmenseinheit wurde so bemessen,

dass das spezielle Know-how in der Edelstahlverarbeitung

zur Herstellung von Komponenten für Kunden anderer

Branchen zur Verfügung steht. Diese Kunden können dabei

schon in der Planungsphase von der Expertise der Konstruktionsabteilung

von K+G Wetter profi tieren. Zudem wird der

Stehen für Qualität und Innovationskraft: Die Geschäftsführer der

K+G Wetter, Volker Lauber (links) und Andreas Wetter

Kontakt

K+G Wetter GmbH

Goldbergstraße 21

35216 Biedenkopf-Breidenstein

www.kgwetter.de


KATRIN

STORCK-MÜLLER

geb. 1967 in Mainz | verheiratet, zwei Töchter |

nach dem Abitur 1986 an der Martin-Luther-

Schule in Marburg Chemiestudium in

Darmstadt | bis 1994 Medizinstudium

in Budapest, Göttingen und

Marburg | seit 1993 wieder im

Landkreis Marburg-Biedenkopf

lebend, ab 1996 in Wommelshausen |

Fachärztin für Innere Medizin/

Rheumatologie, Zusatzbezeichnung

Radiologie | seit 2005 Ärztliche

Direktorin des Rheumazentrums Mittelhessen

| seit 2013 alleinige Geschäftsführerin

des Rheumazentrums Mittelhessen in Bad

Endbach

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Katrin Storck-Müller

DAS LANDLEBEN

BIETET SOZIALE NÄHE

Da wo ich herkomm’ wohnen 1.000 Menschen,

im Ort daneben schon zweimal soviel...“ begleitet

Max Giesinger aus dem Radio meinen Weg.

Ich biege um die letzte Kurve und bewundere

jedes Mal aufs Neue das harmonisch um die Kirche angeordnete

Dorf.

Ich lebe gerne hier in Wommelshausen. Genieße soziale Nähe,

Innehalten, Zuhören, Nachbarschaft. Ich freue mich,

wenn mir die Drei, die auf der Bank am Ortseingang sitzen,

zuwinken. Kann Stille ertragen, wilde Feste feiern, spontan

spazierengehen und wandern.

Geboren bin ich in Mainz, habe aber ab dem zweiten Lebensjahr

bis zum Abitur in Bad Endbach gelebt und bin nach

abgeschlossener Berufsausbildung wieder zurückgekehrt.

Zugegebenermaßen war mir mit 18 auch alles zu eng im

Dorf, der Drang, anonym zu sein, eine von Vielen, war gewaltig

und ließ sich eilig in die Tat umsetzen. Ich ging nach

Darmstadt und begann, Chemie zu studieren. Doch ich

entdeckte nach einem Jahr, dass die Medizin doch eher

meinem Naturell und meiner Leidenschaft entspricht.

Ich wechselte also mein Studienfach, mein Weg führte mich

über Budapest und Göttingen letztlich zurück nach Marburg.

Zu Beginn war mir allerdings noch überhaupt nicht

klar, dass ich die Klinik in Bad Endbach übernehmen würde.

Schnell habe ich jedoch herausgefunden, dass die Innere

Medizin das spannendste Thema für mich ist – und somit

konzentrierte ich mich doch auf die Rheumatologie.

Ich kehrte aber gern und selbstverständlich zurück, in

ge wogene räumliche und soziale Nachbarschaft, wo das

Pflegen lokaler Traditionen und regionale Kulturidentität

groß geschrieben werden, in eine Region, die sich seltsamerweise

das hessische Hinterland nennt.

Mit dem oft zitierten Begriff der „Entschleunigung” verbinde

ich hier wenig. Im Gegenteil: Das Landleben ist impulsiv,

rasant, ein schillernder Kontrapunkt zur sozialen Deprivati-


Alles, was wir machen und was wir können, geben wir an

die Patienten weiter. Dass man durch diese Basisarbeit an

den Menschen keinen wissenschaftlichen Ruhm erlangt, ist

mir nicht wichtig – da mache ich gerne Abstriche. Wichtiger

ist die Empathie für die Menschen, mit einer festen Bezugsperson

über Jahre hinweg. Daher nehme ich mir die Zeit,

ganz persönlich auf die Patienten einzugehen. Denn Rheuma

lässt sich nicht heilen. Bei uns geht es immer um die Verbesserung

der jeweiligen persönlichen Lebenssituation. Dafür

setzen wir uns ein.

„Das Landleben ist impulsiv, rasant, ein schillernder

Kontrapunkt zur sozialen Deprivation und digitalen

Gestresstheit der Städte.“

Wir konzentrieren uns auf den Menschen, die Medizin, das

Gesundwerden, die Linderung. Und das in einer Umgebung,

die uns nach Kräften unterstützt. Mit geerdeten Mitarbeitern,

stärkendem Grün und beruhigender Stille.

Geerdet sein ist auch für mich sehr wichtig. Egal, ob beim

Musizieren im Kirchen- und Posaunenschor, beim wöchentlichen

Volleyball oder – im wahrsten Wortsinn – bei der

Gartenarbeit.

Das Eisenbahnviadukt bei Bad Endbach ist ein Wahrzeichen

des Ortes.

on und digitalen Gestresstheit der Städte. So erklärt sich

auch mein wohl kontrazyklisches Handeln und die Entscheidung,

eine komplett neue Fachklinik für Rheumatologie wieder

an diesen Standort im hessischen Hinterland zu bauen.

Und wenn sie in meinem Ort vorbeikommen, wo 1.000 Menschen

wohnen, dann besuchen Sie doch die „Schutzhütte am

Stein“ – und Sie werden sich fühlen wie ein ganz besonderer

von 80 Millionen.

Flugplatz Bottenhorn in Bad Endbach

Schon mein Großvater und auch mein Vater haben hier in

Bad Endbach mit Leidenschaft und Begeisterung medizinisch

gewirkt und entscheidend die Entwicklung von Bad Endbach

beeinflusst. Die Bindung an Bad Endbach hat mehr als traditionelle

Gründe. Gewachsene Adaptation und gelebte Akzeptanz

waren mit ausschlaggebend. Die positive Einstellung der

Mitarbeiter ist Motivation und Bindung zugleich.

Auch für unsere Patienten ist der Standort ideal. Die Nähe

der Therme, moderne Energiekonzepte und ein hervorragend

aufgestelltes Netz an Wanderwegen sind eine sinnvollere

Umgebung als Shoppingmöglichkeiten, luxuriöse Flaniermeilen

oder künstlich angelegte Kurparkanlagen. Wer wirklich

Medizin sucht, der ist hier richtig.


LAURA

STULLICH

geb. 1987 in Marburg | 2006 Abitur an der

Elisabethschule, anschließend Studium

„International Tourism Management“

an der NHTV Breda | 2003 Vize-Juniorenweltmeisterin

| 2005 vier

Goldmedaillen bei der Junioren-Weltmeisterschaft

im Rhönradturnen |

2011 drei Gold- und eine Silbermedaille

bei den Weltmeister schaften | 2012

Gründung von „Wheel Sensation“ |

2013 zwei Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften

in Chicago

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Laura Stullich

MIT DEM RHÖNRAD VON

MARBURG IN DIE WELT

Wenn ich heute an den Grachten in Amsterdam

sitze und all den Trubel um mich herum vergesse,

denke ich gern an meine Heimatstadt

in Hessen. Ich habe meine Kindheit und Jugend

in Marburg verbracht, eine intensive Zeit zwischen

Leistungssport, Schule und Freunden. Erst jetzt, nach einigen

Jahren im Ausland und vielen neuen Erfahrungen, wird

mir bewusst, wie sehr ich meiner Heimatstadt dankbar bin

für das, was mir dort alles ermöglicht wurde. Es wurden mir

Chancen geboten, sodass ich meine Persönlichkeit individuell

entwickeln konnte. Neben meinen Eltern und guten

Freunden verbinde ich mit Marburg vor allem meine Karriere

als Leistungssportlerin im Rhönrad.

Nach den ersten Jahren im Kinderturnen habe ich im Alter

von sechs Jahren im Turnverein TSV Marburg Cappel

begonnen. Dort habe ich meine ersten Gruppen- und Wettkampferfahrungen

gesammelt und viele Grundlagen des

Sports gelernt. Vier Jahre später habe ich zusammen mit

Freundinnen das Rhönradturnen im TSV Marburg Ockershausen

entdeckt. Ich war sofort begeistert – nach den ersten

erfolgreichen Wettkämpfen habe ich mich komplett auf den

Leistungssport Rhönradturnen konzentriert. Meine größten

Erfolge in der Jugendklasse waren der Vize-Weltmeister-Titel

in 2003 und vier Goldmedaillen bei der WM in 2005. Nach

dem Abitur an der Elisabethschule habe ich ein Jahr in den

USA in einer Zirkusschule als Trainerin gearbeitet und dort

meine ersten großen Shows gezeigt. Nach einer Wettkampfpause

kam ich 2010 zurück in die Seniorenklasse und konnte

dort 2011 und 2013 insgesamt sechs Mal Gold gewinnen.

Mittlerweile wohne ich in Amsterdam und mein Sport ist zu

meinem Beruf geworden. Zusammen mit meinem Freund

trete ich als Artistin im Rhönrad und der Akrobatik auf.

Unter dem Namen „Wheel Sensation“ stehen wir auf nationalen

und internationalen Bühnen und reisen mit unserem

Rhönrad um die Welt. Ich bin unglaublich glücklich, dass

ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Dies war nicht


Sport hat mir auch die Kraft und die Zuversicht gegeben, in

anderen Situationen zu kämpfen und nicht aufzugeben. Von

den ersten Wettkämpfen in Marburg bis zur Weltmeisterschaft

in den USA habe ich gelernt, mit Sieg und Niederlage

umzugehen. Dazu gehört auch der Umgang mit Erwartungsdruck

und Erfolg. Vor allem die Unterstützung durch meine

Vereinskolleginnen und meine Eltern hat mir mental Stärke

und Bodenständigkeit gegeben. Obwohl das Rhönradturnen

eine Einzelsportart ist, war für mich der Verband in der

Gruppe und die Identifizierung mit dem Verein immer

ausschlaggebend. Die tolle Stimmung in der Gruppe, die

Atmosphäre in der Halle beim Training und vor allem das

Gesamterlebnis während Wettkämpfen ist das, was noch

lange in Erinnerung bleibt und die Motivation dafür gibt,

immer wieder hart zu trainieren.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass erfolgreich Leistungssport

zu betreiben heißt, für seinen Sport zu brennen – und

eigene Grenzen zu überwinden. So habe ich auch schon nach

nur drei Monaten nach meinem Kreuzbandriss und der Operation

in 2011 in der Uniklinik in Marburg wieder drei

Shows täglich auf der Bühne gezeigt und für die nächste

WM trainiert. Dennoch habe ich nach einem weiteren World

Cup in 2014 verkündet, dass ich meine Wettkampfkarriere

beenden werde. Dieser Schritt war sicherlich nicht einfach,

da dies auch meine enge Verbindung mit dem TSV Marburg

Ockershausen veränderte. Noch heute vermisse ich Wettkämpfe

und Vereinskolleginnen, aber trotzdem bin ich mir

sicher, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um etwas Neues

zu beginnen.

selbstverständlich bei einer Randsportart wie dem Rhönradturnen.

Hierfür bin ich meiner Heimatstadt Marburg dankbar.

Durch eine hervorragende Unterstützung durch den Verein

und eine Wertschätzung durch die Stadt wurde mir diese

Laufbahn ermöglicht. Angefangen bei Hallenzeiten, der

finanziellen Unterstützung für Wettkämpfe, der Öffentlichkeitsarbeit

durch die Presse bis hin zur Anerkennung durch

Ehrungen und Empfänge durch den ehemaligen Oberbürgermeister

Egon Vaupel. Ich erinnere mich sehr gut an den

Empfang nach meiner ersten WM 2003 in Lillehammer. Mit

dem Bus kamen wir zurück von der langen Reise aus Norwegen,

und als Überraschung gab es einen großen Empfang

im Vereinshaus mit Freunden, Familie, Vereinskollegen,

Presse und Oberbürgermeister. Am nächsten Tag erschien

ein großer Artikel in der Zeitung – und ich realisierte, wie

weit ich bereits gekommen war. Diese Erlebnisse waren es,

die mir neue Energie gaben, um immer weiterzumachen. Der

Ich bin unglaublich froh, dass bis heute das Rhönradturnen,

das ich vor fast 20 Jahren in Marburg begonnen habe, noch

immer der Mittelpunkt meines Lebens ist. Durch den Rhönradsport

habe ich meinen Freund und zukünftigen Mann

kennengelernt. Zusammen haben wir unsere eigene Firma

aufgebaut und heute sind wir professionelle Artisten und haben

unser eigenes Trainings- und Unterrichtsstudio in den

Niederlanden.

Ich freue mich immer sehr, wenn wir für unsere Show-Auftritte

in meine hessische Heimat kommen. Oft kombiniere

ich dies mit einem Besuch in Marburg bei meinen Eltern und

Freunden. Besonders dann wird mir bewusst, wie schön

meine Heimat ist und all die Erinnerungen an meine Kindheit

und Jugend, den Leistungssport und die Erlebnisse im

Verein sind wieder ganz nah.

Da liegt es nicht fern, dass ich die Hochzeit mit meinem

niederländischen Freund in meiner Heimatstadt Marburg

erleben will. Ich freue mich schon jetzt auf die wunderbare

Atmosphäre in der Oberstadt und den Blick vom Schloss

über die Altstadt und das Lahntal.


SABRIYE

TENBERKEN

geb. 1970 | Als erste Blinde studierte sie Tibetologie und entwickelte dafür eine eigene Blindenschrift

| 1998 gründete sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Paul Kronenberg in Lhasa (Tibet)

eine vorbereitende Schule, die Schüler so ausbildet, dass sie sich in weiterführende Regelschulen

selbst integrieren können. Dazu eröffneten sie auf 4000 Meter Höhe eine Trainingsfarm für blinde

Erwachsene | In den Büchern „Mein Weg führt nach

Tibet“ und „Mein Siebtes Jahr“ hat sie diese Projekte

beschrieben | Ihr aktuelles Projekt, das „Kanthari-Institut“

im südindischen Kerala, macht sich die Erfahrungen

in Tibet zunutze und fördert soziale „Veränderer“ aus

der ganzen Welt. Mehr unter: www.kanthari.org

96 · 97

Sabriye Tenberken

IN MARBURG HABE ICH

GRUNDVERTRAUEN GEFUNDEN

Mein Umzug von Bonn nach Marburg war die

Folge einer wichtigen Erkenntnis. Ich würde

mit Sicherheit vollkommen erblinden und

darum musste ich mein Leben neu sortieren.

Wenn ein Kind zum ersten Mal mit dem Wort „blind“ konfrontiert

wird, dann zeigt es zunächst Unverständnis. Die

erste typische Reaktion, es schließt die Augen. Es wird

dunkel. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit. Ein Leben im

Dunkeln konnte ich mir nicht vorstellen.

Als ich von meinen sehenden Klassenkameraden in der

dritten Klasse etwas unsanft auf mein schlechter werdendes

Sehvermögen aufmerksam gemacht wurde, sie nannten mich

„Blindschleiche“ und „blinde Kuh“, da wurde mir klar, dass

sich etwas Entscheidendes in meinem Leben ändern würde.

Und ich wusste, dass ich auf keinen Fall blind sein wollte.

Denn schlimmer als die Angst vor einem Leben im Dunkeln

ist die Angst davor, isoliert zu sein, keine Freunde zu haben,

irgendwann alleine dazustehen. Die Isolation traf ein, sie

überrollte mich recht plötzlich. Dunkel wurde es allerdings

nie. Obwohl ich nicht einmal mehr Hell und Dunkel unterscheiden

kann, ist die Welt um mich heller und farbreicher

geworden. Ich kann sie mir ausmalen wie ich will.

Mit zwölf Jahren entschloss ich mich, einen Integrationsversuch

in einer Regelschule abzubrechen und auf das Marburger

Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte, die Blista, zu

wechseln. Für mich war das ein Glücksfall. Die Schule war

für mich Schutzraum und Sprungbrett zugleich. Ich bin heute

in der Lage, mein Leben in die Hand zu nehmen, eben

weil ich in Marburg entsprechend gefördert wurde.

Ich kann sagen, dass der Beginn meines sehr abwechslungsreichen

Lebens die Zeit in Marburg war. Obwohl die Stadt

nur für neun Jahre mein Zuhause war, ist mir ein Abschied

von einem Ort nie wieder so schwer gefallen. Ich kann mich

noch gut daran erinnern, wie ich nach der Abiturfete im

Sommer 1992 die Koffer packte, im Wissen, dass einer mei-


Die sogenannten „Heiligen Eichen“ bei Rauschenberg

ner schönsten und sorglosesten Lebensabschnitte an diesem

Punkt zu Ende gehen musste. Alles war mir in dieser Stadt

unendlich vertraut. Jede Stufe in der Oberstadt, das Ampelpiepsen,

die singende und immer gut gelaunte Frau Muth

und der, besonders morgens, nicht enden wollende Schlagberg,

hoch zum Blista-Gebäude. Wenn ich später durch

Journalisten auf meine Zeit in Marburg angesprochen

wurde, kam oft die Frage, ob nicht das Leben in einer solch

beschaulichen Umgebung auf einen jungen Menschen eher

einlullend wirken könnte?

„In der Tat war Marburg für mich, wie für viele

andere Schulabgänger, eine Komfort-Zone, die

man nicht so ohne Weiteres hinter sich lassen

konnte oder wollte.“

In der Tat war Marburg für mich, wie für viele andere Schulabgänger,

eine Komfort-Zone, die man nicht so ohne Weiteres

hinter sich lassen konnte oder wollte. Allerdings hat mir

die nicht bedrohliche Atmosphäre der Kleinstadt auch ein

Grundvertrauen mitgegeben. Waren es damals die nächtlichen

Streifzüge durch das Südviertel, reise ich heute alleine

ohne Angst durch Delhi, Mumbai oder Peking. Glücklicherweise

hatte ich auch fantastische Lehrer, die mich darauf vorbereiteten,

das Leben angstfrei anzunehmen. Durch Wildwasser-Training

auf der Lahn, Abfahrtski in Südtirol, Voltigieren

in Wehrda. Durch die Ermutigung, sich politisch zu

engagieren, Neues auszuprobieren, Risiken als Abenteuer anzunehmen,

habe ich gelernt, auf die Nase zu fallen, Fehler

machen zu dürfen, etwas wieder neu zu beginnen.

Kurz vor dem Eintritt in die Oberstufe konfrontierte uns

der Ethik-Lehrer mit der Frage: „Gibt es ein Leben nach

dem Abitur?“ Ich weiß noch, dass wir etwas ärgerlich reagierten.

Wir hatten uns in der Komfort-Zone der Schule


gut eingerichtet und wollten nicht wirklich an das Leben

da draußen denken. Seine Anweisungen waren klar. Wir

sollten nicht direkt an Berufe denken, nicht an Dinge, die

wir besonders gut können. Nur daran, was wir wirklich

wollten.

Ich wollte ins Ausland, schreiben, Abenteuer erleben und etwas

Sinnvolles tun. „Das klingt nach Entwicklungshilfe“,

meinte mein Lehrer – aber Entwicklungshilfeorganisationen

konnten sich nicht vorstellen, dass ich als Blinde für sie

arbeite. Also musste ich einen eigenen Weg finden. Eine

Riesenchance. Ist es denn nicht viel spannender, nicht ausgetretene

Wege zu gehen? Und Tibet schien als Abenteuer

genau richtig.

Mein Wunsch Tibetologie zu studieren, um in Tibet ein

soziales Projekt auf die Beine zu stellen, wurde von Lehrern

unterstützt. Um die tibetische Schrift erlernen zu können,

bekam ich sogar Spezialunterricht im Optacon-Lesen. Das

„Ich habe nun keinen Koffer mehr in Marburg, aber ich

werde dieser Stadt und besonders meiner Schule für

den Start in mein Leben immer dankbar sein.“

Optacon besteht aus einer Kamera, die gedruckte Schrift

durch kleine hoch und runter schnellende Nadeln auf den

Zeigefinger der linken Hand projiziert. Dieses Gerät ermöglichte

später das Studium der Zentralasien-Wissenschaft mit

Schwerpunkt Tibetologie.

Ich habe nun keinen Koffer mehr in Marburg, aber ich werde

dieser Stadt und besonders meiner Schule für den Start in

mein Leben immer dankbar sein. So dankbar, dass ich in

meinem jüngsten Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala –

die Welt verändern, das kann man lernen“ Marburg ein

ganzes Kapitel gewidmet habe.

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Sabriye Tenberken mit einigen ihrer Schüler in Lhasa beim Training


SCK

SCHNEIDER CAD-KONSTRUKTIONEN GMBH

EXZELLENZ, PROFESSIONALITÄT

UND BEGEISTERUNGSFÄHIGKEIT

Wenn der erste Airbus A320 an der neuen

Endmontagelinie in Hamburg-Finkenwerder

zusammengesetzt wird, kann die SCK aus

Biedenkopf einen weiteren erfolgreichen

Auftrag für sich verbuchen. „Wir sind sehr stolz darauf, dass

wir für Airbus die Arbeitsplattformen der neuen A320-Linie

konstruieren“, sagt Gernot Schneider, der zusammen mit

Kay Bernhardt die SCK-Unternehmensgruppe führt. Neben

dem Sitz in Biedenkopf unterhält SCK einen weiteren

Standort im rheinland-pfälzischen Wissen sowie im indischen

Pune.

Der international tätige Ingenieurdienstleister für die Flugzeugindustrie

gehört zu den führenden Unternehmen in dieser

Branche und hat sich im Bereich Luftfahrt Interior/Exterior,

insbesondere für die Konstruktion von Flugzeug-Bordküchen,

Arbeitsplattformen für die Flugzeugendmontage sowie Vorrichtungen

zur Montage von Flugzeugbauteilen einen Namen

gemacht. Airbus, Boeing, Lufthansa – das sind nur drei

Namen aus einer langen Liste an Endkunden, die von den

Konstruktionen von SCK profi tieren. „Wir sind zum Beispiel

auch für Modell- und Formenbauer oder Unternehmen aus

der Industrietechnik tätig“, ergänzt Schneider. SCK ist in der

Lage, nahezu jedes aus Metallen oder Kunststoffen urgeformte

Produkt oder Bauelement komplett von der Idee bis zur

Serienreife zu entwickeln.

„Für die komplette Problemlösung habe ich SCK“, ist ein oft

gehörter Satz unter den Kunden, die speziell die über 25-jährige

Erfahrung der SCK-Experten schätzen: vom Design,

Stress, Tool und Manufacturing Engineering über die Material-

und Prozessentwicklung bis hin zur Qualitätsprüfung.

„Mehr Nutzen für den Kunden – das ist unser Anspruch“,

bringt es Schneider auf den Punkt. So begleitet SCK seine

Kunden von der ersten Idee über die Entwicklung und Konstruktion

bis zum Prototypenbau und der Produktion. Oder

die Kunden nutzen die SCK-Expertise für konkrete Herausforderungen

auf diesem Weg. Dabei setzt SCK auf modernste

3D-CAD-Technologie. Doch neben der technischen Exzellenz

und Professionalität zeichnen sich die Luftfahrt-Profi s aus

Biedenkopf insbesondere durch eines aus: Begeisterungsfähigkeit.

Denn erst damit wird aus einer Produktvision Realität.

Die beiden Firmeninhaber und Geschäftsführer:

Kay Bernhardt (links) und Gernot Schneider (rechts)

„Für die komplette Problemlösung habe ich

SCK“, ist ein oft gehörter Satz unter den Kunden,

die speziell die über 25-jährige Erfahrung der

SCK-Experten schätzen: vom Design, Stress,

Tool und Manufacturing Engineering über die

Material- und Prozessentwicklung bis hin zur

Qualitätsprüfung.

Kontakt

SCHNEIDER CAD-KONSTRUKTIONEN GMBH

Im Feldchen 3

35216 Biedenkopf

www.sck.de


100 1 · 101 2

KRUG Gruppe Breidenbach

KRUG-PRODUKTE SIND

IMMER DABEI

Man kann sie zwar nicht immer auf den

ersten Blick sehen, aber die Produkte der

KRUG Gruppe sind fester Bestandteil unseres

täglichen Lebens. Oder anders gesagt –

jeder hat ein Stück KRUG zu Hause. Beispiele gefällig?

Hier eine (wirklich sehr) kleine Auswahl: Zargen und

Lüfterhauben für fast alle großen Automarken. Mülltrennsysteme,

Schubladen und sogar Grillbesteck. Armund

Rückenlehnen für Stühle. Spannungsschutzelemente,

Lichtschalter sowie Zubehörteile für Heizungsanlagen.

Mit den beiden Geschäftsbereichen Formenbau und

Kunststofftechnik ist die KRUG Gruppe der Spezialist

für komplexe Bauteile sowie Druckguss- und Spritzgussformen

für die unterschiedlichsten Anwendungen in den

Branchen Automotive, Haushalt und Elektro.

Serienfertigung und Werkzeugbau sind bei der KRUG Gruppe

unter einem Dach vereint. KRUG Formenbau liefert Lösungen

für komplexe Druckguss - und Spritzgussformen und ist der

richtige Partner, wenn es um die Herstellung hochwertiger

Werkzeuge geht. Gefertigt werden die unterschiedlichsten

Aluminium -, Magnesium- und Kunststofferzeugnisse im

kompletten Prozess – also von der Konstruktion über das

Engineering bis hin zur Fertigung der Werkzeuge. Modernste

Anlagen wie 5 -Achs- Simultanzentren inklusive

Werkstückwechslern liefern hochpräzise Ergebnisse. Die

Zertifizierungen nach DIN EN ISO 9001, ISO 14001,

ISO 50001 und TS 16949 garantieren messbare Qualität.

KRUG Kunststofftechnik bietet Lösungen für komplexe

Bauteile. Mit fundiertem Know- how wird der gesamte Realisierungsvorgang

von der Konzeption über das Prototyping

und den Formenbau bis hin zur Serienproduktion

und der bedarfsgerechten Lieferung zuverlässig abgedeckt.

Ob MuCell ® -, Hybrid- oder GID- Verfahren, ob Großserienfertigung,

mittlere Stückzahl oder Reproduzierbarkeit


in Kleinserie – auf modernen Maschinen und Anlagen

wird im Schließkraftbereich von 250 kN bis hin zu

13.000 kN Zuhaltekraft gefertigt.

Den Grundstein für den heutigen Erfolg legte Kurt Krug.

1980 gründete er mit sieben Mitarbeitern KRUG Formenbau.

Das Unternehmen expandierte kontinuierlich –

bereits 1990 wurde ein neues Gebäude mit über 2.800 qm

Produktionsfläche gebaut. 1994 ist das Gründungsjahr

der KRUG Kunststofftechnik und die Geburtsstunde der

KRUG Gruppe, so wie sie heute besteht. Auch die nächsten

Jahre standen und stehen bis heute im Zeichen von

Wachstum – erst 2016 wurde ein neues Werk in Meerane

in Betrieb genommen.

Herausforderungen im Formenbau und

in der Kunststofftechnik – kompetent gelöst.

Das inhabergeführte Familien unternehmen – heute leiten

die Söhne des Unternehmensgründers Thomas und Jochen

die KRUG Gruppe – beschäftigt mittlerweile über 200

Mitarbeiter. Zum Erfolg beigetragen haben nicht nur die

qualitativ hochwertigen Produkte und die umfangreichen

Service-Leistungen, sondern auch die Haltung des Unternehmens,

die vom gesamten Team mitgetragen wird. Sie

ist geprägt von Ehrgeiz, Sicherheit, Innovation und Nachhaltigkeit.

Klingt theoretisch? Ist es nicht: Kunden und

Partner können sicher sein, sich immer auf die Qualität

der Erzeugnisse und Dienstleistungen verlassen zu können.

Ehrgeizig wird an neuen Produkten gearbeitet, um

die individuellen Bedürfnisse zu erfüllen und den unterschiedlichen

Anforderungen gerecht zu werden. Bei der

KRUG Gruppe denkt man immer ein Stück weiter und

sucht innovativ nach neuen Lösungen. So gelingt es, nachhaltig

zu wirtschaften und einen langfristigen Planungshorizont

aufzubauen.

Um auch in Zukunft beste Lösungen bieten zu können,

investiert die KRUG Gruppe kontinuierlich in die Weiterentwicklung

von Technik und Technologie und legt besonderen

Wert auf die Aus- und Weiterbildung. Das schafft erfolgversprechende

Perspektiven – für das Unternehmen, für die

Mitarbeiter und die Kunden gleichermaßen.

Kontakt

KRUG Gruppe

Schlosserstraße 3

35236 Breidenbach, Germany

www.krug-breidenbach.de


Die frühzeitige Diagnose

von Rheuma kann den zerstörerischen

Verlauf der

Erkrankung abwenden.

Dafür verfügt das Rheumazentrum

Mittelhessen über

modernste diagnostische

Einrichtungen.

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Rheumazentrum Mittelhessen GmbH & Co. KG

DIE RUNDUM-KOMPETENZ

FÜR EIN LEBEN IN BEWEGUNG

Wenn entzündete Gelenke schmerzen und alltägliche

Dinge schwerfallen, dann ist schnelle

und umfassende Hilfe gefragt. Rheuma

schränkt nicht nur die Bewegungsfreiheit

ein, es droht die Erwerbsunfähigkeit bis hin zur vollen

Pfl egebedürftigkeit. Das Rheumazentrum Mittelhessen in

Bad Endbach hat durch seine Kompetenz und jahrelange

Erfahrung überregionale Bedeutung für die Diagnose und

Therapie von rheumatologischen und orthopädischen Erkrankungen

erlangt, denn es vereint vier Einrichtungen an

einem Standort: Akut- und Rehabilitationsklinik, zwei rheumatologische

Schwerpunktpraxen und eine therapeutische

Ambulanz. „Die umfassenden Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten,

die wir anbieten können, werden insbesondere

von chronisch erkrankten Patienten sehr geschätzt“, sagt

Katrin Storck-Müller, Ärztliche Direktorin des Rheumazentrums

Mittelhessen. Ihr größtes Anliegen ist die frühe

und möglichst exakte Diagnostik. „Ein potenziell zerstöre-

rischer Verlauf kann durch eine frühzeitige Therapie verhindert

werden“, erläutert Storck-Müller.

Die Ambulanz des Rheumazentrums ist auf die Diagnose

und Behandlung von entzündlich-rheumatischen Krankheitsbildern

spezialisiert und gliedert sich in zwei Schwerpunktpraxen

und einen therapeutischen Bereich auf. Der

Akutklinikbereich des Rheumazentrums führt als einzige

stationäre Fachabteilung des Zentrums die Innere Medizin

mit Schwerpunkt Rheumatologie. Patienten werden bei

einem Krankheitsschub oder Komplikationen sofort und zu

jeder Tageszeit aufgenommen. Die Rheumatologen aus der

Fachabteilung Innere Medizin können die notwendigen therapeutischen

Maßnahmen sofort und kompetent einleiten.

„Die überwiegende Zahl der Patienten profi tiert von einer

akut-stationären Versorgung besonders hinsichtlich der Reduzierung

der Krankheitsaktivität mit Schmerzminderung,

Funktionsverbesserung und Abwendung von Krankheits-


komplikationen“, erklärt Storck-Müller – ein Effekt, der

über Monate, ja sogar Jahre anhalten kann. Das bedeutet

für viele Patienten, dass sie ihren Beruf weiterhin ausüben

können, eine drohende Behinderung oder gar den Verlust der

Selbstversorgung abwenden konnten. Auf diese Weise werden

auch Folgekosten für Patienten und die Solidargemeinschaft

vermieden. Auf Krankenkassen kommen weniger

Wiederaufnahmen zu und die Kosten für Medikamente

werden reduziert.

Auch wenn eine Rheumaerkrankung sehr individuell

verläuft und sich daher kaum vorhersagen lässt, ist ihren

Erscheinungsformen eines gemeinsam: Sie lassen sich nur

selten spontan ausheilen. Es bedarf einer dauerhaften Behandlung,

zumal die Betroffenen häufi g eine fortschreitende

Verschlechterung ihres Zustands erleben. Sie sind daher gezwungen,

über viele Jahre mit der Krankheit zu leben. Daher

misst das Rheumazentrum Mittelessen auch der Nachsorge

im Rehabilitationsbereich sowie der Patientenaufklärung

eine große Bedeutung bei. „Wir wollen die Selbstwirksamkeit

und Eigenverantwortung des Patienten verbessern und

damit auch seine Motivation und Mitarbeit in der Therapie“,

erklärt Storck-Müller.

Da die Ursachen derartiger Krankheitsbilder nur selten bekannt

sind, können sie in der Regel nicht aufgrund eines

einzigen Krankheitsmerkmals unterschieden werden. Eine

gezielte Diagnose ist nur auf Grundlage einer Kombination

von klinischen, röntgenologischen, labormedizinischen und

anderen Merkmalen möglich. Hierfür hat das Rheumazentrum

in den vergangenen zehn Jahren verschiedenste

Investitionen in die Standardisierung der diagnostischen

Einrichtung getätigt und das Ärzteteam auf Facharztniveau

Kompetente Hilfe bei allen Erscheinungsformen des Rheumas –

das verspricht das Rheumazentrum Mittelhessen.

erweitert. Um auch zukünftig den Anforderungen an eine

umfassende Diagnostik und Therapie gerecht zu werden,

entsteht ein fünfgeschossiger Ersatzneubau in direkter

Nachbarschaft des Zentrums, um ambulante Ablaufstrukturen

für Patienten und die 170 Mitarbeiter zu optimieren

und den technischen sowie energietechnischen Standard zu

erhöhen. Während des Baus bietet das Zentrum weiterhin

sämtliche Dienstleistungen vollumfänglich an. Nach Inbetriebnahme

des Neubaus werden sechs Gebäudeteile des

Altbaus abgerissen und die frei werdende Fläche in eine

neue Außenanlage umgewandelt. So stellt das Rheumazentrum

Mittelhessen sicher, dass es seinen Patienten auch

in Zukunft die gefragte Rundum-Kompetenz zur Verfügung

stellt.

Kontakt

Rheumazentrum Mittelhessen GmbH & Co. KG

Sebastian-Kneipp-Straße 36

35080 Bad Endbach

www.rzmh.de

Das Rheumazentrum Mittelhessen vereint vier Einrichtungen an einem Standort und hat sich

damit über die Region hinaus als Kompetenzzentrum für die Diagnose und Therapie von

Rheumaerkrankungen etabliert.


EGON

VAUPEL

geb. 1950 in Schlierbach | 1966 Mittlere

Reife | 1969 Ausbildung zum Großhandelskaufmann

| 1972 Refa-Studium |

1975 hessische Finanzverwaltung

| 1997 Wahl zum Bürgermeister

in Marburg | 2005 bis

2015 Oberbürgermeister in

Marburg

104 · 105

Egon Vaupel, Oberbürgermeister a. D.

VERTRAUEN

IST BASIS DES ZU-

SAMMENLEBENS

Ich hatte unglaubliches Glück: nach dem Krieg genau

auf dieser Scholle geboren zu sein. All das, was das Leben

mir gegeben hat, habe ich zum größten Teil den

Menschen im Landkreis zu verdanken. Zunächst natürlich

meinen Eltern: Meine Mutter kam aus Günterod,

mein Vater aus Schlierbach. Sie haben mir Nestwärme und

Vertrauen gegeben, sodass ich wachsen konnte und auch für

die Unbillen des Lebens gewappnet war. Ich wurde in einem

großen Gemeinschaftsgedanken erzogen: Wir Menschen

sind nur zusammen stark. Und nur zusammen können wir

Großes leisten.

Meine Ausbildung absolvierte ich in Hartenrod beim ehemaligen

Auto- und Süßwarengroßhändler Krailing. Daher rührt

auch heute noch meine Liebe zu Gelee-Bananen und schnellen

Autos. Schon während der Ausbildung lernte ich, dass es vor

allem um eines im Leben geht: um Vertrauen. Wichtig ist

nicht, dem Kunden einmal ein Auto zu verkaufen, sondern ihn

für die Zukunft zu gewinnen. Und das geht nur mit Vertrauen.

Aufgewachsen bin ich in den 50ern. Meine kindliche Sicht

war damals aufs Hinterland beschränkt, gefüllt mit Informationen

aus Deutschland. So bekam ich natürlich mit, dass

Kriegsflüchtlinge nach Deutschland kamen. Doch war die

Informationsdichte natürlich eine andere als heute. Von

Gleichstellungspolitik hatte ich noch nie gehört. Meine

Mutter hat aber schon damals versucht, meine Schwester sowie

mich und meinen Bruder gemeinsam für die Hausarbeit

einzuteilen. Das sonntägliche Mittagessen war nach dem

Kirchgang ein kleines Fest – nicht, weil wir viel auf dem

Tisch hatten, sondern weil die Familie gelebt wurde, ganz

ohne den Druck von Schule oder Arbeit. Wir Kinder hatten

drei Aufgaben: den Tisch zu decken, den Tisch abzuräumen

– und zu spülen. Da ich spülen gehasst habe, meldete ich

mich immer schnell zum Tischdecken. Ich habe also für fünf

Personen gedeckt. Doch meine Mutter hat jeden Sonntag darauf

bestanden, ein sechstes Gedeck aufzulegen: Es könnte

ja noch jemand kommen.


Blick aus der Gemeinde Ebsdorfergrund vom herbstlichen Frauenberg bei Marburg

Mutter musste sich bestimmt am Ende des Monats oft überlegen,

wie sie noch ein Sonntagsmahl hinbekommen könnte,

denn wir waren materiell nicht reich. So haben wir Brennnessel

gesammelt, um Spinat zu machen oder Sauerampfer

für einen Salat. Aber für meine Mutter war immer klar:

Wenn noch jemand kommt, dann bekommt er bei uns eine

Heimat und ein Essen. Daher wundert es mich sehr, dass es

heute Menschen gibt, die das gleiche Glück hatten wie ich –

nämlich in der Vorstufe des Paradieses groß zu werden –

nun aber Menschen, die aus Elend und Leid und ohne Zukunftsperspektive

zu uns kommen, keinen Platz anbieten

wollen. Zum Glück sind die Menschen in unserem Landkreis

anders. Es geht ihnen gut. Und daran lassen sie andere

teilhaben. Vor diesem Hintergrund tut es mir leid, dass viele

Menschen das Vertrauen in die große Politik verloren haben

und somit Leute erstarken, die Rattenfänger sind. Jeder

muss sich vor Augen führen: Wenn diese Rattenfänger die

Mehrheit sind, dann wird es so sein, wie Martin Niemöller

gesagt haben soll: „Als die Nazis die Kommunisten holten,

habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie

die Sozial demokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;

ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter

holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren

konnte.“

Diese Botschaft ist mir wichtig: Wir werden nicht glücklich

leben können, wenn wir keine Offenheit zeigen. Ich wurde

christlich erzogen und habe immer verstanden, dass Christentum

Nächstenliebe bedeutet. Daher muss es für uns ein

Ansporn sein, die Menschen, die zu uns kommen, zu integ-

„Aber für meine Mutter war immer klar: Wenn

noch jemand kommt, dann bekommt er bei uns

eine Heimat und ein Essen.“


ieren. Und zwar ohne von ihnen zu verlangen, dass sie ihre

Identität und Kultur verleugnen.

Vieles von dem, was mir in meinem späteren Leben geholfen

hat, habe ich auch von meinem Großvater gelernt. Er hat mir

verdeutlicht, dass ich nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten

habe. Großvater war Bergmann. Für ihn war klar: Wenn

man unter Tage fährt, braucht man Kumpel neben sich –

also in Freundschaft verbundene Kollegen. Er hat mir verdeutlicht,

dass eine unserer Hauptaufgaben Gerechtigkeit

ist. Um das zu erreichen, müssen wir solidarisch füreinander

kämpfen. Unsere edelste Aufgabe ist nicht, den Starken hinterherzulaufen,

sondern für die Schwachen zu kämpfen. Er

hat auch den Grundstein für meine Verbundenheit und Verrücktheit

zu Schalke 04 gelegt. Eigentlich fand ich den HSV

toll, doch mein Großvater hat gesagt: Wir sind Arbeiter, wir

gehen zu einem Arbeiterverein.

106 · 107

Lange Zeit war ich im Hinterland fest verwurzelt, bis mich

die Liebe 1972 nach Marburg zog, den lebenswertesten Ort,

den ich je kennengelernt habe. Ich habe viele schöne Urlaubsorte

gesehen und auch einige Städte in Deutschland bereist.

Aber Marburg ist außergewöhnlich – vor allem durch die

Menschen, die hier leben. Es herrscht ein großes Gemeinschaftsgefühl.

Dies war im Endeffekt auch die Grundlage des

Erfolgs, den ich 20 Jahre lang im politischen Leben hatte.

Für das Erreichte bin ich dankbar und betone: Es war der

Erfolg der Gemeinschaft, die im Landkreis gelebt wird.

„Diese Botschaft ist mir wichtig: Wir werden

nicht glücklich leben können, wenn wir keine

Offenheit zeigen. Ich wurde christlich erzogen

und habe immer verstanden, dass Christentum

Nächstenliebe bedeutet. Daher muss es für uns

ein Ansporn sein, die Menschen, die zu uns

kommen, zu integrieren.“

Die Elisabethkirche in Marburg ist die älteste gotische Hallenkirche

Deutschlands.


Werner Preis GmbH

HANDWERKLICHES KÖNNEN

UND MODERNSTE TECHNIK

Wenn im Gewerbegebiet Stadtallendorf-

Niederklein an einem sonnigen Mai-Sonntag

die Parkplätze knapp werden, dann hat die

Werner Preis GmbH zum traditionellen

Frühjahrsfest geladen. Rund 2.000 Besucher strömen auf

das Gelände des Fenster- und Türspezialisten. „Für unsere

Mitarbeiter ist dies alle zwei Jahre ein absolutes Highlight“,

erklärt Geschäftsführer Thomas Preis, „denn so erfahren

wir, was sowohl unseren Kunden als auch unseren Geschäftspartnern

unter den Nägeln brennt.“ Neben Themen

wie Energiekosten oder Einbruchsicherung geht es auch um

die individuelle Gestaltung von Fenstern und Haustüren.

Daher legt Preis mit seinen über 60 Mitarbeitern viel Wert

auf die Kundenberatung – auch vor Ort, um für jede Bausituation

genau die passende Lösung zu fi nden. Diese Kundenorientierung

hat dem Traditionsunternehmen bereits

zwei Nominierungen für den Großen Preis des Mittelstands

eingebracht.

Alles Gute hat seinen Preis.

Die Zeiten, in denen ein Fenster

aus einem Holzrahmen mit Glas bestand,

sind lange vorbei. Moderne

Fenstersysteme entsprechen nicht

nur den hohen Anforderungen an

Schall-, Wärme-, und Einbruchschutz,

sie bilden auch eine harmonische

Verbindung mit der Fassade.

Preis setzt bereits seit 2002 auf die

Profi lsysteme von Gealan. „Die farbige

Acrylschicht ist doppelt so hart Geschäftsführer Thomas Preis

wie die PVC-Oberfl äche“, erklärt

Thomas Preis. „Das bedeutet eine

hohe Kratzfestigkeit und eine lange Lebensdauer für Fenster

und Türen.“ Als zertifi zierter IQ-Partner von Gealan

hat sich die Werner Preis GmbH auch der Wiederverwertung

alter Kunststofffenster und bei der Produktion anfallender

Profi lreste verschrieben. Recycling wird hier im

Hause groß geschrieben.

In der Produktion nutzt Preis modernste CNC-gesteuerte

Maschinen der Fensterfertigungstechnik. Sie wären jedoch

ohne die Erfahrung der Mitarbeiter nicht viel wert.

Handwerk hat Tradition bei Preis. Unternehmensgründer

Ludwig Preis war Schreinermeister, sein Sohn Werner, der

den Betrieb 1972 übernahm, ebenfalls und natürlich hängt

seit 1994 auch der Schreiner-Meisterbrief seines Sohnes

Thomas an der Bürowand. Neben Fenstern und Haustüren

vertreibt das Familienunternehmen auch Vordächer, Rollläden,

Markisen und komplette Wintergärten. Wie man

bei der Werner Preis GmbH eben sagt: Alles Gute hat seinen

Preis. Davon können sich die Besucher in der aktuellen

Musterausstellung überzeugen.

Kontakt

Werner Preis GmbH

Hinter den Pfingstgärten 1

35260 Stadtallendorf

www.preis-fenster.de


VANESSA

WEINHAUER

geb. 1998 in Marburg | dort als einziges Kind

in einer Stadtwohnung bei ihren Eltern

aufgewachsen | ab 2008 Schülerin an der

Marburger Elisabethschule | Kurssprecherin

in der Oberstufe im Leistungskurs Chemie |

2016 Abitur | seit 2005 Mitglied in der DLRG |

seit 2009 Wakeboarderin | Deutsche Meisterin

in den Jahren 2011, 2012, 2013, 2014 und

2016 | Europameisterin in 2014 und 2016

(Junior Ladies) sowie mit der Mannschaft

(2016) | Vize-Weltmeisterin 2014 (Junior

Ladies) | Weltmeisterin 2016 (Junior Ladies)

und WM-Bronze 2016 (Open Ladies)

108 · 109

Vanessa Weinhauer

ICH HABE HIER ALLES

FÜR MEINEN SPORT

Ich komme gerade von der Wakeboard-Weltmeisterschaft

aus Morelos in Mexiko. Insgesamt war ich zwei

Wochen mit dem deutschen Team und den Trainern

dort. Mein Heimtrainer Lucien Gerkau war auch

dabei, um mich zu unterstützen und einige organisatorische

Aufgaben zu übernehmen. Es war mein erstes Mal in

Mexiko.

Vor dem Wettkampf war ich sehr aufgeregt, schließlich wurde

ich im selben Jahr Europameisterin. Und der Gedanke,

erstmalig Weltmeisterin zu werden, war ganz nah. Klar, ich

habe zuvor schon an Weltmeisterschaften teilgenommen und

holte auch schon zweimal den Vize-Titel. Der ganz große

Wurf war mir aber bis dahin noch nicht gelungen.

Doch in Mexiko stand schließlich alles unter einem guten

Stern. Ich habe es geschafft. Den Weltmeister-Titel habe ich

zum ersten Mal nach Hause gebracht. Ich bin überglücklich.

Umso mehr, weil ein Kreuzbandriss mich gezwungen hatte,

zehn Monate zu pausieren. Seit September 2015. Danach habe

ich viel und hart trainiert. Meine Eltern Oliver und Anette,

meine Familie und meine Freunde und auch der Seepark

in Niederweimar haben mich sehr unterstützt, damit mein

Traum wahr wurde.

Im Juni 2016 habe ich mein Abitur an der Elisabethschule in

Marburg gemacht. Für mich stand die Schule immer oder

meistens im Vordergrund, da man Wakeboarden (noch)

nicht als professionelle Sportart ausüben kann. Der Sport ist

noch sehr jung. Die Popularität und die Präsenz in den Medien

sind noch zu gering, um die ganz großen Sponsoren zu

bekommen. Einige habe ich aber. Von ihnen bekomme ich

das Material: vom Wakeboard über den Neopren-Anzug bis

hin zur Alltagskleidung. Auch vom Seepark bekomme ich

immer Unterstützung. Dort kann ich trainieren – so viel ich

möchte.


Jetzt aber zurück zur Schule und meinen beruflichen Visionen.

Durch meine Verletzung konnte ich mich sehr gut auf

das Abitur konzentrieren. Das war, denke ich, auch wichtig.

Denn mit Mathematik und Chemie als Leistungskursen hatte

ich mir viel Stoff aufgeladen.

Diese Fächer waren wahrscheinlich nicht die beste Wahl für

mich, aber ich habe das Abitur schließlich mit einer guten

Durchschnittsnote bestanden. Mit Sport, Religion und

Deutsch als weiteren Prüfungsfächern konnte ich einige sehr

gute Punkte erreichen.

Für die Zukunft habe ich mich bei der Polizei in Nordrhein-

Westfalen und auch bei der Sportfördergruppe der Polizei

Hessen in Wiesbaden beworben. Die Chancen stehen ganz

gut, meine Bewerbungen wurden bereits akzeptiert. Jetzt

liegt das Ergebnis des Auswahlverfahrens in meinen Händen.

Mein Traum ist und war es immer, Hubschrauber zu

fliegen. Vielleicht gelingt mir das eines Tages noch, eventuell

über die Polizei oder einfach privat. So gesehen wird Wakeboarden

für mich immer eine Leidenschaft bleiben, aber

nicht zum Beruf werden.

Neben dem „Boarden“ habe ich aber noch ein paar andere

Leidenschaften. Unter anderem bin ich seit ungefähr zehn

Jahren Mitglied der DLRG-Ortsgruppe Marburg. Im Alter

von neun bis elf Jahren habe ich auch bei den Bezirksmeisterschaften

im Rettungsschwimmen teilgenommen. Kurzzeitig

habe ich sogar eine Schwimmgruppe mit einer Freundin zusammen

geleitet.

„Für mich wird der Landkreis Marburg-Biedenkopf

immer etwas Besonderes bleiben. Vielleicht komme ich

ja irgendwann wieder zurück. Aber sicher ist: Er bleibt

für immer meine Heimat, an die ich mich nur zu gerne

zurückerinnern werde.“

Ein weiteres Hobby ist das Snowboarden, das ich erstmalig

auf der Sackpfeife in Biedenkopf ausprobiert und mir auch

dort selbst beigebracht habe. Die Sackpfeife ist wie dafür gemacht.

Früher fuhr ich dort immer mit Freunden und meinen

Eltern Schlitten. Ein weiterer Platz im Landkreis, an

dem eine Leidenschaft von mir entstanden ist.

Auch wenn ich demnächst höchstwahrscheinlich aus dem

Landkreis wegziehe, wird eine ewige Verbundenheit bestehen

bleiben. Das ist sicher. Nicht nur, weil meine Familie

hier lebt, sondern auch durch meinen Sport und meine

Vereine, in denen ich schon lange Jahre Mitglied bin.

Vor allem aber wird es mich immer wieder zurück an den

See in Niederweimar ziehen. Dort hat alles begonnen. Für

mich wird der Landkreis Marburg-Biedenkopf immer etwas

Besonderes bleiben. Vielleicht komme ich irgendwann ja

wieder zurück. Aber sicher ist: Er bleibt für mich immer

meine Heimat, an die ich mich nur zu gerne zurückerinnern

werde.


WILLI

WEITZEL

Der Landkreis mit dem Autokennzeichen MR ist meine

Heimat. Kann ich das so einfach behaupten? Mit dieser

Frage habe ich mich vor zwei Jahren besonders intensiv beschäftigt.

Da bin ich 42 Jahre alt geworden. Genau 21 Jahre

zuvor bin ich zu Hause ausgezogen und nach Bayern gegangen.

Meine ersten 21 Jahre habe ich in meiner Heimatstadt

Stadtallendorf verbracht. Gewohnt haben wir in der Stadtgeb.

1972 in Marburg an der Lahn, aufgewachsen in Stadtallendorf |

stellt­am­liebsten­Fragen­und­findet­dabei­spannende­Dinge­heraus­|bekannt

geworden durch die Fernseh-Reportage-Reihe „Willi

wills wissen“, gehört heute zu den bekanntesten Gesichtern im

deutschen Kinderfernsehen | vielfach ausgezeichnet, u. a. mit

dem Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis | drehte

zuletzt Filme über die Lebensbedingungen von Kindern

weltweit, wie in Kenia, Tansania, Libanon, Indien, Bolivien,

Malawi und den Philippinen | mit seiner Multivisions-Show

„Willis wilde Wege“ tourt er seit 2012 durch ganz Deutschland |

engagiert sich als UNICEF-Pate und ist Botschafter der UN-Dekade

„Biologische Vielfalt“

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Willi Weitzel

DER GESCHMACK

VON HEIMAT

Ich sitze am Flughafen in Anchorage. Bis eben zogen

durch meinen Kopf Bilder von Bären, Elchen und der

Wildnis Alaskas und ich träumte von den Erlebnissen

der letzten Wochen. Dann ein Schrecken: Meinen Beitrag

für dieses Buch, den ich doch eigentlich noch vor meinem

Abflug schreiben wollte, ...in meinem Reisefieber wohl

einfach vergessen. Und heute, der Abgabetermin. Also

schreibe ich jetzt – fern der Heimat – einen Beitrag über

meine Heimat. Dabei bin ich doch kein Heimatforscher,

sondern Welterforscher – zumindest heißt meine Firma

„Welt erforscher Film und so weiter GmbH“.

mitte, unseren EDEKA-Laden hatten wir aber im Alten

Dorf. Besonders das Mithelfen bei uns im Dorfladen hatte

großen Einfluss auf meine persönliche Entwicklung. Woche

für Woche habe ich unsere Angebotszettel in 150 Briefkästen

geschoben, und täglich hatte ich es mit Kunden vom einfachen

Arbeiter bis zum Professor, vom Halunken bis zum Pfarrer

zu tun. Bei jedem hieß es: „Der Kunde ist König!“ Unser

Laden war also die beste Schule in Sachen Menschenkenntnis,

Sozialarbeit, Unterhaltungsshow und Durchhaltevermögen.

Es sind die Jahre, die mich geprägt haben, in denen ich

Wurzeln geschlagen habe und in denen mir auch Flügel gewachsen

sind. Und nebenbei erwähnt ist es die Zeit, in der

meine Geschmacksnerven geprägt wurden. Denn noch immer

ist für mich eine Rote Woscht der Geschmack der Heimat.

Meinen 21. Geburtstag habe ich, ein paar Wochen nach meinem

Wegzug, in München gefeiert. Und obwohl zwischendurch

echt viel passiert ist, war es doch auch wie ein

„Schwuppdiwupp“ und schon stand die Feier meines 42.


Amöneburg ragt bei Sonnenaufgang aus dem Nebel heraus.

„Ich weiß es aus eigener Erfahrung, es ist

nicht einfach, seine Wurzeln aus dem heimatlichen

Boden zu ziehen. Denn Wurzeln

wachsen langsam und sind hart und zart

und­weitläufig­verästelt.“

Geburtstages an. Die zweite Hälfte meines bisherigen Lebens

hatte ich also nicht im hessischen Landkreis Marburg-

Biedenkopf, sondern in Bayern verbracht. Und ich habe mir

die Frage gestellt, was und vor allem wo ist denn meine Heimat?

Stand ich an einem Wendepunkt? Auf jeden Fall höchste

Zeit, mich intensiv mit meinem Heimatgefühl zu beschäftigen.

Dazu habe ich alle möglichen schlauen Sprüche von

schlauen Menschen gesammelt, wie den von Christian Morgenstern:

„Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz

hat, sondern wo man verstanden wird.“, oder von Dostojewski:

„Ohne Heimat sein heißt leiden.“ Ein Spruch kam

von jemandem, dessen Namen ich nicht mehr weiß: „Heimat

ist der Ort, wo sie einen reinlassen müssen, wenn man wiederkommt.“

Alle drei Formulierungen beschreiben sehr gut,

wie ich den Begriff Heimat erlebe und empfinde.

In den letzten Jahren habe ich unter anderem Filme für die

Sternsinger gedreht, also für die Kinder, die in der Weihnachtszeit

als Kaspar, Melchior und Balthasar von Tür zu

Tür gehen und Geld für arme Kinder in der Welt sammeln.

Meine Filmreisen haben mich zu den armen Kindern in der

Welt geführt, und ich durfte intensiv erleben, was für sie

Heimat und Zuhause bedeutet. Vor allem aber haben mir

diese Reisen die Möglichkeit gegeben, meine eigene Herkunft

und Kindheit zu vergleichen.

In einem Flüchtlingslager in Malawi saß ich mit sechs hungrigen

Geschwistern auf dem festgestampften Boden in ihrer

Hütte. Ihr eigentliches Zuhause im Nachbarland Kongo war

von Rebellen verbrannt und ihr Vater getötet worden. Die


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Mutter war hoffnungslos verzweifelt, denn es gab keine Aussicht

auf eine Rückkehr nach Hause. Außerdem hatten die

Vereinten Nationen gerade die Lebensmittel-Zuteilungen

halbiert und die Familie litt großen Hunger. Eine andere

Reise hat mich auf die Philippinen geführt. In einem Elendsviertel

der Hauptstadt Manila haben mir Kinder ihr Zuhause

präsentiert. Ein aus Karton, Paletten und Plastiktüten gezimmerter

Verschlag mit einem leeren Betonsack-Vorhang

als Eingangstür. Von diesen Verschlägen gab es Hunderte,

die in einem engen Labyrinth dicht aneinander standen. Das

krasse und traurige war, dass nicht nur die Hütten aus Müll

bestanden, das ganze Dorf stand auf einer Müllkippe. Kinder

und Eltern waren Müllsammler. Ich habe dort eine sehr

hübsche 30-jährige Müllsammlerin kennengelernt. Sie hatte

nur noch zwei Zähne, dennoch war sie hübsch. Während

wir uns unterhielten, wusch eines ihrer Kinder, ein sechsjähriger

Junge, auf einem Waschbrett gebrauchte Pampers für

das Baby aus. In Südamerika in Bolivien habe ich einen Film

darüber gedreht, weshalb viele junge Menschen ihre Heimat

in den ländlichen Gebieten der Anden verlassen. Dort lebt

Die Wehrkirche in Angelburg-Lixfeld

man wie vor Hunderten von Jahren. Die Menschen hüten

Schafe und Lamas und holen das Wasser vom Brunnen. Es

gibt so gut wie keine Elektrizität. Die moderne Welt ist weit

weg. In der Sehnsucht nach Verbesserung ihrer Lebensumstände

verlassen viele junge Menschen das Land. Weil ihnen

ihre Herkunft vom Land peinlich ist, legen fast alle Neuankömmlinge

in der Stadt ihre traditionellen Kleider und

Ponchos ab und ziehen sich Jogginganzüge von Adidas oder

Nike an und versuchen, ihr Glück zu machen. Doch ahnungslos,

wie man in der großen Stadt leben soll, erkennen

sie, dass es nicht nur damit getan ist, andere Kleider zu tragen.

Hilflos fliehen sie mit Alkohol und Klebstoffschnüffeln

aus ihrer traurigen Situation und fallen wie ein Baum ohne

Wurzeln um.

Diese Reisen haben mir die Augen zum Thema Heimat geöffnet.

Denn Heimat ist ein Bekenntnis und damit etwas

Ehrliches und Authentisches. Wer weiß, wo er herkommt,

weiß auch, wer er ist. Egal was die Heimat ist oder wo sie

ist, Heimat ist nichts, für das man sich schämen muss. Denn

niemand sucht sich die Verhältnisse aus, in denen er groß

wird. Heimat bedeutet Wurzeln. Und diese Wurzeln zu

kappen ist gefährlich. Der Boden, in dem meine Wurzeln 21

prägende Jahre gesteckt haben, ist der Landkreis Marburg-

Biedenkopf. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, es ist nicht

einfach, seine Wurzeln aus dem heimatlichen Boden zu ziehen.

Denn Wurzeln wachsen langsam und sind hart und zart

und weitläufig verästelt. So richtig glücklich lebe ich als

Exilhesse in Bayern dann, wenn ich mich davon frei mache,

Heimat an einem Ort festzumachen, denn zum Schluss ist sie

auch nur ein Gefühl, und das trage ich in mir.

Mir fällt gerade auf, dass ich, ganz unabhängig von diesen

Gedanken, erst vor ein paar Tagen an das Heimat- und Soldatenfest

in Stadtallendorf denken musste. Ich hatte nämlich

hier in Alaska das Glück, die magisch tanzenden Polarlichter

zu bewundern. Es kam mir vor, als würde der liebe Gott die

Welt küssen, als sie den Nachthimmel mit grünen und roten

Farben verzauberten. Mir kam ein Vergleich mit dem Feuerwerk

vom Heimat- und Soldatenfest in den Sinn und ich stellte

mir die Frage, was denn nun schöner sei. Mein Urteil: Als

Kind war das Stadtallendorfer Feuerwerk das Beste, was es

überhaupt gab. Mittlerweile sind es für mich die Polarlichter!

In ein paar Tagen bin ich wieder in Bayern. Wenn ich dann

morgens zum Bäcker gehe und gedankenverloren Brötchen

bestelle, wird mich die Bäckerin auch noch nach 21 Jahren

ermahnen, dass es Semmeln heißt und nicht Brötchen. Na ja,

wie sagte doch Christian Morgenstern: „Nicht da ist man

daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden

wird!“


Raiffeisenbank eG

IN DER REGION

FÜR DIE REGION

Seit über 125 Jahren ist die heutige Raiffeisenbank eG

im Süden des Landkreises Marburg-Biedenkopf fester

Bestandteil der Region und den Menschen eng verbunden.

Ihr Grundstein wurde am 27. Januar 1891 in

Dreihausen gelegt. Basierend auf den Werten der Selbsthilfe,

Selbstverantwortung und Selbstverwaltung von Hermann

Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen entstand

der Dreihäuser Darlehenskassenverein. Es folgte eine wahre

Gründungswelle, die in den Jahren 1966 bis 1977 in mehrere

Zusammenschlüsse mündete, so dass aus anfänglich neun Darlehenskassenvereinen

gerade noch zwei übrigblieben: die damalige

Raiffeisenbank Ebsdorfergrund eG und die Raiffeisenbank

Niederwalgern-Fronhausen eG. 1997 fusionierten auch diese

beiden benachbarten Genossenschaften, wodurch die Raiffeisenbank

eG entstand. Sie ist heute die einzige noch selbstständige

Genossenschaftsbank im Altkreis Marburg. Mit vier Geschäftsstellen,

zwei zusätzlichen SB-Standorten und einem

Dienstleistungsgebäude für spezialisierte Beratung ist sie in der

Region präsent und betreut über 11.000 Kunden – darunter

mehr als 4.300 Mitglieder. Die Bilanzsumme im Jahr 2015 belief

sich auf über 219 Millionen Euro.

Die Raiffeisenbank eG versteht sich als Förderer der Region.

Sie ist Arbeitgeber, Steuerzahler und unterstützt kulturelle, soziale

und gemeinnützige Vereine und Einrichtungen durch

Spenden und Sponsoring. Des Weiteren engagiert sie sich im

Bereich der erneuerbaren Energien; die Gründung der Bürgersolar

Ebsdorfergrund eG wurde durch sie initiiert und gemeinsam

mit der Gemeinde Ebsdorfergrund realisiert. Weitere

Gründungen von Genossenschaften im Geschäftsgebiet werden

von der Bank nicht nur in der Gründungsphase unterstützt.

Bei der Kundenberatung setzt die Raiffeisenbank eG auf die

ganzheitliche, genossenschaftliche Beratung. Der Kunde steht

mit seinen Wünschen und Zielen im Mittelpunkt der täglichen

Arbeit. Für den Einsatz von Fördermitteln im Kundenkreditgeschäft

wurde die Bank bereits mehrfach durch die DZ BANK

mit dem Fördermittelpreis ausgezeichnet – ein Beleg für das

kundenorientierte Handeln der Raiffeisenbank eG. Eben ein

echtes Unternehmen in der Region für die Region.

Kontakt

Raiffeisenbank eG

Dreihäuser Straße 17

35085 Ebsdorfergrund

www.rb-ebsdorfergrund.de


Eine Marke mit vielen

Stärken – so lautet das

Motto von Roth Industries,

dem global operierenden

mittelständischen Familienunternehmen

mit den

Bereichen Gebäude- und

Industrie technik.

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Roth Industries GmbH & Co. KG

WELTMARKTFÜHRER

MIT VIELEN STÄRKEN

Der Name Roth ist nicht nur in der Region rund

um die Firmenzentrale in Dautphetal-Buchenau

Inbegriff für innovative Lösungen in den Bereichen

Gebäude- und Industrietechnik, denn das

Familienunternehmen ist mit rund 1.200 Mitarbeitern weltweit

aktiv. Die Gebäudetechnik umfasst die Sparten Energie-,

Sanitär- und Umweltsysteme, die Industrietechnik

Composite-, Kunststoff- und Hydrauliktechnologien. Die

Kompetenzfelder des Unternehmens sind Energie, Wasser

und Kunststoff. Der Mittelständler bedient die Branchen Sanitär,

Heizung und Klima sowie Automobil, Luft- und Weltraumfahrt,

Erneuerbare Energien, Hydraulik, Medizin, Transport

und Verkehr sowie den Haushaltssektor. Roth Industries

gehört mit Energiespeichersystemen, Flächen-Heiz- und Kühlsystemen

sowie Composite-Technologien zu den Weltmarktführern.

Die Kunden profi tieren von spartenübergreifendem

Expertenwissen und gereifter praktischer Erfahrung.

Die Geschichte von Roth beginnt 1947, als Heinrich Roth

das Unternehmen als Handwerksbetrieb für Betonerzeugnisse

gründet. Der Aufstieg zu einer global operierenden Unternehmensgruppe

begann 1961 unter der Führung von

Manfred Roth. In den folgenden Dekaden wurde die

Produktdiversifi zierung vorangetrieben. Roth gründete im

In- und Ausland neue Standorte und gliederte weitere Unternehmen

in die Gruppe ein. Bereits ab den 1970er-Jahren

entstanden Niederlassungen in ganz Europa. Ab den 1990er-

Jahren folgte die Expansion in die anderen Weltregionen.

Heute besteht Roth Industries aus 25 Produktions- und Vertriebsunternehmen

mit einem Gesamtumsatz von rund 250

Millionen Euro. Seit 2004 sind auch die Kinder von

Manfred Roth Gesellschafter. Als Mitglieder im obersten

Leitungsgremium von Roth Industries, dem Executive

Board, nehmen sie wichtige Führungsaufgaben wahr.


Umweltschutz ist integraler Bestandteil der Roth

Unternehmensgrundsätze. Produktionen und Produkte

des Unternehmens sind energie- und ressourcenschonend.

Damit wird ein erheblicher Beitrag

zur CO 2

-Einsparung geleistet.

Roth arbeitet eng mit Schulen, Hochschulen und

Universitäten der Region zusammen. Das Unternehmen

fördert die Aus- und Weiterbildung. Die Ausbildungsquote

beträgt rund zehn Prozent und liegt

damit weit über dem Durchschnitt. Das Unternehmen

engagiert sich ebenfalls im Sozialen sowie in

Kunst und Kultur. So fi nden zum Beispiel die jährlichen

Eröffnungskonzerte der überregionalen

Eckelshausener Musiktage im lichtdurchfl uteten

Roth Atrium statt.

Roth Industries ist mit seinen Energiespeichersystemen,

Flächen-Heiz- und Kühlsystemen

sowie Composite-Technologien

Weltmarktführer.

Kontakt Roth Industries GmbH & Co. KG

Am Seerain

35232 Dautphetal

www.roth-industries.de

Executive Board mit Manfred Roth, Dr. Anne-Kathrin Roth, Matthias Donges, Christin Roth-Jäger, Claus-Hinrich Roth und Alfred Kajewski (v. l. n. r.)


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Sparkasse Marburg-Biedenkopf

VERLÄSSLICHER PARTNER –

GUT FÜR DIE REGION

Sparkasse – Gut für die Region: Dieser Slogan ist

keine leere Worthülse. Denn die Sparkasse Marburg-

Biedenkopf ist fest in der Region verwurzelt und eng

verbunden mit den Menschen in ihrem Geschäftsgebiet.

Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf versteht sich als

moderner Finanzdienstleister mit Tradition, der alle Geschäfte

rund ums Geld professionell und verlässlich abwickelt.

Dabei zeichnet vor allem die ganzheitliche, persönliche

Betreuung die Beziehung der Sparkasse zu ihren Kunden

aus. Denn sie sieht sich als Partner in allen Lebenssituationen.

Nicht von ungefähr ist das Kreditinstitut mit mehr als

430.000 Konten das größte Geldhaus im Geschäftsgebiet

und dank einer fl ächendeckenden Verbreitung immer nah

am Kunden.

Auch für den Mittelstand ist die Sparkasse Marburg-Biedenkopf

ein verlässlicher Partner: Die Berater kennen die Region

hervorragend und treffen direkt Entscheidungen vor Ort.

Und mit marktgerechten Konditionen und qualifi zierter

Beratung ist die Sparkasse auch im Finanzierungsgeschäft

für ihre Kunden da. Beim Immobiliengeschäft gehen Vermittlung

und Finanzierung dank eigener Immobiliencenter

Hand in Hand. Wer bauen möchte, kann ebenfalls von der

Expertise der Berater profi tieren – kombiniert mit einem

marktgerechten Zinsniveau. Auch für Modernisierung oder

energetische Sanierung ist die Sparkasse der richtige Partner.

Und mit einem hauseigenen Existenzgründungsprogramm

profi tieren auch Start-ups von der Sparkasse Marburg-

Biedenkopf.

Auf die veränderten Kundenbedürfnisse reagiert die Sparkasse

mit einem Multikanal-Angebot, das keine Wünsche

offen lässt: Neben den etablierten Kommunikationswegen

persönlicher Kontakt, Telefon, Fax und E-Mail bietet die

Sparkasse Marburg-Biedenkopf als Kommunikationskanäle

auch Präsenzen in den sozialen Netzwerken Facebook und


Xing an. Diese ermöglichen einen schnellen und unkomplizierten

Kontakt, wie er mittlerweile – nicht nur von der Generation

der „Digital Natives“ – geschätzt und gerne genutzt

wird. Denn die Sparkasse ist da, wo sich auch ihre Kunden

aufhalten – in der realen Welt ebenso wie in der virtuellen.

Auf die Bedürfnisse nach Geschwindigkeit und Mobilität

sind auch die Sparkassen-Apps zugeschnitten: Neben dem

persönlichen Service in der Filiale können die Kunden

fl exibel und unabhängig von Öffnungszeiten mit ihnen ihre

Bankgeschäfte erledigen – dank „pushTan“ trotz Mobilität

auf einem hohen Sicherheitsniveau. Und zwar ausgezeichnet,

wie die Stiftung Warentest belegt, die die Banking-Apps der

Sparkasse auf dem ersten Platz sieht.

Ihren öffentlichen Auftrag nimmt die Sparkasse Marburg-

Biedenkopf auch über das Geldgeschäft hinaus sehr ernst.

Jedes Jahr unterstützt sie viele Vereine, Institutionen und

Veranstaltungen in ihrem Geschäftsgebiet mit einer insgesamt

siebenstelligen Summe. Einerseits fl ießt das Geld in

Sponsoring, ohne das viele Veranstaltungen nicht möglich

wären, andererseits werden mittels Spenden gemeinnützige

Zwecke gefördert. Zudem profi tiert die Region auch durch

die jährliche Ausschüttung an die Träger der Sparkasse, die

Stadt Marburg und den Landkreis Marburg-Biedenkopf

sowie die Steuerzahlungen ans Finanzamt.

Selbstverständlich kommt die Sparkasse Marburg-Biedenkopf

auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Arbeitgeber

und Ausbilder nach. Sie zählt zu den großen Arbeitgebern

in der Region. Zudem starten jährlich rund 20 Auszubildende

ihre berufl iche Karriere bei dem heimischen Kreditinstitut.

In künftigen Ausbildungsjahrgängen erhalten Potenzialträger

bereits zu Beginn der Ausbildung eine Studienplatzgarantie.

Damit trägt die Sparkasse Marburg-Biedenkopf

dazu bei, hoch qualifi zierten Arbeitnehmerinnen und

Arbeitnehmern eine Perspektive in der Heimat zu ermöglichen.

Darüber hinaus fördert die Sparkasse Marburg-

Biedenkopf besonders die Vereinbarkeit von Familie und

Beruf – etwa mit fl exiblen Teilzeitmodellen oder einem Zuschuss

zu den Betreuungskosten für Mütter, die frühzeitig an

den Arbeitsplatz zurückkehren.

Kontakt

Sparkasse Marburg-Biedenkopf

Universitätsstraße 10

35037 Marburg

www.skmb.de

Modern und attraktiv: Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf hält über die sozialen

Medien den Kontakt zur digitalen Jugend. Nicht umsonst ist die Ausbildung im

Geldinstitut sehr gefragt.

1.500 Gäste beim jährlichen Gesprächsforum der

Sparkasse. Referenten der vergangenen Jahre waren Ranga

Yogeshwar, Gregor Gysi und Katja Kraus.


LYDIA

WILLERSHAUSEN

Das alles änderte sich 1939 mit Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Meine kleine Seele konnte diesen Krieg nicht realisieren.

Erst als die ersten Bomben fielen, die Tiefflieger den Zug

am Dammer Bahnhof angriffen und viele Tote und Verletzte

zu betrauern waren, verstand ich, was Krieg bedeutet. Wir

saßen nachts bei Fliegeralarm mit gepackten Ranzen in unseren

Kellern. Vater war inzwischen zum Kriegsdienst einge-

geb. 1931 in Rollshausen, verheiratet, fünf Kinder |

1946 bis 1949 Kindergartenhelferin in Lohra | 1946

bis 1949 Ausbildung zur Krankenschwester in Kassel,

anschließend Ausbildung zur Hebamme in Göttingen |

1953­bis­2003­freiberufliche­Hebamme­in­Lohra­|­seit­

1954 Mitglied im Hebammenverband | 1980 bis 1989

Leiterin des Kreishebammenverbands | 1989 bis 1994

Landesvorsitzende des hessischen Hebammenverbands

| 1992 Gründungsmitglied des Marburger

Geburtshauses | 1972 bis 2001 Kirchenvorstand |

1977 bis 1985 Gemeindevertreterin, ab 1983 als

Vorsitzende | 1985 bis 1993 und 1997 bis 2002 Erste

Beigeordnete | 1993 bis 2005 Frauenbeauftragte |

Auszeichnungen: Landesehrenbrief, Bundesverdienstkreuz

am Bande, Ehrenplakette der Gemeinde Lohra,

Ehrenbeigeordnete

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Lydia Willershausen

MEIN HERZ SCHLÄGT FÜR

KINDER UND LOHRA

Den größten Teil meines Lebens verbrachte ich in

Lohra. Mit meinen beiden Brüdern verlebte ich

eine unbeschwerte Kindheit: Meine Mutter war

Zigarrenrollerin, mein Vater arbeitete als Maurer.

Wir wohnten zur Miete in einem Bauernhof bei einem

kinderlosen Ehepaar – und die Freiheit war für uns Kinder

grenzenlos. Ich lernte ebenso, mit Tieren umzugehen, wie

auch alle Arbeiten, die auf einem Hof anfallen: vom Säen bis

zum Einbringen der Ernte, das Be- und Entladen eines Heuwagens

oder den Dreschtag im Herbst. Das alles ließ unsere

kleinen Kinderherzen höher schlagen.

zogen worden. In einigen Haushalten gab es große Hungersnot.

Und der Druck durch die Nationalsozialisten wurde

stärker.

Ein schreckliches Ereignis für mich war, als ich mit ansehen

musste, wie ein Naziführer auf einen 18-jährigen, polnischen

Gefangen einschlug – mein Herz wollte schier zerspringen.

Und auch die Flucht der Juden aus unserem Dorf

in der Reichskristallnacht ist für mich bis heute unvergesslich.

Denn Menschen, die flüchten müssen, um ihr Leben vor

Tyrannen zu retten – das ist menschenunwürdig.

Das Kriegsende 1945 brachte meine Mutter und mich in

große Not: Meine beiden Brüder, sechs und acht Jahre alt,

spielten mit einer gefundenen Handgranate und verletzten

sich lebensgefährlich. Den älteren Bruder brachte ich, gerade

einmal 14 Jahre alt, zur Dorfschwester, wo er ohnmächtig

zusammenbrach. Mein jüngerer Bruder wurde von einem

Arzt auf dem Wohnzimmertisch notdürftig versorgt. Ge-


meinsam mit meiner Mutter wachten wir im Wechsel Tag

und Nacht über die beiden – so wurde mein Verantwortungsbewusstsein

für Menschen gestärkt.

Ein Jahr später, nach meiner Konfirmation, arbeitete ich als

Helferin im Kindergarten. Und später entschied ich mich zu

einer Ausbildung als Krankenschwester in Kassel, die ich

1949 abschloss. Zwischenzeitlich hatte die Gemeindehebamme

von Lohra meine Eltern kontaktiert: Nach 40 Jahren

wolle sie in den Ruhestand gehen – und ich könne doch ihre

Nachfolge antreten. Was ein Glücksfall! Ich absolvierte die

Hebammenausbildung in Göttingen und hatte meine Berufung

gefunden.

Am 15. September 1953 begleitete ich voller Zuversicht und

Freude meine erste Hausgeburt in Lohra. Und bis zum Ende

meiner 50-jährigen Tätigkeit sollten noch 2.500 weitere folgen

– im gesamten Landkreis, mit dem ich mich so verbunden

fühle. In dieser Zeit habe ich werdende Mütter aus allen

sozialen Schichten kennengelernt. Ihnen allen durfte ich

mein Wissen, meine Hände, meine Liebe, meine Ruhe und

meine Verbundenheit anbieten und geben.

50 Jahre Hebammen-Dienst bedeuteten aber auch 50 Jahre

Rufbereitschaft – Tag und Nacht. Mit einem Sachs-Motorrad

fuhr ich durch die Region, den Hebammen-Koffer hinten

aufgeschnallt – bei Sonnenschein und Regen, bei eisiger

Kälte und Schnee. Selbst auf meiner Hochzeit habe ich

abends noch das Brautkleid gegen meine Hebammenkluft

getauscht, um einem nach Leben strebenden Jungen auf die

Welt zu helfen. Zwar hatte ich eine Vertretung organisiert,

die auch auf meiner Hochzeitsfeier war. Doch auch sie musste

das Fest verlassen, denn sie hatte zeitgleich in derselben

Straße, nur wenige Häuser weiter, einen Einsatz.

Zeit Frauenbeauftragte. Besonders stolz bin ich auf die

Gründung des Seniorenrats im Jahr 2000. Und auch der

Arbeitskreis für Menschenrechte und Menschenwürde, in

dem ich als Gründungsmitglied auch heute noch tätig bin, ist

mir ein besonderes Anliegen. Mit viel Gegenwind aus der

Bevölkerung haben wir unsere Arbeit begonnen – heute ist

der Arbeitskreis unter der Führung meiner Schwägerin Elfriede

Köhler auch vor dem Hintergrund der Integration von

Flüchtlingen nicht mehr wegzudenken.

Inzwischen bin ich fast 85 Jahre alt, doch ich engagiere mich

weiter. Mein Herz schlägt für Lohra und ich bleibe meinem

Marburger Land treu.

„Auch das politische und kirchliche Geschehen meiner

Heimatgemeinde Lohra bewegten mich sehr, ich engagierte

mich im Kirchenvorstand ebenso wie als Gemeindevertreterin

oder als Mitglied im Ortsbeirat.“

Der Künster und Otto-Ubbelohde-Preisträger Wolfgang Korn hat die Kirche in

Lohra-Seelbach malerisch festgehalten.

Auch an einem meiner Geburtstage wurde ich zu einem Notfall

gerufen. Die Straßen waren tief verschneit und ich musste

nach Kirchvers. Also kamen die Gäste mit und schaufelten

unterwegs den Weg frei. Mein Familienleben wurde stark

gefordert, wenn sich eine Geburt über Stunden hinzog, wenn

meine Kinder sagten: „Mama, du warst mal wieder nicht

da.“ Das funktionierte nur Dank meines Mannes, der in all

den Jahren an meiner Seite stand und Dank meiner Eltern:

Meine Mutter war Ansprechpartnerin für meine Kinder und

mein Vater koordinierte die Rufbereitschaft und beruhigte

die aufgeregten Väter. Nach 50 Jahren habe ich meine Arbeit

als Hebamme aufgegeben und konnte sie in die Hände meiner

Schwiegertochter Angela Willershausen übergeben.

Auch das politische und kirchliche Geschehen meiner

Heimatgemeinde Lohra bewegten mich sehr, ich engagierte

mich im Kirchenvorstand ebenso wie als Gemeindevertreterin

oder als Mitglied im Ortsbeirat. Zudem war ich lange


ÜBERSICHT DER PR-BILDBEITRÄGE

Wir danken den folgenden Unternehmen und Einrichtungen, die mit ihren Beiträgen das

Zustandekommen dieses Buches ermöglicht haben.

120 · MF

BECKER GmbH CAD·CAM·CAST 26 - 27

www.beckerccc.com

Begro R. Krug GmbH 28 - 29

www.begro-mode.de

Buderus Guss GmbH 40 - 41

www.buderus-guss.de

Deutsche Vermögensberatung AG 42 - 43

www.dvag.com

Das Deutsche Rote Kreuz in Mittelhessen 60 - 61

www.drk-mittelhessen.de; www.rdmh.de

ELKAS GmbH & Co. KG 62 - 63

www.elkas.de

FAUDI GmbH 21

www.faudi.de

Hausengel

Betreuungsdienstleistungen GmbH 76 - 77

www.hausengel.de

Henkel Modellbau GmbH 47

www.henkelmodellbau.de

HolzLand Jung GmbH & Co. KG 55

www.holzlandjung.de

Huppert Engineering GmbH & Co. KG -

PMD GmbH & Co. KG 88 - 89

www.huppeng.com; www.pm-d.de

K+G Wetter GmbH 90 - 91

www.kgwetter.de

KRUG Gruppe 100 - 101

www.krug-breidenbach.de

Meier III GmbH 69

www.meier3.de

NOLTA GmbH 81

www.nolta.de

Werner Preis GmbH 107

www.preis-fenster.de

Raiffeisenbank eG 113

www.rb-ebsdorfergrund.de

Rheumazentrum Mittelhessen

GmbH & Co. KG 102 - 103

www.rzmh.de

Roth Industries GmbH & Co. KG 114 - 115

www.roth-industries.de

SCHNEIDER CAD-KONSTRUKTIONEN GMBH 99

www.sck.de

Sparkasse Marburg-Biedenkopf 116 - 117

www.skmb.de

Franz Wilmes

Möbelvertriebsgesellschaft mbH 35

www.moebelfabrik-wohra.com

Fritz Winter Eisengießerei

GmbH & Co. KG 74 - 75

www.fritzwinter.de

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