Plot, Plot und wieder Plot - Mediaculture online

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Autor: Wolf, Fritz. Titel: Plot, Plot und wieder Plot. Quelle: epd medien, Nr. 22/1999. Frankfurt/ Main 1999. S. 3-6. Verlag: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von epd medien. Fritz Wolf. Plot, Plot und wieder Plot http://www.mediaculture-online.de "Doku-Soap": Mode oder Zukunft des Dokumentarfilms? epd Demnächst werden wir auf dem Bildschirm ganz viele neue Doku-Soaps sehen. Der Boom ist nicht aufzuhalten. ARTE zeigt demnächst einen Vierteiler aus der Geburtsstation des Berliner Virchow-Krankenhauses. Der WDR zeigt Ostern ein vierteiliges Stück über eine Liebe zwischen zwei Behinderten ("Ein Sommer und eine Liebe"). Auf RTL grade gelaufen ist das "Clubschiff", parallel dazu auf VOX das britische Original von der BBC (epd 20/99). Im April folgt auf ARTE eine Doku-Soap über Matadore in Arles, im Mai werden wir bei einer Hochzeit dabeisein. Das ZDF legt eine zweite Staffel von "OP" auf, OP wie Operationssaal, hat für den Herbst einen Mehrteiler über die Arbeit einer Mordkommission in Peine in Arbeit und dann eine mit dem Arbeitstitel "Airport". Der WDR wird ab Herbst dem neuen Genre einen festen Sendeplatz einrichten und stellt zum Jahresende einen Mehrteiler über einige korpulente Frauen vor, die ihre Pfunde loswerden wollen, Arbeitstitel "Abnehmen in Essen". SAT 1 wiederum adaptiert die britische Erfolgs-Soap und dreht in Gelsenkirchen in der Fahrschule. Und das ist längst noch nicht alles. Was es zu bedeuten hat, daß nun die Wellen eines neuen Genres mit solcher Wucht ins deutsche Fernsehen schwappen, darüber machte man sich beim Filmbüro NRW 1


http://www.mediaculture-online.de Gedanken. Auf einem Workshop "Ware Leben?" wurden Projekte vorgestellt (die oben genannten), Filme gesichtet, das Gespräch zwischen Machern und interessiertem Fachpublikum gesucht. Aus England kam Julien Mercer von BBC Bristol, einer der Protagonisten dieses Genres. Seit fünf Jahren boomt dort das Genre, hat mit den berühmteren Beispielen wie den Filmen über eine Fahrschule oder über Reiseleiterinnen Zuschauerzahlen bis teilweise über zehn Millionen. 1998 gingen im englischen Fernsehen 75, in Worten fünfundsiebzig, Doku-Soaps, über die Bildschirmbühne. Inzwischen stöhnt das Publikum "nicht schon wieder", die Gunst der Boulevardpresse ist geschmolzen wie Butter in der Sonne. Kann sein, sagte Julien Mercer, daß das Genre seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Er hoffe und vermute, daß nach dem Trubel der klassische Dokumentarfilm im Fernsehen eine Renaissance erlebe. Höchst unklar, was eine Doku-Soap eigentlich soll Das ist auch die Frage, die Dokumentarfilmer hierzulande umtreibt. Die Fragestellung für den Workshop lautete: "Man erhofft die Rückkehr des Alltags, des wirklichen Lebens in die Fernseh-Kunstwelt - und befürchtet, daß hier lediglich ein neuer quotenorientierter TV- Hype kreiert wird, daß sich die Künstlichkeit des TV-Business lediglich mit den Duftspuren des Authentischen tarnt." Eine Rettung für den Dokumentarfilm z.B. erhofft Thomas Kufus, Regisseur von "Geburtsstation". "Neue Erzählstrukturen" will der französische Regisseur Bernard George ausprobieren. Für die Macher der RTL-Soap brachte das "Clubschiff" viele "schöne, knackige, bunte Bilder". Und Heiner Gatzemeier, Autor von "OP", legt höchsten Wert darauf, im journalistischen Metier zu bleiben. Höchst unklar also, was eine Doku-Soap eigentlich sein soll. Möglicherweise ist der Begriff, der als Etikett auf dokumentarische oder pseudodokumentarische Mehrteiler geklebt wird, ein Hindernis, wenn man sich darüber Gedanken machen will, ob hier wirklich ein neues Genre entsteht. Zu verschieden sind die Produkte, in ihrer Absicht ebenso wie in der Ästhetik, in den Produktionsbedingungen ebenso wie in der Realisierung. Zum Beispiel "Life of Grime" (Leben des Schmutzes), vorgestellt von Julien Mercer. Die BBC-Produktion zeigt Leute bei der Arbeit, die in der Regel sonst im Fernsehen nicht 2


http://www.mediaculture-online.de vorkommen: Environment Health Officers. Kammerjäger gehören ebenso dazu wie Pathologen oder die Gewerbeaufsicht, die über die Sauberkeit in Lebensmittelbetrieben wacht. Nicht grade der Stoff, aus dem die Träume sind. Aber, wie sich zeigte, kann über die Tätigkeit dieser Leute, über ihre Begegnungen mit Menschen, viel und Spannendes erzählt werden. "Life of Grime" ist der Machart nach sehr nahe am klassischen Dokumentarfilm. Das gilt auch für "Geburtsstation" von Thomas Kufus. Der Film lebt ganz von der Authentizität der Ereignisse, ist von Johannes Feindt fabelhaft fotografiert, eine durch und durch dokumentarische Kamera, auch sehr schön, aufwendig und schnell geschnitten. Dagegen ist "Clubschiff" viel näher dran an den wirklichen Soaps wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und kaum besser. "Fahrschule" mit der Methode der fest montierten Kamera ist wiederum viel näher dran an Spielformen mit der "Versteckten Kamera" und bezieht auch einen großen Teil des Humors daraus. "Abnehmen in Essen" wiederum wird seine Beobachtungen über einen langen Zeitraum erstrecken und ähnelt eher einer Langzeitdokumentation. ARTE: Jeden Monat ein neues "feuilleton documentaire" Unvereinbares steht also unter einem Begriffsdach. Man merkt es auch an der Unsicherheit in der Sprache. Das ZDF nennt "OP" eine "dokumentarische Liebesgeschichte", der WDR nennt "Ein Sommer und eine Liebe" eine "dokumentarische Liebesgeschichte", und fein raus sind allein die Franzosen. Sie haben den schönen Begriff des "Feuilleton documentaire", während die Deutschen auf dem Germish-Begriff der Soap sitzenbleiben. Man habe sogar, berichtete Kornelia Theune von ARTE Straßburg, für viel Geld Scouts auf die Suche nach einem besseren Begriff geschickt, ohne Erfolg. Ohnehin investiert ARTE sehr viel in die Entwicklung des neuen Genres und möchte dabei nicht so gern in Verbindung gebracht werden mit den kommerziellen Produkten. Als von der neuen Welle noch keine Rede war, hatte man in Straßburg schon nach einer neuen Programmform gesucht, um die halbe Stunde Unterschied im Primetime-Beginn zwischen Deutschland und Frankreich auffüllen zu können. ARTE will ein Programm "mit 3


http://www.mediaculture-online.de starken, menschlichen Geschichten" und betrachtet die Doku-Soap als Experiment für neue Formen von Wirklichkeitserfahrung im Fernsehen. In diesem Jahr wird ARTE in jedem Monat eine neue Reihe auflegen, jeweils an vier aufeinanderfolgenden Tagen. Wenn auch die Grenzen des Genres noch lange nicht ausgelotet und viele Überschneidungen mit bekannten Formen des filmischen Erzählens zu beobachten sind, kann man doch auch Gemeinsamkeiten erkennen. Doku-Soaps sind die bewußt gesuchte Verbindung von dokumentarischem Erzählen und serieller Dramaturgie, wie sie in der fiktiven TV-Serie entwickelt wurde. Sie haben einen Grundbestand an Personal und konzentrieren sich nicht, wie oft im klassischen Dokumentarfilm, auf eine, sondern stets auf mehrere Personen. Deren Geschichten werden dann häufig parallell montiert und erzählt - bis hin zu patchworkartigen Erzählweisen. Die einzelnen Handlungsstränge werden in dramaturgische Spannungsbögen gesetzt. Cliffhanger werden gesetzt, die die Spannung auf die nächste Folge hinlenken sollen. Die Geschichten folgen häufig einer Ereignisdramaturgie, einer Abfolge von Höhepunkten. Einheit von Zeit und/oder Ort sind nach den bisherigen Erfahrungen sehr wichtig. Und natürlich die Konzentration aufs Erzählen. "Dramatischer als der narrative Dokumentarfilm" fordert der Produzent Carl-Ludwig Rettiger. "Plot, Plot und wieder Plot", sagt Christoph Jörg von La Sept/ARTE, "und gnadenlos an Handlungsstränge denken". "Immer und unter allen Umständen" formuliert Bernard George, müsse man sich die Frage der Erzählstruktur stellen: "Fügt sich die Szene, die ich gerade drehe, in meine Erzählstruktur ein?" Der Filmemacher müsse sich "dazu zwingen, wirklich nur die der Geschichte dienenden Situationen aufzugreifen". Mit Behindertenliebe "mitten hinein ins Herz" der Zuschauer Dabei setzt die Doku-Soap, anders als der analytische oder distanziert beobachtende Dokumentarfilm, auf Emotionen. "Mitten hinein ins Herz" der Zuschauer zielen will Dieter Bongartz mit seiner Liebesgeschichte unter Behinderten und nennt als erwünschten Effekt, daß wir uns "einfühlen und eindenken" sollen in ihre Welt. "Sehr zielbewußt die Emotionen der Zuschauer ansprechen", definiert auch Thomas Kufus die Aufgabe. Und zeigt dies beispielsweise auch im Umgang mit der Musik. Streng dokumentarisch in der 4


http://www.mediaculture-online.de Filmsprache, legt der Autor jedesmal nach dem glücklichen Moment einer Geburt gefühlige Musik über die Szenerie. Wie in der Soap eben. So manchem klassischen Dokumentaristen dürfte sich dabei der Magen umdrehen. Das Wichtigste an der Doku-Soap allerdings sind die Personen. Sie müssen stark und interessant genug sein, halbstündige Episoden oder einen ganzen Vierteiler zu tragen. Die Protagonisten stehen unbedingt im Vordergrund, bis hin zur Identifikation mit den Zuschauern. Sie sind keine Schauspieler, aber sie agieren nicht selten wie Schauspieler - zumal ihnen ja eine Erzählstruktur übergestülpt wird. Deshalb werden sie Darsteller genannt oder notfalls "Darsteller". Sie zu finden und auszuwählen wird mit dem gleichen Begriff bezeichnet wie in der Spielfilm-Branche die Suche nach den Stars und den Sternchen: "casten". Selbstdarsteller sind also gesucht. Es ist kein Zufall, daß viele Protagonisten nahe am Schaustellergewerbe sind. In "Clubschiff" spielen ein Animateur, ein Tänzer und eine Friseuse, die eigentlich Sängerin werden will, die wichtigsten Rollen. Auch von den beiden Behinderten in Dieter Bongartz' Vierteiler wird aus theatralischen und dramatischen Situationen heraus erzählt: beim Theaterspielen, einer Geburtstagsfeier, einer Hochzeit. "Das Leben ins Szene setzen, ohne zu inszenieren" formulieren auch die ARTE-Macher. Ein schöner Anspruch, der sich aber nicht einfach dekretieren läßt. Er muß jedesmal neu umgesetzt werden. "Das Leben - eine Serie": selbst für ARTE Ein Nebeneffekt des Booms an Doku-Soaps jedenfalls ist, daß die alten illusionistischen Versprechungen wieder aufgewärmt werden, als gäbe es keine mehr als hundertjährige Geschichte des Films und keine bald halbhundertjährige des Fernsehens. Es ist wieder mal alles authentisch und wahr wie das Leben selbst. "Das Leben - eine Serie" textet selbst ARTE, wo man es nun wirklich besser wissen müßte. RTL verspricht das wahre Clubleben "wie es wirklich ist". Der WDR behauptet für seine dokumentarische Liebesgeschichte, "kein Drehbuch schreibt bessere Geschichten als das Leben", was immer schon ein erwiesener Blödsinn war. Das Leben schreibt ebenso wenig Drehbücher wie sich etwa die Natur mit Lawinen rächt. 5


http://www.mediaculture-online.de Das neue Genre der Doku-Soap ist eine ambivalente Gratwanderung für Autoren und Protagonisten, ein Balancieren zwischen Authentischem und Erzähltem, zwischen Beobachten und Inszenieren, zwischen Finden und Erfinden. Ebenso unschwer ist zu erkennen, daß die Zeit für Doku-Soaps offenbar reif ist. Mehrere Bedingungen treffen zusammen. Technische Bedingungen zum Beispiel. Kameras sind heute so klein und leicht, daß sie überallhin mitgenommen und ohne Aufwand eingesetzt werden können und dabei noch fabelhafte Bildqualität liefern. Auf der "Geburtsstation" hat Johannes Feindt ohne künstliches Licht drehen können; einige Protagonisten bekamen von den Machern kleine Mini-Discs in die Taschen gesteckt und lieferten so stellenweise einen Originalton, wie er sich nicht erangeln läßt. Auf digitalen Schnittplätzen lassen sich ganz andere Mengen von Bild- und Tonmaterial verarbeiten, als es mit 16-mm-Film je möglich gewesen wäre. Dazu kommen soziale Bedingungen. Viele Menschen haben nichts mehr dagegen, gefilmt zu werden, mehr noch, sie wollen auch unbedingt im Fernsehen vorkommen. Die Talkshows haben ein Terrain freigeschlagen, in dem gewohnheitsmäßig Privates und Intimes öffentlich verhandelt wird und niemand mehr etwas dabei findet, sich zu veröffentlichen. Das Tabu, bei einer Geburt zuzusehen, ist längst gefallen. Auf Schauplätzen wie dem Clubschiff gehört die Kamera zum Fun-Inventar; es drehen ständig Touristen und auch ein Team des Schiffs, das den Passagieren hinterher Videos zum Verkauf anbietet. Dicke Frauen in Essen: die Kamera als Weight Watcher Ob mit den Doku-Soaps im Fernsehen neue Wirklichkeitsbereiche erschlossen werden, diese Frage wäre freilich noch zu früh gestellt. Erste Erfahrungen liegen vor, künstlerische und technische. Zweifellos wird ein anderes dokumentarisches Handwerk verlangt. Die Arbeit muß arbeitsteilig vor sich gehen, etwa, weil Dreh und Schnitt parallel laufen müssen. Der Autorenfilmer, speziell in seiner deutschen Ausformung als Rucksackproduzent und Einzelgänger, wird sich mit dem Genre schwertun. Die Aufgabe der Kamera verlagert sich mehr dahin, Bilder und Szenen zu sammeln und zu erjagen; die eigentliche Konstruktion des Films erfolgt am Schneidetisch. Der Filmschnitt wird das 6


http://www.mediaculture-online.de zentrale Instrument, möglich auch erst durch die Digitalisierung. Da die erzählerische Komponente stark ist und zugleich die Erzählung aber über die Protagonisten vorangetrieben wird, kommt auch dem Ton viel stärkere Bedeutung zu. Ungleich komplizierter wird auch der Umgang mit den Protagonisten. Vertrauen herstellen, die Anwesenheit der Kamera vergessen machen, seine Protagonisten nicht vorzuführen oder dem Voyeurismus auszuliefern, das sind natürlich auch Aufgaben im klassischen Dokumentarfilm, immer gewesen. Die Doku-Soaps zielten aber viel weiter, nämlich, so der Filmemacher Vassili Silovic, Autor der ARTE- Serie "Hochzeit", "ins Leben der Darsteller einzudringen". Mit welchen Folgen? Größere Verantwortung sei auf sie zugekommen, erzählt Susanne Abel, die für SAT 1 die "Fahrschule" dreht; die Protagonisten empfänden sich nämlich als Stars und blieben mit der Hoffnung allein, während das Filmteam nach dem Dreh wieder verschwinde. Und natürlich haben die Protagonisten auch Interessen. Die dicken Frauen aus Essen haben nicht nur ein unkompliziertes Verhältnis zu Kameras, sie wollen sich auf diese Weise auch gleich kontrollieren lassen. In "Life of Grime" agiert als Hauptfigur ein alter Mann, der sein Haus mit Müll bis unters Dach vollstopft, deswegen in Streit mit der Stadtverwaltung steht und sich etwas von der Anwesenheit der Kameras verspricht. Das sind alles keine neuen Probleme für Dokumentaristen. Sie stellen sich aber im Genre der Doku-Soaps verschärft. In Großbritannien jedenfalls hat sich letztes Jahr eine heftige Debatte an einem Detail entwickelt. Da gibt es in der "Fahrschul-Soap" eine Szene, in der die Protagonistin nachts aufwacht und im Bett ihren Ehemann mit Prüfungsfragen nervt. Die Szene war natürlich inszeniert. Lange hatte die Boulevard-Presse solche Szenen nicht beachtet, plötzlich aber entwickelte sich gerade an dieser Szene eine Debatte um Glaubwürdigkeit. Ob Doku- Soaps dazu taugen, Wirklichkeitsterrain zu erobern, wie man sich das bei ARTE vorstellt, wird sehr stark davon abhängen, wie glaubwürdig sie sind. Heiner Gatzemeier (ZDF) sagt: "Man muß konstruieren, um den Plot hinzukriegen." Zwischen Konstruieren und Inszenieren ist nur ein klitzekleiner Schritt. Karolin Theuner 7


http://www.mediaculture-online.de appellierte in Köln sehr dezidiert: "Es besteht die Gefahr, wenn wir zuviel schummeln, daß die Zuschauer alles nur für gespielt halten." Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 8

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